Читать книгу: «Seewölfe Paket 30»

Шрифт:

Impressum

© 1976/2020 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-96688-104-3

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 581

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 582

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 583

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 584

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 585

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 586

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 587

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 588

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 589

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 590

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 591

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 592

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 593

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 594

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 595

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 596

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 597

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Nr. 598

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 599

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 600

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8


1.

Unwillkürlich hob Porfirio Nócciolo die Hände und wich zurück.

Signora Breganza holte aus und schlug voller Zorn zu. Es krachte. Die Gurke hatte die blankgescheuerte Tischplatte getroffen. Der Fisch, um den es ging, hüpfte hoch, als sei ihm das Leben neu eingehaucht worden. Mit einem schlaffen Klatschen fiel er zurück.

„Und das?“ ließ sich die große Signora dröhnend vernehmen. Anklagend hielt sie die unversehrte Gurke in die Höhe.

Porfirio Nócciolo barg den Kopf unter den Armen, weil er befürchtete, der zweite Hieb werde ihn treffen. Weiter zurückweichen konnte er nicht, denn hinter ihm stand der zweirädrige, noch halb beladene Handkarren, mit dem er seine Waren zum Markt zu bringen pflegte.

Eine harte Faust riß ihm die Arme herunter.

„Sehen Sie her, Sie Gauner! Sehen Sie sich das an!“

Der Fisch- und Gemüsehändler wagte es, den Kopf ein Stück zu heben. Und am liebsten wäre er im nächsten Moment im Erdboden versunken.

Das zürnende Drachengesicht war nahe vor ihm. Noch näher die beiden Riesenfäuste, die nicht ausschließlich bei der Küchenarbeit zuzupacken verstanden.

Diese beiden Fäuste bogen die Gurke, daß sie ein auf den Kopf gestelltes U bildete.

„Nun?“ donnerte die Baßstimme auf den Händler nieder. „Sicher werden Sie mir jetzt erzählen, daß dieses sonderbar biegsame Etwas erst heute morgen vor Sonnenaufgang von einem fleißigen Bäuerlein geerntet wurde. Und völlig selbstverständlich erwarten Sie, daß ich Ihnen diesen Humbug glaube.“ Sie ließ die Gurke fallen.

Das schon etwas schrumpelige Stück Gemüse hüpfte wie ein geräucherter Aal und blieb neben dem etwa gleich alten Seeteufel liegen.

Die schnurrbärtige Signora packte den Händler am Kragen und zog ihn zu sich heran.

„Damit Sie es nur wissen, Sie kleiner Betrüger“, sagte sie leise und drohend. „Ich bin kein dummes Ding, das gerade die ersten Ehe- und Hausfrauentage hinter sich hat. Mit mir können Sie so etwas nicht tun. Mit mir nicht!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf, daß Porfirio Nócciolo glaubte, der Boden unter seinem Verkaufsstand bebe. „Ich hole jetzt meinen Mann. Er wird Ihnen sagen, mit welchen Konsequenzen Sie zu rechnen haben.“

Sie stieß den fülligen kleinen Händler von sich, so daß er mit dem Rücken gegen die Ladeklappe des Karrens prallte. Mit energischem Griff nahm sie die Gurke und den kantenköpfigen Seeteufel an sich, wandte sich ruckartig um und stapfte los.

Der Händler schüttelte sich, richtete sich auf und schrie: „Signora Breganza! Was Sie da mitnehmen, haben Sie noch nicht bezahlt!“

Die mächtige Frau blieb in zehn Schritten Entfernung stehen, als sei sie gegen eine Wand gelaufen. Mit ungläubigem Gesichtsausdruck drehte sie sich um.

„Seit wann werden Beweismittel bezahlt?“ brüllte sie im nächsten Moment. „Sie kriegen die seltenen Stücke wieder, Nócciolo, darauf können Sie sich verlassen! Und Sie werden noch Ihre helle Freude daran haben – wenn Sie damit vor Gericht antanzen dürfen!“ Nach einer abermaligen Kehrtwendung marschierte sie endgültig davon, durch die Gasse, die die grinsenden Schaulustigen eilfertig bildeten.

Porfirio Nócciolos Mund stand noch immer offen, als der Drachen schon außer Sichtweite war. Dem grauhaarigen kleinen Mann fehlten die Worte. Zugleich spürte er Unbehagen in sich heraufkriechen. Wo, zum Teufel, steckte Gigliola? Suchend sah er sich um. Seine Tochter wußte fast immer Rat in den schwierigen Situationen, in die er sich selbst brachte.

„Jetzt braucht er mich“, sagte Gigliola Nócciolo lächelnd. Sie lehnte an einem Stapel leerer Kisten, hinter dem ihr Vater sie nicht sehen konnte. „Jetzt weiß er nämlich nicht mehr weiter. Und trotzdem versucht er immer wieder, einen Dummen zu finden, dem er seinen alten Kram andreht. Dabei müßte er langsam begriffen haben, daß er sich unnötigen Verdruß bereitet.“

„Aber irgendwie muß der arme Kerl doch seine Unkosten decken“, sagte der schwarzhaarige Seefahrer, der bei der jungen Frau einen rosig-zarten Pfirsich gekauft und ein Gespräch mit ihr begonnen hatte. Erst waren es die Blicke der hübschen Signorina gewesen, die ihn davon abgehalten haben, herzhaft in die Frucht zu beißen, und dann der Auftritt des zürnenden Riesenweibs.

Gigliola lachte. Ihr gefiel dieser kräftig gebaute Fremde, der mit seinen schwarzen Haaren, seinen dunklen Augen und dem braunen Teint aussah wie ein Landsmann. Sein Italienisch war nicht gerade perfekt, aber man konnte sich gut mit ihm unterhalten.

Ein Engländer. Einer von diesen Männern, denen man nachsagte, sie seien die rauhesten und verwegensten auf den Weltmeeren. Es bereitete Vergnügen, sich mit ihm zu unterhalten. Denn er wußte eine Menge mehr als die jungen Burschen, die über Cagliari und die Umgebung nie hinausgelangt waren.

„Sicher“, sagte sie. „Er glaubt, es gäbe nur diese eine Methode, die ihm schon in jungen Jahren von seinem Vater eingebleut worden ist. Nur wenn der Warenbestand restlos geräumt ist, erzielst du einen Gewinn. Natürlich mußt du ein bißchen darauf achten, daß die Kunden zufrieden sind vor allem gilt das für Stammkunden. Aber in den seltensten Fällen werden sie merken, daß ein Fisch vor dreißig Stunden und nicht erst vor sechs gefangen wurde.“

„Im Fall der gewaltigen Signora“, sagte der schwarzhaarige Seefahrer lachend, „dürfte es sich um achtundsiebzig Stunden gehandelt haben.“

Gigliola hielt die flache Hand vor den Mund, um nicht loszuprusten.

„Er kann es einfach nicht lassen“, sagte sie. „Diesmal hat er wirklich maßlos übertrieben. Und er könnte es so einfach haben. Cagliari ist nämlich ein guter Platz für das Marktgeschäft. Aber Papa liegt mit seinen Verkaufspreisen zu niedrig, dabei könnte er den Verlust durch verdorbene Ware leicht ausgleichen, indem er sich dem Preisniveau der anderen angleicht.“

Blacky zog anerkennend die Mundwinkel nach unten. „Das hört sich fachmännisch an.“

„Ist es auch“, antwortete die hübsche junge Sardin und lächelte stolz. „Papa hat mich in ein Handelshaus geschickt, damit ich dort das Kaufmännische von Grund auf lerne. Es hat mir nicht geschadet. Ich könnte das Geschäft von heute auf morgen übernehmen. Und weil Papa keinen Sohn hat …“

„… hofft er auf einen brauchbaren Schwiegersohn?“

Gigliolas Lächeln wurde spitzbübisch. „So ist es, Marinero. Und ich tue alles, um ihn in der Hoffnung nicht zu enttäuschen. Das bedeutet, ich bin sehr wählerisch.“

„Ich heiße Blacky.“

„Ist das ein Name?“

„Eher ein Spitzname.“ Er tippte mit den Fingerkuppen auf sein Haar. „Die Leute bei denen ich als Rustabout gefahren bin, hatten keine Mühe, sich den auszudenken.“

„Was ist das – ein Rustabout?“

„Das jüngste Crewmitglied.“

„Und wie heißt du wirklich?“

„Keine Ahnung.“ Blacky zog die Schultern hoch und grinste verlegen. „Es ist wie mit dem alten Lied: ‚I’m nobody’s child‘ – ‚Ich bin niemandes Kind‘. Ich weiß nicht, woher und von wem ich stamme; ich war einfach irgendwann da.“

„Ein Findelkind also?“ In Gigliolas Miene zeigte sich das Mitgefühl einer Frau, die ihre Mutterinstinkte nicht verbergen konnte.

„Ich nehme es an“, brummte Blacky.

„Ach, kümmere dich nicht darum“, sagte Gigliola. „Namen sind Schall und Rauch. Und was meine und meines Vaters Hoffnung betrifft, spielen sie sowieso keine Rolle.“

Blacky zog überrascht die Brauen hoch. „Ist man hierzulande schon verlobt, wenn man ein Mädchen anspricht? Eins, dessen Namen man noch nicht einmal kennt?“

„Gigliola!“ ertönte eine laute Stimme, die einen Hauch Verzweiflung verriet. „Gigliola, wo steckst du denn?“

Blacky und die junge Sardin lächelten.

„Siehst du“, sagte sie, „so erspart man sich überflüssige Worte.“

„Lauf zu deinem Vater“, entgegnete Blacky. „Ich denke, er braucht wirklich Unterstützung.“

Sie nickte. „Geh nicht fort, Straniero.“

„Hör auf, mich Fremder zu nennen.“

„Oh, Verzeihung, Blacky. Also bleib noch ein bißchen. Du brauchst keine Angst zu haben. Ein Eheversprechen hast du mir nicht gegeben, ohne es zu wissen. Und sei beruhigt: Ungeprüft würde ich dich sowieso nicht nehmen. Wo gibt es ein Gesetz, das besagt, eine Frau müsse die Katze im Sack kaufen?“

Blacky hob beeindruckt die Augenbrauen und blickte ihr nach. Sie trug ein einfaches Leinenkleid, und doch war ihr Gang atemberaubend. Ihr Vater lugte um die Ecke des Kistenstapels. Seinem bestürzten Gesicht war anzusehen, daß er zur Zeit weniger an einen Schwiegersohn dachte als an einen Weg, sich aus dem Schlamassel herauszuwinden, in den er sich selbst hineingeritten hatte.

Blacky schlenderte ein Stück nach vorn, so daß er sehen konnte, was sich beim Fisch- und Gemüsestand von Vater und Tochter Nócciolo abspielte.

Die Mutter, Porfirios Frau, war nach Gigliolas Geburt, ihres einzigen Kindes gestorben. Eine Amme hatte das kleine Mädchen großgezogen, das seinen Vater jetzt so tatkräftig unterstützte.

Blacky biß in den Pfirsich. Das Fruchtfleisch war fest und zuckersüß, ein Genuß, den jeder Seemann nach den Entbehrungen einer monatelangen Seereise zu schätzen wußte.

Für Gigliola blieb keine Zeit, ihrem Vater zu raten, welche Verhandlungstaktik er tunlichst anwenden sollte.

Ein vielstimmiges Raunen entstand in der Umgebung. Überwiegend Frauen waren es, die ihr Feilschen mit gewitzten Handelsleuten abbrachen und in die Richtung spähten, der sich nach und nach alle Aufmerksamkeit zuwandte.

Der Drachen stürmte aus einer Seitengasse, die auf den Marktplatz mündete. Das Steinpflaster schien zu erbeben. Der Mann, den die riesenhafte Signora mitbrachte, war durchaus normalwüchsig. Schlank und einen Kopf kleiner, wirkte er an ihrer Seite jedoch wie ein Zwerg.

Sie zog ihn am linken Unterarm, und er hatte Mühe, Schritt zu halten. Immer wieder stolperte er. In der rechten Hand hielt er den Seeteufel und die Schlangengurke. Fisch und Gemüse schlenkerten wie eine gallertartige Masse, die in längliche Beutel gefüllt worden war.

Der Ehemann der wutentbrannten Riesin – um niemand anders konnte es sich handeln – sah unglücklich und verzweifelt aus.

Porfirio Nócciolo duckte sich hinter seinem Verkaufsstand wie jemand, der einem angreifenden Stier nun nicht mehr ausweichen konnte.

Gigliola Nócciolo hatte sich verteidigungsbereit neben ihrem Vater aufgebaut und verschränkte die Arme, wodurch ihr kecker Busen betont wurde.

Blacky grinste sich eins – wie die meisten anderen Leute auf dem Marktplatz.

Einen halben Schritt vor dem Verkaufsstand blieb das ungleiche Gespann stehen.

Der rundliche kleine Händler erinnerte jetzt an einen krummbeinigen Mischlingshund, der den Zorn eines kampferprobten Bullenbeißers erweckt hat und sich zum ungleichen Kampf stellen muß.

„Fabrizio!“ sagte die Signora mit schneidender, weit hallender Befehlsstimme. „Leg die Beweisstücke auf den Tisch! Vor die Füße werfen sollte man sie ihm, diesem Halsabschneider!“

Fabrizio gehorchte. Vorsichtig, nachdem seine bessere und größere Hälfte seinen Unterarm losgelassen hatte, schob er den schwammigen Seeteufel und die noch schwammigere Gurke auf die Holzplatte.

„Die Beweisstücke für Ihren Betrugsversuch, Signor Nócciolo“, sagte er lahm.

„Weiter!“ bellte Signora Breganza.

„Wir werden den Fall bei einem Gerichtsschreiber zu Protokoll geben“, erklärte Ehemann Fabrizio folgsam.

„Es sei denn …“ Die Signora sagte es mit erhobener Stimme wie ein diktierender Schulmeister.

„Es sei denn, Sie entschuldigen sich meiner Frau gegenüber ordnungsgemäß und ersetzen den entstandenen Schaden“, sagte Fabrizio seinen auswendig gelernten Satz auf.

Porfirio Nócciolo erstarrte. Er gab sich einen Ruck und wollte seine Gegenrede nun nicht mehr zurückhalten.

Aber seine Tochter kam ihm zuvor.

„Welchen Schaden?“ sagte sie energisch. „Durch was soll Ihnen ein Schaden entstanden sein, Signor Breganza? Ihre geschätzte Gemahlin hat weder den Seeteufel noch die Gurke bereits gekauft. Selbst wenn es sich um verdorbene Ware handeln sollte, ist damit der Tatbestand des Betrugs noch lange nicht erfüllt. Als mein Vater diesen Seeteufel und diese Gurke anbot, hat er sie nur als Musterstücke verwendet. Natürlich hätte er im Falle des Verkaufs frische Exemplare herausgegeben.“

Blacky beobachtete etwas Erstaunliches.

Der gehorsame Ehemann Fabrizio schien seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen. Ein verklärter Ausdruck trat in sein Gesicht. Er strahlte Gigliola geradezu an.

Blacky trat einen Schritt vor und sah, was sich abspielte. Diese kaufmännisch vorgebildete Händlerstochter war ein verteufeltes kleines Luder. Mit tiefem Augenaufschlag, und indem sie ihren Busen noch ein wenig deutlicher in Szene setzte, brachte sie den armen Kerl völlig in Verwirrung.

Fabrizio rang nach Atem und bemühte sich krampfhaft, seinen angetrauten weiblichen Koloß nichts von seinem Blickkontakt bemerken zu lassen. Wäre eine freundliche Hexe erschienen, um Signora Breganza wegzuhexen – ihr bedauernswerter, unterdrückter Ehemann hätte vermutlich einen Freudenschrei ausgestoßen.

Ein tiefes Grollen entrann sich der Kehle der Signora. „Musterstücke?“ brüllte sie. „Ich höre wohl nicht richtig! Wollen Sie mich auf den Arm nehmen, Sie freche kleine Kröte?“

Gigliola wandte den tiefen Blick nicht von dem bemitleidenswerten Fabrizio.

„Das würde ich bei Ihrem Gewicht wohl kaum schaffen“, sagte sie laut und vernehmlich.

Ringsherum auf dem Marktplatz ertönte Gelächter.

Signora Breganza versetzte ihrem träumerischen Mann einen Hieb in die Seite, daß er kopfüber auf die Beweisstücke zustolperte. Mit knapper Not konnte er sich abstützen und sich selbst davor bewahren, daß er den Seeteufel küßte.

„Laß dir das nicht bieten!“ fauchte sie. „Laß es dir nicht bieten, daß deine Frau so beleidigt wird! Unternimm gefälligst etwas! Und sag dem alten Gauner, daß er uns zum Gericht begleiten wird! Jetzt und auf der Stelle!“

„Ich lasse es mir nicht bieten“, sagte Fabrizio mit schwärmerischen Gesichtsausdruck, ohne den Blick von der Glut der dunklen Augen Gigliolas losreißen zu können, „daß meine Frau so belei…“ Seine Stimme versiegte in einem schmachtenden Klang.

„Signora Breganza“, sagte Porfirio Nócciolo, indem er seinen ganzen Mut zusammenraffte, „ich möchte Ihnen etwas vorschlagen. Ich meine, wir könnten die Angelegenheit bereinigen, indem ich Ihnen kostenlos …“

Die Signora hatte ihn nicht beachtet, nicht einmal zugehört. Ihre Aufmerksamkeit hatte sich jäh auf den Blickwechsel zwischen ihrem Ehesklaven und der Händlerstochter konzentriert. Mit einem röhrenden Wutschrei stürzte die Kolossale auf den Verkaufstisch los und packte zu.

Gigliola konnte nicht mehr ausweichen. Die Signora war zu schnell, erwischte sie am Kragen ihrer Bluse und zog sie nach vorn. Gigliola schrie und wand sich verzweifelt – vergeblich. Ihr Vater versuchte, sie festzuhalten. Fabrizio hängte sich von rechts an sein massiges Eheweib.

Aber der Drachen war mit seiner Kraft allen dreien überlegen.

Blacky konnte es nicht mit ansehen, wie die zauberhafte Gigliola leiden mußte. Kurz entschlossen setzte er sich in Bewegung. Im Vorbeigehen ergriff er eine Scholle, die wahrhaftig fangfrisch zu sein schien. Mit einem weiteren schnellen Schritt näherte er sich der Signora von links und klatschte ihr die Scholle beidseits ins Gesicht.

Sie erstarrte, ließ Gigliola los und schüttelte die lästige Klette an ihrer rechten Körperhälfte ab.

Sie wandte sich zur Seite und war wieder der große, grimmige Bullenbeißer, der von einem vorwitzigen Pinscher angekläfft wurde.

Auf dem Marktplatz kehrte Stille ein.

Die Riesin blickte auf den Mann aus der Crew des Seewolfs hinunter. Einen Moment schien es, als würde sie vor Fassungslosigkeit nicht reagieren können.

Doch jäh packte sie zu, ergriff beide Schultern des schwarzhaarigen Mannes und ließ ihr rechtes Knie ruckartig hochfahren.

Blacky schaffte es mit Mühe, unter ihrem Griff wegzutauchen und auszuweichen. Sie stieß einen enttäuschten Knurrlaut aus und war in der nächsten Sekunde damit beschäftigt, ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren. Blacky entfernte sich mit einem federnden Satz vom Verkaufsstand. Er entging damit der drohenden Gefahr, vom mörderischen Lebendgewicht der Signora erdrückt zu werden.

Doch es gelang ihr noch, sich am Rand des Verkaufsstandes festzuhalten. Sie wollte ihre Körpermasse herumwirbeln, um sich auf den vorwitzigen Fremden zu stürzen.

Eine Stimme hielt sie davon ab.

Der Befehl klang fast höflich.

2.

„Seien Sie so nett und stiften Sie keinen Unfrieden, Signora.“

Die Zwei-bis-drei-Zentner-Frau erstarrte.

„Aber – ich …“ Ihr Mund klappte auf und zu wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Sie brachte kein Wort mehr hervor.

Blacky hatte sich ebenso erstaunt umgewandt wie Fabrizio. Gigliola und ihr Vater wirkten hinter dem Verkaufstisch wie versteinert. Sie starrten an der mächtigen Signora vorbei, die plötzlich wie umgewandelt war. Tatsächlich, sie schien um ein paar Zoll geschrumpft zu sein, so respektvoll war sie geworden.

Die beiden elegant gekleideten Männer fielen nicht einmal besonders auf. Viel auffälliger war nach Blackys Eindruck die rege Geschäftigkeit, die auf dem Marktplatz wieder eingesetzt hatte. Von einer Sekunde zur anderen gab es auf der gesamten Piazza keinen einzigen Neugierigen mehr.

Niemand interessierte sich mehr für das Geschehen beim Stand der Nócciolos. Der Auftritt des Drachens war zur Nebensache geworden. Das Feilschen um Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse stand wieder im Mittelpunkt.

„Komm, Fabrizio“, sagte die Signora tonlos. Sie nahm ihren Ehemann bei der Hand. „Ich glaube, es ist besser, wir gehen nach Hause.“ Sie sah die Eleganten mit ehrfürchtigem Blick an, um festzustellen, wie deren Reaktion war.

„Wir danken für Ihre Einsicht, Signora“, sagte der Ältere der beiden Männer, lächelte und deutete eine Verbeugung an.

Der Drachen trabte davon, den willigen Fabrizio im Schlepp.

Die beiden elegant gekleideten Männer traten näher an den Verkaufsstand Porfirio Nócciolos und seiner Tochter heran. Dabei bedachten sie Blacky mit einem ausgiebigen, forschenden Seitenblick.

Der ältere der Signori war schlank und hatte ein Vogelgesicht. Mit dem glatt zurückgekämmten schwarzen Haar, der spitzen Nase und den dunklen Knopfaugen hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Raben.

Der jüngere Mann, bartlos, mittelblond und kräftig gebaut, schien eine Art Leibwächter zu sein. Im Gegensatz zu dem Rabengesichtigen, der nur einen Dolch mit prunkvoll ziseliertem Griff trug, war der junge Begleiter zusätzlich mit einer Pistole bewaffnet. Auch bei dieser Waffe handelte es sich um ein kostbares Stück.

Der Kolben, seitlich mit silbernen und goldenen Rankenmustern ausgelegt, hatte eine Bodenplatte aus reinem Gold. Zum Zuschlagen war dieser Kolben sicherlich weniger geeignet. Doch daran, daß aus dem Lauf der Waffe Kugeln aus reinem Blei verfeuert werden konnten, bestand nicht der geringste Zweifel.

„Ich würde gern erfahren, was vorgefallen ist“, sagte der Rabengesichtige in seiner höflichen und beinahe zurückhaltenden Art.

Blacky spürte indessen, daß dieses Gehabe so falsch war wie das Schnurren einer Katze angesichts einer in die Enge getriebenen Maus.

„Selbstverständlich, Signor Cóstola“, erwiderte Porfirio Nócciolo mit einer tiefen Verbeugung, wobei er sich dem übelriechenden Seeteufel bis auf wenige Zoll näherte.

„Zuvor“, sagte Cóstola gedehnt, „sorgen Sie bitte dafür, daß wir unter uns sind.“ Mit einer ruckartigen Handbewegung wies er zur Seite, und abermals spürte Blacky, wie ihn die Raben-Knopfaugen prüfend abtasteten. Ebenso die schmalen Augen des Leibwächters.

„Mit Verlaub“, sagte Gigliola. Sie hörte sich jetzt lammfromm an. „Der Signore ist ein guter Freund von mir. Er hat alles miterlebt und wird nötigenfalls zur Aufklärung des Sachverhalts beitragen können.“

Blacky unterdrückte ein Grinsen. Es war wirklich beeindruckend, wie gekonnt Gigliola mit dem kaufmännisch-juristischen Jargon umging, den sie sich während ihrer Lehrjahre angeeignet hatte.

Die beiden Eleganten wandten sich ihm zu. Sie trugen blitzblanke Schnallenschuhe, weiße Strümpfe und Beinkleider aus weichem, schwarzem Leder, das bei nur flüchtigem Hinsehen wie Samt wirkte. Das Wams des Mannes namens Cóstola war aus Streifen von schwarzem Samt und roter Seide zusammengefügt und mit kunstvollen Stickereien aus Silberfäden verziert.

Das große Barett, das er sonst auf dem Rabenkopf zu tragen pflegte, hing in einer Schlaufe an der linken Hüftseite seines Wamses. Die Oberbekleidung des jüngeren Mannes war aus einfachem schwarzem Stoff gefertigt und hatte etwas Uniformhaftes. Über eine Kopfbedeckung schien er nicht zu verfügen.

Blacky rang sich zu einem Gruß durch, der noch halbwegs freundlich klang. Der öligen Höflichkeit dieser sardischen Gentlemen konnte er beim besten Willen nicht nacheifern.

„Oh, Sie stammen nicht aus Sardinien?“ rief Cóstola, als hätte er ein sorgsam gehütetes Geheimnis aufgedeckt. „Wenn ich Ihren Akzent richtig deute, sind Sie auch kein Italiener und ein Spanier schon gar nicht.“

„Sie deuten richtig“, entgegnete Blacky und nickte. „Ich bin Engländer.“

„Ah, wie interessant!“ Cóstola faltete die Hände über der Magengegend. „Ein Engländer in diesen von Spanien beherrschten Gewässern! Sehr mutig, Signor, wirklich sehr mutig.“

„Meine Freunde und ich sind Seefahrer. Wir führen keinen Privatkrieg.“

„Also Handelsfahrer?“

„So kann man es nennen.“

„Haben Sie auch einen Namen?“

Der breitschultrige Mann aus der Crew des Seewolfs grinste. „Ich werde Blacky genannt. Aber es wurde schon mehrfach angezweifelt, ob man das als einen Namen bezeichnen kann.“

„Oh, ich kann mir gut vorstellen, wie so etwas entsteht“, erwiderte der Rabengesichtige mit hochgezogenen Brauen. „In Seefahrerkreisen gelten besondere Gesetze, nicht wahr? Mit der Namensgebung, wie mit vielen anderen Dingen, nimmt man es da nicht übermäßig genau. Habe ich recht?“

„Sie kennen sich aus“, antwortete Blacky und wunderte sich insgeheim, daß der andere seinen Spott nicht zu bemerken schien.

Cóstola lächelte, sah Blacky noch einen Moment schweigend an und wandte sich dann dem Händler und seiner Tochter zu. Der Leibwächter folgte dem Beispiel des Rabengesichtigen. Mit einer knappen Handbewegung forderte er Porfirio Nócciolo auf, zu berichten.

Der Händler schilderte das Geschehen und übernahm dabei die Version, die sich Gigliola ausgedacht hatte. Cóstola nickte und rümpfte die Nase, als er den Seeteufel einer kurzen Prüfung unterzog. Der Leibwächter tat es ihm auch diesmal nach. Er hatte etwas Papageienhaftes.

„Nun“, sagte der Rabengesichtige mit der Gewichtigkeit eines über alle Alltäglichkeiten erhabenen weisen Mannes. „Wir wollen den Vorfall nicht aufbauschen, mein lieber Nócciolo. Aber über eins müssen wir uns doch wohl im klaren sein: Es geht beim besten Willen nicht, daß auf dieser Piazza, in dieser Stadt, mit verdorbener Ware gehandelt wird. Und die Geschichte mit den Musterexemplaren wollen Sie mir doch wohl nicht ernsthaft unterjubeln, nicht wahr?“

Porfirio preßte die Lippen aufeinander und blickte betreten auf den Tisch mit den „Beweisstücken“.

Gigliola holte tief Luft und wollte zu einer energischen Erwiderung ansetzen.

Doch Cóstola sorgte mit einer dämpfenden Handbewegung dafür, daß sie nicht erst den Mund auftat.

„Ziehen wir einen Schlußstrich“, sagte er mit unvermittelter Schärfe. „Ich werde Don Marcello vorerst nichts über den Vorfall berichten. Sie wissen, daß er es nicht schätzt, wenn die von ihm protegierten Händler einen schlechten Ruf erlangen. Sollte ich oder ein anderer aus unserem Freundeskreis aber noch einmal etwas Derartiges hören, werde ich gezwungen sein, Don Marcello die ungeschminkte Wahrheit offenzulegen. Sie wissen, was das bedeutet, Nócciolo.“

Der Händler senkte den Kopf wie ein kleiner Junge, der von seinem Vater bei einem bösen Streich ertappt worden ist. Auch Gigliola, vor wenigen Minuten noch voller Kampfeswillen, wagte kein Widerwort mehr.

Die beiden Eleganten wandten sich ab, bedachten Blacky noch mit einem letzten prüfenden Seitenblick und stolzierten über die Piazza davon. Überall zwischen den Marktständen wurden sie ehrerbietig gegrüßt.

Blacky trat auf den Verkaufsstand zu.

„Ich will mich nicht einmischen“, sagte er. „Da ich aber schon als Zeuge benannt wurde, würde ich doch gern erfahren, was es bedeutet, wenn dieser Don Marcello die ungeschminkte Wahrheit erfährt.“

„Um Himmels willen!“ flüsterte Porfirio Nócciolo erschrocken. „Hüten Sie Ihre Zunge, junger Freund!“

„Das ist Blacky, Papa“, erklärte Gigliola rasch. „Wir haben uns vorhin kennengelernt, als du mit der Signora …“

Nócciolo richtete flehentlich die Augen nach oben. „Der Himmel bewahre mich vor weiteren Begegnungen dieser Art! Mein Gott, was habe ich nur verbrochen, daß mir so ein Unglück widerfahren muß!“

„Das weißt du genau“, sagte Gigliola mit neu erwachender Energie. „Hättest du nicht versucht, der Signora den stinkenden Seeteufel aufzuschwatzen, wäre überhaupt nichts passiert.“

„Wer, zum Teufel, ist Don Marcello?“ fragte Blacky hartnäckig. „Und wer ist dieser Cóstola, daß ihr vor ihm kuscht?“

Porfirio Nócciolo sah ihn mit geweiteten Augen an, als hätte er einen schlimmen Frevel begangen.

Gigliola war realistischer. „Du kannst es natürlich nicht wissen“, sagte sie. „Don Marcello Struzzo ist der mächtigste Mann in der Stadt. Wer auf seiner Seite steht, ist seiner Schutzorganisation angeschlossen, das heißt, es kann ihm nie etwas passieren. Man muß allerdings gewisse Bedingungen erfüllen.“

„Zum Beispiel eine Schutzgebühr zahlen“, sagte Blacky grimmig.

„Woher weißt du das?“ entgegnete Gigliola erstaunt.

„Wir waren in Sizilien. Da haben sie ähnlich merkwürdige Gepflogenheiten.“

„Für uns ist das absolut nicht merkwürdig, Blacky. Wir müssen uns nach den geltenden Machtverhältnissen richten. Don Marcello ist daran interessiert, daß unsere Geschäfte gut laufen. Denn die Schutzgebühr wird nach der Höhe des Umsatzes berechnet. Deshalb hat Signor Cóstola natürlich sofort eingegriffen, als er sah, daß es hier einen Streit gab. Signor Cóstola ist Don Marcellos engster Vertrauter und sein Stellvertreter.“

„Interessant“, sagte Blacky grinsend. „Und vor wem oder was schützen sie euch, die sehr Ehrenwerten?“

„Vor allem möglichen Gesindel. Dieben, Betrügern, Plünderern.“

„So etwas gibt es auf diesem Markt nicht mehr, seit Don Marcello den Schutz übernommen hat“, fügte Porfirio Nócciolo hinzu.

Blacky nickte. Er grinste immer noch. „Aber es kann passieren, daß einem, der die Schutzgebühr nicht rechtzeitig zahlt, der ganze Stand in Stücke geschlagen wird.“

„Mach dich nur darüber lustig“, erwiderte Gigliola vorwurfsvoll. „Für uns ist es bitter.“

„Fangt nicht auch noch an, euch zu streiten“, sagte Porfirio. Er sah sich um, ließ seinen Blick über das traurig welke Gemüse gleiten und gab sich einen Ruck. „Mit dem heutigen Tag ist sowieso nicht mehr viel anzufangen. Wir packen ein und gehen nach Hause. Sie sind eingeladen, Signor Blacky. Wir haben einen guten Tropfen im Keller, und Gigliola wird Ihnen eine Pasta bereiten, von der Sie in allen folgenden Nächten träumen.“

Blacky bedankte sich für die Einladung und sah Gigliola an, ohne daß ihr Vater es merkte. Sie lächelte verschmitzt, denn sie wußte, daß Blacky spürte, wie groß die Hoffnung ihres Vaters auf einen Schwiegersohn war.

Aus dem Abzugsrohr quoll der Rauch des Kochfeuers und vermischte sich mit den mittäglichen Dünsten im Hafen von Cagliari auf Sardinien. Zusätzlich wehte Wasserdampf in dicken Schwaden aus dem offenen Kombüsenschott.

Eben das war das Ungewohnte für die Arwenacks.

Was ihr Mißtrauen weckte, war überdies die Wartezeit. Auf den Handelsschiffen ringsum hatte das Backen und Banken längst begonnen, ja, war teilweise schon beendet worden. Von einigen Schiffen wehten die Schnarchtöne seliger Mittagsschläfer herüber. Die Mittelmeersonne wärmte sie in ihrem Schlummer an Deck, und nicht einmal im Traum konnten sie sich vermutlich vorstellen, daß es ganz in ihrer Nähe ein paar arme, ausgehungerte Seelen gab.

Einzig Hasard, Ben Brighton und die anderen auf dem Achterdeck übten sich in Geduld.

Die Männer jedoch, die sich mittschiffs aufhielten, konnten sich kaum noch beherrschen.

„Mir wird schlecht vor Hunger!“ rief Ferris Tucker und krümmte sich stöhnend auf seiner Taurolle.

„Mir ist längst schlecht“, sagte Batuti augenrollend. „Richtig speiübel ist mir. Ich glaube, ich brauche den Feldscher!“

Old Donegal Daniel O’Flynn musterte den muskelbepackten schwarzen Herkules von Kopf bis Fuß. „Du siehst in der Tat schlecht aus. Gambiamann. Wahrscheinlich leidest du an Unterernährung.“

„Das ist es, Old Man!“ rief Batuti und entblößte das perlweiße Gebiß. „Haargenau das ist es. Ich tauge nicht mehr für die Decksarbeit. Das merke ich schon seit Tagen. Wenn ich ein Tau anfasse, ist es, als ob es ein paar Zentner wiegt.“

„Habe ich auch festgestellt“, sagte Al Conroy, der mit dem Rücken am Beiboot lehnte und sich ebenfalls für äußerst entkräftet hielt. „Sachen, die man sonst mit links erledigt, fallen einem jetzt unheimlich schwer. Ich glaube, ich könnte nicht einmal mehr einen Weinkrug mit einer Hand halten.“

„Das ist ein wirklich ernst zu nehmendes Anzeichen“, erklärte Edwin Carberry in seinem gewohnten Grollton. „Scheint so, als ob uns diese triefäugigen Kombüsenaffen den Landgang vermiesen wollen. Ich denke, es ist Zeit, mal nach dem Rechten zu sehen. Wahrscheinlich brauchen sie bloß ein bißchen Wind von vorn, die Zwiebelfische.“ Er erhob sich von seinem Platz an der Steuerbordverschanzung.

Beifälliges Gemurmel einer Crew, die sich für restlos ausgezehrt hielt, begleitete ihn auf dem kurzen Weg zur Kombüse.

Carberry, der hünenhafte Mann mit dem Narbengesicht, schob sein Rammkinn vor und beugte sich entschlossen in den wabernden Wasserdampf, der ihm entgegenwehte. Er kniff die Augen zusammen, um in der halbdunklen Hölle rings um das Kochfeuer überhaupt etwas erkennen zu können. Drinnen war der Dunst noch schlimmer. Ein seltsam teigiger Geruch, ähnlich wie in einer Bäckerei und doch anders, vermischte sich mit den Düften verschiedenster scharfer Gewürze.

Nur nach und nach tauchten für Carberry erkennbare Konturen aus dem milchigen Weiß in der Kombüse auf. Der Kutscher und Mac Pellew rührten in großen Kochtöpfen über dem Feuer und füllten eine undefinierbare Masse mit Schöpfkellen in Tonschüsseln, die die Wärme gut hielten.

Weiter vorn schufteten die Söhne des Seewolfs im Schweiße ihres Angesichts. Hasard junior betätigte die Kurbel eines Apparats, der ähnlich aussah wie eine Wäschepresse. Philip junior schob Klumpen dieser sonderbaren Breimasse zwischen die von Hasard junior gedrehten Walzen.

Carberry sperrte jetzt die Augen weit auf, da sie sich an das dampfende Halbdunkel gewöhnt hatten. Die Kombüsenratten hatten ihn noch nicht einmal bemerkt. Auf der anderen Seite der Walze fiel das zusammengequetschte Ergebnis in einen Topf mit kochendem Wasser.

Von Zeit zu Zeit schöpfte der Kutscher etwas von der Masse heraus und ließ es in einen weiteren Topf gleiten.

Carberry räusperte sich mit einem Ton, der sich anhörte, als ob jemand mit einem Geschützladestock über eine Grätingsluke streicht.

Er wurde kaum beachtet.

„Bitte keine unnötige Störung!“ rief der Kutscher, ohne von seiner Rührerei und Schöpferei aufzublicken. „Wir sind sehr beschäftigt. Die Pasta erfordert höchste Konzentration.“

„Die was?“ fragte der Profos verdutzt.

„Die Pasta!“ rief Hasard junior und hielt dabei mit seiner Kurbelei nicht inne.

„Die Pampe?“ Carberry wedelte den Wasserdampf vor seinen Augen weg und deutete blinzelnd auf den Brei, den Philip junior in Mengen von jeweils einer Handvoll aus einem Bottich holte und vor die Walzen klatschte.

„Himmel noch mal!“ brüllte Mac Pellew aus der Tiefe des Kombüsendunsts. „Da krebsen wir nun schon seit Wochen in Italien herum, und dieser Mister Profos hat noch nicht mal mitgekriegt, was Pasta ist!“

„Sieht so aus, als ob es was zu essen sei“, knurrte der Profos mit gefurchter Stirn. „Verdammt soll ich sein, wenn mir das geheuer ist.“

„Pasta ist Nudelteig“, erklärte Philip, der dem Narbenmann am nächsten stand. „Jeder italienische Koch hat dafür sein besonderes Rezept. Wir haben eins in Palermo aufgegabelt. Und jetzt probieren wir’s aus.“

Carberrys kantige Kinnlade klappte nach unten. Eine halbe Sekunde lang war er sprachlos.

„Ja, wollt ihr denn italienische Köche werden?“ polterte er dann los.

„Italienische Kochkunst gehört zur Weltspitze“, sagte der Kutscher pikiert. „Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten, Mister Carberry. Wir reden dir auch nicht hinein, wenn es um die Borddisziplin geht.“

„Das sind zwei verschiedene Paar Seestiefel“, entgegnete der Profos dröhnend. „Von eurer Kombüsenpfuscherei sind alle betroffen. Wenn einem schlecht wird, wird allen schlecht. Oder wollt ihr das abstreiten?“

„Die Borddisziplin gilt auch für alle“, widersprach der Kutscher. „Und wenn du uns noch lange von der Arbeit abhältst, knurrt euch der Magen noch eine halbe Stunde länger.“

„Wenn ich das Zeug sehe“, sagte der Profos und blickte kopfschüttelnd auf die Kurbelei der Zwillinge, „dann bin ich ziemlich sicher, daß uns der Magen auch noch heute nachmittag knurrt. Wir werden in die Stadt gehen und ein Schwein kaufen müssen, das wir am Spieß braten können.“

Er erhielt keine Antwort mehr. Achselzuckend zog er sich zurück.

Die Arwenacks blickten mit fragenden Mienen zu ihm.

„Pasta“, sagte er kurz angebunden. „Was sie uns vorsetzen werden, ist verdammte Pasta.“

„Also Nudeln“, sagte Bill.

Carberry starrte ihn an, als hätte er es mit einem Fremdling zu tun. Dann aber schluckte er trocken hinunter, nickte nur und ließ sich wieder auf seinen Plankenplatz an der Verschanzung nieder. Ausgerechnet der Jüngste in der Crew – außer den Zwillingen – mußte auf Anhieb wissen, was Pasta war!

Als eine halbe Stunde später das Ergebnis der Kombüsenschufterei an Deck gebracht wurde, gingen den Arwenacks denn doch die Augen über.

Der Kutscher und seine Helfer hatten die Nudeln in verschiedene Schüsseln gefüllt, die sie auf Tragebrettern an Deck schafften. Die Zwillinge hatten Bandnudeln geformt, Blattnudeln, Röhrennudeln und Stabnudeln. Der Pfiff an der Sache bestand jedoch in den Zutaten in Form von unterschiedlichsten Soßen.

Da gab es eine Tomaten-Fleisch-Soße, die mit viel Estragon gewürzt war. Außerdem eine Pilzsoße, eine Käsesoße und eine Kräutersoße. Besonders viel Mühe hatten sich die Kombüsenmänner mit den Frutti di Mare gegeben, den Meeresfrüchten, die in einer flacheren Schüssel angerichtet waren.

Die Arwenacks langten zu.

„Der Hunger treibt’s rein“, sagte Carberry, schaufelte sich Blattnudeln und Tomaten-Fleisch-Soße auf den Teller und schnupperte mißtrauisch. Naserümpfend begann er, weiterzuschaufeln, diesmal vom Teller in die mächtige Futterluke.

Die anderen folgten seinem Beispiel und sahen dabei nicht weniger skeptisch aus.

Der Kutscher, Mac Pellew und die Zwillinge harrten vor der Kombüse aus und beobachteten das Geschehen an Deck.

„Ich bitte zu bedenken“, sagte der Kutscher mit erhobener Stimme, „daß wir ausnahmslos frische Zutaten verwendet haben, wie es in der italienischen Küche üblich ist. Ein außergewöhnlicher Genuß also, denn etwas Derartiges werden die Gentlemen auf See wohl kaum jemals vorgesetzt erhalten.“

Niemand aus der Crew antwortete.

„Hoffentlich bleiben wir möglichst lange auf See“, sagte Ferris Tucker und erntete dafür zustimmendes Brummen. Er stocherte unwillig in Röhrennudeln mit Meeresfrüchten. Die meisten anderen verhielten sich ebenso.

„Anderenfalls“, ließ sich Carberry vernehmen, „werden uns die Zähne ausfallen. Ein paar Tage Pastapampe, und die Beißer fallen uns aus, weil sie nichts mehr zu tun haben.“

„Was für ein Unsinn!“ rief Mac Pellew empört. „Dann müßten ja alle Italiener zahnlos herumlaufen!“

„Hab nicht so genau hingesehen“, entgegnete der Profos mit einem Grinsen und einem beifallheischenden Rundum-Blick. Er las Zustimmung in den Gesichtern der Arwenacks. „Im übrigen“, fuhr er volltönend fort, „werden die Muskeln und sonst noch so einiges erschlaffen, wenn wir uns weiter von diesem Zeug ernähren müssen. Gar nicht auszudenken, wie wir dann dastehen, wenn wir erstmal Old England erreichen!“

„Ziemlich schlapp“, sagte Smoky düster.

Röhrendes Gelächter folgte.

Der Kutscher wurde weiß im Gesicht. Er schickte einen flehentlichen Blick in Richtung Achterdeck, dem einzigen Ort an Bord der Schebecke, wo seine Pastakünste offenbar Anerkennung fanden.

„Richtig.“ Carberry nickte und schaufelte sich mit demonstrativem Widerwillen zum zweitenmal den Teller voll. „Unsereins braucht was Handfestes, Männer. Höchste Zeit, daß wir mal wieder in nördliche Gefilde segeln und einen Bären schießen! Das ist es, was man nötig hat. Hierfür!“ Er stellte den Teller beiseite, winkelte den linken Arm an und tippte auf den Bizeps.

Der Kutscher legte den Zeigefinger an seine Stirn. „Daran denkst du natürlich nicht, Mister Carberry. Warum solltest du auch! Da ist ja sowieso kaum etwas vorhanden, das man mit Nahrung versorgen müßte.“

Der Profos sperrte den Mund auf. Im nächsten Moment zeigte er Anstalten, aufzuspringen.

Die Stimme des. Seewolfs hielt ihn zurück: „Es heißt zwar, daß sich über Geschmack streiten läßt. Aber das sollte niemand an Bord wörtlich nehmen! Was heute in der Kombüse zurechtgezaubert wurde, ist eine beachtliche Leistung. Das sollte man auch dann anerkennen, wenn es einem wirklich nicht schmeckt. So viel vorweg.“

Der Kutscher, Mac Pellew und die Zwillinge strahlten.

„Die Art der Ernährung hat gerade für unsereinen ihre besondere Bedeutung“, fuhr Hasard fort. „Ausfallende Zähne sind vor allem bei Seeleuten zu beobachten, Mister Carberry. Und das hat bekanntlich nicht das geringste mit Nudeln zu tun. Stimmt’s?“

„Aye, aye, Sir.“ Der Profos zog den Kopf ein Stück tiefer zwischen die Schultern.

„Es ist der Mangel an bestimmter Nahrung, der zum Beispiel die Zähne ausfallen läßt“, sagte der Seewolf. „Im Grunde sollte das jeder hier an Bord wissen und allein deswegen die Arbeit des Kutschers und seiner Helfer schätzen. Abwechslung in der Küche ist auf jeden Fall das Beste, was uns passieren kann. Eine Woche lang Nudeln wäre sicherlich genauso vom Übel wie eine Woche Pökelfleisch mit Hartbrot. Eine Kost ist dann gut, wenn sie vielfältig ist, viel frische Bestandteile enthält und nicht zuletzt gut schmeckt. Ich finde, wir sollten dem Kutscher dankbar sein für die Anstrengungen, die er in der Hinsicht unternimmt.“

Einige Männer klatschten zaghaft Beifall. Es wurden mehr.

Gleich darauf fühlte sich der Profos mutterseelenallein.

Er zögerte nur noch einen Augenblick, dann hob er die Riesenpranken und schlug sie gegeneinander, daß es wie ein Schmettern klang.

Der Seewolf verkniff sich ein Grinsen. „Noch etwas“, sagte er abschließend, „zur Borddisziplin gehört auch, daß ein Profos mit gutem Beispiel vorangeht. In jeder Beziehung!“

Carberry starrte seinen Kapitän an.

Der Kutscher und seine Mitstreiter in der Kombüse wechselten Blicke voller Stolz und Freude.

Carberry gab sich einen Ruck, nahm seinen Teller und setzte die Schaufelei fort, diesmal allerdings mit überzeugend gespieltem Wohlbehagen. Innerhalb weniger Minuten war er soweit, sich mit dem nächsten Nachschlag zu versorgen.

„Ist eine Zusatzbemerkung erlaubt, Sir?“ wandte er sich an den Seewolf.

Hasard bejahte mit einem Handzeichen.

„Wie wichtig die Abwechslung beim Essen ist, hat jetzt wohl jeder begriffen“, sagte der Profos. „Und Borddisziplin, die auch verdammt wichtig ist, heißt ja auch: gleiches Recht für alle! Deshalb sollte diese Pastageschichte für diejenigen wiederholt werden, die zur Zeit nicht an Bord sind.“

„Einverstanden“, erwiderte Hasard lächelnd. „Wobei es für alle jetzt Anwesenden natürlich keine Extrawurst gibt.“

Der Profos verschluckte sich fast an einer Blattnudel.

In den nächsten Minuten war ihm anzusehen, wie er sich ehrlich anstrengte, an dem teigigen Gericht Gefallen zu finden.

Das Essen im Hause Nócciolo hatte gut zwei Stunden gedauert. Gigliola hatte mehrere Vorspeisen und einen Hauptgang mit köstlich gesottenem Fisch zubereitet. Zum Abschluß gab es würzigen Käse und frisches Brot, das erst am Morgen dieses Februartages 1598 gebacken worden war.

Gigliola brachte eine neue Flasche Rotwein und zog sich in die Küche zurück, um das Geschirr zu spülen.

Blacky hatte die ganze Zeit über keine Chance gehabt, auch nur ein paar Sekunden mit der hübschen Händlerstochter allein zu sein.

Auch jetzt, während draußen das Zwielicht der beginnenden Abenddämmerung einsetzte, war er gezwungen, seine Aufmerksamkeit dem Hausherrn zu widmen.

Wie Porfirio Nócciolo die Flasche entkorkte, war es ein geradezu weihevolles Zeremoniell. Im Licht der beiden Öllampen, die über dem blankgescheuerten Tisch blakten, funkelten kleine Reflexe auf dem rubinroten Wein, als Porfirio ihn in die kristallenen Gläser schenkte.

Blacky hatte die samtene Weiche dieses Tropfens zu schätzen gelernt. Ein einfacher, aber dennoch edler Vino, den der Händler Jahr für Jahr von einem Weinbauern aus den Bergen bezog – nur für den privaten Gebrauch, wie Porfirio versichert hatte.

Längst waren die beiden Männer per Du. Da Gigliolas Vater der eindeutig redseligere war, kannte Blacky fast die gesamte Lebensgeschichte des fülligen kleinen Mannes.

Das Wohnzimmer des schlichten Hauses am nordöstlichen Stadtrand von Cagliari strahlte nach Blackys Eindruck unvergleichliche Behaglichkeit aus. Für die späteren, kühleren Stunden des Abends befanden sich sauber aufgeschichtete Holzscheite im Kamin. Die Möbel waren aus dunklem Holz und bildeten einen wirkungsvollen Kontrast zu den weißgetünchten Wänden. Gerahmte Kupferstiche zeigten eine Hafenszene in Cagliari, Fischerboote auf dem Meer und Frauen bei der Weinlese in den Bergen.

Porfirio hob sein Glas. Blacky tat es ihm nach, und sie ließen das Kristall aneinanderklingen.

Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten, sah sich der Händler verstohlen zur Küche hin um. Aber da war nur das Geschirrklappern zu hören, das von Gigliolas Geschäftigkeit zeugte.

Porfirio beugte sich über den Tisch und flüsterte mit Verschwörermiene: „Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen, Blacky. Du bist ein weitgereister Mann, und du weißt vermutlich Dinge, von denen ich keine Ahnung habe. Außerdem bist du Engländer. Den Engländern gehört die Zukunft.“

„Woher willst du das wissen?“ entgegnete Blacky grinsend. „Zumal du doch von bestimmten Dingen keine Ahnung hast, wie du selbst zugibst.“

„Mit den Spaniern geht es bergab. Pas ist so ein Gefühl. Ich kann es nicht begründen. Aber darüber will ich nicht mit dir reden.“

„Sondern?“

Porfirio drehte sich sichernd um. Beruhigt wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. „Gigliola will nichts davon wissen. Sie sagt, ich hätte auf meine alten Tage Flausen im Kopf. Aber es geht mir nur ums Geschäft. Das kannst du mir glauben, Blacky.“

„Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Was ist es?“

Porfirio nahm einen weiteren Schluck Wein. „Ich habe über einen berühmten Engländer gelesen, einen gewissen Sir Walter Raleigh.“

„Ist mir bekannt“, sagte Blacky.

„Persönlich?“ Der Händler sperrte die Augen weit auf.

„Natürlich nicht. Ich bin ein einfacher Decksmann, Porfirio, kein Mann von Adel. Der Kapitän unserer Crew, Sir Philip Hasard Killigrew, hat den ausreichenden Rang, um mit einem Sir Walter zu verkehren.“

„Nun, ihr Engländer seid in solchen Dingen ein bißchen zu genau.“ Porfirio winkte ab. „Aber darum geht es mir nicht. Dieser Sir Walter, heißt es, habe eine bei uns unbekannte Pflanze mitgebracht, die man Tabak nennt. Oder Tobak, Tobacco oder so. Lassen wir es bei Tabak, das klingt am einfachsten. Was weißt du darüber?“

„Nicht viel.“

„Sag es mir!“ drängte Porfirio. „Jede Kleinigkeit kann für mich wichtig sein. Sag mir alles, was du weißt.“

„Warum, zum Teufel?“ Blacky setzte sein Glas an und nahm genußvoll einen langen Schluck. „Ich bin doch völlig unmaßgeblich. Außerdem weiß ich auch nur das, was ich von anderen gehört habe.“

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du bist in der Welt herumgekommen, ich dagegen über die Stadtgrenzen von Cagliari nicht hinaus. Sag schon! Was hast du von Sir Walters Tabak gehört?“

„Man stopft das Zeug in tönerne Pfeifen, zündet es mit einem Kienspan an und atmet den Qualm ein.“

„Wer ist ‚man‘?“

„Die Ladys und Gentlemen in Adelskreisen. In London soll es sogar schon sogenannte Rauchsalons geben. Aber ich habe nie einen gesehen. Das kann ich also nicht bestätigen.“

„Aber es kommt in Mode, das Rauchen?“

Blacky nickte. „In den größeren Städten der Neuen Welt stolzieren die Dons qualmend herum. Daß sie damit eine Angewohnheit des roten Mannes nachahmen, stört sie kein bißchen.“

„Und ihr Engländer? Ahmt ihr Sir Walter nach?“

„Ich jedenfalls nicht. Und er hat diesen Tabakkram von einer Expedition mitgebracht. Ob die königliche Lissy davon erbaut war, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls hat sie die Qualmerei nicht verboten.“

„Daran hat sie gutgetan“, sagte Porfirio mit eifrigem Nicken. „Wie ich schon sagte: England gehört die Zukunft.“

„Ich verstehe nicht, was die Zukunft mit Tabak zu tun hat.“ Blacky blickte unauffällig an der Schulter seines Gastgebers vorbei. Porfirio hatte nicht bemerkt, daß das Klappern in der Küche verstummt war.

Gigliola lehnte im offenen Durchgang zwischen den beiden Räumen und sah Blacky voller Sehnsucht an.

Er versuchte, ihr seinerseits mit Blicken mitzuteilen, daß er sich mächtig anstrengen würde, um das Gespräch unter Männern so bald wie möglich zu beenden. Gigliola zog sich leise seufzend zurück und fuhr fort, in der Küche zu hantieren – wohl mehr, weil ihr nichts anderes übrigblieb.

Porfirio ergriff Blackys Unterarm. „Tabak, mein Junge, ist die Zukunft. In England hat man erkannt, welche Bedeutung diese neue Ware und welche Bedeutung der Handel damit hat. Die Spanier haben das noch nicht begriffen. Und jene, die sich drüben in Neu-Spanien am Tabakrauch erfreuen, denken nur über eins nach – wie sie ihren Tagesablauf so angenehm wie möglich gestalten können. Nicht aber über die großen, weltweiten Zusammenhänge.“

Blacky ergriff die Weinflasche und schenkte das Glas seines Gegenübers voll.

„Ich verstehe“, sagte er, während er in sein eigenes Glas nur ein paar Tropfen fließen ließ. „Du bist also der Meinung, daß die Engländer den künftigen Welthandel mit Tabak an sich reißen werden.“

„Vielleicht nicht auf die Dauer. Aber sie werden immer ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Davon bin ich überzeugt.“

Blacky hob sein Glas und prostete ihm zu. „In Ordnung, und warum erzählst du mir das alles?“

Porfirio trank und senkte seine Stimme abermals zum Flüsterton. „Ich will in den Tabakhandel einsteigen, mein Junge. Und du könntest mir dabei helfen. Verstehst du? Knüpfe in England für mich Verbindungen an, werde mein Agent, mein Dolmetscher und, wenn du dich mit Gigliola gut verstehst, auch …“ Er grinste und winkte ab. „Lassen wir das. Zuviel Zukunftsmusik bringt Unglück. Halten wir uns an das, was wirklich greifbar ist. Und das ist der Tabak. Ich werde hier in Cagliari das Monopol haben, Blacky. Und wenn wir beide clever genug sind, bauen wir sogar das Monopol für ganz Sardinien auf. Wir werden unvorstellbare Gewinne einstreichen.“

Blacky stieß die Atemluft durch die Nase. „Es fällt mir schwer, das zu glauben, Porfirio.“

„Warum?“

„Ein gewisser Don Marcello Struzzo würde dir beim Gewinn-Einstreichen bestimmt nicht tatenlos zusehen.“

Porfirios Gesicht verlor an Farbe. Er leerte sein Glas in einem Zug und schob es Blacky zum Nachfüllen hin.

„Wir werden uns eben etwas einfallen lassen müssen“, sagte der Händler unsicher. Seine Zunge stieß beim Sprechen bereits kaum merklich an. „Klippen sind schließlich dazu da, daß man sie umschifft, nicht wahr?“

Blacky nickte, lächelte und bediente ihn mit einem vollen Glas.

3.

Die laue Luft des frühen Abends strich über den Hafen von Cagliari. Der Windhauch hätte kaum ausgereicht, um dem Dreimaster die Segel zu füllen. Eine Atmosphäre von Entspanntheit bestimmte das Geschehen in der Stadt.

Carberry spürte es genauso wie die Arwenacks, die sich seinem „Kommando“ angeschlossen hatten. Batuti, Smoky, Roger Brighton, Paddy Rogers, Gary Andrews, Jeff Bowie, Sam Roskill und Matt Davies schlenderten gemeinsam mit dem Profos durch die stadteinwärts führenden Gassen.

Wo sie auftauchten, verstummten Gespräche und richteten sich Blicke auf sie. Staunen und Bewunderung paarten sich in den Augen der Einheimischen, deren abendliches Leben sich auf Bänken oder Stühlen vor den Hauseingängen, unter Vordächern und in sonnenverbrannten Vorgärten abspielte. Besonders der Profos mit seiner riesenhaften Statur, der herkulisch gebaute Gambianeger und die beiden Männer mit den Hakenprothesen fielen auf.

Matt Davies, dessen Haar nach einer Nacht unter Haien vollständig ergraut war, trug am rechten Unterarm die von Ferris Tucker gefertigte Prothese mit dem spitzgeschliffenen Eisenhaken. Jeff Bowie trug einen ähnlichen Ersatz links. Piranhas hatten ihm vor Jahren die Hand abgefressen.

Die Cagliari-Einwohner, die den Arwenacks nachblickten, ahnten mit einem leichten Erschauern, was für Rauhbeine da an ihnen vorbeispazierten. Unschwer vorzustellen, wie diese Kerle selbst den Teufel und alle Naturgewalten herausforderten, wenn es sein mußte.

Durch verschachtelte Gassen, die mit beträchtlicher Steigung stadteinwärts führten, erreichten die Arwenacks die kleine Piazza. Die Giebelseiten der Häuser waren dem gepflasterten Platz zugewandt. Platanen spendeten Schatten für die Eingänge und Fenster der Häuser. Über die Dächer an der Nordwestseite fiel der Blick auf das bergige Landesinnere. Heitere Stimmen erfüllten die Piazza. Bei mindestens einem Drittel der Gebäude handelte es sich um Schenken der unterschiedlichsten Art.

Carberry und seine Begleiter sahen sich kurz um.

Sie brauchten nicht lange zu überlegen.

Eine Trattoria mit einem Dutzend langer Tische vor der Hausfront war genau richtig für sie. Noch nicht einmal die Hälfte der Tische war besetzt, und die Signorinas, die dort ohne männliche Begleitung ausharrten, sahen zum Anbeißen aus. Die schmachtenden Blicke, die sie herüberwarfen, waren gut eingeübt – was ebenso mit der Nähe des Hafens zu tun haben mußte wie die Anwesenheit der Signorinas überhaupt.

„Kurs auf die Ladys!“ entschied Carberry.

Die Männer fügten sich willig seinem Kommando.

An den Tischen vor der Trattoria herrschte eindeutig Frauenüberschuß. Die wenigen Seeleute, die der Sprache nach aus Sizilien und Spanien stammten, reichten an Zahlenstärke nicht aus, um die Unterhaltung der Ladys zu gewährleisten – wozu in erster Linie eine gewisse Zahlungskraft gehörte.

Die Arwenacks, das sagte der weiblich-fachmännische Blick auf Anhieb, waren nicht nur verteufelt prächtige Mannsbilder, sondern sie sahen auch ganz danach aus, daß sie die Puppen tanzen lassen konnten.

Der Profos und seine Gefährten suchten sich einen Tisch ganz vorn aus, unmittelbar an der Piazza. Der Inhaber erschien zusammen mit einem Gehilfen, um sich nach ihren Wünschen zu erkundigen. Die Arwenacks entschieden sich für Rotwein, Schinken und frisches weißes Brot.

Der geräucherte Schinken, zum knusprigen Brot in hauchzarte Scheiben geschnitten, zerging auf der Zunge. Und der Rotwein rann so sanft in die Kehle, daß die Männer an englisches Bier, schottischen Whisky und karibischen Rum keinen Gedanken mehr verschwendeten.

Die weibliche Gesellschaft ließ nicht lange auf sich warten.

Kichernd und schnatternd, hüftenwiegend und glutäugig schoben sich die Signorinas heran. Eine Verständigung, die ohnehin nicht möglich schien, erübrigte sich vorerst. Gesten genügten. Die Wahl einer drallen Brünette fiel nach kurzem und tiefem Blickkontakt auf Carberry. Sie ließ sich neben ihm auf der Bank nieder.

Der Gehilfe des Inhabers brachte neue Trinkbecher und nachgefüllte Weinkrüge. Die Stimmen der Arwenacks und auch der übrigen Seeleute wurden lärmender und ausgelassener. Die Signorinas kreischten gelegentlich, wenn eine allzu vorwitzige Hand in Gegenden vordrang, deren Erkundung zu diesem Zeitpunkt noch nicht genehm war.

Carberry hatte inzwischen herausgefunden, daß seine Brünette auf den Namen Consuela hörte und einen spanischen Vater und eine sardische Mutter hatte. Consuela beherrschte ein paar spanische Wörter. Indem sie sich an den großen Mann mit dem Narbengesicht schmiegte, gestand sie ihm, daß er ihr mächtig gut gefalle. Er blickte sie grinsend von der Seite an, um den Wahrheitsgehalt ihrer Äußerung zu prüfen.

Mindestens zur Hälfte, so stellte er fest, stimmte es. Das Prachtweib war eine Sünde wert.

Consuela strich mit den Fingerkuppen über seine Armmuskeln.

„Starker Mann!“ hauchte sie voller Bewunderung.

„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, entgegnete er auf Spanisch und grinste dazu.

Consuela kicherte und hielt sich die Hand vor den Mund. Plötzlich verstummte sie, als hätten ihre Stimmbänder auf einmal alle Kraft verloren.

Auch die anderen wurden still. Überall auf der Piazza versickerten die Gespräche. Nur die Arwenacks und die übrigen Seeleute, die nicht aus Cagliari stammten, begriffen nicht auf Anhieb, was los war.

Carberry sah Consuela an, und dann blickte er auf die Piazza, wohin ihre dunklen Augen starr gerichtet waren. Die restlichen Männer von der Schebecke wurden ebenfalls in diesen Sekunden aufmerksam.

Jene, auf die sich alles Interesse konzentrierte, stolzierten von stadteinwärts auf die Piazza. Dreizehn geschniegelte Affen, wie Carberry nach raschem Zählen feststellte.

Auf Anhieb fühlten sie sich als Beherrscher der Szene. Das zeigten allein ihre hoch erhobenen Nasen, die blasierten Mienen und die gespreizte Art ihres Gangs. Alle dreizehn trugen blitzblanke Schnallenschuhe, weiße Strümpfe, dunkle Beinkleider und silber- und golddurchwirkte Oberbekleidung. Auch ihre Pistolen und Dolche hatten überwiegend ziselierte Griff stücke.

Wie es das Verhängnis wollte, steuerten die Geschniegelten ausgerechnet auf jene Trattoria zu, vor der sich die Arwenacks niedergelassen hatten.

Der Anführer, der seine Anweisungen mit knappen Handbewegungen gab, war ein mittelgroßer, breitschultriger Kerl mit düsterem Vollbart. Er zog sein Barett vom Kopf, und eine kurzgeschorene schwarze Haarmatte wurde sichtbar, als er zu einem freien Tisch in der Nähe der Arwenacks wies.

Die Geschniegelten ließen sich nieder. Ihre Sprache klang so geziert wie ihr gesamtes Auftreten. Der Inhaber der Trattoria eilte mit zwei Gehilfen herbei, und alle drei mußten vor lauter Verbeugungen Mühe haben, mitzukriegen, was die hochwohlgeborenen Gäste bestellten. Weinkrüge wurden herbeigeschleppt, Brot in flachen Körben, die mit weißen Tüchern ausgelegt waren. Den Schinken servierte der Inhaber persönlich auf silbernen Platten.

„Scheint so, als ob die Kerle vor Geld stinken“, sagte Carberry gallig.

Die Arwenacks grinsten und nickten zustimmend.

Consuela legte warnend den Zeigefinger auf die Lippen. Eine unerklärliche Anspannung hatte sie und ihre Gefährtinnen erfaßt.

Die bevorzugten Gäste des Hauses waren mit allen Gaumengenüssen versorgt. Der bärtige Anführer sah sich kurz um. Dann schnalzte er zweimal mit den Fingern.

Die Signorinas, die den Arwenacks und den anderen Seefahrern Gesellschaft leisteten, sprangen auf und eilten zum Tisch der Geschniegelten, wo sie sich neben den Kerlen niederließen und sich bereitwillig den gierigen Händen aussetzten.

Carberry sprang auf und hieb mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte.

„Ho, ho!“ brüllte er und fuhr auf spanisch fort, das die meisten hierzulande verstanden: „Scheint so, als ob ich meinen eigenen Augen nicht mehr trauen kann, was, wie? Ihr seid auf der Stelle wieder hier, Signorinas, oder wir holen euch!“

Die Geschniegelten bedachten ihn nur mit einem flüchtigen Blick und nahmen keine weitere Notiz. Consuela, von dem Bärtigen mit Beschlag belegt, schüttelte den Kopf und versuchte dem Profos mit verzweifelter Miene zu verklaren, daß man sich um Himmels willen nicht mit diesen Männern anlegen dürfe.

Doch solche Hinweise drangen in den Schädel Carberrys beim besten Willen nicht vor. Und bei seinen Gefährten verhielt es sich kaum anders.

Er stand auf. „Sieht so aus, Freunde, als ob dies ein gemütlicher Abend wird.“

Die Arwenacks grinsten und erhoben sich ebenfalls.

Am Nachbartisch führten die Geschniegelten näselnd ihre Gespräche und betätschelten dabei die bereitwilligen Ladys.

Der Profos hielt seine Gefährten noch für einen Moment zurück.

„Consuela!“ rief er dröhnend. „Habt ihr nicht gehört? Was fällt euch ein, einfach abzuhauen? Ich zähle bis drei. Wenn ihr dann nicht wieder hier seid …“ Er ließ den Rest seiner Drohung unausgesprochen, damit jeder, den es anging, sich seinen Teil denken konnte.

Consuela verdrehte entsetzt die Augen.

Die Geschniegelten taten noch immer, als wären sie die einzigen Gäste der Trattoria.

„Eins!“ donnerte die Stimme des Profos.

Der Bärtige unterbrach mit unwilliger Miene das Gespräch mit seinem Nebenmann und hob den Kopf, als sei eine vorwitzige Mücke an seiner Nase vorbeigeschwirrt.

Consuela und ihre Gefährtinnen sahen aus, als würden sie am liebsten im Erdboden versinken.

„Zwei!“

Batuti und Smoky setzten sich als erste in Bewegung – langsam, scheinbar noch zögernd. Matt Davies folgte dem Beispiel des Gambianegers und des muskulösen Decksältesten. Wie unbeabsichtigt hob Matt seine Rechte mit der furchterregenden Hakenprothese.

Consuela sprang als erste auf und nahm mit einem spitzen Schrei Reißaus. Die anderen folgten ihr im Abstand von Sekundenbruchteilen.

„Drei!“ brüllte Carberry und stemmte die Fäuste in die Hüften.

Mit gespielter Verwunderung blickte er den Signorinas nach, die in die nächstgelegene Gasseneinmündung flohen. Ihre Angstschreie und die trippelnden Schritte waren noch zu hören.

„Ja, hat man da Töne!“ sagte der Narbenmann kopfschüttelnd. „So was von Ungehorsam!“

Der Bärtige bereitete sich nicht einmal die Mühe, aufzustehen. Die anderen taten noch immer, als seien die Arwenacks Lebewesen von einer fremden, minderen Art, die zu beachten sich nicht lohne.

„Ihr seid ein unverschämtes Pack“, nuschelte der Anführer durch seinen finsteren Bart. Sein Spanisch war perfekt. „Dafür müßt ihr bestraft werden.“

Wie aus dem Nichts lag plötzlich eine silbern verzierte Radschloßpistole in seiner Rechten. Er spannte den Hahn und stützte den Kolben der Waffe auf die Tischplatte.

Die beiden Männer, die ihm gegenübersaßen, wichen auseinander und unterhielten sich weiter. Für sie schien es die unbedeutendste Nebensache zu sein, die da am Rande geregelt werden mußte. Unangenehm war bestenfalls die Tatsache, daß der weibliche Zeitvertreib das Weite gesucht hatte.

Carberry blinzelte ungläubig in die großkalibrige Laufmündung der kostbaren Waffe.

„Tu das Ding weg, Mann“, sagte er, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, „oder dir passiert ein Unglück.“

Der Bärtige grinste spöttisch und zog durch. Das Reibrad schnurrte.

Der Profos stand regungslos. Er duckte sich nicht einmal.

Der Schuß krachte.

Um Fingerbreite sirrte die Kugel über seinen kantigen Schädel weg.

Der Bärtige zog die Brauen zusammen.

„Schick deine Strolche los“, sagte er bissig. „Sie sollen die Weiber zurückholen, und zwar ein bißchen schnell.“ Er legte die Radschloßpistole auf den Tisch und ließ sich die Waffe seines Nachbarn zur Rechten geben. „Die nächste Kugel trifft. Darauf kannst du dich verlassen.“

Erneut blickte der Profos in eine Mündung.

Aber diesmal brauchte er sich nicht erst darüber aufzuregen. Die überhebliche Art, wie der Bärtige die Einschüssige in Anschlag brachte, war das Einsatzzeichen für die Arwenacks.

Etwas zischte an Carberrys linker Schulter vorbei.

Der Bärtige schrie auf. Die Pistole fiel aus seinen schlagartig kraftlosen Fingern auf die Tischplatte. Aus seinem rechten Oberarm ragte der Griff eines Messers. Sein Schrei wollte nicht enden. Es war mehr Wut als Schmerz darin.

Die Arwenacks stürmten los, als die Geschniegelten eben im Begriff waren, ihrer Überraschung Herr zu werden und aufzuspringen.

Sam Roskill, der das Messer geschleudert hatte, wechselte einen Blick mit dem Profos und grinste. Dann erntete Sam einen anerkennenden Prankenhieb auf die Schulter, daß er das Gefühl hatte, unangespitzt in den Boden gerammt zu werden.

Der Bärtige schrie noch immer und krümmte sich über der Tischplatte.

Carberry flankte um das Kopfende des langen Tisches herum und versetzte dem Schreihals eine schmetternde Ohrfeige. Es kehrte Ruhe ein – bis auf die erstickten und gurgelnden Laute der elegant gekleideten Signori, die sich unvermittelt angehoben fühlten, ehe sie aus eigener Kraft vollends aufspringen konnten.

Während sich der Profos den Nebenmann des Anführers schnappte, war Sam Roskill zur Stelle und zupfte den übernächsten von der Sitzbank, einen wangenbärtigen Schönling, der an seiner Pistole zerrte, um sie aus dem Futteral zu reißen. Er schaffte es nicht mehr. Sam hieb ihm die Hand weg und legte ihn mit zwei weiteren trockenen Schlägen flach.

Den übrigen Geschniegelten erging es ähnlich schmerzhaft.

Carberry beförderte seinen Mann mit dem Profoshammer ins Reich der Träume. Batuti hatte einen hageren Burschen erwischt, den er mühelos anhob, vom Tisch wegtrug, dann fallen ließ und mit wenigen brettharten Hieben zu Boden hämmerte.

Matt Davies setzte seine Hakenprothese ein, um seinem Gegner den Arm mit der schon schußbereiten Waffe herunterzureißen. Der Mann schrie gellend, bis Matt ihn mit einem Hieb der Linken neben die Sitzbank schleuderte.

Nur noch minutenlang waren die trockenen Laute von Fausthieben, scharrende Stiefelsohlen und kurze Schmerzensschreie zu hören, die sofort erstickt wurden.

Dann war der Bärtige der einzige, der noch auf seinem Platz hockte, wimmernd vor Schmerzen, den Kopf auf der Tischplatte. Alle anderen lagen ausgestreckt in der unmittelbaren Umgebung, mit der eleganten Kleidung auf dem von Weinlachen benetzten Steinpflaster.

Die Seefahrer an den anderen Tischen stierten staunend.

Carberry schickte Roger Brighton und Gary Andrews los, damit sie Consuela und ihre Gefährtinnen zurückholten.

Der Bärtige schrie noch einmal gellend auf, als Sam Roskill ihm das Messer aus dem Oberarm zog und an seinem kostbaren Wams reinigte. Carberry brachte den Mann mit einer erneuten Ohrfeige zum Schweigen. Da er stark blutete, gab der Profos Sam und Paddy einen Wink, ihm einen Notverband anzulegen. Die Männer erledigten es im Handumdrehen.

Der Profos packte den kreidebleich gewordenen Anführer am Kragen und zog ihn zu sich heran.

„Ihr dürft euch jetzt davonschleichen“, sagte er mit einer Freundlichkeit, der jeder anhören konnte, daß sie keine war. „Und ich rate euch dringend, Amigos, laßt euch nicht wieder blicken! Sonst ziehen wir euch lausigen Affenärschen die Haut in Streifen ab und hängen sie da oben zum Trocknen auf.“ Er deutete auf die weit ausladenden Äste einer Platane ganz in der Nähe.

Der Bärtige schluckte und schwieg. Fassungslos stierte er auf seine Kumpane, wie sie sich mühselig und stöhnend aufrappelten.

Eine Minute später waren sie so weit, daß sie ihre Zeche bezahlen und davonwanken konnten.

Roger und Gary kehrten mit den Signorinas zurück.

„Jetzt feiern wir unsere Helden!“ rief Consuela begeistert, als der Bärtige und seine Kerle außer Hörweite waren.

„Hab doch gewußt, daß es noch ein gemütlicher Abend wird“, brummte Edwin Carberry und ließ sich von der Brünetten das Rammkinn kraulen.

„Es ist wie ein Traum“, flüsterte Gigliola und schmiegte sich fest an den muskulösen Körper des Mannes.

Er lächelte nur und strich mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht. Er wußte, was sie meinte, denn er empfand es ebenso. Ein freundlich aussehender Mond lugte mit seinem blassen Schmunzeln in das kleine Kammerfenster und verteilte einen Hauch von Licht. Gigliola und Blacky hatten die Bettdecke beiseite geworfen. Die matte Helligkeit verlieh ihren nackten Körpern, ihrer Haut einen seidigen Schimmer.

Gigliolas Kammer war ein Ort geworden, der sich für sie beide von der übrigen Welt gelöst hatte. Selbst Blacky hatte das Gefühl, daß nichts anderes mehr eine Rolle spielte – wenigstens in diesen Stunden nicht. Er verschwendete keinen Gedanken an die Schebecke, an die Arwenacks und an alles, was für ihn noch bis vor kurzem wichtig gewesen war.

Ebensowenig kümmerte es ihn, daß im Erdgeschoß der Hausherr selig schlummerte. Selbst wenn Porfirio Nócciolo nicht vom Wein benebelt gewesen wäre, hätte er vermutlich nichts dagegen gehabt, daß seine Tochter in dieser Nacht auf die Gesellschaft des schwarzhaarigen Mannes aus dem glorreichen England nicht verzichten wollte.

Blacky grinste, ohne daß Gigliola es sehen konnte.

Porfirio hatte den Kopf voller Tabak. Bestimmt träumte er von seinen Handelsplänen, und wahrscheinlich hatte er schon morgen eine Strategie entwickelt, wie man den Machtanspruch des Don Marcello Struzzo umgehen konnte. Natürlich würde sich nichts von dem, was der Alte plante, in die Tat umsetzen lassen.

Gigliola hatte nur gelacht, als Blacky von dem Gespräch mit ihrem Vater berichtete. Er habe schon immer himmelstürmende Geschäftsideen gehabt, hatte sie gesagt, aber er sei eben nach wie vor Fisch- und Gemüsehändler.

Dieser Umstand hatte Blacky in der Tat zu denken gegeben.

Er räusperte sich. „Ich habe eine trockene Kehle“, sagte er. „Ein Schluck vom Wein des Hauses würde mir jetzt guttun.“

Gigliola bewegte sich neben ihm, umfaßte die Härte seiner Schultern und zog sich zu ihm hoch, so daß sie ihn küssen konnte.

„Mir scheint“, flüsterte sie, „daß du dich gern bedienen läßt.“

„In jeder Beziehung“, erwiderte er leise. „Aber den Wein würde ich auch selber holen, wenn ich wüßte, wo ich ihn finde.“

„Keine Sorge“, entgegnete sie kichernd. „Ich habe mir vorgenommen, dich zu verwöhnen. Aber vielleicht solltest du dir in diesem Fall die Belohnung erst verdienen.“

Sie stieß einen kleinen Schrei aus, als er sie in den Hüften packte, ein Stück hochhob und sie im nächsten Atemzug langsam auf sich niedersinken ließ. Ihre Stimme versiegte, und sie schlang die Arme um seinen Kopf.

Etwas krachte.

Jäh füllte es den kleinen Raum wie mit einem Donnerschlag aus.

Blacky spürte, wie Gigliola über ihm zusammenzuckte und vor Schreck erstarrte.

Er selbst überwand den Schreck schneller, aber da war die junge Frau, die ihn mit ihrem atemberaubenden Körper behinderte.

Dem Krachen folgte ein Splittern von Glas. Scherben klirrten zu Boden.

Tür und Fenster waren gleichzeitig aufgebrochen worden.

Blacky schaffte es fast, sich von der angstgelähmten Gigliola freizukämpfen.

Aber die Gestalten waren bereits zur Stelle. Daß sie nach dem Lärm jetzt auf leisen Sohlen huschten, erschien Blacky widersinnig. Ihm fiel jedoch ein, daß sie diese Lautlosigkeit gebraucht hatten, um in das Haus einzudringen und sich unbemerkt anzuschleichen.

Er wollte vom Bett hochfahren und nach seinen Waffen greifen.

Zu spät.

Vier Kerle waren in diesem Sekundenbruchteil neben dem Bett, und sie gingen kein Risiko ein. Mit den Kolben ihrer Pistolen schlugen sie zu.

Blacky hörte noch, wie Gigliola vor Entsetzen schrie und gleich darauf mit einem Fausthieb zum Verstummen gebracht wurde. Dann explodierte grellfarbener Schmerz vor seinen Augen. Auch die schwächere Schmerzexplosion eines zweiten Hiebes nahm er noch wahr. Im nächsten Augenblick versank er in tiefe Bewußtlosigkeit, die ihm jegliche Empfindung ersparte.

Als er erwachte, durchfuhr ihn etwas von der Kälte eines Eiszapfens. Etwas das schlimmer war als körperlicher Schmerz.

„Gigliola!“ stöhnte er und tastete mit beiden Händen um sich. Sehen konnte er noch nichts.

In seiner unmittelbaren Umgebung, so weit seine Hände reichten, war nur Stein. Rauhe Platten mit Fugen dazwischen. Ein Fußboden.

Das Heulen des Windes drang in sein Bewußtsein.

Gigliolas Nähe war zu berauschend gewesen. Um so grausamer drang es jetzt in sein zurückkehrendes Bewußtsein, auf welche Weise er von ihr weggerissen worden war. Ohnmächtige Wut packte ihn.

Und damit setzten die Schmerzen in seinem Kopf ein.

Es hämmerte und dröhnte, als hätte sich eine fremde Macht in seinem Kopf eingenistet, um ihn von innen zu sprengen. Wahrnehmungen und Gedanken wurden betäubt. Er lag regungslos auf dem Rücken, rührte sich nicht und versuchte, die Schmerzen zu überwinden. Dazu mußte er die Wut bezwingen, die sein Blut in Wallung brachte.

Nach Minuten, die ihm wie Ewigkeiten erschienen, hatte er sich an das Hämmern und Dröhnen so weit gewöhnt, daß es seine Sinne nicht länger lahmlegte.

Langsam, mit beträchtlicher Mühe, drehte er sich auf den Bauch und kroch so weit, bis er mit den Händen gegen eine Wand stieß. Jetzt hörte er wieder das Heulen des Windes. Es war kalt. Er begann zu frieren, Zugluft strich über ihn hinweg. Abermals drehte er sich herum, lag eine Sekunde lang schwer atmend auf dem Rücken und fing dann an, sich aufzusetzen.

Es war eine höllische Anstrengung.

Die Kerle mußten ihn halb totgeschlagen haben.

Vielleicht hatten sie ihn tatsächlich für tot gehalten. Himmel, das konnte bedeuten, daß sie ihn in eine Gruft geworfen hatten – in ein gemauertes Geviert mit einer Granitplatte obendrauf!

Panik erfaßte ihn, und sofort setzten die Schmerzen wieder heftiger ein. Keuchend zwang er sich zur Ruhe. Noch konnte er atmen, und da war auch dieser Luftzug. Er sagte sich, daß er während seiner Bewußtlosigkeit längst erstickt wäre, wenn es sich tatsächlich um eine dicht abgeschlossene Gruft gehandelt hätte.

Nach einer wiederum quälend langen Zeitspanne schaffte er es endlich, sich mit dem Rücken an der Wand hochzuschieben.

Sitzend hielt er inne und wartete, bis sein Atem langsamer ging und auch die Schmerzen wieder geringer wurden. Sie mußten ihm mörderische Schläge verpaßt haben. Doch sie konnten ihn nicht wirklich für tot gehalten haben. Sie mußten seinen Herzschlag und seinen Atem festgestellt haben.

Also hatten sie einen Grund, ihn am Leben zu lassen.

Ihm wurde bewußt, daß er die ganze Zeit über die Augen offen gehabt hatte. Aber erst jetzt wich ein tief schwarzer Schleier, der sein Sehvermögen fast völlig ausgeschaltet hatte. Er sah das Mondlicht und hätte einen Freudenschrei ausstoßen können. Doch dieses Mondlicht hatte nichts von jener anheimelnden Wärme, die in Gigliolas Kammer geherrscht hatte. Es war kalt und abweisend, und es wurde in kurzen Zeitabständen von Wolken verdüstert, die der Wind vorübertrieb.

Blacky wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als seine Kräfte endlich zurückkehrten und er den Schmerz bis auf einen geringen Rest bezwingen konnte. Er richtete sich vollends auf und taumelte noch ein wenig, stand dann aber sicher auf den Beinen.

Der Raum, in dem er sich befand, war rund. Es gab vier schmale Fenster, die von außen vergittert waren. Zwei Fenster waren undicht, die Zugluft, die er wahrgenommen hatte, strömte in scharfen kleinen Stößen herein. Der Fußboden bestand aus jenen Steinplatten, die er bereits ertastet hatte. Was sich über der Decke aus dunklen Brettern befand, konnte er nicht herausfinden – vermutlich das Dach.

Denn es war eine Turmkammer, in die sie ihn gesteckt hatten.

Draußen konnte er das Meer sehen. Ein auflandiger Nachtwind hatte dem Wasser deutliche weiße Schaumkronen aufgesetzt.

Landeinwärts befanden sich Gebäude und Parkanlagen. Ein Castello. Einzelheiten waren in der geringen Helligkeit nicht zu erkennen.

In der Mitte der Turmkammer stieß Blacky mit der Fußspitze gegen eine Kante. Er ging in die Knie, um tastend herauszufinden, was es war. Seine Fingerkuppen berührten Holzbohlen von zwei Zoll Stärke.

Eine Luke, ebenfalls kreisrund wie der ganze Raum.

Vorsichtig hob er die Luke an, nur um Handbreite.

Aus unendlich scheinender Tiefe drang ein Tosen und Gurgeln herauf.

Blacky spähte durch den Lukenspalt. Etwas Eisiges kroch über den Rücken.

Nur undeutlich, durch den weißschäumenden Gischt wenig erhellt, ließen sich Einzelheiten erkennen. Es schien aber eindeutig, daß der Turm über einem Felsenkamin gebaut war. Insgesamt mußte er eine Tiefe von mindestens 200 Fuß haben. Dort unten brodelte und schäumte das Wasser über die Uferklippen.

Blacky schloß die Luke.

Das Tosen war nicht mehr zu hören.

Es änderte nichts daran, daß seine Zukunft alles andere als rosig aussah.

4.

Die Holzscheite im Kaminfeuer prasselten und krachten unter den Flammen.

Don Marcello hob sein Glas, so daß er den Wein vor dem Hintergrund des Feuers betrachten konnte.

„Ein achtundachtziger Frascati“, sagte er schwärmerisch. „Mein Gott, die Römer haben schon immer gewußt, was gut ist. Hast du jemals einen köstlicheren Tropfen genossen, Emiliano?“

Emiliano Cóstola, der Mann mit dem Rabengesicht, zog gequält die Mundwinkel nach unten. „Machen Sie sich nicht über mich lustig, Don Marcello. Sie wissen, ich bevorzuge Rotwein.“

„Aber den Weißwein der Römer trinkst du doch nicht nur mit mir, um mir einen Gefallen zu tun, sondern weil er dir schmeckt! Wenn du den Frascati so verabscheuen würdest, rührtest du ihn nicht an. Habe ich recht?“

Cóstola sah den dunkelblonden Mann mit dem kantigen Gesicht an und bemühte sich, seine innere Verzweiflung nicht zu zeigen. Manchmal war es verteufelt schwer, die richtigen Antworten zu geben. Er wußte, in diesem Moment wollte ihn Don Marcello dazu bringen, sich selbst zu widersprechen, um dann in lärmenden Triumph auszubrechen.

Dabei wurde ihm nicht klar, daß er solchen Triumph nur aufgrund seiner Macht erlangte. Wenn man einmal wagte, seine wirkliche Meinung zu äußern, mußte man sehr behutsam sein und zuvor genau prüfen, in welcher Stimmung sich Don Marcello gerade befand. Seine Reaktionen waren höchst unterschiedlich.

Andererseits hatte er, Emiliano Cóstola, seine Position als Rechtsberater und Stellvertreter des Don nicht durch puren Zufall erlangt.

Er wußte, wie er mit Don Marcello umzugehen hatte.

Und Don Marcello war sich darüber im klaren, daß er in ihm den zuverlässigsten und treuesten Mann innerhalb seiner gesamten Organisation hatte.

„Ich weiß“, sagte Cóstola nach einer Weile des Überlegens, „welche große Vergangenheit der römische Wein hat. Man spürt das mit jedem Schluck, den man von so einem kostbaren Tropfen nimmt. Dessen bin ich mir immer bewußt. Wenn ich aber einen einfachen roten Landwein aus den Bergen Sardiniens trinke, dann habe ich das Gefühl, ein Teil dieses Landes zu sein, das uns hervorgebracht hat – das Gefühl, in der Tradition dieses einzigartigen Landes zu stehen, verwurzelt zu sein mit …“

„Emiliano, du bist ein Schlitzohr“, unterbrach ihn Don Marcello grinsend. „Ich hatte fast angenommen, du würdest mir erzählen, wie sehr du toskanischen Wein verabscheust – um mich abzulenken.“

„Das wäre denn doch etwas zu einfach gewesen“, entgegnete Cóstola mit dem Knopfaugenblinzeln eines listigen alten Raben.

Don Marcello Struzzo, der einen Hausmantel aus tiefblauer Seide trug, leerte sein Glas und schenkte aus einer kristallenen Karaffe nach. Das Stichwort „toskanisch“ war geeignet, seine gute Laune zu trüben.

Dieser verfluchte Eindringling aus der Toskana war wie eine schwere Last, die man immer wieder vergeblich abzuschütteln versuchte.

Don Cesare di Montepulciano lebte nun schon seit zehn Jahren wie eine Made im Speck.

Und so sieht er auch das, dachte Don Marcello in einem Anflug von grimmigem Spott.

Es änderte aber alles nichts daran: Don Cesare di Montepulciano hatte sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Cagliari eingenistet, und keine Macht der Welt schien ihn vertreiben zu können. Im Gegenteil. Der fette Kerl, der Wein, Weib und Gesang liebte wie kein anderer, hatte angefangen, seine Machtfühler immer mehr auch nach Cagliari auszustrecken. Dorthin, wo über Generationen stets nur die Familie Struzzo den Ton angegeben hatte.

Seine Ländereien in Montepulciano in der Toskana hatte der saubere Don Cesare einem Schwager zur Verwaltung übergeben. Denn der riesige Gutshof, den er hier, auf Sardinien geerbt hatte, bot zehnmal höhere Einkünfte. Don Marcello wußte darüber genau Bescheid, weil er Erkundigungen eingezogen hatte.

Aber nicht nur die Einkünfte waren es, die dem Eindringling in seiner neuen sardischen Heimat so sehr gefielen. Die vielen kleinen Pächter, die für seinen Gutsbetrieb arbeiteten, hatten viele ansehnliche Töchter und gelegentlich auch ansehnliche Ehefrauen.

Es war ein offenes Geheimnis, daß der toskanische Hurensohn einen beträchtlichen Anteil der Pachtraten in seinem Lotterbett abgelten ließ. Stolze Sardinnen wurden auf diese Weise entehrt und gedemütigt. Es war eine Schande.

Als noch größere Schande empfanden es manche in Cagliari, daß ihr Schutzpatron, Don Marcello, nicht in der Lage war, den Eindringling mit einem Tritt in den Hintern außer Landes zu jagen.

In den ersten Jahren seiner schmarotzerhaften Anwesenheit hatte sich Montepulciano noch zurückgehalten und war den Einheimischen kaum aufgefallen. Seit mindestens acht Jahren aber ging er Don Marcello und den meisten anderen mächtig auf die Nerven. Don Marcello hatte es zu offenen Auseinandersetzungen kommen lassen, und geglaubt, den Kerl mit Waffengewalt vertreiben zu können.

Er hatte Lehrgeld bezahlt.

Don Cesare di Montepulciano verfügte über eine beachtliche kleine Streitmacht, gegen die kein Kraut gewachsen war. Es handelte sich um blasierte Kerle, die er aus seiner vornehmen Heimat mitgebracht hatte.

Allerdings verstanden diese Kerle ihr Handwerk. Es hatte nicht den geringsten Sinn, daß man sich über sie amüsierte. Dadurch schaffte man das Problem am allerwenigsten aus der Welt.

Don Marcello und Don Cesare hatten sich im Laufe der kriegerischen Auseinandersetzungen mehrmals blutige Rache geschworen. Das war immer dann der Fall gewesen, wenn Don Marcellos Leute Ansiedlungen und Pächterhöfe im Machtbereich Montepulcianos verwüstet hatten. Und umgekehrt, wenn Don Cesares Horden in Cagliari den wilden Mann markiert hatten.

Don Marcello Struzzo stellte sein Glas ab, richtete sich im Sessel auf und sah seinen Berater an. „Was hältst du von der Angelegenheit, Emiliano? Ist es eine neue Offensive, die der Bastard eingeleitet hat?“

Cóstola nahm einen Schluck von dem römischen Wein und erwiderte den Blick seines Herrn über den Rand des Glases hinweg. „Ehrlich gesagt, ich rechne nicht mit einer wirklichen Offensive. Es wird eher ein Geplänkel sein, aber eins, das wir ernst nehmen müssen.“

Don Marcello rieb sich das Kinn. „Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, daß dieser Bursche für Montepulciano arbeitet.“

Cóstola antwortete mit einer entschiedenen Handbewegung. „Daran habe ich nun meinerseits nicht den geringsten Zweifel. Der Mann fiel mir bei dem Zwischenfall auf der Piazza sofort auf. Die Toskaner rühmen sich stets ihrer besonderen Raffinesse. Das habe ich in meine Überlegungen einbezogen, und es paßt alles zusammen.“

„Nämlich?“ Don Marcello lehnte sich wieder zurück.

„Der Mann ist eindeutig Norditaliener. Er gibt sich als Engländer aus und radebrecht mit einem Akzent, der zugegebenermaßen sehr gekonnt ist. Sie werden sehen, Don Marcello, unter der Folter wird er auf einmal fließend Italienisch sprechen.“

Struzzo nickte. „Ein Todesbote also, den Montepulciano aus seiner lausigen Heimat hat holen lassen – mit dem alleinigen Auftrag, mich zu töten.“

„Das ist leider zu befürchten“, sagte der Mann mit dem Rabengesicht, und seine Knopfaugen waren voller Ernst und Sorge.

„Für einen bezahlten Mörder“, sagte Don Marcello gedehnt, „war dieser Bursche allerdings reichlich unvorsichtig. Warum mischte er sich in so einen läppischen Streit an Nócciolos Marktstand ein?“

„Er hat sich nicht eingemischt“, widersprach Cóstola. „Es war die kleine Händlerhure Gigliola, die ihm den Kopf verdreht hat. Warum, so dürfte er sich gesagt haben, sollte er sich nicht die Abwechslung eines Abenteuers erlauben, bevor er in Cagliari zur Tat schreitet?“

Don Marcello Struzzo ließ ein nachdenkliches Brummen hören. Nach einer Weile grinste er bösartig. Er leerte sein Glas mit dem perlenden weißen Frascati, als gelte es, einen Erfolg zu feiern.

„Nun“, sagte er, „wir werden dem Drecksack Montepulciano einen Denkzettel verpassen, den er so schnell nicht wieder vergißt.“

Bob Grey war für die letzte Deckswache an Bord der Schebecke eingeteilt, und er erlebte das Schauspiel des Sonnenaufgangs an der östlichen Kimm. Durch die Masten der im Hafen vertäuten Segler konnte er das offene Meer sehen. Vor dem Feuerball, der langsam über die scharfe Linie der Kimm aufstieg, erschienen Masten und Takelage wie ein gigantisches Ölbild, das in ausschließlich schwarzer Farbe vor blutigrotem Hintergrund gemalt worden war.

Der drahtige blonde Engländer wandte sich um, überquerte das Hauptdeck zur gegenüberliegenden Verschanzung und blickte zu den Häusern von Cagliari, die sich mit ihren Schindeldächern fast planlos um die winkligen Gassen gruppierten.

Die Stadt erwachte.

Rauch von Kochfeuern quoll aus den Schornsteinen und wurde vom Wind davongetragen. Die Bäcker hatten ihre Öfen schon vor Stunden angeheizt, noch bei Dunkelheit. Jetzt wehte der Duft frisch gebackenen Brotes bis zum Hafen, und Bob spürte als Reaktion darauf ein Hungergefühl in seinem Magen. Aber der Kutscher und Mac Pellew schlummerten in ihren Kojen. Bis zum Frühstück waren es noch drei Stunden.

Bob seufzte. Er würde den knurrenden Bären in seinem Magen besänftigen müssen.

Er wollte sich abwenden, als er die Schritte hörte – dumpfe Schläge von harten Stiefelabsätzen auf der Pier. Erstaunt blickte er zur Kaiseite der Pier, wo sich die Giebelwände der Lagerhäuser aneinanderreihten. Er rechnete mit einer Streife der Stadtgarde, was das einzig Wahrscheinliche zu dieser frühen Stunde war.

Doch die vier Männer, die da heranstelzten, trugen keine Helme und keine Brustpanzer, keine Uniformen. Alle vier waren schlank und schwarzhaarig, ihre Kleidung elegant, die Waffen hochwertig.

Bob Grey mußte unwillkürlich an die geschniegelten Burschen denken, von denen der Profos und die anderen berichtet hatten, die am Abend gemeinsam losgezogen waren.

Die Eleganten steuerten denn auch tatsächlich auf den Dreimaster zu.

Vor dem Schanzkleid blieben sie stehen. Sekundenlang musterten sie den Engländer aus schmalen Augen.

„Wache?“ schnarrte der älteste der drei, dessen silbergraue Haarsträhnen nur aus unmittelbarer Nähe zu erkennen waren.

„So ist es“, entgegnete Bob Grey.

„Rufen Sie Ihren Kapitän. Ich habe mit ihm zu sprechen.“ Es hörte sich an, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, zu dieser nachtschlafenden Zeit eine solche Forderung zu stellen.

Bob tastete unwillkürlich nach seinem Pistolengriff. Er war allein an Deck und konnte im Ernstfall nicht viel ausrichten. Andererseits ließ er sich nicht von irgendwelchen hergelaufenen Figuren einschüchtern. Sollte es tatsächlich kritisch werden, konnte er Alarm geben. Es galt eben nur, daß er auf seine eigene Haut achtete.

Leicht gesagt – angesichts von vier Burschen, die mit Pistolen und Dolchen bewaffnet waren und offensichtlich ausgerechnet diese frühe Tageszeit gewählt hatten, weil sie nicht mit Beobachtern zu rechnen brauchten.

Bob schüttelte den Kopf und grinste herausfordernd. „Tut mir leid, Signori. Der Kapitän ist nicht zu sprechen. Falls Ihnen die Uhrzeit nicht bekannt sein sollte …“

„Ich wiederhole meine Forderung nicht gern“, unterbrach ihn der Anführer schroff. „Notfalls müssen wir mit Gewalt vorgehen.“

Bobs Muskeln spannten sich an.

„Versuchen Sie es“, stieß er entschlossen hervor. „Ohne meine Einwilligung haben Sie auf diesem Schiff nichts verloren.“

Der Anführer und die drei anderen lachten höhnisch. „Die Lächerlichkeit dieser Bemerkung müßte Ihnen eigentlich bewußt sein.“

Bob ließ die Rechte auf dem Pistolengriff ruhen.

„Lassen Sie das meine Sorge sein“, entgegnete er, ohne seine innere Anspannung erkennen zu lassen.

„Also dann“, sagte der andere und nickte. „Letzte Chance für Sie, Engländer. Rufen Sie Ihren Kapitän, oder …“

Schritte näherten sich auf den Decksplanken.

Bob drehte sich ungläubig um.

„Oder?“ sagte der Seewolf mit einem Lächeln, das so eisig war wie ein Morgen in nördlichen Breiten.

Bob konnte nur darüber staunen, wie schnell der Seewolf selbst auf die leisesten Geräusche reagierte. In seiner Kammer konnte er die Stimmen bestenfalls als gedämpftes Murmeln gehört haben. Trotzdem hatte er sofort gespürt, daß dem Schiff und der Crew eine Gefahr drohte.

Es war diese besondere Art von geschärftem Instinkt, die den Seewolf mehr als alle anderen Männer an Bord auszeichnete.

Er war bereits vollständig angekleidet und mit seinem sechsschüssigen Drehling bewaffnet.

Bob Grey zog die Schultern hoch.

„Die Gentlemen haben sich nicht vorgestellt“, sagte er. „Trotzdem hören sie sich für meine Begriffe verdammt unverschämt an.“

Hasard nickte und trat neben Bob an die Verschanzung.

„Sind Sie der Kapitän?“ fragte der Anführer der Gruppe herablassend, obwohl er zu dem hochgewachsenen Engländer mit den breiten Schultern und den schmalen Hüften aufblicken mußte.

Hasard nickte abermals.

„Killigrew“, sagte er. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“

„Meine Männer und ich vertreten Don Cesare di Montepulciano, einen der Mächtigsten in Cagliari und Umgebung. Eine Gruppe unserer Leute wurde gestern abend von Mitgliedern Ihrer Crew vor einer Trattoria grundlos angegriffen und zusammengeschlagen. In einem Fall gab es sogar eine Verletzung durch ein Wurfmesser, Don Cesare läßt Ihnen ausrichten, daß er diese Ungeheuerlichkeit nicht dulden wird. Sie haben den Hafen von Cagliari sofort zu verlassen. Sollte das bis heute mittag nicht geschehen sein, sehen wir uns gezwungen, ein Exempel zu statuieren.“

Der Seewolf zog die Mundwinkel nach unten. „Richten Sie Ihrem Don etwas von mir aus. Daß ich ihm nämlich eigenhändig die Ohren langziehen werde, falls er sich zu irgendeiner Unverschämtheit versteigt.“

Die Kerle erblaßten vor Fassungslosigkeit.

„Unsere Liegegebühren haben wir für drei Tage im voraus bezahlt“, fuhr Hasard fort. „Ich kann mich aber nicht entsinnen, daß Ihr Don Cesare der Zahlungsempfänger gewesen sein sollte. Was den Vorfall von gestern abend betrifft, so lassen Sie sich gesagt sein, daß die Mitglieder meiner Crew sehr wohl Grund hatten, ihre Fäuste einzusetzen. Jedem, der sich diesem Schiff unerlaubt nähert, wird es ähnlich ergehen.“

Das Gesicht des Gruppenführers verzerrte sich. Er konnte seine Wut nicht verbergen. Seine Rechte fuhr zur Pistole.

Hasard hatte seinen Drehling im selben Moment gezogen.

Bob Grey folgte seinem Beispiel.

Die vier Männer Don Cesare di Montepulcianos ließen ihre Waffen stecken. Der Anführer zitterte in seiner Wut, als er Befehl zum Rückzug gab. Er hatte begriffen, daß er und seine Gruppe gegen die Feuergeschwindigkeit des sechsläufigen Drehlings nicht das geringste ausrichten konnten.

Die Turmkammer enthielt keinen einzigen Einrichtungsgegenstand.

Die Menschen, die hierher gebracht worden waren, so vermutete Blacky, hatten keine Gemütlichkeit mehr gebraucht. Es war für sie nur eine Zwischenstation auf der Reise in den Tod gewesen.

Blacky war daher gezwungen gewesen, sich auf dem kahlen Steinfußboden auszustrecken. Nur einen winzigen Vorteil hatte die Kammer: Sie war nicht feucht wie ein Verlies in einem Kellergewölbe. Dafür strömte die Kälte der Nacht fast ungehindert herein. Immerhin waren die Kerle so gnädig gewesen, ihm die Kleidung überzustreifen, bevor sie ihn aus Gigliolas Kammer verschleppt hatten.

Und sie hatten ihn nicht gefesselt.

Wahrscheinlich hatten sie nicht die geringste Sorge, daß er ihnen entwischen könne.

Wenigstens war er in der Lage, sich auf dem Boden zusammenzurollen und in den schützenden Winkel von Wand und Fußboden zu verkriechen. Es half ihm jedoch herzlich wenig. Er horchte auf den Wind, der um den Turm heulte, und versuchte, andere Geräusche wahrzunehmen. Bestenfalls war da noch das Tosen der Brandung, tief unten, am Fuß der Steilküste. Aber es mochte auch seine Einbildung sein, die ihn glauben ließ, daß er dieses Tosen hörte.

Je mehr er versuchte, seine Gedanken auf etwas anderes zu konzentrieren als auf die Kälte, desto wacher wurde er. Bald fror er so jämmerlich, daß er am ganzen Körper zitterte. Er wußte, während des nächsten Tages würde er möglicherweise das Gefühl haben, in der Sonnenglut ersticken zu müssen. Die Temperaturunterschiede, die ihm bevorstanden, konnten ihn allein schon umbringen, wenn es denn nichts anderes war.

Irgendwann in dieser endlos scheinenden Zeitspanne erwachte er und konnte nicht fassen, daß er trotz allem geschlafen hatte. Allein seine Erschöpfung mußte der Grund gewesen sein.

Es war hell geworden.

Unmittelbar nach dieser Erkenntnis begann er zu frieren wie nie zuvor. Sein ganzer Körper wurde von Kälteschauern regelrecht durchgeschüttelt. Er rappelte sich auf und hieb sich die Arme um den Brustkorb. Dabei hüpfte er von einem Bein auf das andere, um den Fluß seines Blutes besser in Gang zu bringen. Bei jeder Bewegung dröhnte der Schmerz, der mit seinem Bewußtsein erwacht war, auf und ab wallend durch seinen Kopf.

Er hielt inne und spähte durch eines der seewärtigen Fenster.

Der Wind hatte nachgelassen. Das vom Sonnenaufgang rötlich gefärbte Meer war spiegelglatt. Denkbar, daß ihm die Windstille die Ruhe eines kurzen Schlafes gewährt hatte.

Er hörte Schritte.

Stirnrunzelnd drehte er sich um und verharrte bewegungslos.

Es waren Schritte von mehreren Männern. Die Sohlen ihrer Schuhe oder Stiefel polterten über Holz.

Blacky blickte zu der Bohlentür der Turmkammer. Die Tür war nach außen zu öffnen. Anzunehmen, daß sich dort eine Holztreppe befand, die in winkligen Abschnitten an der Außenmauer des Turms emporführte.

Blacky überlegte nicht mehr. Er öffnete die runde Luke in der Mitte der Kammer.

Das Wasser in der Tiefe war ruhig, der Sonnenschein tauchte auch die Klippen in rötliches Licht. Wer dort unten landete, wurde zerschmettert, bevor er versank. Möglich, daß einer noch einen Rest Lebens in sich hatte, wenn er von den schroffen Felsen ins Wasser rutschte. In einem solchen Fall war der Betreffende mit gebrochenen Armen und Beinen aber nicht mehr in der Lage, sich schwimmend ans Ufer zu retten.

Die Schritte wurden lauter, deutlicher.

Blacky schlich sich auf die andere Seite der Kammer und stellte sich mit dem Rücken an die Wand, neben den Türrahmen.

Was sie auch vorhatten – er würde so viele wie möglich in den Tod schicken. Oder mitnehmen, was auch immer. Er hatte nur diese eine Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen: die offene Luke. Seine Gegner hatten ihm die Möglichkeit an die Hand gegeben, ohne zu ahnen, daß er sie nutzen konnte. Sie mußten angenommen haben, daß er wegen seines miserablen körperlichen Zustands nicht in der Lage sein würde, auch nur einen Finger zu rühren.

Die Schritte verlangsamten sich und mußten jetzt nahe vor der Tür sein.

Blacky spannte die Muskeln an. Er fror nicht mehr, die hämmernden Schmerzen im Schädel hatten nachgelassen.

Die Schritte endeten. Da draußen mußte es eine Plattform vor der Tür geben. Holz von Riegelbalken bewegte sich schabend. Dann wurde ein Schlüssel ins Schloß geschoben und knirschend herumgedreht.

Blacky hatte das Gefühl, daß seine Muskeln kurz vor dem Zerreißen waren.

Knarrend schwang die Tür auf. Helleres Licht fiel in einem sich vergrößernden Dreieck auf den Steinfußboden und bildete ein Rechteck, das bis zu der runden Lukenöffnung in der Mitte der Kammer reichte.

Der Mann beging den Fehler, einen Schritt über die Schwelle zu tun und dann erst stehenzubleiben, weil er den Gefangenen nicht sah. Die schußbereite Pistole des Mannes war einen halben Yard vor seinem Körper, im Hüftanschlag.

Blacky hieb ihm die Waffe weg, indem er seine Faust auf den Schießarm des Kerls schmetterte.

Der Mann schrie.

Blacky ließ ihm keine Zeit, sich von der Überraschung zu erholen. Blitzschnell, ehe der andere zurückweichen konnte, packte er zu. Seine Fäuste waren wie Eisenklammern. Und seinen Bärenkräften hatte der Sarde nur wenig entgegenzusetzen.

Während die Waffe noch über den Boden schlidderte, stolperte der Mann schon vorwärts.

Blacky ließ ihn rechtzeitig los und wich zurück.

Der Mann konnte den Schwung nicht mehr bremsen. Brüllend vor Entsetzen ruderte er mit den Armen, doch er fand nirgendwo Halt. Seine Füße tappten über den Rand der Luke hinweg – ins Leere. Sein Gebrüll steigerte sich zum Schrillen.

Einen Moment schien es, als könnte er sich am Lukenrand festhalten. Aber nur die linke Hand hatte noch Kraft. Mit der Rechten, gelähmt durch Blackys Hieb, glitt er ab.

Der Todesschrei gellte für lange Sekunden aus dem Turm und dem Felsenkamin herauf.

Ein dumpfer Schlag ließ Stille einkehren.

Blacky blickte auf die Spitze eines Säbels, der nahe vor seinem Gesicht war. Der Mann, der den Säbel hielt, hatte das Aussehen eines großen Raben.

Ein zweiter schob sich mit schußbereiter Pistole herein. Er war dunkelblond und hatte ein kantiges Gesicht, das unbändigen Zorn spiegelte. Gekleidet war er in schwarzgefärbtes weiches Leder, das wie Samt aussah.

„Ich bin Don Marcello Struzzo“, sagte er tonlos. „Hierzulande weiß man, was es bedeutet, sich auf so unverfrorene Weise gegen mich aufzulehnen. Dir sage ich es hier und jetzt, Engländer.“ Er hielt inne, um Luft zu holen. Seine Stimme bebte in mühsamer Beherrschung, als er weitersprach. „Du wirst einen hundertmal grausameren Tod sterben als der Mann, den du eben umgebracht hast. Aber vorher wirst du uns mit Freuden alles das verraten, was wir von dir wissen wollen.“

„Das glaube ich nicht“, entgegnete Blacky kalt.

Struzzo drehte die Pistole um und schmetterte ihm den Kolben gegen die Stirn.

Es war wie ein Blitz, der den Engländer fällte.

5.

Mit Spiegeleiern und gebratenem Speck hatten der Kutscher und Mac Pellew ihren morgendlichen Beitrag zur Versöhnung geleistet. Die Zwillinge hatten in der Stadt frisches Brot eingekauft. Als Krönung des Ganzen gab es Kaffee. Die Bohnen, die aus der Türkei stammten, hatte der Kutscher in aller Frühe geröstet und dann gemahlen. Im Osmanischen Reich hatten die Arwenacks denn auch den Türkentrank kennen- und schätzengelernt.

„Daran kann man sich gewöhnen“, sagte Carberry, nachdem er einen vorsichtigen Schluck von dem brühheißen schwarzen Getränk genommen hatte.

„Das hebt einen drei Tage toten Seemann in die Stiefel“, erklärte Ferris Tucker grinsend.

„Und es öffnet dir die Klüsen sogar, wenn sie schwer wie Blei sind“, ließ sich Old Donegal Daniel O’Flynn vernehmen. „Die Türken schlürfen das Zeug immer dann, wenn sie noch oder schon wieder müde sind. Morgens, nachmittags, abends.“

„Damit sie ihre Suleikas beim Bauchtanz nicht verpassen“, sagte Batuti mit glucksendem Lachen.

Durch das offene Kombüsenschott beobachteten der Kutscher und Mac Pellew, wie die Zwillinge mit der dampfenden Kaffeekanne auf dem Hauptdeck hin und her eilten und gar nicht schnell genug nachschenken konnten.

„Gibt ihnen etwas, was möglichst bitter und unansehnlich ist, und sie werden begeistert sein“, sagte Mac Pellew mit sauertöpfischer Miene.

„Versuche, ihnen mit einer ausgefallenen Speise eine Freude zu bereiten, und sie werden so tun, als hättest du jeden einzelnen von ihnen persönlich beleidigt“, sagte der Kutscher und blickte seinen Mitstreiter an. „Daraus läßt sich eine einfache Folgerung ziehen: Koche immer das, was dir selbst zum Hals heraushängt, und du liegst goldrichtig!“

Mac Pellew nickte, und sein Gesicht verdüsterte sich. „Und da soll man noch von abendländischer Kultur sprechen! Der Verfall der Sitten, scheint mir, ist nicht mehr aufzuhalten. Bei der Eßkultur zeigt sich das doch zuerst.“

Seit er mit dem Kutscher in der Kombüse arbeitete, hatte er eine Menge gelernt, wobei der Kutscher wiederum von jenem Wissen profitierte, das er sich in den Jahren bei Sir Anthony Freemont in Plymouth angeeignet hatte.

Der Kutscher, dieser ernste und häufig etwas gestelzt sprechende Mann, hatte indessen auch an Bord der Schiffe des Seewolfs nie aufgehört, seine Allgemeinbildung zu vervollständigen. Nutznießer waren neben Mac Pellew vor allem die Söhne Philip Hasard Killigrews, denen der Kutscher neben ihrem Vater der denkbar beste Lehrmeister war.

Auf dem Achterdeck besprachen der Seewolf, Ben Brighton, Dan O’Flynn und Don Juan de Alcazar die einzelnen Positionen einer Liste, die Dan zusammengestellt hatte. Es ging um die Vorräte, die im Laufe dieses Tages eingekauft und an Bord geschafft werden sollten.

„Zehn Sack Mehl“, las Hasard kopfschüttelnd. „Nichts gegen die Nudeln, die der Kutscher uns vorgesetzt hat. Aber jetzt übertreibt er wohl doch ein bißchen.“

Die anderen lächelten.

„Die Zahl stammt noch von vorgestern“, erklärte Dan. „Da wußte er ja noch nicht, ob er mit seiner Pasta bei der Crew landet.“

Hasard grinste und änderte die Position auf fünf Sack Mehl. Bisweilen war es erstaunlich, zu welchem Enthusiasmus der so verschlossen wirkende Kombüsenmann fähig war. Was die Reaktion auf seine Kochtopfexperimente betraf, hätte man ihm mehr Feingefühl seitens der Arwenacks gewünscht. Andererseits konnte er nicht erwarten, daß sich die Männer von heute auf morgen zu Feinschmeckern entwickelten.

Die Mannen an Bord eines Seglers brauchten etwas Handfestes, damit ihnen der Mumm in den Knochen erhalten blieb. Und bei den Nudeln mit den wahrhaft hervorragenden Zutaten hatten sie eben das Gefühl gehabt, daß daran rein gar nichts handfest war.

„Um das Tauwerk müßten wir uns noch im Laufe des Vormittage kümmern“, sagte Ben.

Der Seewolf nickte. Über diesen Punkt war keine Diskussion nötig. Ben hatte in der Stadt einen Seiler aufgetrieben, der außergewöhnliche Qualitätsarbeit leistete. Bereits vor zwei Tagen hatte der Mann den Auftrag erhalten, neues Tauwerk für das, was an Bord der Schebecke auszumustern war, zu liefern. Daß der Seiler den Termin einhalten würde, stand außer Frage.

„Will Thorne hat um einen neuen Vorrat an Garn gebeten“, sagte Hasard. „Da wir vom Segeltuch letztlich alle abhängen, brauchen wir darüber nicht zu diskutieren, denke ich.“ Er blickte kurz in die Runde.

Die Männer nickten.

Hasard wollte sich wieder der Liste zuwenden.

Ein scharfes, gebrülltes Kommando ertönte vom Kai her, wo bereits Betrieb herrschte. Ochsen zogen schwere Lasten auf zweirädrigen Karren. Pferdegespanne brachten Tonnenladungen von Gütern, und kleine Einmaster und einfache Lastkähne wurden in den Hafenbecken bewegt, um ihre Liegeplätze zum Leichtern von Schiffsladungen einzunehmen.

Der Seewolf hob den Kopf und wandte sich um. Seine Gefährten folgten seinem Beispiel.

Das Kommando hatte einer Marschformation gegolten, die in diesem Augenblick vom Kai her auf die Pier der Schebecke einschwenkte.

Die Männer an Bord des Dreimasters glaubten, ihren Augen nicht zu trauen.

Vierzig Kerle.

An ihrer Spitze marschierte jener Mann, der am frühen Morgen die kleine Gruppe befehligt hatte. Alle trugen die gleiche Kleidung, die dadurch wie eine Uniform wirkte. Und alle waren mit Pistolen und Säbeln bewaffnet.

Der Marschtritt der Kolonne dröhnte auf der Pier.

Auch die Arwenacks auf dem Hauptdeck wurden aufmerksam. Ungläubig blinzelnd richteten sie sich auf. Widerwillig verzogen sie die Gesichter, weil ihnen die letzten Schlucke des Türkentranks vermiest wurden.

Hasard rollte die Liste zusammen und gab sie Dan, der sie unter seinem Gürtel verstaute. Die Augen des Seewolfs verengten sich.

„Dieser Montepulciano scheint ein ziemlich anmaßender Bursche zu sein“, sagte er rauh.

„Wie man’s nimmt“, entgegnete Ben und zog die Schultern hoch. „Anscheinend vertraut er nicht auf seine Macht, auf das Gewicht seines Wortes. Deshalb schickt er uns seine Meute auf den Hals. So kann man es auch deuten.“

Hasard nickte und wandte sich nach vorn. Er brauchte keine Worte zu verlieren. Eine Handbewegung genügte. Al Conroy, Luke Morgan, Bob Grey und die Zwillinge waren bereits unterwegs, um Pistolen und Munition an Deck zu holen. Angesichts der waffenstarrenden Meute mußte man mit dem schlimmsten denkbaren Fall rechnen.

Der Seewolf wandte sich der Pier zu und trat an die Verschanzung. Ben, Dan und Don Juan folgten ihm.

Da war niemand, der die Marschkolonne aufhielt. Keine Stadtgarde, kein Hafenkapitän.

Noch dreißig Schritte trennten die Männer Don Cesare di Montepulcianos von der Schebecke. Hasard und seine Gefährten beobachteten, wie sich die Crew der in unmittelbarer Nähe liegenden Schiffe unter Deck verzogen. Montepulciano schien in der Stadt und im Hafen schalten und walten zu können, wie er wollte.

Im Handumdrehen waren die ersten Männer auf dem Hauptdeck mit Pistolen ausgerüstet. Carberry verhielt sich ausnahmsweise ruhig, während sie sich an die pierseitige Verschanzung begaben und die Einschüssigen in aller Eile luden.

„Abteilung – halt!“ brüllte der Anführer.

Das Schrittedröhnen endete längsseits. Auf einen Schlag war die Kolonne zum Stehen gelangt.

„Reeechts – um!“

Nach dem Schwenker, den sie wie ein einziger, Mann ausführten, blickten die Kerle in zehn Pistolenläufe. In jedem Sekundenbruchteil gesellten sich weitere hinzu. Die Gesichter der Arwenacks über dem Schanzkleid spiegelten grimmige Entschlossenheit.

Der Seewolf sah, daß etlichen Kerlen mulmig zumute wurde. Doch da war ihre zahlenmäßige Überlegenheit, die ihnen Mut einflößte.

Sämtliche Arwenacks waren in dieser Sekunde mit Pistolen ausgerüstet. Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der Papagei, waren unter Deck gebracht worden. Lediglich Plymmie, die Wolfshündin, durfte bei den Zwillingen bleiben. Mit gesträubtem Nackenhaar und leisem Knurren ließ sie deutlich erkennen, daß sie ihren Teil zur Verteidigung des Schiffes beitragen würde.

Al Conroy wuchtete ein geladenes Drehbassenrohr in eine der schwenkbaren Gabellafetten, richtete die Mündung auf die Montepulcianokerle und hielt die glimmende Lunte hoch.

Der Anführer erbleichte. Aber er riß sich zusammen.

„Signor Killigrew!“ rief er scharf und versuchte, seine Stimme so energisch wie möglich klingen zu lassen. „Ich hatte Ihnen im Namen Don Cesares Order erteilt, den Hafen von Cagliari zu verlassen. Wie ich sehe, haben Sie nicht vor, diese Order zu befolgen.“

„Sie sehen richtig“, erwiderte der Seewolf und grinste. „Was Sie außerdem sehen dürften, sind unsere geladenen Waffen. Sollte auch nur einer von Ihnen zur Pistole greifen, blasen wir Ihren ganzen Haufen mit gehacktem Blei und mit Rundblei von der Pier. Begriffen?“

Der Anführer nickte. Sein Adamsapfel ruckte auf und ab. Er rang mit sich um eine Entscheidung. Und dann tat er das einzig Denkbare, was er noch tun konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Er brüllte einen Angriffsbefehl.

Mit bloßen Fäusten stürmten die Kerle auf die Verschanzung der Schebecke los.

Ihr Anführer hatte richtig kalkuliert: Die Engländer feuerten nicht auf Gegner, die ihrerseits keinen Schuß abzugeben gedachten. Blitzschnell, während sich die Montepulcianokerle mit Angriffsgebrüll gegenseitig anfeuerten, entspannten die Arwenacks ihre Pistolen und stießen sie unter die Gürtel.

Den ersten Ansturm der zahlenmäßig weit überlegenen Angreifer vermochten sie nicht abzublocken. Als lärmende menschliche Masse flutete die Meute zur Verschanzung und darüber hinweg. Der Anführer war mitten unter ihnen, alles andere als ein Feigling.

Unter den eisenharten Fäusten der Arwenacks segelte etwa ein Drittel der Kerle direkt vom Schanzkleid aus auf die Decksplanken und wurde damit der Mühe enthoben, sich auf den Beinen zu halten.

Die übrigen zwei Drittel jedoch erreichten die gegenüberliegende Seite der Schebecke, wo sie sich sammelten.

Atemzüge lang starrten sich die gegnerischen Parteien an. Zwischen ihnen lagen die Bewußtlosen, von denen sich einige stöhnend zu bewegen begannen. Der Anführer schrie seinen nächsten Befehl. Ein verhängnisvoller Befehl, wie sich herausstellen sollte.

Die Angreifer zogen blank. Ihre Klingen blitzten im Licht der Morgensonne.

Der Seewolf hatte seinen Säbel im nächsten Moment aus der Scheide, und die Männer folgten seinem Beispiel.

Auf einigen der Schiffe in der Nähe waren Gesichter mit großen Augen zu sehen. Aus sicherer Deckung heraus beobachteten Seeleute fassungslos, was sich abspielte. Jeder einzelne von ihnen war bereit, sich blitzschnell in Sicherheit zu bringen, falls die Luft doch noch bleihaltig werden sollte.

Für die Montepulciano-Meute gab es kein Zurück mehr. Der Anführer schrie den Angriffsbefehl. Mit flirrenden Klingen stürmten die Kerle quer über die Decks der Schebecke.

Auf halbem Weg warfen sich ihnen die Arwenacks entgegen. Für die Männer, die aus der Toskana nach Sardinien gekommen waren, schien es, als würden sie gegen eine Mauer anrennen – eine Mauer, die noch dazu mit sausenden Säbelhieben reagierte.

Das helle Klirren, mit dem Klingenstahl auf Klingenstahl prallte, war im Hafen von Cagliari weit zu hören.

Dennoch fand sich auch jetzt niemand, der es wagte, sich in die Auseinandersetzung einzumischen.

Die hell schmetternden Stahlgeräusche nahmen zu und wurden überlagert von Schreien. Unterdrückte Schmerzenslaute und verbissenes Keuchen gingen im Toben des Säbelkampfes unter.

Der Anführer der Montepulciano-Meute hatte sich von Anfang an auf den Seewolf konzentriert, als würde er dadurch am besten in der Lage sein, den Kampf im Sinne seines Auftraggebers zu entscheiden.

Hasard trieb einen untersetzten Burschen mit einer scharfen Attacke von sich weg. Mit einem Nachsetzen brachte er den Mann zu Fall. Noch im selben Atemzug stieß der Anführer in die Lücke, indem er von seiner Auseinandersetzung mit Ben Brighton kurzerhand abließ. Verblüfft blickte der Erste Offizier seinem Gegner nach, da es im ersten Moment schien, als wolle der Mann die Flucht ergreifen.

Für den Seewolf war es keine überraschende Wende. Er hatte gespürt, wie der Mann mit den feinen grauen Strähnen im Haar immer wieder versucht hatte, an ihn heranzukommen. Jetzt, endlich, hatte er es geschafft, und er schien froh darüber zu sein. Das war seinem wildentschlossenen Angriffsschrei zu entnehmen. Den Säbel zu einem Beidhandhieb erhoben, stürmte er auf den Seewolf los.

Hasard setzte alles auf eine Karte, unterlief den Angriff mit einer Gegenattacke und blockte den Hieb des anderen ab, indem er die herabzischende Klinge mit einem aufwärts gerichteten Hieb abfing.

Der Mann ächzte vor Anstrengung und Enttäuschung. Hasard rammte ihm die freie Linke vor den Brustkasten und brachte ihn ins Taumeln. Der Anführer der Meute wankte rückwärts und versuchte vergeblich, die Bewegung abzufangen.

Der Seewolf brauchte sich kaum noch zu beeilen, um ihm den Säbel endgültig aus den Händen zu schlagen. Der Mann stieß einen schrillen Wutschrei aus, als er seine Blankwaffe in hohem Bogen davonfliegen und vor der Heckverschanzung auf die Planken scheppern sah. Hasard trieb den Wankenden bis an die Backbordverschanzung und setzte ihm die Säbelspitze unter das Kinn.

Der Mann erstarrte.

Im selben Moment war der Kampf entschieden.

„Ergebt euch!“ schrie der Anführer auf italienisch. Er stieß es durch die nur knapp geöffneten Zähne, denn mit dem nadelfeinen Stahl, der in seine Haut drückte, wagte er keine heftige Bewegung.

Die Kerle, deren noch kampffähiger Haufen ohnehin auf ein knappes Dutzend zusammengeschmolzen war, wichen zurück und ließen die Säbel sinken. Sie sahen erleichtert aus. Die Bewußtlosen und Verwundeten zu ihren Füßen sprachen eine allzu deutliche Sprache.

„Verschwindet!“ sagte der Seewolf leise und drohend. „Und laßt euch hier nie wieder blicken. Nächstes Mal könnte es passieren, daß wir euch tatsächlich mit gehacktem Blei begrüßen.“

Ben Brighton nahm dem Mann die kostbare Pistole ab und warf sie ins Hafenbecken. Auf dem Hauptdeck taten Carberry und die anderen es ihm nach. Sämtliche Schußwaffen gingen auf Tiefe. Der sehr ehrenwerte Don Cesare di Montepulciano würde Taucher einsetzen müssen, wenn er die teuren Einschüssigen wieder ans Tageslicht holen wollte.

Der Anführer zog mit seinen Kerlen in aller Eile ab, ohne noch eine Silbe von sich zu geben.

Zwei Verwundete, die nicht in der Lage waren, sich aus eigener Kraft aufzurappeln, blieben einfach zurück.

„Sauber, sauber, diese Säbelrassler“, sagte Carberry, während er den Davoneilenden kopfschüttelnd nachblickte.

Während die Arwenacks an Deck Ordnung schafften, kümmerten sich der Kutscher und Mac Pellew um die Verwundeten. Einer der beiden Italiener, untersetzt und dunkelblond, hatte eine Stichwunde im rechten Oberschenkel. Den anderen, einen hageren Schwarzhaarigen, hatte eine Klinge in die Hüftgegend getroffen. Der Kutscher säuberte die Wunden, legte beiden saubere Verbände an und verabreichte ihnen einen stärkenden Kräutertrank.

Das Rezept und die Zutaten stammten noch von einem indianischen Medizinmann aus Florida. Seine Funktion als Feldscher war der ganze Stolz des Kutschers, die medizinische Vorbildung verdankte er seiner früheren Tätigkeit bei Doc Freemont. Ein Umstand, der so manchen Mann aus der Crew des Seewolfs schon vor ernsten Folgen schwerer Verwundungen bewahrt hatte.

Hasard ließ die beiden Toskaner zu sich auf das Achterdeck bringen. Beide konnten sich bereits wieder auf den Beinen halten – wenn auch äußerst mühselig.

„Feine Gefährten habt ihr“, sagte der Seewolf mit seinem makellosen Italienisch.

„Das haben wir gemerkt“, erwiderte der Untersetzte. „Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet, Signor. Ein anderer an Ihrer Stelle hätte uns verbluten lassen.“

„Hierzulande scheinen merkwürdige Gepflogenheiten zu herrschen“, entgegnete Hasard. „Aber wie dem auch sei – ich möchte etwas über Don Cesare di Montepulciano erfahren.“

Die Toskaner wechselten einen Blick. Der Schwarzhaarige nickte kaum merklich. Der Untersetzte übernahm es wieder, zu antworten. „Wir wollen uns bedanken, Signor Killigrew. Es ist so, daß sich einer Ihrer Männer in der Gewalt von Don Marcello Struzzo befindet.“ Er beschrieb das Äußere des Gefangenen.

„Blacky!“ entfuhr es dem Seewolf. „Woher, in aller Welt, wißt ihr das? Wer ist Struzzo?“

„Der Todfeind von Don Cesare. Beide haben sich Blutrache geschworen, und es sterben deswegen ständig Männer, die sich auf die eine oder die andere Seite geschlagen haben. Wir haben Spione in Don Marcellos Reihen – ebenso, wie sich seine Spione bei uns eingenistet haben werden. Don Marcello hält Ihren Mann, den Sie Blacky nennen, für einen von Don Cesare beauftragten Mörder.“

Der untersetzte Toskaner schilderte alle Einzelheiten, die durch die bei Struzzo eingeschleusten Spione mitgeteilt worden waren. Die Informanten hatten ebenfalls geglaubt, daß Blacky wirklich ein von Montepulciano beauftragter Todesbote war, der aus dem italienischen Mutterland angereist war. Sie waren überzeugt gewesen, ihrem Auftraggeber Don Cesare einen wertvollen Dienst zu erweisen.

Don Cesare di Montepulciano hatte sich indessen über den Irrtum seines Todfeinds halb totgelacht. Was aus dem Engländer wurde, interessierte Don Cesare natürlich nicht im geringsten.

Hasard ließ sich noch kurz über die Machtverhältnisse Struzzo-Montepulciano und über die örtlichen Gegebenheiten in Cagliari unterrichten. Dann bot er den beiden Verwundeten an, sie von zwei Crewmitgliedern zum nächsten Arzt an Land bringen zu lassen, damit sie weiter gegen Wundbrand und Fieber versorgt wurden.

Aber die Toskaner verzichteten auf erneute Hilfe. Sie fühlten sich kräftig genug, den kurzen Weg allein zu bewältigen. Sie hatten überdies keinen Zweifel daran gelassen, daß für die Männer an Bord der Schebecke jede Minute kostbar war.

Der Seewolf ließ die Männer auf dem Hauptdeck antreten.

Außer ein paar Schrammen und Beulen hatte es keine nennenswerten Blessuren gegeben. Überdies war die Mannschaft nahezu vollzählig. Die letzten Heimkehrer vom Landgang hatten sich noch vor dem Frühstück eingefunden.

Der einzige, der fehlte, war Blacky.

Auf Anweisung des Seewolfs trafen die Arwenacks in aller Schnelle die Vorbereitungen zum Ankeraufgehen.

6.

Der Schweiß rann. Don Marcello Struzzo in Strömen über die nackte Haut. Er hatte sein Wams und das Hemd aus weichem Leder abgestreift, um sich höchstpersönlich als Folterknecht zu betätigen.

Keuchend erhob er sich von der großen Handkurbel, mit der er den Gefangenen ein Stück höher gehievt hatte.

Blacky hing kopfüber an einem Deckenbalken der Folterkammer. Seine Handgelenke waren durch Eisenschellen und Ketten mit in den Fußboden eingelassenen Stahlringen verbunden.

Er hatte das Gefühl, schon jetzt um einen Inch gewachsen zu sein. Dabei war Don Marcello noch nicht einmal bis zum Äußersten gegangen. Ihm fehlte schlicht die Ausdauer eines routinierten Henkersknechts, der mit den teilweise mühsam zu bedienenden Marterinstrumenten Tag für Tag umging.

Struzzo hatte es anfangs gemeinsam mit Cóstola versucht. Sie hatten den breitschultrigen Engländer – auf alle nur erdenkliche Weise gepiesackt – von den Nagelschuhen bis hin zur glühenden Kohle.

Nichts hatte Blacky dazu bewegen können, auch nur einen Schmerzenslaut von sich zu geben.

Struzzo und Cóstola waren drauf und dran gewesen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Dann war Struzzo auf die teuflische Idee verfallen, den Gefangenen kopfüber aufzuhängen und zu strecken.

Nach der letzten gemeinsamen Anstrengung, dem Engländer die Fußschellen mit den speziellen Haken anzulegen und ihn Stück für Stück in die Senkrechte zu kurbeln, hatte sich Cóstola zurückgezogen und auf einem Schemel in der Nähe der Tür niedergelassen, um wieder zu Kräften zu gelangen. Fortwährend wischte er sich mit einem großen weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Blacky wandte alle innere Energie auf, um sich von einem möglichen Blutstau im Gehirn nicht unterkriegen zu lassen. Die Schultergelenke schienen ihm der verletztlichste Teil seines Körpers zu sein. Er war sicher, daß es dem Schweinehund Struzzo über kurz oder lang gelingen würde, ihm die Arme auszureißen.

Für ihn stand Struzzo auf dem Kopf.

Und Cóstola schien mit seinem Schemel unter der Decke zu kleben.

Don Marcellos Schnallenschuh fuhr auf ihn zu.

Blackys Reflexe funktionierten noch. Er zog den Kopf zur Seite. Die vergoldete Messingschnalle riß sein Ohrläppchen blutig. Don Marcello stieß einen Fluch aus, unternahm aber keinen zweiten Versuch, dem Gefolterten das Gesicht zu verunstalten.

Blacky fühlte die Wärme des Bluts, wie es in seine Ohrmuschel lief. Er hätte in diesem Augenblick etwas darum gegeben, sich bei dem Hundesohn mit einem Tritt in den Allerwertesten zu bedanken. Aber dieser Wunsch würde kaum in Erfüllung gehen.

Die Aussichten standen ausgesprochen schlecht.

Don Marcello wandte sich ab und holte etwas, das an der Wand neben der Tür aufgehängt war. Emiliano Cóstola ließ einen anerkennend-staunenden Laut hören. Don Marcello kehrte mit dem Ding zurück. Blacky sah jetzt, daß es eine Lanze war.

Struzzo legte ihm die Spitze von oben auf die Unterseite der Kinnlade. Langsam hob er die Lanze an, bis der Schaft fast senkrecht war.

„Was glaubst du“, sagte er höhnisch, „wieviel Eigengewicht so ein Landsknechtsinstrument hat?“

„Es würde reichen“, antwortete Blacky, „um mich selbsttätig zu töten.“

„Oho!“ rief Struzzo ölig. „Du hast deine Lage verteufelt gut erkannt, Engländer. Wie wäre es, wenn du die Konsequenzen daraus ziehst und endlich redest?“

Blacky überlegte nur noch einen Moment. Struzzo konnte die Quälerei noch stundenlang fortsetzen, bevor er ihn umbrachte oder umbringen ließ. Andererseits zeigte der Don deutlich Anzeichen von Erschöpfung. Vielleicht legte er eine Pause ein. Unter solchen Umständen konnte er, Blacky, neue Kräfte schöpfen. Allerdings nur dann, wenn er sich in einer bequemeren Lage befand.

„Einverstanden“, sagte Blacky. „Ich rede. Es geht aber flüssiger, wenn ich wie ein normaler Mensch auf meinen Füßen stehe.“

Don Marcello Struzzo lachte zufrieden und erleichtert. Er schnaufte und nahm die Lanze weg. „Gut, gut. Unsereins ist kein Unmensch.“ Er wandte sich um. „Emiliano! Los, hilf mir noch mal!“

Sie kurbelten ihn abwärts, bis er auf dem Fußboden lag. Dann stellten sie ihn an die Wand, der Tür gegenüber, wo sich eiserne Ösen befanden, an denen sie seine Hand- und Fußgelenke befestigten.

Cóstola hatte die Lanze an ihren Platz zurückgebracht.

Erwartungsvoll standen die beiden Männer dem Gefangenen gegenüber. Struzzo zog seinen Dolch, um Blacky damit zu kitzeln. Der Mann mit dem kantigen Gesicht setzte einen boshaften Gesichtsausdruck auf und fuhr mit der Daumenkuppe, über die Klinge, die scharf wie ein Rasiermesser zu sein schien.

„Ich höre“, sagte Don Marcello.

Blacky räusperte sich, um den trockenen Kloß loszuwerden, der sich in seinem Hals gebildet hatte.

„Ich bin der Kaiser von China“, sagte er.

Struzzo und Cóstola kriegten eine Art Maulsperre. Ihre Augen schienen aus den Höhlen quellen zu wollen.

„Ich bin heimlich nach Sardinien gereist“, fuhr Blacky fort, „um mir hier die Mittelmeersonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Bis vor ein paar Stunden hat es mir ganz gut gefallen, aber jetzt ist es ungemütlich geworden.“

Don Marcello trat mit einem schnellen Schritt auf ihn zu, stieß den Dolch senkrecht hoch und drückte die Plattseite der Klinge auf Blackys Nasenspitze.

„Interessant!“ zischte er mit mühevoller Beherrschung. „Und deine Schlitzaugen? Hat dir die ein Quacksalber im Reich der Mitte wegoperiert?“

„Ich wollte nicht extra darauf hinweisen“, erwiderte Blacky. „Aber Sie haben es natürlich glasklar erfaßt, Don Marcello. Meine Tarnung als Ihresgleichen ist einfach perfekt, nicht wahr? Sogar die Hautfarbe habe ich …“

„Halt den Mund, Hurensohn!“ brüllte Struzzo unvermittelt. „Jetzt reicht es!“ Sein Knie ruckte hoch.

Furchtbarer Schmerz explodierte von Blackys Körpermitte aus.

Der nächste Hieb, der seinen Kopf traf, erlöste ihn davon. Abermals versank er in den schwarzen Abgrund der Bewußtlosigkeit.

Die Bewegungen eines Bootes, verursacht durch schwachen Wellengang, holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Er wollte die Augen öffnen, doch die Sonne blendete ihn. Nach und nach drangen Geräusche in sein Ohr.

Poltern.

Es rührte von harten Stiefelsohlen her.

Und von schweren Lasten, die geschleppt und abgesetzt wurden.

Es war also nicht nur der Wellengang, der die Bewegungen des Bootes hervorrief. Blacky spürte die Spanten und Planken, auf denen er lag. Seine Arme waren auf dem Rücken zusammengeschnürt. Statt der Ketten aus der Folterkammer hatten sie ihn mit Stricken gefesselt. Auch die Fußgelenke waren aneinandergebunden.

Es gelang ihm, den Kopf ein Stück zur Seite zu drehen und die Lider einen Spaltbreit zu öffnen.

Er lag vor einer Ducht und konnte darunter hervorspähen.

Das Poltern war hinter seinem Rücken. Jemand wuchtete seine Lasten auf der Bugplattform auf und ab. Daß es sich um eine Plattform handelte, folgerte Blacky aus dem hohlen Klang der Geräusche.

Auf der Achterducht saßen Don Marcello Struzzo und Emiliano Cóstola in trautem Beieinander. Beide grinsten in zufriedener Eintracht und betrachteten das Bild, das sich ihnen bot.

Weitere Bestandteile dieses Bildes waren zwei ebenfalls Gefesselte, die zwischen den beiden Duchten vor Struzzo und Cóstola angebunden waren. Dunkelhaarige Männer, die das Geschehen hinter Blacky mit vor Entsetzen geweiteten Augen beobachteten.

„Welch eine Freude!“ rief Don Marcello höhnisch. „Unser hochwohlgeborener Gast, der Kaiser von China, weilt wieder unter uns!“

Cóstola stimmte ein albernes Kichern an.

Don Marcello brachte ihn mit einer Handbewegung zum Verstummen. „Vor Antritt Ihrer letzen Reise, Majestät, darf ich Ihnen die Einzelheiten erläutern“, sagte er salbungsvoll. „Vor sich sehen Sie zwei Gefangene, die wir schon vor längerer Zeit geschnappt haben. Sie stammen aus der Gefolgschaft eines gewissen Don Cesare di Montepulciano, den Sie natürlich nicht kennen werden.“ Er grinste breiter und räusperte sich. „Es spielt aber für den weiteren Verlauf des Geschehens keine Rolle. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr, daß sowohl wir, die Beteiligten, als auch gewisse Unbeteiligte ihre Freude an dem besagten Geschehen haben werden. Zu den Unbeteiligten zählt in erster Linie der schon erwähnte Don Cesare. Aber auch sein gesamter Freundeskreis wird nicht wenig erbaut sein über das, was man ihm berichten wird.“ Struzzo deutete auf die beiden Gefangenen vor ihm. „Diese werten Signori haben die ausschließliche Aufgabe, ihrem Dienstherrn Montepulciano zu berichten, was sie gesehen haben. Und das, hochverehrte Majestät aus dem Reich der Mitte, wird in wenigen Minuten beginnen. Mehr verrate ich Ihnen im Moment nicht. Schließlich soll es auch für Sie eine nette kleine Überraschung werden.“

Cóstola kicherte abermals. Diesmal ließ Struzzo ihn gewähren.

Das Poltern hinter Blacky hörte auf.

Statt dessen schwankte das Boot stärker.

Die Seestiefel eines stämmig gebauten Mannes wurden neben ihm sichtbar. Gleich darauf der ganze Kerl. Er sah aus wie ein Henkersknecht. Außer den Seestiefeln war er nur mit einer speckigen Hose bekleidet. Der Mann hatte eine Glatze und zum Ausgleich der fehlenden Haarpracht einen Vollbart.

„Fertig, Don Marcello“, sagte er, wobei er einen halben Schritt vor Blacky stehenblieb.

„Gut, gut“, antwortete Struzzo mit gönnerhaftem Nicken. „Dann wollen wir in aller Ruhe beginnen. Jegliche Eile ist überflüssig. Schließlich haben wir alle ein Interesse daran, das Ereignis zu genießen – einschließlich derjenigen, die nur mittelbar beteiligt sein können.“ Mit der gelassen herrischen Handbewegung eines römischen Imperators forderte er den Bärtigen auf, sein Werk fortzusetzen.

Blacky wurde von zwei kräftigen Fäusten gepackt und auf die Beine gestellt. Der Henkersknecht drehte ihn um, so daß er die Bugplattform sehen konnte. Die starken Planken bildeten eine große dreieckige Fläche von schätzungsweise zwei Quadratyards Ausmaß.

Blacky hatte das Gefühl, daß das Blut in seinen Adern zu Eis erstarrte. Auf der Plattform lagen zwei Felsbrocken von jeweils mindestens zwei Fuß Durchmesser.

Die Felsbrocken waren in der oberen Hälfte durchbohrt. Durch die Löcher waren Eisenstangen geschoben, an deren zu Ösen gebogenen Enden Ketten befestigt waren. Lange Ketten. Der Henkersknecht hatte sie ordentlich aufgerollt.

Blacky versteifte sich.

Der Bärtige spürte es.

„Wenn du dich wehrst“, knurrte er, „kriegst du eins auf die Rübe. Es hilft dir alles nichts. Klar?“

Blacky nickte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er mußte bei Bewußtsein bleiben. Vielleicht gab es noch eine Chance – in letzter Minute. Oder in letzter Sekunde. Wenn er diese Chance erhalten sollte, dann würde er sie nutzen. Und lieber durch eine Kugel oder eine Klinge sterben als auf diese grauenhafte Weise, die Struzzo für ihn vorgesehen hatte.

„Eine wahrhaft kaiserliche Seebestattung!“ rief der Don mit hohntriefender Stimme.

Cóstola stimmte von neuem sein kindisches Kichern an.

Der Bärtige stieß Blacky auf die Bugplattform.

Blacky sah sich um. Eine Küstenlinie war nirgendwo zu sehen. Struzzo war also weit genug hinausgefahren, um keine unerwünschten Zeugen zu haben. Der Zweimaster, der sein Schiff sein mußte, lag etwa eine Kabellänge entfernt vor Anker. Auch Fischerboote waren nirgendwo in der Nähe zu sehen.

Die Eisenglieder klirrten, als der Henkersknecht die erste Kette hochhob und das Ende um Blackys Hüfte schlang.

Unter Vollzeug rauschte die Schebecke auf die offene See hinaus.

Der Tag war zu schön zum Sterben.

Der Himmel leuchtete azurblau, von keinem Wolkenstreifen getrübt. Die Sonne stand fast im Zenit. Und bei dem verläßlichen ablandigen Wind hätte die Fahrt mit dem dreimastigen Segler ein reines Vergnügen sein können, wenn nicht der Gedanke an Blackys Schicksal wie eine unausgesprochene Drohung über den Arwenacks geschwebt hätte.

Hasard und Ben Brighton suchten die südöstliche Kimm laufend mit ihren Spektiven ab. Bislang hatten sie nicht einmal ein Fischerboot gesichtet. Die Fischgründe waren woanders. Don Marcello Struzzo wußte, warum er jene bestimmte Position festgelegt hatte, an der er seine Opfer umzubringen pflegte.

Es gab dort so gut wie niemals Zeugen.

Die beiden Männer aus den Reihen Don Cesare di Montepulcianos hatten ausführlich darüber berichtet: Wer in die Gewalt Struzzos geriet, mußte das Allerschlimmste befürchten, das unvorstellbar Grauenhafte.

Don Marcello verpaßte seinen Opfern „Felsfüße“.

Und damit versenkte er sie bei vollem Bewußtsein.

Ihr Todeskampf mußte furchtbar sein. Don Marcello Struzzo gewährte seinen Opfern nicht das Recht eines jeden Seefahrers, bis zum Schwinden seiner Sinne gegen die Elemente kämpfen zu können. Struzzo weidete sich an den Höllenqualen, die die hilflosen Gefangenen litten, bevor er sie umbrachte.

Nein, bevor er sie umbringen ließ.

Denn er selbst beschmutzte sich nicht die Hände. Dafür hatte er seine Schergen.

Womit nicht gesagt war, daß sich Don Cesare di Montepulciano von Don Marcello auch nur um einen Deut unterschied. Etwas Derartiges hatten die beiden Verwundeten von Anfang an nicht behauptet.

Die Stimmung an Bord der Schebecke war gedrückt. Nur das Notwendigste wurde gesprochen.

Dan O’Flynn blickte von seinen Berechnungen auf. Mittels des Jakobsstabs hatte er soeben die exakte Position der Schebecke festgestellt.

„Jetzt müßten wir ihn sehen können!“ rief er alarmiert.

Hasard ließ den Kieker sinken und wandte sich zu Dan um. „Struzzos Zweimaster?“

Dan nickte und lief bereits los. Mit langen, federnden Sätzen erreichte er das Vorschiff. Unmittelbar am Bug setzte er sein Spektiv ein. Allein mit bloßem Auge war er jedem in der Crew des Seewolfs an Sehkraft überlegen.

In seiner gelegentlichen Funktion als Ausguck hatte Dan die Arwenacks vor manchem verhängnisvollen Geschehen bewahrt. Mittlerweile hatte er sich auf die Tätigkeit des Navigators spezialisiert, was aber nicht bedeutete, daß er in Ausnahmesituationen nicht doch noch die unübertroffene Schärfe seiner Augen einsetzte.

Dans Ruf ertönte bereits nach zwei, drei Sekunden.

„Zweimaster voraus!“

Hasard und Ben hoben wieder die Spektive.

Die Mastspitzen waren nur eben zu erkennen.

Der Seewolf ordnete Gefechtsbereitschaft an. Wenn es sein mußte, würde er Struzzos Schiff zu den Fischen schicken – erbarmungslos. Es mußte dann sein, wenn es für Blacky keine Hilfe mehr gab.

Und sollte Struzzo versuchen, Blacky als Faustpfand einzusetzen, dann würde Hasard sein eigenes Leben dafür in die Waagschale werfen. Dazu war er entschlossen. Blacky war ohne eigenes Verschulden in diese teuflische Situation geraten. Struzzos Schergen hatten ihn verwechselt, und auch der Don selbst hielt ihn noch immer für jemanden, der er nicht war – nicht sein konnte.

Für Hasard bestand kein Zweifel darüber, warum diese Verwechslung entstanden war.

Mit seinem Äußeren wirkte Blacky wie ein Südländer. Eben deshalb wurde er ja auch seit jeher Blacky genannt.

Don Marcello Struzzo mußte ein ungeheures Mißtrauen gegen alles Fremde hegen – zugleich aber mußte er die Hosen voll haben. Anders als durch Angst war dieses Mißtrauen nicht zu erklären.

Sein Widersacher Montepulciano mußte ihm mächtig zusetzen.

Unter Al Conroys Anleitung wurden an Deck jene Vorbereitungen getroffen, die die Arwenacks mit schlafwandlerischer Sicherheit beherrschten. Während die Männer Kartuschen und Geschosse an Deck schafften, streuten die Zwillinge Sand auf den Decksplanken aus und stellten Pützen mit Seewasser bereit – um etwaige Brandherde rasch ersticken zu können.

Man brauchte nicht damit zu rechnen, daß Don Marcello mit einem nur schwach oder überhaupt nicht armierten Zweimaster durch die Küstengewässer kreuzte. Spätestens seit er durch seinen Gegner Don Cesare bedrängt wurde, mußte er ständig auf der Hut sein.

In der Kombüse stellte der Kutscher die Eisenbecken mit glühender Kohle bereit, die zum Zünden der Lunten gebraucht wurden.

Nachdem die Culverinen geladen waren, nahm sich Al Conroy die Drehbassen vor. Nach den jeweils genau bemessenen Schwarzpulvermengen setzte er die Ladungen aus gehacktem Blei in die Rohre der kleinen Geschütze auf ihren schwenkbaren Gabellafetten.

Konturen tauchten für die Männer mit den Spektiven auf. Bald darauf konnten alle an Bord der Schebecke bereits mit bloßem Auge erkennen, was sich abspielte.

Sie verharrten im stummen Zorn.

Und jeder – vom Seewolf bis zum Jüngsten – hatte nur den einen Wunsch, daß der Wind noch einmal kräftig zulegen möge. Aber der handige Geselle tat ihnen den Gefallen nicht. Sie mußten Sekunden und Minuten in ohnmächtiger Tatenlosigkeit verstreichen lassen.

Die Kerle im Beiboot des Zweimasters bemerkten die heranrauschende Schebecke nicht sofort. Zu sehr waren sie offenbar von der Vorfreude auf die grausige Hinrichtung erfüllt.

Aus dem grellen Licht der Sonne heraus stieß der Seewolf auf Struzzo und seine Schergen zu.

Sie sahen, wie der Don und sein Rechtsberater Cóstola auf der Achterducht zusammenzuckten.

Blacky stand auf der Bugplattform und schien keinerlei Hoffnung mehr zu hegen.

Deutlich war zu sehen, wie der glatzköpfige Kerl mit dem nackten Oberkörper die Muskeln anspannte. Er wartete auf das Zeichen Don Marcellos, die Exekution durch einen raschen Stoß durchzuführen.

Noch fünfhundert Yards trennten den Dreimaster vom Beiboot. Querab südlich, auf dem Zweimaster, war hektische Bewegung zu erkennen. Keine Frage, daß auch dort Gefechtsbereitschaft hergestellt wurde.

Don Marcello wartete mit dem entscheidenden Befehl.

Seine Absicht war deutlich.

Er würde die Hinrichtung so lange wie möglich hinauszögern, um einen Angriff der Arwenacks dadurch zu verhindern.

Hasard ließ die Schebecke weiter unter Vollzeug laufen.

Noch vierhundert Yards.

Eine gellende Stimme war aus dem Beiboot zu hören.

„Verschwindet, ihr Bastarde! Verschwindet, oder er stirbt auf der Stelle!“

Spätestens in dieser Minute mußte Struzzo begriffen haben, daß Blacky nicht der vermeintliche Todesbote seines Erzfeindes war.

Noch dreihundert Yards.

Hasard verständigte sich rasch mit Ben Brighton. Was zu tun war, stand für den Seewolf jetzt fest. Er konnte Struzzos Verhalten vorausberechnen. Der Don würde es bis zum letzten Moment hinauszögern, um die Gefahr von sich abzuwenden.

Noch zweihundert Yards.

Hasard lief auf das Hauptdeck und stieg aus den Stiefeln. Er streifte die Lederweste und das Hemd ab und behielt nur das Entermesser am Gurt. Auf sein Handzeichen hin lief Ferris Tucker los und verschwand in der vorderen Luke, um die Ausrüstung für den Seewolf zu besorgen.

7.

Struzzos schriller Befehl hallte weit über das Wasser.

Der Henkersknecht stieß die Felsbrocken nach Backbord von der Bugplattform.

Blacky wurde mitgerissen. Indem er den Oberkörper zur Seite krümmte, konnte er eben noch verhindern, daß er mit dem Kopf auf das Dollbord schlug. Er pumpte die Luft tief in seine Lungen, obwohl er nicht glaubte, daß es ihm noch etwas nutzte.

Struzzo hatte ihm die Augenbinde abnehmen lassen – in letzter Sekunde noch. Blacky wußte, daß es aus reiner Bosheit geschehen war. Er sollte mitkriegen, wie seine Gefährten vergeblich versuchten, ihn zu retten.

Das Wasser schlug über ihm zusammen.

Was sollten Hasard und die anderen noch für ihn tun? Was konnten sie noch für ihn tun?

Die Zentnergewichte der Felsbrocken zogen ihn in die Tiefe. Rasch schwand die Helligkeit des Sonnenlichts, die unter der Wasseroberfläche noch stark und strahlend war.

Blacky konnte die Schebecke in ihrer rauschenden Fahrt hören. Durch die starke Fortpflanzung des Schalls erschien es ihm, als jage der Dreimaster direkt über ihn hinweg. Doch er wußte, daß es eine Täuschung war. Er war in diesen letzten Sekunden, vielleicht Minuten seines Lebens so mutterseelenallein wie nie zuvor.

Die Helligkeit, die ihn nun umgab, war nur noch trübe.

Die Felsbrocken zogen ihn tiefer und tiefer.

Ein anderes Geräusch mischte sich in das Rauschen der dahinjagenden Schebecke.

Es war das peitschende Eintauchen von Riemenblättern.

Blacky legte den Kopf in den Nacken. Er sah den Schatten des Beiboots, und die Riemenblätter verursachten beim Eintauchen kleine Explosionen von sonnenglitzernden Funken.

Weiter links entfernten sich die großen Umrisse der Schebecke.

Zu spät, dachte Blacky resignierend. Er spürte jetzt den zunehmenden Wasserdruck. Selbst wenn er noch für ein paar Minuten Atemluftreserve hatte, würde es ihm doch herzlich wenig nutzen. Durch die enorme Geschwindigkeit, mit der er sank, würde er bei immer stärker anwachsenden Druck rasch das Bewußtsein verlieren.

Hasard und die anderen hatten es versucht. Himmel, sie hatten es wenigstens versucht. Und fast geschafft. Ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit durchströmte ihn.

Schleier begannen vor seinen Augen zu wallen. Er lehnte sich verzweifelt gegen das Schwinden seiner Sinne auf.

Plötzlich spürte er Boden unter den Füßen. Die Zentnerlast der Felsbrocken zerrte nicht länger an ihm. Die trübe Helligkeit war geblieben. Der Druck ließ ein Sausen in seinen Ohren entstehen. Die Luftreserve in seinen Lungen begann sich zu verringern. Dennoch sah er sich um.

Das Entsetzen packte ihn wie eine riesige Klaue.

Von dem algenbewachsenen Felsenboden erhoben sich sonderbare Gestalten, die von einer unterseeischen Strömung wie Pendel auf einer weichen Stahlfeder hin und her bewegt wurden. Es mußte auch diese in unerfindlichen Richtungen verlaufende Strömung sein, die den Gestalten Auftrieb verlieh.

Skelette!

Alle hingen an Felsbrocken wie er selbst.

Ein ganzer Wald von Skeletten umgab ihn.

Don Marcello Struzzos Opfer.

Die Schleier vor seinen Augen verstärkten sich. Seine Luft ging zur Neige. Er krümmte sich, um nach den Befestigungen der Ketten zu tasten. Eine lächerliche Annahme, sich auf diese Weise befreien zu können. Nein, es gab nichts mehr daran zu rütteln. Das Ende war nahe.

Blacky nahm sich vor, seine letzten Gedanken der munteren Gigliola zu widmen, die das Leben und die Liebe in vollen Zügen zu genießen verstand. Es hatte sich gelohnt, sie kennenzulernen. Und sie traf nicht die geringste Schuld daran, daß er auf diese erniedrigende Weise endete.

Er würde ein Teil des Skelett-Waldes werden, den Struzzo hier auf dem flachen Meeresgrund hatte wachsen lassen.

Ein Schatten glitt heran.

Blacky nahm keine deutlichen Konturen mehr wahr. Seine Umgebung verschwamm. Vielleicht hatten Haie die unterseeische Hinrichtungsstätte des Don als Freßplatz entdeckt, der von Zeit zu Zeit neu beschickt wurde.

Der Schatten war ein Mensch.

Blacky spürte behutsame Ohrfeigen, die ihn bei Bewußtsein halten sollten. Im nächsten Moment waren hell klingende Schläge zu hören.

Blacky sperrte die Augen weit auf. Im ersten Augenblick hielt er das Bild, das sich ihm bot, für eine Halluzination. War das eins von diesen Wunschbildern, die Ertrinkende angeblich haben sollten?

Der Seewolf, mit einem schweren Hammer und einem Meißel ausgerüstet, zerschlug das erste Kettenglied an der Eisenstange neben seinem rechten Knie. Hasard arbeitete schnell und geschickt. Das Kettenglied zersprang nach dem dritten Hieb. Er glitt um die Felsbrocken herum und schlug gleich darauf auf der anderen Seite zu.

Die Atemnot ließ ein dumpfes Gefühl in Blackys Brustkorb entstehen. Er hörte die scharfen Hammerschläge. Gleich darauf das schabende Geräusch der Eisenstangen, wie Hasard sie aus den Löchern in den Felsbrocken zog. Dann packte ihn der Seewolf. Rasend schnell ging es aufwärts, der strahlenden Helligkeit der Sonne entgegen.

Blacky blieb bei Bewußtsein. Als sie die Wasseroberfläche erreichten, war es das schönste Gefühl seines Lebens, tief durchatmen zu können und zu spüren, wie neue Spannkraft in alle Fasern seines Körpers zurückkehrte.

Ben Brighton hatte das Beiboot aussetzen lassen. Carberry und Ferris Tucker zogen Blacky hinein und durchtrennten seine Fesseln. Sie halfen auch dem Seewolf über das Dollbord.

Die Schebecke hatte in fünfhundert Yards Entfernung gehalst und näherte sich langsam.

Der Zweimaster Don Marcello Struzzos, ein hervorragender Am-Wind-Segler, lag auf einem Kreuzschlag nach Nordosten – Generalkurs Küste.

Blacky wollte etwas sagen und sich bedanken, brachte aber nur ein Keuchen hervor. Er räusperte sich heftig. Hasard klopfte ihm auf die Schulter und lächelte. Allein in den eisblauen Augen des Seewolfs war zu lesen, daß jeglicher Dank wirklich überflüssig war.

Sie pullten auf die Schebecke zu.

Struzzo sollte nicht glauben, daß er sich so mir nichts dir nichts aus der Affäre ziehen konnte.

Don Marcellos Stimme gellte.

„Pullt, verdammt noch mal, pullt!“

Die Rudergasten hätten ihm gern verklart, daß sie nichts anderes taten als pullen. Und daß sie beim besten Willen keinen Schlag mehr zulegen konnten – falls es das war, was er meinte.

Aber sie hüteten sich, auch nur die erste Silbe eines Widerworts von sich zu geben. Don Marcello befand sich in Panik. Und es war lebensgefährlich, ihm in einer solchen Stimmung zu widersprechen.

Der Zweimaster lag vor Anker. Der Rest der Crew blieb an Bord – verteidigungsbereit.

Das Boot erreichte den Anleger, den Don Marcello an einer niedrigen Stelle der Steilküste aus dem Fels hatte hauen lassen. Auch die Stufen, die vom Anleger aus hochführten, waren aus dem Fels gemeißelt worden.

Struzzo ließ die beiden Gefangenen nach oben schaffen. Cóstola und er sahen den Rudergasten nach, die die Gefesselten mit sich schleiften. Es wurde ein beschwerlicher Weg bis hinauf in die Turmkammer.

Die Gefangenen waren grau im Gesicht. Sie wußten, daß sie als Überbringer einer genauen Beschreibung der Hinrichtung nicht mehr taugten. Der schwarzhaarige Mann war wirklich Engländer, wie er von Anfang an behauptet hatte. Das bewies das Eingreifen seiner Freunde mit der Schebecke.

Die Rudergasten fragten sich keuchend, warum Struzzo den Gefangenen nicht eine Kugel durch den Kopf jagen ließ. Warum, verdammt noch mal, mußte er immer den umständlicheren Weg wählen?

Es konnte nur daran liegen, daß er eine geradezu satanische Freude daran hatte, seinen Opfern so grausame Seelenqualen wie nur irgend möglich zuzufügen.

Er bereitete sich nicht die Mühe, in die Turmkammer hinaufzusteigen. Gemeinsam mit Cóstola wartete er am Fuß des Turms und ergötzte sich an den langanhaltenden Schreien der Männer, nachdem sie in die offene Luke gestoßen worden waren. Als die beiden dumpfen Aufschläge verklungen waren, wandte sich Don Marcello ab und steuerte auf den Palazzo innerhalb seines burgartigen Anwesens zu.

Emiliano Cóstola folgte ihm, nachdem er noch einen besorgten Blick auf das Meer hinausgeworfen hatte.

Es waren noch keine Verfolger zu sehen, was aber nichts besagte.

Man hatte jedoch Zeit, sich gründlich auf einen möglichen Angriff vorzubereiten.

Don Marcello zog sich in den großen Salon im oberen Stockwerk zurück und wies Cóstola an, ihm jegliche Störung vom Hals zu halten.

Der Mann mit dem Rabengesicht hatte volles Verständnis dafür, daß sein Brotgeber Zeit und Ruhe brauchte, um seine Gedanken zu ordnen und sich mit neuer Kraft gegen die Anfeindungen dieser Welt zu wappnen.

Mehr als eine halbe Stunde der Ruhe vermochte Cóstola dem Don allerdings nicht zu gewähren.

Dann war er gezwungen, in höchster Panik an die Tür zu klopfen und sie zu öffnen, ohne auf eine Erlaubnis zu warten.

„Ich habe doch gesagt …“, setzte Struzzo brüllend an.

„Don Marcello!“ schrie der Rabengesichtige. „Es hilft alles nichts! Wir werden angegriffen! Von zwei Seiten!“

Struzzo eilte mit seinem Rechtsberater auf den Wehrgang der Umfassungsmauer, um sich selbst zu überzeugen.

Von See her näherte sich die Schebecke der verfluchten Britenhunde.

Und auf dem Landweg marschierte eine Truppe heran, die an ihrer Kleidung nur zu deutlich zu erkennen war. Der Mann an der Spitze war ein beleibter, aber erstaunlich beweglicher Bursche.

Don Cesare di Montepulciano.

Die Anstrengung des Fußmarsches schien ihm jedenfalls nicht zuviel zu sein. Vielleicht lag es auch an der Wut, die ihn vorantrieb.

Außer Reichweite der Geschütze des Castello gab Don Cesare di Montepulciano seinen Männern das Zeichen zum Halten. Auf seinen Befehl hin versammelten sie sich hinter einem Waldstück am Wegesrand, wo sie – von den Bäumen geschützt – von der Burganlage aus nicht zu sehen waren.

Don Cesare hatte sechzig Männer zusammengeschart.

Jeder einzelne war mit Muskete, Pistole und Säbel bewaffnet. Eine Truppe, auf die man stolz sein konnte. In ihrem Kampfesmut waren diese Männer aus der Toskana unübertroffen.

Don Cesare ließ sie einen Halbkreis bilden.

„Wir sind kurz vor dem Ziel!“ rief er mit bebender Stimme. Sein Zorn auf den verfluchten Hund Struzzo hatte sich noch immer nicht gelegt und war eher stärker geworden. Die richtige Ausgangsbasis, um den Kerl ein für allemal zu besiegen. „Struzzo ist in die Enge getrieben worden, und er dürfte sich auch so fühlen. Halten wir uns eins vor Augen, Männer: Es ist endgültig genug damit, wie er sich aufführt. Er hat in Cagliari nicht alle Rechte für sich gepachtet. Das dürfen wir nicht länger zulassen. Uns gehört die Zukunft! Wir werden den lächerlichen Figuren in diesem erbärmlichen Land zeigen, was Kultur ist. Dafür müssen wir kämpfen.“

Die Männer stimmten Bravorufe an.

Don Cesare bedankte sich mit gönnerhaften Handbewegungen.

„Wir dürfen aber nicht unvorsichtig werden“, fuhr er fort. „Das Castello des Don Marcello Struzzo ist schwer einzunehmen – vor allem wegen der Geschütze. Zwei Stück befinden sich am Haupttor, links und rechts, wie ihr wißt. Je ein weiteres auf den Wehrtürmen an der Südseite und an der Nordseite. Die Unterführer sollten jetzt Stoßtrupps einteilen, deren Aufgabe es sein wird, gleich während der ersten Angriffswelle die Geschützstellungen zu vernichten.“

Die Taktik war bereits vor dem Abmarsch gründlich erörtert worden.

Don Cesare ordnete eine halbstündige Pause an. Er hatte Zeit, sich zu dem geschlossenen Wagen zu begeben, der am Schluß der Kolonne mitgeführt wurde. Er öffnete die Tür und zog sich schnaufend auf die weichen Sitzpolster. Die Schwarzhaarige, die ihn verführerisch lächelnd erwartete, war fast noch ein Kind. Aber ihr Körper, den sie lediglich mit einem Gewand aus feiner Seide verhüllte, war der einer reifen Frau.

Sie öffnete das Gewand, wie Don Cesare es erwartete. Vor dem Kampf, das wußte sie, brauchte er sie und ihre berauschende Sinnlichkeit. Er legte seinen Gurt mit den Waffen ab. Er war ein schwergewichtiger Mann, mittelblond, von immer wieder überraschender Kraft und Ausdauer.

Doch die Freude vor dem Gefecht sollte ihm nicht gegönnt werden.

Kanonendonner rollte plötzlich heran, von See her.

Als Don Cesare die Wagentür aufstieß, war einer seiner Unterführer bereits zur Stelle.

„Schicken Sie einen Spähtrupp los“, befahl Montepulciano. „Ich will wissen, was sich da abspielt.“

Die Männer waren rasch wieder zur Stelle, nachdem sie das Castello in sicherer Entfernung umgangen hatten. Auf diese Weise erfuhr Don Cesare, daß draußen vor der Küste eine Schebecke das Feuer auf Struzzos Zweimaster eröffnet hatte.

Don Cesare war überzeugt, einen Glückstag erwischt zu haben.

Mehr als unverhoffte Verbündete konnte er sich nicht wünschen.

Er würde erst Struzzo und sein elendes Pack vernichten – und danach die Engländer, die sich in Cagliari so großspurig aufgespielt hatten.

Die Struzzo-Crew auf dem Zweimaster hatte offenbar nicht damit gerechnet, daß die Schebecke einen Angriff riskieren würde.

Deshalb waren die Kerle um Minuten zu spät ankerauf gegangen – in jenem Moment, als nicht mehr der leiseste Zweifel bestanden hatte, daß die Engländer tatsächlich das Wahnwitzige vorhatten.

Al Conroy hatte sie bereits mit der ersten Backbordbreitseite erwischt und ihnen im Vorbeirauschen noch eine Drehbassenladung in die Ruderanlage verpaßt.

Als die Schebecke wieder davonrauschte, blitzte Mündungsfeuer aus den beiden Geschützstellungen oberhalb der Steilküste auf.

Die Geschosse lagen um fünfzig Yards zu kurz.

Hasard ließ erneut Kurs auf den Zweimaster nehmen, der nun manövrierunfähig war. Im Beidrehen gab er den Feuerbefehl.

Sekunden später wummerte die Steuerbordbreitseite.

Batuti und Big Old Shane jagten Pulverpfeile von den Bogensehnen.

Die Siebzehnpfünder der Schebecke hämmerten den Zweimaster in Stücke. An Bord gab es keine Überlebenden.

Krachend detonierten die Pulverpfeile in den Geschützstellungen.

Keine weiteren Mündungsblitze zuckten dort oben auf. Die Geschützmannschaften hatten vorerst an ihrer Überraschung zu kauen.

Der Seewolf ließ die Segel wegnehmen. Pete Ballie manövrierte den Dreimaster so nahe an die Klippen vor der Steilküste heran, wie es ohne allzu großes Risiko möglich war. Unterdessen war Ferris Tucker auf dem Achterdeck mit Feuereifer dabei, seine Höllenflaschenabschußkanone aufzubauen. Al Conroy unterstützte ihn und bereitete die Ladungen und Lunten vor.

„Werft Anker!“ befahl Hasard mit klirrender Stimme. „Fiert Beiboot!“

Ben Brighton hatte sich auf das Hauptdeck begeben und überwachte das Austeilen von Waffen und Munition. Die ersten acht Mann besetzten das Beiboot. Sobald sie es geschafft hatten, das am Anlieger vertäute Beiboot des Zweimasters zu erreichen, konnte ein Pendelverkehr eingerichtet werden.

„Höllenflaschen klar zum Einsatz!“ brüllte Ferris Tucker.

„Dann setzt sie ein“, entgegnete Hasard.

Während die Männer in der Jolle mit kraftvollen Schlägen zum Ufer strebten, hatte Al Conroy die genau berechnete Lunte der ersten Höllenflasche gezündet. Behutsam legte er die mit Pulver, gehacktem Blei, Eisensplittern und rostigen Nägeln gefüllte Flasche in das Katapult.

Die Felswand der Steilküste war an dieser Stelle etwa hundert Fuß hoch. Noch einmal in gleicher Höhe ragte darüber rechter Hand der Turm auf, von dem Blacky berichtet hatte. Eine der Geschützstellungen befand sich in unmittelbarer Nähe des Turms, die zweite hundert Yards weiter südlich, an der dortigen Ecke des Anwesens.

Ferris Tucker überprüfte ein letztes Mal den eingestellten Winkel, dann löste er die Abschußkanone aus.

Zwischen den Geschützstellungen, hinter den Zinnen des Wehrgangs, tauchten Silhouetten auf, die Musketenläufe herausschoben. Von den Pulverpfeilen ließen sie sich nicht mehr beeindrucken.

Die Höllenflasche schnellte ihnen entgegen, ohne daß sie begriffen, was es war.

Batuti und Big Old Shane gingen zu Brandpfeilen über, die sie in höherem Bogen hinter die Umfassungsmauer schossen. Irgendwo dort mußte es brennbare Ziele geben.

Ferris Tuckers Schußwinkel stimmte bis auf den Zoll genau.

Mit brüllender Detonation flog die Höllenflasche etwa zehn Yards links von der Geschützstellung beim Turm auseinander. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Gellende Schreie und rückwärts taumelnde Gestalten verdeutlichten, daß sowohl die Geschützmannschaft als auch etliche der Musketenschützen außer Gefecht gesetzt worden waren.

Die nächste Höllenflasche war bereits unterwegs.

Und dann ging es Schlag auf Schlag.

Nur kläglich wenige Musketenschüsse peitschten von den Zinnen nach unten. Die Kugeln klatschten ins Wasser, ohne Schaden anzurichten.

In unablässiger Folge krachten die Höllenflaschen, während die Arwenacks bereits den Pendelverkehr mittels zweier Boote eingerichtet hatten. Die zweite Geschützstellung wurde gleichfalls ausgeschaltet. Erste Rauchschwaden stiegen hinter der Umfassungsmauer auf.

Will Thorne, der Kutscher, Mac Pellew, Old Donegal Daniel O’Flynn und die Zwillinge blieben an Bord der Schebecke zurück. Hasard setzte mit dem letzten Boot zur Küste über.

Als der Seewolf bei seinen Männern auf dem Felsenanleger eintraf, war deutlich zu hören, wie das Geschehen eine unerwartete Wende nahm.

Von der Landseite her waren Musketenschüsse, Geschützdonner und gellende Schreie zu hören.

Aber die Arwenacks hatten keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Hasard stürmte als erster die Felsenstufen hinauf. Blacky folgte ihm dichtauf. Er war von unbändigem Kampfeswillen beseelt.

Mit einer Höllenflasche sprengte Al Conroy die Luke aus mächtigen Bohlen, die oberhalb der Felsentreppe ins Innere der burgähnlichen Anlage führte. Falls sich jemand dahinter aufgehalten haben sollte, dann war er durch die Wucht der Detonation aus dem Weg geschleudert worden.

In breiter Front drangen die Arwenacks auf den Hof des Palazzo vor.

An der Landseite hatte der Kampfeslärm noch zugenommen. Voller Verzweiflung hatte Don Marcello Struzzo seine Verteidigungskräfte auf die dortigen Wehrgänge konzentriert. Er schien noch nicht einmal bemerkt zu haben, daß seine Verteidigungslinie an der Seeseite praktisch nicht mehr existierte.

Ungehindert stürmten die Männer auf das Haupthaus zu.

8.

Eine Gruppe von ungefähr zwei Dutzend Leibwächtern warf sich dem Seewolf und seinen Männern in der Halle des Palazzo entgegen.

Säbelklingen blitzten und klirrten.

Blacky sah noch, daß der rabengesichtige Halunke unter den Verteidigern des Haupthauses war. Hasard nahm ihn sich vor und streckte ihn nach einem kurzen Säbelduell nieder.

Blacky zögerte nicht, sich unbemerkt abzusondern, als er in die Nähe der breiten Treppe geriet, die zum oberen Balustradengang führte. Es war ein Instinkt, der ihn leitete. Und das Verlangen nach Rache beseelte diesen Instinkt.

Er erreichte den Treppenabsatz und lief mit blankgezogenem Säbel nach links. Die Vermutung, daß sich Struzzo zumindest innerhalb der Mauern dieses Gebäudes aufhielt, lag nahe. Er hatte keinen Grund, sich an die Front zu begeben. Andere konnten für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen. So war es im Falle des Don Marcello vermutlich immer gewesen.

Blacky stieß die Türen nacheinander auf.

Nur die halbe Strecke des Balustradenganges brauchte er hinter sich zu bringen.

Der Salon bestach durch einen brusthohen Kamin aus wertvollem weißem Marmor.

Blacky verharrte in der offenen Tür.

Don Marcello Struzzo stand vor dem Kamin. In seiner Rechten lag eine doppelläufige Pistole, deren Stahl mit silbern ausgelegter Gravur verziert war. Die Hand des Mannes mit dem kantigen Gesicht zitterte. Das Zittern übertrug sich auf die schwere Waffe. Alles zerrte an seinen Nerven. Der Kampfeslärm von der Landseite des Castello ebenso wie die Schreie und das Säbelklirren aus der Halle des Palazzo.

Blacky hielt den Säbel gesenkt.

Der Sarde starrte ihn an, als habe er es mit einem Gespenst zu tun.

„Du täuschst dich nicht, Struzzo“, sagte Blacky eisig. „Ich bin es wirklich.“

Das Gesicht des Don verzerrte sich. Er flüsterte einen Fluch.

„Mit gegebenen Tatsachen muß man sich keineswegs abfinden“, zischte er. „Laß den Säbel fallen und ergib dich, Engländer!“

Blacky lachte spöttisch. „Du willst mich als Geisel?“

„Allerdings.“

„Schlag dir das aus dem Kopf. Daraus wird nichts.“

„Den Säbel weg!“ kreischte Struzzo. „Oder ich schieße!“

„Tu’s“, entgegnete Blacky, und er wirkte dabei völlig gelassen. In Wahrheit waren seine Nerven zum Zerreißen angespannt. „In deinem Zitterzustand würdest du nicht mal einen Pottwal auf fünf Yards Entfernung treffen.“

„Schweig!“ schrie Struzzo. „Dies ist meine letzte Warnung! Weg mit dem Säbel!“ Er strengte sich höllisch an, die Doppelläufige ruhig zu halten. Doch je mehr er sich anstrengte, desto heftiger wurde sein Zittern.

Blacky hob den Säbel und ging einen Schritt auf den Sarden zu.

Don Marcello stieß einen schrillen Wutschrei aus. Sein Zeigefinger krümmte sich jäh. Er verriß die Waffe.

Im Krachen des Schusses duckte sich Blacky unwillkürlich.

Aber er spürte nicht einmal das Sengen des Geschosses. Die Kugel war irgendwo hoch über dem Türrahmen in die Wand geklatscht.

Ruhig setzte er seinen Weg fort.

„Das war nur ein Warnschuß!“ schrie der Don mit sich überschlagender Stimme. „Die nächste Kugel trifft!“

„Daran glaubst du wohl selbst nicht“, entgegnete Blacky voller Spott.

Das ließ etwas in seinem Gegenüber zerreißen. Etwas, das die letzte Beherrschung in ihm aufrechterhalten hatte.

Sein zweiter Schuß war noch überhasteter als der erste.

Das Geschoß sirrte weit links an Blacky vorbei und zersprengte eine kleine Marmorstatue auf einem Wandsockel in tausend Stücke. Blacky sah es nur aus den Augenwinkeln heraus. Er achtete nicht weiter darauf.

Struzzos Gesicht war eine Fratze aus Angst und Wut. Er schleuderte die wertlose Pistole von sich und griff zum Dolch.

Blacky ging weiter auf ihn zu und fegte ihm die rasiermesserscharfe Waffe mit einem einzigen Hieb aus der Hand.

Struzzo wirbelte herum und riß einen Säbel an sich, der über dem Kaminsims aufgehängt war. Mit einer wilden Attacke stürmte er auf den breitschultrigen Engländer los.

Blacky gelang es geradezu mühelos, mit einem tänzelnden Schritt zur Seite auszuweichen.

Struzzo fing seinen Schwung ab und war im nächsten Sekundenbruchteil wieder zur Stelle. Mit waagerecht vorgereckter Klinge schnellte er auf den Gegner zu, der ihm immer unheimlicher wurde.

Blackys Reaktion funktionierte auch diesmal auf den Sekundenbruchteil genau. Struzzo lief in seinen Säbel hinein, wankte und kippte zur Seite weg.

Das Gefühl der gelungenen Rache, wie Blacky es sich vorgestellt hatte, entstand nicht.

Bevor er einen weiteren Gedanken fassen konnte, ertönte eine eisige Stimme von der Tür her.

„Danke, daß du mir die Arbeit abgenommen hast, Engländer. Ich werde allerdings nicht umhin können, dich mit einer Kugel dafür zu belohnen. Und in meinem Fall kannst du sicher sein, daß es keine zittrige Hand gibt, die dich rettet.“

Don Cesare di Montepulciano mußte hinter der Tür, auf dem Balustradengang, gelauert und alles mitgekriegt haben. Breit und massig füllte er den Türrahmen aus. In seiner Rechten lag ein Radschloßdrehling, ähnlich wie Hasard ihn verwendete. Gegen eine solche Waffe gab es kaum eine Chance.

Blacky erstarrte.

Sein Säbel steckte in Struzzos leblosem Körper. Und seine Pistole konnte er nicht ziehen, ohne daß Montepulciano den ersten Schuß abfeuerte.

Der schwergewichtige Toskaner trat näher, ohne den Drehling auch nur um ein Haar aus der Visierlinie zu nehmen.

Unten, in der Halle, wurde noch gekämpft.

An der Vorderseite des Anwesens versiegten die Schüsse.

Blacky hob die Hände und wich bis zum Fenster zurück. Am Rand seines Blickfelds konnte er sehen, daß da keine triumphierend brüllenden Horden waren, die auf den Hof des Palazzo vordrangen. Montepulcianos und Struzzos Kerle hatten sich gegenseitig niedergemetzelt. Die wenigen, die am Leben geblieben waren, hatten offenbar die Gunst der Stunde erkannt und sich für immer abgesetzt.

Und Don Cesare mußte in einem günstigen Moment von der Seite des Haupthauses her eingedrungen sein. Seine ursprüngliche Absicht war es wohl gewesen, den Hausherrn als Geisel zu nehmen. Jetzt blieb ihm nur Blacky, um sich gegen die Engländer durchzusetzen.

„Sie schaffen es nicht“, sagte Blacky und versuchte, äußerlich ruhig zu bleiben. „Meine Freunde werden jeden Moment hier sein.“

„Reines Wunschdenken“, entgegnete Don Cesare grinsend. „Außerdem werde ich mich freuen, sie zu sehen, denn sie werden miterleben, wie ich dich töte.“

Blacky blickte über seine Schulter.

„Sie werden nicht einmal eine Kugel aus dem Lauf kriegen“, sagte er.

Don Cesare di Montepulciano lachte schallend.

„Du glaubst, auf diesen uralten Trick falle ich herein? Mein Gott, für was hältst du mich, daß du annimmst, ich wäre so einfältig!“

Er krümmte den Zeigefinger.

Es krachte tief und wummernd. Das typische Schußgeräusch des Drehlings.

Blacky hatte sich vorsorglich zu Boden fallen lassen.

Er verspürte keinen Einschuß, und er hörte keine Kugel, die irgendwo in die Wand klatschte.

Statt dessen vernahm er das schwere Fallgeräusch eines menschlichen Körpers.

Blacky rappelte sich auf.

Don Cesare di Montepulciano lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich. Der Drehling war ihm aus der Hand gefallen.

Hasard hob die Waffe auf, die der seinen so sehr ähnelte.

„Er hat die Kugel nicht aus dem Lauf gekriegt, Blacky.“

Der breitschultrige Engländer nickte und lächelte. „Ich muß mich schon wieder bedanken. Verdammt, das ist jetzt das zweite Mal, daß du im letzten Augenblick …“

Der Seewolf winkte ab.

Sie verließen den Palazzo.

Die Streitmächte der beiden Dons hatten sich gegenseitig aufgerieben. Für die Arwenacks bestand kein Anlaß, sich länger am Schauplatz des blutigen Geschehens aufzuhalten. Sie kehrten auf die Schebecke zurück und nahmen Kurs auf den Hafen von Cagliari. Denn dorthin mußten sie noch einmal. Zum einen mußten sie endlich die Positionen auf ihrer Vorratsliste abhaken. Und zum anderen gab es niemanden an Bord, der Blacky nicht jenen letzten Besuch gönnte, ohne den er die Stadt unmöglich verlassen konnte.

Dunkelheit hatte sich über die Stadt gesenkt. Die Abendluft war mild, und überall in Cagliari hielten sich die Menschen im Freien auf. Einige feierten überschwenglich, andere verbrachten die Stunden zwischen Tag und Morgen in aller Stille bei einer Flasche Wein.

Aus dem Hof des kleinen Hauses drangen die, lärmenden Stimmen bis in die Kammer hinauf. Blacky konnte Gigliola ohne Nachdenken sagen, wem jede einzelne Stimme gehörte. Edwin Carberry, Ferris Tucker, Batuti …

Porfirio Nócciolo hatte sich nicht davon abbringen lassen, die Arwenacks für den Abend einzuladen. Er hatte zwei Schweine am Spieß gebraten und eine Batterie von Weinfässern auf dem Hof aufbauen lassen.

Der Seewolf hatte schließlich zugestimmt.

Die Menschen in Cagliari waren von einer doppelten Geißel befreit. Und gerade Vater und Tochter Nócciolo hatten Grund, sich darüber zu freuen.

Niemand hatte auf Blacky und Gigliola geachtet, als die beiden sich zurückgezogen hatten.

„Hör mal!“ hauchte Gigliola und schmiegte sich an Blacky. „Kennst du diese Stimme?“

Blacky brauchte nicht lange die Ohren zu spitzen.

Denn die Stimme übertönte die meisten anderen. „Du kannst es mir glauben, Hasard, dem Tabak gehört die Zukunft! Laß uns einen Vertrag schließen. Du wirst mein Handelsagent in England und sorgst dafür, daß ich den Tabak kriege, den ich hier absetzen kann. Ich werde das Monopol für Sardinien haben! Kein Don Marcello kann mich jetzt noch daran hindern! Natürlich beteilige ich dich am Gewinn und …“

Blacky stand auf und schloß das Fenster.

Dann kehrte er zu der hübschen jungen Frau zurück, die ihn mit ausgebreiteten Armen erwartete …

ENDE


1.

Mit versteinert wirkendem Gesicht lauschte der Fischer Domingo Calafuria dem Grölen und Lachen der Piraten. Er ballte die Hände zu Fäusten und biß die Zähne aufeinander. Es fiel ihm schwer, seine Wut und Ohnmacht zu beherrschen.

Rodrigo, sein Sohn, hockte neben ihm auf dem Boden. Er hatte die Knie an den Leib gezogen und hielt die Beine mit den Händen umklammert. Der Haß verzerrte seine Züge.

Asuncion, die Frau des Fischers, und Pamela, Rodrigos Schwester, hatten sich auf einem der primitiven Nachtlager ausgestreckt. Asuncion bewegte einen Rosenkranz zwischen ihren Fingern und betete leise. Das Mädchen weinte verhalten vor sich hin.

„Diese Teufel“, flüsterte Domingo Calafuria. „Wenn sie doch alle sterben würden.“

„Den Gefallen werden sie uns nicht tun“, murmelte Rodrigo. „Seit zwei Wochen haben sie unser Dorf besetzt und erfreuen sich bester Gesundheit.“

„Sie wohnen in unseren Häusern, essen unsere Nahrung, trinken unseren Wein, schänden unsere Frauen“, sagte Domingo. „Sie schlagen uns, wenn wir uns auflehnen. Sie töten uns, wenn ihnen danach ist.“

„So ist es Pablo ergangen“, sagte Rodrigo. „Er stach einen der Hunde mit seinem Messer nieder, dann versuchte er, Olivaro zu erledigen. Aber Olivaro war schneller. Seine Klinge traf Pablo ins Herz.“

„Hör doch endlich auf“, sagte Pamela. Sie wandte den Männern ihr tränennasses Gesicht zu. „Ich kann es nicht mehr ertragen. Lieber will auch ich sterben.“

„Rede keinen Unsinn“, sagte ihr Bruder. „Bislang haben sie uns verschont.“

Asuncion Calafuria unterbrach ihr Gebet.

„Sie tun es sicherlich nicht aus purer Nächstenliebe“, erwiderte sie gedämpft. „Wenn sie wieder eins ihrer sündigen Feste feiern, werden sie auch uns holen.“

„Lieber sterbe ich“, sagte Pamela noch einmal.

„Es gibt nur einen Weg“, murmelte Rodrigo. „Wir müssen uns befreien und fliehen.“

„Wie willst du das anstellen?“ fragte seih Vater.

„Mir fällt schon noch etwas ein.“

„Urbano hat es versucht“, gab Pamela zu bedenken. „Urbano ist ein mutiger Mann. Sie haben ihn gefaßt und halb totgeschlagen. Er ringt noch immer mit dem Tod.“

Sie schwiegen und lauschten dem Wind, der mit zunehmender Kraft über die Dächer der Häuser orgelte. Das Rauschen der See war deutlich zu vernehmen. Draußen braute sich ein schwerer Sturm zusammen.

Domingo wußte, daß es ein Orkan werden würde. Er war in diesem Dorf geboren und aufgewachsen und hatte schon mit vier Jahren auf den Planken gestanden. Er spürte die See mit jeder Faser seiner Nerven und hatte einen unterschwelligen Instinkt für jede Entwicklung.

Domingo Calafuria und seine Familie hockten in dem Keller unter dem größten Haus des Dorfes. Über ihnen lärmten Olivaro und die Piraten. Die Kerle wußten, daß beim Sturm so manches Schiff die Insel anlaufen würde.

Jede Bucht war als Nothafen recht – aber kein Seemann ahnte, daß im Süden von Mallorca eine blutrünstige Bande lauerte, die auf solche Beute nur wartete.

Olivaro und seine Kerle überfielen jedes Schiff, schnitten der Mannschaft die Gurgeln durch und plünderten alles aus. War der Segler gut in Schuß, dann rissen sie sich auch diesen unter den Nagel.

So war Olivaros kleiner Verband, der aus einer Karavelle und drei Einmast-Schaluppen bestand, allmählich gewachsen. Die Piraten kannten weder Skrupel noch Gnade. Wer ihnen in die Hände fiel, war zum Tode verdammt.

Natürlich hätten die Schnapphähne auch die Fischer einen nach dem anderen niedermetzeln können, als sie eines Tages beschlossen hatten, das Dorf zu besetzen und zu ihrem festen Stützpunkt zu wählen. Doch Olivaro hatte es sich anders überlegt.

Die Fischer und ihre Familien wurden noch gebraucht. Hin und wieder durften einige von ihnen zum Fang auslaufen – selbstverständlich unter Bewachung. So war die Verpflegung der Meute gesichert.

Die Frauen und Mädchen kochten, putzten und wuschen für die Piraten – und sie dienten der Bande zum Vergnügen. Olivaro hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Er hatte einen hervorragenden Schlupfwinkel gefunden, und er verfügte über Sklaven, die jede Arbeit für ihn und seine Kumpane erledigten.

Was wollte er noch mehr?

Gold, Silber, Geld und Juwelen – das wollte Olivaro. Er wartete auf den Beutezug seines Lebens, auf den großen Coup. Irgendwann mußte er glücken. Dann brauchte Olivaro nie mehr zu „arbeiten“. Er konnte sich irgendwohin zurückziehen und ausruhen. Huren, saufen und fressen – das würden dann seine einzigen Aktivitäten sein.

Von dieser Zukunft träumten auch seine Spießgesellen. Sie hatten großes Vertrauen in Olivaro. Er war nicht nur ein erstklassiger Kämpfer, er hatte auch Grips. Die Pläne für die Raids, die sie durchführten, stammten immer von ihm.

Er war ein Meister im Tüfteln und wußte stets die richtige Strategie und Taktik in Anwendung zu bringen. Er würde die Bande zum Erfolg und zum Reichtum führen.

Im Nachlassen des Tageslichtes pfiff und heulte der Sturmwind über die Küste. Die schwarzen Wolken verdunkelten den Himmel vollends – es wurde stockfinster. Donner grollte in der Ferne. Blitze zuckten wie gespenstische Irrlichter. Die See schwoll an, das Rauschen der Brandung verwandelte sich in ein dumpfes Dröhnen.

„Wenn die Hunde heute nacht das Dorf verlassen, nutzen wir die Chance“, sagte Rodrigo. „Sie werden nur wenige Wachtposten zurücklassen.“

„Du willst es mit den Kerlen aufnehmen?“ fragte sein Vater.

„Du etwa nicht?“

„Wir haben keine Waffen“, sagte Domingo.

„Ein Messer, das ich vergraben habe“, erwiderte sein Sohn.

„Das reicht nicht.“

„Vater“, sagte Rodrigo. „Ich lasse nicht zu, daß sie uns weiterhin demütigen und schinden. Die Sturmnacht ist unsere große Gelegenheit. Wir dürfen nichts unversucht lassen.“

„Da hast du recht“, murmelte der Fischer.

„Wollt ihr euch umbringen?“ fragte Asuncion. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.

„Nein“, entgegnete Rodrigo. „Wir wollen retten, was noch zu retten ist. Wir müssen nur zusammenhalten. Gemeinsam sind wir eine kleine Streitmacht. Ein einzelner schafft es nicht.“

„Ich verstehe“, sagte Pamela. Sie kroch zu ihrem Bruder. Stolz und Entschlossenheit funkelten plötzlich in ihren Augen. „Jetzt ist mir alles klar. Ich bin mit dabei und helfe euch, wo ich kann.“

Asuncion Calafuria keuchte erschrocken. „Ist das dein Ernst, Pamela? Ich begreife nicht, was …“

„Ich will es dir erklären“, sagte ihr Mann. „Setz dich hier zu uns und laß uns beraten. Ich habe eine Idee. Wir wollen den Plan besprechen und alles zurechtlegen. Noch haben wir Zeit genug.“

Das Tosen des Sturmes nahm immer mehr zu. Bald war das Lachen und Johlen der Piraten nur noch wie aus weiter Ferne zu vernehmen. Olivaro und dessen Kumpane hörten nicht einen Bruchteil dessen, was unter ihnen die Gefangenen in ihrem Verlies beratschlagten.

Der Sturm setzte die Schebecke gefangen. Er zerrte an ihr, beutelte sie durch und stieß sie in immer tiefere Wellenschluchten. Der Wind heulte wie tausend Wölfe, und die Brecher donnerten gegen die Bordwände. Wasser und Gischt schlugen über das Oberdeck, als leerten Giganten ihre riesigen Kübel über dem Dreimaster aus.

Philip Hasard Killigrew und seine Mannen hatten das Schlechterwerden des Wetters rechtzeitig genug registriert. Aber der Seewolf hatte sich in den Kopf gesetzt, wenigstens noch Mallorca zu erreichen, dort eine geschützte Bucht zu suchen und vor Anker zu gehen.

Die Männer hatten Sardinien hinter sich gelassen. Der Kurs lag auf West-Süd-West an, Richtung Meerenge von Gibraltar. Hasard wollte das Mittelmeer jetzt so schnell wie möglich verlassen, dann die Iberische Halbinsel runden und durch den Golf von Biskaya nordwärts heim nach England segeln.

Es war ein Ziel, mit dem er der Crew aus dem Herzen sprach. Auch sie konnten jetzt kaum erwarten, nach England zurückzukehren und – unter anderem – mal wieder bei dem dicken Nathaniel Plymson in der „Bloody Mary“ von Plymouth tüchtig die Mäuse auf dem Tisch tanzen zu lassen.

Doch der Weg nach Hause war ein Kurs mit Hindernissen. Überall, wo die Männer landeten, gab es Ärger und Verdruß. In der Türkei und in Griechenland wären sie um ein Haar vor die Hunde gegangen. In Venedig war der Teufel losgewesen.

Nicht besser hatte es in Süditalien und auf Sizilien ausgesehen. Auf Sardinien waren die Arwenacks ohne ihr Zutun in eine Blutrache-Affäre verwickelt worden. Kein Wunder, daß sie nicht das geringste Interesse hatten, noch länger im Mittelmeer zu verweilen.

Jetzt aber, im Toben und Wüten des Sturmes, stellte sich Hasard die Frage, ob er nicht doch eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Wäre es nicht klüger gewesen, die Insel Menorca anzulaufen?

Routinemäßig hatten die Mannen alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um sich und das Schiff gegen Sturm und Unwetter abzusichern. Sie hatten die Luken und Schotten verschalkt, die Kanonen festgezurrt und die Manntaue gespannt.

Vorsichtshalber hatte der Seewolf beim Heraufziehen des Orkans auch die Sturmsegel setzen lassen – was sich jetzt als kluge Entscheidung erwies. Die Böen rissen und rucksten wie verrückt an dem Tuch. Die Masten bebten und knarrten. Um die normale Besegelung wäre es zu diesem Zeitpunkt längst geschehen gewesen. Der Sturm hätte sie in Fetzen gerissen.

Ben Brighton, Hasards Erster Offizier und Bootsmann, hatte sich unter Deck noch einmal mit dem vorhandenen Kartenmaterial befaßt. Jetzt erschien er wieder an Oberdeck und hangelte in den Manntauen auf seinen Kapitän zu.

„Sir!“ schrie er.

Der Seewolf wandte sich ihm zu.

„Wie sieht es aus?“ brüllte er. „Ist Mallorca noch weit entfernt?“

„Etwa zwanzig Meilen!“

„Und Menorca?“

„Die Insel liegt viel weiter nördlich!“ erwiderte Ben im Jaulen und Orgeln des Sturmes. „Mindestens fünfzig Meilen!“

Hasard atmete auf – trotz der bedenklichen Lage. Seine Berechnungen stellten sich nun doch als richtig heraus.

Der Kurs der Schebecke lag viel zu weit südlich versetzt, um Menorca als Nothafen in Betracht zu ziehen. Mallorca war weitaus näher. Und die größte Insel der Balearen bot sicherlich auch weitaus mehr Schutzmöglichkeiten als ihre kleineren Schwestern.

Der Sturm gewann die Oberhand gegen die Schebecke und zerfetzte ihre Segel. So trieb das Schiff in der schwarzen, kochenden See, praktisch vor Topp und Takel lenzend. Der Dreimaster raste in abenteuerlicher Fahrt rauschende Wasserhänge hinab, drohte in tosenden Abgründen zu versinken, taumelte wie betrunken zu neuen Wogenkämmen hoch und setzte seine wankende Reise fort, bis sich wieder eine Schlucht öffnete.

Die Mienen der Männer waren verbissen und besorgt. Selbst Carberry, dem Profos, war das Fluchen vergangen. Sie alle wußten, was es hieß, wenn die Schebecke dem Wetter nicht standhielt. Sie würden untergehen mit Mann und Maus. England würden sie nicht wiedersehen.

Doch Mallorca war nah. Die Arwenacks setzten ihre ganze Hoffnung in die Chance, die Südküste zu erreichen und dort eine einigermaßen geschützte Bucht zu finden. Sie taten alles, den Kurs zu halten. Es war dunkel wie in der finstersten, mondlosen Nacht.

Nur zu leicht konnte man die Orientierung verlieren. Die Kompaßnadel zitterte, als wolle sie jeden Augenblick zerbrechen. Andere Hilfsmittel gab es nicht. So blieb den Männern nur ihr Instinkt – und der war ausgezeichnet. Sie hatten zuviel Erfahrung und zu viele Jahre auf See verbracht, um sich jetzt von der Richtung abbringen zu lassen.

Keiner wußte genau, wie spät es war, als der Sturm sie gegen die Südküste der großen Insel warf. Mitternacht oder noch später? Vielleicht war es auch schon zwei Uhr morgens – egal! Wie ein Pfeil schoß der Dreimaster an gefährlichen Felsen vorbei.

Dan erkannte sie im buchstäblich letzten Moment. Pete Ballie, der Rudergänger, konnte nur noch ganz knapp den Kurs korrigieren. Um ein Haar entging die Schebecke dem drohenden Schicksal, aufzubrummen und zu zerbersten.

Die Mannen sahen sich untereinander an.

„Das war knapp!“ schrie Ferris Tucker.

„Höllisch knapp!“ fügte Old Donegal Daniel O’Flynn hinzu.

„Kreuzdonnerwetter, aber wir haben die Küste vor uns!“ brüllte der Profos.

Richtig, die tückischen Riffe kündeten von der Nähe der Küste. Wie eine Barriere waren die Felsen an dieser Stelle dem Land vorgelagert. Sie wirkten als Wellenbrecher. Hinter der Unterwasserfalle wurde das Wasser zusehends ruhiger. Die Fahrt der Schebecke normalisierte sich. Pete Ballie war wieder Herr über das Ruder. Sicher steuerte er den Dreimaster jetzt zwischen den Felsen hindurch, die Dan ihm anzeigte.

Über dem Zentrum der Insel tobte sich ein Gewitter aus. Blitze zuckten, Donner grollte. So sichteten die Männer der Schebecke die Südküste von Mallorca – ein graues, unförmiges Gebilde, das alles andere als einladend wirkte.

„Wir haben es geschafft!“ stieß Carberry grollend hervor. „Hölle, wir haben dem Teufel wieder mal ein Ohr abgesegelt!“

„Ich an deiner Stelle würde nicht zu früh triumphieren!“ rief Old O’Flynn.

„Ach, hör doch mit deinem Scheiß auf!“ schrie Big Old Shane. „Wenn’s nach deinen Orakeln ginge, wären wir längst abgesoffen – schon im Chinesischen Meer!“

„Viel hätte ja auch nicht gefehlt“, versetzte der Alte bissig.

„Beim Henker, halt das Maul, Donegal!“ brüllte der Profos. „Sonst stopfe ich es dir mit zwei Pfund Kabelgarn!“

Die Männer mußten unwillkürlich lachen. Die Gefahr war gebannt, die Ordnung und das Gleichgewicht waren an Bord wiederhergestellt.

Der Profos fluchte, Old Donegal lästerte, und auch Mac Pellew hatte wieder die übliche miesgrämige Miene aufgesetzt. Alles in Ordnung – sie brauchten jetzt nur noch eine „passende“ Bucht zu suchen.

Gegen ein Uhr morgens entdeckten sie eine kleine, von schützenden Hügeln umgebene Bucht. Ohne zu zögern, ließ der Seewolf hier vor Anker gehen. Die Schebecke lag einigermaßen ruhig und schwoite an der Ankertrosse. Der Sturm heulte und jaulte wie ein Heer von Dämonen über die Masten hinweg.

Hasard zog Bilanz. Verletzt war keiner der Männer. Sie waren erschöpft, aber unversehrt. Jetzt galt es, das Schiff zu untersuchen. Ferris Tucker und Big Old Shane übernahmen diese Aufgabe. Nach einer ausgiebigen Inspektion des Rumpfes kehrten sie auf das Achterdeck zurück, und der rothaarige Riese meldete: „Wir haben drei Lecks, Sir.“

„Unter der Wasserlinie?“ wollte der Seewolf wissen.

„Zwei davon.“

„Kannst du sie abdichten?“

„Nur notdürftig.“

„Dann tu das“, sagte Hasard. „Blacky, Pete, Jack, Paddy, Matt und Higgy – ihr geht Ferris zur Hand. Sten und Sam, ihr lenzt das Leckwasser. Morgen früh sehen wir dann weiter. Wenn alles nichts hilft, müssen wir den Kahn aufslippen.“

„Das wird nicht unbedingt erforderlich sein“, erwiderte Ferris. „Aber wir haben nicht genug Ersatzplanken an Bord. Ich schätze, wir müssen an Land und frisches Holz für Planken und Spieren schlagen.“

„Das werden wir morgen in aller Ruhe erledigen“, sagte der Seewolf.

Old O’Flynn beäugte mit wachsendem Mißtrauen die Küste. „Da müssen wir uns aber höllisch vorsehen. Hier gibt es sicherlich Schnapphähne. Mallorca soll von Piraten geradezu verseucht sein, habe ich mal gehört.“

„Wann? Vor fünfzig Jahren?“ fragte Higgy kichernd, aber der Alte tat so, als hätte er es nicht gehört.

„Es ist klar, daß wir nur schwer bewaffnet an Land gehen“, sagte Hasard. „Und die Schebecke wird klar zum Gefecht sein, wenn unser Trupp loszieht, um Bäume zu schlagen.“

Ben richtete den Blick zum Himmel. „Erst mal kann davon keine Rede sein. Der Sturm hat es in sich. Es ist nicht gesagt, daß er morgen schon vorbei ist. Vielleicht müssen wir uns auf eine längere Wartezeit einrichten.“

„Es bleibt uns nichts anderes übrig“, entgegnete der Seewolf. „Wir haben keine andere Wahl.“

2.

Nur etwa acht Meilen westlich von der Ankerbucht der Seewölfe entfernt ereignete sich zur selben Stunde ein schweres Seeunglück. Eine Zwei-Mast-Karavelle, etwa achtzig Tonnen groß, wurde von den brodelnden Fluten genau auf das Ufer gestoßen.

Wie durch ein Wunder passierte das Schiff unversehrt die Riffe. Einem kranken Tier gleich taumelte der Segler auf den Strand zu. Gellende Schreie ertönten an Bord. Doch das Unheil war nicht mehr zu verhindern. Es krachte und knackte, und die Karavelle lief auf.

Etwa drei Yards weit schob sich das Schiff durch den Sand, dann krängte es nach Backbord und legte sich quer. Wieder schrie die Besatzung in höchster Not. Eine niedersausende Spiere tötete zwei Männer. Eine Kanone, die sich aus ihrer Vertäuung gelöst hatte, riß einen dritten Mann mit und begrub ihn unter sich.

Kapitän Burl Ives wurde vom Achterdeck katapultiert. Er überrollte sich im Sand und blieb unversehrt. Stöhnend und fluchend richtete er sich auf und blickte im fauchenden Sturm zu seinem Schiff.

Die „Samanta“ war nur noch ein Wrack. Die Reise war hier zu Ende. Die Ladung würde nie ihren Bestimmungshafen erreichen.

Ives rannte zu seinen Männern. Es waren nur noch zehn. Im Sturm waren mehrere außenbords gerissen worden und in den Fluten verschwunden. Jetzt hatte das Auflaufen auch noch Opfer gefordert – insgesamt fünf. Aber Ives wußte, daß er noch froh sein konnte. Um ein Haar wären sie alle erledigt gewesen. Es hatte nicht mehr viel gefehlt, und die „Samanta“ wäre untergegangen.

Die Passagiere, dachte Burl Ives, mein Gott, die Passagiere!

Er kletterte zurück an Bord, stieg mühsam über das schräge Deck und versuchte, das Achterkastell zu erreichen. Seine Männer krochen und wankten verwirrt auf und ab.

Guzman und eine Handvoll Piraten hatten das Geschehen von einem sicheren Platz in den Dünen beobachtet. Grinsend rieben sie sich die Hände. Guzman schickte einen der Kerle zum Dorf. Er sollte Olivaro und die anderen benachrichtigen. Diese gestrandete Karavelle war ein gefundenes Fressen für die Bande von Schnapphähnen.

Olivaro fackelte nicht lange, als der Bote die Nachricht überbrachte. Er stürmte aus der Hütte und rief seine Kumpane zusammen. Fünf teilte er als Wachen ein, sie blieben in der Siedlung zurück. Alle anderen sollten mit zu der Karavelle. Das Schiff war eine sichere Beute, aber die Mannschaft würde sich gewiß nicht kampflos ergeben. Also mußte das Aufgebot entsprechend groß sein.

Bis an die Zähne bewaffnet rückten die Kerle aus und rannten durch die Nacht. Der Sturmwind fetzte ihnen Sand und Gräser um die Ohren. Sie kümmerten sich nicht darum. Sie dachten nur an eins – an die Karavelle und das, was sich in ihrem Rumpf befinden mochte.

Kapitän Burl Ives hatte unterdessen das Achterkastell seines Schiffes erreicht. Unter großen Schwierigkeiten gelang es ihm, das Schott zu öffnen. Er schlüpfte ins Innere und arbeitete sich durch den Mittelgang zu den Kammern. Trotz des Sturmgeheuls vernahm er jetzt ein leises Wimmern.

Die Kammer, in der das Wimmern erklang, war wie eine Gefängniszelle verrammelt. Die Wände hatten sich verzogen, das Schott war wie zugenagelt.

Ives wandte sich seiner Kapitänskammer zu. Hier sah es aus, als hätten Verrückte gehaust – alles drunter und drüber. Dennoch fand Ives nach einiger Suche ein Werkzeug. Er kehrte damit zu der Kammer zurück und brach das Schott auf.

Stockfinster war es im Inneren. Ives tastete sich zu den Kojen vor. Plötzlich berührte er einen weichen, warmen Körper.

„Ich bin’s, der Kapitän“, sagte er. „Erschrecken Sie nicht, Miß Farah.“

Das Mädchen schluchzte auf und klammerte sich an ihm fest. „Allmächtiger, was ist geschehen? Wo sind wir?“

Ives setzte ihr auseinander, was sich zugetragen hatte.

„Wir sind jetzt in Sicherheit“, erklärte er. „Sie brauchen keine Angst mehr zu haben.“

„Dad“, sagte sie mit bebender Stimme. „Wo bist du?“

Ives suchte nach dem Vater des Mädchens und fand den Mann. Harold Acton lag zwischen den Trümmern seiner Koje. Ein Deckenbalken hatte sich gelöst und war auf das Nachtlager gestürzt, in dem der Mann sich festgebunden hatte, um in dem rollenden Schiff nicht ständig hin und her geworfen zu werden.

Ives kehrte zu dem Mädchen zurück.

„Sie müssen jetzt ganz tapfer sein, Miß Farah“, sagte er.

„Er ist tot, nicht wahr?“

„Ja.“

Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte klagend. Dem Kapitän zerriß es fast das Herz. Er wußte nicht, was er tun sollte. Während der Reise hatte er die beiden, Vater und Tochter, schätzen gelernt. Für ihn selbst war es ein harter Schlag, daß Harold Acton tot war. Voll Mitleid zog Ives das Mädchen in seine Arme.

Draußen erklangen plötzlich Schüsse und Schreie.

„Himmel!“ keuchte das Mädchen. „Was ist jetzt wieder los?“

„Ich sehe nach“, erwiderte Ives. „Sie rühren sich nicht vom Fleck.“

Er kroch ins Freie, bewaffnet mit seiner Pistole. Was da draußen, am Strand, seinen Verlauf nahm, konnte er sich sehr gut ausmalen. Küstenhaie, Wegelagerer, Buschteufel – sie lauerten nur auf Beute und fielen jetzt über die Mannschaft her.

In der Tat, Olivaro und seine Meute hatten die Mannschaft angegriffen. Als erstes brachten die Piraten ihre Musketen und Pistolen zum Einsatz. Einige waren naß geworden und zündeten nicht, aber gut ein Dutzend Waffen krachten und spuckten ihre tödlichen Ladungen aus. Schreiend brachen ein paar Gestalten vor der gestrandeten Karavelle zusammen. Die übrigen griffen zu den Waffen.

Aber nur die wenigsten Männer der Besatzung hatten Schußwaffen dabei. Außerdem war im Sturm das Pulver naß geworden. Sie hatten nur eine Chance: sich im Nahkampf mit den Blankwaffen zu behaupten.

Brüllend stürzten sich die Piraten auf die armen Teufel. Olivaros Horde war klar in der Überzahl. Nur kurz war das Handgemenge. Die Säbel klirrten, die Klingen schepperten – und die Köpfe rollten, wie Olivaro prophezeit hatte.

Burl Ives sprang auf den Strand. Er hob die Pistole und zielte auf Olivaro. Aber die anderen Piraten umzingelten ihn. Guzman war schräg hinter dem Kapitän und hob seinen schweren Schiffshauer, um den Mann zu enthaupten.

Kapitän Burl Ives ließ die Waffe sinken. Olivaro sah es und grinste voll Hohn und Triumph. Er brauchte nur einen Wink zu geben, und Guzman schlug zu. Doch irgend etwas bremste Olivaro. Er wollte den Mann – offensichtlich handelte es sich um den Kapitän – lebend.

Vielleicht ist der noch für eine Überraschung gut, dachte der Piratenführer.

Olivaro blickte zu Guzman.

„Halt“, sagte er. „Das genügt jetzt.“ Er trat dicht vor Ives hin. „Bist du der Kapitän dieses Schiffes?“

Ives verstand die spanische Sprache nur in ihren Ansätzen.

„Ja“, erwiderte er.

„Wer bist du?“ fragte Olivaro. „Ein Engländer?“

„Ja.“

„Gehört dir das Schiff?“

„Ja.“

Olivaro lachte dröhnend. „Es gehörte dir. Jetzt ist es unser. Was hast du geladen, Hund von einem Engländer?“

„Ich verstehe dich nicht“, erwiderte Burl Ives.

Olivaro versetzte ihm einen Stoß vor die Brust. Ives flog gegen die Bordwand seines Schiffes. Olivaro wiederholte seine Frage in gebrochenem Englisch und brüllte: „Hast du mich jetzt verstanden?“

„Allerdings“, entgegnete der Kapitän in seiner Muttersprache. „Nun, die Ladung wird dich interessieren. Wir haben Bier und Whisky an Bord und wollten das Zeug in Genua verkaufen.“

Olivaro war enttäuscht, aber er beherrschte sich. Er hatte sein Mienenspiel bestens in der Gewalt. Gold und Silber hatte er erwartet – aber immerhin, Alkohol war auch nicht schlecht. Zumindest konnte er seine Kerle damit bei Laune halten.

„He, habt ihr das gehört?“ brüllte er der Bande zu. „Bier und Whisky! Der Kahn ist mit Fässern vollgestopft, bis unter die Ladeluken!“

Die Kerle johlten und pfiffen. Sie hatten nichts dagegen einzuwenden, sich heute nacht gehörig vollaufen zu lassen. Bier und Whisky, das war ganz nach ihrem Geschmack.

Burl Ives trat wieder auf den Piratenführer zu. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Wenn er nicht sofort handelte, war Farah Acton verraten und verkauft.

„Ich möchte dir etwas anvertrauen“, sagte er zu Olivaro.

Olivaro horchte auf. Seine Kerle waren schon dabei, die Karavelle zu entern und die Ladeluken aufzubrechen.

„Was willst du?“ fuhr er den Engländer barsch an.

„Es handelt sich um ein Geheimnis. In meiner Kammer ist eine Geldschatulle versteckt.“

Olivaro stieß einen Pfiff aus. Also doch noch ein Lichtblick!

„Ich gebe dir die Schatulle freiwillig“, sagte Ives.

Olivaro sah ihn verschlagen an. „Ich würde sie sowieso finden, wenn ich den Kahn auseinandernehme.“

„Das bezweifle ich.“

Olivaro kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Und was bezweckst du Hundesohn mit dieser edlen Geste?“

„Ich bitte dich um einen Gefallen.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Ich habe einen weiblichen Passagier an Bord“, erklärte der Kapitän. „Es handelt sich um meine Tochter. Sie heißt Farah. Sie teilte sich mit meinem Bruder die Kammer. Mein Bruder ist tot. Ich möchte nicht, daß deine Männer über das Mädchen herfallen. Es ist die einzige Bitte, die ich an dich habe. Töte mich, aber verschone sie.“

Olivaro überlegte. Was hatte dieser Bastard von einem Engländer vor? Wollte er ihn hereinlegen?

Burl Ives hielt es für richtig, Farah als seine Tochter auszugeben. So hatte er vielleicht doch eher die Gewähr, sie zu retten – wenn dieser Piratenhäuptling ein Fünkchen Anstand und Ehre im Leibe hatte.

Daß Olivaro zu allem fähig war, sah Ives ihm an. Der Engländer hoffte aber, daß die Gier nach der Schatulle ein Beweggrund für den Schnapphahn war, das Mädchen wenigstens eine Zeitlang in Ruhe zu lassen.

Olivaro faßte seinen Entschluß. Seine Augen glitzerten in der Nacht.

„Also gut!“ zischte er, so daß nur Burl Ives seine Worte verstehen konnte. „Die Schatulle für das Leben und die Ehre des Frauenzimmers! Aber ich warne dich! Wenn du versuchst, mich übers Ohr zu hauen, lasse ich dich in Stücke reißen und das Mädchen von meinen Kerlen hernehmen.“

„Mein Ehrenwort, daß alles der Wahrheit entspricht“, sagte Ives.

„Meine Kerle brauchen von der Schatulle nichts zu wissen!“ stieß Olivaro hervor.

„Einverstanden“, erwiderte der Kapitän. So hatte er einen Pakt mit dem Piratenhäuptling getroffen.

„Hol das Mädchen“, befahl Olivaro. „Aber paß auf! Ich knalle euch sofort ab, wenn ihr zu fliehen versucht!“

„Wir werden nicht fliehen“, versprach Burl Ives. Dann kletterte er wieder an Bord und kehrte zu Farah Acton zurück. Auf diese Weise hatte er Zeit und Gelegenheit, sie über alles aufzuklären, was vorgefallen war und was er mit Olivaro ausgehandelt hatte.

Flucht war sinnlos, Olivaro hatte längst rund um das Wrack der „Samanta“ seine Wächter postiert. Burl Ives und das Mädchen waren der Bande ausgeliefert, so oder so.

Doch zumindest hatte der Kapitän einen Aufschub herausgeschunden. Einer Laune Olivaros war es zu verdanken, daß Ives und Farah Acton vorerst nicht über die Klinge sprangen.

Die Piraten hatten die Ladeluken aufgebrochen und fielen wie gierige Ratten über die Fässer her. Als erstes stachen sie ein Faß Bier an. Sprudelnd schoß das Naß heraus. Grölend bewaffneten sich die Kerle mit Kübeln, Pützen und Mucks und gossen sich das Bier in den Rachen.

Olivaro grinste. Die sind erst mal abgelenkt, dachte er.

Es war der richtige Zeitpunkt, sich um die Schatulle zu kümmern. Olivaro enterte auf das Schiff. Seine Gestalt war ein furchterregender Schatten in der Sturmnacht.

In Olivaros „Hauptquartier“ hielt ein einziger Kerl Wache. Er hieß Juanito und zeichnete sich durch beispiellose Faulheit aus. Sich die Stiefel anzuziehen, war ihm zu anstrengend, deshalb lief er immer barfuß herum. Juanito war zu faul, sich richtig zu waschen, zu träge, beim Gehen seine Füße hochzuheben. Sein Schlurfen war sein Erkennungszeichen.

Nur wenn Olivaro ein Schiff angriff, wurde Juanito hellwach. Dann verwandelte er sich in eine reißende Bestie. Heute nacht allerdings war er froh, daß ihn Olivaro als Posten im Fischerdorf zurückgelassen hatte. Bei diesem höllischen Sturm hatte Juanito keine große Lust, stundenlang draußen herumzulaufen und sich vom Wind umblasen zu lassen.

Hier drinnen war es gemütlicher. Juanito hatte sich hingehockt und seine Beine auf den Tisch gelegt. Grinsend entkorkte er eine Flasche Wein – was auch schon eine Arbeit für ihn war. Als er es geschafft hatte, hob er die Flaschenöffnung an die Lippen und ließ sich den süffigen Wein in die Kehle rinnen.

Feines Leben, dachte er.

Draußen heulte und orgelte der Sturm, als wolle er noch ein paar Jahre so wüten. Egal, sagte sich Juanito, so halte ich es aus. Solange der Weinvorrat reichte, der sich in einem Nebenraum befand, hatte er keinen Grund, sich zu beklagen.

Und wenn die Spießgesellen im Verlaufe der Nacht sogar noch mit Beute anrückten, war das Leben noch schöner. Denn sie mußten auch mit Juanito teilen. Jeder von der Bande, ganz gleich, welche Aufgabe er gerade versah, hatte Anspruch auf sein Stück von dem großen Kuchen, wenn es ans Verteilen ging.

Plötzlich zuckte Juanito zusammen.

Unter ihm ertönte ein gellender Schrei – wie in höchster Todesnot ausgestoßen.

Um ein Haar hätte Juanito etwas von dem kostbaren Wein verschüttet. Er verschluckte sich und hustete. Teufel auch! Was hatte das Geschrei zu bedeuten? Kriegten sich die Bastarde dort unten nun schon gegenseitig in die Haare?

Juanito gab einen grunzenden Laut von sich. Er hustete noch ein bißchen, dann war die Aufregung vorbei. Wieder nahm er einen ordentlichen Schluck von dem Rebensaft. Was kümmerte ihn, was die Fischerfamilie trieb? Von ihm aus konnte das Pack sonst was veranstalten. Sollten sie sich ruhig die Augen auskratzen. Ihn, Juanito, konnte das in seiner wohlverdienten Ruhe nicht stören. Ihn ging das alles nichts an.

Wieder stieg ein spitzer Schrei aus dem Keller auf.

Juanito nahm die Füße vom Tisch und stieß eine üble Verwünschung aus. Dann nahm er die Riesenanstrengung auf sich, sich zu erheben. Er stellte die Flasche weg und wischte sich mit dem Handrücken über den feuchten Mund. Drecksgesindel, dachte er aufgebracht, euch ziehe ich die Hammelbeine lang.

Fluchend bückte er sich und öffnete die Kellerluke. Wohlweislich nahm er die Pistole in die Hand und spannte den Hahn. Die Bastarde sollten nicht glauben, daß sie ihn mit einem billigen, dämlichen Trick hereinlegen konnten.

Trotz des Sturmwindes, der in diesem Moment mit größter Macht brüllte und die Hüttenwände erzittern ließ, konnte Juanito ganz deutlich das Weinen des Mädchens unter sich vernehmen.

„Was ist da los?“ schrie er. „Könnt ihr nicht eure Klappen halten, ihr verdammtes Lausepack?“

Pamela Calafuria heulte und schluchzte zum Steinerweichen. Sie tat genau das, was ihr Bruder Rodrigo ihr eingeschärft hatte. Und Domingo und Asuncion, die Eltern, spielten ebenfalls mit. Jeder hatte seine Aufgabe in dem Unternehmen, das jetzt ablief.

„Wer hat da geschrien?“ stieß Juanito zornig hervor. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, unter sich etwas zu erkennen. Aber es war stockfinster.

„Ich war’s“, erwiderte Pamela mit bebender Stimme.

Juanito lachte roh. „Was ist los, kriegst du’n Kind?“

„Eine Ratte hat mich gebissen!“ klagte das Mädchen.

„Pfui Teufel!“ stieß Juanito hervor.

„Muß ich jetzt sterben?“ heulte Pamela.

„Ach, Quatsch, die Ratte hat sich höchstens an dir den Magen verdorben“, sagte Juanito. Glucksend lachte er über seinen großartigen Witz und hieb sich sogar auf den Unterschenkel, daß es klatschte.

„Ihr könnt mich doch hier nicht sterben lassen!“ jammerte das Mädchen.

Juanito entsann sich: Sie war ein hübsches Mädchen. Schwarzhaarig, feurig, mit dunklen Rehaugen. Konnte man ein solches Geschöpf umkommen lassen? Nein, das ging denn wohl doch zu weit.

„Sieh dir doch die Wunde an“, keuchte Pamela. „Sie blutet wie verrückt.“

„Warte“, sagte der Kerl grunzend. „Ich hole eine Lampe. Habt ihr denn kein Licht da unten, ihr Dummköpfe?“

„Das Öl ist uns ausgegangen“, sagte Domingo Calafuria.

Juanito holte die Öllampe, die an einem Eisenhaken unter dem Mittelbalken der Decke hin und her schwang, verband sie mit einem Tau und fierte sie in das Kellerverlies ab. Er beugte sich etwas hinunter, um Näheres erkennen zu können. Vorerst sah er nur die verkrümmte Gestalt des Mädchens auf einem der Lager.

Etwas Spitzes, Scharfes traf Juanitos Hals, jäh und völlig unversehens. Rodrigo hatte mit seinem Messer zugestochen. Die ganze Zeit über hatte er unter der Kellerluke gelauert, neben der Stiege. Halt fand er dort nur an zwei dicken Eisennägeln, die aus dem Mauerwerk ragten. Doch die genügten dem jungen Mann. Rodrigo war schlank und gewandt wie eine Katze. Und er war von dem Wunsch beseelt, wenigstens einen dieser Teufel umzubringen.

Die Öllampe fiel in den Keller und kippte um. Domingo eilte zur Stiege und stieg hoch. Pamela griff nach der Lampe und richtete sie wieder auf. Ihre Mutter wischte das verschüttete Öl auf, damit es ja nicht Feuer fing.

Juanito, der Pirat, wollte auf den Gegner feuern, doch das Messer hatte seine Halsschlagader getroffen. Die Kräfte verließen ihn. Die Pistole entglitt seinen schlaffen Fingern.

Domingo Calafuria fing sie auf. Rodrigo packte Juanito mit einer Hand und zerrte ihn nach unten. Der Pirat kippte ab und stürzte hart und mit einem dumpfen Laut auf den Kellerboden.

Asuncion Calafuria und ihre Tochter wichen rechtzeitig zur Seite. Ohne Mitleid blickten sie auf den Galgenvogel. Juanito schien noch etwas sagen zu wollen. Aber sein Kopf ruckte zur Seite. Blicklos waren seine Augen jetzt zur Luke gerichtet, wo Rodrigo blitzschnell nach oben enterte und sich in der Hütte umschaute.

Kein anderer Feind war zu sehen.

Die erste Partie in dem gefährlichen Spiel um Tod und Leben war gewonnen.

3.

Hasard und seine Mannen hatten sich im Laderaum der schwankenden Schebecke versammelt. An Oberdeck hielten Bill und weitere drei Kameraden Wache. Immerhin war damit zu rechnen, daß eventuell auftauchende Schnapphähne es sich in den Kopf setzten, das Schiff anzugreifen. Vorläufig aber blieb alles ruhig.

Der Seewolf hatte die improvisierten Instandsetzungsarbeiten kontrolliert, die von Ferris und dessen Helfern vorgenommen worden waren. Die Lecks waren einigermaßen gut abgedichtet, es mußte nur noch alle zwei bis drei Glasen gelenzt werden. Sinken konnte die Schebecke nicht – was weiter geschah, würde sich nach Hellwerden finden.

Hasard spendierte ein Fäßchen Rum. Die Becher wurden gefüllt, die Mannen tranken. Sie ließen ihren Kapitän hochleben, und sie gratulierten sich selbst dazu, daß sie dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen waren.

„Das war wirklich knapp“, sagte Ben Brighton. „Die Schebecke ist ein solides Schiff, aber diesem Sturm hätte sie nicht standgehalten.“

„Man sollte das Mittelmeer nicht unterschätzen“, sagte Big Old Shane. „Schon viele haben es für einen Ententeich gehalten. Aber diese See kann höllisch tückisch und gefährlich sein.“

Carberry lachte grollend. „Ich habe früher mal so gedacht, Shane. Aber dann haben wir alle den Gänsetümpel ja so richtig kennengelernt. Und ob der’s in sich hat!“

„Dabei haben wir es wirklich nicht mehr weit bis zur Meerenge von Gibraltar“, sagte Blacky. „Aber die Wasserdämonen scheinen was dagegen zu haben, daß wir England so bald wie möglich erreichen.“

„Meinst du das ernst, oder ist das wieder so ein blöder Witz?“ zischte Old O’Flynn.

„Es ist mein voller Ernst“, erwiderte Blacky.

„Jedenfalls können wir auch im Atlantik noch auf einiges gefaßt sein“, sagte Hasard. „Um diese Jahreszeit toben da auch die übelsten Stürme. Und vergeßt nicht, daß wir durch die Biskaya müssen.“

„Daran denke ich ständig“, sagte Ferris grinsend. „Nun ja, unser Schiffchen wird auf eine harte Probe gestellt, wenn das so weitergeht. Aber das soll wohl so sein.“

„Seid mal still“, sagte Old O’Flynn plötzlich. „Hört ihr das?“

„Klar“, entgegnete Roger Brighton. „Der Wind pfeift, und die Wogen rauschen. Was anderes hören wir ja seit Stunden nicht mehr.“

„Das meine ich nicht“, sagte der Alte.

„Sondern?“ fragte Shane.

Old O’Flynn schnitt eine verkniffene Miene. „Wenn ihr mich ausreden laßt und nicht dauernd unterbrecht – zur Hölle, das waren Schüsse! Musketenschüsse! Nicht weit von hier!“

„Unsinn“, sagte Smoky. „Ich habe nichts mitgekriegt.“

„Dann solltest du deine Löffel mal vom Kutscher untersuchen lassen“, sagte der Alte giftig.

Smoky leerte seine Muck und grinste spöttisch. „Das hast du ja wohl noch nötiger als ich.“

„Meine Ohren funktionieren bestens“, sagte Old O’Flynn.

„Bist du sicher, Donegal? Ich habe auch keine Schüsse gehört“, sagte der Seewolf.

„Ich auch nicht“, pflichtete Ben ihm bei.

Auch die anderen Mannen hatten nichts vernommen.

„Aus welcher Richtung hörtest du die Schüsse?“ wollte Dan O’Flynn von seinem Vater wissen.

„Von Westen.“

„Ich frage mal die Posten, ob sie was bemerkt haben“, sagte Ben.

Er enterte nach oben und rief Bill und den anderen ein paar Worte zu. Bill antwortete. Was er schrie, war unten nicht zu verstehen.

Ben kehrte zu den Kameraden im Laderaum zurück.

„Die Wachen haben nichts gehört“, erklärte er.

„Ich bin aber ganz sicher“, beharrte der Alte. „Das waren Schüsse.“

„Vielleicht war’s ’ne Vision“, meinte Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia.

„Paßt mal gut auf“, sagte Old Donegal Daniel O’Flynn ernst. „Ich bin nach wie vor ganz richtig im Kopf, und ich habe noch alle Tassen dort, wo sie hingehören. Also, unterlaßt diese Anspielungen, klar?“

Der Kutscher griff ein.

„Du hast Batuti mißverstanden“, sagte er. „Du weißt doch, in Gambia glauben die Menschen an Magie. Batuti meint, es könnte sich um eins deiner Gesichter handeln.“

„Nein, es ist Tatsache.“

„Wir warten erst einmal ab“, sagte der Seewolf einlenkend. „Heute nacht können wir sowieso nichts unternehmen, Donegal. Ich werde den Teufel tun und jetzt einen Trupp an Land schicken, der die Küste abforscht.“

„Das würde ich auch nicht tun“, sagte der Alte. „Angenommen, es handelt sich bei den Musketenschützen um Schnapphähne. Wir würden ihnen glatt in die Arme laufen.“

„Morgen früh sehen wir weiter“, sagte der Seewolf. „Wir suchen den Strand ab. Vielleicht finden wir noch Spuren.“

„Wenn der Sturm nicht alles fortgeblasen hat“, wandte Stenmark ein.

„Schon möglich“, erwiderte Hasard. „Wir werden sehen.“

„Wer ist so blöd und ballert mitten in der Nacht in der Gegend herum, dazu noch bei schwerem Wetter?“ fragte Paddy Rogers. Es war bekannt, daß er nicht der schnellste Denker war.

„Piraten“, erwiderte sein bester Freund Jack Finnegan.

„Welchen Grund sollten sie dazu haben?“ fragte Paddy.

„Na, sie könnten beispielsweise auf Beute gestoßen sein“, meinte Higgy. „Arme Teufel, die in Seenot geraten sind und in einer Bucht Schutz suchen.“

„Pfui“, sagte Paddy. „So eine Gemeinheit.“

„Wir müssen auf jeden Fall vorsichtig sein“, sagte Hasard. „Ben, schick noch zwei Wachen nach oben. Alle sechs sollen die Augen und Ohren offenhalten. Um vier Uhr werden sie abgelöst, und um acht Uhr ist wieder Wachwechsel.“

Ben wählte Piet Straaten und Jan Ranse. Die beiden enterten nach oben auf und verstärkten die Ausguckwachen. Hasard und die Mannen tranken noch ein wenig Rum, dann legten sie sich schlafen. Die ganze Zeit über mußte der Seewolf darüber nachdenken, was wohl an der Küste vorgefallen sein mochte. Hatten tatsächlich Piraten ein Schiff überfallen? Gab es da draußen etwa jemanden, der Hilfe und Beistand brauchte?

Erst der Morgen würde vielleicht die Antwort auf die Fragen bringen. Hasard fiel es nicht leicht, bis dahin auszuharren – und seinen Kameraden ging es genauso. Der Sturm indessen schien nicht abklingen zu wollen. Er heulte und orgelte weiterhin mit unveränderter Gewalt über die Küste.

Kapitän Burl Ives packte Farah Acton bei den Schultern und redete beschwörend auf sie ein. Das Mädchen zitterte am ganzen Leib. Der Tod ihres Vaters hatte sie wie ein schwerer Hieb getroffen. Noch stand sie unter der Einwirkung des Schocks – und das würde auch noch einige Zeit so bleiben.

Trotzdem gelang es Ives, dem Mädchen das Wichtigste auseinanderzusetzen: daß er von jetzt an als ihr Vater auftrat. Es ging um Farahs Leben, um ihre Ehre. Olivaro würde, sobald er von Ives die Schatulle ausgehändigt erhielt, zumindest für einige Zeit seine Kerle an der Kandare halten und ihnen verbieten, daß sie über das Mädchen herfielen.

Farah schluchzte und schluckte heftig. Sie fuhr zusammen, als sie die Gestalt eines Riesen hinter dem Rücken des Kapitäns hochwachsen sah.

„Himmel!“ schrie sie – und dann geistesgegenwärtig: „Vater!“

Olivaro stolperte in die Kammer, hielt sich am Pfosten des Schotts fest.

„Ist sie das?“ brüllte er. „Deine Tochter, Engländer?“

„Ja!“ erwiderte Ives.

Olivaro deutete auf den Toten, der undeutlich zwischen den Trümmern zu erkennen war. „Das war dein Bruder?“

„Ja!“

„Onkel!“ schluchzte Farah.

Sie bewies mehr Reaktionsfähigkeit, als Ives erwartet hatte. Trotz der prekären Lage atmete der Kapitän ein wenig auf.

„Her mit der Schatulle!“ fuhr Olivaro den Kapitän an. „Ich will mit meinen eigenen Augen sehen, ob du mich angeschwindelt hast, Hund!“

Ives verließ die Kammer und kroch im Mittelgang nach achtern. Der Wind schüttelte das Wrack, fast schien es, als würde es jeden Moment ganz auseinanderbrechen. Farah mußte Ives folgen. Olivaro dirigierte die beiden mit der Pistole vor sich her, die er vorher dem Kapitän abgenommen hatte.

Das Schott der Kapitänskammer war offen. Burl Ives arbeitete sich ins Innere vor, bis zur Koje. Hier richtete er sich auf. Farah war mit keuchendem Atem neben ihm. Olivaro richtete sich zu seiner vollen Größe auf und zielte mit der Pistole auf das Mädchen.

„Und jetzt raus mit dem Ding, oder sie ist als erste dran!“ fauchte er.

Burl Ives fuhr mit den Händen über die Holzverkleidung an der Kopfseite der Koje. Er verharrte und bewegte eine Zierleiste. Ein Geheimfach öffnete sich – nur einen Spaltbreit. Ives zerrte es ganz auf, dann förderte er die schwarze Schatulle zutage, in der sich seine Ersparnisse befanden.

Er reichte sie dem Piratenführer. Farah verfolgte es mit tränennassen Augen. Schlagartig begriff sie alles. Ives tat es für sie, um ihr zu helfen. Das werde ich ihm nie vergessen, dachte sie.

Olivaro riß die Schatulle an sich.

„Rührt euch nicht vom Fleck!“ befahl er. Er hielt Ives und das Mädchen weiterhin mit der Pistole in Schach. Mit der freien Hand öffnete er den Kasten.

Bisher hatte sich alles, was Ives gesagt hatte, als richtig erwiesen. Und es stimmte auch, daß Olivaro allein das Geheimversteck mit der Schatulle niemals gefunden hätte. Er hätte sich totsuchen können. Nun war die Frage, ob wirklich Geld darin war.

Der Deckel der Schatulle schwang auf. Münzen klirrten zu Boden. Die Schatulle war bis obenhin mit dicken, schweren Münzen gefüllt. Gold, dachte Olivaro, kein Zweifel. Dafür hatte er auch bei völliger Finsternis den richtigen Blick und Griff.

„Heb die Münzen auf!“ fuhr er das Mädchen an.

Farah Acton bückte sich und sammelte die Münzen ein, so schnell sie konnte. Sie erhob sich wieder und reichte sie dem Piraten. Grinsend nahm Olivaro das verlorene Geld in Empfang. Er legte es in die Schatulle und knallte den Deckel zu.

„Piaster und Dukaten“, sagte er.

„Ich habe dir also nicht zuviel versprochen“, sagte Ives.

„Stimmt. Woher hast du das Geld?“

„Ich habe es mir verdient und auf die hohe Kante gelegt.“

„Du bist der Eigner dieses Schiffes?“ wollte Olivaro wissen.

„Ja.“

Olivaro stieß einen Pfiff aus. „Das heißt, du hast in England noch mehr Geld, nicht wahr?“

Burl Ives zögerte absichtlich mit der Antwort. Er witterte eine Chance – für Farah und für sich.

Olivaro stieß einen ellenlangen Fluch aus und trat einen Schritt auf Farah zu. „Was ist, soll ich die kleine Hure ein bißchen kitzeln?“

„Nein!“ stieß Farah hervor.

„Ich habe noch mehr Geld“, erwiderte Ives endlich. „Daheim, in England.“

„Viel?“

„Einige tausend Piaster.“

Olivaro lachte. Oh, was für einen fetten Fischzug hatte er doch gelandet! Und nur er wußte von diesem Geld! Draußen betranken sich seine Kumpane mit dem Bier und dem Whisky, und sie ahnten nichts von dem, was ihnen durch die Lappen ging.

Olivaro schob sich die Schatulle unters Hemd.

„Weißt du, was ich glaube?“ sägte er glucksend. „Ich werde euch zurück nach England begleiten. Gemeinsam ist die Reise nicht so langweilig, und ich werde euch beschützen. Unterwegs könnte soviel passieren! Ihr glaubt gar nicht, was für schlimme Halunken und Galgenstricke es gibt.“ Er lachte wiehernd.

„Ich verstehe“, sagte Ives.

„Was verstehst du, Engländer?“ erkundigte sich Olivaro drohend.

„Du willst auch den Rest meines Geldes.“

„Was denn sonst?“ Der Anführer kicherte. „Das ist mein gutes Recht. Schließlich habt ihr mir zu verdanken, daß ihr noch am Leben seid. Und wenn euch weiterhin kein Härchen gekrümmt wird, ist auch das mein Verdienst. Dafür möchte ich bezahlt werden. Ist das etwa unverschämt?“

„Nein, das ist es nicht“, entgegnete Ives.

Olivaro stieß einen knurrenden Laut aus. „Ich hab’s ja gleich gewußt, wir verstehen uns prächtig. Los jetzt, wir haben hier genug Zeit verloren. Ab ins Lager. Da kriegt ihr was zu futtern, meinetwegen könnt ihr auch was von eurem Bier saufen.“

Kurz darauf traten die drei zu den Piraten ins Freie. Grölend hievten die Kerle die Fässer aus dem Laderaum und warfen sie in den Sand. Einige Fässer rollten auf dem Strand hin und her. Eins kullerte bis ins Wasser und drohte abzutreiben. Zwei Piraten rannten johlend hinterher und brachten es zurück an Land.

„Wäre doch schade, wenn uns was von dem kostbaren Zeug verloren ginge!“ schrie Guzman, der auch schon reichlich angetrunken war. „Ho, was haben wir für einen feinen Fang eingebracht!“

„Was Besseres hätten wir gar nicht erwischen können!“ johlte ein anderer Pirat.

Ives und das Mädchen tauschten einen Blick. Aber sie hüteten sich, auch nur ein Wort dazu zu äußern. Daß Olivaro das Geld für sich allein wollte, war ihnen gleich aufgegangen. Er würde den Teufel tun und mit seinen Kerlen teilen.

Allerdings – wenn die Piraten etwas davon erfuhren, daß Olivaro Geld unterschlug, war der Anführer geliefert. Wie die Haie würden sie über ihn herfallen.

Vielleicht kann ich diese Karte zu einem späteren Zeitpunkt ausspielen, dachte Ives.

Aber Olivaro wußte genau, was er riskierte. Lange durfte er nicht warten, sonst bestand die Gefahr, daß die beiden Gefangenen den Kumpanen gegenüber etwas ausplauderten. Er mußte die Engländer isoliert halten. Und sobald der Sturm nachgelassen hatte, würde er mit ihnen abhauen. Das war sein Plan.

Die Horde nahm einen Teil der Fässer mit, der Rest sollte am Morgen abgeborgen werden. Ein grölender Haufen setzte sich in Bewegung und marschierte durch den Sturm zurück zum Schlupfwinkel. Am Strand blieb die „Samanta“ zurück, die für den Vater Farahs zur tödlichen Falle und zur Ruhestätte zugleich geworden war.

4.

Vier Gestalten schlichen aus dem Hauptquartier von Olivaro, ohne daß einer der Posten sie bemerkte – Domingo Calafuria und seine Familienangehörigen. Domingo hatte die Pistole des toten Piraten Juanito, Rodrigo wie zuvor sein Messer. Asuncion hatte sich mit dem Säbel des Kerls bewaffnet. Pamela hatte das Messer an sich genommen, das Juanito im Gurt getragen hatte.

Die Finsternis und der Sturm waren in diesem Moment die Verbündeten der Familie. Noch vier Wachtposten lauerten im Dorf der Fischer, aber sie registrierten nicht, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Sie ahnten nicht, daß sich das Verderben unaufhaltsam näherte.

Domingo wies auf eine der Hütten. Rodrigo nickte, pirschte zur Tür und duckte sich. Ganz vorsichtig schob er die Tür spaltbreit auf. Nichts regte sich im Inneren. Kein Licht brannte. Befand sich im Haus ein Wächter oder nicht?

Rodrigo robbte in den Raum hinter der Tür. Wieder tat sich nichts. Der junge Mann wagte es, sich aufzurichten. Er schaute sich um. Kein Mensch war zu sehen. Rodrigo schlich zur Kellerluke. Er bückte sich und öffnete sie. Das Knarren ging im Tosen des Sturmes unter.

„Hallo, da unten!“ rief Rodrigo.

„Wer bist du?“ fragte von unten eine Männerstimme.

„Du solltest mich kennen, Hernán Zorba“, erwiderte Rodrigo.

„Rodrigo, der junge Calafuria? Das kann nicht sein …“

„Wir sind hier, um euch zu befreien!“ zischte Rodrigo. „Los, beeilt euch! Kommt herauf!“

Zorba, seine Frau und seine beiden Söhne stiegen die Leiter hinauf, die den Keller mit dem Erdgeschoß verband. Inzwischen hatten auch Asuncion und Pamela den Raum betreten. Domingo Calafuria indes eilte weiter, zu einer anderen Hütte, um auch dort die Gefangenen zu befreien.

Die Familie Zorba konnte ihr Glück noch gar nicht fassen. Hastig berichtete Rodrigo, was sich zugetragen hatte.

„Recht so!“ zischte einer der Zorba-Söhne. „Das hast du gut gemacht, Rodrigo! Bringen wir auch die anderen Bastarde um!“ Er sah sich nach einer Waffe um.

Mit Schaufel, einem Hammer und einem Bootsriemen bewaffneten sich die vier Zorbas, dann verließen alle zusammen die Hütte. Sie schlichen durch das Dorf und stießen zu Domingo, der mittlerweile weitere fünf Fischer befreit hatte. Dabei hatte er einen Piraten ausgeschaltet, der vor der Hütte Wache gegangen war.

Domingo hatte dem Kerl von hinten den Pistolenkolben auf den Schädel gehauen. Als der Gegner zusammenbrach, hatte er ihm das Messer aus dem Gurt gerissen und damit zugestochen. Wieder ein Feind weniger – und nur noch drei Piraten waren im Dorf.

Die Gestalten huschten hin und her und drangen in andere Hütten ein. Stöhnend brach der dritte Pirat zusammen. Asuncion tauchte plötzlich wie ein Spuk vor ihm auf und hieb mit dem Säbel zu, den sie mit beiden Händen hielt. Sie brauchte nur einmal zuzuschlagen. Tot blieb der Kerl vor ihr auf den Steinen liegen.

Bald war es eine kleine Streitmacht, die sich durch den Ort bewegte. Die Fischer und ihre Familien kreisten die letzten beiden Wächter ein. Als sie sie umzingelt hatten, stürzten sie sich auf sie. Den einen prügelten und stachen sie sofort nieder.

Der andere tat in seiner Panik das einzig Richtige. Er ließ sich auf den Boden fallen, kroch zwischen den Beinen der Gegner hindurch und ergriff die Flucht.

Als sich der Pirat hinter den Fischern aufrappelte, drehte sich Hernán Zorba um und erblickte ihn.

„Da! Der Hund will türmen!“ brüllte er.

Der Pirat hob seine Pistole und drückte ab. Der Schuß krachte im Sturmheulen. Ein Fischer sank getroffen zusammen. Der Kerl warf sich herum und rannte davon, als hätte er tausend Teufel der Hölle im Nacken.

Der getroffene Fischer blutete, aber er war nur an der Schulter verletzt. Die Frauen kümmerten sich um ihn. Die Männer nahmen die Verfolgung des Flüchtlings auf. Aber er hatte schon einigen Vorsprung gewonnen. Domingo zielte mit der erbeuteten Pistole auf ihn und drückte ab. Aber die Kugel ging weit an dem Kerl vorbei.

Der Pirat raste einen der Hügel hinauf, die das Fischerdorf umgaben – und mit einemmal stolperte er Olivaro direkt in die Arme. Der Anführer packte ihn und schüttelte ihn.

„Was ist da los?“ stieß er hervor. „Wir haben Schüsse gehört!“

„Die Fischer, diese Hurensöhne!“ stammelte der Pirat. „Sie – sie haben sich befreit!“

„Wie konnte das geschehen?“ brüllte. Olivaro.

„Es – es ist nicht meine Schuld!“

Olivaro verpaßte dem Kerl einen Fausthieb. Der Kerl stürzte in den Sand. Olivaro gab seiner Horde das Zeichen zum Angriff. Mit den Musketen und Pistolen im Anschlag rückten die Schnapphähne auf das Dorf zu. Sie waren angetrunken, aber so benebelt, daß sie nicht mehr kämpfen konnten, waren sie nicht.

Plötzlich tauchten die Fischer aus dem Dunkel der Nacht auf.

„Da sind sie!“ schrie Olivaro. „Drauf! Schießt sie zusammen, diese Drecksäcke!“

Die Musketen krachten. Domingo Calafuria, Zorba und die anderen Männer aus dem Dorf feuerten zurück, aber sie waren klar unterlegen. Sie hatten nur die paar Waffen, die sie den toten Wächtern abgenommen hatten, mehr nicht.

Im Kugelhagel der Piraten brachen fünf Männer getroffen zusammen, darunter auch einer von Zorbas Söhnen. Vier waren tot. Zorbas Sohn lebte noch. Sein Vater hob ihn vom Boden auf und nahm den Verletzten auf den Rücken.

„Zurück!“ schrie Domingo. „Ins Dorf!“

Die Fischer hetzten zu den Hütten zurück. Olivaro und seine Kerle folgten ihnen. Wieder krachten Schüsse. Ein Fischer strauchelte und blieb am Hang liegen. Die Piraten grölten und fluchten.

Diejenigen Kerle, die die Fässer mit Whisky und Bier trugen, warfen jetzt ihre Lasten ab, um beweglicher und schneller zu sein. Die Fässer rollten den Hügel hinunter.

Kapitän Burl Ives witterte seine Chance. Die Piraten hatten einen bemerkenswerten Fehler begangen: Sie hatten Farah Acton und ihm nicht die Hände gebunden. Ives griff in der allgemeinen Verwirrung nach der Hand des Mädchens und zog Farah mit sich fort.

„Wir fliehen!“ rief er ihr zu. „Vielleicht können wir uns diesen Leuten dort anschließen!“

Aber Olivaro war auf der Hut. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie die zwei versuchten, sich von der Meute anzusondern.

„Aufgepaßt!“ brüllte er. „Die hauen ab! Guzman!“

Guzman wandte den Kopf und sah den Kapitän und das Mädchen, die nach links davonhasteten. Guzman nahm sofort die Verfolgung auf. Die Kerle folgten ihm. Fluchend rannten sie hinter ihren Geiseln her.

Fast hatten Ives und Farah ein kleines Gehölz erreicht, in dem sie sich hätten verstecken können, da waren die Piraten bei ihnen. Guzman packte das Mädchen und warf es zu Boden. Farah schrie und zappelte. Sie kratzte und biß. Aber es nützte alles nichts, Guzman hielt sie lachend fest.

Ives wurde von drei Kerlen gegen den Stamm eines Baumes gepreßt. Einer der Schnapphähne zückte sein Messer.

„So, jetzt bringen wir dir Flötentöne bei!“ zischte er.

Aber Olivaro war zur Stelle.

„Das reicht“, sagte er. „Ich will die beiden lebend. Fesselt sie!“ Er trat dicht vor Ives hin und rammte ihm die Faust brutal in den Bauch. „Versuch das nie wieder, du Schweinehund!“ stieß er aus.

Ives krümmte sich. Die Kerle rissen ihm die Hände auf den Rücken und fesselten ihn. Auch die Fußknöchel des Mannes wurden mit einem Stück Tau verbunden, so daß er nur kurze Schritte machen konnte. Ebenso verfuhren die Galgenstricke mit Farah Acton.

Guzman fragte sich insgeheim, warum die beiden Gefangenen unbedingt am Leben bleiben sollten. Er wußte sich darauf keinen rechten Reim zu bilden. Sonst wurden die Besatzungen von Schiffen, die man aufbrachte, stets gnadenlos niedergemetzelt. Keiner durfte am Leben bleiben. Das war Olivaros Prinzip. Warum verhielt er sich dieses Mal anders? Steckte etwas dahinter?

Guzman hatte vorerst keine Gelegenheit, weitere Überlegungen in dieser Richtung anzustellen. Die Jagd ging weiter. Olivaro gab erneut den Befehl zum Angriff. Die Piraten stürmten ins Dorf und zerrten die Gefangenen mit sich.

Wegen des Zwischenfalles, für den Ives gesorgt hatte, hatten die Fischer unterdessen einen ziemlich großen Vorsprung gewonnen. Domingo Calafuria und Hernán Zorba, als Führer der Gruppe, waren sich einig. Sie konnten eine neue Auseinandersetzung mit den Piraten nicht riskieren. Olivaros Bande war zu stark.

Es hatte auch keinen Sinn, sich in den Häusern zu verschanzen. Zweifellos würde es den Kerlen keine große Mühe bereiten, die Hütten zu stürmen, die Männer niederzuschießen und die Frauen zu vergewaltigen.

Es gab nur noch eine Möglichkeit: Flucht. Männer, Frauen und Kinder verließen das Dorf auf der entgegengesetzten Seite. Sie liefen in die Hügel hinauf. Hier kannten sie sich bestens aus. In den Wäldern der Insel würde es den Piraten nicht so rasch gelingen, die Familien wiederzufinden.

Und es gab auch einen Platz, an dem man sich vor Sturm und Regen schützen konnte. Vier Meilen vom Strand entfernt zog sich ein Höhlensystem durch die Felsen. Hier hatten die Fischer schon öfter Zuflucht gesucht, wenn Piraten die Küsten bedroht hatten.

So fanden Olivaro und dessen Spießgesellen nur noch die leeren Hütten vor, als sie das Dorf erreichten.

„Alle weg“, sagte Guzman. „Die sind getürmt, Olivaro.“

„Das sehe ich auch!“ stieß der Anführer gereizt aus. Er trat einem der toten Wächter voll Wut in die Seite und spuckte aus. „So ein verdammter Mist! Los, ausschwärmen! Holt mir dieses Gesindel zurück!“

Aber so sehr die Piraten auch suchten – sie fanden die Fischer nicht mehr. Zu groß war der Vorsprung. Und in der Dunkelheit konnten die Kerle nicht die Wälder abforschen. Sie mußten bis zum Morgen warten.

Olivaro betrat sein Hauptquartier und entdeckte im Keller den toten Juanito.

„Verfluchte Ratte!“ sagte er wütend. „Ich wette, daß sie dich als ersten abgemurkst haben! Geschieht dir recht!“

Olivaro veranlaßte, daß die Toten weggeschleppt und in die Bucht geworfen wurden. Danach ließ er die beiden Gefangenen in den Keller seiner. Hütte sperren. Er knallte selbst die Luke zu und setzte sich an den Tisch. Was er jetzt brauchte, war ein tüchtiger Schluck Whisky. Er schenkte sich einen ganzen Humpen voll und trank unbeherrscht.

Während draußen noch seine Kerle herumstreunten und nach den Fischern suchten, beruhigte sich Olivaro allmählich wieder. Na gut, es war ein Verlust, daß das verdammte Fischerpack ausgerissen war. Jetzt mußten die Piraten alle Arbeiten selbst erledigen. Sie hatten keine Sklaven mehr. Aber was kümmerte das ihn, Olivaro! Er würde bald auf dem Weg nach England sein, wo es eine Menge Geld zu holen gab. Das war wichtiger.

Grinsend holte er die Schatulle hervor, stellte sie auf den Tisch und öffnete sie. Gierig wühlte er in den Münzen. Was für ein Gefühl! Bald würde er steinreich sein. Dann konnten ihm die Kerle diese Taugenichtse, allesamt den Buckel runterrutschen.

Auch im Schlaf waren die Sinne des Seewolfes geschärft. Durch das Heulen und Fauchen der Naturgewalten vernahm er das Peitschen von Schüssen. Mit einem Ruck erhob er sich und kauerte auf dem Rand der schwankenden Koje. Wieder knallte und krachte es irgendwo auf der Insel. Hasard stand ganz auf und griff nach seiner Jacke. Im Dunkeln und auf den wippenden Planken war das nicht ganz leicht.

Schritte näherten sich auf dem Mittelgang. Jemand verharrte vor dem Schott der Kapitänskammer und klopfte an. Dreimal.

„Wer da?“ fragte Hasard.

„Bill, Sir“, ertönte die Stimme von der anderen Seite des Schotts.

„Gibt es Neuigkeiten?“ Der Seewolf ließ Bill herein.

Bill hielt sich am Pfosten fest. „Es wird wieder geschossen. Ich halte es für meine Pflicht, das zu melden.“

„In Ordnung“, erwiderte Hasard. „Ich habe es auch schon gehört. Wie spät ist es?“

„Vier Glasen morgens, Sir.“

„Dann können wir immer noch nichts unternehmen“, sagte der Seewolf. „Seid weiterhin auf der Hut. Sobald der Morgen graut, gehe ich selbst mit einem Trupp an Land. Ich will wissen, was hier gespielt wird.“

„Solange keine unmittelbare Bedrohung für die Schebecke besteht, brauchen wir uns wohl keine Sorgen zu bereiten“, meinte Bill.

„Das ist richtig, aber die Schüsse klangen dieses Mal näher.“

„Den Eindruck hatte ich auch.“

„Es könnte noch Verdruß für uns geben“, sagte der Seewolf. „Wir müssen aufpassen wie die Luchse.“

„Das tun wir, Sir“, versicherte ihm Bill.

„Das glaube ich dir.“ Hasard lauschte dem Heulen des Windes und dem Rauschen der See. „Ist kein Ende des Sturmes in Aussicht?“

Bill antwortete: „Mir scheint, der Wind hat ein wenig nachgelassen. Das Gewitter hat sich weiter zur See hin verlagert.“

„Möglich, daß am Vormittag doch Ruhe eintritt“, sagte der Seewolf. „Wäre es nicht besser, wenn ich mit bei euch an Deck bin?“

„Das halte ich nicht für erforderlich“, erwiderte Bill. „Das schaffen wir allein, Sir, ganz bestimmt. Sollten wir Verstärkung brauchen, melde ich mich rechtzeitig.“

Hasard lauschte. Wieder knallten – wie aus weiter Ferne – auf der Insel Schüsse. Er meinte auch Schreie zu hören. Ein Kampf fand dort statt, kein Zweifel. Ob aber wirklich ein Eingreifen der Arwenacks erforderlich war? Das blieb dahingestellt. Immerhin war auch denkbar, daß sich zwei einander feindliche Gruppen von Schnapphähnen in die Haare geraten waren.

„Einverstanden, Bill“, sagte Hasard. „Wenn es weitere Vorkommnisse gibt, wecke mich bitte wieder.“

„Aye, Sir!“ Bill zeigte klar und arbeitete sich durch den Mittelgang des Achterkastells zurück an Oberdeck.

Hasard ließ sich auf seine Koje sinken und faltete die Hände unter dem Kopf. Noch ein paar Schüsse waren durch das Tosen des Wetters zu vernehmen, dann war es – zumindest was das Krachen und Knallen betraf – still.

Bald war der Seewolf wieder eingeschlafen. Doch es war ein unruhiger Schlummer. Vor seinem geistigen Auge liefen alle die Vorfälle ab, die sich zugetragen hatten, seit sie den Stützpunkt in der Karibik verlassen hatten.

Wieder einmal hatten die Arwenacks eine Weltreise hinter sich – die dritte in knapp zwanzig Jahren. Ein Abenteuer reihte sich an das andere. Es gab keinen Platz, an dem nicht unangenehme Überraschungen auf sie lauerten. Es existierte kein Frieden auf der Welt. Überall gab es Streit und Auseinandersetzungen.

Gegen halb fünf Uhr morgens wurde der Seewolf wieder wach und kletterte aus seiner Koje. Er wusch sich, so gut es ging, dann begab er sich zu seinen Mannen an Oberdeck. Inzwischen hatte der Wachwechsel stattgefunden. Dan war der Führer des sechsköpfigen Kommandos.

Er grinste seinem Kapitän zu und fragte: „Merkst du was?“

„Wind und Seegang haben nachgelassen“, erwiderte Hasard.

„Ja. Die Lage scheint sich zu bessern.“

„Und an Land?“

„Nichts mehr gehört“, sagte Dan O’Flynn. „Absolute Ruhe. Es hat sich auch niemand gezeigt. Keine Leute am Ufer, keine Piratensegler. Nichts.“

Der Seewolf hielt sich an einem der Manntaue fest und fuhr sich mit einer Hand übers Kinn. Er spähte zum Ufer, das in der Dunkelheit eher zu ahnen als zu erkennen war.

„Das braucht nicht unbedingt ein gutes Zeichen zu sein“, sagte er.

Dan nickte. „Natürlich nicht. Keine Sorge, wir erfahren bald, ob es Schnapphähne oder Geister sind, mit denen wir es zu tun haben.“

Hasard hangelte in den Tauen weiter zu den anderen. Es waren Blacky, Higgy, Stenmark, Batuti und Jeff Bowie. Er tauschte ein paar Worte mit ihnen. Danach verstummten sie alle. Sie standen auf dem taumelnden Schiff und hielten pausenlos Ausschau nach allen Seiten.

Endlich meldete sich der Morgen durch das Heraufziehen grauer Schleier im Osten an. Bald breitete sich ein schmutzigroter Streifen über der See aus. Der Himmel sah zum Fürchten aus. Trotzdem waren die Arwenacks zuversichtlich gestimmt.

Das Meer beruhigte sich zusehends. Der Sturm flaute immer mehr ab. So jäh, wie er über die Schebecke und ihre Besatzung hereingebrochen war, so plötzlich schien er auch wieder nachzulassen.

Zum Backen und Banken erschien die Crew vollzählig an Deck. Der Kutscher, Mac Pellew und die Zwillinge teilten ein heißes, dampfendes Getränk aus – Wasser mit Brandy. Dazu gab es Schiffszwieback und gebratenes Pökelfleisch. Eine deftige Mahlzeit, die allen mundete. Carberry verputzte gleich zwei Rationen, dann meldete er sich zum Einsatz bereit.

„Ich möchte als erster Freiwilliger an dem bevorstehenden Unternehmen teilnehmen, Sir“, sagte der Profos. Es klang richtig feierlich.

„Welches Unternehmen meinst du?“ fragte Hasard.

„Na, das Unternehmen Landgang natürlich.“

„Du bist sicher, daß wir landen – nach all dem, was wir heute nacht gehört haben?“

Carberry zerdrückte einen saftigen Fluch zwischen den Lippen. „Aber klar doch. Wir brauchen Holz für die Instandsetzung unseres Schiffchens, hast du das vergessen?“

„Das habe ich nicht“, erwiderte der Seewolf. „Aber es besteht die Gefahr, daß wir in eine Falle tappen.“

„Gefahren sind dazu da, beseitigt zu werden“, sagte der Profos mit unerschütterlicher Logik. „Warum fieren wir nicht die Jolle ab und pullen an Land, statt hier Zeit mit Sprüchen zu verlieren?“

„Wir könnten auch den Ankerplatz wechseln“, sagte der Seewolf. „Vielleicht gibt es auf Mallorca auch ruhigere Gegenden.“

Carberry grinste wild. „Das würde nicht unserem Stil entsprechen, wie du immer sagst, Sir. Wir kneifen doch nicht. Und noch was. Was ist, wenn irgendwelche arme Teufel möglicherweise unsere wertvolle Hilfe brauchen? Willst du sie im Stich lassen?“

„Hört, hört!“ sagte Old O’Flynn. „Der barmherzige Samariter hat gesprochen.“

„Mir kommen die Tränen“, sagte der Kutscher.

Carberry wollte aufbrausen, aber der Seewolf bremste ihn mit einer Geste.

„In Ordnung, Freunde“, sagte er. „Ich denke, wir sollten es riskieren. Sieben Mann begleiten mich. Wir kundschaften die Lage aus. Wenn es keine Fallen oder sonstige Gefahren gibt, suchen wir ein paar Bäume aus, die wir schlagen und zu Planken und Spieren verarbeiten können. Ben, du übernimmst das Kommando über die Schebecke. Klar zum Gefecht, verstanden?“

„Aye, Sir.“ Ben wußte Bescheid, was er zu tun hatte. Es bedurfte keiner längeren Absprachen. Längst waren die zwölf Culverinen und die vier Drehbassen der Schebecke feuerbereit.

Hasard stellte seinen Landtrupp zusammen. Außer Carberry sollten Ferris Tucker, Big Old Shane, Don Juan de Alcazar, Batuti, Gary Andrews und Matt Davies mit dabei sein. Die Mannen bewaffneten sich und fierten die Jolle ab.

„Warum nehmt ihr nicht auch Plymmie mit?“ fragte Philip junior seinen Vater.

Der Seewolf schüttelte den Kopf. „Wir können sie diesmal entbehren. Und ich will wegen Plymmie kein Risiko eingehen, das weißt du.“

Ja – er wollte das Leben der Wolfshündin nicht unnötig aufs Spiel setzen. Plymmie verfügte über eine ausgezeichnete Nase. Aber schon mehrfach war sie in Lebensgefahr geraten wie zum Beispiel auf einer Insel südlich von Griechenland, wo Piraten sie in einen Sack gesteckt hatten. Nur wie durch ein Wunder war es den Kerlen nicht gelungen, die Hündin zu ertränken.

Plymmie blieb also an Bord. Hasard und seine sieben Begleiter enterten in die Jolle ab. Sie pullten zum Ufer, getragen von den immer noch ziemlich hohen Wellen.

Eine rauschende Brandung beförderte sie auf den Sand. Sie sprangen heraus und zogen das Boot ans Ufer. Dann rückten sie in Richtung Westen ab. Von dort waren in der Nacht die Schüsse erklungen.

Ben und die anderen beobachteten von der Schebecke aus mit ihren Kiekern das Ufer und die Hügel, die mit Olivenbäumen bestanden waren. In der Morgendämmerung wirkte die Landschaft lieblich und einladend.

Doch sie alle wußten, wie sehr sie sich täuschen konnten. Das Paradies auf Erden konnte sich sehr rasch in ein mörderisches Inferno verwandeln.

Hasard und sein Trupp stiegen einen Hang hoch. Ferris Tucker klopfte ein paar alte, knorrige Olivenbäume mit dem Fingerknöchel ab. Er nickte und gab einen Laut der Genugtuung von sich.

„Taugen die was?“ fragte Carberry.

„Und ob“, erwiderte der rothaarige Schiffszimmermann. „Du hast ja keine Ahnung, wie hart Olivenholz ist.“

„Muß ich das wissen?“

„Nein“, sagte Ferris einlenkend. „Natürlich nicht. Die Spanier würden ihre Schiffe aus diesem Holz bauen, wenn es nicht so schwer zu bearbeiten wäre.“

„Aber ein paar Planken oder Spieren lassen sich daraus anfertigen“, sagte Don Juan.

„Genau das meine ich“, sagte Ferris.

Während sie leise sprachen, schauten sich die Männer ununterbrochen nach allen Seiten um. Nirgends war auch nur eine Menschenseele zu entdecken. Nichts regte sich.

Nur der Wind strich über die Insel und bewegte die Wipfel der Bäume. Vom Strand ertönte das Rauschen und Gurgeln der Brandung. Auf Mallorca schien Frieden zu herrschen. Und doch täuschte dieser Eindruck.

5.

Guzman stieß die gemeinsten und übelsten Verwünschungen aus, die ihm einfielen. Nie zuvor war seine Laune derart schlecht gewesen. Seinen fünf Begleitern erging es nicht anders. Sie fluchten und murrten. Denn sie waren schon die ganze Nacht über unterwegs und suchten erfolglos nach dem „Fischerpack“. Die Piraten hatten kein Auge zugetan. Sie waren müde, hungrig, durstig und verbiestert.

Olivaro aber kannte keine Gnade. Pausenlos scheuchte er seine Kerle über die Insel. Sie mußten jetzt ausbaden, was Juanito, dieser Narr, und die anderen Wächter des Schlupfwinkels durch ihre Unachtsamkeit angerichtet hatten. Aber das war nicht gerecht. Die Schnapphähne hatten eine Stinkwut auf ihren Anführer.

Vier Gruppen Piraten durchstöberten bei Dunkelheit, Wind und Regen die Wälder. Immer wieder kehrten sie zu Olivaro in den Schlupfwinkel zurück und meldeten, daß sich die verschwundenen Fischer und deren Familien offenbar in Luft aufgelöst hätten. Anders konnte es nicht sein. Olivaro lachte nur rauh und schickte seine Kerle wieder hinaus in das Hundewetter.

Der hat gut lachen, dachte Guzman jetzt, als es hell wurde. Sitzt in seiner Hütte und läßt sich vollaufen. Zwischendurch pennt er ’ne Runde, damit ihm das Saufen nicht zu anstrengend wird.

Ja, Guzman und die anderen Kerle hatten einen höllischen Zorn auf Olivaro. Es gab keinen unter ihnen, der dem Bandenführer jetzt nicht gern die Gurgel durchgeschnitten hätte.

Im Heraufziehen des Morgens hockten sich Guzman und sein kleiner Trupp im Olivenhain auf ein paar Steine. Sie verschnauften und blickten zur östlichen Kimm, wo die Sonne aufzusteigen begann.

„Zum Teufel mit der Scheißinsel und ihren Fischern“, sagte ein Kerl, der Bernardo hieß. „Von mir aus kann die Drecksinsel untergehen.“

„Und das Lumpengesindel soll absaufen“, fügte ein anderer Pirat hinzu.

„Es ist alles verfahren“, sagte Guzman. „Wenn wir die verdammten Bastarde nicht wieder einfangen, springt uns Olivaro an die Gurgel. Ich glaube, er befürchtet auch, daß sie die Insel überqueren und irgendwo im Norden Verstärkung holen. Da gibt es schließlich noch andere Häfen. Die haben viel zuviel Vorsprung. Die kriegen wir nie im Leben.“

„Na gut“, erwiderte Bernardo. „Es ist dabei aber noch die Frage, ob wir uns wirklich von Olivaro attackieren lassen.“

„Von dem lasse ich mir nichts mehr bieten“, brummte ein dicker Kerl mit zottigem Haar. „Ich habe die Schnauze voll.“

„Gestrichen“, pflichtete ihm sein Nebenmann bei.

„Wollt ihr meutern?“ fragte Guzman.

„Willst du’s nicht auch?“ erkundigte sich Bernardo lauernd.

„Zu uns kannst du ruhig ehrlich sein“, sagte der Dicke. „Wir halten zu dir, das weißt du.“

„Klar.“ Guzman kratzte sich im Nacken. Ja, die Burschen hatten recht. Olivaro war viel zu überheblich geworden. Ein richtiger Tyrann. Es wurde Zeit, daß ihm jemand eine Lektion erteilte.

„Ich wundere mich auch, warum Olivaro die beiden Engländer nicht abgemurkst hat“, sagte Bernardo. „Mir ist das ein Rätsel. Die sind doch bloß ein Ballast für uns.“

„Das haben wir ja gesehen“, brummte der Dicke. „Fast hätten sie fliehen können.“

„Da stimmt was nicht“, sagte Guzman. „Mir ist das auch schon aufgefallen.“

Bernardo lachte häßlich. „Daß er das Mädchen am Leben läßt, kann ich ja noch verstehen. Im Vergleich zu den dummen Fischerweibern ist das ein schmackhafter Happen. Aber der Kapitän? Was will er mit dem?“

Guzman schnippte mit den Fingern. „Da steckt was dahinter. Ich spüre es. Olivaro hat mit dem Kapitän und dem Mädchen noch was vor.“

„Was?“ wollte einer der Kerle wissen.

„Bestimmt etwas, das ihm ’ne Menge Geld einbringt“, erwiderte Guzman. „Olivaro ist gerissen. Vielleicht hat ihm der Kapitän heimlich was anvertraut, um sich, freizukaufen.“

„Ob auf dem Schiff ein Schatz ist?“ fragte der Dicke.

„Möglich wär’s“, entgegnete Bernardo. „Auf was warten wir dann noch? Nehmen wir das Wrack auseinander, Planke für Planke.“

„Ich finde, wir sollten Olivaro zur Rede stellen“, sagte Guzman. „Ehe wir uns totsuchen, fühlen wir ihm lieber auf den Zahn. Wir brauchen ihn nur zu umzingeln, dann hat er keine Chance, etwas gegen uns zu unternehmen.“

„Einverstanden“, sagte Bernardo und erhob sich. „Dann sollten wir sofort zurückkehren.“ Routinemäßig blickte er zum Südstrand hinunter – und plötzlich straffte sich seine Gestalt. „He, was ist denn das? Träume ich oder bin ich wach?“

Die anderen fuhren hoch. Guzman war mit einem Satz neben Bernardo. Das Sonnenlicht war schon recht intensiv. Guzman schirmte mit einer Hand seine Augen gegen die Strahlen ab.

„Hol’s der Henker!“ stieß Guzman hervor. „Da liegt ja ein Schiff vor Anker!“

Der Dicke spähte den beiden über die Schulter und gab einen Pfiff von sich. „Sind das etwa die Fischer?“

Guzman zog seinen Kieker auseinander und schaute hindurch. „Unsinn! So schnell können die keine Verstärkung geholt haben.“

„Es ist ein Dreimaster“, sagte Bernardo.

„Richtig“, bestätigte Guzman, „eine Schebecke.“

„Dreck, verdammter!“ zischte ein anderer Kerl. „Das sind Piraten! Türkenschweine oder Algerier!“

„Warte mal“, sagte Guzman. „Nach Alis sehen die mir nicht aus. Es sind Weiße. Merkwürdig, merkwürdig. Hoppla, da setzt ein Kahn über, es tut sich was. Die Bootscrew pullt zum Ufer.“

„Die wollen an Land“, sagte der Dicke.

Bernardo wandte den Kopf und sah ihn an. „Wie hast du das so schnell mitgekriegt?“

„Ach, halt doch deine blöde Klappe!“ stieß der Dicke aus.

„Ruhe“, sagte Guzman. „Das Boot ist am Ufer. Die Kerle klettern heraus. Sie haben einen Schwarzen dabei.“

„Vielleicht sind das doch Piraten“, sagte Bernardo.

„Oder Korsaren“, meinte der Dicke.

„Lassen wir das mal dahingestellt“, sagte Guzman. „Tatsache ist, daß die Hundesöhne über den Strand marschieren – in Richtung auf unseren Schlupfwinkel.“

„Kundschafter“, murmelte Bernardo. „Möglich, daß sie heute nacht Schüsse gehört haben.“

„Wir müssen sofort Olivaro und die anderen benachrichtigen“, sagte einer der Kerle.

„Augenblick“, sagte Guzman. „Die Schebecke ist gut armiert. Was haltet ihr davon, wenn wir sie uns unter den Nagel reißen? Wir könnten sie gut gebrauchen.“

„Wir wollen Olivaro doch sowieso absetzen“, entgegnete der Dicke. „Ich verstehe das nicht ganz.“

„Wir müssen damit rechnen, daß einige von uns nach wie vor zu Olivaro halten“, erklärte Guzman. „Wenn wir aber ein Schiff haben, mit dem wir die Hafenausfahrt blockieren, hat Olivaro nicht mal die Möglichkeit, uns mit den Kanonen der Schiffe einzuheizen. Dann haben wir ihn in der Zange.“

„Genausogut könnten wir unsere Karavelle besetzen“, entgegnete Bernardo.

„Du vergißt die Ankerwachen“, sagte Guzman. „Sollen wir unsere eigenen Kameraden abmurksen?“

„Mir ist das ziemlich gleichgültig“, sagte Bernardo.

„Die Schebecke hat zwölf Kanonen und vier Drehbassen“, sagte Guzman nach einem neuerlichen Blick durch den Kieker.

Die Kerle stießen Pfiffe des Staunens und der Anerkennung aus. Dieses Schiff schien es wirklich in sich zu haben. Und wenn er gar eine wertvolle Ladung hatte? Dann gehörte diese Ladung ihnen ganz allein, sofern es ihnen gelang, die Besatzung in die Hölle zu schicken.

Die Gelegenheit bot sich: acht Männer hatten in dem Beiboot gesessen, und diese Männer bewegten sich jetzt nach Westen. Guzman und seine fünf Kerle brauchten sie nur zu überholen und ihnen einen Hinterhalt zu legen – dann saßen sie in der Falle.

Rasch legten die Kerle sich einen Plan zurecht. Guzman wollte fünf oder sechs der Fremden abknallen. Die restlichen sollten ihm als Geiseln dienen, mit denen er dann zur Ankerbucht der Schebecke zurückkehren wollte, den Rest der Crew zu erpressen. Die Fremden konnten dann gar nicht mehr anders, sie mußten, die Flagge streichen und ihr Schiff herausrücken. Wenn das klappte, wußte auch Olivaro bald, woher jetzt der Wind wehte.

Und er, Guzman, würde der neue Anführer der Bande sein.

Der Seewolf und sein Trupp hatten eine Anhöhe erreicht, in deren Zentrum eine große Korkeiche ihre Zweige nach allen Seiten streckte. Mit Kennermiene betrachtete Ferris Tucker auch diesen Baum.

„Nicht schlecht“, sagte er. „Aus diesem Riesen könnte man sogar einen ganzen Mast bauen.“

„Wir brauchen aber keinen Mast“, erwiderte Carberry. „Außerdem hast du gesagt, das Holz der Olivenbäume sei so schön hart.“

„Ich glaube aber, daß diese Eiche leichter zu fällen ist“, sagte der rothaarige Schiffszimmermann.

„Ich schlage dir etwas anderes vor“, mischte sich der Seewolf ein. „Du kletterst nach oben und siehst dir die Inselwelt aus der Vogelperspektive an. Das ist für uns im Moment wichtiger als die Wahl des richtigen Holzes.“

„Aye, Sir“, brummte Ferris.

Batuti grinste. „Melde mich freiwillig zum Hinaufklettern, Sir.“

„Gut, von mir aus“, entgegnete Hasard. „Aber beeil dich.“

Katzengewandt kletterte der schwarze Herkules aus Gambia an dem dicken Stamm der Korkeiche hoch. Er schwang sich in die Äste, richtete sich auf und hielt nach allen Seiten Ausschau.

„Drüben liegt unsere Schebecke“, meldete er. „Und dort, im Westen, sehe ich ein Dorf an der Küste. Scheint mir ein Fischerdorf zu sein.“

„Kannst du auch Boote entdecken?“ erkundigte sich der Seewolf.

„Aye, Sir, am Strand. Im Wasser ankern drei einmastige Schaluppen und eine Dreimast-Karavelle.“

„Fischer fischen nicht mit Karavellen“, sagte Carberry.

„Stimmt“, pflichtete Hasard ihm bei. „Batuti – was für eine Flagge führt die Karavelle?“

„Keine.“

„Piraten“, urteilte Don Juan.

„Die Möglichkeit wird immer wahrscheinlicher“, sagte Hasard.

Batuti stieß einen leisen Pfiff aus. „Ich sehe noch mehr, nämlich Kerle!“

„Kerle? Wo?“ zischte Shane.

Er blickte sich lauernd um, konnte aber niemanden entdecken. Auch Hasard und die anderen Mannen vermochten keinen Menschen zu erspähen.

Der Gambiamann deutete zum Inneren der Insel.

„Sie pirschen sich an“, sagte er gedämpft. Seine Stimme war am Boden gerade noch zu verstehen. „Sechs Kerle. Der Kleidung und dem Aussehen nach eindeutig Schnapphähne.“

„Die haben es auf uns abgesehen“, sagte Gary Andrews.

„Dann wollen wir sie nicht enttäuschen“, sagte der Seewolf. Er blickte zu dem Gambiamann auf. „Batuti! Glaubst du, daß sie dich dort oben entdecken?“

„Nein, Sir. Es gibt genug Blätter. Ich ducke mich.“

„Dann bleibst du solange oben!“ ordnete der Seewolf an.

Batuti grinste und griff nach seinem Langbogen aus englischer Eibe. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, ging zwischen dem Blattwerk in Deckung und spannte die Sehne des Bogens. Gleichzeitig blickte er zu den anrückenden Schnapphähnen. Die waren noch etwa zweihundert Yards von der Korkeiche entfernt.

Hasard, Shane, Carberry, Ferris Tucker, Don Juan, Gary und Matt hatten ihre Waffen bereit. Sie schritten noch ein Stück weiter und taten so, als fühlten sie sich völlig sicher.

Inzwischen hatten Guzman und seine Kerle im Dickicht Unterschlupf gefunden. Sie legten mit ihren Musketen auf die Fremden an – und jetzt brauchten sie, so dachten sie, nur noch zu warten.

Batuti erkannte ganz deutlich, wie einer der Piraten – es war Bernardo – mit seinem Schießeisen auf den Seewolf zielte. Der Kerl traf Anstalten, abzudrucken. Der Gambiamann war schneller. Der Pfeil huschte von der Sehne.

Bernardo spürte nur, wie sich etwas heiß wie ein Blitz in sein Herz bohrte. Die Muskete entglitt seinen Händen. Er gab einen gurgelnden Laut von sich und sank tot zu Boden.

Guzman und die anderen fluchten wie besessen.

Batuti stieß einen Pfiff aus.

In dem Moment, in dem die Piraten auf die Arwenacks zu feuern begannen, warfen diese sich in Deckung. Hasard überrollte sich zweimal auf dem Untergrund und blieb hinter einem Olivenbaum liegen.

Carberry und Ferris Tucker landeten im Dickicht. Shane, Don Juan, Gary und Matt brachten sich hinter Baumstämmen in Sicherheit.

Die Musketen der Olivarobande knallten und krachten. Die Kugeln pfiffen durch den Hain – keine traf.

Hasard gab dem Profos ein Zeichen. Carberry grinste und stieß Ferris mit dem Ellenbogen an.

„Los geht’s!“ flüsterte er.

Der Schiffszimmermann hatte bereits eins seiner „Lieblingsspielzeuge“ zur Hand. Eine Höllenflasche – mit Pulver, Eisen, Blei und Glassplittern gefüllt. Carberry holte einen Flint und ein Stück Feuerstahl hervor. Er hieb beide Stücke gegeneinander, daß die Funken flogen. So entfachte Ferris die Zündschnur der Wurfgranate.

Die Flaschenbombe sauste aus dem Dickicht und torkelte durch die Luft. Die Lunte zischte.

„Sieht aus wie ’ne besoffene Ente“, murmelte Ferris.

„Aber eine Ente donnert nicht so schön“, bemerkte Carberry wieder einmal sehr treffend.

Guzman und seine Kerle sahen das Wurfgeschoß nahen. Sie wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Was war das? Guzman feuerte mit der Pistole auf die Flasche. Aber er traf nicht.

Die Höllenflasche landete vor den Füßen des Dicken. Der sah die Lunte glimmen und rief: „In Deckung!“

Zu spät. Die Flasche krepierte mit einem Donnerschlag, der die Erde beben ließ. Guzman und seine Kumpane sahen den Dicken zurückprallen – blutüberströmt. Dann trafen die wirbelnden Eisen-, Blei- und Glasstücke auch sie. Stöhnend und brüllend gingen sie zu Boden. Eine dicke Qualmwolke stieg auf.

„Treffer!“ sagte Carberry laut.

„Noch eine Ladung?“ fragte Ferris.

„Abwarten“, erwiderte der Seewolf.

Der Gambiamann ließ wieder einen Pfeil von der Sehne schwirren. Einer der Piraten hatte sich erhoben. Er wankte durchs Dickicht, hob die Pistole und zielte auf Gary Andrews, dessen Kopf er halb hinter einem Baumstamm entdeckt hatte. Gary wollte schießen, aber Batuti war schneller. Vom Pfeil durchbohrt, sackte auch dieser Schnapphahn zusammen.

Guzman kroch davon. Er war der einzige Überlebende. Die anderen hatte es erwischt. Grausig! Guzmans Atem ging schnell und keuchend. Was waren das für Feinde – standen die mit dem Teufel im Bunde? Sie hatten Zauberwaffen. Und sie verstanden zu kämpfen.

Nie zuvor hatte Guzman ein derartiges Gefühl der Panik verspürt. Die Angst saß ihm wie eine Faust im Nacken. Er robbte durch das dichte Gestrüpp. Nur weg hier! dachte er.

„Feierabend“, sagte Batuti.

Er verließ seinen luftigen Posten und kehrte zu den Kameraden zurück. Hasard war als erster bei den toten Piraten und unterzog sie einer kurzen Untersuchung.

„Dem Aussehen nach könnten es Spanier sein“, sagte er.

„Einer fehlt“, sagte Batuti, der in diesem Augenblick zu seinem Kapitän trat. „Es waren sechs.“

„Sucht die Umgebung ab“, ordnete der Seewolf an.

Das taten die Arwenacks, aber sie konnten niemanden finden. Guzman hatte schon einigen Vorsprung. Er kannte sich im übrigen im Dickicht gut aus und wußte, wie er seinen Verfolgern entwischen konnte.

„Nichts“, meldete Carberry, als die Mannen zu Hasard zurückkehrten.

„Wir kehren erst einmal an Bord der Schebecke zurück“, sagte der Seewolf. „Die Schüsse locken sicherlich weitere Piraten an. Und der Kerl, der geflüchtet ist, wird sie mit Sicherheit auf uns hetzen. Das Fischerdorf ist garantiert das Nest der Bande.“

Kurz darauf schoben die Mannen das Beiboot der Schebecke wieder ins Wasser. Ben Brighton und die anderen an Bord des Dreimasters atmeten auf. Sie hatten sich wegen der Schüsse, die sie vernommen hatten, schon Sorgen bereitet.

Jetzt warteten sie ab, bis das Boot sich längsseits schob, dann halfen sie ihrem Kapitän und den Kameraden an Bord und lauschten deren Bericht.

6.

Olivaro wankte etwas, als er seine Hütte verließ. In der rechten Hand hielt er eine halbleere Flasche. Er grinste. Mehrere Schüsse waren gefallen. Aha, dachte der Bandenführer, meine Kerle haben das verfluchte Fischerpack also endlich gefunden. Das wurde aber auch Zeit.

Im Dorf liefen die Kerle zusammen. Die anderen Suchtrupps waren ergebnislos aus dem Inneren der Insel zurückgekehrt. Olivaro hatte sie allesamt als Versager und dreckige Ratten bezeichnet.

Die Stimmung der Kerle befand sich auf einem absoluten Tiefpunkt. Jetzt aber, als sie ihren Führer grinsen sahen, wurde auch ihnen wieder etwas wohler zumute.

„Guzman hat das Schweinegesindel aufgestöbert!“ rief einer von ihnen.

Olivaro bedachte ihn mit einem wüsten Fluch. „Halt doch dein Maul!“

Lang und länger wurden aber die Gesichter der Piraten, als sie Guzman von einem der Hänge hinuntertaumeln sahen. Guzman blutete. Er keuchte und stieß lallende Laute aus, die keiner verstand.

Plötzlich strauchelte er und stürzte zu Boden. Er wälzte sich, schlug noch ein paarmal lasch mit den Armen um sich und rührte sich nicht mehr.

„Holt ihn!“ herrschte Olivaro seine Kerle an.

Sie stürmten los und rannten zu Guzman.

Wo sind die anderen? fragte sich der Piratenführer immer wieder. Bernardo, der Dicke, und die anderen?

Guzman war bewußtlos. Er blutete aus mehreren Wunden, sein Gesicht sah fürchterlich aus. Mit grimmigen Mienen hoben die Piraten den Kumpan auf und schleppten ihn zu Olivaro. Hier betteten sie ihn so vorsichtig wie möglich auf den Untergrund.

Olivaro betrachtete Guzman mit verzerrtem Gesicht. Wer hatte den Kerl so zugerichtet? Olivaro entsann sich, daß einige der Schüsse mehr wie Explosionen geklungen hatten. Oder waren Kanonen abgefeuert worden? Aber seit wann verfügen die Fischer, diese lausigen Bastarde, über Kanonen?

Mit dem Finger deutete Olivaro auf einen seiner Kerle. „Hol einen Kübel Wasser! Schnell!“

Der Kerl raste davon, als seien Wölfe hinter ihm her. Die anderen murmelten und tuschelten untereinander. Ihre Minen waren ratlos, betroffen.

Olivaro nahm einen Schluck aus der Flasche. Der Pirat erschien mit einem Kübel Seewasser. Olivaro gab ihm einen Wink, und der Kerl leerte das Naß über Guzmans Gesicht aus.

Guzman fuhr hoch. Das salzige Wasser brannte in seinen Wunden. Er schrie und fluchte.

„Was ist passiert?“ brüllte Olivaro. „Wo sind die anderen? Habt ihr die Fischer gefunden?“

Guzman richtete seinen Blick auf den Anführer. Wie ich dich hasse, dachte er. „Nein, wir haben sie nicht gefunden.“

„Was hatten die Schüsse zu bedeuten? Und die Explosionen?“ schrie Olivaro.

„Fremde“, erklärte Guzman mit heiserer Stimme. Wieder stöhnte er wegen seiner Schmerzen. „Irgendwelche Galgenstricke. Sie sind gelandet, acht Mann. Haben eine Schebecke. Drüben, in der östlichen Bucht. Wir haben ihnen aufgelauert.“

„Was habt ihr?“ Olivaro schleuderte die Flasche weg und trat dichter auf Guzman zu. „Auf eigene Faust habt ihr gehandelt? Was fällt euch ein?“

„Wir dachten …“

Olivaro verpaßte ihm einen Tritt in die Seite. „Das Denken überläßt du mir, verstanden? Wo sind die anderen?“

„Tot …“

„Was, alle?“ brüllte Olivaro.

„Ja.“

Wieder trat Olivaro zu. Guzman kippte auf die Seite und ächzte zum Gotterbarmen.

„Ihr hättet mich erst benachrichtigen müssen!“ schrie Olivaro. „Es ist deine Schuld, daß alles schiefgegangen ist! Das wirst da büßen!“

„Olivaro“, sagte einer der Piraten. „Guzman ist verletzt. Es ist nicht recht, daß du ihn so behandelst.“

Olivaro fuhr zu dem Sprecher herum. Blitzschnell zückte er seine Pistole und spannte den Hahn. Er hob die Waffe und zielte auf die Stirn des Kerls.

„Noch ein Wort“, sagte er, „und ich knalle dich ab wie einen räudigen Hund.“

Guzman rappelte sich schwerfällig auf.

„Olivaro“, sagte er keuchend. „Hör mich an. Es hat keinen Zweck, jetzt zu streiten. Wichtiger sind die Kerle und ihre Schebecke. Vielleicht hat der Kahn eine wertvolle Ladung.“

Der Anführer ließ die Waffe sinken. In seinem Geist arbeitete es. Beute? Ja, das konnte gut möglich sein. Wenn die Fremden Schnapphähne waren, dann hatten sie sicherlich keine lächerlichen Schaffelle oder Oliven an Bord, sondern Gold, Silber, Juwelen! Wieder wurde die Gier in Olivaro wach.

„Gut“, sagte Olivaro. Er hob die Flasche wieder auf und streckte sie Guzman zur Versöhnung entgegen. „Hier, sauf das Zeug aus. Und laß dir die Blessuren behandelnd.“

„So schlimm ist es nicht“, erwiderte Guzman. „Ich kann schon wieder kämpfen.“

„In Ordnung.“ Olivaro warf einen prüfenden Blick zum Himmel, dann zur See. „Die See hat sich so weit beruhigt, daß wir einen Angriff wagen können. Sofort alle Mann an Bord der Karavelle und der Schaluppen! Wir packen diese Bastarde! In der Bucht sitzen sie in der Falle! Und sie können nicht wagen, schon wieder auszulaufen.“

„Sie haben in der Bucht Zuflucht gesucht“, sagte einer der Piraten.

„Du merkst aber auch alles“, entgegnete Olivaro hämisch. Er suchte vier Kerle aus und trat dicht vor sie hin. „Ihr bewacht den Schlupfwinkel und die Gefangenen. Wehe euch, ihr sperrt nicht die Augen und Ohren auf. Ich schneide euch in Stücke, wenn ihr die beiden entwischen laßt!“

Einer der Kerle war hager und knochig und zeichnete sich durch eine Raubvogelnase aus, die aus seinem Gesicht hervorstach. Alle nannten ihn Corvo – Rabe. Corvo schnitt eine verächtliche Grimasse.

„Vergleiche mich nicht mit Juanito und den anderen Narren. Auf mich kannst du dich verlassen, Olivaro.“

Olivaro tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Dann bist du für die Gefangenen verantwortlich. Wenn ich zurückkehre, will ich sie gesund und munter vorfinden.“

„Auch das Mädchen?“

„Wenn du sie auch nur mit dem kleinen Finger anrührst, wirst du den Tag verdammen, an dem du geboren bist!“ zischte Olivaro.

Corvo erblaßte. „Schon gut, war ja nicht so gemeint.“

„Dann behalte deine blöden Sprüche für dich.“

Kurz darauf hasteten die Piraten zur Ankerbucht und begaben sich an Bord ihrer Segler. Olivaro ließ den Anker der Karavelle lichten und die Leinen der Schaluppen loswerfen, dann lief der kleine, aber wehrhafte Verband aus – bereit zum Gefecht. Olivaro wollte die Schebecke, und er wollte die fremden Kerle töten.

Im Dunkel der Höhlen waren fragende, ängstliche Augenpaare auf Rodrigo Calafuria gerichtet. Der junge Mann kehrte soeben von einer Runde zurück. Er hatte sich als Kundschafter und Späher betätigt. Geduckt schlich er ins Innere der größten Grotte, die den Fischern und ihren Familien als Unterschlupf und Versteck diente.

„Nun?“ sagte Domingo Calafuria. „Hast du etwas entdecken können?“

Rodrigo lächelte grimmig. „Ja. Die Erklärung für die Schüsse und das Krachen von Pulverladungen ist folgende. In der Bucht östlich von unserem Dorf ankert eine Schebecke. Acht Männer gingen an Land. Sechs Piraten überfielen sie. Dabei haben die Piraten den kürzeren gezogen.“

Pamela klatschte in die Hände. „Gut so!“

„Sei still!“ flüsterte ihre Mutter.

„Die fremden Seefahrer haben gute Waffen“, fuhr Rodrigo in seinem Bericht fort. „Und sie verstehen sich zu schlagen. Nur einer von den Piraten hat überlebt. Ich glaube, es ist dieser Kerl, den sie Guzman rufen.“

„Der Teufel soll ihn holen“, sagte Hernán Zorba.

„Olivaro und die Bande sind an Bord der Schiffe gegangen“, sagte Rodrigo. „Sie laufen gerade aus, wohl, um die Schebecke anzugreifen.“

„Wie viele Wächter sind im Dorf?“ wollte Domingo von seinem Sohn wissen.

„Vier.“

„Und sicher sind in unseren Hütten auch noch die beiden Gefangenen“, sagte Domingo. „Ein Mann und ein Mädchen. Wir haben es ja heute nacht erlebt, wie sie zu fliehen versucht haben, nicht wahr?“ Er hatte das Bild noch deutlich vor Augen, wie der Mann das Mädchen mit sich fortzog. „Ihnen haben wir es sogar zu verdanken, daß uns die Flucht gelungen ist. Sie haben uns durch ihr Tun einen Vorsprung verschafft.“

„Na, dann wollen wir mal“, sagte Rodrigo.

„Was habt ihr vor?“ fragte Asuncion Calafuria entsetzt.

„Wir stürmen das Dorf“, sagte Hernán Zorba.

„Ich will mit“, sagte sein verletzter Sohn. Zum Glück hatte es ihn nur an der Schulter erwischt. Eine Fleischwunde.

„Du bleibst hier“, entgegnete sein Vater.

„Dies ist unsere Chance!“ sagte Domingo.

„Ich lasse es nicht zu!“ stieß Asuncion hervor. „Ich will nicht, daß es noch weitere Tote gibt!“

„Es wird keine Toten geben, jedenfalls nicht in unseren Reihen“, erwiderte ihr Mann.

„Die Fremden von der Schebecke sind im gewissen Sinne unsere Verbündeten“, sagte Rodrigo. „Während sie sich mit den Piraten schlagen, haben wir die einmalige Möglichkeit, das Dorf zurückzuerobern. Das dürfen wir nicht versäumen.“

„Wir sind alle dabei“, sagte Zorba. „Wenn die Kanonen donnern, dringen wir ins Dorf ein.“

„Die Frauen und Kinder bleiben natürlich hier“, sagte Domingo Calafuria.

Asuncion erhob sich von ihrem provisorischen Nachtlager.

„Ihr seid wahnsinnig“, sagte sie erregt. „Wollt ihr euch alle ermorden lassen? Das kann doch nicht euer Ernst sein. Das lasse ich nicht zu.“

„Warum wartet ihr nicht ab, bis sich die Piraten und die Fremden gegenseitig die Köpfe einschlagen?“ fragte eine der anderen Frauen.

„Wir können den Ausgang des Gefechtes nicht abschätzen“, entgegnete Domingo so ruhig wie möglich, obwohl er allmählich zornig wurde. „Nehmen wir an, die Piraten siegen. Dann kehren sie in das Dorf zurück, und wir können ewig hier in den Höhlen bleiben.“

Asuncion stemmte die Fäuste in die Seiten. „Nehmen wir an, ihr Männer besetzt jetzt das Dorf. Und die Piraten kehren zurück. Was wollt ihr dann tun?“

„Ihnen eine Falle stellen“, sagte Rodrigo.

„Die Piraten haben ein Waffenlager im Dorf“, fügte Hernán Zorba hinzu. „Wir werden es finden und ausplündern. Und dann gnade Gott diesen Teufeln, wenn sie zurückkehren.“

„Das schafft ihr nie!“ stieß eine andere Frau verzweifelt hervor. „Das kann nicht gut ausgehen!“

„Da seht ihr, wie wenig Vertrauen unsere Frauen in uns setzen“, sagte Zorba.

„Schluß jetzt mit der Debatte“, sagte Domingo Calafuria. „Wir rücken aus – und damit basta.“

„Ich will mit!“ stieß Zorbas Sohn noch einmal hervor. Doch wieder war es sein Vater, der sein Mitwirken bei der bevorstehenden Aktion ablehnte.

Auch Pamela Calafuria wollte die Männer begleiten. Doch ihr Vater und ihr Bruder waren strikt dagegen. Domingo Calafuria, Hernán Zorba und Rodrigo wurden zu den Anführern der Kampfgruppe gewählt.

Als auf See das Grollen von Kanonenschüssen ertönte, griffen sich die Fischer die wenigen Waffen, die sie hatten, und verließen die Höhle. Die Frauen schauten ihnen nach. Sie bekreuzigten sich und beteten.

„Herr, beschütze sie“, flüsterte Asuncion Calafuria.

Dan O’Flynn und Bill entdeckten als erste den Verband der Piratenschiffe, der sich von Westen näherte. Die Dreimastkaravelle und die drei Schaluppen rollten und taumelten in der immer noch aufgewühlten See. Der Wind wehte von Nordwesten und drückte die Segler mit großer Geschwindigkeit ihrem Ziel entgegen.

Daß dieses Ziel die Schebecke war, daran hatte nicht einmal Paddy Rogers, der sonst kein Schnellmerker war, irgendwelche Zweifel. Und der Seewolf handelte. Längst war die Schebecke klar zum Gefecht. Jetzt lichteten die Mannen den Anker. Dann setzten sie die Segel, und das Schiff glitt durch die Kabbelsee aus der Bucht.

Als die Schebecke das offene Meer erreichte, betrug der Abstand zwischen den beiden Piraten nur noch eine halbe Meile. Schon waren die lauten Flüche zu vernehmen, die von Bord der Piratensegler herüberwehten.

„Bei den vorherrschenden Verhältnissen wird es nicht leicht sein, Treffer anzubringen“, sagte Ben Brighton nach einem Blick durch den Kieker zum Gegner.

„Wir haben aber auch die Höllenflaschen und die Brandpfeile“, erwiderte der Seewolf. „Wenn es ganz hart kommt, können wir ein oder zwei Brandsätze abfeuern.“

„Ja, natürlich“, sagte Ben. „Und wir haben noch einen Vorteil. Die Karavelle hat zwar auch Lateinersegel, aber wir sind wendiger und liegen vermutlich höher am Wind.“

Die Mannen gaben grimmige Laute der Genugtuung von sich. Sie waren derselben Meinung – die Schebecke konnte es mit den vier Gegnern aufnehmen. Die Arwenacks hatten schon ganz andere Kämpfe ausgefochten und durchgestanden. Sie würden es diesen Schnapphähnen, die auf Mallorca hausten und versucht hatten, ihnen einen Hinterhalt zu legen, schon zeigen!

Olivaro feuerte den ersten Schuß ab, als die Entfernung zwischen der Karavelle und der Schebecke auf knapp anderthalb Kabellängen zusammengeschrumpft war. Dröhnend sauste die 17-Pfünder-Kugel aus dem Rohr. Etwa zehn Yards vor dem Bug der Schebecke klatschte sie ins Wasser. Eine Fontäne stieg auf und fiel wieder in sich zusammen.

„Das war die Kriegserklärung“, sagte Hasard.

„Feuer frei, Sir?“ fragte Carberry, der mit abgespreizten Beinen auf dem Deck stand.

„Nein, wir warten noch.“ Gelassen beobachtete Hasard den Gegner durch den Kieker.

Die Karavelle verfügte über sechs Culverinen. Sie hatte keine Drehbassen. Auf dem Achterdeck stand ein glatzköpfiger Kerl. Seinem Gebaren nach war er der Anführer. Neben ihm erkannte Hasard einen Mann mit Gesichtsverletzungen.

„Das muß der Kerl sein, der uns entwischt ist“, sagte der Seewolf.

Ferris Tucker grinste. Er hatte ebenfalls einen Blick durch das Spektiv geworfen. „Die Höllenflasche hat ihn ganz hübsch zugerichtet. Na, der wird sich freuen, wenn ihm die nächste Ladung um die Ohren fliegt.“

Die Piraten-Schaluppen, so stellten die Mannen fest, hatten als Armierung nur jeweils zwei Drehbassen, eine vorn und eine achtern. Insgesamt betrug das Aufgebot der Schnapphähne schätzungsweise vier Dutzend Kerle. Gut zwanzig befanden sich an Bord der Karavelle, die anderen an Bord der Einmaster.

Rasch verringerte sich die Distanz zwischen den feindlichen Schiffen. Olivaro verlor die Beherrschung.

„Feuer!“ brüllte er.

Schon zündeten die Kerle die Geschütze der Backbordseite. Drei Kugeln heulten im Donnern der 17-Pfünder auf die Schebecke zu.

Die Arwenacks gingen in Deckung. Doch fast hatten sie es erwartet – die Kugeln trafen nicht. Sie lagen zu kurz. Wirkungslos klatschten sie ins Wasser. Dann krachten auch die Buggeschütze der Schaluppen. Mit dem gleichen Mißerfolg. Wieder hatten die Piraten drei Kugeln vergeudet. Sie gaben ihrer Enttäuschung mit neuerlichen Flüchen Ausdruck.

Hasard und seine Männer grinsten.

„Wir warten noch ein bißchen“, sagte der Seewolf. Er schien die Ruhe in Person zu sein. Seine innerliche Anspannung war ihm nicht anzumerken.

„Drauf!“ schrie Olivaro. „Entern! Schießt sie nieder, die Hunde, stecht sie ab! Ich will ihre Köpfe!“ Er begriff nicht, warum die „Bastarde“ von der Schebecke nicht zurückfeuerten. Hatten sie etwa keine Munition?

Die Karavelle und die drei Schaluppen nahmen direkten Kurs auf die Schebecke. Sie versuchten, das Schiff der Seewölfe einzukreisen. Eine der Schaluppen ging platt vor den Wind und schoß wie ein Pfeil auf die Schebecke zu.

„Ich glaube, es wird Zeit, daß wir zurückschlagen“, sagte der Seewolf. „Was meint ihr, Freunde?“

„Von mir aus kann’s losgehen“, antwortete der Profos. Er rieb sich die Hände, daß die Knochen knackten.

„Alles bereit“, meldete auch Ferris Tucker, der liebevoll mit seinen Höllenflaschen hantierte.

„Brand- und Pulverpfeile klar!“ rief Big Old Shane, der mit Batuti auf dem Vordeck Posten bezogen hatte. Bei dem herrschenden Seegang konnten sie nicht – wie sie es sonst bei Gefechten taten – in den Groß- und Vormars aufentern.

„Feuer!“ rief der Seewolf.

Im Nu verwandelte sich die Schebecke in eine feuerspuckende Festung. Der Angriff erfolgte jäh und überraschend für die Piraten. Die 17-Pfünder dröhnten und spuckten, die Flaschenbomben wirbelten durch die Luft, und brennende Pfeile, von Batuti und Shane abgeschossen, huschten zu der Karavelle und den drei Schaluppen.

7.

In dieser Phase des entbrennenden Gefechts begriff Olivaro etwas von dem, was Guzman ihm kurz zuvor hatte auseinandersetzen wollen. Diese Fremden an Bord der dreimastigen Schebecke – das waren nicht irgendwelche hergelaufene Kerle vom Kaliber gewöhnlicher Schnapphähne.

Nein, die waren aus einem anderen Holz geschnitzt. Jetzt ging dem Bandenführer auch auf, warum Guzman mit seinen Kerlen gescheitert war, als er danach getrachtet hatte, den Hunden eine Falle zu stellen.

Aus dieser Einsicht rührte die Erkenntnis Olivaros, daß man den Kampf vielleicht doch etwas anders hätte beginnen sollen. Doch es war zu spät, noch Korrekturen an der festgelegten Taktik vornehmen zu können.

Die Gegner brachten ihre Waffen zum Einsatz und zogen sämtliche Register. An Bord der Schebecke krachte, dröhnte und donnerte es, und Feuer und Rauch, Eisen und Glas flogen und wirbelten nach allen Seiten.

Die Auswirkungen dieser explosionsartigen Entwicklung spürten als erste die Piraten an Bord jener Schaluppe, die sich dem Dreimaster am dichtesten genähert hatte. Die Piraten waren grimmig entschlossen, bei der Schebecke längsseits zu gehen, zu entern und somit ihrem Anführer zu zeigen, was in ihnen steckte.

Sie feuerten die Drehbassen ab. Dann griffen sie zu den Musketen, um Einzelschüsse auf die Gestalten abzugeben, die sie am Schanzkleid der Schebecke deutlich genug sehen konnten.

Doch es blieb bei dem Versuch. Eine Drehbassenkugel der Schaluppe hackte zwar ins Schanzkleid der Schebecke. Doch keiner der Arwenacks wurde verletzt. Sie warfen sich rechtzeitig in Deckung. Holz splitterte und wirbelte nach den Seiten weg, aber auch die Splitter trafen glücklicherweise keinen der Männer.

Eine der 17-Pfünder-Kugeln in dessen, in diesem Moment von den Arwenacks abgefeuert, schlug voll in die Schaluppe. Sie traf den Bug, und plötzlich waren der Bug und die dort in einer Gabellafette montierte Drehbasse wie weggewischt. Die Schaluppe torkelte herum, als sei der Rudergänger betrunken.

Sie hob das Heck aus den Fluten und ging auf Tiefe. Zwei Pfeile und eine Höllenflasche prasselten noch auf den Einmaster ein. Heulend und um Hilfe schreiend kippten die Galgenstricke ins Wasser. Die Flaschenbombe explodierte und riß auch noch das Heck der Schaluppe auseinander.

Olivaro hatte vom Achterdeck seiner Karavelle aus alles genau beobachtet. Er preßte die Lippen zusammen. Sie waren ein blutleerer Strich. Nicht einen einzigen Fluch stieß er aus, so betroffen war er. Nie zuvor hatte er Männer mit solcher Vehemenz kämpfen sehen.

Guzman wagte nicht, auch nur eine Bemerkung von sich zu geben. Ebenso die Kerle auf dem Hauptdeck. Sie schwiegen – und bereiteten sich darauf vor, den Gegner massiv zu packen. Hastig wurden die leergeschossenen Kanonenrohre nachgeladen.

Die einzige Chance der Piraten schien darin zu liegen, die „fremden Hundesöhne“ in einem gemeinsamen Ansturm zu erledigen. Wenn Olivaro es sich recht überlegte, dann hatten sich die Kerle von der ersten Schaluppe sogar ausgesprochen dumm verhalten.

Sie hatten durch Heldenmut glänzen wollen. Aber sie waren gescheitert. Einzelunternehmen hatten keinen Sinn, das hatte schon Guzmans Niederlage in den Hügeln der Insel bewiesen.

So rückten die Karavelle und die beiden Schaluppen auf die Schebecke zu. Olivaro wollte sich den Gegner von Backbord achtern greifen. Wenn es gelang, im Kugelhagel Bord an Bord an die Schebecke heranzugleiten, war der Rest ein Kinderspiel. Flogen erst die Enterhaken, dann war das Schicksal der Fremden besiegelt. Olivaro war sicher: Er und seine Kerle waren im Nahkampf nicht zu schlagen.

„Achtung!“ brüllte Guzman plötzlich. „Brandpfeile!“

Die Pfeile stiegen von der Schebecke auf. Die Piraten konnten verfolgen, wie sie zum Himmel huschten, dann abkippten und sich auf die Schiffe senkten. Ausweichen konnten sie nicht. Jedes Manöver wäre zu langsam und zu schwerfällig ausgefallen.

„Deckung!“ brüllte Olivaro.

Die Pfeile hagelten auf die Decks und in die Takelung der drei Piratensegler. Plötzlich leckten Flammen aus den Segeln der Karavelle. Damit nicht genug. Einige Pfeile, die besonders dicke Schäfte aufwiesen, bohrten sich mit hartem Pochen in die Planken – und dann flogen sie krachend auseinander.

Fassungslos mußte Olivaro verfolgen, wie seine Kerle schreiend und fluchend von den Geschützen wegsprangen. Einige hielten sich die Gesichter oder die Leiber und krümmten sich auf den Planken.

Was war das? Welcher Art von Spuk bedienten sich die fremden Hunde?

„Sie sind Hexer!“ heulte einer der Kerle. „Sie stehen mit dem Teufel im Bund!“

„Maul halten!“ brüllte Olivaro zurück. „Feuer! Heizt ihnen ein! Schießt sie zusammen!“

Guzman begriff, daß aus dem Zusammenschießen nichts mehr werden würde. Obgleich die Karavelle und die beiden Schaluppen der Schebecke nun sehr nahe waren, hatten sie doch keine Möglichkeit, wirklich längsseits zu gehen und zu entern. Und auf Distanz ließ sich das Gefecht auch nicht mehr zugunsten der Bande entscheiden. Es war alles sinnlos. Die fremden Korsaren kehrten mit dem Eisenbesen aus – wie der Teufel persönlich.

Schon blitzte und zuckte es wieder von der Schebecke herüber. Kanonen dröhnten, Pfeile schwirrten, Flaschen taumelten durch die Luft. Olivaro sprang aufs Hauptdeck der Karavelle und trieb seine Kerle selbst zu größerer Eile an. Doch es nützte nichts. Sie konnten die Geschütze nicht schnell genug abfeuern und nachladen. Drüben, beim Feind, ging das alles rascher.

Außerdem hatte Olivaro jetzt das zusätzliche Problem, den Brand in der Takelage löschen zu müssen. Auf seine Flüche und Tritte hin sausten die Kerle in den Wanten hoch. Sie hieben mit nassen Schwabbern auf die Flammen ein oder kippten Wasser und Sand in die Feuernester. Aber da zischten wieder Pfeile heran. Heulend kippten die Piraten aus den Wanten. Einige knallten aufs Deck, andere landeten im Wasser.

„Hölle und Teufel!“ schrie Olivaro. „Ich bringe euch alle um, ihr Ratten, wenn ihr nicht kämpft!“

Guzman mußte trotz der prekären Lage unwillkürlich grinsen. Gab sich Olivaro immer noch falschen Hoffnungen hin? Hier hatte er einen Gegner gefunden, an dem er sich die Zähne ausbiß. Er konnte nur noch eins tun – kapitulieren oder die Flucht ergreifen. Vielleicht ließen die Korsaren die Bande dann in Ruhe.

Eine Höllenflasche polterte in die eine Schaluppe und platzte mit einem berstenden Krachen auseinander. Gleich darauf wirbelten noch zwei Wurfgranaten. Die eine war für die zweite Schaluppe bestimmt, die andere für die Karavelle. Gleichzeitig grollten die Kanonen. Und Pfeile flogen, als stünden drüben auf dem Vordeck des Gegners gleich ein Dutzend Männer mit Bögen bereit.

„Achtung!“ schrie Guzman.

Olivaro hörte nicht auf ihn. Er schickte sich gerade an, eins der Geschütze selbst auszurichten und zu zünden. Da flog eine Flaschenbombe auf ihn zu.

Erst im letzten Augenblick registrierte der Piratenführer das „Objekt“, wie es haarscharf an ihm vorbeihuschte und auf den Planken landete. Die Flasche rollte zum gegenüberliegenden Schanzkleid, nach Steuerbord.

„Aufheben!“ brüllte Olivaro einem seiner Kerle zu.

Der Kerl war so dumm, es zu tun. Er nahm die Flasche auf und traf Anstalten, sie außenbords zu schleudern – da explodierte sie. In das Krachen der Detonation mischte sich das schrille Schreien des Kerls.

Ein Kanonenschuß des Gegners bereitete der zweiten Schaluppe das Ende. Die erste war durch die Höllenflasche so schwer leckgeschlagen, daß sie sank. Die Kerle sprangen ins Wasser und schwammen zur Karavelle. Dort kämpften Olivaro, Guzman und die letzten Kerle auf verlorenem Posten. Über ihnen loderten die Segel. Flammennester fielen auf die Decks und entfachten auch die Planken.

Guzman stolperte vom Achterdeck auf die Kuhl.

„Olivaro!“ schrie er. „Wir sind verloren!“

„Halt dein Maul!“ fuhr ihn Olivaro an.

„Gib auf!“

„Niemals!“

„Es hat keinen Zweck mehr!“ Guzman stürzte sich auf seinen Anführer und versuchte, ihn zu Boden zu reißen. Er wollte verhindern, daß auch die letzten Kerle in diesem aussichtslosen Gefecht über die Klinge sprangen.

Olivaro schüttelte Guzman ab und fuhr zu ihm herum.

„Du Hund!“ heulte er. „Meuterer!“ Dann hatte er seinen Säbel in der Hand und schlug zu.

Guzman sank getroffen zusammen und rutschte langsam über die Planken des stampfenden und schlingernden Schiffes. Er konnte sich nirgends festhalten. Seine Hände waren kraftlos.

Auch du wirst dran glauben müssen, Olivaro, dachte er noch. Es war die letzte Überlegung, die seinen Geist beschäftigte. Dann starb er.

Im Schlupfwinkel der Piraten war der Feuerschein, der von der Stätte des Gefechts hochzuckte, deutlich zu erkennen. Selbstverständlich konnten die Kerle auch die dunklen Wolken Pulverqualm sehen, die vom Wind fortgetragen wurden.

Corvo grinste triumphierend und rieb sich die Hände. „Da seht ihr’s mal wieder. Olivaro ist manchmal unausstehlich. Aber wenn’s ans Kämpfen geht, versteht er sein Geschäft.“

Die drei anderen Wächter, die neben Corvo im Zentrum des Dorfplatzes standen, schienen ihrer Sache nicht ganz so sicher zu sein.

„Es könnte auch umgekehrt sein“, meinte einer von ihnen im Grollen der Kanonen und dem Schreien der Sterbenden und Verletzten. „Daß nämlich unsere Leute die Jacke vollkriegen.“

Corvo spuckte aus und schnitt eine Grimasse. „Das glaubst du doch selber nicht. Vier Schiffe gegen eins – da weiß ich schon vorher, wer der Sieger ist. Das ist ein Zuckerlecken für Olivaro.“

„Klar“, sagte ein dritter Schnapphahn, aber ganz überzeugt klang auch seine Stimme nicht.

„Ich bin mal gespannt, was die Schebecke geladen hat“, sagte Corvo. „Wir erfahren es ja gleich.“

„Übrigens“, bemerkte der vierte Wächter. „Wir wissen immer noch nicht, warum Olivaro den englischen Kapitän und das Frauenzimmer am Leben gelassen hat.“

Corvo wandte ihm das Gesicht zu. „Da hast du recht. Aber wollen wir wetten, daß wir es gleich herauskriegen? Die Gelegenheit ist jetzt günstig.“

„Olivaro hat dich gewarnt“, entgegnete sein Nebenmann. „Du sollst das Mädchen nicht anrühren.“

Corvo kicherte. „Wer spricht denn von Anrühren? Oh, ich werde sie nicht mal schief anschauen, verlaß dich drauf.“ Er stieß den Kerl an. „Los, komm mit. Wir unterhalten uns ein wenig mit den beiden Engländer-Bastarden.“

„Und wir?“ fragte der dritte Kerl. Sein Kumpan schaute finster drein. Er wäre auch gern mitgegangen zu den Engländer-Bastarden.

„Ihr bleibt hier und haltet Augen und Ohren auf“, sagte Corvo. „Wir sind gleich wieder zurück. Und das Lager darf nicht unbewacht bleiben.“

„Die Fischer haben die Hosen voll“, widersprach der vierte Pirat. „Bei dem Gefechtslärm trauen die sich nicht, sich in ihr Dorf zu schleichen.“

„Das kann man nie wissen“, sagte Corvo mit einem Gesichtsausdruck, der darauf schließen ließ, daß er sich für einen überaus intelligenten Menschen und alle anderen für Schwachköpfe hielt.

Corvo und der zweite Pirat schritten zu der Hütte, in der Burl Ives und Farah Acton gefangengehalten wurden. Lauernd blickten sie sich nach allen Seiten um. Auf See tobte weiterhin das Gefecht. Hier, im Dorf, war alles ruhig und friedlich.

Corvo öffnete die Tür der Hütte und streckte seinen Kopf etwas vor. Er mußte an die Bemerkungen denken, die Guzman nach dem Überfall auf die Engländer-Karavelle von sich gegeben hatte. Es mußte schon was dran sein. Olivaro verheimlichte seiner Bande etwas. Vielleicht hatte der Kapitän Geld. Oder das Mädchen. Sie wollte sich freikaufen.

Ja, das mußte es sein. Und wenn sie das Geld nicht bei sich hatte, dann verwahrte sie es in ihrer Heimat. Und Olivaro, dieser dreimal verfluchte Hundesohn, hatte vor, mit den Geiseln nach England zu segeln und sich das Geld zu holen.

„Mann, ist das hier dunkel“, sagte der Kerl hinter Corvos Rücken.

„Warte, ich zünde ’ne Lampe an“, brummte Corvo. Er trat ein und pirschte durch den Raum. Fast stieß er sich die Hüfte am Tisch. Er fluchte und griff nach der Öllampe.

Plötzlich war ein Schatten hinter Corvo, aber es war nicht sein Cumpan. Corvo spürte die Gefahr mehr, als er sie sah, und er griff zur Waffe. Doch der Angreifer war schneller. Er stach mit einem Messer zu. Gleichzeitig preßte er Corvo eine Hand gegen den Mund.

Corvo sank zu Boden. Er wollte noch schreien, aber kein Laut drang aus seinem Mund. Ein glühendheißes Feuer fraß ihn von innen auf, Corvo krümmte sich auf den Bohlen und sah, hörte, fühlte, roch, schmeckte nichts mehr.

„Was is’n los?“ murmelte Corvos Kumpan. Er verharrte im Türspalt, kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. Da, neben dem Tisch, war das nicht Corvo?

Der Mann, den der Pirat schwach erkannte, war Domingo Calafuria. Er hatte Corvo niedergestochen, und jetzt ahmte er dessen Stimme nach.

„Ach, ich habe mich bloß gestoßen“, brummelte er. „Komm her.“

Der Pirat fiel auf den Trick herein und näherte sich dem Tisch.

„Wo ist denn die Lampe?“ fragte er.

Es war die letzte Frage, die er in seinem Leben stellte, denn in diesem Augenblick war Rodrigo hinter ihm – Rodrigo, der hinter der Tür gelauert hatte.

Ein schwerer Hieb traf den Schnapphahn im Nacken. Er krachte auf die Knie und stöhnte. Aber er hatte noch die Energie, das Entermesser zu zücken und zu Rodrigo herumzufahren. Rodrigo war auf der Hut. Er warf sein Messer – und auch dieser Feind war außer Gefecht gesetzt.

Vater und Sohn Calafuria schüttelten sich rasch die Hände.

„Gratuliere“, flüsterte Domingo. „Das hast du gut hingekriegt. Sag jetzt den anderen Bescheid, und wir führen Teil zwei unseres Planes aus.“

„Sofort.“

Von unten, aus dem Keller, in dem die Familie Calafuria selbst gefangen gewesen war, ertönte eine Männerstimme. Burl Ives hatte sich entschlossen, den Geräuschen auf den Grund zu gehen, die oben erklungen waren. Alles hatte sich ganz nach einem Kampf angehört.

„Wer ist da?“ fragte er.

Farah klammerte sich an seinem Arm fest. Sie hatte gräßliche Angst, und es gelang ihr nicht, das Zittern in ihren Knien zu bezwingen.

Domingo stieß seinen Sohn mit dem Ellenbogen an.

„Das sind die beiden Gefangenen“, raunte er. „Verstehst du, was der Mann sagt?“

„Kein Wort.“

Sie öffneten die Luke so leise, wie es möglich war, und Domingo flüsterte: „Versteht ihr Spanisch?“

„Ein bißchen“, entgegnete Burl Ives.

„Wir sind Freunde“, erklärte Domingo mit gedämpfter Stimme. „Wir haben soeben zwei Piraten außer Gefecht gesetzt. Wir wollen euch befreien.“

„Das kann nicht wahr sein“, sagte der Kapitän.

Er übersetzte Farah, was der Spanier gesagt hatte, und sie sank überglücklich in seine Arme.

Kurz darauf standen die beiden neben ihren Rettern. Rodrigo war unterdessen ins Freie gehuscht und hatte die anderen Fischer verständigt. Einer nach dem anderen betraten sie die Hütte, allen voran Hernán Zorba. Wie Verschwörer schüttelten sie Ives und dem Mädchen die Hände.

„Es sind noch zwei Piraten auszuschalten“, sagte Rodrigo.

„Nur zwei?“ fragte Ives. „Mit wem schlagen sich die anderen herum?“ Aufmerksam lauschte er dem Gefechtslärm.

Domingo setzte dem Kapitän auseinander, was sich zugetragen hatte, und Ives begriff nahezu alles. Wieder erklärte er es Farah Acton. Dann wandte sich der Kapitän an Domingo, Rodrigo und die anderen Fischer und wies auf die beiden toten Piraten.

„Ich habe eine Idee“, sagte er.

Aufmerksam lauschten die Fischer dem, was er ihnen in seinem gebrochenen Spanisch auseinanderzusetzen versuchte.

Etwas später gewahrten die Posten eine Gestalt, die in einer Gasse auftauchte und ihnen zuwinkte. Die Kerle hoben die Musketen und ließen sie sofort wieder sinken.

„Das ist Corvo“, sagte der eine.

In der Tat schien es sich um den raubvogelgesichtigen Schnapphahn zu handeln. Doch in Wirklichkeit handelte es sich bei dem Mann um Domingo. Er hatte sich Corvos Sachen angezogen, und noch einmal imitierte er treffend genau dessen Stimme.

„Kommt her!“ stieß er heiser hervor. „Wir haben Geld gefunden, ’ne ganze Schatulle voll!“

Von der Schatulle wußten die Fischer, weil Ives sie darüber aufgeklärt hatte. Das Zauberwort genügte, um die Gier der beiden Galgenvögel zu wecken.

„Los!“ zischte der eine dem anderen zu. „Nichts wie hin! Corvo will mit uns teilen. Das ist mehr als gerecht.“

Ja, Corvo schien mit einemmal ein feiner Kerl zu sein. Ein Kamerad, wie es ihn sonst nur ganz selten gab. Wie leicht hätten er und der andere sich die Schatulle unter den Nagel reißen können. Aber nein, sie wollten ehrlich mit ihren Spießgesellen teilen. Den beiden Kerlen wurde es richtig warm ums Herz, als sie zu dem vermeintlichen Corvo rannten.

Um so größer war die Überraschung.

Kaum waren die beiden Piraten in der Gasse, da fielen die Fischer und Kapitän Burl Ives über sie her. Die Kerle hatten keine Chance.

Und der Gegner kannte keine Gnade. Erst als die beiden tot am Boden lagen, zeichnete sich eine Spur von Genugtuung auf den Gesichtern der Fischer ab.

„Du weißt nicht, was diese Hunde uns angetan haben“, sagte Domingo zu Burl Ives, während er sich die Sachen des toten Corvo wieder abstreifte, als klebe, die Pest an ihnen.

„Ich kann es mir vorstellen“, erwiderte Burl Ives leise.

Er brauchte nur daran zu denken, was Farah Acton hätte widerfahren können, und schon teilte er den Haß und die Rachsucht der Fischer.

8.

Olivaro kämpfte auf verlorenem Posten. Die Karavelle brannte lichterloh. Das Feuer vernichtete die Segel, die Planken waren heiß. Es knackte und krachte im Schiffsleib. Olivaro wußte, was das bedeutete. Das Schiff sank. Es gab nur noch eine Rettung – in die See springen.

Die Kerle, die noch am Leben waren, hörten nicht mehr auf Olivaros Kommando. Sie stürzten sich ins Wasser und schwammen davon. Zum Ufer. Auch die wenigen Überlebenden der Schaluppen trachteten danach, zurück zur Insel zu gelangen.

Die Schebecke der Seewölfe glitt an der lodernden Karavelle vorbei. Hasard gab seinen Männern das Zeichen, mit dem Schießen aufzuhören. Das Gefecht war entschieden. Sie vergeudeten jetzt nur ihre Munition. Schweigend sahen die Mannen zu, wie die Karavelle zu sinken begann.

Mit haßverzerrter Fratze blickte Olivaro zur Schebecke. Nie würde er das Gesicht dieses Hünen vergessen, der mit verschränkten Armen auf dem Achterdeck stand. Das war der Kapitän! Ein Lumpenhund, ein vom Teufel besessener Bastard! Was, zur Hölle, hatte ihn bewogen, ausgerechnet die Südküste von Mallorca anzulaufen?

Der Sturm, der Sturm – Olivaro verfluchte den Moment, in dem er sich grinsend und beutegierig die Hände gerieben hatte. Gewiß, er hatte die englische Karavelle „Samanta“ überfallen und ausplündern können. Aber jetzt dies – die totale Niederlage! Nie würde er diese Schmach überwinden! Nie!

Doch es gab noch einen letzten Lichtblick. Die Schatulle! Olivaro hatte sie in der Hütte der Calafurias versteckt. Ein sicheres Plätzchen. Olivaro konnte sich das Geld holen, die Geiseln mitnehmen und zum Inneren der Insel verschwinden. Mallorca war groß. Dort oben, in den Bergen, fanden ihn die Gegner sicherlich nicht.

Er konnte sich mit seinen Gefangenen so lange verstecken, bis die Luft wieder rein war. Dann würde er seinen ursprünglichen Plan zur Durchführung bringen: mit Burl Ives und Farah Acton nach England reisen. Nach allem, was der englische Kapitän ihm berichtet hatte, gab es dort eine Menge Geld zu holen.

Der Feind schien kein großes Interesse daran zu haben, auch noch die letzten Piraten abzuknallen. Olivaro hatte erwartet, daß die Hunde mit Musketen auf die im Wasser Schwimmenden feuern würden. Doch er irrte sich. Die Waffen schwiegen. Nur das Knistern und Knacken der Flammen war noch zu vernehmen. Es klang unheimlich.

Keinen Augenblick räumte Olivaro ein, daß es sich um einen fairen Zug des Gegners handeln könnte. Das Wort Fairneß existierte in seinem Sprachschatz nicht. Er dachte anders. Für den Feind gab es nichts mehr zu holen, also verzichtete er darauf, ein Zielschießen auf die Schiffbrüchigen zu veranstalten.

Olivaro traf seine Entscheidung. Die Karavelle sank. Er wäre ein Narr, noch an Bord zu bleiben und mit ihr unterzugehen. Zum Teufel mit der Karavelle! Was kümmerte sie ihn noch! Er würde sich bald ein besseres Schiff besorgen.

Ohne Guzman und die anderen Toten noch eines Blickes zu würdigen, sprang Olivaro in die Fluten, das Klatschen, das er verursachte, als er eintauchte, ging in dem Prasseln und Knacken der Flammen unter.

Allmählich krängte die Karavelle nach Backbord. Gleichzeitig tauchte ihr Bug ins Wasser. Langsam ging das Schiff auf Tiefe. Es zischte und qualmte, und eine dicke schwarze Wolke stand über dem Schauplatz des Geschehens.

Olivaro tauchte, solange die Luft in seinen Lungen es zuließ. Dann ließ er sich zur Oberfläche tragen, hob den Kopf aus dem Wasser und schöpfte Atem. Eine Woge rollte heran. Er schloß den Mund, um nicht Wasser zu schlucken. Die Welle spülte über ihn hinweg.

Wieder tauchte Olivaro auf, schüttelte den Kopf und holte noch einmal Luft. Dabei blickte er zu der brennenden, sinkenden Karavelle und zu der Schebecke. Er schwor den Gegnern blutige Rache und wünschte ihnen die Pest an den Leib. Voll ohnmächtiger Wut mußte er verfolgen, wie die Karavelle endgültig unterging.

Von Bord der Schebecke ertönte ein Ruf: „Arwenack!“

Olivaro verstand nicht, was das zu bedeuten hatte, und er wußte auch nicht, welcher Sprache sich die Hunde bedienten. Aber eines begriff er. Es handelte sich um den Siegesruf der Bastarde. Als er weiterschwamm, klang das Wort wie Hohn in seinen Ohren: „Arwenack! Ar-we-nack!“

Olivaro hatte seine Mühe, sich durch die Fluten zu arbeiten. Sie zogen und zerrten an seinem Körper. Eine Strömung, die ablandig verlief, setzte ihm stark zu. Immer wieder wollte sie ihn hinaustragen. Alles schien gegen ihn zu sein. Er mußte auch an die Haie denken.

Haie waren in diesem Bereich des Mittelmeeres zwar nicht so häufig anzutreffen wie anderswo. Aber bei Sturm zogen sie oft vom Atlantik durch die Meerenge von Gibraltar herüber. Dann fraßen und zermalmten sie alles, was ihnen zwischen die Zähne geriet.

Olivaro hörte einen Schrei. Nicht weit entfernt – vielleicht zwanzig Yards – riß ein Kerl die Arme hoch. Einer der Kumpane! Olivaro stieß einen Fluch aus. Waren die Haie da?

Der Kerl brüllte „Hilfe!“ und zappelte wie verrückt.

Olivaro dachte nicht daran, ihm Beistand zu leisten. Ihm ging es nur darum, die eigene Haut zu retten, sonst nichts.

Olivaro schwamm weiter. Voll Grausen dachte er daran, daß die Haie auch ihn vielleicht bereits verfolgten. Panik ergriff ihn. Er ging unter, schluckte Wasser, schoß wieder hoch und spuckte das Wasser aus.

Nein, dachte er, paß auf, verlier nicht die Nerven!

Hinter ihm war der Kerl untergegangen. Jetzt fiel es Olivaro wieder ein: der Bursche war ein miserabler Schwimmer. Das mußte der Grund für sein Geschrei sein. Er konnte sich nicht mehr halten. Na, sollte er absaufen! Olivaro konnte auf den Kerl verzichten.

Wild kämpfte Olivaro gegen die Drift an. Endlich gelang es ihm, ihrer Herr zu werden. Er geriet in die Brandung. Die rauschenden Fluten spülten ihn an den Strand. Hier blieb er zunächst auf dem Bauch liegen. Dann kroch er ein Stück weiter, drehte sich auf den Rücken und atmete tief durch.

Gerettet, dachte er, ich lebe!

Plötzlich vernahm er links hinter sich ein Geräusch. Sofort fuhr er hoch und griff nach der letzten Waffe, die ihm geblieben war – sein Messer.

Aus dem Ufergestrüpp schoben sich Gestalten hervor. Drei Kumpane. Sie hatten es ebenfalls geschafft, an Land zu schwimmen. Langsam näherten sie sich ihrem Anführer. Sie blickten finster drein. Einer von ihnen stieß einen üblen Fluch aus.

Die Brandung beförderte eine weitere Gestalt auf den Sand. Der Kerl rappelte sich auf, entdeckte die anderen und lief zu ihnen. Noch ein Überlebender!

„Na also“, sagte Olivaro. „Wir sind dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen.“

„Wir sind erledigt“, sagte einer der Kerle.

„Das ist alles deine Schuld, Olivaro!“ zischte ein anderer.

„Und weißt du, was die Hunde der Schebecke jetzt tun?“ schrie der, der soeben eingetroffen war. „Sie segeln zum Dorf, murksen Corvo und die anderen ab und vereinnahmen unseren Schlupfwinkel!“

Daß Corvo und die drei übrigen Wächter des Fischerdorfes bereits tot waren, ahnte keiner von ihnen. Olivaro mußte jedoch an seine wertvolle Schatulle denken. Die durfte keiner außer ihm haben! Er mußte vor den Feinden im Dorf sein!

„Los, wir laufen zum Dorf“, sagte Olivaro.

Einer seiner Kerle lachte höhnisch. „Damit sie uns auch abknallen, was?“

„Hau doch ab, Olivaro“, sagte sein Nebenmann. „Du bist eine Null. Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben. Du kannst noch froh sein, daß wir dich nicht abstechen. Du hast die ganze Bande verheizt. Und was ist dabei rausgekommen? Nichts.“

Ohne jegliche Vorwarnung warf sich Olivaro auf den Kerl. Er stach zweimal mit dem Messer zu. Blutend sank der Kerl auf den Strand. Olivaro fuhr zu den anderen herum.

Die drei trafen Anstalten, sich auf ihren Anführer zu stürzen. Aber sie bezwangen sich. Sie wußten, wie stark Olivaro war und wie gut er mit dem Messer umzugehen verstand.

„Was ist?“ fuhr Olivaro die Kerle an. „Hat noch einer was zu vermelden? Los, kommt doch her!“

Sie zögerten.

Er lachte. „Da seht ihr’s, was für feige Hunde ihr seid. Memmen! Mir wollt ihr die Schuld geben? Ihr habt versagt! Nur euch und den anderen dreckigen Bastarden, die jetzt tot sind, habe ich es zu verdanken, daß wir gegen die Feinde verloren haben.“

„Das stimmt nicht!“ begehrte einer der drei auf.

Olivaro war mit einem pantherhaften Satz bei ihm und drückte ihm die Messerklinge gegen die Gurgel. „Sag das noch mal!“

„Ich …“

„Los, wiederhole es!“ brüllte Olivaro.

„Nein, so habe ich das nicht gemeint!“ stöhnte der Kerl.

„Sondern?“

„Es ist unsere Schuld!“

„Was denn?“

„Daß wir verloren haben!“

Olivaro ließ das Messer sinken und blickte zu den beiden anderen. „Habt ihr noch was zu stänkern?“

„Nein“, antworteten sie gleichzeitig.

„Wer nicht pariert, wird niedergestochen wie ein Schwein“, sagte Olivaro eiskalt. „Ich lasse mich von euch Hurensöhnen nicht beschimpfen, ist das klar?“

„Jawohl“, murmelten die drei.

„Los, jetzt, ab zum Lager!“ befahl Olivaro.

Er lief los, und die drei Piraten folgten ihm. Olivaro hatte wieder einmal bewiesen, daß er mit eiserner Hand zu regieren verstand. Auch wenn er eine gewaltige Niederlage hatte einstecken müssen, so war er doch noch immer der Anführer.

Die Kerle hatten gar keine andere Wahl. Sie mußten gehorchen. Meutern hatte keinen Sinn, abhauen auch nicht. Olivaro würde sie einen nach dem anderen töten. Und das Risiko wollten sie nicht eingehen. Sie wollten leben.

Olivaro wußte, daß er eine Menge Zeit verloren hatte. Aber noch konnte er es schaffen, den Schlupfwinkel vor den Feinden zu erreichen. Wie ein Besessener hastete er die Hügel hinauf und raste durch den Wald. Die Schatulle, dachte er immer wieder, ich muß sie wiederhaben!

Die Schebecke kreuzte gegen den Wind. Hasards Bestreben war es jetzt, so schnell wie möglich den Hafen der Piraten zu erreichen. Er wollte auch die letzten Piraten, die dort möglicherweise lauerten, vertreiben. Nach allem Dafürhalten schien es sich bei dem Dorf um eine Fischersiedlung zu halten.

Batuti hatte sich bestimmt nicht geirrt, als er von der Korkeiche Ausschau gehalten hatte. Folglich hatten die Piraten die Fischer entweder getötet, als sie das Dorf vereinnahmt hatten, oder aber sie hatten sie vertrieben. Es gab noch eine dritte Möglichkeit: Die Fischer und ihre Familien wurden von den Piraten gefangengehalten.

Über diesen Punkt wollte sich der Seewolf unbedingt Gewißheit verschaffen. Wenn es Menschen gab, denen er helfen konnte, dann sah er es als seine Pflicht an, dies zu tun.

Das Dorf und der Hafen gerieten in Sicht. Am Ufer waren die Boote zu erkennen. Sonst gab es keine anderen Wasserfahrzeuge – den Verband der Piraten hatten die Arwenacks ja vernichtet.

„Da sind Menschen!“ meldete Bill.

Er spähte scharf durch den Kieker. Die rollenden Schiffsbewegungen erleichterten es ihm nicht gerade, Einzelheiten zu erkennen.

„Piraten?“ rief der Seewolf.

„Nein, Sir! Das scheinen eher Fischer zu sein!“

„Und bei ihnen befindet sich ein Mann in Uniform!“ stieß Dan O’Flynn hervor, der ebenfalls mit dem Rohr zum Ufer blickte. „Und ein Mädchen!“

„Stimmt!“ pflichtete Bill ihm bei. „Der Uniform nach scheint der Mann ein Engländer zu sein! Ein englischer Kapitän!“

„Hölle und Teufel!“ brüllte Carberry. „Das kann nicht wahr sein!“

„Kurs auf die Bucht!“ befahl der Seewolf.

Kurz darauf ging die Schebecke in der Bucht vor Anker. Hasard, Ben, Carberry und Shane pullten zum Ufer und gingen an Land. Sie sahen, daß sich die Menschen zwischen den Hütten zögernd und mißtrauisch verhielten.

Hasard trat jedoch auf sie zu und rief auf spanisch: „Wir sind Freunde! Wir haben soeben die Piraten besiegt! Wir wollen euch helfen!“ Dasselbe wiederholte er auf englisch.

Burl Ives reagierte als erster. Er tat einen Schritt auf den Seewolf und dessen Kameraden zu und sagte: „Sind Sie Engländer?“

„Aye, Sir“, erwiderte Ben Brighton lächelnd. „Kapitän Philip Hasard Killigrew und seine Crew.“

„Das gibt es nicht!“ stieß Ives entgeistert hervor. Dann straffte er sich und sagte: „Mein Name ist Burl Ives, ich bin der Kapitän der ‚Samanta‘. Dies hier ist Miß Farah Acton, meine Passagierin.“ Er zog das Mädchen an der Hand zu sich heran.

Hasard, Ben, Shane und der Profos schüttelten den beiden die Hände. Inzwischen hatten sich die Fischer langsam genähert. Mit staunenden Mienen lauschten sie der Unterhaltung, von der sie kein Wort verstanden.

„Es ist ungewöhnlich, eine junge Dame an Bord eines Segelschiffes anzutreffen“, sagte der Seewolf und lächelte Farah zu.

Sie errötete.

Burl Ives erwiderte: „Harold Acton und seine Tochter Farah gingen in Bristol an Bord. Nach dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren wollte Mister Acton in ein südliches Klima umsiedeln, da er gesundheitliche Schwierigkeiten hatte. In Italien wollten die beiden seßhaft werden. Doch leider gerieten wir in den Sturm, der mein Schiff, die ‚Samanta‘, auf diese Küste warf. Dann wurden wir von den Piraten überfallen.“

„Sie haben alle getötet, auch Mister Acton?“ erkundigte sich der Seewolf.

Ives berichtete wieder, wie sich alles zugetragen hatte. Farah begann leise zu weinen. Der Kapitän legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

„Es tut mir sehr leid, daß Sie Ihren Vater verloren haben“, sagte Hasard zu dem Mädchen. „Doch seien Sie froh, daß Sie noch leben und Kapitän Ives Sie durch seinen mutigen Einsatz vor der Gewalt der Piraten beschützt hat.“

Farah blickte zu Hasard auf.

„Sie haben recht, Mister Killigrew“, entgegnete sie leise. „Ich bin dankbar dafür, und ich werde Kapitän Ives das, was er für mich getan hat, nie vergessen.“

Nun war es an Ives, verlegen zu werden. Er räusperte sich und wußte nicht mehr, wohin er schauen sollte. Zum Glück griff Ben Brighton ein. Er erzählte, wie das Gefecht gegen Olivaros Bande verlaufen war.

Hasard wandte sich an die Spanier. Zunächst nannte er seinen Namen und stellte seine Mannen vor. Dann erfuhr er von Domingo Calafuria, welche Begebenheiten sich im Dorf abgespielt hatten.

„Ich bedaure nur, daß wir nicht schon eher erschienen sind“, sagte der Seewolf daraufhin.

Domingo Calafuria lächelte. „Ohne Sie und Ihre Mannschaft, Señor, hätten wir niemals gegen diese Bande von Teufeln siegen können. Sie haben uns gerettet.“

„Sind denn wirklich alle tot?“ fragte Rodrigo.

„Es hat Überlebende gegeben“, erwiderte Hasard. „Ich vermute, daß die meisten ertrinken. Aber es ist damit zu rechnen, daß sich einige an Land retten.“

„Himmel“, sagte Hernán Zorba. „Wir müssen sie finden!“

„Gibt es hier im Dorf noch etwas zu holen?“ fragte Hasard.

„Was meinen Sie, Señor?“ Domingo setzte eine etwas ratlose Miene auf.

„Ich meine die Beute der Piraten.“

Ben Brighton übersetzte diese Frage auch Burl Ives und Farah Acton, und Ives antwortete: „Aber natürlich. Einmal abgesehen von den Fässern mit dem Whisky und dem Bier – irgendwo muß noch meine Schatulle liegen.“

„Was für eine Schatulle?“ erkundigte sich der Seewolf.

„Ich hatte sie Olivaro dafür ausgehändigt, daß er uns am Leben ließ und Farah verschonte“, erklärte der Kapitän. „Ich bin ziemlich sicher, daß Olivaro die Schatulle nicht mitgenommen hat, als er an Bord seines Schiffes gegangen ist. Wir haben in unserem Gefängnis gehört, wie er eine der Bohlen des Fußbodens löste. Vielleicht hat er die Schatulle dort versteckt.“

„Ich glaube, Olivaro gehört zu den Überlebenden“, sagte Shane.

„Ganz sicher sogar“, sagte Hasard. „Ich habe gesehen, wie er ins Wasser sprang. Wenn er es bis zum Ufer geschafft hat, dann wird er sich die Schatulle holen wollen. Außerdem weiß er ja nicht, daß seine Wächter tot sind. Noch ahnt er nicht, daß sich das Dorf wieder in der Hand seiner rechtmäßigen Besitzer befindet.“

„Wir müssen sofort etwas unternehmen!“ drängte Rodrigo.

„Ed“, sagte Hasard. „Die Männer verlassen sofort das Schiff und beziehen im Dorf Stellung. Nur Old O’Flynn und sechs Mann bleiben als Wache an Bord.“

„Aye, Sir.“ Carberry lief zum Ufer und gestikulierte zur Schebecke hinüber. Dann setzte er sich in das Boot und pullte zum Schiff.

Die Fischer rannten durch das Dorf und nahmen ihre Posten ein. Hasard, Shane und Ben ließen sich von Ives und dem Mädchen zu der Haupthütte führen. Hier brauchte Ives nicht mehr als ein paar Minuten, um die lose Bohle zu finden. Er förderte die Schatulle zutage und wies sie vor.

„Das Geld ist noch drin“, stellte er fest, nachdem er den Deckel geöffnet hatte. Spontan drückte er Hasard die Schatulle in die Hand. „Hier, jetzt gehört sie Ihnen, Sir.“

Hasard schüttelte den Kopf und reichte ihm die Schatulle zurück. „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich würde von Ihnen niemals ein Geschenk annehmen.“

„Aber was Sie für uns getan haben …“

„War meine Pflicht“, erwiderte Hasard ernst.

„Wir sind stolz darauf, ein ganzes Fischerdorf und zwei englische Bürger aus den Klauen einer Piratenbande befreit zu haben“, sagte Ben Brighton.

Plötzlich ertönte draußen ein Pfiff.

„Achtung“, sagte der Seewolf. „Es scheint sich etwas zu tun.“ Er griff zur Pistole.

9.

Olivaro und seine drei letzten Kumpane näherten sich von der Nordseite dem Fischerdorf. Von einem etwas erhöhten Punkt aus konnten die Kerle sehen, wie das Beiboot der Schebecke voll besetzt zum Ufer glitt. Im Dorf selbst regte sich nichts.

Olivaro schloß daraus folgendes: Die fremden Bastarde waren gerade erst eingetroffen und schickten sich nun an, an Land zu gehen und das Dorf zu besetzen. Corvo und die drei anderen Wächter lagen auf der Lauer. Im richtigen Moment würden sie das Feuer auf die Hunde eröffnen.

Es galt also, Corvo und die drei Posten sinnvoll zu unterstützen. Olivaro gab seinen Begleitern ein Handzeichen. Vorrücken – es mußte jetzt ihr Bestreben sein, zu Corvos Gruppe zu stoßen.

Er, Olivaro, würde das entbrennende Feuergefecht dazu nutzen, sich die Schatulle zu schnappen, die Geiseln aus dem Keller zu holen und abzuhauen.

Als die Piraten ins Dorf schlichen, vernahmen sie einen Pfiff. Kein Zweifel, das war Corvo, der seinen Kerlen soeben ein Zeichen gab.

Doch Olivaro sollte eine herbe Überraschung erleben.

Er pirschte mit seinen Kumpanen an der Rückwand einer Hütte entlang. Sie umrundeten die Ecke und bewegten sich weiter. Als sie auf die Gasse treten wollten, die zu dem Hauptquartier führte, öffnete sich links von ihnen eine Tür. Der Lauf einer Muskete schob sich durch den Spalt.

Eine Stimme sagte: „Ergebt euch! Ihr habt keine Chance!“ Die Stimme gehörte Hernán Zorba.

Auf den Dächern der Hütten richteten sich Gestalten auf. Sie waren mit Steinschleudern bewaffnet. Aus zwei Gassen traten Domingo und Rodrigo Calafuria sowie weitere fünf Fischer. Sie hatten Messer und Säbel. Und aus der Haupthütte traten fünf Gestalten. Sie marschierten geradewegs auf die Piraten zu – Hasard, Shane, Ben, Burl Ives und Farah Acton.

„Verrat!“ zischte Olivaro.

„Olivaro“, sagte der Seewolf auf Spanisch. „Das Spiel ist aus! Deine vier Wachtposten sind tot!“

„Und die Schatulle habe ich wiedergefunden“, sagte Ives.

„Was für eine Schatulle?“ schrie einer der Piraten.

„Münzen, was?“ heulte der Kerl hinter ihm.

„Du hast uns betrogen!“ brüllte der vierte Kerl.

„Wolltest dir die Beute unter den Nagel reißen!“ rief der erste Pirat hinter Olivaro. „Nur darum hast du die Engländer am Leben gelassen!“

Von der Bucht liefen Carberry und ein Trupp Arwenacks ins Dorf. Olivaro konnte verfolgen, wie sie mit gezückten Waffen alle strategisch wichtigen Punkte besetzten. Das Boot glitt zurück zur Schebecke. Bald trafen weitere Männer ein. Es war sinnlos, zu kämpfen. Und auch fliehen konnte Olivaro nicht mehr. Ja, das Spiel war aus.

Das begriffen auch die drei anderen Piraten. Sie stürzten sich auf ihren Anführer. Olivaro hieb mit dem Messer um sich wie ein Verrückter. Zwei Kerle sanken getroffen zu Boden. Ehe Hasard und seine Kameraden eingreifen konnten, prallte auch der dritte Pirat blutend gegen die Hausmauer. Stöhnend kippte er zur Seite.

Hernán Zorba trat ins Freie.

„Recht so“, sagte er. „Bringt euch gegenseitig um.“

Olivaro wirbelte zu ihm herum. Haß loderte in seinen Augen.

„Du fühlst dich stark, weil du eine Muskete hast, wie?“ schrie er.

Hernán Zorba stellte die Muskete weg und zückte sein Messer.

„Dann zeig mir mal, was in dir steckt, du Ratte“, sagte er.

Olivaro wollte sich auf den Mann werfen, doch der Seewolf trat dazwischen. Seine rechte Hand landete bretthart auf Olivaros Unterarm. Der Kerl brüllte auf. Das Messer fiel zu Boden. Olivaro wich langsam zurück.

„Feiglinge!“ heulte er.

„Also los“, sagte Domingo Calafuria. „Auf was warten wir? Knüpfen wir ihn auf.“

Hasard schüttelte den Kopf. „Ben, gib mir deinen Degen.“

„Sir“, sagte Burl Ives. „Das Anrecht auf ein Duell mit diesem Hundesohn steht mir zu.“

„Dieses Mal muß ich Ihnen widersprechen, Mister Ives“, entgegnete der Seewolf gelassen.

Er ließ Olivaro nicht aus den Augen. Ihre Blicke begegneten sich. Noch war die wilde Macht, die in diesem Glatzkopf steckte, nicht gebrochen, das spürte Hasard deutlich.

Domingo Calafuria trat vor. „Dieser Kerl gehört uns, Señor Killigrew!“

„Nein. Ich gewähre ihm das Recht, sich zu schlagen.“

„Señor Killigrew“, sagte Rodrigo Calafuria. „Sie wissen nicht, was dieser Satan uns angetan hat! Unseren Frauen!“

„Ich kann es mir denken.“

„Ihr stinkenden Ratten“, sagte Olivaro. „Ich hätte euch alle der Reihe nach abgemurkst.“

„Daran haben wir nicht den geringsten Zweifel“, sagte Ben.

Er war neben seinen Kapitän getreten und händigte ihm seinen Degen aus.

Hasard warf Olivaro den Degen vor die Füße. Er steckte die Pistole weg und zückte den eigenen Degen.

Olivaro grinste hämisch. „Was gewinne ich denn, wenn ich siege?“ fragte er. „Nichts. Die anderen Drecksäcke hier werden mich aufhängen.“

„Wenn du siegst, hast du freies Geleit“, entgegnete der Seewolf. „Ben Brighton, mein Erster Offizier, bürgt dafür, falls ich sterbe.“

Olivaro lachte. „Das soll ich glauben?“

„Du hast mein Wort“, sagte der Seewolf.

„Dein Wort ist mir einen Dreck wert!“ brüllte Olivaro.

„Señor“, sagte Hernán Zorba. „Merken Sie nicht, daß er die Ehre nicht wert ist, die Sie ihm geben?“

Hasard ließ die Degenklinge durch die Luft pfeifen. Plötzlich hatte Olivaro eine blutige Schramme auf der rechten Wange.

„Bist du ein jämmerlicher Feigling, Olivaro?“ fragte Hasard.

Mit einem wilden Fluch bückte sich der Piratenführer und hob den Degen vom Boden auf. Dann kreuzte er mit dem Seewolf die Klinge. Er erwies sich als guter Fechter. Gleich bei seinem ersten Ausfall trieb er den Seewolf ein Stück zurück.

Hasard zog sich auf die Gasse zurück. Die Männer wichen auseinander. Olivaro stürzte sich mit wildem Lachen auf seinen Gegner und bearbeitete ihn mit der Klinge. Fast sah es so aus, als würde die Klinge Hasards Gesicht treffen.

Aber wie durch Zauberei fegte der Seewolf den Degen des Gegners zur Seite weg. Olivaro wurde nach rechts gerissen. Die Wucht des Paradehiebes ließ seine Schulter schmerzen. Er konterte sofort, aber auch jetzt gelang es ihm nicht, einen Treffer anzubringen. Zu gut war die Deckung des Seewolfes, zu flink seine Reaktionen.

Hasard ging zum Gegenangriff über. Mit einer Finte lockte er Olivaro aus der Reserve. Blitzschnell stieß Hasard zu, und der Pirat hatte noch eine Schramme – auf der linken Schulter. Olivaro stolperte rückwärts. Er war verwirrt. Seine Fassung war ins Wanken geraten.

Hasard folgte ihm und deckte ihn mit einer Serie von wirbelnden Hieben ein. Olivaro sicherte sich ab. Klirrend schlugen die Klingen gegeneinander. Halten konnte der Pirat sich aber nicht, er wich wieder zurück – bis an die Tür des Hauptquartiers. Er stieß die Tür mit dem Rücken auf.

Hasard trieb Olivaro ins Innere. Fluchend blockte der Pirat die immer schneller auf ihn einprasselnden Schläge ab. Dann sprang er hinter den Tisch, packte einen Stuhl und schleuderte diesen auf Hasard zu.

Hasard duckte sich. Der Stuhl prallte krachend gegen die Wand.

„Du gemeiner Bastard, Olivaro!“ schrie draußen Domingo Calafuria. „Schlag dich wie ein Mann!“

Olivaro trat gegen den Tisch, der polternd umstürzte. Olivaro glaubte, Hasard abgelenkt zu haben und wollte blitzartig zustechen. Doch wieder war der Gegner auf der Hut. Hasard wich aus – Olivaro stolperte ins Leere. Als er an Hasard vorbeiraste, verspürte er einen siedendheißen Schmerz in der Seite.

Olivaro knallte mit der Schulter gegen die Wand. Er stöhnte, lehnte sich gegen die Wand und drehte sich zu Hasard um.

„Du Schwein hast mich schon wieder getroffen“, sagte er keuchend.

„Das ist der Sinn dieses Duells“, erwiderte Hasard. Langsam trat er auf seinen Feind zu.

„Mich erledigst du nicht“, flüsterte Olivaro.

„Jeder Mann findet einmal seinen Meister.“

„Eingebildet bist du wohl gar nicht?“ höhnte Olivaro. Dann sprang er unversehens auf Hasard zu. Er duckte sich tief und versuchte, dem Seewolf den Degen in den Unterleib zu rammen.

Aber wieder reagierte Hasard schnell genug. Mit voller Wucht schlug er zu und drückte die gegnerische Klinge dadurch zur Seite weg. Olivaro heulte auf. Er stolperte zu dem umgekippten Tisch und fiel um ein Haar darüber.

Mit einer lästerlichen Verwünschung fuhr der Pirat zu Hasard herum.

„Stirb!“ schrie er.

Wie von Sinnen rannte er auf den Seewolf zu und hieb wild mit dem Degen um sich. Aber er brachte keinen Treffer an.

Der Seewolf war verschwunden, er schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Olivaro sah Schleier vor seinen Augen. Alles drehte sich um ihn – und dann bohrte sich der Stahl brennend mitten in seine Brust.

Olivaro torkelte quer durch den Raum. Weg, dachte er, nur weg hier. Er ließ den Degen fallen und wankte zur Tür. Hasard war hinter ihm, aber Olivaro registrierte es nicht mehr.

Die Männer murmelten, als Olivaro ins Freie stolperte. Domingo Calafuria wollte etwas unternehmen, doch sein Sohn hielt ihn zurück. Olivaro torkelte wie ein Betrunkener zum Ausgang des Dorfes. Fast hatte es den Anschein, als würde er es noch schaffen, im Wald unterzutauchen.

Dann aber knickten die Knie des Piraten ein, und Olivaro brach zusammen. Er krümmte sich und dachte: wenn ich doch bloß die verdammte Schatulle hätte.

Hasard war Olivaro gefolgt. Als dieser sich auf den Rücken drehte, blickte er ihm in die Augen.

„Nun ist es endgültig aus, Olivaro“, sagte der Seewolf.

„Fahr doch – zur Hölle …“

„Den Gefallen kann ich dir nicht tun.“

„Fahrt alle – zur …“

Olivaros Blick wurde starr, sein Körper versteifte sich. Als die Männer der Schebecke, die Fischer und Ives mit dem Mädchen bei Hasard eintrafen, sagte Hasard: „Er ist tot.“

„Seine Seele wird in der Hölle schmoren“, sagte Domingo Calafuria.

„Schafft ihn weg“, sagte Hernán Zorba.

Die Fischer hoben den Toten auf und trugen ihn fort. Hasard drehte sich zu Domingo, Rodrigo und den anderen um.

„Ich glaube, ihr könnt jetzt eure Familien ins Dorf holen“, sagte er.

Am Abend wurde im Dorf gefeiert. Die Fischer ließen ihre Retter hochleben. Burl Ives spendierte Bier und Whisky. Dies sei der schönste Tag seines Lebens, sagte er, und die Arwenacks nahmen es ihm ohne weiteres ab. Besonders, als sie später bemerkten, wie Farah den Kapitän küßte. Sie hatte sich unsterblich in ihn verliebt.

Am nächsten Tag hatte sich das Wetter beruhigt. Die Arwenacks setzten die Schebecke instand. Ferris Tucker und sechs Helfer schlugen Bäume und verarbeiteten sie zu Planken und Spieren. An Bord des Dreimasters wurde fleißig gehämmert und gezimmert. Bei dem Gefecht gegen die Piraten hatten sich die Lecks wieder vergrößert. Aber im Verlauf des Tages gelang es den Mannen, das Schiff wieder voll und ganz in Schuß zu bringen.

Hasard und Ben halfen Burl Ives und Farah Acton, den toten Harold Acton aus dem Wrack der „Samanta“ zu bergen. Danach beerdigten sie ihn unweit des Ufers und stellten ein hölzernes Kreuz für ihn auf. Farah begann wieder zu weinen.

Später aber tröstete Ives sie mit den Worten: „Dein Vater wäre stolz, wenn er wüßte, daß für dich alles gut ausgegangen ist.“

„Ja“, sagte sie. „Und dort, wo er jetzt ist, gibt es keine Schmerzen und Qualen mehr.“

Sie kehrten zum Dorf zurück.

„Was werdet ihr jetzt unternehmen?“ fragte Hasard die beiden.

„Wir werden heiraten“, entgegnete der Kapitän.

„Hier?“

„Wenn es die Möglichkeit gibt, einen Pfarrer zu holen, warum nicht?“ sagte Burl Ives.

Dieser Punkt war schnell geklärt. Domingo Calafuria sagte, man brauche nur zu dem zwanzig Meilen weiter westlich gelegenen Fischerort zu segeln. Dort gebe es einen Pfarrer.

„Wir können euch mitnehmen“, schlug der Seewolf vor.

„Wohin?“ fragte Ives.

„Bis zum spanischen Festland“, erwiderte Hasard.

Ives schüttelte den Kopf. „Das hat wenig Sinn. Spanien und England liegen nach wie vor in Feindschaft miteinander, und man würde uns dort vielleicht sogar als Spione festnehmen. Nein, das halte ich für keine gute Lösung. Trotzdem, vielen Dank.“

„Ja“, sagte Farah. „Auch ich danke Ihnen von Herzen, Mister Killigrew. Ihnen und Ihren Männern.“

„Wie gesagt, wir haben nur unsere Pflicht getan.“

„Mehr als das“, sagte Ives.

Ben räusperte sich.

„Wir könnten Ihnen vorschlagen, mit uns zurück nach England zu segeln“, sagte er. „Aber wir sind selbst noch nicht sicher, was wir tun werden. Vielleicht überqueren wir auch den Atlantik und suchen die Karibik auf.“

„Darüber müssen wir noch mit der Crew abstimmen“, fügte der Seewolf hinzu.

„Ich möchte auch nicht zurück nach England“, sagte Farah.

„Lieber nach Italien?“ fragte Burl Ives.

„Ja.“

„Dann weiß ich, was wir tun“, sagte der Kapitän. „Wir bleiben noch eine Weile hier im Dorf. Hier sind wir unter Freunden. Irgendwann kommt ein Schiff, das uns nach Italien mitnimmt. Wir haben ja Zeit genug.“

„Wir wünschen euch für die Zukunft alles Gute“, sagte der Seewolf.

Später setzte er zur Schebecke über und inspizierte das Schiff. Die Arbeiten waren abgeschlossen. Ferris Tucker meldete, daß der Dreimaster wieder voll seetüchtig und manövrierfähig sei. Der Weiterreise stand nichts mehr im Wege.

Am Nachmittag verabschiedeten sich die Mannen von den Fischern und den beiden Engländern.

„Wir werden euch nie vergessen“, sagte Domingo Calafuria, der vor der versammelten Menge eine Rede hielt. „Euer Andenken wird immer in unseren Herzen sein.“

Don Juan de Alcazar sprach auch noch einige Sätze in seiner Muttersprache, die sehr patriotisch und eindrucksvoll klangen. Asuncion Calafuria, ihre Tochter und die anderen Frauen vergossen ziemlich viele Tränen.

Dann war es soweit. Die Arwenacks schüttelten ihren neugewonnenen Freunden die Hände, gingen an Bord, lichteten den. Anker und setzten die Segel. Bei strahlendem Sonnenschein glitt die Schebecke aus der Bucht. Am Ufer standen die Spanier, Burl Ives und das Mädchen. Sie winkten Hasard und seinen Männern nach, bis sie die Schebecke an der Kimm nicht mehr erkennen konnten.

Die Arwenacks segelten nach Westen. Kurs auf Gibraltar lag an. Sie wollten jetzt so schnell wie möglich in den Atlantik – wenn es nicht weitere Zwischenfälle gab, die sie erneut aufhielten.

Der Seewolf hoffte inständig, daß die Weiterfahrt ruhig verlaufen würde. Aber eine Garantie gab es nicht. Die See und die Menschen, die sie befuhren, waren unberechenbar …

ENDE


1.

„Ein Schiff ohne Anker ist wie ein Teufel ohne Hörner“, sagte der Profos Edwin Carberry an diesem Morgen im Februar 1598, als die südliche Küste von Mallorca achteraus im morgendlichen Dunst versank.

Die Schebecke segelte, mit Steuerbordhalsen auf Backbordbug liegend, bei halbem Wind auf südwestlichem Kurs.

Der Seewolf lachte über diesen Vergleich.

„In etwa hast du recht, Ed. Ohne Anker sind wir schlecht dran, und der Ersatzanker ist nur eine Notlösung. Also müssen wir uns zwei neue Anker besorgen.“

Der Profos sah seinen Kapitän an und grinste unmerklich. Ansonsten war der „Sir“ immer glattrasiert, aber seit knapp vier Tagen traf das nicht mehr zu. Er hatte Stoppeln im Gesicht, kräftige schwarze Bartstoppeln, die zu beiden Seiten des Kinns mit feinen Silberfäden durchwirkt waren. Diese Silberfäden und die leicht angegrauten Schläfen ließen ihn noch kühner und verwegener erscheinen. Sie rundeten sein Bild sozusagen vollendet ab.

„Ist was?“ fragte Hasard, dem das Grinsen nicht entgangen war, auch wenn der Profos es zu verbergen suchte. „Du grinst über meinen Bartwuchs, oder täusche ich mich?“

„Ich doch nicht, Sir“, sagte der Profos, und er hatte wieder seinen unschuldigen Blick drauf. „Na ja“, gab er gleich darauf zu, „es ist einfach ungewohnt. Aber der Bart steht dir verdammt gut, Sir. Ich überlege gerade, ob ich mir nicht ebenfalls einen Bart wachsen lassen soll. Aber bei mir wird das nur wieder ein wildes Gestrüpp, und dann kennt mich keiner mehr, und jeder glaubt, ich wollte mich hinter dem Gebüsch verstecken. Willst du in England der königlichen Lissy mit Bart unter die erlauchten Augen treten?“

„Nicht unbedingt, es ist für mich auch eher so eine Art Versteckspiel. Wir haben an Steuerbord die spanische Küste und müssen wohl oder übel an ihr entlangsegeln, bis wir Gibraltar hinter uns haben und den Atlantik erreichen.“

„Ah, jetzt begreife ich“, sagte der Profos nachdenklich. „Fast jeder Don kennt dich hier und ist wild auf die Kopfprämie, die Seine Allerkatholischste Majestät ausgesetzt hat. Man soll dich nicht gleich erkennen, falls wir auf die ehrenwerten Señores stoßen.“

„Sehr richtig“, gab Hasard zu. „Man muß ihnen ja nicht auf die Nasen binden, daß El Lobo del Mar in ihren Gewässern kreuzt. Sie würden uns mit allen verfügbaren Schiffen jagen, wenn sie das wüßten. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß wir mit einer ihrer Kriegsgaleonen zusammentreffen, oder daß sie Kontrollen vornehmen. Wenn sie mich erkennen, dann sind wir alle geliefert.“

„Man würde uns an den nächsten Galgen hängen, aber alle“, meinte der Profos stirnrunzelnd.

„Das ginge wenigstens noch schnell“, sagte Don Juan de Alcazar und lächelte dünn. „Viel wahrscheinlicher bringt man uns mit der Garotte um, jener kühlen Würgeschraube, mit der die Todesstrafe langsam durch Erdrosseln vollstreckt wird. Es soll ein sehr unangenehmer Tod sein.“

„Jedenfalls befinden wir uns in des Teufels Gewässern“, ließ sich Dan O’Flynn vernehmen. „Wir haben eine kritische Strecke vor uns, die wir am besten in einem Rutsch unter vollem Preß durchsegeln. Wir können unsere Schnelligkeit gegen die Dons ausspielen.“

„Falls es nicht gleich etliche Kriegsschiffe sind“, bemerkte Hasard trocken. „Dann nutzt uns das auch nicht mehr viel.“

„Wenn wir in einem Rutsch durchsegeln, brauchen wir auch keinen Anker“, tönte Carberry, „den besorgen wir uns dann woanders.“

„Vielleicht in Marokko an der Barbareskenküste, was?“ fragte Hasard lachend. „Da können wir uns mit der Schebecke noch weniger blicken lassen. Für die Kerle wären wir ein gefundenes Fressen. Die würden uns mit tausend Freuden die Haut abziehen.“

„In Streifen, von unseren Affenärschen“, mußte der Profos natürlich noch hinzufügen, weil er seinen Lieblingsspruch schon lange nicht mehr gebraucht hatte.

„Ja, so ähnlich ganz bestimmt.“

Der Seewolf schien heute glänzender Laune zu sein. Immer wieder erschien ein undeutbares Lächeln auf seinem Gesicht, das sich die anderen nicht erklären konnten. Auch tanzten winzige Punkte in seinen Pupillen. Er schien sich insgeheim über etwas zu amüsieren.

Carberry hätte das zu gern herausgefunden. In einem solchen Fall begann ihn die Neugier ganz erheblich zu plagen. Aber fragen wollte er dennoch nicht.

„Trotzdem brauchen wir zwei neue Anker“, sagte Hasard nach einer Weile.

Er blickte Don Juan de Alcazar an, und dann grinsten alle beide – Hasard und der hochgewachsene sehnige Spanier.

Carberry räusperte sich, und weil er das Grinsen der beiden immer noch nicht zu deuten wußte, schlug er etwas boshaft vor, doch einfach einen spanischen Hafen, anzulaufen und dort bei einem Schiffsausrüster zwei Anker zu kaufen. Notfalls könnten sie ja auch ein anderes Schiff aufbringen und zwei Anker „beschlagnahmen“.

„Dann hat das andere Schiff aber keine Anker mehr und befindet sich ebenfalls in einer üblen Lage“, sagte Hasard. „Da halte ich deine erste Idee schon für wesentlich besser, einen spanischen Hafen anzulaufen, um dort das Erforderliche zu besorgen.“

Der Profos lachte pflichtschuldigst, als sei das ein guter Witz. Aber das Lachen blieb ihm dann doch gleich im Hals stecken, als Hasard wieder das Wort ergriff.

„Mit dem Gedanken spiele ich schon seit gestern abend, als ich mir überlegte, woher wir die Anker kriegen. Gleichzeitig wäre das eine Gelegenheit, einmal zu prüfen, ob mich ein Don erkennt.“

„Es gibt genaue Beschreibungen von dir, Sir“, wandte der Profos entsetzt ein. „Der Vorschlag war nur als Spaß gedacht. Wir können doch nicht im Süden von Spanien einen Hafen anlaufen.“

„Die Beschreibung von mir ist schon ein paar Jahre alt“, erwiderte Hasard. „In der Höhle des Löwen ist man immer am sichersten aufgehoben. Ich glaube nicht, daß mich jemand erkennt. Wir müssen ja nicht unbedingt Cartagena oder Malaga anlaufen, wo die Kriegsschiffe liegen. Ein anderer kleiner Hafen tut es auch.“

Carberry betrachtete seinen Kapitän eingehend. Dann kratzte er sich mit der Hand über das Kinn.

„Die Señoritas werden dir nachlaufen, Sir. Du siehst mit den Silberstreifen unheimlich interessant aus.“

„Das ist meine geringste Sorge“, sagte Hasard lachend. „Hauptsache, die Schergen laufen mir nicht nach. Ich bin aber sicher, daß man mich mit dem Bart nicht erkennt. Es würde mir jedoch eine diebische Freude bereiten, das zu tun.“

Jetzt grinsten auch die anderen Kerle bis zu den Ohren.

Carberry stellte sich das ebenfalls vor, und dann sah er die Sache auch schon ganz anders.

„Direkt in die Höhle des Löwen, was, wie? Das wäre natürlich der absolute Hammer. Mit spanischen Uniformen?“

„Das nicht gerade, aber mit spanischer Kluft. Dazu gehören ja auch Kürbishosen. Haben wir doch alles an Bord. Wir können den Dons ein prächtiges Theater vorspielen.“

Don Juan begann schallend zu lachen. Einstmals hatte ihn die Casa de Contratación ausgeschickt – im Range eines Generalkapitäns und Sonderbeauftragten der spanischen Krone – den Seewolf zu fangen, um ihn der spanischen Gerichtsbarkeit zu überstellen. Jetzt waren El Lobo del Mar und Don Juan de Alcazar die besten Freunde.

„Cartagena und Malaga können wir ausklammern“, sagte er, „ebenso Alicante, das ehemals römische Lucentum. Dort treiben sich zu viele Kriegsgaleonen und Bewaffnete herum. Aber wir könnten Denia anlaufen, eine kleine Hafenstadt im Norden der Weißen Küste. Sie war einmal die Hauptstadt eines kleinen maurischen Königreiches. Dort wird ganz bestimmt niemand Spaniens Erzfeind Nummer eins vermuten.“

Der einzige, der ernsthafte Bedenken anmeldete, war der Kutscher. Er schüttelte besorgt den Kopf.

„Soll man das Glück wirklich herausfordern? Sich in die Höhle des Löwen zu begeben, heißt nicht unbedingt, dort auch sicher aufgehoben zu sein. Der Löwe könnte aus einem Schlummer erwachen und einen guten Bissen wittern.“

„Keine Sorge“, sagte Hasard. „Juan hat mir versichert, daß die Leute in dem Ort noch fast hinter dem Mond leben. Die wissen vermutlich nicht einmal, wer ich bin, wenn man es ihnen erklärt. Außerdem brauchen wir die Anker ganz dringend.“

„Und wenn zufällig doch eine Kriegsgaleone der Dons in jenem Hafen liegt, Sir?“

„Dann drehen wir ab und segeln sofort weiter. Bis die aus dem Hafen heraus sind, sind wir längst über alle Meere.“

Das beschwichtigte den Kutscher ein wenig, obwohl er das ganze Unternehmen doch für etwas leichtsinnig hielt.

Die anderen Arwenacks waren jedenfalls von diesem Gedanken geradezu begeistert.

„Wie weit ist es bis dahin?“ fragte Hasard.

„Wir brauchen nur auf Westkurs zu gehen und nördlich an Ibiza vorbeisegeln“, sagte Don Juan. „Dann stoßen wir schon fast darauf. Ich denke, es sind bestenfalls hundert Meilen, mehr nicht.“

„Kein Problem für uns. Wer hat nun noch wirkliche Bedenken gegen das Vorhaben?“

Der Kutscher wollte sich noch einmal melden, doch dann unterließ er es, weil sich die anderen offenbar einen ausgefallenen und tollen Spaß darunter vorstellten. Da wollte er kein Spielverderber sein, denn die Anker brauchten sie ja wirklich.

Als sich Hasard zu Old O’Flynn umdrehte, ob der vielleicht wieder mit dem erhobenen Zeigefinger wedelte, mußte er feststellen, daß der alte Haudegen über das ganze granitharte Gesicht grinste.

„Kriege ich dann eine spanische Halskrause?“ wollte er wissen.

„Selbstverständlich kriegst du die.“

„Damit sieht er bestimmt wie ein alter Geier aus“, flüsterte der Profos Mac Pellew zu. „Ich könnte mich jetzt schon kranklachen. Das ist doch mal ein Spaß, was, Mackileinchen?“

„Mackileinchen“ Pellew fand das auch sehr lustig. Daher setzte er sein fröhlichstes Gesicht auf – eine Trauermiene, als wolle er gleich losheulen.

„Gut, dann ändern wir den Kurs und laufen nördlich an Ibiza vorbei, wie Don Juan das vorgeschlagen hat“, sagte der Seewolf zu Batuti, der am Ruder stand. „Kurs West also.“

„Auf der ‚Isabella‘ hättet ihr jetzt kräftig brassen müssen, ihr faulen Säcke!“ tönte der Profos. „Aber hier zieht man bloß ein bißchen an den Schnupftüchern, und schon geht’s rund.“

Er motzte weiter, weil die Kerle alle grinsten.

Kurs West wurde angelegt.

Die Klamotten- oder Plünnenkiste auf der Schebecke gab eine ganze Menge her. Es war mehr eine kleine Kammer für sich, die mit Stoffen und Kleidung aller Art angefüllt war.

Auf ihren zahlreichen Raids hatten die Seewölfe auch spanische Kupferhelme, Uniformen, Brustpanzer und Waffen erbeutet. Das alles hegte und pflegte der alte Segelmacher Will Thorne, der Mann, der immer zurückgezogen und bescheiden im Hintergrund lebte und ohne dessen stilles Wirken die Mannschaft einfach nicht auskam.

Will Thorne nähte die Segel, faßte sie ins Liek, verstärkte sie mit Leder, nähte Hemden und Hosen für die Crew und fertigte Flaggen an wie jene mit den gekreuzten Degen auf schwarzem Tuch – die Flagge der Freiheit und des Bundes der Korsaren.

Der grauhaarige Segelmacher war wohl der unermüdlichste Mann an Bord, denn für ihn gab es immer etwas zu tun, und so war er der gute Geist der Mannschaft.

Heute staffierte er sozusagen als Requisiteur die Arwenacks aus und hörte sich vor der Kammer geduldig ihre Wünsche an.

„Ich möchte mal so richtig als spanischer Grande auftreten“, sagte Old O’Flynn, „aber mein verdammtes Holzbein paßt einfach nicht dazu.“

„Willst du etwa in Denia auf den Straßen als spanischer Grande herumstolzieren?“ fragte Ben Brighton.

„Absolut nicht“, wehrte Old Donegal ab. „Ich will nur so auf dem Achterdeck herumstehen, als spanischer Adliger, den Blick heroisch auf das Volk gerichtet, oder etwas hochmütig und naserümpfend, wie die Stiesel das immer tun.“

„Und du meinst, das wirkt nicht mit einem Holzbein?“

„Das sieht nicht echt genug aus.“

Ferris Tucker erschien grinsend neben ihnen. Er war kaum noch wiederzuerkennen. Seine roten Haare waren einer schwarzen Pracht gewichen. Mac Pellew hatte sie ihm und vielen anderen gefärbt.

„Keine Sorge“, sagte er, „ich werde dein Holzbein umpolstern. Du kriegst ein paar prächtige Kürbishosen, lange weiße Strümpfe und vornehme Schnallenschuhe. Und unter den Stumpf des Holzbeines nageln wir einen Schnallenschuh drunter. Das fällt gar nicht auf.“

„Aber eine große weiße Halskrause brauche ich auch. Das gehört zu einem vornehmen Adligen.“

Will Thorne suchte ihm eine prachtvolle Halskrause heraus. Sie war so groß wie ein Mühlstein.

„Die ist genau richtig“, meinte der alte Haudegen zufrieden.

Eine knappe halbe Stunde später stand er voll ausstaffiert an Deck, und da kriegten sich die Kerle nicht mehr ein. Old Donegal wirkte keinesfalls lächerlich, er wirkte absolut echt, nur etwas ungewohnt für die Kerle, die ihn in dieser Rolle noch nicht gesehen hatten.

Sein Holzbein war nicht mehr zu sehen. Es befand sich jetzt in einem vornehmen Schnallenschuh. Ferris Tucker hatte durch die Sohle einen Nagel getrieben, und der steckte jetzt im Holzbein. Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode.

Old O’Flynn trug die typischen Kürbishosen, aus denen weiße Beinkleider hervorlugten. Sein Oberkörper war mit einem dunklen, reich bestickten Gewand bekleidet, an dessen oberen Teil sich die weiße Halskrause scharf vom dunklen Untergrund abhob. Natürlich fehlte auch nicht der Zierdegen an der Seite.

Will Thorne hatte ihm noch ein paar sehr protzige Ringe auf die Finger gesteckt und ihm eine goldene Halskette umgehängt. Er sah sehr würdevoll und gemessen aus und verstand es auch meisterhaft, diese Würde in seinem verwitterten Granitgesicht unterzubringen.

Als er dann noch ein kantiges Gesicht zog, die Mundwinkel herabbog und den Blick fast verächtlich über die Arwenacks streifen ließ, konnte sich selbst Don Juan das Lachen nicht mehr verkneifen.

„Ausgezeichnet!“ rief er. „Genau wie einer der überheblichen Kerle bei Hofe. In deinem Vornamen Donegal steckt ja schon der Don drin. Dann bist du jetzt eben Don Egalo Alvarez de Segovia.“

„Hört sich verdammt gut an“, sagte Donegal unter dem tosenden Gelächter der Arwenacks.

„Er sieht auch mit der Halskrause gar nicht wie ein Geier aus“, meinte der Profos. „Jetzt gleicht er mehr einem würdigen Kondor. Aber ich glaube, die gehören auch zur Familie der Geier.“

„Warte nur, wie du nachher aussiehst“, brummte Old O’Flynn. „Dein Achtersteven paßt doch in keine Kürbishose. Da wird Will wahrscheinlich zwei Hosen zusammennähen müssen.“

Nach und nach wurde jeder eingekleidet, und da nahm das Gelächter wieder einen schaurigen Anfang.

Da der Profos schlecht als Adliger durchging, mußte er als Mann vom Schiffsvolk fungieren. Den Adligen hatte Hasard abgelehnt, grinsend natürlich, denn mit dem Amboßkinn, den vielen Narben und seiner gewaltigen Statur, wäre er bestenfalls als adliger Henker durchgegangen. Sein Benehmen war leider auch nicht so geziert oder vornehm, außerdem hätte kein spanischer Grande mit „Affenärschen“, „Rübenschweinen“ oder „was, wie?“ herumgeworfen.

So trug der Profos denn über seiner Tonne von Brustkasten ein gewaltiges Wams, noch gewaltigere Kürbishosen und ein paar Kähne von Stiefeln, mit denen er bequem Waldbrände hätte austreten können.

Und weil er jetzt so grinste, hatte ihn Mac Pellew schlicht und ergreifend als „freundliches Rübenschwein“ bezeichnet.

Dabei sah Mac auch nicht viel besser aus. Seine Kürbishose hätte dem Profos bestenfalls als Handschuh gepaßt, und in den weißseidenen Strümpfen steckten ein paar recht dürre Beine.

„Darf ein freundliches Rübenschwein mal bescheiden anfragen, ob du mit einem Storch gewürfelt hast, Mackileinchen?“ fragte der Profos.

„Ich – mit einem Storch?“ fragte Mac mißmutig. „Was soll die blöde Frage?“

„Ich dächte nur, du hättest seine Beine gewonnen“, erwiderte der Profos genüßlich. „Du siehst mit deinen Kackstelzen tatsächlich wie ein krummer Storch aus. Oder wie ein eingeschnappter Marabu.“

„Pah!“ sagte Mac verächtlich. „Seit wann kann mich denn ein andalusischer Kürbisbauer beleidigen? Wenn mich jetzt eine feurige Señorita sehen könnte, dann würde sie …“

„… mit einem Schrei auf den Lippen entfleuchen“, vollendete der Profos trocken.

Es dauerte gar nicht lange, dann stolzierten etliche Arwenacks wie aufgeplusterte Gockel an Deck herum. Aber sie gefielen sich in der Rolle ausnehmend gut und lachten über sich selbst.

Am besten allerdings gefiel sich Old Donegal – Don Egalo Alvarez de Segovia. Geziert wie ein Pfau wirkte er unnahbar und sehr hochmütig, wenn er naserümpfend über das „gemeine Schiffsvolk“ hinwegsah. Der weiße Mühlstein um den Hals behinderte ihn zwar ein wenig, wenn er sich umdrehte, aber das focht den Alten nicht an. Er wirkte über alles erhaben.

„Kein Don würde merken, daß hier etwas nicht stimmt“, sagte Don Juan im Brustton der Überzeugung. „Außerdem sprechen die meisten ein ausgezeichnetes Spanisch, und falls da irgendwelche Schwierigkeiten auftreten sollten, dann können wir uns immer noch damit herausreden, daß einige von uns aus Asturien stammen. Die Sprache versteht hier im Süden ohnehin keiner. Die meisten wissen nicht einmal, wo Asturien überhaupt liegt.“

„Einen Bordgeistlichen brauchen wir noch“, meinte der Profos. „Der gehört auf spanischen Schiffen dazu. Ich hätte ja gern die Rolle übernommen, aber …“

„Ja, ja, geschenkt“, sagte der Kutscher. „Bei deinen Sprüchen würden die Dons geschlossen ausrücken. Das können wir uns nicht leisten, so aufzufallen.“

„Dann übernimmst du den Salbaderer“, schlug der Profos vor, „du sabbelst sowieso lateinisch von morgens bis abends und hast immer das kluge Maul vorn. Dir würde das stehen.“

Der Kutscher wehrte ab, ein salbadernder Geistlicher lag ihm nicht.

Big Old Shane war auch nicht dafür zu haben, als der Profos ihn vorschlug.

„Auch nichts für mich“, sagte er lachend. „Oder hast du schon mal einen Prediger mit solchen Pranken gesehen?“ Dabei hielt er dem Profos seine gewaltigen Fäuste unter die Nase.

Der Profos mußte verneinen, als er die schwieligen und verarbeiteten Hände sah.

Er blickte sich hoffnungsvoll nach weiteren Würdenträgern um, und schließlich blieb sein Blick auf dem etwas beleibten Paddy Rogers hängen, der freundlich und knubbelnasig in die Gegend grinste.

„Du bist genau der Richtige“, entschied Carberry. „Du brauchst nur hin und wieder einen Bibelspruch abzulassen, und schon ist alles geritzt. Du kennst doch genügend Bibelsprüche?“

„Ich soll Geistlicher werden?“ fragte Paddy verlegen. „Aber ich habe doch gar nicht studiert.“

„Himmel noch mal! Du sollst doch nur so tun als ob. Vielleicht ist es gar nicht nötig, daß du die Futterluke öffnest, aber wir wollen das alles perfekt spielen. Sieh mal, Paddy: Wir gehen in Denia an Land und kaufen zwei Anker, aber die Dons sollen nicht merken, daß wir Engländer sind.“

„Aber ich bin doch Engländer.“

„Heiliger Antonius“, murmelte der, „natürlich bist du Engländer, aber du hast inzwischen gut Spanisch gelernt. Ist das so schwer zu kapieren?“

„Dann soll ich spanischer Bordgeistlicher werden?“

„Ja, genau. Ein spanischsprechender Geistlicher, eine Padre. Du hast nur herumzustehen, weiter nichts.“

„Aber du sagtest doch, ich soll Bibelsprüche ablassen.“

„Ja“, erwiderte der Profos mit weinerlicher Stimme, „aber nur, wenn es nötig ist.“

„Ist es denn nötig?“

Der Profos raufte sich schier die Haare über diesen begriffsstutzigen Kerl, der ihn verunsichert ansah. Paddy war nun mal im Denken keiner von der schnellen Truppe.

„Das weiß ich noch nicht, Bruder Pastorius.“

Paddy Rogers sah sich verdattert um. Aber hinter ihm stand kein Bruder Pastorius.

„Hast du eben mich gemeint, Mister Profos, oder wen?“

Es war zum Verzweifeln. Paddy war zwar ein hervorragender Seemann und ein schneller und verläßlicher Kämpfer, aber wenn es ans Eingemachte ging, dann tat er sich furchtbar schwer.

„Ja, dich“, knirschte der Profos. „Verklar du ihm das doch bitte einmal, Jack.“

Jack Finnegan, Paddys bester Freund, verklarte ihm das auf seine ruhige, besonnene und eindringliche Art.

„Jetzt weiß ich, was los ist“, sagte Paddy strahlend. „Ich bin ein spanischer Heiliger aus England!“

„Ein Arsch mit Ohren bist du!“ brüllte der Profos außer sich. „Jack hat dir doch alles gesagt.“

Er war sehr verwundert, der Profos, als Paddy mit Grabesstimme sagte: „Warum schreist du denn jetzt so laut? Ist der König nicht bei dir, oder sind deine Ratgeber alle hinweg, daß dich also das Weh angekommen ist wie eine in Kindsnöten?“

„Hä? Was – was ist los?“ fragte der Profos verdutzt.

„Das ist Jeremias acht, Vers neunzehn“, sagte Paddy stolz.

„Na ja, klang gar nicht so übel und war fast passend. Na also, dann haut doch alles hin. Bei Bedarf kramst du einfach einen Spruch hervor und läßt ihn ab. Ich werde dir dann immer zuzwinkern, sobald es soweit ist. Alles kapiert?“

„Aye, Mister Profos. Ein verständiger Mann trägt nicht Klugheit zur Schau; aber das Herz der Narren ruft seine Narrheit aus. Das ist aus dem zwölften Kapitel der biblischen Sprüche.“

Der Profos kriegte schmale Augen, als er sah, daß der Kutscher wieder mal hinterhältig zu grinsen begann.

„Manchmal“, sagte er leise zu dem unschuldig grinsenden Paddy, „manchmal habe ich das Gefühl, daß du ein ganz verdammtes Schlitzohr bist, Mister Rogers. War das nun Zufall, oder willst du mich auf die ganz laue Tour verarschen?“

„Das sind doch Bibelsprüche“, sagte Paddy entrüstet. „Die habe ich schon als kleines Bübchen gelernt.“

„Hm“, der Profos war sich da nicht so ganz sicher, „Bibelsprüche kann man auch immer so anbringen, daß sich jeder einen Strick daraus drehen kann. Aber gut, Will wird dir jetzt die Kleidung geben.“

Carberry sah ihm nach und kratzte sich hinterm rechten Ohr.

„Sind diese Sprüche nun Zufall oder nicht?“ fragte er den Kutscher. „Da wäre ich dir für einen Rat dankbar.“

Aber mit der Antwort des Kutschers kam der Profos ebenfalls nicht klar, denn der sagte lächelnd: „Der Rat im Herzen eines Mannes ist wie tiefe Wasser, aber ein Verständiger kann’s merken, was er meint. Das ist aus den Sprüchen zwanzig über Spötterei.“

„Himmel, da habe ich mir was eingebrockt“, knirschte der Profos. „Jetzt lassen die Kerle nur noch Bibelzitate ab.“

„Du wolltest ja einen Bordgeistlichen haben. Dann mußt du dich auch mit frommen Sprüchen abfinden.“

Etwas später stand „Bruder Pastorius“ etwas linkisch an Deck, eingehüllt in ein talarähnliches Gewand mit einer Schärpe und einem nachdenklich-frommen Blick, wie ihn auch Carberry kaum besser hingekriegt hätte. Paddy hatte die Hände in liebenswerter Frömmigkeit über seinem Bäuchlein gefaltet und ließ die Sprüche ab, die er früher mal auswendig gelernt hatte.

Da war der Profos wieder am Grinsen – und die anderen auch.

Am Vormittag des nächsten Tages liefen sie in Denia ein.

2.

Das Einlaufen der Prachtschebecke erregte größte Aufmerksamkeit und beträchtliches Aufsehen, denn in die ehemalige kleine Hauptstadt des maurischen Königreiches verirrten sich nur selten mal größere Schiffe.

Der Tag war noch sonnig und warm. Denia lag eingebettet am Fuß des fast achthundert Yards hohen Mongó, einem Berg, dessen untere Hänge mit Weinreben bepflanzt waren. Zur verträumt wirkenden Burg hin zogen sich endlose Orangenplantagen.

Sehr malerisch wirkte das Städtchen.

„Keine größeren Schiffe“, stellte Hasard fest. „Nur Fischerboote und zwei kleine Schaluppen. Hier haben wir ganz sicher nichts zu befürchten. Es wirkt alles harmlos und friedlich.“

„Hier ist offenbar die Zeit stehengeblieben“, meinte Don Juan versonnen. „Die Einwohner leben vom Weinbau, den Orangen und der Fischerei. Dort drüben ist die ganze Pier frei.“

Eine lange Holzpier ragte in den Hafen. Auf der einen Seite der Pier lagen winzige Fischerboote, die andere Seite war leer. Hinter der Pier standen weißleuchtende Backsteinhäuser im maurischen Stil.

Denia hatte als Honoratioren einen Alcalden aufzuweisen, einen dicklichen genußsüchtigen Menschen, der mehr oder weniger gewandt die Geschicke des Ortes lenkte.

Der zweite bedeutsame Mensch war der Hafenverwalter, ebenfalls sehr genußsüchtig und ein etwas wabbelig wirkender Mann. Die beiden waren miteinander verwandt und betrieben Vetternwirtschaft, denn alle unteren Chargen waren ebenfalls mit ihnen verwandt.

Der Alcalde war ein bißchen vertrottelt und eigenbrötlerisch. Der Hafenmensch stand ihm in nichts nach, schließlich war er ja mit ihm verwandt.

Ein Wachmann mit einer langen Tröte, die er zum Ärger der anderen Bürger bei jeder Gelegenheit blies, hatte die Schebecke schon lange vor der Einfahrt bemerkt und weckte jetzt den ganzen Ort aus seinem Dämmerschlaf, indem er kräftig ins Horn stieß.

Er war ein wichtiger Mensch, mit großer Verantwortung, denn er verbreitete als allererster jede Neuigkeit.

Nachdem er die dösenden Bürger aufgeschreckt hatte, rannte er in gewaltigen Sprüngen zum Backsteinhaus der Hafenverwaltung, wo der Alcalde und Don Martin, der dickliche Hafenmensch, gerade bei einem Becher Rotwein hockten.

Er stieß atemlos die Tür auf und nahm Haltung an. Dabei keuchte er noch vom schnellen Laufen.

„Was gibt es denn?“ fragte der Hafenmensch unwillig.

Der Wachmann setzte heroisch die lange Tröte an den Mund, pumpte die Backen auf wie ein Hamster und begann mit hervorquellenden Augen und aller Kraft hineinzublasen.

Der Ton war so schaurig und laut, daß die beiden fast vor Schreck vom Hocker fielen. Entnervt hielten sie sich die Ohren zu.

„Beim heiligen Sankt Blasius!“ schrie der Hafenmensch gequält. „Mußt du denn immer so einen Krach veranstalten, du blaswütiger Idiot?“

Der Wachmann ließ sich nicht beirren. Schließlich war es seine vaterländische Pflicht, jede Neuigkeit auszuposaunen. Er setzte die Tröte ab, holte tief Luft und blies den beiden noch einmal die Ohren voll.

Die beiden Kerle gingen in Deckung, zumal die Töne in dem engen Raum so klangen wie die Trompeten von Jericho und zu befürchten war, daß die Wände einstürzten.

Der zweite Trompetenstoß verklang, und als der Wachmann zum dritten und letzten Mal ansetzte, wie das bei wichtigen Meldungen üblich war, schlug ihm der Alcalde auf das Blasrohr, daß es scheppernd zu Boden fiel.

„Genug jetzt, du Blödmann!“ brüllte er. „Ich habe dir schon hundertmal gesagt, daß du in den Amtsstuben nicht blasen sollst. Das tust du draußen schon genug und zum Gotterbarmen.“

„Aber es ist meine Pflicht“, erwiderte der Posten gekränkt. „Dafür werde ich schließlich bezahlt.“

„Aber nicht in den Amtsstuben, du Esel. Hier kannst du deine Meldung ausposaunen …“

„Habe ich doch getan.“ Das Gesicht des Mannes wirkte jetzt sehr gekränkt und beleidigt.

„Ja, schon, aber nicht mit deiner verdammten Tute. Ich habe das anders gemeint. Es ist nicht nötig, hier herumzutreten, verstehst du? Du kannst deine Meldung mündlich abgeben.“

„Das will ich ja auch.“

Der Hafenmensch entsann sich jetzt, daß ja eine Meldung fällig war, und versuchte, sachlich zu bleiben.

„Was ist denn überhaupt los?“

Der Posten wollte wieder nach seinem Blasprügel greifen, doch ein drohender Blick verhinderte das rechtzeitig.

„Sage jetzt endlich, was los ist, bei allen Heiligen.“

„Ein Schiff nähert sich dem Hafen“, verkündete der Wachmann. „Es nähert sich ihm eilends.“

„Das hast du doch gerade gesagt.“

„Aber ‚eilends‘ habe ich vergessen.“

„Das ist auch nicht so wichtig. Was für ein Schiff?“

„Ein – ein Barbareskenschiff, glaube ich. Es hat drei Masten.“

„Ein Barbareskenschiff?“ stöhnte der Alcalde. „Was will es denn in unserem Hafen?“

„Vielleicht will es anlegen. Ich bin zu der Vermutung gelangt, daß es anlegen will, sonst würde es nicht in den Hafen segeln.“

„Ja, das ist wahr“, sagte Don Martin, der Hafenmensch. „Und wie sieht es aus?“

Der Hafenmensch hätte sich ohne weiteres von dem Aussehendes Barbareskenschiffes überzeugen können, aber dann hätte der Wachmann nichts zu tun gehabt, und er wurde ja schließlich dafür bezahlt, daß er etwas wahrnahm und meldete.

„Es hat drei Masten“, sagte er lahm.

„Das hast du schon gesagt. Was noch?“

„Mehr Masten hat es jedenfalls nicht. Höchstens noch ein paar Segel – und Männer an Deck.“

„Barbaresken?“

„So genau konnte ich das nicht sehen. Es war noch zu weit weg. Aber wenn es ein Barbareskenschiff ist, dann hat es auch ganz sicher Barbaresken an Bord.“

„Um Himmels willen“, stöhnte der Hafenmensch. „Das hat uns gerade noch gefehlt. Eroberer, was?“

„Was für Dinger?“ fragte der Posten.

„Eroberer, sagte ich.“

Der Alcalde faßte ein Entschluß. Er erhob sich, öffnete die Tür und warf einen Blick hinaus.

„Tatsächlich, ein Schiff“, sagte er staunend. „Und was für eins!“

„Was denn für eins?“ fragte der Hafenmensch, weil er zu faul war, aufzustehen und seinen Platz zu verlassen.

„Eine Schebecke. Sieh sie dir mal an.“

Don Martin erhob sich seufzend und warf einen Blick durch die angelehnte Tür.

„Ja, eine Schebecke“, sagte er. „Das letzte Mal habe ich vor sechs Jahren eine gesehen. Was die hier wohl will?“

„Anlegen“, sagte der Wachmann.

„Du gehst sofort auf deinen Posten und stellst fest, ob noch weitere Schiffe in Sichtweite sind“, befahl Don Martin.

Weil die beiden Kerle so angelegentlich zu der heransegelnden Schebecke starrten, nutzte der Posten die günstige Gelegenheit und trank blitzschnell die Rotweinhumpen leer. Dann ging er hinaus, aufgeblasen und wichtigtuerisch, die Tröte fest unter den Arm geklemmt. Er erweckte den Eindruck, als wolle er sich dem anstürmenden Feind entgegenwerfen und den Heldentod sterben.

„Das sind keine Eroberer“, sagte Don Martin fachkundig. „Die tragen spanische Uniformen oder so was. Vielleicht ein Freundschaftsbesuch oder so.“

„Santos“, murmelte der Alcalde. „Wenn das so ist, dann muß ich mich schnell umziehen.“

„Ich auch“, erklärte Don Martin. „Ohne Uniform bin ich nur ein halber Mensch.“

Die Uniformen hatten sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr getragen, weil in dem Ort absolut nichts los war und auch nur sehr selten ein größeres Schiff Denia anlief.

Jetzt staffierten sie sich in aller Eile aus.

„Das sind ja zwei seltsame Heilige“, sagte Hasard zu Don Juan und deutete unauffällig zur Pier hinüber, wo zwei dickliche Kerle aufgeregt und mit tomatenroten Köpfen herumstanden.

Der Spanier konnte sich das Grinsen nicht mehr verkneifen.

Da standen zwei dicke Señores in rotgrünen Kürbishosen und ebensolchen Mühlsteinen um den Hals wie Old O’Flynn und versuchten vergeblich, ihre Bäuche einzuziehen. Beflissenheit lag in ihren Gesichtern, und zum Erstaunen der Arwenacks verneigten sich die beiden Kerle etliche Male.

„Die halten uns wohl für eine königliche Abordnung“, meinte Dan. „Da ist ja fast der ganze Ort zusammengelaufen.“

So war es. Überall tauchten Männlein und Weiblein auf oder standen vor ihren Häusern, um die Schebecke zu bestaunen.

Die letzten Segel wurden weggenommen, und dann legten die Arwenacks mit einem gekonnten Manöver an.

Die zwei uniformierten Kerle eilten beflissen herbei, nahmen höchstpersönlich die Leinen wahr und legten sie um die hölzernen Poller.

Dabei dienerten sie erneut und warfen einen scheuen Blick zu dem Mann, der in gemessener und dennoch hochmütiger Haltung auf dem Achterdeck der Schebecke stand.

„Ob das wohl Seine Allerkatholischste Majestät, unser König, ist?“ fragte Don Martin leise und ergriffen. „So könnte er jedenfalls aussehen.“

Der Alcalde war sich da nicht ganz so sicher. Er wagte kaum, den vornehm gekleideten Alten mit der weißen Halskrause und dem wettergegerbten Gesicht anzublicken.

„Ich weiß nicht“, raunte er kläglich. „Es – es wäre einfach zuviel der Ehre. Sicher ist es aber ein Grande vom Hochadel. So sehen die nämlich aus.“

Old O’Flynn hatte Ohren wie ein Luchs und verstand jedes Wort, das die beiden Kerle flüsterten. Er grinste sich heimlich eins, ließ sich jedoch nicht das Geringste anmerken. Lediglich zu einem flüchtigen Blick und einem huldvollen Handwedeln mit der ringgeschmückten Rechten ließ er sich herab.

Die beiden einfältigen Kerle versanken fast vor Ehrfurcht.

„Willkommen, willkommen“, dienerten sie.

Hasard hatte die beiden auf den ersten Blick richtig eingeschätzt. Das waren zwei absolut harmlose Trottel mit engem Horizont. Geistige Flachwassersegler mit beachtenswertem Respekt vor der Obrigkeit oder allem, was auch nur danach aussah. Ihm entging auch nicht, daß sie Old O’Flynn heimlich und respektvoll anstarrten, obwohl sie sich große Mühe gaben, das zu verbergen.

Der Seewolf grüßte lässig und etwas herablassend. Dann stellte er sich als Don Esteban vor und nannte noch ein paar längere Namen, die die Kerle ohnehin nicht behielten.

Er lud die beiden an Bord ein und stellte fest, daß sie meilenweit nach Rotwein rochen.

Wieder grüßten die beiden sehr linkisch, als sie auf den Planken standen und sich ehrfürchtig umsahen.

Sie wußten nicht, wen sie vor sich hatten, sie ahnten es nicht einmal. Vielleicht hatten sie noch nie etwas von Lobo del Mar gehört. Oder aber sie erkannten ihn ganz einfach nicht.

„Was führt Sie in unseren Hafen, Señores?“ fragte der Hafenmensch, der vor Verlegenheit einen knallroten Kopf hatte und immer wieder heimlich zu Old O’Flynn blickte, dessen Blick ausdruckslos in die Ferne gerichtet war, als ginge ihn das alles nichts an. „Sie segeln ein Schiff der Barbaresken, Don Esteban“, fuhr er leise fort, „ist das nicht ein bißchen ungewöhnlich? Verzeihen Sie bitte die Frage.“

„Aber gern“, sagte Hasard generös. „Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich erscheinen, aber die Mission ist schließlich von Seiner Allerkatholischsten Majestät höchstpersönlich abgesegnet.“

„Eine Mission?“ stammelte der Alcalde.

„Sie ist geheim“, raunte Hasard, „und sie muß natürlich auch geheim bleiben, deshalb haben wir bewußt diesen Hafen gewählt.“

„Welche Ehre, Don Esteban.“

„Gut, gut, mein Bester. Es bleibt also unter uns und niemand wird ein Sterbenswörtchen darüber erfahren. Ich muß Sie beide zu Geheimnisträgern ernennen.“

Die beiden Kerle versanken fast in den Planken, so angetan waren sie von der Ehre, jetzt Geheimnisträger zu sein.

Der Alcalde nahm sich heimlich vor, dieses Ereignis sogleich nach der Abreise laut hinauszuposaunen, denn da konnte er mit einem Titel glänzen, den niemand aufzuweisen hatte.

Geheimnisträger Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs Philipp II. von Spanien!

Das ging runter wie warmes Öl und bedeutete den absoluten Höhepunkt in seinem ereignislosen Leben.

Aber er hatte noch einen Konkurrenten, der ebenso dachte und dessen Kopf mittlerweile so knallig angelaufen war, als würde er jeden Augenblick platzen.

Das gleiche nahm sich nämlich Don Martin ebenfalls vor, kaum, daß er zum Geheimnisträger ernannt worden war. Das mußte natürlich alle Welt erfahren, und man würde ihn wie einen Helden feiern. Er war so aufgeregt, daß er mühsam nach Luft schnappen mußte.

Hasard entging nichts, keine Regung, keine Bewegung, und so stellte er amüsiert fest, daß die beiden Kerle ob der unvergleichlichen Ehre, die ihnen soeben zuteil geworden war, fassungslos nach Luft rangen.

Eine breite Hand klopfte Don Martin leutselig auf den Rücken. Sie gehörte dem freundlichen breitschultrigen und etwas dicklichen Padre mit der Knubbelnase.

„Haltet ein mit dem Wein“, sagte Paddy Rogers salbungsvoll. „Der Wein macht lose Leute, und starkes Getränk macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise. Eine Mahnung aus dem zwanzigsten Kapitel der Sprüche.“

Der Hafenmensch zuckte verstört zusammen. War dem Padre also doch nicht entgangen, daß sie zuvor einen gezwitschert hatten!

„So isses, so isses, verehrungswürdiger Padre“, sagte Don Martin voller Eifer.

Und der Alcalde blies verzweifelt die Wangen auf, damit seine Weinfahne etwas Milderung erfuhr.

Der gute Padre hatte noch mehr Sprüche auf Lager, die sich auf die Völlerei bezogen. Sie bewirkten bei den beiden fromme Schauer, denn die Sprüche paßten wie die Faust aufs Auge.

An der Pier hatten sich mittlerweile immer mehr Gaffer eingefunden. Keiner traute sich jedoch in unmittelbare Nähe der Schebecke, dafür sorgten schon die wichtigtuerischen Blicke des Alcalden und Hafenmeisters, die eifersüchtig darüber wachten, daß der Pöbel nicht mit den Hohen Señores in Berührung geriet.

„Sicher benötigen die ehrenwerten Señores frisches Trinkwasser und Proviant“, sagte Don Martin untertänigst. Dabei dienerte er unisono demütig mit dem Alcalden.

Ein Monstrum von Kerl, mit einer riesigen Kürbishose bekleidet und zahlreichen Narben in dem kantigen Gesicht, schob sein gewaltiges Kinn vor und zog indigniert eine Augenbraue hoch.

„Wasser?“ fragte er gedehnt. Er sann dem Wort nach, als hätte er es noch nie gehört. „Nein, so was brauchen wir vorerst nicht.“

„Ich meinte natürlich Wein“, sagte der Alcalde hastig. „Don Martin hat sich nur versprochen. Wir haben hier ein vorzügliches Weinchen, es gedeiht an den Hängen von Denia. Es wäre uns eine Ehre, wenn wir es den ehrenwerten Señores anbieten dürften.“

„Nun ja, das dürfen Sie schon“, sagte der mit der gewaltigen Kürbishose Bekleidete gnädig und herablassend. „Wir können ja mal ein paar Fässer von dem Zeug probieren, für Ihre Seligkeit.“

Hasard wollte den Profos erst bremsen, doch dann ließ er den Dingen einfach freien Lauf und amüsierte sich insgeheim weiter. Außerdem mußte Paddy gerade in diesem Augenblick wieder einen seiner passenden Sprüche absetzen.

„Selig sind, die da geistig arm sind, denn das Himmelreich ist ihr“, tönte er salbungsvoll, wobei er die beiden durchdringend ansah.

Der Kutscher biß sich fast auf die Lippen, um nicht herauszuplatzen. Hasards Gesicht wurde starr, und Old O’Flynn ruckte mit seiner weißen Halskrause herum, weil er glaubte, sich verhört zu haben.

„… die da geistlich arm sind, heißt das“, raunte der Kutscher Paddy zu, „nicht geistig arm. Sieh dich bloß vor!“

„So isses“, sagten die beiden nickend. Sie hatten die gravierende Verwechslung der beiden Worte nicht mitgekriegt oder überhaupt nicht kapiert, denn ein Geistlicher konnte sich ja nicht irren.

Paddy war es furchtbar peinlich, sich so verhauen zu haben. Auch sein Kopf nahm langsam vor Verlegenheit eine rote Farbe an.

Aber die Scharte wollte er unbedingt wieder auswetzen, und so sagte er noch einen weiteren Vers auf: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen geröstet werden. Matthäus, fünftes Kapitel, Vers vier.“

„So isses“, sagte der Alcalde.

Und auch der Hafenmeister sagte wie ein Papagei: „So isses, so isses.“

Hasard hatte das Gefühl, als bahne sich ein Debakel an, und so schob er den dicken Paddy unauffällig zur Seite. Den nahm sich auch gleich darauf wieder der Kutscher vor.

„Mann“, sagte er erschüttert. „Die da Leid tragen, werden keinesfalls geröstet, Paddy, sie werden getröstet, und das ist immerhin ein himmelweiter Unterschied.“

„Ich bin so aufgeregt“, murmelte Paddy, „soviel auf einmal habe ich noch nie in meinem ganzen Leben gesagt. Da kann man doch schon mal was verwechseln, Mister Kutscher, nicht wahr?“

„Ja, natürlich. Es ist zum Glück ja auch nicht aufgefallen. Die beiden Kerle sind selbst viel zu aufgeregt, und im übrigen scheinen sie ihre Nasen häufiger in die Weinhumpen als in die Bibel zu stecken.“

„Da bin ich aber froh“, sagte Paddy erleichtert.

Unterdessen hatte Hasard immer noch alle Mühe, sein Lachen zu verbeißen. Er riß sich zusammen und klopfte dem Alcalden wohlwollend auf die Schulter.

„Das Angebot nehmen wir natürlich gern an“, sagte er. „Wir haben jedoch einen anderen Grund, warum wir Ihren Hafen anliefen. Uns fehlen zwei Anker. Wir haben sie in einem Sturm verloren und brauchen dringend dafür Ersatz.“ Er blinzelte den beiden vertraulich zu und zog sie etwas beiseite. „Wir haben eine sehr hochgestellte Persönlichkeit an Bord, wie Sie sicher schon bemerkt haben.“

Die beiden nickten ehrfürchtig und warfen einen heimlichen Blick zu Old O’Flynn.

„Wir glaubten schon, es sei Seine Allerkatholischste Majestät höchstpersönlich“, flüsterte Don Martin.

„Fast ist es so“, raunte Hasard. „Da Sie nun ja Geheimnisträger Erster Klasse sind, kann ich es Ihnen ruhig sagen. Jener überaus ehrenwerte Grande dort ist Don Egalo Alvarez de Segovia. Wer hätte nicht schon von ihm gehört! Er ist eine der höchstgestelltesten Persönlichkeiten der spanischen Krone und ein Edelmann durch und durch.“

Die beiden erschauerten bis ins Mark.

„Ja ja“, sagte der Hafenmensch eifrig, „wir haben schon viel von seinen Taten gehört, sehr viel.“

„Ja, wirklich sehr viel“, sagte auch der Alcalde, damit man ihn nicht für einen Dummkopf hielt, der keine Ahnung hatte. „Seine Taten werden im ganzen Lande gerühmt.“

„So ist es“, sagte Hasard. Er sah die beiden an und forschte in ihren Gesichtern, aber da lag kein Erkennen und auch kein Argwohn. So konnte er unbesorgt noch weiter reizen. Mal sehen, wie sie reagieren, dachte er. Sein Gesicht nahm einen verschwörerischen Ausdruck an.

„Don Egalo hat den berüchtigten El Lobo del Mar zur Strecke gebracht“, vertraute er ihnen leise an. „Jenen Korsaren, auf den die Krone eine hohe Kopfprämie ausgesetzt hat.“

Er sah, wie die beiden zusammenzuckten, als hätte man ihnen etwas auf die Schädel geschlagen.

„Lobo del Mar ist endlich gefangen?“ fragte der Alcalde fassungslos. „Wir haben viel von ihm gehört. Er trieb ja seit Jahren sein Unwesen und hat der Krone unermeßlichen Schaden zugefügt.“

„Das ist jetzt vorbei“, sagte Hasard. „Seit er mit Don Egalo die Klingen gekreuzt hat, gibt es ihn nicht mehr.“

„Was muß das für ein Mann sein!“ sagte Don Martin erschauernd. Er traute sich kaum noch, einen Blick zu Old O’Flynn zu werfen.

Der hatte natürlich alles mitgekriegt und schaute jetzt heroisch über den Hafen, als würde dort gleich der nächste Lobo del Mar auftauchen.

Kein Wunder, daß dieser Don Egalo so stolz und unnahbar ist, dachte der Alcalde. Was er geschafft hatte, war bisher noch keinem gelungen, obwohl sie den Wolf seit Ewigkeiten gejagt hatten.

Der Hafenmensch merkte nicht, daß er kräftig auf den Arm genommen wurde, und der Alcalde merkte es noch weniger. Da war auch kein Erkennen in ihrem Blick. Sie standen vor El Lobo del Mar und waren ahnungslos wie kleine Kinder. Sie dienerten noch vor ihm und empfanden einen unheimlichen Respekt vor dem Mann, der in Wahrheit der Schwiegervater des Seewolfs war.

Die beiden einfältigen Kerle sahen auch nicht das versteckte Grinsen in den Gesichtern der verkleideten Arwenacks.

„Sie erhalten natürlich sofort zwei Anker“, sagte der Alcalde in tiefer Demut, „das ist völlig selbstverständlich. Und ebenso selbstverständlich geht das zu unseren Lasten. Bitte, Señor, das werden Sie doch nicht abschlagen.“

„Das muß nicht sein“, sagte Hasard. „Ich bezahle die Anker natürlich gern.“

Aber davon wollten die beiden nichts wissen.

Dann schlug sich der Alcalde plötzlich vor die Stirn.

„Da fällt mir noch etwas ein. Vor ein paar Wochen sank vor der Küste eine kleine Galeone, die auf dem Weg nach Cartagena war. Sie sank in einem fürchterlichen Sturm, und niemand konnte gerettet werden. Das Wrack trieb später hier an. Der einzige Überlebende starb. Er wies uns darauf hin, daß sich an Bord vierzig Silber- und zehn Goldbarren befänden, die der spanischen Krone abgeliefert werden müßten. Wir haben immer auf einen Handelsfahrer gewartet, der nach Cartagena unterwegs war. Würde es Sie sehr belasten, Señor, diese Barren mitzunehmen? Es waren doch insgesamt fünfzig Barren, nicht wahr?“ wandte er sich fragend an Don Martin.

Der Hafenmensch hatte ganz plötzlich feine Schweißperlen auf der Stirn, die er nervös abwischte.

„Äh – ja, genau fünfzig“, sagte er mühsam.

Hasard durchschaute die beiden Kerle sofort. Da waren anfangs wohl ein paar Barren mehr im Spiel gewesen, aber die Kerle hatten sich ganz sicher ihren Anteil abgezwackt, das sah er deutlich an ihren schuldbeladenen Gesichtern. Aber das war ihm egal.

Erneut verbarg er sein Grinsen. Am liebsten hätte er laut hinausgebrüllt, doch er beherrschte sich eisern. Er zögerte die Antwort absichtlich etwas hinaus.

„Sicher haben Sie eine – äh, Unterredung mit Seiner Majestät“, sagte der Alcalde. „Oder wie nennt man das?“

„Eine Audienz bei Hofe. Natürlich, das ist durchaus üblich, zumal wir ja adligen Kreisen entstammen. Seine Majestät möchte natürlich über die Mission genau informiert werden.“

Der Hafenmensch rieb sich aufgeregt die Hände. Dann wischte er sie an seiner Uniformhose hastig ab.

„Äh – ich – ich meine, wir …“ Er druckste herum.

„Ja, also, ich weiß schon, was Don Martin meint“, sagte der Alcalde erregt. „Wenn Sie die Barren bei Hofe abliefern – würden Sie dann eventuell die Freundlichkeit haben, die Stadt Denia und; uns beide zu erwähnen? Es wäre uns eine große Ehre, wenn Seiner Majestät unsere Namen an die erlauchten Ohren kämen.“

Etwas weiter vorn drehte sich der Profos zu Smoky um, weil ihm fast die Luft wegblieb. Fast hätte er eine brüllende Lachsalve zum Himmel geschickt.

„Mein Gott, sind das zwei dämliche Rübenschweine“, flüsterte er mit halberstickter Stimme. „Das gibt es doch gar nicht.“

„Hier gibt’s alles“, sagte Smoky. „Aber hör jetzt auf, sonst kriege ich einen Lachanfall.“

„Den würge ich schon die ganze Zeit runter“, sagte der Profos. Er drehte sich so, daß die beiden Tölpel sein Gesicht nicht sehen konnten, in dem es ständig zuckte, und lauschte weiter.

„Nun, eine Gefälligkeit ist die andere wert“, sagte Hasard. „Seine Majestät wird gern vernehmen, daß es in Denia so grundanständige, ehrliche und rechtschaffene Männer wie Sie gibt. Ich werde einen ganz persönlichen Bericht erstatten und natürlich auch die beiden Anker nicht unerwähnt lassen. Seine Majestät ist sehr großzügig. Womöglich ist später mit einer Beförderung zu rechnen.“

Die beiden wußten zwar nicht, zu was man sie noch befördern konnte, aber sie kannten sich mit höfischen Sitten auch nicht so genau aus.

„Sicher werden die beiden Helden zu Oberpißrinnenverwaltern ernannt“, meinte der Profos und grinste infam.

„Wir sind Ihnen bis in alle Zukunft zu ewigem Dank verpflichtet“, sagte Don Martin ergriffen. „Daß Sie das für uns tun wollen, Señor. Erst Geheimnisträger – und jetzt auch noch das. Entschuldigen Sie uns bitte, wir werden sofort alles Nötige veranlassen. Es dauert wirklich nicht lange.“

Hasard entließ sie mit einer großzügigen Handbewegung und sah den beiden Tröpfen nach, wie sie mit knallroten Köpfen über die Pier stiefelten und dabei vor Aufregung mit den Armen herumfuchtelten. In seinem Eifer wäre Don Martin fast noch im Hafenwasser gelandet, denn er quasselte so angestrengt auf den Alcalden ein, daß er gar nicht bemerkte, als er vorbeitrat.

Nur ein schneller Griff des Alcalden bewahrte ihn vor einem nassen Bad.

„War das nicht ein bißchen riskant?“ fragte Don Juan mit leisem Vorwurf in der Stimme.

Hasard schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ich wollte nur einmal sehen, wie weit ich gehen kann. Diese beiden Kerle haben absolut keine Ahnung, und wenn die es nicht wissen, wer soll es in diesem Kaff dann wissen? Oder glaubst du, sie hätten Lobo del Mar gleich freiwillig ihre Schätze herausgerückt?“

„Sicher nicht. Die beiden scheinen ein bißchen verrückt zu sein.“

„Ein bißchen viel“, meinte Ben Brighton. „Die sind ja regelrecht total bescheuert.“

Sie lachten und amüsierten sich erst einmal köstlich, solange die beiden Kerle das nicht sehen konnten.

3.

Es dauerte nicht lange, dann verging den Arwenacks das Lachen. Die Angelegenheit begann langsam peinlich zu werden.

Zwei Flötenspieler erschienen an der Pier, ein Kerl mit einer Fidel gesellte sich hinzu, und dann begannen sie zum Erstaunen der Seewölfe zu musizieren. Das war wohl als Kurzweil gedacht, doch es hörte sich erbärmlich an, denn vom Musizieren verstanden die drei Kerle absolut nichts, und so klang es dann auch.

„Um Gottes willen“, stöhnte Dan O’Flynn. „Das soll wohl zu unserer Erheiterung beitragen, was?“

„Das ist doch auch heiter“, meinte Carberry. „Sieh dir nur diese drei Hüpfer an. Die haben überhaupt keine Ahnung von Musik, aber sie spielen trotzdem unverdrossen weiter.“

Zwei dürre Kerle entlockten ihren Flöten schauerliche Töne ohne jeglichen Rhythmus, der dritte zog an den Saiten seiner Fidel, als hielte er einen Bogen in der Hand, mit dem man Pfeile abschoß.

Dann erschien eine Tänzerin, die sich schüchtern auf die Pier schob. Sie trug ein langes Kleid und wiegte sich im unregelmäßigen Takt der Spieler.

Leider war die Tänzerin etwas fett, und was sie da tanzte, kapierte ohnehin keiner. Es erinnerte sie in etwa an die beleibten Bauchtänzerinnen aus Istanbul.

Sie hatte ungefähr zehn Minuten getanzt, als der Alcalde und der Hafenmensch wieder aufkreuzten. Beide strahlten über das ganze Gesicht.

„Gefällt Ihnen die Darbietung, Señores?“ fragte der Alcalde. „Señorita Lucia ist die beste Tänzerin im Ort.“

Die Dicke hüpfte immer noch auf dem Steg herum, daß die Bohlen dröhnten und wackelten.

„Wunderbar“, sagte Hasard ernst. „Eine ausgezeichnete Darbietung, für die wir sehr dankbar sind.“

„Gut, gut.“ Der Alcalde rieb sich freudestrahlend die Hände. Dann wandte er sich an die „Darsteller“.

„Husch, husch, ab nach Hause jetzt“, sagte er. „Es hat den ehrenwerten Señores sehr gefallen. Jetzt reicht es.“

Das fanden die anderen auch, ohne es jedoch zu sagen. Aber sie waren sehr erleichtert, als sich die Darsteller nach einer tiefen Verbeugung zurückzogen.

Dezentes Klatschen erklang rein höflichkeitshalber auf seiten der Arwenacks, und dazu grinsten sie, denn jetzt konnten sie bis an die Ohren grinsen, ohne daß es auffiel.

„Ich habe inzwischen alles veranlaßt“, sagte der Alcalde stolz. „Ich habe auch die beiden Anker für Sie – Prachtstücke, Señor, wahrhaftige Prachtstücke. Das andere wird ebenfalls gleich geliefert.“

„Ich habe das natürlich auch mit veranlaßt“, krähte der Hafenmensch, aus Angst, er könne später bei Hof weniger wohlwollend erwähnt werden. Da war es schon besser, sie teilten sich den künftigen Ruhm.

„Ja, natürlich“, sagte der Alcalde etwas ungnädig. „Don Martin war auch mit dabei.“

Hasard lud die beiden Kerle zu einem Schluck an Bord ein und ließ ihnen Wein kredenzen. Das erfüllte die beiden mit einem nie gekannten Stolz, und von da ab fühlten sie sich dem spanischen Hofe wesentlich näher.

Sie tranken nicht, sie soffen ganz ungeniert. Ihre Köpfe wurden noch roter, auch wegen der Ehre, die ihnen zuteil wurde, neben einem spanischen Grande stehen zu dürfen.

Paddy Rogers reichte die Humpen weiter, die er vom Kutscher entgegennahm und würzte den Trunk mit biblischen Sprüchen.

„Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben“, sagte er salbungsvoll, als er dem Alcalden einen neuen Humpen reichte. „Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“

„Wo – wo ist was los?“ fragte der Alcalde. Er lallte bereits ein wenig und stierte Paddy Rogers irritiert an.

„Im Himmel, mein Sohn.“

„Ach ja, im Himmel ist immer was los. Darauf, hicks, sollten wir noch einen heben.“

„Matthäus sechzehn, Vers neunzehn“, fügte Paddy belehrend hinzu.

Der Hafenmensch wackelte ein bißchen mit dem Kopf und drehte sich suchend um.

„Matthäus – wo ist er denn?“

Er stierte Old O’Flynn an und schüttelte unmerklich den Kopf. Vor seinen Augen verschwamm alles.

Der Alcalde sah sich auch nach Matthäus um und wackelte dabei noch mehr. Dann zeigte er in die Richtung, wo die Backsteinhäuser dicht am Hafen standen und sich zwei Eselskarren näherten.

„Da – da ist er! Er bringt die Dings … äh – Anker. Genau!“

Die wackeren Mannen tranken noch einen und noch einen und waren so blau, daß sie kaum noch stehen konnten.

Hasard wunderte das, doch dann sah er, daß der Profos die Humpen füllte, und dieser niederträchtige Mensch goß mit einem hinterhältigen Grinsen jedesmal einen kräftigen Schluck Rum mit hinein.

Die beiden Kerle lümmelten jetzt am Schanzkleid herum, wackelten mit den Köpfen und stierten rülpsend über den Hafen.

Den beiden Eselskarren folgten etwa fünfzehn Kerle, die verblüfft zu ihrem Alcalden und dem Hafenmeister starrten. Beide hatten ein Lied angestimmt und grölten es jetzt lautstark hinaus.

Die Anker wurden abgeladen. Die Arwenacks sprangen mit auf die Pier und brachten die Anker an Deck. Es waren zwei gute, schwere und solide Anker, genau das, was sie brauchten.

Es dauerte auch nicht lange, dann waren die Anker verzurrt.

„Auf Don Egalo!“ brüllte der Alcalde und war so gerührt, daß ihm die Tränen kamen. „Mein tapferer Freund. Grüß mir Seine Allerkalli… Allerkol… Alkoholische Majestät, oder wie der Kerl heißt. Sag ihm, er kann alles von mir haben, sag ihm das, Don Egalo.“

Er fiel Old O’Flynn um den Hals und drückte ihm die ausladende weiße Halskrause platt.

Dann starrte er ihn traurig an, und plierte auf die dicken Tränen, die Don Egalo über die Wangen liefen.

„Mein Freund – er weint vor Rührung“, schniefte er und brach in lautes Schluchzen aus.

Und weil das alles so sehr rührselig war, schniefte auch der Hafenmensch mit.

„Hallall – hallall!“ schrie er, aber das kapierte natürlich keiner, auch Don Juan nicht, obwohl der sämtliche spanische Dialekte verstand.

„Wachet und betet“, sagte Paddy mit Grabesstimme, „daß ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Da liefen Old O’Flynn noch mehr Tränen über das Gesicht, und er erstickte fast vor Lachen.

Die beiden verbrüderten sich jetzt mit allen, die an Deck standen. Da war wieder mal was los, ganz besonders, als der Hafenmensch den Schimpansen Arwenack erwischte, ihn umarmte und ihm einen feuchten Schmatz aufdrückte.

„Mein Freund, Caballero“, lallte er und legte ihm einen Arm und den Hals, wobei er tief in die Knie ging. „Du bist der Kleinste an Bord, aber ein richtiger Held.“

Arwenack, derartige Liebkosungen nicht gewohnt, bleckte das Gebiß und zeigte die Zähne. Der Hafenmensch deutete das als freundliches Grinsen und klopfte ihm auf den Rücken.

Dann torkelte er zum nächsten und riß sich das Hemd an Matt Davies’ Hakenprothese auf, als er nach seinem Arm griff.

Inzwischen erschien ein weiterer Eselskarren. Zwei Männer luden die Gold- und Silberbarren ab, dann folgten Fässer mit Wein, ein paar Speckseiten und riesige Hartwürste.

Das alles wurde an Bord gemannt.

Hasard stand etwas ratlos davor und wußte nicht, was er sagen sollte.

„Ein lustiger Verein“, sagte Don Juan lachend. „Das ist ja das reinste Affentheater hier. Was tun wir jetzt mit den beiden so überaus netten Menschen?“

„Die beiden netten Menschen sind sowieso gleich restlos abgefüllt, daß sie nicht mehr laufen können. Ich werde jedem als kleine Anerkennung eine kostbare Perle in die Tasche stecken. Immerhin haben sie uns so reichlich beschenkt, daß es mir peinlich ist.“

„Trotzdem sind es Hohlköpfe“, sagte der Spanier. „Mir ist noch peinlicher, daß sich meine Landsleute so ausgesprochen dämlich benehmen.“

„Nimm es leicht“, riet Hasard. „Wenn unsere Kerle zuviel gekümmelt haben, sehen sie auch nicht geistreicher aus.“

„Aber sie sind nicht so dämlich.“

„Das nicht“, schränkte Hasard ein, „aber auch da gibt es immer wieder ein paar Ausnahmen.“

„Hallall!“ brüllte der Hafenmensch und wollte das ganze Schiff umarmen. Aber dabei landete er am Fockmast und stieß sich die Nase.

Der Alcalde erklärte weinerlich und nuschelnd, er müsse jetzt nach Hause, weil ihm kotzübel sei.

Don Martin fiel sein Weib ein, das offenbar grantig wurde, wenn er einen über den Durst getrunken hatte.

Das war auch wahrhaftig der Fall, wie sich gleich darauf herausstellte.

„Bringt die beiden zu den Backsteingebäuden“, sagte Hasard zu dem Profos, der vor Lachen kaum stehen konnte. „Schließlich bist du ja nicht ganz schuldlos an dem Zustand der Kerle.“

„Ich wollte ihnen nur eine Freude bereiten“, sagte Carberry entschuldigend. „Ich wußte ja nicht, daß sie nichts vertragen.“

Carberry schnappte sich den dicklichen Hafenmenschen, während sich Smoky den betrunkenen Alcalden auf den Rücken lud. Aber der war so in Bewegung, daß er ihn allein nicht abschleppen konnte. Also sprangen noch Roger Brighton und Nils Larsen hinzu.

Sie flankierten die beiden von rechts und links und wackelten über die Pier. Dort blieb der Hafenmensch noch einmal stehen, blickte aus trüben Augen zum Schiff und brüllte wieder sein „Hallall!“ in die Gegend, jetzt mit lauter und durchdringender Stimme.

Offenbar war das ein Signal, denn aus einem der Häuser trat eine korpulente Madonna heraus, die sich suchend umblickte. Das „Hallall“ schien ihre Sinne alarmiert zu haben. Offenbar war sie dadurch schon über weite Entfernungen über den Zustand ihres Gatten genau unterrichtet.

Das grimmig dreinblickende Weib hielt eine solide Bratpfanne in der rechten Hand, die sie ein paarmal hin und her wippte, anscheinend in der Absicht, bereits Maß zu nehmen.

„Halleluja“, sagte der Profos unterdrückt. „Die sieht aber sehr gesund aus, die Mutter. Die wird doch nicht …“

Die Dicke hatte strähnige Haare und stramme Beine. Ihr gewaltiger Busen bewegte sich wie ein Blasebalg, als sie in die Richtung blickte, aus der die Arwenacks die beiden Kerle heranschleppten.

„Bratpfannen in der Hand von Frauenzimmern – und dann noch vorm Haus – sind nicht unbedingt das Gesündeste“, meinte Smoky. „Das arme Kerlchen kriegt damit ganz sicher kein Festessen serviert. Ich denke, wir sollten die Kerle lieber hier absetzen und uns aus dem Staub machen. Es liegt kaum Dankbarkeit in ihrem Blick.“

„Wir sind ja schließlich nicht besoffen“, meinte der Profos kühn. „Wir leisten ja nur einen Samariterdienst.“

Smoky fühlte sich trotz allem sehr unbehaglich.

Nils und Roger setzten den Alcalden vorsichtig zu Boden, noch bevor sie die Häuser erreicht hatten. Sie nickten sich zu und empfahlen sich grinsend.

„Feiglinge“, knurrte der Profos. „Ihr Kerle habt einfach keine Argumente zur Hand und könnt die Señora nicht überzeugen.“

„Wollen wir auch gar nicht“, sagte Nils Larsen. „Du bist Profos und Zuchtmeister, das überlassen wir dir.“

Der Profos war von seinem Charme restlos überzeugt, und so sah er der Ankunft der Dicken einigermaßen gelassen entgegen.

Sie schaute jetzt noch grimmiger drein. Ihre Augen waren hinter kleinen Fettpolstern zusammengekniffen, und der Profos sah, daß sie auf der Oberlippe einen Schnurrbart hatte, auf den mancher Kerl neidisch gewesen wäre. Vielleicht hatte sie ja auch Haare auf den Zähnen, die man jetzt wegen der ebenfalls zusammengekniffenen Lippen nicht sah.

Er ließ den Hafenmenschen los und verneigte sich.

„Señora“, sagte er galant, „wir bringen Ihnen Ihren Gatt…“

„Diablo, das Schwein ist wieder besoffen, dieser verlauste Hurenbock!“ keifte die Señora wild.

Neben ihr waren zwei grinsende Bälger aufgetaucht mit einem kleinen schmutzigen Köter, der den Hafenmenschen wütend ankläffte.

„Er hat nur ein wenig Wein getrunken“, sagte der Profos.

Dann wichen er und Smoky zurück, als die Señora, fauchend und die Bratpfanne schwenkend, auf Don Martin losging.

Der hockte jetzt dümmlich grinsend am Boden, und der Köter zerrte an seinem Hosenbein. Eins der Bälger bohrte mit Genuß in der Nase, das andere bückte sich interessiert vor, um die Aktion der Mutter zu begutachten.

Die ließ auch nicht lange auf sich warten.

Der stramme Arm der Señora fuhr hoch und wieder zurück. Die dunklen Haare auf ihrer Oberlippe zitterten, und durch ihren massigen Körper ging ein Ruck, der alles wabbeln ließ.

Durch den Körper des Hafenmeisters ging ebenfalls ein Ruck, als ihm die Bratpfanne auf den Schädel knallte. Der dumpfe Gong war bis auf die Schebecke zu hören.

Der kleine Nasenbohrer grinste jetzt befriedigt, und das andere Gör brüllte begeistert: „Noch eins, Mami, gib ihm noch eins auf die Rübe!“

Die resolute Señora ließ sich das nicht zweimal sagen.

Noch während Don Martin mit glasigen Augen zur Seite kippte, wobei immer noch das dümmliche Grinsen auf seinem Gesicht lag, erfolgte der zweite Angriff.

Wieder landete die Bratpfanne auf Don Martins Schädel. Es hörte sich an, als würde auf der Schebecke geglast.

Don Martins Gesichtsausdruck veränderte sich rapide.

Er grinste nicht mehr. Er öffnete den Mund zu einem lauten Seufzer, schloß die Augen und wurde schlaff. Sein Kopf sank auf die Brust, und so blieb er einen Augenblick hocken – jenseits von Gut und Böse.

„So, du verdammter Säufer“, sagte die Señora zufrieden, „das wird dir eine Lehre sein, denke ich.“

Carberry und Smoky waren genauso erschüttert wie Don Martin. Sie sahen sich an und schluckten trocken.

„Kriegt er auch noch was aufs Maul?“ erkundigte sich der eine Knabe hoffnungsvoll.

Die Señora gab keine Antwort, aber jetzt wandte sie sich mit blitzen den Augen den beiden Seewölfen zu.

„Und jetzt zu euch, ihr verdammten Hurensöhne!“ rief sie. „Ihr seid schuld daran, daß er wieder besoffen ist, dieser miese Kerl, dieser Fuselschlucker. Schämt ihr euch …“

Carberry ließ noch einmal seinen Charme spielen, obwohl er von dem jetzt nicht mehr so ganz überzeugt war.

„Aber Señora Don Martin“, sagte er. „Wir …“

„Halt dein Maul, du langer Lulatsch!“ keifte die Señora. „Und nenne mich nicht Don Martin. Das ist kein Don, sondern ein nichtsnutziger Lümmel. Aber euch werde ich es zeigen.“

Carberry hatte mit der Attacke nicht gerechnet. Er stand da und versuchte „charmant“ zu grinsen, was bei seinem Aussehen allerdings völlig mißlang.

Da knallte es auch schon. Die Bratpfanne sauste mit einer Vehemenz heran, daß Carberry nicht mehr ausweichen konnte. Er wollte noch die Arme hochreißen, doch da ertönte schon der Gong.

„Oh, mein Gott“, hörte er Smoky wie aus weiter Ferne rufen.

Der Ruf ging in einem zweiten Gong unter, und da begann der Profos bereits mit dem Schädel zu wackeln. Sekundenlang war er völlig benommen, erst dann blickte er wieder einigermaßen durch.

Die Señora hatte sich von ihm abgewandt und traktierte jetzt den Decksältesten, der verstört die Hände über den Kopf hielt und versuchte, die rasende Furie mit den Ellenbogen von sich abzuhalten.

Aber auch Smoky mußte zwei harte Gongs einstecken, ehe es ihm mit Not und Mühe gelang, ein paar Schritte davonzurennen.

Für die Kerle auf der Schebecke war das Spektakel an Land mehr als ergötzlich. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und kriegten sich nicht mehr ein. Da waren nur noch Brüllen und Gelächter an Deck und wiehernde Kerle, die sich nach allen Seiten bogen.

„Hurra!“ rief Ferris Tucker. „Wahrhaftig ein tolles Bild! Der liebe Ed kriegt eine Abreibung.“

„Er hat die beiden Kerle ja auch ganz übel abgefüllt“, sagte Hasard lachend. „Schließlich ist das nicht mehr als gerecht, wenn auch für ihn ein paar Brocken abfallen.“

Sie lümmelten am Schanzkleid der Schebecke und sahen sich den Fortgang interessiert und unter lautem Gelächter an.

4.

„Die ist ja verrückt, die alte Schachtel!“ schrie Smoky. „Die haut uns in Grund und Boden. Los, wir verschwinden, Ed, sonst gibt es noch mehr Senge.“

Carberry geriet jetzt allmählich in Braß, aber auch die Señora steigerte sich noch und wurde dabei von ihren Gören kräftig angefeuert. Die genossen es offensichtlich sehr, daß der Herr Papa ordentlich durchgewalkt wurde. Und daß zwei Fremde auch ihren Teil abkriegten, ließ sie vor Vergnügen laut krähen.

Die Señora war sehr gerecht, das mußte man ihr lassen. Drei Kerle hatten Senge bezogen, nur der Alcalde noch nicht. Der kam gerade wieder zu sich und versuchte, sich aufzurappeln.

Er stand noch mit wackligen Knien da, als ihn ebenfalls die Bratpfanne traf. Weil er sich gerade umdrehte, erwischte das zweckentfremdete Instrument seinen Hinterkopf und brachte ihn auf Trab.

Er rannte los, wie aus einer Kanone abgefeuert, schrie wild und gellend und landete dann hart auf der Nase im Staub der Straße.

Carberry und Smoky machten sich jetzt schleunigst aus dem Staub und rannten los.

Doch die Señora folgte bratpfannenschwenkend und mit wilden Worten. Sie war jetzt erst so richtig in Fahrt, aber sie erreichte die beiden nicht mehr.

Dem Profos stank es zwar ganz gewaltig, vor einer triumphierenden Furie auskneifen zu müssen, doch er hatte keine andere Wahl, sonst gab es wieder Senge.

Smoky wollte sich ebenfalls nicht länger der Lächerlichkeit preisgeben und rannte in langen Sätzen neben dem Profos her.

Weiter vorn standen Roger und Nils. Sie lehnten an einem Dalben und hielten sich daran fest, damit sie vor lauter Lachen nicht umfielen.

„Sehr witzig, das alles“, fauchte Smoky und warf einen ängstlichen Blick über die Schulter zurück, wo ihnen das attackierende Weib immer noch mit der Pfanne in der Hand nachrannte.

Aber dann gab sie auf und blieb schnaufend stehen.

Smoky und der Profos blieben ebenfalls stehen, wahrten aber genügend Abstand, damit sie jederzeit wieder die Flucht antreten konnten.

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte der Profos keuchend. „Diese schnauzbärtige Xanthippe hat mir tatsächlich was auf die Rübe gedonnert. Das gibt zwei ganz verdammte Beulen.“

„Mir auch, aber wenigstens haben die anderen auch kräftig was abgekriegt.“

„Das ist doch keine Genugtuung“, grollte Carberry wütend. „Wie stehen wir denn jetzt vor den anderen da? Die lachen sich krank.“

„Mann, da törnt die Kakerlakenmutter wieder los“, sagte Smoky entsetzt. „Die hat immer noch nicht genug.“

Die Señora nahm erneut Kurs auf sie, blieb dann jedoch unschlüssig stehen, als die beiden vorsichtshalber die Beine in die Hand nahmen und in Richtung Schiff abdrehten.

Voller Wut, weil sie nichts mehr ausrichten konnte, warf sie die Bratpfanne nach ihrem bedröselten Mann.

Der Hafenmensch kriegte das Ding noch einmal an den Schädel und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus. Er sah aus wie tot.

Was dann folgte, kapierten Smoky, der Profos und die anderen überhaupt nicht mehr.

Die Dicke watschelte auf ihren hingestreckten Mann zu, warf sich über ihn und brach in lautes Jammern und Wehklagen aus.

Die Arwenacks glaubten, nicht richtig zu hören.

„Mein armer Martin“, schluchzte sie tief und ergreifend. „Was haben die bösen Kerle nur mit dir getan? O Martino! Santitochen, mein kleiner Heiliger, mein Goldengel!“

„Hä?“ fragte der Profos wenig geistreich. „Bin ich jetzt bescheuert, oder sind es die anderen?“

„Die Alte spinnt“, kommentierte Smoky entsetzt. „Die hat nicht alle am Dachfirst.“

Die beiden Bälger brachen ebenfalls in lautes Plärren aus, nur der Köter kläffte den bewußtlosen Hafenmenschen weiterhin an und zerrte immer wieder an seiner Hose.

„Das gibt es doch nicht“, ächzte Smoky, „oder hat sie den lieben Martin etwa totgeschlagen?“

Immer noch hing sie schluchzend über ihm, nahm den Zipfel ihrer Schürze und wischte ihm damit über die prachtvollen Beulen, die die Bratpfanne hinterlassen hatte. Dabei erfuhr Don Martin, das liebe Santitochen, sämtliche Kosenamen, und gleichzeitig richtete sich der Señora Zorn wieder auf die Kerle, die ihn angeschleppt hatten.

Sie stand auf und suchte nach der Bratpfanne. Es sah nicht so aus, als würde der Hafenmensch damit nochmals eins übergebraten kriegen, jetzt waren wohl wieder Ed und Smoky an der Reihe.

Unter dem brüllenden Gelächter der Arwenacks und etlicher Einwohner von Denia kniffen die beiden Arwenacks aus.

„Hoffentlich sind die Drehbassen mit Grobschrot geladen, und sie können gleich feuern“, knirschte Smoky, „die verprügelt sonst noch die gesamte Mannschaft.“

Es war eine idiotische Situation, die sie völlig der Lächerlichkeit preisgab.

Als sie die Pfanne wieder in den Händen hielt, hatten der Profos und Smoky endgültig genug. Die Gören hüpften jetzt ebenfalls hinter ihnen her, um zu sehen, wie die Mutter den Kampf entschied.

Der Profos und Smoky gaben Fersengeld. Der Profos hatte die Arme angewinkelt und stürmte keuchend auf das rettende Schiff zu. Smoky folgte stöhnend und fluchend.

Die aufgebrachte Señora verfolgte sie bis auf die Pier. Dort blieb sie schnaufend stehen und hob drohend die Pfanne, als die beiden Señores mit einem Affenzahn an Bord flitzten.

„Jetzt kann sie antanzen“, sagte Smoky mit blitzenden Augen. „Wenn sie das Schiff entert, fliegt sie außenbords.“

Die eifrige Señora hatte aber nicht vor, das Schiff zu entern, obwohl es anfangs fast so aussah.

Sie belegte die beiden nur mit einigen recht deftigen Ausdrücken, von denen „Hurenböcke“ noch die harmlosesten waren.

Dann kehrte sie zurück und beklagte laut ihren Don Martin, der wieder das Bewußtsein erlangt hatte und im Straßenstaub hockte.

Der Alcalde wurde auch nicht weiter traktiert. Er sah im Gesicht übel zerschrammt aus, als er sich erhob und mit wackligen Knien still und leise davonschlich.

Mac Pellew hatte sich wimmernd an den Mast geklammert und kriegte sich nicht mehr ein. Aus seinen Augen schossen sturzbachartig die Tränen, und er hatte große Mühe beim Luftholen.

Carberry sah der schlagfreudigen Señora unbehaglich und mit zusammengekniffenen Augen nach.

„Möchte wissen, was es da so dämlich zu grinsen gibt“, knurrte er und befummelte seinen Schädel, an dem allmählich zwei Hörner aufzublühen begannen. Später würden sie in allen Farben schillern.

„Das war ein Bild für die Götter“, sagte der Kutscher. „Es war einfach einmalig, wie ihr erst verdroschen wurdet und dann gerannt seid. Ihr hättet euch selbst mal sehen sollen.“

Dem Profos war nicht nach Witzen zumute. Er schaute recht grantig und unfreundlich drein. Smoky erging es ähnlich, denn ihm dröhnte immer noch nachhaltig der Schädel von den beiden Treffern. Auch ihm würden prachtvolle Hörner wachsen.

Inzwischen schleppte die Señora mit Hilfe ihrer Gören den Hafenmenschen ab, der so wackelte, als habe er Pudding in den Knien.

Die Lachsalven verebbten allmählich. Der Hafenmensch wurde in ein Gebäude geschoben und verschwand darin. Vom Alcalden war ebenfalls nichts mehr zu sehen, der hatte sich abgesetzt und schämte sich jetzt wegen seiner Niederlage.

„Dann ist der Tanz ja beendet“, sagte der Seewolf mit fröhlicher Miene. „Wir haben wieder zwei Märtyrer an Bord. Alles andere haben wir auch. Mithin können wir mit dem kurzen Abstecher ganz zufrieden sein, und so steht unserer Weiterreise eigentlich nichts mehr im Wege.“

„Ich bin jedenfalls mit dem Abstecher nicht zufrieden gewesen“, sagte der Profos gereizt. „Mir langt es völlig. Die Don-Martin-Mutter hat mich restlos geschafft. Bin heilfroh, wenn wir aus diesem verlausten Kaff verschwunden sind.“

In der Ferne standen noch eine Menge Neugierige herum, aber sie verliefen sich nach und nach, denn es gab nichts mehr zu sehen. Vermutlich ging der Krach jetzt im Haus weiter.

Die Leute wandten sich schulterzuckend ab. Eine Neuigkeit war das für sie nicht. Bei Don Martin flogen immer dann die Fetzen, wenn er einen über den Durst getrunken hatte, und der Alcalde war dann meist ebenfalls der Dumme und kriegte etwas ab.

„Leinen los und ein“, sagte Hasard mit einem amüsierten Unterton.

Ein paar Einwohner sahen ihnen noch nach und winkten, als die Leinen gelöst und die Segel gesetzt wurden.

Langsam bewegte sich die Schebecke aus dem Hafen. Unter den Kattbalken hingen an Backbord und Steuerbord die beiden neuen Anker.

Als der Wind in die Segel griff, erschien ein schlaksiger Kerl mit einer langen Tröte und blies aus voller Kraft hinein.

Über den Hafen schallte ein so schauriger Ton, daß einige Arwenacks irritiert zusammenzuckten.

Der Posten blies die Neuigkeit in die Welt, daß die Schebecke jetzt aus dem Hafen laufe und in See gehe.

Er blies dreimal in sein fürchterliches Horn, damit es auch jeder mitkriegte. Er kam sich dabei sehr wichtig vor und hatte schließlich einen dunkelroten Kopf von der Anstrengung.

Aber jetzt wußten es alle, und selbst jene, die es nicht sahen: Das prächtige Schiff ging in See.

Der Posten war damit seine Verantwortung vorübergehend los und ließ sich erschöpft auf einem Stein nieder, um dem Schiff nachzublicken.

„Das war ein seltsames Völkchen“, meinte Hasard belustigt, als der Hafen von Denia achteraus kleiner wurde und nur noch der große Berg mit seinen Weinhängen und dem maurischen Schloß zu sehen waren. „Solche Leute erlebt man nicht alle Tage.“

„Aber es hat dich niemand erkannt“, sagte Don Juan. „Obwohl du direkt auf Lobo del Mar angespielt hast.“

„Ich weiß nicht, ob das ein Maßstab war, Juan. Die Leute, damit meine ich hauptsächlich den Bürgermeister und den Hafenmenschen, scheinen recht einfältig und trottelig zu sein. Als Bewährungsprobe möchte ich das eigentlich nicht ansehen.“

Old O’Flynn zupfte grinsend seine Halskrause zurecht und wischte sich verstohlen die letzten Tränen aus den Augenwinkeln.

„Ein feiner Spaß war das, Sir, ich habe mich über alle amüsiert.“

„Wir alle wohl. Mir erging es nicht anders.“

„Eigentlich“, sagte Old Donegal nachdenklich, „wäre es doch nicht verkehrt, wenn wir in diesen Gewässern weiterhin als Spanier verkleidet segeln. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Dons aufkreuzen. Vermutlich behelligen sie uns dann nicht weiter.“

„Spanier auf einer Schebecke sind immerhin recht ungewöhnlich. Das fiel sogar dem Hafenmenschen auf. Was meint ihr?“

„Warum eigentlich nicht“, sagte Ben. „Wir können die Schebecke ja für die Krone erbeutet haben, nachdem man unser eigenes Schiff versenkt hat. Das klingt doch einigermaßen glaubwürdig.“

Hasard nickte. Das würde schon glaubwürdig klingen.

„Gut, dann segeln wir als Spanier weiter. Außerdem können wir den behäbigen Kriegsgaleonen immer noch in einem weiten Bogen ausweichen, wenn wir sie sichten sollten. Dann bleibt es dabei. Wir besprechen nachher noch die Namen, mit denen sich jeder ausgibt, falls wir den Dons begegnen sollten.“

„Über etwas anderes sollten wir auch noch sprechen“, sagte Dan O’Flynn. „Wir wollten noch darüber abstimmen, welchen Kurs wir einschlagen, ob wir vom Atlantik aus gleich in die Karibik zurücksegeln oder den Abstecher nach England unternehmen. Einmal haben wir kurz darüber gesprochen, ein Ergebnis kam jedoch nicht zustande.“

„Ja, die Abstimmung steht noch aus. Ich schlage vor, jeder überlegt sich das gründlich vierundzwanzig Stunden lang, und danach entscheiden wir uns. Für England gibt es natürlich gute Gründe. Immerhin haben wir wertvolle Kontakte in Venedig und anderswo anknüpfen können und haben etwas vorzuweisen. Das ist nur einer von etlichen Gründen.“

„Ein bißchen Heimweh ist natürlich auch dabei“, ließ sich Big Old Shane vernehmen. „Wir waren schon lange nicht mehr dort. Aber wenn wir diesmal nach England segeln, stehen wir mit ziemlich leeren Händen da. Die gute Lissy erwartet von uns zumindest Gold und Silber, und damit sind wir nicht gerade gesegnet. Sie wird sich über unseren Besuch zwar freuen, aber noch mehr würde sie sich freuen, wenn wir ihr etwas Schönes mitbringen.“

„Da hast du recht, Shane“, sagte Hasard nachdenklich. „Wir haben zwar Gold und Silber an Bord, aber im Gegensatz zu unseren früheren Raids ist das keineswegs üppig.“

Die Kerle grinsten ein bißchen verlegen. Es war nur allzu bekannt, daß Ihre Majestät, die Königin von England, eine offene Hand hatte, die gerne nahm. Kurz gesagt: Sie war reichlich geldgierig, das wußte an Bord jeder.

„In dem Fall sollten wir natürlich etwas tun“, meinte Hasard. „Da hast du wahrhaftig recht, Shane. Das muß jedoch die Gelegenheit ergeben. Möglicherweise gelingt es uns, im Atlantik einen dicken Brocken zu schnappen, vielleicht stoßen wir sogar auf einen Geleitzug, der von Kuba nach Spanien segelt.“

„Das wäre eine feine Sache. Wir haben schon lange keinen Don mehr gerupft.“

„Bisher gab es dazu auch keine Gelegenheit, sie segeln ja auf einer anderen Route.“

Denia lag jetzt schon sehr weit achteraus und war nur noch ein feiner dunstiger Strich an der Kimm.

Sie segelten fast Ostkurs, um die Küste möglichst schnell hinter sich zu lassen.

Als sie in einem Abstand von etwa vier Meilen von der Küste Cabo de la Nao rundeten, ließ Hasard auf Südkurs gehen. Eine Stunde später wurde der Kurs auf Südsüdwest gesetzt. Damit entschwand die spanische Südostküste ihren Blicken. Von der algerischen Küste war weiter im Süden nichts zu sehen.

Sie waren wieder scheinbar allein auf dem Meer, doch das änderte sich am späten Nachmittag.

Batuti gab aus dem Ausguck ein Handzeichen an Deck und rief: „Zwei feine Striche voraus an der Kimm!“

„Mit Sicherheit meine lieben Landsleute“, vermutete Don Juan.

Er behielt mit seiner Vermutung recht. Durch das Spektiv erkannte Hasard etwas später zwei Karavellen, die genau Kurs auf sie hielten.

„Spanier“, sagte Dan O’Flynn, der Mann mit den Adleraugen. „Dreimastig, lateinergetakelt, ziemlich schnelle Schiffe. Sie scheinen auch nur zu einem Drittel abgeladen zu sein. Und bewaffnet sind sie auch nicht schlecht“, fügte er nach einem weiteren Blick hinzu.

Die beiden Schiffe segelten auf Parallelkurs nebeneinander her. Ihr Abstand von Schiff zu Schiff betrug etwa zwei Kabellängen.

Auch das änderte sich nach kurzer Zeit.

„Sieh an“, sagte der Seewolf, „deine Landsleute werden neugierig und wollen uns beschnuppern, Juan.“

„Dann empfehle ich dir, den Kurs zu ändern, mein Freund. Es sind immerhin Kriegskaravellen, und sie sind verdammt schnell. Es empfiehlt sich nicht unbedingt, sich beschnuppern zu lassen. Zu leicht könnte daraus ein gefährlicher Biß werden.“

„Hm, sehr richtig. Wir wollen ja auch nichts provozieren. Wir werden zur algerischen Küste hin abfallen.“

Nils Larsen stand am Ruder. Er wurde gerade von Pete Ballie abgelöst, dem besten Gefechtsrudergänger, den die Arwenacks hatten.

Die Schebecke fiel langsam ab, bis sie fast wieder auf Südkurs lag. Sie hielt jetzt auf die algerische Küste zu.

Das Manöver war auf den Karavellen nicht unbeobachtet geblieben. Offenbar wurden die Dons neugierig und wollten wissen, wer da vor ihnen so betont harmlos ablief.

Die nach Süden versetzte Karavelle fiel nach Steuerbord ab. Die andere schloß sich dem Kurs etwas später an, ließ aber den Abstand von Schiff zu Schiff noch weiter offen, der jetzt etwa vier Kabellängen betragen mochte. Es sah so aus, als wollten die Dons die Schebecke wie in eine geöffnete Schere laufen lassen, zumal die – von den Arwenacks aus gesehen – an Backbord segelnde Karavelle noch weiter abfiel.

„Wir machen gefechtsklar“, sagte der Seewolf nach einem schnellen Blick, „aber wir werden uns nicht unbedingt mit den Kerlen anlegen, und wir segeln auch nicht in die Schere hinein. Wir laufen direkt auf die algerische Küste zu und halten den Kurs.“

Gefechtsklar war die Schebecke in ganz kurzer Zeit. Dafür sorgte schon Al Conroy, der erfahrene Waffen- und Stückmeister.

Die sechs Culverinen auf jeder Seite mit ihrem Geschoßgewicht von 17,3 Pfund waren geladen, ebenso die beiden achtern und vorn montierten Drehbassen. Der Kutscher füllte bereits glühende Holzkohle in die Messing- und Kupferbecken für die Lunten.

„In einem haben sich die Dons verrechnet“, sagte der Seewolf lächelnd. „Die eine Karavelle, die an der nördlichen Seite segelt, können wir vergessen. Ihr Kapitän hat etwas zu großzügig gedacht oder angenommen, wir würden zwischen ihnen hindurchsegeln. Dadurch hat er viel Zeit verloren, und bis er die wieder aufgeholt hat, sind ihm graue Bartstoppeln gewachsen.“

„Die Gefahr ist trotzdem noch nicht vorüber“, sagte Ben gelassen. „Der andere Kapitän scheint dafür um so eifriger zu sein. Sollen wir ihm die spanische Flagge zeigen?“

„Nein“, sagte Hasard sarkastisch, „die kennt er ja. Außerdem haben wir der Karavelle gegenüber notfalls noch den Vorteil, daß wir einen Schlag zulegen können. Wir verfügen zusätzlich über Ruder, und wir haben noch einen weiteren Vorteil: Wir können mit unserer Rohrlänge von fast vier Yards etwas weiter feuern als die Kerle da drüben. Das ist eben das Gute an einem ehemaligen Piratenschiff. Die Schnapphähne haben schon gewußt, warum sie längere Rohre nahmen. Das ist immer ein Vorteil. Sollte uns der Kerl zu dicht auf den Pelz rücken, schicken wir ihm eine Breitseite hinüber.“

Vorerst sah es aber nicht danach aus. Die Schebecke erwies sich als das schnellere Schiff, auch wenn sie von der Lateinerkaravelle hart bedrängt wurde.

Fast eine Stunde lang segelten sie auf Südkurs, dann reckte sich Hasard und stemmte die Fäuste in die Hüften.

„Es langt jetzt“, sagte er hart. „Ich habe nicht die geringste Lust, möglicherweise nach Oran zu segeln, wo wieder die Schnapphähne der anderen Couleur auf uns warten und ebenfalls nachsehen wollen, wer wir wohl sein mögen. Zeigt den Kerlen unsere Flagge, und wenn sie das nicht kapieren, dann empfangen sie eine Breitseite.“

„Endlich mal ein bißchen Abwechslung“, sagte der Profos händereibend. „Das war ja schon zum Einschlafen, war das. Jeder lausige Köter will an uns schnüffeln, als seien wir ein Dreckhaufen.“

Er sah zu, wie sich die Flagge entfaltete und im Wind wehte.

Da war sie, die Flagge des Bundes der Korsaren, die Flagge der Freiheit, wie sie auch von ihnen genannt wurde. Diese Flagge, einst von dem Segelmacher Will Thorne genäht, wehte jetzt in ihrer ganzen Länge aus. Es war ein schwarzes Tuch mit dem Symbol zweier gekreuzter goldener Säbel, das jetzt so im Wand flatterte, als seien die Säbel in ständiger Bewegung.

Durch den Kieker sah Hasard auf der Karavelle erstaunte und verblüffte Gesichter. Auf der anderen Karavelle waren die Gestalten durch das Spektiv nur undeutlich und verschwommen zu sehen.

Die Dons reagierten allerdings anders, als der Seewolf erwartet hatte. Vielleicht waren sie wütend darüber, daß sie diese Flagge noch nicht gesehen hatten oder fühlten sich von irgendwelchen Schnapphähnen auf den Arm genommen.

Eine kleine dunkle Rauchwolke war drüben zugleich mit einem lanzenartig hervorstechenden Blitz zu sehen. Die Rauchwolke zerrieb der Wind innerhalb weniger Sekunden.

Eine gute Kabellänge achteraus stieg eine kleine Säule aus Her See. Ein leichter Schlag war zu hören wie ein Klaps. Dann fiel das Wasser müde in sich zusammen.

„Aha, sie haben gehustet“, sagte Carberry. „Sollen wir uns unsere Lungen auch mal freihusten, Sir?“

„Anluven und Feuer frei nach eigenem Ermessen!“ rief Hasard.

Pete Ballie ging an den Wind, bis die Schebecke der Karavelle die Steuerbordseite zeigte.

Auf diesen Augenblick hatte Al Conroy gewartet. Er visierte und gab den anderen Männern ein Zeichen, die mit den Lunten in der Hand darauf warteten, sie auf die Zündlöcher zu pressen.

Das geschah nach dem Handzeichen.

Winzige, schlangengleiche Flammen fraßen sich durch die Zündkanäle.

Sechs Culverinen brüllten gleichzeitig auf und spien Feuerblitze und dunklen Rauch aus ihren zurückfahrenden Schlünden, die den Mäulern gefährlicher Drachen glichen.

Der Eisenhagel ging auf die Reise. Eine der Kugeln glühte deutlich sichtbar in der Luft. Wahrscheinlich hingen glimmende oder nachglutende Pulverreste an ihr.

Zwei Kugeln strichen dicht über das Deck der Karavelle, eine durchschlug ein Segel, zwei weitere donnerten dicht vor der Bordwand ins Wasser und warfen Fontänen auf, die das Deck näßten.

Die sechste Eisenkugel fraß sich mit einem hallenden Geräusch in den Rumpf der Karavelle und ließ in der Beplankung dicht an der Wasseroberfläche ein großes gezacktes Loch entstehen. Berstend flogen ein paar Holztrümmer ins Innere des Schiffes.

„Hat gerade so gereicht“, sagte Al Conroy. „Ein paar Yards dichter dran, und die Dons hätten von allen Seiten durch ihr Schiff linsen können. Sofort nachladen.“

Hasard sah sich wieder die Gesichter auf der Karavelle an. Die meisten Kerle standen verängstigt an Deck. Ein paar hatten sich hinter das Schanzkleid verkrochen und hielten die Köpfe unten.

Das Erschrecken war aber deutlich zu erkennen, und die Reaktion des Kapitäns der weiter entfernten Karavelle war eindeutig genug. Er drehte sofort ab und ging auf Westkurs.

„Jetzt zeigen wir ihm die andere Breitseite“, sagte der Seewolf hart. „Aber diesmal segeln wir weiter auf, damit er auch etwas davon hat.“

Als Pete Ballie Ruder legte, hatten die Dons da drüben kapiert, daß auf der Schebecke ein paar Kerle waren, die etwas gegen das Beschnüffeln hatten und entsprechend hart reagierten.

Das Segelmanöver war noch nicht zur Hälfte ausgeführt, da kniff der spanische Kapitän aus und ging ebenfalls auf Westkurs, ohne einen Schuß abzugeben. Er hatte es plötzlich sehr eilig.

Ferris Tucker sah der Karavelle sinnend nach.

„Da werden die Kerle wohl bald tüchtig Hand anlegen müssen“, meinte er, „das Loch in der Bordwand ist recht beachtlich. Sobald die See kabbelig wird, haben sie eine große Badewanne in den Stauräumen zur Verfügung.“

Hasard sagte nichts. Auch er sah den Schiffen nach. Der Hauptzweck war jedenfalls erreicht, die Verfolger hatten sich zurückgezogen. Aber es würde sich erst später zeigen, ob sie die Verfolgung tatsächlich aufgegeben hatten oder ihre Neugier so weit geweckt war, daß sie als Fühlungshalter an der Schebecke blieben.

Das war tatsächlich der Fall, als die Arwenacks auf den alten Kurs zurückgingen.

Die Karavellen lagen weit zurück, aber auch sie hatten den Kurs geändert. Offenbar dichteten sie gerade provisorisch das Leck ab, denn die eine hinkte ein wenig hinterher.

„Das gefällt mir überhaupt nicht“, sagte Hasard. „Ausgerechnet vor der spanischen Küste. Das Risiko ist mir zu groß. Wir werden jetzt den Spieß umdrehen und sie solange attackieren, bis ihnen die Lust auf uns endgültig vergeht.“

Die Verfolgung hielt nicht lange an. Anfangs mochten sich die Spanier etwas davon versprochen haben, doch dann lag die Schebecke ganz plötzlich auf Gegenkurs und segelte hoch am Winde nach Osten. Ihre zwölf Rohre waren ausgerannt, und sie segelte diesmal genau in die immer noch bestehende Schere hinein, die allerdings etwas auseinandergezogen war.

Das behagte den beiden spanischen Kapitänen absolut nicht, denn sie hatten erlebt, wie weit die Rohre trugen. Bei einem blitzschnell ausgeführten Passiergefecht, wenn die Schebecke genügend Abstand hielt, würden sie Feuer von beiden Seiten kriegen.

So wichtig war ihnen die Schebecke nun auch wieder nicht, daß sie zuviel riskieren wollten.

Offenbar verärgert drehten sie ab. Diesmal gingen sie auf Nordkurs, immer noch verfolgt von der Schebecke, die ihnen nachsetzte.

Hasard ging bis auf ein paar hundert Yards heran und jagte sie weiter zur spanischen Küste.

„Das dürfte reichen“, sagte er. „Jetzt schicken wir ihnen noch ein paar Grüße nach, damit sie uns besser in Erinnerung behalten.“

Im Abdrehen sprachen noch einmal die Culverinen.

Lange Flammenzungen jagten aus den Rohren, brüllender Donner fegte über die See, und die Schebecke hüllte sich in eine dunkle Rauchwolke. Sie krängte bei ihrer leichten Bauweise ein wenig über, als die Eisenkugeln die Rohre verließen.

Achteraus von den Karavellen blühten riesige Blumen auf, die im Sonnenlicht in allen Farben schillerten. Farbige Wassersäulen stiegen aus dem Wasser und vergingen in einem Regen aus Gischt und Schaumtropfen.

Es rauschte, als würde eine große Sense durch reifes Korn gezogen.

Den Dons stand das Grauen in den Gesichtern, als die Kugeln in unmittelbarer Nähe einschlugen. Sie richteten auf die Entfernung keinen Schaden an, aber dieses verdammte Schiff mit der schwarzen Flagge und den gekreuzten Säbeln auf dem Tuch hätte nur noch etwas dichter aufzusegeln brauchen, dann hätte es sie erwischt.

Von einer Verfolgung wollten sie nichts mehr wissen. Sie waren restlos bedient von den Kerlen, die so unerschrocken angriffen.

Sie klüsten unter vollem Preß nordwärts auf die rettende spanische Küste zu.

„Den wird das Fühlungshalten vergangen sein“, sagte der Seewolf grimmig. „Beim Schnuppern kann man sich verdammt hart die Nase verbrennen. Ich denke, die sind wir jetzt endgültig los.“

„Ganz bestimmt“, sagte Don Juan. „So wichtig sind wir ihnen jetzt nicht mehr. Wenn man einen Wolf ärgert, sollte man damit rechnen, daß er gefährlich wird.“

„Und den Fang nicht nur zeigt, sondern auch zubeißt“, fügte Hasard hinzu.

Als sie längst wieder auf ihrem alten Kurs lagen, war von den beiden Karavellen nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie die spanische Küste angelaufen, um ihre Wunden zu lecken.

5.

Tagelang segelten sie unbehelligt nach Westen. Zweimal hatten sie aus der Ferne spanische Schiffe gesichtet und waren ihnen in einem weiten Bogen ausgewichen.

Cartagena lag hinter ihnen, Almeria und Malaga.

Jetzt bewegten sie sich auf Gibraltar zu, den Dschebel al Tarik, die Felsen des Tarik, wie die Araber die Meerenge genannt hatten.

Einen Hafen hatten sie nicht mehr angelaufen, weder im Süden noch im Norden.

„Jetzt wird es langsam eng“, sagte Dan O’Flynn, „und hier müssen wir ganz besonders auf der Hut sein, denn diese Ecke haben die Dons völlig unter ihrer Kontrolle. Wenn die hier nur die englische Flagge riechen, sind sie schon aus dem Häuschen.“

„Müssen wir ja nicht unbedingt“, sagte Hasard trocken. „Wir können es ja zur Abwechslung mit der spanischen versuchen.“

In der Frühe des nächsten Tages wurde eine winzige Galeone gedichtet, eine „Zwerg-Galeone“, wie Stenmark aus dem Ausguck meldete.

Das Ding entpuppte sich dann aber weder als Galeone noch Karavelle.

„Vielleicht ist es aus den Trümmern von Galeone, Galeasse und Karavelle zusammengebaut“, sagte Ferris Tucker. „Seltsam genug ist das Gebilde schon.“

Das Schiffchen wurde gebührend bestaunt. Der Schiffszimmermann interessierte sich am meisten dafür und blickte durch den Kieker. Als er ihn absetzte, grinste er.

„Der Bauart nach ist das eine portugiesische Karavelle“, teilte er den anderen mit und grinste noch stärker. „Allerdings scheint Columbus die schon gesegelt zu haben, die ist nämlich uralt oder einfach neu aufgelegt und nachgebaut worden.“

Das Ding hatte drei lächerlich kleine Pfahlmasten mit Lateinerbesegelung und ein gefährlich hoch aus der See ragendes Achterkastell mit starker Vorneigung. Auf dem Achterdeck fand man sicher nur mit Not und Mühe Halt.

„Alle Achtung vor diesem Columbus“, sagte Carberry. „Auf so einem Nachttopf um die halbe Welt zu schippern, das ist schon eine beachtliche Leistung.“

„Und dabei wußte er nicht einmal, wohin er segelte“, meinte Ferris. Er zeigte zu dem lächerlichen Gebilde und schüttelte den Kopf. Das Ding hatte den Kurs gewechselt und hielt auf die Schebecke zu.

„Scheint ein Versorgungsboot, ein Bumboot zu sein“, sagte er. „Die haben da was an Deck herumliegen, das wie Gemüse aussieht.“

„Hör mir bloß mit Bumbooten auf“, sagte Hasard. „Wir haben gerade erst kürzlich unliebsame Bekanntschaft mit einem derartigen Ding geschlossen. Ich bin jetzt noch bedient.“

Was der Seewolf da ansprach, lag noch nicht lange zurück. Da waren sie auf Piraten und Schnapphähne gestoßen, die ihr räuberisches Handwerk mit einem Bumboot getarnt hatten.

Das Ding hatte ganz unauffällig ausgesehen, aber in einem eingezogenen Unterdeck hatten sich versteckte Kanonen befunden. Ein paar ebenfalls versteckte Schnapphähne pflegten diese Kanonen abzufeuern, sobald sie bei einem Schiff längsseits lagen. Sie hatten es buchstäblich erst im allerletzten Augenblick bemerkt, und waren durch Ferris Aufmerksamkeit der Versenkung gerade noch entgangen.

„Jedes Bumboot muß ja nicht ein Piratenschiff sein“, sagte der Kutscher, der ebenfalls auf dem Achterdeck stand. „Außerdem sind wir ja gewissermaßen vorgewarnt.“

„Heißt das, wir brauchen Proviant?“ fragte Hasard.

Der Kutscher sah zu dem heransegelnden Bumboot und nickte.

„Wir würden auch ohne eine Proviantaufnahme noch weit genug gelangen, Sir. Aber egal, ob wir nun nach England oder in die Karibik segeln, beides ist ein langer Weg. Segeln wir in die Karibik, haben wir den Atlantik zu überqueren, wobei wir unterwegs auf keinerlei Inseln stoßen. Segeln wir nach England, dann sieht es nicht viel besser aus. Einen spanischen Hafen können wir nicht anlaufen, oder bestenfalls ein kleines Nest, was jedesmal mit einem Risiko verbunden ist. Mit den Portugiesen trinken wir auch nur selten Brüderschaft, wie es zur Zeit gerade die Spanier tun.“

„Wenn du hier noch länger große Reden schwingst, ist das Bumboot an der Kimm verschwunden“, motzte der Profos. „Kannst du das nicht in einem Satz ausdrücken?“

„Ich gebe nur eine Empfehlung“, sagte der Kutscher würdevoll. „Da ziemt es sich nicht, einen Satz herunterzuknurren, wie es deiner etwas groben Art entspricht.“

„Meiner groben Art, was, wie? Hast du quergeriggter Bilgenfloh etwas von grober Art gesagt, wo ich sanft bin wie ein Lamm?“

Der Kutscher zog indigniert die rechte Augenbraue hoch.

„Ich höre immer Lamm. Vom Werdegang eines Lammes bis zu einem ausgewachsenen Hammel ist es nur ein kurzer schneller Weg.“

„Ich werde später noch einmal in aller Bescheidenheit anfragen, ob wir Proviant brauchen“, sagte Hasard, „nämlich dann, wenn eure wissenschaftliche Abhandlung über die Evolution beendet ist. Darf ich in etwa einer Stunde damit rechnen? Vielleicht wimmelt es hier ja auch nur so von Bumbooten.“

„Verzeihung, Sir“, sagte der Kutscher. „Aber dieser Mensch, der sich als das Salz der Erde bezeichnet, obwohl er eher das Salz der Meere ist, muß mich ständig unterbrechen. Ich schlage vor, wir übernehmen ein paar Viktualien.“

„Ich denke, wir brauchen Proviant“, knurrte Carberry den Kutscher an. „Was sollen wir da mit Viktoriadingsbums?“

„Lebensmittel, Eßwaren“, sagte der Kutscher süffisant grinsend.

„Eben, das brauchen wir, aber keine Viadukte oder so’n Scheiß, wie du das nennst. Andenken haben wir genug.“

„Von Viadukten habe ich auch nichts gesagt. Wir passen ohnehin nur sehr schlecht auf eine Schebecke und wirken an Land viel gefälliger. Aber damit du nicht ganz so dämlich stirbst: Viktualien sind Lebensmittel.“

Der Profos stemmte die Pranken in die Hüften und sah den schmalbrüstigen Kutscher lauernd an.

„So?“ fragte er höhnisch. „Und die Viktualienbrüder, was, wie? Störtebeker, der Freiherr von Alkun, hat der vielleicht nur Lebensmittel geklaut?“

Der Kutscher rang verzweifelt die Hände und schickte einen flehentlichen Blick zum heiteren Himmel.

„Oh, mein Gott“, sagte er inbrünstig, „dieser gelabsalbte Affenarsch – mit Verlaub – ist noch einmal der letzte Nagel zu meinem Sarg. Oder der letzte Stich in einer Leinenhülle, in der ich dereinst zum Meeresgrund hinabsinken werde. Diese Brüder waren keine Viktualienbrüder, mein Lieber, sondern nannten sich Vitalienbrüder, was ein kleiner, aber feiner Unterschied ist.“

„Sind nur ein paar lausige Buchstaben“, wehrte der Profos ab. „Da kann der Unterschied nicht allzu groß sein. Aber trotzdem behaupte ich noch immer, daß du das alles auch in einem Satz hättest sagen können.“

Die beiden stritten weiter miteinander herum.

Hasard gab inzwischen Dan O’Flynn ein Zeichen und lauschte weiter dem Disput Kutscher-Carberry, denn der wurde immer logischer, besonders von seiten des Profos, der wieder mal mit Argumenten glänzte, daß es einem die Stiefel auszog.

Dan O’Flynn hatte verstanden und winkte das Bumboot heran, sonst wäre es wirklich noch unter der Kimm verschwunden.

Sie luvten ein wenig an und gingen in den Wind, damit das kleine Versorgungsschiff mithalten konnte.

„In einem Satz läßt sich so etwas nicht sagen“, nahm der Kutscher den Faden wieder auf. „Das würde sonst kein Mensch kapieren.“

„Jedenfalls hättest du das mit den Lebensmitteln klarer ausdrücken können, dann hätte es keinen Streit mit den Proviantbrüdern gegeben.“

„Mit den Brüdern hat es ja auch keinen Streit gegeben, weil die schon lange nicht mehr leben. Störtebeker, der Freiherr von Alkun also, wurde bekanntlich vor rund zweihundert Jahren enthauptet. Und mit jemandem, der so lange tot ist, kann man wohl kaum streiten“, sagte der Kutscher spöttisch. „Das beweist mir nur wieder einmal, daß du nicht weiter denkst als bis ans nächste Schott.“

„Aber du denkst weiter, was?“ ereiferte sich der Profos. „Du feuerst mit Fremdwörtern rum, bläst deinen Wanst auf und spielst den Gelehrten, nur wen du den großen Macker raushängen willst. Wenn du einen Schluck Wasser trinkst, sagst du ja auch nicht: ‚Ich gestatte mir, meine Kehle mit einer Dosis Aqua anzufeuchten‘, oder?“

Die Kerle auf dem Achterdeck begannen zu grinsen.

Doch dann wurde der Disput unterbrochen, noch bevor der Kutscher etwas erwidern konnte.

Mac Pellew tänzelte heran. Er ging nicht, er tänzelte wahrhaftig, und das sah neckisch genug aus, wie er stehenblieb und ein essigsaures Grinsen auf sein Gesicht zauberte.

Er trug Kürbishosen, dazu ein rotes Wams, und auf den Kopf hatte er sich einen Hut mit einer langen wippenden Feder gesetzt. An seinen dürren Beinen trug er Schnallenschuhe.

„Spielst du hier den königlichen Hofnarren?“ fragte der Profos anzüglich. „Oder was soll dein dämliches Grinsen? Du siehst übrigens mit den Kürbishosen zum Schreien aus – wie ein Kürbis auf zwei Stelzen.“

„Da solltest du dich erst mal sehen“, schnappte Mac zurück. „In deinen Kürbishosen scheint ein Elefantenarsch zu stecken, der mit zwei dorischen Säulen herumtrampelt.“

Carberry grinste den Zweitkoch an.

„Deine Strümpfe schlagen auch Falten“, stellte er fest. „Du solltest deine Gräten vielleicht mal mit ein bißchen Werg auspolstern.“

„Heute sagen sich alle nur Artigkeiten“, erklärte der Kutscher. „Was ist los, Mac? Laß dich nur nicht vom Profos verbiestern, der hat heute offenbar seinen schlechten Tag.“

„Was los ist? Ha, der Profos kann mich mal, ich habe nämlich soeben etwas entdeckt. In dem Proviantboot befindet sich ein Frauenzimmer! Und was für eins!“ Mac drehte sich und deutete mit den Händen Kurven an, die beschreiben sollten, wie gut ausgestattet das Frauenzimmer mit allem war.

Augenblicklich war der Streit vergessen und die Köpfe aller fuhren herum. Augen stierten auf das Bumboot.

„Ihr braucht gar nicht so die Klüsen aufzureißen“, tönte Mac. „Ich habe die Lady zuerst entdeckt und lasse sie mir auch nicht so einfach wegnehmen. Außerdem hat sie ohnehin schon längst ein Auge auf mich geworfen.“

„Dann hat sie ja nur noch eins“, sagte der Profos grinsend. „Aber was heißt hier, du läßt dir nichts wegnehmen? Ist das vielleicht deine Lady, du verkorkster Spanier?“

„Sie wird meine“, verkündete Mac. „Ein feuriger Blick, und schon ist sie dahingeschmolzen wie Fett in der Pfanne. Ha, bei dem Anblick könnte ich glatt zur Harfe greifen und Verse schmieden.“

„Du kannst nicht mal Nägel schmieden, du lausiger Schürzenjäger“, brummte der Profos. „Kaum sieht diese angesengte Miesmuschel ein Weib, schon gehen ihr sämtliche Gäule durch.“

Der Profos mußte sich allerdings eingestehen, daß das Frauenzimmer wirklich Rasse hatte. Sie stand an Deck und blickte mit halboffenen Lippen auf die Schebecke. Sie hatte lange schwarze, bis auf die Schultern herabfallende Haare, eine schmale gerade Nase und einen verlockenden Kirschenmund. Ihre Augen waren dunkel, fast schwarz. Die Lady trug eine recht offenherzige rote Bluse, die an der Taille zusammengeknotet war. Ihr blaues Röckchen bedeckte gerade noch die Knie, und sie hatte schlanke, wohlgeformte Beine.

Alles in allem wirkte sie sehr „verkaufsfördernd“, denn Kerle, die auf dem Bumboot einkauften, starrten mehr die Señorita an, als daß sie auf die Preise achteten.

Fünf Männer befanden sich noch auf dem Boot. Einer stand am Ruder, zwei andere bargen gerade die kleinen Segel, als sie anlegten.

Mac Pellew pumpte seinen Brustkasten auf. Viel gab es da nicht zu pumpen, und damit er etwas breiter wurde, zog er auch den Hals noch etwas zwischen die Schultern.

Dann bombardierte er die Lady mit feurigen Blicken und stierte lüstern auf die Hügel, die sich unter der roten Bluse abzeichneten. Die war zwei Knöpfe weit geöffnet, was Mac Pellew veranlaßte, sich so weit übers Schanzkleid zu beugen, daß er fast frei in der Luft hing und beim nächsten Überholen über Stag gegangen wäre. Zu seinem Glück war die See aber ruhig.

Die Frau grüßte artig mit einem anmutigen Kopfnicken. Die Männer grüßten ebenfalls sehr höflich.

„Sie hat mir zugenickt“, erklärte Mac. „Sie hat sich sofort in mich verliebt.“

„Ausgerechnet dir“, grollte der Profos. „Sie hat allen zugenickt, und das hat weiter überhaupt nichts zu bedeuten. Das ist reine Höflichkeit.“

„Ich kenne die Frauen besser als du“, widersprach Mac. „Sieh nur, wie sie mich anschaut.“

Die Lady warf Mac tatsächlich einen Blick zu und musterte ihn. Dann verzogen sich ihre roten Lippen zu einem Lächeln.

Mac Pellew blies sich noch mehr auf und stolzierte wie ein Pfau auf dem Deck hin und her. Er hatte seinen schwärmerischen Blick drauf und lächelte zurück.

Der Profos mußte dieses Lächeln natürlich wieder anders deuten.

„Du grinst wie ein ausgestopfter Bilgenfrosch, der ’ne Zitrone im Maul hat“, lästerte er.

Damit konnte er Mac Pellew aber nicht treffen, denn der war beim Anblick der Lady über alles erhaben und sah hoheitsvoll über das Lästermaul hinweg.

Hasard beobachtete die Männer aus schmalen Augen. Auch das Schiff hatte er bereits einer gründlichen Musterung unterzogen. Es gab keine einzige Kanone an Deck, auch keine Drehbassen. Nicht einmal die Halterungen dafür waren zu erkennen.

Aus seiner erhöhten Position konnte er auch in den Stauraum blicken, wo sich alle möglichen Waren stapelten.

Er hielt nach einem eingezogenen Zwischendeck Ausschau, ähnlich jenem, wie die Piraten im Adriatischen Meer eins gehabt hatten.

Ferris sah den Blick des Seewolfs und schüttelte den Kopf.

„Keine doppelten Böden, Sir“, sagte er. „Ich habe schon überall hineingesehen. Es gibt nur noch drei kleine Kammern ganz achtern, und ich glaube nicht, daß sich da jemand versteckt hält.“

„Angeborenes Mißtrauen“, sagte Hasard. „Weiter nichts. Aber es ist ganz gut, wenn man auf Kleinigkeiten achtet. Sie haben uns schon mehr als einmal das Leben gerettet.“

„Das ist richtig.“

Inzwischen waren der Kutscher und ein paar Arwenacks übergestiegen, um einzukaufen. Der Anblick der Lady verführte buchstäblich zum Einkaufen. Fast alle hielten sich sehr unauffällig in ihrer Nähe auf und stierten Waren an, die sie ohnehin nicht kaufen wollten.

Mac Pellew, der immer noch mit durchgedrücktem Hohlkreuz an Deck stand und die Lady anpeilte, hatte jetzt auch nichts Eiligeres zu tun, als auf das Bumboot umzusteigen.

Er zog schon an Deck sein neckisches Hütchen mit der wippenden Feder und verneigte sich mit Grandezza. Den Hut hielt er mit einer weitausladenden Bewegung von sich. Das hatte er einmal bei Hofe gesehen, und es hatte ihm sehr imponiert.

Der Lady imponierte das offenbar ebenfalls, und sie erwiderte den verwegenen Gruß mit einem leichten Hofknicks, den Mac Pellew sofort mit einem Kratzfuß beantwortete. Er sah nicht die grinsenden Gesichter, und er sah auch nicht das wie zufällig hingestreckte Bein Edwin Carberrys, dem heute nichts besseres einfiel, als sein „Mackileinchen“ zu ärgern.

Mac hatte nur Augen für die Schöne, und so stolperte er prompt und fiel der Lady vor die hübschen Beine.

Das war ihm furchtbar peinlich, als er sich aufrappelte. Sein Kopf war knallrot angelaufen, doch die Lady ergriff seinen Arm und half ihm beim Aufstehen.

Mac schoß einen feurigen und zugleich dankbaren Blick ab und verneigte sich erneut.

„Was darf es denn sein?“ erkundigte sie sich mit lieblicher Stimme. „Welchen Wunsch haben Sie, Don …?“

„Don Mac … äh – Don Rafael“, murmelte Mac verlegen. „Ich – äh – ich dachte da an einen – einen …“

Er blickte sich hilfesuchend um und entdeckte zu seiner größten Freude ein paar herrliche Degen, die an einem Balken hingen.

„Einen Degen!“ rief er strahlend.

„Ah, Sie verstehen etwas davon, Don Rafael“, sagte die Schöne mit der lieblichen Stimme, „Sie sind ein wahrer Caballero. Ich werde Ihnen etwas zeigen, die besten Degen aus Toledo.“

Als sie sich umdrehte, zischte der Profos Mac zu: „Was willst du Spinner mit einem Degen – Käse schneiden oder die Kakerlaken damit pieksen?“

„Dir damit die Haut in Streifen von deinem Affenarsch schneiden“, gab Mac ruppig zurück, aber so, daß es die Lady nicht verstand.

„Haha! Paß lieber auf, daß du dir nicht selber was abschneidest!“

„Verpiß dich endlich“, fauchte Mac. „Du zerstörst mir nur das zarte Gespinst der Liebe, das soeben aufzublühen beginnt.“

„Dann bleibe bloß nicht mit dem Degen darin stecken“, spottete der Profos.

Die Schöne zeigte ihm den Degen, der wahrhaftig ein Meisterstück war.

Mac mußte ihn natürlich sofort ausprobieren. Er tänzelte ein paar Schritte auf den Planken herum, wie sich das für einen Caballero gehörte, und hieb dann aus dem Handgelenk zu.

Den Kürbis, den der Kutscher gerade zur Seite rollte, sah er zu spät.

Der Hieb mit der Toledoklinge spaltete den Kürbis in zwei Teile. Die eine Hälfte blieb liegen, die andere rollte zur Seite, ausgerechnet in dem Augenblick, als der Profos Kurs auf ein Regal nahm.

Edwin Carberry latschte mitten in die Kürbishälfte hinein. Er war so überrascht, in etwas Weiches zu treten, daß er einen leisen Schrei ausstieß.

Dann ging die Reise auch schon los.

Das Ding setzte sich in Bewegung, der Profos brüllte und ruderte verzweifelt mit den Armen, um Halt zu finden. Mit beiden Stiefeln stand er in dem Kürbis und schlitterte auf ein großes Regal zu. In dem Regal hingen Würste und Speckseiten, und die Schmalseite war mit frischen Hühnereiern aufgefüllt.

Mac Pellew schloß entsetzt die Augen, um das Bild verschwinden zu lassen. Aber seine Ohren konnte er nicht verschließen, als auch schon der entsetzliche Lärm zu hören war.

Carberry krachte mit seinem ganzen Gewicht in das Regal. Er streckte abwehrend die Hände aus, doch das half auch nichts mehr.

In einem Trümmerregen aus Würsten, Knoblauchkränzen und Speckseiten ging der Profos unter.

Das alles wäre gar nicht so schlimm gewesen, aber da waren noch die frischen Hühnereier, und die hielten der Belastung erst recht nicht stand. Die Schmalseite des Regals zerbrach unter dem Anprall, und nun prasselten die Eier auf den Profos nieder, der schützend die Hände über den Kopf hielt.

Auf dem Bumboot war alles starr vor Staunen, als sich der Profos aus der glitschigen Masse erhob. Er war gelb von oben bis unten.

Mac Pellew hätte ihn am liebsten mit einem chinesischen Riesenlümmel verglichen, aber das traute er sich nicht, und so sagte er nur jammernd: „Ohgottchen, ohgottchen.“

Auf dem Bumboot waren ein paar gotteslästerliche Flüche zu hören, als Carberry endlich auf den Beinen stand. Auf dem Kopf klebten ihm Eierschalen, auf dem Hemd, an der Kürbishose und den Stiefeln. Der halbe Kürbis war nur noch ein erbärmlicher Matschhaufen.

Mac Pellew sah nicht mehr hin. Er verneigte sich galant vor der staunenden Lady.

„Keine Sorge, verehrte Señorita. Für den Schaden kommen wir natürlich selbstverständlich auf. Es wäre mir eine Ehre, das kleine Erdbeben persönlich zu bezahlen.“

Die Kerle auf dem Bumboot grinsten bis an die Ohren, als der Profos wütend davonstapfte, sich den Glibber aus den Haaren strich und ihn mit einer schlenkernden Handbewegung Mac ins Gesicht feuerte.

„Du Blödmann!“ brüllte er den zusammenzuckenden Mac an. „Kaum hast du Idiot einen Degen in der Hand, da bringst du auch schon die halbe Mannschaft um. Aber darüber reden wir noch“, fügte er drohend hinzu, „dann nämlich, wenn ich mit dir Schlitten fahre. Du kannst dich auf etwas vorbereiten, was du noch nicht erlebt hast.“

„Du kannst deine Klüsen ja aufsperren“, fauchte Mac zurück. „Ein Kürbis ist schließlich groß genug, daß man nicht hineinlatscht. Nur aus diesem Grund sind die Kürbisse so groß.“

„Knallkopf!“ zischte der Profos ärgerlich. „Du hast ja nur Seegras in deinem verdammten Schädel. Dich nehme ich nachher zur Brust, bis du die Kürbishosen bis oben hin voll hast.“

Nach dieser fürchterlichen Drohung kehrte der Profos vergrätzt an Bord zurück. Er hatte sich bis auf die Knochen blamiert, fand er.

6.

Von diesem Zeitpunkt an nahm das Unheil fast unmerklich seinen Lauf.

Der Ire Mac O’Higgins, genannt Higgy, verließ ohne ein Wort ganz plötzlich den Ausguck und ging zum Achterdeck.

Hasard sah ihn erstaunt an, denn es war mehr als ungewöhnlich, daß der Ausguck einfach seinen Posten verließ.

„Was soll das?“ fragte er scharf.

„Bitte um Entschuldigung, Sir“, sagte Higgy leise. „Ich wollte es wegen den anderen nicht über Deck brüllen. Das wäre vielleicht aufgefallen. Genau voraus an der Kimm sind vier Masten zu erkennen. Wahrscheinlich spanische Schiffe, Sir.“

„Sehr gut“, sagte Hasard. „Solange das Boot hier liegt, werden wir es auch weiter so halten. Du hast ganz richtig gehandelt, Higgy.“

Der Ire, jetzt hatte er schwarzgefärbte Haare, zog wieder ab auf seinen Posten.

Über Hasards Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte, als er sich an Dan wandte.

„Sieh mal unauffällig durch den Kieker, Dan. Das paßt mir überhaupt nicht, daß jetzt spanische Schiffe auftauchen.“

„Kein Zweifel, es sind Kriegsgaleonen“, sagte Dan. „Aber sie segeln nicht auf uns zu. Sie verschwinden irgendwo hinter der Küste.“

„Unser Glück. Sobald das Bumboot abgelegt hat, werden wir uns hier in der Nähe herumtreiben oder Kurs Süd segeln, bis die afrikanische Küste in Sicht ist. Ich bin nicht unbedingt scharf darauf, ausgerechnet Kriegsschiffen zu begegnen.“

„Darauf bin ich auch nicht versessen. Wir brauchen die Begegnung ja nicht zu provozieren. Wenn die Luft wieder rein ist, segeln wir eben weiter.“

„Genau das habe ich vor.“

Der Kutscher hatte inzwischen eingekauft und alles auf seiner schnell zusammengestellten Liste abgehakt. Jetzt gab es auch wieder frisches Fleisch an Bord.

Mac Pellew kaufte zwei Flaschen Parfum. Er gab sehr viel Geld aus und war ständig um die Lady herum. Eine der Parfumflaschen überreichte er der Lady als Geschenk und erntete einen feurigen Blick aus den dunklen Augen, der sich in seine Seele brannte.

Dann zog er beglückt ab, nachdem er alles bezahlt hatte, auch den Schaden, den Carberry durch seine, Macs, Schuld angerichtet hatte. An der Seite trug er stolz den neuerworbenen Degen.

Don Juan nahm ihm hilfreich ein paar Sachen ab, damit Mac nicht mit dem Degen irgendwo hängenblieb, denn er stellte sich reichlich ungeschickt mit dem Piekser an.

Einer der Männer von dem Bumboot sah Don Juan an und lächelte ihm flüchtig zu. Doch das Lächeln erstarb im selben Augenblick. Der Mann wurde schlagartig auffallend blaß.

„Fehlt Ihnen etwas?“ erkundigte sich Don Juan freundlich. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Der Mann wechselte erneut die Gesichtsfarbe. Jetzt wurde er fast graugrün und begann heftig zu schlucken. Er starrte Don Juan wie ein Wesen aus einer anderen Welt an.

Dann krächzte er etwas, das Don Juan nicht verstand. Er wunderte sich nur über das seltsame Verhalten seines Landsmannes.

„Was ist denn?“ hakte er nach.

„Ich – mein Herz“, stöhnte der Mann und griff sich an die Brust. „Es ist nicht schlimm, nur ein kleiner Anfall.“

„Einen Augenblick, wir helfen Ihnen, wir haben einen vorzüglichen Feldscher an Bord.“

Der Kutscher war sofort zur Stelle, sah sich den Spanier an, fühlte seinen Puls und legte ihm dann die Hand aufs Herz, das wie rasend in der Brust schlug.

„Lassen Sie nur, es geht wieder vorüber“, sagte der Spanier. „Ich habe die Anfälle öfter, sie dauern nicht lange.“

Die gesunde Farbe kehrte nach und nach in sein Gesicht zurück. Der Spanier lächelte verkniffen, bedankte sich flüchtig und begab sich unverzüglich unter Deck.

Das Bumboot legte ab, setzte die Segel und ging danach auf Westkurs, während die Schebecke noch in den Wind gedreht dümpelte.

Ein letztes, flüchtiges Winken, dann griff der Wind in die Segel des seltsamen Fahrzeugs und trieb es übers Wasser.

„Der hat nur simuliert“, sagte der Kutscher. „Der hat im Leben nichts am Herzen.“

„Warum sollte er simulieren?“ fragte Don Juan.

„Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Aber bei einer Herzattacke bildet sich Schweiß auf der Stirn, und die Symptome stellen sich völlig anders dar. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat uns der Kerl was vorgetäuscht.“

„Er wurde erst ganz blaß und dann richtig grau.“

„Wirklich seltsam“, meinte der Kutscher nachdenklich. „Der muß sich über irgend etwas furchtbar aufgeregt haben. Den Eindruck hatte ich jedenfalls.“

Kopfschüttelnd sah Don Juan dem Bumboot nach. Der Mann war noch nicht wieder an Deck erschienen.

„Vielleicht hatte er doch etwas, und jetzt hat er sich hingelegt, um sich auszuruhen“, murmelte er.

„Für mich war er ein Simulant.“

Damit war das Thema vorerst erledigt. Das Bumboot wurde kleiner und kleiner und segelte schließlich dicht unter der Küste entlang, bis es ihren Blicken entschwand.

Die Seewölfe hielten nach den Kriegsschiffen Ausschau. Die vier Masten und die Segel waren immer noch zu sehen, etwas größer jetzt.

„Wir bleiben vorerst noch so liegen“, entschied Hasard. „Einer dieser spanischen Pötte scheint ein ausgesprochener Feuerspucker zu sein. Es ist ein Dreidecker mit der entsprechenden Anzahl von Stücken.“

„Und was für einer“, stimmte Dan zu. „Ich sehe den Kahn zwar nur verschwommen, aber auf einem Geschützdeck hat er etliche Drachen oder Doppelcolubrinen an Bord. Die haben ein Geschoßgewicht von vierzig Pfund, bei einer Rohrlänge von L einunddreißig.“

L stand für die Rohrlänge, und die nachgestellte Zahl gab das Verhältnis der Rohrlänge zum Kaliber an. In diesem Fall bedeutete L 31 eine Rohrlänge von 31 Rohrkalibern.

„Sehr treffend“, sagte Don Juan. „Bist du mal bei einem Rohrgießer in die Lehre gegangen, weil du das so genau weißt?“

„Beinahe wäre ich bei einem Sargtischler in die Lehre gegangen“, erwiderte Dan. „Ich konnte aber noch rechtzeitig auskneifen. Ich habe mich allerdings mit Geschützen etwas näher befaßt.“

„Das ist immer sehr viel wert“, sagte der Spanier. „Die Dinger haben auch eine erstaunliche Reichweite.“

Auf dem Achterdeck unterhielten sie sich weiter darüber, wie sie vorgehen wollten, um die Spanier zu leimen. Auf der Kuhl dagegen schien sich ein Drama anzubahnen, denn jetzt erschien der racheschnaubende Carberry, frisch gewaschen und neu gekleidet.

Er erblickte Mac Pellew und grinste hinterhältig. Mac prahlte gerade damit herum, wie die Señorita ihn angehimmelt habe. Ganz verliebt sei sie in ihn gewesen.

„Aha, da tönt das lausige Rübenschwein wieder herum“, sagte der Profos knurrig. „Das wird dir gleich vergehen, wenn ich dir die Gräten langziehe. Jetzt rechnen wir ab.“

„Du wirst dich doch nicht an Mac vergreifen wollen“, sagte der Kutscher biestig. „Dann kriegst du es nämlich mit mir ebenfalls zu tun.“

„Euch beide zerstampfe ich mit links.“

Der Kutscher trat einen Schritt vor und stellte sich dem Profos in den Weg. Er reckte den Kopf vor und funkelte den Profos an.

„Hör mal zu, Mister Carberry“, sagte er drohend. „Wer hat denn Mac vorhin ein Bein gestellt, daß er auf die Nase gefallen ist, he? Der flog nämlich nicht von allein auf die Planken, denn da war ein Stiefel im Weg, ein verdammt großer Stiefel, so groß wie ein Torfkahn. Ich habe das genau gesehen.“

„Ich?“ tat der Profos entrüstet. „Ich doch nicht! Wo werde ich denn Mac ein Bein stellen?“

„Auf dem Bumboot. Du brauchst es nicht zu leugnen, Mister Carberry. Das war hinterhältig von dir, aber Mac hat nicht hinterhältig gehandelt und dich absichtlich auf dem Kürbis ausrutschen lassen. Das war lediglich eine Verkettung unglückseliger Umstände. Er war eben ein bißchen übereifrig, um der Lady zu imponieren.“

Der Profos schob den Kutscher aus dem Weg und törnte auf Mac los, der erschrocken zurückwich. Dann aber blitzte es plötzlich in seinen Augen kampfeslustig auf. Mit einer schnellen Bewegung zog er den Degen und richtete die Spitze auf den verblüfften Profos.

„Noch einen Schritt, und ich durchlöchere dich“, keifte er mit schriller Stimme.

„Aber Mackileinchen“, sagte der Profos entsetzt, „du willst doch nicht deinen alten Freund mit dem Dings da pieksen.“

„Klar, will ich das“, sagte Mac entschlossen. „Wenn du mir auf den Pelz rückst, stech ich dir die Pelle an, bis die Bouillon rausläuft. Das ist mein voller Ernst.“

Carberry kratzte sich verblüfft das Rammkinn.

„Ich wollte mich doch nur bei dir entschuldigen“, murmelte er, „weil ich aus Versehen mein Bein so unglücklich gestellt hatte.“

„Du – du willst dich entschuldigen?“

„Na klar, was sonst? Aber lege bloß den Käseschneider weg, sonst können wir uns nicht umarmen.“

„Wenn das wieder so ein mieser Trick von dir ist – dann …“

„Kein Trick, ich werde dir schon nicht die Luft abdrücken. Nun sei wieder ein lieber Freund, Mackileinchen.“

Mac Pellew warf den Degen auf die Planken, wo er zitternd steckenblieb. Dann umarmten sich die beiden Kerle und hieben sich gegenseitig auf die Schultern.

„Mann“, sagte der Kutscher andächtig, „aus den zwei Klotzköpfen soll nun einer schlau werden. Erst wollen sie sich gegenseitig abmurksen, und jetzt fallen sie sich um den Hals.“

„Dann will ich mich auch entschuldigen“, schniefte Mac gerührt. Er griff in das rote Wams und brachte eine Flasche zum Vorschein. Sie enthielt Parfum, das er auf dem Bumboot gekauft hatte.

„Das ist für dich, Eddylein“, sagte er, „damit du immer gut riechst, wenn mal eine Lady in der Nähe ist. Das überdeckt auch den Geruch von den Eiern, die dir auf die Birne gefallen sind. Und wenn du dich rasierst, dann kannst du es auch benutzen, das erfrischt so angenehm.“

Diesmal war der Profos sehr gerührt. Er umarmte sein liebes Mackileinchen noch einmal herzhaft und bedankte sich überschwenglich.

„Jasminduft“, sagte Mac stolz, als der Profos neugierig das Fläschchen öffnete und daran schnupperte.

„Ah“, sagte der Profos, „das duftet, das Wässerchen. Jasmin, das ist meine Lieblingsfarbe, äh – mein Lieblingsduft, meine ich natürlich. Das riecht einfach himmlisch.“

Der Profos goß etwas von dem Duftwässerchen in seine riesige Pranke und fuhr sich damit durch das Gesicht. Dann schnupperte er begeistert.

Smoky verließ gerade nichtsahnend die Kombüse. Er trat an Deck, schnüffelte mißtrauisch und sah sich nach allen Seiten um.

„Heilige Seeschlange“, sagte er entgeistert. „Was stinkt denn hier so entsetzlich? Das riecht ja wie ein Misthaufen mit Veilchen.“

„Misthaufen mit Veilchen?“ fragte der Profos. „Wiederhole das noch einmal, du dillgetränkte Seegurke, dann wickel ich dich achtmal ums Bratspill und häng dich ins Gei.“

„Na ja“, sagte Smoky abschwächend, „es riecht ein bißchen nach abgestandener Jauche. Oder habe ich was Falsches gesagt? Was ist denn hier überhaupt los?“

„Mac hat dem Profos Parfum geschenkt“, sagte der Kutscher grinsend. „Damit er besser duftet. Jasminblütenparfüm ist das.“

„Ja, wenn das so ist“, meinte Smoky trocken, „dann muß ich mich wohl verrochen haben.“

„Das will ich auch schwer hoffen“, knurrte der Profos. „Ich lasse Mac doch nicht beleidigen, wo der soviel Geld für mich ausgegeben hat. Stimmt’s, Mackileinchen?“

Mac bestätigte lebhaft, daß es stimme. Das Wässerchen sei nicht gerade billig gewesen.

Smoky sagte nichts mehr. Mit dem Profos kam er heute sowieso nicht klar, der war einfach undurchschaubar geworden. Aber er fand, daß es doch entsetzlich stank, und dieser Gestank, den Ed als „lieblichen Duft“ bezeichnete, durchdrang das gesamte Schiff. Aber das behielt er lieber für sich.

Er stellte aber mit einem feinen Grinsen fest, daß auch etliche andere sehr bedenkliche Gesichter zögen, sobald sie am Profos vorbeigingen. Der Geruch behagte ihnen offenbar ebenfalls nicht.

José, der ältere Mann auf dem Bumboot, erschien nach einer Weile wieder an Deck. Er wirkte immer noch sehr verstört und ließ sich erst dann blicken, als die Schebecke nur noch als Strich zu erkennen war.

„Was soll dein seltsames Benehmen?“ fragte die schwarzhaarige Señorita. „Willst du uns nicht sagen, was passiert ist? Das mit deinem Herzanfall war doch nur ein Vorwand.“

„Ja, es war nur ein Vorwand“, sagte José erleichtert. „Aber jetzt sind wir reich und können ein paar lange Jahre ohne das Bumboot auskommen.“

Die vier anderen Männer und die Frau sahen ihn verständnislos an.

„Kannst du das etwas klarer ausdrücken?“

„Ich war vor Jahren Kundschafter Seiner Majestät des Königs, das ist euch ja bekannt.“

Als die anderen nickten, fuhr er fort: „Auf der Schebecke achteraus befindet sich ein Mann, den ich kenne, der mich aber offenbar nicht erkannt hat, obwohl er sich persönlich um mich bemühte. Vielleicht hat er mich auch nicht erkannt, weil ich inzwischen älter geworden bin und er sich kaum verändert hat. Es ist Don Juan de Alcazar im Range eines Generalkapitäns, ausgestattet mit Sondervollmachten der Casa Contratación. Er war Sonderbeauftragter der spanischen Krone und hatte den Auftrag, El Lobo del Mar zu fangen und nach Spanien zu bringen, wo man ihn aburteilen würde.“

„Schön und gut“, sagte die Señorita, „aber was hat das mit unserem plötzlichen Reichtum zu tun? Wenn wir Lobo del Mar gefangen hätten, könnte ich das ja noch verstehen, aber dieser Mann …“

Sie ließ den Rest offen und sah José fragend an.

Dem war von der Aufregung jetzt nichts mehr anzusehen. Er hatte sich wieder ganz in der Gewalt.

„Für den Mann mit den schiefergrauen Augen und der sehnigen Statur hat die spanische Krone eine Belohnung von zehntausend Reales ausgesetzt. Das Geld gehört dem, der die Behörden auf ihn hinweist und wird nach seiner Ergreifung ausgezahlt.“

„Zehntausend Reales?“ fragte ein anderer entgeistert. „Und dafür brauchen wir nichts weiter zu tun, als den Kerl den Behörden zu melden?“

„So ist es.“

„Was hat er denn verbrochen?“ fragte die Señorita neugierig. „Er sah gar nicht wie ein Gewaltverbrecher aus.“

„Er segelte vor fast genau vier Jahren mit der ‚Santissima Maria‘ nach Havanna und sorgte dort für einigen Wirbel. Dann verschwand er ganz plötzlich. Später wurde mir zugetragen, daß er mit Lobo del Mar zusammen gesehen wurde, ein paar Male. Er soll auch auf einem seiner Schiffe gefahren sein. Man sprach davon, daß die beiden sich verbrüdert hätten und gemeinsam gegen Spanien kämpften. Ich weiß das alles so genau, weil ich selbst einmal Mitglied der Hohen Casa war.“

„Das ist ja ein Ding“, sagte einer andächtig. „Dann ist er also ein Staatsfeind.“

„Ja, natürlich. Deshalb auch die hohe Belohnung. Man hat jahrelang nach ihm geforscht, aber die Spuren verliefen immer wieder im Sande. Jetzt ist er zurückgekehrt, aber gewiß nicht, um in Spanien zu bleiben. Er will sich auf einer Mauren-Schebecke durch die Straße von Gibraltar mogeln. Der Teufel mag wissen, wie er aus der Karibik ins Mittelmeer gelangt ist.“

„Was tun wir denn jetzt – ihn denunzieren?“

„Was heißt hier denunzieren?“ empörte sich José. „Ich tue nichts weiter als meine vaterländische Pflicht, wenn ich das melde. Das hat mit Denunzieren absolut nichts zu tun.“

Die Señorita sah José durchdringend an. Sie bewies gleich darauf, daß sie ein helles Köpfchen hatte.

„Du sagtest, dieser Don Juan habe sich mit Lobo del Mar verbrüdert oder verbündet.“

„Das ist eine feststehende Tatsache.“

„Könnte es nicht sein, daß sich El Lobo del Mar ebenfalls an Bord der Schebecke befindet? Mir läuft regelrecht ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke.“

José schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Nachdem ich de Alcazar erkannt habe, hielt ich gleich Ausschau, aber Lobo del Mar war nicht auf dem Schiff.“

Die Señorita blieb hartnäckig. „Vielleicht hatte er sich unter Deck verborgen.“

„Ein Lobo del Mar versteckt sich nicht, meine Liebe, der nicht.“

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit“, sagte einer der Decksleute. „Daß auf der Schebecke Spanier waren, steht außer Zweifel. Es könnte ja sein, daß sie de Alcazar gefangen haben und in den nächsten Hafen bringen.“

Bei José löste diese Vorstellung leises Gelächter aus.

„Was würdest du denn tun, wenn du ihn an Bord deines Schiffes hättest?“

„Ich würde ihn in Eisen schließen und einsperren.“

„Na, siehst du! Dann erübrigt sich jede weitere Diskussion. Kein Kapitän wäre so dumm, ihn an Deck herumspazieren zu lassen. Dazu ist dieser Mann viel zu gefährlich.“

„Was tun wir jetzt?“

„Wir segeln auf schnellstem Weg zu den Kriegsschiffen, die vor Gibraltar liegen, und melden das. Der Generalkapitän wird dann schon entscheiden, was er zu tun hat.“

„Etwas ist an der ganzen Sache ebenfalls noch merkwürdig“, sagte die Señorita leise. „Das Schiff segelt nicht weiter, es liegt beigedreht und ist in den Wind gegangen. Kann mir vielleicht einer erklären, warum sie das tun?“

„Weil sie etwas zu verbergen haben. Sie haben natürlich die Masten der Schiffe gesehen und warten nun ab, bis die Galeonen die Küste angelaufen haben. Das wird gleich der Fall sein, aber bis dahin müssen wir den Generalkapitän alarmiert haben, sonst können wir dem Kopfgeld nachtrauern.“

„Kopfgeld – wie sich das anhört“, meinte die Frau. „Um so einen Mann ist es eigentlich schade. Er könnte ein Grande sein. Was erwartet ihn im Fall seiner Ergreifung?“

„Man wirft ihm Hochverrat, Renegatentum, Kollaboration und Verrat an der Krone vor. Wenn sie ihn schnappen, werden sie ihn aburteilen – und danach erwartet ihn die Garotte.“

„Wie furchtbar. Das ist doch das Würgeeisen.“

„Ich sah mal bei einer Hinrichtung zu“, sagte José. „Da wurde dem Delinquenten ein Eisenband um den Hals gelegt, an dem sich eine Schraube befand. Der Henker drehte die Schraube zusammen, bis dem Delinquenten der Dorn in das Genick drang und ihn tötete. Manche Henker drehen die Schraube absichtlich sehr langsam zu. Es ist ein qualvoller und langsamer Tod.“

„Hör auf, José“, bat die Frau sichtlich blaß. „Ich kann das nicht mehr hören.“

Das kleine Bumboot wurde in eine Bucht gesteuert, wo hinter hohen Felsen die Kriegsgaleonen der Spanier vor Anker lagen. Drei mächtige Feuerspucker waren es, unterstützt von Karavellen, Schaluppen und weiteren kleineren Galeonen.

José wußte, daß sie in ein paar Tagen nach Havanna segeln würden, um dort Geleitschutz für die Silberschiffe zu fahren.

Er steuerte direkt die „El Lucifero“ an, einen mächtigen Dreidecker, der gerade vor Anker gegangen war. Zwei weitere Schiffe befanden sich noch draußen. Sie waren in Tanger gewesen, wo sie einen maurischen Aufstand „befriedet“ hatten.

José, als ehemaliges Mitglied der Casa Contratación, kannte den Generalkapitän Don Miguel de Salamanca persönlich und ließ sich bei ihm melden. Es sei überaus dringend, versicherte er.

Es dauerte auch nur ein paar Minuten, bis er vorgelassen wurde.

Dann berichtete er, was sich zugetragen hatte.

Etwas später herrschte auf allen Schiffen Wuhling. Alles wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

7.

Das Bumboot war längst verschwunden und nicht mehr zu sehen.

Keiner an Bord der Schebecke hatte die geringste Ahnung davon, daß man Don Juan erkannt hatte und bei den Dons jetzt eine außergewöhnlich hektische Betriebsamkeit herrschte.

Don Juan selbst hatte den Mann nicht erkannt und dachte auch gar nicht mehr an den kleinen Vorfall.

„Die Pötte sind offenbar in den Hafen eingelaufen“, sagte Dan O’Flynn. „Es ist nichts mehr von ihnen zu sehen.“

Hasard warf selbst noch einen Blick durch den Kieker.

„Dann segeln wir weiter“, entschied er. „Wir werden uns nachher noch schwer genug mit dem Segeln tun, denn die West-Ost-Strömung ist sehr stark, außerdem haben wir ausgerechnet jetzt nicht den günstigsten Wind.“

„Der einzige, der sich freuen wird, ist Arwenack“, sagte Ben. „Der sieht nachher ein paar seiner Artgenossen auf den Kalkfelsen, die sich da in Massen tummeln.“

„So dicht werden wir den Felsen sicher nicht passieren“, entgegnete der Seewolf. „Wir halten einen geziemenden Abstand zur spanischen Küste.“

Er wollte gerade den Befehl geben, weiterzusegeln, als Dan O’Flynn nach seinem Arm griff.

„Da, die Segel“, sagte er. „Da gehen ein oder zwei Dons in See.“

„Verdammt!“ entfuhr es Hasard. „Gerade jetzt. Wir segeln einen kleinen Schlag in westliche Richtung.“

Ein paar Minuten später war eine große Kriegsgaleone zu sehen, die Kurs Süd nahm und zur afrikanischen Küste segelte. Ihr folgte eine kleinere Galeone, die ebenfalls stark armiert war. Auch die marschierte stur Südkurs und klüste hinter der anderen her.

„Keine Gefahr“, meldete Dan nach einer Weile. „Die ehrenwerten Dons geruhen, uns nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen. Die haben etwas anderes vor.“

Hasard blieb trotzdem noch eine Weile abwartend auf dem Westkurs. Die Galeonen bewegten sich äußerst langsam und schwerfällig über die See.

„Wir segeln weiter“, sagte Hasard zu Pete Ballie. „Geh auf den alten Kurs zurück, Pete.“

„Aye, aye, Sir.“

Weitere spanische Schiffe waren nicht zu sehen. Falls man auf sie aufmerksam werden würde, konnte ihnen nichts mehr passieren, denn die Galeonen hatten ebenso gegen die starke Strömung anzukämpfen wie sie selbst und waren noch schwerfälliger.

Eine halbe Stunde später war der „Felsen des Tarik“ bereits verschwommen zu erkennen. Da änderte sich alles abrupt und ganz überraschend.

Sie hatten eine Landzunge passiert, hinter der zwei spanische Galeonen lagen. Die Dons schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit, als sie vorbeisegelten.

Hasard grinste ein wenig. Die Dons hatten ihre Segel so schlampig ins Gei gehängt, daß sie wie lange Fahnen flatterten. Bei dem anderen Schiff waren nur die Schoten und Brassen gefiert worden. Die Segel hingen wie lange Leichentücher nieder, die der Wind bewegte.

„Keine Lust zum Auftauchen, diese Rübenschweine, was, wie?“ lästerte der Profos. „Die pennen lieber, die Säcke.“

„Weiß der Teufel“, murmelte Old O’Flynn vor sich hin. „Ich habe so ein lausiges Gefühl im Magen, als seien da Ameisen eingewandert.“

„Dann besorg’ dir noch ’nen Ameisenbär“, schlug Carberry vor. „Der räumt da prächtig auf.“

Hasard sah den Alten an, der verkniffen auf die Felsen voraus starrte. Er wollte es nicht zugeben, aber ihn hatte ebenfalls ein eigenartiges Gefühl befallen, das er sich nicht erklären konnte. Es war wie ein dumpfer Druck, der über allem lastete.

Er wandte den Blick ab, sah nach Backbord – und schluckte unbewußt.

Die beiden auf Südkurs laufenden Galeonen hatten ihren Kurs geändert.

Der Feuerspucker klüste jetzt achteraus nach Nordwest, und die kleinere Galeone törnte auch nicht mehr hinterher. Sie lag auf Westkurs.

„Eigenartig“, sagte Ben Brighton in die Stille hinein, die auf dem Achterdeck herrschte.

„Ja, wirklich“, murmelte Hasard. „Ihr Abstand vergrößert sich ständig. Was mag das Manöver zu bedeuten haben?“

Die Stille auf der Schebecke war fast greifbar. Alles schien den Atem anzuhalten. Die Blicke fast aller waren auf die beiden Dons gerichtet, und jeder rätselte über das seltsame Manöver.

„Wenn ich es nicht besser wüßte, dann schätze ich, sie wollen uns von achtern in die Zange nehmen“, sagte Dan und grinste verkniffen. „Aber das ist natürlich Unsinn, wir sind immer noch schneller.“

Die Falle der Spanier schnappte langsam zu, und an Bord hatte immer noch keiner die geringste Ahnung.

„Schiffe voraus!“ brüllte Stenmark aus dem Ausguck.

Da rauschten sie auch schon hinter den Felsen hervor. Zwei große Dreidecker mit gewaltigen Kanonen, ein paar Schaluppen, zwei Karavellen.

Achteraus tat sich auch einiges.

Die beiden Galeonen mit den schlampig aufgepackten Segeln glitten aus der Bucht und schoben sich schnell weiter hervor.

„Leck mich am Arsch“, sagte der Profos grimmig. „Die haben es auf uns abgesehen.“

„Ja, kein Zweifel“, sagte der Seewolf hart und knapp.

Die sonst so behäbig wirkenden Dons waren wie ein Unwetter aus dem Nichts erschienen.

Zwei schnelle Karavellen liefen auf Südkurs ab, um ein Ausbrechen der Schebecke zu verhindern. Ein paar Schaluppen folgten. Sie alle hatten nichts anderes vor, als den Arwenacks den Weg zu verlegen.

„Hart Backbord, Pete!“ rief der Seewolf. „Wir versuchen, nach Süden durchzubrechen.“

Hasard sah jedoch, daß es fast unmöglich geworden war, denn die achteraus segelnden Schiffe verlegten den Weg und törnten südwärts.

Die voraussegelnden Schiffe hatten den günstigeren Wind und näherten sich schnell. Auch die Strömung schob noch kräftig mit.

Die Seewölfe dagegen mußten gegen den Wind anklüsen und hatten die West-Ost-Strömung noch gegen sich.

Die Spanier waren eindeutig im Vorteil und überlegen.

Noch mehr Schiffe drängten aus der Bucht. Überall an Bord waren mit Helmen und Brustpanzern ausgerüstete Soldaten zu sehen. Die gewaltigen Rohre auf den Feuerspuckern waren ausgerannt und drohten herüber.

„Das war mein mulmiges Gefühl“, sagte Old Donegal trocken. „Jetzt bin ich es endlich los.“

„Was, zum Teufel, können die von uns wollen?“ fragte Hasard.

Er erhielt keine Antwort auf die Frage, weil keiner eine wußte.

Ein Durchbruch war sinnlos. Hasard hätte eine der schnellen Karavellen rammen müssen, und dabei hätte es auf beiden Seiten nur Bruch und Trümmer gegeben.

Eine weitere Entscheidung wurde ihm aus der Hand genommen.

Auf dem Feuerspucker blitzte es im Zwischendeck grell auf. Sechs Stücke feuerten gleichzeitig.

Ein gewaltiger Donner erklang. Noch bevor die Kugeln in die See schlugen, blitzte es bei der einen Karavelle ebenfalls auf.

Rings um die Schebecke stiegen riesige Fontänen aus der See. Das Wasser kochte und schäumte.

Eine Schaluppe mit behelmten Dons näherte sich rasch und luvte hart an, als sie mit der Schebecke auf gleicher Höhe war.

Ein vierschrötiger Kerl mit einem glänzenden Helm auf dem Kopf legte die Hände vor den Mund und preite sie an. Es war ein Teniente.

„Luven Sie an, und streichen Sie die Segel!“ brüllte er. „Wenn Sie es nicht sofort tun, werden Sie zusammengeschossen!“

„Wir sind freie Handelsfahrer!“ brüllte Hasard zurück. „Was fällt Ihnen ein, auf uns zu feuern? Mit welchem Recht tun Sie das?“

„Streichen Sie sofort die Segel!“ brüllte der Teniente wild. „Und stellen Sie keine anmaßenden Fragen. Das ist mein letztes Wort.“

Hasard blickte noch einmal nach allen Seiten und fluchte leise.

Da war nichts mehr zu tun. Die Kriegsschiffe hatten sich so weit genähert, daß sie die Schebecke zu Staub zerblasen würden, wenn sie ihre Rohre abfeuerten. Das andere waren nur Warnschüsse gewesen.

Zähneknirschend mußte Hasard sich eingestehen, daß sie hoffnungslos in einer geschickt aufgebauten Falle saßen, aus der es kein Entrinnen mehr gab.

Widerstand leisten, ebenfalls das Feuer eröffnen? No, Sir, dann sind meine Arwenacks erledigt, und keiner wird es überleben. Diesmal war der Gegner zu mächtig, das sah Hasard ein.

Die Stimme des Teniente riß ihn wieder hoch.

„Wird’s bald? Runter mit dem Zeug! Wir wollen nur Ihr Schiff durchsuchen, weiter nichts!“

Hasard fragte nicht, nach was sie suchen wollten. Er hätte ohnehin keine Antwort erhalten.

Dann fiel es ihm blitzartig wie ein Schleier von den Augen.

„Die suchen mich“, sagte er leise. „Das Bumboot – einer der Kerle muß mich trotz des Bartes erkannt haben. Ja, nur so kann es gewesen sein.“

Der Profos schrumpfte sichtlich zusammen, als er das hörte.

„Vielleicht finden sie nur unser Schiff ungewöhnlich“, meinte er beklommen. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß dich einer erkannt hat, Sir. Wollen wir es nicht trotzdem versuchen? Sind zwar nur etwa zweitausend Mann, aber irgendwie wird’s schon klappen.“

„Nein“, sagte Hasard heiser. „Ich lasse euch nicht umbringen, kommt gar nicht in Frage. Keiner würde es überleben. Ein Mann muß immer wissen, wo ihm Grenzen gesetzt sind. Anluven und runter mit den Segeln!“ befahl er dann.

„Recht so!“ brüllte der Teniente, als die Schebecke hoch an den Wind ging.

Hasard wog ein letztes Mal seine Chancen ab. Aber da gab es keine mehr. Die achteraus segelnden Galeonen waren nicht zu überrumpeln.

„So ein Scheiß“, sagte der Profos sauer. „Jetzt müssen wir jeder unsere Rolle einwandfrei spielen, sonst ziehen uns die verdammten Dons die Hälse lang. Und lange Hälse wollt ihr doch nicht, was, wie?“

„Nicht unbedingt“, sagte Matt Davies. „Dann sehen wir ja wie Giraffen aus.“

Sie grinsten alle ein bißchen, aber die reine Freude war es nicht. Nur bei Mac Pellew fiel das nicht auf, denn der trug wieder sein berühmtes Essiggurkengesicht zur Schau.

„Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie dich erkannt haben“, sagte Don Juan. „Das wäre wahrhaftig ein dummer Zufall.“

„So was gibt es leider.“

Sie dümpelten jetzt in der Strömung ohne Segel. Sanft bewegte sich die Schebecke von einer Seite zur anderen, eingekreist von den Kriegsschiffen Seiner Allerkatholischsten Majestät. Der ganze Verband trieb mit der Strömung langsam in östliche Richtung.

Dicht vor ihnen waren die gewaltigen Schlünde der Kanonen zu erkennen. Etliche Vierzigpfünder waren auf die Schebecke gerichtet. Überall auf den Decks standen Soldaten.

Die Dons ließen sich Zeit. Eine der Schaluppen törnte zu dem Riesenschiff „El Lucifero“ und legte dort an. Ein Teniente erklomm kurze Zeit später das Achterdeck und meldete etwas.

„Ein Generalkapitän“, sagte Don Juan.

„Dann habt ihr ja den gleichen Rang“, spottete Hasard.

Don Juan grinste trotz der verfahrenen Situation.

„Mir wird man meinen Rang längst abgenommen haben. Ich fürchte nur, daß jener Generalkapitän ein gewisser Don Miguel de Salamanca ist.“

„Was bedeutet das?“

„Wir kennen uns von früher.“

„Verdammt!“ zischte Hasard. „Und dann bist du noch nicht unter Deck? Verschwinde augenblicklich!“

„Ich verstecke mich nicht vor meinen Gegnern.“

„Das solltest du aber, denn wenn er dich erkennt, wirst du dir eine Menge Ärger einhandeln.“

„Du gehst das gleiche Risiko ein, auch mit Bart“, erwiderte der Spanier. „Du versteckst dich ja auch nicht, obwohl die Gefahr durchaus besteht, daß man dich ebenfalls erkennt.“

„Ich bin der Kapitän.“

„Und ich der Generalkapitän“, sagte Don Juan und grinste wieder.

„Man kann ein Spielchen auch auf die Spitze treiben.“

„Ich weiß.“

„Du bist ein sturer Bock, Mister Juan.“

Der Kerl auf dem oberen Achterdeck palaverte noch immer mit dem Generalkapitän.

Don Juan hätte zu gern einen Blick durch den Kieker geworfen, aber da waren mehr als tausend Augen auf sie gerichtet, und es wäre sehr aufgefallen, wenn er den Generalkapitän gemustert hätte.

Er war sich jedoch ziemlich sicher, daß es Salamanca war. Die Bewegungen waren typisch für ihn, wie er den Kopf schief hielt, wenn ihm jemand was sagte.

„Möchte wissen, was die bequatschen“, sagte Hasard. Er stellte sich ganz dicht vor Don Juan hin und stemmte die Fäuste in die Hüften.

„Du nimmst mir die Sicht, Sir Hasard“, sagte der Spanier.

„Ganz bewußt, mein Lieber. Der Señor Generalkapitän belieben nämlich gerade, durch ein Spektiv zu spähen. Deshalb nehme ich dir die Sicht und drehe den Kopf ein wenig zur Seite. Vom Profil her wird er auch mich sicher nicht kennen.“

„Der Kerl ist ein ehrgeiziger Bullenbeißer“, erklärte Don Juan. „Ein richtiges Rübenschwein, wie ihr immer sagt. Wenn er selbst auf dem Plan erscheint, muß ein ganz schwerwiegender Grund vorliegen.“

„Also suchen sie doch mich“, sagte Hasard ungerührt. „Sie wollen den Seewolf fangen, weiter nichts, und das ist ihnen ja vorerst auch gelungen. Ich werde Mühe haben, ihnen einzureden, daß ich ein ganz anderer bin.“

„Du nimmst das reichlich gelassen hin, Sir.“

„Soll ich deshalb in Tränen ausbrechen? Ich kann es leider nicht mehr ändern, und das Leben unserer Männer riskiere ich nicht, wenn es absolut unsinnig erscheint.“

Hasard trat zur Seite, denn der Generalkapitän hatte das Spektiv wieder weggelegt.

„Mich bedrückt noch ein Alptraum“, murmelte er Seewolf. „Wir haben leider nicht vereinbart, wie jeder von uns Spaniern heißt, die wir ja darstellen. Wenn die Kerle uns verhören, oder was immer sie vorhaben, wird es eine verdammte Menge Widersprüche geben. Aber dazu ist es nun ebenfalls zu spät. Im übrigen werde ich reden, wenn die Dons an Bord sind.“

Die Schaluppe legte ab, nachdem der Teniente abgeentert war. Jetzt nahm sie Kurs auf die Schebecke.

„Es geht los“, sagte Hasard.

8.

Der Teniente war ein blasierter Kerl mit einem dünnen Bart. In seiner Begleitung befand sich ein Corporal mit massiger Gestalt und finster blickenden Augen.

Der Teniente hatte einen schmalen, verkniffenen Mund und durchdringend blickende Augen wie die eines Habichts. Auf seiner linken Wange befand sich eine Narbe, die bis ans Kinn reichte.

Die beiden enterten auf. Natürlich fragte auch keiner, ob es gestattet sei, an Bord kommen zu dürfen. Das ließ ihre überhebliche Arroganz gar nicht zu.

„Wo ist der Kapitän?“ blaffte der Teniente den Profos an, der ihn mit mürrischem Gesicht musterte und ihm am liebsten gleich den Hals umgedreht hätte.

Carberry winkelte den Daumen ab und zeigte über die Schulter nach achtern.

„Sie kriegen wohl Ihr Maul nicht auf, was?“ brüllte der Don.

„Ich kann sogar mit dem Arsch wackeln“, knurrte der Profos zurück. Er war mächtig sauer.

„Sie melden sich nachher bei mir!“ rief der Teniente. „Das ist eine Frechheit, das lasse ich mir nicht bieten!“

„Einen Scheiß werde ich tun!“ brüllte der Profos und drehte sich um.

Der Teniente hatte sofort stinkige Laune, und seine Lippen verkniffen sich noch mehr. Der Corporal sah noch finsterer drein.

Die beiden marschierten mit dröhnenden Schritten nach achtern, wo Hasard, Don Juan, Ben Brighton und Dan O’Flynn standen. Es war wie Spießrutenlaufen, als sie durch die Gasse der schweigenden Arwenacks marschierten.

„Wer ist der Kapitän?“ fragte der Teniente ungnädig.

„Ich“, sagte Hasard, ohne sich zu rühren.

„Name?“ Da war ein deutliches Schnarren in der Stimme.

„Virgil Senona. Und Ihr Name?“

„Frechheit!“ schrie der blasierte Kerl empört. „Das geht Sie überhaupt nichts an. Sie haben mich mit Teniente anzureden, oder können Sie meinen Rang nicht sehen?“

„Ich sehe nur einen aufgeblasenen Kerl vor mir“, sagte Hasard ruhig. „Im übrigen verzichte ich darauf, Sie mit Ihrem Rang anzureden. Was wollen Sie also von einem friedlichen Handelsfahrer, indem Sie eine ganze Armada aufbieten und mit Mord und Totschlag drohen?“

Der Don lief rot an. Seine Lippen zitterten.

„Wir können auch anders“, drohte er. „Ich kann Sie in Eisen legen und mitsamt Ihrem Schiff an Land bringen. Dann stehen Ihnen unangenehme Zeiten bevor.“

„Ich weiß, zu was meine Landsleute fähig sind“, sagte Hasard. „Aber wenn Sie nicht so schreien, können wir uns auch vernünftig unterhalten.“

Hasard war ungemein erleichtert, aber auch etwas ratlos, denn er fragte sich, was die Dons wohl wollten. Sie hatten ihn nicht erkannt, das war sicher, sonst hätte es hier nur so gewimmelt.

Aus diesem Grund beschloß er, ein wenig höflicher zu sein, um den Kerl nicht unnötig zu provozieren.

„Was ist Ihr Heimathafen?“ fragte der Teniente.

„Cádiz.“

„Was haben Sie geladen?“

„Ein wenig Gewürze, ein paar Silberbarren.“

„Aha. Das ist nicht viel für einen Handelsfahrer auf dem Weg in die Heimat, nicht wahr?“

„Dem stimme ich zu.“

„Dann wollen wir uns mal über das Schiff unterhalten“, sagte der Teniente gehässig. „Ist es für einen spanischen Handelskapitän nicht etwas ungewöhnlich, ein Barbareskenschiff zu segeln?“

„Sehr ungewöhnlich“, sagte Hasard ernst. „Aber das hängt wiederum mit dem Umstand zusammen, daß wir kaum etwas geladen haben.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte der Don irritiert.

Der Corporal sagte gar nichts. Er riß nur das Maul auf und gähnte ungeniert, bis seine achteren Backenzähne sichtbar wurden.

„Nun, ich hatte eine kleine, ältere Galeone, aber auf der Höhe der tunesischen Küste hatte ich sie nicht mehr. Da überfielen uns ein paar maurische Schnapphähne, plünderten mein Schiff aus und verbrannten es, weil es ihnen offenbar zu alt war. Wir konnten an Land entkommen und haben im Gegenzug ein paar Tage später die Schnapphähne geentert, als sie ahnungslos waren. Da ich kein Schiff mehr hatte, nahm ich mir die Schebecke. Ich denke, das war mein gutes Recht.“

Offenbar hatte sich Hasard mit seiner Antwort einige Sympathien bei dem Teniente erworben, denn der lächelte kurz und verkniffen.

„Das war sehr richtig“, sagte er gnädig. „Hoffentlich haben Sie die Halunken auch umgebracht.“

„Die meisten schon.“

„Dafür sollte man Ihnen einen Orden geben. Schlagt die Mauren tot, wo immer ihr sie antrefft.“

„Ist das alles, was Sie wissen wollten?“ fragte Hasard. „Haben Sie in uns Mauren vermutet und daher diesen gewaltigen Aufwand getrieben?“

Zum ersten Mal lächelte der Teniente. Der Corporal auch, aber es war mehr ein Zähnefletschen und sah gar nicht gut aus.

Hasard gefiel auch das Lächeln des Teniente nicht. Da lag Boshaftigkeit drin. Heimtücke und Hinterhältigkeit. Er gab jedoch keine Antwort auf die Frage.

„Können wir jetzt weitersegeln?“ fragte Hasard erleichtert.

„Gleich, es dauert nicht mehr lange.“

Die Arwenacks grinsten sich klammheimlich eins, daß alles so gut abgelaufen war. Etwas später erfolgte allerdings die Ernüchterung.

Der Don trat jetzt vor Don Juan hin und musterte ihn.

„Wer sind Sie?“ fragte er katzenfreundlich.

„Juan Quintanas aus Sevilla, Kaufmann. Ich bin Gast an Bord und reise bis nach Cádiz mit.“

„Sind Sie sicher?“ fragte der Don höhnisch. Er warf dem Corporal einen Blick zu und grinste gemein.

„Warum nicht? Von Cádiz aus reise ich weiter. Entweder über Land oder den Guadalquivir hinauf.“

„Wie war doch Ihr Name?“

„Juan Quintanas, das sagte ich doch.“

„Ah ja, das sagten Sie. Wäre es nicht vielleicht möglich, daß Sie Ihren Namen verwechseln?“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

Hasards Blick wurde langsam starr. Er wagte kaum noch, Luft zu holen. Es sah aus, als würde gleich eine Bombe platzen.

„Sind Sie nicht möglicherweise Juan de Alcazar, Sonderbevollmächtigter der spanischen Krone, Generalkapitän?“

„Ich?“ fragte Don Juan lächelnd. „Das ist mir aber ganz neu.“

Er spürte, wie ihm Eiswasser durch die Adern rann, dann schien es zu Staub zu werden und zu rieseln.

„Sie streiten es also ab?“

„Das muß ich wohl, wenn ich nicht der Mann bin, für den Sie mich halten.“

Die Arwenacks waren ebenfalls starr. Mit allem hatten sie gerechnet, aber damit nicht.

Der Teniente schien die unfreundliche Stimmung zu spüren, denn er drehte sich um und kniff die Augen zusammen.

„Nun ist die Katze aus dem Sack“, sagte er drohend. „Wenn einer von euch Kerlen diesen Verräter beschützen will und auf die Idee verfällt, mich oder den Corporal als Geisel zu nehmen, um de Alcazar freizupressen, dann …“

„Wird man Sie mit in die Luft blasen“, sagte Hasard. „Das ist klar. Aber er ist wirklich nicht der Mann, den Sie suchen.“

Eigentlich war das ganze ein idiotischer Witz, fand Hasard, eine Situation, die schon tragikomisch war. Hier stand der gefürchtete und verhaßte Seewolf vor den Spaniern und niemand erkannte ihn. Verrückt war das!

„Sie können das überhaupt nicht wissen“, knurrte der Teniente den Seewolf an. „Wenn der Kerl bei Ihnen Gast ist, dann hat er sich natürlich unter einem anderen Namen eingeschlichen. Sie haben sich aus der Sache sowieso herauszuhalten. Dieser Mann wird gesucht, denn er hat Hochverrat begangen, Verrat an der spanischen Krone. Geben Sie jetzt endlich zu, daß Sie de Alcazar sind!“

„Der bin ich nicht.“

Wieder erschien das hinterhältige Grinsen auf dem blasiert wirkenden Gesicht.

„Corporal!“ schnauzte er. „Ordern Sie fünf Mann ab, die das Schiff von vorn bis achtern durchsuchen. Es könnte sein, daß sich irgendwelche Kerle unter Deck versteckt halten.“

„Es hat sich niemand versteckt“, sagte Hasard, aber seine Worte änderten nichts daran, daß das Schiff gründlich durchsucht wurde.

„Segeln Sie zum Flaggschiff hinüber, Corporal, und bitten Sie den Generalkapitän persönlich an Bord, wie das besprochen war. Er hat es sich ausbedungen, wenn irgendwelche Zweifel bestehen.“

„Jetzt ist der Ofen aus“, raunte Don Juan. „Wenn das der Kerl ist, erkennt er mich auch.“

„Was auch immer geschieht“, flüsterte Hasard, „wir lassen dich nicht im Stich, auch wenn wir augenblicklich hilflos sind. Denke immer daran. Wir werden dasein.“

„Danke.“

Der Teniente war ganz Herr der Lage und gab sich wieder arrogant und überheblich.

„Kennen Sie Don Miguel de Salamanca?“ fragte er grinsend.

„Nein“, antwortete Don Juan.

„Sie werden ihn gleich kennenlernen. Sicher wird er sehr erfreut sein, Sie wiederzusehen.“

Der hohe Herr erschien kurze Zeit später in Paradeuniform persönlich an Bord der Schebecke. Er war ein Mann mit einem groben Gesicht und funkelnden Augen.

Als er Don Juan sah, begann er mit falscher Herzlichkeit zu lachen.

„Mein lieber Don Juan“, sagte er mit polternder Stimme. „Jetzt gehen Sie der spanischen Krone wenigstens nicht mehr verloren, und Sie brauchen auch nicht zu befürchten, einmal in der Ferne zu sterben. Das wird hier geschehen, und zwar schon bald, wie ich annehme. Oder sind Sie etwa nicht Don Juan?“ fragte er mit beißendem Spott.

In Don Juans schiefergrauen Augen regte sich nichts. Er blieb kühl und gelassen, nur in seinen Mundwinkeln stand Spott. Hasard fand, daß er kalt wie Gletschereis blieb. Ihn konnte anscheinend nichts mehr erschüttern.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Don Miguel“, sagte er kühl.

„Na, ich wußte doch, daß Sie es sind. Das sah ich schon vom Achterdeck meines Schiffes aus. Ich dachte, Sie seien in der Karibik, um El Lobo del Mar zu jagen. Wo haben Sie den Bastard denn?“

„Ich weiß nicht, wo er steckt. Wahrscheinlich rupft er gerade wieder ein paar Silberschiffe. Der Mann ist leider nicht zu fassen, er ist mir immer wieder entwischt.“

„Interessant. Und Sie haben ihn vier lange Jahre gejagt? Man sprach davon, daß Sie an Bord seines Schiffes gesehen worden sind.“

„Gerüchte, die wahrscheinlich der korrupte Gouverneur in Havanna in Umlauf gebracht hat“, erwiderte Don Juan mit einem feinen Lächeln.

„Sie haben sich nicht mit dem Britenbastard verbündet, nein? Aber nein, das traue ich Ihnen auf keinen Fall zu, mein Lieber. Aber die spanische Krone denkt leider anders darüber. Sie hat eine Kopfprämie von zehntausend Reales ausgesetzt, wenn man Sie fängt.“

„Demnach scheine ich hoch im Kurs zu stehen. Das ehrt mich natürlich.“

„Ihr Lästermaul wird man Ihnen noch stopfen, Sie Verräter. Sie hätten es einfacher haben können. Sie hätten den Schurken zur Strecke bringen, eine ungewöhnlich hohe Belohnung kassieren und sich damit zur Ruhe setzen können. Aber nein, ein Mann wie Sie muß sich mit Spaniens Todfeind verbünden und gegen die eigenen Landsleute kämpfen.“

„Große Worte, Don Miguel“, sagte Don Juan gelassen. „Haben Sie auch die Beweise dafür?“

„Die haben wir, so klein ist die Welt nicht mehr. Es gibt sogar ein paar Zeugen, mit denen wir aufwarten können. Sie werden wegen Hochverrats und etlicher anderer Delikte angeklagt. Das Urteil steht schon jetzt fest: Tod durch die Garotte.“

„Das ist immer gut, wenn das Urteil schon vorher feststeht“, entgegnete Don Juan spöttisch. „Dann haben es die Richter leichter und brauchen nicht lange zu suchen. Darf ich noch erfahren, wer sich den Judaslohn verdient hat?“

„Judaslohn? Das sind noch patriotisch denkende Männer, die so handeln und einen Verräter der Krone ausliefern. Es war einer der Männer von dem Versorgungsboot, der Sie sofort erkannt hat.“

Der Corporal meldete, daß das Schiff durchsucht worden sei. Man habe jedoch nichts gefunden.

„Wen suchen Sie denn noch?“ fragte Don Juan. „Sie haben mich doch gefunden.“

Der Generalkapitän sah sich um. Er gab keine Antwort, aber er musterte die Arwenacks gründlich. Auf dem „Adligen“ blieb sein Blick etwas länger haften. Hasard dagegen streifte er nur mit einem flüchtigen Blick, was der Seewolf überrascht zur Kenntnis nahm.

„Wo ist dieser Killigrew?“ fragte er hart.

„Wie soll ich das wissen? Schön, ich hatte ein paar Male Auseinandersetzungen mit ihm, aber das liegt lange zurück.“

„Wir wollen mehr über seine Gepflogenheiten wissen, und wenn Sie nicht bereit sind, freiwillig darüber auszusagen, wird man Sie der Folter unterwerfen. Sie sind verhaftet, Juan de Alcazar. Ich werde Sie in Ketten legen und an Bord meines Schiffes bringen lassen.“

„Was geschieht mit diesen Bastarden hier, Señor Generalkapitän?“ fragte der Teniente. „Können sie weitersegeln, oder haben Sie anders entschieden?“

Don Miguel de Salamanca zog die Stirn kraus.

„Da sind noch ein paar Fragen offen. Veranlassen Sie, daß die Kerle in Gibraltar einlaufen, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Das Schiff wird unter strenge Bewachung gestellt.“

Der Teniente salutierte. Dann grinste er diabolisch, als er durch den dicken Corporal Don Juan Eisenketten anlegen ließ.

Don Juan brachte es wahrhaftig fertig, den Arwenacks zuzulächeln, als er auf die Schaluppe übersteigen mußte. Nerven schien er keine zu haben.

Sie mußten Segel setzen und mit dem Pulk in den Hafen von Gibraltar segeln.

„Diesmal sitzen wir in dem größten Misthaufen, den es je gab“, sagte der Profos erbittert. „Und das Schlimmste daran ist, daß wir ihm nicht helfen können. Wir können gar nichts tun.“

„Jetzt noch nicht“, sagte Hasard mit steinernem Gesicht. „Aber ihr habt mich damals bei den Dons rausgehauen, als ich vor dem Erschießungskommando stand, und wir werden einen Weg finden, Don Juan herauszuhauen. Und wenn wir dieses ganze verdammte Land umkrempeln! Irgendwie gibt es immer einen Weg.“

„Wenn es dann nur nicht zu spät ist“, murmelte Ben düster. „Die Dons scheinen es verdammt eilig zu haben, ihn vom Leben zum Tode zu befördern.“

„Sie werden ihn erst verhören“, erwiderte Hasard, „und das geht alles nicht von heute auf morgen. Für uns ist im Augenblick wichtiger, daß uns niemand erkennt, sonst sind wir alle geliefert. Also, Kopf hoch und nicht verzagen.“

Das taten sie auch nicht, aber ihre Stimmung war gedrückt …

ENDE


1.

Niemand hatte für die Schönheit der Landschaft einen Blick übrig.

An der Südspitze von Spanien erhob sich zwischen der Bahia de Algeciras und dem Mittelmeer ein fast tausenddreihundert Yards breiter und mehr als vierhundert Yards hoher nach Norden und Osten steil abfallender Kalkfelsen, eine der „Säulen des Herkules“, nur durch einen breiten Schwemmlandstreifen mit dem Festland verbunden.

Auf dem Felsen tummelten sich Affen, Magoten genannt. Es gab sie schon, seit die Mauren die Stadt gegründet hatten, und es würde sie noch in Ewigkeiten geben.

Im Westen ging es durch die Estrecho de Gibraltar, wo der Atlantik das Wasser ins Mittelmeer drückte, wo es die starke West-Ost-Strömung an der Oberfläche und die untergelagerte schwächere Gegenströmung gab.

Dieser Weg war den Arwenacks allerdings versperrt. Sie wollten nach England segeln, doch daraus wurde vorerst nichts.

Trotz allem hatten sie noch Glück, denn zu ihrer allergrößten Verblüffung hatte keiner der zahlreichen Dons den Seewolf erkannt, sonst wäre längst die Hölle losgewesen.

Vielleicht lag es daran, daß Hasard einen Bart trug, einen schwarzen Bart mit glitzernden Silberfäden. Auch sein Haar war an den Schläfen ergraut und schimmerte silbern.

Den Dons hatte vorerst genügt, daß er sich als Virgil Senona, Kauffahrer und Kapitän aus Cádiz ausgegeben hatte. Aber für die Spanier und ganz besonders den Generalkapitän De Salamanca, gab es noch einige „Ungereimtheiten“, deshalb mußten sie unter schwerer Bewachung den Hafen von Gibraltar anlaufen.

Immer wenn Hasard aufblickte, sah er die zahlreichen Seesoldaten an Bord der Kriegsgaleonen, die schweren Geschütze, deren dunkle Schlünde auf sie gerichtet waren, und hin und wieder den überlegen grinsenden Generalkapitän auf dem Achterdeck der „El Lucifero“, dem es eine Genugtuung war, Don Juan de Alcazar gefangen zu haben.

Carberry blickte in hilfloser Wut zurück, wenn die Spanier herübergrinsten. Sie taten es höhnisch und überlegen, und überlegen waren sie auch.

„Diesmal haben sie uns endgültig“, sagte er zu Ferris Tucker, der mit mißmutigem Gesicht an Deck stand. „Möchte bloß wissen, wie wir aus dieser Situation wieder mit heilen Knochen herausgelangen.“

„Für uns gibt es ganz sicher einen Weg“, meinte Ferris, „solange die Dons nicht merken, wer da in ihrer Mitte segelt. Aber für Juan sieht es verdammt schlecht aus.“

„Ich weiß. Ich habe auch mit allem gerechnet, nur nicht damit, daß es ausgerechnet Juan erwischt. Wenn ich das vorher geahnt hätte, dann wären die Halunken auf dem Bumboot von mir persönlich zu den Fischen geschickt worden. Aber jetzt hilft alles Lamentieren nicht.“

„So ist es“, erwiderte Ferris ruhig. „Wir können froh sein, daß sie Hasard nicht erkannt haben. Ich sehe das so: Wenn sie Juan haben und uns nicht erkennen, können wir vermutlich wieder weitersegeln. Von da an haben wir die Möglichkeit, etwas für ihn zu tun. Haben sie uns aber alle, dann sind die letzten Segel gesetzt. Wir hätten nicht mehr die geringste Chance. Wir dürfen uns jetzt nur nicht verraten und müssen einen kühlen Kopf behalten sowie die Ruhe bewahren.“

Der Profos knurrte etwas, das Ferris nicht verstand. Sie unterhielten sich leise im Flüsterton und ganz unauffällig. Auch die anderen benahmen sich so, als hätten sie nichts zu verbergen. Sie gaben sich eher empört, daß man sie so behandelte.

Ferris warf einen Blick zu Hasard.

Der Seewolf gab sich ganz den Anschein, als ginge ihn das alles nichts an. Sehr ruhig, ausgeglichen und gelassen wirkte er. Nur wer ihn näher kannte, der wußte, wie es in ihm aussah und wie seine Gedanken ständig um einen Punkt kreisten: Er überlegte seine weiteren Schritte und schätzte kühl die Lage ab.

Sie bewegten sich inmitten eines Pulks spanischer Schiffe, die sie von allen Seiten umklammerten. Pete Ballie, der am Ruder stand, hatte alle Hände voll zu tun, die Schebecke so zu segeln, daß sie nicht an die Bordwände der wesentlich langsameren und schwerfälligeren Kriegsgaleonen stieß.

Trotz der üblen Lage, in der sie sich befanden, war Hasard noch heilfroh, daß die Spanier sie zwangen, den Hafen von Gibraltar anzulaufen.

So bestand wenigstens die Aussicht, möglicherweise etwas darüber zu erfahren, wohin sie Don Juan brachten, auch wenn es nur ein kleiner Anhaltspunkt war.

Andererseits war es höllisch riskant, gerade diesen Hafen anzulaufen, denn die Gefahr der Entdeckung wurde immer größer.

So ähnlich mochte auch Ben Brighton denken, der die Stirn in Falten gelegt hatte und zur Hafeneinfahrt blickte. Er sah die Einfahrt gar nicht, er fixierte lediglich einen imaginären Punkt davor.

Die Unterhaltung an Bord der Schebecke wurde nur noch auf Spanisch geführt, damit die Dons keinen fremden Brocken aufschnappten und noch mißtrauischer wurden.

Hasard blickte aus den Augenwinkeln zu Old O’Flynn. Der Alte stand da wie aus Eisen gegossen, und in seinem Blick lag soviel Hochnäsigkeit, wie der Seewolf sie an ihm noch nie gesehen hatte. Wie ein spanischer Grande stand er da in seiner weißen Halskrause und dem kaschierten Holzbein, das unter dem Gewand nicht zu erkennen war. Sie hatten es dementsprechend ausgepolstert.

Old O’Flynn schien über alles erhaben zu sein. Er sah hochmütig und hoheitsvoll über die Dons hinweg, die ihn heimlich musterten und nicht einzuordnen vermochten.

Der Blick des Seewolfs kehrte zu den Schiffen zurück. Da waren drei große Brocken, die unglaublich stark armiert waren. Das Flaggschiff des Generalkapitäns, die „El Lucifero“, dann die „Nuestra Señora de Flores“ und schließlich der große Brocken „Virginidad“.

Jungfräulichkeit, dachte Hasard, das paßt zu diesem Feuerspucker wie die Faust aufs Auge.

Eine grobe Stimme riß ihn aus seinen Betrachtungen.

Der Teniente von der Schaluppe brüllte: „Sie legen dort an der Pier an, Steuerbordseite! Dort vertäuen Sie! Keiner verläßt das Schiff!“

„Verstanden“, sagte Hasard ruhig.

Die „El Lucifero“ nahm Kurs auf eine lange hölzerne Pier, die „Virginidad“ vertäute dicht dahinter, und die „Nuestra Señora de Flores“ ging dicht hinter der Hafeneinfahrt vor Anker. Mit ihrer Breite versperrte sie den größten Teil der Einfahrt.

Karavellen und Schaluppen nahmen ebenfalls Kurs auf die kleineren Piers, wo sie vertäuten.

Die Seewölfe brachten die Schebecke vierkant an die Pier. Ein paar Soldaten nahmen schweigend die Leinen wahr und belegten sie an den hölzernen Pollern.

Der Teniente mit dem dünnen Bart verließ die Schaluppe und brüllte ein paar Befehle.

Daraufhin traten zwölf mit Musketen bewaffnete Spanier vor und nahmen Aufstellung. In zackiger Formation marschierten sie von Bord. Der blasierte Teniente ging wichtigtuerisch voran. Ihm folgte der Corporal mit dem Nußknackergesicht, dann die Soldaten. Ihre Schritte dröhnten laut auf den Holzbohlen.

Vor der Schebecke der Arwenacks hielt der Trupp an.

„Auf der Pier verteilen!“ schrie der Teniente. „Die Musketen sind schußbereit zu halten! Es wird sofort geschossen, sobald einer der Kerle ohne Sondererlaubnis das Schiff verläßt! Dafür haften Sie, Corporal, verstanden?“

Der Corporal hatte verstanden. Er tat das kund, indem er ebenfalls laut brüllte und die zwölf Kerle anpfiff.

Mit der fürchterlichen Drohung „Sie hören noch von mir!“ wandte sich der Teniente ab und ging zur Schaluppe zurück. Mit den Worten hatte er Hasard gemeint. Der Seewolf gab jedoch keine Antwort.

Er sah, wie die zwölf Kerle ihren Posten bezogen und sich auf der Pier verteilten. Der Corporal hockte auf einem Poller und stierte Schiff und Leute an. Hin und wieder gähnte er ungeniert.

Die meisten Arwenacks zogen sich auf die andere Schiffsseite zurück, wo sie ungestört miteinander reden konnten, ohne von den Soldaten gehört zu werden.

„Jetzt sitzen wir zwischen zwei Stühlen“, sagte Hasard, „und dazu noch sozusagen in der Schwebe.“

„Noch hat dich keiner erkannt, Sir“, sagte Dan O’Flynn. „Es sieht auch nicht so aus, als würden sie Verdacht schöpfen. Der Bart verleiht dir ein völlig anderes Aussehen.“

„Ich dachte weniger an mich, es geht um Juan. Wenn sie ihm die Frage stellen, wo er als angeblicher Gast zugestiegen sei und an mich die gleiche Frage richten, erhalten sie zwei verschiedene Antworten. Für so dämlich halte ich die Dons nicht, daß ihnen das nicht auffällt.“

„Es wird noch mehr Ungereimtheiten geben“, sagte Dan. „Sie brauchen unsere Leute nur einzeln zu verhören, dann sitzen wir hoffnungslos in der Patsche. Wir sollten uns wenigstens jetzt noch absprechen, solange wir Gelegenheit dazu haben. Jeder muß einen gewissen Part übernehmen, damit es keine Unstimmigkeiten gibt.“

„Gut, dann holen wir das jetzt nach, aber perfekt können wir nicht sein, dazu sind wir zu viele Männer.“

Eine halbe Stunde lang wurden Einzelheiten besprochen, doch es war einfach zu viel, was da auf jeden einzelnen einstürmte. Zwar konnte sich jeder seinen neuen Namen merken, doch die der anderen war schon ausgesprochen schwierig.

Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne schien immer noch freundlich und warm vom Himmel.

Die Arwenacks hätten jetzt mit Kurs auf den Atlantik gelegen und wären nach England gesegelt.

Doch das Bild hatte sich grundlegend geändert. Sie waren inmitten schwimmender Festungen gefangen und konnten keinen einzigen Schritt an Land tun.

„Lassen wir es uns nicht verdrießen“, sagte der Kutscher. „Es gibt Mittagessen, und danach sehen wir weiter.“

Eine halbe Stunde nach dem Essen, das sie an Deck einnahmen, erschien der Teniente. Er blickte den Seewolf verkniffen und überheblich an.

„Der Generalkapitän, Don Miguel de Salamanca, will Sie sprechen“, sagte er unfreundlich. Sein Blick wanderte weiter und blieb an Old O’Flynn hängen. „Und Sie möchte er auch sehen.“

Old O’Flynn blickte sehr hochnäsig zu dem Teniente.

„Ich wüßte nicht, was ich mit dem Generalkapitän zu besprechen habe“, erklärte er blasiert. „In meinen Kreisen ist es nicht üblich, daß man mich einfach abkommandiert. Richten Sie das dem Generalkapitän gefälligst aus. Wenn er mich zu sprechen wünscht, dann soll er mir eine Eskorte oder eine Sänfte schicken. Sie wissen wohl nicht, wen Sie vor sich haben, Sie Schnösel!“

Hasards Gesicht wurde ausdruckslos und starr. Am liebsten wäre er laut herausgeplatzt, aber er behielt sich in der Gewalt.

Er sah, wie der Teniente wegen des „Schnösels“ zusammenzuckte, den Alten verärgert musterte, die Beleidigung aber ohne weiteren Kommentar schluckte. Dann salutierte er kurz.

„Ganz nach Ihren Wünschen“, schnarrte er und drehte ab.

Als er weg war, sah Hasard den kauzigen Alten entgeistert an.

„Sag mal, wen, um Himmels willen, willst du eigentlich darstellen? Du kannst doch hier nicht so großkotzig auftreten.“

„Warum nicht?“ fragte Old O’Flynn gelassen. „Immerhin bin ich der legitime Sohn des Fernando Alvarez de Toledo, spanischer Feldherr und Oberbefehlshaber der Heere Kaiser Karls des Fünften, wenn’s genehm ist.“

„Um Gottes willen“, murmelte Hasard erschüttert. „Das nimmt dir doch kein Mensch ab. Du, und der Sohn des Herzogs von Alba! Hatte er denn überhaupt einen?“

„Na klar“, versicherte der Alte unerschütterlich. „Warum sollte er keinen gehabt haben?“

„Und wenn diesen Sohn zufällig jemand kennt?“

„Dann bin ich der zweite Sohn. Dieser Affenarsch von Generalkapitän soll mir erst einmal das Gegenteil beweisen.“

„Jetzt ist ohnehin alles egal“, murmelte Hasard. „Die Widersprüche werden sich gleich häufen. Warten wir es ab. Und von wo aus bist du auf der Schebecke mitgesegelt?“

„Das geht den Salamander, oder wie der Kerl heißt, einen Scheiß an“, murmelte Old O’Flynn. „Der soll nur wagen, einen spanischen Granden auszufragen. Dem werde ich was flöten.“

Die Arwenacks trauten ihren Augen nicht, als schon ein paar Minuten später tatsächlich vier Kerle auftauchten, die eine leere Sänfte trugen. Der Teniente marschierte vor der Sänfte her und hatte einen knallroten Schädel.

Wo sie die Sänfte aufgetrieben hatten, war den Arwenacks allerdings schleierhaft, aber sie hatten eine, mit Baldachin, mit Plüsch ausgeschlagen und silbernen und goldenen Bommeln und Troddeln an der Seite. Sehr eindrucksvoll sah das aus.

Old Donegal selbst sah allerdings auch sehr eindrucksvoll aus. Er betrachtete die Sänfte etwas geringschätzig, als sei sie für ihn zu schäbig, ließ sich aber schließlich zu einem gnädigen Kopfnicken herab und betrat etwas steifbeinig die Pier, wo die Soldaten sofort respektvoll vor ihm zurückwichen.

Hasard schluckte trocken, als Old O’Flynn in die Sänfte hineinkomplimentiert wurde.

Der Seewolf selbst mußte laufen, für ihn stand keine Sänfte bereit.

Aber schließlich war er auch nicht der Sohn des Herzogs von Alba.

„Das darf nicht wahr sein“, sagte der Profos Edwin Carberry ungläubig und leise. „Das darf wirklich nicht wahr sein. Jetzt wird das alte Zauselchen auch noch getragen. Lacht bloß nicht, ihr lausigen Kanalratten“, fügte er grimmig hinzu. „Das ist eine verdammt bierernste Angelegenheit.“

Der Alte gönnte dem „Pöbel vorm Mast“ natürlich keinen einzigen Blick.

Er stieg auf einen Hocker, den zwei Kerle eifrig zurechtrückten, warf noch einen Blick zum Achterkastell der Kriegsgaleone und nahm dann mit einem leisen Seufzen in den Pfühlen der Sänfte Platz.

Hasard, mit einem Gesicht wie aus Stein gehauen, ging neben der Sänfte her. Idiotisch ist das, dachte er immer wieder, einfach verrückt. Das gibt es doch gar nicht in Wirklichkeit.

Die Sanfte wurde von vier Männern vorsichtig angehoben. Die vier Kerle marschierten ab zur Stelling der „El Lucifero“, wo überall Posten und Wachen standen.

Der Seewolf wurde ziemlich von oben herab und nachlässig behandelt. Bei Old O’Flynn dagegen war das anders. Er genoß schon jetzt gewisse Privilegien, obwohl kein Mensch wußte, wer er überhaupt war.

An der Stelling grüßten sie, aber wiederum nur den Alten, der das mit grantigem Gesicht oder meist gar nicht zur Kenntnis nahm. Er schien die Leute überhaupt nicht zu sehen, die ihn umstanden.

Die Kerle mühten sich mit der sperrigen Sänfte redlich ab, konnten aber nicht verhindern, daß sie hin und wieder in der Enge leicht aneckten. Jedesmal war dann ein unwilliges Grunzen aus der Sänfte zu vernehmen.

Hasard ging mit steinernem Gesicht weiter. Immer wenn er in die Sänfte blickte, sah er den vorgereckten Hals Old Donegals mit der weißen Halskrause. Der Alte schien alles schlechtgelaunt zu mustern, und er scheute sich auch keinesfalls, die Sänftenträger anzupfeifen, wenn sie mal stehenblieben oder irgendwo aneckten.

Sein Spanisch ist jedenfalls perfekt, dachte Hasard. Aber was bezweckte Old Donegal nur mit seinem merkwürdigen Aufzug?

Die Sänfte wurde im Achterdeck vor einem verzierten Schott abgesetzt.

„Bitte, geduldigen Sie sich einen Augenblick“, sagte der schnaufende Teniente. „Der Generalkapitän wird Sie sofort empfangen.“

„Was heißt hier, sofort empfangen?“ wetterte Old O’Flynn erbost. „Ich bin nicht gewohnt, daß mich ein Generalkapitän warten läßt. Schließlich will er mich sehen, nicht umgekehrt. Er weiß wohl immer noch nicht, wen er vor sich hat!“

Es wurde dezent geklopft, dann öffnete Don Miguel de Salamanca persönlich das Schott. Mit einer einladenden Handbewegung wies er in eine luxuriös eingerichtete riesige Kammer mit getäfelten Wänden und dicken Teppichen auf dem Boden.

Zwei Wachen blieben am Schott zurück. Der Teniente, wohl eine Vertrauensperson des Generalkapitäns, nahm innen am Schott Aufstellung und stand verlegen herum.

„Hinaus, hinaus!“ sagte Old O’Flynn hitzig. „Ich liebe es nicht, wenn einfache Stallburschen die Gespräche Adliger mit anhören. Also, verschwinden Sie gefälligst.“

Sehr beeindruckt zog sich der Teniente mit einer leichten Verbeugung zurück. Er war hochrot im Gesicht und seine Narbe schien zu glühen.

Don Miguel de Salamanca nahm hinter einem riesigen Tisch Platz, der mit Intarsien reich versehen war.

Er saß noch nicht richtig, als ihn Old O’Flynn schon respektlos anfuhr: „Wollen Sie einen de Toledo etwa der Lächerlichkeit preisgeben, indem Sie ihm einen angemessenen Sitzplatz verweigern, Señor Generalkapitän, oder wer auch immer Sie sein mögen?“

Don Miguel war verblüfft, ein wenig beschämt und auch etwas indigniert, als er sich wieder erhob.

„Einen de Toledo?“ fragte er leise.

„Wen denn sonst?“ schnappte der Alte grantig. „Oder ist Ihnen etwa Don Fernando Alvarez de Toledo kein Begriff?“

„Der – der Herzog von Alba?“ fragte Don Miguel fassungslos. „Aber Don Alonso Alvarez starb doch vor …“

„Mein Vater starb von sechzehn Jahren im Dezember in Lissabon. Gott habe ihn selig.“ Old Donegal bekreuzigte sich und blickte ernst drein.

„Dann – dann sind Sie – äh …“

Der Generalkapitän starrte Old O’Flynn mit offenem Mund an. Er wagte kaum noch, Luft zu holen.

„Natürlich. Mein seliger Vater hieß auch nicht Alonso Alvarez, sondern Fernando Alvarez, wenn Sie das gütigst zur Kenntnis nehmen wollen. Und nehmen Sie auch bitte weiterhin zur Kenntnis, daß ich mich innerhalb weniger Tage in Madrid einzufinden habe. Wo das ist, werden Sie sich vermutlich denken können.“

Old Donegal trat so selbstsicher und eindrucksvoll auf, daß Don Miguel an den Angaben nicht die geringsten Zweifel hegte. Er verneigte sich tief vor dem Alten.

Daß ihn Old Donegal auf den Arm nahm, wäre ihm nie eingefallen. Dazu sah Old Donegal viel zu distinguiert aus.

„Am – am Hof Seiner Allerkatholischsten Majestät?“ erkundigte er sich ehrfürchtig.

„Ja, und zwar reise ich in einer geheimen Mission, über die nichts verlautbar werden darf.“

Inzwischen saß sowohl Old O’Flynn als auch Hasard. Doch dem Seewolf schenkte der Generalkapitän nur einen flüchtigen Blick. Die Hauptrolle spielte Old Donegal Daniel O’Flynn. Und er spielte sie wirklich hervorragend.

„Dann tut es mir aufrichtig leid, daß wir Sie aufgebracht haben“, sagte Don Miguel entschuldigend. „Es befand sich allerdings ein Staatsfeind an Bord des Schiffes und …“

„Das verstehe ich ja“, sagte Old Donegal ungeduldig. Er zupfte ein wenig an seiner weißen Halskrause herum und sah Don Miguel durchdringend an. „Ich muß meinem Erstaunen aber bedauerlicherweise lebhaft Ausdruck geben“, sagte er gallig. „Pflegen Sie Ihren hochgestellten Gästen nie einen Schluck anzubieten, Don – äh – Don …“

„Miguel de Salamanca“, sagte der Spanier hastig. Er lief jetzt noch roter an als der Teniente. „Verzeihen Sie bitte, aber ich hatte nur selten eine derart höhergestellte Persönlichkeit an Bord meines Flaggschiffes. Es hat mich etwas überrascht. Ich werde das Versäumte natürlich gleich nachholen.“

„Gut, gut, mein Bester, ich hörte, Sie wollten mich sprechen. Würden Sie mir den Grund mitteilen?“

Der Generalkapitän wand sich. Die Frage war ihm offenbar ziemlich peinlich.

„Mein Erster Offizier, Don Pedro, wies mich auf Sie hin. Er war der Meinung, Sie seien ein Schwager Medina-Sidonias. Ich kenne ein paar Edle dieser Linie persönlich, und da dachte ich …“

„Verstehe“, sagte Donegal lächelnd. „Sozusagen ein kleiner Plausch unter Freunden, nicht wahr?“

„So ist es, Don Alonso. Ich darf Sie doch so anreden?“

„Aber selbstverständlich.“

Eine Ordonnanz war inzwischen erschienen und hatte funkelnde Gläser gebracht. Auf einem silbernen Tablett stand eine Flasche erlesener Wein, die Don Miguel persönlich in die Hand nahm.

Dabei warf der Generalkapitän einen fragenden Blick auf Hasard und Dan O’Flynn. Seiner Ansicht nach paßte der einfache Kapitän nicht ganz in die erlauchte Runde.

„Er hat wahrhaftig einen guten Schluck verdient“, sagte Donegal großzügig. „Ich kann diesen Kapitän nur loben, er ist ein recht brauchbarer Mensch, ein tüchtiger Mann.“

Der „recht brauchbare Mensch“ verschluckte sich fast, als die beiden sich zuprosteten. Hasard mußte tief Luft holen.

Na warte, du alter Halunke, dachte er. Darüber werden wir noch einmal miteinander reden.

„Darf man erfahren, was Sie jetzt vorhaben, Don Alonso?“ erkundigte sich der Generalkapitän freundlich. „Ich möchte einen Sohn des überaus ehrenwerten Herzogs von Alba nicht länger aufhalten. Ihr ehrenwerter Señor Vater war Oberbefehlshaber der Heere Kaiser Karls. Ich habe ihn immer sehr bewundert.“

„Sehr richtig. Er war auch im Schmalkaldischen Krieg dabei und wurde später Generalkapitän in den Niederlanden. Er hat der Inquisition zur vollen Blüte verholfen“, sagte Old Donegal stolz. „Noch zwei Jahre vor seinem Tod hat er unser Heer siegreich gegen Portugal geführt.“

Hasard wunderte sich nur, woher Old Donegal das alles wußte. Vielleicht hatte er sich mit dem Kutscher beraten.

Eine ganze Weile wurde über Herzog Alba geredet. Die beiden Kerle schienen in Erinnerungen zu schwelgen. Nur manchmal trug Donegal so dick auf, daß es Hasard grauste. Aber für seine Sprüche und Übertreibungen war der Alte ja hinlänglich bekannt.

Er soff Don Miguel auch ganz ungeniert den Wein weg, den er über alle Maßen lobte. Don Miguel entschloß sich zu einer spontanen Geste.

„Ich werde Ihnen ein Arrangement einiger köstlicher Weinsorten an Bord Ihres Schiffes bringen lassen, wenn Sie gestatten, Don Alonso.“

Don Alonso war so großmütig, das Geschenk anzunehmen, was den Generalkapitän sichtlich erfreute.

„Auch ich weiß einen guten Tropfen zu schätzen, Don Miguel“, sagte er, „und das hier ist ein wirklich erlesener Wein. Ich nehme ein paar Kisten daher dankend an.“

„Da ist noch etwas“, sagte Old Donegal, als ein paar Augenblicke Ruhe herrschte. „Ich nehme ja nicht an, daß Sie Capitán Senona einem Verhör unterziehen wollen, wie es offenbar beabsichtigt war. Ich kann mich guten Gewissens für ihn verbürgen, das Wort eines Edelmannes dürfte wohl Garantie genug sein.“

„Selbstverständlich, Don Alonso, von einem Verhör kann keine Rede sein. Es gab da nur ein paar Unstimmigkeiten.“

Old Donegal sah Don Miguel in die Augen. Er hüstelte dezent, nahm das Tüchlein aus seinem Wams und tupfte sich dann über den Mund.

„Die Unstimmigkeiten dürften wohl bei diesem – äh – Staatsfeind gelegen haben“, meinte er. „Dieser Mann hat sich unter einem falschen Namen eingeschlichen und uns alle getäuscht. Er war nicht der, für den er sich ausgegeben hat. Wir nahmen ihn in Frankreich an Bord.“

„Er hat aber behauptet …“

„Er lügt, um seine Haut zu retten“, unterbrach Old Donegal knapp. „Daß er die Unwahrheit spricht, liegt auf der Hand. Er gab seinen richtigen Namen auch erst dann preis, als er keinen Ausweg mehr wußte.“

„Sehr richtig, er hat sich bereits etliche Male in Widersprüche verwickelt.“

Old Donegal lehnte sich etwas zurück und legte die ringgeschmückten Hände auf den Tisch.

„Ich überlege ernsthaft, ob wir diesen Kerl nicht einfach mitnehmen sollten, um ihn dem Gericht zu überstellen“, sagte er nachdenklich. „Natürlich können Sie ihn in Eisen legen, Capitán Senona.“

So dämlich kann Don Miguel nicht sein, dachte Hasard. Das wäre der, Gipfel der Unverschämtheit und der Dummheit.

Don Miguel lächelte gequält. Er war von dieser Überlegung keinesfalls begeistert, denn die Lorbeeren gedachte er allein einzuheimsen.

„Dieser Mann ist zu gefährlich“, sagte er. „Ich möchte Ihnen diese Verantwortung keinesfalls aufbürden. Außerdem haben wir de Alcazar bereits in Eisen schließen lassen. Hier kann ihn niemand mehr befreien, das ist ausgeschlossen. Wir werden ihn an den spanischen Hof bringen.“

„Doch nicht jetzt etwa?“ fragte Old Donegal entsetzt. „Das wäre der unpassendste Augenblick, Don Miguel.“

„Ich verstehe Sie nicht, Don Alonso.“

„Ja, wissen Sie denn nicht, daß Seine Allerkatholischste Majestät schwer erkrankt ist? Der König hat von seinen Beratern gerade erfahren, daß die Krone eine Staatsverschuldung in Höhe von fast hundert Millionen Dukaten hat. Diese Nachricht hat Seine Majestät sehr erregt und seine Krankheit noch verschlimmert, fast beschleunigt.“

„Das wußte ich nicht“, sagte Don Miguel betroffen. „Der Gesundheitszustand Seiner Majestät ist nicht der Beste, das erfuhr ich, aber daß es so schlimm steht …“

„Und dann wird ihm dieser Staatsfeind präsentiert“, sagte Old Donegal. „Ein angeblicher oder wirklicher Kollaborateur, Renegat, Hochverräter. Das alles wird Seine Majestät erfahren, und es wird ganz sicher nicht zu seiner Gesundheit beitragen.“

„Aber ich muß ihn ausliefern, Don Alonso.“

„Mein seliger Vater hätte ihn vor ein Inquisitionsgericht gestellt und abgeurteilt“, sagte Old Donegal, und seine Augen funkelten dabei. „Aber vorher hätte er ihn noch in einem Verlies schmachten lassen, damit Kerle wie er über ihr ruchloses Leben nachdenken können. Sie sollten sich das gründlich überlegen, Don Miguel.“

Don Miguel nickte gedankenschwer. Er nahm einen Schluck Rotwein, spitzte die Lippen und schluckte ihn herunter.

„Es steht in meiner Macht, wohin ich ihn bringe“, sagte er schließlich. „Ich kann ihn nach Madrid ausliefern, ich kann ihn aber auch nach Sevilla oder Cádiz überstellen. Aber erst muß ich ihm noch ein paar Fragen stellen. Wenn Sie seine Anwesenheit nicht stört, können Sie gern dabei sein. Ich werde ihn vorführen lassen.“

„Es stört uns nicht“, sagte Old Donegal. „Schließlich haben wir mit dem Mann sozusagen zusammengelebt. Er hat sich uns gegenüber immer sehr anständig benommen, nicht wahr, Capitán Senona?“

„In der Tat“, sagte Hasard. „Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen.“

Der Generalkapitän rief nach der Ordonnanz.

2.

Kurze Zeit später wurde Don Juan de Alcazar hereingeführt. Ketten umschlossen seine Beine und Handgelenke.

Er grüßte bei seinem Eintritt kühl und war auch keinesfalls irritiert, daß sich Old Donegal und der Generalkapitän so gut verstanden. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen.

Der Generalkapitän grinste boshaft.

„Ah, mein lieber Don Juan“, sagte er gehässig. „Ich wollte Ihnen noch ein paar Fragen stellen. In welchem Land sind Sie eigentlich an Bord der Schebecke gegangen?“

„In Italien“, sagte der Spanier ausdruckslos.

„Sind Sie sicher?“

Don Juan gab keine Antwort.

„Die Schebecke hatte Capitán Senona in Italien aber noch nicht“, sagte Don Miguel gehässig. „Das beweist mir einwandfrei, daß Sie lügen. Ich glaube Ihnen kein Wort. Mir wurde berichtet, Sie seien in Frankreich zugestiegen, unter falschem Namen.“

„Warum fragen Sie denn, wenn Sie alles schon wissen?“

„Ich will nur Ihre Unglaubwürdigkeit untermauern. Was haben Sie in Frankreich getan? Sie hatten doch von der Krone und der Casa de la Contratación einen ganz anderen Auftrag, und aufgrund dieses Auftrages sollten Sie sich im karibischen Raum aufhalten, wo man Sie auf diesen Killigrew angesetzt hatte.“

„Ich glaube nicht, daß Sie über meinen Auftrag genau informiert sind“, sagte Don Juan kühl.

„O doch, mein Lieber, sehr genau sogar. Sie haben sich mit diesem Mann verbündet, um der Krone Schaden zuzufügen. Warum haben Sie das getan? Der Grund würde mich interessieren, denn es ist doch recht ungewöhnlich, daß sich ein Mann in Ihrer Position mit einem Todfeind der spanischen Krone verbündet.“

„Sie haben mich doch und werden mich der Gerichtsbarkeit überstellen“, sagte Don Juan mit einem kleinen Lächeln. „Dann warten Sie doch das Ergebnis der Untersuchung ab, bei der Sie alles erfahren werden.“

Don Miguel schnaufte ärgerlich.

„Sie haben mir Rede und Antwort zu stehen“, sagte er.

„Sie erscheinen mir dafür nicht kompetent“, erwiderte der große, schlanke Mann kühl.

Don Miguel schluckte seinen Ärger herunter, obwohl ihm das schwerfiel.

„Nun gut“, knurrte er. „Ich werde Sie diesmal zur Abwechslung in die Vorpiek bringen lassen. Dort können Sie überlegen und über Ihre verwerflichen Schandtaten nachdenken.“

Don Miguel wandte sich an Old O’Flynn, der zurückgelehnt gerade einen kleinen Schluck des Rotweins genoß und im übrigen so tat, als ginge ihn das alles nichts an.

„Wo würden Sie diesen Kerl aburteilen lassen, Don Alonso?“

Old Donegal stellte das Glas auf den Tisch zurück. Einen kurzen Augenblick musterte er Don Juan, der in Ketten ganz in seiner Nähe stand.

„Madrid halte ich nicht für sinnvoll, Don Miguel. Die Gründe dafür nannte ich Ihnen bereits. In Sevilla verfährt man bekanntlicherweise etwas großzügiger, denn da gibt es ein paar Richter, die … Na, Sie wissen schon, was ich meine.“

„Bestechung?“ fragte der Generalkapitän leise.

„Korruption“, flüsterte Old Donegal geheimnisvoll. „Mir ist da einiges zu Ohren gekommen. Lassen Sie ihn nach Cádiz schaffen. Dieser Kerl bringt es sicherlich fertig, die Richter in Sevilla zu beeindrucken. In Cádiz kenne ich einige der ehrenwerten Señores persönlich. Die werden dafür sorgen, daß er seiner gerechten Strafe zugeführt wird.“

Der Generalkapitän nickte nachdenklich.

„Ein guter Vorschlag, Don Alonso“, sagte er und rieb sich die Hände. „Sie sind also zu keinen weiteren Aussagen bereit, de Alcazar?“ wandte er sich dann an Don Juan.

„Nicht Ihnen gegenüber, de Salamanca“, erwiderte der Spanier.

„Hinaus mit dem Kerl!“ zischte der Generalkapitän wütend. „Schließt ihn in der Vorpiek in Eisen!“

Als sie Don Juan abführten, da sah Hasard, daß es in seinen schiefergrauen Augen aufblitzte. Don Juan deutete eine leichte Verbeugung an.

„Ich hoffe, Sie werden keine weiteren Schwierigkeiten wegen mir haben, Capitán Senona. Entschuldigen Sie bitte die Ungelegenheiten, die ich Ihnen bereitete. Sie kennen die Zusammenhänge nicht.“

„Mir ist bisher alles sehr rätselhaft“, erwiderte der Seewolf zweideutig. Er verkniff es sich, Don Juan zuzublinzeln.

Als er draußen war, griff Don Miguel zum Weinglas und trank einen langen Schluck. Die Verärgerung wich nur langsam von ihm.

„Verräter“, sagte er verächtlich. Dann erhob er sich und ging ein paar Schritte auf und ab. Die Hände hielt er dabei auf dem Rücken verschränkt.

„Ich möchte Sie bitten, noch auf ein halbes Stündchen mein Gast zu sein, Don Alonso“, sagte er. „Ihrer Weiterreise steht natürlich nichts mehr im Wege, aber ich würde gern noch ein wenig mit Ihnen unter vier Augen plaudern.“

Old Donegal horchte in sich hinein, doch da war nichts, was sein Mißtrauen hervorrief. Don Miguel hatte sich beeindrucken und durch sein sicheres Auftreten völlig überrumpeln lassen.

„Aber gern, Don Miguel.“

Hasard fühlte, daß die beiden „Adligen“ gern unter sich sein wollten. Er war in der erlauchten Runde also überflüssig. Für den Generalkapitän war er nur ein kleiner Seemann, ein Mann vom Schlage der Gewöhnlichen, denn er hatte keinen Titel vorzuweisen.

Der Seewolf erhob sich ebenfalls.

„Dann darf ich mich zurückziehen, Señores?“

Der Generalkapitän erlaubte es gnädigerweise. Er wußte und ahnte nicht, welch einmalige Gelegenheit er soeben verpaßte, den berüchtigten El Lobo del Mar zu fangen.

„Sobald Don Alonso an Bord ist, können Sie weitersegeln“, sagte er.

„Verbindlichen Dank, Señor Generalkapitän.“

Nur zwei Läufer begleiteten den Seewolf bis zur Stelling. Sie drehten sich nicht einmal um, als er über die Pier ging.

Hasard hätte sich kranklachen können, als er über die Stelling an Bord der Schebecke ging.

Die Augen aller Arwenacks waren gespannt auf ihn gerichtet.

„Gibt es Ärger?“ fragte Ben Brighton besorgt.

„Nicht den geringsten. Wir sind im besten Einvernehmen auseinandergegangen. Sobald Don Alonso an Bord ist, steht unserer Weiterfahrt nichts mehr im Wege.“

„Wie bitte?“ Ben glaubte, sich verhört zu haben. „Was tut er denn dort noch?“

„Der Generalkapitän hat ihn noch zu einem Plauderstündchen eingeladen. Die Señores wollten unter sich sein, wie das bei erlauchten Herren so üblich ist. Da stört der Pöbel nur, und so hat man mich huldvoll entlassen.“

Ben Brighton schluckte sichtbar. Dan O’Flynn riß überrascht die Augen auf.

„Es hat alles geklappt, niemand ist mißtrauisch geworden?“

„Nicht im geringsten“, erwiderte Hasard. „Ich bin selbst verblüfft und erstaunt. Donegal hat sich mit einer Selbstverständlichkeit und Frechheit durchgesetzt, daß es mir glatt die Sprache verschlug.“

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch da erschien auf der Pier ein anderer Teniente, der zielstrebig auf den Corporal zuging, dessen Kerle das Schiff bewachten.

Die beiden redeten gestenreich miteinander, wobei der Teniente ein paarmal auf die Schebecke zeigte.

„Die ziehen die Bewacher ab“, meinte Big Old Shane.

Er behielt recht mit seiner Vermutung. Der Corporal salutierte und blaffte seine Kerle an.

„Kommando zurück an Bord!“ brüllte er.

Die Musketen wurden geschultert, der Corporal stellte sich an die Spitze der Seesoldaten und marschierte los. Die anderen folgten ihm im Gleichschritt. Das Kommando kehrte an Bord des Flaggschiffes zurück und verschwand.

„Das ist ja ein Ding“, sagte Hasard andächtig. „In der Höhle des Löwen ist man wahrhaftig am sichersten aufgehoben.“

„Mir ist das alles nicht geheuer“, knurrte der Profos. „Das geht zu glatt und zu einfach. Ich habe dauernd das Gefühl, daß wir gleich in die nächste Falle Segeln.“

„Glaube ich nicht, Ed“, sagte Hasard. „Wenn sie auch nur den leisesten Verdacht hätten, dann wäre hier längst die Hölle los. Mich hätte man sofort in Ketten weggebracht – und euch ebenfalls. Nein, nein, dieser Don hat sich von Donegal ganz einfach übertölpeln lassen. Frechheit siegt ja bekanntlich.“

Carberry sah sich immer wieder unbehaglich um und blickte auch zu den Kriegsgaleonen mit ihren schweren Stücken. Dort tat sich jedoch absolut nichts. Nur ein paar spanische Seesoldaten gingen Wache.

„So langsam glaube ich es auch“, murmelte er. „Sollen wir das Schiff inzwischen seeklar machen, Sir?“

„Ja, denn sobald Donegal an Bord ist, segeln wir los, aber nicht in auffallender Eile, sondern ganz gemütlich. Ich bin selbst froh, wenn wir diese kleine Armada hinter uns gelassen haben. Sehr wohl fühle ich mich in meiner Haut auch nicht.“

Hasard berichtete kurz, was sich in der Kapitänskammer des Don Miguel zugetragen hatte.

„Man wird Juan also vermutlich nach Cádiz bringen“, sagte Dan, nachdem Hasard geendet hatte. „Fragt sich nur, ob die Kriegsgaleonen ihm Geleit geben. Sie können ihn ja auch auf dem Landweg dorthin bringen.“

„Mal sehen, was Donegal erfahren hat. Der hat dem Kerl das Blaue vom Himmel herabgelogen, ohne rot zu werden. Madrid sei zu gefährlich, sagte er, und vor Sevilla warnte er ausdrücklich, weil es da angeblich bestechliche Richter gäbe. Der alte Bursche hat sofort erkannt, daß Cádiz der beste Ort ist, um Juan zu helfen.“

„Diese Rolle habe ich meinem Alten gar nicht zugetraut“, sagte Dan. „Sonst baut er doch meistens Mist.“

„Diesmal ist er über sich selbst hinausgewachsen.“

„Was ist denn jetzt schon wieder los?“ fragte Ben. „Wollen die etwa zu uns? Kleiner Freundschaftsbesuch, wie?“

Vom Flaggschiff enterten sechs Seesoldaten ab. Jeder von ihnen trug eine größere Holzkiste.

„Die wollen wirklich zu uns“, sagte Hasard grinsend. „Donegal hat dem Generalkapitän ein paar Flaschen erlesenen Wein abgeluchst. Ich nehme an, der wird jetzt an Bord gebracht.“

„Ein Wunder, daß er ihm nicht auch noch das Flaggschiff abgeschwatzt hat“, meinte der Profos verblüfft. „Dieser Generalkapitän scheint total bescheuert zu sein.“

„Er ist kein Dummkopf“, widersprach Hasard. „Er war nur von Donegal unglaublich beeindruckt und fiel auf seine adligen Titel herein.“

Der Corporal, der vorhin mit seinen Kerlen die Schebecke bewacht hatte, ging dem Trupp voraus. Vor der Stelling blieb er stehen und nahm Haltung an.

„Melde, daß der ehrenwerte Señor Generalkapitän, Don Miguel de Salamanca, den Auftrag gegeben hat, diese sechs Kisten zu überbringen. Sie sind für den hochlöblichen Sohn des Herzogs von Alba bestimmt. Ich habe die Ehre, Señor.“

„Ich bedanke mich im Namen von Don Alonso Alvarez de Toledo“, sagte der Seewolf ernst und feierlich. „Bitte, bringen Sie die Kisten an Bord.“

„Kisten an Bord bringen!“ befahl der Corporal wichtigtuerisch. „Auf den Planken absetzen.“

„Wo denn sonst“, raunte der Profos Smoky zu. „Auf dem Flaggenstock ist ja zuwenig Platz.“

„Vorsichtig, verdammt!“ brüllte der Corporal, obwohl die Kerle die Kisten ohnehin schon wie rohe Eier behandelten.

Die Kisten wurden abgesetzt. Die Seesoldaten salutierten und verschwanden. Der Corporal marschierte mit aufgeblähtem Brustkorb voraus.

„Einer der besten und süffigsten Weine, die es in Spanien gibt“, erklärte Hasard. „Das Beste vom Besten, aber für meinen persönlichen Geschmack zu süß und zu schwer.“

„Das läßt sich sehr einfach feststellen“, meinte der Profos. „Wir brauchen nur mal eine Buddel zu entkorken.“

„Untersteh dich, Ed, dich am Wein des Don Alonso zu vergreifen! Das käme einem Frevel gleich.“

„Er muß später sowieso ein paar Buddeln rausrücken“, sagte der Profos grinsend. „Dafür werde ich schon sorgen.“

Inzwischen wurde alles zum Auslaufen vorbereitet. Hasard ließ die Weinkisten unter Deck bringen und in Old Donegals Kammer verfrachten, was der Profos lebhaft bedauerte.

Dann warteten sie und warteten.

Eine volle Stunde verging, eine weitere halbe, und von Old Donegal war immer noch nichts zu sehen.

Der Seewolf wurde langsam ungeduldig. Bens Gesicht hatte sich umschattet. Er sah ernst aus.

„Das gefällt mir ganz und gar nicht“, murmelte er. „Fast könnte ich jetzt das Mißtrauen von Ed teilen, Sir. Donegal kann sich doch nicht stundenlang mit dem Kerl unterhalten. Die werden doch wohl nicht einen zwitschern? Das kann sich der Befehlshaber einer Kriegsgaleone doch gar nicht leisten. Da steckt etwas anderes dahinter.“

„Da steckt gar nichts dahinter“, sagte Hasard gelassen. „Eben war ich auch noch beunruhigt, aber Donegal kriegt es fertig und tischt dem ehrenwerten Señor faustdicke Lügen auf. Außerdem habe ich schon mehr als einen besoffenen Generalkapitän gesehen. Donegal wird ihm Schauermärchen erzählen, vermutlich von den Heldentaten seines angeblichen Vaters.“

Inzwischen war es längst Nachmittag geworden. Sie hätten schon ein paar Meilen zwischen sich und die Kriegsflotte bringen können, aber Old O’Flynn mußte natürlich wieder mal aus der Reihe tanzen.

Dann erschien er doch noch.

„Der alte Zausel hat sich einen angekümmelt“, stellte der Profos neidvoll fest, „aber unsereins muß ja nüchtern bleiben.“

Old O’Flynn wurde von einen Teniente, einem Corporal und zwei Seesoldaten eskortiert, obwohl eskortieren nicht der richtige Ausdruck war.

Die vier Spanier stützten ihn unauffällig, damit Old O’Flynn nicht über die Stelling kippte. Auf der Stelling blieb er stehen und hob den linken Arm zum Gruß. Dieser Gruß galt Don Miguel, der sich jetzt auf dem Achterdeck seines Schiffes befand und am Schanzkleid lehnte. Auch er hatte wohl etwas zu tief ins Glas gesehen, aber er verbarg das sehr geschickt.

Die beiden winkten sich zu und grinsten verschwörerisch.

Dann wurde Old O’Flynn in die vor der Stelling stehende Sänfte geleitet und nahm Platz, indem er einfach hineinplumpste.

„Auch das noch“, sagte Hasard ergeben. „Aber es sei ihm diesmal verziehen. Er hat schließlich viel für uns getan.“

Die Sänfte wurde angehoben. Unter dem heimlichen Grinsen der Arwenacks ging es über die Pier. Dicht vor der Schebecke setzten die vier Spanier die Sänfte ab. Sie taten es sehr behutsam.

Old O’Flynn rülpste leicht und schlug sich vor die Brust, als er etwas steifbeinig herauskletterte. Sein Schädel wackelte ein bißchen, als er die Träger mit einer gnädigen Handbewegung entließ.

Ein paar Augenblicke stand er so da, sich ganz der Würde eines spanischen Granden bewußt. Er fummelte an seiner Halskrause herum, zupfte an seinem Wams und gab sich einen Ruck.

„Bringt ihn an Bord“, sagte Hasard. „Schließlich verdient ein spanischer Edelmann ein Geleit.“

Carberry und Smoky übernahmen das. Sie flankierten ihn von links und rechts und benahmen sich so, als sei er tatsächlich ein vornehmer Adliger.

Old Donegal rülpste ein zweites Mal laut und ungeniert.

„Mußt du hier unbedingt rumquaken wie ein alter Ochsenfrosch?“ begann der Profos zu motzen. „Vollsaufen und rumtönen, was, wie? Reiß dich zusammen, Herzöglein.“

„Wenn du meine Rolle gespielt hättest, wären wir jetzt schon alle in der Hölle. Aber ich, Don Alonso, habe euch vor einem grausigen Schicksal bewahrt. Ich bin ein Held.“

„Klar, das streitet ja auch keiner ab. Aber nun bewege dich mal an Bord, du Held.“

Auf der Laufplanke blieb Old Donegal wieder stehen. Er spitzte die Lippen, führte zwei Finger an den Mund und warf Don Miguel Kußhändchen zu, die auch prompt erwidert wurden.

„Mein Freund“, verkündete Old Donegal stolz. „Er hat mir Wein geschickt und ein Medaillon verehrt. Hier ist es.“

Er holte das Medaillon hervor. Es war aus einem ovalen Goldrahmen und zeigte das Miniaturporträt des Generalkapitäns. Der Maler hatte sich redliche Mühe gegeben und aus dem roten groben Gesicht des Don Miguel alles das herausgelassen, was ihn wie einen Eisenfresser aussehen ließ. Selbst das Boshafte in seinen Augen hatte er durch einen freundlichen Blick kaschiert. Daher hatte das Bild nur noch sehr geringe Ähnlichkeit mit dem ehrenwerten Don Miguel de Salamanca.

„Sehr schön“, sagte Carberry, „ich nehme an, du wirst es dir über die Koje nageln, damit dir der freundliche Señor morgens beim Erwachen immer zulächelt.“

„Er ist wirklich sehr freundlich“, murmelte der Alte.

„Gebt Ihr auch einen aus, Edler von Toledo?“ erkundigte sich Carberry. „Du hast doch jede Menge zu saufen abgesahnt.“

„Aber sicher doch. Doch erst müssen wir hier einmal verschwinden. Das alles ist mir selbst sogar unheimlich geworden. Ich werde euch später von Don Miguel erzählen.“

Als Old O’Flynn an Bord war, ließ Hasard noch ein paar Minuten verstreichen, damit die Abreise nicht so überhastet wirkte.

Dann wurden die Leinen gelöst und die Segel gesetzt.

Niemand behelligte sie. Nur ein paar behelmte Seesoldaten sahen neugierig herüber – und Don Miguel, der auf dem Achterkastell seines Schiffes wie festgenagelt an der Balustrade lehnte.

Als die Segel gesetzt waren, grüßte er ein letztes Mal.

Die Schebecke glitt langsam aus dem Hafen.

Die Arwenacks atmeten erleichtert auf, als sich das Gluckern des Wassers an den Bordwänden verstärkte, als der Wind die Segel immer praller füllte und die Schebecke rasch an Fahrt gewann.

Die Dons sahen ihnen nach. Keiner ahnte, daß Spaniens größter Feind grinsend aus dem Hafen von Gibraltar segelte.

Sie hatten ihre Chance verpaßt, eine einmalige Chance vielleicht, denn es wäre den Dons wahrhaftig nicht schwergefallen, den Seewolf und seine Mannschaft zu fangen.

Als sie den Hafen verlassen hatten, begann bei den Arwenacks erst einmal das große Grinsen.

3.

Hasard kehrte in Gedanken noch einmal zu den Ereignissen der zurückliegenden Tage zurück.

Alles hatte so harmlos mit dem Proviantboot begonnen. Dort hatte jemand Don Juan de Alcazar erkannt und diese Neuigkeit sofort dem Generalkapitän überbracht, um sich die zehntausend Reales Kopfgeld zu verdienen.

Die Spanier hatten unglaublich schnell reagiert. Für sie war die Gelegenheit äußerst günstig gewesen, weil sie über viele Schiffe in diesem Seegebiet verfügten.

Eine Falle war aufgebaut worden – und in die waren die Arwenacks auch prompt und ahnungslos hineingelaufen.

Die Spanier hatten Don Juan erkannt und verhaftet. Sie würden ihn aburteilen und durch die Garotte hinrichten – wie es der ehrenwerte Don Miguel gehässig angekündigt hatte.

Ein Witz ist das, überlegte Hasard. Ausgerechnet Don Juan mußten sie schnappen. Dabei hatte er selbst fest damit gerechnet, daß sie es nur auf ihn abgesehen hatten. Mitten in der Höhle des Löwen waren sie unerkannt geblieben.

Für Don Miguel wäre der Fang des Seewolfes die Krönung seiner Laufbahn gewesen. Aber als Entschädigung hat er ja Don Alonso kennengelernt, dachte Hasard belustigt.

Er dachte an Don Juan und daran, wie es weitergehen sollte. Ein Plan zur Befreiung stand noch nicht fest, der mußte erst noch geboren werden.

Old Donegal stand neben ihm und verbreitete eine Weinfahne um sich, die man glatt als Fahnenflucht bezeichnen konnte. Der Alte blickte immer noch kichernd und händereibend zum Hafen zurück, wo die Kriegsgaleonen der Spanier langsam kleiner wurden.

„Vielleicht könntest du mir jetzt mal einen kleinen Überblick geben“, sagte Hasard. „Habt ihr etwas Wichtiges besprochen, du und dieser Don Miguel, oder nur herumsalbadert?“

In den Augen Old O’Flynns stand der Schalk.

„Ein bißchen gelabert haben wir auch“, gab er zu, „aber mitunter ging es doch sehr ernst zu. Es drehte sich natürlich alles um Juan.“

„Das kann ich mir denken. Du hast Don Miguel ja ganz schön belatschert, wie man so sagt.“

„Ja, er hat mir fast aus der Hand gefressen. Er kam gar nicht darüber hinweg, mit dem Sohn des Herzogs von Alba einen kleinen Plausch abhalten zu dürfen. Das hat ihn mächtig in seiner Ehre aufgemöbelt. Don Miguel ist ein Kerl, der zwar einen hohen Posten bekleidet, aber in die adligen Kreise leider nicht so recht vordringen kann, obwohl er ebenfalls zu diesen Stieseln gehört. Er möchte Eindruck schinden, mit aller Gewalt.“

„Den Eindruck erweckte er auch. Erzähle weiter.“

„Er bat mich ganz ernsthaft um Rat, Juan betreffend. Ich konnte ihm ja Madrid und Sevilla zum Glück ausreden.“

„Ja, das hast du hervorragend bewerkstelligt“, sagte der Seewolf anerkennend. „Er ist darauf hereingefallen.“

„Der Zweck war damit erfüllt. Wenn sie Juan nach Madrid bringen, haben wir nicht die geringste Aussicht, helfend eingreifen zu können.“

„Sehr richtig, Donegal.“

„Bringen Sie ihn nach Sevilla, dürfte es ebenfalls sehr schwierig für uns werden.“

„Auch goldrichtig“, sagte Hasard.

Mittlerweile hatten sich etliche Arwenacks um den Alten geschart und hörten interessiert zu. Es herrschte zwar immer noch Betroffenheit unter ihnen, weil das Schicksal Don Juans völlig ungewiß war. Aber so langsam begann sich ein spürbarer Optimismus auszubreiten. Andererseits waren die Arwenacks darüber belustigt, daß sie den Spaniern eins ausgewischt hatten.

„Bleibt also Cádiz“, meinte Old Donegal trocken. „Da kennen wir uns einigermaßen aus und können uns umhören. In Cádiz befindet sich auch die alte Hafenfestung, die gleich neben einem uralten Kloster liegt.“

„Du glaubst, man wird Juan dorthin bringen?“ fragte Hasard gespannt.

„Ich glaube es nicht, ich weiß es mit Sicherheit. Jedenfalls wird der ehrenwerte Don Miguel genau das veranlassen. Das hat er mir versprochen, weil ich mächtig auf die Pauke gehauen habe. Natürlich werde ich auch bei Hofe vorstellig und eine Audienz bei Seiner Allerkatholischsten Majestät haben.“

Ein paar Kerle begannen wieder breit zu grinsen, als sie sich Old Donegal bei Hofe vorstellten.

„Du bist ja direkt ein Genie“, sagte Hasard lachend. „Sicher hast du den armen Juan in allen Tonlagen verflucht.“

„Mußte ich doch, um glaubwürdig zu wirken, sonst hätte der Kerl mir das nie abgenommen. Ich habe den ganz großen Patrioten rausgehängt und allen Verrätern den Tod angedroht.“

„Wie bringen sie ihn denn nach Cádiz?“ fragte Hasard. „Auf einem ihrer Schiffe?“

„Oder segelt etwa die ganze Armada nach Cádiz?“ fragte Ben dazwischen.

„Die Schiffe bleiben in Gibraltar, bis auf die ‚Virginidad‘. Die läuft aber erst in einer Woche aus. Juan wird in einer bewachten Kutsche und großer Bedeckung nach Cádiz gebracht. Der Erste Offizier von Don Miguel reist mit, um das Hohe Gericht aufzuklären. Er ist mit etlichen Vollmachten ausgestattet.“

„Interessant.“ Hasard hatte eine steile Falte auf der Nasenwurzel.

„Hast du auch erfahren können, wann die Kutsche abgeht? Dann könnten wir vielleicht sogar auf dem Landweg noch etwas unternehmen.“

Old Donegal hustete unterdrückt. Die Arwenacks wurden von einer lieblichen Duftwolke eingenebelt. Der Wein lag spürbar in der Luft.

„Nein, das wußte der Señor selbst noch nicht. Erst soll Juan an Bord noch einmal verhört werden.“

„Ist denn ganz sicher, daß er mit der Kutsche nach Cádiz gebracht wird?“

„Das ist absolut sicher.“

„Auf dem Landweg läßt sich nichts unternehmen“, sagte Dan O’Flynn entschieden. „Wir werden alles tun, um Juan zu befreien, aber dabei müssen wir umsichtig vorgehen und nichts übereilen. Der Landweg ist zu unsicher, zumal wir nicht wissen, von wo aus und wann die Kutsche losfährt. Das Schiff irgendwo zu verstecken, ist ebenfalls ein Problem, denn die Schebecke fällt meilenweit auf.“

„Da gebe ich dir völlig recht, Dan“, sagte Hasard. „Wir werden einmal ausrechnen, wie weit es von Gibraltar nach Cádiz ist.“

„Auf dem Landweg werden es etwa sechzig oder siebzig Meilen sein“, erwiderte Dan, „mehr ganz sicher nicht. Der Seeweg ist dagegen beträchtlich länger und zeitraubender. Wir müssen die Südspitze Spaniens runden und haben die Strömung gegen uns. Haben wir im Atlantik später keinen günstigen Wind, dann ist die Kutsche wesentlich früher da als wir.“

„Sagen wir mal, siebzig Meilen über Land“, überschlug Hasard. „Das ist in drei Tagen ohne weiteres zu schaffen. Aber rechnen wir großzügigerweise ruhig vier Tage. Wir selbst schaffen es in vier Tagen nicht, wir brauchen vielleicht eine Woche, wenn der Wind ungünstig steht. Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät.“

Old O’Flynn schüttelte den Kopf.

„So schnell geht das bei den Dons nicht“, sagte er, „wenn auch Don Miguel einen erstaunlichen Eifer an den Tag legt. Zuerst muß Juan vor ein Untersuchungsgericht, und selbst das wird ein paar Tage dauern, die er vermutlich in der Hafenfestung verbringt. Dann wird er vor ein Tribunal oder Militärgericht gestellt, und auch das dauert wiederum ein paar Tage. Bis dahin sind wir längst da.“

Old O’Flynn stellte sich das wesentlich einfacher vor als Hasard, der noch eine Menge Schwierigkeiten sah.

„Mit der Schebecke können wir uns nicht einmal bis in die Nähe von Cádiz wagen“, sagte er sachlich. „Das hat Dan schon angeschnitten. Cádiz ist ein scharf bewachter Handels- und Kriegshafen, in den wir sofort unangenehm auffallen würden.“

Dan O’Flynn hatte bereits eine Seekarte ausgebreitet. Was die Navigation betraf, da war er ebenso unschlagbar wie mit seinen scharfen Adleraugen.

„Wir könnten nach Rota segeln“, schlug er vor. „Außerhalb des Ortes gibt es zwei kleinere Buchten, wo wir die Schebecke verstecken könnten.“

„Das ist zu dicht in der Nähe von Cádiz“, entgegnete der Seewolf. „Von dort aus kann man nach Cádiz hinüberblicken. Wenn dort spanische Patrouillenboote aufkreuzen, kriegen wir Ärger. Besser wäre, wir blieben mit dem Schiff auf See und steuern die Küste mit unserer Jolle an.“

„Hast du schon einen Plan, Sir?“

„Einen ganz vagen, er ist noch nicht ausgereift. Aber uns bleiben ja noch ein paar Tage Zeit.“

„An wie viele Männer hast du bei dem Unternehmen gedacht?“ wollte Ben Brighton wissen. „Wir können dort schlecht, mit der ganzen Mannschaft erscheinen.“

Hasard lächelte und zog die Schultern hoch.

„Zwanzig oder mehr Männer haben gegen die zahlreichen Dons nichts in der Hand, keine Chance. Mit nackter Gewalt ist das Problem nicht zu lösen, auch nicht mit Blankwaffen oder Geschützen. Ich habe an zwei Mann gedacht“, sagte er zur Verblüffung der anderen.

„Zwei Mann?“ fragte Old Donegal, „ist das nicht entsetzlich wenig?“

„Du sagtest vorhin etwas von einem uralten Kloster. Liegt das direkt an der Festung?“

„Gleich daneben.“

„Mönche haben oft Zutritt zu den Gefangenen oder zu jenen, die zum Tode verurteilt sind. Es ist bei den Dons Brauch, daß die Todeskandidaten vor ihrer Hinrichtung eine Beichte ablegen. Das verwehrt man aus Glaubensgründen selbst dem ärgsten Feind nicht.“

„Stimmt“, erwiderte Old Donegal verblüfft. Seine Fahne duftete immer noch meilenweit. „Aber, was willst du damit sagen?“

„Gibst du eine Runde von dem köstlichen Wein aus, Donegal?“ fragte der Seewolf.

„Sicher“, murmelte der Alte verblüfft. „Ich dachte nur, er sei euch zu süß.“

„Ach was“, meinte der Profos, „süß oder nicht. Wir haben jedenfalls etliche schwerwiegende Gründe, einen zu lenzen. Außerdem stinkt deine Fahne meilenweit bis in den Atlantik. Wenn wir aber auch einen schlucken, dann fällt das nicht so auf. Das ist wie bei Knoblauch – alle oder keiner.“

Das war natürlich ein guter Grund. Edwin Carberry war um solche Begründungen noch nie verlegen, und so ging er auch gleich mit Feuereifer daran, eine der Kisten aufzuhebeln. Wann kriegte man schon so ein edles, adliges Tröpfchen, was, wie?

„Am besten schluckt jeder gleich eine Buddel“, schlug der Profos vor. „Dann besteht auch keine Gefahr der Ansteckung, wenn jeder aus seiner eigenen Buddel, gluckert.“

„Von wegen!“ zeterte Old O’Flynn los. „Das Zeug wird nicht gesoffen, sondern genossen. Das trinken wir aus unseren besten Humpen, die wir an Bord haben. Und von wegen Ansteckung, mein Lieber! Das ist nur wieder eine faule Ausrede. Schließlich haben wir nicht die Pest an Bord.“

So wurden also die besten Humpen und Gläser geholt. Der dunkelrote Wein roch schwer und süßlich. Es war allerbeste Qualität, wie sie nur den ganz hohen Chargen vorbehalten war.

Dann wurde einer gelenzt, und gleich noch einer auf das Wohl des ehrenwerten Don Alonso Alvarez de Toledo, den durchlauchten Sohn des Herzogs von Alba, der sich sicherlich im Grab umgedreht hätte, würde er von Old O’Flynns Auftritt gewußt haben.

„Wir werden also List und Tücke anwenden und auf unseren reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen“, sagte Hasard zwischen zwei kleinen Schlucken. „Die Einzelheiten besprechen wir noch, und zwar ausführlich. Es muß alles gut vorbereitet werden. Wir können nicht die Festung in Cádiz stürmen, Don Juan heraushauen und davonsegeln. Das wäre zu einfach.“

„Dann wird dich also nur ein Mann begleiten“, sagte Dan nachdenklich. „Denn daß du dabeisein wirst, steht wohl außer Frage.“

Hasard setzte den Humpen vorsichtig ab. Er nickte flüchtig.

„Ja, zwei Mann, der Kutscher und ich“, erwiderte er zur Verblüffung der anderen.

Der Profos hatte schon einen leuchtenden Blick drauf, doch der erlosch recht schnell.

„Der Kutscher?“ fragte er langgezogen. „Ich dachte da an mich.“

„Nimm es mir nicht übel, Ed, aber der Kutscher ist nun mal der geeignetere Mann, ohne deine Leistungen zu schmälern. Du gibst keinen überzeugenden Padre oder Mönch ab. Der Kutscher hat noch einen weiteren Vorteil: Er spricht ein sehr gepflegtes Spanisch und beherrscht außerdem Latein, was uns sehr helfen wird.“

„Hm, das sehe ich ein“, murmelte der Profos, ohne beleidigt zu sein. Er zog auch keinen Flunsch, wie das sonst üblich war, denn hier ging es um ein Menschenleben, um einen guten Freund, der jetzt nicht mehr unter ihnen Weilte, und dem neben einer grausamen Folter auch noch der sichere Tod bevorstand.

„Und wie soll das vor sich gehen?“ fragte Dan begierig.

„Ich weiß es noch nicht genau. Zunächst werden der Kutscher und ich als Fischer getarnt nach Cádiz gehen, damit wir nicht auffallen. Fischer gibt es sehr viele, und das erforderliche Rüstzeug werden wir uns schon besorgen. Was weiter geschieht, muß zunächst einmal die Lage der Dinge ergeben, das hängt von den besonderen Umständen ab.“

An Steuerbord wurden die Kalkfelsen jetzt flacher.

Hasards Blick war nachdenklich auf das vorüberziehende Land gerichtet. Die Schebecke kämpfte gegen die Strömung des Atlantiks an, die kraftvoll ins Mittelmeer drückte.

Von den Magoten war keiner zu sehen, die sonst immer zwischen den Felsen turnten. Vielleicht hielten sie Siesta wie der Schimpanse Arwenack auch, der dösend unter dem Focksegel auf der Gräting des Stauraumes hockte.

Algeciras tauchte auf, ein verschlafen wirkender Ort. Die Bahia de Algeciras wurde noch vom abfallenden Gibraltarfelsen flankiert. Der Ort erweckte den Eindruck, als hielten sämtliche Einwohner ein Nickerchen. Außer ein paar kleinen Fischerbooten gab es in der Bucht nichts zu sehen.

Nur sehr langsam versank der Dschebel Al Tarik achteraus, und immer noch kämpften sie gegen die stärker werdende Oberflächenströmung an. Mitunter entstand der Eindruck, sie bewegten sich nicht vom Fleck.

Achteraus war alles „sauber“. Kein spanisches Schiff zeigte sich, niemand folgte ihnen.

Bald würde der Atlantik sie aufnehmen und der „Ententeich“, wie der Profos das Mittelmeer nannte, hinter ihnen liegen.

4.

Don Juan de Alcazar hatte sich stur gezeigt und verweigerte bei dem Verhör durch den Generalkapitän jede Aussage. Das brachte den hohen Herrn sehr in Harnisch, und er drohte dem Spanier ein paar Male die Peitsche und hochnotpeinliche Folter an.

Doch auch das ließ Don Juan unbeeindruckt. Er habe ihm nichts zu sagen, ließ er Don Miguel kühl wissen.

„Dann bringen Sie diesen verräterischen Bastard augenblicklich nach Cádiz, Don Pedro, wie es besprochen wurde. Sie haften mir persönlich für die Auslieferung, und Sie erhalten von mir einige Sondervollmachten, damit es keine Verzögerungen gibt.“

Don Pedro stand stramm. Er war der Erste Offizier an Bord, ein Mann von schlanker Statur mit einem dreieckigen Bart am Kinn, buschigen schwarzen Augenbrauen und einem grimmig und kalt wirkenden Gesicht. Die dunklen Augen über einer etwas gekrümmten Nase blickten eiskalt und durchdringend.

Don Pedro war ein Mann, der mit großer Härte durchgriff. Er war auch ein fanatischer Anhänger seines Königs, und so wußte der Generalkapitän Don Juan de Alcazar bei ihm in besten Händen. Sein Erster würde sich eher vierteilen lassen, als daß einem Kerl wie de Alcazar die Flucht gelang.

In Gibraltar hatte es sich bei Behörden und Militär längst herumgesprochen, wer der Obrigkeit da in die Hände gefallen war. Entsprechend waren die Sicherheitsmaßnahmen vorbereitet worden.

Zwei Beamte der Casa de la Diputación, ernste Männer, die einen Sitz in der Provinzregierung hatten, erschienen persönlich bei Don Miguel, um mit den Augen des Gesetzes über allem zu wachen.

Don Pedro erhielt mehrere versiegelte Schreiben, die ihm überall Tür und Tor öffnen würden.

In der Frühe des nächsten Morgens wurde der Gefangene aus dem finsteren Verlies der Vorpiek geholt.

Schwarze Bartschatten standen in Don Juans Gesicht. Als er ins Helle trat, kniff er die Augen zusammen, um sie an das Sonnenlicht zu gewöhnen.

Don Pedro musterte ihn kalt und verächtlich.

„Sie werden unter scharfer Bewachung nach Madrid gebracht“, erklärte er knapp. „Alles Weitere wird dort entschieden. Sollten Sie sich zu einem Fluchtversuch entschließen, wird man lediglich Ihre Leiche oder Ihren Kopf an den spanischen Hof bringen. Das ist alles.“

Don Juan traf es wie ein Hammerschlag, als er die Worte hörte. Er hatte fest damit gerechnet, nach Cádiz überstellt zu werden, wie Don Miguel das mit Old O’Flynn besprochen hatte. Da muß etwas schiefgegangen sein, überlegte er. Hatte man den Alten und seine Rolle als spanischer Edelmann durchschaut?

Er ließ sich nichts anmerken. Ruhig und gefaßt stand er da und ließ sich weitere Ketten anlegen. Um ihn herum wimmelte es von Seesoldaten, Bewaffneten und Stadtpolizisten. Auch zwei Kerle der Casa de la Diputación waren dabei, wie er an den Uniformen sah.

Nach Madrid, überlegte er fieberhaft. Das bedeutete, daß er direkt dem Hof überstellt wurde, und das bedeutete gleichzeitig, daß die Arwenacks davon sicherlich nichts wußten. Sie würden ihn in Cádiz vermuten und warten – sehr lange warten und dabei doch nur ins Leere vorstoßen.

Was war da nur passiert?

Sie stießen ihn vorwärts, und er sah aus den Augenwinkeln noch, wie der Erste Offizier von einem der Beamten zur Seite genommen wurde. Was sie sprachen, konnte er leider nicht hören, aber es hätte ihn sehr erleichtert, wenn er es gewußt hätte.

„Es war doch vereinbart worden, daß der Mann nach Cádiz gebracht werden soll“, sagte der Beamte erstaunt. „Warum wurde das buchstäblich in letzter Minute geändert?“

Don Pedros Lippen waren so dünn wie die Seite eines Messers, sein flüchtiges Lächeln kalt wie Gletschereis. Seine Augen lachten nicht mit, es war ein bloßes Verziehen seiner Mundwinkel.

„Es ist nichts geändert worden, Señor Batista. Natürlich wird der Verräter nach Cádiz überstellt. Ich lasse ihn absichtlich im unklaren, damit er nicht weiß, wo er sich befindet. Er soll ruhig annehmen, er sei auf dem Wege nach Madrid. Bei einem unvorhergesehenen Zwischenfall dürfte ihn das sehr verwirren.“

„Ah, ich verstehe“, sagte der Mann von der Casa. „Sie wollen ihm natürlich nicht die hauchdünne Chance einer Möglichkeit geben. Sehr vernünftig, Don Pedro.“

„Nicht einem Vaterlandsverräter wie ihm“, sagte Don Pedro. „Er gehört an den Galgen, zur öffentlichen Inaugenscheinnahme. Seine Leiche soll im Wind schaukeln, und alle sollen ihn verhöhnen. Die Garotte ist zu schade für den Kerl.“

„Aber sein Tod dauert länger.“

„Es gibt Henker, die das Hängen sehr in die Länge ziehen können.“

„Bei der Garotte auch“, sagte der Mann von der Casa genüßlich. „Ich bin sicher, daß er an den richtigen Mann gerät.“

„Ich werde dazu jedenfalls tun, was ich kann.“

Davon war der Beamte der Casa überzeugt. Er grüßte knapp und ging zu der Kutsche hinüber, vor der sich ein Dutzend bewaffnete Männer aufhielten.

„Laufen müßte der Kerl“, sagte einer der Soldaten erbost. „Aber nein, die adligen Herrschaften werden gefahren oder getragen, obwohl sie dem eigenen Land den Krieg erklärt haben.“

Don Juan ließ die Bemerkungen gleichgültig über sich ergehen. Was wußten die Kerle schon von ihm und seinem Handeln? Sie hatten nicht die geringste Ahnung, um was es eigentlich ging. Seine Motive waren für sie ein Buch mit sieben Siegeln, und sie hatten es auch nie im Leben begriffen.

Der Spanier blinzelte in das helle Sonnenlicht. Er lauschte aufmerksam den Gesprächen der Offiziere, um herauszuhören, was mit den Arwenacks geschehen war. Er vernahm jedoch kein Sterbenswörtchen darüber. Niemand erwähnte die Männer von der Schebecke. Das bedrückte ihn sehr, und er sann darüber nach, was wohl passiert sein mochte. Die Arwenacks waren jedenfalls losgesegelt, das stand fest. Oder hatten seine Landsleute die Schebecke in eine andere Bucht verholt? Auch das konnte er nicht herausfinden, denn jetzt forderte ihn eine barsche Stimme zum Einsteigen auf.

Bevor er einstieg, sah er noch, daß mehr als ein Dutzend Soldaten der Kutsche Geleit gaben. Vierzehn Bewacher waren es insgesamt, außer Don Pedro und den beiden Kutschern. Sie alle waren beritten. Sechs Soldaten setzten sich vor die zweispännige Kutsche, der Rest ritt hinterher.

Don Juan stieg ein und erhielt von Don Pedro einen Tritt.

Wuterfüllt fuhr er unglaublich schnell herum. Die Arme mit den Ketten hoben sich blitzschnell. Der Erste Offizier wich erschrocken einen Schritt zurück und richtete die Pistole auf ihn.

„Schließt den Kerl an den Querholm der Kutsche“, befahl er mit bleichem Gesicht. „Der ist ja gefährlicher als tausend Nattern.“

„Tun Sie das nicht noch einmal“, sagte Juan de Alcazar drohend.

Zwei Mann schlossen ihn mit einer zusätzlichen Kette im Innern der Kutsche an. Er konnte sich nur noch sehr knapp bewegen.

Don Pedro nahm in der geräumigen Kutsche ihm gegenüber Platz. Sein Gesicht war verkniffen, seine Augen blickten tückisch.

„Losfahren!“ befahl der Erste.

Die Kutsche ruckte an. Don Pedro stand auf und zog die Vorhänge vor die Scheiben, bis im Innern Dämmerlicht herrschte. Aus seiner Position konnte Don Juan draußen nichts sehen. Don Pedro hingegen hatte einen begrenzten Ausblick.

Pferdegewieher war zu hören, ein paar Stimmen, das Klirren von Waffen. Etliche Spanier trugen Hellebarden und waren zusätzlich mit Musketen und Pistolen bewaffnet.

Die beiden Männer in der Kutsche musterten sich feindlich. Don Juan dachte an Flucht, er dachte aber auch über die Aussichtslosigkeit eines solchen Versuches nach. Er war gefesselt und unbewaffnet, und er hatte mehr als ein Dutzend berittener Kerle gegen sich, die vor Waffen nur so starrten.

Vorerst war jeder weitere Gedanke an eine Flucht zwecklos. Er lehnte sich in die Ecke zurück und war nach kurzer Zeit eingeschlafen, was Don Pedro maßlos ärgerte. Dieser Verräter schlief in aller Seelenruhe, und er selbst mußte bei der langweiligen Fahrt wach bleiben. Außerdem tat der Kerl so, als ginge ihn das alles nichts an. Der schien überhaupt keine Nerven zu haben, obwohl er genau wußte, was ihm in Kürze bevorstand.

Während er die Pistole auf Don Juan richtete, stieß er ihn mit dem Stiefel an.

Don Juan war sofort hellwach.

„Hier wird nicht gepennt“, knurrte Don Pedro. „Sie befinden sich nicht auf einer Spazierfahrt.“

„Das dachte ich mir fast“, sagte Don Juan, „deshalb brauche ich vermutlich keine Passage zu bezahlen.“

Er lehnte sich wieder zurück und schloß die Augen, bis das Spiel sich wiederholte und Don Pedro ihn erneut ärgerlich anstieß.

„Ich habe nur die Augen geschlossen, um Ihren Anblick nicht länger ertragen zu müssen“, sagte er ruhig.

„Das können wir recht bald ändern“, erwiderte Don Pedro tückisch. „Ich werde Sie von dem Anblick befreien.“ Er lachte kurz und stoßartig auf.

Etwas später gab er den Befehl zum Halten an den Kutscher. Der ganze Troß stoppte.

Don Pedro stieg aus.

„Nehmt ihm die Fußfesseln ab und verbindet ihm die Augen!“ befahl er einem Soldaten. „Dann schließt ihn mit einer weiteren Kette hinten an die Kutsche an. Der Kerl wird renitent und aufsässig. Das Laufen wird ihm guttun.“

Don Juan sah gerade noch, bevor sie ihn aus der Kutsche zerrten, daß sie sich auf einem staubigen ausgefahrenen Weg in einem größeren Olivenhain befanden. Dann wurde es auch schon dunkel, als sie ihm die Augen verbanden.

Don Pedro ließ seine Boshaftigkeit an dem Hilfslosen aus.

„Jetzt können Sie weiterpennen, Sie Bastard. Und vergessen Sie nicht das Laufen. Es geht jetzt lustig über Stock und Stein.“

Er hörte die Soldaten lachen. Sie freuten sich offenbar darüber, daß er ein bißchen gequält wurde.

Gleich darauf wurde die Fahrt fortgesetzt. Don Juan fühlte plötzlich einen brennenden Schmerz am Kopf. Den Knall hörte er gleichzeitig. Im ersten Augenblick glaubte er, einer der sadistischen Kerle hätte auf ihn geschossen, dann erkannte er seinen Irrtum.

Es war einer der beiden Kutscher, der anscheinend ebenfalls seine sadistische Ader entdeckt hatte oder auf Befehl Don Pedros so handelte.

Er spielte „Glückstreffer“, wie die Kerle das höhnisch nannten. Hin und wieder schlug er mit der langen Peitsche vom Kutschbock aus nach hinten. Manchmal traf er, mitunter aber knallte die Lederschnur an die Wand der Kutsche. Wenn er traf, stieß er ein meckerndes Gelächter aus, in das der andere Kerl mit einfiel.

Die Pferde liefen schneller. Don Juan wurden fast die Gelenke aus den Schultern gerissen. Er wurde von einer Seite zur anderen gezerrt, wenn die Kutsche über Unebenheiten rumpelte, und er mußte höllisch schnell laufen, um nicht hinzufallen.

Er biß die Zähne zusammen und rannte in absoluter Dunkelheit dahin. Er sah nichts, nicht einmal einen Streifen Dämmerlicht.

Nach einer Weile begann er schneller zu atmen und dann zu keuchen, weil er als Seemann das Laufen nicht gewohnt war. Schweiß perlte auf seiner Stirn und sickerte in die Augenbinde.

Dann zuckte er wieder zusammen, wenn ihn unerwartet die Peitschenschnur traf und einen Striemen auf seiner Haut hinterließ. Jedesmal war dann das Lachen zu hören.

„Seht mal unseren Laufburschen an“, hörte er die höhnischen Bemerkungen der Soldaten hinter sich. „Der rennt sogar schneller als die Gäule.“

Wieder ein Peitschenhieb, der einen roten Strich auf seiner linken Wange hinterließ.

Dann wurde die Kutsche hart nach rechts gerissen. Don Juan war darauf nicht vorbereitet, zudem sah er nichts. Der Ruck erfolgte so unerwartet und heftig, daß er strauchelte. Er fing sich noch einmal, dann hörte er die Räder wild über Steine rumpeln.

Über einen dieser Brocken stolperte er und stürzte. Genau das hatte er unbedingt vermeiden wollen, denn jetzt begann eine entsetzliche Tortur. Erbarmungslos wurde sein Körper an den Ketten mitgeschleift und geschunden. Kurzes Strauchwerk zerkratzte ihm das Gesicht, Steine und Dreck rissen seine Haut auf. Unzählige Schrammen trug er innerhalb kürzester Zeit davon.

Ein paar Minuten wurde er mitgeschleift und schrammte hart über den Boden. Dann hielt die Kutsche.

Don Juan konnte sich nur sehr mühsam aufrichten. Er hatte das Gefühl, als sei jeder einzelne Knochen in seinem Leib gebrochen.

Einer der Kerle nahm ihm die Augenbinde ab. Er blickte in Don Pedros kalte Fischaugen.

„Ein beschwerlicher Weg nach Madrid“, sagte er höhnisch. „Aber dort wird man Sie schon wieder aufpäppeln. Schließlich sollen nur gesunde Männer dem Henker überstellt werden.“

Don Juan hörte die Worte wie aus weiter Ferne. Sein Körper brannte und schmerzte höllisch. Von der Stirn sickerte ihm ein dünner Blutfaden in die Augen.

Aus halbzusammengekniffenen Augen blickte er in den Himmel. Dann mußte er wieder in die Kutsche steigen und wurde angekettet.

Don Juan lächelte sehr zum Ärger des Offiziers, denn er hatte etwas entdeckt, als man ihm für einen Augenblick die Augenbinde abgenommen hatte. Ganz sicher war das Don Pedro entgangen.

Don Juan hatte sich in diesem winzigen Augenblick sehr schnell orientiert. Einen derart scharfen Blick hatte er erst bei den Seewölfen entwickelt. Früher wäre ihm das nicht aufgefallen.

Die Sonne stand noch fast im Osten. Die Kutsche aber bewegte sich genau in westnordwestlicher Richtung. Hätte sie Kurs auf Madrid genommen, so folgerte Don Juan logisch weiter, dann müßte sie sich in nordnordwestlicher, fast nördlicher Richtung, bewegen. Das war aber nicht der Fall, wie er eindeutig erkannt hatte.

Er grinste noch mehr. In westnordwestlicher Richtung lag einwandfrei Cádiz, aber nicht die Hauptstadt des Landes.

Man hatte ihm also bewußt etwas Falsches mitgeteilt – und offenbar nur aus dem Grund, ihn zu verwirren.

„Ihr überhebliches Grinsen wird Ihnen noch vergehen!“ brüllte Don Pedro, den die Ruhe und Gelassenheit mächtig aufregte. Er hätte Don Juan lieber winselnd auf den Knien vor sich gesehen. Aber der Kerl war unbeugsam und unglaublich hart.

„Ich wüßte nicht, daß das Grinsen in unserem Land auch noch verboten ist“, sagte er. „Oder wird man deshalb vor das Inquisitionsgericht gestellt?“

Am Nachmittag stoppte die Kutsche erneut. Sie hielt vor einer armselig aussehenden Herberge. Den Soldaten und Bewachern wurde Verpflegung, Wasser und Wein gebracht.

Für Don Juan gab es auch Wasser – eine kleine Muck voll. Einer der Soldaten brachte es ihm. Als Don Juan danach greifen wollte, zog der Soldat die Hand zurück und goß ihm das Wasser ins Gesicht.

„Kühlt doch schön, was?“ fragte er grinsend.

„Du erbärmliche Ratte“, sagte Don Juan. „Du fühlst dich offenbar als ganz großer Held.“

Sie brachten ihm nichts zu essen. Erst am späten Abend erhielt er einen Kanten Brot und einen Schluck Wasser.

Er mußte die Nacht in der Kutsche verbringen, während die meisten Bewacher und Don Pedro in einer Finca übernachteten. Posten umstellten die Kutsche, ein Feuer wurde entzündet. An Flucht war überhaupt nicht zu denken.

Бесплатный фрагмент закончился.

3 152,52 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
1952 стр. 21 иллюстрация
ISBN:
9783966881043
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги