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C.-A. Rebaf
Die blaue Reiterin im Murnauer Moos
Gerstenmayers zweiter Fall
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Die blaue Reiterin im Murnauer Moos
Lakencourt der Warlord von Wolfratshausen
Ein neuer Mitarbeiter aus dem Nichts
Mayr wechselt das Gewerbe
Lakencourt wieder on Tour
Anitra versucht Bilder in Schwabing zu verkaufen
Alexis, the greek teuton
Ein Trojanisches Pferd in St. Marx
Anitra warnt Mayr
Das Neue Gewandhaus
Mayr hinter dem Peißenberg
Prof. Dr. Dr. med. Alan B. Bafier
Da Wiana Ferdl
Anitras schlaflose Nacht
Mayr im Sperrbezirk
Anitra sucht Hilfe
Der 'BJ' rettet den Laden
Wassy und sein Meisterwerk
Gerstenmayer hat Langeweile
Wassy im Gartenhaus
Eine ungewöhnliche Email
Im T-54 nach Leipzig
Mayr geht in den Untergrund
Der Pakt für die Schönheit
Andy agitiert oder das Manifest vom Peißenberg
Das große Konzert
Wiedersehen mit Christiane
Anitra zwischen zwei Kraftfeldern
Das Ochsenrennen von Haunshofen
Gerstenmayer hat wieder Langeweile
Wassy malt Madame Grinder
Quercus rubra
Der Dom und seine Sub
Operation ‚Lohengrin‘ oder Schwarzer Rauch am Peißenberg
Afrikaner mit Bayer in Wien
Ihr langer Ritt im heißen Juli
Mayr sucht neue Bierquellen
Madame Grinder onaniert vor ihrem Bild
The Atomic-Gen-Code
Wieder in Wien
Ochkatzel in se Whait Haus
Anitra vor dem Spiegel
ATA-ACA-TAT-CCA-CCC-ACA-GAT-GAC-AAA-GGG-ACA-TAT
Tod am Rabenkopf
Gerstenmayer löst den Fall…diesmal nur mit Unterstürzung!
ANHANG: The Atomic-Gen-Code
Bei wespen-kontor bereits erschienen
eBook bei neobooks
In Vorbereitung
Impressum neobooks
Impressum
Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Alle namentlich genannten Personen sind frei erfunden.
Enthält Beschreibungen sexueller Handlungen und ist nur für Erwachsene.
Buchumschlag: Collage von C.-A. Rebaf auf Basis eines unsignierten Ölgemäldes von Reinhard Bienhaus († 2012) in Anlehnung an das Gemälde von Franz Marc: Blaues Pferd I.
Text und Buchumschlag: Alle Rechte bei C.-A. Rebaf 2019
Verlag: wespen-kontor@email.de

Meinem lieben Freund Ralf gewidmet
Die blaue Reiterin im Murnauer Moos
Sie jagte mit ihrem Schimmel über die Wiesen, die jetzt im Frühling - Ende Mai - wunderbar blühten: Blaue, weiße und zart gelbe Farben kontrastierten zu dem saftigen Grün der Gräser. Das Rot des Klatschmohns und das penetrante Gelb des Löwenzahns fehlten noch in der Malpalette des Frühlings, sie werden sich später dazu gesellen. Das Murnauer Moos zeigte ihr seine schönste Seite. Wenn ein Weidezaun in die Quere kam, nahm sie Anlauf und für Ajax, ihren Schimmelhengst war kein Hindernis zu hoch. Kommt es mir nur so vor oder mischt sich wirklich im Weiß seines Fells eine Spur von Blau? Der Hauch an Farbe, den ihr Malerfreund 'Marcsi‘', wie sie ihn scherzhaft nannte, auch so deutlich gesehen hatte, als er Ajax malte.
Das Leben wurde in dem Maße wieder lebenswerter, als die Radioaktivität der Umgebung mit den Jahren immer stärker zurück ging. Die Katastrophe, bei der über ganz Europa ein Hagel von Atombomben niederging, lag nun schon Jahrzehnte zurück. Der Regen brachte immer weniger Kontamination, auch aus Süden.
Anitra in einem blauen langen Leinenkleid, das im Gegenwind des flotten Ritts schmeichelnd über ihre Haut flatterte, fügte sich farblich sehr harmonisch in die Landschaft ein. Sie war glücklich an diesem wunderschönen Morgen. Hatte sie nicht allen Grund dazu? Sie, eine junge hübsche Frau mit brünetten Haaren, zum Rötlichen tendierend, die jetzt gerade in nassen Strähnen vom Kopf hingen. Sie hatte ein kurzes Bad im Kochelsee genommen. Hätte man nicht vom anderen Seeufer denken können, da schwimmt ein Füchslein? Es badete, obwohl das wegen der hohen Radioaktivität der Oberflächen-Gewässer nicht gerade angeraten war. Aber das war ihr egal, zumal sie sich einer blendenden Gesundheit erfreute. Kein Wunder alle jungen Menschen hatten ja spezielle Gene mit höchster Strahlenresistenz.
Das Blau ihres Kleides brachte ihr Gesicht zum Leuchten. War es nur ihr Kleid? Die Nacht hatte sie bei ihm in seinem Atelier verbracht und jetzt spürte sie ihre völlige Befriedigung zwischen ihren Beinen. Die Bewegung ihrer Beckens im Sattel, jetzt beim Trab oder später beim Galopp, war ein wunderbares Nachspiel. Frauen sind unendlich lange Genießerinnen. Das Spiel ihrer gespreizten Schenkel mit dem Sattel erregte sie schon wieder.
Gleichzeitig freute sie sich auf das Frühstück mit ihm. Sicherlich hatte er schon wieder aus dem Dorf frische Brötchen für sie besorgt, während sie aus lauter Lebensfreude ihre morgendliche Runde ritt. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen. Vielleicht hatte er über Nacht auch wieder gearbeitet und überraschte sie mit einem neuen Werk auf der Staffelei. Sicher würde er sie von hinten in die Arme und mit seinen festen Händen ihre Brüste nehmen. Wie liebte sie diese Umarmungen, in die sie sich wie ein Kind fallen lassen konnte. Zuerst würde noch ein schmeichelnder Stoff zwischen ihm und ihr sein, dann würde er sie ausziehen und seine Haut würde die ihre berühren.
Die junge Malerin genoss nicht nur den intellektuellen Austausch mit diesem witzigen Kopf, dessen Fantasie geradezu überbordete. Anitra hatte im Gegenzug überschüssige Lebensenergie in Hülle und Fülle, um das auszugleichen, wo er schwach war.
Sie war aus München nach Süden in die Natur gezogen, als sie ihre beide Eltern verloren hatte. Es war ein sauberer Schnitt für sie: Kindheit und Jugend in München waren mit der Doppelbeerdigung vorbei. Die Eltern hatten sich auch nach vielen Ehejahren so geliebt, dass nach dem Tode der Mutter, ihr Vater nicht alleine weiterleben wollte. Er, der sich immer eine Doppelurne für sich und seine geliebte Frau gewünscht hatte, machte seinem Leben dann ganz schnell ein Ende. Danach erfüllte Anitra ihrer Eltern letzter Wille und durchmischte sowohl seine Asche als auch ihre Asche gründlich, bevor die gemeinsame Doppel-Urne in einer Friedhofswand zur letzten Ruhe fest eingemauert wurde. Die Tochter hatte kein inniges Verhältnis zu ihren Eltern. War das immer so in dieser Zeit, wo Kinder im Bunker geboren werden mussten?
Anitras eigentliches Leben startete dann in Murnau. Wieso ausgerechnet Murnau? Irgendetwas zog sie genau dorthin. Eine innere Stimme gebot ihr das.
Lakencourt der Warlord von Wolfratshausen
Er war ein grauer Panter und hatte bestimmt das 60ste Lebensjahr schon überschritten. Ein Mann wie ein Schrank. An seinen Fingern schwere Goldringe, an seinem einen Ohr hing ein roter Rubin so groß wie eine Eichel. Die übliche Anrede für ihn war 'My Lord'. Seine Aura entsprach der von 'Darth Vader'. Wenn ihn jemand zu sehen bekam, verbreitete sich Gänsehaut und der Himmel verdunkelte sich.
Ein speziell aufgemotzter 'Leopard II' war sein 'Dienstfahrzeug', mit dem er sich herum chauffieren ließ. An dem Geschützturm auf der gegenüber liegenden Seite des Kanonenrohrs war eine kleine Plattform angebracht auf der ein breiter Plüschsessel mit einem Baldachin darüber befestigt war. Das war sein Thron, der mit speziellen Stoßdämpfern bequem gefedert war.
Die militärische Insignien aller Armeen der Welt und aus allen Zeiten hatte er sich zu seinem Eigen gemacht: Ein weißer langer Seidenschal war um sein Hals gewunden und flatterte im Fahrtwind, wie bei den japanischen Admirälen des zweiten Weltkrieges. Seine dunkelbraune Lederuniform könnte direkt aus der russischen Oktoberrevolution entsprungen sein. Sicher wollte er dem berühmt-berüchtigten Panzerzugführer der Roten Armee mit dem Decknamen 'Strelnikow' ebenbürtig sein, wie er von Boris Pasternak in 'Doktor Schiwago' geschildert wird und in dem wunderbaren Film mit Geraldine Chaplin und Omar Sharif zu sehen ist. Sein Gefährt war blutrot angestrichen, auf der rechten Seite prangte der 'White Star' der US-Army auf der linken ein 'Eisernes Kreuz' der Wehrmacht.
Da die Versorgung mit Treibstoff immer noch nicht flächendeckend funktionierte, war am Heck des Panzers eine Stahlplattform angeschweißt, auf der drei Holzvergaser mit hohen Schornsteinen angebracht, verbunden mit dem Motor, um ausreichend Holzgas für den 1500 PS starken 12-Zylinder-PORSCHE-Dieselmotor zu erzeugen. Die drei Heizer, die die Öfen bedienen mussten, waren die ärmsten Schweine, quasi seine Sklaven. Lange hielten die nie durch, denn wenn einer nur ein wenig nachließ, traf ihn seine Pistolenkugel.
Manchmal hing ein Aufleger mit einem riesigen Stahltank hinter dem Panzer und versorgte den Motor dann direkt mit Biogas und die Schornsteine blieben kalt.
Die 120-mm-Glattrohrkanone stand steil nach oben. Dieses Phallus-Symbol war Teil seiner Inszenierung. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal einen einzigen Schuss Munition für das Geschütz, aber das brauchte er auch nicht, da die Psychologie seines Auftritts seine wirksamste Waffe darstellte.
Freilich, seine Leute hatten ein paar geladene 'Kalaschnikows' zu seiner Sicherheit, wenn es jemand wirklich gegen ihn aufnehmen wollte.
Sein Geschäft nannte er ein 'Gewaltunternehmen' mit einem süffisantem Lächeln. Da es keine Staatsgewalt mehr gab, an die die Untertanen Steuern zu zahlen hatten, erkannte Lakencourt sehr früh die Lücke und füllte sie. Vom Allgäu bis Berchtesgaden reichte sein 'Königreich'. Wolfratshausen war sein ‚Headquarter‘. Von dort beherrschte und bestimmte er alles: Menschen, die sich niedergelassen hatten und gegen alle Widerstände sich einen bescheidenen Lebensunterhalt erwirtschaften konnten, wurden von ihm gnadenlos abgezockt. Er fuhr dann mit seinem 'Dienstwagen' mit einem riesigen Karacho auf die Häuser seiner 'Untertanen' zu, wobei er wie bei 'Apocalypse Now' mit zwei riesigen Lautsprechern am Geschützturm Wagners 'Walkürenritt' ertönen ließ. Diese Musik war der Inbegriff von Angst und Schrecken, wenn er durch das ganze Land fuhr. Horror und Flucht verbreitete sich, wenn man sie schon von Weitem hörte!
Lakencourt genoss seine Auftritte und erpresste die letzten Kompensationseinheiten aus seinen Mitmenschen.
Ein neuer Mitarbeiter aus dem Nichts
Eines Tages stand er vor der Tür des Laborbunkers in Wien, St. Marx. Gerstenmayer ging, um zu öffnen und sah einen jungen Mann da stehen, dessen Gesichtszüge ihm vertraut vorkamen, ohne dass er aber sofort eine eindeutige Zuordnung vornehmen konnte. In breitestem 'Wianerisch' grüßte er: „Meine Vere-e-ehrung! San sie dea Gerstenmayer?“ Der Angesprochenen nickte verdattert. „I bin der Baum Junior und wüll eana helfa! Nennen's mih 'BJ' wia alle meine Freind!“ Dabei sprach er seinen Namen im Wianer-English also 'Biih-Je-ih' aus.
Gerstenmayer war wie vom Donner gerührt. Wie konnte das sein? Baum war erst vor etwa 10 Jahren verstorben und den jungen Mann da schätzte er auf knapp 30. Er rechnete und rechnete, aber er wurde nicht schlau aus der Zeitabfolge. Wie konnte er so schnell so alt werden? Da er das Problem gerade nicht lösen konnte, versuchte er so normal wie möglich zu bleiben:
„Kommen's halt hat rein. Setzen sie sich und lassen sie uns reden“ brachte Gerstenmayer leise hervor. Es klang, als ob ihm eine Kröte im Hals stak. Neugierig schaute sich der junge Mann auf dem Weg zum Besprechungsraum im Bunker um. Gerstenmayer kam es vor, als ob dieser Dinge wieder erkannte, von denen er schon einmal gehört hatte.
„Kennen Sie sich in Labordingen denn aus?“ fragte Gerstenmayer zuerst.
„Noh, der Babaah, hot mir einiges beibroocht!“
„Ihr Papa? Wer ist das?“ Gerstenmayer war immer verwirrter.
„No den haben's doch kennt, den Professor? Er hot mear immer vom Labor gredt.“
„Der Professor... Professor... Baum?“
„Jo wear dann sooonst?“ flachste sein Gegenüber.
„Sie sind... sie sind ein Sohn von Prof. Baum?“
„Aber Herbert, lass uns beim 'Du' bleiben! Ich bin doch der ‚BJ‘!“
Gerstenmayer saß verdutzt und wie vom Donner gerührt an dem Besprechungstisch.
„Die Umsätz hier sann rückläufig! I muss mich wohl selbst ums Gschööft kümmern!“
Dann sah er sich um. „Do hod ea gewirkt, moi Oalda!“ Anerkennend ging er in die nächsten Zimmer und dann weiter unten ins Labor.
In der Tat waren die Umsätze stetig schlechter, weil der Andrang von Frauen, die ein Baum'sches Baby im Bunker austragen wollten sehr stark rückläufig war. Die Gerüchte über fragwürdige Gene waren der eine Grund und die Tatsache, dass nach einigen genetischen Korrekturen durch Gerstenmayer die Klone untereinander auch wieder lebensfähige Babys zeugen konnten, ohne dass die Mütter starben, war der andere. Inzwischen gab es sogar Tests, mit denen vor der Vereinigung eines Paares festgestellt werden konnte, ob es sich um 'Ur'-Bevölkerung oder Klone handelte. Und wenn Klone, welche Type. Diese Tests waren nicht auf der unsicheren psychologischen Basis wie in der Science Fiction Literatur etwa bei 'Blade Runner' von Philip K. Dick, wo versucht wurde, 'Empathie' als Messgröße zu nutzen. Schon Baum hatte drei eindeutige Biomarker in die Klone konstruiert, die sich aus Urin leicht mit einem Teststreifen nachweisen ließen. Dieser Test, auf Basis von knallharten biochemischen Fakten, war wichtiger als der zur Schwangerschaftserkennung und ein gutes wachsendes Zusatzgeschäft bei Gerstenmayer.
Was ‚BJ‘ nicht wusste, war, dass jeder Klon einen DNA-Barcode in sich trug, mit dem er völlig eindeutig den Laboraufzeichnungen zugeordnet werden konnte. Dieses alte Verfahren wurde schon lange vor der Katastrophe von einer Biotechfirma in Erlangen im November patentiert.
Gerstenmayer erholte sich langsam vom Schock, wurde wach und sein kritischer Geist gewann in ihm die Überhand.
„Erzählen Sie... erzähl doch von deinem Vater und vor allem von deiner Mutter, BJ.“ forderte er ihn auf und lernte von ihm, dass dieser seine Mutter nicht kannte und im Verborgenen von seinem Vater groß gezogen wurde. Dieser hatte ihm dann alles beigebracht, was er selbst über Molekularbiologie wusste. Gerstenmayer hatte die Vision, dass hier ein 'Klon' von einer 'Mutterzelle' in diesem Falle einer 'Vaterzelle' groß gezogen und vor allem erzogen wurde. Wie mögen sich die beiden Verstanden haben? Der Sohn, der eigentlich als Klon eher als Bruder, ja sogar Zwillingsbruder zu bezeichnen war. Gerstenmayer schüttelte es vor Entsetzen. Aber das Ergebnis saß ihm gegenüber. Um seine Hypothese zu testen fragte er nach einigen wissenschaftlichen Details und siehe da, 'BJ' schien doch nicht nur ein Grossmaul zu sein, sondern von diesem Metier auch eine Menge Ahnung zu haben!
Aber war da nicht eine sehr kurze Zeitspanne, die dem Junior blieb, um erwachsen zu werden? Da war doch etwas faul oder etwa manipuliert...
Mayr wechselt das Gewerbe
Der gute alte Mayr aus Weilheim kam auch in das Alter. Das Durchforsten der Gegend, um noch brauchbare Gegenstände zu finden, die er verkaufen konnte, war immer mühsamer, zumal seine Wampe immer runder und das Bücken immer beschwerlicher wurde. Ausserdem hatte er schon alles gründlich durchsucht und fand nichts mehr.
Eines Tages lernte er auf der Süd-Westseite des Peißenberg einen jungen pfiffigen Bauern kennen, der aus der anfallenden Kuhscheiße zusammen mit anderem Biomaterial tatsächlich Biogas erzeugen konnte. Andy hatte soviel Gas, dass er gar nicht wusste wohin damit. Sein Bauernhof lag auf der Seite des Berges, die München abgewandt war, so dass die atomare Zerstörung sich in Grenzen hielt, so im Schatten des Berges geschützt vor Strahlung. Die Biogasanlage war noch aus der Zeit vor der Katastrophe und konnte danach schnell repariert werden.
In München dagegen tauchte plötzlich fast gleichzeitig ein weitgereister, dunkelhäutiger, afrikanischer Händler auf, der gasdichte Gummiblasen mit Ventilen anbot: Importware aus Afrika! Afrika war das paradiesische Elysium, da dort keine Atombomben niedergegangen waren. Alle technologischen Sprünge kommen jetzt daher. Viele Menschen nahmen die sogenannte Südroute, den Weg zum Mittelmeer, um in das gelobte Land auszuwandern. Was vor Jahrzehnten noch umgekehrt ging, lief jetzt spiegelverkehrt ab.
Der Rohstoff Kautschuk für die Gummi-Produktion wuchs ja direkt im Land und konnte dort vor Ort verarbeitet werden. Allerdings gab es einen unbekannten technologischen Kniff, dass die kleinen Methan-Moleküle des Biogases nicht durch die Wand der Blase entweichen konnten.
Mayr erkannte seine Chance und nach einigen 'Hellen' mit dem Fremden, kaufte er ihm alles ab, was dieser an Waren hatte und bestellte noch einmal die doppelte Menge bei ihm. Er hatte ausreichend Kompensationseinheiten, mit denen der Schwarze zufrieden war.
Mayr fuhr mit seiner Ware direkt zum Peißenberg zu seinem Freund Andy aus Kenia, der Weltmeister in der Improvisation bei allen technischen Fragestellungen war. Nairobi war danach neben Kapstadt das ‚Silicon Valley‘ der Welt.
Der Afrikaner und der Bayer! Welch ein Paar, das nur durch die Katastrophe zusammen kommen konnte. Die beiden bastelten etwas herum und waren schnell in der Lage, die Gummiblasen mit Biogas zu füllen.
Der Einsatz war universell: Mayr baute seinen guten alten Holzvergaser um und fuhr jetzt mit Biogas aus drei Gummiblasen. Pfiffig wie der Alte war, hat er seinen Holzvergaserofen in seinem Hof aufgestellt und wenn Ebbe war, konnte er das selbst erzeugte Holzgas in die Behälter füllen.
Er hatte in seinem Lager noch sehr viele alte Gasbrenner, die er bisher nicht los bekam. Jetzt war das anders: Zusammen mit den Biogasblasen waren die Gaskocher sein neuester Renner!
So kam es, dass Mayr vom Gebrauchtwaren- oder Gerümpel-Händler zum Biogas-Lieferant wurde! Aus dem sporadischen Projektgeschäft wurde jetzt ein stetiger Lieferservice. Ein sprudelnde Geld-Quelle!
Auch Anitra in Murnau hatte von ihm einen Gasherd gekauft, mit dem sie ihren Espresso mit der Macchinetta kochen konnte. Mayr belieferte die junge Frau gerne. Er strahlte, wenn er sie sah. Hatte er, der alte Grandler, sich gar in sie verguckt? Er wurde sogar seinen kaufmännischen Grundsätzen untreu und ließ ihr die eine oder andere Gaslieferung ohne Bezahlung in ihrer Küche stehen. Wassy gab im dann ab und zu ein kleines Bild mit, das er gemalt hatte. Mayr hatte von Kunst keine Ahnung und stellte die Werke zu Hause in die hinterste Ecke seiner Scheune.
Lakencourt wieder on Tour
Der Warlord hatte von den lukrativen Geschäften mit Biogas in Gummiblasen gehört!
„Wo gibt es so was! Da macht einer Geschäfte ohne mich!“, brüllte er in seiner Zentrale an der Isar. „Ist der 'Leo' startklar?“ rief er seinen Leuten zu.
Er bekam keine Antwort, was sehr schlecht war! Er trat auf seinen Adjutant zu und schaute ihn scharf an. Dann ergriff er dessen Hand und drückte die Finger nach hinten. Sein Gegenüber ging in die Knie . 'My Lord' schmetterte die schmerzende Hand zu Boden und trat mit seinen eisenbeschlagenen Springerstiefel auf seine Finger. Das war eine Bewegungsabfolge, die nur er so perfekt beherrschte. Noch hatte er nicht sein ganzes Gewicht auf die Hand seines Gegners gestellt, der sich räusperte, um eine Bemerkung zu machen: „De-e-e-r Mo-o-o-t-o-o-o-r wird gewa-a-a-rtet!“
„Warum macht ihr das nicht Nachts?“
„Zu we-e-en-i-i-g Li-i-i-cht!“
Jetzt trat er voll auf die Finger und der Adjutant jaulte auf. Lakencourt machte keine Anstalten, ihn frei zu lassen. Er schien es zu genießen, seinem Gegenüber Schmerzen zu bereiten und grinste diabolisch.
„Beeilt euch, ihr faules Pack!“ brüllte der Boss: „Ich will in 10 Minuten abfahren.“ Er schaute auf seine goldene Breitling und stampfte noch einmal auf die Hand unter seinen Stiefeln. Da war inzwischen alles rot von Blut. Der Besitzer der Hand wimmerte nur noch. Danach drückte er seine brennende Zigarette auf dem Handrücken aus. Die Glut zischte auf der Haut.
Er ging ins Haus und lies sich von seinem Butler einen Whiskey servieren. Alle wussten, wenn er wütend war und dann auch noch trank, war alles zu spät.
Auf die Sekunde genau nach 10 Minuten stand der 'Leo' ab fahrbereit. Die Schornsteine der Holzvergaser stießen schwarze Rauchschwaden aus. Lakencourt schwang sich auf seinen Thron und befahl: „Nach Weilheim, italienisches Viertel!“ Die Menschen, die dort wohnten, taten der Panzer-Besatzung schon jetzt leid.
Dieser fuhr Richtung Westen. Dort trafen sie die alte A95, die lediglich eine Schneise durch den Wald darstellte. Der Asphalt war verbrannt. Dem 'Leo' machte es nichts aus, auf dem darunterliegenden Schotter zu fahren. Im Gegenteil es war wenig holprig als Querfeld ein. Bei St. Heinrich trafen sie auf den See und fuhren um das Südufer.
Zuvor im Café 'Hirn' lies er halten und trank eine Halbe, natürlich aufs Haus! Dort war er der anerkannte 'King of Upperbavaria' und alle zollten ihm demütig Tribut, wie ehemals dem Kini, nachdem er ihnen brutal auf die Hand getreten war. Manchmal musste er auch die zweite Hand foltern, selten aber andere Extremitäten. Das Café schloss im Jahre 2004, erstand allerdings kurz vor der Katastrophe wieder neu. Irgendeiner erinnerte sich an den alten, interessanten Namen für eine Traditions-Wirtschaft nahe am See.
Aus den Gesichtern der alten Seeshaupter war zu lesen: Wohin fährt er? Wer ist jetzt auf seiner Liste und wird von ihm beehrt? Geht er Richtung Penzberg oder Weilheim? Kann man noch jemand warnen? Nachdem dritten Glas Bier schwang der 'Lord' sich wieder auf seinen Sitz, der Leo brüllte auf und fuhr los. Mitten über den ehemaligen Sportplatz. Den übrig gebliebenen Pfosten eines Fußballtores mähte er mühelos um.
Dann überquerten sie die Schienen der Bahn, die einmal nach Kochel gefahren war.
Alle sahen es. Es ging über die alte kaputte Staatsstraße in Richtung Magnetsried. Das Vorwarnsystem des Widerstandes setzte sich in Bewegung und versuchte alle in diesem Areal wohnende Menschen zu warnen.
An einem Apfelbaum, der sehr geschützt in einer kleinen Senke stand. Vielleicht waren es sogar ein Gewürzluiken, die normaler weise nur in Württemberg und Baden vor Urzeiten angepflanzt und gezüchtet worden waren. Am Stamm dieses Baumes hing eine Art Plakat mit der Aufschrift:

Darunter war eine entsprechende Karikatur mit einem Steckbrief-Gesicht, das zweifelsohne gut erkennbar war. Darüber hinaus sah man ein Panzer mit einem angeschweißten Thron. Es war ein Holzschnitt und künstlerisch durch aus als hochwertig zu bezeichnen. Die Angst vor dem Ungeheuer wurde durch eine dunkle Wolke und die Gegenwehr durch eine sehr dünne weiße Rauchfahne angedeutet. In der linken oberen Ecke sah man eine sehr kleine Signatur 'Wassy'. Dummerweise war sie lesbar. Wie unvorsichtig von dem Künstler!
Lakencourt sah von weitem diesen Zettel am Baum und ließ den Leo dort anhalten. Einer seiner Schergen holte das Blatt und überreichte es ihm. Er wurde rasend, stieß den Überbringer vom Panzer, obwohl dieser völlig unschuldig war! Krachend viel er in eine Brennnesselhecke, schrie laut auf und blieb liegen. Es musste ihm sicher einige Rippen gebrochen haben.
Lakencourt brüllte wie ein Löwe: „Wenn ich den erwische! Zwergenaufstand in meinem Revier! Ich werde sie alle zermalmen! Gebt mir etwas zu trinken!“ Schon holte ein anderer seiner Lakaien eine Flasche Rum und übergab sie demütig. Der Boss nahm die Flasche und stieß auch diesen vom Turm zu den Brennnesseln. Dann setzte er die Flasche an, um seinen Jähzorn zu besänftigen. Er trank sie in wenigen Zügen vollständig aus und warf sie ins hohe Gebüsch. Dort schrie plötzlich jemand auf; offensichtlich hatte die Flasche wohl einen der beiden Lakaien an den Kopf getroffen, obwohl man niemand in dem Gebüsch ausmachen konnte.
„Weiterfahren!“ brüllte er dann. Aber es passierte nichts. „Warum geht es nicht weiter?“ Seine Stimme schwoll immer mehr an. Dann krabbelte einer aus der Panzerturmluke. Er hatte einen Stahlhelm auf und versuchte sich mit seinen Armen vor einem vermeintlichen Angriff des Chefs zu wehren, wobei er großen Abstand hielt! Mit dünner Stimme teilte er mit: „Die beiden Fahrer liegen da unten in den Brennnesseln! Sie sind die Einzigen, die das Gefährt steuern können!“
Lakencourt fluchte und suchte ein Wurfgeschoss in seiner Reichweite, fand aber nichts.
„Scheißladen!“
Dieser, sein Schrei, war sicher bis auf der Zugspitze zu hören. Dann stand er auf, hangelte sich um den Geschützturm, um in die Luke hinab zusteigen. Sein Lakai mit dem Stahlhelm und der dünnen Stimme war inzwischen von dem Turm gesprungen und rannte durch die Brennnesseln davon.
Daraufhin hörte man den Porsche-Motor aufjaulen und der Panzer fuhr ruckartig rückwärts und legte den schönen Gewürzluiken-Baum um.
Eine Schneise der Verwüstung, genau so breit wie ein Leopard II, war von Seeshaupt bis nach Wolfratshausen zu sehen.
Offensichtlich hatte der Warlord für heute die Nase voll!
Anitra versucht Bilder in Schwabing zu verkaufen
Am Elisabethplatz, Mitten in Schwabing gab es einen privaten Kunstmarkt. Dorthin machte sie sich ab und zu auf, um Bilder von Marcsi und Wassy zu verkaufen. Das Geschäft mit Kunst war alles andere als boomend. Wer hatte schon übrige Kompensationseinheiten in Zeiten, wo das nackte Überleben im Vordergrund stand.
Sie wollte auch etwas beitragen und deshalb machte sie sich auf die mühsame Reise, die jedoch jetzt etwas einfacher war, nachdem die Gleise der Werdenfelsbahn wieder repariert werden konnten und selten, aber immerhin überhaupt, eine Bahn in die bayerische Hauptstadt fuhr.
Sie war nie ohne ihr Rad unterwegs, es sei denn sie ritt mit Ajax aus. Ihr altes schwarzes Herrenfahrrad. Mayr hatte es ihr für viele Kompensationseinheiten verkauft. Das Rad als Zeichen der Unabhängigkeit der Frau. Schon deswegen hatte sie es immer bei ihr. Diesmal hatte sie auch einen kleinen Anhänger angeklickt auf dem Klappstuhl und -tisch sowie einige eingepackte Bilder mit Stricken fest gesurrt waren.
Am Starnberger Kopfbahnhof spannte sie den Anhänger hinter das Rad und trat in die Pedale.
Am Elisabethplatz angekommen, baute sie ihren Stand auf. Heute war sie irgendwie etwas lethargisch und strotzte nicht gerade vor Energie. Dennoch war sie immer auf der Hut und horchte, ob nicht ein besonders dröhnendes Motorengeräusch zu hören war. Alle, die dort verkauften hatten Angst, der Warlord würde auftauchen, um sie zu Abgaben zu zwingen. Was noch die harmloseste Formulierung darstellt. Es gab ausreichend Berichte über die Foltermethoden, wenn diejenigen, die Umsätze erzielten nicht von sich aus kamen, um ihre Abgaben ordnungsgemäß 'anzumelden'.
Sie packte die Bilder aus und war innerlich schon wieder erbost: Städteansichten von Moskau nicht von München. Bilder aus denen die klirrende Kälte des russischen Winters heraus sprang, keine gelben oberbayerischen Löwenzahnwiesen vor dem Hintergrund der weit entfernten lieblichen Alpen und blauem Himmel. Dieses Idyll pur, ja das hätte sie vielleicht in Schwabing verkaufen können.
„Ich habe es dem Wassy schon so oft gesagt!“ murmelte sie vor sich hin. „Aber er hört nicht auf mich! Er will immer nur sich selbst verwirklichen! Aber wir müssen auch von etwas leben. Er dagegen redet vom Ursprung seiner künstlerischen Bestrebungen, seiner malerischen Stimmgabel. Moskau, er habe nie etwas anderes gemalt. Abschiedsszene im Winter im Hintergrund der Kreml. Das soll Frau verstehen!“
Widerwillig packte sie das Bild aus und drapierte es so, das es einigermaßen in gutem Licht stand.
Beim nächsten sagte sie laut zu sich: „Schon wieder schwarz! Immer malt er alles in Schwarz!“ dann etwas leiser: „Kein Wunder fährt er auf meiner schwarzen Reizwäsche immer so ab! So ein verrückter Kerl! Aber wie liebe ich ihn doch!“ Sie lächelte still in sich hinein, verspürte ein bekanntes Ziehen entlang ihrem ‚Y‘, erschrak aber ganz plötzlich und schaute sich ängstlich um, ob ihr jemand hatte zu hören können. Beruhigt, dass sie niemand in ihrer unmittelbaren Nähe war, baute sie ihren Stand weiter auf.
Heute waren fast keine Interessenten zugegen. Sie wartete, unterhielt sich mit andern Marktweibern und fiel mit ihnen in eine großes Sammellamento ein, wie schlecht die Konjunktur und der Markt im Speziellen sei. „Ja früher, als wir noch auf dem Viktualienmarkt waren... das waren noch Zeiten! Da hatten wir immer Kunden und Umsätze! Diese verdammte Katastrophe!“ klagten vor allem die ältesten zahnlosen Weiber.
Vielleicht war ein abnehmender Mond wie gerade heute eine schlechte Phase für gute Stimmung und somit auch Umsatz. Dagegen bedeutet zunehmender Mond meistens das Gegenteil.
Immer wenn sie erfolgreich war, ging sie ins Ali Baba, ein türkisches Restaurant, in der Schillerstraße gleich neben dem Hauptbahnhof. Stolz prangt ein rundes Schild mit dem Hinweis 'seit 1970'. Das war in der Tat eine lange Zeit und weiß der Teufel, wie die Besitzer es angestellt hatten, auch nach der Katastrophe war das Restaurant wieder offen und bot einfache gute türkische Gerichte zu kleinen Preisen an. Nicht nur die überlebenden Migranten aus dem islamisch arabischen Umfeld kamen hier her, nein auch bayrische Rentner, die sich hier eine Mahlzeiten gönnten, weil sie zu faul waren, selbst zu kochen.
Aber heute hatte sie wohl keine Einnahmen, um sich diesen Luxus zu gönnen.
Noch war der Markt in Schwabing 'unbeschützt' d.h. ein Warlord war noch nicht aufgetaucht, um seinen Obolus einzutreiben. Schwabing lag günstig, das sich hier mehrere Reviere trafen. Der Warlord von Freising war im Norden zuständig, der von Rosenheim im Osten und Lakencourt im Süden. Da wollte keiner eine klare Linie markieren, um die anderen nicht zu provozieren. Das wusste natürlich niemand außer den Dreien selbst.
In der Stadt hingegen hatte sich niemand etablieren können. Vielleicht war die Verstrahlung und die Zerstörung zu groß? Vielleicht waren die Straßen nicht ausreichend breit, um mit einem Leopard II Angst einflößend und herrschaftlich aufzutreten?
Dennoch hörte Anitra plötzlich ein lautes Motorengeräusch. Es kam näher und näher, wurde lauter und lauter. Plötzlich klang es, als ob es an der nächsten Straßenecke auftauchen sollte. Kam es aus Richtung Westen über die Schwere Reiter Straße? Sie ließ alle Bilder liegen und Stehen, nahm nur ihr Fahrrad und Anhänger. In panischer Angst radelte sie in die entgegengesetzte Richtung, aus der der Motorenlärm kam.
Plötzlich Musik: Wagners Walkürenritt! Spätestens jetzt flohen alle anderen Marktweiber. Einigen hatten nur noch Zeit, sich in die nächste Hausruine zu flüchten und suchten im Dunkel der Ruinen Schutz.
Auf dem verlassenen Elisabethplatz angekommen ließ Lakencourt anhalten. Er befahl einem seiner Leute mit einem MG durch die Luft zu ballern. Er wollte einen Akzent setzen, sein Revier wie ein Wolf, jedoch nur akkustisch markieren.
Dann stieg er verächtlich von seinem Thron und schaute sich die verlassenen Marktstände an: Neben Lebensmitteln, Obst, Gemüse, Fleisch fiel ihm ein Stand mit Gemälden auf. Er schaute sich alle für seine Verhältnisse gründlich an. Sagte ihm der düstere schwarze Kartonhintergrund der Bilder zu?
Ihm fiel eine Signatur auf, die er fast in jeder Ecke einer Leinwand sah: 'Wassy'
Er dachte nach. Hatte er das nicht schon einmal gesehen? Auf seinem Leo war eine Art Steckbrief auf das Blech geklebt, den er kürzlich von einem Apfelbaum entfernt hatte. Tatsächlich die Schrift war identisch!
„Hab ich dich!“ hörte man ihn schmunzelnd sagen.
Alexis, the greek teuton
Alexis nannte sich selbst und unter Lachen 'the greek teuton', der griechische Germane. Im Gegensatz zu Zorbas the Greek mit dem gleichen Vornamen, war er klein gewachsen. Zorbas hatte noch ein paar Stoppelhaare, aber unser Alexis hier eine Vollglatze, die immer glänzte. Seine Behausung war eine Villa oberhalb der Partnach, wo früher einmal Garmisch-Partenkirchen war. Die Hausruine konnte nach der Atomkatastrophe so wieder hergestellt werden, dass man auch im Winter gemütlich darin leben konnte und der kalte Wind nicht mehr durch die Risse der Wände pfiff. Der nach vorne umgefallene markante Erker wurde sogar wieder aufgebaut, allerdings war es zu schwierig das runde Original zu reproduzieren und deshalb ragte jetzt nur die Spitze eines Dreiecks ganz im modernen Stil des Bauhauses vor der Jahrtausendwende nach vorne, alles aus Holz und Folie gezimmert. Es sah aus, wie nach dem zweiten Weltkrieg in vielen deutschen Großstädte, als Bombenschäden, die als irreparabel eingestuft wurden, einfach abgerissen und schmucklose Kästen stattdessen erbaut wurden. Damals ging es Immobilien mit unklaren Besitzverhältnissen besser, denn die wurden zunächst unberührt gelassen oder bestenfalls als bewachter Parkplatz genutzt. In den 80er und 90er Jahren hat man diese dann bebaut und dann damals durchaus architektonische Kleinodien geschaffen, die aber die nächste Katastrophe auch nicht überlebt haben.
Gemütlich war für Alexis sehr wichtig. Seine zänkische Frau machte ihm da zwar oft einen Strich durch die Rechnung, aber wenn es gar zu schlimm wurde, schloss er sich in sein Arbeitszimmer ein und versank in seiner Welt. Tauchte er wieder auf, half ihm sein sprunghaftes, launisches und nervöses Wesen einen Gegenpol zur Herrin seines Hauses zu setzen.
Alle drei bis vier Monate bekam Alexis Besuch. Das war immer dasselbe Ritual: Ein roter Paco-Paco mit Chauffeur fuhr vor. Im Heck saß ein älterer Mann mit hoher Stirn und einer runden Nickelbrille etwa wie John Lennon einmal eine trug. Kennen wir den Herrn? Ist das nicht...? Ja doch, er scheint es zu sein. Grinder war doch sein Name oder? Dieser Musiker, der nur etwas weiter nordwestlich von hier in Polling noch vor Jahren Orgel gespielt hatte. Oder erinnere ich mich doch nicht richtig? Aber damals war doch ein Knabe immer bei ihm. Wo ist der?
Ja meine Erinnerung trügt mich nicht. Es ist Grinder, der Musiker, der lebende Klon von Gustav Mahler, der auf italienische Konzertreisen ging und musikalische Erfolge nach der Katastrophe feierte. Er, der begann den Konzerttourismus wieder zu beleben. Eine Tradition die vor den Atombomben eine hohe Konjunktur hatte. Leider muss ich berichten, dass sein junger Genie, der Klon von Wolfgang Amadeus Mozart bereits gestorben war. Sein unsteter Lebenswandel, das Herumhuren, der Alkohol... Das hält selbst ein genetische hochgezüchteter Klon nicht lange aus.
Ist nicht auch das erste Klonschaf 'Dolly' früh gestorben? Hatte Prof. Baum noch einen Fehler gemacht und die Leben verkürzende Einflüsse von Telomeren und Oncogenen nicht richtig eingeschätzt?
Aber was macht Grinder hier bei diesem schrägen Alexis? Es dauert nie lange. Der mit der hohen Stirn geht mit einer ledernen schwarzen Aktentasche ins Haus und verlässt es kurz darauf wieder. Manchmal kann man erkennen, dass die Tasche so prall mit Papieren gefüllt ist, dass Grinder sie nicht ordentlich schließen konnte. Sehe ich ihn beim Einsteigen in den Paco manches mal lächeln? Es steht im eine Vorfreude ins Gesicht. Gelegentlich hat er ein Blatt vor sich aufgeschlagen und fuchtelt mit den Armen dirigierend durch die Luft, als ob die umliegenden Bäume und Sträucher sein neuestes Symphonie-Orcherster wären.
Ein Trojanisches Pferd in St. Marx
Verschlafen trat Gerstenmayer vor die Eingangstüre des Laborbunkers und gähnte. Davor stand der Transport-Paco für die Zellen mit dem leeren Stickstofftank in einem verschlossenen Ladeaufbau. Der böhmische Fahrer fuchtelte wild um sich, aber es war zu früh für den Herrn Assistenten, um die kryptische Pantomime deuten zu können. Er entriegelte die Tür des Laderaums und öffnete sie. Plötzlich sah er vier Schnellfeuer-Gewehre mit der Laufmündung auf ihn gerichtet. „Jetzt bitta schoen die Handerl aufi!“
Im Inneren waren vier Männern mit schwarzen Kapuzenmützen, die nur die Augen frei ließen. Sie hatten militärische gescheckte oliv-grüne Overalls an und Knarren in den Händen, auf seine Nase gerichtet. Im Hintergrund kauerten noch zwei Männer am Boden.
Einer sprang dann vom Paco, sicherte die Türe und hielt sie auf. Ein Zweiter hechtete nach vorne, zerrte den Fahrer aus der Kabine und in den Bunker. Der Dritte bog die Arme von Gerstenmayer nach hinten und schob ihn in den Eingang. Der Vierte blieb auf der Ladefläche und schloss die Ladetüren. Die ganze Aktion lief blitzschnell ab und war in ihrer Perfektion militärisch gedrillt.
Drinnen erklärte einer die neuen Spielregeln: „So und nun macht ihr alles genau so wie immer! Der einzige Unterschied ist, dass wir den Fahrer austauschen.“ Schon trat einer hinter den gutmütigen Böhmen und erdrosselte ihn mit einer dünnen Drahtschlinge wie im Lehrbuch für Nahkämpfer. Der schwere Mann sank tot in sich zusammen.
Gerstenmayer war entsetzt. Der Auftritt der 'Vier Glorreichen' hatte bei ihm Eindruck hinterlassen. Er spürte einerseits war mit denen nicht zu spaßen, andererseits war er sich bewusst, dass sein Know-How noch benötigt wurde und er deswegen nicht zuvörderst auf der Todesliste stand. Auch 'BJ' unten im Labor war nicht eigentlich gefährdet bei seinem Wissen.
„Also los einladen wie immer!“ sagte einer barsch. Schon kam 'BJ' mit dem schweren, vollen, rollenden Stickstofftank, der die Zellen beinhaltete und wunderte sich über den militärischen Empfang. Der Türaufhalter von Vorhin überwältigte 'BJ', legte ihm die Arme auf den Rücken und fesselte ihn mit einem Kabelbinder.
„No meine Heeerrn, woas hoam ma doan? Imma mid da Ruah! Mia könnä doch über ois reda!“ Das war die typische 'BJ' Reaktion. Ihn konnte nichts aus der Ruhe bringen in seiner Coolness.
'Woher hat der diese Charaktereigenschaft? Sein Vater oder sein Clone-Bruder – wer auch immer - war doch ganz und gar nicht so cool und so lässig! Man meint gerade, hier spiele die Verschmelzung mit einer haploiden weiblichen Eizelle mit! Hat er daher dieses Coole? ' fragte sich Gerstenmayer. 'Hat Baum in seinen alten Tagen noch bahnbrechende Technologien entwickelt, die ich nicht kenne? Wenn doch nur Christiane noch da wäre! Die wüsste vielleicht darüber Bescheid. Aber die tourt ja mit diesem Grinder herum und überall hört man von den bahnbrechenden Erfolge der Konzerte. Über alle Radiosender, aus alle Zeitungen.'
Ein Stoß in die Rippen ließ den Herrn Assistenten aufwachen. Sein Bewacher hat die Kalaschnikow umgedreht und ihn etwas gröber gestoßen, um den Ladevorgang zu beschleunigen. Sofort übernahm der Aufschreiende den Stickstofftank, rollte ihn draußen über eine schiefe Ebene auf die Ladefläche und zurrte sie mit den vorgesehen Riemen fest. Den leeren Tank rollte er hinunter ins Labor.
Einer der im Paco verbleibenden Männer hatte Zivilkleidung an, saß bereits am Steuer des laufenden Fahrzeugs und hatte Papiere im Fahrerhaus gefunden, die genauestens den Fahrweg beschrieben, der vor ihm lag. Von Wien nach Pilsen und dort kein Pilsner, sondern Biogas zu tanken, vielleicht auch beides? Dann über Augsburg nach Rothenstein bei Jena.
Vier der Sechs blieben im Bunker und der Fahrer und ein Bewacher im Laderaum fuhren los wie immer. Wer nicht genauestens aufgepasst hätte, würde die abweichende Routine nie bemerkt haben.
Der verdatterte Gerstenmayer fragte sich im Stillen nur: 'Von welchem Warlord waren diese Jungs? Vom Wianer Ferdl oder vom etwas entfernteren bayerischen Kollegen Lakencourt? Er sah es 'BJ' an seiner Mimik an, dass dieser denselben Gedanken verfolgte. Es war der einzig vernünftige Ansatz, den Kopf möglicherweise aus der Schlinge zu ziehen! Aber mit so einem einfachen Trick wie damals an der Schweizer Grenze noch bei Prof. Baum, konnten sie sich nicht befreien.
„Kömmt ea wega dea Schutzkohlä?“ versuchte 'BJ' vorsichtig zu fragen. Aber er erhielt nur auch einen Kolbenstoß in die Rippen und verstummte.
„Nur wir fragen! Ihr haltet die Klappe! Wichtigste Regel!“ hörten sie es dumpf unter der Maske hervor reden.
Anitra warnt Mayr
Sie kam mit Ajax in rasendem Galopp an gerast. Das Pferd war Schweiß nass und sie selbst keuchte wie eine Hündin. Überall am Horizont sah man weiße Rauchzeichen.
„Er kommt!“, stammelte sie außer Atem. „Er ist im Anmarsch! Mayr hauen sie ab!“ Dann brach sie ohnmächtig zusammen. Ihr Kreislauf versagte. Mayr hatte sich einen geheimen Verschlag in seinem Keller gemacht und zog die leblose Frau hinter sich hinunter. Dem Pferd gab er einen Klapp auf die Schenkel und es trabte alleine dort hin, wo es her kam.
Vor dem Eingang räumte er etwas Gerümpel aus dem Weg und öffnete eine Brettertür. Dahinter war eine dicke Betonwand. 'Schweizer Sicherheit für den Bunkerbau; Oerlikon' war auf der Tür in großen Buchstaben zu lesen. Mayr hatte für einen erneuten Atomschlag vorgesorgt. Kein Wunder bei seinen Gewinnen! Sein Bunker war von der feinsten Firma auf diesem Gebiet.
Er hörte im Hintergrund schon ein dröhnendes Motorengeräusch und beeilte sich, die verschwitzte Frau auf die bereitstehende Liege hinter der Betontür zu legen. Dann verschloss er den Eingang mit den schweren Eisenriegeln und zog an einer kleinen Schnur. Das war ein weiterer Trick, denn damit fiel draußen vor der Tür der Bretterverschlag wieder zu und man konnte die Bunkertür nicht sofort sehen.
Im Innern schimmerte jetzt ein gelblich-grünes Notlicht und tauchte den Raum in einen Dämmerzustand.
Anitra schlug die Augen auf und erwachte. Nur durch eine Erschütterung des Bodens spürte man dass er da war. Das tonnenschwere Gefährt im Anwesen von Mayr. Gedämpft hörte man auch den Motor säuseln. Sie wollte gerade den Mund auftun, da hob Mayr seinen Zeigefinger vor seinen Mund: „Psssst!“ zischelte er. Ihr blieb der Ton im Halse stecken. Mayr deutete mit dem Zeigefinger mehrmals nach oben. Ganz leise flüsterte er ihr ins Ohr: „Alarm! Lakencourt ist da! Ich hoffe, er entdeckt uns nicht. Wir sollten uns ganz ruhig verhalten. Vielleicht findet er uns dann nicht.“ Er setzte sich mit angezogenen Beinen auf den Fußboden neben sie. Gespenstische Stille! Seine Wampe war ihm im Weg. Auch er japste nach Luft und versuchte seinen Atem zu kontrollieren.
Plötzlich hörte das Dröhnen auf. Das leise Motorengeräusch, das noch herein drang war weg. Er musste angekommen sein. Jetzt würden sie aus schwärmen und ihn suchen. Angstschweiß bildete große Tropfen auf seiner Stirn. Anitra schaut ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Beide waren wie versteinert.
So blieben sie und starrten gebannt auf den Öffnungsmechanismus der Tür. Noch waren sie wohl unbemerkt und das Gestänge stand still. Mayr bewegte sich ganz vorsichtig in Richtung der Betonwand und versuchte sein Ohr dagegen zu pressen, um auch nur die leisesten Geräusche draußen erfassen zu können! 'Ein Stethoskop, ja irgendwo muss in meinem Magazin eines liegen, irgendwo', dachte er, 'das könnte ich jetzt gebrauchen, um durch die Wand zu hören.' Sein Ohr wurde kalt. Er konnte keinen Laut vernehmen. Die Zeit zerrann wie in einer Sanduhr. Wie lange mögen sie jetzt da unten schon ausharren?
Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Das musste eine Explosion gewesen sein! Mayrs Kopf flog von der Wand. Anitra schrie kurz auf! Hatten sie sich jetzt verraten? Wieder warteten sie angespannt und starrten auf den Öffnungs-riegel. Da... hatte er sich nicht gerade bewegt? Wieder vergingen die Sekunden. Die bleierne Zeit.
Mayr schaute auf seine Taschenuhr, die er aus seiner Lederhose zog. Sie waren schon Stunden da unten.
Dann ein leises Dröhnen und Erschütterungen auf dem Boden. Es wurde leiser und schien sich zu entfernen.
Sie warteten noch eine Stunde, in der es absolut ruhig blieb. Eine Grabesstille.
Dann sagte Mayr und seine Stimme versagte zunächst, so dass er stotterte: „I—i-ch“, er räusperte sich: „I-ch glaube sie sind weg und wir können öffnen!“ Anitra spürten den kalten Schweiß auf ihrer Haut und zog sich eine Schweizer Armee Decke um, die auf der Liege lag.
Mayr ging vorsichtig zur Tür und öffnete. Draußen war es dunkel. Lediglich die Reflexionen eines flackernden Lichtscheins waren an den Wänden dort zu sehen.
Lakencourt hatte Mayrs Gaslager gesprengt und es brannte überall lichterloh! Der Händler ließ es gewähren und war froh zunächst einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein.
Anitra hatte sich auf der Liege ausgestreckt und war unter der Decke eingeschlafen.
Liebevoll schaute der dicke Alte sie an. Als sie wieder erwachte und zu sich kam, fragte er leise: „Gnäd'ge warum machen sie des?“ Anitra verstand ihn nicht. „Was, meinen sie mit 'des'?“ „Ja mir zu hoifn und mich zu warnen“ Da verfinsterte sich ihre Miene und erfror zu einer bitteren Maske. „Ich habe schlechte Erfahrung gemacht mit dem!“ und zeigte in die Richtung Wolfratshausen. Mayr schaute sie voll Mitleid an. „Eana G'sicht soagt oals! Eana ean Gschbusi?“ Mayr wollte es genau wissen. „Nein mein lieber Mann!“ Dann brach sie in hemmungsloses Schluchzen aus. „Ean Moa? Sie san g'heirat?“ fragte Mayr, aber sie konnte nicht weiter reden und er spürte auch, dass seine Befragung jetzt nicht weiter kam.
„Eana Ross is scho z'haus! Ihr fahr sie z'ruck.“ Er nahm sie unterstützend am Arm und führte sie ins Führerhaus seines Paco-Paco.
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