Читать книгу: «Seewölfe Paket 28»

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Impressum

© 1976/2019 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-95439-996-3

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 541

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 542

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 543

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 544

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 545

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 546

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 547

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 548

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 549

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 550

Seewölfe Nr. 550

Nr. 551

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 552

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 553

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 554

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 555

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 556

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 557

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 558

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 559

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 560

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9


1.

Auf dem Basar von Masquat ging es schon am frühen Morgen rege zu. Es war nicht leicht, sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Turbanträger palaverten und handelten, Verkäufer priesen ihre Ware lautstark an, Musikanten spielten auf einem Podium – die Männerwelt war in einem Chaos aus Farben und Geräuschen unter sich.

In den alten Gemäuern der Kasbah tauchte hin und wieder das verschleierte Gesicht einer Frau hinter einem winzigen Fenster auf, verschwand aber sogleich wieder, wenn sich der Blick eines Passanten auf sie richtete.

Edwin Carberry, der mit einem siebenköpfigen „Stoßtrupp“ der „Santa Barbara“ in den engen Gassen unterwegs war, ließ sich von dem Getümmel nicht beeindrucken.

Er hatte einen Auftrag, und diesen Auftrag gedachte er strikt und rigoros auszuführen. Großeinkauf – der Kutscher hatte eine Liste angefertigt, auf der vom Maismehl bis zu geschlachteten Hühnern so gut wie alles aufgeführt war, was das Herz der Mannen begehrte.

Nur Wein, Bier und Schnaps hatte der Kutscher nicht mit aufgeschrieben. Diese Flüssigware galt im Reich der Muselmanen als „Teufelszeug“ und war deshalb durch die Gesetze des Korans verboten. Aber immerhin – der Seewolf und seine Mannen hatten davon noch genügend Vorräte an Bord.

Beim Einkauf ging es in erster Linie darum, wieder frische Lebensmittel in den Proviantlasten der Galeone zu verstauen. Aus diesem Grund hatte der Seewolf Masquat angelaufen und war im Hafen vor Anker gegangen. Dies war im Morgengrauen geschehen. Jetzt, um sechs Uhr, bewegte sich der Trupp durch die Kasbah.

Die Mannen – außer dem Profos waren Mac Pellew als „Kombüsenexperte“, Matt Davies, Higgy, Jack Finnegan, Paddy Rogers, Don Juan de Alcazar und Stenmark mit von der Partie – hielten aufmerksam nach geeigneten Marktständen oder Läden Ausschau, in denen die begehrten Güter angepriesen wurden.

Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der karmesinrote Aracanga, begleiteten die acht Männer. Sir John hockte auf Carberrys mächtiger Schulter – neugierig wie immer. Arwenack trottete neben Higgy her und griff hin und wieder nach dessen Hand.

Die beiden verstanden sich ausgezeichnet, was wiederum oft zu Witzeleien Anlaß gab. Higgy trug es mit Gelassenheit. Nichts konnte sein irisches Gemüt erschüttern, auch der seltsame Humor eines Edwin Carberry nicht.

Die Männer stiegen Treppen hoch und begaben sich in den etwas höher gelegenen Teil der Kasbah. Immer wieder blieb Carberry stehen, warf Blicke auf die Liste und kratzte sich an seinem Rammkinn.

„Maismehl“, sagte er gedehnt. „Weiß der Henker, wo wir das kriegen.

Matt stieß einen leisen Fluch aus, weil er um ein Haar über die ausgestreckten Beine eines an einer Hauswand hockenden Bettlers gestolpert wäre.

„Wie wär’s, wenn wir erst mal einen zur Brust nehmen?“ fragte er mit verdrossener Miene. „Hier ist es im Monat März schon verdammt heiß, finde ich. Und die Zunge klebt mir am Gaumen fest.“

Der Profos drehte sich gemächlich zu ihm um. „Du hast wohl schon wieder vergessen, daß in arabischen Ländern nicht gesoffen wird, was, Mister Davies? Wie?“

„Ja, zur Hölle, das habe ich.“

„Dann schreib es dir hinter deine Segelohren.“

„Aye, Sir.“

„Außerdem sind wir im Dienst“, sagte Carberry. „Und im Dienst wird, nicht gesoffen.“

Mac Pellew trat vor den Profos hin. „Warum fragen wir nicht einfach jemanden, wo wir unsere Sachen kriegen, statt wie die Idioten durch die Gegend zu laufen?“

Carberry deutete auf einen bis auf die Knochen abgemagerten Araber, der sich an ihm vorbeidrücken wollte. „Frag ihn.“

„Wo erhalten wir hier frischen Proviant?“ erkundigte sich Mac bei dem Kerl, der sofort ein leutseliges Grinsen aufsetzte.

„Yallah, Yallah“, antwortete der Kerl, dann verschwand er.

„Frag noch ein paar Leute“, sagte der Profos. „Irgendwann triffst du bestimmt einen, der Englisch kann.“

„Wir hätten doch die Zwillinge mitnehmen sollen“, sagte Stenmark. „Die hätten sich verständigen können.“

„Wir haben sie aber nicht dabei“, sagte Carberry. „Außerdem wird hier nicht Türkisch gesprochen, sondern arabischer Dialekt oder so was. Im übrigen kommen wir auch allein zurecht. Also, Mac, wir gehen dann schon mal weiter.“ Er schaute zu Higgy und Arwenack. „Los, setzt eure Affenärsche wieder in Bewegung.“

Der Trupp marschierte weiter. Mac Pellew murmelte eine Verwünschung und schloß sich den Kameraden wieder an. Was blieb ihm anderes übrig? Hier konnte gewiß keiner Englisch. Überhaupt, nirgends war auch nur ein Mensch zu entdecken, der annähernd wie ein Europäer wirkte. Seltsam. Gab es hier nicht einmal Spanier, Portugiesen oder Franzosen?

Carberry betrachtete ein paar Stände, vor denen sich schnatternde Araber stritten.

„Mist, hier gibt es nur Klamotten“, sagte er vernehmlich.

Die Araber verstummten und blickten ihn nachdenklich und mißtrauisch an. Dann nahmen sie ihr Palaver wieder auf.

Plötzlich trat aus einem schmalen, dunklen Gang ein feister kleiner Mann auf den Trupp zu. Er trug ein angeschmutztes weißes Gewand und einen grünen Turban. Er lächelte und verneigte sich.

„Sidi“, sagte er zu Carberry. „Du Spanien? Portugal?“

„Nein, England“, knurrte der Profos.

„Schade“, flüsterte der Mann auf Portugiesisch. „Du nicht verstehen. Ich weg.“

„Ich doch verstehen“, entgegnete Carberry. „Ich kann Spanisch.“

„Oh, auch ich. Ein bißchen“, sagte der Araber.

„Wunderschön“, sagte Don Juan de Alcazar. „Vielleicht kannst du uns weiterhelfen. Wir suchen etwas.“

Der Kerl verbeugte sich wieder. „Oh, gut. Ich haben. Du Frau?“ Er blinzelte Carberry zu. „Nett, fett? Ich führen.“

„Wir haben was zu erledigen“, erwiderte der Profos.

„He, Moment mal“, mischte sich Higgy ein. „Kannst du uns nicht für ’ne halbe Stunde beurlauben, Ed?“

„Ausgeschlossen. Und arabische Frauenzimmerwollen mit Kerlen, die wie Affen stinken, nichts zu tun haben.“

Higgys Miene war zerknirscht. „Daß man dauernd in der Richtung verarscht werden muß!“ Er schüttelte Arwenacks Hand ab. „Los, lauf mal allein ein Stück weiter.“

Arwenack senkte den Kopf und sonderte sich einen halben Yard ab. Er war nun mal ein sensibler Affe und verkroch sich am liebsten ganz, wenn seine Leute schlechte Laune hatten oder sich ein Bordgewitter anbahnte.

„Sidi“, sagte der Araber vergnügt und zupfte an Carberrys Hemdsärmel. „Du Sklavin kaufen? Ein Zauber, sauber. Nicht teuer.“

„Wir brauchen Proviant“, sagte der Profos mit einem Gesicht, als wolle er den Kerl auf der Stelle mit Haut und Haaren verschlingen.

„Brot, Mehl, Fleisch und Fisch?“ fragte der Araber.

„Ja.“

„Ich haben. Ich führen.“

„Na endlich.“ Carberry atmete auf, und sogar sein Gesicht wurde etwas freundlicher. „Das wurde aber auch Zeit. Los beeil dich, wir wollen den Kram endlich hinter uns bringen.“

Der Araber setzte sich an die Spitze der Gruppe. Man tauchte in dem Gang unter, marschierte etwa fünfzig Schritte weit und stieg dann Treppenstufen hinunter, die in gähnende schwarze Finsternis führten.

„Hoffentlich ist das keine Falle“, sagte Don Juan.

„Ausplündern lassen wir uns nicht, keine Sorge“, brummte der Profos. Aber ganz geheuer war auch ihm die Sache nicht.

„Wo ist Arwenack?“ fragte Paddy Rogers den Iren.

„Weggelaufen“, erwiderte Higgy. „Aber der findet sich schon wieder an.

Sir John hatte von der Profos-Schulter abgehoben und flatterte hinter dem beleidigten Affen her. Es war nicht das erste Mal, daß die Maskottchen der Seewolf-Crew ihre eigenen Wege gingen – beziehungsweise flogen. Man brauchte sich deswegen nicht zu sorgen. Sie fanden immer wieder zum Schiff zurück.

Öllampen wiesen den Mannen der „Santa Barbara“ den Weg in die Tiefe. Sie blieben stehen und stellten fest, daß sie sich in einem riesigen Kellergewölbe befanden.

Carberry hielt den Araber an der Schulter fest.

„Was ist das hier?“ fragte er drohend. „Eine Kaschemme?“

„Eine Markthalle, Sidi“, versicherte der Kerl treuherzig.

„Wenn das nicht stimmt, kannst du schon jetzt dein letztes Gebet sprechen“, sagte der Profos.

„Ich ehrlich“, sagte der kleine Dicke.

Im dämmrigen Licht der Lampen schritten die Männer durch das Gewölbe und bogen um eine Ecke. Wieder verharrten sie unwillkürlich. Vor ihnen türmten sich Fässer, Kisten und Säcke. In einem schier unüberschaubaren Durcheinander von Waren standen weiße Männer und Araber.

Es duftete nach Pökelfisch und Rosinen, nach Tee und Gewürzen. Einer der Männer – ein vollbärtiger Hüne wandte sich zu ihnen um und blickte den kleinen Dicken fragend an.

Als dieser ihm ein beschwichtigendes Zeichen gab, lächelte der Mann und sagte: „Willkommen in Masquat.“ Er sprach portugiesisch.

Sultan Quabus bin Said war ein großer, gutaussehender Mann um die Mitte der Vierzig, mit glattem Gesicht und durchdringend blickenden dunklen Augen. Wie versteinert war seine Miene an diesem Morgen, als er durch den Park seines Palastes schritt.

Mustafa, sein wichtigster Berater, folgte ihm auf dem Fuß. Entsetzen und Bestürzung herrschten im Haus. Lähmende Furcht hatte die Haremsfrauen, die Eunuchen und Bediensteten gepackt. Keiner vermochte sich das Verbrechen zu erklären, das in der Nacht geschehen war.

Schweigend betraten die beiden Männer das Frauenhaus. Mustafa hatte Sonderrechte – er war außer dem Sultan der einzige Mann, der hier ein- und ausgehen durfte. Quabus bin Saids Vertrauen in den hageren, wendigen Mann war absolut. Vor Jahren hatte er Mustafa das Leben gerettet. Mustafa war ihm dafür ewig dankbar.

Weinen und klagende Laute erfüllten die Haremsgänge. Quabus bin Said schritt durch den Perlschnürenvorhang in eins der Gemächer und blieb vor der Frau stehen, die gekrümmt auf einem Kissenlager hockte. Sie hielt die Hände vors Gesicht gepreßt und schluchzte.

„Zaira“, sagte der Sultan. „Du solltest endlich aufhören. Von deinem Weinen wird Lamia nicht wieder lebendig.“

Zaira, eine vollbusige Brünette, stöhnte verzweifelt auf. Sie war es gewesen, die in der Nacht Lamia gefunden hatte – tot, in einer Blutlache, von mehreren Messerstichen durchbohrt. Zaira gehörte ebenfalls zu den Lieblingsfrauen des Sultans.

Gemeinsam mit Lamia hatte sie in der Nacht ihren Herrn aufsuchen und beglücken sollen. Doch alles war ganz anders gekommen. Schreiend hatte Zaira Alarm geschlagen.

Die Eunuchen hatten den Täter überall gesucht. Vergebens. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Es fehlte jegliche Spur von ihm.

Mit tränenüberströmtem Gesicht sah die Frau zu ihrem Herrn auf.

„Wer hat es getan?“ fragte sie mit bebender Stimme. „Wer kann so grenzenlos grausam und gemein sein?“

„Ich werde den Mörder finden“, erwiderte der Sultan.

„Wir werden ihn stellen“, sagte Mustafa.

Zaira atmete tief durch. „Du hast uns alle verhört, o Herr“, sagte sie. „Aber es kann keiner von uns gewesen sein.“

„Wer sonst?“ fragte der Sultan mit ruhiger Stimme. „Kein Mensch kann diesen Palast betreten, ohne daß er mir gemeldet wird. Sämtliche Ein- und Ausgänge werden Tag und Nacht bewacht.“

„Trotzdem muß sich jemand eingeschlichen haben“, sagte Zaira.

„Wie?“ wollte Mustafa wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht die geringste Ahnung.“

„Wir werden Lamia bestatten“, sagte Quabus bin Said. „Dann werde ich nachdenken. Ich werde jeden einzelnen sorgfältig überprüfen. Und der, auf den mein Verdacht fällt, dem gnade Allah.“

Zaira begann wieder zu weinen. „Die arme Lamia! Sie hatte doch keinem etwas getan!“

„Der Mörder will mich treffen“, erklärte der Sultan. „Wer immer es ist, er will sich an mir rächen, mir eins auswischen. Wenn ich ihn gefaßt habe, werde ich ihn aufspießen und vierteilen lassen.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ das Gemach.

An den Räumen, in denen die anderen Frauen den Tod der schönen Lamia beklagten, ging der Sultan nur vorbei. Er begab sich in Lamias Gemach.

Sie lag in der Mitte des Hauptraumes aufgebahrt. Quabus bin Said gab Mustafa einen Wink. Mustafa verschwand wie ein Geist. Quabus bin Said wollte mit der Toten allein sein.

Fast eine halbe Stunde lang hielt der Sultan mit der Toten ein stummes Zwiegespräch. Dann küßte er sie ein letztes Mal. Er verließ den Harem und kehrte in das Hauptgebäude des Palastes zurück. Mustafa durfte ihm nun wieder Gesellschaft leisten. Sie setzten sich und blickten sich schweigend an.

„Ich habe sie wirklich geliebt“, sagte der Sultan schließlich.

„Das weiß ich, o Herr“, erwiderte Mustafa.

„An dem, der sie umgebracht hat, werde ich mich furchtbar rächen.“

„Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.“

Quabus bin Said sah seinen engsten Vertrauten voll an. „Hast du keinen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?“

„Nein, noch nicht.“

„Eine der Frauen“, sagte der Sultan. „Sie war eifersüchtig auf Lamia.“

„Die Frauen haben zusammengesessen, als es geschah“, erklärte Mustafa. „Und keine von ihnen hat einen Dolch. Wir wissen aber, daß Lamia mit einem Dolch getötet wurde. Der Wundarzt hat sie genau untersucht.“

„Ich traue ihm. Und wenn Zaira es getan hat?“

„Sie hat ebenfalls keinen Dolch und konnte auch aus der Waffenkammer keinen Dolch entwenden“, entgegnete Mustafa. „Wir haben die Waffenkammer kontrolliert. Es fehlt kein einziges Messer.“

„Was ist mit den Eunuchen?“

„Sie schwören, unschuldig zu sein.“

„Wenn ich den Mörder nicht finde, werde ich die Kerle dem peinlichen Verhör unterziehen“, sagte Quabus bin Said. „Und auch das Gesinde.“

„Die Möglichkeit, daß der Täter von außen eingedrungen ist, müssen wir aber auch prüfen, Herr“, sagte Mustafa. „Es ist immerhin denkbar, daß er sich eingeschlichen hat. Vielleicht hat er einen der Wächter bestochen.“

Der Sultan rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wir werden es in Erfahrung bringen. In diesem Palast hat es noch nie einen Mord gegeben. Ein Fluch lastet über dem Haus. In Wirklichkeit hat man es auf mich abgesehen. Man will mich vom Thron stürzen, indem man mich verunsichert und mir Angst einzujagen versucht.“

Mustafa sah seinen Herrn entgeistert an. „Aber – das kann ich nicht glauben. Das bildest du dir nur ein, Herr!“

Quabus bin Said schüttelte den Kopf. „Ich ahne, daß sich etwas zusammenbraut. Ein Komplott. Eine Palastrevolution. Aber ich werde meine Gegner vernichten! Ich werde sie eigenhändig in der Luft zerreißen!“ Er sprang auf und schüttelte zornig die Fäuste.

2.

Carberry trat als erster auf den Bärtigen zu.

„Ja, danke“, sagte er. „Wo sind wir hier eigentlich gelandet?“

„In der besten Gegend von Masquat“, erwiderte der andere. Er streckte dem Profos die Hand entgegen. „Ich bin Silvestro Moravia.“

Carberry ergriff die Hand und drückte sie fest. Moravia verzog keine Miene, aber ihm war doch anzusehen, daß er litt.

„Du bist Portugiese, und das hier sind deine Freunde?“ fragte Carberry.

„Richtig. Meine Mitarbeiter. Wir handeln mit so gut wie allem, was du dir vorstellen kannst. Und wer seid ihr?“

„Unser Kapitän ist Philip Hasard Killigrew“, entgegnete der Profos. „Wir sind, gerade erst mit unserem Schiff eingelaufen.“

„Engländer also“, sagte der Portugiese und blickte die Mannen einen nach dem anderen an.

„Der größte Teil“, sagte Carberry. „Aber zur Sache. Wir brauchen Proviant, vor allem frisches Zeug. Wir wollen einkaufen. Ist das hier möglich?“

„Aber natürlich“, erwiderte Moravia lachend. Er breitete die Arme aus. „Unser Lager gehört euch! Sucht euch aus, was ihr haben wollt! Wir haben günstigere Preise als das Araber-Pack, und wir hoffen, daß bald auch die letzten Buden dieser Alis aus der Kasbah verschwunden sind. Dann breiten wir uns auch dort aus!“

Matt Davies stieß einen leisen Pfiff aus. Higgy und Paddy tauschten Blicke. Mac stieß Stenmark mit dem Ellenbogen an.

Don Juan sagte: „Ihr Portugiesen seid also dabei, den einträglichen Handel an euch zu ziehen, wie?“

„So ist es“, erwiderte Moravia. „Wir sitzen seit ein paar Jahren hier und haben bescheiden angefangen. Natürlich können wir das Gesindel nicht gewaltsam vertreiben. Dazu sind wir zu wenige, außerdem würde der Sultan nicht mitspielen. Wir booten die Brüder ganz langsam und heimlich aus.“

„Das sind ja feine Methoden“, sagte Don Juan.

Moravia fixierte ihn. „Hast du was dagegen?“

Don Juan de Alcazar hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Wenn der Sultan keine Einwände hat, was soll ich als Fremder dann beanstanden?“

Carberry, Mac, Matt, Higgy und die anderen taxierten routinemäßig die anderen Männer, die zu der Belegschaft des unterirdischen Warenlagers gehörten. Zehn Portugiesen, drei Araber – und der kleine Dicke, der, wie sich inzwischen herausgestellt hatte, auf den Namen Halef hörte. Mit Moravia waren das also fünfzehn Mann, die man im Falle einer Auseinandersetzung gegen sich hatte. Aber warum sollte man sich streiten? Dazu bestand nicht der geringste Anlaß.

Moravia grinste breit. „Ja, da hast du recht. Na los, Freunde, nun fangt schon an. Womit können wir euch als erstes dienen?“

Der Profos holte wieder seine Liste zum Vorschein. „Mit Maismehl.“

„Wieviel Pfund?“

„Erst mal fünfzig“, erwiderte Carberry. „Dann sehen wir weiter. Habt ihr auch frisches Gemüse und Obst?“

Der bärtige Portugiese lachte und rieb sich die Hände. „Alles, was das Herz begehrt! Das habe ich dir doch gesagt! Schau her!“ Er griff hinter sich und wies zwei große, rote Pfirsiche vor. „Hast du jemals so große Früchte gesehen?“

„Selten“, erwiderte Carberry.

„Willst du mal reinbeißen?“

Der Profos hob abwehrend die Hand. „Nein, ich habe schon gefrühstückt. Wie sieht es mit Fisch aus?“

„Von der Sardine bis zum Seewolf ist alles vorhanden“, erklärte Moravia.

„Wenn das kein gutes Omen ist“, sagte Jack trocken.

„Ihr seid tüchtige Leute“, sagte Mac Pellew zu Silvestro Moravia, doch seiner gallebitteren Miene war abzulesen, daß er nach wie vor argwöhnisch war.

„Wir tun, was wir können“, entgegnete der Portugiese und warf Halef einen bedeutungsvollen Blick zu. Halef kicherte und fügte hinzu: „Und wenn ihr Sklaven, Maultiere oder bunte Vögel wollt, so werden auch die im Handumdrehen beschafft. Und Weiber – Weiber gibt es in Hülle und Fülle, in allen Altersklassen.“

Moravia grinste immer noch. „Halef ist ein alter Lustmolch, er hat nur die Frauenzimmer im Kopf. Hört nicht auf ihn. Er glaubt nicht, daß es verboten ist, Frauen an Bord von Segelschiffen zu holen.“ Völlig übergangslos fragte er: „Wer ist denn dieser Kapitän Killigrew?“

„Ein guter Kapitän“, erwiderte Carberry.

„Das glaube ich, aber ich meine was anderes. Seid ihr Handelsfahrer?“

„Forschungsreisende“, erklärte Carberry allen Ernstes. Seine Kameraden hatten Mühe, ein Grinsen zurückzuhalten.

Moravia zog die Augenbrauen hoch. „Und was erforscht ihr?“

Wieder war der Profos um keine Antwort verlegen. „Ach, die große, weite Welt. Wir sind in China gewesen, auf den Molukken und anderswo. Von überall haben wir ein paar seltene Gewürze und Blumen mitgebracht. Es handelt sich um einen Auftrag des englischen Königshauses.“

„Das ist ja hochinteressant.“

„Ja, ist es.“

„Und ihr habt Geld?“ fragte der Portugiese.

„Genug Geld, um deine Waren zu bezahlen“, entgegnete der Profos. „Du brauchst dir keine Sorgen zu bereiten.“

„Ich habe es gewußt“, sagte Moravia zufrieden lächelnd. „Unter Ehrenmännern versteht man sich auf Anhieb.“

Während sich die beiden unterhielten, hatte Mac Pellew einen kleinen Streifzug durch das Gewölbe unternommen. Er blieb mal hier und mal da stehen, hielt seine Nase in Rosinenkisten und Rübensäcke, schnupperte und inspizierte. Was sich hier dem Auge und dem Riechorgan bot, war wirklich erstklassige Ware. Nichts daran auszusetzen – die Arwenacks waren nur gut beraten, wenn sie sich hier eindeckten.

Plötzlich tauchte einer der Araber neben Mac auf. Er hielt eine Hand an den Mund und zischelte: „Herr, seid vorsichtig. Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu!“

„Wie meinst du das?“ fragte Mac verblüfft. Er war ohnehin erstaunt, daß das Kerlchen die portugiesische Sprache beherrschte.

„Die Sachen sind alle geklaut.“

„Schmuggelware?“ flüsterte Mac.

„Schlimmer. Das meiste wird den arabischen Händlern einfach entrissen. Sie sind machtlos dagegen.“

„Und warum bist du dabei?“ raunte Mac dem Araber zu.

„Weil sie mich sonst umbringen“, erwiderte das Kerlchen. „Ich habe mich ihrem Spiel verschrieben, kann nicht mehr fort. Ich kann euch nur warnen, Herr. Wenn euch jemand verpfeift und der Sultan erfährt, daß ihr Diebesware auf euer Schiff nehmt, dann droht euch die Todesstrafe.“

„Feine Sitten hier in Masquat“, brummte Mac. „Ich frage mich bloß, warum die Bande bisher noch nicht aufgeflogen ist? Ist der Sultan denn blind?“

„Sultan Quabus bin Said ist mit den portugiesischen Kapitänen, die in Masquat wohnen, gut Freund. Außerdem hat Moravia einen Kadi und einen Mufti bestochen. Die halten ihm den Rücken frei.“

„Verstehe.“

„Osman!“ rief Moravia plötzlich. „Wo steckst du, du Halunke? Komm her! Du füllst das Maismehl in Säcke ab, oder es gibt Zunder!“

„Ja, Herr!“ Osman, das Kerlchen, war wie der Blitz von Macs Seite verschwunden und gesellte sich mit solcher Geschwindigkeit zu seinen beiden Landsleuten zurück, daß Moravia und die anderen Portugiesen nichts von seinem Abstecher bemerkten. Die Säcke, Kisten und Fässer waren dazwischen – als ideale Versteckmöglichkeit.

Carberry hatte Moravia eine Goldmünze gezeigt. Moravia war begeistert. Mac Pellew gab seinem Profos zwar einen Wink, aber es geschah nicht mehr rechtzeitig genug. Der Portugiese wußte nun, daß die Mannen Gold- und Silbermünzen in ihren Gürteln trugen. Seine Gier war geweckt.

Carberry sah die Gebärde und schritt zu Mac hinüber.

„Na, was ist denn?“ fragte er.

„Sieh dir mal diese Rosinen hier an“, sagte Mac. Sein Blick besagte einiges. Carberry begriff. Sie traten hinter die Rosinenkisten, und der Profos setzte eine verkniffene Miene auf.

„Stimmt was nicht?“ fragte er.

Mac berichtete, was Osman ihm verraten hatte.

Carberry stieß einen leisen Fluch aus. „Ich hab’s ja geahnt. Hier ist also doch was oberfaul.“

Silvestro Moravia tauchte plötzlich bei ihnen auf.

„Ist was nicht in Ordnung mit den Rosinen?“ fragte er.

„Wir sind noch am Überlegen“, erwiderte der Profos. „Ganz sicher bin ich mir nicht, ob unser Kapitän Rosinen haben will. Sie stehen auch auf meiner Liste nicht mit drauf.“

Moravia lachte wieder einmal. „Dann nimm doch was anderes. Wie wäre es mit frischen Trauben?“

„Am liebsten wäre mir, unseren Kapitän erst zu fragen“, erwiderte Carberry. „Ich meine, die Entscheidung liegt ja letztlich bei ihm, nicht wahr? Am besten hole ich ihn, und er sieht sich alles selber an.“

„Von mir aus“, entgegnete der Portugiese. „Deine Kameraden können ja solange hierbleiben.“

„Nein, die gehen auch mit“, sagte der Profos.

Moravias Augen wurden schmal. „Was soll denn das? Eben warst du richtig versessen darauf, das Geschäft mit mir abzuschließen. Es ging dir gar nicht schnell genug. Sind dir jetzt Zweifel gekommen?“

„Das mußt du schon mir überlassen“, erwiderte Carberry. Allmählich platzte ihm der Kragen.

Moravias Miene wurde finster. „So haben wir aber nicht gewettet, Freundchen. Ein Ehrenmann hält an seinen Entscheidungen fest. Du zahlst für die Waren, Mann, und dafür beladen wir euch mit Fässern und Säcken. Abgemacht ist abgemacht.“

„Ach, rutsch mir doch den Buckel runter“, sagte der Profos. Er wandte sich ab, behielt den Bärtigen aber im Auge. Er gab seinen Männern einen raschen Wink. „Los, Abmarsch, Freunde. Wir halten erst Rücksprache mit dem Kapitän.“

„Alles verrammeln!“ brüllte Moravia plötzlich. „Laßt die Kerle nicht raus! Sie wollen uns reinlegen. Sie haben Lunte gerochen!“

Zwei der Portugiesen rannten durch das Gewölbe und rammten ein Tor dicht. Sie schoben einen Riegel vor und zückten ihre Waffen – Pistolen. Auch die anderen hatten wie durch Zauberei jetzt Pistolen und Säbel in den Fäusten.

Moravia selbst hastete an Carberry vorbei und verstellte ihm den Weg. Mac war dicht hinter dem Profos. Beide griffen nach den Waffen. Auch Don Juan, Matt und die anderen waren kampfbereit.

Carberry blieb stehen, Moravia schrie ihn an: „So einfach kommst du mir nicht davon, du englischer Hurensohn?“

„Wie hast du mich genannt? Einen englischen Hurensohn?“

„Ja!“

„Und warum dürfen wir deinen Laden nicht einfach verlassen, du portugiesischer Bastard, weil wir es uns anders überlegt haben?“ dröhnte Carberrys Stimme.

„Weil das hier nicht üblich ist!“ brüllte der Portugiese.

„Ich hab’s“, sagte Mac hinter dem Rücken des Profos’. „Hier in Masquat ist eben alles anders. Das ist es.“

„Schöne Stadt, feine Leute“, sagte Carberry. Dann rammte er Silvestro Moravia die Faust unters Kinn.

Der berühmte „Profoshammer“ verfehlte auch dieses Mal seine Wirkung nicht. Moravia geriet ins Taumeln und stieß röchelnde Laute aus. Carberry ließ die Faust blitzschnell noch einmal auf seinen Schädel hinuntersausen. Der Portugiese kippte gegen ein offenes Faß. Das Faß wackelte und stürzte um. Der Inhalt ergoß sich über den Boden – Öl.

Vier Portugiesen stürmten mit erhobenen Waffen auf die Arwenacks zu. Einer richtete die Pistole auf Matt Davies und drückte mit einem Fluch ab. Matt duckte sich geistesgegenwärtig. Die Kugel schlug in einen großen Ballen. Hirse rieselte aus dem entstandenen Loch.

Das Krachen des Schusses dröhnte überlaut in dem Gewölbe. Osman, der Araber, warf sich jammernd zu Boden. Seine Landsleute folgten seinem Beispiel. Auch Halef ging hinter einem Stapel Kisten in Deckung – er wollte seine Haut nicht zu Markte tragen.

Paddy Rogers fing einen der angreifenden Portugiesen ab, trat ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein und schlug ihm den Säbel aus der Hand. Der Kerl stolperte zur Seite und prallte mit seinem Nebenmann zusammen. Sie brüllten beide und waren für einen Moment verwirrt.

Carberry und Stenmark bearbeiteten die beiden anderen mit ihren Fäusten, und auch diese beiden gingen zu Boden und leisteten Moravia Gesellschaft.

Mac Pellew, Matt Davies und Higgy unternahmen einen Ausfall gegen die übrigen Gegner. Diese Kerle formierten sich in diesem Moment zum Angriff. Die beiden anderen, die sich mit den zwei von Paddy Gestoppten auf die Mannen werfen wollten, rutschten auf dem öligen Untergrund aus. Sie schlitterten auf Jack Finnegan und Don Juan zu und wurden mit harten Fäusten empfangen.

Die beiden Portugiesen, die das Tor des Gewölbes verrammelt hatten, drehten sich um und hoben ihre Musketen. Sie versuchten, auf die Seewölfe zu zielen, aber ihre eigenen Spießgesellen waren ihnen im Wege. Sie konnten nicht abdrücken, ohne die Kumpane zu gefährden. Fluchend ließen sie die Waffen wieder sinken.

Mac, Matt und Higgy gelang es unterdessen, von den restlichen vier Portugiesen zwei auf Anhieb zu entwaffnen. Matt schlug mit seinem Eisenhaken zu und traf den Arm eines Kerls. Der Kerl schrie, als stecke er am Spieß. Mac trat einem anderen voll gegen das Schienbein. Der Kerl heulte und wollte mit seinem Säbel zuhauen, aber Higgy war neben ihm und knallte ihm die Faust an die Schläfe.

Carberry, Stenmark und Paddy rückten nach. Sie achteten darauf, nicht in das ausgelaufene Öl zu treten. Carberry nahm sich einen Gegner vor, der mit verzerrtem Gesicht die Pistole auf ihn richtete. Bevor er abdrücken konnte, fegte ihm der Profos die Steinschloßwaffe aus der Hand. Sie wirbelte durch die Luft und sauste zwischen die Rosinen. Ein harter Hieb genügte. Der Portugiese krachte auf den Rücken und streckte alle viere von sich.

Higgy hatte sich etwas abgesondert. Er tauchte im Dunkel des Gewölbes unter. Als die beiden Torwächter mit grimmigen Gesichtern auf die Kämpfenden zurückten, huschte Higgy plötzlich von links auf sie zu und stürzte sich auf sie. Den einen riß er sofort zu Boden. Der Kerl flog auf seine Muskete und kam nicht zum Schuß. Der andere fuhr mit einem heiseren Schrei herum, aber auch er konnte seine Waffe nicht mehr abfeuern.

Don Juan war mit zwei langen Sätzen heran und fällte den zweiten Portugiesen mit einem Jagdhieb. Stöhnend landete der Kerl neben seinem Kumpan. Higgy und Don Juan grinsen sich zu, dann wandten sie sich zu den Kameraden um.

Auch dort war die Partie entschieden. Die Portugiesen lagen in friedlichem Schlaf zwischen den Kisten und Fässern – die meisten im Ölbad. Carberry schritt voran, als sei überhaupt nichts geschehen. Paddy rieb sich grinsend die mächtigen Pranken. Mac hielt nach den Arabern Ausschau, doch die befanden sich nach wie vor in Deckung.

„Wir können gehen“, sagte Don Juan de Alcazar. Er deutete eine Verbeugung zu Carberry an und wies mit der Hand zum Tor. „Bitte, Sir, der Weg ist frei.“

Der Profos zog den schweren Eisenriegel auf und öffnete den rechten Flügel des Tores. Mißtrauisch spähte er ins Freie. Ob der Lärm draußen wohl gehört worden war? Das schien nicht der Fall zu sein. Kein Mensch zeigte sich. Und oben, in der Kasbah, herrschte nach wie vor ein Höllen-Zustand. Der Markt entwickelte sich zu einem tosenden Durcheinander.

Carberry drehte sich zu seinen Begleitern um. „Die Luft ist rein. Wir kehren an Bord der ‚Santa Barbara‘ zurück.“

„Wollen wir nicht doch lieber gleich ein paar Sachen mitnehmen?“ fragte Matt Davies.

„Nein.“

„Als Schmerzensgeld, meine ich.“

Carberry schüttelte den Kopf. „Von diesem Pack will ich keinen vergammelten Hering haben.“

„Ed hat recht“, pflichtete Don Juan dem Profos bei. „Das ist eine Frage der Würde und des Prinzips.“

Die Männer stiegen die Treppe hoch, die in die Sonne zurückführte. Hinter ihnen regte sich nichts. Halef, Osman und die beiden anderen Araber wagten es auch jetzt noch nicht, aus ihren Deckungen hervorzukriechen.

Oben in der Gasse blieb der Profos stehen.

„Wo stecken eigentlich Sir John und Arwenack?“ wollte er wissen.

Die Antwort blieben ihm die Mannen schuldig. Statt dessen ertönte plötzlich ein teuflisches Gezeter, das den übrigen Lärm bei weitem überstieg. Einige Turbanträger rannten in eine bestimmte Richtung, und jemand stieß mörderische Schreie aus, etwa so, als habe er soeben den Leibhaftigen gesichtet.

Carberry und den Mannen schwante nichts Gutes. Sie liefen hinter den Arabern her. Sie bogen um eine Ecke – und da sahen sie die Bescherung. Ein ganzer Marktstand war zusammengekracht. Obst und Gemüse lagen auf dem Pflaster, irdene Krüge und Töpfe waren zerbrochen. Ein Bulle von Kerl richtete sich aus dem Durcheinander auf, schüttelte ein Stück roter Zeltplane ab und schüttelte wild die Fäuste. Er war es, der die mörderischen Laute ausstieß.

Über der Szene flatterte ein bunter Vogel. Sir John. Und auch Arwenack war nicht weit. Er versteckte sich in einer Hausnische und schob rasch noch das letzte Stück der Banane, die der erbeutet hatte, zwischen die Zähne. Während er kaute, erblickte er Higgy, der auf ihn zusteuerte. Arwenack traf Anstalten, die Flucht zu ergreifen. Aber der Ire überrumpelte ihn und packte seinen Arm.

„Los, nichts wie weg“, sagte Higgy. „Es hat schon genug Krawall gegeben.“

Sir John keifte und schimpfte. Als er aber den Profos entdeckte, verstummte er und setzte zur Landung an. Sanft landete er auf dessen Schulter und brabbelte etwas, das keiner verstand.

Ruhe trat ein. Die Araber schauten feindselig zu den weißen Eindringlingen. Die Tatsache, daß Higgy Arwenack an der Hand festhielt und Sir John bei Carberry gelandet war, ließ keinen Zweifel darüber offen, wem das „Viehzeug“ gehörte.

Was eigentlich vorgefallen war, erfuhren die Männer erst später. Aber es ließ sich auch so leicht zusammenreimen. Arwenack war wieder mal auf Klau-Tour gegangen.

Der Besitzer des Obst- und Gemüsestandes hatte ihn ertappt und versucht, ihn zu schlagen. Sir John hatte eingegriffen, mit Krallen und Schnabel. Es hatte einen heißen Kampf gegeben, in dessen Verlauf die Bude eingestürzt war.

Der bullige Araber rückte auf den Profos zu. Aber Carberry wollte kein neuerliches Handgemenge – zumal die Schuldfrage in diesem Fall eindeutig geklärt war. Lieber versuchte er, sich auf gütlichem Wege mit dem Mann zu einigen.

Carberry entnahm seinem Gurt zwei Goldmünzen und warf sie dem Bulligen zu. Es war erstaunlich, wie geschickt dieser die Münzen auffing.

Carberry sagte: „Das ist für den Schaden.“

Natürlich verstand der Bullige kein Wort. Aber Gold sprach für sich. Er biß kräftig in die Münzen, grinste und stieß glucksende, gutturale Laute aus. Dann steckte er das Geld weg und begann mit den Aufräumungsarbeiten.

Die Mannen marschierten zurück zum Hafen.

„Das reicht fürs erste“, sagte Carberry grimmig. „Es hat reichlich Stunk, gegeben. Ich schätze, wir können uns hier nicht mehr sehen lassen. Der Kapitän wird verdammt wütend sein, wenn er alles erfährt.“

3.

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, stand auf dem Achterdeck der „Santa Barbara“ und blickte zu den weißen, ineinander verschachtelten Häusern von Masquat. Ben Brighton, Big Old Shane, Ferris Tucker und Old O’Flynn leisteten ihm Gesellschaft. Dan O’Flynn war in den Großmars gestiegen und hielt Ausschau.

Auf der Kuhl und auf der Back war vollzählig die Crew versammelt. Alle richteten ihr Augenmerk auf die Kasbah, denn der Tumult war auch ihnen nicht entgangen. Zumindest hatten sie gehört, daß etwas vorgefallen war. Sehen konnten sie allerdings nichts.

Die „Santa Barbara“ ankerte auf der Reede von Masquat. Das Beiboot lag an einer Pier, eingekeilt zwischen bunten und abenteuerlich getakelten Araberschiffen. Carberry und der Landtrupp hatten mit der Jolle übergesetzt. Jetzt kehrten sie damit zum Schiff zurück.

„Sturm ist angesagt“, meldete Dan aus dem Großmars.

In der Tat: Der Profos und die sieben Mannen hatten finstere Mienen aufgesetzt. Arwenack kletterte gebückt in die Jolle und verdeckte sein trübsinniges Affengesicht mit den Händen. Nur Sir John hatte mal wieder einen großen Schnabel. Er zeterte und schimpfte herum. Als Carberry wütend nach ihm griff, hob er vom Dollbord des Bootes ab und flatterte zur „Santa Barbara“.

Hasard beobachtete, wie der Papagei in den Großwanten landete.

„Warzenschweine und Rübenärsche“, schimpfte Sir John.

Die Männer grinsten.

„Was ist denn los?“ fragte Gary Andrews den bunten Vogel.

„Hoch die Plünnen! Gei auf die Hose!“ wetterte Sir John, dann schwebte er zur Back.

„Verdruß gibt es“, sagte Batuti. „Ist doch klar. Wundert mich, daß unsere Leute nicht verfolgt werden.“

Hasard war ebenfalls erstaunt. Nach den Mienen der Landgänger zu urteilen, hatte es mächtigen Ärger gegeben. Um so verblüffender war es, daß keine säbelrasselnden Turbanträger am Kai erschienen und hinter dem Trupp herschrien.

Die Jolle traf ein. Carberry und die Mannen enterten auf. Arwenack verzog sich sofort in die Kombüse. Er suchte beim Kutscher und bei den Zwillingen Schutz und Beistand. Sein schlechtes Gewissen plagte ihn. Anders Sir John: der fluchte immer noch herum. Plymmie, die Wolfshündin, die auf der Back ein Nickerchen gehalten hatte, schaute fragend zu ihm auf.

Carberry enterte aufs Achterdeck und berichtete, was vorgefallen war. Die Männer lauschten.

Als der Profos geendet hatte, sagte Hasard: „Du bist sicher, daß der Schuß, der in dem Gewölbe fiel, draußen nicht gehört wurde?“

„Ganz sicher“, erwiderte Carberry grimmig. „Sonst hätten wir jetzt eine Horde von Kerlen am Hals.“

„Ja“, sagte der Seewolf. „Allerdings schätze ich, daß Moravia zu einem Gegenschlag ausholen wird. Die Schmach der Niederlage läßt er bestimmt nicht auf sich sitzen.“

„Soll er doch kommen“, sagte Ferris Tucker. „Wir bereiten ihm und seinen Hundesöhnen einen heißen Empfang.“

„Warum gehen wir nicht mit zwanzig Mann an Land und räumen bei den Portugiesen kräftig auf?“ erklärte Blacky. „Meiner Ansicht nach könnte ein weiterer Denkzettel nichts schaden. Danach lassen die Bastarde bestimmt die Finger von uns.“

„Oder wir hauen aus Masquat ab“, sagte Old O’Flynn. „Mir schwant, daß hier noch mehr böse Überraschungen auf uns warten. Ich halte zwar nichts davon, den Schwanz einzuziehen, aber was nützt es, wenn wir uns für nichts und wieder nichts mit diesen Kerlen herumschlagen? Es bringt uns nichts ein.“

„Das stimmt“, pflichtete Hasard ihm bei. „Aber eins wissen wir. In Masquat gibt es die Waren, die wir brauchen. Also werde ich einen Vorstoß auf dem diplomatischen Weg unternehmen.“

„Auf dem was?“ fragte Paddy Rogers.

„Ich erkläre es dir nachher“, entgegnete sein Freund Jack Finnegan – und wieder mal grinste die Crew.

„Ihr wißt doch, wie Arne das in Havanna macht“, sagte der Seewolf. „Er geht zum Gouverneur, übergibt ihm ein Geschenk und erreicht meistens das, was er bezweckt. Genauso will ich vorgehen. Ich statte dem Sultan einen Besuch ab und kläre ihn ein wenig über das auf, was in seinem Reich geschieht. Mal sehen, vielleicht fällt er ja aus allen Wolken.“

Natürlich hatte Mac dem Profos längst erzählt, was Osman ihm in der unterirdischen Lagerhalle verraten hatte. Carberry hatte es daraufhin in seinen Bericht eingeflochten. Nun wußte man Bescheid, was in Masquat gespielt wurde – die Portugiesen wollten auf raffinierte Weise das Ruder an sich reißen.

„Ganz allein willst du das tun?“ fragte Ben Brighton.

„Nein, ich nehme meine Söhne mit“, erklärte der Seewolf. „Vielleicht kommen wir mit ein bißchen Türkisch weiter, falls der Sultan uns nicht versteht.“

„Wir haben aber keine Ahnung, wo der Sultan wohnt“, gab der Profos zu bedenken.

Hasard deutete zu dem weißen Palast, der sich majestätisch auf den Hügeln über dem Hafen erhob. „Was hältst du von dem Prunkbau, Ed?“

„Eine Menge, aber ich traue dem Sultan nicht. Was ist, wenn der euch einfach verhaftet?“

„Wir nehmen Plymmie als Melderin mit“, erwiderte Hasard lächelnd.

Sultan Quabus bin Said blickte seinen Berater Mustafa an, als handle es sich um einen Fremden. Soeben war Mustafa eingetreten. Der Sultan schloß die Augen und öffnete sie wieder. Es schien, als sei er aus einem tiefen Schlaf erwacht.

„Es tut mir leid, dich stören zu müssen, o Herr“, sagte der hagere Mann.

„Du störst mich nie. Was gibt es?“

„Fremde begehren dich zu sprechen.“

„Ich will jetzt niemanden sehen.“

„Sie kommen von weit her. Sie sagen, es sei sehr wichtig, was sie dir zu berichten haben“, erklärte Mustafa. „Sie sind Engländer. Kapitän Philip Hasard Killigrew und seine beiden Söhne.“

„Du kannst sie also verstehen, nicht wahr?“ murmelte Quabus bin Said.

„Du weißt, daß ich Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Französisch kann, Herr“, erwiderte Mustafa bescheiden.

Tatsächlich war er auch in diesem Punkt der wichtigste Mitarbeiter des Sultans. Nie gab es Schwierigkeiten, wenn der Sultan mit Europäern über Geschäfte verhandelte, denn Mustafa diente als Dolmetscher. Er hatte die besten Schulen besucht und war hochintelligent.

„Schick sie weg“, sagte der Sultan.

„Herr, verzeih“, sagte Mustafa. „Es scheint mir wirklich von Bedeutung zu sein, was sie auf dem Herzen haben. Es geht um Masquat, sagt der Kapitän. Er ist ein großer, aufrichtiger Mann.“

„Du hast einen guten Eindruck von ihm gewonnen?“

„Ja.“

Quabus bin Said konnte sich auf die Menschenkenntnis und den Instinkt seines Helfers voll verlassen. Deshalb fuhr er sich jetzt noch einmal mit der Hand übers Kinn und überlegte. Obwohl ihm nicht danach zumute war, mit anderen Menschen zu sprechen, entschloß er sich nun doch anders.

„Gut, führe sie herein“, sagte der Sultan.

Kurz darauf betraten Hasard und seine Söhne das Allerheiligste des Sultans. Plymmie hatte draußen bleiben müssen – vor dem Tor des Palastes. Der Seewolf und die Zwillinge konnten aber sicher sein, daß die Hündin auf der Hut war. Sollte irgend etwas Unvorhergesehenes geschehen, dann witterte sie es garantiert.

Zwei Wächter begleiteten Hasard, Philip junior und Hasard junior. Mustafa ging vor ihnen her und kündigte den Besuch der Fremden formell bei seinem Herrn an. Dann standen die drei von der „Santa Barbara“ vor Quabus bin Said.

Hasard taxierte den Mann, während Mustafa ihnen bedeutete, auf Kissen Platz zu nehmen. Irgendwie erschien es dem Seewolf so, als würde er sich mit dem Sultan gut verstehen. Allerdings hing das ganz davon ab, wie das Gespräch geführt wurde und verlief.

Hasard erhob sich und überreichte Mustafa das Geschenk, das er für den Sultan mitgebracht hatte – einen goldenen Ring mit einem funkelnden Smaragd. Mustafa gab den Ring an seinen Herrn weiter.

Quabus bin Said betrachtete den Edelstein. Seine Miene hellte sich ein wenig auf, dann wurde sie wieder ernst.

„Frage den Kapitän, warum er mich beschenkt“, sagte er zu Mustafa.

Mustafa übersetzte die Worte ins Englische.

Hasard antwortete: „Es ist ein Zeichen der Ehrerbietung und der Hochachtung. Wir ankern im Hafen von Masquat. Man hat mir berichtet, der Sultan sei ein guter Herrscher. Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen.

Quabus bin Said musterte den Seewolf. Schließlich nickte er. „Es ist selten, daß Männer aus der fernen Alten Welt sich in orientalischer Höflichkeit üben. Du, Kapitän Killigrew, scheinst dich darauf zu verstehen. Welche Gegenleistung erwartest du?“

„Für ein Geschenk gibt es keine Gegenleistung“, erwiderte der Seewolf.

„Ich nehme den Ring an“, sagte der Sultan und händigte das Juwel Mustafa aus. Der Berater plazierte es auf einem kleinen roten Kissen. Quabus bin Said richtete seinen Blick wieder auf Hasard. „Leider kommt ihr in ein Trauerhaus“, fuhr er fort. „Heute nacht ist Lamia, eine meiner liebsten Frauen, gestorben.“

„Das tut mir aufrichtig leid, Hoheit“, sagte Hasard. „War sie krank?“

„Sie ist getötet worden.“

„Vom wem?“ wollte der Seewolf wissen.

Quabus bin Said hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Keiner von uns hat auch nur den geringsten Verdacht. Es ist eine fatale Lage. Ein Gespenst scheint sich eingeschlichen und Lamia erdolcht zu haben.“ Er stellte die Fingerkuppen pyramidenförmig zusammen, fast wie zum Gebet, dann fügte er hinzu: „Dieser Mord richtet sich gegen mich. Der Mörder weiß, wie sehr ich Lamia geliebt habe. Seine Klinge hat in Wirklichkeit mich getroffen.“

„Ist Lamia bestattet worden?“ erkundigte sich Hasard.

„Ja“, erwiderte der Herr von Masquat. „Warum fragst du?“

„Mein Arzt, der Kutscher, hätte sie untersuchen können.“

„Du weißt, daß wir euch Ungläubige nennen, und daß der Koran die Berührung von Haremsfrauen durch Unbefugte und Ungläubige verbietet“, entgegnete Quabus bin Said.

„Das ist mir bekannt“, sagte Hasard. „Aber mein Bordarzt könnte auf Spuren stoßen, die deinen Leuten verborgen geblieben sind.“

Fast sah es aus, als wolle der Sultan aufbrausen. Dann aber erwiderte er nur: „Das geht nun nicht mehr. Lamia liegt unter der Erde. Außerdem wäre ich dagegen gewesen.“

„Verzeih meinen Vorschlag, Hoheit“, sagte der Seewolf. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich versuche nur, dir zu helfen. Hast du Feinde?“

„Jeder Mann hat Feinde.“

„Bestimmte Feinde?“

„Du sprichst wie ein Kadi“, sagte Quabus bin Said. „Das steht dir nicht zu.“

„Ein Kapitän nimmt an Bord seines Schiffes auch die Aufgaben eines Richters wahr“, hielt Hasard dem entgegen. „Wer haßt dich so sehr, daß er dir Leid zufügen will?“

„Vielleicht ist der Satan unter meinen eigenen Landsleuten zu suchen“, entgegnete der Sultan. „Sie sehen es nicht gern, daß ich die weißen Männer freundschaftlich empfange.“

„Du meinst die Portugiesen?“ fragte Hasard.

„Was weißt du über die Portugiesen?“

„Ich habe nur gehört, daß du mit ihnen auf gutem Fuße stehst. Ich habe mit meinen Männern den Markt besucht.“

„Du kennst unsere Sprache nicht“, sagte Quabus bin Said. Plötzlich schien ihn tiefes Mißtrauen befallen zu haben. „Wie kannst du so gut informiert sein?“

„Meine Männer haben mit Portugiesen gesprochen“, erklärte der Seewolf. „Sie wollten bei diesen Portugiesen Ware einkaufen, sind dann aber gewarnt worden, daß es sich um Diebesgut handle. Daraufhin versuchten meine Leute, sich zurückzuziehen, aber sie wurden von den Portugiesen beschimpft und angegriffen.“ Er schilderte, was sich weiter in dem Gewölbe zugetragen hatte. Den Vorfall mit Arwenack und Sir John verschwieg er lieber.

„Davon ist mir nichts bekannt“, sagte Quabus bin Said mit finsterer Miene. „Hat man dir davon berichtet, Mustafa?“

„Nein. Ich hätte es sonst an dich weitergegeben, Herr.“

„Was treiben diese Portugiesen?“ wollte der Sultan von Hasard wissen.

„Sie stehlen ihre Güter von deinen Landsleuten, Hoheit“, erwiderte der Seewolf. „Sie drangsalieren die arabischen Händler und entreißen ihnen den Markthandel durch ihre gewissenlosen Methoden. Bald werden die Araber ganz aus der Kasbah verschwunden sein. Das alles geschieht ohne dein Wissen, Sultan.“

Quabus bin Said begehrte auf: „Das ist eine Lüge!“

„Was ich sage, stimmt“, sagte der Seewolf unbeirrt. „Ich kann jedes Wort belegen und beschwören.“

„Wie heißen diese Portugiesen?“ fragte Mustafa den Seewolf.

„Ich kenne nur den Namen des Anführers der Bande“, erwiderte Hasard. „Silvestro Moravia. Ein großer Mann mit Vollbart.“

„Sein Name ist mir bekannt“, erklärte Mustafa. „Aber er hat immer vorgegeben, daß er in dem von ihm gepachteten Gewölbe nur seine eigenen Waren lagere, die er an Bord seines Schiffes mitgebracht habe. Das Schiff verkaufte er ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Masquat an einen Spanier, der seine Galeone in einem Sturm verloren hatte. Seitdem hat Moravia das Gewölbe. Hin und wieder verkauft er etwas von seinem Gut, um sich und seine Mannschaft zu ernähren.“

„Ein schönes Märchen“, sagte der Seewolf. „Was Moravia unter der Hand betreibt, erfährt kein Mensch.“

„Ich werde ihn mir kaufen!“ stieß Quabus bin Said empört aus. „Ihn und seine Schergen! Was fällt diesen Kerlen ein, unschuldige Männer auszurauben und zu mißhandeln? Was sind das für Machenschaften? Mustafa, warum ist im Palast nichts davon bekannt?“

„Das ist mir ein Rätsel, Herr.“

„Es scheint so manches zu geben, von dem ich nichts weiß“, sagte der Sultan. „Vielleicht habe ich mich blenden lassen, vielleicht hat man mir Sand in die Augen gestreut. Doch das wird sich ändern.“ Wütend hob er die rechte Faust. „Ich werde allen beweisen, daß ich noch lange kein alter, einfältiger Narr bin!“

„Hoheit“, sagte Hasard mit beschwichtigender Stimme. „Ich habe dich nicht aufgesucht, um deinen Gram zu verstärken und deine Wut zu schüren. Ich halte es lediglich für meine Pflicht, dich über das aufzuklären, was im Hafen von Masquat geschieht. Sollte ich einen Fehler begannen haben, so bitte ich dich, alles zu vergessen, was ich dir erzählt habe.“

Quabus bin Said sah Hasard forschend an.

„Ich bin dir dankbar, Kapitän Killigrew“, sagte er. „Es ist gut, daß du mir die Augen geöffnet hast. Vielleicht gerade noch rechtzeitig genug. In Masquat scheint es mehr als einen Verräter zu geben. Ich werde Lamias Mörder auch bei den Portugiesen suchen.“

„Natürlich will ich keinen falschen Verdacht äußern“, gab der Seewolf zu bedenken. „Der Mord hat mit dem, was im Hafen vor sich geht, sicherlich nichts zu tun.“

„Ich will hoffen, daß es so ist“, erwiderte der Sultan. „Auf jeden Fall werde ich eine Untersuchung der Angelegenheit einleiten.“

Hasard erhob sich. Seine Söhne folgten seinem Beispiel.

Hasard sagte: „Wir möchten uns jetzt von dir verabschieden, Hoheit. Falls du es wünschst, halten wir uns zu deiner Verfügung.“

„Ihr sollt meine Gäste sein“, sagte der Sultan. „Wir werden etwas essen und etwas trinken und uns noch weiter unterhalten. Ich möchte, daß wir Freunde werden, Kapitän Killigrew.“

Der Seewolf wollte darauf antworten, aber plötzlich trat etwas völlig Unerwartetes ein. Und wieder ging das Grauen im Palast des Sultans um.

4.

Nabila, eine der jüngsten Frauen aus dem Harem des Quabus bin Said, frisierte sich in ihrem Gemach, als es geschah. Draußen, auf dem Flur, ertönte mit einemmal ein erstickter Laut – ein Wimmern, gefolgt von einem Stöhnen. Dann hörte Nabila einen dumpfen Fall.

Sie eilte zur Tür und teilte den Vorhang aus Perlenschnüren mit ihren Händen. Sie sah die dunkel maskierte Gestalt, die sich gerade wieder aufrichtete, und auch den reglosen Körper des Haremswächters, der auf dem Flur Posten gestanden hatte. Mehrere Messerstiche hatten den Eunuchen gefällt. Der Mörder war wieder im Palast – und mit einem pantherhaften Satz warf er sich auf Nabila.

Nabila war vor Schreck wie erstarrt. Sie schrie erst, als der Unheimliche sie zu Boden warf und mit dem Dolch auf sie einstieß. Ein Krummdolch – eine furchtbare Waffe! Nabila kreischte wie von Sinnen und schlug und trampelte um sich. Die Lähmung hatte sich gelöst. Die Todesangst verlieh ihr übermenschliche Kräfte.

Obwohl sie schon getroffen war, gelang es ihr, den Mörder von sich zu stoßen. Sie sprang auf, taumelte auf den Flur und rannte schreiend davon. Jetzt tauchten von allen Seiten Frauen und Eunuchen auf. Sie erblickten die blutende Frau. Entsetzte Rufe und Flüche wurden laut. Die Eunuchen zückten ihre Waffen und rasten auf den Schauplatz des Geschehens zu. Einer strauchelte und fiel hin. Er spießte sich um ein Haar mit seinem eigenen Säbel auf. Ein zweiter stolperte über ihn.

Die anderen schimpften und wetterten – und sahen voll Grauen, wie der Unheimliche aus dem Gemach hervorschoß und sich erneut auf Nabila warf.

Nabila stürmte kreischend vorwärts. Der Mörder verfehlte sie um wenige Zoll, stach mit dem Messer auf sie ein und fiel der Länge nach hin. Blitzschnell war er wieder auf den Beinen. Er sah die Eunuchen, die auf ihn zuliefen, und ergriff die Flucht.

Der Maskierte sprang über den toten Eunuchen hinweg und war mit einem langen Satz im Park. Wächter hasteten vom Hauptgebäude heran. Zwei blieben stehen und richteten ihre Musketen auf den Eindringling. Sie drückten ab. Die Schüsse krachten dumpf, Pulverdampf quoll von den Mündungen hoch. Aber der Vermummte schlug gedankenschnell einen Haken – die Kugeln flogen an ihm vorbei.

Sultan Quabus bin Said und Mustafa waren aufgesprungen, als die ersten Schreie aus dem Harem ertönten. Hasard und die Zwillinge wirbelten herum und stürmten auf den Flur. Mit wenigen Schritten waren sie im Freien – und sahen den Unheimlichen, der vor seinen Verfolgern in ein Nebengebäude floh.

Der Seewolf zückte seine Pistole und jagte hinter dem Maskierten her. Im selben Augenblick tauchte die verletzte Frau aus dem Harem auf, gestützt von zwei Eunuchen. Nabila schrie wieder auf und streckte anklagend und hilfesuchend zugleich die Hände aus.

Hasard war vor den Wächtern an der Tür des Nebenbaus und stürmte ins Innere. Er mußte damit rechnen, daß der Mörder ihn angriff, aber dieses Risiko ging er ein. Der Seewolf ahnte, daß der Unheimliche einen geheimen Ausgang oder einen Zufluchtsort kannte, an dem ihn keiner mehr fassen würde. Also war Schnelligkeit Trumpf – und Hasard hatte es sich in den Kopf gesetzt, den heimtückischen Messerstecher zu stoppen.

Der Eindringling trug eine Art Kutte und eine Kapuze über dem Kopf, so daß nicht zu erkennen war, ob es sich um einen Mann oder eine Frau, einen Araber oder einen Europäer handelte. Nur eins stand fest – der Mörder konnte geradezu unerhört schnell laufen.

Bei dem Nebengebäude handelte es sich um eine Abstellkammer, die durch eine Tür mit den Stallungen verbunden war. Hasard hörte etwas poltern, konnte im Dunkel aber nichts Genaues vor sich erkennen.

Er duckte sich und lief weiter, gelangte an die Verbindungstür und verharrte kurz. Dann schlich er zu den Stallboxen, in denen Rassepferde schnaubten und mit den Hufen scharrten. Sie schienen die Nähe des Unheimlichen zu spüren, die Gefahr, die von ihm ausging.

Hasard hielt Ausschau nach dem Vermummten – er schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Hinter dem Rücken des Seewolfs waren die Stimmen der Palastwächter zu vernehmen. Sie betraten soeben den Abstellraum. Jemand stolperte über einen Kübel oder einen Eimer und fluchte fürchterlich.

Hasard pirschte weiter, an zwei Pferdeställen vorbei. Da geschah es: jäh schoß von links, aus der Deckung einer Boxwand, eine Gestalt auf ihn zu. Der Mörder! Er hatte ihm nun doch eine Falle gestellt. Wie besessen stach er mit seinem Krummdolch auf Hasard ein.

Hasard ließ sich fallen, rollte sich zur Seite ab und entging einem heftigen Stich, der tödlich hätte enden können. Hasard trat mit dem linken Fuß und traf den Angreifer in der Bauchgegend. Der Kerl stöhnte und krümmte sich. Der Seewolf schnellte wieder auf die Beine und streckte seine Pistole vor.

„Keine Bewegung!“ sagte er auf Spanisch.

Aber der Unheimliche lachte nur dumpf. Er zog den Kopf ein und rannte davon. Hasard legte auf ihn an, ließ die Waffe aber wieder sinken. Er riskierte es, eins der Pferde zu treffen.

Es gab nur noch eine Möglichkeit. Mit einem langen Satz warf sich der Seewolf auf den Maskierten. Er packte ihn an der Kutte, landete hart auf dem gepflasterten Boden und zog den Kerl zu sich heran. Doch eine ruckartige Bewegung genügte dem Mörder, und er war wieder frei. Ein reißender Laut erklang. Hasard hielt einen Fetzen der schwarzen Kutte in der rechten Hand.

Hasard rappelte sich wieder auf und stellte dem Mörder erneut nach. Aber dieser war in einer der Boxen verschwunden. Hasard lief an den Ställen entlang. Er entdeckte den Maskierten nicht. Er stoppte ab, kehrte wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Vergebens. Dieses Mal war der Eindringling wirklich verschwunden.

Die Wächter waren heran. Sie blieben keuchend stehen.

„Wo ist der Hund?“ schrie einer von ihnen.

Nun trafen auch der Sultan, Mustafa und die Zwillinge ein. Hasard zeigte ihnen den Fetzen schwarzen Stoffes.

„Fast hätte ich ihn erwischt“, sagte er und berichtete in knappen Zügen, was sich zugetragen hatte. Mustafa übersetzte alles ins Arabische.

Der Sultan deutete auf die Fenster über den Pferdeboxen. „Er muß durch eins der Fenster entwischt sein.“

„Ich hätte es gesehen“, sagte der Seewolf.

„Hast du nicht am Boden gelegen?“ fragte der Sultan.

„Trotzdem hätte ich es bemerkt.“

„Wo soll er dann sein?“ fragte Mustafa.

Hasard begann wieder, bei den Boxen zu suchen. „Vielleicht hat er sich irgendwo verkrochen. Wäre er draußen, dann hätte Plymmie Laut gegeben.“

„Wer ist Plymmie?“ wollte Quabus bin Said wissen.

„Unsere Wolfshündin“, erwiderte Philip junior. „Sie hält vor dem Tor Wache. Ich schätze aber, daß sie die Schreie auch gehört hat und um den Palast streift.“

Der Sultan gab seine Befehle. Die Wächter suchten in den Ställen nach dem Mörder – ohne Erfolg. Er schien im Boden versunken zu sein.

„Er ist ein Zauberer“, sagte der Sultan. „Er ist in Abgesandter der Mächte der Finsternis.“

„Er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut wie wir“, erwiderte der Seewolf. „Wir finden ihn noch, verlaß dich darauf. Wie geht es der Frau?“

„Sie ist schwer verletzt“, sagte der Sultan.

„Ist ein Arzt bei dir?“ fragte Hasard.

„Mein Leibarzt.“

„Warum gestattest du nicht, daß mein Bordarzt sie behandelt?“

„Das habe ich dir bereits gesagt.“

„Er könnte ihr das Leben retten“, sagte der Seewolf.

„Kapitän“, sagte der Sultan. „Willst du behaupten, daß deine Ärzte besser sind als die meinen?“

„Die Erfahrung hat es bewiesen.“

„Du bist stolz und mutig“, sagte Quabus bin Said. „Jedem anderen Ungläubigen, der es wagt, so mit mir zu reden, hätte ich längst die Zunge abschneiden lassen. Aber du gefällst mir, Kapitän Killigrew. Du hast bewiesen, daß du mein Freund bist, denn du hast wie ein Held mit diesem gemeinen Mörder gekämpft. Er hätte auch dich töten können, wie er den Eunuchen umgebracht hat.“

„Das wußte ich nicht“, sagte Hasard.

„Es ist eben geschehen. Er erstach den Eunuchen, um Nabila zu überfallen“, erklärte Quabus bin Said. „Nabila wehrte sich und lief davon. Nur deshalb ist sie noch am Leben.“ Er deutete auf die Wächter. „Diese Kerle sind alle nicht schnell genug. Du hast ihnen bewiesen, wie flink ein Mann sein kann, Kapitän. Ich danke dir dafür. Ich werde nicht vergessen, was du getan hast. Laß deinen Arzt kommen. Ich erteile ihm eine Sondergenehmigung. Vielleicht hast du recht. Ich nehme deinen Rat und deine Hilfe an.“

„Philip“, sagte Hasard zu seinem Sohn. „Du läufst sofort zum Hafen und alarmierst den Kutscher. Er soll so schnell wie möglich herkommen.“

„Kann der Junge reiten?“ fragte Mustafa.

„Ja“, antwortete Hasard.

Der Sultan nickte und klatschte in die Hände. „Sattelt zwei Pferde! Der Junge reitet mit beiden Tieren zum Hafen, damit auch der Arzt ein Pferd zur Verfügung hat!“

Die Wächter führten den Befehl aus. In der Zwischenzeit waren sämtliche Boxen abgesucht worden, aber immer noch gab es keine Spur von dem Mörder.

„Ich habe es gesagt“, murmelte der Sultan. „Er ist ein Hexer.“

„Er bedient sich eines Tricks“, sagte der Seewolf.

„Wie meinst du das?“

„Er kennt sich im Palast aus“, erwiderte Hasard. „Sehr gut sogar. Vielleicht benutzt er einen Geheimgang.“

„Es gibt keine Geheimgänge“, sagte der Sultan. Er blickte zu seinen Untertanen. „Aber vielleicht ist es einer der Wächter, der sich verkleidet und im geeigneten Moment wieder aus seiner Larve schlüpft.“

Die Wächter begannen zu jammern und die Hände zu ringen. Sie beteuerten, daß sie unschuldig wären, Sie hatten Angst, daß ihr Herr sie foltern lassen würde.

„Sei nicht zu voreilig“, sagte Hasard zu Quabus bin Said. „Laß mich die Sache untersuchen. Vielleicht habe ich Glück und stoße auf eine Spur.“

„Du glaubst nicht, daß diese Bestie fliegen kann?“ fragte der Sultan.

„Nein.“ Wieder wies Hasard den Stoffetzen vor. „Ich verlasse mich auf das, was ich sehe, höre und rieche. Laß uns nach draußen gehen. Unsere Hündin hat eine ausgezeichnete Nase. Vielleicht gelingt es ihr, die Verfolgung des Mörders aufzunehmen.“

„Jede Hilfe ist mir recht“, sagte der Sultan.

Kurz darauf preschte Philip junior mit einem zweiten Pferd im Schlepp durch das offene Palasttor. Sein Vater, sein Bruder, der Sultan und Mustafa blickten ihm nach, dann traten sie ins Freie und schritten zu Plymmie. Unruhig lief die Hündin an der Mauer auf und ab.

„Sie scheint schon etwas gewittert zu haben“, sagte der Seewolf.

Plymmie sprang an Hasard junior hoch, winselte und ließ sich mit den Vorderpfoten wieder auf den Boden sinken. Sie rannte auf und ab, senkte die Nase auf den Untergrund, blieb stehen und kläffte aufgebracht.

„Was hat das zu bedeuten?“ fragte der Sultan. „Ich habe selbst keine Hunde und kenne mich mit diesen Tieren nicht aus.“

„Sie hat eine Spur aufgenommen“, erwiderte der Seewolf. „Aber der Geruch ist nicht intensiv genug. Sie verzettelt sich.“

Plymmie suchte schnuppernd den Boden ab und wühlte Staub auf. Schließlich knurrte und kläffte sie wieder. Fragend blickte sie zu Hasard junior auf. Dann kratzte sie mit ihrer linken Vorderpfote im Sand.

„Vielleicht ist etwas unter der Erde“, sagte der Sohn des Seewolfes.

Quabus bin Said schüttelte den Kopf. „Daran glaube ich nicht.“

Hasard trat zu der Hündin und hielt ihr den Fetzen Stoff vor die Nase, den er von der Vermummung des Eindringlings losgerissen hatte. Aufgeregt bewegte Plymmie ihre Nase. Sie senkte die Schnauze auf den Untergrund, entfernte sich ein Stück von der Palastmauer, verharrte und knurrte wütend.

„Früher oder später findet sie die richtige Fährte“, erklärte Hasard junior.

„Wann wird das sein?“ wollte der Sultan wissen.

„Wir können es nur erraten“, entgegnete der Seewolf.

„Du hast recht“, sagte Quabus bin Said. „Laßt uns wieder in den Palast zurückkehren. Nehmt euren Hund mit. Vielleicht stößt er im Stall auf die richtige Spur.“

Luke Morgan und Bob Grey hielten bei der Jolle Wache. Das Boot lag wieder an einer Hafenpier vertäut. Hasard und die Zwillinge waren mit Luke und Bob zum Ufer gepullt, dann hatten sie sich auf den Weg zum Palast des Sultans begeben. Der Seewolf hatte es auf jeden Fall für richtig gehalten, zwei Mann als Posten bei der Jolle zurückzulassen.

Bob und Luke hielten die Augen nach allen Seiten offen. Ihre Pistolen und Musketen waren feuerbereit. Auch an Bord der „Santa Barbara“ waren die Männer auf der Hut. Sie rechneten fest damit, daß Moravia und seine Portugiesen früher oder später zum großen Vergeltungsschlag rüsteten.

Vorläufig aber geschah nichts. Es ging auf die Mittagsstunde zu – in Masquat fand nach wie vor der lärmende Basar statt. Doch es tauchten keine Gestalten auf, die mit finsteren, blutrünstigen Mienen zum Kai marschierten.

Auch näherten sich keine Boote der „Santa Barbara“, von denen aus wütende Kerle das Feuer auf die Arwenacks eröffneten. Alles blieb ruhig. Silvestro Moravia, so schien es, ließ erst einmal seinen größten Zorn verrauchen und erholte sich von den Folgen des Profoshammers.

„Ich schätze, die Kerle warten die Dunkelheit ab“, brummte Carberry mit einem nachdenklichen Blick zum Hafen. „Dann rücken sie an. Sie wären ja dumm, wenn sie am hellichten Tag angreifen würden.“

„Wo Hasard und die Zwillinge bloß bleiben“, sagte Ferris Tucker. „Ich finde, sie sind schon viel zu lange da oben.“

Dan O’Flynn spähte durch einen Kieker zum Palast des Sultans.

„Da tut sich was“, sagte er. „Ein Reiter nähert sich. Er führt ein zweites Pferd mit sich.“

„Da haben wir die Bescherung“, sagte der alte O’Flynn. „Sie haben Hasard und die Jungen in Ketten gelegt, und jetzt erscheint so ein Mufti und stellt uns ein Ultimatum.“

„Das glaube ich nicht“, sagte Ben Brighton.

Sehr wohl war aber auch ihm nicht zumute. In dieser Stadt gab es zu viele Dinge, die nicht geheuer erschienen. Ja, das beste wäre wohl doch gewesen, wieder in See zu gehen und weiterzusegeln.

„Es ist Philip junior“, sagte Dan.

„Na, da staune ich aber“, sagte Big Old Shane. „Welche Nachrichten bringt er uns wohl?“

Die Männer schwiegen und beobachteten Philip, der in den Hafen preschte. Einige Araber mußten dem jungen Mann ausweichen. Einer fluchte hinter dem Reiter her und schüttelte zornig die Faust.

Dann war Philip bei Luke und Bob. Er sprang aus dem Sattel und berichtete, was vorgefallen war. Luke blieb als Wächter bei den Pferden. Bob und Philip junior pullten zur „Santa Barbara“. Flink enterten sie an der Jakobsleiter auf, und Philip erzählte den Mannen von dem blutigen Zwischenfall im Palast.

„Ein Mörder?“ sagte Ben. „Das ist ja nicht zu fassen. Gibt es noch Chancen für die Frau?“

„Offenbar ja“, erwiderte Philip. „Dad will, daß der Kutscher sie untersucht. Der Sultan hat es genehmigt.“

„Kutscher!“ rief Ben. „Du hast es gehört!“

„Aye, Sir! Wir dürfen keine Zeit verlieren!“ Der Kutscher eilte in die Kombüse und holte seine Tasche mit den Wundarztgeräten. Mac und Higgy schleppten eine Kiste mit den übrigen Utensilien und den Arzneien hinter ihm her.

„Du kommst mit!“ rief der Kutscher mit einem Blick zu Mac, als er sich zum Abentern anschickte. „Ich brauche dich!“

„Ich trau’ mich nicht“, sagte Mac.

„Halt keine dummen Reden“, sagte der Kutscher ärgerlich. „Jeder Augenblick ist kostbar.“

So enterten der Kutscher, Philip junior, Bob und Mac in das Boot ab. Die Feldschergeräte wurden verstaut, und in größter Eile pullten sie zur Pier zurück. Luke half ihnen beim Ausladen. Philip und der Kutscher kletterten in den Sattel des einen Pferdes, Mac schwang sich auf den Rücken des anderen Tieres. Irgendwie kriegten sie auch die Tasche und die Kiste mit – und ab ging’s.

„Wir halten euch auf dem laufenden!“ rief Philip noch Luke und Bob zu, dann waren die Reiter zwischen den weißen Häusern von Masquat verschwunden.

Dan verfolgte wenig später ihren Weg hinauf zum Palast durch den Kieker. Er sah, wie das Tor von Wächtern geöffnet wurde. Der Kutscher, Philip und Mac ritten hindurch. Das Tor schloß sich wieder – wie von Geisterhand.

„Hoffentlich können sie die Frau retten“, sagte Ben Brighton.

„Zwei Morde, ein Mordanschlag“, sagte Ferris Tucker. „Wer könnte der Täter sein?“

„Wie sollen wir das wissen, wenn der Sultan nicht einmal selbst einen Verdacht hat?“ entgegnete Don Juan de Alcazar.

„Möglich, daß es einer der Portugiesen ist“, meinte Carberry. „Vielleicht Moravia.“

„Das glaube ich nicht“, sagte der alte O’Flynn.

Die Männer blickten ihn an.

„Was sagt denn das Orakel?“ fragte Shane.

Old O’Flynn würdigte ihn keines Blickes. „Ich sage euch, der Mörder ist ein Einheimischer. Einer, der sich aus irgendeinem Grund am Sultan rächen will.“

„Aber was, zum Teufel, haben wir eigentlich damit zu tun?“ polterte der Profos los. „Mir geht das Ganze höllisch auf den Geist, verflucht noch mal!“

„Wir sind in den Fall hineingestolpert“, sagte Ben. „Und wir können nicht so tun, als ginge es uns nichts an. Willst du die Haremsfrau vielleicht sterben lassen?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Carberry. „Aber die Araber haben auch ihre Heilmethoden und Quacksalberkünste.“

„Ich weiß schon, was du sagen willst“, entgegnete Shane. „Hasard engagiert sich mal wieder zu sehr. Aber wenn du an seiner Stelle gewesen wärst, hättest du dich nicht anders verhalten.“

„Ja, schon gut“, brummte der Profos. „Hoffentlich gibt’s bald eine Spur von diesem Mörderhurensohn. Von mir aus können wir ihn dann gemeinsam jagen. Ein Kerl, der wehrlose Frauen umbringt, gehört meiner Ansicht nach aufgehängt, und zwar dort oben.“ Er wies zur Nock der Großrah.

Die Mannen nickten. Im stillen pflichteten sie ihrem Profos bei. Jedes Bordgericht hätte einen solchen Mörder zum Tode verurteilt.

„Besser noch wäre, den Burschen kielzuholen“, meinte Matt Davies.

„Ja, zweimal“, fügte Batuti hinzu.

Die Männer spähten zum Palast auf der Kuppe des Hügels. Wie würde sich der Fall weiterentwickeln? Keiner von ihnen vermochte es zu sagen. Es gab keine Vorausschau. Alles war vage und ungewiß.

5.

Sultan Quabus bin Said stand mit verschränkten Armen im Park und blickte zu den Männern. Mac und Philip trugen die schwere Kiste, der Kutscher schritt vor ihnen her. Der Seewolf, Hasard junior und Mustafa standen beim Sultan. Plymmie hatte sich auf die Hinterläufe gehockt und betrachtete neugierig den Kutscher.

„Du hast zwei Ärzte?“ fragte der Sultan den Seewolf. Wieder schien Argwohn in ihm aufzukeimen.

„Einen Feldscher und einen Helfer“, erwiderte Hasard.

„Ich weiß nicht, ob ich gestatten kann, daß gleich zwei Ungläubige die Gemächer betreten.“

„Es ist ein Verstoß gegen die Gesetze des Korans“, sagte Mustafa. „Aber ich glaube doch, der Prophet wird ein Auge zudrücken, Herr. Es geht um Nabilas Leben. Und die Europäer haben wirklich bessere Behandlungsmethoden als wir.“

„Ja“, sagte der Sultan leise. „Ja, das sehe ich ein.“ Er gab seinem Berater einen Wink. „Führe die Männer in das Arztgemach. Sie sollen alles tun, was in ihren Kräften steht.“

Mustafa bedeutete dem Kutscher und Mac Pellew, mit ihm zu gehen. Der Kutscher wechselte nur ein paar knappe Worte mit seinem Kapitän, dann folgte er dem hageren Araber. Ein Wächter begleitete die Männer, er schleppte mit Mac zusammen die Kiste. Philip junior gesellte sich zu seinem Vater und seinem Bruder.

„Gibt es Spuren von dem Mörder?“ fragte Philip junior.

„Bisher keine“, erwiderte der Seewolf. „Plymmie hat draußen gesucht. Inzwischen habe ich mit ihr auch den Stall abgeforscht. Nichts.“

„Wir sollten es noch einmal versuchen“, sagte Philip.

„Einverstanden“, pflichtete sein Bruder ihm bei. „Los, gehen wir.“

Die Zwillinge entfernten sich in Richtung der Stallungen und verschwanden in ihrem Inneren. Der Seewolf blieb bei Quabus bin Said. Sie konnten sich jetzt nicht mehr unterhalten. Mustafa fehlte. Der Sultan schien jedoch auch kein Bedürfnis mehr zu verspüren, zu reden.

Er stand mit abgewandtem Gesicht da. Seine Miene war verschlossen. Er konnte immer noch nicht fassen, was geschehen war. Sein Geist wollte die harten Tatsachen nicht akzeptieren.

Hasard ging zu den Zwillingen in die Stallungen. Plymmie roch am Boden und an den Mauern. Die Pferde wurden unruhig. Sie schnaubten und wieherten. Ein Hengst stieg mit den Vorderläufen auf. Philip junior hielt die Hündin etwas zurück.

„Wir schaffen es nicht, bis in die Boxen vorzudringen“, sagte Hasard junior.

„Das ist mir vorhin auch nicht ganz gelungen“, entgegnete sein Vater. „Am besten wäre, wenn die Pferde hinausgebracht würden.“

„Kann man das nicht veranlassen?“ fragte Philip junior. „Die Lösung des Rätsels ist bestimmt in einer der Pferdeboxen.“

„Ich glaube, wir müssen abwarten“, sagte der Seewolf. „Der Sultan ist vorerst nicht mehr ansprechbar.“

„Aber die Zeit begünstigt die Flucht des Mörders“, sagte Hasard junior. „Er kann Masquat verlassen. Niemand wird ihn jemals finden.“

„Du begehst einen Denkfehler“, erwiderte der Seewolf. „Der Mörder hat auch nach dem ersten Anschlag den Ort nicht verlassen. Er ist zurückgekehrt. Und er wird es wieder versuchen, in den Palast einzudringen und jemanden zu erstechen.“

„Das muß verhindert werden“, sagte Philip junior. „Wir müssen den Kerl erwischen, um jeden Preis. Können wir ihm nicht eine Falle stellen?“

„Wir werden uns einen Plan zurechtlegen“, sagte der Seewolf. Er hatte bereits einiges aufs Spiel gesetzt, als er den Unheimlichen auf eigene Faust verfolgt hatte. Und er würde noch mehr tun – um den Tod der Haremsdame Lamia und des Eunuchen aufzuklären und dem Sultan zu helfen.

Dieser Mann hatte es verdient, daß man ihn unterstützte. Nicht jeder arabische Fürst war so aufgeschlossen wie Quabus bin Said. Das hatten die Männer der „Santa Barbara“ erst im südlichen Jemen erfahren müssen, wo es erheblichen Ärger mit dem Sultan Mahmud Al-Amir und dessen Schergen gegeben hatte.

Bob Grey wäre es um ein Haar an den Kragen gegangen, erst in letzter Minute hatten die Mannen ihn, die hübsche Asha Sharam und die Zwillinge befreien können. Asha war an Bord eines Schiffes nach Portugal unterwegs. Bob Grey träumte davon, sie eines Tages wiederzusehen, denn er hatte sich unsterblich in sie verliebt.

Der Orient hatte seine Reize – und seine Schrecken. Sehr schnell konnte das Paradies zur Hölle werden. In Masquat ging ein Frauenmörder um. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß er den Harem des Sultans auch weiterhin terrorisieren würde – falls er nicht entlarvt wurde.

Während Hasard und seine Söhne versuchten, durch Plymmie auf eine brauchbare Fährte des Verbrechers zu stoßen, begaben sich der Kutscher und Mac Pellew im Geleit von Mustafa und der Palastwächter in den Behandlungsraum. Hier lag der tote Eunuch aufgebahrt.

Die verletzte Nabila krümmte sich stöhnend auf einer Liege, die sich fast unmittelbar neben der Bahre befand. Ein Mann im weißen Burnus redete leise auf die Frau ein. Seine Worte klangen wie Beschwörungsformeln.

Der Kutscher wandte sich betroffen an Mustafa. „Es geht nicht, daß die Frau im selben Raum mit dem Toten liegt. Lassen Sie die Leiche wegschaffen.“

„Ohne die Genehmigung des Leibarztes geht das nicht“, erwiderte Mustafa gedämpft. Er blickte bedeutungsvoll zu dem Burnusträger.

Der Kutscher trat auf den Leibarzt zu, gefolgt von Mustafa, Mac und den Wächtern. Mac plazierte die Kiste neben dem Lager der Verletzten.

„Fragen Sie den Mann, ob er die Frau untersucht hat“, forderte der Kutscher Mustafa auf.

Quabus bin Saids Berater richtete ein paar Worte an den Leibarzt. Dieser unterbrach seinen Sermon und blickte die Männer an, als habe er ihr Eintreten nicht bemerkt.

Er antwortete unwirsch und wollte sich wieder der Frau zuwenden, aber der Kutscher griff nach seinem Arm. Daraufhin stieß der Araber etwas aus, das wie ein Fluch klang.

„Sie ist schwer krank, sagt er“, erklärte Mustafa. „Es gibt keine Hilfe mehr für sie.“

„Das bezweifle ich“, widersprach der Kutscher.

„Soll ich das übersetzen?“

„Ja.

Mustafa tat seine Pflicht. Der Leibarzt stieß wütende, zischende Laute aus und richtete drohend und anklagend zugleich seinen Finger auf die Fremden, die er als Scharlatane und Giaurs, ungläubige Hunde, bezeichnete.

„Ich übernehme hier sofort die Leitung“, sagte der Kutscher. „Und ich trage die Verantwortung für das, was geschieht. Wenn der Mann es nicht einsehen oder gestatten will, muß man eben den Sultan rufen.“

Mac begann zu schwitzen.

„O Mann, das wird kritisch“, murmelte er.

Nabila wand sich auf ihrem Lager. Sie stieß klagende Laute aus und sagte etwas, das selbst Mustafa nur schwer zu verstehen schien.

„Sie sagt, sie stirbt“, erklärte er.

„Sag ihr, daß sie nicht sterben wird“, entgegnete der Kutscher. „Ich werde sie jetzt genau untersuchen. Dazu muß ich sie vollständig entkleiden. Dann versorge ich ihre Wunden, und wenn es erforderlich ist, operiere ich sie. Ich will, daß du ihr das auseinandersetzt.“

„Ja.“ Mustafa sprach auf die Verletzte ein. Nabilas Augen richteten sich auf den Kutscher. Zunächst war sie entsetzt. Sie wimmerte. Dann aber beruhigte sie sich zusehends. Sie nickte und murmelte etwas.

„Sie will, daß du ihr hilfst“, sagte Mustafa.

„Sehr gut.“ Der Kutscher öffnete seine Tasche. Er gab Mac ein Zeichen, und Mac – der immer noch schwitzte – hob den Deckel der Arzneikiste an. „Als erstes verabreiche ich ihr ein Mittel“, fuhr der Kutscher fort. „Gegen die Schmerzen. Danach wird sie sich etwas besser fühlen.“

Mustafa dolmetschte. Nabila seufzte und nickte wieder. Der Leibarzt zischte etwas, das sehr häßlich klang, und verließ entrüstet den Raum. Mustafa konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Er gab den Wächtern einen knappen Befehl, und zwei von ihnen trugen den Toten hinaus.

„Jetzt haben wir schon ein bißchen mehr Luft“, sagte der Kutscher. Er gab Nabila eine Essenz zu trinken und lächelte ihr dabei beruhigend zu. Sie lächelte gequält zurück und ließ sich auf das Lager zurücksinken.

Der Kutscher sah Mustafa an. „Kein Mensch darf diesen Raum betreten.“

Mustafa schickte zwei Wächter als Türhüter nach draußen.

„Kutscher, Himmelarsch“, sagte Mac. „Es ist toll, was für ein Vertrauen wir hier genießen. Aber ich mag nicht an das denken, was uns passiert, wenn alles schiefgeht.“

Der Kutscher antwortete nicht. Vorsichtig begann, er, die Frau zu entkleiden. An einer stark blutenden Messerwunde war der Stoff angeklebt. Es kostete den Kutscher Mühe, den Fetzen zu lösen. Nabila stöhnte auf und verdrehte die Augen. Dann gab sie keinen Laut mehr von sich.

„Allah“, hauchte Mustafa. „Heißt das, daß sie …“

„Sie ist ohnmächtig“, erwiderte der Kutscher. Rasch entkleidete er die Frau ganz. Er untersuchte sie sorgfältig und gab Mac ein Zeichen. Mac hantierte mit Geräten und Tinkturen und trat neben den Kutscher. Der Kutscher säuberte die Wunden der Frau.

„Vier Blessuren“, sagte er. „Eine davon tief im Unterleib. Ich werde sie operieren.“

„Ist es ein schwieriger Eingriff?“ fragte Mustafa.

„Mittelschwer.“

„Heiliger Nepomuk, steh uns bei“, sagte Mac mit einem Gesicht, als schwebe das Schwert des Henkers bereits über ihm.

„Kampfer“, sagte der Kutscher zu Mac. „Wir fangen sofort an. Es ist gut, daß sie noch ohnmächtig ist.“

„Bei allen Wassergeistern, ich will jeden Tag beten, wenn wir das hier überstehen“, brummelte Mac und besorgte den Kampfer.

„Was ist eigentlich los mit dir?“ fragte der Kutscher leise, während er ruhig und mit sicheren Bewegungen ans Werk ging. „Haben wir nicht schon die schlimmsten Amputationen hinter uns gebracht?“

„Immer nur bei Kerlen“, flüsterte Mac. „Ich kann keine Frau leiden sehen.“

„Wir sorgen dafür, daß sie nicht leidet“, sagte der Kutscher. „Zumindest senken wir die Schmerzen auf ein erträgliches Maß.“

„Ich habe in meinem Leben noch keine Frau behandelt“, sagte Mac mit belegter Stimme.

„Dann ist es heute eben das erste Mal“, sagte der Kutscher. Aufmunternd nickte er Mustafa zu. Der Berater des Sultans war sehr blaß geworden. Er mußte sich setzen.

Dem Seewolf gelang es, sich mit dem Stallmeister des Sultans zu verständigen. Der Stallmeister war ein dicker, gutmütig wirkender Mann mit einem mächtigen Schnauzbart. Als er begriff, was die drei „Englischmänner“ mit ihrem Hund vorhatten, klatschte er in die Hände und befahl seinen Burschen, die Boxen zu räumen.

Die Pferde – über ein Dutzend – wurden auf den Palasthof geführt. Hasard und seine Söhne hatten den Stall ganz für sich. Sie waren ungestört. Plymmie senkte ihre Nase auf den Boden und begann mit ihrer Arbeit. Sie nahm sich eine Box nach der anderen vor. Zwischendurch hielt ihr der Seewolf immer wieder den Fetzen Stoff vor die Schnauze, den er ergattert hatte.

In der fünften Box wurde die Hündin fündig. Sie stieß die Schnauze ins Stroh, verharrte und knurrte verhalten. Dann begann sie heftig mit den Vorderpfoten zu scharren.

„Da ist was“, sagte Philip junior. Sein Bruder holte eine Mistgabel und stocherte damit im Stroh herum. Philip mußte Plymmie zurückhalten. Sie gebärdete sich jetzt wie verrückt.

Hasard junior legte ein Stück des Stallbodens frei, und die drei blickten auf einen quadratischen Umriß, der sich schwach von den Steinen abzeichnete. Der Seewolf beugte sich darüber und entdeckte einen Eisenring. Er griff danach und zerrte daran – und eine Luke schwang auf.

„Da hätten wir wohl die Lösung des Rätsels“, sagte Philip junior. „Es gibt also doch einen unterirdischen Gang.“ Mit aller Kraft mußte er Plymmie stoppen. Sie wäre sonst in den dunklen Schacht gesprungen, der sich gähnend unter der Luke öffnete.

„Der Mörder beweist erstaunliches Geschick“, sagte der Seewolf. „Er kann die Luke blitzschnell öffnen und in dem Schacht verschwinden. Ehe ich wieder auf den Beinen war, hat er sich verdrückt, ohne eine Spur zu hinterlassen.“

„Ich verstehe nicht, wieso der Sultan nichts von der Falltür weiß“, sagte Hasard junior.

„Das erfahren wir gleich“, sagte sein Vater. Er ging in den Park und verständigte den Sultan. Quabus bin Said verstand zwar nicht, was er sagte, aber er entnahm den Gesten des Seewolfs, daß es sich um eine wichtige Entdeckung handelte. Sofort folgte er ihm in den Pferdestall und forderte seine Wächter durch einen Zuruf auf, mitzukommen.

Einer der Eunuchen verschwand im Palast, um Mustafa zu holen. Der Berater wurde jetzt wieder als Dolmetscher gebraucht.

Im Stall entfachte einer der Wächter eine Öllaterne. An einem Seil ließ er sie in den Schacht hinuntergleiten.

„Es ist ein alter Brunnen“, sagte Quabus bin Said, als Mustafa bei ihnen eintraf. „Als er damals versiegte, wurde er mit einer Luke verschlossen. Dann wurde an dieser Stelle ein neuer Pferdestall gebaut. Das war vor über zehn Jahren. Inzwischen gibt es einen neuen Brunnen, und dieser Stollen geriet völlig in Vergessenheit. Er ist in der Mitte aber auch eingestürzt. Man kann ihn nicht als Gang benutzen.“

„Davon möchte ich mich lieber selbst überzeugen“, entgegnete der Seewolf. Er beugte sich über die Öffnung und erkannte im Schein der Lampe, daß es nur etwa fünf, sechs Yards senkrecht in die Tiefe ging. Dann knickte der Stollen in Richtung Hafen ab und schien nunmehr waagerecht zu verlaufen.

Der Sultan spähte über Hasards Schulter nach unten. „Der Schacht wurde wegen der besonderen Beschaffenheit der Wasseradern so angelegt, daß er mit sanftem Gefälle nach Masquat führt.“

„Und hat er irgendwo einen Ausgang?“ fragte Hasard.

Der Sultan schüttelte den Kopf.

Hasard setzte sich auf den Boden und steckte die Beine in den Schacht. Vorsichtig ließ er sich ein Stück nach unten gleiten. Er fühlte einen Halt unter dem rechten Fuß – etwas war in die Wand eingelassen. Ein einfacher eiserner Stab, wie er kurz darauf registrierte. Es gab eine Reihe dieser Stäbe, die wie eine Leiter auf die Sohle des Schachtes führten.

Hasard kletterte nach unten. Er hielt inne und führte vor, wie der Mörder bei seiner Flucht die Luke von innen geschlossen haben mußte. Dann stieß er die Luke wieder auf und stieg ganz nach unten. Er nahm die Lampe und leuchtete in den Gang, der sich vor ihm öffnete.

Dann hob er den Kopf und rief: „Philip, Hasard! Kommt runter! Bringt Plymmie mit!“

„Aye, Sir“, erwiderten die Zwillinge.

Kurz darauf standen sie neben ihrem Vater. Plymmie strebte vorwärts, Sie schien die Witterung wieder aufgenommen zu haben. Über den Köpfen der Männer kletterten nun auch die Palastwächter an den primitiven Eisentritten nach unten.

Die drei von der „Santa Barbara“, setzten sich in Bewegung. Sie mußten die Köpfe ein wenig einziehen, weil der Schacht nicht sehr hoch war. Plymmie schnürte vor ihnen her. Ein Marsch ins Ungewisse begann.

„Als Plymmie vorhin draußen war, hat sie gespürt, daß hier unten der Stollen verläuft, durch den der Kerl geflohen ist“, sagte der Seewolf. „Sie hat wirklich eine gute Nase.“

„Ein toller Riecher“, bestätigte Hasard junior.

„Der Gang ist frei“, sagte sein Bruder. „Von Verschüttungen sehe ich nichts.“

„Abwarten“, brummte Hasard junior.

Der Seewolf schritt vorwärts und hielt die Lampe hoch. Der Schein erfüllte den Schacht. Hinter den dreien waren die Schritte und Rufe der Wächter zu vernehmen. Ein ganzes Dutzend war auf den Befehl des Sultans in den Stollen abgestiegen. Sie waren alle bis an die Zähne bewaffnet. Wenn der Trupp auf den Mörder stieß, war das Schicksal des Unheimlichen besiegelt.

Aber die Hoffnung war verfrüht. Immer weiter ging der Abstecher ins Dunkle. Plymmie lief schnell, aber hin und wieder verhielt sie und drehte sich zu ihren Leuten um.

„Hier ist frische Erde“, sagte Hasard. „Ich wette, der Mörder hat fleißig gegraben, um den Teil wieder freizulegen, der verstopft war.“

„Ein ziemliches Stück Arbeit“, sagte Philip junior.

„Und er muß von der Existenz des Schachtes gewußt haben“, meinte Hasard junior. „Er hat ihn nicht einfach per Zufall entdeckt. Vielleicht hat er früher zu den Dienstboten des Sultans gehört oder so.“

„Oder so“, wiederholte Philip junior. „Genausogut kann es ein Mann aus dem Ort sein, der seinerzeit beobachtete, wie der Brunnenschacht angelegt wurde. Oder es ist eine Frau.“

Der Seewolf entgegnete: „Das glaube ich inzwischen nicht mehr. Dem Lachen nach zu urteilen, das ich von ihm gehört habe, ist es ein Mann.“

„Oder eine Frau mit einer sehr tiefen Stimme“, meinte Hasard junior.

Sein Vater ging nicht mehr weiter darauf ein. Der Stollen fiel, wie Sultan Quabus bin Said gesagt hatte, zur See hin leicht ab. Plötzlich beschrieb er einen Knick nach links. Dann nahm das Gefälle zu. Schließlich waren platschende Geräusche zu vernehmen. Hasard hielt die Lampe wieder etwas höher. Er erkannte, daß die Hündin durch flaches Wasser lief.

Die Männer stapften durch das Wasser. Bald stand es knöchelhoch in dem Tunnel. Nach wie vor gab es keine Anzeichen dafür, daß der Stollen irgendwo endete. Dann aber, nach einer neuerlichen Biegung, dieses Mal nach rechts, sahen die Männer in der Ferne etwas Helles schimmern, das wie diffuses Licht wirkte.

Bald hatten sie den Ausgang erreicht. Er lag halb unter Wasser – direkt am Meer. Das Ufer war an dieser Stelle felsig und unzugänglich. Struppige Büsche verdeckten den Einlaß. Man sah ihn von außen nicht. Nur ein Eingeweihter konnte von der Existenz dieses Höhlenloches wissen.

„Unser Brunnen mündet also ins Meer“, sagte der Seewolf. „Und von hier aus kann man mühelos Masquat zu Fuß erreichen.“

Plymmie schwamm ein Stück ins Meer hinaus. Sie kehrte zum Ufer zurück, kletterte an Land und sprang auf den Felsen herum. Ihr Knurren und Kläffen klang ärgerlich. Sie hatte die Spur verloren.

Die Wächter trafen ein. Sie stiegen vom Höhlenloch in die Felsen. Einer von ihnen rutschte ab und klatschte schwer ins Wasser. Hasard half ihm wieder an Land. Er wetterte und begab sich zu seinen Kameraden. Aber so sehr die Araber auch suchten – von dem unheimlichen Mörder fanden auch sie keine Fährte mehr.

Hasard kletterte auf einen etwas höheren Felsen und blickte nach Masquat. Er konnte alles erkennen, auch die „Santa Barbara“, die im Hafen vor Anker lag. Es mochten etwa sieben-, achthundert Yards bis zur Stadt sein.

„Was tun wir, Dad?“ fragte Philip junior. „Gehen wir zum Hafen? Es könnte ja sein, daß Plymmie die Spur dort wieder aufnimmt.“

„Das bezweifle ich“, erwiderte der Seewolf. „Außerdem müssen wir damit rechnen, daß der Mörder uns beobachtet – falls er in Masquat ist. Vielleicht hockt er auch irgendwo zwischen den Felsen weiter oben und lacht sich ins Fäustchen.“

„Was unternehmen wir also?“ fragte nun auch Hasard junior. Die Wachtposten blickten den Seewolf ebenfalls teils erwartungsvoll, teils ratlos an.

„Ich gehe von der Annahme aus, daß der Mörder in Masquat ist und sich versteckt“, sagte Hasard. „Noch weiß er nicht, daß wir seinen Geheimgang gefunden haben. Das ist unser Trumpf. Wir stellen ihm eine Falle. Ich schätze, daß er nach Anbruch der Dunkelheit zurückkehren wird. Bevor wir aber etwas unternehmen, möchte ich mit dem Sultan sprechen. Ich will nichts ohne sein Einverständnis tun.“

Die Männer kehrten durch den Gang zum Palast zurück. Plymmie folgte ihnen. Hin und wieder blieb sie stehen und beschnupperte die Höhlenwände. Sie war unruhig. Es paßte ihr nicht, daß sie den Gesuchten nicht gefunden hatte. Nach und nach begriff aber auch sie, daß sich an den Gegebenheiten vorläufig nichts ändern ließ.

6.

Der erste Mann, dem der Suchtrupp im Innenhof des Palastes begegnete, war Mac Pellew. Mac hatte sich auf eine halbhohe Mauer gesetzt, die einen Säulengang abschirmte, und stellte eine tieftraurige Miene zur Schau. Als er die drei Killigrews erblickte, stieß er einen abgrundtiefen Seufzer aus.

Hasard und die Zwillinge traten zu ihm. Die Wächter verschwanden im Palast, sie wollten ihrem Herrn schleunigst Bericht erstatten.

„Es hat also nicht geklappt?“ fragte der Seewolf. „War der Frau nicht mehr zu helfen?“

„Wer hat das gesagt?“ stieß Mac verdutzt aus.

„Na, bei deinem Gesicht“, sagte Philip junior. „Dir scheint ja die Petersilie total verhagelt zu sein.“

„Ach, Unsinn“, entgegnete Mac. „Es ist alles in Butter. Der Kutscher hat hervorragend gearbeitet. Die Frau hatte innere Verletzungen. Hätte er sie nicht operiert, wäre sie langsam verblutet. Nur, beim Wassermann, mich hat die Sache ziemlich mitgenommen.“

„Weiß der Sultan schon vom Erfolg des Eingriffs?“ wollte der Seewolf wissen.

„Nein, ich glaube nicht.“

„Wo ist er?“ fragte Hasard.

„Hat sich in seine Gemächer zurückgezogen“, erwiderte Mac. „Mustafa ist bei ihm, soweit ich’s mitgekriegt habe.“

In diesem Moment trat auch der Kutscher aus dem Gebäude und gesellte sich zu ihnen.

„Wir haben Glück gehabt“, erklärte er. „Hätten wir noch eine Stunde länger gewartet, wäre es für die arme Frau das Ende gewesen.“

„Ich bin dir zu Dank verpflichtet“, sagte der Seewolf. „Laß uns jetzt zum Sultan gehen.“ Er sah zu Mac und den Zwillingen. „Begleitet ihr uns?“

„Nein, wir warten hier auf euch“, erwiderte Hasard junior. Philip junior und Mac nickten dazu.

Kurz darauf standen Hasard und der Kutscher vor dem Sultan. Hasard berichtete über den Verlauf der Suche, dann setzte er Quabus bin Said genau auseinander, welche Art von Eingriff der Kutscher an der Haremsdame Nabila vorgenommen hatte.

„Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll“, sagte Quabus bin Said nach einigem Schweigen. „Aber ich werde den Leibarzt auspeitschen lassen. Und auch die Eunuchen und die Wächter erhalten ihre verdiente Strafe. Warum passen die Kerle nicht besser auf? Warum ist keiner darauf gestoßen, daß der Mörder durch den alten Brunnen eingedrungen ist? Und wie soll das weitergehen? Jetzt erscheint diese Bestie schon am hellichten Tag.“

„Laß deine Leute in Ruhe“, sagte der Seewolf. „Sie tun alle ihre Pflicht, niemand kann ihnen etwas vorwerfen. Laß deine Wut nicht an ihnen aus. Keiner trägt die Schuld an dem, was hier vorgeht.“

„Was schlägst du dann vor, Kapitän Killigrew?“

„Wir stellen dem Mörder eine Falle“, entgegnete der Seewolf. „Ich bin überzeugt, daß er wieder erscheint.“

„Heute nacht?“

„Ja.

„So wahnsinnig ist er?“ murmelte Mustafa.

„Ich glaube, daß er normal ist“, entgegnete der Seewolf. „Sein Haß blendet ihn, aber er ist gerissen. Er wird immer wieder eindringen und über die Frauen herfallen. Wenn wir ihm aber den Zugang verwehren und ihn fassen, hat der Spuk ein Ende.“

„Ich bin einverstanden“, sagte Quabus bin Said. „Laß mich sofort wissen, welchen Plan du hast, Kapitän Killigrew.“

Hasard erklärte ihm, wie er sich den Hinterhalt vorstellte. Der Plan war simpel, dafür aber sehr wirksam – falls der Unheimliche wirklich wieder auftauchte.

„Ich habe nichts dagegen einzuwenden“, sagte der Sultan. „Laßt uns sofort mit den Vorbereitungen beginnen. Ich weiß immer noch nicht, wie ich mich erkenntlich zeigen kann, daß ihr Nabila das Leben gerettet habt.“

Hasard lächelte. „Wenn alles vorbei ist, werden wir ein paar Waren an Bord nehmen, Hoheit. Du wirst sie uns verkaufen.“

„Schenken werde ich sie euch.“

„Das können wir nicht annehmen.“

„Ich denke, ihr werdet einen arabischen Herrscher nicht beleidigen wollen“, sagte Quabus bin Said. „Also werdet ihr diese Gegenleistung von mir annehmen. Doch zurück zu den Portugiesen, die im Hafen ihr Unwesen treiben. Ich glaube, es ist zu spät, jetzt noch etwas gegen sie in die Wege zu leiten. Morgen aber werde ich mir diesen Moravia vornehmen. Ist morgen eurer Ansicht nach früh genug?“

„Ja“, erwiderte Hasard schlicht. „Die Jagd nach dem Mörder hat jetzt Vorrang.“

Etwas später gingen sie in das Krankenzimmer. Nabila war jetzt wieder bei Bewußtsein. Sie war blaß und schwach, aber sie konnte schon wieder ein wenig lächeln.

„Ein Wunder ist geschehen“, sagte sie leise. „Ich dachte, ich müsse sterben. Aber ich lebe.“

„Sind die Schmerzen zu ertragen?“ fragte der Kutscher. Mustafa übersetzte seine Worte.

„Sie lassen immer mehr nach“, erwiderte die Frau.

„Du wirst von neuem erblühen wie eine Orchidee“, sagte der Sultan. Er gab ihr einen sanften Kuß auf die Wange.

„Ist ihr etwas Besonderes an dem Mörder aufgefallen?“ fragte Hasard.

Wieder diente der Berater als Dolmetscher. „Er ist mager, aber sehr kräftig“, antwortete Nabila. „Ein Mann, ja, sicherlich ein Mann. Er ist böse. Ein Tier. Warum sticht er uns? Was haben wir ihm getan? Wir sind friedliche Menschen und haben nur den einen Wunsch: unseren Herrn glücklich zu stimmen.“

„Wir werden ihn fangen“, entgegnete der Sultan. „Vielleicht sogar schon heute nacht. Dann werde ich furchtbare Rache an ihm nehmen. Er wird büßen, das schwöre ich dir.“

„Nabila“, wandte sich der Seewolf noch einmal an die Frau. „Haben Sie einen Verdacht, wer der Mörder sein könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Wirklich nicht.“

„Das reicht jetzt“, sagte der Kutscher. „Sie braucht nichts dringender als Ruhe.“

Kurz darauf, als die Männer wieder im Park des Palastes standen, tauchte der Leibarzt auf. Er schlich um sie herum und schien nach Worten zu suchen. Schließlich war es der Sultan, der ihn zu sich rief.

„Du solltest mit glühenden Zangen gezwickt werden“, sagte er. „Aber ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Du bist ein Narr, und du hast noch viel hinzuzulernen. Laß dir von dem englischen Arzt erklären, was er getan hat. Lerne von ihm. Höre auf ihn. Tust du es nicht, schneide ich dir die Ohren und die Nase ab.“

„Ja, Herr, ja, Herr“, stammelte der Leibarzt.

Dem Kutscher tat der Mann nun doch leid. Er gab sich die größte Mühe, ihm mit Mustafas Unterstützung einige Methoden der Behandlung, wie sie in der Alten Welt üblich waren, beizubringen. Es wurde ein langes Gespräch – und allmählich wurde es darüber dunkel. Sehr schnell waren die Stunden verstrichen.

„Bevor ich wieder in den Schacht steige, muß ich mich mit meinen Männern absprechen“, sagte Hasard. „Sie brennen sicherlich schon darauf, den letzten Stand der Dinge zu erfahren.

„Ich gebe dir mein bestes Pferd“, sagte der Sultan.

Wenige Minuten später ritt Hasard zum Hafen hinunter. Er kletterte ins Boot. Jack Finnegan und Paddy Rogers hatten die Wache am Boot übernommen. Sie pullten ihren Kapitän zur „Santa Barbara“.

Der Seewolf trank eine Muck Rum mit seinen Männern und berichtete ihnen, was sich zugetragen hatte. Einige stießen leise Pfiffe aus.

Carberry sagte: „Das gibt Zunder, schätze ich. Brauchst du Verstärkung bei der Jagd auf den Mörder? Wie wär’s, wenn wir ein paar Flaschenbomben mitnehmen würden?“

„Davon halte ich nichts“, erwiderte Hasard. „Außerdem haben wir die Palastwachen, die sind schwer genug bewaffnet. Im übrigen will ich, daß ihr vollzählig an Bord bleibt. Wir dürfen nicht vergessen, daß nach wie vor mit einem Gegenschlag der Portugiesen zu rechnen ist.“

„Die sollen ruhig aufkreuzen“, sagte Shane.

„Ja, in der Nacht sind bekanntlich alle Katzen grau“, meinte Ferris Tucker grinsend.

„Und wir hatten schon lange nichts mehr zu tun“, meinte der Profos. „Das ewige Rumsitzen hängt mir zum Halse heraus.“

„Du bist unverbesserlich, Ed“, erklärte Ben Brighton. „Aber was Hasard sagt, leuchtet mir ein. Es hat keinen Sinn, wenn wir mit zehn Mann oder mehr diesen geheimen Brunnenschacht belagern. Viel wichtiger ist, daß die ‚Santa Barbara‘ jetzt voll gefechtsbereit bleibt. Sollte Moravia mit einem größeren Aufgebot anrücken, sind wir wenigstens darauf eingestellt.“

„Spitz deine Pfeile“, sagte Carberry zu dem grinsenden Batuti. „Nachher hast du keine Zeit mehr dazu.“

„Reitest du allein zum Palast zurück?“ fragte Ben seinen Kapitän.

„Ja.

„Ist das nicht zu gefährlich – im Dunkeln, meine ich?“

„Ich kann auf mich aufpassen“, entgegnete Hasard.

„Man könnte einen heimtückischen Anschlag auf dich verüben“, gab Ben zu bedenken.

„Moravia oder der Frauenmörder“, sagte Don Juan de Alcazar.

„Es geht nicht mit rechten Dingen zu“, brummte der alte O’Flynn.

„Keine Sorge“, sagte der Seewolf. „Ich brauche keinen Geleitschutz. Und zu viele Leute wirken zu auffällig. Wir halten weiterhin Kontakt. Sollte sich hier etwas ereignen, Ben, schickst du mir einen Melder zum Palast hoch.“

„Aye, Sir, geht klar.“

„Der Mörder ist ein Araber“, sagte Old Donegal Daniel O’Flynn.

Hasard sah ihn an. „Bist du sicher?“

„Das sagt mir mein Holzbein.“

„Ich halte es auch für wahrscheinlich“, erwiderte der Seewolf. „Aber vor Überraschungen sind wir natürlich nicht sicher.“

„Hier nicht und in diesem ganzen verfluchten arabischen Land nicht“, schimpfte der Alte. „Ich bin froh, wenn wir endlich mal wieder in Cornwall an Land gehen und ein wenig vertraute Luft schnuppern.“

„Heimweh“, sagte Shane spöttisch. „Mann, das gibt’s doch nicht, Donegal.“

„Du kannst mich mal.“

„Auf Cornwall mußt du noch ’ne Weile warten, Dad“, sagte Dan O’Flynn. „Und was mich betrifft, ich bin nicht sonderlich scharf auf England. Du hast wohl schon vergessen, daß da auch nicht alles eitel Zuckerschlecken ist, was?“

„Ich vergesse gar nichts“, brummte der Alte. „Doch diese Gegend ist mir absolut nicht geheuer. So meine ich das, kapiert?“

„Ja, kapiert“, erwiderte der Seewolf. „Aber bisher haben wir unsere Haut immer noch retten können. Das soll auch weiterhin so bleiben. Haltet Augen und Ohren offen.“

„Aye, Sir“, sagten die Männer.

Der Seewolf verließ sein Schiff und kehrte zum Palast zurück. Während des Rittes ereignete sich nichts Unvorhergesehenes. Alles blieb ruhig. Erstaunlich ruhig. Fast konnte man zu dem Eindruck gelangen, Masquat sei ein friedliches Plätzchen Erde. Doch im Dunkel lauerte das Grauen.

Silvestro Moravia brauchte nur seine Beule zu befingern, und schon stieg eine glühende Welle des Hasses in ihm hoch. Als er zu sich gekommen war, hatte er im ersten Sturm seiner Wutgefühle den „Bastarden“ nachstürmen wollen, die ihm und seinen Mannen zu dieser Niederlage verholfen hatten. Dann aber hatte er sich anders besonnen.

Es hatte keinen Zweck. Die Engländer konnten zuschlagen, das hatten sie bewiesen. Und sie waren nicht allein. Sie waren eine ganze Crew von Hundesöhnen. Ein Spitzel hatte Moravia inzwischen mitgeteilt, wie groß das Schiff war, das auf der Reede ankerte, und wie viele Kerle es waren.

Noch etwas anderes spielte in Moravias Überlegungen mit hinein. Es hatte wenig Sinn, am hellichten Tag einen Angriff zu unternehmen. Das erregte zuviel Aufsehen. Nein, man mußte es anders anpacken. Nachts die Galeone überfallen – das war der beste Plan.

Ehe irgendwelche Hafenwächter auftauchten und eingriffen, waren die Kerle längst abgemurkst. Und ihr Schiff sank angebohrt auf den Grund der See.

Eingedenk dieser Erkenntnis leckten Moravia und seine Kerle ihre Wunden, dann tranken sie aus einer großen Flasche starken Rum. Jetzt sah die Welt schon wieder etwas besser aus. Sie räumten in ihrem unterirdischen Warenlager auf. Die Stunden vergingen, es wurde Mittag, bald Abend.

Moravia ging bei der Ursache für den Zwischenfall im Gewölbe von der Annahme aus, daß die Engländer von selbst Verdacht geschöpft hatten, etwas könne nicht astrein sein. Dumm waren sie ja schließlich nicht. Allzu viel Freundlichkeit war ihnen sozusagen „spanisch“ vorgekommen, und da hatten sie eben versucht, sich wieder zurückzuziehen.

Hätte Moravia geahnt, daß Osman der Verräter war, dann hätte Osman längst nicht mehr gelebt, und seine sterblichen Überreste wären den Haien als Leckerbissen vorgeworfen worden. Aber Silvestro Moravia schöpfte keinen diesbezüglichen Verdacht.

Osman rieb sich im stillen schadenfroh die Hände. Er war froh, dem Portugiesen eins ausgewischt zu haben. Er haßte ihn wegen seiner Überheblichkeit und Gemeinheit. Osman wünschte sich nur das eine: daß Moravia eines Tages die Lektion erhielt, die ihm gebührte.

Moravia schickte seine Helfer – unter anderem Halef und Osman – in die Kasbah. Sie sollten Verstärkung holen. Überall gab es Portugiesen, die zu Moravias Meute gehörten. Wenn es darum ging, nachts auf Kapertour zu gehen und den „Alis“ Waren abzunehmen, waren sie stets mit von der Partie.

Die Araber waren ihrer Ansicht nach eine Kategorie von Läusen, die es auszurotten galt. Und gegen einen Kampf mit einer Horde von Engländern hatten sie nichts einzuwenden.

Am späten Nachmittag erhielt Moravia in seinem Gewölbe Besuch – von dem Mufti, den er bestochen hatte. Der Mann war sehr mager und hatte ein vogelartiges Gesicht. Er trug ein altes Gewand, in dem ihn keiner als das erkannte, was er in Wirklichkeit war.

„Hassan, du altes Schlitzohr“, sagte der vollbärtige Hüne. „Wie siehst du denn heute wieder aus?“

Der Mufti grinste. „Keiner weiß, wer ich bin, wenn ich so durch die Altstadt gehe.“

„Na gut. Aber ich finde, du übertreibst ein bißchen. Was gibt es neues?“

„Das frage ich dich.“

„Ach, wir haben uns mit einem üblen Pack herumschlagen müssen. Engländer. Ihr Schiff liegt im Hafen vor Anker. Heute nacht schnappen wir sie uns.“

„Paßt auf“, sagte der Mufti.

„Wir hauen den Kerlen die Schädel ein, verlaß dich drauf.“

„Das meine ich nicht“, sagte Hassan. „Wenn es herauskommt, was ihr tut, kann ich für nichts garantieren.“

Moravias Augen wurden schmal. „So? Und was ist mit dem Bakschisch, den ich dir regelmäßig zahle?“

Der Mufti preßte den Zeigefinger gegen die Lippen. „Sei still.“

„Keine Angst, die Wände haben hier keine Ohren.“

„Ich halte dir den Rücken frei“, erwiderte Hassan leise. „Und der Kadi hört auf mich. Aber wenn er erfährt, daß ihr andere Leute verprügelt, kann er auch nichts anderes tun, als es den anderen Kadis vorzutragen und dem Sultan zu melden.“

„Der Sultan sitzt auf seinem Hügel. Weit genug weg.“

„Und was ist mit den portugiesischen Kapitänen in Masquat?“

„Diese Narren“, entgegnete Moravia verächtlich. „Die sind doch blind und taub.“

„Du solltest den Bogen nicht überspannen“, warnte Hassan.

Moravia griff nach seinem Arm und zog ihn zu sich heran. „Was ist los mit dir, du alter Kameltreiber? Hast du plötzlich die Hosen voll?“

„Nein. Aber ich habe gehört, daß der Sultan zur Zeit sehr nervös und ungehalten ist“, antwortete der Mufti so ruhig wie möglich, obwohl er Moravia am liebsten die Faust mitten ins Gesicht geschmettert hätte.

Der Portugiese ließ den Araber wieder los. „Wer hat dir das erzählt?“

„Ich habe es von einem der Bediensteten, der vorhin in der Stadt war.“

„Du meinst, der Sultan hat wegen unseres schwunghaften Handels Lunte gerochen?“ fragte Moravia gepreßt.

„Es könnte sein. Aber sein Zustand ist auf die Vorfälle im Palast zurückzuführen. Eine seiner Lieblingsfrauen und ein Eunuch sind umgebracht worden.“

Moravia stieß einen Pfiff aus, dann erkundigte er sich: „Von wem?“

„Das weiß keiner. Eine andere Frau ist verletzt worden.“

„Nicht zu fassen.“

„Und die Engländer sollen im Palast sein – einige von ihnen“, erklärte Hassan, der Mufti.

„Um uns zu verraten?“ zischte Moravia. „Das würde diesen verdammten Burschen ähnlich sehen. Mistkerle! Aber ich kaufe sie mir noch, verlaß dich drauf. Wenn einige von ihnen im Palast sind, ist das um so besser für uns. Wir finden also auf dem Schiff weniger von den Bastarden vor.“

„Seid vorsichtig“, warnte Hassan noch einmal.

„Ach, halt deinen Mund. Erzähl mir lieber, was hinter diesen Palastmorden steckt“, sagte der Portugiese.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Aber ich. Jemand will Quabus bin Said stürzen.“

„Nein!“

„Wie findest du das?“

„Wer sollte sein Nachfolger werden?“ fragte der Mufti.

„Ich vielleicht“, erwiderte Moravia lachend. „Wer weiß, vielleicht bin ich selbst der Mörder? Denk mal nach.“

„Du willst mich verhöhnen“, sagte der Mufti leise.

Silvestro Moravia überhörte den drohenden Unterton in der Stimme des anderen. „Ach, Quatsch. Aber ich sage dir, das dient dem Zweck, den Sultan zu verunsichern. Und zum Schluß wird auf ihn – ein Attentat verübt. Wollen wir wetten?“

„Ein Sohn Allahs wettet nicht.“

„Das habe ich ganz vergessen.“ Moravia lachte hart. „Aber Bestechungsgelder nimmt er gern an, oder? Na, ihr seid mir vielleicht Kerle, ihr Alis. Keine Lust zum Arbeiten. Nur faulenzen und Kinder in die Welt setzen.“

„Hör endlich auf“, sagte Hassan.

Moravia hieb mit der Faust auf den Tisch. „Ja, ich höre auf. Hau ab und laß dich erst morgen wieder blicken, verstanden? Ich habe genug zu tun! Morgen will ich ausschlafen! Halte aber Augen und Ohren offen und berichte mir weiterhin aus dem Palast!“

„Ja.“

„Was da vorgeht, interessiert mich ganz besonders.“

„Ja.“ Hassan, der Mufti, deutete eine Verbeugung an, dann verließ er das Gewölbe. Sein Gesicht war verzerrt, als er durch die Gassen schritt. Obwohl er ihre Sprache beherrschte, haßte er die Portugiesen. Er haßte alle weißen Menschen. Und genauso haßte er die eigenen Landsleute, die eine höhere Stellung hatten als er und ständig auf ihm herumhackten. Aber was sollte er tun? Er konnte sich nur den Dingen anpassen. Das mußte schließlich jeder.

Silvestro Moravia empfing in seinem unterirdischen Domizil die „Verstärkung“ – fast dreißig Kerle, die allesamt entschlossene Mienen aufgesetzt hatten.

Einer von ihnen, ein gewisser Furio Ingrao, ein Kerl mit Glatze, galt als besonders brutal. Er war ein Kerl wie ein Klotz, und seine Fäuste konnten mit der Wucht eiserner Hämmer zuschlagen. Moravia hatte ihm nur ein wenig mehr Verstand voraus, sonst wäre Ingrao der Anführer gewesen und nicht er.

„Geht’s los?“ fragte Ingrao. Er griff sich die Flasche Rum, die noch zu einem Viertel gefüllt war, hob sie an die Lippen und leerte sie. Mit einem satten, zufriedenen Laut setzte er sie wieder ab und grinste. „Knüppel oder Säbel?“ wollte er wissen.

„Schiffshauer und Entermesser“, antwortete Moravia.

„Ganz hart also.“

„Wir werden aus diesen englischen Bastarden Haifutter machen“, erklärte Moravia. „Wenn’s nötig sein sollte, setzen wir auch die Schießeisen ein.“

„Zu laut“, sagte Ingrao, der ein sehr einsilbiger Mensch war.

„Ach, wenn ein paar Schüsse knallen, ist es nicht so schlimm“, meinte der Anführer der Bande. „Ehe jemand richtig mitkriegt, was eigentlich los ist, sind wir wieder weg, und die Hurensöhne saufen mitsamt ihrem Kahn ab.“

„Hört sich gut an“, sagte Ingrao.

„Was haben die Kerle an Bord?“ wollte einer der anderen wissen.

„Nur Plunder, nehme ich an“, erwiderte Moravia, „was den Inhalt der Laderäume betrifft. Ehe wir sie zu den Haien schicken, sollten wir sie aber ausplündern. Sie haben Geld. Sie haben einen Ali üppig ausgezahlt, als ihr Affe ihm seinen Stand demoliert hat.“

„Ein Affe?“ fragte einer der Kerle verdutzt.

„Ja, sie haben Viehzeug“, erwiderte Moravia grinsend. „Einen Affen, einen Papagei und so. Wohl auch einen Hund. Aber der Köter ist im Palast.“

„Wer hat dir das erzählt?“ erkundigte sich ein anderer Kerl.

„Hassan, der Mufti“, entgegnete Moravia. „Und die Engländer tragen ihre Münzen im Gürtel. Also gilt es, ihnen die Gürtel abzunehmen, ehe wir ihre Kammern durchsuchen.“

„Sehr gut“, sagte Ingrao grunzend. „Los geht’s.“

Wenig später huschten die Gestalten durch die Kasbah zum Hafen. Moravia und seine Spießgesellen hatten Boote, die überall vertäut lagen – im Hauptgebiet des Hafens, aber auch an Nebenpiers. So stiegen die Kerle an Bord der Boote, und von allen Seiten steuerten sie auf die „Santa Barbara“ zu, die vor Anker lag und ein Bild des Friedens bot.

An Bord schien keiner mit Ärger zu rechnen. Welch großem Irrtum Moravia erlag, sollte er schon bald erfahren.

7.

Die Zeit spielte keine sonderlich große Rolle mehr. Hasard kauerte zwischen den Felsen unmittelbar an der Küste und wartete auf den unheimlichen Mörder. Neben ihm lag Plymmie auf dem Untergrund – mucksmäuschenstill.

Unten, im Stollen, unweit des Einganges, hockten die Wächter. Die Zwillinge, Mac und Mustafa leisteten ihnen Gesellschaft. Der Kutscher war beim Sultan Quabus bin Said und dem Leibarzt geblieben, für den Fall, daß Nabila während der Nacht seine Hilfe brauchte.

Natürlich war auch der Palast abgeschirmt. Keine Maus konnte herein oder heraus. Überall lauerten die bewaffneten Wächter.

Langsam verstrichen die Stunden. Der Seewolf war um Geduld bemüht, aber natürlich beschlichen ihn doch einige Zweifel. War der Mörder so verrückt, noch einmal an den Tatort zurückzukehren? Hatte er nicht genug Vernunft, von einem weiteren Anschlag abzusehen? Mußte er nicht direkt wittern, daß man ihm eine Falle stellte?

Aber nein – er konnte nur etwas ahnen, wenn ihm inzwischen bekannt geworden war, daß der englische Kapitän und seine Helfer den geheimen Stollen entdeckt hatten. Dann verging die Nacht, ohne daß sich auch nur der Schatten des Vermummten zeigte. Schöpfte er aber keinen Verdacht, daß sein geheimer Einlaß gefunden worden war, dann pirschte er sich wieder an, um seine nächste Bluttat zu verüben.

Oder hatte er sich möglicherweise doch ganz abgesetzt? Hasard konnte es nicht ausschließen. Aber er glaubte nicht an eine Flucht des Verbrechers.

Welche Motive hatte der Mann, sich wie eine Bestie auf Frauen zu stürzen? Wollte er sie vergewaltigen? Nein, das konnte nicht der Grund sein. Haß steckte dahinter, vielleicht Blutrache, wie sie im Orient üblich war. Der Mörder wollte in Wirklichkeit Quabus bin Said treffen.

Plymmie hob die Ohren.

Hasard wandte vorsichtig den Kopf und sah in die Richtung, in die die Hündin blickte. Er registrierte eine schwache Bewegung zwischen den Felsen. Dann flatterte etwas auf – ein schwarzer Nachtvogel.

Fehlmeldung, dachte der Seewolf.

Er rechnete damit, noch einige Stunden zwischen den Felsen verbringen zu müssen. Vielleicht war alles vergebens. Darauf mußte man vorbereitet sein. Und auch eine zweite und dritte Nacht mußten nicht unbedingt zum gewünschten Erfolg führen. Der Mörder konnte sie so lange an der Nase herumführen, wie er wollte.

Von Masquat drangen nur schwache Geräusche herüber. Die Lichter der Stadt zitterten in der Dunkelheit. Im Hafen schien alles ruhig zu sein.

Moravia könnte begriffen haben, daß sich ein Angriff auf die „Santa Barbara“ nicht auszahlt, dachte Hasard. Aber die Nacht war noch nicht vorbei. Noch war alles offen. Die Ruhe im Hafen war trügerisch – bald sollte es damit vorbei sein.

Dan O’Flynn war zwar der Mann mit den schärfsten Augen an Bord der „Santa Barbara“, doch dieses Mal war es Bill, der als erster auf die drohende Gefahr aufmerksam wurde. Er stand im Großmars und versah seinen routinemäßigen Dienst als Ausguck. Plötzlich bemerkte er, daß sich kleine Schemen auf die Galeone zuschoben.

Ben hatte mit der Crew genau abgesprochen, wie man sich im Falle eines Angriffes verhalten sollte. Die Kanonen der „Santa Barbara“ waren geladen, aber nicht ausgerannt. Auch die Handfeuerwaffen waren griffbereit.

Ferris Tucker hatte seine Flaschenbomben gestapelt. Shane und Batuti hatten ihre Langbögen aus englischer Eibe in Reichweite. Die Drehbassen waren ebenfalls feuerbereit. Doch wenn es irgend ging, sollte ein Schußwechsel mit Angreifern vermieden werden.

Bill stieß einen Laut aus, der dem Ruf einer Möwe ähnelte. Unter ihm, auf der Kuhl, waren die Männer mit einem Schlag hellwach. Carberry kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und entdeckte die nahenden Boote.

„Hol’s der Henker“, murmelte er. „Da kommen unsere Freunde.“

Higgy verschwand wie der Blitz, um die Kameraden zu wecken, die an diesem Abend Freiwache hatten. Sofort sprangen sie aus ihren Kojen. Sie verließen das Logis und schlichen an Oberdeck – Blacky, Stenmark, Piet Straaten, Jan Ranse und vier andere.

Ben Brighton war unterdessen von seinem Bruder Roger benachrichtigt worden. Er erschien auf dem Hauptdeck und warf einen Blick auf eins der Boote.

„Da sitzen ziemlich viele Kerle drin“, flüsterte er.

„Insgesamt scheinen es drei bis vier Dutzend zu sein“, meldete Dan O’Flynn gedämpft.

„Aufpassen“, raunte der alte O’Flynn. „Das kann ins Auge gehen.“ Er schwang aber bereits einen Koffeynagel und schaute drein, als habe er auch noch vor, sein Holzbein abzuschnallen und auf dem Rücken eines Portugiesen tanzen zu lassen.

Die Arwenacks bezogen ihre Posten. Alles lief in völliger Stille ab. Moravia und die Bande Hafenhaie hatten sich inzwischen weiter genähert. Der Anführer stand aufrecht im Heck seines Bootes.

Er triumphierte bereits. Diese Engländerbastarde schliefen ja! Längst hätten sie den nahenden Verdruß bemerken müssen. Aber es blieb still an Bord des Dreimasters. Nichts regte sich. Moravia glaubte, das Schnarchen der Ankerwache zu hören.

Nun war es soweit. Die Boote glitten bei der „Santa Barbara“ längsseits, an Backbord und an Steuerbord. Zwei Boote schoben sich unter das Heck, eines unter den Bug. Und schon schleuderten die Portugiesen ihre Enterhaken. Wie die Katzen enterten sie an den Bordwänden auf.

Furio Ingrao, der Glatzkopf, wollte einer der ersten sein. Er kletterte am Heck hoch und stieg über das Ruderblatt auf die Heckgalerie. Hier richtete er sich vorsichtig auf und warf einen Blick durch die Bleiglasfenster in die Kapitänskammer.

Dunkel – kein noch so kleines Licht brannte. Und das Schott war von innen abgeriegelt. Ingrao fluchte leise, dann grinste er aber wieder und hangelte zur Heckreling hinauf, um auf das Achterdeck zu gelangen.

Silvestro Moravia schwang im selben Augenblick sein rechtes Bein über das Schanzkleid der Backbordseite. Nun stand er auf der Kuhl und sah sich siegessicher um. Wo waren die Engländer? Nichts rührte sich. Moravia hob seinen schweren Schiffshauer. Dem ersten Bastard, der sich zeigte, würde er den Kopf vom Rumpf schlagen.

Ein Schatten wuchs vor Moravia hoch – zwei andere huschten von links und rechts heran. Überall erhoben sich Gestalten von den Planken. Sie hatten sich hinter Masten, Nagelbänken und Kanonen versteckt. Jetzt erschienen sie wie Dämonen. Moravia fluchte gurgelnd, holte aus und drosch auf den ersten Schatten ein.

Aber der knallte ihm von unten die Faust gegen den Arm. Mit geweiteten Augen stellte Moravia fest, daß er wieder seinem Erzfeind in die Hände gelaufen war: Carberry!

Moravia wollte immer noch zuschlagen, aber sein Arm war gelähmt. Die Finger hatten keine Kraft mehr. Der schwere Säbel polterte auf die Planken. Der Bärtige ächzte. Seine linke Faust schoß vor – wurde aber vom Profos gestoppt.

„Bastard!“ keuchte der Portugiese.

„Gleichfalls“, sagte Carberry. Er rammte Silvestro Moravia die eine Faust vor die Brust, die andere gegen die Kinnlade, daß es krachte und knackte. Moravia taumelte rückwärts und ruderte mit den Armen. Er prallte gegen einen seiner nachrückenden Kerle. Der Kerl fluchte. Moravia brach zusammen und blieb regungslos auf der Kuhl liegen.

Ingrao wurde unterdessen von einem graubärtigen Riesen gestoppt – Big Old Shane. Der Glatzkopf ließ seinen Cutlass wie eine Sense durch die Luft schwirren. Aber Shane wich aus. Dann stoppte er die gegnerische Klinge mit seinem Säbel.

Es klirrte, als habe ein Schmied seinen Hammer auf Eisen gedonnert – und der Glatzkopf brüllte auf. Die Wucht des Zusammenpralls verprellte ihm das Handgelenk. Er nahm den Cutlass in die andere Hand, verlor jedoch Zeit.

Im selben Moment war Shane ganz heran und knallte Ingrao das Heft seines Säbels auf den Unterarm. Ingrao stöhnte und trat nach Shanes Unterleib. Shane war wieder schneller. Er wich aus und schlug mit der freien Faust zu.

Ingrao schüttelte den Kopf wie ein Stier, der mit dem Schädel gegen eine Mauer gerannt ist. Shane deckte ihm mit einem Wirbel von Hieben ein. Ingrao rutschte aus. Sein Hinterkopf prallte gegen das Rohr einer Drehbasse. Das gab ihm den Rest. Schlaff landete er auf den Planken.

Doch nun waren die übrigen Angreifer an Bord. Ihre Gestalten schoben sich übers Schanzkleid und überfluteten die Decks. Der Tanz begann – und plötzlich war der Teufel los an Bord der „Santa Barbara“:

Säbel, Degen, Entermesser und Schiffshauer klirrten und rasselten. Die beiden gegnerischen Crews prallten auf der Kuhl zusammen, aber auch auf der Back und auf dem Achterdeck tobte der Kampf. Belegnägel und Spillspaken trommelten im Kreuzfeuer auf die Portugiesen ein – und Old O’Flynn schnallte tatsächlich sein Holzbein ab.

Er donnerte es mit Wucht einem anstürmenden Angreifer vor die Brust. Dem Kerl rutschten die Füße buchstäblich unter dem Leib weg. Ihm war, als habe ihn ein Pferd getreten. Mit einem dumpfen Laut streckte er alle viere von sich und blieb auf dem Hauptdeck liegen.

Silvestro Moravia hatte den Fehler begangen, seinen Feind zu unterschätzen. Im übrigen hatte er seinen Kerlen vorgegaukelt, sie würden leichtes Spiel mit den „englischen Bastarden“ haben. Das stellte sich als fataler Irrtum heraus.

Zahlenmäßig waren die beiden Parteien zwar gleich, aber die Arwenacks hatten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Die Portugiesen hatten geglaubt, ein paar schläfrige Deckswachen umzuhauen und dann den Rest der Mannschaft in den Kojen zu erledigen.

Statt dessen hatte es die Bande mit einer Crew hellwacher, quicklebendiger Mannen zu tun, die sich sehr wohl ihrer Haut zu wehren wußten.

Im Handumdrehen lagen mehr als ein Dutzend Moraviakerle auf den Planken. Was aber am meisten an der Moral der Angreifertruppe zehrte, das war die Tatsache, daß es den Anführer und den Glatzkopf gleich als erste erwischt hatte. Die stärksten Kämpfer schlummerten, weitere zehn bis zwölf Schnapphähne waren im Reich der Träume versunken, und auch dem Rest der Meute ging es nun an den Kragen. Was blieb da noch zu tun? Es gab nur eine Rettung: die Schußwaffen zücken.

Fluchend holten die Portugiesen ihre Pistolen hervor. Aber Matt Davies hackte dem einen Kerl seinen Eisenhaken in den Arm, und der Kerl ließ die Radschloßpistole fallen, ehe er überhaupt den Hahn spannen konnte. Der Kerl führte einen wahren Veitstanz auf und heulte, als habe er hundert Pfeile im Leib stecken.

Einem anderen Angreifer hieb Old O’Flynn das Holzbein gegen den Kopf. Auch dieser Gegner sackte zusammen. Weitere Kerle, die mit ihren Pistolen hantierten und fuchtelten, wurden von Carberry, Blacky, Batuti, Stenmark, Gary Andrews und Luke Morgan abgeräumt. Die Kerle flogen über das Schanzkleid außenbords – mitsamt ihrer Schießeisen, die im Wasser unbrauchbar wurden.

Ben, Shane, Ferris und Pete Ballie kämpften auf dem Achterdeck. Auch sie konnten die Auseinandersetzung zu ihren Gunsten entscheiden. Gerade kippten die letzten beiden Gegner aus den Stiefeln, wie man so schön zu sagen pflegt.

Und auf der Back befaßten sich Smoky, Al Conroy und Sam Roskill mit den drei Portugiesen, die noch übriggeblieben waren. Diese Kerle versuchten zähnefletschend und fluchend ihre Positionen zu behaupten.

Aber der eine sackte urplötzlich zusammen. Er war Arwenack zu nahe getreten. Der Schimpanse hing wie ein schwarzer Schatten in den Fockwanten der Steuerbordseite und drosch dem Kerl einen Belegnagel auf den Schädel. Der Kerl krachte mit einem dumpfen Laut auf die Planken.

Die beiden restlichen Señores empfingen ihr Quantum, ehe sie ihre Schußwaffen zu zücken vermochten. Irgendwie waren sie zu verdutzt. Alles hatten sie sich vorgestellt – nur nicht, daß Smoky sie einfach packte und mit den Köpfen zusammenhieb. Das war nicht geplant gewesen.

„Das war’s“, sagte Ben Brighton. „Ins Wasser mit den Señores, Freunde.“

Es gab eine Serie von Klatschern, als die Portugiesen ins Hafenwasser flogen. Ben und die Arwenacks blickten ihnen spöttisch und schadenfroh nach. Natürlich wirkte das Wasser belebend. Ein Kerl nach dem anderen erlangte wieder das Bewußtsein.

Der Glatzkopf zum Beispiel: Er spuckte einen dicken Strahl Wasser aus und grunzte wie ein Walroß. Dann schwamm er zu einem der dümpelnden Boote.

Silvestro Moravia steckte den Kopf ebenfalls aus dem Wasser. Sein Gesicht war die Fratze des Hasses schlechthin. Sofort wollte er wieder zum Angriff auf die „Santa Barbara“ hetzen. Aber seine Kerle spielten nicht mehr mit. Sie pullten einfach zum Ufer zurück.

„Das werdet ihr mir büßen!“ zischte Moravia.

Furio Ingrao hockte ihm gegenüber auf der Ducht. „Wer? Wir?“

„Ja. Ihr seid Versager. Feiglinge!“

„Sag das nicht noch mal, oder ich quetsch’ deinen Schädel wie ’ne faule Birne zusammen“, erwiderte der Glatzkopf, und er meinte es wirklich genauso. Im übrigen war es die längste Rede, die er seit Zeiten gehalten hatte.

Die Boote wurden für die Männer der „Santa Barbara“ unsichtbar. Ruhe trat wieder ein. Am Kai und vor den Häusern der Kasbah schien sich nichts zu regen – kaum jemand in Masquat hatte von dem Handgemenge etwas bemerkt. Und daß mal ein Kerl so heulte wie der Portugiese, der mit Matts Eisenhakenprothese nähere Bekanntschaft geschlossen hatte, war hierzulande vielleicht gar nicht so selten.

„Na also“, sagte Ben Brighton. „Wir haben nicht viel Aufsehen erregt. Ein schöner Abschluß.“

„Ob es die Kerle noch einmal versuchen?“ fragte Shane.

„Von mir aus“, erwiderte Carberry. „Ich habe nichts dagegen.“

„Wir sind für alle Fälle gerüstet“, sagte Old O’Flynn kichernd. Er schnallte das Holzbein wieder an.

Alles in allem waren die Arwenacks prächtiger Laune. Keiner hatte mehr als ein paar Kratzer oder eine leichte Beule empfangen. Ben ließ den erfolgreichen Ausgang der nächtlichen Aktion mit einer doppelten Extraration Branntwein begießen. Die Laune an Bord wurde immer besser.

Ganz anders in Masquat: Moravia stand am Ufer und versuchte, seine versprengten Kerle wieder zusammenzutrommeln.

„Ihr Kanaillen!“ zischte er. „Wollt ihr kneifen? Was seid ihr bloß für feige Arschlöcher!“

Ingrao hatte die Nase voll. Er trat zu Moravia und knallte ihm die rechte Faust voll unters Kinn. Moravia hob erst ab und ging dann zu Boden. Er wollte sich wieder aufrappeln, doch der Glatzkopf langte noch einmal zu. Das reichte. Der Vollbärtige legte sich erneut schlafen. Im Traum beobachtete er bunte Vögel, die in allen Tonarten zwitscherten.

„Du bist selbst eine Kanaille, Moravia“, sagte der Glatzkopf mit grollender Stimme. „Du hast uns alle reinlegen und verheizen wollen. Wir können froh sein, daß wir noch am Leben sind. Für dich arbeite ich nie wieder.“

Er sprach’s und verschwand. Die anderen Kerle folgten ihm. Sie mußten ihren Ärger erst mal richtig herunterspülen. Später trafen sie sich – naß, wie sie waren – in einem Keller, in dem Ingrao eine Art Kaschemme eingerichtet hatte. Hier einigten sie sich: Silvestro Moravia war für sie erledigt.

Und überhaupt, vielleicht war es besser, Masquat für einige Zeit den Rücken zu kehren. Wie es schien, hatten die Engländer die Portugiesen sowieso beim Sultan angeschwärzt. Das konnte früher oder später eine Säuberungsaktion bedeuten. Wenn man alles richtig betrachtete, schien der Boden in Masquat sehr heiß zu werden.

8.

Plymmie hob den Kopf. Vom Hafen wehte ein Schrei herüber. Hasard hielt Ausschau, konnte aber nichts erkennen. Wurde an Bord der „Santa Barbara“ jetzt gekämpft? Möglich, dachte er. Insgeheim drückte er seinen Mannen die Daumen, daß alles gutging. Er wäre jetzt gern bei ihnen gewesen. Aber man konnte nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Stellen sein – ausgeschlossen.

Schüsse waren nicht zu vernehmen. Der Seewolf hatte einigen Grund zu der Annahme, daß sich seine Mannen gegen die Portugiesen zu behaupten verstanden. Immerhin hatten sie an Bord der Galeone den „Heimvorteil“. Und wenn es ganz dick wurde, mußten eben doch die Schußwaffen den Kampf entscheiden.

Nichts. Kein Schuß. Keine Höllenflaschenexplosion. Hatten die Portugiesen es gar geschafft, die „Santa Barbara“ zu kapern? Ausgeschlossen, dachte Hasard, mach dich nicht selbst verrückt.

Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Plymmie. Die Hündin stellte die Ohren steil auf und blickte etwas weiter nach rechts – zwischen die Felsen. Hasard berührte ihren Kopf. Plymmie verstand. Sie durfte sich nicht regen und keinen Laut äußern. Erst, wenn der Seewolf ihr das Zeichen dazu gab, konnte sie aufspringen und losjagen.

Hasard kauerte hinter seiner Deckung, einem abgeflachten, buckligen Felsen, und rührte sich um keinen Deut. Was hatte Plymmie dieses Mal bemerkt? Wieder einen Vogel? Ein anderes Tier? Ihrer angespannten Körperhaltung nach zu urteilen, war es mehr. Der Unheimliche? War er in der Nähe?

Da – etwas bewegte sich auf sie zu. Eine Gestalt! Hasard hielt unwillkürlich den Atem an. Er erkannte den Vermummten wieder. Das schwarze Gewand flatterte ein wenig. Die Kapuze war kaum zu erkennen. Wie ein Schemen huschte der Mörder an ihnen vorbei und strebte auf den Höhleneingang zu.

Hasard hielt Plymmie immer noch zurück. Der Vermummte lief seinen Häschern genau in die Arme. Das Eingreifen der Hündin war vielleicht gar nicht erforderlich.

Doch der Zufall wollte, daß einer der Wächter, die im Eingang des Geheimganges hockten, genau in diesem Moment husten mußte. Er preßte zwar die Hand vor den Mund, doch das erstickte Geräusch war in der Stille deutlich genug zu hören.

Der Mörder blieb stehen und duckte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier. Plötzlich fuhr er herum und eilte in die Richtung zurück, aus der erschienen war.

Hasard tickte Plymmie mit zwei Fingern an. „Los!“ Sie schoß aus ihrer Deckung und jagte auf den Fremden zu.

Der Mörder hörte das Hecheln des Tieres. Mit einem dumpfen Laut wandte er den Kopf und ließ sich fallen. Wie ein Spuk war er verschwunden.

Hasard hatte seine Doppelläufige gezückt und sprang über den buckligen Felsen.

„Stehenbleiben!“ rief er. „Du sitzt in der Falle!“ Wieder bediente er sich der spanischen Sprache – und wieder gab der Maskierte einen spöttischen Laut von sich, als habe er die Worte verstanden.

Plymmie raste auf den Kerl zu.

„Was ist los?“ rief Philip junior vom Eingang der Höhle – auf Englisch.

„Er hat euch gehört!“ erwiderte der Seewolf. „Er türmt! Los, kommt raus!“

Die Zwillinge, Mac, Mustafa und drei der Wächter ließen sich das nicht ein zweites Mal sagen. Sie stiegen in die Felsen und eilten zu der Stelle, an der sich der Seewolf befand. Zwei Wächter blieben in dem von Büschen verdeckten Loch zurück.

Plymmie hatte den Mörder fast erreicht. Er schleuderte einen Stein nach ihr. Der Stein traf Plymmies Schnauze. Sie wich nach rechts aus, geriet an eine Klippe und strauchelte. Jaulend fiel sie hin. Sie sprang wieder auf, aber der Mörder hatte etwas Vorsprung gewonnen. Er huschte gebückt zum Wasser.

„Da vorn ist er!“ rief Hasard. „Drauf!“

Die Verfolger – allen voran Mustafa – waren nicht weit von dem Unheimlichen entfernt. Zwei Wächter hoben die Musketen und legten auf den Kerl an. Aber es war keine einfache Aufgabe, einen dunklen Schatten in der Nacht zu treffen.

Der Mörder hatte das Wasser erreicht. Es gab einen klatschenden Laut, und wieder war er verschwunden.

Plymmie humpelte zu den Zwillingen.

„Was ist los mit dir?“ fragte Hasard junior besorgt.

Plymmie winselte ein wenig, aber dann konnte sie schon wieder richtig laufen. Sie trottete zum Wasser. Die Wächter standen mit ihren Musketen da und hielten nach dem Mörder Ausschau. Irgendwo mußte er wieder auftauchen. Aber er erschien nicht.

„Na, großartig“, meinte Mac. „Vielleicht ist er abgesoffen.“

„Der nicht“, entgegnete Philip junior. „Der ist zäh wie eine Ratte.“

Plymmie sprang ins Wasser und tauchte unter. Aber so sehr sie sich auch Mühe gab – sie fand den Maskierten nicht mehr. In diesem Augenblick schien sich zu bestätigen, was der Sultan über den Mörder gesagt hatte. Er konnte hexen.

Wo steckte er?

Einer der beiden Wächter im Eingang der Höhle watete in dem Wasser vorwärts. Er teilte die Zweige der Büsche mit den Händen und beugte sich vor, um etwas von den Vorgängen am Felsenufer verfolgen zu können. Er sah die Gestalten, die am Wasser standen und sich untereinander ratlos anblickten.

Was er nicht sah, war der Schemen, der sich urplötzlich aus dem Wasser schob. Der Wachtposten blickte nach links, und der Mörder tauchte rechts von ihm auf, also praktisch hinter seinem Rücken.

Blitzschnell stach der Unheimliche mit seinem Dolch zu. Der Wächter sank ins Wasser. Er gab keinen Laut mehr von sich, denn der Mörder preßte ihm eine Hand auf den Mund.

Der zweite Wächter sah, wie die Gestalt seines Kameraden unterging.

„Was machst du denn?“ fragte er und lachte leise. „Willst du schwimmen?“

Da der andere nichts erwiderte, watete der Wächter in dem hüfthohen Wasser voran. Er gelangte genau drei Schritte weit, da wuchs die Gestalt des Vermummten vor ihm hoch. Der Wächter griff noch nach seinem Säbel, doch bevor er sich wehren konnte, steckte der krumme Dolch in seinem Hals. Tot fiel er ins Wasser.

Der Mörder verschwand im Dunkel der Höhle. Er raffte die Schöße seines kraftanähnlichen Gewandes zusammen und rannte, so schnell er konnte. Daß er nicht viel Zeit hatte, wußte er.

Keuchend erreichte er die Stelle, an der der Stollen senkrecht nach oben abbog. Er stieg die Eisenstäbe hoch und verharrte unter der Luke. Stand auch oben ein Wächter? Aber die anderen saßen ihm bestimmt schon wieder im Nacken – er durfte nicht länger warten. Er mußte es riskieren und alles auf eine Karte setzen.

Die Luke hob sich vorsichtig unter dem Druck seiner Schulter. Er riskierte einen Blick und sah Stroh sowie die Hufe eines Pferdes, sonst nichts. Der Geruch des Stallmistes drang in seine Nase.

Der Mörder glitt ins Freie und lag nun auf dem Boden der Pferdebox. Das Tier schnaubte ein wenig, wurde aber nicht richtig unruhig. Es hatte sich an den Eindringling gewöhnt, der hin und wieder zwischen seinen Läufen auftauchte.

Vorsichtig richtete sich der Maskierte hinter dem Bauch des Pferdes auf. Die Luft war warm, die Ausdünstungen der Pferde erfüllten den Stall. Sonst hatte er immer Zeit gehabt, sein Gewand ein wenig zu trocknen. Dieses Mal durfte er nicht warten.

Ein dicker Wächter schritt im Stall auf und ab. Noch hatte er nichts bemerkt. Alis er in der einen Box eine Bewegung wahrnahm, die ihn mißtrauisch stimmte, schritt er auf die Box zu. Plötzlich fuhr der Mörder vor ihm hoch und schleuderte seinen Dolch.

Der Dolch bohrte sich in die Brust des Wächters. Der Mann wollte schreien und Alarm schlagen. Er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Grotesk hob er die Arme und verdrehte die Augen. Dann fiel er hin. Seinen eigenen Aufprall spürte er schon nicht mehr. Er war tot.

Der Maskierte schlich zur Stalltür und pirschte in die Abstellkammer hinüber. Dann verharrte er an der Außentür und spähte durch einen Spalt nach draußen.

Im schwach erleuchteten Park schritten zwei Wächter auf und ab. Er mußte sie meiden. Es hatte keinen Sinn, auch sie zu töten. Den einen überwältigte er vielleicht. Der andere würde laut brüllen und alles alarmieren.

Der Vermummte ließ sich auf den Boden nieder und drückte vorsichtig gegen die Tür. Ganz langsam schwang sie auf. Noch registrierten die Wachtposten nichts.

Der Mörder kroch zum nächsten Zierstrauch. Er blieb liegen. Sein Atem ging flach. Er zwang sich, seine Erregung zu beherrschen. Wenn sie ihn jetzt entdeckten, hatte er verspielt.

Aber auch dieses Mal hatte er wieder Glück. Er robbte weiter, zu den Bäumen, dann an einer Hecke entlang. Die Wächter sagten etwas, das er nicht verstand. Es galt nicht ihm.

Der Harem war jetzt nicht mehr weit entfernt. Zum Greifen nah hatte der Eindringling ihn vor sich. Er grinste unter seiner Kapuze. Es würde wieder ein Opfer geben. Trotz der Tatsache, daß die Wächter den Brunnenschacht besetzt hatten. Trotz der Hilfe, die diese Engländer, diese Giaurs, dem Sultan leisteten.

Quabus bin Said würde nicht mehr lange herrschen. Sein Reich zerbröckelte. Er glaubte, daß ein Fluch auf ihm und seinem Palast lastete. Bald war er völlig erledigt, und es würde dem Mörder ein leichtes sein, auch ihm den Todesstoß zu versetzen.

Zoll für Zoll schob sich der Mörder auf die weiße Wand zu. Hinter verzierten, vergitterten Fenstern schimmerte Licht. Hin und wieder war die Stimme einer Frau zu vernehmen, ernst und besorgt. Im Harem des Sultans wurde nicht mehr gelacht, seit Lamia getötet worden war. Der Schrecken ging um und beherrschte die Szene.

Vor dem Haupteingang des Frauenhauses stand ein breitschultriger Wächter. Der Vermummte wußte, daß er ihn nicht töten konnte wie die anderen. Dieser Mann war höllisch auf der Hut. Er würde auch einem blitzartig geschleuderten Messer noch auszuweichen verstehen. Er gehörte zu den besten Männern des Quabus bin Said. Eben darum war er gerade hier postiert worden.

Weiter – an der Seitenmauer entlang zu einem Nebeneingang. Der Eingang war verriegelt, doch der Mörder wußte den Riegel zu öffnen. Lautlos. Die Tür knarrte nicht, sie bewegte sich in gut geölten Scharnieren.

Der Mörder schlüpfte ins Innere des Harems. Jetzt umgaben ihn die süßen und aromatischen Düfte, die von der Anwesenheit von Frauen kündeten. Blumen des Orients, dachte er sarkastisch, jetzt töte ich wieder eine von euch.

Daß Nabila noch am Leben war, ahnte er nicht. Er war überzeugt, daß er zwei der Lieblingsfrauen des Sultans erdolcht hätte: Lamia und Nabila. Jetzt war die dritte an der Reihe, auch eine der Bevorzugten des hohen Herrn. Der Mörder schlich auf ihr Gemach zu. Sie mußte sterben, damit Quabus bin. Said Höllenqualen litt. Ihr Name: Zaira.

Hasard begriff es als erster.

„Dieser Teufel hat uns geleimt“, murmelte er. „Verdammt, was für ein Narr bin ich doch gewesen!“ Er wandte sich von der Gruppe Männer ab und eilte zu dem Höhlenloch. Plymmie schwamm noch in der Nähe des Ufers, konnte den Unheimlichen aber nicht finden. Und aufgetaucht war der Mörder noch nicht.

Philip junior sah seinem Vater nach. Dann setzte auch er sich in Bewegung.

„Ein Trick“, sagte er. „Ein verdammter Trick.“

Die anderen blickten ihn für einen Moment verblüfft an, dann schien es auch ihnen aufzugehen.

„Zum Donner“, sagte Mac Pellew. „Sind wir denn total blind?“

Der Seewolf traf als erster am Eingang des geheimen Stollens ein. Er gab sich den Wächtern durch eine Parole zu erkennen, die sie vorher abgesprochen hatten, doch die Wächter antworteten nicht. Hasard spürte, wie es ihn eiskalt überlief.

Dann sah er die Männer. Ihre Leichen schwammen im Wasser. Hasard arbeitete sich mit einem Fluch an ihnen vorbei. Eine Lampe stand auf dem Boden. Um ein Haar hätte er sie umgestoßen. Er nahm sie auf, entfachte sie und rannte weiter. Hinter ihm trafen nach und nach die Zwillinge, Mac, Mustafa und die übrigen Palastwächter ein, aber Hasard wollte nicht auf sie warten. Auch auf Plymmie nicht. Bis die Hündin bei ihm war, hatte er den Auslaß des Brunnenschachtes erreicht.

Wieder hatte sich der Mörder mit geradezu unglaublicher Schnelligkeit bewegt. Im Handumdrehen war er in die Höhle eingedrungen, hatte zwei Wachen umgebracht und einen Vorsprung gewonnen – obwohl er nicht über eine Lampe verfügte. Auch das war wieder eine Bestätigung dafür, wie gut sich der Maskierte auskannte. Er durchlief den Schacht in völliger Finsternis, ohne zu straucheln oder irgendwo anzuecken.

Hasard wußte, wie wahnsinnig er sich beeilen mußte, wenn er den Mörder noch stoppen wollte. Was sein Ziel war, wußte er – der Harem. Daran bestand kaum ein Zweifel. Es war jetzt eine Frage von Augenblicken, ob der nächste Mord verhindert werden konnte. Und es ging ums Prestige.

Niemals hätte Hasard damit gerechnet, daß der Vermummte imstande war, einen ganzen Trupp von Häschern zum Narren zu halten. Daß er es fertigbrachte, trotz der gestellten Falle in den Stollen einzudringen, war von vornherein ausgeschlossen gewesen. Wieder einmal zeigten die Ereignisse, welche überraschende und völlig unlogische Wende gewisse Situationen nehmen konnten.

Hasard kletterte an den Eisenstäben hoch. Die Luke flog unter der Heftigkeit seiner Handbewegung auf. Das Pferd zuckte zusammen und stieg mit den Vorderläufen auf. Hasard kroch aus der Lukenöffnung, flüsterte dem Tier ein paar beschwichtigende Worte zu und verließ die Box.

Dann sah er den Wächter – ebenfalls tot. Jemand hatte ihm einen Dolch in die Brust gerammt. Hasard jagte durch den Stall und stürmte in die Abstellkammer. Jetzt gab es nur noch eine Chance, den Lauf der Dinge zu bremsen.

Hasard stürzte aus dem Gebäude und hetzte durch den Park. Er raste auf den Harem zu. Der breitschultrige Wächter – ein Koloß von Mann – versperrte ihm den Weg. Natürlich erkannte er Hasard wieder, und er hatte auch von Quabus bin Said entsprechende Anweisungen, daß der englische Kapitän völlige Handlungsfreiheit hatte. Andererseits durfte kein Fremder – und schon gar nicht ein Ungläubiger aus der Alten Welt – die Gemächer der Frauen betreten.

Hasard rief dem Wächter die Parole zu. Der Mann blieb unbeirrt stehen. Der Seewolf sprang auf ihn zu und rammte mit der Schulter seine Brust. Der Araber geriet ins Wanken. Seine Augen weiteten sich, sein Gesicht war verzerrt.

„Zurück!“ brüllte er.

Hasard stieß ihn zur Seite und drang in den Harem ein. Hinter seinem Rücken schlug der Wächter Alarm, und es entstand ein tumultartiger Zustand im Hof und im Park des Palastes. Hasard achtete nicht darauf, er raste weiter.

Ein Schrei gellte durch den Harem. Er wies Hasard den Weg – um die nächste Ecke des Korridors auf eine der Türen zu, die mit Perlschnüren verhängt war. Mit einem Satz war der Seewolf im Inneren – und hatte den Mörder vor sich.

Zaira kniete vor dem Vermummten. Sie war nur dürftig bekleidet. Als der Maskierte in ihr Gemach gesprungen war, war sie vor Schreck auf die Knie gesunken. Jetzt schrie sie wieder gellend und zitterte am ganzen Leib. Der Mörder hatte den Krummdolch erhoben und wollte zustoßen.

Hasard erreichte ihn mit einem letzten, gewaltigen Satz, packte den Maskierten und riß ihn von der Frau weg. Sie landeten beide auf dem Marmorboden und rutschten bis zur Wand.

Zaira schrie wieder. Dann hatte sie sich wieder so weit in der Gewalt, daß sie aufzuspringen vermochte. Stöhnend stolperte sie zur Tür.

Der Maskierte wollte Hasard den Dolch in die Seite rammen. Hasard knallte ihm die linke Faust gegen das Brustbein. Der Kerl keuchte. Noch einmal schlug der Seewolf zu. Diesmal traf er die Kinnlade des Mörders.

Aber der Kerl wurde nicht bewußtlos. Er war wirklich zäh wie eine Ratte, wie Philip junior es ausgedrückt hatte. Er setzte sich zur Wehr. Beide Männer rollten über den glatten Fußboden.

Wieder stach der Unheimliche zu. Scharf und brennend rasierte die Klinge über Hasards linke Schulter.

„Giaur!“ keuchte der Maskierte. „Giaur!“

Hasard packte das rechte Handgelenk des Kerls und drehte es mit einem Ruck um. Der Gegner schrie auf.

Er versuchte, sein Knie in Hasards Unterleib zu rammen, doch Hasard war auf der Hut und schleuderte den Kerl ein Stück von sich fort. Dabei ließ er sein Handgelenk nicht los. Der Dolch fiel auf den Boden.

Hasard trat mit dem Fuß dagegen – der Dolch schlitterte quer über die Marmorplatten zur Tür, wo eben die ersten Eunuchen erschienen. Zaira klammerte sich wimmernd an einem von ihnen fest.

Der Seewolf ließ das Handgelenk des Gegners los. Gedankenschnell sprang er auf. Auch der Mörder richtete sich auf. Er wollte fliehen – zu einem der Fenster. Hasard stoppte ihn. Diesmal verpaßte er ihm einen Jagdhieb in den Nacken. Der Kerl brach zusammen und streckte sich schlaff auf dem Boden aus.

„Achtung“, sagte Mac von der Tür her. Er war mit Mustafa und den Zwillingen eingetroffen. „Es könnte ein Trick sein.“

Hasard nickte und beugte sich über den Mörder. Aber dieses Mal bediente sich der Mann keiner Finte. Er war wirklich ohnmächtig. Hasard drehte ihn auf den Rücken und zog ihm die Kapuze vom Kopf.

9.

Mac Pellew trat langsam näher. Mit verkniffenem Gesicht blickte er auf den Mörder, der fünf Menschenleben auf dem Gewissen hatte.

„Da haut’s mich doch gleich um“, sagte er plötzlich. „Den kenne ich doch!“

Hasard sah den zweiten Koch und Feldscher der „Santa Barbara“ überrascht an. „Ist das dein Ernst?“

„Klar.“

„Wo bist du ihm begegnet?“ fragte der Seewolf.

Mac schnippte mit den Fingern. „Jetzt fällt’s mir wieder ein. In der Kasbah. Ja, wir waren doch unterwegs, um Proviant einzukaufen. Da lief uns der Kerl über den Weg, und Ed meinte, ich sollte ihn mal anquatschen. Das hab ich getan. Aber der Kerl verstand ja kein Wort. Sagte nur ‚Yallah, yalla‘ oder so was Ähnliches und war weg. Irgendwie kam er mir nicht ganz echt vor.“

„Das war auch einer seiner Tricks“, sagte Hasard mit einem Blick auf den immer noch besinnungslosen Täter. „Donegal hatte also recht. Der Mörder ist ein Einheimischer.“

Sultan Quabus bin Said erschien und trat auf Hasard, Mac und den Bewußtlosen zu.

„Er ist mein Halbbruder“, sagte er tonlos.

„Was?“ Mac war völlig verdutzt.

„Viele Jahre hat er bei mir im Palast gelebt“, erklärte der Sultan. „Damals, als der alte Brunnen noch existierte. Hassan war beim Bau dabei. Deshalb kennt er sich so gut aus. Eines Tages erwischte ich ihn mit einer meiner Lieblingsfrauen. Ich verstieß die Frau und entsandte Hassan in die Stadt, wo er den Beruf des Muftis, des Gesetzeskundigen, erlernte. Er war froh, daß er am Leben bleiben durfte. Ich hatte Gnade vor Recht ergehen lassen. Es wurde sehr still um Hassan. Er führte ein einfaches, zurückgezogenes Leben. Bald erinnerten sich die wenigsten daran, daß er mein Halbbruder ist. Er soll aber mit den Portugiesen paktiert haben – mit diesem Moravia. Das habe ich heute abend von einem meiner Spitzel erfahren, der sich in Masquat umgehört hat.“

„Aha“, sagte Mac. „Der bestochene Mufti.“

„Auch ein Kadi hat Bakschisch erhalten“, fuhr der Sultan fort. „Er ist bereits seines Amtes enthoben. Nach den Portugiesen lasse ich suchen. Sie sind offenbar nicht aufzufinden.“

„Sie wollten mein Schiff überfallen“, sagte der Seewolf.

„Sie werden das schwer bereuen“, erwiderte Quabus bin Said. „Ihre Waren sind beschlagnahmt. Sie werden an die rechtmäßigen Eigentümer zurückerstattet. Viele Bestohlene hielten ihren Mund, weil sie Angst vor Repressalien durch die Bande hatten. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben.“

„Du tust gut daran, deine Augen offenzuhalten.“

„Du hast sie mir geöffnet, Kapitän Killigrew.“

„Ich habe nur das getan, was ich für meine Pflicht gehalten habe“, entgegnete Hasard.

„Und du hast Zaira gerettet“, sagte Quabus bin Said.

„Auch eine Pflichtsache“, sagte Mac.

„Ich werde dir ewig dankbar sein, Kapitän Killigrew“, sagte der Sultan ergriffen. „Ich werde deinen Mut und deinen Einsatz nicht vergessen.“

Hassan, der Mörder, war zu sich gekommen. Er spuckte verächtlich vor den Männern aus.

„Verräter deiner Rasse!“ beschimpfte er seinen Halbbruder. „Nur ein Schakal wie du kann gut Freund mit einem Giaur werden!“

Wächter traten heran, um den Mann zu packen.

„Und was hast du getan? Gelder hast du von den Portugiesen angenommen“, erwiderte Quabus bin Said.

„Nur zum Schein! Ich hätte sie alle umgebracht, diese Bastarde, diese Giaurs – wenn ich deinen Thron übernommen hätte!“

„Das war also dein Ziel.“

„Das! Denn nur ein richtiger Mann, der wie ein Araber und Sohn Allahs denkt und handelt, kann in Masquat herrschen!“

„Die Hitze der Sommertage hat dich um den Verstand gebracht, du erbärmlicher, hinterhältiger Wurm“, sagte der Sultan so ruhig wie möglich. „Du bist ein Satan in Menschengestalt. Warum hast du nicht mich angegriffen, wenn du meinen Platz wolltest?“

„Das hätte ich noch getan!“ schrie Hassan.

„Nur eine Memme wie du vergreift sich an wehrlosen Frauen!“ stieß der Sultan wutentbrannt aus. „Du bist ein Aasfresser!“

„Ich wollte dich langsam zermürben!“ heulte Hassan.

„Dafür wirst du furchtbar sterben“, sagte Quabus bin Said. Er klatschte in die Hände und nickte den Wächtern zu. „Führt ihn ab.“

Hassan vollführte eine Drehung. Die Wächter wollten ihn packen, aber der magere Kerl entriß einem von ihnen den Säbel. Hasard wollte eingreifen, doch dann sah er, welche Absicht der Attentäter hatte. Hassan rammte sich die Klinge selbst in den Leib.

„So stirbt ein gläubiger Muselman“, stöhnte er noch. Dann brach er zusammen.

Der Kutscher, der mittlerweile auch eingetroffen war, untersuchte den Mann.

„Tot“, sagte er.

„So hat ein räudiger Hund sein Leben ausgehaucht“, sagte Quabus bin Said. „Ich hätte ihn schon, früher töten sollen.“

„Ein Fanatiker“, sagte der Seewolf. „Er hätte immer wieder gewissenlos gemordet, bis er sein Ziel erreicht hätte.“

„Schafft ihn fort“, sagte der Sultan zu seinen Wächtern. „Ich will ihn hier nicht mehr sehen.“

Der Tote wurde fortgetragen. Hasard, der Sultan, Mac, Mustafa, die Zwillinge und alle anderen verließen den Harem. Am Ausgang stand Zaira, nunmehr vollständig angekleidet. Stumm drückte sie dem Seewolf die Hand. Tränen standen in ihren Augen.

„Ich wäre tot, wie Lamia“, sagte sie. „Wenn du nicht gewesen wärest, Efendi.“

Hasard nickte ihr aufmunternd zu. Dann stand er im Park und blickte zum Himmel auf. Es war eine klare, wolkenlose Nacht. Eine Last war von seinem Herzen genommen worden. In Masquat würden die Dinge wieder ihren geregelten Lauf nehmen.

„Freunde“, sagte Hasard zu seinen Mannen. „Es wird Zeit, daß wir nachsehen, wie es unseren Arwenacks ergangen ist.“

„Aye, Sir“, erwiderte Mac mit sauertöpfischer Miene. „Wahrscheinlich gibt’s ein paar Knochen zu flicken.“

„Wo ist eigentlich Plymmie?“ fragte Hasard.

Die Zwillinge deuteten zum Hof. Plymmie war ein Riesennapf mit Leckerbissen vorgesetzt worden. Frischer Hammel und Leber. Anordnung vom Sultan. Es schien ihr ausgezeichnet zu schmecken. Zufrieden wedelte sie mit dem Schwanz.

Masquat bot immer wieder neue Überraschungen. Am Morgen nach der Schreckensnacht führten Soldaten des Quabus bin Said den Portugiesen Silvestro Moravia in den Hafen. Sie hatten ihn gefaßt, als er mit benommenem Kopf versucht hatte, sein Gewölbe zu betreten.

Jetzt erhielt er, was er verdiente: zwanzig Stockhiebe auf die Fußsohlen. Danach konnte er nur noch humpeln. Er mußte Masquat für immer Verlassen und konnte froh sein, daß ihn der Sultan nicht hatte vierteilen lassen.

Die Männer der „Santa Barbara“ wohnten dem etwas makabren Schauspiel von Bord ihres Schiffes bei.

„Wo stecken eigentlich die anderen Kerle?“ fragte Ben Brighton. „Der Glatzkopf zum Beispiel?“

„Sie sind verschwunden“, erwiderte der Seewolf. „Sie haben es vorgezogen, Masquat rechtzeitig den Rücken zu kehren. Moravia hat nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hatte.“

„Pech für ihn“, sagte der Profos. „Ich kann ihn nicht bedauern.“

Das tat keiner. Die Männer des Seewolfes waren sich einig. Moravia hatte seine gerechte Strafe erhalten.

Diener des Sultans beluden die „Santa Barbara“ an diesem Morgen mit Proviant. Es war viel zuviel für die Laderäume der Galeone. Einen Teil mußte Hasard zurückschicken, weil einfach kein Platz dafür war.

Zur Mittagsstunde erschien der Sultan selbst an Bord der „Santa Barbara“. Er ließ sich von seinen Wächtern in einem großen Boot übersetzen. Gemächlich enterte er auf und trat zu Hasard und den Mannen auf das Achterdeck.

„Wir werden immer Freunde bleiben“, sagte er zu Hasard. „Wann immer ihr nach Masquat zurückkehrt – ihr werdet meine Gäste sein. Warum bleibt ihr nicht noch ein paar Tage?“

„Wir müssen weitersegeln“, erwiderte Hasard. „Wir haben noch eine weite Reise vor uns.“

„Kehrt ihr in eure Heimat zurück?“

„Ja, aber vorher wollen wir noch Arabien erkunden.“

„Seid vorsichtig“, entgegnete Quabus bin Said. „Nicht überall werdet ihr auf Freunde stoßen.“

„Die Erfahrung haben wir bereits gemacht“, sagte der Seewolf. „Aber verrate mir jetzt, was ich dir für den Proviant schulde, Hoheit.“

„Nichts. Keine einzige Münze.“

„Das kann ich nicht annehmen.“

„Du mußt es tun“, sagte der Sultan bestimmt. „Du würdest mich tödlich verletzen, wenn du dieses Geschenk nicht als Zeichen meiner Dankbarkeit und Freundschaft anerkennen würdest.“

Hasard blieb nichts anderes übrig – er mußte es akzeptieren. Die Mannen und er verabschiedeten sich herzlich von Quabus bin Said und von Mustafa. Dann gingen die Besucher wieder von Bord.

Am frühen Nachmittag setzten sie auf der „Santa Barbara“ wieder die Segel. Mit Vollzeug glitt sie bei südöstlichen Winden nach Norden. Die Reise wurde fortgesetzt.

Am nächsten Tag erreichten die Arwenacks die Straße von Hormus am Golf von Oman. Hier präsentierte sich ihren Augen ein einzigartiges Schauspiel. Sie sahen den Golf von Iran vor sich.

Was sie dort erwartete, konnten sie höchstens ahnen. Aber sie forschten weiter, mit dem Drang, alles zu erkunden, was auf ihrem rätselhaften Kartenmaterial verzeichnet war …

ENDE


1.

Ende März 1597, Persischer Golf, Westküste bei Abu Dhabi.

Diese Ecke im Südwesten des Golfes sollte später den sinnigen Namen „Piratenküste“ erhalten. Später! Die Arwenacks wußten nichts davon – konnten sie auch nicht, denn bisher hatte noch kein englischer Seefahrer den Persischen Golf durchsegelt. Die Portugiesen und Spanier wußten da schon besser Bescheid, hängten ihr Wissen aber nicht an die große Glocke.

Wenn man nämlich hinauf zum Schatt el Arab wollte, dem Endpunkt des Zweistromlandes, dann blieb man gefälligst auf der Ostseite des Golfes, also auf der persischen Seite. Denn die arabische Westseite hatte seit langer Zeit einen üblen Ruf.

Aber, wie gesagt, die Arwenacks waren ahnungslos.

Um diese Zeit herrschten Nordostwinde vor. Und um nicht in die Abdeckung des persischen Hochlandes auf der Ostseite des Golfes zu geraten, hatte Hasard die Route längs der Westküste vorgezogen. Er verfuhr nach der schlichten navigatorischen Regel, dem Küstenverlauf zu folgen, um ans Ziel zu gelangen. Schließlich war der Golf eine Art Binnenmeer.

Seemännisch und navigatorisch war diese Entscheidung Philip Hasard Killigrews völlig in Ordnung, auch wenn sich diese Route auf der Westseite länger hinzog als die Route an der persischen Küste drüben.

Zur Zeit lief die „Santa Barbara“ beim Verlauf der arabischen Küste nach Südwesten volle Fahrt, nämlich fast platt vorm Laken. Es war das, was Edwin Carberry mit „der Lust des Seefahrers“ bezeichnete. Bei Wind von achtern hatte man nämlich so eine Art Hochgefühl. Da konnte man dem Wind alle Tücher darbieten und „die große Brause“ machen, ohne sich mit viel Segeltrimm abrackern zu müssen – im Gegensatz zum Kreuzkurs.

Der war keine „Lust“, sondern, laut Carberry, „der letzte Scheiß“. Wer sollte da widersprechen? Das war knapp und präzise auf den Punkt gebracht.

Also: feiner Wind von achtern, Sonne, glasklare See von blaugrüner Färbung, mäßig bewegt – da konnte man Däumchen drehen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. An Backbord zogen Inseln und Inselchen vorbei. Hinter ihnen lag das dünengewellte Land, dazwischen Watt, von Prielen durchzogen. Auf Korallenbänke war zu achten – und auf Sande.

Fast wie an der Nordseeküste, dachte Hasard, wenn man die Korallenbänke ausklammert. Und wärmer war’s hier auch. Trotzdem – der Golf hatte einen erheblichen Tidenhub, also das, was man den Höhenunterschied von einem Niedrigwasser bis zum nächsten Hochwasser bezeichnet. Hier mochte er etwa sechs Yards betragen. Da hieß es aufpassen.

Zur Zeit herrschte Hochwasser. Und die Zeit von einem Hochwasser bis zum nächsten Niedrigwasser – beziehungsweise umgekehrt – betrug etwa zehn Stunden, vielleicht sogar mehr.

Im Ausguck befand sich Paddy Rogers. Er mußte jene Stellen voraus melden, wo das Wasser eine hellere Färbung annahm. Da war mit Sicherheit eine Sandbank anzutreffen. Um ungehinderte freie Sicht nach voraus zu haben, hatte Paddy Rogers den Ausguck im Vormars bezogen. Vom Hauptmars aus hätten ihm die Vorsegel die Sicht versperrt.

Paddy war fleißig am Sichten und Melden.

Zwei andere Arwenacks waren ebenfalls fleißig, nämlich die beiden jüngsten Gentlemen an Bord – Hasard und Philip junior. Sie hatte das gepackt, was man einen jugendlichen Beschäftigungstrieb nennt. Vom Segeln vorm Wind – „der Lust des Seefahrers“ – hielten sie zwar auch eine ganze Menge, aber das betulich Romantische an dieser Art Segelei überließen sie doch lieber den älteren Gentlemen.

Kurz und gut – sie angelten.

Wer hier meint, das Bild des am Ufer sitzenden und auf den Kork im Wasser stierenden Anglers vor sich zu haben, der irrt. Eine Angelrute war auch nicht im Spiel. Die beiden Junioren hatten ein anderes Verfahren ausgetüftelt, das, wie sie meinten, durchaus vom im Fahrt befindlichen Schiff her zu betreiben sei.

Big Old Shane, ehemaliger Schmied auf der Feste Arwenack, hatte ihre Idee zur handwerklichen Ausführung gebracht. Er hatte ihnen aus Kupferblech hübsche Fischchen von der Länge des kleinen Fingers ausgeschnitten, ihre Schwänze mit einem Haken und ihre Köpfe mit einem Ring versehen. An dem Ring wurde eine lange Angelschnur befestigt. Außerdem befanden sich an diesem Schnurende eingeknotete Bleikugeln.

Die Angelschnur selbst war auf einer Handrolle aufgespult. Hasard und Philip junior hatten ihre Überlegungen wie folgt dargelegt: Man müsse davon ausgehen, daß größere Fische die kleineren zu fressen pflegten – im Fluge sozusagen, das heißt, aus der Bewegung heraus. Unstreitig sei die Freßsucht bestimmter Fischarten sowie ihre Neugier. Daraus folgere, daß ein kleiner imitierter Fisch aus Kupfer ihr Interesse erregen werde.

Werfe man nun diesen Kupferfisch an der Angelschnur möglichst weit über Bord – als Gewichte dienten die Bleikugeln –, dann werde die Schnur auf der Rolle abgespult und schwinge mit dem Köderfischlein am anderen Ende wieder zum Schiff zurück. Gleichzeitig müsse man Hand über Hand die Schnur heranziehen oder wieder auf der Rolle aufspulen, womit man den Eindruck erwecke, als schwimme das Fischlein.

Bei der Bewegung im Wasser blinkere das polierte Kupfer, was als günstiger Effekt zu bezeichnen sei, weil es schimmernde Schuppen vortäusche.

Dem Effekt zufolge hatten die Junioren ihr Angelgerät mit dem Namen „Blinker“ getauft. Und als sie jetzt bei der „Sonntagsfahrt“ in der See recht beachtliche Exemplare von Zackenbarschen entdeckten, gab’s kein Halten mehr, die Blinkermethode einmal auszuprobieren.

Im übrigen waren gebratene Fischfilets etwas Leckeres. Und außerdem betonten der Kutscher und Mac Pellew immer wieder, daß „Meeresfrüchte“ gesund seien, nichts kosteten und vor allem den Vorrat an Schiffsproviant nicht belasteten.

Nein, der Kutscher und Mac Pellew hatten überhaupt nichts gegen eine Bereicherung der Bordkost, noch dazu „taufrisch“ aus der See. Das war bei allen Arwenacks so, nur bildete sich da natürlich sofort wieder eine Gilde von Klugscheißern, die alles besser wußte und rundweg erklärte, die Methode mit dem Blinkern sei Käse, weil kein Fisch nach einem Fisch aus Metall schnappen werde.

Der Wortführer dieser Besserwissergilde war Smoky.

Er tönte: „Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, daß ein Fisch so dusselig ist, auf den Schummel hereinzufallen. Das riecht der doch schon auf ’ne halbe Meile Entfernung, daß da was faul sein muß.“

„Ob Fische einen so feinen Geruchssinn wie Plymmie haben, ist uns nicht bekannt, Mister Smoky“, sagte Hasard junior reserviert. „Das Blinkern ist ein Versuch. Wenn er nicht klappt, haben wir eben Pech gehabt. Aber besser, wir blinkern, als daß wir in der Nase bohren.“

Smoky blinkerte auch, mit den Augen.

„Wie bitte?“ fragte er, weil er nicht kapierte, was die Ersatzhandlung – nämlich das Bohren in der Nase – für einen Sinn haben sollte.

Der Profos feixte.

„Hasard meint das mehr symbolisch, mein lieber Smoky“, sagte er. „Sein Bruderherz und er finden es besser, zu angeln und mit der Beute die Kombüse zu versorgen, als dumm an Deck herumzustehen und sich in der Sonne das verlauste Fell anzuwärmen. Im übrigen stimme ich mit den beiden überein. Sie sind wenigstens tätig, was man von dir nicht gerade behaupten kann. Du siehst nämlich schon so aus wie eingeschlafene Füße. Und deinen Affenarsch habe ich bereits schnarchen hören! Oder waren das Winde? Dann solltest du dich schämen.“

Die beiden Junioren kicherten. Das „Schnarchen“ hatten sie auch gehört. Smoky hatte heute morgen wohl zu viele Zwiebeln gefressen.

„Wetten, daß die Blinkerei nichts wird?“ fragte er wütend.

Der Profos überlegte und erwiderte: „In Ordnung, wetten wir! Ich sage, die Blinkerei wird was. Um was wetten wir?“

Smoky war immer noch wütend. Ohne lange nachzudenken, sagte er: „Wenn ich verliere, kannst du mir ’ne Glatze scheren!“ Und geradezu tückisch fügte er hinzu: „Das gilt auch umgekehrt. Wenn du verlierst, hobel ich dir das Gestrüpp ab, das bei dir Haare darstellen soll – wie vor vier Jahren in Wiborg, als du deine Wette gegen Luke Morgan verloren hattest!“

Bei den Arwenacks ging das Grinsen um, als sie an die damalige Geschichte dachten. Richtig, damals hatten sie in Wiborg, der Hafenstadt am Finnischen Meerbusen, Pelze und Felle einkaufen wollen, aber keiner der Arwenacks hatte einen blassen Schimmer von der „Rauchware“, bis sich Luke Morgan – ganz gegen seine sonstige Art – klein und bescheiden gemeldet hatte.

Carberry hatte in seiner üblichen Freundlichkeit herumgemotzt, Luke könne noch nicht mal ein Kuhfell von einer Roßhaarmatratze unterscheiden, und er würde sich eine Glatze von Luke scheren lassen, wenn der was von Pelzen verstände. Das wurde eine Wette, und Luke gewann sie, denn er hatte bei seinem Vater, einem Kürschnermeister, das Kürschnerhandwerk gelernt, bevor er zur See fuhr.

Smoky war damals der große Wettmacher gewesen, hatte auf Carberry gesetzt – und verloren. Jetzt wollte er gewinnen und dem Profos ein zweites Mal zu einer Glatze verhelfen.

Carberry runzelte die Stirn. Das Gelächter von damals, als ihm Luke die Haare absäbelte, klang ihm heute noch in den Ohren.

Da räusperte sich Hasard junior und sagte: „Keine Sorge, Mister Carberry, Sir. Du gewinnst die Wette!“

Bruder Philip bestätigte das und sagte: „Stimmt, Mister Smoky hat schon jetzt keine Haare mehr, so sicher verliert er die Wette.“

Der Profos grinste jetzt. „Hast du gehört, Smoky? Du verlierst die Wette. Stell dir vor, Gunnhild oder Klein-David sehen dich mit deinem nackten Kürbis! Dein Windelpisserchen wird vor Schreck seinen Schnuller verschlucken!“

„Quatsch!“ fauchte Smoky. „Die Wette gilt!“

„Topp!“ rief der grinsende Carberry. „Die Wette gilt! Aber ich habe dich gewarnt!“

„Halt du lieber deine Haare fest, Mister Carberry!“ blaffte Smoky. „Und schau sie dir noch mal im Spiegel an, bevor der Kahlschlag beginnt!“

So nahm das Ereignis seinen Lauf. Alle waren gespannt.

Hasard und Philip traten ans Schanzkleid der Steuerbordseite. Hasard sollte den ersten Blinkerwurf haben. Gelassen sortierte er sein „Geschirr“, das heißt, er spulte mehrere Fadenlängen der Angelschnur ab und schoß sie in sauberen Buchten wie eine Wurfleine auf.

Dann klemmte er die Handrolle unter den linken Fuß, nahm den aufgeschossenen Teil in die rechte Hand, holte weit nach hinten aus und schleuderte das mit Bleikugeln beschwerte Ende samt Blinker und Haken nach querab in die Luft.

Wie bei der Wurfleine liefen die Buchten aus, ohne zu verheddern, der Blinker sauste etwa knapp vierzig Yards querab ins Wasser. Hasard hatte die Handrolle blitzschnell aufgenommen und ließ den Rest Angelschnur abspulen. Die Schnur zeigte straff nach querab, wanderte aber gleich darauf nach achtern. Hasard holte sie jetzt – ab und zu anruckend – mit der Handrolle ein.

Und da erfolgte der Biß. Die Schnur stand auf der Hälfte des Winkels zwischen Querschiffs- und Längsschiffsrichtung.

Hasard gab wieder Lose, aber nur kurz, und spulte die Schnur erneut auf. Sie stand verdammt unter Zug. Hasard verzichtete auf die Handrolle, nahm die Schnur in beide Hände und zog sie Hand über Hand näher heran.

Etwas durchbrach schäumend und wirbelnd die Oberfläche des Wassers – ein Brocken von Zackenbarsch! Ein richtiger Kaventsmann!

Die Brüllerei an Bord!

Am lautesten röhrte der Profos. Der kriegte sich überhaupt nicht mehr ein, klatschte sich auf die Schenkel und dröhnte: „Ich glaub’, mich knutscht ein Meerweib! Seht euch das an, Leute! Seht euch das an! So einen Molly hat noch keiner von euch an Land gezogen! Keiner!“

Smoky stand da wie bestellt und nicht abgeholt – mit dem Gesicht einer Miesmuschel. Und bei jedem Urschrei Carberrys zuckte er zusammen, als würden ihm bereits jetzt die Haare geschoren, aber mit einem stumpfen, schartigen Messer.

Mit einem Schwung landete inzwischen Hasard den zappelnden Zackenbarsch auf den Planken der Kuhl. Mac Pellew sprang hinzu und hieb dem Zappler die Handkante ins Genick. Plymmie jachterte hin und her und verbellte den Kaventsmann, beschnüffelte ihn dann und verzog sich beleidigt. Der Fischgeruch war wohl nichts für ihre empfindliche Nase.

Der grämliche Mac Pellew grinste wie ein Honigkuchenpferd. Es sah zum Heulen aus. Er zählte im Geist bereits die Portionen. Und dann deklamierte er, weil sich’s so schön reimte: „Das ist ein Superriesenzackenbarsch – und Smokys Haare sind im Arsch!“

Da ging das Gejohle wieder los.

„Nein!“ brüllte Smoky. „Das gilt nicht! Einmal ist keinmal. Das ist überhaupt kein Beweis! Das war Zufall, daß der Arsch – äh – Barsch angebissen hat. Reiner Zufall, da geh’ ich jede Wette ein!“

Der Profos stemmte die Fäuste in die Hüften und pumpte sich derart auf, daß ihm ein Knopf vom Hemd wegsprang.

„Sag mal, spinnst du?“ donnerte er. „Bist du noch zu retten? Willst du hier bescheißen, was, wie? Da hört sich doch alles auf! Na warte, dir zieh’ ich die Haut in Streifen von deiner Rübe …“

„Mister Carberry, Sir“, sagte Philip junior freundlich, „ich muß Mister Smoky zustimmen. Vielleicht war es wirklich Zufall.“

„Die Wette hat gegolten!“ schnaubte Carberry. „Dieser Windmacher namens Smoky hat nichts davon gesagt, daß zweimal gebunkert werden soll, verdammt noch mal!“

„Nein, das hat er nicht“, sagte Philip junior. „Das stimmt. Aber wenn wir fair sein wollen, müssen wir ihm zugestehen, daß ein gelungener Blinkerfang noch gar nichts beweist. Ich lasse mir auch den Vorwurf nicht gefallen, hier sei Glück mit im Spiel gewesen. Hasard und ich wollen beweisen, daß unsere Blinker was taugen. Also bin ich auch noch dran.“

„Gut, noch ein Versuch“, sagte Carberry, wechselte den Blick zu Smoky und fügte drohend hinzu: „Aber dann gilt die Wette. Ist das klar?“

„Einverstanden“, sagte Smoky.

Philip junior verfuhr genauso wie sein Bruderherz, indem er säuberlich einen Teil der Angelschnur Bucht für Bucht aufschoß. Inzwischen entfernte Hasard mit Macs Hilfe den Blinkerhaken aus dem Barschmaul und spulte die Schnur auf die Rolle.

Philip warf. Auch bei ihm liefen die Buchten ohne Komplikationen aus, der Blinker verschwand in der See – ebenfalls in einem Querabstand zum Schiff von etwa vierzig Yards –, und die Schnur wanderte nach achtern aus.

Aber noch früher als bei Hasard ruckte sie ein, und nun begann die gleiche Prozedur. Auch bei Philip saß Gegenzug dahinter, seine Beute kurvte ab, ein undeutlicher Schatten unter Wasser, etwa von gleicher Große wie Hasards Fang. Philip gab Lose und biß die Zähne zusammen, als die Schnur durch seine Hände raste. Der Bursche, den er da am Haken hatte, schien kämpfen zu wollen.

Philip setzte jetzt Gegenzug ein, stemmte ein Bein gegen das Schanzkleid und holte die Schnur Hand über Hand heran. Der Fang schoß zappelnd aus dem Wasser – ja, auch ein Zackenbarsch mit seinem breiten Maul. Er gebärdete sich wie verrückt und klatschte auf das Wasser zurück.

Und in diesem Moment schnitt eine Dreiecksflosse durchs Wasser. Sie raste auf das Gezappel zu.

„Ein Hai!“ brüllte Hasard junior, sprang hinzu und packte mit an. „Schnell!“

Doch da war’s auch schon geschehen. Alle Arwenacks konnten es genau verfolgen, es spielte sich nahezu an der Oberfläche ab. Der Hai drehte sich etwas, riß das Maul mit den messerscharfen dreieckigen Zähnen auf, schnappte zu und verschluckte den Barsch samt Blinkerhaken.

Die Schnur ging dabei zum Teufel.

Und dann gab es einen furchtbaren Stoß, die „Santa Barbara“ stieg mit dem Bug hoch, die Masten ächzten und knarrten, der Kiel schrammte über Widerstand, ein Knirschen drang von unten hoch, die Segel schlugen vor und zurück – und dann war Stille.

Vorbei war die „große Brause“ – die „Santa Barbara“ stand.

Einige Arwenacks, darunter die Zwillinge, hatte es von den Füßen gerissen. Sie rappelten sich auf und sahen reichlich belemmert aus.

Verdattert sagte Smoky: „Ich – ich glaube, wir sind aufgebrummt.“

Carberrys Blick war mörderisch. Aber bevor er loslegen konnte, erklang Hasards scharfe Stimme vom Achterdeck her.

„Weg mit den Segeln, Freunde! Beeilung, wenn ich darum bitten darf! Mister Rogers, bitte aufs Achterdeck!“

Da geriet Bewegung in die Mannen. Sie enterten auf, um die Segel aufzupacken, Paddy Rogers enterte ab und schlich nach achtern. Sein Gesicht hatte die gleiche Farbe wie seine Haare, nämlich rot.

Aus den Laderäumen tauchte Ferris Tucker auf – er war sofort hinuntergestiegen – und meldete: „Kein Wassereinbruch, Sir!“

„Danke, Ferris.“ Hasard atmete etwas auf und musterte den Unglücksraben Paddy Rogers aus schmalen Augen. „Hast du geschlafen, Mister Rogers?“

„N-nein, Sir“, sagte Paddy hilflos, „bestimmt nicht, Sir. Ich – ich wollte den Hai melden, aber da hatte ihn auch Hasard junior schon gesehen. Ich – ich war abgelenkt …“ Paddy verstummte und senkte den Blick. Als er ihn wieder hob, klang seine Stimme fester: „Ich nehme jede Strafe an, Sir, auch Auspeitschen oder Kielholen.“

„Letzteres dürfte kaum möglich sein“, sagte Hasard trocken. „Unter einem aufgebrummten Schiff kann man keinen Mann durchziehen.“

„Ach so.“ Unwillkürlich kratzte sich Paddy hinter dem rechten Ohr. „Nein, das geht nicht.“ Paddy war völlig zerknirscht. „Aber es geht, wenn wir wieder freigekommen sind, Sir. Das wäre doch eine Möglichkeit.“

Jetzt senkte Hasard den Blick und starrte auf seine Stiefelspitzen. Er legte die Hände auf den Rücken, drehte sich ab und marschierte nach Steuerbord. Dort blickte er über die See, wandte sich dann wieder um und marschierte zurück.

Vor Paddy blieb er stehen und sagte: „Geh in die Kombüse zum Kutscher und laß dir einen doppelten Rum einschenken, Paddy!“

Paddy stand da – mit Augen so groß wie Spiegeleier. Und sein Mund war offen.

„Wenn du noch einmal als Ausguck dahin schaust, wo du nicht hinschauen sollst“, sagte Hasard, „holen wir das Kielholen nach. Ist das klar?“

„Aye, Sir.“

„Dann ab in die Kombüse. Und denke immer daran, wie tödlich es sein könnte, wenn ein Schiff auf eine Untiefe zusegelt, während der Ausguck woanders hinschaut, zum Beispiel dorthin, wo eine Wette ausgetragen wird.“

„Aye, Sir. Ich werde es nicht mehr vergessen.“ Und Paddy trabte ab, um seinen doppelten Rum in Empfang zu nehmen.

Als er in der Kombüse verschwunden war, fragte Don Juan de Alcazar: „Du belohnst ihn auch noch?“

„Ja.“

„Kannst du mir das erklären?“

„Ich belohnte seine Ehrlichkeit“, erwiderte Hasard. „Was dagegen?“

„Nein. Aber ob er das begreift?“

„Das spielt keine Rolle. Viel wichtiger ist, daß er seine Rolle als Ausguck begriffen hat. Und das hat er jetzt, darauf kannst du dich verlassen.“

„Keine Bestrafung“, murmelte Don Juan, als könne er das nicht begreifen.

„Dann hätte ich alle bestrafen müssen“, erklärte Hasard.

„Wieso das denn?“

„Weil nicht ein einziger aufgepaßt hat – keiner von uns“, entgegnete Hasard. „Wir alle haben bei dieser verdammten Wette zugesehen – ich auch. Da wäre es billig, einen Sündenbock zu suchen und zu bestrafen. Im Grunde hat die Schiffsführung versagt, weil sie ihre Kontrollfunktion nicht wahrgenommen hat, Kontrolle zum Beispiel des Ausgucks, ob der auch aufmerksam den Voraussektor beobachtet.“

„Verstanden.“ Don Juan nickte. „Du hast mal wieder recht. Allmählich wird mir klar, warum ich dich nicht aufs Kreuz legen konnte, als ich von der Krone auf dich angesetzt worden war.“

Hasard blickte den schlanken, hochgewachsenen Spanier, der vom Saulus zum Paulus wurde, erstaunt an.

„Mann, Mann“, sagte er. „Was hat denn nun das eine mit dem anderen zu tun?“

„Eine ganze Menge“, erwiderte Don Juan. „Du denkst immer schon ein Stück weiter als jeder andere.“

„Ach du lieber Gott!“ Hasard seufzte. „Wenn dem so wäre, säßen wir jetzt nicht fest – womit wir wieder beim Thema wären. Ich habe eben nicht sehr weit gedacht und hätte wissen müssen, daß ein Ausguck, der nach Untiefen Ausschau halten soll, abgelenkt wird, wenn eine Angelart ausprobiert und dabei noch gewettet wird. Von wegen Vorausdenken!“

Carberry meldete, daß die Segel aufgepackt seien. Hasard ließ sofort die Jolle aussetzen. Dann übernahm die Jollencrew den Buganker, pullte etwa vier Schiffslängen voraus und ließ dort den Schiffsanker fallen.

Dann hieß es: Alle Mann ans Spill! Hasard wollte versuchen, die „Santa Barbara“ mittels der gesammelten Kraft aller Arwenacks über Spill, Trosse und ausgebrachten Anker von der Untiefe zu ziehen. Mit langen Bootshaken hatten sie festgestellt, daß die Galeone auf Sand aufgebrummt war – zum Glück!

Keiner mochte daran denken, was passiert wäre, wenn es sich um ein Korallenriff gehandelt hätte.

Allerdings: Smoky hatte die Wette verloren. Aber die Arwenacks hatten was anderes zu tun, als daran jetzt zu denken. Es ging um die „Santa Barbara“. Schließlich sollte sie hier querab von Abu Dhabi keine Wurzeln schlagen.

2.

Das Gangspill stand unter Deck zwischen Fock- und Großmast. Die Ankertrosse verlief über eine Beting, wo sie belegt werden konnte, zur Backbordankerklüse, die sich zwischen Vorsteven und Galion befand. Das Spill wurde mit acht Spaken bestückt, an jeder Spake hatten drei Mann Platz – bequem, darum wurden die restlichen Mannen dazwischengeklemmt.

„Auf geht’s, ihr müden Traneulen!“ röhrte Carberry und stemmte sich mit seiner Spakencrew – Big Old Shane, Ferris Tucker und Batuti – gegen das Hartholz.

Müde Traneulen! Das ließen sich die Kerle kein zweites Mal sagen. Sie stemmten und drückten, daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen.

„Uuaahh!“ ächzte Carberry, und seine Stirnadern schwollen zu Würmern an.

Aber auch das war bei allen Arwenacks gleich, ebenso die roten Köpfe und die Verbissenheit, dem verdammten Kahn, der geruht hatte, sich festzusetzen, Manieren beizubringen.

„Trosse steht steif!“ schrie Mac Pellew, der sich als einziger auf der Back befand, um zu melden, was sich tat.

Dann barst am Gangspill etwas, und die Carberryspakencrew schoß, mit dem Kopf voran, ihren Vorderleuten ins Kreuz. Das waren Ben Brighton, Matt Davies, Stenmark und Paddy. Denen rutschten die Füße weg, und sie kippten rücklings auf die Carberrycrew.

Die Wuhling war perfekt.

Und die Carberrycrew hatte eine Spake abgebrochen.

„Trosse steht nicht mehr steif!“ schrie Mac Pellew.

Carberry schüttelte Paddy ab, der auf ihm herumstrampelte, sprang auf – und Matt Davies auf den Bauch – und brüllte: „Scheißspake, verdammte!“

„Du stehst auf meinem Bauch!“ brüllte Matt Davies wütend.

Und Mac Pellew, der nur die Hälfte verstand, schrie: „Jawohl, sie steht nicht mehr steif, auch nicht auf und nieder! Ihr müßt härter ranklotzen, Leute, sonst wird das nichts!“

Matt Davies bäumte sich auf und beförderte den Profos mit einem Ruck auf die Planken. Am liebsten hätte er ihm den Prothesenhaken in die Waden gehauen, konnte sich aber noch bremsen. Carberry stieß sich beim Aufprall das Kreuz und fluchte lästerlich.

„Ruhe, verdammt noch mal!“ donnerte Hasard.

Die gestürzten Mannen rappelten sich auf. Ferris Tucker zog den Spakenrest aus dem Loch in der Trommel und betrachtete ihn kopfschüttelnd. Carberry holte bereits eine neue Spake aus dem Rack an der Bordwand. Seine Miene war finster. Die von Ferris hingegen wirkte verkniffen.

„Was ist los, Ferris?“ fragte Hasard.

Ferris schaute auf. „In dem Ding sitzt der Holzwurm, Sir. Deswegen der Bruch.“

„Hoffentlich sitzt der nicht auch im Kiel!“ motzte Carberry. „Dann können wir uns gleich einsargen lassen.“

„Quatsch!“ sagte Ferris Tucker kurz und bündig. „Gib mir mal die neue Spake.“

Carberry reichte sie ihm. Der Schiffszimmermann prüfte sie von allen Seiten, von oben nach unten und von unten nach oben.

„Die ist in Ordnung“, sagte er.

„Schau die anderen auch nach, Ferris“, sagte Hasard, „bevor’s hier noch mehr Kleinholz gibt. Und später solltest du auch das Rack, Bordwand, Planken und Umgebung überprüfen.“

„Hätte er längst tun sollen“, nörgelte der Profos.

Hasard warf ihm einen scharfen Blick zu. „Sei friedlich, Ed. Du hast allen Grund dazu. Daß Smoky wild aufs Wetten ist, wissen wir alle. Aber du hast die Wette angenommen – was letztlich dazu geführt hat, daß wir aufgebrummt sind.“

„Da solltest du mir dankbar sein, Sir“, sagte der Profos unverfroren, „sonst hätten wir nie den Holzwurm entdeckt!“

„O Gott“, sagte Hasard. „Was ist denn das für eine Logik! Man setzt doch kein Schiff auf eine Untiefe, um den Holzwurm zu finden! Mir scheint, die Tierchen haben sich auch deines Kopfes angenommen, mein Guter!“ Er schaute zum Schiffszimmermann. „Wie ist das, Ferris, rückt man dem Holzwurm nicht mit Petroleum zu Leibe?“

„Genau das, Sir“, erwiderte Ferris Tucker grinsend. „Man kann auch kochendheiße, mit Kochsalz versetzte Seifensiederlauge nehmen. Oder Holzteer. Vielleicht waren es sogar Eds Tierchen, von denen die ‚Santa Barbara‘ befallen wurde! Erst haben sie seinen Holzkopf kreuz und quer durchlöchert, und dann mußten sie wegen Holzverknappung ausziehen. Das würde vieles erklären.“

Die Mannen feixten.

Carberry zog es vor, das Thema nicht weiterzuspinnen. Wenn er den Kapitän gegen sich hatte, bekam er sowieso kein Bein mehr an Deck.

„Pff!“ äußerte er verächtlich, entriß Ferris Tucker die neue Spake und rammte sie ins Spakenloch. „Was ist? Soll ich die Tante vielleicht allein vom Dreck ziehen, was, wie?“

„Wer frißt denn hier täglich pfannenweise Spiegeleier?“ fragte Matt Davies erbost. „Außerdem bist du mir mit deinen Themsekähnen auf dem Bauch herumgestiegen, wofür du dich zumindest entschuldigen könntest.“

„Ach, darum war das so weich“, lästerte der Profos. „Dachte schon, ich steh’ in einem Haufen …“

„Schluß jetzt!“ Hasard klatschte in die Hände. „Auf ein Neues, Freunde!“

Und wieder stemmten sich die Mannen gegen die Spaken, nachdem Ferris Tucker alle überprüft, jedoch keine weiteren Bohrlöcher entdeckt hatte.

„Trosse kommt steif!“ schrie Mac Pellew von der Back her.

Das war aber auch alles. Sie brachten die „Santa Barbara“ um kein Fitzelchen weiter. Die „Tante“ saß unverrückbar fest.

Hasard gab nicht so leicht auf, das war nicht seine Art. Aber jetzt sagte er: „Es hat keinen Zweck – zumindest zur Zeit nicht. Ich schätze, das Wasser läuft bereits ab. Da können wir uns krumm und dusselig schuften – es bringt nichts. Wir müssen den nächsten Hochwasserstand abwarten. Das wird morgen früh sein. Schätze, daß wir’s dann schaffen …“

„Trosse steht nicht mehr steif!“ schrie Mac Pellew. Er war so ein richtiger Nervtöter, der alte Griesgram.

„Den erwürge ich demnächst!“ knirschte Blacky.

„Aber erst nach dem Backen und Banken“, sagte Hasard heiter. „Regt euch nicht auf, Kerls, und macht euch einen ruhigen Tag. Wir haben keine Eile und sind nicht zum erstenmal aufgebrummt. Ed, bitte den Ausguck im Mars besetzen lassen. Ferris, vielleicht sollten wir Balken bereitlegen, um die ‚Santa Barbara‘ zu verpallen und somit auf ebenem Kiel zu halten. Was meinst du?“

„Daran dachte ich auch schon“, erwiderte Ferris Tucker. „Ja, es ist besser, wir stützen das Schiff ab. Das geht klar, Sir, ich kümmere mich darum.

„Trosse hängt immer noch durch!“ schrie Mac Pellew.

„Vielleicht verklart ihm mal einer, daß wir erst morgen früh wieder ans Spill gehen“, sagte Hasard und grinste.

„Das würde ich nicht tun, Sir“, sagte Carberry.

„Und warum nicht?“

„Ich möchte mal wissen, wann er merkt, daß wir unseren Versuch aufgegeben haben“, erwiderte der Profos listig.

„Du bist immer scharf darauf, andere zu ärgern, was, Ed?“

„Spaß muß sein, Sir. Spaß ist das Salz in der öden Suppe des Bordallerleis“, erklärte der Profos.

„Aha. Den Spruch muß ich mir merken. Aber der Spaß geht auf Kosten eines einzelnen. Findest du das richtig?“

„Jeder ist mal dran, Sir“, versicherte der Profos.

„Na gut. Sag mir, wann du an der Reihe bist, damit ich recht herzlich lachen kann.“

„Aye, Sir, werde daran denken.“

Grinsend stiegen die Mannen wieder an Deck und verteilten sich. Der Kutscher begab sich kopfschüttelnd in die Kombüse. Was der Profos so Spaß nannte! Mitunter waren das seltsame Späße. Er begann, den Zackenbarsch auszunehmen und zu portionieren.

Auf der Back schrie Mac Pellew, den Blick nach voraus gerichtet, wo die Ankertrosse ins Wasser verlief: „Trosse hängt noch durch!“

Carberry und ein paar andere stiegen leise auf die Back und lehnten sich an die Balustrade zur Kuhl. Sie grinsten bis zu den Ohren über den guten Mac. Immerhin nahm er seine Aufgabe sehr ernst und ließ keinen Blick von der Trosse.

In den Hauptmars enterte Gary Andrews auf und übernahm die Ausguckwache.

Sir John segelte vom Besan zur Fockrah und plierte zu Mac hinunter, den Kopf schiefhaltend. Offenbar interessierte ihn der Vorgang. Aber das hing wohl damit zusammen, daß auch sein Herr und Meister – der Profos – so heiter gestimmt auf den Rücken des Kombüsenmannes starrte.

Der schrie: „Keine Veränderung! Trosse hängt weiter durch!“

„Hängt weiter durch, hängt weiter durch!“ plärrte Sir John.

„Halt’s Maul, du karierte Filzlaus!“ sagte Mac verdrossen.

Sir John flötete schrill, ließ ein „Liebling!“ folgen und schnalzte dann. Er verfügte über seltsame Stimmlaute, denn jetzt gurrte er und kommentierte: „Süüßer!“

„Was hat dich denn gebissen?“ Mac Pellew drehte sich um – und entdeckte die feixenden Kerle an der Balustrade. „Was soll das denn?“ fuhr er sie an. „Habt ihr nichts zu tun? Werdet ihr am Spill nicht gebraucht? Die Trosse hängt immer noch durch, Himmelarsch!“

„Ja, noch bis morgen früh, Mackilein“, sagte der Profos mit infamer Freundlichkeit.

„Wieso?“ Mac wirkte irritiert.

„Ach ja, wir haben schon seit ’ner Weile aufgehört, weißt du?“ sagte der Profos. „Weil jetzt ablaufendes Wasser ist. Hast du das noch nicht bemerkt?“

„Und ich Blödmann paß auf die Trosse auf!“ sagte Mac Pellew erbittert.

„Blödmann stimmt“, sagte der Profos. „Aber wir wollten dich nicht stören, weil du immer so schön ausgesungen hast, was die Trosse tut. Du kannst natürlich weiter aussingen, daß die Trosse durchhängt, aber das wird sich bis morgen früh nicht ändern, und inzwischen ist das auch allgemein bekannt, ehrlich! Vielleicht könntest du jetzt besser dem Kutscher zur Hand gehen. Ich glaube, der zerschnippelt schon den Barsch. Wir haben ja bald Backen und Banken.“

Der Barsch! Mac bekam glitzernde Augen.

„Smoky hat die Wette verloren!“ stieß er hervor. „Auch Philip hatte einen Barsch am Blinkerhaken!“

Das hatte der Profos doch glatt vergessen. Er drehte sich um und blickte über die Kuhl. Na, wo steckte der Kerl denn? Er war nirgends zu sehen. Vielleicht hatte er sich unter Deck verzogen. Aber das würde ihm auch nichts nutzen.

„Wann säbelst du ihm die Haare ab?“ fragte Mac Pellew sensationslüstern.

Der Profos wandte sich wieder um. „Nach dem Backen und Banken. Wir haben ja genug Zeit. Da geb’ ich ’ne Vorstellung auf der Kuhl, so daß alle gut zusehen können, wie ich ihn barbiere.“ Und der Profos grinste faunisch. Es sah genauso fürchterlich aus wie das Grinsen von Mac Pellew.

„Vielleicht solltest du ringsum alles kahl scheren“, schlug Mac vor, „und nur in der Mitte ein Büschel stehenlassen – wie ’ne Schilfinsel.“ Mac kicherte.

Carberry hielt das auch für eine gute Idee, aber Al Conroy, der sich mit auf der Back befand, schüttelte den Kopf.

„Das wäre nicht fair, Ed“, sagte er. „Ihr habt darum gewettet, daß der Sieger dem Verlierer ’ne Glatze schneidet. Wenn du in der Mitte was stehenläßt, dann ist das Wettbetrug.“

„Na, hör mal!“ entrüstete sich der Profos. „Er kann doch froh sein, wenn ich ihm in der Mitte einen Bürzel stehenlasse. Dann ist sein Kürbis nicht ganz so blank.“

„Da wird Smoky anderer Ansicht sein“, erklärte Al Conroy. „Die Wette gilt so, wie sie vereinbart wurde. Ich würde auch lieber mit ’ner Glatze rumlaufen als mit ’nem Bürzel. Wie sieht das denn aus! Unmöglich!“

„Dann muß er sich eben ’n Hut aufsetzen“, sagte Mac giftig. „Ed hat damals auf der Ostsee ’ne Pelzmütze getragen. Weißt du, was du bist, Mister Conroy? Ein Spielverderber bist du!“

„Zisch ab, Mac“, sagte Al Conroy gemütlich. „Der Kutscher hat schon zweimal nach dir gerufen.“

„Hab’ ich nicht gehört.“

„Aber ich!“

Mac verzog sich maulend.

Es gab an diesem Mittag erlesene Barschfilets in einer scharfen Currysauce, dazu gedünstete Bataten und Tomaten aus der Proviantschenkung des Sultans von Masquat. Der Kutscher und Mac Pellew hatten wieder mal gezaubert und in die vollen gegriffen. In dieser Hinsicht waren die Arwenacks anderen Crews um mehrere Schiffslängen voraus, aber die hatten ja auch keinen Kutscher samt seinem getreuen Gehilfen Mac.

Dabei sah man den beiden mageren Kerlen äußerlich überhaupt nicht an, daß sie hervorragende Köche waren – unterstellte man, daß gute Köche vom vielen Probieren und Naschen auch dick sein müßten. Den Kutscher hätte man für einen Gelehrten halten können und Mac für einen Schneider.

„Was geht’s uns wieder gut“, tönte der Profos zufrieden, beklopfte seinen Bauch und blickte in die Runde, die auf der Kuhl im Schneidersitz versammelt und kräftig am Schaufeln war. Wohlwollend betrachtete er Paddy Rogers und fragte: „Wirst du auch satt, mein Junge?“

„Mhm!“ äußerte Paddy mit vollem Mund und verzückten Augen.

„Dann ist ja alles in Ordnung“, meinte der Profos, stutzte darauf, schaute wieder in die Runde, schüttelte den Kopf und fragte: „Wo steckt denn unser liebes Smokylein, Leute?“

Die Köpfe hoben sich, allgemeines Herumblicken, wo denn das „liebe Smokylein“ sein könne, und gleichfalls großes Staunen.

Carberry runzelte die Stirn.

Old Donegal sagte so nebenbei: „Sicher hat er sich in die Koje gehauen.“

„In die Koje? Wenn Backen und Banken ist?“ fragte der Profos grollend. „Was sind denn das für neuartige Manieren eines Decksältesten! Da soll doch gleich das Kielschwein quieken! Bill, bist du fertig mit Stauen?“

„Bin ich“, erwiderte Bill. „Ich soll ihn holen, wie?“

„Kluges Kerlchen“, sagte der Profos.

Old Donegal wurde rappelig. „Bestimmst du hier, was einer in seiner Freiwache zu tun hat? Sind das die neuartigen Manieren eines Profos’? Wenn Smoky schlafen will, dann ist das seine Sache. Und wenn er essen will, genauso. Was er mit seiner Freiwache anfängt, geht dich einen feuchten Staub an, Mister Carberry!“

„Wer Backen und Banken verpennt“, donnerte Carberry, „der kriegt erst am Abend wieder was zu futtern! Hier sitzen alle anderen Freiwächter – wie sich das gehört und an Bord Brauch ist. Nur der Mister Smoky scheint das nicht nötig zu haben. Und was ist mit seiner Portion? Soll die ihm vielleicht an der Koje serviert oder heute abend extra aufgewärmt werden?“ Der Profos geriet noch mehr in Braß. „Da rackern sich der Kutscher und Mac ab, für uns alle eine Gaumenfreude zu bereiten – für uns alle, betone ich –, aber Seine Lordschaft geruhen, sich in die Koje zu hauen und zu schnarchen! Ist das hier ein Schiff mit der Gemeinschaft der Arwenacks, oder befinden wir uns auf dem Lustschloß von Lord Smoky of Smokyschnarch?“

„Vielleicht schnarcht er gar nicht“, sagte Old Donegal etwas spitzfindig. „Und seine Portion könnte bestimmt Paddy noch verstauen. Nicht, Paddy?“

Paddy bestätigte strahlend, daß er noch Platz in seinem Bauch habe.

Wenn Old Donegal dachte, den Profos von dem Thema Smoky abzubringen, dann lag er auf dem falschen Kurs. Dies um so mehr, weil Carberry ja beabsichtigte, auf der Kuhl nach dem Backen und Banken, „’ne Vorstellung“ zu geben, wie er verkündet hatte.

„Bill, hol den Kerl!“ befahl der Profos unnachgiebig. „Sag ihm, jetzt sei Backen und Banken, aber keine Schnarchstunde.“

„Und wenn er nicht will?“ fragte Bill.

„Der hat zu wollen“, knurrte der Profos, „sonst wird er von mir geschlachtet!“

„Ha-ha!“ sagte Old Donegal höhnisch. „Bist wohl heute mächtig stark, was, Mister Carberry? Erst ’ne Spake abbrechen und dann noch den Decksältesten schlachten!“

„Paß auf, daß ich dich nicht aus Versehen verschlucke, Mister O’Flynn“, sagte Carberry.

Sie waren heute einander mal wieder herzlich zugetan, der Profos und der alte Zausel. Sir John erkannte das auch und schmetterte von der Großrah: „Gib Küßchen, kille-kille!“

Bill verschwand grinsend im Vordeck.

„Die Sprüche von deinem Geier werden auch immer dämlicher“, lästerte Old Donegal, „aber braucht einen ja nicht zu wundern – wie der Herr, so sein Vogel!“

Sir John lauschte, brachte ein Gelächter zustande und verkündete: „Hepp-hepp-alter-Knacker-Kacker!“

„Damit meint er dich, Mister O’Flynn“, sagte Carberry spitz, „und er hat das trefflich ausgedrückt.“

Old Donegal schlug sofort zurück. „Er hat uns verwechselt, dieser schielende Marabu!“

Carberry wurde einer Antwort enthoben. Bill kehrte ziemlich eilig zurück.

„Smoky ist nicht in seiner Koje“, meldete er.

„Nicht in seiner Koje?“ fragte der Profos verdutzt. „Ja, wo denn dann?“ Er rappelte sich auf und blickte auf Old Donegal hinunter. „Hast du nicht gesagt, er habe sich in seine Koje gehauen?“

„Ich habe nur eine Vermutung ausgesprochen, Mister Carberry“, erwiderte Old Donegal von oben herab. „Falls dir der Unterschied zwischen einer Vermutung und einer Behauptung nicht bekannt ist, erkläre ich dir das gern.“

Carberry wurde wild. „Du hast wortwörtlich gesagt: ‚Sicher hat er sich in die Koje gehauen!‘ Das ist keine Vermutung, sondern eine Behauptung! Willst du das leugnen?“

„Das war eine Feststellung – eine Feststellung, die eine Vermutung ausdrückt. Oder eine mögliche Erklärung, gewissermaßen eine Hypothese, eine Annahme, so könnte es sein. Könnte! Nicht: so ist es! Ich habe nichts behauptet, sondern …“

„Du Arsch mit Zöpfen!“ brüllte Carberry und war drauf und dran, dem Alten an die Gurgel zu gehen. „Du mieser Taschenspieler! Du windiger Wortverdreher …“

Ferris Tucker zog Carberry am Hemd zurück und sagte: „Reg dich ab, Ed. Wenn einer spinnt, mußt du ihn spinnen lassen. Der Satz, ‚Sicher hat er sich in die Koje gehauen‘, enthält auch nach meiner Auffassung eher eine Behauptung als eine Vermutung, alles andere ist Quasselkram. Viel wichtiger ist die Frage, wo Smoky abgeblieben sein könnte, wenn er nicht in der Koje steckt. Hier an Oberdeck befindet er sich auch nicht. Wo dann?“

„Vielleicht hockt er auf der Galion und legt ’n Ei“, sagte Luke Morgan.

„Schau nach, Luke“, befahl Ferris Tucker.

Luke stieg auf die Back, erkundete die Galion, kehrte zurück und schüttelte den Kopf.

„Kein Smoky“, erklärte er.

Die Mannen blickten sich irritiert an. Der einzige, der sich desinteressiert zeigte, war Old Donegal.

Er gähnte und sagte: „Ich mach’ ein Nickerchen. Falls mich jemand sucht – ich bin in meiner Koje.“ Er betonte das „ich“, warf Carberry einen schiefen Blick zu, rappelte sich auf und verzog sich ins Achterdeck, wo er seine Kammer hatte.

Ferris Tucker starrte hinter ihm her und kratzte sich nachdenklich am Kinn. Carberry scheuchte indessen bereits die Mannen hoch, um nach Smoky suchen zu lassen. Mac Pellew unkte, Smoky plansche bestimmt unten in der Bilge herum, um sich dem Kahlschnitt zu entziehen. Aber Carberry war zur Zeit sauer und hatte für Macs Art von Humor nicht viel übrig. Tatsächlich sorgte er sich, mußte sich jedoch sagen, daß nichts passiert sein konnte – etwa so eine üble Geschichte wie jene im letzten Monat, als Old Donegal im Sturm abgekantet war, ohne daß jemand an Bord etwas davon bemerkt hatte.

Nein, das schied hier aus. Beim Versuch, die „Santa Barbara“ mit dem Gangspill von der Untiefe zu ziehen, war Smoky noch unter den Mannen gewesen, das konnte er, Carberry, selbst bezeugen. Erst nach diesem vergeblichen Manöver war Smoky nicht mehr gesehen worden.

Wäre er über Bord gesprungen, hätte Gary Andrews Alarm geschlagen. Ein idiotischer Gedanke! Warum sollte Smoky über Bord springen? Doch nicht wegen dieser Lappalie, daß ihm eine Glatze bevorstand!

„Mein Gott, die wachsen doch wieder nach, die Haare“, murmelte Carberry vor sich hin.

„Wie?“ Ferris Tucker drehte sich zu ihm um.

„Ach – nichts. Wenn Smoky abgängig ist, müssen wir Hasard wahrschauen, Ferris. Oder tun wir das besser gleich?“

„Erst mal abwarten, wo er steckt“, sagte Ferris Tucker. „Von Bord ist er keinesfalls.“

„Das meine ich auch“, sagte Carberry. „Aber merkwürdig ist das schon.“

„Was ist merkwürdig?“

„Das einer verschwindet, und keiner hat was gesehen.“

„Wir waren eben alle beschäftigt“, meinte Ferris Tucker.

„Glaubst du, daß er sich versteckt hat, um sich vor dem Haareschneiden zu drücken?“ fragte Carberry.

Ferris Tucker grinste. „Das wird’s wohl sein, Ed.“

„Verdammt noch mal“, knurrte der Profos, „dieser wettsüchtige Kerl hat die Wette angeregt, nicht ich! Er hätte ja auch um ’ne Perle wetten können. Oder darum, daß der Verlierer ein Faß Rum stiften muß. Was weiß ich! Jetzt hat er verloren und kneift. Das finde ich echt beschissen.

„Finde ich auch“, sagte Ferris Tucker. „Es ist eine Ehrensache, daß man für eine verlorene Wette einsteht.“

So palaverten sie hin und her, und allmählich versammelten sich die Mannen wieder auf der Kuhl. Smoky war nicht entdeckt worden, auch nicht unter den Bodenbrettern, die über der Bilge lagen, und schon gar nicht in irgendeiner Last oder gar in einem leeren Faß.

Carberrys Gesicht wurde immer länger.

„Das gibt’s doch gar nicht“, sagte er fassungslos. „Der kann sich doch nicht in Luft auflösen.“

Zuletzt erschienen die Zwillinge. Zwischen sich hatten sie Plymmie.

„Habt ihr was gefunden?“ fragte Carberry erregt.

„Eine Spur“, erwiderte Hasard junior vorsichtig. „Nur eine Spur, Mister Carberry, Sir.“

„Und?“ Carberry stemmte die Fäuste in die Hüften.

Ferris Tucker grinste breit. „Laß mich mal raten, ihr beiden! Endet die Spur vielleicht irgendwo an einer bestimmten Stelle?“

„So ist es, Sir“, sagte Philip.

Ferris Tucker grinste noch breiter. „Dann laßt mich mal weiter raten. Sie endet vorm Schott von Old Donegals Kammer, eh?“

Carberry fuhr zu ihm herum. „Wie bitte?“

Hasard junior sagte: „Stimmt, Mister Tucker, Sir. Sie endet vor dem Schott von Mister O’Flynns Kammer!“

„Da soll mich doch der Teufel …“ Carberry verstummte und fuhr Ferris Tucker an: „Woher weißt du das?“

„War eine Vermutung, Ed“, sagte Ferris, immer noch grinsend. „Keine Behauptung! Hast du nicht gemerkt, wie versessen Old Donegal darauf war, dich von Smoky abzubringen?“

Carberry klatschte sich die flache Hand vor die Stirn. „Richtig! Warum hast du das nicht gleich gesagt?“

„Wollte mal abwarten, wie sich das so entwickelt“, erwiderte Ferris Tucker. „War ja erst nur ein Verdacht. Aber als Old Donegal plötzlich davon sprach, er wolle ein Nickerchen machen, hat’s bei mir geklingelt. Wenn ein Mann fehlt, haut man sich nicht zum Nickerchen in die Koje, sondern sucht mit!“

„Dem werde ich …“ Und damit stampfte Carberry los.

3.

Der Donner rollte durch die „Santa Barbara“. Erzeugt wurde er von den Fäusten Edwin Carberrys. Mit denen bearbeitete er das Schott von Old Donegals Kammer, das von innen abgeriegelt war. Allein diese Tatsache brachte den Profos noch mehr auf die Palme. Wo gab’s denn das, daß sich ein Arwenack auf dem eigenen Schiff einschloß?

„Mach auf, Donegal!“ brüllte Carberry. „Oder ich ramme das Schott ein!“

„Ist was?“ fragte Old Donegal von drinnen und ließ ein Gähnen ertönen. „Was soll der verdammte Krach? Hat dich was gebissen?“ Und dann ziemlich barsch: „Ich will jetzt schlafen, Profos! Troll dich! Ein alter Mann braucht seine Ruhe!“

Ein alter Mann! Dieser Hurensohn!

Carberry trat in dem Gang zurück, um sich mit dem ganzen Gewicht seines wuchtigen, harten Körpers gegen das Schott zu werfen.

Da erschien Philip Hasard Killigrew von achtern her, wo die Kapitänskammer lag.

„He-he, Ed!“ rief er. „Was soll der Krach? Ich dachte, das Schiff fällt auseinander.“

„Der – der Bastard hat abgeriegelt“, stieß der Profos keuchend hervor. „Läßt uns suchen, verdammt noch mal, und haut sich in die Koje, als ginge ihn das alles einen Scheiß an …“

„Nun mal langsam, Ed, immer der Reihe nach. Wieso hat er sich eingeschlossen?“

„Weil Smoky drin ist!“

„Wie bitte? Was soll denn Smoky in Old Donegals Kammer?“

Der Profos hätte sich am liebsten die Haare gerauft. „Das ist doch klar, Sir! Der will sich drücken, weil er die Wette verloren hat! Weil jetzt die Glatze fällig ist. Darum! Und der alte Knacker steckt mit ihm unter einer Decke!“

Hasard räusperte sich. „Das mit dem ‚alten Knacker‘ möchte ich überhört haben.“ Er klopfte ans Schott. „Donegal? Riegel bitte das Schott auf.“

„Kann man hier nicht mal seine Mittagsruhe halten?“ nörgelte Old Donegal. „Dauernd wird man gestört. Du hast gesagt, wir sollten uns einen ruhigen Tag machen. Das tue ich jetzt.“

Carberry kriegte schon wieder das Zittern – vor Wut, versteht sich.

Hasard sagte leise: „Woher weißt du, daß sich Smoky in der Kammer befindet?“

„Deine Söhne haben Plymmie schnüffeln lassen. Die Spur endet vor diesem Schott. Außerdem war es dem alten Kerl seltsam gleichgültig, als wir feststellten, daß Smoky beim Backen und Banken fehlte. Und statt dann mitzusuchen, erklärte er, er wolle jetzt pennen.“

„Verstehe.“ Hasard nickte und wandte sich wieder dem Schott zu. „Donegal! Ist Smoky in deiner Kammer?“

„Ich seh’ hier keinen Smoky“, maulte Old Donegal.

Hasards Stimme hatte bisher ruhig geklungen. Nun wurde sie scharf. „Donegal! Entweder öffnest du sofort, oder ich lasse von Old Shane das Schott aufbrechen. Jetzt ist Schluß mit dem Theater! Bei uns schließt sich niemand ein, es sei denn, er hat etwas zu verbergen.“

Old Donegal brabbelte etwas Unverständliches. Hasard und Carberry hörten die Koje knarren, dann tappten Schritte zum Schott. Die Riegel rasselten zurück. Old Donegal öffnete, trat zur Seite, schwenkte den rechten Arm und sagte fuchtig: „Bitte sehr, meine Kammer ist leer, wie zu sehen ist.“

„Ach ja?“ sagte Hasard und hielt Carberry zurück. Dabei flüsterte er ihm was ins Ohr.

Carberry nickte und verschwand. Hasard blickte Old Donegal mit undurchdringlichem Gesicht an und sagte nichts. Old Donegal schwieg ebenfalls und starrte zur Decke hoch, wo’s nichts zu sehen gab, es sei denn sauber gefugtes Holz. Die Stille war spürbar – sie knisterte sozusagen.

Dann wurde Old Donegal doch nervös.

„Was sollen diese Mätzchen?“ sagte er gereizt.

„Och, nichts weiter“, erwiderte Hasard gelassen.

„Dann kann ich mich ja wieder aufs Ohr legen“, erklärte Old Donegal, „wenn nichts weiter ist.“

„Bitte sehr.“

Old Donegal runzelte die Stirn, zuckte mit den Schultern, drehte sich um, ging zur Koje und legte sich lang. Die Arme verschränkte er unter dem Kopf. An seiner Miene konnte Hasard ablesen, daß er eingeschnappt war.

„Was man sich hier alles bieten lassen muß“, lästerte er.

„Das liegt immer an einem selbst“, sagte Hasard freundlich. „Wer etwas herausfordert, sollte sich nicht wundern, wenn darauf reagiert wird.“

„Ich habe nichts herausgefordert.“

Hasard zog die Augenbrauen hoch. „So? Darf man fragen, warum du dich eingeschlossen hast?“

„Weil ich meine Ruhe haben wollte.“

„Ah so. Mir neu, daß die Ruhe vollkommener wird, wenn man ein Schott abriegelt. Ist es dann stiller in der Kammer?“

Old Donegal sah noch eingeschnappter aus und zog es vor, die Frage zu überhören.

Der Dialog war auch beendet, denn im Gang erschienen die Zwillinge mit Plymmie, dahinter Carberry. Hasard nickte Philip zu, der Plymmie am Nackenfell festhielt. Philip ließ los, Plymmie schnüffelte über den Boden, tigerte in Old Donegals Kammer und ohne Verzug zu dem eingebauten Wandschrank, der für die sperrige Kleidung bestimmt war.

„Wuff!“ äußerte sie und kratzte mit der rechten Pfote an der Schapptür.

„Da scheint ’ne Ratte drin zu sein“, sagte Old Donegal gepreßt.

„Du solltest dich schämen, Smoky als Ratte zu bezeichnen, Donegal“, sagte Hasard kalt. „Smoky, komm raus, das Spielchen ist zu Ende.“

Die Tür wurde aufgedrückt, Smoky erschien, verschwitzt und mit Armesündermiene. Plymmie wedelte freudig mit dem Schwanz.

Hasard verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Old Donegal an. Er sagte: „Da hast du dir ein ziemliches Ding geleistet, Mister O’Flynn. Aber um uns zu leimen, mußt du früher aufstehen. Das war doch wohl klar, daß man Smoky suchen würde, sobald sein Verschwinden bemerkt wurde. Du versteckst also Smoky in deiner Kammer und läßt unsere Männer suchen. Ich wußte von dieser Suche zunächst nichts – bis der Profos an dein Schott hämmerte. Aber eins kann ich dir versichern: Wenn auf unserem Schiff ein Mann der Crew spurlos verschwindet – so wie ein gewisser Mister O’Flynn vor einem Monat, nicht wahr? –, dann bin ich zutiefst betroffen, das geht mir unter die Haut, und dann setze ich alles in Bewegung, um den Mann zu finden. Und was hast du getan? Du hältst das für einen herrlichen Streich, Smoky zu verstecken, und hast auch noch die Stirn, mir zu erklären, was du dir hier alles bieten lassen müßtest. Das geht mir zu weit, Mister O’Flynn! Und wenn du kein alter Mann wärst, würde ich selbst das Amt des Profos’ übernehmen und dir das Fell gerben, bis du um Erbarmen winselst. Und ich würde mir überlegen, ob so ein Mann in meiner Crew noch Platz hat! Auf Kerle, die es offenbar witzig finden, eine makabre Situation zu provozieren, kann ich gern verzichten. Hast du mich verstanden?“

„Ja“, brummte Old Donegal. Er lag nicht mehr, sondern hatte sich hochgeschoben und lehnte mit dem Rücken an der Kopfwand der Koje. Die eingeschnappte Miene war verschwunden. Offenbar wurde ihm jetzt erst bewußt, daß er Mist gebaut hatte.

Hasard wandte sich zu Smoky um.

„Du hattest eine Wette verloren, Mister Smoky“, sagte er, „eine Wette, die von dir selbst vorgeschlagen worden war. Richtig?“

„Ja, Sir.“ Das klang ziemlich dünn.

„Wenn der Profos die Wette verloren hätte, was wäre dann gewesen? Hättest du darauf bestanden, daß er seine Wettschuld begleicht?“

„Ja, Sir, sonst wär’s ja keine Wette gewesen.“

Hasard zog scharf die Luft ein. Diese Kerle hatten manchmal eine merkwürdige Logik: Gewannen sie eine Wette, dann galt sie natürlich, verloren sie hingegen, dann drückten sie sich, ihre Wettschuld zu bezahlen.

„Kannst du mir mal verraten, warum du gekniffen hast?“

Smoky druckste herum. Schließlich quetschte er heraus: „Ich – ich wollte meine Manneskraft nicht verlieren!“

Schweigen.

Hasard schob den Kopf vor. „Wie war das?“

Smoky wiederholte seine sinnige Begründung und fügte hinzu: „Old Donegal hat zu mir gesagt, dann erginge es mir genauso wie Simson aus der Bibel, dem die Hure Delila heimlich die Haare abgeschnitten habe. Und das dürfe ich Gunnhild nicht zumuten.“

Hasard wußte nicht, ob er schreien, heulen oder lachen sollte. Langsam drehte er sich zu Old Donegal um, kopfschüttelnd, und sagte: „Du hast wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank, Mister O’Flynn!“

„So steht es in der Bibel“, sagte Old Donegal verbissen. „Im Buch der Richter, Kapitel sechzehn!“

„Ja“, bestätigte Smoky. „Er hat es mir vorgelesen.“

„Du meine Güte“, murmelte Hasard erschüttert. „Er hat es dir vorgelesen. Ist dir auch bekannt, daß Simson seine Kraft zurückerhielt, als ihm die Haare wieder nachgewachsen waren?“

„Aber vorher wurde er von den Philistern geblendet!“ zeterte Old Donegal.

Bei Hasard platzte der Kragen.

„Das gilt doch für Smoky nicht, du Idiot!“ brüllte er.

Old Donegal zuckte zusammen und zog den Kopf ein. Bei Smoky war es nicht anders. Carberry trat vorsichtigerweise einen Schritt zurück, um seinem Kapitän nicht im Wege zu stehen, wenn der den alten Zausel in die Mangel nehmen sollte. Die Zwillinge grinsten sich was, versteckt natürlich, aber dennoch begeistert, ihren „Dad“ mal derart in Fahrt zu sehen.

„Smoky ist kein Simson, verdammt noch mal!“ brüllte Hasard. „Und Gunnhild keine Hure Delila, du dreimal verdrehter Narrenhäusler!“

Old Donegal schrumpfte zusammen. Am liebsten hätte er sich die. Decke über den Kopf gezogen.

Hasard holte tief Luft – und sagte völlig ruhig, ohne sich umzudrehen: „Ed, hattest du damals deine Manneskraft verloren – in Wiborg, als dir Luke die Haare abschnitt?“

„Nicht die Bohne, Sir“, erwiderte Carberry fast entrüstet. „Ich hätte Bäume ausreißen können – und bei den Weiberchen hätte ich bestimmt nicht Händchen gehalten.“ Und etwas tückisch fügte er hinzu: „Ich hab’ mal gehört, daß glatzköpfige Kerle ganz besonders gute Liebhaber seien!“

Der gute, ehrliche, alte Carberry, der entwirrte diese verdwarste Situation! Der schaffte es auch noch, daß sich Smoky freiwillig ein Bein absägen ließ.

Denn: Smoky hatte die Ohren aufgestellt, und in seinen Augen funkelten Blitze.

„Mister Carberry“, sagte er etwas theatralisch, aber seiner Meinung nach war das jetzt der angemessene Ton, „schreite zur Tat und entferne die Haare von meinem Kopfe!“

„Dann hat Donegal hier deine Haare rumliegen“, sagte der Profos sachlich. „Ich schlage vor, daß ich auf der Kuhl zur Tat schreite und deine Haare vom Kopfe entferne. Ist das recht, Mister Smoky?“

„So sei es!“ tönte Smoky, reckte die Brust heraus und schritt aus Old Donegals Kammer. Er schritt! Als sei er laut Carberry Lord Smoky of Smokyschnarch, ein Mann mit Würde, viel Besitz und mindestens hundert Dienstboten, die ihm die Nase putzten oder das Bett anwärmten, so sie noch jungfräulich waren.

Old Donegal saß jetzt aufrecht in der Koje und hatte stiere Augen. Der Mund stand ihm auch offen. Ziemlich vernagelt sah er aus.

„Mach’s Maul zu“, empfahl Carberry, „studiere die Bibel oder schnarch einen weg, du – du Simson!“

Sie marschierten alle hinter Smoky her, und Old Donegal blieb sehr allein, vor allem, als Carberry das Schott zudonnerte. Es hörte sich an, als sei ein Pulverfaß explodiert. Die ganze Kammer wackelte, und aus den Ritzen der Kojenseitenwand purzelten ein paar Kakerlaken. Da war Old Donegal nicht mehr allein, aber als Gesellschafter waren die so unpassend wie ein Clown bei einer Trauerfeier, und darum fegte sie Old Donegal fluchend von der Koje, was sie zur Flucht in den nächsten Unterschlupf nutzten.

Carberrys Empfehlung, die Bibel zu studieren oder einen wegzuschnarchen, taugte auch nicht viel – von Müdigkeit keine Spur! –, außerdem war Old Donegal viel zu scharf darauf, den Akt der Smokyschur auf der Kuhl mitzuerleben.

Also stieg er aus der Koje und ging auf Kurs Achterdeck. Es war kein kluger Entschluß, aber doch sehr menschlich.

Die Bühne war gerichtet, die Kuhl Zentrum des Schauspiels. Akteure und Zuschauer waren versammelt. Einer hütete sich, Zeuge des Schauspiels zu sein: Gary Andrews. Sein Blickfeld lag auf einer anderen Ebene, die an Steuerbord von der Kimm begrenzt wurde, an Backbord von der Dünenlandschaft und den ihr vorgelagerten Inseln, dem Watt und den Prielen.

Nein, ein Gary Andrews ließ sich nicht ablenken wie ein Paddy Rogers. Er wußte auch nur zu gut, daß er zur Zeit das einzige Auge der „Santa Barbara“ war, von dem die Sicherheit des Schiffes und seiner Besatzung abhing.

Die See an Steuerbord war frei. Kein Segler zog an der Kimm seine Bahn – zur Straße von Hormus oder entgegengesetzt hinauf zum Schatt el Arab. Nichts, nur die in der Sonne flimmernde weite Fläche der See.

Auch über den Dünen an Land lag flimmernder Glast. Über dem Watt kreisten Möwen und andere Seevögel. Im Watt entdeckte Gary Stelzvögel, unter ihnen Ibisse. Die Inseln und Inselchen waren unbewohnt. Menschen waren jedenfalls nicht zu sehen. Wovon sollten die dort auch leben! Gary bezweifelte, daß es in dem wüstenartigen Land oder auf den Inseln Süßwasserquellen gab.

Gary Andrews ließ sich von der Ruhe ringsum nicht einlullen. Unablässig wanderten seine Augen über den Horizont ringsum, ab und an spähte er durch den Kieker. Einmal stoben hinter den Inseln die Seevögel hoch und kreischten, aber was sie erregte, lag nicht im Sichtbereich von Gary Andrews. Sie beruhigten sich auch wieder.

Indessen saß Smoky in der Mitte der Kuhl auf einer Kiste, entschlossen und bereit, seine Wettschuld einzulösen. Der fürsorgliche Mac Pellew hatte um Smokys Hals ein Handtuch drapiert und dazu erklärt, das sei wegen der abgeschnippelten Haare gut, die ja ziemlich lästig seien, wenn sie einem in den Kragen rutschten.

Das Thema wegen des „Bürzels“ war auch beendet. Carberry hatte Smoky fairerweise diese Möglichkeit unterbreitet, aber der hatte sehr energisch erklärt, davon hielte er gar nichts. Wennschon – dennschon.

Die Mannen hockten auf den Schanzkleidern beiderseits, auf den Niedergängen oder standen gar in den Wanten, um die Sache von oben besser betrachten zu können.

Carberry hatte auf einer anderen Kiste sein „Besteck“ aufgebaut, das heißt, er hatte es sich vom Kutscher ausleihen müssen: eine Schere, zwei Rasiermesser – die er selbst bei Kopfverletzungen benutzte, wenn Haare entfernt werden mußten –, einen Napf mit Schmierseife und einen Krug mit Süßwasser. Neben der Kiste standen zwei Pützen Salzwasser.

Das war alles, wie gesagt, bereits gerichtet, als Old Donegal die Bühne betrat. Hasards Wut war noch lange nicht verraucht – in diesem Falle nicht. Normalerweise war er auch nicht nachtragend, aber kaum sichtete er Old Donegal, da stieg ihm schon wieder die Galle hoch.

„Es erscheint Mister O’Flynn!“ verkündete er. „Ein Mister O’Flynn, der vor kurzem noch zu müde war, sich an der Suche nach unserem verschwundenen Decksältesten zu beteiligen! Brauchte er ja auch nicht, weil er besagten Decksältesten in seiner Kammer im Kleiderschapp versteckt hatte. Aber die Kameraden ließ er suchen. Vermutlich kicherte er bei dem Gedanken, daß sie sich dumm und dusselig suchen würden. Daß sich die Kameraden sorgen könnten, dieser Gedanke paßte nicht in seinen Holzkopf!“

Gemurmel klang auf. Der Tonlage nach war Entrüstung herauszuhören. Jedenfalls hielt kein Arwenack Old Donegals Streich für witzig oder besonders originell.

Old Donegal stand steif und stumm.

„Es kommt aber noch besser, Freunde!“ rief Hasard. „Dieser Mister O’Flynn hatte die krause Idee, dem Decksältesten eine Bibelgeschichte einzureden – jene Geschichte aus dem Buch der Richter, Kapitel sechzehn, die von Simson handelt, der durch eine List der Hure Delila seine Haare und damit auch seine übernatürlichen Kräfte verliert. Mister O’Flynn setzte unseren Decksältesten dem biblischen Simson gleich – er schwatzte ihm auf, er würde seine Manneskraft verlieren, wenn ihm der Profos die Haare abschneide! Leider glaubte der Dummkopf Smoky dem Waschweib O’Flynn und ließ sich im Kleiderschapp verstecken. Das also ist die Geschichte, die Geschichte zweier Narren, von denen der ältere allerdings der weitaus größere Narr ist, obwohl er eigentlich weise sein sollte. Da ist zum Beispiel zu fragen, wie lange der alte Narr den jüngeren im Kleiderschapp aufbewahren wollte, um ihm Simsons Schicksal zu ersparen? Wie wollte er ihn ernähren? Wie sollte nachts geschlafen werden? Wie würde sich der jüngere verhalten, wenn er Tage und Wochen in der Kammer eingesperrt ist? Nicht wahr, solche Fragen hätte sich der alte Narr doch stellen müssen? Oder nicht? Nein, wahrscheinlich hat er sich diese Fragen nicht gestellt. So weit kann er gar nicht denken – nicht mit seinem Mückengehirn!“

Das war hartes Geschütz, das härteste vermutlich, das Philip Hasard Killigrew gegenüber seinem Schwiegervater Donegal Daniel O’Flynn jemals aufgefahren hatte.

Aber Old Donegal nahm es hin, sogar gelassen und mit Würde.

Er sagte: „Bist du jetzt fertig, Kapitän Killigrew, Sir?“

„Ja.“

„Dann bitte ich die Crew um Entschuldigung“, sagte Old Donegal, „und gebe zu, einen kapitalen Bock geschossen zu haben.“ Er blickte Hasard an. „Können wir jetzt die verdammte Geschichte begraben?“

„In Ordnung“, sagte Hasard, ging auf den Alten zu und reichte ihm die Hand.

Da lösten sich endlich die starren Gesichter, und der Bordfrieden kehrte wieder ein.

Carberrys Organ ertönte mit der Lautstärke eines Marktschreiers: „Dieses war der erste Teil! Es folgt der zweite. Als Gewinner einer allgemein bekannten Wette frage ich den Verlierer – den hier anwesenden Mister Smoky –, ob ich Gnade vor Recht ergehen lassen soll, das heißt, daß ich ihn begnadigen werde, so er das wünscht! Wünscht er das?“

In angemessenem Ton erwiderte Smoky: „Ich danke dem sehr ehrenwerten Gewinner – dem hier anwesenden Mister Carberry – für den Gnadenerweis, bestehe aber darauf, daß er mir die Haare vom Kopfe entfernt, sintemalen ich die zwischen ihm und mir ausgetragene Wette verloren habe. Wettschulden sind Ehrenschulden und zu begleichen!“

„Hurra – hurra – hurra!“ donnerte die Crew.

„Dann geschehe es“, sagte Carberry grinsend und nahm die Schere zur Hand. „Ich bitte den hier anwesenden Mister Smoky um Entschuldigung, wenn es ziepen sollte.“

„Seemannsherz kennt keinen Schmerz, Mister Carberry“, sagte Smoky mit tapferer Miene.

„Das kann gar nicht ziepen“, erklärte der Kutscher unwirsch. „Nicht bei meinem Besteck, wie ich hinzufügen möchte. Schließlich bin ich kein Dorfbarbier, der seine Scheren und Messer zweckentfremdet benutzt.“

„Wie das?“ fragte Carberry.

„Als Geflügelschere oder Brot- und Käsemesser.“

„Ach so.“ Und damit schnippelte Carberry los. Mit der Linken nahm er immer ein Büschelchen von Smokys braunem Haar hoch, mit der Rechten, deren kleinen Finger er abspreizte, führte er die Schere an das Büschel und schnitt es ab.

„Das ist der Grobschnitt!“ erläuterte er. „Eine Verkürzung auf weniger als Fingerdicke, was den Feinschnitt dann erleichtert.“

„Hast du mal Barbier gelernt?“ fragte Niels Larsen grinsend.

„Das nicht, Mister Larsen“, sagte Carberry, „aber ich weiß, wie man dumme Frager über den Löffel barbiert.“

„Aha!“

„Nichts ‚aha‘! Bei deiner Mähne wäre auch mal ein Schnitt fällig. Da kann man ja bald Zöpfchen spleißen, kann man.“ Und der Profos schnippelte und schnippelte, unverdrossen, ohne sich ablenken zu lassen. Tatsächlich entwickelte er ein beachtliches Geschick – und das bei seinen Pranken, deren rechte Zeigefinger und Mittelfinger kaum durch die Griffösen der Schere paßten.

„Zieht’s, Mister Smoky?“ fragte er.

„Mitnichten, Mister Carberry“, erwiderte Smoky. „Ich muß dem Mister Larsen beipflichten. Du bist wirklich ein guter Barbier. Wir sollten wöchentlich eine Barbierstunde einrichten, um dem wuchernden Haarwuchs der Männer Einhalt zu gebieten. Da laufen einige herum, daß man schon wirklich nicht mehr weiß, ob das ein Männlein oder Weiblein ist. Stimmst du mir zu, Mister Carberry?“

„Du sagst es, Mister Smoky. Wenn die einen Busen hätten, könnte man wirklich meinen, man sei in einen Harem geraten.“

„Der Harem der Heiligen Barbara“, sagte Smoky kichernd.

So alberten sie herum, diese beiden Komiker, und die Arwenacks amüsierten sich köstlich – bis hin zum „Feinschnitt“, bei dem Smokys Haupt mit Schmierseife eingeseift wurde und Carberry, ohne zu zittern, die Stoppeln mit dem Rasiermesser entfernte. Smoky ging unverletzt aus der Prozedur hervor, kein Schnitt, kein Blut – was der Kutscher insgeheim befürchtet hatte.

Er rückte mit einer gutduftenden Salbe heraus, was anfangs von Smoky und Carberry mit Mißtrauen betrachtet wurde.

Aber der Kutscher erklärte: „Seine Kopfhaut muß gesalbt werden, Mister Carberry. Da die Haare entfernt wurden, entbehrt sie ihres Schutzes, dieses vor allem bei der starken Einwirkung der Sonnenstrahlen auf nackte menschliche Köpfe. Ich kann es nicht verantworten, daß Mister Smoky einen Sonnenstich bekommt.“

„Er könnte einen Hut aufsetzen“, sagte Carberry.

„Nichts da! Die Kopfhaut wird eingesalbt. Bist du hier der Feldscher oder ich?“

„Du.“

Also wurde Smoky auch gesalbt. Seine Glatze schimmerte hinterher wie eine Speckschwarte. Alle fanden, daß Smoky prächtig aussähe – was nicht der Fall war. Aber sie sagten es, damit er nicht dem Trübsinn verfiel. Tatsächlich sah er aus wie ein Arsch mit Ohren. Das sagte der kichernde Mac heimlich zum Kutscher, aber der milderte diese Formulierung dahin, daß er sagte: „Nein, nein, Mac, eher sieht das aus wie ein Kinderpopo.“

Na ja, wo lag da schon der Unterschied!

4.

Am Abend dieses ereignisreichen Tages saß die „Santa Barbara“ hoch und trocken. Ferris Tucker hatte sie mit Pallhölzern an Backbord und Steuerbord abgestützt, so daß sie auf ebenem Kiel lag.

Eins wurde nunmehr sichtbar. Die Galeone ruhte nahezu mit ihrer gesamten Kiellänge auf einem Sandhügel. Es gab im weiteren Umkreis noch mehr von diesen tückischen Untiefen, aber diese dünenartige Erhebung war die höchste – leider. Und ausgerechnet diese hatte sich im Kurs der „Santa Barbara“ befunden. Mac Pellew hätte sie gemeldet, wäre er nicht abgelenkt gewesen. „Hätte“ und „wäre“ – diese verfluchten Möglichkeitsformen!

Carberry ernannte die Düne zur „Paddy-Rogers-Schlafinsel“, und da kriegte der gute Paddy wieder seine roten Ohren und schämte sich ob seines Versagers.

Hoch und trocken wurde noch eine zweite Tatsache sichtbar, die Ferris Tucker erbleichen ließ. Aber die Mienen der anderen hätte man auch nicht als fröhlich bezeichnen können.

Hasard und Ferris waren an Jakobsleitern abgeentert und somit die ersten, die die Bescherung sahen.

„Ach du dicke Scheiße“, sagte Ferris Tucker fassungslos.

Der Unterwasserbauch der „Santa Barbara“ war gepanzert. Von oben hatte man das nicht sehen können, aber jetzt von unten konnte man die ganze Pracht der Muscheln, Seepocken und Algen bewundern. Aber Hasard und Ferris hätten lieber glatte Planken bewundert. Für die Schönheiten dieser Unterwasserwelt hatten sie zur Zeit nichts übrig, was man ihnen nicht verdenken konnte.

Immer mehr Arwenacks enterten ab, um ihr Schiffchen auch mal von unten zu besichtigen, wozu man ja selten Gelegenheit hatte. Ihre Mienen wurden lang und länger.

„Ich hab’s geahnt“, sagte Pete Ballie dumpf, Pete, der Gefechtsrudergänger mit den ankerklüsengroßen Pranken, die dennoch sensibel genug waren, das Ruder mit Fingerspitzengefühl zu handhaben. Keiner der Arwenacks, die alle gute Rudergänger waren, konnte ihm das Wasser reichen. „Die Tante segelte sich in letzter Zeit wie ein Waschtrog“, fügte er hinzu.

„Und warum hast du das nicht gesagt?“ fuhr ihn Carberry an.

„Mann! Wo hätten wir sie denn aufslippen sollen?“ entgegnete Pete bissig. „Auf See vielleicht? Oder auf ’ner Korallenbank?“

Paddy Rogers hatte einen seiner sehr seltenen Gedankenblitze, die ihn allenfalls zweimal im Jahr heimsuchten.

„Wenn ich die Sandbank gesichtet hätte“, sagte er mit gefurchter Denkerstirn, „dann wüßte jetzt niemand, daß die ‚Santa Barbara‘ mit Muscheln bewachsen ist, nicht?“ Er blickte den Profos mit seinen freundlichen Augen an. „Ist doch logisch, nicht?“ „Logisch“ war für ihn ein ganz besonderes Wort, das er sich gemerkt hatte. Und er war sehr stolz, daß er es jetzt einmal anbringen konnte.

Carberry hatte für derlei Gedankenakrobatik kein Verständnis.

„Na und?“ polterte er. „Sollen wir dir jetzt ’nen Lorbeerkranz aufsetzen und ’nen Orden umhängen, was, wie?“

„Das ist nicht nötig“, sagte Paddy treuherzig, „mir genügt schon, wenn ihr mir nicht mehr böse seid.“

Carberry strich die Flagge. Gegen so viel naive Schlichtheit kam er nicht mehr an. Außerdem standen die Dinge kopf. Da pennte einer als Ausguck – oder paßte nicht auf, weil er abgelenkt war –, das Schiff brummte auf, und hinterher mußte man diesem Stoffel noch dankbar sein, daß man aufgebrummt war, weil man sonst den verdammten Bewuchs nicht entdeckt hätte. Das war vielleicht eine Logik!

Philip Hasard Killigrew nahm es längst von der heiteren Seite.

„Paddy hat recht, Ed“, sagte er, „so blödsinnig das auch klingen mag. Allerdings ist der Fall in der Abfolge der Geschehnisse einmalig und kaum wiederholbar. Auch ist er keine Rechtfertigung dafür, daß Paddy als Ausguck nicht aufgepaßt hat. Ist das klar, Paddy?“

„Aye, Sir. Aber du kannst mir glauben, daß ich mich nicht rechtfertigen wollte. Ich wollte nur höflich darauf hinweisen, daß wir uns glücklich schätzen können, den Muschelbewuchs rechtzeitig entdeckt zu haben.“ Und ganz schlicht fügte Paddy hinzu: „Wenn wir ihn abklopfen, dann wird viel Gewicht weggenommen, und wir können die ‚Santa Barbara‘ leicht von den Sandbänken ziehen, nicht?“

Hasard starrte seinen Paddy Rogers anerkennend an. Manchmal dachte der überhaupt nicht, aber wenn er dachte, dann kam auch was raus.

„Ein sehr guter Gedanke, Paddy“, sagte er, „völlig richtig und logisch. Wenn man den Bewuchs abklopft, wird die ‚Santa Barbara‘ erheblich leichter, und wir haben weniger Mühe.“

Paddy strahlte. „Wenn mir Mister Tucker Hammer und Meißel gibt, fange ich gleich an, Sir. Das muß ich nämlich, weil ja in ein paar Stunden das Wasser wieder auflaufen tut, nicht? Und da muß ich mich beeilen, weil man nicht mehr abklopfen kann, wenn man bis zum Hals im Wasser steht, nicht?“

Paddy entwickelte sich zum Wunderknaben. Die Arwenacks besichtigten ihn, als sähen sie diesen Paddy zum ersten Male. Der wurde schon wieder verlegen. Er mochte es nicht, wenn ihn alle anstarrten.

„Hab’ ich was Falsches gesagt?“ fragte er betreten.

„Aber nein, Paddylein“, beruhigte ihn der Profos. „Uns fällt nur auf, daß du heute so – so stürmisch bist, verstehst du? So ein richtiger Flitzeblitzumdieeckesausewind.“ Er fuhr herum und raunzte die Mannen an: „Grinst nicht so pinselig, ihr Kuhhirten! Habt ihr nicht gehört, was Paddy gesagt hat? Tempo – Tempo! Bevor das Wasser wieder aufläuft, möchte ich hier einen Muschelberg sehen! Auf geht’s, Männer der ‚Heiligen Barbara‘! Hopp-hopp! Klopf-klopf, bis die Hämmer und Meißel qualmen!“

So begann’s denn. Mit allen zur Verfügung stehenden Werkzeugen – einschließlich Entermessern und Schiffshauern – rückten die Arwenacks dem Muschelpanzer zu Leibe und klopften, hämmerten, kratzten und schabten.

Der schlimmste Bewuchs hatte sich ausgerechnet am Kiel festgesetzt, an den man schlecht herangelangte. Aber da arbeiteten sie zum Teil im Liegen oder wühlten sich in den Sand, der beim Tiefergraben zur Pampe wurde. Es kümmerte sie nicht. Sie mußten ganz unten anfangen, denn wenn das Wasser wieder auflief und stieg, gelangte man an Kiel und die untersten Planken nicht mehr heran. Das hatte der Langsamdenker Paddy völlig richtig erkannt.

Natürlich konnte man das nächste Niedrigwasser abwarten, wenn man es jetzt nicht schaffte – und ganz danach sah es aus. Ein anderer Nachteil war die Dunkelheit, doch da behalfen sie sich mit Laternen und Bordlampen, die seitlich über Bord gehängt wurden und die Szenerie einigermaßen beleuchteten.

Sicher, bei Tage – wäre dann Niedrigwasser gewesen – hätten sie beim „Abspecken“ der „Santa Barbara“ mehr gesehen und schneller oder zügiger arbeiten können. Dafür jedoch hätten sie in der prallen Sonne gestanden und noch mehr Schweiß vergossen. So hatte jedes Ding zwei Seiten, und in diesem Fall war die Nachtkühle direkt angenehm.

Mac Pellew und der Kutscher waren von der Arbeit freigestellt, hatten allerdings für das Wohlbefinden der Mannen zu sorgen. Der Kutscher hatte ein Getränk bereitet, das aus ausgepreßtem Apfelsinensaft, Trinkwasser und Rum bestand. Es schmeckte köstlich und erfrischte.

Selbstverständlich war der Ausguck im Hauptmars besetzt. Jack Finnegan war eingeteilt. Schlag Mitternacht würde ihn Stenmark ablösen. Philip Hasard Killigrew arbeitete Schulter an Schulter mit seinen Mannen, ebenso die beiden Alten – Old Donegal und Will Thorne, der Segelmacher. Keiner drückte sich.

Wieder einmal stellte sich heraus, was für ein umsichtiger, aber auch fleißiger Mann Will Thorne war, der still und unauffällig seiner Arbeit an Bord nachging. Sie bestand nicht nur darin, daß er Flicken auf gerissenes oder beschädigtes Segeltuch setzte, Lieken nähte oder sogar Hemden und Hosen für die Mannen schneiderte.

Bevor die Arwenacks, bewaffnet mit ihrem jeweiligen Werkzeug, den Muschelpanzer angingen, hatte er sich bei Hasard gemeldet.

„Sir“, hatte er in seiner bescheidenen Art gesagt, „mir ist da etwas eingefallen, was uns vielleicht nutzen könnte.“

„Ja, Will?“ fragte Hasard aufmerksam. Der alte Will Thorne war für Überraschungen gut. Zum ersten Male war das geschehen, als er plötzlich mit er Flagge für den Bund der Korsaren herausgerückt war – dem schwarzen Tuch mit den beiden gekreuzten silbernen Säbeln.

„Nun, vielleicht lachst du mich aus“, sagte Will Thorne, „aber ich habe mal ein paar Tage lang auf der Reise nach China aus Segeltuchresten Handschuhe genäht, Fäustlinge, aber mit Fingern für Daumen und Zeigefinger-Mittelfinger, so daß man diese drei Finger gut einsetzen kann. Weil die Muscheln ja ziemlich scharf sind, dachte ich jetzt, es wäre vielleicht nützlich, wenn sich jeder von uns Handschuhe bei der Arbeit anziehen würde.“

„Genial!“ sagte Hasard begeistert. „Eine prächtige Idee, Will, gratuliere!“ Er lächelte. „Hast du gewußt, daß wir mal in eine solche Situation geraten würden?“

„Das nicht, Sir“, erwiderte Will Thorne, „aber wenn wir Kap Horn gerundet hätten, wären wir da unten vielleicht in die Kälte geraten, und da wollte ich rechtzeitig etwas Vorsorgen. Du weißt ja – an vereisten Tauen oder Segeln zu zerren, ist kein reines Vergnügen. Da hält derbes Segeltuch als Schutz für die Hände doch eine Menge ab – wie auch jetzt bei den Muscheln, die üble Schnitte verursachen können.“

„Kutscher!“ rief Hasard zum Schanzkleid hoch. „Bitte einen doppelten Rum für Mister Thorne!“

„Aye, Sir, kann er sich in der Kombüse abholen!“

„Danke, Sir“, sagte Will Thorne, „aber das muß mit dem Rum nicht sein.“

„Doch, das ist ein Befehl.“

Will Thorne lächelte. „Da muß ich ja wohl gehorchen, Sir. Nochmals herzlichen Dank.“

„Wir haben dir zu danken, Will.“

„Segelmacher müßte man sein“, hatte Carberry tiefsinnig gemurmelt.

„Ed, du kommst doch nun wirklich nicht zu kurz, was das betrifft“, hatte Hasard erwidert. „Vielleicht erinnerst du dich mal daran, daß du, der Kutscher, Mac Pellew und ich die ersten waren, die zusammen in der Kombüse der ‚Marygold‘ einen schottischen Whisky köpften, den Kapitän Drake mir spendiert hatte, weil ich den Kutscher aus dem Wasser geholt hatte, nachdem er über Bord gegangen war. Weißt du noch?“

„Ja, ja, natürlich!“ rief der Profos. „Und ob ich mich erinnere! Mann – das ist jetzt über zwanzig Jahre her.“

„Ende Oktober sechsundsiebzig war das“, sagte Hasard. „Die Zeit vergeht, und wir werden auch nicht jünger. Aber weil du dich eben beklagtest: Die ziemlich vielen Schlucke vom Schottischen damals, die bist du Will Thorne voraus, Ed, nicht wahr? Und auch die nicht mehr zählbaren, die dazwischenliegen – bis hin zu deiner letzten Schlucktour in Tamarida auf Sokotra, bei der du voll aufgebraßt hattest und mit den Fächern der Ladys zurückkehrtest, bei denen ihr zur sogenannten Kurzweil eingekehrt wart. Richtig?“

„Hm, stimmt“, brummelte der Profos, ermannte sich und setzte hinzu: „Wenn dem so ist, daß ich Will zwei Schlucke voraus bin, dann gönne ich ihm den Doppelten von ganzem Herzen, Sir. Ich bin ja kein Unmensch. Aber wenn er die zwei Schlucke aufgeholt hat, steht die Partie gleich. Stimmst du mir zu?“

„Mal sehen“, sagte Hasard vage und etwas unkonzentriert. Er hatte plötzlich das unbestimmte Gefühl einer drohenden Gefahr.

Es ging auf Mitternacht zu. Das Wasser lief bereits auf, und die Mannen standen bis zu den Waden im Wasser, das an ihnen vorbeigurgelte und den bisher abgeklopften Muschelbruch mitschwemmte. Zumindest den Kielbewuchs hatten sie entfernen können. Aber das war noch nicht einmal ein Viertel der gesamten Arbeit. Da stand ihnen noch einiges bevor, und der Wechsel der Gezeiten bestimmte den Ablauf dieser Irrsinnsschufterei.

Sie waren bisher so verfahren, daß derjenige, der Hunger hatte, aufenterte und bei der Kombüse längsseits ging, um einen vorbereiteten Happen zu essen. Gerade waren Hasard, Al Conroy und Stenmark an Deck gestiegen – Stenmark, weil er ja die Wache im Ausguck um vierundzwanzig Uhr zu übernehmen hatte. Da wollte er sich vorher stärken. Vier Stunden Wache nach der Rackerei an den Muscheln, das war kein Pappenstiel, vor allem bei dieser Wache von null bis vier Uhr, die man allgemein auch die Friedhofswache nannte.

Hasard und Al Conroy waren einfach hungrig, Hasard aber noch dazu unruhig.

Erstaunt verneinte Al Conroy, als Hasard ihn fragte, ob die Drehbassen schußbereit wären.

„Wieso das, Sir?“ fragte er. „Hier am Ar… – äh, Arm der Welt?“

„Weiß ich auch nicht, Al“, sagte Hasard. „Aber mach sie schußfertig, auch wenn es nur deswegen ist, daß ich mich dann wohler fühle. Entschuldige bitte.“

„Geht schon klar, Sir“, sagte Al Conroy und zog ab, um sich um die Drehbassen zu kümmern. Jetzt löst der Kapitän den alten Donegal als Hinter-die-Kimm-Späher ab, dachte er ein bißchen belustigt.

Hasard steuerte die Kombüse an, wo Stenmark bereits versorgt wurde.

„Darf’s auch ein Spiegelei auf Speck sein, Sir?“ fragte Mac Pellew. „Für Sten brate ich schon eins.“

„Sehr gut, Mac, da sage ich nicht nein“, erwiderte Hasard und schaute zu, wie Mac das Ei anschlug, geschickt auseinanderbrach und in die große Pfanne gab, in der bereits Speckwürfel brutzelten. Es duftete verführerisch.

Der Kutscher reichte Stenmark und Hasard je eine Muck mit seinem Spezialgetränk.

„Zum Wohl, Gentlemen“, sagte er lächelnd. „Ihr werdet durstig sein.“

„Sind wir“, sagte Stenmark. Er hatte genau wie Hasard die Handschuhe aus Segeltuch unter den linken Arm geklemmt und trank mit der Rechten. Die Mucks waren sofort leer, und der Kutscher schenkte nach.

Mac würfelte inzwischen schon wieder Speck und paßte gleichzeitig auf die Spiegeleier auf. Auf der heißen Herdplatte röstete er Fladenbrot, das sehr gut zu den Spiegeleiern paßte. Nebenbei berichtete er, daß der Profos bereits vier Spiegeleier verdrückt habe – lediglich geschlagen von Paddy Rogers, der es bisher auf sechs gebracht hätte.

„Der Profos und Paddy sind die größten Fresser an Bord“, erläuterte er kopfschüttelnd. „Wo das bloß hinführen soll!“

„Reichen denn die Eier?“ fragte Hasard.

„Doch, doch“, versicherte Mac. „Unsere lieben Hühnerchen sind ja fleißig.“ Er begutachtete die Spiegeleier in der Pfanne, nickte und sagte: „Sind fertig. Wünschen die Gentlemen etwas Gewürz dazu?“

Hasard verneinte, Stenmark bevorzugte Pfeffer auf dem Gelben vom Ei. Der Kutscher besorgte das. Mac bugsierte die Spiegeleier von der Pfanne auf zwei Zinnteller, fügte das Fladenbrot dazu und rüstete Stenmark und Hasard mit je einer Gabel aus. Sie speisten auf der Kuhl.

Al Conroy meldete die Drehbassen schußklar und verschwand in der Kombüse, um sich gleichfalls bedienen zu lassen.

Zwischen ein paar Bissen fragte Stenmark: „Warum hat Al die Drehbassen schußfertig gemacht, Sir? Rechnest du mit irgendeinem Angriff?“

„Das sagte ich schon Al“, erwiderte Hasard. „Wenn ich das wüßte! Aber irgend etwas braut sich zusammen.“

Stenmark grinste. „Bei Old Donegal aber noch nicht.“

„Ich geb’ ja zu, daß ich mich täuschen kann“, sagte Hasard. Er hatte schneller als Stenmark gegessen und wischte den Zinnteller bereits mit den Resten seines Fladenbrotes sauber.

Er stand von der Taurolle auf, als ein Zischlaut aus dem Hauptmars von Jack Finnegan ertönte.

Hasard schaute hoch.

„Sir!“ rief Jack Finnegan gedämpft. „Von der Landseite nähern sich Gestalten durchs Watt! Durch die Priele werden außerdem Boote gestakt!“

Hasard war mit einem Satz am Schanzkleid der Backbordseite und rief nach unten: „Sofort alle aufentern und Lampen aus!“

Das gleiche rief er an Steuerbord nach unten.

Die Mannen reagierten sofort. Stenmark fegte schon in die Kombüse, alarmierte Al Conroy und holte Kohlebecken. Die Männer enterten schnell wie Affen auf.

Hasard nahm eine der Bordlampen, holte weit aus und schleuderte sie nach Backbord querab. Sie torkelte in einem großen Bogen durch die Luft, senkte sich, beleuchtete für einen kurzen Moment Gestalten, die wie erstarrt standen, klatschte aufs Wasser und zerbarst in einem Feuerblitz.

Über das Watt an Backbord der „Santa Barbara“ gellten Wutschreie, die Gestalten setzten sich in Bewegung und stürmten, durchs Wasser springend und watend, auf die Galeone los. Sie schwenkten Handwaffen – offenbar Krummsäbel und Messer. Aber dann zischten auch Pfeile auf die „Santa Barbara“ zu. Die Kerle in den Booten stakten wie verrückt und waren schneller als die Wattläufer.

„An Steuerbord aufentern!“ brüllte Hasard, denn dort waren die Arwenacks vorm Pfeilbeschuß sicher. „Beeilung, Männer!“

Jack Finnegan feuerte vom Hauptmars aus eine Muskete ab. Ein Bogenschütze in einem der Boote wurde zurückgestoßen und riß drei Kerle mit sich. Das Boot schlug quer und bot seine Backbordseite dar.

Da krachte auch schon der erste Schuß aus einer Drehbasse auf dem Backbordschanzkleid der „Santa Barbara“. Stenmark und Al Conroy bedienten sie. Die gehackte Ladung hieb in das Boot und fetzte es auseinander. Die Kerle stürzten ins Prielwasser. Die anderen brüllten wie die Irren. Wut und Enttäuschung waren herauszuhören.

Der Überraschungseffekt war zum Teufel. Sie hatten gemeint, leichtes Spiel zu haben – nämlich sich unbemerkt im Schutz der Dunkelheit nähern und über die an der Galeone arbeitenden Männer herfallen zu können. Denn wer sieht schon einen Feind, den die Nacht tarnt, während das Opfer blind ist, weil es sich im Licht der Lampen befindet!

Richtig! Das galt für die Männer, die unten an der Backbordseite der Galeone arbeiteten, aber nicht für Jack Finnegan oben im Hauptmars – er hatte aufgepaßt und die Schlappe seines Freundes Paddy ausgewetzt. Rechtzeitig genug, daß sie aufentern konnten – bis auf einen!

Carberry führte seinen eigenen Krieg. Er hatte an Backbord gearbeitet, und als Hasards Alarm erfolgte, hatte er auf seiner Höhe, nämlich querab des Achterschiffs, ein Boot entdeckt, das sich bereits bis auf etwa vierzig Yards der Galeone genähert hatte.

Da war er in den Priel getaucht – mit genauer Peilung des Bootes, bevor er unter Wasser verschwand. Tief war’s nicht, er konnte sich vom Grund auch mit den Füßen abstoßen. Den Hammer hatte er mit. Der steckte im Gürtel, ebenso der Meißel. Sonst hatte er keinerlei Waffen bei sich.

Als der Schatten über ihn wegglitt, duckte er sich, fuhr dann aber wieder hoch. Er befand sich am Heck des Bootes. Das hatte er mehr geahnt als gesehen.

Sich mit der Linken am Dollbord festhaltend, langte er mit der Rechten zu, griff sich den Kerl an der Pinne, schwenkte ihn hoch und außenbords und versenkte ihn. Der Kerl schien wie erstarrt zu sein. Die anderen im Boot auch. Fünf waren es noch.

Carberry verspürte viel Grund unter den Füßen – da war wohl wieder mal ein Sandbuckel –, richtete sich auf, grinste die Kerle an – und stemmte mit einem Ruck das Heck des Bootes hoch, duckte sich blitzschnell, drückte im Aufrichten nach und kippte das Boot samt der fünf Kerle in seiner ganzen Länge über den Bug hin um.

Ein Kraftakt! Aber der Profos verschlang ja auch so viele Spiegeleier.

Das Boot lag kieloben auf dem Wasser, darunter die Kerle. Carberry holte seinen Hammer aus dem Gurt und drosch zwei wüste Löcher in den Rumpf. Als einer der Kerle seinen Kopf durch ein Loch steckte, verpaßte ihm Carberry den Profoshammer, nämlich die Faust aufs Haupt.

Das war der Moment, in dem Hasard den bereits vermißten Profos entdeckte.

„Ed!“ brüllte er. „Laß den Quatsch! Komm sofort zurück! Das ist ein Befehl, verdammt noch mal!“

„Aye, Sir“, murmelte der Profos, hämmerte noch ein Loch in das Boot, schaute sich um, entdeckte ein zweites Boot, das in schneller Fahrt auf ihn zugestakt wurde – und verzog sich schleunigst unter Wasser, nachdem er mächtig Luft gepumpt hatte.

Später erklärte er treuherzig, er habe sich in der Richtung geirrt. Jedenfalls schwamm er unter Wasser dem anderen Boot entgegen und ging es von vorn an, wo ein Kerl über den Vorsteven hing und ins Wasser stierte, offenbar, um Peilung von dem Christenhund aufzunehmen. Das Wasser im Priel war ja wirklich noch nicht tief. Carberry hatte immer noch Grundberührung.

Er tauchte vor dem Kerl auf, griff ihm ins Haar, sagte etwas Freundliches, riß ihn von Bord und versenkte auch diesen Mann. Dieses Boot kippte er übers Heck um, indem er den Bug anlüftete, so daß alle Mann nach achtern purzelten und dort versammelt waren, als das Boot auf sie stürzte.

„Ed!“ brüllte Hasard außer sich.

Carberry zog den Kopf ein. Den Ton kannte er. Schade, er hätte diesem Kahn auch gern noch ein paar Löcher verpaßt, aber wenn der Kapitän derartig brüllte, dann wurde es Zeit, die Ohren anzulegen – dies im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Pfeil zischte an Carberrys rechtem Ohr vorbei, hautnah, er meinte, sogar das gefiederte Schaftende am Ohrrand gespürt zu haben.

Wer hatte geschossen?

Aha! Der Kaftanmann im Bug des dritten Bootes, das herangestakt wurde. Dieser Hundesohn! Mit einem fürchterlichen Schwung schleuderte Carberry den Hammer dem Kerl entgegen – gerade als der mit Pfeil und Bogen wieder auf ihn anlegte. Mit dem Schuß wurde es nichts. Der Hammer traf voll und fegte den Kerl rückwärts in die Plicht.

Carberry schwenkte herum, sprang etwas hoch, knickte ab und glitt wie ein Aal ins Wasser. Weg war er. Und so hörte er auch nicht mehr, daß der Kapitän gedroht hatte, ihm ein paar Zähne einzuschlagen.

5.

Er enterte an Steuerbord auf – über die Jakobsleiter, die Smoky auch sofort einholte, als der Profos triefnaß auf die Kuhl sprang, aber gleich zwei Schritte zurücktrat, weil der Kapitän vor ihm auftauchte wie ein Gespenst der Verdammnis.

Doch es war ein freundliches Gespenst, das auch keine Zähne einschlug. Allerdings knurrte es.

Es knurrte: „Da, sauf, damit die Partie mit Will wieder gleichsteht, du verrückter Affenarsch!“ Und damit drückte das Gespenst dem Profos eine Buddel Rum in die Hand und war gleich darauf wieder verschwunden, denn dieser mitternächtliche Überfall auf die „Santa Barbara“ war noch längst nicht beendet. Er wurde fast zu einem Alptraum, denn diese Kerle, welche die Wüste ausgespuckt zu haben schien, steckten nicht auf.

Sie hatten überraschen wollen – und waren selbst überrascht worden, und das insbesondere von der merkwürdigen Kampfesweise eines einzelnen Mannes, der wie ein Berserker gewütet hatte. Doch das hielt sie nicht davon ab, ihre Angriffe fortzusetzen, und zwar noch wütender und fanatischer als zuvor. Außerdem wußten sie sich in der Überzahl.

Sie kannten das Wattengebiet von Abu Dhabi so genau wie das Innere ihrer Zelte, die im Schutze der Dünen aufgebaut waren. Sie wußten, welche „Khawrs“ mit genügender Wassertiefe durch die „Sabkhas“ führten – und in welche Richtungen sie abzweigten.

„Khawrs“, das waren die Priele, „Sabkhas“ die weiten Salztonflächen des Watts, die mitunter von dem auflaufenden Wasser überflutet wurden.

Die Sandbänke vor der Küste waren ihnen ebenso vertraut wie die vielen verschwiegenen Naturhäfen am Uferrand oder bei den Inseln und Inselchen. Und sie wußten exakt, wo die Korallenbänke lagen.

Sie waren nomadisierende Wüstenbewohner und benutzten „das Schiff der Wüste“ – das Kamel. Es ermöglichte ihnen bei Gefahr im Verzuge die schnelle Flucht in die Wüste – oder den schnellen Ortswechsel entlang der Küste, wenn es galt, ein Schiff im Auge zu behalten, das zu plündern sich lohnte, sobald die Gelegenheit günstig war.

Dann wandelten sie sich zu Fischen im Wasser, zu Raubfischen, wobei sie sich flinker kleiner Boote oder Dhauen bedienten, die sie exzellent beherrschten.

In der Praxis ihres Gewerbes der Piraterie hatte es immer wieder Fälle gegeben, daß Schiffe auf den tückischen Sandbänken oder Korallenriffs aufliefen. Im Bild ähnelte das der Situation einer Fliege, die ins Netz einer Spinne geraten ist. Je heftiger sie zappelte, desto mehr verstrickte und verausgabte sie sich.

Es hatte sich alles so abgespielt, wie das die Kerle gewohnt waren. Und sie hatten schon vorher gewußt, daß es die Christenhunde nicht schaffen würden, ihr Schiff mittels des ausgebrachten Ankers und des Gangspills von der Sandbank zu ziehen.

Der Grund lag auf der Hand: Die Galeone war zum Ende des Hochwassers auf die Sandbank geraten, das Wasser begann bereits wieder abzulaufen, als der Anker ausgebracht wurde. Das heißt, jetzt verminderte sich der Wasserstand von Minute zu Minute, zwar langsam, doch stetig. Je weniger die Galeone aufschwamm, desto fester saß sie auf dem Sand. Da reichten die Kräfte der gesamten Mannschaft nicht mehr aus, die Position ihres festgefahrenen Schiffes auch nur um Haaresbreite zu verändern.

Die Fliege klebte im Netz.

Die Späher der Piraten von Abu Dhabi frohlockten, als sie am Abend entdeckten, wie die Christenhunde ihr Schiff verließen und anfingen, den Muschelbewuchs vom Rumpf zu entfernen. Dazu brauchten sie Licht – natürlich. Aber daß sie sich damit ihren Henkern blind darboten, das ahnten diese weißen Tölpel nicht. Sie konnten nicht vom Hellen ins Dunkle schauen, sie waren zudem durch die Arbeit an den Muscheln abgelenkt, und um Mitternacht würde die Müdigkeit einsetzen.

Das war der Zeitpunkt zum Angriff, wie er günstiger nicht sein konnte, zumal sie auch noch zu Fuß ans Schiff herankamen und die Boote nicht zu überlasten brauchten. Bei dem Angriff zu Fuß über das Watt hatten sie den weiteren Vorteil, in völlig loser Kampfordnung vordringen zu können. Es gab keine Zusammenballungen. Der Gegner mußte jeden Angreifer einzeln aufs Korn nehmen.

Aber der Überraschungsangriff war geplatzt, alles hatte sich anders entwickelt als sonst, ja, sie hatten bereits Tote zu verzeichnen, was selten passierte. Und sie hatten zwei Boote verloren. Das dritte trieb noch kieloben auf dem Priel.

Sie schwärmten aus und griffen jetzt die „Santa Barbara“ von allen Seiten an, deren Mannen damit zur Rundumverteidigung gezwungen wurden.

Hasard begriff das sehr schnell und postierte seine Arwenacks längs der Schanzkleider. Sie hatten sich inzwischen mit Pistolen, Tromblons, Musketen und Blankwaffen ausgerüstet. Jack Finnegan war abgeentert, Batuti hatte den Hauptmars bezogen – abgeteilt von Hasard für den Pfeilbeschuß auf die Boote: Wenn die Brandpfeile in den Booten steckten, boten die Kerle darin genauere Ziele für die Musketen der Arwenacks, ganz abgesehen davon, daß Batuti auch Pulverpfeile einsetzte, deren explodierende Wirkung die Kerle von Bord jagte.

Ein Boot brannte bereits wie eine Fackel und beleuchtete den Umkreis, wo die Kerle schleunigst wegtauchten, als die ersten Kugeln um sie herum ins Wasser klatschten.

Die „Santa Barbara“ wurde zur Festung, gegen die der Gegner Sturm rannte. Jetzt arbeitete die Zeit gegen ihn, denn das Wasser stieg ja und würde ein schnelles Heranwaten immer schwieriger gestalten.

Sie wußten das und griffen an wie die Teufel. Natürlich waren alle Jakobsleitern und Taue, die außenbords gehangen hatten, eingeholt worden. An dem Muschelbewuchs – jetzt erwies er sich paradoxerweise als Verteidigungsmittel – zerschnitten sie sich die nackten Füße, aber sie kletterten an den schräg gegen den Rumpf gestellten Pallhölzern hoch, und sie versuchten es vorn und achtern.

Es war einer der Unterführer Hassan al-Karabs, des Scheichs dieses Raubstammes der Joasmäer, dem es gelang, über ein Pallholz das Steuerbordschanzkleid in Höhe der achteren Kuhl zu erreichen.

Allerdings war der Kerl bemerkt worden, und zwar von Mac Pellew, der dort Posten bezogen hatte. Auch Mac hatte eine eigene Kampfesweise in derlei Situationen, und sie war von ihm weiß Gott in unzähligen Fällen erprobt worden.

Er kämpfte nicht mit der Blankwaffe, wenn es an Bord des eigenen Schiffes zur Sache ging, sondern er bevorzugte die Bratpfanne, mit der er erstens nicht danebenhauen und zweitens seinen Körper abschirmen konnte. Mit der Bratpfanne hatte er schon viele Messer abgefangen.

Als der Kopf des Kerls am Schanzkleid auftauchte, wuchs auch Mac vor ihm hoch und drosch ihm die Bratpfanne, die er mit beiden Händen wie eine Axt führte, auf den Schädel. Es war jene Pfanne, in der er die Spiegeleier für die Mannen gebraten hatte.

Nein, nein, sie war nicht kalt. Sie war prächtig aufgeheizt und noch nicht abgekühlt, denn er hatte sie vor knapp einer Minute von einem der Becken genommen, in denen die Holzkohle für die Drehbassen glühte.

Booiiingg!

Es klang, als habe jemand mit einem Hartknüppel auf einen Haremsgong gehauen.

Dem Kerl rutschte der Kopf in den Hals. Er sauste mit abgespreizten Beinen in den Grätschsitz und rasselte in dieser Haltung wie ein Reiter den schrägen Balken wieder hinunter ins Wasser, was ihm guttat. Denn eine Sause über Holz mit dem Hintern erzeugt mächtige Hitze infolge der Reibung. Der Hintern qualmte sozusagen.

In das fürchterliche Gebrüll des Kerls mischte sich das Ziegenbockgemecker Mac Pellews, eine Art Höllengelächter. Es ließ die Kerle, die an Steuerbord aufentern wollten, buchstäblich erstarren. Und sie sahen mit Entsetzen, wie ihr Unterführer – einer der Tapfersten und Wildesten im Stamm – im Wasser auf und nieder hüpfte und sich dabei den Hintern festhielt, obwohl auch seine Hände versengt waren, mit denen er versucht hatte, sich am Holz noch festzuklammern.

Schlimm genug – der große Kämpfer des Stammes hatte bei der Abwärtssause das Messer verloren, das er quer im Mund gehabt hatte. Es steckte mit dem Griff im Sand. Und der Hüpfer sprang drauf – mit dem rechten Fuß. Er konnte es ja nicht sehen, weil das Wasser darüberstand und die Klinge verbarg.

Der große Kämpfer stieg mit einem schrillen Jaulen in den Nachthimmel, als wolle er dort die Sterne besuchen. Als er rücklings ins Wasser klatschte, sahen die Kerle mit Schaudern das Messer im rechten Fuß ihres Unterführers – aus dem Rist ragte die Klinge, aus der Sohle der Griff.

Man sieht, was eine Bratpfanne alles anrichten kann.

Der Angriff an Steuerbord geriet ins Stocken. Sie zerrten ihren Unterführer in die Dunkelheit, wo er vermutlich in eins der Boote übernommen wurde.

Aber sie setzten ihre Angriffe fort. Eine Gruppe hatte sich unter dem Überhang unter dem Heck versammelt. Das Achterkastell überragte sie. Sie befanden sich in einem toten Winkel. Offenbar verfielen sie nicht auf die naheliegende Idee, das Ruder zu zerstören. Vielmehr bemühten sie sich, Seile mit Enterhaken nach oben zu schleudern, um beim Festkrallen der Haken an den Seilen auf entern zu können.

Hier, ganz achtern, geisterte Old Donegal herum. Sobald ein Haken hochflog und sich festsetzte, kappte er das Tau. Er hatte bereits acht Haken aufgesammelt. Allmählich wurde er das leid. Er verständigte sich mit Hasard junior, der sofort Feuer und Flamme war.

Dieses Söhnchen des Seewolfs sollte auf dem Achterdeck für Munitionsnachschub sorgen und die leergeschossenen Waffen – Pistolen und Arkebusen sowie Tromblons – nachladen. Gleiches besorgte Philip junior vorn auf der Back.

So geschah es.

Als wieder ein Enterhaken festsaß – ganz achtern am Schanzkleid – wurde das Tau nicht gekappt, sondern Old Donegal wartete lauernd ab. In beiden Händen hatte er das zum laufenden Palstek geknüpfte Ende des Besanfalls – also eine Schlinge.

Von unten enterte einer der Kerle auf – es spielte sich ab wie bei Mac Pellew. Als der Kopf auftauchte, begegnete ihm aber keine Pfanne, sondern die Schlinge, die ihm Old Donegal blitzschnell überstülpte. Ein Zuruf zu Hasard junior genügte.

Der stand am Fall und holte durch. Die Schlinge zog sich zusammen. Old Donegal humpelte zu ihm, griff mit ins Fall, und gemeinsam hievten Enkel und Großvater den Kerl in die Höhe, bis er zappelnd an den Besanmast schwang, wo ihn Old Donegal abfing – an den Füßen –, mit ihm nach Steuerbord lief, Schwung gab und nach Backbord sausen ließ.

Das Fall war lang genug. Der Kerl segelte, am Halse langgezogen, mit Fahrt übers Schanzkleid. Am Endpunkt seiner Luftreise ließ Hasard junior das Fall los. Querab an Backbord raste der Kerl senkrecht hinunter ins Wasser, stauchte sich Fußknöchel und Knie auf dem Grund – das Wasser stand etwa yardhoch – und kippte vornüber, wobei ihm der Palstek über den Kopf rutschte. Hasard junior holte sofort das Fall hoch.

Jetzt war es Old Donegal, der ein Ziegengemecker ausstieß. Außerdem band er eine Flaschenbombe an eine Leine, entzündete die Lunte und fierte die Flasche übers Heck nach unten ab. Jemand da unten schien sie an sich zu reißen, denn es gab einen plötzlichen Ruck.

Und dann krachte es. Und es wurde wieder gebrüllt.

Von da ab flogen keine Enterhaken mehr hoch. Der tote Winkel unter dem Achterkastell hatte seine Schutzfunktion eingebüßt.

Auf der Back stieß einer der aufenternden Kerle auf den Schimpansen Arwenack, der ihn ansprang und ins Ohr biß. Dieser Mann behauptete später beim Verhör des Scheichs, er sei dem Scheitan begegnet, einem behaarten Scheitan mit langen Armen, krummen Beinen und aufgestülpten Lippen. Und nackt sei er auch gewesen, genauso nackt wie der Schädel eines Mannes, der hinter dem Scheitan aufgetaucht sei.

Na ja, Smoky hatte sich nicht extra vorgestellt, weil der Kerl freiwillig über Bord gesprungen war.

Die Miene Scheich Hassan al-Karabs wurde von Mal zu Mal finsterer und bedrohlicher, als sich die Hiobsbotschaften mehrten. Er war ein schlanker, breitschultriger Mann mit einem braungetönten Raubvogelgesicht, in dem Augen von der Härte und Farbe des Obsidians funkelten.

Er hockte auf einem Kamelsitz, als der Unterführer ins Zelt getragen wurde – auf einer Decke, die vier Mann an den Zipfeln festhielten und vor ihm niederließen. Mustafa Mulla sah gar nicht gut aus. Sein Kopf wirkte wie eingedrückt, und er schien etwas zu schielen. Zudem trug er eine gequälte Miene zur Schau und bemühte sich in merkwürdiger Weise, sein Gesäß zu heben, indem er sich auf den Ellbogen abstützte, statt die seltsam gespreizten Hände zu benutzen.

„Was ist los?“ fuhr ihn Hassan al-Karab an. „Wo ist die Beute? Wo sind die gefangenen Giaurs? Ich will sie sofort sehen! Führt sie vor!“

Es gab keine Beute und keine gefangenen Giaurs. Statt dessen lüftete Mustafa Mulla, der große Kämpfer, seinen Hintern noch höher und sagte gequält: „Sie – sie kämpfen nicht wie Männer, erhabener Sidi. Sie kämpfen mit den Geräten der Küche wie Weiber, denen die Zähne ausfielen und der Leib unfruchtbar wurde.“

Mac Pellew wäre unter die Decke gegangen, hätte er diese Abwertung gehört. Hassan al-Karab hatte auch nicht viel übrig für diese blumige Umschreibung einer offenbaren Niederlage, noch dazu hervorgerufen von zahnlosen und unfruchtbaren Weibern. Er hakte sich an „den Geräten der Küche“ fest.

„Mit was haben sie gekämpft?“ fauchte er.

Mustafa Mulla zog den Kopf ein, als drohe der zweite Schlag des beschämenden Geräts der Küche.

„Mit – mit einer Bratpfanne, o Sidi!“ stammelte er.

Hassan al-Karab sprang senkrecht hoch und stieß sich den Kopf am Zeltgestänge. Das ganze Zelt wackelte.

„Willst du mich verhöhnen, du Sohn einer Kamellaus?“ schrie er. „Bist du noch bei Sinnen? Kein Mann kämpft mit einer Bratpfanne, auch kein Giaur! Sie stechen und fechten und schießen, diese Hunde!“ Er rieb sich den Kopf, ließ sich wieder auf dem Kamelsitz nieder und fragte lauernd: „Wo traf dich dieses Gerät?“

„Auf den Kopf, erhabener Sidi.“

„Und was ist mit deinem Hintern?“

Mustafa Mulla wand sich und ächzte.

„Was ist mit ihm?“ schrie Hassan al-Karab. „Hattest du ihn den Weibern zugekehrt?“

„Nein, o Sidi! Ich rutschte auf ihm den Balken hinunter, der mit anderen das Schiff abstützt. Dabei verbrannte ich mir auch die Hände.“ Mustafa zeigte die Handflächen, sackte dabei aber wieder auf seinen schmerzerfüllten Allerwertesten und schrie auf.

Hassan al-Karab versetzte ihm zornbebend einen Tritt und brüllte: „Steh auf, du Schakal!“

„Mein Fuß wurde von einem Messer durchbohrt, erhabener Sidi!“ jammerte Mustafa Mulla.

„Hinaus mit ihm!“ schrie der Scheich. „Ich will diesen winselnden Wurm nicht mehr sehen!“

Die vier Kerle taten nichts lieber als das. Der Erhabene war unberechenbar, wenn die Wut in ihm tobte. Hastig packten sie die Deckenzipfel und schleppten Mustafa Mulla aus dem Zelt.

Hassan al-Karab tobte hinterher, ließ ein Kamel satteln und trieb es auf eine der höherstehenden Dünen, von wo er einen guten Überblick hatte.

Da sah er die Bescherung.

Die Galeone lag als dunkler trotziger Schatten auf der See, nichts bewegte sich dort, was auf Kampf hätte deuten können. Aber Gestalten bewegten sich durchs Watt aufs Ufer zu. Auch Boote wurden herangestakt. Sie griffen nicht mehr an, diese feigen Hunde, nein, sie hatten den Schwanz eingezogen und gaben Fersengeld.

Hassan al-Karab knirschte mit den Zähnen, trieb das Kamel den Dünenhang hinunter und ritt den an Land watenden Kerlen entgegen. Zwei stolperten bereits in Richtung des Lagers. Zwischen sich hatten sie einen dritten, dessen Kopf seltsam hin und her pendelte und verdreht wirkte.

War der auch unter eine Bratpfanne geraten?

Er konnte nicht antworten, sondern nur röcheln. Aber einer der beiden, die ihn stützten, berichtete schaudernd, Salim Hamid sei an einem Tau achtern aufs Schiff gezogen worden.

„Am Halse, o Sidi!“ sagte der Mann keuchend. „Fast bis in die Höhe des hinteren Mastes. Und wie ein großes Pendel wurde er von der einen zur anderen Schiffsseite geschwenkt, und als er über dem Wasser schwebte, ließ man das Tau los, und er stürzte abwärts.“

„Krrggs-krrggs“, bestätigte Salim Hamid und schielte mit tief gebeugtem und verdrehtem Kopf zum Erhabenen hoch.

Waren die Kerle allesamt verrückt geworden, oder schwindelten sie ihm was vor? Aber der Hals von Salim Hamid wies deutliche Strangulationsmerkmale auf. Es war ein Wunder zu nennen, daß er das überlebt hatte.

Das Wunder oder das Überleben nun interessierte Hassan al-Karab nicht im geringsten – so wenig, wie ihn der Tod einer Laus erschütterte. Vielmehr fragte sich der Erhabene, was das für abenteuerliche Giaurs seien, die mit Bratpfannen und Henkerschlingen kämpften.

Hinzu kam die sehr merkwürdige Begebenheit, die von den Spähern gegen Mittag berichtet worden war. Sie hatten beobachtet, wie einem Mann auf dem Schiff der Kopf kahl geschoren worden war. Diese Maßnahme wurde – unter anderem! – bei Eunuchen vorgenommen.

Sie führte bei Hassan al-Karab zu dem Schluß – einem fatalen Trugschluß –, daß die Galeone eine Ladung Frauen an Bord habe. Und der Glatzkopf, war ihr Wächter – natürlich. Hatte die erste Sichtmeldung vom Auftauchen der Galeone in der Straße von Hormus schon ein Glitzern in den Obsidianaugen Hassan al-Karabs ausgelöst, so war das nichts gegen die Erregung, die ihn bei der Mittagsmeldung packte und sein Blut wallen ließ.

Es konnte sich bei den Frauen nur um weiße Christenweiber handeln! Um Blond- und Rothaarige! Scheich Hassan al-Karab sah ungeahnten Freuden entgegen. Er verrannte sich in die Idee von der Frauenladung wie ein Stier, der zwecks Erhaltung der Art auf die Kuh losgeht – oder drauflosstürmt.

Da Salim Hamid – wenn auch unter sehr sonderbaren Umständen – kurzweilig über dem Achterdeck geschwebt hatte, wollte nun Hassan al-Karab von ihm wissen, ob er die Christenweiber gesehen habe, denn bisher hatten sie sich noch nicht gezeigt.

Aber da konnte Salim Hamid nur gequält mit dem Kopf schütteln. Zum Dank für diese Auskunft zog ihm der Erhabene einen Hieb mit der Nilpferdpeitsche über – einem Beutestück mit ziseliertem, silbernem Griff.

Dann stieß Hassan al-Karab auf Sulman, dem die Hälfte vom rechten Ohr fehlte, aber eben nicht vom Hieb einer Blankwaffe, was noch eine ehrenhafte Verletzung gewesen wäre – und es hätte auch nach einem glatten Schnitt ausgesehen, nicht so zerfranst –, sondern vom Biß des „Scheitans“ mit dem haarigen nackten Körper, den langen Armen und krummen Beinen.

Aber Sulman hatte zumindest auch den Glatzkopf gesehen – den Eunuchen! –, nur leider keins der Christenweiber. Daraus folgerte Hassan al-Karab, daß sich die Weiber unter dem Vordeck aufhielten, weil der Glatzkopf die Back verteidigt hatte. Mit der Beschreibung des „Scheitans“, der halbe Ohren abbiß, konnte er nichts anfangen. Zudem hatte es niemand der Späher für nötig gehalten, dem Erhabenen zu melden, daß sich an Bord der Galeone ein Affe, ein Hund und ein Papagei befänden. Das Rätsel des „Scheitans“ wäre dann sehr schnell gelöst worden.

Auch Sulman wurde die Ehre zuteil, die Schärfe der Nilpferdpeitsche spüren zu dürfen. Im Unterschied zu dem halsverdrehten Salim Hamid konnte er seiner Freude über die Hiebe durch Jaulen Ausdruck verleihen.

Bratpfanne, Henkerschlinge, ohrfressender Scheitan – es paßte rein gar nichts zusammen und wurde immer abstruser.

Die Krone war indessen der verworrene Bericht des Ali Jassir, eines ähnlich furchtlosen Kämpfers wie Mustafa Mulla. Auch ihm war es gelungen, über ein Pallholz das Schanzkleid zu erreichen, und zwar an Backbord.

Kaum sei er an Deck gesprungen, da habe ihn ein vierbeiniges Ungeheuer mit fletschenden Zähnen und glühenden Augen angefallen. Und Ali Jassir zeigte – abgesehen von seinem zerfetzten Gewand – die Bißwunden an Armen, Oberschenkel und – na ja – Hintern. Aber damit nicht genug. Es war ihm gelungen, sich von dem Ungeheuer zu befreien und in das Hauptwant zu fliehen, wo ihn das Ungeheuer nicht mehr erreichen konnte.

„Und dort, o Sidi“, sagte Ali Jassir, „wurde ich von einem Falken attackiert, der mit dem Schnabel nach mir hackte und Haare ausriß!“

Es stimmte. Seine Kopfpracht sah nach Mottenfraß aus, auf seinen Wangen und der Stirn klafften Wunden und hingen Hautfetzen.

„Er konnte sprechen, der Falke“, sagte Ali Jassir verstört. „Aber ich verstand seine Sprache nicht, nur ein Wort stieß er häufiger aus. Es klang so!“ Und Ali Jassir ahmte in der Papageiensprache das Wort „Affenarsch“ nach. Es hörte sich ziemlich merkwürdig an.

„Affenarsch?“ wiederholte Hassan al-Karab gereizt. „Was heißt das?“

Ali Jassir wußte es nicht. Er hatte auch niemanden fragen können, weil er bei den Attacken Sir Johns von dem Want gestürzt und ins Wasser gestürzt war.

„Hast du die Weiber gesehen?“ schrie ihn Hassan al-Karab an.

Ali Jassir verneinte. Hätte er die Frage einfach bejaht, dann wäre ihm die Nilpferdpeitsche möglicherweise erspart geblieben. So konnte er nur weiter leiden und ebenfalls jaulen, und die Peitsche biß genauso scharf wie das vierbeinige Ungeheuer. Der Erhabene prügelte ihn quer durch die Dünen.

Am Prielhafen schließlich, wo die Dhauen und Boote lagen, vernahm Hassan al-Karab die Kunde von dem „Meermann“, der mit ungeheuerlichen Kräften zwei Boote ausgehoben und umgestürzt hatte. Er habe ein zernarbtes, häßliches Gesicht und ein felsiges Kinn gehabt und mit einem Hammer gekämpft.

Alles in allem: Das waren äußerst beunruhigende Meldungen – nicht wegen der Verluste an Toten und Verletzten, denn der Scheich gebot immer noch über an die hundert und mehr Kämpfer. Nein, beunruhigender war die absonderliche Kampfesweise dieser Christenhunde, die in kein Schema paßte. Das hatte es noch nicht gegeben in der langen Geschichte des Raubstammes der Joasmäer. Wer mit Bratpfannen, Henkerschlingen, ohrfressenden Teufeln, vierbeinigen Ungeheuern, sprechenden Falken und monströsen Meermännern einen Kampf bestritt, der konnte nicht normal sein.

Vielleicht waren auch die Frauen verhext?

Dennoch, Hassan al-Karab war nicht gewillt, die Beute fahrenzulassen, die er, wie er meinte, schon so gut wie sicher in den Klauen hatte. Daran änderte auch die Schlappe nichts, die er erstmals hatte einstecken müssen.

Er würde die Angriffe von nun an selbst führen.

6.

Die Mannen auf der „Santa Barbara“ waren reichlich geschafft: erst die harte Arbeit mit dem Abklopfen des Muschelpanzers und dann der Abwehrkampf gegen die Kerle, die die Galeone hatten entern wollen. Immerhin, es hatte bei den Arwenacks keine Verletzungen gegeben.

Hasard rechnete mit weiteren Angriffen. Das lag auf der Hand. Sie hatten die Kerle zwar abschlagen können, aber das besagte nichts. Es waren zu viele gewesen, und von einer vernichtenden Niederlage konnte nicht die Rede sein. Es war ein Abwehrerfolg, mehr nicht. Und die Kerle waren gefährlich.

So ließ der Seewolf eine Gefechtswache aufziehen. Außerdem zogen es die meisten vor, an Deck zu schlafen.

Aber der Rest der Nacht verging, ohne daß ein weiterer Angriff erfolgte. Als die Sonne durchbrach, enterte Hasard auf den Hauptmars und studierte durch den Kieker die Inseln an Backbord und die dahinterliegende Küste. Sie wirkten einsam und wie ausgestorben. Doch das täuschte sicherlich. Wohin die Priele führten, die sich durch das Wattgebiet schlängelten und in das Land zu dringen schienen, war nicht zu erkennen. Immer wieder versperrten die Dünen eine weitere Sicht.

Hasard enterte nachdenklich ab – nicht ohne Bill, der jetzt den Ausguck übernommen hatte, ermahnt zu haben, noch schärfer als sonst aufzupassen.

Das Wasser lief immer noch auf. Gegen acht Uhr würde der Hochwasserstand erreicht sein. Dann wollten die Arwenacks erneut in die Hände spucken, um die „Santa Barbara“ von der „Paddy-Rogers-Schlafinsel“ abzubringen. Zwar war die Galeone noch nicht von ihrem Muschelpanzer insgesamt befreit, aber vielleicht genügte das an Ballast, was bisher entfernt worden war.

Hasard saß zwischen zwei Stühlen. Einerseits mußte der Muschelpanzer entfernt werden – wennschon – dennschon –, andererseits konnten die Kerle jederzeit wieder angreifen. Aber es behagte dem Seewolf nicht, hier festzuliegen wie auf einem Präsentierteller. Er und seine Arwenacks kämpften lieber von einer in Fahrt befindlichen „Santa Barbara“ aus. Das war ihr Metier, das sie mit allen Winkelzügen und Finessen beherrschten, gar nicht zu reden von ihrer ausgezeichneten Seemannschaft.

Es stank ihnen gewaltig, bewegungslos und wie festgeleimt auf der Sandbank zu sitzen – und vor allem, dem Gegner die Initiative überlassen zu müssen. Nicht mal ausreißen konnten sie! Ausreißen war keine Schande, sondern stets der bessere Teil der Tapferkeit, wenn der Gegner übermächtig war.

Letzteres schien der Fall zu sein. Überschlägig hatte Hasard in der Nacht mindestens siebzig Angreifer gezählt, eher waren es mehr.

„Na?“ fragte Ben Brighton, als Hasard aufs Achterdeck stieg. „Was entdeckt?“

Hasard schüttelte den Kopf und zitierte aus der Schöpfungsgeschichte: „Und die Erde war wüst und leer.“ Er grinste hart. „In unserem Falle würde ich das begrüßen. Was mir nicht gefällt, das sind die Priele, die zwischen den Dünen verschwinden. Weißt du, was das sind? Das sind hervorragende Schlupfwinkel für Küstenwölfe. Die Kerle hatten Routine. Stimmst du mir zu?“

Ben Brighton nickte. „Ja. Das ging mir heute nacht auch durch den Kopf. Hätte Jack Finnegan die Kerle nicht rechtzeitig bemerkt, wären wir dran gewesen. Es waren zu viele. Sie hatten den Zeitpunkt für ihren Überfall gut abgepaßt. Verrückt, daß sie ihre Boote stakten, wie?“

„Nein, nicht verrückt, dafür jedoch lautlos, Ben“, erwiderte Hasard. „Riemen pflegen meistens zu knarren, und die Riemenblätter verursachen ein Plätschern. Gerade daß sie stakten, deutet auf ihre Routine hin.“

„Da hast du recht“, sagte Ben Brighton und fügte nachdenklich hinzu: „Ob das ihre einzigen Untersätze sind?“

„Bestimmt nicht“, erwiderte Hasard. „Küstenwölfe begnügen sich nicht mit Booten. Die haben garantiert auch größere Segler, und zwar Schiffchen, deren Tiefgang sie nicht hindert, die Priele zu befahren – oder auf ihnen zu verschwinden. Wer diese verdammte Ecke hier genau kennt, der ist fein heraus.“

„Vielleicht sollten wir an Land ein bißchen erkunden“, schlug Ben Brighton vor. „Oder uns mal die Rückseiten der Inseln anschauen. Was meinst du?“

„Ben“, sagte Hasard mit mildem Tadel in der Stimme, „du denkst doch sonst so gründlich nach! Was meinst du wohl, was die sich freuen, wenn wir so dumm sind, bei ihnen zu erkunden!“

„Ja“, sagte Ben erbost, „klar werden die sich freuen. Aber ich werde hier kribbelig.“

„Ausgerechnet du!“ sagte Hasard und grinste. „Und wenn du schon kribbelig bist, wie darf ich mich denn dann fühlen, he? Ich würde auch gern wissen, was sich hinter den Inseln oder in den Prielen versteckt. Aber ich möchte mich nicht mit Pfeilen spicken lassen oder in einen Hinterhalt geraten. Ich sage doch, die Kerle kennen ihre Ecke, wir aber nicht. Ein Wattengebiet ist sowieso eine Landschaft für sich. Hier mußt du geboren sein, um zu wissen, was sich zwischen Ebbe und Flut abspielt.“

„Scheiße“, brummte Ben Brighton und starrte zum Land hinüber. Und dann spuckte er außenbords.

Carberry erschien auf dem Achterdeck, grinste friedvoll und erklärte: „Sir, bitte um Entschuldigung, aber ich wollte dir die Buddel Rum zurückbringen.“ Er holte sie hinter seinem Rücken hervor. „Hatte zwar mächtigen Durst, hab’ aber nur die Hälfte ausgetrunken, weil ich nicht wußte, ob du mir die Buddel geschenkt hast – äh –, oder hattest du sie mir geschenkt?“

Hasard peilte nach dem Pegelstand in der Flasche. Es stimmte. Die Hälfte war noch drin. Da mußte sich der Profos mächtig am Riemen gerissen haben.

„Die war geschenkt, Ed“, sagte er, „für außergewöhnliche Verdienste um das Wohl der ‚Santa Barbara‘ und ihrer Crew, auch wenn du auf beiden Ohren schwerhörig warst und somit meine Befehle überhörtest.“

„Doch-doch, Sir“, versicherte der Profos, „deine Befehle hörte ich, aber die Umstände waren nicht so, sie sofort befolgen zu können. Ich bedanke mich – äh – submissest für die großzügige Schenkung, Sir.“

Hasard runzelte die Stirn. „Submissest? Wo hast du denn das her, Ed?“

„Ich nehme beim Kutscher Unterricht in der lateinischen Sprache, Sir“, erklärte der Profos unverfroren. „Um meine Bildung zu erweitern. Submissest heißt …“

„Ergebenst“, sagte Hasard, „ich habe auch mal ein bißchen Latein gelernt.“

Der Profos war enttäuscht.

Hasard grinste ihn an. „Frag mal den Kutscher, ob er weiß, was Anus Simiae heißt, Ed.“

„Was heißt es denn?“

„Affenarsch! Ganz wörtlich: der After des Affen. Anus ist After und Simiae der Affe. Simiae ist die Genitivform von Simia, also der Wesfall, der zweite Fall, wenn man das Wort Affe beugt oder dekliniert. Alles klar?“

Der Profos schluckte, murmelte dann andächtig: „Anus Simiae“, bedankte sich wieder „submissest“ und ging auf Kombüsenkurs.

„Ed!“ rief Hasard hinter ihm her. „In einer halben Stunde ist Alle-Mann-Manöver am Gangspill. Halt, warte mal, mir ist eben etwas eingefallen!“ Und schon fegte er auf die Kuhl hinunter, überquerte sie und enterte auf die Back.

Carberry folgte ihm. Ben Brighton schaute überrascht drein.

Hasard beugte sich vorn an Backbord über das Schanzkleid und schaute auf die Ankertrosse. Für einen Moment erschien ein grimmiger Ausdruck in seinen Augen. Dann trat er zurück und sagte zu Carberry: „Laß die Trosse einholen, Ed.“

„Trosse einholen?“ fragte Carberry irritiert. „Das geht doch nicht, Sir.“

„Wetten, daß es geht? Um die halbe Buddel Rum?“

„Nee! Wenn du so sicher bist, wette ich lieber nicht, Sir“, sagte der Profos, schob sich ans Schanzkleid und starrte ebenfalls hinunter auf die Trosse. „Wie steht sie denn?“ murmelte er verblüfft. „Überhaupt kein Zug mehr drauf.“

„Kann auch nicht“, sagte Hasard, „weil die Kerle sie heute nacht gekappt haben. Und warum haben sie die Trosse gekappt, mein lieber Ed?“

Der Profos fluchte. „Um uns hier festzunageln, Sir.“

„So ist es. Hätte dir auch früher einfallen können. Aber wenigstens hast du deine halbe Buddel Rum gerettet. Ich könnte jetzt einen Schluck vertragen. Wie sagt man? Morgenstunde hat Gold im Munde.“

Carberry fand, daß sein Kapitän trotz dieser beschissenen Situation immer noch einen prächtigen Humor hatte. Und dann gluckerten sie einen, der Kapitän und sein Profos.

Ben Brighton kreuzte auch auf, von der Neugier geplagt.

„Kann man nach dem Grund dieser Sauforgie fragen?“ erkundigte er sich.

„Kann man“, sagte Hasard. „Die Kerle haben heute nacht unsere Ankertrosse gekappt.“

„Du meine Güte“, sagte Ben Brighton. „Das heißt, daß wir …“

„… jetzt endgültig festsitzen“, ergänzte Hasard, „das hat Ed auch sehr richtig erkannt. Er nannte es festnageln. Gib Ben auch einen Schluck, Ed. Er sieht so verdrossen aus.“

Der Profos grinste und reichte Ben die Flasche. Der verschluckte sich beinahe.

„Nicht so hastig“, warnte Carberry, „auch wenn Morgenstunde Rum im Munde hat.“

„Gold“, verbesserte Hasard.

„Rum ist Gold“, erklärte der Profos.

„Da hast du auch wieder recht“, meinte Hasard, dachte nach, kratzte sich hinter dem Ohr und setzte hinzu: „Diese schlauen Hunde! Kappen die Trosse und wissen genau, daß wir das erst heute morgen bei Tageslicht entdecken. Jetzt – beim Hochwasserstand. Aber wir können nichts tun, solange die Verbindung zwischen Anker und Schiff unterbrochen ist. Und um diese Verbindung wiederherzustellen, müssen wir erst mal nach dem Anker suchen – was bei Niedrigwasserstand kein Problem ist. Aber den haben wir erst heute abend. Das heißt, daß diese Halunken bis zum Abend Zeit haben, uns ans Leder zu gehen – so sie das beabsichtigen.“

Fast alle Mann hatten sich auf und an der Back versammelt und hörten aufmerksam zu.

„Und uns“, fuhr Hasard fort, „bleibt jetzt nur eine ganz knappe Zeit, nach dem anderen Ende der Ankertrosse zu fischen, die Enden wieder zu verbinden und erneut zu versuchen, die ‚Santa Barbara‘ von der Sandbank zu ziehen. Oder wir lassen den gekappten Anker sausen und bringen sofort den Reserveanker aus. Was geht schneller? Alte Trosse suchen und verbinden oder neuen Anker ausbringen?“

„Reserveanker ausbringen“, sagte Ben Brigthon entschlossen. „Die Fummelei, das andere Ende zu fischen, braucht zuviel Zeit.“

„Glaube ich auch“, sagte Hasard, und die Männer nickten zustimmend.

Sie verloren keine Zeit. Der Reserveanker wurde an Deck gewuchtet, während gleichzeitig ein paar andere Mannen die Jolle an Steuerbord zu Wasser ließen. Carberry besetzte sie mit sechs Arwenacks, verholte nach vorn und übernahm den Reserveanker, dessen Trosse durch die Steuerbordklüse ins Vorschiff und über die Beting zum Gangspill verlaufen würde.

Der Anker wurde außenbords am Heck der Jolle beigefangen. Dort ragten die Enden von zwei Spülspaken über den Spiegel hinaus. Die Spillspaken lagen in Längsschiffsrichtung und waren an den Duchten festgelascht, so daß sie nicht hochkippen konnten, wenn sie das Gewicht des Ankers aufnahmen. Der Anker wurde von der Back aus so abgefiert, daß er auf und nieder zwischen den beiden Spillhaken schwebte, bis der Ankerstock quer auf den beiden Spülspaken auflag. Jetzt ruhte der Anker auf und nieder zwischen den beiden Spaken, abgefangen von dem Ankerstock. Der Ankerschaft wurde an Augbolzen am Heck beigebändselt, so daß ein Verrutschen nicht möglich war. Die Ankertrosse, oben am Roring bereits angeschlagen, lag in Buchten aufgeschossen in der Plicht, klar zum Auslaufen.

„Laßt den Anker etwa dort fallen, wo der andere liegt, Ed!“ rief Hasard von der Back hinunter.

Carberry zeigte klar und gab den Befehl, anzupullen.

Der Profos und seine sechs Mannen hatten die ungefähre Ankerstelle noch nicht erreicht, als Bills Alarmruf aus dem Hauptmars ertönte.

„Segler! Backbords bei den Inseln!“

Hasard fuhr herum, sah die Ein- und Zweimaster auf den Prielen und zwischen den Inseln und brüllte: „Klar Schiff zum Gefecht! Sofort Feuer frei! Ed – zurück!“

Die Männer spritzten auseinander und fegten zu den Kanonen und Drehbassen. Carberrys Jolle drehte auf der Stelle mit Anrudern und Streichen der Riemen, Carberry selbst bückte sich und nahm eine Muskete auf. Ein Blick nach Backbord hatte ihm genügt: Das würde verdammt knapp werden, denn zwei Einmaster versuchten bereits, der Jolle den Weg zurück abzuschneiden.

„Holt durch, Kerls“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen, „oder wir versammeln uns in Bälde bei unseren Ahnen!“

In Bälde! Das hieß soviel wie: demnächst, in sehr absehbarer Zeit, die rapide kürzer wurde.

Carberry verfluchte seine Nachlässigkeit, keine Flaschenbomben mitgenommen zu haben. Aber die Jolle war eh vollgepackt. Für einen kurzen Moment erwog er, den Anker von den Spillspaken rutschen zu lassen, um das Boot zu leichtern. Aber dann überwog der Geiz! So viele Anker hatten sie nun auch wieder nicht, um sie in diesem verdammten Gewässer verplempern zu können.

Als er die Bogenschützen an Bord der beiden Einmaster sah, zog er instinktiv den Kopf ein.

Da krachte auf der Back eine Drehbasse.

Ah! Meister Conroy war am Werk – wie immer schnell und kaltblütig und treffsicher.

Jawohl! Die gehackte Ladung jaulte mit Höllenmusik übers Wasser und fegte wie eine Sense die Kerle von dem vordersten Einmaster über Bord.

Und schon feuerte die andere Drehbasse auf der Back. Smoky, der Glatzkopf, bediente sie. Braver Smoky. Hatte er auch mit gehackter Ladung geschossen? Nein, Kugel.

Treffer Wasserlinie. Ein prächtiges Loch – und weg war die Kugel. Das Wasser gurgelte hinter ihr her in den Rumpf.

Carberry atmete auf. Das „in Bälde“ verlängerte sich wieder. Wenn es einen seidenen Faden ausdrückte, an dem das Leben hing, dann verstärkte sich der Faden zum kräftigen Tau und bot gute Chancen zur Dauerhaftigkeit.

Denn auch Batuti und Big Old Shane traten in Aktion. Die Prozedur des Ladens entfiel bei ihnen. Pfeil auflegen, den Langbogen spannen, zielen, schießen.

Ihre Pfeile zischten hinüber zu dem ersten Einmaster, dessen Mannschaft von der gehackten Ladung dezimiert worden war, aber eben nur das, und sie hatte vor allem die aufrechtstehenden Bogenschützen erwischt. Doch der Rest der Crew hatte noch nicht genug – oder sah immer noch eine Chance, über die Jolle herzufallen.

Diese Chance schwand, als die Pfeile einschlugen – Brand- und Pulverpfeile. Das schöne trapezförmige Lateinersegel fing Feuer, als ein paar Brandpfeile mit ihren Haken im Tuch hängenblieben und nicht schnell genug entfernt werden konnten.

Das Segel – knochentrocken offenbar – lohte auf wie Zunder und entwickelte sich zur Riesenfackel. Es war beruhigend, das Gebrüll der Kerle zu hören, ein Gebrüll, das sich noch verstärkte, als das Flammentuch samt der Rahrute an Deck krachte, als die Funken nur so stoben und das Feuer mit rasender Wut um sich griff.

Sie sprangen über Bord. Und da waren plötzlich die anderen Mörder zur Stelle, und bestimmt war auch jener dabei, der am Vortag einen Blinker samt Haken und Barsch verschluckt hatte, so ihm der Blinkerhaken im Schlund oder im Magen nicht sauer aufstieß. Aber das konnte ihn andererseits vielleicht auch besonders wütend stimmen. Bei Haien weiß man das nie so genau, man weiß eben nur, daß sie völlig unberechenbar sind.

Carberry schaute lieber weg. Außerdem hatten sie es geschafft. Die Jolle glitt an Steuerbord längsseits, Vor- und Achterleine flogen hoch, wurden oben vertäut, und die Mannen enterten im Blitztempo auf. Die Jolle blieb längsseits. Jetzt war keine Zeit, sie aufzuhieven.

Hasard fiel ein Stein von der Seele, als die Mannen unbeschadet auf die Kuhl sprangen und sich sofort an den Waffen verteilten. Ja, das war schon klar, es würde wieder eine Rundumverteidigung werden, aber zunächst auf Distanz – zum Nachteil der Piraten, die nicht ahnten, auf was sie sich einließen.

Ihre Taktik war einfach. Sie verteilten sich und griffen von allen Seiten an, doch nicht mit schwerem Geschütz, und zwar deswegen nicht, weil sie etwas von ihrer Beute haben wollten. Und von der hatten sie nichts, wenn sie die Galeone versenkten. Nein, sie wollten entern, und darum setzten sie beim Heransegeln nur Pfeile und Musketenkugeln ein, aber mehr Pfeile als Kugeln.

Sie wollten es mit der Masse schaffen. Hasard zählte acht Zweimaster und zwölf Einmaster – alle vom Dhau-Typ. Auffallend war ein größerer Zweimaster, der allerdings Drehbassen auf dem Schanzkleid zeigte, sich jedoch zurückhielt. Er war auf die Steuerbordseite der „Santa Barbara“ gesegelt. Offenbar handelte es sich bei dieser Dhau um das „Flaggschiff“ der Kerle.

Durch den Kieker erspähte Hasard dort einen Mann in hellem Gewand und Pluderhose, umgürtet mit einer glitzernden Schärpe, an der ein Prunksäbel hing. Die Kerle auf dem Achterdeck kuschten vor ihm. In der rechten Hand hatte er eine Peitsche, deren Griff silbern schimmerte.

Der Einmaster, der von Smokys Drehbassenkugel getroffen worden war, zog sich mit schwerer Schlagseite in einen der Priele zurück.

In diesen Moment krachten die ersten Culverinen der „Santa Barbara“, und der Schußdonner rollte über die See. An Backbord bäumten sich zwei Zweimaster und ein Einmaster auf, an Steuerbord drei Zweimaster – sechs Schüsse, sechs Treffer, und das bei schmaler Silhouette der angreifenden Segler.

Auf zwei Zweimastern der Angreifer an Steuerbord kippten die vorderen Masten um und schlugen an Deck. Dem dritten Zweimaster wurde der halbe Vorsteven weggerissen, dabei brach das Vorstag, und der Vormast wurde nur noch von den Wanten gehalten, neigte sich aber bereits bedenklich nach achtern.

Auf der Backbordseite wurde ein Zweimaster auf Anhieb total entmastet, gewiß ein Glückstreffer, aber das konnte passieren, wenn die Wanten der Luvseite brachen. Die Culverinenkugel zerfetzte die Backbordwanten von Vormast und Hauptmast, und beide Masten knickten unter dem Winddruck nach Steuerbord weg. Dort schlugen sie in die See und wirkten samt der langen Rahruten und Segel als Treibanker.

Damit nicht genug – der Zweimaster schwang mitten aus der Fahrt heraus nach Lee und damit genau in den Kurs eines folgenden Einmasters, der nicht mehr ausweichen konnte. Er krachte mittschiffs in den Zweimaster, durchbrach dessen Steuerbordseite und keilte sich dort fest.

Diese beiden Schiffe bildeten eine perfekte Wuhling. Das Geschrei und Gebrüll der Kerle war dementsprechend.

Bei den beiden anderen Treffern auf dem Zweimaster und dem Einmaster zerschmetterten die Kugeln Planken in Höhe der Wasserlinien, und zwar in Nähe der Vorsteven. Die würden zumindest Leckagen haben, wo das Wasser hineinsuppte.

Aber schon feuerten die je drei anderen Culverinen an Backbord und Steuerbord, während die sechs anderen nachgeladen wurden. Hinzu gesellten sich die blaffenden Schüsse der Drehbassen und das Explodieren der Pulverpfeile von Big Old Shane im Hauptmars und Batuti im Vormars. Und Ferris Tucker schoß seine Flaschenbomben aus dem Katapultgerät ab.

Die „Santa Barbara“ verwandelte sich in ein nach allen Seiten feuerspuckendes Ungeheuer. Die Arwenacks entfesselten die Hölle – sie konnten es, denn die Galeone lag fest, kein Mann wurde für Segelmanöver an Schoten oder Brassen gebraucht, jeder stand für die Waffen zur Verfügung. Sie ließen die Kuh fliegen, wie einer ihrer Ausdrücke lautete, und sie brüllten den Kerlen ihren Schlachtruf entgegen.

Zwei Dhauen – Zweimaster – schafften es, den Abwehrgürtel zu durchbrechen. Und da setzte Hasard die chinesischen Brandsätze gegen sie ein – im Direktbeschuß. Das spielte sich an Steuerbord ab.

Heulend, jaulend und pfeifend rasten die Raketen in flacher Bahn gegen die beiden Segler, zerplatzten dort in grellen Explosionen, aus denen neue Blitze knatterten und nach allen Seiten buntfarbene Kometen ausspuckten, die über die Decks hüpften und – wo sie auf Widerstand trafen – in einem neuen Feuerregen zerbarsten.

Die Hölle tat sich auf. Ja, es mußte Höllenfeuer sein, denn es war nicht zu löschen. Es brannte sogar auf dem Wasser. Die beiden Dhauen wurden zu flammenden Fanalen.

Die Kerle auf den beiden Dhauen packte das nackte Entsetzen. Sie waren nicht mehr in der Lage, klar zu denken. Vor die Tatsache gestellt, den Flammentod zu sterben, entschieden sie sich für den Sprung ins Wasser. Dort jedoch wurden sie von den Mördern erwartet. Vielleicht dachte der eine oder andere, dem Massaker dennoch entgehen zu können. Doch die Haie waren von einer Raserei gepackt. Sie waren entfesselt.

Dort, wo sich dieses mörderische Geschehen abspielte, wurde die See zu einem kochenden, schäumenden Kessel von in rasender Gier vorschnellenden schlanken Fischleibern und sich in Todesangst aufbäumenden Menschenkörpern.

Der Tod hielt Ernte.

Der Angriff brach zusammen.

Die mehr oder weniger angeschlagenen Ein- oder Zweimaster an Backbord flüchteten landwärts oder verschwanden zwischen den Inseln. Sie waren fern der Befehlsgewalt Hassan al-Karabs und außerhalb der Reichweite seiner Peitsche. Auch wenn er beides eingesetzt hätte – sie wären geflohen. Diese Galeone der Giaurs war verhext. Dort hausten Teufel, die Höllenfeuer spuckten.

Bei den Angreifern an Steuerbord brachte es Hassan al-Karab immerhin zustande, sie von der Flucht zurückzuhalten. Es waren mit seinem „Flaggschiff“ noch zwei Zweimaster und vier Einmaster. Er ließ sie außerhalb der Reichweite der Kanonen von der „Santa Barbara“ von Nordwest über Ost nach Südwest vor Anker gehen, so daß die Galeone eingekesselt war.

Für Hasard war die Maßnahme eindeutig. Der Piratenhäuptling wollte verhindern, daß sie den Reserveanker ausbrachten. Wenn sie es taten, würden sie mit einem schnellen Angriff auf die Jolle rechnen müssen. Das konnte riskant werden. Also ließ er das lieber sein. Bisher hatten sie sich gut geschlagen – und so sollte es bleiben: kein Risiko bei fragwürdigem Einsatz.

Die Kerle waren jetzt vorsichtig geworden, und sie hatten erhebliche Verluste hinnehmen müssen, auch an Schiffen. Der Zweimaster und der Einmaster, die sich ineinander verkeilt hatten, waren gesunken. Die Kerle waren in die Beiboote gestiegen und hatten sich empfohlen.

Und weiter? Na ja, sobald der Niedrigwasserstand einsetzte – heute abend –, würden sie wieder ans „Abspecken“ gehen. Und sie würden natürlich die Enden der gekappten Ankertrosse wieder zusammenstecken. Das war dann kein Problem mehr. Da brauchte nicht gefischt zu werden. Allerdings würden sie dann die Nacht über die Trosse bewachen müssen.

Nächste Frage: Würden sich die sechs Bewacher trockenfallen lassen oder bei zunehmendem Niedrigwasser ihre Positionen räumen? Das blieb abzuwarten. Wenn sie verschwanden, so konnte das bedeuten, daß der Piratenhäuptling seine ganzen Kräfte noch einmal zusammenraffte, um erneut einen nächtlichen Überfall zu unternehmen. Das konnte er allerdings auch von den trockengefallenen Schiffen aus tun, aber mit verminderter Mannschaft.

Abwarten, Nerven behalten.

Rum für alle. Dann Gefechtsstationen aufklaren und Boot wieder aufhieven. Die übliche Bordroutine. Aber alles blieb gefechtsklar. Die Trosse, von Carberry und ein paar Mannen eingeholt, zeigte an ihrem Ende einen glatten Schnitt – und brachte noch eine Erkenntnis. Sie war nahezu in ihrer vollen Länge vorhanden, weil man sie dicht beim Roring gekappt hatte, also vermutlich während des nächtlichen Überfalls, als Anker und Trossen noch trockenlagen.

Da hätte das Ankerkommando lange nach dem anderen Ende fischen können!

7.

Kurz vor dem mittäglichen Backen und Banken meldete Jeff Bowie, Ausguck im Hauptmars: „Flaggschiff setzt Boot aus!“

Sofort wurden die Mannen mobil. Wer gedöst hatte, stand plötzlich an den Kanonen oder Drehbassen.

Hasard spähte durch den Kieker zum Flaggschiff, ebenso Ben und Don Juan de Alcazar. Sechs Mann besetzten das Boot. Dann folgten der Bootssteurer und der Mann mit der glitzernden Schärpe. Aber seine Peitsche hatte er nicht dabei, und auch der Prunksäbel fehlte. Das Boot nahm Kurs auf die „Santa Barbara“.

„Der will was von uns“, sagte Ben Brighton.

„Ach ja?“ Hasard grinste. „Woran hast du das gemerkt?“

Ben ersparte sich eine Antwort. Er wußte selbst, daß er eben nicht sehr geistreich gewesen war.

Dafür sagte jetzt Don Juan: „Der will verhandeln.“

„Ach ja?“ sagte Hasard ein zweites Mal und grinste wiederum infam. „Aber vielleicht will er bei uns zu Mittag essen, eh? Oder uns zum Würfelspiel einladen. Oder einfach nur plaudern. Vielleicht hat er Langeweile, der Gute. Aber eins glaube ich ganz sicher: daß er verhandeln will!“

„Sagte ich doch!“

„Eben. Du und Ben, ihr seid heute mittag so scharfsinnig. Da wird ein Boot auf uns zugepullt, und der eine sagt: Der will was von uns. Und der andere sagt: Der will verhandeln. Das sind so ausgesprochen kluge Bemerkungen wie etwa jene: Wenn’s regnet, wird’s naß!“

„Aha“, sagte Don Juan.

„Aha“, sagte auch Ben Brighton.

Und dann lachten sie alle drei.

Hassan al-Karab sah es und wunderte sich. Ihm war längst klar, wer dieses Schiff führte, denn auch er hatte durch ein Spektiv gespäht: der schwarzhaarige Riese mit den angegrauten Schläfen, ein Mann, mit den Bewegungen einer Raubkatze. Ein Spanier?

Als er sah, daß eine Drehbasse geschwenkt und auf das Boot gerichtet wurde, stand er auf und hob beide Arme, um anzudeuten, daß er friedliche Absichten habe. Darauf wurde der Lauf wieder angekippt. Aber eine Jakobsleiter brachten sie nicht aus.

Als das Boot auf Rufweite heran war, rief Hasard in der spanischen Sprache: „Halt! Ich lasse sonst schießen!“

„Sie Spanier?“ fragte Hassan al-Karab.

Hasard ignorierte die Frage. „Was wollen Sie?“

„Ich Scheich Hassan al-Karab! Ich an Bord kommen, um Besprechung halten.“

„Abgelehnt. Sagen Sie, was Sie wollen, sonst können Sie wieder zurückpullen!“

„Warum nicht an Bord?“

„Ich habe etwas gegen Schnüffler!“

Hassan al-Karab knirschte mit den Zähnen. Dieser Giaur hatte eine scharfe Zunge und führte sich auf, als sei er hier der Scheich.

„Ich gewähre Schiff freien Abzug!“ rief er. „Wenn eingehen auf Handel!“

Hasard lachte schallend, und die Mannen stimmten ein. Am lautesten lachte Carberry. Bei Hassan al-Karab schwollen die Stirnadern an.

„Sie nicht lachen!“ schrie er. „Sonst Krieger alle töten!“

„Bisher war’s umgekehrt!“ rief Hasard.

„Sie mir Frauen übergeben, dann Schiff freier Abzug! Wort ist Ehre!“

Hasard blickte zu Ben. „Hat der Frauen gesagt?“

„Hab’ ich auch verstanden“, erwiderte Ben Brighton. Er war genauso verdutzt wie Hasard und alle anderen.

„Wir haben keine Frauen an Bord!“ rief Hasard.

Hassan al-Karab hob den Arm und deutete auf Smoky. „Doch Frauen an Bord! Dort Eunuch mit Glatzkopf! Soll auf Frauen aufpassen!“

Carberry mußte Smoky festhalten. Der war hochgegangen wie eine Rakete und drauf und dran, übers Schanzkleid zu springen und das Boot zu attackieren.

„Ruhe, Smoky, Ruhe“, besänftigte der Profos, „laß den Kerl doch sabbeln …“

„Der hat mich beleidigt!“ brüllte Smoky. „Das laß ich mir nicht bieten, nicht von diesem Kameltreiber, diesem Hurenbock, diesem verlausten! Dem schneide ich …“

„Bitte um Ruhe, Mister Smoky!“ rief Hasard und zu Hassan al-Karab: „Dieser Mann ist mein Decksältester, wenn Sie wissen, was das ist. Er fühlt sich beleidigt, daß Sie ihn als Eunuchen bezeichnet haben. Dafür nennt er Sie einen Kameltreiber und verlausten Hurenbock. Dem stimme ich voll und ganz zu. Mit Frauen kann ich Ihnen nicht dienen, es sind keine an Bord. Und wenn sie an Bord wären, würde ich sie einem verlausten Hurenbock bestimmt nicht übergeben. Einen freien Abzug brauchen wir nicht – den erkämpfen wir uns, wenn es sein muß. Im übrigen ist Ihr Ehrenwort einen Dreck wert. Sie haben mein Schiff zweimal überfallen lassen. Für mich sind Sie weiter nichts als ein mieser Küstenstrolch, ein Wegelagerer, der in feiger Weise die Situation ausnutzt, daß ein Schiff aufgelaufen ist!“

„Ich euch zerschmettern!“ brüllte der Scheich, nunmehr noch dunkler im dunklen Gesicht. „Alle – krrggs!“ Und er zog die Handkante quer über die Kehle.

Wieder ertönte das Gelächter der Arwenacks, und das war bestimmt keine Musik in den Ohren Hassan al-Karabs. Es war noch beleidigender als alle jene Ausdrücke, mit denen er von diesem Giaur bedacht worden war.

Als es verebbte, rief Hasard: „Dann mal los, du Großmaul! Wir haben nichts dagegen, wenn sich deine Kerle weiter blutige Nasen holen wollen. Leider sind sie bisher immer nur davongelaufen, und vom Zerschmettern haben wir auch nicht viel gemerkt!“

„Buuuhh!“ röhrte Carberry los, und der ganze Chor der Arwenacks fiel ein. Es dröhnte über die See und klang, als stampfe eine brüllende Riesenherde von Stieren heran.

Die sechs Kerle und der Bootssteurer zogen die Köpfe ein. Hassan al-Karab hätte vor Wut am liebsten mit der Nilpferdpeitsche auf sie eingedroschen, um sich Luft zu verschaffen. Aber die hatte er leider an Bord zurückgelassen. Da ihm der Bootssteurer auf der Achterducht am nächsten war, bedachte er ihn mit Fußtritten, worauf das Gebuhe an Bord der Galeone noch lauter wurde.

Hassan al-Karab empfand es als eine Verhöhnung, und genau das sollte es auch sein. Es trieb ihn zur Weißglut.

Um nicht noch mehr Verluste hinnehmen zu müssen, hatte er den Giaurs einen Kuhhandel vorschlagen wollen. Er hatte sich eingeredet, sie würden darauf eingehen. Aber mit einer derartigen Abfuhr hatte er nicht gerechnet.

Dabei mußte er zugeben – obwohl er es nicht wahrhaben wollte –, daß er und seine Krieger ihren Meister gefunden hatten. Der Gegner war unbeschadet geblieben. Er hatte sich mit einer Härte und einem Geschick verteidigt, wie sie es noch nie erlebt hatten.

Was beim ersten Angriff in der Nacht geschehen war, kannte Hassan al-Karab ja nur aus den Berichten und Aussagen seiner Kerle. Doch den heutigen Angriff hatte er selbst beobachtet, und auch er war bestürzt über die Wildheit der Abwehr. Wahre Teufel waren das, keine furchtsamen Handelsfahrer, die bereits kapitulierten, sobald sie eine blitzende Säbelklinge sahen.

Am furchtbarsten jedoch waren neben der Geschicklichkeit, mit der sie ihre Waffen handhabten, diese jaulenden und kreischenden Feuergeschosse und ihre infernalische Wirkung, wenn sie unter Getöse zerplatzten und nach allen Seiten ihren Funkenregen verschleuderten. Dieses Teufelszeug hatte sogar noch auf dem Wasser gebrannt. Es war unfaßbar.

Nein, das waren keine Handelsfahrer. Und jetzt zweifelte Hassan al-Karab auch daran, daß sie eine Frauenladung an Bord hatten. Es war fast schon gleichgültig, wer sie sein mochten. Doch was sie getan hatten, das schrie nach Rache. Sie hatten gewagt, ihn, das erhabene Oberhaupt des Stammes, zu verhöhnen, zu beleidigen und zu demütigen.

Hassan al-Karab war nicht gewillt, das hinzunehmen. Seine Autorität als Stammesführer stand auf dem Spiel. Er konnte nicht dulden, daß seine Krieger vor dem Gegner mehr Angst hatten als vor ihm, dem Erhabenen, dem Unbesiegbaren.

Unter den schmähenden Buh-Rufen der Christenhunde ließ Hassan al-Karab das Boot zu dem anderen Zweimaster pullen, der nordöstlich der Galeon ankerte.

Dort empfing ihn der Kapitän – Mansur Naffah, ein stiernackiger Mann, dem das rechte Ohr fehlte. Die Narbe von einem Säbelhieb, der ihm diesen Verlust eingebracht hatte, zog sich von dort schräg nach unten über die Wange bis zum rechten Mundwinkel. Mansur Naffah bot keinen erfreulichen Anblick, was seine Visage betraf. Dafür war er ein sturer Ochse und genau richtig für das, was Hassan al-Karab plante.

„Du wirst dein Schiff gegen die Christenhunde Steuern“, eröffnete ihm der Erhabene, „und zwar brennend, um auch ihr Schiff in Brand zu setzen. Das ist eine Auszeichnung, und wenn du dabei stirbst, wird sich Allah deiner annehmen und dir im Garten der Lust ein Zelt errichten, wie es dem tapferen Krieger gebührt. Aber du brauchst nicht zu sterben. Wenn du dich bis auf eine Schiffslänge der Galeone genähert hast, darfst du in das Boot steigen, das du nachschleppst. Vorher mußt du das Ruder festsetzen. Wenn du die Tat vollbracht hast und zu mir zurückkehrst, werde ich dir meinen Säbel und zwei meiner Töchter schenken. Du hattest schon immer dein eines Auge auf Lailah und das andere auf Mirjam geworfen, nicht wahr?“

„Ja, erhabener Sidi. Ich danke dir für deine Großmut.“ Mansur Naffah verneigte sich mit glitzernden Augen.

„Wenn du zu früh in das Boot steigst“, sagte Hassan al-Karab, „werde ich dich eigenhändig mit meinem Säbel, der ein Geschenk sein soll, köpfen.“

„Ja, erhabener Sidi“, sagte Mansur Naffah und verneigte sich ein zweites Mal.

„Oder ich lasse dich vierteilen und pfählen“, sagte Hassan al-Karab. „Und Lailah und Mirjam werden dem Schauspiel beiwohnen.“

Eine dritte Verneigung. „Ja, erhabener Sidi.“

Hassan al-Karab runzelte die Stirn. Er war sich nicht klar, ob dieser Ochse wußte, daß er seine letzte Fahrt antreten würde. Aber das war letztlich gleichgültig. Hauptsache, die Dhau rammte sich brennend in die Galeone. Dann würden die Giaurs abgelenkt sein, so daß er ihnen den Todesstoß versetzen könnte. Nur das zählte.

Sein Blick wanderte über die Männer der Besatzung. Sie wagten nicht, ihn anzusehen. Aber ihre Haltungen drückten das Entsetzen aus, das sie erfüllte.

„Deine Männer“, sagte er, „steigen auf die anderen Schiffe über.“ Und da sah er, wie sie aufatmeten. „Bis auf einen“, fuhr er fort, „dem ebenfalls die Auszeichnung zuteil wird, Allah wohlgefällig zu sein.“ Ihre Gesichter wurden wieder stumpf. „Wen schlägst du vor, Mansur Naffah?“

„Mamun, meinen Bootsmann“, sagte Mansur Naffah.

Mamun verneigte sich mit grauem Gesicht.

„So sei es“, sagte Hassan al-Karab. „Ich werde auch ihn reich belohnen – oder köpfen, vierteilen und pfählen. Aber Allah ist mit den Tapferen, nicht mit den Feigen. Bereitet jetzt alles vor.“ Der Erhabene nickte gnädig und ließ sich zu den anderen Dhauen pullen, um die Kapitäne über seinen Plan zu informieren.

Die Vorbereitungen des Gegners blieben auf der „Santa Barbara“ nicht unbeobachtet. Hasard befand sich mit Dan O’Flynn im Hauptmars, und sie sahen, wie die Kerle des im Nordosten ankernden Zweimasters ausgeschifft und zu den anderen Bewachern gepullt wurden.

Ferner hatte man im Bug des Zweimasters allerlei Gerümpel angehäuft – Fässer, Kisten, Hölzer und Bretter. Das ganze Zeug wurde aus einer Kanne mit einer Flüssigkeit übergossen. Der aus Nordosten wehende Wind trieb einen penetranten Geruch herüber.

„Petroleum“, sagte Dan O’Flynn. „Schätze, die wollen Brander spielen.“

„Dem wage ich nicht zu widersprechen“, sagte Hasard. „Paß weiter auf. Ich muß Al informieren.“

„Aye, Sir.“

Hasard enterte ab und rief Al Conroy sowie die Bedienungsmannschaften der Culverinen zusammen.

„Hört zu, Freunde“, sagte er. „Die Kerle planen einen Branderangriff und rüsten dafür die Dhau aus, die im Nordosten ankert. Es hängt mit von euch ab, ob wir es schaffen, diesen Angriff zu verhindern. Das heißt, die Dhau darf uns nicht erreichen. Sie muß vorher versenkt oder aus dem Kurs gebracht werden. Ich schlage vor, daß zwei Culverinen auf die Masten gerichtet werden. Die vier anderen Culverinen müssen unbedingt Treffer in der Wasserlinie erzielen. Auf welche Distanz ihr eure Schüsse anbringt, muß ich euch überlassen.“ Er grinste. „Lieber wäre mir die weite Distanz. Nur treffen müßt ihr, sonst wird’s heiß auf der ‚Santa Barbara‘.“

Big Old Shane und Batuti erhielten Order, von den Marsen aus zu versuchen, mit Weitschüssen den Rudergänger zu erwischen. Sie nickten gelassen und enterten sofort mit ihren Waffen zum Vor- und zum Hauptmars auf. Überall, aber vor allem auf der Kuhl, wurden Pützen bereitgestellt. Sollte die Dhau die „Santa Barbara“ erreichen, mußte die Ramming abgefangen werden. Ferris Tucker holte aus der Zimmermannslast Balken, die sie in einem solchen Fall als Holzfender außenbords aufhängen würden. Wenn sie übereinander hingen, bildeten sie sogar eine ziemliche Barriere zwischen dem Dhausteven und der Bordwand der „Santa Barbara“.

Mehr konnten sie nicht tun. Wären nicht die anderen Gegner gewesen, hätte Hasard beide Jollen gegen den Brander eingesetzt. Man hätte ihn dann entern und aus dem Kurs bringen können. Dan O’Flynn meldete aus dem Mars, daß zwei Kerle an Bord geblieben wären. Na ja, mit denen wären sie fertig geworden. Aber diese Möglichkeit der Abwehr hätten sie eben nur wahrnehmen können, wenn sie ungestört gewesen wären.

„Die beiden Kerle setzen die Segel!“ meldete Dan O’Flynn.

„In Ordnung, Dan, du kannst abentern!“ rief Hasard nach oben, damit Big Old Shane genug Bewegungsfreiheit hatte. Batuti befand sich im Vormars.

Über die Kuhl rief Hasard: „Kerls, es geht los! Wer danebenballert, bekommt für vier Wochen die Rumration gestrichen!“

„Und wer trifft?“ tönte der Profos. Er war Richtkanonier an der vorderen Steuerbordculverine.

Hasard feixte. „Der kann nur beten, daß die anderen ebenfalls treffen!“

„Auch ein Trost“, brummte der Profos, bückte sich, peilte über die Rohrmündung und richtete seine Culverine aus.

Old Shane meldete aus dem Mars: „Einer kappt jetzt die Ankertrosse!“

„Danke, Shane!“ Hasard richtete das Spektiv auf die Dhau.

Der Kerl an der Pinne hatte Rückwärtsruder gelegt. Die Dhau sackte achteraus, schwenkte dabei aber nach Steuerbord und drehte vor den Wind. Gleichzeitig zündete der andere vorn am Bug das Gerümpel und sprang zurück, denn das Zeug flammte sofort auf. Er lief an die Schoten und trimmte nacheinander Vorsegel und Großsegel.

Gut gemacht, dachte Hasard. Respekt – Respekt!

Die Dhau nahm Fahrt auf und schob einen Schnauzbart vor sich her, der größer wurde. Ihr Steven war auf die „Santa Barbara“ ausgerichtet, klar, auf die Mitte der Steuerbordseite. Am Heck der Dhau wurde ein Boot mitgeschleppt. Vom Bug der Dhau stiegen dunkle Qualmwolken auf und trieben in Richtung der „Santa Barbara“.

Teufel-Teufel, dachte Hasard und preßte die Zähne zusammen. Das war ein Plus. Er vernebelte dem Gegner die Sicht – sich allerdings auch, aber er kannte ja den Kurs auf das Ziel, so er auf den Kompaß geschaut hatte. Hatten die überhaupt einen Kompaß? Egal, auch ohne Kompaß lag er von Anfang an auf Zielkurs.

Das wurde bedrohlich!

Hasard zuckte zusammen – da klatschte was auf dem Hauptmars. Sein Blick flog hoch. Ach so, Big Old Shane hatte geschossen. Die Bogensehne war gegen das Holz geprallt. Shane mußte mit ungeheurer Kraft den Bogen gespannt haben.

Kaum einen Lidschlag später erklang das gleiche Geräusch vom Vormars, nur gedämpfter.

Jetzt rasten zwei Pfeile auf die Dhau zu – auf den Rudergänger.

Hasard preßte das Spektiv ans Auge, gerichtet durch die Rauchschwaden auf den Rudergänger, der breitbeinig an der Pinne stand.

Er bäumte sich auf.

Ein Pfeil steckte in seinem Hals – und dann krümmte sich der Mann zusammen. Aus seiner Brust ragte ein weiterer Pfeil. Er sackte weg. Die Pinne entglitt ihm und schlug über ihn weg nach Backbord.

Die Dhau luvte an nach Steuerbord. Sie lief aus dem Ruder. Der andere Mann, der vorne gezündet hatte, stürzte zum Rudergänger und beugte sich über ihn. Dann riß er den Kopf hoch und schaute sich gehetzt um.

Sekunden später sprang er nach achtern und zerrte das Boot heran, schwang sich über das Schanzkleid und verschwand. Offenbar kappte er die Vorleine – Hasard konnte das nicht sehen –, aber da schor das Boot ab. Der Kerl saß auf der mittleren Ducht, zwei Riemen an Backbord und Steuerbord in den Rundsein, und er pullte wie verrückt – westwärts, aufs Land zu.

Auf dem Flaggschiff stieg ein Gebrüll in den Himmel – der Scheich äußerte seine Wut. Den Mann in dem Boot kümmerte das nicht, im Gegenteil, er pullte noch schneller. Klarer Fall, der versuchte, Land zu gewinnen, Land vorm Zorn des Scheichs, der die Absicht gehabt hatte, den Gegner zu zerschmettern.

Denn der Branderangriff lief schief, begann schiefzulaufen. Die Dhau hatte angeluvt und lag nicht mehr auf Rammkurs. Ihre Segel killten und schlugen. Der „Santa Barbara“ bot sie ihre Backbordseite dar. In dieser Position begann sie über den Achtersteven zu treiben. Das ablaufende Wasser schob sie.

Hasard brauchte nichts zu befehlen.

Die sechs Culverinen krachten und schmetterten ihre Kugeln in die dargebotene Breitseite. Das waren Bilderbuchtreffer, von denen die Dhau bis zum Kiel durchgeschüttelt wurde. Da klafften plötzlich gräßliche Löcher an Backbord – und wie mit dem Lineal gezogen auf der Wasserlinie.

Die Dhau, vorn in Flammen gehüllt, krängte nach Backbord. Das brennende Zeug im Bug rutschte mit. Die beiden Masten neigten sich, die Rahruten mit den Segeln schlugen ins Wasser. Ein Gurgeln und Schlürfen drang zur „Santa Barbara“.

Ein Schiff begann zu sterben – es starb doppelt. Auf dem Deck wüteten die Flammen, in den Rumpf schoß das Wasser.

Feuer und Wasser, zwei gegensätzliche Elemente, doch hier vereinigten sie sich, um zu zerstören. Es war nichts da, sie daran zu hindern.

Der Mann, der am Ruder gestanden hatte, rutschte nach Backbord ans Schanzkleid. Der Pfeil in seiner Brust brach dabei ab, weil sich der tote Körper überrollte.

Es war sehr fraglich, ob sich Allah des Mansur Naffah annehmen würde, um ihm im Garten der Lust ein Zelt zu errichten. Man weiß das nicht genau. Tapferen Kriegern wird ja immer alles mögliche versprochen, nur ist das aus dem Jenseits noch nie bestätigt worden. Man muß da sehr skeptisch sein.

Aber eins stand fest: Hassan al-Karab konnte seinen schönen Prunksäbel behalten, und seine beiden Töchter Lailah und Mirjam würden noch ein Weilchen im Stand der Jungfernschaft verharren, bis sich auch dieses Problem auf natürliche Weise löste. Allerdings hatte der Erhabene auch nicht damit gerechnet, diese beiden Versprechen einlösen zu müssen. Man sieht, wie leicht es ist, Dummköpfe auf Himmelfahrtskommandos zu schicken.

Der Bootsmann Mamun war da schlauer gewesen, als er erkannt hatte, daß es höchste Zeit war, die Hacken zu zeigen. Er erreichte übrigens den Watthafen an einem der Priele, schwang sich dort auf ein Kamel und steuerte das Wüstenschiff westwärts. Er ging sozusagen von der Fahne, was normalerweise jeder tun sollte, dem so schreckliche Sachen wie Köpfen, Vierteilen oder Pfählen angedroht werden, so er einen Selbstmordbefehl nicht ausführt.

Die Dhau sank, über Backbordbug liegend, brennend in ihr nasses Grab. In der ganzen Länge dieses Grabes erschienen als kurzweiliger Schmuck Strudel und blubbernde Blasen. Auch einiges andere trieb noch auf – verkohlte Holztrümmer, Faßdauben, sogar eine Seegrasmatratze, die das Grab noch eine Weile schmückten. Aber das war weiß Gott ein trauriger Schmuck, den dann auch die Ebbe entführte.

Nach dem Tod der Dhau war die See wie immer.

Das Flaggschiff des Erhabenen ging ankerauf und segelte in einem weiten Bogen – außerhalb jeder Schußweite der „Santa Barbara“ – auf die Küste zu. Die restlichen Einmaster folgten dem Flaggschiff.

Unwillkürlich konnte man den Eindruck gewinnen, eine zerzauste Meute von Hunden humple mit eingezogenem Schwanz davon.

Die Schiffe verschwanden zwischen den Inseln südwestwärts der „Santa Barbara“. Hasard ließ ein Fäßchen Rum anstechen.

8.

Noch vor dem Niedrigwasserstand, als es auf den Abend zuging, waren die Mannen wieder an der Arbeit, um ihrer „Tante Barbara“ das harte Korsett vom Leib zu klopfen. Ferris Tucker hatte auf beiden Seiten der Galeone eine Art Gerüst errichtet, so daß sie auf in der Höhe verstellbaren Brettern stehen konnten. Sie gingen den oberen Teil des Panzers an, der sich in der Kimm befand, jenem Übergang der Bordwand in die Rundung, die zum Kiel führt.

Es war wieder ein wüstes Spektakel, denn Hämmern, Klopfen und Stemmen sind nun mal keine leisen Geräusche. Aus gebotener Vorsicht hatte Hasard Vormars und Hauptmars mit je zwei Ausgucks besetzen lassen, so daß vier Mann ununterbrochen die See ringsum im Auge behielten.

Drei Angriffe waren erfolgreich abgeschlagen worden, aber das bedeutete nicht, daß die Kerle aufgegeben hatten. Zumindest hielt Hasard den Häuptling dieser Horde für fanatisch genug, seine Kerle noch einmal gegen die Christenhunde zu hetzen.

Nach Lage der Dinge war der Angriff zu Fuß über das Watt bei Niedrigwasser aussichtsreicher als der Überwasserangriff mit den Schiffen, die dann dem furchtbaren Raketenbeschuß ausgesetzt waren.

Obwohl es unbequem war, hatte jeder der Mannen seine Waffen bei sich oder in Reichweite.

Kurz nachdem die Dunkelheit eingefallen war, ließ Hasard nach der Backbordseite hin drei Brandsätze des Typs „Pfirsichblüte“ in den Nachthimmel schießen. Sie jaulten auf gekrümmter Bahn hoch und zerplatzten unter krachendem Getöse. Ein Regen rosaroter Blumen ergoß sich nach allen Seiten und beleuchtete Wasser und Inseln mit einem gespenstischen Licht.

Der Versuch hatte Erfolg. Was Hasard hatte wissen wollen, erfuhr er bei der Geisterbeleuchtung: Auf drei, vier Inseln Backbord querab warfen sich Gestalten zu Boden oder flüchteten hinter die Dünen.

Das war’s also.

Sie marschierten wieder auf, um es noch einmal zu versuchen, wenn das Watt passierbar war. Zur Zeit stand das Wasser brusthoch, in zwei, drei Stunden würde man es durchwaten können oder gar trockenen Fußes bleiben, wenn man die Erhöhungen der Sände nutzte.

Carberry trieb die Klopfer an.

„Hurtig-hurtig, ihr Miesmuscheln!“ lästerte er. „Nicht so tranig, wenn ich bitten darf. Mister Davies, zu was hast du eigentlich deinen verdammten Haken, was, wie?“

„Bestimmt nicht, um so dusselige Fragen zu beantworten, wie du eben eine gestellt hast, Mister Carberry!“ lästerte Matt Davies zurück und hieb seinen scharfgeschliffenen Prothesenhaken krachend in ein traubenartiges Gebilde zusammengewachsener Seepocken, daß die Stücke nur so davonspritzten.

„Hau nicht die Bordwand durch!“ motzte Carberry.

„Leck mich am Arsch, Mecker-Eddy!“

„Wie nennst du mich?“

„Mecker-Eddy.“

„Das geht mir aber entschieden zu weit, Mister Davies. Hiermit verwarne ich dich.“

„Ich werd’s mannhaft ertragen“, entgegnete Matt Davies grinsend und schmetterte das Pockengebilde mit einem Hieb von der Bordwand.

„Sehr gut, Mister Davies“, lobte Carberry. „Ich sehe, du entwickelst dich zum Meisterklopfer.“

„Du bist ja nur neidisch, weil du keinen so schönen Haken hast, Mister Carberry. Und weil du dir ständig mit dem Hammer auf den Daumen kloppst, was mir nie passieren kann, weil ich keinen Hammer brauche.“ Und unter Matts Hieb zerplatzte eine weitere Muschelansammlung.

Tatsächlich arbeiteten Matt Davies und Jeff Bowie, die beiden „Hakenmänner“, wie sie manchmal genannt wurden, schneller und erfolgreicher als die anderen. Und es gab ihnen eine Art Selbstwertgefühl, das ihnen den Verlust einer Hand ersetzte.

„Da hast du recht, Matt“, sagte Carberry. „Neidisch werden könnte man. Erinner mich nicht an meinen linken Daumen. Der ist schon ein Stück breiter geworden.“ Er stieß Matt mit dem Ellbogen an und raunte: „Magst du ’n Schluck aus der Pulle?“

„Her damit!“

Matt gluckerte einen. Dann Carberry. Sie grinsten sich an und wüteten weiter.

Hasard ließ eine Stunde später einen zweiten Brandsatz „Pfirsichblüten“ hochschießen. Dieses Mal waren keine Kerle zu sehen. Vielleicht waren sie schon in Deckung gegangen, als sie das Jaulen hörten. Aber das machte nichts. Hasard betrieb psychologische Kriegführung. Er wußte, daß sich die Kerle über das Feuerwerk beunruhigten.

Und um diese Unruhe, die sicher auch mit Furcht gepaart war, noch ein bißchen anzuheizen, ließ er im Flachschuß ein paar Brandsätze vom Typ „Feuerbäume“ zu den Inseln sausen, auf denen sie die Kerle gesehen hatten.

Das war eine Pracht in der Dunkelheit, die sich plötzlich von bunten Blitzen erhellte. Wenn die Feuerbäume zerplatzten, bildeten sie riesige Verästelungen in roten, grünen und weißen Farben. Diese Dinger waren ähnlich dem Griechischen Feuer nicht zu löschen.

Als sie jetzt auseinanderbarsten, zickzackten sie in wilden Bahnen kreuz und quer durchs Dünengelände – und das mit sicht- und hörbarem Erfolg. Da schnellten brüllende Gestalten hoch und führten Veitstänze auf. Sie schlugen kreischend und heulend um sich, einige rasten gar in Kuhlen, in denen noch Wasser stand, und warfen sich hinein. Ein paar rissen sich die Kleidung vom Leib und rannten nackend davon. Der Scheitan saß ihnen auf den Fersen.

Ja, das waren schlechte Zeiten für die Krieger vom Raubstamm der Joasmäer. Sie würden ja gerne kämpfen, aber doch nicht mit diesen weißen Teufeln mit ihren ätzenden Krallen, die aus dem Nichts heraus nach ihnen griffen wie zustoßende Vipern.

Mitternacht. Die Wahnsinnsarbeit war geschafft. Sie hatten wirklich wie die Kesselflicker geschuftet. Ferris Tucker baute mit ein paar Mannen das Gerüst ab und ging noch einmal mit Hasard ums ganze Schiff herum. Das Wasser war abgelaufen, sie befanden sich auf Sand, allerdings einem Sand, der von zerborstenen Muscheln bedeckt war, einer ziemlich dicken Schicht.

„Sauber-sauber“, murmelte Hasard und strich da und dort über die Planken des Unterwasserrumpfes, der teilweise einen faustdicken Panzer getragen hatte. Er war verschwunden und hatte sich ringsum auf dem Sand abgelagert. Die Planken hatte Ferris Tucker bereits mit einem neuen Harpüseanstrich versehen, einem Schutzmittel aus Teer und Schwefel gegen Wurmfraß und Rott.

„Das Plankenholz ist in Ordnung“, sagte Ferris Tucker zufrieden. „War eine Scheißarbeit, hat sich aber gelohnt.“

„Das meine ich auch, vor allem, was das Gewicht betrifft, das wir losgeworden sind“, sagte Hasard. Er dreht sich zu Carberry um. „Ed, kümmerst du dich bitte um die Ankertrosse? Nimm ein paar Männer mit. Ihr braucht das gekappte Ende ja nur neu am Ankerroring anzuschlagen. Holt die Lose durch, die Trosse ist zur Zeit nicht belegt.“

„Geht klar, Sir“, sagte der Profos und rief Matt Davies, Stenmark und Batuti zu sich. Sie schnappten sich die Trosse, die aus der Steuerbordklüse hing, und zogen mit ihr los in Richtung des gekappten Ankers.

Will Thorne hatte in das Ende bereits ein großes Auge gespleißt, an dem ein Ankerschäkel hing. Sie brauchten den Schäkel praktisch nur am Roring anzuschäkeln.

Carberry vorneweg, trotteten sie hintereinander in die Dunkelheit, die Trosse über der Schulter. Der Weg wurde zuletzt wegen des Trossengewichts etwas mühsam, und sie atmeten auf, als sie fast genau auf den Anker stießen, der sich auf der einen Seite mit Flunke und Arm bis zum Ankerkreuz tief in den Sand eingegraben hatte. Der saß bombenfest und würde erst auszubrechen sein, wenn die Trosse auf und nieder stand.

„Ist auch ’ne neue Art, zu Fuß zum gekappten Anker zu latschen, um die Trosse wieder anzuschlagen“, brummte Carberry kopfschüttelnd. „Wenn ich das mal meinen Enkeln erzähle, meinen die bestimmt, Opa Ed habe nicht mehr alle Tassen im Spind.“

„Hast du recht“, sagte Matt Davies tiefsinnig und half Carberry mit seinem Haken, den alten Schäkelbolzen aufzuschrauben, der verdammt fest saß. Wenn das sonst der Fall war, nahm man dafür einen Marlspieker. Matt erledigte das mit seinem Haken – wieder ein Vorteil, den er mit dieser „künstlichen Hand“ hatte.

Sie schlugen die Resttrosse ab, die noch eine Länge von etwa drei bis vier Yards hatte. Carberry schraubte den alten Schäkelbolzen wieder ein.

„Willst du diesen Gammelrest samt Schäkel mit zurück an Bord nehmen?“ fragte Matt. Er wußte, daß der Profos zur Eichhörnchensorte gehörte, die nichts fortwarf und alles einsammelte, was noch irgendwie brauchbar erschien. Nur war bei diesen Typen alles brauchbar.

„Soll das hier vielleicht liegenbleiben?“ schnauzte Carberry. „Auch ein Ankerplatz muß saubergehalten werden!“

Das war wieder einmal so ein Argument, das einem die Stiefel ausziehen konnte.

„Ah so“, sagte Matt trocken, „dann hätten wir natürlich noch ’ne Harke mitnehmen müssen.“

„Harke? Wieso Harke?“

„Um den Ankerplatz zu harken“, erwiderte Matt, sich umblickend, „und ungebührliche Muscheln sowie anderes Zeug tunlichst zu entfernen.“

Batuti, Stenmark und Matt feixten bis zu den Ohren, was den Profos jedoch nicht weiter anfocht. Er war bereits damit beschäftigt, die Trosse von der „Santa Barbara“ näher heranzuzerren, um sie am Roring einschäkeln zu können.

„Helft mal!“ knurrte er.

„Still!“ zischte Batuti. Er stand plötzlich gespannt und lauernd da.

Carberry ließ die Ankertrosse fallen und drehte sich um. Über seine Schulter hing der „Gammelrest“. Wie die anderen spähte er in die Richtung, in die Batuti deutete.

Aus der Dunkelheit schlichen sechs Gestalten heran. Sie stoppten jäh, als sie die vier Männer sahen.

„Na? Kommt nur näher, ihr kleinen Scheißerchen!“ lockte der Profos. „Wolltet wieder an der Trosse rumschnippeln, was, wie? Na wartet, ihr bösen Buben …“

Ein Messer wirbelte auf ihn zu. Er duckte sich, das Messer flog über ihn weg. Die sechs Kerle stürmten auf sie los.

Carberry riß das Tau von seiner Schulter, schwang es zurück und schlug damit zu. Er senste alle sechs Kerle von den Füßen. Der schwere und massive Eisenschäkel am Ende des Taus krachte dem Flügelmann rechts an den Schädel, der Kerl wurde von der Wucht nach links katapultiert, und dabei nahm er seine fünf Kumpane mit. Sie kippten um wie Zinnsoldaten.

Noch bevor sie wieder auf den Füßen waren, fielen die vier Arwenacks über sie her und machten kurzen Prozeß. Sechs weitere Krieger würden bei Allah um Einlaß bitten müssen.

„Zu was waren Tau und Schäkel gut?“ fuhr der Profos den Hakenmann an.

„Schon kapiert“, erwiderte Matt und starrte auf die sechs Toten. „Hier muß ’ne Wache bleiben, Ed. Die werden nach den sechs Kerlen suchen, wenn sie nicht zurückkehren.“

„Wir beide bleiben hier“, entschied der Profos, „bis wir mit den Knien im Wasser stehen. Dann soll die Ablösung mit dem Boot kommen. Sten und Batuti, sagt dem Kapitän, daß die Trosse dann rund um die Uhr bis morgen früh bewacht werden muß. Am besten sollte auch die zweite Jolle ausgesetzt werden. Die Kerle haben es auf die Trosse abgesehen. Sie wollen uns weiter festnageln.“

„So wird es wohl sein“, sagte Stenmark.

Sie zogen die Trosse gemeinsam näher an den Anker und schäkelten sie am Roring an. Wie vereinbart, marschierten Stenmark und Batuti zur „Santa Barbara“ zurück.

Carberry und Matt lehnten sich an den schrägstehenden Anker.

„Auch so ’ne Wache, die es noch nicht gegeben hat“, brummte Carberry und starrte hinüber zu den sechs Toten. „’ne richtige Friedhofswache. Die wär’ was für Old Donegal.“

„Na ja“, sagte Matt Davies, „ich finde das auch nicht sehr lustig. Ob wir die sechs Kerle einbuddeln?“

„Hast du ’n Spaten?“

„Nein.“

„Na also.“

Schweigen. Dann: „Ed?“

„Ja?“

„Ist in deiner Buddel noch was drin?“

Der Profos klatschte sich an den Kopf. „Klar, Mann! Hab’ ich doch glatt vergessen.“

Matt trank den ersten Schluck in Richtung der Toten und sagte: „Möge Allah ihnen gnädig sein.“

„Du sagst es.“ Und auch Carberry widmete seinen Schluck dem toten Gegner. Er fügte hinzu: „Dummköpfe – sterben wegen ’ner fremden Ankertrosse. Das muß man sich mal vorstellen. Hätten sie nicht abhauen können, als sie uns sahen?“

„Sechs gegen vier, Ed. Da meinten sie, uns einen überbraten zu können.“

Sie redeten hin und her und waren froh, den Rum dabeizuhaben. Dann meinten sie, erneut angegriffen zu werden, aber die Gestalt näherte sich aus Richtung „Santa Barbara“ und entpuppte sich als Mac Pellew. Er brachte den beiden Mannen „Atzung“, wie er sich ausdrückte. Und auch eine Flasche Rum zauberte er aus dem Segeltuchsack.

„Hervorragende Idee mit dem Rum, Mac“, lobte Matt Davies. „Meine Kehle ist völlig ausgetrocknet. Also wirklich, daß du daran gedacht hast!“

Großzügig ließen diese beiden Halunken auch Mac Pellew aus der Pulle schlucken, während sie mit Heißhunger kalten Braten und Fladenbrot verdrückten.

Inzwischen lief das Wasser wieder auf. Als Mac zur „Santa Barbara“ zurückkehrte, patschte er bereits durch Lachen und Pfützen. Für Carberry und Matt Davies wurde es ungemütlich. Ringsum regte es sich, es schmatzte und gurgelte. Das Watt veränderte sein Gesicht von einer Minute zur anderen. Wo Sand gewesen war, erschienen plötzlich blinkende Wasserflächen. Es wurde kühler.

Als der Wachwechsel erfolgte, standen die beiden Männer bis über die Knie im Wasser. Die beiden Jollen tauchten auf. Eine blieb bei der Ankerstelle, die andere brachte Carberry und Matt zurück und übernahm dann ebenfalls ihren Wachdienst.

Gegen drei Uhr morgens schlugen beide Jollen den Angriff mehrerer Boote des Gegners ab, der noch einmal versuchte, die Ankertrosse zu kappen.

Von da ab herrschte Ruhe. Die Piraten von Abu Dhabi zeigten sich nicht mehr. Vielleicht hatte ihr Häuptling eingesehen, daß er die Existenz seines Stammes aufs Spiel setzte, wenn er weitere Angriffe riskierte.

Es waren vier Boote gewesen, die den letzten Versuch unternahmen, doch noch an die Ankertrosse heranzukommen. Doch die Teufel hatten Tromblons und Flaschenbomben eingesetzt.

Am Morgen wuchteten die Arwenacks am Gangspill und schafften es, ihre „Santa Barbara“ von der Sandbank zu ziehen. Sie hievten den Anker kurzstag, brachen ihn aus dem Grund, setzten die Segel und nahmen Kurs auf die Bahrein-Inseln im Nordwesten …

ENDE


1.

Mit elf Jahren verlor Ahmed seinen Vater. Sie lebten damals in dem Inselgewirr von Abu Dhabi und waren einfache Fischer. Morgens fuhren sie mit einer winzigen Nußschale aufs Meer hinaus, und gegen Abend kehrten sie mehr oder minder erfolgreich vom Fischfang zurück. Meist reichte es gerade aus, um ein karges Leben zu fristen.

Dann, als sie eines Tages wieder draußen waren, begegneten sie einer unheimlichen schwarzen Sambuke. Dieses Schiff war mit einer wilden Horde übler Kerle bemannt.

Ahmeds Vater wurde blaß und fing an zu zittern.

„Es sind die Piraten des ehemaligen Beduinenstammes der Beni Yas“, sagte er. „Hoffentlich lassen sie uns in Ruhe. Wir haben ja nichts weiter als ein paar Fische.“

Aber die grausamen Männer ließen sie nicht in Ruhe. Mit langen Haken zogen sie den Fischernachen zu sich heran und lachten roh.

Ahmed blickte in die unrasierte Fratze eines wilden Mannes, der ihn höhnisch angrinste. Es war Ali Ben Chufru, ein grausamer Mann, der den Küstenstrich von Abu Dhabi beherrschte, der mit Sklaven handelte, plünderte, mordete und brandschatzte. Er war bis weit hinaus an der Küste Quatar gefürchtet, und er war berüchtigt dafür, daß er mit Vorliebe die Perlenfischer ausplünderte.

Aber zum Glück hatten sie keine Perlen, nur ein paar Fische, eine karge Ausbeute, die knapp zum Überleben reichte.

„Ihr habt Perlen gefunden“, sagte Ali. „Ihr habt sie versteckt, ihr Halunken.“

„Wir haben keine Perlen, Sidi“, beteuerte Ahmeds Vater. „Wir sind arme Fischer, die ihr täglich Brot verdienen. Das Perlenfischen überlassen wir anderen.“

„Bastarde seid ihr“, sagte Ali kalt. „Außerdem fischt ihr in meinen Gewässern, und das hat euch niemand erlaubt.“

„Allah hat die Seen und Gewässer für alle geschaffen, Sidi, damit jeder davon leben kann.“

„Hat Allah dir das selbst gesagt, oder ist das deine eigene Weisheit?“

Der Fischer schluckte hart, als sie ihn verhöhnten. Sie hielten das kleine Boot immer noch mit ihren mörderischen Haken fest.

„Also, wo sind die Perlen?“ fragte Ali herrisch. „Heraus damit, und ihr könnt weiterziehen.“

Als Ahmeds Vater erneut beteuerte, sie hätten keine Perlen, sprangen auf Alis Befehl zwei Mann in das Boot. Rücksichtslos drängten und stießen sie die beiden Fischer zwischen die Duchten.

Dann nahmen sie sich den Krug mit Oliven vor und zertrümmerten ihn mit dem Knauf einer silberbeschlagenen Pistole. Sie gossen das Öl aus und warfen die Scherben ins Meer. Einer der Kerle stopfte sich eine Olive in den Mund und kaute darauf herum. Dann spie er sie angewidert aus. Den Rest der Oliven warf er gleich hinterher.

Dabei lachten sie ununterbrochen. Aber es war ein böses und gefährliches Lachen, das Ahmed zutiefst erschreckte.

Auch die paar Datteln und Feigen, die sie mithatten, wurden zermatscht und zerdrückt und schließlich ins Meer geworfen.

„Die Hundesöhne haben ganz sicher Perlen!“ rief Ali. „Seht überall genau nach!“

Viel nachzusehen gab es in dem winzigen Boot nicht. Sie fanden auch keine einzige Perle.

Einer von Alis Unterführern deutete auf das außenbords hängende Netz, in dem sie ihren kargen Fang hatten. Sie ließen die Fische immer außenbords im Netz, damit sie frisch blieben.

„Ich weiß, wo die Perlen sind!“ brüllte er. „Sie haben sie den Fischen in die Mäuler gesteckt, damit sie keiner findet.“

Er holte mit einem Ruck das Netz hoch und schüttete den zappelnden Inhalt auf die Gräting.

Es waren nur acht kleinere Fische, manche davon nicht länger als eine Hand, und sie zappelten wild durcheinander.

Die rohen Kerle nahmen ihre Messer und schlitzten den Fischen Köpfe und Bäuche auf. Als sie nichts fanden, warfen sie die Fische zurück in Meer.

„Sidi“, rief Ahmeds Vater flehentlich, „laßt uns bitte die paar Fische! Es ist unsere Nahrung für zwei Tage.“

Die Kerle lachten nur. Als auch der letzte Fisch über Bord geflogen war, packte Ali den Fischer an den Haaren.

Ahmed sah voller Entsetzen die grinsenden Fratzen, die schmutzigen Gesichter, die vielen Messer und Pistolen. Die Horde bereitete sich einen Spaß daraus, sie zu quälen.

„Du hast also keine Perlen, du Stinktier“, sagte Ali kalt. „Aber du hast einen Bastard von Sohn, der dir beim Klauen hilft. Das ist doch dein Sohn, oder?“

„Mein einziger Sohn, Sidi. Er hat keine Mutter mehr, wir beide sind ganz allein.“

„Es geht ihm also schlecht bei dir?“

„Es reicht für uns gerade zum Leben, Sidi.“

„Na schön. Dann soll er es besser haben. Ich werde ihn zu mir aufs Schiff nehmen, denn wir brauchen einen Schiffsjungen. Dem letzten hat man leider den Hals durchgeschnitten.“

Das Gelächter der Kerle wurde noch lauter. Ahmed zog sich angstvoll auf die hintere Ducht zurück.

„Mein einziger Sohn ist die Versorgung meines Alters, Sid“, sagte der Vater leise. „Ohne ihn kann ich nichts anfangen.“

„Das ist deine Sache. Ich brauche einen Schiffsjungen. Los, rüber mit dir!“ schrie er den Jungen an.

Ahmeds Angst wurde noch größer. Er hatte mal gehört, wie die Piraten Schiffsjungen behandelten. Nicht nur, daß sie den übelsten Dreck tun mußten, sie wurden auch mißhandelt und geschlagen, und nicht selten passierte es, daß man sie einfach ins Meer warf und sich selbst überließ. Daran mußte Ahmed jetzt denken. Er wollte mit diesen wilden und brutalen Gesellen nichts zu tun haben, die Schiffe überfielen, ausplünderten und die Mannschaften ermordeten.

„Ich will nicht“, sagte Ahmed heiser und angstvoll. Ganz plötzlich standen ihm dicke Schweißperlen auf der Stirn.

Aber was Ahmed wollte oder nicht, das interessierte die barbarischen Kerle nicht. Einer zog einen Krummdolch aus dem Hosenbund, faßte sich unters Kinn, hob es ein wenig an und demonstrierte, wie man einem den Hals durchschnitt, der nicht parieren wollte.

„Hinüber jetzt mit dir!“ brüllte ein narbiger Mann wild.

Er griff nach Ahmed, doch der Junge wich aus.

„Laßt mir meinen Sohn!“ rief Ahmeds Vater. „Er ist mein ein und alles, ich habe nur ihn! Ihr dürft ihn mir nicht wegnehmen. Außerdem will er doch gar nicht zu euch.“

Ali Ben Chufru sah den alten Fischer mit böse funkelnden Augen an. Sein Gesicht war häßlich verzogen.

„Es müßte deinem räudigen Sohn eine Ehre sein, mir dienen zu dürfen“, sagte er wütend. „Noch niemand hat es ausgeschlagen, in meine Dienste zu treten. Das dulden die Söhne der Beni Yas nicht. Das ist eine unverschämte Beleidigung.“

„Ich habe dich nicht beleidigt, Sidi!“ rief der Alte.

Ali holte blitzschnell aus. Sein mit dem Handrücken geführter Schlag traf den Fischer hart. Von seinen Lippen quollen Blutstropfen.

Trotz seiner Angst vor den Kerlen ging Ahmed dazwischen, als die Hand zum nächsten Schlag ausholte. Mit seinen kleinen Fäusten trommelte er auf Alis Unterarm.

Dann rissen ihn zwei grobe Pranken mit einem Ruck aus dem Boot. Sie warfen ihn einfach auf die Planken der schwarzen Sambuke.

Die Angst um seinen Sohn verlieh dem Fischer ungeahnte Kräfte. Er wischte sich mit zitternden Fingern das Blut von den Lippen und starrte zu Ahmed, der mit schrecklich verzogenem Gesicht auf den Planken der schwarzen Sambuke lag.

„Gebt mir meinen Sohn zurück!“ schrie er mit überkippender Stimme.

„Hol dich der Scheitan!“ rief der Pirat hohnlachend. Erneut schlug er nach dem Fischer, der die Arme hob, um den Schlag abzuwehren.

Der Fischer packte den Arm und hielt ihn fest. Der Pirat lief vor Wut knallrot an.

„Du wagst es, du Bastard“, keuchte er, „du Hundesohn von einem dreckigen Fischer …“

Blitzschnell fuhr seine linke Hand zum Gürtel. Im Sonnenlicht blitzte einen Lidschlag lang eine schmale Klinge auf. Ahmeds Vater sah den scharfen Krummdolch auf sich zurasen. Es war nur ein winzig kleiner Blitz, der durch die Luft zuckte, und dieser Blitz verschwand von einem Augenblick zum anderen in seinem Brustkorb.

Der Fischer sank tot in seinen Nachen zurück. Die Klinge des Krummdolches hatte sein Herz getroffen.

Ahmed schrie gellend auf, als er seinen Vater zusammensinken sah. Sein Schrei klang wie der Todesschrei eines Tieres. Wie von Sinnen sprang er auf die Beine und stürzte sich auf Ali Ben Chufru, der vor dem wilden Angriff des schmalen Jungen überrascht zurückwich. Fingernägel fuhren ihm wie Pantherkrallen in das Gesicht und hinterließen blutige Striemen. Ahmed verbiß sich regelrecht in ihn und schlug voller Haß auf ihn ein.

Zwei Kerle rissen ihn unter Aufbietung all ihrer Kräfte fort. Ein harter Schlag trieb ihn bis ans Schanzkleid.

Ali Ben Chufru hielt noch den blutigen Krummdolch in der Faust. Aus seinen Augen liefen Tränen, Blutspuren rannen über die Wangen in seinen Bart. Mit dem Dolch in der Faust stürzte er sich auf Ahmed.

„Du räudiger Sohn einer Mißgeburt!“ schrie er, außer sich vor Wut. „Dir werde ich es zeigen!“

Drei andere Kerle stürzten sich ebenfalls auf ihn. Ahmed wußte, daß sie ihn jetzt genauso töten würden, wie Ali seinen Vater heimtückisch getötet hatte. Ali Ben Chufru ließ diese Schande, daß ihn ein Junge geschlagen hatte, nicht auf sich sitzen. In seinen Augen funkelte blanke Mordlust.

„Ich schwöre dir Rache, du Hundesohn!“ schrie Ahmed. Noch bevor die zupackenden Fäuste ihn erwischten, sprang er mit einem wilden verzweifelten Satz über Bord.

Er hörte nicht mehr, wie Ali zu toben begann.

„Schießt den Bastard ab!“ rief er seinen Leuten zu. „Wenn er auftaucht, knallt ihn sofort ab!“

Mit einem heftigen Ruck stieß er das kleine Boot weg. Der tote Fischer kippte zur Seite und rollte auf den Rücken. Aus weitgeöffneten Augen starrte er in den wolkenlosen Himmel.

An Deck rannten Chufrus Kerle durcheinander. Einige hatten sich mit Musketen bewaffnet, die anderen trugen Pistolen und suchten das Wasser um die Sambuke ab.

„Da sind Luftblasen!“ brüllte einer.

Mit Musketen und Pistolen feuerten sie auf die Luftblasen, doch den schmächtigen Jungen sahen sie nicht.

Ali Ben Chufru rannte wütend von einer Seite zur anderen. Immer wieder blickte er in das Wasser und schüttelte den Kopf, als der Junge nicht mehr auftauchte.

Fast zehn Minuten vergingen, dann winkte er herrisch ab.

„Der Bastard ist ersoffen“, erklärte er. „Wir segeln weiter. Mögen die Haie seinen erbärmlichen Kadaver fressen.“

Dem toten Fischer gönnte er keinen einzigen Blick, der in seinem Nachen langsam davontrieb. Für Ali zählte ein Menschenleben nicht. Die Sorgen und Ängste eines kleinen Jungen interessierten ihn erst recht nicht.

Unbekümmert segelten die Schnapphähne weiter.

Ahmed konnte sehr gut schwimmen und tauchen und auch sehr lange die Luft anhalten. Aber er hatte ständig Angst vor der fürchterlichen Tiefe, in der die schlimmsten Ungeheuer hausten. So war es ihm jedenfalls immer erzählt worden. Andere Fischer hatten von gigantischen Seeschlangen und Meeresdrachen erzählt, von Fischen, die so groß waren, daß sie ein ganzes Boot auf einmal verschlingen konnten.

Die Angst vor der Tiefe verdrängte er jetzt gewaltsam, denn was da oben vor sich ging, das war fürchterlicher als alles andere.

Die Piraten hatten seinen Vater getötet, und jetzt suchten sie ihn, um auch ihn umzubringen.

Unter Wasser schwamm er auf die Sambuke zu, bis er sich dicht unter dem muschelbewachsenen Kiel befand. Er vernahm dumpfe Laute und sah zweimal hintereinander, wie schnelle silberne Schatten durchs Wasser rasten.

Sie schossen auf ihn!

Seine Angst wurde noch größer. Er regte sich so auf, daß er nicht mehr die Luft anhalten konnte. Mit einem sprudelnden Schwall stieß er sie aus, schwamm etwas höher und holte tief Luft. So schnell er konnte, ging er dann wieder auf Tiefe.

Das Wasser war hell und warm, und er konnte ziemlich weit sehen. Um ihn her war es dämmrig grün. Er sah auch ganz deutlich den Tang und die Muscheln, die das Schiff auf der Unterseite trug. Manche waren zu wilden Bärten verwuchert.

Zitternd vor Angst schwamm er zum Heck der Sambuke, wo wie ein riesiger Schatten das Ruderblatt zu erkennen war. Dort steckte er vorsichtig den Kopf aus dem Wasser und schaute sich um. Er konnte nicht viel sehen, nur einen Teil des Hecks, das beim Unterwasserschiff in einem Spitzgatt endete und sich oberhalb der Wasserlinie zu einem Plattgatt verbreiterte. Das hatte für ihn den Vorteil, daß sie ihn von oben aus nicht entdecken konnten, es sei denn, jemand würde sich weit hinauslehnen.

Er hielt sich am Ruderblatt fest und wartete. In tiefen Zügen sog er Luft ein und tauchte dann wieder so tief, bis sich das Ruderblatt über seinem Kopf befand.

Das ging Ewigkeiten so, und er hatte das Gefühl, als würde die Sambuke mit den Piraten nie mehr Fahrt aufnehmen.

Als er wieder einmal kurz auftauchte, schrak er zusammen. Das Ruderblatt bewegte sich mit einem dumpfen Geräusch und glitt langsam nach Steuerbord hinüber. Gleichzeitig wurden auch wieder Geräusche von oben hörbar, die sich wie dumpfes Trommeln anhörten.

Stimmen konnte er nicht unterscheiden, nur dumpfe Laute. Und dann war da ein Murmeln, das immer lauter wurde, bis es zu rauschen begann. Blasen stiegen hinter dem Ruderblatt aus der See, quirliger Schaum entstand in einer langen blasenwerfenden Bahn.

Die Sambuke glitt unter Vollzeug durchs Wasser und segelte weiter. Offenbar nahmen die Schnapphähne an, daß er ertrunken war.

Als die Blasen dichter und schaumiger wurden, löste er seine Finger vom Ruderblatt und tauchte tief unter. Ein gigantischer Schatten entfernte sich von ihm und verblaßte nach kurzer Zeit im Wasser.

Ahmed hielt so lange die Luft an, bis es ihn schmerzte. Erst dann tauchte er auf.

Sein erster Blick galt den finsteren Gestalten. Sie waren schon sehr weit weg und kümmerten sich nicht weiter um ihn.

Die Gefahr schien so gut wie vorbei zu sein.

Dann sah er sich nach dem Fischernachen um. Einen Augenblick hoffte er, die vertraute Gestalt des Vaters würde auf der Ducht sitzen. Aber der Nachen war scheinbar leer und trieb weit entfernt von ihm in der See.

Als er jetzt weiterschwamm, stürzten ihm Tränen aus den Augen, und er schluchzte laut. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie es ohne den Vater weitergehen sollte.

Er war völlig ausgepumpt, als er den Nachen endlich erreichte. Bevor er sich über das Dollbord zog, warf er noch einen Blick zu der immer kleiner werdenden Sambuke.

„Du Hund“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme, „du dreckiger, räudiger Hundesohn. Verflucht sollst du sein für alle Zeiten. Ich schwöre, daß ich meinen Vater rächen werde.“

Danach hockte er still im Boot. Seinem toten Vater hatte er die Augen zugedrückt.

Um ihn her war alles still, ruhig und friedlich, als hätte es nicht den geringsten Zwischenfall gegeben. Hinten am Horizont segelte die Sambuke ebenfalls friedlich ihren Kurs. Ahmed konnte immer noch nicht glauben, daß die Halunken so kaltblütig seinen Vater umgebracht hatten.

Mehr als eine Stunde lang hockte er auf der Ducht und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Als von der Sambuke nichts mehr zu sehen war, setzte er das kleine Segel und kehrte traurig zum Ufer zurück. Dort schwor er den grausamen Piraten noch einmal Rache.

Etwas später hob er zwischen zwei Dattelpalmen, die einsam dicht am Ufer standen, eine Grube aus. Er nahm das kleine Segel ab und umhüllte damit die Gestalt im Boot. Danach trug er mühsam und immer wieder verschnaufend die Leiche seines Vaters zu der Grube. In dem Segeltuch begrub er sie und schaufelte das Grab zu. Anschließend sammelte er Steine, um das Grab zu markieren.

Als er sich ausgeweint hatte, kehrte er zu der winzigen Hütte zurück, die sie zusammen bewohnt hatten. Er nahm eine Pfanne, zwei Töpfe und etwas Kleinkram mit. Viel mehr hatten sie nicht besessen.

Das alles trug er ins Boot. Dann setzte sich Ahmed vor den steinernen Hügel und dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte.

Onkel Selim fiel ihm ein, ein Bruder seines Vaters, der irgendwo in der Nähe von Quatar hauste. Selim war früher auch einmal Fischer gewesen, aber dann hatte er sich auf die Perlentaucherei verlegt, weil sie mehr einbrachte, wenn man etwas Glück hatte.

Sie hatten sich lange nicht gesehen, und er wußte nicht einmal, ob er Selim überhaupt erkennen würde. Mindestens fünf Jahre lagen dazwischen. Vielleicht erkannte der Onkel ihn selbst auch nicht mehr.

Lange Zeit hockte er vor dem Grab, grübelte und überlegte. Irgendwie mußte er sich jetzt allein durchbeißen.

Als die Sonne blutrot im Westen an der Kimm stand, begann es langsam abzukühlen. Er legte sich auf den Rücken und sah zu, wie sie allmählich kleiner wurde und verblaßte. Doch bevor sie unterging, schickte sie noch einmal einen bunten Reigen von Strahlen über den Himmel. Dann verschwand sie.

In dieser Nacht blieb Ahmed bei dem Grab seines Vaters. Er brauchte sehr lange, bis er endlich einschlief.

Am anderen Morgen zog der Fischerjunge Ahmed los. Sein Herz lag schwer in der Brust, ein dumpfes Gefühl der Beklemmung lastete auf ihm. Vor ihm lag ein völlig ungewisses Schicksal.

Er hatte noch ein kleines, hundertmal geflicktes Ersatzsegel, das er jetzt aufzog, als die Sonne aufging. Außerdem befanden sich im Fischernachen noch zwei Riemen.

Nach einem letzten abschiednehmenden Blick auf das Grab seines Vaters segelte er los. Er segelte zunächst nach Westen in Richtung Dhannar, immer an der Küste entlang. Eine frische Brise schob ihn weiter.

Bei Ebbe suchte er zwischen Korallen und in Wasserlöchern nach Fischen und Krebsen, die nicht rechtzeitig entkommen waren. Sie bildeten tagelang die einzige Nahrung für ihn. Wasser erhielt er von anderen Küstenfischern, die Mitleid mit ihm hatten und ihm seinen Ziegeniederschlauch wieder auffüllten. Hin und wieder besorgte er es sich aber auch bei den Oasen.

Zwischendurch hielt er nach der schwarzen Sambuke Ausschau, doch er sah sie nicht mehr.

Fast einen Monat lang trieb er sich an der Küste herum. Wenn er einen Fischer traf, dann fragte er ihn nach Selim Ibn Abdalah, aber immer wieder schüttelten die Fischer mitleidig die Köpfe. Niemand schien Selim Ibn Abdalah zu kennen.

Nach weiteren zwei Wochen hatte er Glück.

„Selim kenne ich“, sagte der Fischer, den er ansprach. „Einer der Söhne von Abdalah, das stimmt. Du mußt bis in die Nähe von Quatar segeln, mein Junge. Dort brauchst du nur nach Selim, dem Perlenfischer, zu fragen. Hm, er ist ein bißchen merkwürdig, weißt du.“

„Er ist mein Onkel, der Bruder meines Vaters.“

„Trotzdem, mein Junge, er ist ein bißchen sonderlich, dieser Selim. Er sucht die Schwarzen Tränen Allahs, und er fängt auch längst keine Fische mehr.“

Ahmed hörte mit offenem Mund zu. Von den Schwarzen Tränen Allahs hatte er noch nie etwas gehört.

„Was ist das?“ wollte er wissen.

Der Fischer erklärte es ihm geduldig.

„Vor langer, langer Zeit war Allah so traurig, daß er Tränen vergoß. Sie fielen ins Meer, wurden ganz schwarz und sanken auf den Grund, wo sie heute noch liegen. Die großen Muscheln verbargen die Tränen vor den Blicken der Menschen und hüllten sie ein, damit niemand Allahs Trauer jemals sah. Seither versucht man, diese Schwarzen Tränen zu finden, denn sie sind sehr kostbar, und sie sind mit den anderen Perlen überhaupt nicht zu vergleichen.“

„Hat Onkel Selim denn welche gefunden?“ fragte Ahmed.

„Nein, ganz sicher nicht. Er sucht schon jahrelang danach, und im Laufe der Zeit ist es bei ihm zu einer Wahnvorstellung geworden, eine der schwarzen Tränen zu finden.“

Ahmed bedankte sich höflich und segelte weiter. Dieser Onkel Selim schien ein merkwürdiger Mann zu sein.

Nach ein paar weiteren Tagen hatte er ihn endlich gefunden. Als sie sich begrüßten, fiel Ahmed die starke Ähnlichkeit mit seinem Vater auf. Onkel Selim unterschied sich nur dadurch, daß er einen schwarzen Bart mit Silberfäden trug. Er war zwei Jahre älter als sein Bruder. Aber manchmal redete er recht krauses Zeug.

„Natürlich kannst du bei mir bleiben“, sagte Selim. „Du bist ja mein Neffe, und ich habe meinen Bruder sehr geliebt. Leider haben wir uns sehr lange nicht mehr gesehen, und leider ist er jetzt tot. Das betrübt mich sehr, mein lieber Ahmed.“

Der Onkel gab ihm zu essen und zu trinken. Er hatte eine winzige Tartane, mit der er Perlen suchte, meist weit draußen vor Quatar.

„Eigentlich bin ich sehr froh, daß du hier bist“, sagte er später. „Mein Gehilfe ist nämlich von mir gegangen. Er hieß Ali und war ein unerschrockener Mann, aber er hat nie eine der Schwarzen Tränen Allahs gefunden.“

„Warum hat er dich verlassen, Onkel Selim?“

Selim räusperte sich verlegen und strich seinen Bart mit den silbrigen Fäden darin. Das tat er immer, wenn ihm eine Frage nicht gefiel und er nicht gleich antworten wollte.

„Ja, weißt du, Ali, nun – er tauchte immer sehr tief an den Riffen, wo die großen Fische sind. Die bewachen nämlich die Schwarzen Tränen, damit niemand sie heraufholt.“

„Haie?“ fragte Ahmed zaghaft.

„Nun ja, Haie. Wie das eben so ist.“

„Sie haben Ali getötet?“ fragte Ahmed schaudernd.

„Möglich, daß es Haie waren“, sagte der Onkel. „Ich fand von Ali später nur ein Bein, mehr nicht. Ja, und sein Messer noch, das lag auf dem Meeresgrund.“

Dem Jungen mit den braunen Augen lief ein eisiger Schauer über den Rücken.

„Das Perlenfischen ist gefährlich, nicht wahr?“

„Nicht so schlimm. Man lernt es schnell und leicht. Man muß nur lange genug die Luft anhalten können. Ich selbst bin schon zu alt dazu, ich kann nicht mehr so lange tauchen wie früher. Aber ich werde es dir beibringen, Ahmed, und eines Tages, da bin ich ganz sicher, wirst du eine der Schwarzen Tränen Allahs finden, und dann sind wir reich. Ich werde sie dem Sultan verkaufen. Du mußt dich nun entscheiden, ob du bei mir bleiben oder weiter deiner Wege ziehen willst.“

Ahmed überlegte nicht lange. Er hatte nichts zu verlieren, er hatte keine Eltern mehr, aber der Onkel war da und würde für ihn sorgen. Warum sollte er nicht den Beruf des Perlenfischers erlernen, zumal es dem Onkel gar nicht so schlecht ging? Er hatte genug zu essen, zu trinken und ein Dach über dem Kopf. Allein hätte er das nie geschafft.

Also sagte er zu.

Schon am anderen Tag begann Selim damit, ihn auszubilden. Sie tauchten immer zusammen, und Ahmed erwies sich als sehr geschickt.

Er hatte nur immer Angst vor dieser grenzenlosen schrecklichen Tiefe, wenn es immer dunkler um ihn herum wurde, wenn Schatten auftauchten, die ihn belauerten.

Aber nach und nach verlor sich die Angst vor der Tiefe, nur die Angst vor den Ungeheuern war geblieben, denn die waren wirklich unberechenbar, und Ahmed mußte immer an den armen Ali denken, von dem Selim nur noch ein Bein gefunden hatte.

Mit der Zeit wurde er ein sehr geschickter Perlentaucher.

2.

Anfang April 1597 war es jetzt, als die „Santa Barbara“ auf Westkurs einem unbekannten Ziel zusegelte.

Unbekannt war das Ziel insoweit, weil das aufgefundene Kartenmaterial immer noch leichte Zweifel aufwies. Die Arwenacks wußten nur, daß „irgendwo im Norden“ ein riesiges Meer sein sollte, daß es vermutlich einen Verbindungsweg ins Mittelmeer gab. Diesen Weg wollte man erkunden, denn er bot ungeahnte Möglichkeiten und eröffnete vielleicht völlig neue Seewege – oder Abkürzungen.

Die Galeone lief jetzt „geschmeidiger“, wie das allgemein an Bord ausgedrückt wurde. Kein Wunder, denn nach dem letzten Aufbrummen war das Tantchen von einem gewaltigen Muschelpanzer befreit worden, der sich im Laufe der Zeit angesetzt hatte.

Jetzt waren die riesigen Bärte aus Tang, Algen und Entenmuscheln entfernt, und die „Santa Barbara“ rannte nur so durchs Wasser.

„Dieses Tempo preßt einem glatt die Luft aus den Lungen“, behauptete Old O’Flynn, obwohl das wieder mal stark übertrieben war. „Man kriegt kaum noch Luft.“

Sie hatten sich auf der Kuhl versammelt und palaverten, nachdem sie ein paar kleine Schäden ausgebessert hatten, die von dem letzten Kampf mit Piraten bei Abu Dhabi herrührten. Jetzt war das Schiffchen wieder einwandfrei in Ordnung.

Gegen Mittag ließ Hasard den Kurs auf Nordnordwest ändern, denn der Küstenverlauf knickte ab und an Backbord tauchten wieder unzählige winzige Inseln auf. Aber die Bekanntschaft mit einer Sandbank hatten sie gerade hinter sich und wollten sie kein zweites Mal riskieren.

Der Abstand zum Küstenstrich betrug jetzt etwa eine Meile.

Nach dem Mittagessen erschien auch Mac Pellew an Deck, reckte die Brust und sah sich um.

Ausnahmsweise wies sein Gesicht heute eine verbindlich scheinende Freundlichkeit auf. Der sauertöpfische Griesgram blinzelte in die hochstehende Sonne und freute sich seines Lebens.

„Wenn er so freundlich aussieht, hat das nichts Gutes zu bedeuten“, lästerte Edwin Carberry. „Das ist immer wie die Ruhe vor dem Sturm. Erst ist alles freundlich und nett, und dann passiert es.“

Mac Pellew grinste dünn. Die Worte von Carberry überhörte er großzügig.

„Heute gehe ich einmal in den Ausguck“, verkündete er. „Bin schon ewig nicht mehr da oben gewesen. Die Backschafterei geht mir heute auf den Geist. Ich will mir auch mal den Wind um die Nase wehen lassen und nicht immer den Kombüsenmief schnuppern.“

„Hört, hört“, sagte Blacky. „Er will hoch hinaus. Aber das ist durchaus mal verständlich. Was meinst du, Smoky?“

Der Decksälteste Smoky meinte vorerst überhaupt nichts. Er hockte reichlich verbiestert unter den Stufen des Niederganges, wo kühler Schatten war, und schwieg sich noch aus.

Der Grund dafür war verständlich, denn Smoky sah anders aus als sonst. Im Schatten des Niederganges war ein heller Fleck zu erkennen, und der sah so aus, als wäre dort ein kleiner Mond aufgegangen.

Der Decksälteste hatte eine Glatze – und was für eine! Ein richtiges Prachtexemplar von einer Glatze war das, eine schön volierte helle Riesenkugel, die sich vom tiefen Braun seines Gesichtes unübersehbar abhob. Smoky war nicht wild darauf, diese helle Fläche der brennenden Sonne auszusetzen. Das tat scheußlich weh. Aber noch schlimmer waren die Kommentare der anderen und das hämische Gelächter, das er über sich ergehen lassen mußte.

Aber die Sache mit der Glatze war seine eigene Schuld, die hatte er sich selbst und seinem Wetteifer zuzuschreiben.

Dabei war es um eine völlig harmlose Angelegenheit gegangen. Big Old Shane hatte aus poliertem Kupferblech ein paar kleine Blinker hergestellt. Die Zwillinge Hasard und Philip hatten behauptet, diese „Köder“ würden von Fischen angenommen werden. Das hatte Smoky mit einem abfälligen Grinsen weit von sich gewiesen und gewettet, daß das nie der Fall sein würde. Kein Fisch sei so dämlich, nach einem Stückchen Kupferblech zu schnappen, oder es gar mit einem Fischlein zu verwechseln. Darauf würde er sich eine Glatze scheren lassen.

Die Quittung erhielt er anschließend, als prompt ein riesiger Zackenbarsch angebissen hatte.

Seitdem war Smoky „oben ohne“, denn Carberry, der auf die Wette eingegangen war, hatte gewonnen und ihn seiner braunen Haarpracht beraubt und ihm auch den Schädel sorgfältig rasiert.

So hockte er abseits im Schatten und grämte sich. Außerdem sah er zum Fürchten aus.

Vielleicht war diese Glatze aber auch der Anlaß zu Mac Pellews unerwarteter Freundlichkeit.

„Na, was ist, Smoky?“ fragte Blacky. „Sollen wir Mac in den Großmars aufentern lassen? Sag doch mal was, Kugelbubi.“

„Dir geb’ ich gleich ’nen Kugelbubi“, knurrte Smoky und zog sich noch weiter in den Schatten zurück. „Und was Mac tut, ist mir scheißegal. Von mir aus kann er auf dem Kielschwein reiten.“

Mac Pellew grinste wieder so dünn, daß man dieses Grinsen schon fast in Scheiben schneiden konnte.

„Du müßtest mal auf dem Kielschwein reiten“, sagte er, „das wäre bestimmt ein Bild für die Götter. Nur schade, daß du jetzt keinen Vollbart hast, dann würde es noch besser wirken.“

Mac ging zum Wasserfaß am Großmast, schöpfte die große Holzkelle voll und trank einen langen Schluck.

Smoky schluckte in Gedanken mit. Er wollte auch etwas trinken, aber dann mußte er aus seinem Schmollwinkel heraus, und jeder würde seine Platte sehen und bis zu den Ohren grinsen. Seine Mütze konnte er auch nicht aufsetzen, denn die hatte der Profos gehässigerweise wohlweislich versteckt.

„Bring mir mal ’ne Kelle voll Wasser mit, Mac!“ rief er.

Mac Pellew tippte sich an die Stirn.

„Hol dir deine Brühe selbst. Ich habe doch gesagt, daß ich für heute von der Backschafterei genug habe.“

„Blacky!“ rief Smoky unter seiner Ecke zaghaft.

Aber Blacky hörte nichts, und als Smoky nach Matt Davies rief, betrachtete der so angelegentlich seine Hakenprothese, als gäbe es auf der ganzen Welt nichts Wichtigeres als dieses blanke Ding.

Als Smoky es nicht mehr aushielt vor Durst, kroch er aus seinem Versteck hervor und schlich zum Wasserfaß. Die linke Hand hielt er dabei schützend über seinen Schädel.

Er hatte homerisches Gelächter erwartet, doch es blieb so still und ruhig, daß er das Wasser an der Bordwand gurgeln hörte. Außerdem verzog keiner der Kerle eine Miene. Erst als er einen langen Schluck gierig trank, hörte er die unbeteiligte Stimme des Profos.

„Paddy!“ rief er.

Paddy Rogers drehte sich zu ihm um.

„Aye, Mister Profos?“

„Die Hecklaterne anzünden, Paddy. Beeil dich ein bißchen!“

Der Nimmersatt Paddy blickte verwirrt nach achtern.

„Jetzt schon?“ fragte er verblüfft. „Warum denn?“

„Der Mond ist aufgegangen“, sagte Carberry mit Grabesstimme. „Folglich muß es Nacht sein. Falls du noch Tageslicht sehen solltest, so ist es bestimmt übriggeblieben und hat sich noch nicht verzogen. Das nennt man dann eine optische Täuschung. Aber der Mond scheint mitten auf der Kuhl zu sein.“

Als die anderen Banausen schadenfroh lachten und grölten, stand Paddy immer noch überlegend herum und kratzte sich die Bartstoppeln. Erst als das Gelächter verebbte, begann auch er zu lachen.

Smoky ging, bis zum Bersten geladen, wieder in seinen Schmollwinkel zurück und beleidigte die unschuldigen Ahnen der Arwenacks in unflätiger Weise. Nicht einmal den Deckel des Wasserfasses hatte er wieder aufgelegt.

Aus dem Großmars brüllte Stenmark nach unten: „Was ist, Mac, willst du jetzt, oder willst du nicht? Sonst löst Luke mich ab.“

„Bin ja schon so gut wie oben“, brummte Mac.

Gerade als er aufentern wollte, erschien der Kutscher an Deck und sah Mac mißbilligend an.

„Was gibt denn das für Turnübungen?“ erkundigte er sich.

„Ausguck“, erwiderte Mac. „In der Kombüse ist alles aufgeklart. Jetzt will ich mal nach oben, frische Luft schnappen bei dieser verdammten Affenhitze.“

„Er spinnt mal wieder“, sagte Carberry trocken. „Als ob er in der Kombüse nicht genug herumhampeln kann.“

Der Kutscher zuckte mit den Schultern. Kopfschüttelnd sah er zu, wie Mac in die Webeleinen stieg.

„Den ganzen Tag verklart er mir schon, daß er unbedingt frische Luft brauche und in der Kombüse ganz rappelig werde. Nun, wenn er unbedingt da hinauf muß, dann soll er. Ich bin das ewige Genöle und Herumgemecker leid. Vielleicht tut ihm die Brise da oben ganz gut.“

Der gute Mac wollte gerade beweisen, wie flink er im Aufentern war. Von wegen Kombüsenhengst und so! Er flitzte nur so die Webeleinen hinauf, grinste dabei schief und versuchte, artistische Kunststücke zu vollbringen.

Leider ging das schief, weil Mac nicht aufpaßte. Er trat daneben, rutschte ab und griff haltsuchend ins Leere.

Carberry und die anderen zogen instinktiv das Genick ein.

„Nicht schon wieder“, murmelte Carberry ahnungsvoll.

Mac Pellew stieß einen erschrockenen Schrei aus. Er erwischte die Webeleine nicht mehr, verhedderte sich in der Aufregung mit dem rechten Fuß und stürzte ab.

Die Mannen stöhnten unterdrückt. Sie hatten noch in Erinnerung, wie Old Donegal abgestürzt war und sich den Knöchel gebrochen hatte.

Mac Pellew jedoch hatte Glück, wenn man seinen Sturz überhaupt als Glücksfall bezeichnen konnte.

Kopf voran stürzte er mit einem gewaltigen Platschen in das offene Wasserfaß dicht beim Großmast. Zum weiteren Glück hatte ja Smoky vergessen, den Deckel aufzulegen, sonst hätte Mac sich eine mächtige Beule eingehandelt.

Es gab jedenfalls einen Knall, der die Planken der Kuhl bis zum Quarterdeck erzittern ließ.

Die Arwenacks standen wie erstarrt da und stierten auf Mac, oder besser auf seinen Achtersteven, der zum Teil aus dem Faß ragte. Er war so unglücklich darin verklemmt, daß er sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte.

Erst jetzt geriet Leben in die Gestalten. Das anfangs aufflammende Gelächter verebbte in den Kehlen. Smoky stürzte vor, dann der Kutscher, dann Ferris Tucker.

Sie rissen und zerrten an Mac wie wild, doch der saß hoffnungslos kopfvoran fest. Aus dem Faß drang ein dumpfes Blubbern. Offenbar wollte Mac schreien, brüllen oder etwas sagen, aber nur ein riesiger Schwall Blasen stieg nach oben.

„Mein Gott, der ersäuft uns glatt in dem Faß!“ schrie Ferris. „Zieht noch kräftiger!“

Sie gaben sich alle Mühe, zerrten an seinen Armen und Beinen, als wollten sie ihn in Stücke reißen. Vergebens, Mac war verbolzt und verklemmt. Er bewegte sich nicht.

Ein zweites Blubbern und Gurgeln ertönte aus dem Faß. Es hörte sich dumpf und unheimlich an. Das ganze Faß zitterte.

Carberry sah sich verzweifelt um. Dem Kerl würde er nachher etwas zeigen, das stand fest. Aber jetzt mußte ihm erst einmal geholfen werden, sonst ersoff er tatsächlich noch an Deck. Mac Pellew war ein Pechvogel, und er kriegte alles mögliche fertig.

Der Profos schnappte sich eine yardlange Spillspake, packte sie fest mit beiden Händen und stürmte auf das Wasserfaß los.

„Weg da!“ schrie er wild.

Smoky, der Kutscher und Ferris sprangen zur Seite, als Edwin Carberry wie ein wildgewordener Elch herantobte.

Noch im Laufen schlug er mit aller Kraft zu.

Auf der Kuhl gab es einen so gewaltigen Knall, daß selbst die Männer auf dem Achterdeck zusammenzuckten. Dem Knall folgte ein Bersten, als die Faßdauben nach allen Seiten davonflogen.

Mac Pellew stürzte mit einem gewaltigen Wasserschwall auf die Planken der Kuhl und wurde durch die explosionsartig ausbrechende Wucht bis zum Schanzkleid geschwemmt. Eine Menge Faßdauben begleiteten ihn auf seiner kurzen Reise.

Völlig dösig starrte er die Männer an und schien nicht richtig zu begreifen, was eben vorgefallen war.

Der Kutscher richtete den benommenen Mac auf und lehnte ihn vorsichtig ans Schanzkleid. Carberry stand breitbeinig davor, hatte die Arme in die Hüfte gestemmt und sah ihn kopfschüttelnd an.

„Du dämlicher, dumpfhirniger Wasserfloh!“ donnerte er Mac an, der gerade einen Schwall Wasser auf die Planken spie. „Dir sollte man verbieten, überhaupt an Deck zu steigen, denn du verstehst es meisterhaft, immer in den Mist zu trampeln, selbst wenn keiner da ist. Mann, beinahe wärst du in dem Faß ersoffen!“

„Bin auf den Webeleinen ausgerutscht“, sagte Mac kläglich.

„Das war deutlich zu sehen. Das Wasserfaß flog eindeutig nicht von unten nach oben, du Wassertonnenkapitän! Aber groß angeben, rumhampeln und so, das kannst du. Laß dich in Zukunft nie wieder im Ausguck blicken. Kapiert?“

Mac rieb sich mit der linken Hand den nassen Schädel, von dem immer noch das Wasser tropfte. Mit der anderen Hand zog er sich am Schanzkleid hoch.

„Ich wollte ja nur …“, murmelte er.

„Ging in die Hose“, sagte Carberry trocken. „Das kommt davon, wenn Kombüsenhengste hoch hinaus wollen.“

Jetzt ging der Disput zwischen dem Profos und Mac los. Sie gerieten sich fast in die Haare.

Auf dem Achterdeck sah Don Juan de Alcazar den Seewolf von der Seite her an. Er grinste ein bißchen, wie auch Ben Brighton und Dan O’Flynn, denen natürlich nichts entgangen war.

„Dieser arme Mac ist wirklich ein bedauernswerter Pechvogel“, sagte er. „Der muß an einem Dreizehnten geboren sein. Die Sache hätte allerdings böse ausgehen können.“

„Ja, Mac ist wirklich ein Pechvogel“, gab Hasard zu. „Mal latscht er in aufgestellte Rattenfallen, mal ersäuft er fast im Tang. Diesmal war’s ein Wasserfaß, in dem er baden ging. Aber offenbar ist ihm weiter nichts passiert.“

Sie lauschten grinsend den erbaulichen Dialogen auf der Kuhl und staunten darüber, daß Mac schon wieder groß herumtönte. Augenblicklich ging es um die Frage, wer das Wasserfaß zu reparieren hätte. Darüber erhitzten sich die Gemüter.

Dan O’Flynn studierte anschließend zusammen mit dem Spanier Don Juan das Kartenmaterial, das sie hatten. Auch die Zwillinge Hasard und Philip, die die Karten gefunden hatten und sie als einzige einigermaßen entziffern konnten, waren dabei.

„Diesen Törn sind die Kaufleute gesegelt“, sagte Jung Hasard. „Das beweist die feine Linie, die sie eingezeichnet haben. Auf der anderen Seite, die wir nicht sehen können, liegt das Land Persien. Irgendwann müssen wir also nach Norden segeln. Aber wann? Das geht aus den Karten nicht einwandfrei hervor.“

„Mir ist einiges an den Karten noch längst nicht klar“, sagte der hochgewachsene Spanier nachdenklich. „Hauptsächlich nicht der Weg oder der sogenannte wundersame Weg, der in das große Binnenmeer führen soll. Wenn mich nicht alles täuscht, sind da Gebirge eingezeichnet, aber wie gelangt man mit einer Galeone durch die Berge?“

„Über die Flüsse“, sagte Jung Hasard. Es klang etwas lahm, als könne er es selbst nicht so richtig glauben. „Das steht jedenfalls hier. Immerhin sind die Kaufleute vor über fünfzig Jahren in Istanbul aufgebrochen und haben das Arabische Meer erreicht.“

„Fragt sich nur, wie sie es erreicht haben“, meinte der Seewolf. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie die gesamte Strecke gesegelt sind.“

Dan O’Flynn blickte auf und reckte sich.

„Das wollen wir ja herausfinden. Zunächst müssen wir die beiden Flüsse Euphrat und Tigris finden. Bisher stimmt also alles.“

„Fast alles“, korrigierte Philip, „bis auf ein paar Kleinigkeiten. Die Kaufleute schrieben, daß die Karten den Weg weisen, soweit er ihnen im Gedächtnis geblieben ist. Das nämlich dürfte der springende Punkt sein. Wer hat schon so ein ausgezeichnetes Gedächtnis?“

Don Juan sah Philip nachdenklich an. Er nickte unmerklich.

„Ja, wer hat das schon! Es werden sich eine Menge Fehler eingeschlichen haben, die uns zum Verhängnis werden können.“

Hasard selbst war jedoch zuversichtlich. Er kannte die aufgeschriebene Geschichte fast Wort für Wort auswendig, sooft hatte er sie sich von seinen Söhnen übersetzen lassen.

„Wie auch immer der Weg beschaffen sein mag, es gibt ihn jedenfalls, daran besteht kein Zweifel. Immerhin sind Städte, Flüsse und Meere namentlich benannt worden, und die Kaufleute hatten den Segen von Chairedin Barbarossa persönlich. Bedauerlich ist dabei nur, daß sie den Rückweg nicht mehr schafften.“

„Meine Bemerkung war keinesfalls pessimistisch gemeint“, sagte Don Juan. „Wenn es den Weg gibt, haben wir eine umwälzende Entdeckung gemacht. Er wird nur sehr beschwerlich sein.“

„Das nehme ich auch an.“

„Vor allem wird dieser Weg sehr wundersam sein“, sagte Jung Hasard, „was immer man darunter auch verstehen mag. Diese Formulierung taucht immer wieder in der alten Schrift auf.“

„Segeln wir doch erst einmal zu dieser ebenfalls wundersamen Stadt namens Bagdad“, sagte Ben Brighton sehr ruhig und gelassen. „Wenn wir das geschafft haben, können wir uns immer noch die Köpfe heiß reden. Ich bin sicher, daß wir in dieser Stadt mehr erfahren werden, denn sie liegt sehr weit oben im Norden.“

„Vielleicht war das die Stadt, die wir als Luftspiegelung vor der südlichen Küste gesehen haben“, meinte Don Juan. „Der Beschreibung nach kann sie es gewesen sein.“

Hasard warf durch das Spektiv einen Blick weit voraus. Sie befanden sich zur Zeit in einer riesigen halbkreisförmigen Bucht. Er überlegte, ob er nicht doch den Kurs nach Norden ändern sollte, entschied sich dann jedoch, weiterhin in Sichtweite der Küste zu bleiben, wie auch die gestrichelten Linien es zeigten. Der Nordkurs kam offenbar erst später in Betracht.

Der Karte nach hieß die weit vorausliegende riesige Halbinsel Quatar. Hatten sie die erst einmal hinter sich gelassen, dann war schon fast die halbe Strecke durch den riesigen Golf geschafft.

„Du hast recht, Ben“, sagte Hasard nachdem er das Spektiv wieder abgesetzt hatte. „Sehen wir uns erst einmal diese wundersame Märchenstadt an. Alles Weitere wird sich finden. Wenn sich das alles als ein Irrtum erweisen wollte, können wir immer noch zurücksegeln und auf den alten Kurs gehen.“

„Wir schaffen es“, sagte Philip zuversichtlich. „Was die alten Barbarossaburschen vor fünfzig Jahren schafften, das erledigen wir spielend mit links.“

Das Söhnchen grinste dazu ein bißchen und tat so, als sei alles nur ein Klacks.

„Dein Wort in Allahs Ohr“, meinte der Seewolf augenzwinkernd.

Auf der Kuhl war mittlerweile entschieden worden, daß Ferris Tucker das Faß reparieren sollte. Denn nach den Worten des Profos’ war Mac Pellew „ausgesprochen dämlich“ für derlei Arbeiten, und es würde zwangsläufig nur noch ein weiteres Unglück geben. Aber er mußte Ferris dafür tatkräftig zur Hand gehen. Außerdem erhielt er die Auflage, das Faß aus den Vorräten unter Deck aufzufüllen.

Dabei geschah allerdings kein Unglück, sondern nur ein kleines Mißgeschick. Mac hielt seine Flossen so unglücklich hin, daß Ferris ihm mit dem Holzhammer kräftig auf den Daumen schlug. Der Treffer wiederum veranlaßte Mac Pellew zu einem wilden Tänzchen auf den Planken. Zudem schnitt er Grimassen und jammerte lauthals.

Carberry hörte sich kopfschüttelnd das Gezeter und Gemecker an.

„Hört sich an wie Orgeltöne in Moll“, sagte er. „Da kann ich nur schlicht und ergreifend sagen, daß dieser Mister Pellew der größte und ungeschickteste Elch ist, der jemals auf einem Schiff segelte. Warum, zum Teufel, haben sie dich nicht einfach als Galionsfigur an den Bug genagelt, Mister Pellew?“

„Du kannst mich mal“, jaulte Mac.

„Lieber nicht“, brummte Carberry. „Möglicherweise verbrennst du dir dabei noch den Hintern, und dann mußt du zur Abkühlung wieder ins Wasserfaß. Diesmal aber mit dem Achtersteven nach unten.“

Der Profos fand diese Vorstellung so köstlich, daß er in wildes Gelächter ausbrach und sich kaum noch beruhigen konnte.

Zum Glück passierte an diesem Tag nichts mehr, wenn man davon absah, daß Mac ein prächtiges Horn auf dem Schädel wuchs und sein Daumen eine Farbe aus zartem Türkis annahm. Später ging diese prächtige Farbe allerdings in ein ziemlich ordinäres Blauschwarz über.

3.

Sie tauchten vor dem gefürchteten Außenriff an der Nordostspitze von Quatar, wo die kleine Tartane vor Anker lag.

Der Himmel war seidig-blau, und die Sonne schickte sengende Strahlen auf das Wasser. Aber das Meer war heute ganz besonders unruhig. Immer wieder fuhr ein heißer Windstoß darüber hin.

Der schmächtige Junge mit den braunen Augen saß auf den Planken und trank einen Schluck Dattelwein, der stark mit Wasser verdünnt war.

Zwölfmal war er heute getaucht und hatte keine einzige Muschel gefunden. Darüber war Selim sehr enttäuscht, Ahmed selbst aber auch. Er hatte lediglich ein paar Schwämme mit nach oben gebracht.

„Hier hat es keinen Zweck mehr“, sage Selim. „Vielleicht haben schon andere hier gesucht und alles abgegrast. Wir werden weiter ans Außenriff gehen und dort tauchen.“

Ahmed sah seinen Onkel furchtsam an.

„Am Außenriff taucht aber niemand“, sagte er, „dort ist das Meer tausend Männer tief, wie die anderen Fischer sagen. Es ist sehr gefährlich. Wenn man abgleitet, verschwindet man für immer.“

„Aber es sind Zaubergärten“, erwiderte Selim, „richtige Zaubergärten, in denen es von Muscheln nur so wimmelt. Du wirst Wunder schauen, wie du sie noch nie gesehen hast.“

Der Onkel verstand es, Ahmed zu überzeugen. Wenn etwas gefährlich war, dann strich er mit der Hand durch seinen dunklen Bart, lachte und machte sich darüber lustig.

Von anderen Fischern hatte Ahmed aber gehört, daß es an jener Stelle von Haien und anderen Riesenfischen nur so wimmelte. Es gab da auch eine Strömung, die einen in den finsteren Abgrund zog, wenn man in den Sog geriet. Außer den Fischen aber sollte es da noch andere sehr schreckliche Ungeheuer geben.

Ahmed unterbreitete dem Onkel seine Bedenken, aber der winkte nur lachend ab.

„Die anderen haben nur Angst“, sagte er abfällig. „Deshalb haben sie auch nichts gefunden. Wir aber werden dort die Schwarzen Tränen Allahs finden. Natürlich findet man die Perlen nicht leicht, sonst wären sie ja nicht so kostbar. Aber wer es in seinem Leben zu etwas bringen will, der muß auch eine Kleinigkeit riskieren.

„Auch sein Leben?“ fragte Ahmed zaghaft.

Der Onkel strich wieder durch seinen Bart. Aus den wenigen Silberfäden waren jetzt schon viel mehr geworden.

„Was ist schon – genaugenommen – ein Leben? Es ist nur ein kurzer Augenblick, den Allah uns auf Erden gewähren läßt. Das richtige Leben fängt erst später an, wenn man seine sterbliche Hülle abgelegt hat. Dann wird man von Allah ins Paradies aufgenommen, wo niemand Hunger oder Durst leiden muß. Dort warten die schönsten Mädchen auf einen, dort herrschen Frieden, Ruhe und Überfluß.“

Der Onkel geriet richtig ins Schwärmen und malte Ahmed aus, was ihn alles im Paradies erwarte. Er selbst schien es aber nicht so eilig zu haben, dorthin zu gelangen.

Ahmed selbst hatte es auch nicht eilig, aber er mochte dem Onkel nicht widersprechen, weil der ihn ja durchfütterte – unter großen Entbehrungen, wie er öfter betonte.

Aber da war die Angst vor diesen Tieren, die er nicht kannte, und auch die Zaubergärten fürchtete er, obwohl sie andererseits wieder seine Neugier weckten. Unbehaglich zog er die schmalen Schultern hoch.

Der Onkel erzählte ihm wieder von dem wundersamen schwarzen Riesenvogel, der sich tagsüber im Wasser aufhielt, aber nachts emporstieg und sich in die Lüfte erhob. Wenn man diesen Vogel sah, würde man eine der Schwarzen Tränen Allahs finden, denn der Vogel war der Wächter dieser Tränen.

Bisher hatte Ahmed den wundersamen, unter Wasser lebenden Vogel noch nie gesehen. Nur gehört hatte er von ihm. Es mußte ein mächtiges Tier mit gewaltigen Schwingen sein, die es im Wasser elegant bewegte. Vermutlich war es halb Fisch, halb Vogel, und es gab einige Fischer, die ihn schon mal gesehen hatten. Aber darüber hatten sie sich so erschreckt, daß sie die Suche nach den Schwarzen Tränen vergessen hatten.

Ob das alles so genau stimmte, wußte Ahmed nicht. Er konnte es auch nicht beurteilen. Aber es wurde viel darüber erzählt, abends, wenn die Fischer oder Perlentaucher am Strand beim Essen zusammensaßen.

Selim schreckte ihn aus seinen Gedanken.

„Los, Ahmed, wir segeln hinüber. Ich glaube, heute ist unser ganz großer Glückstag. Heute werden wir sie finden, die Schwarzen Tränen, und dann sind wir reich.“

Der Onkel deutete lachend ins Wasser.

„Das Meer ist heute etwas wild“, sagte er, „aber das braucht dich nicht zu ängstigen. Du bist ja sowieso die meiste Zeit unten, wo es still und ruhig ist. Ich muß da viel mehr Angst haben als du.“

Und wieder strich er lachend durch seinen dunklen Bart.

Eine halbe Stunde später befanden sie sich ganz außen am Riff. Vom Boot aus sah man nicht viel, nur eine helle grünliche Fläche, die jäh durch eine pechschwarze Zone unterbrochen wurde. Das Grün hörte übergangslos auf, und direkt daneben ging es so tief hinunter, daß man die Tiefe nicht einmal ahnen konnte.

Ahmed hatte eine Gänsehaut, als er in das schwarze Wasser blickte. Trotz der Hitze stieg eine Kältewelle nach der anderen in seinem Körper hoch.

„Du mußt dich immer am Ankertau entlangtasten“, riet der Onkel. „Dann kann gar nichts passieren.“

Ahmed nickte kläglich, nahm den Muschelkorb und sah nach, ob das Messer an seiner Hüfte richtig saß. Nachdem er tief Luft geholt hatte, sprang er ins Wasser.

Er hatte noch nie am Außenriff getaucht – ebenso wie die anderen Fischer, die nach Perlen suchten. Sie alle hatten Angst vor der wilden Strömung, der fürchterlichen Tiefe und den gräßlichen Untieren, die das Riff bevölkerten.

Am Ankertau stieg er langsam tiefer ab und sah sich um. Links vor sich gewahrte er eine schwarze drohende Wand. Sie war mit bunten Nesseltieren besetzt, deren Arme sich in der Strömung hin und her bewegten. Finstere Löcher gähnten in der Wand. Nach einem letzten Vorsprung fiel sie steil in die Tiefe ab wie ein gewaltiger Berg, von dessen hohem Grat man schaudernd hinabblickte.

Die Schönheit dieser Welt entschädigte Ahmed allerdings für seine Angst. Am Außenriff war es ganz anders als an den kleinen Korallenbänken. Aber dort war das Wasser auch nicht so tief.

Es war wirklich ein riesiger Zaubergarten, in den er geriet, und er sah sich mit neugierigen Augen um.

Da gab es farbenprächtige Fische, die nicht die geringste Scheu zeigten, als er sich ihnen näherte. Sie wichen erst dann ein Stück aus, wenn er die Hände ausstreckte.

Er erreichte den Stein, der als Anker diente, und hielt sich immer noch an dem Tau fest. Vor ihm befand sich eine wellige Zone aus hellgrünen Gräsern. Sie bewegten sich, als streiche unaufhörlich der Wind darüber. Alles war hier in pausenloser fließender Bewegung.

Wie gewohnt, sah er sich sofort nach Muscheln um. Das hatte Selim ihm immer wieder gepredigt. Er sah jedoch keine einzige, und so ließ er das Tau los und schwamm unter Wasser ein Stück weiter.

Eigenartige Tiere bewohnten diesen welligen Garten. Sie sahen wie kleine Aale aus, waren aber ganz bunt gemustert. Ahmed schwamm ihnen aus dem Weg, denn es gab kleine Seeschlangen, die ungeheuer giftig waren. An ihrem Biß starb man innerhalb kürzester Zeit.

Auch den Abgrund mied er sorgfältig, weil er dort immer das Gefühl hatte, in endlose Tiefen zu stürzen. Er schwamm dicht über den welligen Gräsern und tauchte dann auf, um Luft zu holen.

An der Oberfläche schüttelte er den Kopf, damit Selim wußte, daß er nichts gefunden hatte. Der Onkel nickte enttäuscht zurück.

Beim zweiten Tauchgang stöberte er einen jungen Hai auf, der erst erschreckt die Flucht ergriff, dann aber seine Neugier nicht bezähmen konnte und wieder umkehrte.

Ahmed nahm das Messer zur Hand und verhielt sich ruhig und abwartend. Sein Herz klopfte überlaut in der Brust, als der Hai sich ihm noch weiter näherte. Dann verschwand er ganz überraschend in einem riesigen klaffenden Loch in der Felswand.

Die Welt um ihn herum wurde immer bizarrer und wundersamer. Er bemerkte Fische, wie er sie noch nie gesehen hatte, Korallen von unglaublicher Farbenpracht und Größe.

Jedesmal, wenn er auftauchte, sah er, wie sich die kleine Tartane immer heftiger auf dem Wasser bewegte. Die Gestalt seines Onkels tanzte hin und her, und es gab immer einen Ruck, wenn das Schiff an der Ankertrosse zerrte.

Eigentlich war es Zeit, jetzt vom Außenriff abzulaufen und in die geschützte Bucht zu segeln. Aber Selim gab ihm kein Zeichen, und so tauchte er weiter und entfernte sich auch weiter vom Schiff.

Hier wuchsen überall kleine und große Felsen vom Grund nach oben. Es gab finstere Höhlen, Löcher und Spalten. Als er an einer vorbeischwamm und den Meeresboden absuchte, glotzten ihn zwei funkelnde Augen an. Die Augen sah er ganz deutlich, den Leib aber nicht, der war weiter hinten in der Höhle verborgen.

Ahmed schrak heftig zusammen. Ohne große Bewegungen zog er sich ganz langsam zurück. Dabei sah er, daß die Augen immer noch auf ihn gerichtet waren, als verfolgten sie aufmerksam jede seiner Bewegungen.

Schließlich wand sich unendlich langsam ein monströser, schenkelstarker Riesenleib aus der Grotte. Der häßliche Kopf pendelte hin und her, ein Maul mit spitzen scharfen Zähnen öffnete sich klaffend.

Jetzt zog sich Ahmed so schnell zurück, wie er nur konnte. Es war eine riesige Muräne, die ihn anstarrte.

Oben angelangt, war die See noch bewegter. Es sah nach einem handfesten Sturm aus, und ein heißer Wind stieß ihm in das Gesicht.

Onkel Selim dachte immer noch nicht daran, aufzugeben. Er saß nur da und blickte gedankenverloren über das Wasser.

Beim achten Tauchgang schwamm er durch ein Gewirr von Felsen, Korallen und dunklen Tangwäldern. Die Umgebung wirkte gespenstisch und unheimlich. Zwischen den Korallen gab es stachelige und große Seeigel. Auch bläuliche Seesterne bewegten sich auf dem Grund. Über ihm schwebten wie leuchtende Wolken zwei kopfgroße violette Quallen.

Gleich darauf spürte Ahmed etwas auf, das sein Herz härter schlagen ließ. Er konnte es anfangs nicht glauben, als er den mächtigen Schatten im Wasser sah.

Das erste, was er verspürte, war nackte Angst, fast Panik. Im ersten Impuls wollte er sofort auftauchen. Aber dann packte ihn doch die Neugier, und er schaute wie gebannt zu dem mächtigen Tier im Wasser.

Es hatte sich anscheinend vom Grund erhoben, wo es ausgeruht oder etwas gejagt hatte.

Jetzt glitt es langsam und majestätisch davon. Es war eine Riesenmanta mit einer Spannweite von mehr als fünf Yards, es war der schwarze Riesenvogel, der tagsüber durchs Wasser schwebte und nachts fliegen konnte, wie die Fischer sagten.

Ahmeds Angst war plötzlich wie weggeblasen. Er schwamm dicht über dem Grund und starrte dem „Vogel“ nach.

Ja, es schien wahrhaftig ein Vogel zu sein. Er hatte mächtige und ausladende Schwingen, und er bewegte sich so, als fliege er. In gleichmäßiger und ruhiger Folge bewegten sich seine Schwingen. Er schien keine Eile zu haben.

Ahmed folgte ihm fast instinktiv. Er brauchte sich nicht anzustrengen und konnte dem schwarzen Vogel mühelos hinterherschwimmen. Das große Tier schien harmlos zu sein und griff keine Menschen an. Ahmed hoffte nur, daß er lange genug die Luft anhalten konnte, um dem Vogel auch weiter zu folgen.

Dann fiel ihm siedendheiß ein, was der Onkel gesagt hatte. „An dem Tag, an dem du den schwarzen Vogel siehst, wirst du eine der Schwarzen Tränen Allahs finden.“ So ungefähr hatte er sich ausgedrückt.

Er schluckte vor Aufregung. Wenn das wahr war, wenn das wirklich stimmte, waren sie reich und brauchten sich lange Zeit keine Sorgen mehr zu bereiten.

Seine Luft war verbraucht, er mußte wieder nach oben. Diesmal beeilte er sich, so schnell er konnte, um den Riesenvogel nicht aus den Augen zu verlieren.

Er war noch da, als er wieder hinuntertauchte. Einen Augenblick glaubte Ahmed, der schwarze Vogel hätte auf ihn gewartet und sei absichtlich langsamer geschwommen. Er sah, daß ein paar kleinere Fische den Großen begleiteten. Zwei hatten sich an seiner Unterseite mit Hilfe von Saugnäpfen angeheftet, zwei weitere schwammen dicht vor seinem Maul herum. Sie lebten von den Resten der Beute, die der schwarze Vogel übrigließ.

Ahmed merkte nicht, wie die Zeit verging. Seine größte Sorge war immer das Auftauchen und die Angst, den Fisch dann endgültig aus den Augen zu verlieren.

Es ging durch ein farbenprächtiges Labyrinth aus Korallen, kleinen Tangwäldern, leuchtenden Aktinien und über grasähnliche Flächen hinweg, wo überall Fische schwammen.

Dann tauchte ein riesiger Korallenstock auf, eine langgestreckte Barriere, die mit zahlreichen Höhlen durchsetzt war.

Der schwarze Vogel beschrieb eine spielerische und elegante Bewegung und segelte um die Barriere herum, wobei er einen ziemlich schmalen Durchschlupf wählte.

Ahmed traute sich da nicht hindurch. Womöglich lauerten in dem Spalt Muränen. Also stieg er etwas auf und schwamm darüber hinweg.

Als er die Barriere hinter sich hatte, war der große Vogel ganz plötzlich verschwunden. Enttäuscht stieg Ahmed auf, schnappte nach Luft und glitt wieder in die Tiefe. Doch von dem Riesenvogel fand sich keine Spur mehr. Vielleicht war er doch in die Lüfte gestiegen, wie die Fischer immer behaupteten.

Als er sich noch ratlos umsah, entdeckte er, daß der ganze Boden dicht mit Muscheln bewachsen war. Sie klebten auf einer flachen Korallenbank von mindestens zwei Schiffslängen Ausdehnung.

Der Junge starrte die Pracht fassungslos an. Er war davon überzeugt, daß ihm der schwarze Riesenvogel den Weg zu der Muschelbank gewiesen hatte. Schnell sammelte er Muscheln ein, bis der Korb gefüllt war. Diesmal war der Aufstieg weit schwieriger als sonst. Die See dünte noch stärker. Er hielt nach seinem Onkel Ausschau, der mit seiner Tartane weit entfernt war. Als Selim ihn entdeckte, hievte er den Steinanker hoch und segelte auf ihn zu.

Ahmed übergab den Korb. Die Muscheln wurden an Deck geschüttet.

„Sind da unten noch mehr?“ fragte Selim heiser.

„Ja, noch viel mehr. Ich habe den schwarzen Riesenvogel gesehen“, stieß Ahmed hervor. „Als er verschwunden war, fand ich die Perlen.“

Selim geriet außer sich vor Freude.

„Habe ich es dir nicht prophezeit?“ fragte er aufgeregt. „Ich bin sicher, daß wir Allahs Schwarze Tränen finden. Du mußt ganz schnell wieder hinunter und die anderen Muscheln holen.“

Ahmed nickte. Er war jetzt doch ziemlich erschöpft.

„Wollen wir nicht lieber morgen tauchen?“ fragte er zaghaft. „Es kommt ein harter Sturm auf. Ich habe mir den Platz gemerkt, wo die Muscheln liegen.“

Selim wehrte mit beiden Händen ab.

„Der Sturm wird nicht so schlimm werden, und die Perlen sind wichtiger. Wenn wir sie nicht heraufholen, dann tut es ein anderer, und wir haben das Nachsehen.“

Er gab Ahmed aus dem Lederschlauch etwas zu trinken und wartete ungeduldig, bis der Junge wieder in der Tiefe verschwand. Dann ging er in aller Eile daran, mit dem Messer die Muscheln zu öffnen. Er brach sie auf, warf voller Gier einen Blick hinein und feuerte sie dann, eine nach der anderen, enttäuscht in einen Holzzuber.

Ahmed brachte den nächsten Korb voll nach oben, dann den dritten. Nach dem achten Tauchvorgang war die Muschelbank geplündert und leer.

Der Junge brach vor Erschöpfung fast zusammen. Er wollte nur noch ausruhen, schlafen, sich ausstrecken. Aber Selim dachte trotz der immer höher gehenden See nicht daran, endlich nach Hause zu segeln. Wie besessen öffnete er eine Muschel nach der anderen.

Nach einer halben Stunde blickte er in das Fleisch einer Muschel und erstarrte. Dann stieß er einen unterdrückten Schrei aus, öffnete den Mund und blickte fassungslos auf eine schwarze Perle.

„Die Träne Allahs“, flüsterte er und begann am ganzen Körper vor Aufregung zu zittern.

4.

Weil das Frischwasser in dieser tropischen Hitze immer schnell verdarb, ließ Hasard öfter Wasser an Land holen, sobald sie ein oasenähnliches Fleckchen entdeckten. Dort war das Wasser von besonderer Qualität und immer kühl und frisch.

Jetzt war das wieder der Fall. An Backbord war ein gewaltiger Hain aus Dattelpalmen zu sehen, der hinter einem hohen Dünenkamm versteckt lag. Es mußte eine große Oase sein.

„Dort holen wir noch einmal Wasser“, sagte Hasard. „Unser Zeug ist ja wieder brühwarm. Außerdem können wir uns mit weiteren Früchten eindecken.“

Der Profos verzog ein bißchen das Gesicht.

„Behagt dir das etwa nicht?“ fragte der Seewolf.

„Das Trinkwasser schon, Sir. Aber Datteln und Feigen kann ich nicht mehr sehen. Die einen schmecken süß und pappig, und die anderen pappig und süß. Warum läßt der Große Kapitän nicht einmal ein paar saftige Steaks an den Palmen wachsen?“

„Gibt’s denn so was überhaupt?“ fragte Paddy Rogers. „Ich habe noch nie solche Palmen gesehen.“

„Natürlich gibt es die nicht“, brummte Carberry. „Das ist nur so eine Wunschvorstellung von mir. Aber dir muß man ja alles immer erst dreimal verklaren, bis du was kapierst. Du merkst auch erst, daß Ebbe ist, wenn’s beim Rudern staubt, was, wie?“

„Bei mir hat es noch nie gestaubt“, versicherte Paddy treuherzig.

„Wir gehen dort vorn vor Anker“, sagte Hasard, ohne auf das Geplänkel zwischen Profos und Paddy zu achten. Letzterer erkundigte sich jetzt ernsthaft, ob es wirklich bei Ebbe stauben könne, aber der Profos winkte nur genervt ab.

Die „Santa Barbara“ nahm Kurs auf die Küste, wo hinter dem Dünenkamm die Wedel der Palmen zu erkennen waren. Sie hatte gerade den Kurs geändert, als aus dem Großmars eine Meldung erfolgte. Oben lehnte an der Segeltuchverkleidung Matt Davies und wies mit seiner blitzenden Hakenprothese nach achtern.

„Kleines Schiff achteraus. Läuft auf Nordkurs.“

„Noch nicht vor Anker gehen“, sagte Hasard. „Wir luven nur an und warten ab, bis das Schiff deutlicher zu erkennen ist.“

Don Juan de Alcazar blickte durch den Kieker.

„Das sieht fast einer Khalissa ähnlich“, sagte der Spanier nachdenklich. „Könnte aber auch eine Sambuke sein. Das läßt sich noch nicht einwandfrei unterscheiden.“

Der Seewolf wurde sofort hellhörig. Nur zu gut war ihm die Begegnung mit dem letzten Piratengesindel noch in Erinnerung. Er hatte „kleine Gefechtsbereitschaft“ angeordnet. Das bedeutete, daß alle Rohre geladen und feuerbereit waren. Bei der ruhigen See waren auch die Stückpforten hochgezogen. Die Stücke brauchten nur noch ausgerannt zu werden. Für die kampferprobten Arwenacks war das das Werk weniger Augenblicke, dann konnte man zur Sache gehen.

„Ein pechschwarzer Kasten“, sagte Dan O’Flynn. „So schwarz wie das Schiff des Wikingers. Sogar die Segel sind pechschwarz.“

„Dann könnten es Piraten sein“, sagte Hasard. „Schwarz ist bei Nacht eine vorzügliche Tarnung, um andere Schiffe zu überfallen. Meist bemerkt man sie zu spät.“

Es war tatsächlich eine Sambuke, wie sich etwas später einwandfrei erkennen ließ. Das Schiff segelte unglaublich schnell und hatte gerade eben fast unmerklich den Kurs geändert. Noch erweckte es den Anschein, als würde es in mehr als einer Meile Entfernung an der „Santa Barbara“ vorbeisegeln.

Hasard kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser und zauberte Lichtreflexe hervor.

„Ah, ein ganz unauffälliger Bursche“, sagte er leise. „Er will auf uns zuhalten und ändert den Kurs so unmerklich, daß man es anfangs gar nicht mitkriegt. Will sich wohl die vermeintliche Beute ansehen“, setzte er hinzu.

„Ansehen kostet ja nichts“, meinte der Profos. „Anfassen wird schon etwas teurer, und wenn er uns zu lange beschnüffelt, dann gibt’s was auf die Hörner, die orientalischen. Ja, er ändert tatsächlich wieder ganz leicht den Kurs.“

Carberry grinste ein bißchen. Das sah nach Vorfreude aus, aber sein Grinsen hatte auch etwas Boshaftes an sich. Erwartungsfroh sah er der Sambuke entgegen.

„Wird Zeit, daß mal wieder ein paar Affenärsche gebügelt werden“, murmelte er dann.

Die schwarze und düster wirkende Sambuke hielt ihren Kurs so, daß sie in etwa zwei Kabellängen Entfernung die Galeone passieren würde. Die Arwenacks sahen ihr neugierig entgegen.

„Kein einziges Kanönchen“, sagte Hasard, „aber gerade das stimmt mich mißtrauisch. Es sind nämlich überall Halterungen für Drehbassen angebracht. Die Kerle versuchen, einen äußerst harmlosen Eindruck zu erwecken.“

„Die sehen so unverdächtig und harmlos aus wie Sandflöhe in langen Hosen und Halskrausen“, stellte Carberry fest. „Seht euch doch nur diese Visagen an! Ich krieg’ mich nicht mehr ein. Achtet mal auf den Kerl mit dem grünen schmuddeligen Unterrock auf dem Schädel.“

Al Conroy hatte inzwischen auf der von der Sambuke nicht einsehbaren Seite die Rohre ausrennen lassen. Ein halbes Dutzend Arwenacks standen bereit. Die Galeone brauchte nur ein wenig den Kurs ändern.

Der Kerl mit dem schmuddeligen Unterrock auf dem Schädel sah wahrhaftig zum Fürchten aus. Es waren stumpfe Züge in einem total geistlosen Gesicht. Ein Fransenbart wuchs ihm fast waagerecht vom Kinn weg. Als der Kerl jetzt auch noch betont harmlos grinste und das Maul aufriß, schluckte sogar der Profos. Hinter dem Mottenbart erschien ein spärliches Gebiß, das oben nur aus drei und unten aus zwei schwarzen Zahnstummeln bestand.

„Nicht mal ’ne tote Kakerlake würde ich dem anvertrauen“, meinte Carberry schaudernd.

Aber es gab noch mehr derartige Gestalten. Verschlagene, tückische Gesichter, lauernde Augen, gebleckte Zähne, eine Rumpelkammer menschlicher Hinterhältigkeit und Boshaftigkeit tat sich da auf.

Die Schnapphähne hatten die Arme um die Bäuche verschränkt, damit man die Krummdolche nicht sah.

Der mit dem Unterrock hob den einen Arm und winkte. Gleichzeitig näherte sich die Sambuke noch weiter. Drüben erweckten sie den Anschein, als freuten sie sich mächtig, aber die Arwenacks erkannten in den zerbeulten und narbigen Visagen die Wahrheit. Die Kerle konnten ihr Metier nicht verbergen.

Hasard stand abwartend auf dem Achterdeck und musterte jenen Kerl, der offenbar der Anführer der Roßtäuscher und Buschräuber war. Er sah in ein unrasiertes Gesicht mit gemeinen Augen. Und obwohl der Kerl „zuvorkommend“ grinste, war unverkennbar, was er vorhatte. Nämlich sich freundlich anzubiedern, um dann blitzartig einen Überfall zu unternehmen.

Ein paar von ihnen riefen etwas in einer Sprache herüber, die selbst die Zwillinge nicht verstanden. Es konnte „schönes Schiff“ oder etwas Ähnliches heißen.

„Ja ja, schönes Schiffchen!“ rief der Profos den Halunken zu. „Aber jetzt klemmt euch mal euren schwarzen Sarg unter die Achseln und zeigt die Hacken. Könnte sonst passieren, daß ihr heute noch mit dem Scheitan persönlich ein Tänzchen auf die Planken legt.“

Scheitan hatten sie offenbar verstanden. Einigen verging das Grinsen, und sie plierten tückisch herüber. Weitere Blicke wurden mit dem Kerl an der Ruderpinne gewechselt, der drohend herübersah.

„Ruder hart Backbord, Pete“, sagte Hasard.

Pete Ballie legte Ruder. Die „Santa Barbara“ schwang herum.

Drüben starrten Halunken entgeistert in ausgefahrene Culverinen, die genau auf sie gerichtet waren.

Der mit dem Unterrock auf dem Schädel klappte seinen Zahnfriedhof zu und biß sich vor Schreck mit seinen letzten Stummeln auf die Zunge. Dabei verzog er schmerzhaft die Visage.

Bei den Kerlen verlor sich von einem Augenblick zum anderen jegliche vorgetäuschte Freundlichkeit. Sekundenlang standen sie wie Salzsäulen da, dann kapierten sie endlich, daß ihrerseits jegliche Aktion zu spät kam. Sie würden ihre Drehbassen nicht einmal mehr hochwuchten können, ohne in Stücke geblasen zu werden.

Auch Alu Ben Chufru verstand diese Sprache nur allzu gut. Die verdammten Christenhunde hatten sie glatt überrumpelt und waren jetzt eindeutig im Vorteil. Da war es wohl doch angemessen, man begab sich auf den Rückzug.

Er tat so, als interessiere ihn dieses Schiff nicht mehr, obwohl er innerlich vor Wut kochte, überrumpelt worden zu sein.

Gleichgültig drehte er den Kopf weg und rief seiner Bande dabei ein paar gezischte Worte zu.

In die erstarrten Figuren geriet Bewegung. Jeder hatte plötzlich etwas zu tun und verhielt sich so, als gäbe es die Galeone nicht mehr. Die Sambuke segelte weiter. Keiner der Kerle drehte sich auch nur ein einziges Mal noch um. Nach einer Weile verschwand sie hinter einer schmalen Landzunge den Blicken der Arwenacks.

Hasard lächelte, etwas schadenfroh, wie es den Anschein hatte. Die anderen grinsten ebenfalls mehr oder weniger.

„Das war den ehrenwerten Señores aber gar nicht recht, plötzlich in die Mündungen von Kanonen blicken zu müssen“, sagte Don Juan, der ebenfalls am Grinsen über die schnelle Abfuhr war. „Die haben sich die Sache vermutlich anders vorgestellt.“

„Wesentlich anders“, stimmte Hasard zu. Dann rief er nach oben: „Kannst du die Kerle noch sehen, Matt?“

„Die segeln an die Küste!“ rief Matt. „Aber ich sehe nur noch die Mastspitzen.“

„Vermutlich wollen sie uns auflauern“, meinte Ben Brighton. „Aber damit werden sie auch kein Glück; haben. Wir werden aufpassen.“

„Und vor allem aus der Reichweite ihrer Drehbassen bleiben“, sagte Hasard. „Auf größere Distanz können sie gegen unsere Culverinen ohnehin nichts ausrichten.“

Die Sambuke segelte noch ein Stück weiter und rundete dabei eine weitere Landzunge. Dort legten sich die Schnapphähne offenbar auf die Lauer. Jetzt waren von dem Schiff nur noch ganz schwach die Mastspitzen zu erkennen.

„Wollen wir trotzdem noch Wasser holen?“ erkundigte sich Shane. „Wenn wir vor Anker liegen, und den Halunken fällt es ein …“

„Ich weiß, was du meinst“, sagte Hasard. „Wir werden nicht ankern, die Galeone aber so am Wind halten, daß die Kerle uns nicht überraschen können, ohne sich blutige Nasen zu holen. Auf das Wasserholen möchte ich nicht verzichten, weil wir nicht wissen, wann sich wieder eine so günstige Gelegenheit bietet.“

Der Ausguck hatte die schwarze Sambuke zwar nicht im Blickfeld, er wußte aber, wo sie sich aufhielt, und er würde sofort bemerken, wenn sie lossegelte. In dieser Hinsicht bestand also so gut wie keine Gefahr mehr.

Kurz darauf wurde das Beiboot ausgesetzt. Shane, Ferris Tucker, Edwin Carberry und Batuti enterten ab. Sie hatten drei größere Wasserfässer dabei, einschließlich der Tragegestelle. Jeder hatte im Hosenbund eine doppelläufige Pistole stecken.

„Nehmt lieber noch ein paar Musketen mit“, riet Hasard. „Ich traue den Brüdern gerade hier an dieser Küste nicht über den Weg. Mit den Pistolen habt ihr keine große Reichweite, falls etwas passiert.“

Batuti nahm die geladenen Musketen in Empfang, die ihm Al Conroy über die Rüste nach unten reichte. Sie legten ab und pullten zum Land hinüber, zu einer Stelle, wo sie die „Santa Barbara“ nicht mehr im Blickfeld hatten. Auch von ihr waren nur noch die Mastspitzen zu sehen. Die Galeone begann, langsam gegen den warmen Wind zu kreuzen.

Hinter der Ladzunge sahen sie die große Düne vor sich. Von den Dattelpalmen war jetzt ebenfalls nichts mehr zu sehen, so hoch stieg der Dünenkamm an.

Carberry drehte sich beim Pullen um und zeigte mit dem Amboßkinn in die Richtung, wo der Strand ganz flach wurde und sich feinpulveriger Sand befand.

„Da ziehen wir die Jolle hoch“, sagte er. „Dann haben wir es leichter und können schräg über den Dünenkamm laufen.“

Batuti saß an der Ruderpinne und spähte zum Land hin. Der schwarze Riese hatte die Augen zusammengekniffen und musterte die Düne. Er glaubte, dahinter eine flüchtige Bewegung gesehen zu haben, war sich seiner Sache aber nicht ganz sicher. Doch dann riß er mit einem harten Ruck die Ruderpinne herum.

„He, was soll das?“ protestierte Carberry.

„Hört mal auf zu pullen“, sagte Batuti leise. „Mir war so, als hätte sich bei der Düne etwas bewegt.“

Sie hielten die Jolle so, daß sie freies Blickfeld zum nahen Land hatten. Aber dort rührte sich nichts.

„Vielleicht hast du dich getäuscht“, sagte Ferris.

Batuti schüttelte den Kopf und starrte weiterhin aufmerksam zum Land hinüber.

Als sich nach einer Weile immer noch nichts rührte, zog der Profos die Riemen wieder durchs Wasser.

„Wahrscheinlich war es das Sonnenlicht, das dich geblendet hat“, meinte er. „Das passiert öfter mal.“

Sie waren noch keine zehn Yards weitergepullt, als Batuti ruckhaft zusammenfuhr.

„Zwei Kerle“, sagte er und deutete zum Land.

Links hinter der Düne tauchten zwei Kamelreiter auf. In einer Sandwolke rückten sie rasch näher.

Die Arwenacks erkannten weit hinter ihren Köpfen jetzt deutlich die Türme einer Moschee, die im Sonnenlicht glänzten.

Sie stellten das Pullen ein und tasteten nach der Muskete.

Inzwischen hatten sich die Kamelreiter weiter genähert. Sie trugen schmuddelige Kaftans und hatten turbanähnliche Tücher um die Köpfe geschlungen. In den Händen hielten sie Musketen, die sie jetzt hochrissen. Carberry glaubte in dem einen Kerl einen der Galgenstricke von der Sambuke wiederzuerkennen.

Noch im Reiten feuerten sie ihre Musketen ab. Zwei kleine Flammenzungen erschienen vor den Läufen. Der Knall hörte sich wie Peitschenschläge an.

Gedankenschnell hatten die Arwenacks ihre Waffen in den Händen.

Big Old Shane duckte sich instinktiv, als etwas mit zirpenden Geräuschen an seinem Kopf vorbeiflog. Die Kugel versengte ihm fast das rechte Ohr.

Die zweite Kugel schlug in die Ducht ein und blieb stecken. Im Holz entstand ein Loch, in das bequem ein Daumen hineinpaßte.

Die beiden Kerle warfen die leergeschossenen Musketen achtlos in den Sand und griffen nach ihren Pistolen. Immer noch stürmten sie wild auf den Kamelen voran.

Big Old Shane feuerte. Er schoß nicht überhastet und ließ sich ein paar Augenblicke Zeit, um das auf und ab schwankende Ziel besser erfassen zu können.

Zur selben Zeit feuerten auch Ferris und der Profos. Der eine Reiter wurde im Sattel schlaff und sank in sich zusammen. Dabei fiel ihm die Pistole aus der Hand. Einen Augenblick später flog er in hohen Bogen aus dem Sattel. Er überschlug sich ein paarmal und blieb mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen.

Der andere fiel ebenfalls aus dem Sattel und verlor seine Waffe. Er blieb jedoch mit seinem Kaftan hängen und wurde ein Stück von dem Kamel mitgeschleift. Dann landete auch er leblos im Sand. Die beiden Kamele trabten in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Hinter der Düne war nur noch eine Staubwolke zu sehen, dann war der ganze Spuk auch schon vorbei.

„Das waren doch diese dreckigen Pilger von der Sambuke“, fluchte Carberry. „Die eine Visage habe ich wiedererkannt. Aber was sollte dieser Angriff auf uns bezwecken?“

„Ein Racheakt“, sagte Ferris lakonisch. „Sie haben vorhin nichts erreicht und wollen sich dafür rächen. Offenbar sind das recht nachtragende Halunken.“

„Und wo haben sie die Kamele her?“

„Vermutlich in der Oase geklaut. Sie haben uns von irgendeinem Punkt aus belauert oder bemerkt, daß wir die Jolle aussetzten. Dann haben sie einen Bogen um die Düne geschlagen, sich die Kamele besorgt und wollten uns in Empfang nehmen.“

„Schon möglich“, sagte Carberry. Sie sahen zu den beiden reglosen Gestalten im Sand. Anscheinend waren alle beide tot.

„Die anderen werden die Schüsse gehört haben“, sagte Batuti. „Was tun wir jetzt – an Land pullen, oder kehren wir zurück an Bord? Es kann sein, daß dahinten noch mehr Kerle auf uns lauern.“

Die Entscheidung wurde ihnen abgenommen. Hinter der Landzunge schob sich die „Santa Barbara“ hervor.

„Zurück an Bord“, sagte Carberry. „Hasard winkt uns zu.“

Sie kehrten um, legten an der Rüste an und erzählten, was vorgefallen war.

Hasard blickte durch das Spektiv zu den stummen Gestalten im Sand.

„Das kann sich alles so abgespielt haben, wie du sagst, Ed. Die Rabauken wollten euch überraschen, und fast wäre ihnen das auch gelungen. Wir segeln noch ein Stück näher heran, bis wir einen besseren Überblick haben. Dann können wir immer noch die Fässer füllen.“

„Weiter im Landesinnern ist eine Moschee mit Türmen zu sehen“, berichtete Batuti. „Man sieht aber nur die Spitzen.“

„Haben wir schon bemerkt. Es ist nur eine winzige Ortschaft. Ein paar der Bewohner flüchten weiter ins Landesinnere. Ich glaube nicht, daß wir noch etwas zu befürchten haben.“

„Dann sollten wir uns doch mal etwas näher mit den Schnapphähnen befassen“, schlug der Profos vor. „Wenn wir die Sambuke überraschen, brummen wir ihr ordentlich eins auf.“

Bevor Hasard antworten konnte, meldete sich wieder der Ausguck.

„Die Sambuke segelt weiter. Sie hält sich ziemlich dicht unter Land.“

„Na also“, sagte Hasard, „damit ist das Problem von allein gelöst. Es hat keinen Zweck, ihr zu folgen. Sie ist schneller als wir.“

Nachdem noch einmal alles genau abgesucht worden war, stand fest, daß sich keine weiteren Kerle in der Nähe aufhielten. Die Piratensambuke hatte ihre beiden Schnapphähne einfach im Stich gelassen und war weitergesegelt, ohne sich um sie zu kümmern. Die Piraten konnten nicht einmal über den Ausgang ihres Überfalles Bescheid wissen.

5.

Die beiden Schnapphähne waren tot, wie Carberry feststellte, als sie die große Düne erreicht hatten.

„Was tun wir mit ihnen?“ fragte Shane.

„Gar nichts“, knurrte Carberry zurück. „Meinetwegen sollen die Geier sie holen. Ich fühle mich nicht verpflichtet, den Totengräber für üble Schnapphähne zu spielen.“

Sie nahmen die Tragegestelle mit den leeren Fässern auf und umgingen die Düne. Dort blieben sie erst einmal stehen.

Ganz dicht vor ihnen befand sich ein langgestreckter Palmenhain. Er war um ein großes Wasserloch gruppiert. Hier gab es nicht nur Wasser im Überfluß, sondern auch Datteln.

Kein Mensch ließ sich blicken. Erst viel weiter hinten lag ein kleines Dorf mit hellen Lehmhäusern, einer Moschee und zwei Minaretten. Dort schien sich zur Zeit niemand aufzuhalten. Die paar Bewohner hatten wohl angesichts der Piratensambuke blitzschnell das Weite gesucht und waren dorthin gelaufen, wo noch mehr Palmenhaine standen.

In dem Wasserloch spiegelte sich die Sonne. Das Wasser selbst war von tiefblauer Farbe. Hier ging auch kein Wind mehr, und so war es unerträglich heiß.

„Sieht nach Ruhe und Frieden aus“, sagte Shane, „leider aber gibt es immer wieder ein paar Hundesöhne, die diesen Frieden nachhaltig stören müssen.“ Er sah sich noch einmal genau um, konnte aber niemanden entdecken. Auch drüben bei den Hütten rührte sich nichts.

Batuti und Shane luden die Fässer an der Wasserquelle ab und füllten sie. Es war herrliches klares und kühles Wasser. Davon überzeugten sie sich gleich an Ort und Stelle.

Während die beiden Wasser einfüllten, pflückten Ferris und der Profos Datteln ab. Ferris tat es voller Eifer und probierte auch gleich welche. Carberry tat es mit verzogenem Gesicht.

„Von dem süßen Pappzeug kriegt man matschige Flossen“, maulte er. „Meine sind schon so weich wie die Datteln selbst.“

„So süß sind die doch gar nicht“, widersprach Ferris. „Außerdem bereichern sie unseren Speisezettel. Der Kutscher hat gesagt, man kann daraus auch Schnaps herstellen. Man muß sie nur richtig präparieren.“

Plötzlich waren die Datteln gar nicht mehr so uninteressant für den Profos. Ziemlich wild begann er zu pflücken.

„Dattelschnaps, was, wie? Das müssen wir gleich ausprobieren. Ich habe doch gewußt, daß die Dinger zu etwas gut sind.“

Innerhalb kurzer Zeit war der große Leinensack voll mit Datteln. Inzwischen hatten auch Shane und Batuti die Fässer gefüllt. Mit Hilfe der Tragegestelle schleppten sie die Wasserfässer zur Jolle. Der Profos hatte sich den Sack mit Datteln aufgeladen.

„Wir sollten noch mehr davon holen“, schlug er vor. „Schließlich nehmen wir den Leuten in dem Dorf ja nichts weg. Die haben jede Menge Datteln.“

„Ich dachte, die seien dir zu pappig und matschig“, sagte Shane grinsend.

Carberry dachte wieder an Dattelschnaps und blickte verzückt zum Himmel.

„Das war am Anfang so. Jetzt sind mir diese Früchtchen so richtig sympathisch geworden. Ich werde nachher gleich mal mit dem Kutscher reden.“

Etwas später waren sie an Bord, und da nahm der Profos sofort den Kutscher zur Seite.

„Stimmt es, daß man aus den Datteln Schnaps bereiten kann?“

„Das stimmt. Man kann das aus fast allen Früchten. Sie müssen nur süß sein und stark gären.“

„Dann fangen wir am besten gleich an, bevor sie vergammeln“, drängte Carberry. „Wir holen auch sofort noch mehr.“

„So schnell geht das nun auch wieder nicht. Du kannst nicht ein paar Datteln abrupfen und anschließend verlangen, daß sie zu Schnaps werden. Dazu gehört etwas mehr. Aber ich werde es versuchen. Shane kann mir aus Kupferblech ein paar Röhrchen herstellen, die braucht man nämlich zur Destillation.“

„Aha. Aber wenn wir mehr Schnaps herstellen wollen, können wir dann nicht einfach ein Kanonenrohr nehmen? Ich meine, da läuft doch wesentlich mehr durch als durch so ein kleines Röhrchen.“

Der Kutscher amüsierte sich köstlich über den eifrigen Profos. Aber leider waren seine gigantischen Ideen mit Kanonenrohren und so nicht in die Tat umzusetzen. Er brauchte eine ganze Weile, um dem Profos das zu verklaren.

Eine halbe Stunde später wurden noch drei weitere Fässer Trinkwasser geholt. Der Profos sorgte dafür, daß auch noch reichlich Datteln an Bord genommen wurden. Der Grund dafür war der Küstenverlauf. Hasard war in den Großmars aufgeentert und hatte mit dem Spektiv die Küste genau abgesucht. Von weiteren Oasen oder Ansiedlungen war weit und breit nichts zu sehen. Nur ein wüstenähnlicher und unbewachsener Landstrich erstreckte sich an der Backbordseite.

Bis sie damit fertig waren, wurde es Abend, und die Schatten der Nacht senkten sich über Land und Meer. Sie beschlossen, die Nacht über hier vor Anker liegenzubleiben. Es gab in Küstennähe zahlreiche Untiefen und außerdem das Problem mit Ebbe und Flut, das einen wesentlich anderen als den gewohnten Rhythmus aufwies.

Erst in der Frühe des nächsten Tages segelte die „Santa Barbara“ wieder weiter.

Von dem unterdrückten Schrei erwachte Ahmed aus seinem Halbschlaf und fuhr hoch. Fassungslos blickte er zu seinem Onkel. Ein derartiges Gesicht hatte er bei ihm noch nie gesehen.“

Selim hatte den Mund weit aufgerissen. Die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen, sein braunes Gesicht war ganz fahl und gelblich geworden. Dazu stieß Selim ein paar undefinierbare Laute aus. In der Hand aber hielt er eine Muschel, und in die starrte er hinein, als sei dort alle Herrlichkeit der Welt verborgen.

„Was ist, Onkel Selim, fehlt dir etwas?“ fragte Ahmed besorgt.

Selim gab immer noch keine Antwort. Nur um seine Lippen zuckte es ständig. Er schien etwas sagen zu wollen, brachte aber vorerst keinen Ton heraus. Schließlich begann er zu schnaufen.

„Allahs Schwarze Träne“, sagte er heiser. „Du hast eine von Allahs Schwarzen Tränen gefunden, Ahmed. Hier ist sie.“

Der Onkel fiel auf die Knie, hielt die große Muschel mit der rechten Hand umklammert und bedankte sich lautstark und kreischend bei Allah über den glücklichen Fund. Er pries ihn in den höchsten Tönen. Dann kehrte er langsam wieder in die Wirklichkeit zurück, benahm sich aber trotzdem immer noch seltsam und eigenartig.

Endlich durfte auch Ahmed Allahs Schwarze Träne sehen, aber der Onkel hielt sie jetzt mit beiden Händen umklammert.

Ahmed war erst etwas enttäuscht über den Fund. Er beugte sich über die Hände und sah in die Muschel. Zunächst sah er nur etwas Schwarzes zwischen dem rosigen Fleisch. Es war klein und unscheinbar auf den ersten Blick. Ahmed hatte sich die Schwarzen Tränen immer ganz anders vorgestellt – schwarz und geheimnisvoll schimmernd.

Ein harter Stoß traf die Tartane. Ahmed konnte sich gerade noch festhalten, sonst wäre er über Bord gegangen. Die Tartane hatte nur ein knapp kniehohes Schanzkleid. Sie benahm sich bei dem Seegang jetzt wie wild, aber das Wasser kochte auch schon fast.

Feierlich und voller Andacht bohrte Selim mit dem Finger in dem Muschelfleisch herum und schob die Perle höher. Erst jetzt offenbarte sich ihre ganze Schönheit, und sie war viel größer, als es den Anschein erweckte.

Stumm starrte er das kleine Wunderwerk an. Er hatte schon rosa, gelbliche und fast durchscheinende Perlen gesehen, aber niemals ein Exemplar von solch erlesener Schönheit. Er war wahrhaftig eine der Tränen, die Allah in seiner Trauer geweint hatte und die dann auf den Meeresgrund gesunken waren, wo der schwarze Vogel sie hütete und gefräßige Haie sie bewachten.

Und er, Ahmed, hatte dieses Prachtstück gefunden! Er war unbändig stolz darauf.

Aber jetzt mußten sie schnellstens an Land, denn die See wurde immer wilder und aufgewühlter. Die Tartane ächzte und krachte in allen Verbänden. Sie schlingerte hin und her, tauchte tief mit dem Bug ins Wasser und wurde von hohen Brechern überschwemmt.

„Wir müssen zurück!“ schrie Ahmed durch den Sturm, dessen Brausen hohler und orgelnder wurde, weil er an Heftigkeit zunahm.

Selim sagte gar nichts. Er starrte nur die Perle an, die Perle, die ihm Reichtum bescheren würde, wenn er sie verkaufte.

Der Onkel reagierte immer noch nicht. Er schien nicht einmal zu bemerken, daß sich um sie herum die Hölle auftat.

Da gab es einen scharfen peitschenden Knall. Ahmed sah sofort, daß das Ankertau gebrochen war.

Jetzt wurde es noch schlimmer, denn sofort legte sich die Tartane hart auf die Seite. Das kleine Segel zerfetzte. Der Sturm trieb sie auf die ferne Küste zu.

Selim schlitterte auf Knien über das ganze Deck und stieß sich den Schädel. Die Muschel mit der Perle hielt er immer noch umklammert, als wolle sie ihm jemand entreißen.

Ahmed kriegte jetzt Angst, als der Onkel sich nicht mehr erhob. Der harte Anprall hatte ihn offenbar bewußtlos werden lassen.

Er wagte sich ein paar Schritte vor, um dem Onkel zu helfen, doch da traf ein fürchterlicher Brecher das kleine Schiff. Er wischte mit unvorstellbarer Gewalt über das Deck. In einer Sturzflut aus Wasser und wildem Schaum sah Ahmed undeutlich, wie Selim die Hand öffnete, als er sich aufrichten wollte.

Der harte Wellenschlag wischte Allahs Schwarze Träne über Bord! Sie verschwand irgendwo in der Tiefe beim Außenriff.

Der Junge spürte, wie sich eine harte Faust um sein Herz krampfte. Es schien jeden Augenblick aussetzen zu wollen. Jahrelang und unter vielen Gefahren hatten sie nach den kostbaren Perlen gesucht. Und jetzt, als sie endlich eine gefunden hatten, war sie auch schon wieder fort, noch bevor sie sie richtig betrachten konnten.

Diese Schwarze Träne war für alle Zeiten verloren.

Weitere Überlegungen konnte Ahmed nicht anstellen. Er sah nur noch den Onkel weiter auf das Schanzkleid zurutschen. Die Tartane hing hart nach Backbord über, aber Selim konnte sich nicht festklammern.

Ahmed wußte nicht, ob er den Verlust der schwarzen Perle schon bemerkt hatte.

Dann traf es ihn selbst mit fürchterlicher Gewalt. Ein hallender Schlag dröhnte in seinen Ohren. Eine Riesenfaust schlug ihm hart ins Kreuz. Aufschreiend griff er um sich, doch da war nichts mehr als Wasser und abermals Wasser.

Er stürzte, fiel, überschlug sich, wurde mitgerissen und fortgetragen von wirbelnden Wogen, die immer wieder über ihm schäumend zusammenbrachen. Die Welt bestand nur aus einem einzigen Chaos, in dem es kein Unten und kein Oben mehr gab.

Die Erkenntnis, daß er sich nicht mehr auf der Tartane befand, überfiel ihn erst später. Dann nämlich, als er auf den wilden Wogen nur noch weit entfernt ein schwankendes kleines Gebilde sah, das von einer Seite zur anderen torkelte.

Von der Küste sah er nicht einmal einen Strich, und hoch über ihm befand sich nur ein Feld aus großen grauen Wolken.

Ahmed empfand ungeheure Angst, eine Angst, wie er sie nur selten in seinem Leben gehabt hatte. Er schrie und brüllte, wurde unter Wasser gedrückt, wild emporgeschleudert und hin und her geworfen, bis er nicht mehr wußte, wo oben und unten war.

Wenn ihn eine Welle hochhob, sah er in weiter Ferne die Tartane. Er preßte die Zähne zusammen und konzentrierte seine Blicke auf das wild schlingernde Schiffchen. Doch den Onkel sah er nicht. Entweder lag er noch bewußtlos an Deck, oder die See hatte ihn ebenfalls über Bord gespült.

Sein einsamer Kampf gegen die wütenden Elemente begann. Verzweifelt schlug er anfangs noch um sich. Aber das kostete ungeheure Kräfte und erschöpfte ihn schnell. Dann fing er an, seine Lage zu überdenken.

Er wußte ungefähr, wo die Küste lag, und er wußte auch, daß es eine sehr weite Strecke war, die er schwimmend zurücklegen mußte. Obwohl er ein guter Schwimmer war, hatte er Bedenken, es zu schaffen, denn dazu war die See zu hoch.

Die Angst war wieder da, die ihn zweifeln ließ, an ihm nagte und fraß und seine Unsicherheit vergrößerte. Hinzu kamen auch gleich noch eine Menge anderer Sorgen. Hatte der Onkel es überlebt? Würde die Tartane an der Küste zerschellen oder untergehen? Außerdem war die kostbare Perle im Meer verschwunden. Allein das war schon ein herber Verlust.

Ein schäumender Brecher begrub ihn und wirbelte ihn nach unten wie in einen gigantischen Sog. Gerade noch rechtzeitig hielt Ahmed die Luft an, um kein Salzwasser schlucken zu müssen.

Das Meer spie ihn nach einer Weile wieder aus. Hustend, keuchend und heftig nach Luft ringend, geriet er an die Oberfläche. Da hatte er schon fast die Orientierung verloren und wußte nicht mehr, wo das Land lag. Von der Tartane sah er ebenfalls nichts mehr. Wind und Wellen hatten sie weit abgetrieben. Oder war sie schon gesunken?

Er betete und flehte zu Allah, daß er ihn endlich aus dieser Misere erlösen und zur Küste geleiten möge.

Einmal glaubte er, weit voraus einen dunklen Schatten über dem Wasser zu sehen. Er schwamm kaum noch, ließ sich einfach von den Brechern treiben und wartete. Nicht mehr lange, das wußte er, würden seine Kräfte erschöpft sein. Dann sank er wie ein Stein auf den Meeresgrund.

Die Bewegung über dem Wasser war immer noch zu sehen, aber nur sehr undeutlich zu erkennen.

Sein Herz schlug plötzlich schneller. Vielleicht hatte Onkel Selim es doch noch geschafft und suchte jetzt nach ihm das Meer ab.

Hin und wieder verschwand der Schatten, und dann tanzten Ahmed rote Ringe vor den Augen, aus denen bunte Kreise wurden. Ihm wurde alles egal und gleichgültig. Auch diesen Zustand kannte er. Er hatte ihn ein paarmal erlebt, wenn er in seiner Neugier zu tief getaucht war. Dann kam es wie ein Rausch über einen, oder man wurde gleichgültig.

Wieder sah er den Schatten. Es war nur ein vager Umriß, der sich aus den Wellen hob, aber danach sofort wieder im nächsten Wellental verschwand.

Der Schatten rückte nicht näher. Er schien auf der Stelle zu tanzen, obwohl er mal größer wurde und dann wieder schrumpfte.

Er starrte so angestrengt darauf, daß er nicht merkte, wie sich über seinem Kopf ein neuer Brecher auftürmte. Direkt vor ihm schlug er zischend und donnernd zusammen.

Ahmed schluckte Wasser, denn diesmal hatte er nicht aufgepaßt. Er schluckte so viel, daß seine Lungen brannten und ihm übel wurde. Ein Hustenanfall würgte und schüttelte ihn. Die roten Ringe wurden erneut zu feurigen Kreisen und immer größer.

Dann fraßen sie ihn in einer gigantischen roten Explosion auf.

6.

Sein Erwachen begriff er überhaupt nicht. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte auch nicht, wo er sich befand.

Er wähnte sich auf einem hohen Berg, von dem ihn jemand unsanft hinabstieß, aber immer bevor sein Körper in die Tiefe aufschlug, wurde sein Fall jäh gebremst und ging in ein langes Schweben über. Wie ein Vogel, der sich von der Bergspitze ins Tal gleiten läßt.

Kehliges Lachen glaubte er einmal in seiner unmittelbaren Nähe zu hören. Ein paar geflüsterte Worte fielen. Danach versank er übergangslos in einem tiefen Wasser, das ihm machtvoll ins Gesicht schlug.

Lange Zeit konnte er sich diesen eigenartigen Zustand nicht erklären. Er hatte so etwas auch noch nie erlebt.

Das Auf und Ab blieb, ebenso der große und dumpfe Gong, dessen hallender Schlag an seine Ohren drang. Kaum war er verhallt, da erklang er wieder. Ein merkwürdiger Ton war das.

Da war auch etwas Licht, wie er feststellen konnte. Das Licht wurde nur alle Augenblicke dunkel, als würde es von einem riesigen Schwamm aufgesogen.

Dann brannte es schmerzhaft auf seiner Wange, und als er mühsam die Augen öffnete, kehrte er mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück und wußte sofort, was passiert war – bis zu jener Stelle, wo ihn die rote Explosion verschlungen hatte.

Er sah sich um. Vor Entsetzen schloß er sofort wieder die Augen, denn er sah direkt in die Fratze des Scheitans, der ihn höhnisch angrinste und ihm einen Backenstreich gab.

Die Stimmen um ihn herum wurden lauter. Dazwischen erklang rohes und bösartiges Gelächter.

„Mach die Augen auf, du Bastard!“ brüllte der Scheitan mit donnernder Stimme.

Ahmed riß die Augen weit auf, um weiteren schmerzhaften Backenstreichen zu entgehen. Er wollte etwas sagen, brachte aber vor Aufregung und Schreck vorerst keinen Ton heraus.

Dafür starrte er in dämonische Fratzen. Manche blickten ihn aus zusammengekniffenen Augen gleichgültig an, andere grinsten hinterhältig, und ein paar weitere Kerle musterten ihn wie einen giftigen Fisch, den sie am liebsten wieder ins Meer zurückwerfen würden.

Das waren Totengräber in wilder verwegener und verdreckter Kleidung, Buschräuber, Schnapphähne und Blutsäufer übelster Sorte, zwischen die er geraten war.

Piraten waren es, wie sie die Küstengebiete um Abu Dhabi heimsuchten, Kerle, die Beute rissen wie Ali Ben Chufru und noch einige mehr, die sich auch nicht scheuten, arme Fischer auszuplündern.

Und diese Halunken hatten ihn offenbar aufgefischt und bereiteten sich jetzt einen Spaß daraus, ihn ins Leben zurückzuholen.

Ahmed blickte aus den Augenwinkeln scheu nach links. Dort stand ein bärtiges Ungeheuer mit finsteren Augen und drohenden Blicken. Der Kerl lehnte am Schanzkleid und schaute herüber. Ahmed sah, wie sein Körper immer auf und ab ging, wie er sich hob und senkte, wenn die Wellen das Schiff bewegten. Er sah nur diesen gewaltigen, tonnenförmigen Leib. Die Beine vermochte er nicht zu sehen.

„Na, bist du endlich wieder bei dir?“ fragte ein unrasierter Kerl mit einem hämischen Grinsen. „Beinahe hätten dich die Haie gefressen, aber du warst ihnen wohl noch zu klein und zu mager.“

Die anderen lachten roh und betrachteten ihn weiter. Nur der Kerl mit dem tonnenförmigen Brustkasten und dem dicken Bauch lachte nicht.

„Schmeißt den Wurm wieder über Bord“, sagte er grollend. „Möchte wissen, warum ihr den überhaupt aufgefischt habt. Was sollen wir mit Kindern an Bord, he?“

Die anderen schienen auch nicht so recht zu wissen, was sie mit Kindern an Bord sollten und sahen sich verunsichert an.

„Ach was“, sagte einer, „jetzt haben wir ihn schon mal. Der Kapitän wird ihn sicher behalten wollen.“ Er packte Ahmed am Ohrläppchen und zog kräftig. Der Junge fuhr in die Höhe, als hätte ihn ein Skorpion gestochen.

„Du hast uns dein lausiges Leben zu verdanken, also benimm dich anständig und sei unterwürfig, sonst fliegst du wieder zurück über Bord und kannst dich mit den Fischen unterhalten. Wie heißt du überhaupt?“

„Ich heiße Ahmed.“

„Und wie bist du da ins Wasser gelangt?“

Ahmed entschloß sich, die Wahrheit zu sagen. Wenn ihn die Kerle beim Lügen erwischten, dann brachten sie ihn vielleicht um.

„Ich war zum Fischen draußen, und da gerieten wir in einen Sturm. Ich fiel über Bord, und dann weiß ich nichts mehr.“

Der Tonnenmann lachte verächtlich. Er sah so aus, als wollte er den Jungen gleich persönlich über Bord werfen. Ahmed sah, daß er zwei große Pistolen im Hosenbund trug.

„Wo bin ich hier?“ fragte Ahmed zaghaft. Dann entsann er sich gerade noch rechtzeitig, daß sie Unterwürfigkeit von ihm verlangten, und er bedankte sich überschwenglich bei seinen Rettern.

„Du bist bei …“

Der Kerl in der geflickten Kleidung wollte weitersprechen, doch von achtern erklang eine barsche und laute Stimme.

„Was ist das für ein Krach da vorn, verdammt noch mal?“

Die Kerle flitzten nur so zur Seite, als die Stimme erklang.

Ahmed sträubten sich die Nackenhaare, als er den Mann sah. Gleichzeitig überlief ihn eine Gänsehaut, und er spürte, wie es in allen seinen Gliedern zu kribbeln begann.

Der Mann, der sich da aus einem Schott zwängte, war kein anderer als Ali Ben Chufru, der Küstenpirat vom Stamme der Beni Yas, der Mörder, der so feige und hinterhältig seinen Vater umgebracht hatte.

Ahmed zitterte jetzt am ganzen Körper. Er hatte sich immer geschworen, diesen Mann eines Tages zu töten, um seinen Vater zu rächen. In allen Einzelheiten hatte er sich das ausgemalt.

Jetzt aber war alles ganz anders und sah auch ganz anders aus. Ahmed wurde das fürchterliche Gefühl nicht los, daß man diesen Halunken gar nicht umbringen konnte. Der würde sogar mit einem Messer zwischen den Rippen noch verächtlich lachen, und selbst die Kugel aus einer Pistole würde ihm nichts anhaben. Und er hatte weder ein Messer noch eine Pistole. Sein Tauchermesser zum Lösen der Muscheln hatte er im Wasser irgendwo verloren.

„Wir haben einen Wassermann gefangen“, sagte einer lachend und deutete auf Ahmed, dessen Gesicht völlig blutleer war.

„Bringt ihn zu mir!“ befahl Ali Ben Chufru herrisch.

Zwei Kerle schnappten Ahmed bei den Achseln und schleiften ihn mehr, als daß sie ihn schoben, nach achtern, wo Ali breitbeinig auf den Planken stand. Der Pirat musterte ihn verächtlich von oben bis unten. Aber als er den Blick abwenden wollte, ruckte er mit dem Kopf herum, runzelte die Stirn und sah Ahmed genauer an.

„Habe ich dich nicht schon einmal gesehen, Bürschlein?“ fragte er.

Ahmed schüttelte angstvoll den Kopf.

„Nein, Sidi, ich glaube nicht. Ich habe dich jedenfalls noch nie gesehen, Herr.“

„Irgendwo habe ich dich kleinen Bastard schon mal gesehen“, sagte Ali. Dann lachte er roh. „Ist ja auch egal. Es interessiert mich einen Dreck, wo du her bist. Wer von euch Halunken hat den Bengel aus dem Wasser gefischt?“

„Das war ich, Sidi“, sagte einer, der einen Schritt vortrat.

Ali packte den Kerl mit spitzen Fingern an seinem Bart, zwirbelte ihn ein bißchen, bis dem Kerl das Wasser in die Augen stieg, und schlug ihm dann die Faust hart an den Schädel.

Der Kerl raste zurück, als hätte ihn eine besonders harte Bö getroffen, knallte mit dem Kreuz an den Mast und fiel auf die Planken.

„Ohne meine Erlaubnis wird niemand aufgefischt“, sagte Ali. „Hast du das verstanden, du Sohn einer räudigen Hündin?“

„Du warst aber nicht an Deck, Sidi, und es ging alles sehr schnell“, jammerte der Kerl.

„Ich bin immer an Deck“, sagte Ali. „Und wenn du das jemals bezweifelst, dann brauchst du auch deine Augen nicht mehr, weil sie dann nichts mehr taugen. Ich werde sie dir herausschießen.“

Der Kerl blieb auf den Planken knien und beugte demütig den Kopf, bis seine Stirn das Holz berührte. Ali gab ihm mit verächtlichem Grinsen einen Fußtritt. Dann wandte er sich an Ahmed, dessen Herz immer lauter klopfte. Fast drei Jahre war es jetzt her, daß Chufru seinen Vater umgebracht hatte. Der Haß fraß noch immer in dem Jungen.

„Du kannst an Bord bleiben, du kleiner mickriger Bastard. Und du wirst jedem gehorchen, der dir etwas befiehlt. Wenn du etwas klaust, schneide ich dir persönlich den Hals durch und verfüttere deinen Kadaver an die Haie, verstanden?“

„Ja, Herr, ich habe verstanden“, hauchte Ahmed. Ihm war speiübel zumute, als der Pirat ihn erneut musterte. Ständig hatte er das Gefühl, Ali Ben Chufru würde ihn durchschauen.

„Zeige ihm, was er zu tun hat, Tarsa“, sagte Ali zu dem tonnenförmigen Mann, der reglos hinter ihm stand.

„Ja, Herr.“

Der Tonnenmann, wie Ahmed ihn insgeheim nannte, packte ihn wie ein Karnickel am Genick und schob ihn mit einer Hand vor sich her nach vorn. Der Griff war so hart, daß Ahmed schmerzhaft das Gesicht verzog.

Vor einem Schott blieb der Tonnenmann stehen. Es roch verheißungsvoll. Verschiedene Gewürze erfüllten die Luft dicht vor dem Schott.

Ahmed riskierte noch einen schnellen Blick in die Runde. Viel Zeit dazu blieb ihm nicht, aber er sah noch genug.

Piraten, wohin er blickte. Zerlumpte Gestalten, abenteuerlich gekleidete Figuren, Narbenmänner, bärtige Visagen, unrasierte, gemeine und hinterhältige. Kein einziger Kerl war dabei, der einigermaßen redlich aussah. Er befand sich wahrhaftig auf der gefürchteten schwarzen und düsteren Sambuke, vor der die Fischer so erbärmliche Angst hatten.

Aber er sah in diesem kurzen Augenblick noch mehr. Die See ging längst nicht mehr so hoch wie vorhin. Das Land war an Backbord ein ganz feiner dunstiger und kaum erkennbarer Strich. Nur die Tartane war nirgends zu sehen, so sehr er auch suchte. Er konnte sie nicht mehr entdecken und nahm an, daß sie doch untergegangen war. Die Sorgen überfielen ihn wieder, doch zum Nachdenken blieb keine Zeit.

Der Tonnenmann ließ ihn los und stieß ihm die mächtige Faust ins Kreuz. Er flog ein paar Stufen hinunter ins Halbdämmer und hörte noch die Stimme des fürchterlichen Kerls.

„Du wirst dem Koch helfen, du Laus!“

Ahmed landete an einem heißen Herd, vor dem ein in Dunstschwaden gehüllter Kerl stand. Der Kerl war hager und hatte lange spitze Mausezähne in einem unrasierten Gesicht. Auf dem Herd stand in Schlingerleisten ein großer Kessel, in dem es dampfte und brodelte wie in einer Giftküche.

Der Koch starrte ihn mit offenem Maul an. Er sah aus wie eine große Maus, die in die Falle gegangen war.

„Ich soll hier helfen, Herr“, sagte Ahmed kläglich.

„Du sollst helfen? Meinetwegen, Arbeit gibt es genug. Dann brauche ich jedenfalls nicht mehr so viel zu tun. Die Kocherei hängt mir sowieso zum Hals heraus. Immer ich! Dabei kann ich gar nicht kochen.“

Er rührte in der Suppe herum und spie auf den Boden. Dabei hustete er zum Gotterbarmen.

Die Kombüse war klein, stickig, dreckig und von Schwaden durchzogen. Was der Kerl kochte, war für Ahmed unerfindlich. Aber er würzte kräftig, denn es roch immer intensiver. Vielleicht glich er seine schlechte Kocherei durch die Zugabe von reichlich Gewürzen aus.

Der Mausezahn befahl ihm sogleich, die Suppe umzurühren. Dabei spie er alle Augenblicke auf die schmutzstarrenden Dielen. Er selbst lümmelte sich faul ans Schott und kommandierte nur noch herum.

Ahmed mußte Asche an Deck tragen, einen Abfallkübel nach oben bringen und ausleeren und andere Kleinigkeiten tun.

Er wollte freiwillig die Dielen schrubben, weil es so entsetzlich dreckig war, aber der Kerl sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

„Hat Tarsa das befohlen?“ fragte er entsetzt. Offensichtlich hatte er heillose Angst vor geschrubbten Planken.

Ahmed wußte mittlerweile, daß Tarsa der Tonnenmann war und überall an Bord gefürchtet wurde.

„Nein, ich wollte es von selbst tun, Herr.“

„Du bist ja verrückt. Man tut nie etwas von selbst. Man wartet immer, bis es einer befiehlt. Dann muß man es allerdings tun, wenn man keinen Ärger haben will.“

Etwas später war das Essen fertig. Der Koch nannte es Ab Guscht, und es sollte ein Ragout aus Fleisch und Gemüse sein. Aber als es fertig war, bestand es aus einer dicken Pampe von Hirse, Reis, kleingeschnittenem Hammeltalg und grünlich-braunen Blättern. Das Zeug quoll im Hals auf und verhinderte das Reden. Zudem war es so scharf gewürzt, daß einige fast daran erstickten.

Dem Tonnenmann war das gleichgültig. Er schaufelte das Zeug in endlosen Mengen in sich hinein, ohne auch nur einmal aufzublicken. Viele andere stießen üble Verwünschungen aus.

Auch Ali Ben Chufru aß an Deck. Er tunkte den Holzlöffel in die Pampe und probierte. Dann winkte er mit gekrümmtem Zeigefinger den vor Angst schlotternden Koch herbei. Der Mausezahn mußte am Mast Aufstellung nehmen.

„Du bist erst seit vier Tagen an Bord“, sagte Ali freundlich. „Und du hast dich als Koch ausgegeben, als ich dich nahm. Das ist doch richtig, oder?“

„So ist es, Herr.“

„Deine Künste übertreffen wirklich alles.“ Ali blieb immer noch ausgesprochen freundlich. „Ich hoffe, du hast noch nicht gegessen, denn es gehört sich nicht für einen Koch, früher als der Sidi Reis zu essen. Das ist hier so üblich.“

„Ich habe noch keinen Bissen zu mir genommen, Herr“, versicherte der Koch voller Eifer. Seine Angst war jetzt einer gewissen Überlegenheit gewichen.

„Dann wollen wir beide gemeinsam essen“, sagte Ali. „Bring den ganzen Topf gleich an Deck.“

Ahmed mußte helfen, den Topf an Deck zu schleppen. Er war noch fast halbvoll. Der spitzzahnige Koch benahm sich, als sei er bei Hofe eingeladen und stand mit stolzgeschwellter Brust herum.

Ali tunkte wieder den Holzlöffel in die Pampe und probierte.

„Etwa Salz scheint noch zu fehlen“, meinte er.

Der Tonnenmann hatte schon eine gefüllte Pütz mit Seewasser auf den Planken stehen. Er hob sie hoch und kippte den Inhalt mit ausdruckslosem Gesicht in den Kessel. Dann rührte er mit einer Handspake das ganze Zeug um.

„So sieht das schon besser aus“, lobte Ali freundlich. „Und nun laßt erst einmal den Koch ausgiebig essen.

Zwei Kerle rissen dem Koch blitzschnell die Arme auf den Rücken und drückten ihn auf die Planken, bis er auf dem Kreuz lag und sich nicht mehr rühren konnte. Ein dritter Kerl brachte einen hölzernen Trichter, den sie dem Koch in den Hals steckten. Der konnte nicht einmal mehr schreien, so überrascht war er.

Ahmed stand schaudernd daneben und mußte mitansehen, wie sie mit dem Koch verfuhren. Offenbar war das nicht die erste Prozedur, die etliche Köche schon über sich ergehen lassen mußten, denn die Kerle verständigten sich nur mit Blicken und sprachen nicht viel.

Das Trichterende drückte dem Koch die Zunge nach unten. Er sah aus, als wollte er brüllen, aber er konnte nicht.

Dann hob der Tonnenmann den Kübel hoch, kippte ihn um und ließ den Inhalt in den Trichter rinnen.

Der Koch zuckte und zappelte, und dabei rann das Zeug unaufhörlich in seinen Hals. Ahmed sah, wie sein Bauch langsam zu einem Faß anschwoll und immer dicker wurde.

Wehren konnte sich der Koch auch nicht, denn zwei Mann hockten auf seinen ausgebreiteten Armen, der dritte hielt den Trichter, und der Tonnenmann schenkte fleißig nach, bis der Koch knallrot anlief und fast erstickte.

Ein Handzeichen von Ali Ben Chufru unterbrach die grausame Prozedur. Der eine nahm ihm den Trichter aus dem Hals, die beiden anderen aber hielten ihn weiter auf den Planken fest.

„War es gut?“ erkundigte sich Ali zuvorkommend. „Es hat doch Salz gefehlt, oder nicht?“

Der Koch konnte nicht antworten. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, und so ächzte er nur.

„Du brauchst nur zu nicken“, sagte Ali.

Daraufhin nickte der Koch fast unmerklich.

„Er will noch mehr“, sagte Ali. „Ich hätte gar nicht gedacht, daß dieser dürre Kerl so verfressen ist. Also gib ihm auch noch den Rest, wenn er nicht genug kriegen kann.“

Die Prozedur nahm erneut ihren Anfang, bis der Kessel leer war.

Aber da hatte der Koch schon einen Bauch wie eine riesige Trommel. Er konnte sich nicht mehr erheben, und er rührte sich auch nicht mehr.

„Was ist mit ihm?“ fragte Ali.

„Er hat sich überfressen“, antwortete der Tonnenmann. „Die Suppe hat ihm wohl das Herz abgedrückt.“

„Ist er tot?“

Zwei Männer nickten nur.

„Dann werft ihn über Bord. Was soll ich mit einem toten Koch an Bord? Der Lebende hat ja schon nichts getaugt.“

Für Ahmed war das alles neu, schrecklich und grausam. Solche Dinge hatte er noch nie erlebt, und so fürchtete er sich noch mehr, daß es eines Tages auch ihm so ergehen könne.

Und diesen Ali Ben Chufru wollte er, Ahmed, umbringen? Er wollte es, aber er wußte nicht, wie er das bewerkstelligen sollte, denn der Pirat war einfach übermächtig und unangreifbar, jedenfalls für einen vierzehnjährigen schmächtigen Jungen.

Schaudernd mußte er mit ansehen, wie sie den Koch einfach über Bord kippten, als sei er ein toter Hund. Seine Abscheu und Ekel vor diesen Halunken wuchs. Sie sprangen mit einem Menschen um wie mit einer Kakerlake, und sie brachen auch noch in rohes Gelächter aus, als der Koch mit seinem gewaltigen Leib in der See trieb.

So begann Ahmeds erster Tag auf der Schwarzen Piratensambuke. In der ersten Nacht fand er keinen Schlaf. Die fürchterliche Angst ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

7.

Ali Ben Chufru scheute sich nicht, auch größere Schiffe anzugreifen, aber hauptsächlich überfiel er die Perlenfischer, jene armen Leute, die von der Hand in den Mund lebten. Meist verkauften sie ihre spärlichen Funde an Händler, von denen sie kräftig übers Ohr gehauen wurden und die vom Verkauf der Perlen nach Bagdad reich wurden.

Die Fischer erhielten nur ein paar Münzen.

Am zweiten Tag – die See hatte sich längst wieder beruhigt – erlebte Ahmed den Überfall auf einen Perlenfischer mit. Der Ausguck hatte das kleine Boot gesichtet, und die Sambuke nahm Kurs darauf.

Auf dem Boot waren zwei Männer. Einer hockte darin, der andere hatte gerade einen Korb voller Muscheln nach oben gebracht.

Als die schwarze Sambuke den Kurs änderte, blickten die beiden Perlentaucher erschreckt hoch. Ahmed konnte sie noch nicht genau erkennen, aber er wußte trotzdem um ihre wilde und panische Angst. Die schwarze Sambuke war ein Begriff an der Küste, ein tödlicher Begriff.

Die beiden Perlenfischer kappten ihre Ankertrosse und ließen sie sausen. Sie nahmen sich nicht mehr die Zeit, den Steinanker aufzuhieven, weil das nur Zeit kostete. Dann setzten sie das kleine Segel und pullten zusätzlich in Richtung Küste.

Ali Ben Chufru grinste hinterhältig.

„Aha, sie haben anscheinend ein paar Perlen gefunden, sonst würden sie nicht so schnell verschwinden. Sind die Drehbassen klar?“

Der Tonnenmann mit den fürchterlichen Elefantenbeinen und dem quadratischen Schädel nickte ausdruckslos. Der Rudergänger steuerte inzwischen dem kleinen Boot der Perlenfischer hinterher.

Die schwarze Sambuke war unheimlich wendig, schnell und hatte nur einen geringen Tiefgang, der sie befähigte, bis dicht an den Strand zu segeln.

Aber da pullten und segelten zwei Perlenfischer um ihr Leben, denen die Angst zusätzliche Kräfte verlieh. Daher flog das Boot auch nur so über das Wasser.

Ahmed sah im Geist wieder sich und seinen Vater. Auch sie hatten fürchterliche Angst vor den Kerlen gehabt und waren ihnen doch hilflos ausgeliefert, genau wie jene beiden, die jetzt flüchteten.

Der Junge sah sich hilflos nach allen Seiten um. Er wußte nicht, was er unternehmen sollte. Er konnte nicht helfen und mußte tatenlos mit ansehen, wie die grinsenden Piraten an den schnell in die Halterungen geschobenen Drehbassen hantierten.

Ein paar Tränen liefen ihm über das Gesicht, er schniefte leise.

Ali Ben Chufru brüllte den Fischern mit seiner Donnerstimme zu, daß sie sofort das Segel streichen sollten, dann würde ihnen auch nichts geschehen.

Die beiden dachten nicht daran. Sie verdoppelten ihre Anstrengungen und pullten wie besessen. Entweder kannten sie den alten Schnapphahn persönlich, oder sie hatten von anderen gehört, daß ein Ali Ben Chufru grundsätzlich nicht sein Wort hielt.

Als der Pirat sah, daß er das Boot mit der Sambuke nicht einholen konnte und die Fischer seine gebrüllte Aufforderung ignorierten, lief er im Gesicht blaurot an. Um seine Lippen zuckte es. Die Augen erinnerten Ahmed an glühende Kohlen.

Ali regte sich mächtig auf, daß man seinen Befehlen nicht gehorchte. Diesen Zustand an dem Piraten bemerkte Ahmed auch später. Immer wenn der Kerl sich aufregte, stand er fast vor einem Zusammenbruch, lief blaurot an und begann am ganzen Körper zu zittern.

„Feuer!“ brüllte er schließlich unter großer Anstrengung.

Die Kerle gehorchten sofort. Der Tonnenmann hob zusätzlich noch den fürchterlich dicken Daumen.

Drei Drehbassen krachten gleichzeitig und spien einen Hagel aus grobgehacktem Blei über das Wasser. Lange Blitze rasten aus den Schlünden, drei dicke Rauchwolken quollen auf, und eine übelriechende Wolke nahm Ahmed vorübergehend den Atem.

Zwei der Schüsse lagen zu kurz. Das Wasser erhob sich in unzähligen kleinen Fontänen wie ein schaumiger Vorhang, der anschließend rauschend zusammenfiel.

Der dritte Schuß traf das Boot vorn am Bug, als es sich zur Seite drehte.

Voller Entsetzen sah Ahmed, wie der Bug auseinandergerissen wurde und zersplitterte und einer der Perlenfischer aufschreiend die Arme hochwarf und ins Meer geschleudert wurde. Der andere Mann fiel auf die Ducht zurück und verkrampfte beide Arme um seinen Brustkorb.

Das Segel existierte ebenfalls nicht mehr. Es hingen nur noch ein paar traurige Fetzen von dem kleinen Mast herunter.

Die Sambuke näherte sich jetzt rascher, ging hoch an den Wind und hielt sich so, daß sie das angeschossene Boot leicht rammte. Mit langen Haken wurde es festgehalten.

Eine ähnliche Situation hatte Ahmed damals erlebt, und diesmal wurde ihm noch schlechter, als er den schwerverletzten Mann auf der Ducht sah, der mit Blut beschmiert war.

„Warum habt ihr Hurensöhne nicht gestoppt, als ich euch dazu aufforderte?“ schrie Ali wild.

Der Fischer gab keine Antwort. Von dem anderen war nichts mehr zu sehen. Das Meer hatte ihn verschlungen.

Ali ließ einen seiner Kerle das Boot durchsuchen, und der fand tatsächlich zwei zartrosa schimmernde kleine Perlen, die er unterwürfig an Ali weitergab. Er nahm auch noch den Korb mit den Muscheln und schleuderte ihn auf die Sambuke.

Für Ali Ben Chufru war damit alles erledigt.

Die Kerle stießen hohnlachend das Boot ab und sahen ungerührt zu, wie es immer mehr wegsackte. Der Mann auf der Ducht neigte sich langsam nach vorn. Auch er würde mit untergehen, daran gab es keinen Zweifel, er war zu schwer verletzt.

„Ihr müßt ihm helfen, Herr“, wimmerte Ahmed. „Er wird ertrinken, er kann sich nicht mehr selbst helfen. Bitte, Herr, helft ihm, tut vor Allahs Augen ein gutes Werk.“

Während Ali nach achtern ging, drehte er sich plötzlich um. In seiner rechten Hand hielt er ein Messer. Er holte aus und warf es mit aller Kraft.

Ahmed sah einen Blitz in der Luft, dann spürte er, wie er mit unwiderstehlicher Gewalt an den Mast gedrückt wurde. Das Messer hatte sein linkes Hosenbein durchbohrt und ihn an den Mast genagelt.

„Du solltest mit Allahs Namen vorsichtiger umgehen, du kleiner Bastard“, sagte Ali drohend. „Das nächste Mal wird dich das Messer da treffen, wo es ganz gräßlich weh tut.“

Der Tonnenmann kam mit völlig ausdruckslosem Gesicht auf ihn zu und zog das Messer aus dem Holz. Dabei schlitzte er sein Hosenbein noch weiter auf.

„Ich habe gleich gesagt, daß man dich Wurm wieder über Bord werfen soll“, knurrte er heiser. Dann holte er aus und gab dem Jungen eine kräftige Ohrfeige, die ihn auf die Planken warf.

Ahmed war von dem harten Schlag so benommen, daß er eine Weile auf den Planken liegenblieb. In seinem Schädel dröhnte es, und auf dem rechten Ohr konnte er kaum noch etwas hören, so hart hatte der Kerl zugeschlagen.

So verlief der zweite Tag auf der Sambuke für Ahmed. Auch in dieser Nacht fand er nur wenig Schlaf und dachte darüber nach, wie er von der schwarzen Sambuke fliehen konnte. Er sah jedoch vorerst noch keinen Ausweg.

Am dritten Tag wagte Ali Ben Chufru einen Raid, der selbst für ihn ein paar Nummern zu groß war. Er übernahm sich einfach, denn an der langgestreckten Küste von Abu Dhabi gab es noch einen üblen Schnapphahn, und der hatte Ali längst im Visier, weil der in „seinem“ Revier wilderte.

Dieser Schnapphahn hieß Moshu El Kekir und war auf einem Auge blind. Das Auge hatte er durch einen Messerwurf verloren, und dieses Messer hatte kein anderer als Ali Ben Chufru geschleudert.

Seitdem herrschte zwischen beiden erbitterte Feindschaft. Moshu hatte geschworen – vor versammelter Mannschaft –, „diesen oberräudigen, triefäugigen Sohn einer Kameltreiberhure“ so lange zu hetzen, bis er ihn erwischte. Was dann mit Ali zu geschehen hatte, ließ selbst die abgebrühten Schnapphähne vor Scham erröten und erschauern.

Das mindeste, was Ali passieren würde, war der Verlust seiner Männlichkeit. Danach sollte er in Stücke geschnitten, geröstet und verbrannt werden. Diese Drohungen wechselten allerdings fast täglich, denn Moshu El Kekir war ein Mann mit Phantasie, und ihm fiel ständig etwas Neues für Ali ein.

Kekir hatte eine große Baggala gesichtet, ein unauffälliges Schiff, dessen Ladung es allerdings in sich hatte. Das dhauähnliche Schiff hatte Silber, Gold und Perlen an Bord und war auf dem Weg nach Basra.

Kekir hatte allerdings vor dem Entern einen Ruderschaden erlitten, und so war die Baggala entwischt. Als der Ruderschaden behoben war, wurde die Verfolgung wieder aufgenommen.

Ausgerechnet Ali Ben Chufru entdeckte an diesem Morgen die Baggala, Sie war nur ganz schwach bewaffnet und wirkte unauffällig. Gerade deshalb war sie zum Transport ausgewählt worden.

In der Nacht zuvor hatten die Schnapphähne an Bord noch einmal kräftig gefeiert. Einige sahen recht verkatert aus, gähnten laut und waren von übler Laune erfüllt.

Ahmed sah das alles mit Schrecken, als einige begannen, ihre Wut an ihm auszulassen.

Der Ausguck meldete das Schiff erst dann, als es schon von Deck aus deutlich zu erkennen war. Auch Ahmed hatte es gesehen, hütete sich jedoch, auch nur ein Wort darüber verlauten zu lassen.

„Eine Baggala“, sagte Ali, nachdem er einen Blick durch das Spektiv geworfen hatte. „Eine Baggala soll auch unterwegs nach Basra sein, wie ich erfahren habe. Sie hat eine prachtvolle Ladung an Bord.“ Er rieb sich die Hände und lachte dröhnend. „Mir ist da was von Gold, Silber und Perlen zu Ohren gekommen. Vielleicht haben wir Glück. Du Hundesohn hättest das Schiff viel früher melden sollen“, brüllte er den Ausguck an.

Die Baggala war noch weit entfernt. Die Besatzung schien auch keinen Verdacht zu schöpfen.

Ali überlegte einen Augenblick, dann entschied er sich für eine Landzunge, hinter der sie sich auf die Lauer legen wollten, und tat so, als wollte er Kurs auf die Küste nehmen.

Unauffällig ging die schwarze Sambuke auf einen anderen Kurs – ganz unmerklich nur, wie sie es schon erfolgreich geprobt hatten. Darauf waren schon etliche Kapitäne hereingefallen.

Als sie hinter der Landzunge verschwand, ließ Ali in aller Eile die Drehbassen montieren und laden. Für eine Viertelstunde herrschte großer Eifer auf der Sambuke. Die Kerle wurden alle bis an die Zähne bewaffnet. Die Sambuke glich jetzt einer kleinen schwimmenden Festung.

Ahmed verkroch sich in seiner Angst in der Segellast, um das Furchtbare und Schreckliche nicht mit ansehen zu müssen.

Zwischen Dornengestrüpp und Palmen lag die schwarze Sambuke geschützt und fast unsichtbar hinter der Landzunge. Die Baggala wurde mit zwei Spektiven belauert.

Nach einer Weile erreichte sie die Landzunge. Die Besatzung war völlig ahnungslos und überrascht, als die schwarze Sambuke unter vollem Preß auf sie zusegelte.

Lange Blitze schossen aus den Drehbassen. Brüllender Donner war zu hören, und grobgehacktes Blei raste mit vernichtender Gewalt in die Baggala. Die ersten Schüsse mähten einen Teil der überraschten Besatzung augenblicklich nieder. Segel zerfetzten, der Mast wurde getroffen und krachte splitternd an Deck.

Innerhalb weniger Augenblicke tat sich die Hölle auf, eine Hölle aus flammenden Blitzen, dröhnendem Donner und heißem Blei. Getöse erfüllte die Luft.

Auf der Baggala schlug es pausenlos ein. Kreischendes Holz fetzte aus dem Rumpf, in dem immer wieder neue Löcher entstanden.

„Klar zum Entern!“ brüllte Ali.

Die Sambuke rammte die stark beschädigte Baggala hart und drängte sie ab. Dann flogen Enterhaken hinüber, die sich hinter dem Schanzkleid im Holz verkrallten.

Auf dem Deck sah es wüst aus. Tote und Verletzte lagen herum. Das Schreien von sterbenden Männern war zu hören.

Alis Horde setzte über, Messer zwischen den Zähnen. Enterbeile, Säbel, Degen oder Pistolen in den Fäusten. Etliche Kerle ließen sich an langen Tauen hinüberschwingen und sprangen an Deck.

Ein Teil der Besatzung hatte sich nach unten geflüchtet. Es gab kaum Gegenwehr. Die Angst saß den Kaufleuten in den Knochen. Außerdem waren sie keine mutigen Kämpfer.

Ali stürmte an der Spitze seiner Schnapphähne vor. Er schoß seine Pistolen leer und griff dann zum Krummschwert, mit dem er brüllend nach allen Seiten um sich hieb.

Unter seinen wilden Streichen sanken zwei Männer auf die Planken. Drei weitere sprangen voller Angst ins Meer, ohne sich zu wehren.

Ahmed, der von dem wilden Kampfgetümmel eingeschüchtert und verängstigt war, öffnete das Schott einen winzigen Spalt. Dann warf er einen scheuen Blick hinaus und zuckte zusammen.

Überall lagen Tote herum. Männer schrien ihr Entsetzen hinaus, als die Piraten unter ihnen wüteten. Ein Mann kippte getroffen aus dem Want, in das er sich geflüchtet hatte. Er fiel mit einem dumpfen Klang auf die Planken und rührte sich nicht mehr.

Ahmed sah, daß ein großes Messer in seiner Brust steckte.

In diesem Augenblick dachte er an Flucht. In dem Kampfgetümmel würde sich niemand um ihn kümmern. Das Land war auch nicht weit entfernt. Es würde überhaupt nicht auffallen.

Zitternd öffnete er das Schott noch etwas weiter und fuhr zurück, denn direkt vor seinen Augen und ganz dicht vor dem Schott kämpften zwei Männer. Einer gehörte zu Alis Bande, der andere war ein dunkelhaariger Mann von der Baggala. Er schien sich nicht zu fürchten und brachte den Piraten in arge Bedrängnis.

Alle beide donnerten an das Schott, das sich wieder einen Spaltbreit schloß.

Ahmed fuhr hastig zurück. Gleich darauf hörte er einen gellenden Schrei, wie ihn nur ein Sterbender ausstoßen konnte. Das höhnische Gelächter des Piraten bewies, daß der Mann von der Baggala sein Leben ausgehaucht hatte.

Als der Kampflärm nach und nach abebbte, versuchte Ahmed wieder, das Schott zu öffnen. Es ging nicht. Genau davor lag der Tote mit ausgebreiteten Armen. Das Schott ließ sich nicht weiter bewegen. Ahmed mußte sich zähneknirschend mit dem Zuhören beschränken, eine Flucht war jetzt so gut wie aussichtslos.

Auf der Baggala war immer noch der Teufel los. Von der Besatzung lebten nur noch ein paar Männer, aber die waren so schwer verletzt, daß sie nicht mehr kämpfen konnten.

Die Schnapphähne begannen damit, voller Gier das Schiff zu durchsuchen und zu plündern.

Sie wurden auch gleich fündig. Ein unbeschreibliches Geheul brandete auf. Gelächter erklang, Schreie des Triumphes. Die Kerle benahmen sich so ausgelassen wie seit langem nicht mehr. Eine unwahrscheinlich große Beute war ihnen in die Hände gefallen.

Ali stierte fassungslos auf eine Truhe mit indischem Silberschmuck, Kästchen voller Perlen, Goldbarren und Münzen. Auch ein paar archäologische Kostbarkeiten waren dabei, die aus irgendwelchen Gräbern stammen mochten.

„Ha, ist das eine Beute?“ schrie er begeistert. „Aber jetzt ganz schnell rüber damit. Seid ihr mit der Durchsuchung fertig?“

Ein paar Kerle nickten eifrig. Sie hatten nicht mehr viel gefunden. Das meiste war in der Kapitänskammer versteckt gewesen.

Ali hörte das Wasser gurgeln. Aus etlichen Löchern ergoß es sich in den Bauch des Schiffes. Nicht mehr lange, und die Baggala würde untergehen. Sie hatte ein paar Treffer nahe der Wasserlinie erhalten.

Noch einmal stöberte er in aller Eile die prunkvoll eingerichtete Kammer durch, fuhr mit dem Säbel zwischen das Holz, fetzte es heraus und suchte nach weiteren geheimen Verstecken. Er fand keine mehr.

Das Rauschen und Gurgeln verstärkte sich. Auch ein feines Zischen war jetzt zu hören.

Gerade als Ali die langsam sinkende Baggala verließ, sprang Tarsa mit einem Satz herüber. Das aufgedunsene Gesicht des Tonnenmannes war verzerrt und unnatürlich bleich.

„Die Sambuke von Moshu“, stieß er hervor. „Sie steht noch an der Kimm, aber ich habe die roten Segel erkannt. Wir sollten schleunigst verschwinden. Du weißt, Sidi, wie viele Kanonen er an Bord hat, und du weißt auch das andere.“

Ali fuhr fassungslos herum. Vor Moshu el Kekir hatte er einen Heidenrespekt. Den fürchtete er noch mehr als den Scheitan.

„Verdammt! Diese Ratte war hinter der Baggala her“, ächzte er. „Der hat doch einen Riecher dafür.“

Das rote Segel war jetzt schon mit bloßen Augen zu erkennen. Den Schnapphähnen wurde es mulmig zumute. Unbehaglich starrten einige zum Horizont, wo das Segel schnell größer wurde.

„Nichts wie weg!“ stieß einer hervor.

Ali hatte es jetzt ebenfalls furchtbar eilig, weil er genau wußte, was ihm blühte, wenn der Hurensohn von Moshu ihn erwischte. Wenn er dann noch die riesige Beute fand, war alles aus. Ali hatte ihm diese Beute vor der Nase weggeschnappt, und das würde ihm Moshu el Kekir nie verzeihen. Das war eine Schmach, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte.

Der Tonnenmann warf zwei Tote auf die Baggala hinüber und löste die Enterhaken, die beide Schiffe miteinander verbanden.

Als die Toten zur Baggala hinübergeworfen wurden, öffnete sich das Schott und Ahmed kam bleich an Deck. Am Schanzkleid mußte er sich erst einmal übergeben. Niemand kümmerte sich um ihn, und er selbst war im Augenblick zu schwach, um noch an Flucht denken zu können. Ahmed kriegte aber mit, daß die Kerle fürchterliche Angst hatten und ständig von einem roten Segel faselten, das jetzt deutlich im Sonnenlicht zu erkennen war.

Aus den Augenwinkeln sah er die Truhen an Deck stehen. Sie waren so schwer, daß selbst drei Männer Mühe hatten, sie zu tragen.

Die Segel wurden gesetzt, und dann begann eine überstürzte Flucht.

8.

Zu Alis Entsetzen und zum Schrecken der anderen Schnapphähne und Totschläger wurde das rote Segel schnell größer. An Bord herrschten Angst und Verwirrung, weil Moshu das Revier für sich beanspruchte und Ali darin ungeniert plünderte. Das war das eine.

Das andere war die unversöhnliche Feindschaft zwischen den beiden. Das dritte Übel war die Tatsache, daß Moshu mindestens doppelt so viele Kanonen und Drehbassen an Bord seiner Sambuke hatte. Und trotzdem war seine Sambuke noch schneller und wendiger.

„Wenn er uns stellt, sind wir erledigt“, sagte Ali besorgt zu dem Tonnenmann. „Wenn er aber noch die Truhen an Bord findet, dann sind wir noch erledigter. Was können wir tun, beim Scheitan?“

Tarsa starrte zu dem Inselgewirr, das prächtige Verstecke bot. Moshu kannte sich zwar auch hervorragend in dieser Ecke aus, aber vielleicht hatten sie noch eine Chance.

„Wir werfen die Truhen über Bord“, sagte er dumpf.

„Bist du verrückt geworden?“ fuhr Ali ihn an.

„Ich meine natürlich, wir versenken das Zeug an einer Stelle, wo wir es später leicht wiederfinden. Drüben, bei Qok im seichten Wasser der kleinen Insel. Die Drehbassen werfen wir auch über Bord, dann sind wir schneller und können dem Bastard entwischen. Später, wenn er weg ist, holen wir uns das Zeug zurück.“

Ahmed hörte mit zu und sog jedes Wort gierig in sich auf. Niemand beachtete ihn. Alle waren mit diesem Moshu el Kekir beschäftigt und seiner Sambuke, von der sie gejagt wurden.

„So schlecht ist die Idee nicht“, sagte Ali nach einer Weile. „Zunächst müssen wir unseren Hals retten, denn ohne Hals nutzt uns die ganze Beute nichts.“

Er blickte sich gehetzt um. Die Sambuke hatte weiter aufgeholt. In spätestens einer Stunde würde sie auf gleicher Höhe sein. Dann ging es hart zur Sache. Aber diesen zweifellos letzten Gang wollte Ali unbedingt vermeiden.

„Gut, über Bord mit den Drehbassen, aber jetzt noch nicht. Wir versenken sie hinter der Insel. Und die Kisten werfen wir an einer anderen Stelle über Bord.“

Sie steuerten die Insel an. Dahinter gab es noch ein paar kleine Eilande, zwischen deren Gewässern sie sich gut auskannten.

Als sie hinter der Insel waren, geriet die Sambuke vorübergehend aus ihrem Blickfeld.

In wilder Hektik wurden die schweren Drehbassen über Bord geworfen. Auch sie wollte man später wiederholen, wenn sie Moshu entwischt waren. Eine nach der anderen klatschte ins Wasser und versank.

Ali ließ eine schmale Bucht ansteuern, wo nicht einmal die Fischer hinkamen. Hier wohnte weit und breit kein Mensch.

„Los, jetzt, über Bord mit den Truhen. Merkt euch genau diese Stelle. Das Wasser ist nicht sehr tief.“

Am Land standen drei mickrige Palmen, die Ali zusätzlich als Markierungspunkt dienten.

Sie stemmten die Truhen hoch und warfen sie ebenfalls über Bord. Das bedauerten alle zwar sehr lebhaft, aber das kostbare Zeug war ja nicht verloren. Doch jetzt ging es um das eigene Leben.

Sie kurvten zwischen den Inseln herum und erreichten bald darauf wieder offene See. Hier wehte der Wind kräftig, und die Sambuke bewegte sich wesentlich schneller, über das Wasser als vorher.

Inzwischen war Ahmed nach achtern gegangen und hatte sich dicht vor dem Heck versteckt. Immer noch kümmerte sich keiner um den Jungen. Als er einen Blick achteraus warf, erkannte er an der Kimm feine Masten, die offenbar zu einem größeren Schiff gehörten. Aber das war noch sehr weit entfernt.

Jetzt konnte er den Halunken eins auswischen. Vielleicht gelang es ihm, das fremde Schiff zu erreichen und die Männer für den Schatz zu begeistern. Dann hatten Ali und seine Kerle das Nachsehen. Wenn er den Kerl schon nicht umbringen konnte, dann wollte er ihm wenigstens noch einen großen Schaden zufügen.

Er drehte sich um und sah gerade noch, wie auch der Tonnenmann den Kopf wandte und ihn verblüfft anstarrte.

Dann sprang Ahmed mit einem wilden Satz achtern über Bord und verschwand im blasenwerfenden und schaumigen Kielwasser. Unglaublich rasch trieb er achteraus.

„Weiß der Teufel, was in dieser Ecke los ist“, sagte Hasard. Sie hatten „Gewittergrollen“ gehört, aber das war schon vor einer Weile gewesen, und es rührte zweifellos von Drehbassen her. „Hier jagt einer den anderen.

Durch das Spektiv sahen sie undeutlich eine Sambuke mit rötlichen Segeln, die Westkurs lief und dann abdrehte. Sie jagte hinter einer anderen her.

„Es könnte fast die schwarze Sambuke sein“, meinte Don Juan. „Aber die Entfernung ist noch zu groß, um das genauer bestimmen zu können. Außerdem geht es uns nichts an. Sollen sich die Kerle doch beharken, wie sie wollen.“

„Ganz meine Ansicht, Juan“, erwiderte Hasard. „Dieser Küstenverlauf scheint von Piraten nur so zu wimmeln. Ich bin nicht wild darauf, mich mit ihnen anzulegen. Schließlich haben wir etwas anderes vor.“

Durch das Spektiv sah Dan O’Flynn, daß die beiden Sambuken immer noch dahinjagten. Sie waren wesentlich schneller als die „Santa Barbara“. Etwas später verschwand die eine Sambuke im Inselgewirr, die zweite folgte ihr, und dann waren beide für mehr als eine halbe Stunde verschwunden.

Erst viel später tauchten sie als feine Striche wieder auf. Danach sah auch Dan O’Flynn sie mit seinen scharfen Augen nicht mehr.

Dafür sah er etwas anderes, noch bevor der Ausguck es bemerkte.

„Steuerbord voraus treiben Gegenstände in der See, Sir. Möglicherweise ist das auf den Donner zurückzuführen. Meiner Meinung nach hat da ein Kampf stattgefunden.“

Der Ausguck meldete die Trümmer ebenfalls gleich darauf.

Der Seewolf entschied sich nach kurzem Zögern.

„Wir sehen einmal nach, Stenmark“, sagte er zu dem Schweden, der am Ruder stand. „Kurs auf das, was da in der See treibt.“

Der Kurs wurde nach Steuerbord geändert. Als er anlag, waren voraus noch mehr treibende Gegenstände zu erkennen.

„Ein Bugteil, Planken, zwei Kisten und anderer Kleinkram“, zählte Ben Brighton auf. „Das sieht tatsächlich ganz danach aus, als sei da ein Schiff untergegangen.“

Mit langsamer Fahrt näherten sie sich den Wrackteilen. Die Segel hingen lose an den Rahen, Brassen und Schoten waren gefiert worden.

Die Arwenacks blickten aufmerksam ins Wasser. Hasard hatte ihnen eingeschärft, nach eventuellen Überlebenden Ausschau zu halten.

Gleich darauf wurden sie fündig. Smoky, der seine Glatze jetzt mit einer Art Turban nach Landessitte verziert hatte, deutete nach vorn.

„Da treibt einer im Wasser.“

„Der ist tot“, sagte Carberry zum Kutscher, „denn er treibt mit dem Gesicht nach unten.“

„Höchstwahrscheinlich“, gab er Kutscher zu. „Dennoch geschehen immer mal wieder Wunder. Wir sollten ihn uns ansehen.“

Als sie langsam näher herantrieben, sahen sie den Mann deutlich. Er trug nur eine mehrfach geflickte Leinenhose und hatte ein rotes Tuch um den Kopf geschlungen.

Mit dem Bootshaken drehte Carberry den Mann an der Hose im Wasser herum.

Ein entsetzlich verzogenes unrasiertes und brutales Gesicht starrte sie an. Der Galgenvogel hatte Mund und Augen unnatürlich weit geöffnet und starrte sie an, als wollte er jeden Moment laut losbrüllen. Aber noch etwas anderes wurde sichtbar: In der Brust des Toten steckte ein langes Messer mit breiter Klinge.

„Wenn das kein Pirat ist, bin ich Sankt Elmo“, sagte Carberry. „Den hat es aber ganz übel erwischt.“

Er ließ den Haken los. Der tote Pirat rollte zur Seite und schwamm mit dem Gesicht nach unten weiter. Nach ein paar Minuten ging er langsam unter.

Ein weiterer Mann wurde in der See entdeckt. Daß er nicht zu den Piraten gehörte, zeigte schon seine gepflegte Kleidung. Er konnte ein arabischer Kaufmann sein, denn er trug noch das Kaffje und eine lange Djelaba. In seinem Gürtel steckte ein Dolch mit breiter und funkelnder Klinge. Diesen Dolch hatte er aber nicht mehr ziehen können, denn ein furchtbarer Hieb mit einem Schiffshauer hatte ihm den Brustkorb zerschmettert.

„Piraten, überfallen Kaufleute“, sagte Hasard nachdenklich. „Das Schiff haben sie versenkt, die Beute haben sie offenbar übernommen. Aber hier muß sich noch etwas anderes abgespielt haben. Aber was nur?“

„Vielleicht haben zwei Piraten das Schiff gestellt und ausgeplündert“, meinte Don Juan. „Andererseits werden sie sich dann nicht gegenseitig jagen, wie es den Anschein hatte.“

„Ja, das finde ich auch reichlich merkwürdig.“

Hasard hielt noch einmal nach den beiden fremden Schiffen Ausschau, doch er konnte sie nirgends entdecken. Vermutlich hatten sie sich wieder in das Labyrinth der vielen Inseln verzogen.

Sie suchten noch ein wenig die See ab, doch außer ein paar zerfetzten und fast undefinierbaren Holzstücken fand sich nur noch ein zerschlagenes Faß. Alles andere war untergegangen und ruhte jetzt auf dem Grund der See.

„Wir segeln weiter und gehen auf den alten Kurs zurück“, entschied Hasard, als sich nichts mehr fand.

Die Segel wurden getrimmt. Die „Santa Barbara“ ging auf ihren alten Kurs zurück, allerdings blieb sie da nicht lange, denn nach einer guten Stunde meldete Batuti aus dem Ausguck einen treibenden Gegenstand. Diesmal befand er sich zur Abwechslung Backbord voraus, wie Hasard ironisch bemerkte. Da käme dann auch keine Langeweile auf.

Nicht lange, und es stellte sich heraus, daß es ein Mensch war. Dieser Mensch lebte noch, denn er schwamm ziemlich ruhig, ohne sonderlich Kräfte zu verbrauchen, der Galeone entgegen.

„Also doch noch ein Überlebender“, stellte Hasard fest. Er wußte noch nicht, daß er sich damit im Irrtum befand, aber die Verhältnisse ließen diesen Schluß ohne weiteres zu.

„Ein verdammt junges Bürschchen“, sagte Jung Hasard nach einem intensiven Blick durch den Kieker. „Ein Araberjunge. Der ist aber sehr weit von der Untergangsstelle entfernt.“

Dieser Umstand erstaunte auch die anderen. Das schmächtige Kerlchen, das da sehr sparsam durchs Wasser schwamm, um seine Kräfte zu schonen, mußte schon stundenlang unterwegs sein.

Hasard wunderte sich, daß das Kerlchen nicht zum wesentlich näheren Land geschwommen war. Statt dessen hielt es unbeirrbar auf die Galeone zu. Ab und zu hob es den Kopf aus dem Wasser, um einen besseren Überblick zu haben. Dann wieder legte sich der Junge kurze Zeit auf den Rücken und ließ sich treiben. Er schien mit seinen Kräften ziemlich am Ende zu sein.

Carberry stieg schon auf die Rüste, um den Jungen aus dem Wasser zu fischen. Hasard ließ kurz vorher anluven, um die Fahrt aus dem Schiff zu nehmen. Am Schanzkleid standen Ferris Tucker, Shane, Gary Andrews und weitere Arwenacks bereit, um dem Profos das Bürschchen abzunehmen.

Der Kleine grinste schwach, doch als er den ebenfalls freundlich grinsenden Profos dann aus der Nähe sah, verging ihm das Grinsen. Er sah ein narbiges Gesicht mit einem wüsten großen Kinn, eine Visage, die ihm auf den ersten Blick Angst und Schrecken einflößte. Und wie das narbige Ungeheuer auch noch grinste!

In seiner Angst wollte Ahmed wegtauchen, doch dann entdeckte er in dem Narbengesicht etwas, das ihn stutzig werden ließ. In den Augen las er Mitleid, aber auch Hilfsbereitschaft, und da ahnte er, daß dieser wüste Kerl ein gutes Herz hatte.

Er konnte auch gar nicht mehr wegtauchen, denn eine mächtige behaarte Pranke von solcher Größe, wie sie höchstens der Tonnenmann hatte, langte ins Wasser wie eine riesige Schaufel und schaufelte ihn einfach heraus. Einfach so, ruckzuck, und schon hing er wie ein Lappen in einem gewaltigen Wasserrad. Das triefende Wasserrad reichte ihn wie spielerisch nach oben.

Ahmed befand sich übergangslos auf den Planken eines fremden Schiffes, und er sah Männer, wie er sie auch noch nie gesehen hatte. Riesige breitschultrige Männer waren es, mit roten dunklen oder seltsam blonden Haaren. Und zwei Jungen sah er, nein, Männer waren das schon eher, die sich so glichen wie ein Ei dem anderen. Es war einfach unmöglich, sie zu unterscheiden. Sie musterten ihn aus eisblauen Augen, wirkten aber sehr freundlich.

Ahmed schaute verwirrt von einem zum anderen, als sich ihm ein schlanker hagerer Mann näherte, der ihm lächelnd die Hand auf die Schulter legte.

„Du brauchst keine Angst zu haben, mein Junge“, sagte der Kutscher freundlich.

Aber das verstand Ahmed natürlich nicht. Die Sprache war ihm absolut fremd. Er hatte sie noch nie gehört.

„Dieser räudige Wurm ist über Bord gesprungen“, sagte Tarsa erbost. „Aber mit voller Absicht.“

„Der Lümmel geht mich einen Dreck an!“ brüllte Ali zurück. „Soll er ersaufen, sollen ihn die Haie fressen, das interessiert mich nicht.“

„Es sollte dich aber trotzdem interessieren“, sagte Tarsa mit kalter Stimme. „Dieser Bastard könnte von Moshu aufgenommen werden und ihm Verraten, wo das Schatzversteck ist. Schließlich weiß er genau, wo wir die Beute versenkt haben.“

Ali fuhr herum, blickte Tarsa an und stierte dann ins Kielwasser, wo ein kleiner Punkt sich rasch entfernte.

„Verdammt! Manchmal hast du ganz gute Gedanken. Den Bastard müssen wir unbedingt wiederhaben, wenigstens zum Abmurksen, damit er nichts mehr verraten kann.“

Ali steigerte sich wieder in einen Wutanfall hinein.

„Wir kriegen ihn aber nicht mehr“, knurrte der feiste Kerl. „Die Laus ist weg, und wir müssen ebenfalls zusehen, daß wir verschwinden.“

„Dann schießt sie ab!“ rief Ali wild.

Tarsa zuckte gleichmütig mit den Schultern und wandte den Blick ab.

„Dazu ist es auch zu spät, verdammt noch mal.“

„Vielleicht erzählt er auch gar nichts“, meinte Ali nach einer Weile. „Was hat er schließlich davon?“

Der Blick des Tonnenmannes war tückisch. Auf seinen wulstigen Lippen lag ein hämisches Grinsen.

„Ich glaube“, sagte er, „das war der kleine Bastard, dessen Vater wir mal erstochen haben. Genauer gesagt, du hast ihn erstochen, Sidi, was natürlich kein Vorwurf sein soll. Ich bin sicher, daß er es war, und er wird dich erkannt haben. Vielleicht hat er dir Rache geschworen, aber weil er dazu zu klein ist, versucht er es jetzt auf eine andere Art. Sicher wird er Moshu auch sagen, daß wir keine Drehbassen mehr an Bord haben und unbewaffnet sind.“

Ali blickte wieder ins Kielwasser. Diesmal war sein Blick wild und gehetzt, als er den winzigen Punkt sah. Trotzdem war er erleichtert, denn die Sambuke hatte nicht weiter aufgeholt. Er konnte Moshu und seiner Bande doch noch entwischen, zumal es auf den späten Nachmittag zuging und es in ein paar Stunden dunkel wurde. Dann konnte Moshu genausogut einen Sandfloh in der Wüste suchen.

Aber er sah noch etwas anderes in weiter Ferne. Das waren drei winzige Masten, die wie unbeweglich an der Kimm standen. Sie rückten nicht näher und fielen wieder ganz langsam zurück.

„Nimm den Kieker und glotz durch“, befahl er dem Tonnenmann. „Behalte den Bastard genau im Auge. Ich will wissen, ob er tatsächlich von der Sambuke aufgenommen wird. Vielleicht kümmern die sich einen Scheiß um den Lümmel und lassen ihn einfach ersaufen. Ach was, Moshu wird sich ganz sicher nicht die Zeit nehmen, einen räudigen Köter aus der See zu fischen, wenn er hinter uns her ist.“

„Die Möglichkeit besteht aber“, widersprach Tarsa. Er durfte sich als einziger an Bord diesen Ton herausnehmen, und hin und wieder machte er reichlich Gebrauch davon.

Trotzdem nahm er gehorsam den Kieker und suchte den winzigen Punkt im Wasser.

Nach einer Weile hatte er ihn wieder. Der Bengel schwamm ganz ruhig in der See, als sei nichts geschehen. Vor Haien, die sich hier herumtrieben, hatte er offenbar auch keine Angst. Wenn er so weiterschwamm, dann mußte er schon bald auf die Sambuke stoßen.

Ali drehte sich um und grinste tückisch.

„Moshu wird ihn nicht an Bord nehmen“, sagte er dann sehr bestimmt. „Aber das werde ich gleich ganz genau wissen.“

„Du bist deiner Sache sehr sicher, Sidi.“

„Klar, denn ich kann auch denken. Paß mal auf!“

Er trat dem Rudergänger kräftig in den Hintern, daß der mit einem überraschten Schrei auf den Planken landete, und übernahm es selbst.

Dann drehte er die Sambuke hart nach Steuerbord. Dabei grinste er über seinen Einfall bis zu den Ohren.

„Paß mal auf, was sie jetzt tun.“

Der Tonnenmann schluckte. An diese einfache Möglichkeit hatte er nicht gedacht. Gespannt peilte er durch das Spektiv.

Der Schwenk nach Steuerbord war noch nicht richtig vollzogen, als auch die Sambuke des anderen Piraten den Kurs wechselte. Damit geriet der schwimmende Junge zwangsläufig aus dem Kurs. Er hatte jetzt nicht mehr die geringste Chance, an Bord genommen zu werden.

Den Tonnenmann ärgerte es, daß dieser miese, aber wirkungsvolle Trick nicht ihm selbst eingefallen war.

Ali hielt sich den Bauch vor Lachen. Er zog den Rudergänger am Ohr herbei und stellte ihn wieder ans Ruder. Immer noch konnte er sich vor Lachen kaum beruhigen.

„So einfach geht das. Jetzt schwimmt der Bastard sehr weit an der Sambuke vorbei.“

Er riß Tarsa den Kieker aus der Hand, um sich an dem entsetzten Gebaren des Jungen zu erfreuen. Als er jedoch einen Blick hindurchwarf, wurde sein Gesicht immer nachdenklicher und ratloser.

Der „Bastard“ dachte überhaupt nicht daran, jetzt zu winken oder zu schreien. Er schwamm auch seltsamerweise nicht zum Land hin. Er nahm Kurs auf die drei Masten, die kaum an der Kimm zu sehen waren.

„Was soll das?“ flüsterte Ali kaum hörbar.

„Vielleicht läßt er sich von den Giaurs aufnehmen“, sagte Tarsa, „und zeigt den ungläubigen Christenhunden, wo es was zu holen gibt. Denn das sind ganz sicher die Kerle, mit denen wir zusammengetroffen sind.“

Ali dachte noch mit wilder Wut daran, wie die Christenhunde ihnen ganz unerwartet eine Breitseite gezeigt hatten.

Wenn das aber wirklich der Fall war, was Tarsa vermutete, dann wollte er auch diese Giaurs überlisten. Die ließen sich leichter übertölpeln als Moshu, denn sie kannten sich hier nicht aus. Davon war jetzt im Moment aber noch nicht die Rede. Ali wollte erst Moshu von seiner Fährte locken, dann war der Junge dran, den er zum Schweigen bringen würde.

„Na schön“, knurrte er bösartig. „Den Bengel kriegen wir schon noch, und wenn wir uns später an der Schatzstelle auf die Lauer legen. Dann haben wir auch gleich die anderen.“

Der Punkt in der See war nicht mehr zu erkennen. Er war immer kleiner geworden.

Ali segelte wieder in das Labyrinth der vielen kleinen Inseln hinein und versuchte, die Sambuke über die Untiefen zu locken.

Kurz bevor die Dunkelheit hereinbrach, zeigte sich ein Erfolg. Sie hatten die Sambuke abgeschüttelt, sie war nicht mehr zu sehen.

Erst viel später, als Ali ein paar Posten an Land geschickt hatte, wurde ihm gemeldet, daß Moshu auf Ostkurs gegangen wäre. Anscheinend hatte er aufgegeben und wollte sich nicht länger an der Nase herumführen lassen, damit sein Ansehen nicht litt.

Noch am späten Abend lief Ali den Ort Umm Said an und besorgte sich bei einem alten durchtriebenen Schlitzohr neue Drehbassen. Die versenkten Waffen konnte er später immer noch holen, die liefen ihm nicht davon. Jetzt war er vollauf zufrieden – bis auf den Jungen, von dem er nicht wußte, wo er sich befand.

Blieben noch die Giaurs, falls die ihn an Bord genommen hatten. Ali traute sich zu, auch mit denen fertig zu werden. Er hatte sich nur von ihnen überraschen lassen.

Ein zweites Mal würde ihm das nicht mehr passieren.

9.

Zunächst einmal wurde Ahmed verköstigt und kriegte zu essen und zu trinken. Dann versorgte ihn der Kutscher und war erstaunt, daß das Kerlchen sich so schnell erholte. Geradezu verblüfft waren sie über die Kondition des Jungen.

Danach stellte sich heraus, daß die Zwillinge wieder einmal unentbehrlich waren, was die Verständigung betraf. Sie konnten sich mit Ahmed zwar nicht fließend unterhalten, aber die Verständigung klappte nach einem kleinen Mißverständnis einwandfrei.

Ahmed erzählte den staunenden Zwillingen seine Geschichte, und die wiederum übersetzten und verklarten es den anderen, die ebenfalls am Staunen waren.

Das Schicksal des kleinen Ahmed bewegte sie jedoch alle.

„Hier spielen sich kleine Tragödien ab, an denen wir unbemerkt vorbeisegeln“, sagte Vater Hasard. „Aber jetzt haben wir einen Überblick und wissen, woran wir sind. Wir werden den Jungen zu seinem Onkel zurückbringen, falls dieser Selim noch lebt.“

Die Zwillinge grinsten bis an die Ohren, als sie sich weiter mit Ahmed unterhielten.

Die anderen standen daneben und kapierten kein Wort. Sie mußten immer auf die Übersetzung warten, auf die „Verklarung“, wie der Profos mißmutig sagte. Er lauschte und rieb sich das mächtige Amboßkinn.

„Da steht man rum wie ein Quallenkacker und kapiert kein einziges Wort“, motzte er. „Ich komme mir richtig bescheuert vor. Warum kann ich diese Sprache nicht auch sprechen?“

„Alles kann man eben nicht“, sagte der Kutscher. „Man muß ja auch nicht immer alles können, sonst wäre man ein großer Klugscheißer.“

„Bist du sowieso“, murrte Carberry. „Erzählen die sich jetzt Witze, weil sie dauernd so grinsen?“

„Vielleicht können die Herren Söhne mal wieder Laut geben“, sagte Vater Hasard. „Eine kleine Übersetzung hin und wieder würde erheblich mehr zur allgemeinen Erheiterung beitragen.“

„Gleich, Dad, Sir“, sagte Philip feixend. „Gleich erfahrt ihr einen ganz dicken Hund.“

Sie alle warteten auf den „ganz dicken Hund“, aber zwischen den dreien gab es noch ein endloses Palaver, bis es soweit war. Dann übersetzten die Zwillinge grinsend.

„Dieser Schnapphahn Ali hat einen Handelsfahrer überfallen, der nach Basra unterwegs war, und ihn ausgeraubt. Ali wiederum wurde von einem anderen Halunken gejagt, weil der in seinem Revier wildert. Und jetzt kommt der dicke Hund. Der Schnapphahn hat ein paar Truhen mit Silber, Gold und Perlen über Bord geworfen und seine Drehbassen gleich dazu, um dem anderen zu entkommen. Offenbar ist ihm das auch gelungen, denn die Sambuke mit den roten Segeln hat abgedreht und ging auf Ostkurs. Das haben wir ja noch so ungefähr gesehen.“

„Und das soll der dicke Hund sein?“ fragte der Profos enttäuscht. „Bei dem kann man aber die Rippen zählen.“

Jung Hasard zeigte auf Ahmed.

„Er kennt die Stelle genau, wo die Truhen und Drehbassen versenkt wurden. Er würde sie sogar bei Dunkelheit finden. Es scheint sich um eine ungeheure Beute zu handeln, einen richtigen Schatz.“

„Und in welcher Tiefe soll der liegen?“ fragte der Seewolf.

„An einer ziemlich seichten Stelle, ungefähr vier Yards tief. Dort liegt alles auf dem Grund.“

„Eine Menge Leute haben dafür ihr Leben hergeben müssen“, sagte Hasard nachdenklich.

„Stimmt, aber für den Tod dieser Leute ist der Pirat verantwortlich“, wandte der Kutscher ein. „Und er wird sich diese Beute früher oder später ganz sicher holen. Es geht mir gegen den Strich, das so einfach zuzulassen, Sir.“

„Mir auch“, sagte Hasard seufzend. „Aber ich habe da eine Idee. Wir werden morgen bei Tagesanbruch nachsehen, was es damit auf sich hat, und wenn wir das Zeug wirklich finden, dann, so meine ich jedenfalls, sollten wir es dem Jungen und seinem Onkel überlassen, damit sie ein sorgenfreies Leben führen können. Wir selbst sind schließlich keine armen Leute, und ich möchte auch nicht, daß sich die Blutsäufer und Schnapphähne daran schadlos halten. Was meint ihr dazu?“

Die Arwenacks waren wieder mal einhelliger Meinung und stimmten begeistert zu.

„Klar, das ist eine feine Sache“, ereiferte sich der Profos. „Sag dem Jungen, daß wir diesem Ali die Haut in Streifen von seinem Piratenarsch abziehen werden, wenn er unseren Kurs kreuzt oder uns in die Quere gerät.“

„Das läßt sich schwer übersetzen“, wandte Jung Hasard ein. „Es hört sich auch nicht besonders gut an.“

„Wie wär’s dann mit Affenarsch?“ schlug der Profos vor.

„Das versteht er vielleicht auch nicht.“

„Schade“, bedauerte Carberry. „Dabei hört sich das immer so eindrucksvoll an. Davon hat schon mancher das kalte Grausen gekriegt.“

„Stellt euch das nicht als einen Spaziergang vor“, warnte der bedächtige Ben Brighton. „Wir haben die Bekanntschaft mit der schwarzen Sambuke bereits geschlossen. Der Kerl, der sie befehligt, ist hinterhältig, bösartig und gemein. Er geht über Leichen, und er wird sich die Beute nicht entgehen lassen. Er wird alles dransetzen, um sie zu erwischen.“

Der Profos tat das mit einer Handbewegung ab.

„So schlimm kann das nicht werden. Hast du schon vergessen, daß es auf diesem Schlickrutscher keine Drehbassen mehr gibt? Der Halunke hat sie doch ebenfalls versenkt, um leichter und schneller zu sein. Der wird bereits die Flucht ergreifen, wenn er uns nur sieht.“

„Vielleicht ist er längst da“, sagte Hasard, „hat zuerst die Drehbassen geholt und kümmert sich dann um die Beute, damit ihm keine Überraschung bevorsteht. Seid ihr auch ganz sicher“, fragte er dann seine beiden Söhne, „daß es wirklich Schatztruhen sind? Wer weiß, was er in seiner Aufregung gesehen hat.“

Ahmed wurde noch einmal eindringlich befragt. Er war ein ernster und nachdenklicher Junge, der nichts übertrieb und der sich immer hart hatte durchs Leben schlagen müssen.

„Ich war dabei, und ich habe alles mit meinen eigenen Augen gesehen“, sagte er feierlich. „Das schwöre ich bei Allah.“

„Und aus welchem Grund gibt er uns das Geheimnis preis?“ erkundigte sich Vater Hasard. „Er kennt uns doch gar nicht. Wir könnten uns diese Truhen ja ebenfalls aneignen.“

Darauf hatte Jung Hasard auch schon eine Antwort.

„Er will seinen ermordeten Vater rächen, sagt er. Aber er selbst ist zu klein und unbedeutend, als daß er Ali etwas anhaben kann. Er will nicht, daß ihm diese Beute in die Hände fällt, weil Ali immer die Perlenfischer ausraubt.“

„Das ist natürlich ein Grund“, meinte Hasard. „Ich kann den Jungen in seiner Hilflosigkeit, aber auch in seinem Haß auf diese Bande durchaus verstehen. Ja, er ist völlig hilflos der Willkür dieser Halunken ausgesetzt. Gut, wir segeln zu der Stelle hin, aber nicht mehr heute nacht. Der Küstenverlauf ist mir zu tückisch. Wir werden uns das bei Tageslicht betrachten. Dann sieht auch alles ganz anders aus.“

Carberry rieb sich in der Vorfreude auf eine kräftige Holzerei schon wieder die Hände.

„Mit dem Rübenschwein, dem hinterhältigen, ist sowieso noch eine Rechnung offen“, erklärte er. „Und ich sitze nicht gern auf Rechnungen herum, die begleiche ich lieber bei der nächst besten Gelegenheit.“

Die anderen waren einverstanden, daß sie diesen Ali das Fürchten lehren wollten.

Die „Santa Barbara“ ging vor Anker, um bei Tagesanbruch loszusegeln.

Aber der Araberjunge Ahmed mußte an diesem Abend noch viel erzählen, und so vernahmen die staunenden Mannen zum ersten Male von den Schwarzen Tränen Allahs, die Ahmed einmal in seinem Leben gefunden und gleich wieder verloren hatte. Und sie erfuhren noch mehr über die Perlenfischer, Piraten und Schnapphähne, die es in dieser Gegend gab. Ahmed warnte sie auch vor Moshu el Kekir, der hier an der Küste und weiter oben sein Unwesen trieb.

Als sich die Sonne langsam über der östlichen Kimm in die Höhe tastete, wurde der Anker gehievt. Sie setzten die Segel und nahmen Kurs auf die „Schatzstelle“.

Es war nicht allzu weit bis dorthin, aber leider war das Gewirr der Inseln unübersichtlich, und eine schlanke Sambuke konnte sich dort hervorragend verbergen.

Eine Stunde später deutete Ahmed, der als Lotse fungierte, aufgeregt auf eine kleine Insel, die dicht bewachsen war.

„Gleich dahinter ist es!“ rief er. „Das Wasser wird da flacher, aber man kann hindurchsegeln!“

Die „Santa Barbara“ steuerte die Insel vorsichtig an. Die Ausgucks waren doppelt besetzt und suchten mit Spektiven alles ab.

Als die bezeichnete Stelle vor ihnen lag, war von einer schwarzen Sambuke weit und breit nichts zu sehen.

„Vielleicht haben sie heute nacht schon alles abgeräumt“, meinte Don Juan. „Oder sie lauern weiter hinten auf uns. Aber sie haben keine Drehbassen mehr, wie der Junge sagte.“

Hasard nickte flüchtig. Alles an ihm war gespannte Aufmerksamkeit. Er rechnete mit einem blitzartigen Überfall, trotz der fehlenden Drehbassen. Möglicherweise hatte Ali wieder welche.

Dann hatten sie die Stelle erreicht, und immer noch blieb alles verdächtig ruhig. Nur ein paar Vögel flogen kreischend auf.

Auf der „Santa Barbara“ war Gefechtsbereitschaft angeordnet. Alle Stücke waren geladen, die Rohre ausgerannt und feuerbereit. Etliche Arwenacks standen sprungbereit da.

Ahmed zeigte genau die Stelle, wo die Truhen versenkt worden waren. Smoky entdeckte auf dem kristallklaren Grund gleich darauf eine Drehbasse, die zwischen Korallen lag.

Als er seinen Fund meldete, rief der Ausguck: „Die Sambuke taucht auf!“

Sie kam fast aus dem Dickicht, und sie erschien von einem Augenblick zum anderen, obwohl vorher nichts zu sehen gewesen war. An Deck sah man sie immer noch nicht.

„Also doch“, sagte Hasard. „Dann ist der Schnapphahn auch wieder bewaffnet. Weiß der Teufel, wie er das geschafft hat. Feuer frei, sobald sie in Schußweite ist.“

Ali Ben Chufru tauchte auf, doch er schickte seine heißen Grüße schon los, als er immer noch nicht zu sehen war.

Drei Drehbassen wurden abgefeuert. Durch das Gestrüpp zuckten Blitze, ein Blei- und Eisenhagel fegte zwischen den Verhau, zerfetzte ihn und siebte durch das Wasser.

Der Bug der schwarzen Sambuke rundete die Spitze. Das wendige Schiff mußte ein wenig abfallen.

Hasard sah mit einem Blick, daß es den Schnapphähnen gelungen war, eine der Truhen bereits zu bergen. Jedenfalls stand eine große eisenbeschlagene Truhe wie zum Hohn an Deck. Vielleicht hatten sie die schon in aller Frühe nach oben geholt.

Ein Siebzehnpfünder donnerte mit Getöse und wildem Donner los. Al Conroy hatte gefeuert, und er traf grundsätzlich das, was er wollte, wenn die See so ruhig war wie jetzt.

Der Blitz hatte noch nicht richtig das Rohr verlassen, als der Bug der Sambuke splitterte. Eine ganze Ladung Holz flog in hohem Bogen davon und schien noch einmal in der Luft zu explodieren.

Die Sambuke krängte hart über und lief aus dem Kurs.

Wütendes Geheul und lautes Gebrüll waren zu hören. Zwei Drehbassen wurden abgefeuert. Zwei kleinere Brocken trafen das Schanzkleid der Galeone und hinterließen faustgroße Löcher.

Drüben versuchte Ali verzweifelt, seine Sambuke wieder auf Kurs zu bringen, doch das brauchte Zeit, und bis er die gefunden hatte, handelten die Arwenacks.

Drei Culverinen brüllten gleichzeitig auf. Die „Santa Barbara“ bebte in allen Verbänden. Zwei schwenkbare Drehbassen fielen in das Gebrüll mit ein und schickten einen tödlichen Hagel hinüber. Drüben fielen die Kerle wie umgemäht auf die Planken.

Alle drei Siebzehnpfünder saßen voll im Ziel. Der Rumpf der Sambuke riß an drei Stellen auf, Holz flog nach innen, ein Wasserschwall folgte.

Als die Sambuke sich noch weiter zur Seite neigte, feuerte Al Conroy die nächste Culverine ab.

Die Kugel durchbrach das Schanzkleid, krachte in die Truhe und sprengte sie auseinander.

Fassungslos sahen die Seewölfe, wie sich ein schimmernder Regen aus Gold und Silber ins Meer ergoß. Ein Teil des Decks zerplatzte wie eine angestochene Seifenblase. Planken wirbelten durch die Luft.

Pete Ballie zeigte den Schnapphähnen die andere Seite des Schiffes. Dort blitzte es jetzt wieder brüllend auf. Feuerlanzen schienen direkt in die Sambuke zu rasen und sich hineinzufressen.

Ein Feuer flackerte drüben auf. Schreiende Galgenvögel brachten sich in Sicherheit, doch es gab keine mehr.

Batuti und Ferris Tucker räumten mit zwei Flaschenbomben das Achterdeck ab, wo die Piraten in die Knie gingen.

„Das ist er!“ schrie Ahmed. „Das ist er!“ Aufgeregt deutete er auf einen bärtigen Kerl, der den Kopf in den Nacken warf, die Brust rausdrückte und dann aufschreiend über Bord ging.

Bei den anderen herrschte totale Wuhling. Zwei Kerle versuchten noch einmal, die Drehbassen abzufeuern. Zwei Musketenschüsse holten sie von den Beinen.

Die Sambuke trieb vorbei. Sie brannte an mehreren Stellen, und ihre Schlagseite wurde immer stärker.

Goldstücke rutschten über das Deck, ein paar Silberbarren folgten zusammen mit Splittern der Truhe. Es schimmerte und gleißte sekundenlang grell auf, dann verschwand ein Teil der Beute im Meer.

Von Alis Schnapphähnen trieben die meisten tot im Wasser. Er selbst war untergegangen und verschwand unter seinem brennenden Schiff, das langsam in die Tiefe sackte. Drei oder vier weitere Kerle versuchten, sich auf eine der zahlreichen Inseln zu retten. Bevor sie Land erreicht hatten, flog die Sambuke mit einem brüllenden Donnerschlag auseinander. Ein greller Blitz wirbelte Reste von Planken hoch in die Luft. Die restlichen drei oder vier Kerle würden von dem gewaltigen Druck ins Wasser geschleudert.

An jener Stelle gurgelte und blubberte noch einmal das Wasser, dann kehrt langsam Ruhe ein.

Hasard sah sich ernüchtert um. Sie hatten zwei Treffer erhalten, die nicht der Rede wert waren.

Stunden später bargen sie zwei kleinere Truhen. Den Rest hatte das Meer verschlungen. Aber es lag nicht sehr tief im Wasser. Es war ihnen nur zu mühselig, den „Krempel pfundweise zu holen“, wie der Seewolf das ausdrückte. Vielleicht konnte Ahmed hier später einmal fündig werden.

Einen Tag später nahmen sie Kurs auf Quatar, und ein paar Stunden später entdeckten sie Selim, den Perlenfischer. Er hatte keine Tartane mehr, der Sturm hatte sie verschlungen, aber er hatte sich an Land retten können.

Mit Tränen in den Augen schloß er seinen Neffen in die Arme, den er längst totgeglaubt hatte.

Als Hasard ihm durch seine Söhne übersetzen ließ, daß sie von nun an keine Sorgen mehr zu haben brauchten, erlitt der Onkel einen Anfall, und der Kutscher mußte sich einen ganzen Tag lang um ihn kümmern. Dann war Selim wieder auf der Höhe.

Die Arwenacks segelten nach einem werteren Tag Aufenthalt weiter. Die beiden winkten ihnen nach, solange sie die Mannen sehen konnten.

Carberry grinste zum fernen Land hin und sagte: „Wenn ich bei jeder Silbertruhe einen Anfall kriegte, dann wäre ich längst tot.“

„Bist du auch längst“, sagte Old O’Flynn mit Grabesstimme. „Du bist nur zu faul zum Umfallen – genau wie ich.“

Die Arwenacks segelten weiter, sie wollten nach Norden …

ENDE


1.

Es war wie ein Schweben im Nichts.

Philip Hasard Killigrew öffnete eins der Bleiglasfenster in der Kapitänskammer. Nichts änderte sich. Die Luft stand draußen wie eine unbewegte graue Masse, zum Schneiden dick. Während der ganzen Nacht hatte es keine Abkühlung gegeben, und auch jetzt, am frühen Morgen des 20. April Anno 1597, ließ die Nebelwand nicht einmal einen frischen Lufthauch in die Unterdecksräume der „Santa Barbara“ dringen. Die Feuchtigkeit hatte sich nur noch erhöht.

Der Seewolf schloß das Fenster wieder.

Es war still an Bord. Der Sonnenaufgang stand noch bevor, wenn er auch kaum wahrzunehmen sein würde. Bis auf die Deckswachen, deren ruhige Schritte vom Hauptdeck zu vernehmen waren, genoß die Crew ihre wohlverdiente Nachtruhe.

Die Stille, die das Schiff umgab, war absolut.

Kein Geräusch sickerte durch den Nebel. Kein Schrei eines Seevogels war zu hören, der etwa den Tag begrüßt hätte. Kein Wellenschlag, der mit sanftem Schmatzen gegen den Rumpf der Galeone geklatscht wäre.

Seit den späten Nachmittagsstunden des 19. April, als auch der Nebel heraufgezogen war, herrschte bereits völlige Windstille. Der Seewolf hatte Treibanker ausbringen lassen, obwohl nach den Feststellungen Dan O’Flynns keine Abdrift durch etwaige Strömungen zu befürchten war. Stunden darauf, schon in der Nacht, als aber die Gestirne noch erkennbar gewesen waren, hatte Dan neue Berechnungen angestellt und seine anfänglichen Erklärungen bestätigt gesehen. Die Position der „Santa Barbara“ hatte sich kaum verändert.

Dan O’Flynn brauchte seine Zuverlässigkeit als Navigator nicht mehr unter Beweis zu stellen.

Sie lagen etwa zwanzig Seemeilen nördlich der küstennahen Insel Abu Ali, und sie würden weiter Kurs auf Kuweit nehmen, sobald Nebel und Flaute vorüber waren. In der Hafenstadt im nordwestlichen Zipfel des Persischen Golfs hofften Hasard und seine Gefährten neue Informationen zu erhalten. Informationen über jene geheimnisvolle Route, die vom Golf über den Irak und Persien ins Mittelmeer führen sollte.

Der Seewolf wandte sich vom Fenster ab und kehrte auf seinen Platz am Tisch zurück. Er schlug das Logbuch auf und zog Tintenfaß und Federkiel zu sich heran. Mit präzise schräggeneigten Federstrichen trug er das Datum des neuen Tages ein. Dann ließ er den Kiel sinken.

Ich bin besessen, lautete der Gedanke, der ihm durch den Kopf flog.

Er erschrak fast. Aber es verhielt sich so, wie dieser Unbeabsichtigte Gedanke es ausdrückte. Er war in der Tat besessen von der Vorstellung, diesen unbekannten Schiffahrtsweg zu entdecken. Widersprach es nicht seinen alten Prinzipien, stets einen klaren Kopf zu bewahren und die Dinge mit nüchternem Überlegen anzugehen?

Aber nicht einmal Ben Brighton, der gründliche Denker, hatte diesmal etwas auszusetzen gehabt. In der Tat schien die gesamte Crew von der Entdeckerbegeisterung der Zwillinge angesteckt worden zu sein.

Der Seewolf beruhigte sich mit der Folgerung, daß es nicht der Stolz auf seine Söhne gewesen war, von dem er sich hatte leiten lassen. Und er hatte auch keine einsame Entscheidung getroffen. Bei allen Beschlüssen, die einschneidende Auswirkungen auf die ganze Mannschaft haben konnten, wurden stets auch sämtliche Crewmitglieder beteiligt.

Nichtsdestoweniger hatte der geheimnisvolle Kartenfund der Zwillinge auf den Seychellen mehr als nur Abenteuerlust und Forscherdrang geweckt. Tief in ihnen schlummerte das Bestreben, auch für England wieder einmal etwas zu tun.

Meist fluchten sie auf die alte Heimat, die man ihnen so gründlich verleidet hatte. Und nicht selten ließen sie kein gutes Haar an ihrem Land, wenn sie irgendwo in einer Hafenschenke in Stimmung gerieten. Doch hinter all den rauhen Worten verbarg sich doch eine gehörige Portion jenes Zugehörigkeitsgefühls, das sie immer noch mit dem Land ihrer Väter verband und das sie wohl niemals ganz abschütteln konnten.

Denn aus England waren sie nicht von ihresgleichen vertrieben worden, geschweige denn, daß sie bei Königin Elizabeth I. in Ungnade gefallen wären. Nein, es waren ausschließlich die finsteren Elemente bei Hofe gewesen, die die Seewölfe dazu gebracht hatten, in der Karibik den Bund der Korsaren zu gründen und sich eine neue Heimat zu schaffen.

Nach wie vor existierte der Stützpunkt an der Cherokee-Bucht.

Aber England war nahe.

Dieses Bewußtsein, daran zweifelte der Seewolf nicht, hatte bei jedem einzelnen Mann an Bord der „Santa Barbara“ dazu geführt, die Aussicht auf die Entdeckung eines neuen Weges vom Persischen Golf zum Mittelmeer mit wahrer Besessenheit zu verfolgen.

Hasard lächelte, da sich der Kreis seiner Gedanken geschlossen hatte. So waren sie denn alle besessen von jener Idee, die sie verfolgten. Keine Schande. Beileibe nicht.

Er nahm die Feder, tunkte die zugeschnittene Spitze ins Tintenfaß und schrieb. Er mußte zu Papier bringen, was ihn bewegte. Vielleicht gab es einmal Zeugnis von sinnloser Phantasterei. Vielleicht wurde es aber auch der geistige Grundstein einer Entdeckung, die für die Kultur des Abendlandes von unerhörter Bedeutung war.

Was nämlich eine Verkürzung des Seewegs von und nach Indien für Europa bringen konnte, konnte man in Europa nicht einmal im entferntesten abschätzen.

Wir sind zum Stillstand verurteilt, schrieb der Seewolf, und es scheint, als ob unsere Besessenheit zu einer aufgezwungenen Pause verurteilt ist …

Der Mann, der im Bugraum des flachen Bootes kauerte, hatte nur die eine Aufgabe: An ihm lag es, das Ziel rechtzeitig zu erspähen, damit sie bei dem dichten Nebel nicht in eine unliebsame Überraschung rauschten. Denn obwohl die sechs Männer auf den Duchten äußerst behutsam pullten, glitt das Boot doch mit hoher Fahrt über das Wasser. Es bewies, über welche Muskelkraft die Männer verfügten.

Unvermittelt stieß der Späher einen scharfen Zischlaut aus. Warnend hob er die rechte Hand, obwohl seine Kumpane es nicht sehen konnten, da sie ihm den Rücken zuwandten.

Augenblicklich hoben sie die Riemenblätter an und ließen das Boot auslaufen. Schon ein Streichen hätte nach ihrer Überzeugung zu geräuschvoll sein können. Denn bei dem augenblicklichen Nebel klang selbst der leiseste Laut so, als würde er auf geheimnisvolle Weise verstärkt.

Die graugekleideten Männer auf den Duchten hielten die Riemen über Wasser und wandten sich um. Aufmerksam spähten sie in die Richtung, in die der schlanke Bug des flachen Bootes wies.

Und plötzlich waren die hohen, dunkel aufragenden Konturen da. Das Schiff wirkte riesengroß und drohend in dem Nebel, der es umhüllte und Einzelheiten nicht erkennen ließ.

Der Späher beugte sich vor und ergriff die Ankertrosse, die aus der Wasseroberfläche lang durchhängend zum Heck der Galeone aufstieg.

Das Boot gelangte zum Stillstand. Während der Mann im Bug es langsam unter die Trosse manövrierte, legten die anderen die Riemen vorsichtig auf die Duchten. Völlige Lautlosigkeit war das oberste Gebot, das sie sich selbst gesetzt hatten. Und sie waren geübt darin, dieses Gebot einzuhalten.

Etwaige Deckswachen hatten keine Chance, sie zu entdecken. Von den Verschanzungen der Galeone aus war das Ende der Ankertrosse nicht zu sehen. Und dann verlief die Trosse so geradlinig nach achteraus, daß sich die Wachtposten an Bord des Schiffes schon über die Heckbalustrade hätten beugen müssen, um zu sehen, was sich abspielte.

Der erste der Graugekleideten aus dem Boot richtete sich auf und packte die armdicke Trosse. Mit geschickten, katzenhaften Bewegungen begann er, sich emporzuhangeln.

Die anderen folgten ihm mit geringem Abstand. Im Boot blieb nur der Späher, dessen Aufgabe es nun war, auf alles Weitere genau zu achten, damit ein reibungslos verlaufender Rückzug möglich wurde. Der Mann im Boot spähte zu den erleuchteten Fenstern im Heck des Schiffes. Keine Bewegung einer menschlichen Silhouette war dort zu erkennen.

Der erste erreichte die Heckgalerie. Mit einer fließenden Bewegung schwang er sich hinüber. Es hatte den Anschein, als schlucke der Nebel jedes Geräusch. Doch der Mann im Boot wußte, daß dieser Eindruck falsch war. Seine Kumpane beherrschten ihre Körper bis in die winzigste Muskelfaser. Bei ihrem Vordringen gab es nichts, was nicht vorausberechnet gewesen wäre.

Geduckt pirschten sie auf der Heckgalerie unter den Bleiglasfenstern entlang, auf das Schott zu, das üblicherweise in die Kapitänskammer führte. Sie kannten die Bauweise dieser Schiffe der Ungläubigen hinreichend, um zu wissen, wie sie sich orientieren mußten.

Zwei Graugekleidete verharrten unmittelbar vor dem Schott. Die anderen warteten mit jeweils einem Schritt Abstand. Ein Schiff, daran glaubten sie, war wie ein eigenständiges Wesen. Sie versuchten, diese Wesenszüge in sich aufzunehmen.

Es reagierte nicht feindlich auf sie. Kein Knarren und kein Ächzen waren zu vernehmen. Das Schiff war so stumm, wie sie eingeschätzt hatten. Ihm fehlte dieser Atem, den ihm Wind und Wellengang eingehaucht hätten. Ohne die Kräfte der Natur war ein solches Schiff gar nichts.

Es war so wehrlos, wie die Graugekleideten es voraussetzten.

Und dem Klang der Schritte nach zu urteilen, befanden sich die Wachen weiter vorn, auf dem Hauptdeck.

Alle äußeren Voraussetzungen waren hervorragend und günstig. Jetzt hieß es nur noch, die eigene Energie und die eigene Willenskraft so zielstrebig einzusetzen, daß eine Gegenwehr von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Philip Hasard Killigrew legte den Federkiel beiseite und verschloß das Tintenfaß mit dem Korken. Er überflog noch einmal die Zeilen, die er zu Papier gebracht hatte. Und er versuchte, sich vorzustellen, wie auf einen Außenstehenden die Begründung dafür klingen mochte, daß sie in etwas hoffnungslos Ungewisses vorstießen.

Abwegig.

Welcher Außenstehende vermochte sich überhaupt vorzustellen, was eine Crew wie die Arwenacks bewegte? Wer war imstande, einzuschätzen, woher diese Männer ihre Kraft nahmen? Die Kraft beispielsweise, mitten in die Hölle zu segeln, um dem Gehörnten nur mal eben auf den Pferdefuß zu treten.

Die Männer der „Santa Barbara“ und zuvor der „Isabella“ hatten mehr als tausendfach bewiesen, daß sie den Teufel ebensowenig fürchteten wie alle anderen Gefahren dieser Welt.

Was bedeutete es – gemessen daran – schon, einmal eine unbekannte Schiffahrtsroute zu erforschen?

Etwas wie ein Windstoß fuhr in die Kapitänskammer.

Der Seewolf schnellte von seinem Stuhl hoch. Nur sein Instinkt reagierte. Für Gedanken war keine Zeit.

In dem Moment, in dem er herumruckte, war es wie eine graue Masse, die auf ihn zustieß.

Dem Seewolf blieb nur noch Zeit, in Abwehrstellung zu gehen. Der Cutlass und der Radschloßdrehling lagen unerreichbar weit auf dem Schapp. Nur seine Fäuste blieben ihm.

Die huschenden Kerle wichen auseinander und schlossen ihn ein. Fünf Mann. Einer hielt das Schott, damit es kein Geräusch verursachte. Die Lautlosigkeit der Kerle war verblüffend.

Den ersten, der zuschlagen wollte, trieb Hasard mit zwei gnadenlos harten Fausthieben von sich. Der Mann war wie eine Katze. Er schrie nicht, er stolperte nicht, und er riß keinen Gegenstand um, der ein Poltern verursacht hätte. Selbst unter Schmerzen war jede seiner Bewegungen noch genau berechnet.

Noch einen Atemzug lang schaffte es der Seewolf, die jetzt um so heftiger nachdrängenden Kerle auf Distanz zu halten. In der Sekunde, in der er losbrüllen wollte, um Alarm zu geben, war es zu spät.

Ihn traf ein Hieb, der alles auslöschte. Es war wie eine Explosion auf seinem Hinterkopf.

Der Blitz dieser scheinbaren Explosion versiegte in der Schwärze der Bewußtlosigkeit.

Hasard spürte nicht mehr, wie seine Gegner sofort zupackten, damit er nicht zu Boden schlug. Er konnte auch nicht über ihre Geschicklichkeit staunen, als sie ihn auf die Heckgalerie trugen, um ihn dann mit Schlingen an Hand- und Fußgelenken an die Ankertrosse zu hängen und abwärts rutschen zu lassen.

Es spielte sich innerhalb von drei Minuten ab. Der Nebel verschluckte die Entführer. Als sie sich wieder lautlos in die Riemen legten und dabei scharf horchten, waren sie ihrer Sache bereits sicher.

Kein Laut drang aus der trübgrauen Wand, hinter der das Schiff nun erneut verborgen lag. Niemand hatte also das Verschwinden des Kapitäns bemerkt.

2.

Der Seewolf erwachte in einem Toben von Gewalten.

Da dröhnte und hämmerte und schrillte es, und all das hatte sich als Schauplatz seinen Kopf ausgesucht. Er brauchte elend lange, bis er es überhaupt schaffte, die Augen ein wenig zu öffnen. Sofort verstärkte sich das Inferno in seinem Kopf, und er schloß die Augen wieder. Er hatte nichts sehen können. Er konnte nichts hören. Aber er spürte, daß der Untergrund, auf dem er lag, sich bewegte.

Nur quälend langsam ließ das Tosen unter seiner Schädeldecke nach. Die Kraft seiner Sinne kehrte zurück. Ohne daß er schon riskierte, die Augen zu öffnen, stellte er fest, daß er sich in einem Boot befand. Er vernahm das leise Rauschen des Wassers unter dem Rumpf und das kaum hörbare Knarren der Riemen in den Dollen. Nichts vom Eintauchen der Blätter, kein Wort, geschweige denn ein Schnaufen von den Kerlen auf den Duchten.

Hasard mußte erkennen, daß sie eine Menge von ihrem hinterhältigen Fach verstanden.

Er öffnete die Augen. Diesmal war es weniger schmerzhaft. Mit seiner Willensstärke besiegte er das Rumoren in seinem Kopf und zwang es auf ein unbedeutendes Minimum zurück.

Jetzt nahm er die volle, niederschmetternde Wirklichkeit wahr.

Sie hatten ihn gefesselt und geknebelt. Er lag im Bugdreieck auf den Bodenplanken einer Jolle. Nur die Rücken der in Grau gekleideten Kerle sah er vor sich. Sie kümmerten sich nicht um ihn, sahen sich nicht einmal in Abständen nach ihm um. Also waren sie davon überzeugt, daß er keine Chance hatte, sich zu befreien.

Er prüfte seine Fesseln. Wenn es ihm gelang, sie unauffällig abzustreifen, konnte er sich über Bord rollen, tauchen, Distanz gewinnen und außer Sichtweite wieder auftauchen. Für ein solches Vorhaben war der Nebel mehr als günstig. Sicherlich hatten sich die Kerle noch nicht übermäßig weit von der „Santa Barbara“ entfernt.

Bei der spiegelglatten See war es leicht möglich, die Galeone schwimmend zu erreichen. Vielleicht in einem Zickzackkurs, um die Halunken im Boot irrezuführen. Und Alarmrufe – im Nebel weit zu hören – würden die Arwenacks frühzeitig eingreifen lassen.

Doch die Sache hatte ihre Schwierigkeiten.

Punkt eins: Wie sollte er sich in der grauen Suppe orientieren?

Punkt zwei ergab sich beim Überprüfen der Fesseln. Ausgeschlossen, sie zu lösen. Die Kerle hatten Schnüre aus Rohleder verwendet. Nur die vorderen Glieder seiner Finger konnte er bewegen. Damit schaffte er es nicht, die straff verknoteten Schnüre auch nur auseinanderzuziehen.

Hoffnungslos.

Auf die Fluchtchance, wenn es sie denn geben sollte, mußte er noch warten.

Die Orientierung fiel den Entführern des Seewolfs allem Anschein nach leicht. Kursgenau erreichten sie eine Flußmündung. Daß es sich um eine Mündung handelte, ließ sich im Nebel nur an den dunklen Linien der Uferzonen erkennen. Dann aber steuerten die Graugekleideten eine kleine Bucht im Mündungsbereich an. Sie zogen das Boot auf den schmalen Strand.

Hasard hörte sie zum erstenmal reden.

Türkisch.

Sie beachteten ihn nicht und ließen ihn, wo er war, während sie sich selbst mit mitgebrachtem Proviant versorgten. Ihr Gespräch drehte sich einzig und allein um den gelungenen Raid. Wieder einmal, so brüsteten sie sich, machten sie dem guten Namen, den sie bei ihrem Anführer hatten, alle Ehre.

Üzürgül würde zufrieden sein. Ja, vielleicht würde er ihnen sogar eine besondere Belohnung zuteilen. Es war ihr dritter erfolgreicher Fischzug innerhalb eines Monats. Und der Fisch, den sie diesmal gefangen hatten, sah ganz nach einer lohnenden Beute aus.

Der Seewolf fing an zu begreifen.

Üzürgül mußte der Oberhalunke sein, der sich diese besondere Methode ausgedacht hatte. Sie lauerten auf die in diesen Breiten besonders häufigen Nebelfelder. Dabei nutzten sie jeweils zuvor die noch ausreichende Sichtweite, um lohnende Objekte zu orten. Dann schlichen sie sich mit ihrem Boot heran, um den Kapitän oder einen Offizier zu entführen.

Üzürgül und seine Galgenstricke waren vermutlich die Spreu, die sich irgendwann, vor Jahren, vom Weizen getrennt hatte. Denn Hasard wußte, daß sich türkische Eroberer um 1550 den Hedschas, das nördliche Arabien und die Golfküste bis hinunter nach Quatar unterworfen hatten. Möglich, daß es sich bei diesen Küstenpiraten um Deserteure handelte, die ihr eigenes Süppchen kochten.

Auf jeden Fall ahnten sie nicht, daß der Seewolf ihre Sprache einigermaßen beherrschte.

So erfuhr er, daß sie in ihrem Schlupfwinkel auch über Frauen verfügten. Kauend, schlürfend und lachend, malten sie sich in zotigen Andeutungen aus, wie sich das Wiedersehen gestalten würde, da man sie nun abermals als Helden feiern würde. Die Weiber, so glucksten und kicherten sie, hatten gefälligst außergewöhnlich nett zu ihnen zu sein.

Das kräftezehrendste Stück Arbeit stand ihnen noch bevor. Deshalb hatten sie die Pause eingelegt. Zwar hatte der Fluß nur mäßige Strömung, und das schlanke Boot lief verhältnismäßig zügige Fahrt, doch von den Kerlen wurde dennoch der ganze Einsatz gefordert. Wind, der ein Setzen der Besegelung ermöglicht hätte, fehlte noch immer, und so waren sie allein auf ihre Muskelkraft angewiesen.

Langsam, Stück für Stück, schob sich Hasard im Bugraum des Bootes etwas höher, so daß er wenigstens über das Dollbord spähen konnte. Nach wie vor konnte er die Ufer nur als dunkle Linien erkennen. Der Nebel war hier, in der Flußniederung, mindestens ebenso stark wie auf See, und er hatte sich kein bißchen gelichtet. Die Sonne schien noch immer nicht aufgegangen zu sein.

Immerhin gelang es Hasard, die zurückgelegte Entfernung zu schätzen. Es mochten vier Meilen von der Flußmündung sein, als die Entführer das Pullen einstellten. Hasard sah die schweißüberströmten Gesichter. Sie atmeten auf. Nur noch leichte Riemenschläge waren erforderlich. Den Rest erledigte der Mann auf der Achterducht. Geschickt manövrierte er das Boot in eine von dichtem Buschwerk umsäumte Bucht, die von der Flußmitte her zweifellos kaum zu erkennen war.

Ein wenig hatte sich der Nebel gelichtet, die Sichtweite jedoch nur um zehn Yards verbessert. Die Sonne mußte mittlerweile aufgegangen sein, doch es würde noch bis zum späten Vormittag dauern, daß ihre Kraft ausreichte, um das mächtige Nebelfeld vollends aufzulösen.

Etwa in der Mitte der Bucht begannen die Graugekleideten erneut zu pullen. Sie hielten auf einen Uferabschnitt zu, den Hasard erst jetzt als Einfahrt zu einer Nebenbucht erkannte. Durch das weit überhängende Gebüsch entstand eine natürliche Tarnung, wie man sie sich besser nicht wünschen konnte.

In der Nebenbucht lagen weitere Boote und eine arabische Dhau an Stegen vertäut. Ein Posten erhob sich beim Auftauchen des zurückkehrenden Bootes, wirbelte herum und lief landeinwärts. Er verschwand hinter der Biegung eines Trampelpfads, der wie ein Hohlweg durch das Gebüsch führte.

Die Entführer erreichten einen noch freien Liegeplatz. Einer durchtrennte Hasards Fußfesseln, und dann zerrten sie ihn auf den Steg. Er verzog keine Miene, obwohl es dort, wo ihm die Fesseln das Fleisch eingeschnürt hatten, wie von tausend Nadeln stach.

Seine Beine waren im ersten Moment wie gelähmt, doch mit eiserner Willenskraft schaffte er es, sich hochaufgerichtet zu halten. Der größte der Graugekleideten war einen halben Kopf kleiner als er.

Sie trieben ihn an Land, durch den Hohlweg, und ließen ihm keine Chance, nach links oder rechts zu entwischen.

Das Buschwerk öffnete sich, ließ den Weg breiter werden und gab den Blick frei auf eine Senke, die von mäßig ansteigenden Hängen umgeben war. Die Hügel hatten keinen Baumbestand, nur wenig Buschwerk, aber kniehohes Gras, das hart und borstig zu sein schien und einen blaugrauen Schimmer hatte.

Den Mittelpunkt der Senke bestimmten die Rundzelte der türkischen Küstenhaie. Hasard blieb keine Zeit, sie genau zu zählen, denn die Kerle trieben ihn jetzt mit größerer Eile voran. Offenbar wollten sie ihrem Anführer den Gefangenen präsentieren, bevor er sich allzu weit von seinem behaglichen Quartier entfernen mußte.

Sie erreichten einen größeren Platz im Zentrum des Schlupfwinkels, der äußerlich einer ganz normalen menschlichen Ansiedlung glich. Nur Kinder und alte Leute fehlten. Überwiegend drahtige Kerle waren es, nur wenig bullig gebaute, die aus den Behausungen auftauchten. Die Frauen und Mädchen, die allem Anschein nach in eigenen Zelten wohnten, trugen keine Schleier.

Auch größere Konstruktionen aus Stangengerüsten und Fellbespannung gab es. Aus den Geräuschen, die er hörte, folgerte Hasard, daß die Halunken über Pferde verfügten. Sie waren sowohl seewärts als auch landeinwärts äußerst beweglich.

Aus dem größten der Wohnzelte trat ein Mann, der sich äußerlich schon von den anderen abhob. An Körpergröße erreichte er fast den Seewolf, und seine breiten Schultern und der kräftige Körperbau ließen erkennen, daß er kein Gramm Fett zuviel mit sich herumtrug.

Sein Gesicht, scharfgeschnitten und mit kantigem Kinn, war bartlos. Schwarze Brauen standen als waagerechte, fast durchgehende Linie über seinen stechenden Augen. Das schwarze Haar hatte er kurzgeschoren.

Vier junge Frauen folgten ihm, in lange Seidengewänder gekleidet, die mit sanft fließenden Linien jede Bewegung untermalten.

Dem Seewolf blieb eben Zeit, sich einen kurzen Überblick zu verschaffen. Hundert Männer waren es gut und gern, die der Hochgewachsene hier befehligte. Und etwa fünfzig Frauen hausten mit ihnen im Schlupfwinkel am Fluß. Ein erfolgreicher Zusammenschluß aus niederen Motiven, wie es aussah. Die kostbaren Kleider der Frauen und das wohlgenährte Aussehen der Männer zeigten, daß hier niemand Mangel litt.

Der Anführer trat auf den Seewolf zu, der in der Mitte des Platzes stand, hinter ihm seine Entführer, die bereit waren, sofort zuzupacken, falls er sich auch nur die kleinste unerwünschte Bewegung erlaubte.

Das Tuscheln und Raunen der Meute endete schlagartig, als der Anführer die rechte Hand erhob. Er ließ sie wieder sinken, und ein Grinsen huschte über seine hartlinigen Lippen.

„Es freut mich, einmal einen Engländer in unserer Mitte begrüßen zu dürfen“, sagte er in erstaunlich gutem Englisch. „Seien Sie willkommen, Sir!“ Er ließ es höhnisch klingen, verneigte sich dazu, und die gesamte Mannschaft stimmte ein schallendes Gelächter an.

Eine energische Handbewegung von ihm ließ sofort wieder Ruhe einkehren.

„Ich bin Ahmet Üzürgül“, fuhr der hochgewachsene Mann fort und setzte dabei eine herablassende Miene auf. „Ich erwarte nicht, daß Sie schon von mir gehört haben, Sir, aber was ich erwarte, ist unabdingbarer Respekt. Sie befinden sich in meiner Gewalt, und es wird Sie auf der Stelle das Leben kosten, wenn Sie sich gegen mich aufzulehnen versuchen.“

„Das würde Sie die Beute kosten“, entgegnete der Seewolf mit fester Stimme. Ein kaum erkennbares Lächeln lag in seinen Mundwinkeln.

Üzürgül zog die Augenbrauen hoch, so daß sie stumpfe Winkel bildeten. Er ließ sich zu einem selbstgefällig anerkennenden Nicken herab.

„Sieh an, sieh an. Unser Gast aus dem fernen England hat bereits Gedankenanstrengungen unternommen. Aber er hat sie nicht bis zu Ende geführt, bis zur letzten Konsequenz. Seien Sie versichert, Sir: Ich bin auf die Beute nicht angewiesen. Alles, was meine Freunde und ich noch unternehmen, mehrt nur unseren Reichtum. Wir könnten uns morgen zur Ruhe setzen, wenn wir wollten. Aber – wer rastet, der rostet, nicht wahr? Wir erhalten uns unsere Kraft und steigern unseren Wohlstand. Zwei Beschäftigungen, die uns außerordentlich gut bekommen.“ Er lachte kurz und trocken und genehmigte auch den Kerlen, erneut in Johlen auszubrechen.

Und wieder brachte er sie zum Verstummen. Er wirkte dabei wie ein herrischer, ärgerlicher Chorleiter in einem Mönchskloster.

„Bilden Sie sich also nichts ein, Sir“, fuhr er fort. „Wenn Sie geruhen, mich zu ärgern, werde ich nicht lange fackeln. Die Zeiten, in denen ich mich damit herumgeplagt habe, entwichene Gefangene zu jagen und lebend zurückzuholen, sind endgültig vorbei. Das habe ich nicht mehr nötig, verstehen Sie? Sollten Sie einen Fluchtversuch unternehmen, werden wir ihn mit Bleikugeln beenden, was für Sie eine unwiderrufliche Wirkung hätte.“

Hasard gelangte zu der Überzeugung, daß er es mit einem Aufschneider zu tun hatte. Ein Mann, der sich gern reden hörte. Die Tatsache jedoch, daß er zuviel redete, mußte nicht bedeuten, daß man ihn nicht ernst zu nehmen brauchte. Zweifellos war er einer, der rasch aufbrauste und vor Wut außer sich geriet. Ein Unberechenbarer. Daß er nur noch aus Zeitvertreib Raubzüge unternahm, hielt Hasard für reine Angeberei.

„Ich habe verstanden“, antwortete der Seewolf. „Ich werde nichts unternehmen, über das Sie sich aufregen müßten. Sie brauchen sich keine Sorgen zu bereiten.“

Üzürgül furchte die Stirn. Er schien zu überlegen, ob die Worte seines Gefangenen sarkastisch gemeint waren. Offenbar gelangte er zu keinem rechten Schluß.

„Wie wäre es“, sagte er ölig und doch mit unzureichend unterdrücktem Unwillen in der Stimme, „wenn Sie sich einmal vorstellen würden, Sir?“

Hasard konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Wie Sie bereits festgestellt haben, bin ich Engländer.“

Üzürgül faßte es als schmeichelhaft auf, denn er lächelte ebenfalls.

„Meine Beobachtungsposten, Sir, sind durchaus in der Lage, ein fremdes Schiff zu identifizieren. Ich meine allerdings gehört zu haben, daß es zur englischen Höflichkeit gehört, auch seinen Namen zu nennen.“

„Durchaus richtig gehört“, erwiderte der Seewolf. „Sie haben zwar nur die Hälfte gehört, denn die englische Höflichkeit ist nur unter normalen Umständen anzuwenden. Ich will Sie aber trotzdem nicht enttäuschen. Mein Name ist Killigrew. Philip Hasard Killigrew.“

Üzürgül zog abermals die Brauen hoch. Diesmal bildeten sie spitze Winkel.

„Einer von den Killigrews“, rief er, und seine erfreute Überraschung war echt.

„Nein“, entgegnete Hasard, „von denen nicht. Es erstaunt mich nicht, daß Sie von den Strandräubern und Küstenhaien aus Cornwall gehört haben. Der traurige Ruf dieser Halunken kennt offenbar keine Grenzen. Mit solchen Leuten habe ich nur den Namen gemein.“

„Schade“, sagte Üzürgül. „Und ich hatte schon gedacht, ich brauche Sie nicht mehr als Gefangenen zu betrachten. Ihre Ehrlichkeit weiß ich zu schätzen.“

Der Seewolf zog es vor, zu schweigen. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, den Türken mit Worten herauszufordern und anzugreifen. Aber es würde sich kaum auszahlen, die unberechenbare Gefährlichkeit dieses Mannes wachzukitzeln. So etwas minderte in jedem Fall mögliche Fluchtchancen.

Üzürgül nickte, als hätte er die Gedanken seines Gefangenen gelesen.

„Sie sind klug, Mister Killigrew, sehr klug, das erkenne ich ohne Mühe. Seien Sie auch weiterhin so klug, und wir werden keinen Verdruß miteinander haben. Ich lasse Sie jetzt in Ihre Unterkunft bringen. Betrachten Sie sich als unser Gast. Es wird Ihnen an nichts fehlen. Nur die eine kleine Einschränkung gibt es: Sie dürfen Ihr Zelt nicht verlassen, ohne den Wachtposten um Erlaubnis zu fragen. Außerhalb des Zelts bewegen Sie sich nur unter Bewachung.“

„Sehr einleuchtend“, sagte Hasard. „Nichts davon erscheint mir unlogisch.“

„Ich wußte es!“ Üzürgül lachte leise. „Ich wußte, daß wir uns prächtig verstehen würden. Hoffen wir, daß die weiteren Verhandlungen bezüglich Ihrer Person und des Gegenwerts ebenso positiv verlaufen.“ Mit einer Handbewegung erklärte er das Gespräch für beendet und wandte sich ab. Die vier jungen Frauen in den Seidengewändern folgten ihm in respektvollem Abstand.

Üzürgül blieb noch einmal stehen und bedeutete einem der Graugekleideten aus dem Boot, sich nach der Einquartierung des Gefangenen bei ihm zu melden. Die Entführer strahlten. Sie wußten nun, Ahmet Üzürgül würde nicht vergessen, sie für ihre besondere Leistung zu belohnen.

Sie brachten den Seewolf in eins der Rundzelte unmittelbar am Rand des Platzes.

Die Rinderhaut, die zum Abdecken des Eingangs diente, war zurückgeschlagen. Ein schmaler Streifen blassen Tageslichts fiel herein. Hasard blieb in der Mitte des Zelts stehen. Der Boden war mit Teppichen ausgelegt. Ein paar Kissen und ein Stapel Decken lagen sorgfältig geordnet neben dem Eingang. Weitere Einrichtungsgegenstände gab es nicht. Nichts, was man als Waffe hätte benutzen können.

Sie ließen ihn allein.

Hasard hörte jedoch, daß der von Üzürgül angekündigte Posten vor dem Zelt aufzog. Wenige Minuten später näherten sich Frauenstimmen.

Der Seewolf wandte sich um. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Wächter traten die Frauen ein. Sie waren zu viert. Keine trug einen Schleier, und sie waren mit ähnlichen Seidengewändern bekleidet wie jene in Üzürgüls Gefolge. Mit großen dunklen Augen sahen sie ihn an.

Hasard glaubte einen Hauch von Furcht in diesen vier Augenpaaren zu lesen. Doch es war nicht die Furcht, wie sie etwa aus unerfahrener Weiblichkeit entstand. Es war eine Art von Respekt, die nur den Orientalinnen eigen war.

Eine von ihnen, schlank und mit ebenmäßigen Gesichtszügen, bewegte sich einen Schritt weiter auf den Gefangenen zu.

„Ich heiße Günel“, sagte sie mit samtener Stimme. „Wir haben den Auftrag, Sie zu versorgen, Mister Killigrew. Es soll Ihnen möglichst an nichts fehlen. Haben Sie besondere Wünsche für das Mittagessen?“

Hasard antwortete nicht sofort. Minutenlang konnte er sie nur staunend ansehen. Ihr Englisch war nahezu akzentfrei. Sie mußte aus einer guten Familie stammen und den Luxus genossen haben, nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch noch fremde Sprachen zu lernen. Nichts Ungewöhnliches in Adelskreisen und in reichen Kaufmannsfamilien.

Wie aber gelangte eine solche junge Frau in den Schlupfwinkel eines türkischen Küstenhaies? Hasard zwang sich, die Frage, die ihm auf der Zunge lag, nicht zu stellen.

Noch nicht.

„Keine besonderen Wünsche“, sagte er und wich ihrem Blick dabei nicht aus. „Ich habe andere Gedanken als an Essen und Trinken.“

„Das verstehe ich sehr gut“, erwiderte Günel und senkte für einen Moment den Kopf.

Sie hob den Kopf wieder, und der Seewolf glaubte einen Hauch von Tränen in diesen großen dunklen Augen zu erkennen. Etwas wie das Feuer der Erkenntnis traf sein Innerstes. Er spürte es mit allen Fasern seiner Sinne. Denn er konnte es in ihren Augen lesen.

Sie hatte auf ihn gewartet.

Sie hatte auf ihn gewartet, obwohl sie bis zu dieser Minute nichts von seiner Existenz geahnt hatte. Aber nun erkannte sie ihn als den Mann, der ihrem Traumbild entsprach. Hasard hatte solche Blicke schon früher erlebt. Er wußte, welche Konsequenzen daraus erwuchsen. Nach allem, was in seinem Leben geschehen war, wollte er niemals wieder eine Frau an sich binden, geschweige denn, sie auf etwas hoffen zu lassen.

„Verstehen deine Gefährtinnen meine Sprache?“ fragte er.

„Nein, Mister Killigrew.“

„Ich heiße Hasard.“

Sie lächelte. In ihre Augen trat ein anderer Ausdruck, der etwas von einer gelösten Heiterkeit spiegelte.

„Ich freue mich. Aber ich darf dich nicht beim Vornamen nennen – solange andere in der Nähe sind. Verstehst du, Mister Killigrew?“ Sie lachte jetzt, denn das, immerhin, konnten ihre Gefährtinnen nicht sehen.

Abermals mußte sich der Seewolf anstrengen, sein Erstaunen nicht zu zeigen. Günel, diese gebildete junge Frau, offenbarte ihm ohne Umschweife, daß sie Heimlichkeiten gegenüber anderen im Schlupfwinkel hatte. Das konnte nur eins bedeuten: Sie war gegen ihren Willen hier. Aber sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben.

„Ich verstehe“, sagte er und räusperte sich. „Darf ich einen anderen Wunsch äußern?“

„Natürlich.“

„Werde ich meine Fesseln los?“

„Aber natürlich. Deshalb sind wir hier.“ Günel trat zur Seite und gab ihren Begleiterinnen einen Wink.

Hasard trug nur noch die Handfesseln.

Die Frauen befreiten ihn davon. Sie brauchten kein Messer. Mit geschickten Fingern lösten sie die Knoten der straffsitzenden Lederschnüre. Anschließend massierten sie ihm die Handgelenke, und das Stechen und Kribbeln der wieder einsetzenden Blutzirkulation ließ rasch nach.

„Es wundert mich, daß ihr so furchtlos seid“, sagte der Seewolf. „Ich nehme an, ihr tragt keine Waffen bei euch. Ich könnte euch überwältigen und hätte danach auch mit dem Wachtposten leichtes Spiel.“

Die Frauen beendeten die Massage und traten zurück.

„Du irrst, Mister Killigrew“, entgegnete Günel lächelnd. Sie griff unter ihr Seidengewand. Durch die rasche Bewegung verursachte der kostbare Stoff ein Funkeln. Und aus diesem Funkeln löste sich das Blitzen einer Klinge. Es war ein schlanker Krummdolch, den die junge Frau in der Hand hielt.

Die drei anderen folgten ihrem Beispiel.

Der Seewolf verzog beeindruckt das Gesicht.

„Ihr seht so aus, als ob ihr mit diesen gefährlichen Dingern auch umgehen könnt. Würdet ihr es wirklich tun?“

„Wir müßten es tun“, erwiderte Günel und verstaute das Messer wieder unter dem Gewand. „Üzürgül hat uns angewiesen, uns notfalls zur Wehr zu setzen. Wir dürfen dich aber nicht töten, Mister Killigrew. Wir würden …“ Sie zögerte.

„Ich weiß“, sagte er mit einem Nicken. „Ihr würdet mit euren Klingen so verteufelt schnell sein, daß ich kampfunfähig wäre, bevor ich richtig zur Besinnung gelangte. Und dann wäre auch schon der Posten zur Stelle.“

Günel biß sich auf die Unterlippe und bewegte ernsthaft den Kopf auf und ab. Sie wandte sich zu ihren Gefährtinnen um.

„Er ist ein vernünftiger Mann“, sagte sie auf türkisch. „Ein richtiger Gentleman, wie die Engländer das nennen. Er weiß, daß es keinen Sinn hat, uns in eine unverantwortliche Lage zu bringen.“

Die drei Frauen lächelten. Sie konnten ihren Stolz dabei nicht verbergen.

„Danke für das Kompliment“, sagte Hasard, an Günel gewandt. „Aber auch Gentlemen vergessen manchmal ihre guten Manieren.“

Günel sah ihn verdutzt an.

„Du beherrschst unsere Sprache, Mister Killigrew?“

„Es reicht, um mich zu verständigen“, antwortete er auf türkisch.

Die drei anderen Frauen waren nun ebenfalls überrascht. Der Ausdruck des Respekts wurde in ihren Gesichtern abermals deutlich. Es mußte an der Erkenntnis liegen, daß sie vor diesem hochgewachsenen Engländer nichts, aber auch gar nichts verheimlichen konnten.

Günel schüttelte energisch den Kopf.

„Du bist nicht der Mann, der seine Überlegenheit gegenüber Frauen ausnutzt. Wenn du einen Fluchtversuch unternimmst, würdest du es dann tun, wenn wir nicht in Reichweite sind.“ Sie übersetzte es für ihre Gefährtinnen. „Habe ich recht?“

„Du hast die Begabung, einen Mann bis auf die Knochen zu durchschauen“, entgegnete er lächelnd.

„Wollen wir uns gegenseitig mit Komplimenten überhäufen?“ Sie übersetzte erneut, und die drei anderen kicherten und tuschelten.

„Nein“, sagte Hasard. Er wurde ernst. „Es läßt einen nur die wirkliche Situation ein wenig vergessen. Dir brauche ich es nicht zu erklären, nicht wahr, Günel?“

Ihr Blick verschleierte sich.

„Ich möchte mit dir reden“, hauchte sie. „Allein mit dir reden! Verstehst du? Niemals in meinem Leben habe ich mir etwas so sehr gewünscht wie dies.“

„Und wird es in Erfüllung gehen?“

„Ja. Ich bin für deine Betreuung verantwortlich. Die drei anderen sind meine Helferinnen. Irgendwann, sehr bald, werde ich mit dir allein sein.“ Sie erschrak ein wenig. „Du liebe Güte, bilde dir nur nichts Falsches ein! Manchmal klingt das, was man sagt, anders als das, was man meint.“

Hasard nickte, erwiderte ihren tiefen Blick und gab ihr damit zu verstehen, daß sie nichts zu erklären brauche.

Ihren Helferinnen erklärte Günel, daß sie mit dem Gefangenen Einzelheiten des weiteren Tagesablaufs besprochen habe. Nach der Mittagsruhe werde er ein heißes Bad nehmen, und für die Nacht werde man ihm ein weiches, behagliches Gewand zur Verfügung stellen. Wie Üzürgül angeordnet habe, solle es Mister Killigrew an nichts mangeln.

Die Frauen zogen sich zurück. Hasard ließ sich zu Boden sinken, zog eins der Kissen heran und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Günel, das wußte er, sah in ihm etwas, das er nicht sein wollte, niemals sein konnte. Mußte er sich vorwerfen, in ihr Hoffnungen geweckt zu haben?

Er würde ihr erklären, daß es solche Hoffnungen für sie nicht gäbe.

3.

Noch bevor sich der Nebel gelichtet hatte, war auf den Decks der „Santa Barbara“ das gewohnte Leben eingekehrt. Flaute bedeutete für die Crew des Seewolfs nicht etwa Stillstand. An Bord eines Seglers von der Größe der dreimastigen Galeone gab es immer jede Menge Arbeit.

Der Kutscher war schon am Vortag auf die Idee verfallen, die Kombüse einschließlich Inventar einer Generalreinigung zu unterziehen. Mac Pellew hatte nicht widersprechen können, denn wer gegen Reinlichkeit motzte, war in den Augen Edwin Carberrys eine stinkige Bilgenratte.

Philip und Hasard, die Söhne des Seewolfs, halfen beim Ausräumen der Kombüse – von Pützen bis Pfannen und von Kesseln bis Mucks wurde alles säuberlich vor den Beibooten aufgereiht, damit in des Kutschers und Mac Pellews Reich das große Schrubben beginnen konnte.

Carberry hatte sich mit einer Gruppe von Helfern und mit Plymmie als Spürnase in die unteren Decksräume begeben, um nach eben jenen Ratten Ausschau zu halten, die in der Bilge Quartier zu beziehen pflegten.

Bislang hatte sich offenbar kein langschwänziger Nager blicken lassen, denn es war still geblieben in den Unterdecksräumen. Carberrys dröhnende Feststellung, die „Santa Barbara“ sei ein sauberes und ordentliches Schiff, so daß die Rattensuche gewissermaßen nur eine Vorsichtsmaßnahme sei, schien sich zu bestätigen.

Ferris Tucker war mit einer anderen Gruppe von Männern unterwegs. Der hünenhafte Schiffszimmermann war imstande, den Muschel- und Algenbesatz wachsen zu hören, der sich im Laufe von Wochen am Unterwasserschiff festsetzte. Insbesondere aber vermochte er den gefürchteten Bohrwurm aufzuspüren, der die Außenbeplankung in eine schwammartige morsche Masse verwandeln konnte.

Ferris und seine Helfer überprüften nicht zuletzt die Ruderanlage, die sich während der Reise über den Pazifik, durch den Indischen Ozean und bis in den Golf von Persien bestens bewährt hatte.

Unter Will Thornes fachkundigem Kommando nutzten weitere Männer die Gelegenheit, die Tuchreserven der „Santa Barbara“ zu überprüfen. Was in Zeiten der Flaute klariert wurde, konnte bei Sturm lebenserhaltend sein.

Es war, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Grau des Nebels brachen.

Ben Brighton und Dan O’Flynn, die sich gemeinsam mit Don Juan de Alcazar auf dem Achterdeck aufhielten, wechselten stirnrunzelnd Blicke.

„Ein Stubenhocker ist er nie gewesen“, sagte Ben. „Langsam müßte er mal wieder aufkreuzen.“

„Zum Einzelgänger dürfte er sich auch nicht gerade entwickeln“, sagte Don Juan. „Ich kenne ihn gut genug, um das beurteilen zu können.“

„Malt keinen Teufel an die Wand“, sagte Dan. „In diesen arabischen Häfen gibt es genug finstere Gestalten, die einem Ungläubigen liebend gern Giftwasser an Bord schmuggeln würden.“

Ben und Don Juan sahen ihn bestürzt an.

„Du bist derjenige, der den Teufel an die Wand malt!“ rief Ben. Im selben Atemzug wirbelte er herum und lief los.

Die beiden anderen folgten ihm.

Ben blieb vor dem Schott zur Kapitänskammer stehen. Einen Moment horchte er. Er zog die Schultern hoch, als Dan und Don Juan zur Stelle waren. Ben hob die Rechte und klopfte. Die Schläge klangen hohl und dumpf.

Keine Reaktion.

„Mach auf“, sagte Don Juan kurzentschlossen. „Da stimmt etwas nicht. Ich spüre es.“

Ben nickte und folgte der Aufforderung.

Auf den ersten Blick sahen sie, daß die Kammer leer war. Eilends schauten sie genauer hin. Aber ihre Befürchtungen bestätigten sich nicht. Wenigstens in dieser einen Hinsicht nicht. Der Seewolf lag nicht leblos und mit verkrümmtem Körper in einer Ecke, von einem vergifteten Trunk getötet. Von ihm fehlte jede Spur. Auch auf der Heckgalerie hielt er sich nicht auf.

„Alles absuchen“, sagte Ben Brighton. „Sämtliche Achterdeckskammern!“ In Abwesenheit des Seewolfs war er dessen Stellvertreter, das steckte ihm in Fleisch und Blut.

Fünf Minuten später trafen sie sich in der Kapitänskammer wieder. Dan O’Flynn war auch auf der Kuhl gewesen, wo er Bill beordert hatte, die gesamte Crew zu verständigen. Sämtliche Unterdecksräume sollten schleunigst durchsucht werden.

In den Achterdeckskammern gab es jedenfalls keine Spur von Hasard, keinen Hinweis, wohin er verschwunden sein konnte.

Nach einer knappen Viertelstunde meldete sich Carberry mit dem Ergebnis der von der Crew angestellten Suche.

„Auf diesem Eimer gibt’s keinen Seewolf mehr“, sagte der Profos, und daraus klang eine Betroffenheit, wie man sie in zehn Jahren vielleicht einmal an ihm erlebte. „Wenn er sich nicht in Luft aufgelöst hat, muß er über Bord sein.“

„Freiwillig?“ entgegnete Dan. „Du spinnst, Mister Carberry!“

„So kommt’s mir selber vor“, sagte der Profos grollend. „Weiß verdammt nicht, was ich von so einer Geschichte halten soll. Dein Alter, Mister O’Flynn, hätte natürlich die passende Erklärung auf Lager – etwas, was unsereins sich nicht erklären kann. Mit unserem beschränkten Horizont können wir gewisse Sachen zwischen Himmel und Erde ja auch nicht …“

„Hör auf“, unterbrach ihn Ben Brighton. „Statt über ungefangene Fische zu reden, müssen wir etwas tun. Wie lamentierende Waschweiber brauchen wir uns nicht aufzuführen.“

„Ich – ein Waschweib?“ rief Carberry dröhnend. „Das ist ja wohl …“

Diesmal war es Don Juan de Alcazar, der den Wortwechsel in die richtigen Bahnen lenkte. Er hatte sich an den Tisch mit dem aufgeschlagenen Logbuch und den Schreibutensilien begeben.

„Seht her“, sagte er. „Es gibt zwar keine deutlichen Spuren eines Kampfes. Aber ich bin sicher, daß Hasard von jemandem überrascht, überwältigt und verschleppt wurde.“

Die anderen starrten ihn entgeistert an.

„Wie willst du denn das herausgefunden haben?“ sagte Ben Brighton kopfschüttelnd.

Don Juan wies auf den Tisch.

„Das Logbuch ist aufgeschlagen. Hasard hat seine Eintragungen anscheinend beendet, denn das Tintenfaß ist verschlossen. Aber er hat das Geschriebene nicht abgelöscht. Der Federkiel ist nicht gereinigt, und überhaupt hat er die Sachen nicht wieder an ihren Platz gebracht. Das ist nicht seine Art.“

„Klingt trotzdem nicht logisch“, entgegnete Dan O’Flynn. „Hasard kann einen plötzlichen Gedanken gehabt haben, und da ist er aus der Kammer geeilt, ohne den Kram wegzuräumen.“

„Erstens müßten wir ihn dann gefunden haben“, widersprach Don Juan, „und zweitens gibt es noch weitere Spuren, die für mich eine klare Sprache sprechen.“ Er deutete auf die Schemel am Tisch. „Hasard muß plötzlich aufgesprungen sein, und er hat keine Zeit mehr gehabt, seine Sitzgelegenheit wieder zurechtzurücken. Dann der andere Schemel.“ De Alcazar deutete auf die Längsseite des Tisches. „Entweder hat Hasard ihn zur Seite gestoßen, oder jemand anders hat es getan.“

Sekundenlang herrschte nach diesen Worten des Spaniers Stille in der Kapitänskammer. Ungläubig betrachteten die Männer jenen zweiten Schemel, der zwar nicht umgekippt war, aber derart schief neben dem Tisch stand, daß es einfach kein Zufall sein konnte.

Ben Brighton räusperte sich. Er blickte de Alcazar an.

„Also gut, Juan. Nehmen wir mal an, es hätte ein Kampf stattgefunden. Abgesehen davon, daß zwei Schemel von ihrer normalen Position gerückt worden sind, gibt es doch keinerlei weitere Spuren, nicht wahr? Verdammt merkwürdig, meine ich. Wenn sich der Kapitän gegen einen Angreifer wehrt, dann fliegen die Fetzen. Erstens hätten wir den Radau hören müssen, und zweitens müßte die halbe Einrichtung zu Bruch gegangen sein.“

„Der Meinung bin ich auch“, sagte Dan O’Flynn. „Aber wir haben den springenden Punkt noch nicht am Wickel. Wie soll irgendeiner an Bord gelangt sein, ohne daß die Wachen es mitgekriegt hätten?“

„Hasard muß es nicht mal mitgekriegt haben“, fügte Ben Brighton hinzu. „Andernfalls hätte er sich nicht so überraschen lassen, wie Juan meint.“

De Alcazar lächelte.

Bevor er eine Erklärung abgeben konnte, meldete sich Carberry zu Wort.

„Wenn die Gentlemen meine unmaßgebliche Meinung hören wollen …“

Sie wandten sich zu ihm um, und er grinste, als ihm bewußt wurde, daß sie ihn nicht ernst nehmen wollten. Oft hatte er mit seiner lospolternden Art völlig daneben gelegen, wenn es darum gegangen war, eine verzwickte Angelegenheit in den Griff zu kriegen. Diesmal aber würden sie sich von ihm belehren lassen müssen. Das stand fest.

„Ich denke, auch unmaßgebliche Meinungen sollte man gelten lassen“, sagte Don Juan.

Ben Brighton und Dan O’Flynn grinsten nun ebenfalls.

„Wir sollten mal an uns selber denken“, sagte Carberry mit vorgeschobenem Rammkinn. „Wie oft haben wir schon irgendwelche Eimer geentert, ohne daß einer von den Kerlen an Bord was mitgekriegt hat! Und wenn’s nur darum ging, die Ruderanlage ein bißchen zu demolieren. Ich Will damit sagen: Was wir können, können andere sicherlich auch. Und wenn’s der Teufel will, haben wir es hier mit ein paar ganz ausgefuchsten Halunken zu tun.“

„So sehe ich das auch“, sagte Don Juan und ging quer durch den Raum bis zum Schott zur Heckgalerie. „Ist es Hasards Gewohnheit, dieses Schott zu verriegeln?“

„Nein“, erwiderte Ben Brighton. „So eine ängstliche Natur ist er nie gewesen.“

„Eben drum“, sagte de Alcazar mit hintergründigem Lächeln. „Wenn die Gentlemen mir freundlicherweise folgen wollen …“ Er öffnete das Schott und trat auf die Heckgalerie hinaus.

Der Erste Offizier, der Navigator und der Profos folgten ihm. Die Sonne war mittlerweile durchgebrochen, und eine aufkommende Brise kräuselte jetzt das Wasser. Unter anderen Umständen hätten sie diese letztere Tatsache als das Erfreulichste von allem gewertet. Doch es zählte nicht.

Wenn Don Juans Theorie stimmte und der Seewolf verschleppt worden war, würde die „Santa Barbara“ um keinen Yard von ihrer Position weichen, solange ihr Kapitän nicht wieder gesund und unversehrt an Bord war.

Don Juan zeigte auf die nur schwach durchhängende Ankertrosse.

„Das muß der Weg gewesen sein, den sie genommen haben. Und ich behaupte, daß es mehrere Männer waren. So viele, daß Hasard keine Chance gegen sie hatte.“

„Ich halte es trotzdem noch immer für unwahrscheinlich“, sagte Ben Brighton.

„Aber es ist die einzig denkbare Erklärung“, räumte Dan O’Flynn ein. „Hasard kann sich wirklich nicht in Luft aufgelöst haben. Ich bin dafür, daß wir von einer Entführung ausgehen. Das heißt, daß wir sofort Suchtrupps in Marsch setzen müssen.“

Alle Blicke richteten sich auf Ben Brighton. Über seine Befehlsgewalt in Abwesenheit des Seewolfs war keine Diskussion nötig. Er hatte die Entscheidungen zu treffen, doch er wußte auch, daß er dabei die Standpunkte seiner Gefährten berücksichtigen mußte.

„In Ordnung“, sagte Ben ohne langes Nachdenken. „Es ist ohnehin die einzige Möglichkeit, die wir haben. Wir setzen beide Jollen aus und bilden je einen Suchradius seewärts und landeinwärts. Dan, du übernimmst die Suche zur See hin, Don Juan, du leitest den Trupp, der in die andere Richtung segelt.“

Die beiden Männer nickten zustimmend.

„Hoffen wir, daß aus dem lauen Lüftchen ein richtiger Wind wird“, sagte Carberry.

Seine Hoffnung ging in Erfüllung.

Als die beiden Jollen eine Viertelstunde später mit vollständiger Ausrüstung für drei Tage abgefiert wurden, hatte sich die Brise zu einem handigen Ostenwind ausgewachsen.

Don Juan de Alcazar, der die kleine Jolle für den westlichen Bereich übernommen hatte, suchte zunächst die Küste ab. Zu seiner Mannschaft gehörten Smoky, Blacky, Pete Ballie, Gary Andrews, Al Conroy und Sam Roskill. Sie verfügten über Musketen und Pistolen und natürlich über ihre Blankwaffen. Allein der Munitionsvorrat reichte aus, um damit ein Strandräubernest notfalls einen ganzen Tag lang zu belagern.

Bei mittlerweile klarer Sicht stellte sich schon in den Mittagsstunden heraus, daß sie es mit einem öden Landstrich zu tun hatten, vor dessen Küste die „Santa Barbara“ von Nebel und Flaute aufgehalten worden war.

Wo, zum Teufel, verkrochen sich in einer menschenleeren Gegend die Galgenstricke, die dafür verantwortlich waren, daß die Galeone der Arwenacks abermals zum Stillstand verurteilt worden war?

Don Juan begann an seiner Theorie zu zweifeln.

Aber so sehr er sein Gehirn auch zermarterte, er konnte keine andere Erklärung für das Verschwinden des Seewolfs finden, als jene, die für ihn in der Kapitänskammer der „Santa Barbara“ so augenfällig gewesen war.

Da die Entführer des Seewolfs ein von Menschenkraft bewegtes Boot benutzt haben mußten, war ihre Aktionsreichweite begrenzt. Überdies bestand die Küste hauptsächlich aus geradlinigem Strand. Nur selten gab es Buchten, die dann auch nicht als Versteck geeignet waren.

Als sie die Flußmündung erreichten, zögerten Don Juan und seine Gefährten keine Sekunde. Dies war immerhin eine Möglichkeit. Durchaus denkbar, daß sich die Halunken irgendwo landeinwärts in einem Schlupfwinkel befanden. Der Fluß bot sich für solche Zwecke an. Und vermutlich war das Fahrwasser seicht. Größere Seeschiffe konnten also die Küstenhaie hierher nicht verfolgen.

Don Juan gab Order, den Flußlauf hinaufzusegeln. Der Wind stand günstig für dieses Vorhaben.

Schon nach wenigen Minuten erblickten die Männer im Boot eine kleine Bucht, noch im Mündungsbereich, an der Nordseite des Flusses. Landeinwärts erstreckte sich flaches Überschwemmungsland. Schilfgräser überwogen. Größere Büsche und Bäume waren erst in einiger Entfernung zu sehen.

Don Juan nahm Kurs auf die Bucht. Rechtzeitig ließ er das Segel bergen. Mit nachlassender Fahrt glitt die Jolle auf den schmalen Strand zu. De Alcazar stand hochaufgerichtet vor der Achterducht des Bootes.

Noch gut fünfzig Yards vom Strand entfernt, konnten die Männer von der „Santa Barbara“ bereits die Fußspuren erkennen. Und die Schleif spur eines Bootskiels.

„Musketen feuerbereit“, sagte Don Juan halblaut.

Die Männer gehorchten, ohne eine Frage zu stellen. Sie wußten, daß es Don Juan darum ging, einer unliebsamen Überraschung mit den geeigneten Mitteln zu begegnen.

Sechs großkalibrige Laufmündungen richteten sich auf das Schiff oberhalb des Strandes, während die Jolle langsam in das seichtere Wasser glitt.

„Sobald wir Sand unter dem Kiel haben“, sagte Don Juan, „geht ihr in Linie vor. Achtet darauf, daß wir die Spuren nicht zerstören.“

„Aye, aye, Sir“, murmelte Smoky, der Decksälteste.

Sie schoben sich zusätzlich Pistolen unter die Gürtel.

Atemzüge später war es soweit. Der Bootskiel knirschte über Sand. Nahezu bewegungsgleich schnellten die Männer nach links und rechts über das Dollbord.

Don Juan de Alcazar schwang sich nach achtern aus dem Boot und versetzte ihm einen Stoß, damit es sicher liegenblieb. Dann stürmte er nach vorn. Im Laufen zog er die Pistole.

Seine Gefährten waren unterdessen bereits ausgeschwärmt. Ihre Seestiefel rissen Fontänen aus dem flachen Wasser. Geduckt, die Musketen im Hüftanschlag, gingen sie in breiter Front auf den Strand zu.

Don Juan näherte sich den deutlich sichtbaren Spuren. Gleichzeitig behielt er den fast mannshohen Schilfrand im Auge. Das Gewirr der Fußabdrücke ließ auf eine Rast schließen. Möglich aber auch, daß es nur ein Trick war. Damit konnte man Verfolger hereinlegen. Man verursachte ein paar unübersehbare Spuren dieser Art, ließ sein Boot wieder zu Wasser und begab sich an einer entfernten Stelle erneut an Land – nur, um sich in der Nähe der lockenden Spuren in den Hinterhalt zu legen.

Die Männer erreichten den Strand.

Im Schilf rührte sich noch immer nichts.

Don Juan gab den Männern, die sich an den Außenflanken befanden, mit einem Handzeichen Anweisung, in den Uferbewuchs vorzudringen. Sie führten den Befehl rasch und mit tausendfach geübter Geschicklichkeit aus.

Schon nach wenigen Minuten war Don Juan de Alcazar klar, daß sie es hier nicht mit dem von ihm vermuteten Trick zu tun hatten. Die Männer, die hier eine Rast eingelegt hatten, mußten tatsächlich ihren Weg fortgesetzt haben. Ohne bösartige Hintergedanken.

Don Juan näherte sich den Spuren. Da war der Abdruck des Bootskiels. Ein jollenähnliches Fahrzeug vermutlich. Die Fußspuren verdichteten sich nur wenige Yards weiter, etwa auf der Mitte des Strandes. Dort hatten sie sich hingehockt. Kantenreste von Fladenbrot zeigten auch den Grund der Rast an.

„Wir segeln weiter flußaufwärts“, entschied Don Juan.

Das Jagdfieber, das die Männer gepackt hatte, verringerte sich jedoch schon sehr bald.

Der handige Wind von Osten brachte sie rasch voran. Meile um Meile legten sie zurück, solange das Tageslicht noch einwandfreie Sicht ermöglichte. Nirgendwo an den Ufern des Flusses existierte eine menschliche Ansiedlung – und das, obwohl das Gelände hügeliger wurde, je weiter sie ins Landesinnere vordrangen.

Die wenigen Buchten, die Don Juan und seine Gefährten noch kontrollierten, gaben keinerlei Rückschluß darauf, wo die Kerle mit dem Boot abgeblieben sein konnten. Hatte noch Windstille geherrscht, so hatten sie gegen die Strömung des Flusses pullen müssen. Oder hatte ihr Vorsprung ausgereicht, damit sie jetzt, ebenfalls mit Besegelung, Distanz gewinnen konnten?

Handelte es sich überhaupt um die Entführer des Seewolfs, die an der Flußmündung gerastet hatten?

Don Juan und die anderen richteten ihr Nachtlager in einer kleinen Bucht ein, die sowohl zum Land als auch zum Fluß hin gut verteidigt werden konnte. Zwei Mann wurden als Wache eingeteilt, Ablösung alle zwei Stunden.

Don Juan grübelte lange, ehe er endlich einschlief. Seine Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Theorie wurden größer.

Als auch der zweite Tag ohne jeden Erfolg verstrich, gab er den Befehl zur Umkehr. Eine unerklärliche Eile trieb ihn nun, und den Männern erging es nicht anders. Es war das Gefühl, Zeit verschwendet und in einer falschen Richtung gesucht zu haben.

Diesmal gönnten sie sich keine Nachtruhe. Sie verwendeten die Stunden der Dunkelheit darauf, gegen den Ostwind zu kreuzen. Die mäßige Strömung des Flusses konnte dabei kaum als Unterstützung betrachtet werden.

Dichter Nebel legte sich von neuem über Land und Wasser, noch bevor sie das offene Meer erreichten. Mühsam mußten sie sich durch die graue Suppe vorantasten. Da der Wind anhielt, wenn auch schwächer geworden, rissen die Nebelschwaden gelegentlich auf, und sie konnten den Nachthimmel sehen. Die Orientierung am Stand der Sterne war möglich.

Immer wieder mußten sie jedoch ihren Kurs korrigieren, wenn sie längere Zeit wie blind durch den Nebel geglitten waren.

Erst in den Mittagsstunden des dritten Tages der Suchaktion kehrten Don Juan de Alcazar und seine Gefährten an Bord der „Santa Barbara“ zurück.

Dan O’Flynn und seine Gruppe waren nur eine Stunde zuvor wieder eingetroffen. Das Ergebnis, das beide Gruppen mitgebracht hatten, war gleichermaßen niederschmetternd.

Keine Spur von Strandräubern, die einen Kapitän entführten.

Keine Spur von Philip Hasard Killigrew.

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