Читать книгу: «Seewölfe Paket 14»

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Impressum

© 1976/2017 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

ISBN: 978-3-95439-772-3

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 261

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 262

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Nr. 263

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 264

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 265

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 266

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 267

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nr. 268

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 269

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 270

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 271

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 272

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 273

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 274

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 275

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 276

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 277

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 278

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 279

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Nr. 280

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Sand, nichts als Sand, wohin das Auge blickte – die Wüste war ein Meer ohne Wasser, wie die Araber sagten, eine unendlich weite Stätte der Trostlosigkeit und der Verzweiflung. Hier, im Kanal des Todes, hatten die Seewölfe alle ihre Hoffnungen begraben, und Philip Hasard Killigrew war ein Kapitän ohne Schiff.

Man schrieb den 20. Mai 1592.

Der Sandsturm war vorbei. Jetzt, da das Auge wieder klar zu erkennen vermochte, welches Bild ihm die Umwelt bot, wurde es auch dem letzten Mann der Crew auf erschütternde Weise deutlich: Die „Isabella VIII.“ war unrettbar verloren.

Immer weiter war sie eingeweht, immer tiefer gesunken in dem tückischen Mahlstrom, der auf dem Grund des Kanals der Pharaonen zu arbeiten schien. Der Sand war ihr Ende, die Wüste fraß sie auf.

Die Männer, die beiden Söhne des Seewolfs und selbst Arwenack, der Schimpanse, und Sir John, der karmesinrote Aracanga, hockten in der Kapitänskammer zusammen, dem letzten Zufluchtsort, der einzigen Insel, die noch aus den gewaltigen Sandmassen aufragte. Bis über die Bleiglasfenster stiegen die Dünen jetzt jedoch schon auf, die Zeit drängte, bald würde auch das Achterkastell der „Isabella“ ganz zugeschüttet sein.

Hasard hielt mit seinen Männern Kriegsrat.

„Wir können nicht zu Fuß den Rückweg durch die Wüste antreten“, sagte er. „Das haben wir schon mehrfach festgestellt, und so ist es auch. Dan und Batuti, ihr wäret fast umgekommen, als ihr nach dem Roten Meer suchtet. Uns allen würde es so gehen, und wir können uns nicht darauf verlassen, einer Karawane zu begegnen, die uns hilft.“

„Du meinst also, wir sollten ein Floß bauen?“ fragte Ben Brighton. „Ob das Wasser im Kanal wohl noch ausreicht, um es zu tragen?“

„Das ganz bestimmt“, erwiderte der Seewolf. „Aber ich hatte eigentlich weniger an ein Floß gedacht als vielmehr an unsere beiden Beiboote.“

„Die freizulegen, dürfte ein verdammt hartes Stück Arbeit sein“, sagte Big Old Shane, der ehemalige Schmied und Waffenmeister von Arwenack-Castle.

„Ein Floß zu bauen, nimmt aber auch viel Zeit und Mühe in Anspruch“, ließ sich Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann, vernehmen. „Ich meine, eins kommt aufs andere heraus.“

„Fangen wir sofort an“, sagte der Seewolf. „Verlieren wir keine Zeit mehr. Wir graben die Jollen aus, so schnell es geht, und noch bei Tageslicht pullen wir den verdammten Kanal zurück.“

„Vielleicht können wir sogar segeln“, brummte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Der Wind wäre günstig, oder?“

„Ja“, sagte Hasard. „Wir müssen um jeden Preis den Delta-Arm des Nils erreichen, den wir bei der Herfahrt passiert haben. Ihr könnt euch doch noch daran erinnern, nicht wahr? Der Arm lag vor dem Kanal der Pharaonen.“

„Natürlich“, sagte Ben Brighton. „Ali Abdel Rasul versicherte uns, daß er bis zum Mensaleh-See hinaufführe. Aber wer will sich jetzt noch darauf verlassen?“

„Wir können uns darauf verlassen“, erwiderte Hasard. „Ich habe noch einmal die Karten überprüft. Der Arm fließt tatsächlich bis in den See, und damit ist der Weg zum Mittelmeer offen, wie ihr wißt.“

Ben, Shane, Carberry und ein paar andere standen ruckartig auf.

„Sir“, sagte der Profos. „Wenn wir das schaffen und endlich wieder Seeluft schnuppern – Hölle, ich mag mir gar nicht ausmalen, wie schön das wäre!“

„Dann los“, sagte Hasard. „Wir haben diese eine Chance, und wir müssen sie nutzen.“

Sie erhoben sich alle und verließen die Kammer. Allein dies wurde ihnen fast zur Qual, denn der Sand hatte auch den Zugang zur Kammer jetzt so weit zugedeckt, daß sie ihn mit vier, fünf Mann aufstemmen mußten. Lautlos und heimtückisch kroch der Sand heran, er war ein unberechenbarer Feind. Beinah hätte er den letzten Schiffsraum, der ihnen noch als Aufenthaltsort verblieben war, in ein schreckliches Gefängnis verwandelt.

„Der Teufel soll dieses verdammte Ägypten holen“, sagte Old O’Flynn. „Hierher kehre ich nie wieder zurück.“

Er hatte ja schon seinerzeit im Mittelmeer das Unheil prophezeit und nie versäumt, den Seewolf auf seine dunklen Ahnungen hinzuweisen. Doch Hasard hatte nicht auf ihn hören wollen. In Kairo hätten sie um ein Haar ernsthaft Streit miteinander gekriegt, doch schließlich hatte der Alte klein beigegeben.

Ob Old O’Flynn nun tatsächlich in die Zukunft blicken konnte oder nicht, ob seine Visionen und Gesichter etwas Wahres bargen oder doch nur Hirngespinste waren – egal, es war passiert, sie saßen in der Klemme wie noch nie und konnten nichts mehr daran ändern.

Nie hatte der Seewolf eine schmählichere Niederlage erlitten, nie hatte man ihn auf gemeinere Weise um ein Schiff gebracht. Jeden Höllensturm, jedes Gefecht hätte er akzeptiert, nicht aber die Falle des Ali Abdel Rasul, in die er mit Blindheit geschlagen, getappt war.

Ali war seinen eigenen Teufeleien erlegen. Doch das verhalf Hasard zu keinerlei Genugtuung. Weiterhin quälte er sich mit Selbstvorwürfen. Wie hatte er nur so verblendet sein können, so leichtfertig?

Jetzt, da er immer wieder darüber herumgrübelte, erschien es ihm unbegreiflich. Zwar hatte ihn sein Entdeckerdrang dazu getrieben, in den Kanal der Ptolemäer und schließlich in den Kanal der Pharaonen zu fahren, um durch den Kanal des Necho in den Großen und Kleinen Bittersee und danach ins Rote Meer zu gelangen, doch er hätte frühzeitig ahnen müssen, daß Alis Gerede von einem Seeweg nach Indien nur eine Mär gewesen war.

Teuer mußte er für diesen Fehler bezahlen. Die „Isabella VIII.“ war schon jetzt ein Wrack, dem Untergang endgültig geweiht, hier endeten alle ihre Fahrten und Abenteuer. Zweimal hatte sie die Welt umrundet und ausgerechnet hier sollte sie so unrühmlich abdanken.

Und die Schätze aus den Gräbern der Pharaonen, die Hasard bei der Reise durch Ägypten zusammengetragen hatte? Die lagen jetzt – zusammen mit Ali Abdel Rasul – unter den Felsen begraben, und da würden sie auch bleiben, denn mitnehmen konnten Hasard und seine Männer nur das Allernötigste. Eines Tages konnte man zurückkehren, um den immensen Schatz zu heben – doch wer wußte schon, ob sich eine entsprechende Expedition jemals zusammenstellen ließ und man den Platz wiederfinden würde? Die Wüste wanderte und sah überall gleich aus. Vielleicht würden die gewaltigen Dünen bald auch die Felsen völlig zudecken.

Der Seewolf befand sich in einem verheerenden Zustand der Niedergeschlagenheit. Es würde einiger Zeit bedürfen, um mit der ganzen Sache ins Reine zu gelangen. Vor sich selbst stand er zunächst wie ein Versager da, er ersparte sich nicht die schärfste Kritik.

Gemeinsam mit den Männern stieg er vom Achterdeck auf den Sandhaufen hinunter, der das Hauptdeck überlagerte.

Sie bückten sich und begannen mit den Händen zu graben.

Es war eine scheußliche Plackerei, die nur unter viel Schimpfen und Fluchen voranging. Sie alle wühlten mit ihren Händen, zweiundzwanzig Männer und zwei Jungen, ja, selbst Arwenack ahmte „seine Menschen“ nach und grub mit seinen Vorderpfoten – doch immer wieder rutschte Sand in die Tiefe ab und drohte das entstehende Loch ganz zuzuschütten.

So und nicht anders mußte es Sisyphus ergangen sein, jenem legendären Straßenräuber der alten griechischen Sage, der in der Unterwelt zur Strafe für seine verübten Schandtaten einen immer wieder zurückrollenden Stein auf einen Berg schieben mußte – eine sinnlose Anstrengung, eine vergebliche Arbeit.

Doch die Männer schufteten verbissen weiter und gönnten sich keine Ruhepause. Hasard stieg schließlich in die Grube hinunter und setzte seine Anstrengungen von unten fort, was eigentlich noch mühsamer war, denn er konnte den Sand nicht einfach zur Seite oder nach hinten fortschaufeln, sondern mußte ihn erst hochwerfen zum Rand des Loches, wo Ben, Shane, Carberry, die O’Flynns und die anderen ihn in Empfang nahmen und weiter fortbeförderten.

Endlich stieß Hasard auf einen Widerstand unter seinen Füßen.

„Hört auf zu lästern“, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich glaube, wir haben doch die richtige Stelle erwischt. Wenn ich mich nicht gewaltig irre, stehe ich auf dem Dollbord einer unserer Jollen.“

Diese Nachricht wurde mit Jubel begrüßt, sie gab den Männern einen zusätzlichen Anreiz und spornte sie zu schnellerem Arbeiten an.

Ben und Ferris sprangen zu Hasard hinunter und unterstützten ihn. Bald waren in gemeinsamem Bemühen zwei Duchten und ein Stück des Dollbordes freigelegt, und schon wenig später wurden die Konturen des Bootes sichtbar.

Der Sand lastete schwer auf der Jolle, es war keine leichte Sache, sie halbwegs freizugraben. Selbst mit vereinten Kräften konnten die Männer sie nicht herausziehen, es war, als hielte der Klammergriff eines Giganten das Boot fest.

Endlich aber ragte die Jolle wie das noch nicht fertiggestellte Werk eines Bildhauers aus den Sandmassen hervor, und jetzt konnten die Männer anpakken und unter lauten Hauruck-Rufen das Fahrzeug zu sich heranzerren.

Sobald sich das Boot am Ufer des zugewehten Kanals befand, begannen die Männer, auch die zweite Jolle auszugraben. Wieder dauerte es verhältnismäßig lange, bis sie wenigstens das Holz unter sich fühlten, doch dann ging es schneller mit der Arbeit voran, wozu vielleicht auch Carberrys Gebrüll beitrug. Er bediente sich der schönsten Flüche aus seiner riesengroßen Sammlung, auf englisch und auch auf spanisch, und fast war es für wenige Augenblicke wieder so, als purre er die Crew durch sein Wettern an die Schoten und Brassen, um das nächste Segelmanöver an Bord der „Isabella“ durchzuführen.

Als endlich auch das zweite Boot dem Sand abgerungen war, teilte Hasard seine Mannschaft in zwei Gruppen, und so hoben sie die Jollen an und transportierten sie zu jener Stelle des Kanals, wo dieser noch Wasser führte.

Hasard rechnete überschlagsmäßig nach, wie lange es wohl gedauert hätte, den aus dem Sand ragenden Teil des Achterkastells auseinanderzumontieren und aus den Planken ein Floß zu bauen. Ferris Tucker hatte recht, sie hätten dazu genauso lange, wenn nicht noch länger gebraucht. Im Endeffekt war es weitaus günstiger, zwei Jollen, statt eines so primitiven Behelfsfahrzeugs zu haben. Folglich hatte er die richtige Entscheidung getroffen.

Sie ließen die Boote zu Wasser und hatten es geschafft. Jetzt konnten sie den noch verbleibenden Teil des Nachmittags dazu nutzen, wenigstens noch ein Stück in westlicher Richtung voranzugelangen.

Hasard ordnete die Gruppen neu. „Ich leite die eine Abteilung“, sagte er zu den Männern. „Ben die andere. Hasard und Philip, ihr bleibt bei mir, außerdem begleiten mich Dan O’Flynn, Shane, Gary Andrews, Batuti, Matt Davies, Ed Carberry, Stenmark, der Kutscher und Blacky. Ben, du hast also Ferris, Pete Ballie, Al Conroy, Smoky, Sam Roskill, Bob Grey, Will Thorne, Old Donegal, Jeff Bowie, Bill und Luke Morgan unter deinem Kommando.“

„Aye, Sir“, sagte sein Erster Offizier und Bootsmann.

„Und was wird aus Arwenack?“ fragte Philip junior, einer der Zwillinge.

„Der bleibt natürlich bei uns“, erwiderte Dan O’Flynn.

Der Schimpanse hockte denn auch schon zwischen Dan und Batuti auf dem Sand und wartete darauf, daß man in die Boote kletterte. Sir John, der Papagei, saß wie üblich auf der Schulter des Profos’, und somit war von vornherein geregelt, welcher Gruppe er zugeteilt war.

Die Männer stiegen in die Boote und begannen, die Masten zu richten. Die Reise konnte losgehen, sie warteten nur noch auf das Kommando des Seewolfs.

Die Boote legten vom Ufer ab und glitten nach Westen davon. Bei dem beständig wehenden Nordwind setzten die Männer die Segel, eine zügige Fahrt war ihnen vorerst gesichert. Jede Jolle verfügte über ein trapezförmiges Großsegel und eine Fock, die für einen recht beachtlichen Schub sorgten.

„Bei halbem Wind westwärts“, sagte der Kutscher. „Das hört sich fast poetisch an, nicht wahr?“

„Du mit deinen schlauen Sprüchen“, brummte Carberry. „Bete lieber, daß wir nicht absaufen, das ist viel wichtiger.“

Allerdings – beide Boote waren ziemlich überfüllt und hatten starken Tiefgang, hart an der Grenze des Zumutbaren. Irgendwie ging dies alles aber doch, und so begannen einige der Männer schon aufzuatmen, da ihnen der anstrengende, an Kraft und Nerven zehrende Marsch durch die Wüste erspart blieb.

Sie alle aber warfen immer wieder wehmütige Blicke zur „Isabella“ zurück. Allmählich wurden die Konturen des noch aus dem Sand aufragenden Achterkastells kleiner, bald würden sie ganz verschwunden sein. So ließen sie ihre „Old Lady“, die „alte Tante“, wie sie sie immer liebevoll genannt hatten, zurück in einem Grab, das sie bis in alle Ewigkeit versiegeln und erhalten würde, luftdicht abgeschlossen wie die Gräber der Pharaonen. Aus war der Traum von einer ruhmreichen Entdeckung und Erforschung des kürzeren Seeweges nach Indien und von einer aufsehenerregenden Heimkehr nach England. Nie wieder würde das stolze Schiff unter vollem Zeug über die Weltmeere segeln, und dieser Gedanke erfüllte die Seewölfe mit Trauer.

Sie fühlten sich mit ihrem Schiff verwachsen, es war ihr treuer Gefährte auf großer Fahrt gewesen, hatte ihnen Schutz und Verteidigung in oft ausweglos erscheinenden Situationen geboten. Mit der „Isabella“ waren sie mehrfach in der Neuen Welt gewesen, mit ihr hatten sie die gesamte Südsee durchkreuzt, waren im geheimnisvollen China gewesen, im rätselhaften Südland, in Indien und Afrika – und nun mußten sie sie aufgeben.

Ihre Stimmung war miserabel, ihr Tun erschien ihnen wie ein Verrat. Die Enttäuschung über den Verlust ihres Schiffes saß ihnen tief in den Knochen – und die Wut über sich selbst, weil sie einem Phantom nachgejagt und einem ausgekochten Schlitzohr aufgesessen waren.

So war es nicht Hasard allein, der sich wegen dieser Niederlage am liebsten selbst geohrfeigt hätte. Auch die Crew bereitete sich die bittersten Vorwürfe.

Dreck, dachte Blacky, verfluchter Mist, man hätte Hasard rechtzeitig warnen müssen. Aber wir, was haben wir getan? Ein bißchen gemurrt haben wir, aber dann sind wir doch alle auf den Bastard Ali Abdel Rasul reingefallen.

Wie die blutigen Anfänger haben wir uns benommen, dachte Smoky grimmig, da hat es auch nichts mehr genutzt, daß wir Ali, diesen Hund, nach Strich und Faden verprügelt haben und er jetzt endlich verreckt ist.

Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße, sagte sich Matt Davies im stillen, und es genügt nicht, kräftig mit den Beinen zu strampeln und mit den Armen zu rudern. Hier wieder rauszukommen, wird noch verdammt teuer. Aber wir Affenärsche haben ja selbst schuld.

Dies alles wollte erst einmal verkraftet sein, und ihre Gefühle lagen im heftigen Widerstreit miteinander.

Hasard, der auf der achteren Ducht seiner Jolle saß und die Ruderpinne bediente, drehte sich noch einmal um und sandte einen letzten Blick zur „Isabella VIII.“ zurück. Eine Hand schien sich um sein Herz zu schließen, eiskalt und erbarmungslos, doch er wehrte sich dagegen und schüttelte sie ab.

Rasch wandte er sich wieder seinen Männern zu.

„Hört mal her“, sagte er. „Ich weiß, wie euch zumute ist, aber ihr solltet den Kopf nicht hängen lassen.“

„Mir ist zum Heulen zumute, ehrlich, Dad, Sir“, sagte Philip junior.

„Mir auch“, pflichtete sein Bruder ihm sofort bei.

„Aber dazu besteht kein Grund“, sagte der Seewolf mit fester Stimme. „Haltet euch vor Augen, daß nunmehr endgültig die Heimreise nach England beginnt. Nur daran sollt ihr denken, an nichts anderes. Alles andere hat keinen Sinn.“

„Aye, Sir“, murmelten die Männer.

„Und wir alle sind doch fest entschlossen, in England eine ‚Isabella IX.‘ auf Stapel legen zu lassen, eine neue ‚Lady‘, ein besseres und größeres Schiff als unsere echte ‚Isabella‘, nicht wahr? Oder hat jemand was dagegen?“

„Verdammt, nein, Sir!“ rief Big Old Shane. „Ich will auf der Stelle von dieser Ducht kippen und in dem Scheißkanal hier ersaufen, wenn es nicht unser aller Verlangen ist, so bald wie möglich wieder ein anständiges Schiff unter die Füße zu kriegen.“

„Jawohl“, sagte auch Ferris Tukker.

„Und wenn wir auch die Schätze nicht mitnehmen konnten, sind wir doch andererseits auch nicht mittellos“, sagte Hasard und klopfte mit der Hand gegen den Gürtel, den er wie alle anderen um die Hüften trug.

„Richtig!“ rief Ben Brighton vom anderen Boot herüber. Ihm gelang sogar ein Lachen. „Jeder von uns trägt ein kleines Vermögen, und damit wäre unsere Heimreise nach England schon so gut wie gesichert!“

„Ho!“ schrie der Profos. „Also haben uns die Pharaonen, diese halbverwesten Stockfische und eingewickelten Mumien, am Ende doch noch was genutzt! Beim Henker, Männer, wir könnten uns sogar eine kleine Flotte bauen lassen, wenn wir wollten!“

Die Männer stießen Pfiffe aus und johlten. Jawohl, es war noch nicht alles verloren, sie brauchten sich selbst nicht aufzugeben, und es hatte keinen Zweck, die Dinge in einem zu sentimentalen Licht zu sehen. Schließlich war die „Isabella VIII.“ kein Wesen, sondern nur ein großer Kasten aus Holz und Eisen, der irgendwann sowieso gesunken wäre, im Sturm oder in einer Schlacht.

Die Männer berührten ihre breiten, von Will Thorne genähten Ledergürtel, deren Innentaschen Perlen und Goldstücke bargen. Diese Geste brachte Glück, und sie würde ein gutes Omen für die Zukunft sein.

Diese Ansicht teilte sogar Old Donegal Daniel O’Flynn, der sonst das, was vor ihnen lag, gar nicht schwarz genug malen konnte.

Die „Isabella VIII.“ versank im Sand, sie war von den davonsegelnden Booten aus nun nicht mehr zu erkennen. Somit gehörte ein Stück „Seewölfe-Geschichte“ der Vergangenheit an, doch neue Abenteuer warteten auf Hasard und seine Männer, und er konnte noch froh sein, daß es keine Verluste in den Reihen seiner Crew gegeben hatte.

2.

Die Dunkelheit rückte mit großen Schritten an und warf sich auf das Land Ägypten, als wolle sie es überraschen und überwältigen. Der Wind aus Norden nahm bald zu und pfiff über die Dünen und kahlen Felsen der Wüste. Er trieb wieder feinen Sand in die harten und verkniffenen Gesichter der Männer, und unwillkürlich duckten sie sich auf den Duchten ihrer Boote, denn sie befürchteten den Ausbruch eines neuen Sandsturms.

Wie so ein Sandsturm verlief, hatten sie ja nun schon zur Genüge erlebt. Nach einem neuerlichen „Wüstenorkan“, wie Carberry das Wetter nannte, stand ihnen nicht der Sinn, aber sie wußten natürlich, daß sie den Unbilden der Natur keinen Einhalt gebieten konnten.

Es nahte jedoch kein Sandsturm, sondern in dieser Nacht vom 20. auf den 21. Mai wurden sie von den Ausläufern eines schweren Wetters erreicht, das von Norden her gegen die nordafrikanische Küste brandete. So war der Andrang der Sandmassen relativ gering. Richtig beängstigend war der Vormarsch der Dünen nur, wenn er aus der Wüste heraus erfolgte, also von Osten oder von Süden.

Rasch legte sich die Unruhe der Männer, es bestand keine Gefahr, daß auch dieser Teil des Kanals zuwehte, vorläufig jedenfalls nicht. Vielmehr konnten sie die Ausläufer des Sturmes wahrnehmen und mit ihren Booten unter Höchstfahrt nach Westen segeln, so schnell, wie sie in ihren kühnsten Erwartungen nicht zu hoffen gewagt hatten.

„Geigt voran die Kähne!“ schrie Carberry im Jaulen des Windes. „Vorwärts, vorwärts, nutzen wir’s aus! So eine Gelegenheit kriegen wir so schnell nicht wieder!“

„Stimmt genau“, meinte im zweiten Boot Ferris Tucker und grinste. „He, Ben, weißt du eigentlich, wie weit es noch bis zu der Gabelung ist, an der wir den Seitenarm des Nils passiert haben?“

„In Meilen natürlich nicht“, erwiderte Ben Brighton.

„Etwa siebzig, achtzig Meilen!“ schrie Hasard aus seinem Boot herüber. Er hatte jedes Wort verstanden. „Wenn wir weiterhin Glück mit dem Wind haben, sind wir morgen abend bereits in dem Delta-Arm!“

„Na, Gott sei Dank“, sagte der Kutscher. „Wenn wir den erst mal erreicht haben, geht alles viel leichter. Dann haben wir die Strömung, für den Fall, daß der Wind mal wieder einschläft.“

„Und wir brauchen kaum einen Finger zu krümmen“, meinte Dan O’Flynn. „Das wird so ein richtiger Spaziertörn, bei dem wir uns endlich mal wieder ausruhen können.“

„Sag das nicht zu früh“, warnte Gary Andrews.

„Hör auf“, sagte Stenmark. „Wir werden ja wohl nicht immer vom Pech verfolgt sein.“

„Bestimmt nicht“, brummte Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia. „Morgen wird schöner Tag, Ägypten vergessen, Seewölfe hauen ab.“

„Holla!“ rief Big Old Shane. „Du hast dich wohl in den Entfernungen vertan, was? So schnell, wie du denkst, gelangen wir hier nicht heraus!“

„Aber Batuti riecht schon Salzluft“, sagte der schwarze Riese.

„Das ist der Sand, der dir in den Nasenlöchern sitzt!“ rief Blacky.

„Sand nicht salzig“, gab der schwarze Herkules empört zurück.

„Wieso?“ sagte Stenmark erstaunt. „Hast du ihn auch schon im Mund, daß du ihn schmecken kannst?“

„Blöder Hund“, sagte Batuti.

Die anderen lachten. Die Stimmung besserte sich, ab und zu wurden endlich wieder Witze gerissen. Die Boote schoben sich schneller voran, und mit jedem Yard rückte das ersehnte Ziel näher. Bald schien man die Salzluft des Mittelmeers wirklich zu spüren. Schließlich wehte der Wind ja aus Norden.

Hasard schöpfte neue Zuversicht, er hatte die berechtigte Hoffnung, daß nun doch noch alles gut wurde.

Zu dieser selben Zeit bahnte sich auf dem Mittelmeer, vor der Küste nur wenige Meilen vor Damiette an der östlichen Nilmündung, ein Drama an. Ein holländischer Handelsfahrer, der nach Beirut wollte, war in den Sturm geraten, der ihn unbarmherzig auf Legerwall trieb.

Die „Zeland“ – so hieß das Schiff – konnte sich trotz aller verzweifelten Bemühungen seiner Mannschaft nicht mehr freisegeln und geriet immer dichter an die Küste. Da nutzte es nichts, daß sich der Kapitän die Seele aus dem Leib brüllte, daß der Bootsmann selbst aufs Hauptdeck stürzte und mit anpackte, daß der Profos auf die Mannschaft einhieb: Die „Zeland“ war verloren, ihr Schicksal schon jetzt besiegelt.

Der Seegang zerschlug die Oberdecksluken. Die Schreie der entsetzten Männer gellten durch die Nacht. Brecher ergossen sich rauschend in die Frachträume und spülten alles und jeden fort, der ihnen im Wege war.

Das eingedrungene Wasser war mit den Pumpen beim besten Willen nicht mehr zu lenzen, die Männer mußten es aufgeben, gegen die Fluten anzukämpfen. Die furchtbaren Schreie nahmen zu und wurden im Brüllen der See hier und da erstickt – Männer wurden über Bord gerissen und ertranken, ohne daß ihre Kameraden etwas für ihre Rettung tun konnten.

Wie ein krankes Riesentier taumelte die „Zeland“ nun in den Fluten. Mit ihrem Wasserballast wurde sie immer schwerer und unhandlicher. Der Rudergänger konnte den Kolderstock kaum noch dirigieren, das Schiff drohte quer zu treiben. Immer stärker krängte es nach Backbord.

Schließlich geschah das Unvermeidliche: Die „Zeland“ ging auf Tiefe. Mit einem wüsten Ruck setzte ihr Kiel auf und wühlte sich in Sandbänken fest. Der Fockmast und der Besanmast knickten wie lächerliche Hölzchen weg, nur der Großmast überstand das Toben und Tosen und ragte noch über das kochende Wasser hinaus.

Für die Achterdecksleute und die Mannschaft schien es keine Chance mehr zu geben, alle waren zum Sterben verdammt.

Todesschreie wehten durch die Nacht und verklangen ungehört an der Küste. Niemand nahm die Tragödie der „Zeland“ zur Kenntnis, kein Schiff verließ Damiette, um den in höchster Not Schwebenden Beistand zu leisten.

In den Dörfern des Deltas nahe der Küste duckten sich die Fellachen und die Fischer tiefer unter ihre Decken und flehten zu Allah, daß der Sturm bald vorbei sein möge und keinen Schaden anrichte. Kein Mensch wagte sich in die Nacht hinaus, in der Scheitan höchstpersönlich zornschnaubend seine Peitsche zu schwingen schien.

Jack Finnegan, Decksmann der „Zeland“, wurde von den sprudelnden Fluten aus dem Vordeck gespült, stieß sich am Schott den Kopf und drohte die Besinnung zu verlieren. Heftig bewegte er sich in dem dunklen Naß, um sich mit der Auftriebskraft zur Oberfläche nehmen zu lassen. Fast schluckte er einen großen Schwall Wasser, so groß war in diesem Moment seine Angst vor dem Ertrinken.

O Lord, er hatte Angst, ja, wahrhaftig – vielleicht zum erstenmal in seinem bewegten, abenteuerlichen Leben saß ihm die Furcht wie ein Gespenst im Nacken. Er schämte sich dessen nicht, denn er wußte nur zu gut, wie ihm geschah, wenn sein verzweifeltes Unternehmen nicht gelang. Er dachte an seine Mutter und an seinen Vater, betete zum Himmel, verfluchte sich selbst und streckte seine Hände nach oben, um sich irgendwo festzuhalten oder ein drohendes Hindernis abzuwehren.

Er konnte gegen den Hauptmast geworfen werden oder sich in den Wanten verstricken, beides bedeutete den sicheren Tod. Er konnte sich den Schädel einstoßen oder durch ein Fall, eine Brasse oder eine Schot erwürgt werden, wenn er sich daran verfing. All dies schoß ihm durch den Kopf, während er durch die wogenden Fluten wirbelte.

Er hatte keine Macht mehr über sein Leben und war Zufall und Willkür überlassen.

Was war aus den anderen geworden, aus Paddy Rogers zum Beispiel, seinem Landsmann, mit dem er sich so gut verstanden hatte? Finnegan gab jede Hoffnung auf, noch mit irgend jemandem zusammenzutreffen. Es war aus, für sie alle aus, es wäre ein Wunder gewesen, wenn es ihm gelang, die eigene Haut zu retten.

Plötzlich brach das Wasser über ihm auf. Er schoß ein Stück über die Oberfläche hinaus und sank dann wieder zurück. Sein Keuchen und wildes Atemholen wurden um ein Haar wieder durch die Fluten unterbunden. Dann aber gelang es ihm, sich durch angestrengtes Wassertreten zu halten, und endlich füllten sich seine Lungen wieder, bevor es endgültig zu spät für ihn war.

Seine Hände krallten sich mit einemmal in etwas Widerspenstiges. Die Wanten, durchzuckte es ihn. Er klammerte sich mit aller Kraft daran fest, fluchte, japste, schloß Mund und Augen unter einem herandonnernden Brecher, wurde durchgeschüttelt und sah seinen Tod mit grinsendem Antlitz aus der Finsternis emporsteigen und mit einem scharfen Säbel nach sich schlagen – und doch ließ er die Wanten des Großmastes nicht los.

Das Wasser rauschte über die Kuhl der „Zeland“, der Spiegel senkte sich wieder. Finnegan vermochte in den Wanten hochzuklettern. Er biß die Zähne zusammen und klomm hoch, so schnell er konnte. So schaffte er es, der Urgewalt des nächsten Brechers zu entgehen. Orgelnd rollten die Wassermassen dicht unter seinen Beinen vorbei.

Er atmete auf und dankte in seinem Herzen Gott, daß er ihm geholfen hatte. Sein Grab hatte schon im Vordeck sein sollen, wo er, halb eingekeilt zwischen Schott und Niedergang, plötzlich nicht mehr weitergekonnt hatte, während alle anderen schreiend entwichen waren, aber dann hatte ihn das eindringende Wasser aus seiner Lage befreit.

Hölle und Teufel wollten ihn nicht, noch schien seine Stunde nicht geschlagen zu haben. O Jesus, dachte er, dies ist wirklich eine Gabe des Himmels, ich werde das nie vergessen.

Er war nie ein allzu gläubiger Mann gewesen, doch jetzt beschloß er, für alles geradezustehen, was er an Sünden verbrochen hatte. Kein Whisky mehr, dachte er, kein Brandy, kein Rum und auch keine Weiber – von heute an wirst du ein anständiger Mensch, Jack Finnegan, du Satansbraten. Keine Schlägereien mehr, kein Fluchen, das alles ist vorbei.

Er hatte ähnliche Vorsätze allerdings schon einmal gefaßt, das war 1586 bei einem schweren Sturm im Atlantik gewesen, als er noch Moses auf einem Seelenverkäufer aus Bristol gewesen war, der bei Brest seinen Geist aufgegeben hatte. Damals war es ihm nicht ganz so schlimm ergangen wie in dieser Nacht, aber er hatte sich fest vorgenommen, sich fortan in die Abgeschiedenheit eines Klosters zurückzuziehen und fromm zu werden.

Daraus war dann aber doch nichts geworden. Brest und dessen Hafenkneipen waren daran schuld gewesen, die hübschen Mädchen und der gute französische Wein.

Finnegan hing wie ein Affe in den Wanten und versuchte, noch höher zu klettern. Seine Rettung war die Marsplattform, dort konnte er sich gegen das schlimmste Wüten des Wetters behaupten.

Plötzlich vernahm er im Heulen und Brausen einen schwachen Ruf. Er hob den Kopf und sah undeutlich zwei Gestalten, die auf der anderen Seite des Großmastes wie nasse Säkke von den Wanten der Steuerbordseite herabbaumelten.

Sie hangelten da herum und trachteten, sich höher hinaufzubringen, genau wie er. Also war er nicht der einzige Überlebende des Unglücks! Er lachte rauh auf und sagte sich: Beim Donner, nicht nur du bist so zäh wie eine Katze, Jack, alter Freund, es gibt noch mehr harte Burschen auf diesem Teufelskahn.

„He!“ schrie er. „Wer seid ihr?“

Er konnte beim besten Willen nicht erkennen, um welche Kameraden es sich handelte, dazu war es zu dunkel, außerdem verschlechterten Gischt und Regen die Sicht erheblich.

Finnegan bemerkte, wie es sich auch unter ihm regte, und er blickte überrascht in die Tiefe. Da – zwei Männer hatten auch diese Wanten erreicht und klammerten sich fluchend daran fest!

Finnegan kletterte nach unten zurück, um ihnen zu helfen. Auch auf die Gefahr hin, daß du selbst dabei absäufst, sagte er sich, du mußt ihnen die Hand reichen, es ist deine verdammte Pflicht!

Als der eine Mann sich endlich an seinem ausgestreckten Arm festhielt und zu ihm heraufkroch, erkannte er endlich, um wen es sich handelte.

„Ich werd’ verrückt!“ brüllte Finnegan außer sich vor Freude. „Paddy, du altes Faß! He, ho, sag nur nicht, daß ich dein Gespenst vor mir habe!“

„Blödsinn“, sagte der andere laut. „Ich bin so lebendig wie du. Ich bin dem Teufel vom Spieß gesprungen, jawohl.“

Sie halfen auch dem dritten, einem Holländer, dann enterten sie zur Marsplattform auf. Auch die beiden anderen Seeleute hatten derweil in den Wanten der Steuerbordseite aufentern können, so daß es nun also fünf Überlebende der „Zeland“ waren, die Zuflucht im Mars gesucht hatten. Sie waren dem Grauen entronnen.

3.

In dem kochenden Pandämonium, das unter ihnen herrschte, wirkte die Marsplattform wahrhaftig wie eine Rettungsinsel. Erschöpft setzten sich Finnegan, Rogers und die drei anderen hin und hielten sich fest, um vom Wind ja nicht wieder in die Tiefe gerissen zu werden.

Jack Finnegan hielt Umschau und stellte fest, daß die drei Kameraden ausnahmslos Holländer waren. Sie hießen Piet Reuter, Jan Marten und Dirk Pravemann und gehörten zum einfachen Schiffsvolk, alles Leute, die vor dem Mast gefahren waren.

Weder der Kapitän noch einer seiner Offiziere, auch der Bootsmann und der Profos hatten sich nicht zu retten vermocht. Der höhere Rang und die Privilegien, die diese Männer an Bord genossen hatten, konnten sie nicht vor dem Untergang bewahren. Vor dem Schicksal waren alle Männer gleich, selbst Könige und Kirchenfürsten ertranken, wenn sie in einen Sturm wie diesen gerieten.

So jedenfalls dachte Finnegan in diesen Augenblicken des Ausruhens und Reflektierens, und im Prinzip hatte er recht. So und nicht anders hatte es wohl sein sollen, ein winziger Teil der Crew war mit dem Leben davongekommen, sonst keiner.

Er blickte zu Paddy Rogers.

Rogers war ein Bulle von Mann, rothaarig, mit grau-grünen Augen, einer Knollennase und einem massigen Kinn. Eigentlich war er ein typischer Kraft-mensch, ein bißchen mundfaul und mit dem Verstand nicht so schnell wie andere. An Bord hatte er das Denken meist Finnegan überlassen, wenn sie zusammen Dienst gehabt hatten.

Das mit dem Denken übernahm Finnegan gern, aber er hatte nie versucht, Rogers irgendwie zu übervorteilen oder zu hintergehen. Er achtete den Mann auf seine Art, und sie hatten Freundschaft geschlossen. Einen Freund legt man nicht herein, man versucht in allen Lebenslagen, ihm zu helfen.

Finnegan hatte seine festen Ansichten über Kameradschaft und das Leben zur See, der ungeschriebene Ehrenkodex aller Fahrensleute galt ihm sehr viel – was man bei weitem nicht von allen Kerlen behaupten konnte, die an Bord eines Segelschiffes die Meere befuhren.

Finnegan war hager und sehnig, dunkelblond und grauäugig. Sein Gesicht war schmal und markant geschnitten, und er verfügte über einen ausgesprochen wachen Verstand. Er war zäh und furchtlos, kein Mann, der sich bereitwillig duckte.

Er hatte seine Fassung wiedergewonnen, die Todesangst war vorbei. Er konnte ruhig und wohlüberlegt sprechen.

Er legte Rogers die Hand auf die Schulter und sagte: „Paddy, ich will dir was anvertrauen. Nur dir. Die anderen können es nicht hören.“

„Hast du im Vordeck Geld gefunden?“ Rogers sah sich nach hinten um. „Dann behalte es für dich. Wenn die drei Kerle da auch nur Lunte riechen, gibt es Streit. Du weißt ja, wie die rangehen.“

„Kein Geld, Paddy, es geht um was anderes. Ich habe eben richtige Angst gehabt, verstehst du?“

„Ja. Mir ging’s nicht besser als dir.“

„Wo warst du?“

„Achtern. Bin über die Kuhl geflogen und dann unterm Niedergang zum Achterdeck liegengeblieben. Als der verfluchte Kahn auf Grund setzte, dachte ich: Jetzt gehst du über den Deich, Paddy, du alter Sack. Ja, so war das.“ Für seine Begriffe war dies schon eine sehr lange Rede, er holte tief Luft und wartete ab, was Finnegan erwidern würde.

Finnegan hielt sich wieder mit beiden Händen fest, denn eine gewaltige Sturmbö heulte heran und drohte, sie von ihrer rettenden Insel zu fegen. Die Holländer fluchten wie verrückt.

„Es ist eine schlimme Sache, wie eine Ratte abzusaufen“, sagte Finnegan, als die Wucht des Windes wieder etwas nachließ. „Schlimmer, als von einer fallenden Rah zerschmettert zu werden. Schlimmer, als eine Kugel in den Kopf zu kriegen. Es ist die furchtbarste Todesart, behaupte ich, Paddy, und deshalb schäme ich mich nicht, daß ich Angst gehabt habe.“

„Ich auch nicht.“

„Dann sind wir uns ja mal wieder einig. Gut, wir können hier verschnaufen und erst mal wieder ein wenig unsere Kräfte sammeln. Aber hast du dir schon überlegt, wie wir hier wieder wegkommen?“

„Nein“, erwiderte Rogers.

„Dann denk mal schön nach. So schnell kommen wir hier nicht wieder runter. Wir sind sozusagen dazu verdammt, auf dieser Scheiß-Plattform hocken zu bleiben und auf jemanden zu warten, der uns wegholt. Sonst vergammeln wir hier nämlich.“

„So ein Dreck“, sagte Paddy Rogers.

„Ja, verflucht. Ich hab’ das blöde Gefühl, daß wir vom Regen in die Traufe geraten sind“, sagte Finnegan und hatte all seine frommen Vorsätze angesichts dessen, was sie noch erwartete, bereits wieder vergessen.

Am Morgen des 21. Mai hatte sich der Sturm ausgetobt.

Jack Finnegan, Paddy Rogers, Piet Reuter, Jan Marten und Dirk Pravemann hatten alles heil überstanden, sie hatten überlebt, aber sie waren, wie Finnegan schon in der Nacht vorhergesehen hatte, von einer Hölle in die andere geraten:

Haie umkreisten den Großmast mit der Marsplattform, den Rahen und den zerfetzten Segeln. Gierige Mörder belagerten den Großmast, um bei der ersten Gelegenheit, die sich ihnen bot, über ihre Beute herzufallen. Die beiden Engländer und die drei Holländer hatten weder Trinkwasser noch Proviant, das Festland war außer Sicht, und die Sonne brannte unbarmherzig auf sie nieder.

„Biester“, sagte Piet Reuter, ein schlanker und muskulöser Mann mit derben Händen. „Seht sie euch an. Sie warten darauf, daß einer von uns runterfällt wie eine reife Birne. Aber den Gefallen tun wir ihnen nicht.“

„Die haben Ausdauer“, meinte Finnegan. „Die lassen so schnell nicht locker.“

Reuter streifte ihn mit einem Blick, dann sah er wieder zu den Dreiecksflossen, die scharf durch das Wasser schnitten und schwache Ringe um den Mast herum zeichneten.

„Irgendwann müssen sie ja abhauen“, sagte der Holländer. „Und dann können wir versuchen, zur Küste zu schwimmen.“

Jan Marten, ein Koloß von Kerl mit kurzen hellblonden Haaren, schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu weit. Das schaffen wir nie. Bevor wir das Land erreichen, ertrinken wir oder werden von den Haien verschlungen.“

Reuter verzog spöttisch den Mund. „Du hast die Hosen wohl voll, was? Dirk, wie ist deine Meinung?“

Dirk Pravemann war der kleinste der drei Holländer, klein, aber sehr flink und wendig. Er setzte eine ähnliche Miene wie Reuter auf und erwiderte: „Ich finde, man sollte einen Versuch wagen. Aber das ist eben was für hartgesottene Kerle. Piet, wenn sich die verteufelten Haie verziehen, entere ich mit dir zusammen in das Wasser da ab, und wir unternehmen was, das verspreche ich dir.“

„Moment mal“, sagte Marten jetzt rasch. „Dann bin ich natürlich auch mit dabei.“ Einen Hasenfuß wollte er sich denn doch nicht schimpfen lassen. „Auf mich könnt ihr zählen.“

„In Ordnung“, sagte Reuter. „Eigentlich habe ich das von dir auch nicht anders erwartet.“ Er sah zu den beiden Engländern. „Und ihr? Was ist mit euch?“

Finnegan und Rogers tauschten einen Blick. Sie beherrschten beide gut die holländische Sprache und hatten jedes Wort verstanden. Aber es gefiel ihnen nicht, daß sich Reuter als Wortführer aufspielte. Überhaupt – die drei Holländer gehörten zu den miesesten Typen, die an Bord der „Zeland“ gefahren waren, und es gab ihnen zu denken, daß sie ausgerechnet mit diesen Kerlen die Plattform teilen mußten.

Aber was blieb ihnen anderes übrig?

Finnegan antwortete: „Grundsätzlich bin ich für alles, was uns irgendwie aus dem Schlamassel hilft. Nur finde ich, daß wir keinen Selbstmord begehen sollten. Soweit sind wir denn doch noch nicht.“

„Wie meinst du das?“ fragte Reuter.

„So, wie ich es gesagt habe.“

Reuter rückte einen Schritt auf ihn zu. „Aus dir werde ich nicht recht schlau, Mann. Für wie gewitzt hältst du dich eigentlich?“

„Ich suche nach einer Lösung, genau wie du. Aber wir sollten zusammenhalten und gemeinsam überlegen, ob es nicht eine sinnvollere Art gibt, mit der Situation fertigzuwerden“, sagte Finnegan.

Reuter wußte darauf vorläufig nichts zu entgegnen und verfiel in dumpfes Schweigen. Eine Zeitlang herrschte Stille auf der Plattform, alle fünf beobachteten die Haie und sannen über ihr Schicksal nach.

Jack Finnegan und Paddy Rogers waren harte Knochen, ehemalige Nordseefischer, gebürtig aus Harwich, die bei den Holländern angeheuert hatten, weil sie auf deren Handelsschiffen mehr verdienten als bei dem mühseligen Fischfang.

Erstklassige Seeleute waren sie, denn sie mußten schon als Jungen mit hinaus auf die Nordsee. Beide waren sie Ende Zwanzig, hielten wie Pech und Schwefel zusammen und verstanden es, mit ihren Fäusten umzugehen. Auf der „Zeland“ hatten sie sich den anderen gegenüber stets zu behaupten gewußt, und das sollte, so hatten sie insgeheim beschlossen, auch jetzt nicht anders werden.

Reuter mußte zurückstecken, er würde nicht der Mann sein, der von jetzt an die Befehle gab, jedenfalls nicht, was Finnegans und Rogers’ Position in der Rangordnung betraf.

Finnegan war als erstem ihre prekäre Lage bewußt geworden, und er sah auch jetzt keine Möglichkeit, an den Dingen etwas zu ändern. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, sie konnten selbst nichts, aber auch gar nichts für ihre Rettung tun.

Selbstverständlich schied ein Schwimmversuch nach Süden aus, wo sich die Küste Ägyptens befinden mußte, denn selbst wenn sich die Haie kurzfristig zurückzogen, würden sie stets nah genug bei dem gesunkenen Schiff bleiben, um die Männer angreifen zu können, falls sie sich vom Mars herunterwagten.

Das Wrack war eine Todesfalle, und wenn man es recht betrachtete, wäre es für alle fünf besser gewesen, sie wären gleich ertrunken, statt ihr Leben zu retten, das jetzt an einem seidenen Faden hing. Ohne Essen konnte der Mensch zwei oder drei Wochen aushalten, nicht aber ohne Trinkwasser.

Dennoch durften sie nicht verzweifeln. Sie mußten die Nerven behalten und sich den Kopf darüber zerbrechen, ob es nicht doch einen Weg gab, sich aus ihrer Lage zu befreien.

„Ich hab’s“, sagte Pravemann plötzlich. „Wir könnten aus der Großrah ein Floß zusammenfügen. Hölle, warum haben wir nicht gleich daran gedacht?“

„Hast du denn ein Werkzeug?“ fragte Finnegan.

„Das nicht, aber …“

Finnegan unterbrach ihn. „Hat einer von uns ein Messer?“

„Ich hatte eins, aber ich habe es verloren, als der Kahn absoff“, erwiderte Reuter mit ziemlich finsterer Miene. „Aber was heißt das schon?“

Finnegan lächelte ihm freundlich zu. „Das heißt, daß wir die Rah nicht in Teilstücke zerlegen können. Unmöglich. Wie willst du das bewerkstelligen?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Reuter gereizt. „Aber wir können die Rah wenigstens abfieren und zu Wasser bringen.“

„Und weiter?“ fragte Jan Marten mit gefurchter Stirn.

„Wir setzen uns darauf und paddeln mit den Händen bis zur Küste“, erwiderte Piet Reuter. „Ganz einfach. Gut, daß du die Rah erwähnt hast, Dirk.“

Paddy Rogers hatte sich zu den drei Holländern umgedreht. „Ein schöner Mist ist das, was du erzählst, Macker“, sagte er entrüstet. „Die Haie schnappen unsere Beine weg, die von der Rah ins Wasser baumeln, und ich will meine Beine behalten. Das ist doch keine Lösung.“

„Hast du denn einen besseren Vorschlag?“ fragte Reuter verärgert.

„Die Sonne trocknet unser Gehirn ein“, sagte Jack Finnegan. „Wir sollten wenigstens etwas tun, um für Schatten zu sorgen. Paddy, hilfst du mir?“

„Klar doch. Was hast du vor?“

„Wir können das zerfetzte Großsegel als Sonnendach über dem Mars ausspannen, dann ist es hier wenigstens nicht mehr so heiß.“

„Gute Idee“, pflichtete der bullige Mann ihm sofort bei. „Auf was warten wir noch?“

Sie enterten die Großrah und begannen mit ihrem Werk. Bald hing das Segeltuch als bizarrer Sonnenschutz über der Plattform, und Schatten zeichneten sich auf ihrer Rettungsinsel ab.

Die Holländer rührten keinen Finger, um den Engländern zu helfen. Piet Reuter war wütend darüber, daß ihm nicht selbst eingefallen war, das Großsegel auszuspannen. Jan Marten und Dirk Pravemann hüteten sich, aus eigener Initiative heraus etwas zu tun.

Zwei Parteien hatten sich gebildet.

4.

Sie hatten jetzt wenigstens einigermaßen Schutz vor der sengenden Sonne, doch die Lage war nach wie vor hoffnungslos. Finnegan und Rogers kletterten wieder von der Rah auf die Plattform zurück, verfolgt von den Blicken der Holländer. Rogers verspürte nicht übel Lust, den drei Kerlen seine Meinung zu sagen, doch Finnegan hielt ihn durch eine verstohlene Geste zurück.

Sie ließen sich auf dem Rand des Großmarses nieder und ließen ihre Beine hinunterhängen. Kein Wort wurde gewechselt, die Spannung wuchs.

Dirk Pravemann stierte auf die Haie, die gelassen ihre Kreise zogen. Finnegan beobachtete ihn heimlich. Hinter der Stirn des Holländers arbeitete es, in seinem Geist reifte ein Plan heran.

„Vertreiben müßte man die Biester“, sagte Pravemann schließlich. „Oder einfach nur ablenken. Dann kann man ins Wasser und an Land schwimmen, und ehe sie was merken, haben wir’s geschafft.“

„Was redest du denn da?“ fragte Marten verdutzt.

„Ich sage, man müßte die Haie füttern.“

„Was? Du bist wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf!“ Marten war regelrecht empört.

„Ein idiotischer Vorschlag“, sagte Rogers verhalten zu seinem Freund, auf englisch allerdings, damit die Holländer es nicht verstehen konnten. „Was sollen wir den Bestien wohl zu fressen geben, wenn wir selbst nichts zu beißen haben?“

„Abwarten“, brummte Finnegan. Sein Blick war äußerst wach, fast lauernd. Er konnte sich bereits ausmalen, was jetzt folgte.

Pravemann grinste und sah erst Marten, dann Reuter an. „Wenn die Biester erst mal satt sind, hauen sie bestimmt ab. Wollen wir wetten?“

Reuter grinste nun ebenfalls, aber Marten hatte immer noch nicht begriffen. Erst als Pravemann beziehungsreich auf die beiden Engländer deutete, ging dem Koloß von Mann ein Licht auf. Er drehte sich langsam zu Finnegan und Rogers um.

„Ja“, sagte er gedehnt. „Als Haifischfutter wären die beiden bestimmt ganz besonders gut geeignet.“

Reuter und Pravemann lachten. Es klang gehässig und nervös.

Jack Finnegan bedachte Jan Marten mit einem abschätzenden Blick. Seine Züge nahmen mit einemmal einen höhnischen Ausdruck an.

„So, das glaubst du wirklich?“ sagte er. „Dann versucht es doch mal. Ihr denkt wohl, ihr könnt das große Wort führen, weil ihr in der Überzahl seid, was? Nur zu. Pullt an. Einen von euch Käsefressern nehme ich bestimmt mit zu den Haien, und wie ich meinen Freund Paddy hier kenne, sorgt er bestimmt auch dafür, daß er nicht allein mit den lieben Tierchen spielen muß.“

„Jawohl“, sagte Paddy.

„Nun mal immer mit der Ruhe“, sagte Piet Reuter. „Dirk hat doch nur Spaß gemacht.“

„Dann nimm’s zurück, Pravemann“, sagte Finnegan zu dem kleinen Mann.

„Es war nur Spaß“, sagte Pravemann und grinste wieder.

Jack Finnegan wies auf das Wasser. „Ganz abgesehen von euren Sprüchen – es würden nicht einmal fünf Kerle ausreichen, um die Freßsucht der Haie zu stillen. Ich selbst habe nämlich bereits acht von den verdammten Biestern gezählt.“

„Acht?“ wiederholte Reuter. „Beim lebendigen Donner, das sind ja mehr, als ich gedacht habe.“

Pravemann hatte den Hals gereckt und hielt nach allen Seiten Ausschau.

„Neun“, sagte er. „Da hinten ist noch einer. Ja, er hält auf uns zu.“

„Wir können uns prügeln und gegenseitig vom Mars stoßen“, erklärte Finnegan. „Aber das wird keinem von uns nutzen. Wir sollten so etwas wie einen Burgfrieden schließen und zusammenhalten, das habe ich schon mal gesagt. Schließlich sitzen wir alle in einem Boot.“

„In einem absaufenden Boot“, brummte Pravemann.

„Nein“, widersprach Finnegan. „Tiefer wird die ‚Zeland‘ nicht sinken, das steht fest. Wenigstens diesen einen Vorteil haben wir.“

„Das ist vielleicht ein Trost“, murmelte Piet Reuter. Er kuschte jetzt aber vor Finnegan, und auch seine beiden Landsleute folgten diesem Beispiel. Im Grunde sahen sie seine Argumente nämlich ein, natürlich hatte er recht.

Jack Finnegan aber wußte, daß die Vernunft bei den drei Holländern bald zum Teufel gehen würde, dann nämlich, wenn sie anfingen, durchzudrehen, vor Durst oder Hunger, aus Panik oder aus nackter Lebensgier. Menschen konnten auch zu Bestien werden, zu schlimmeren sogar als die Haie da unten.

Mit solchen und anderen Überlegungen, die von beiden Parteien geführt wurden, verstrich allmählich der Vormittag, und so sollte der ganze Tag verrinnen, ohne daß sich irgendwo ein Segel an der Kimm zeigte, ein Schiff, das ihnen die Rettung brachte.

Die See ringsum war wie tot, bis auf die Haie. Die waren inzwischen noch mehr geworden. Ein Dutzend belagerte das Wrack der „Zeland“.

Die beiden Beiboote der „Isabella“ waren in der vergangenen Nacht ein beachtliches Stück westwärts gelangt, doch die Hoffnung, daß sie noch am Abend dieses 21. Mai den Delta-Arm des Nils erreichen würden, mußte aufgegeben werden: An diesem Morgen schlief der Wind aus Norden ein, der Sturm vor der ägyptischen Küste hatte sich gelegt.

In dieser Flaute blieb den Seewölfen keine andere Wahl – sie mußten pullen. So wurden die Segel geborgen und die Riemen ausgebracht, und unter Hasards und Bens Kommandos fingen die Männer an, sich kräftig ins Zeug zu legen.

Es wurde eine elende Schinderei, denn die Boote waren überladen und viel zu schwer. Natürlich lösten sie sich gegenseitig ab, aber dennoch wurde es bei der brütenden Hitze eine höllische Quälerei. Gegen Mittag brachte auch das Wasser des Kanals keine Kühlung mehr, die Luft schien zu stehen und war zum Schneiden dick.

„Auf Riemen!“ rief der Seewolf.

Die Männer hoben die Riemen übers Wasser, verharrten in der Ruderbewegung und wandten sich erstaunt zu ihm um.

„Ich habe euch etwas vorzuschlagen“, sagte Hasard, „und will, daß wir gerecht darüber abstimmen, denn diesmal liegt die Entscheidung ganz bei euch.“ Er stand mit leicht abgespreizten Beinen im Heck seines Bootes und sah sie der Reihe nach an – seine Söhne, die O’Flynns, Shane, Ferris Tucker, Smoky, Blacky, Ben und all die anderen.

Träge lagen die Jollen im Kanal der Pharaonen. Rasch gelangten sie zum Stillstand. In der Umgebung regte sich kein Leben, die Wüste war wie ausgestorben, und die Zeit schien angehalten worden zu sein.

Verblüfft blickten die Männer und die Jungen sich untereinander an. Was für ein Vorschlag konnte das sein?

Ben Brighton hatte sich seines Hemdes entledigt wie die anderen auch, er schwitzte am ganzen Leib und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn.

„Sir“, sagte er. „Willst du, daß wir nur nachts pullen? Ist es das, was du meinst?“

„Genau. Überlegt es euch. Tagsüber könnten wir unter einer nassen Persenning einigermaßen kühl ruhen oder sogar schlafen.“

„Ihr habt es alle gehört“, sagte Ben zur Crew. „Nun mal raus mit der Sprache. Was haltet ihr davon?“

Die Männer schwiegen. Keiner wollte sich als erster äußern. Carberry warf mit finsteren Blicken um sich und fixierte plötzlich Matt Davies.

„Mister Davies, du sollst deine Meinung sagen!“ fuhr er ihn an. „Hast du das nicht gehört?“

„Ich? Warum ausgerechnet ich?“

„Weil du schon wieder dahockst und in die Gegend starrst wie ein gestrandeter Barsch. Ich seh’s dir doch an, daß dir wieder eine deiner blöden Bemerkungen auf der Zunge liegt.“

Matt setzte eine gallebittere Miene auf. „Mister Carberry, findest du nicht auch, daß ich lieber meine Schnauze halten sollte, wenn es nur eine blöde Bemerkung ist?“

„Na los, Matt“, sagte jetzt Gary Andrews. „Rede doch, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Oder brauchst du eine Sondereinladung?“

Matt räusperte sich. „Ich verstehe immer noch nicht, wieso ausgerechnet ich als erster was sagen soll, aber meinetwegen, ich will ja auch nicht kneifen. Also, wenn’s nach mir ginge, sollten wir weiter ranklotzen, jawohl, denn ich persönlich pulle lieber, bis ich von der Ducht kippe, als daß ich hier in dem Scheißkanal herumdöse und Maulaffen feilhalte.“ Er richtete seinen Blick auf den Profos. „Zufrieden, Mister Carberry?“

„Ja, du Stint!“ rief der Narbenmann so laut, daß es Matt, Gary und den anderen in seiner Nähe Sitzenden in den Ohren dröhnte. „Das ist ganz nach meinem Geschmack, so wahr ich Carberry heiße! Nicht ums Verrecken gebe ich klein bei! Ich pulle mit, Matt, du Rübenschwein!“

„Ich auch!“ schrie Ferris Tucker.

„Ich ebenfalls!“ rief Big Old Shane.

Dann meldeten sich auch die anderen, und alle stimmten sie Matt Davies, dem Profos, Ferris und Shane zu. Damit war Hasards Vorschlag glattweg abgeschmettert. Nein, die Arwenacks wollten nicht im Kanal steckenbleiben. Sie wollten weiter rucksen und die Boote voranbringen, sie wollten heraus aus dem Kanal der Pharaonen und hinein in den Seitenarm des Nils, der sie nach Norden brachte.

Eine Niederlage war ihnen genug. Was geschehen war, hatte ihnen gereicht. Und jetzt ging es los: Ihr alter Kampfgeist, wenngleich auch zuvor etwas lädiert, setzte sich in diesem Augenblick in ihnen durch, und jetzt zeigten sie, was in ihnen steckte.

Unter energischen „Hooo-ruck“-Rufen wurden die Riemen wieder eingetaucht und durchgeholt, die Jollen nahmen wieder Fahrt auf. In Bächen sollte der Schweiß fließen, das kümmerte sie einen Dreck, sie pullten wie die Teufel und bissen die Zähne zusammen.

Hasard hatte allen Grund, sich still zu freuen. Stolz durfte er auf seine Crew sein, denn nur mit solchen Männern waren Situationen zu überstehen, in denen andere längst kapituliert hätten.

Natürlich wurde bei dieser Arbeit nun auch kräftig geflucht und gelästert.

„Nun stellt euch mal vor, wir hätten bei dieser Plackerei auch noch zwei Schreine mit Mumien an Bord gehabt“, sagte Old O’Flynn. „Wie wäre das wohl gewesen?“

„Die hätte ich gleich über Bord befördert, damit sie im Kanal in ihrem eigenen Saft weiterschmoren können“, antwortete Carberry, während Sir John zeternd über seinem Kopf hin und her flog. „Was denn wohl sonst? Unnötigen Ballast soll man abladen.“

„Richtig!“ rief der Kutscher. „Aber ich weiß schon, auf was Donegal hinauswill! Wirf einen verschrumpelten Pharao ins Wasser, dann wird er quick-lebendig, schwimmt dir nach und klettert bei Nacht wieder an Bord, um dir den Hals umzudrehen!“

„Jawohl“, bestätigte der Alte grimmig. „Und die Geister der alten Könige gehen sowieso noch überall um, da bin ich ganz sicher.“

„Und die Pharaonen-Gespenster verfügen über Riesenkräfte“, fügte sein Sohn mit einem Grinsen hinzu. „Sie sind so stark, daß nicht mal ein Prof os sie besiegen kann.“

„Haha“, sagte Carberry grunzend. „Daß ich nicht lache. Eins habt ihr Heringe bei euren Spinnereien aber vergessen: daß nämlich so ein Kistenramses gar nicht schwimmen kann. Das war damals noch nicht üblich.“

„Woher willst du das wissen?“ fragte Blacky.

„Das haben mir die Wüstendämonen heute nacht zugeflüstert!“ rief Carberry.

Damit löste er ein brüllendes Gelächter aus, das weithin durch die Wüste schallte.

Carberry stieg bei dieser Aufgabe, die vor ihnen lag und die es zu bewältigen galt, zu ungeahnten Formen auf und bewies wieder einmal, von welch eisenhartem Kaliber er war. Und diese Härte zeigte auch der Seewolf, als sie beide als Schlagleute ihres Bootes pullten.

Da brachte Hasard nun selbst seinen Profos zum Staunen – und wenn der Kapitän eisern und lächelnd durchhielt, Stunde über Stunde, dann konnte auch der Profos nicht aufstecken, oder?

Keiner konnte dies, sie alle gaben, was sie zu geben vermochten und trieben die Jollen mit immenser Willenskraft voran, stundenlang, ohne Aufenthalt nach einem gut durchdachten System, mit dem sie sich immer wieder ablösten.

Hasards Jolle war Bens Jolle etwas voraus, etwa eine Bootslänge. Ben Brighton nahm dies als Ansporn und feuerte seine Männer zu größerer Leistung an. Nun holten sie wieder etwas auf, und es entwickelte sich ein richtiges Wettrennen auf dem Kanal unter der glühenden Sonne Ägyptens. Wer immer sie hätte beobachten können, er hätte sie für verrückt erklärt.

Ohne eine neuerliche Überraschung hätte das Ganze aber nicht ablaufen können, das wäre denn doch zu schön gewesen. Gegen zwei Uhr nachmittags gab es plötzlich einen heftigen Ruck, und Hasards Jolle saß fest. Bens Boot glitt heran, Ben hatte bemerkt, was los war, konnte aber nicht mehr rechtzeitig genug stoppen. Seine Jolle brummte neben der von Hasard auf.

„Hölle und Teufel!“ fluchte der Profos. „Wir sitzen auf, Leute!“

„Eine Sandbank“, sagte der Seewolf und erhob sich von seiner Ducht. „Eine der vielen Barrieren im Kanal, über die wir schon mit der ‚Isabella‘ wegmußten. Diese hier scheint besonders hoch zu sein.“

Er stieg aus und ließ sich in das trübe Wasser sinken. Das Naß reichte ihm gerade bis zu den Hüften, und zwar nicht nur in der unmittelbaren Nähe der beiden Boote, sondern auch weiter entfernt, zu den Ufern hin. Somit war bewiesen, daß die Wassertiefe an dieser Stelle überall gleich war, auch ein Ausweichmanöver nach links oder nach rechts hätte sie vor dem Auflaufen nicht bewahrt.

Hasard lehnte sich mit der Schulter an das Heck seiner Jolle und stemmte sich dagegen.

„Warte!“ rief Ben Brighton. „Wir helfen dir!“

Sofort schickten sich die Männer beider Boote an, ebenfalls außenbords zu springen, und auch die Zwillinge wollten ins Wasser, doch Hasard hielt sie zurück.

„Bleibt, wo ihr seid“, sagte er. „Das schaffe ich auch allein.“

Und er schaffte es – schob die Jolle von der Sandbank und vergewisserte sich, daß sie wieder frei im Kanal schwamm, watete dann zu Bens Boot hinüber und versuchte es auch hier nach demselben Prinzip.

Der Schweiß rann ihm übers Gesicht und über den ganzen Oberkörper, sein Atem beschleunigte sich, sein Herz pumpte heftig, aber er kapitulierte nicht. Etwas schlängelte sich um seine Fußknöchel und verschwand dann wieder, aber er kümmerte sich nicht darum. Der Kanal mochte von Schlangen, giftigen Würmern und Zitteraalen nur so wimmeln – ihn störte es in diesem Moment nicht. Er hatte nur ein Ziel vor Augen: die verdammte Barriere zu überwinden.

„Himmel noch mal, Sir“, sagte Ben Brighton. „Das wäre doch viel leichter, wenn wir aussteigen würden.“

Hasard drückte das Boot mit aller Macht voran, und jetzt – endlich – stellte sich auch hier der gewünschte Erfolg ein, die Jolle hatte wieder Wasser unterm Kiel. Der Seewolf stieß sie von sich weg, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und lächelte seinen Männern zu.

„Warum denn?“ fragte er. „So geht es viel schneller, und wir wollen jeden Zeitverlust vermeiden.“

Mit diesen Worten kehrte er zu seinem Boot zurück und stieg wieder ein. Die beschwerliche Reise konnte weitergehen.

5.

Jack Finnegan glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Hatte die stechende Sonne bereits seinen Geist verblendet?

Nein, das konnte nicht sein. Er saß ja im Schatten. Das Großsegel bewahrte sie nach wie vor vor dem direkten Einfluß der Strahlen. Die See war ein glitzernder Spiegel, die Luft flirrte vor Hitze, doch die Marsplattform hätte eine Oase, ein Paradies sein können, wenn es wenigstens ein wenig zu essen und zu trinken gegeben hätte.

Verdammt, dachte Finnegan, jetzt ganz ruhig bleiben. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. Er hatte sich nicht geirrt: Unter ihnen trieb etwas im Wasser, und zwar dort, wo sich ein paar Fuß tiefer unter der Oberfläche die Kuhlgräting der „Zeland“ befinden mußte.

Finnegan stieß sanft seinen Freund an, der ein bißchen eingedöst war.

„Paddy, he! Verdammt, nun wach doch endlich auf“, sagte er.

Rogers wandte den Kopf und blickte ihn schläfrig an. „Was ist los? Was gibt’s? Ein Schiff? Na gut, ich entere bis zum Masttopp auf und fange an zu signalisieren.“

„Unsinn. Da ist kein Schiff. Aber es schwimmt was im Wasser – eine Pütz.“

Paddy Rogers lehnte sich ein Stück vor und spähte ins Wasser hinunter.

„Richtig“, bestätigte er. „Das ist eine Pütz.“

„Die holen wir uns.“

„Wozu?“

„Man kann nie wissen. Nimm mal an, es fängt an zu regnen. Dann können wir wenigstens ein bißchen Wasser auffangen, Trinkwasser, verstehst du?“

Rogers blickte noch einmal auf die Pütz, dann in das Gesicht des Freundes und schließlich zum Himmel. Da war keine einzige Wolke zu sehen, strahlendes Blau erstreckte sich über ihnen wie eine leuchtende Kuppel. Hatte Finnegan einen Sonnenstich, oder was war los?

„Ich weiß schon, was du denkst“, raunte Finnegan. „Daß ich nämlich nicht mehr ganz richtig im Kopf sei. Aber überleg’ mal richtig. Das Wetter kann sich in dieser Gegend sehr schnell ändern. Das hast du ja selbst gesehen. Der Sturm war mit einemmal da und dann ganz flink wieder weg. Oder etwa nicht?“

„Ja, das stimmt.“

„Also los. Heute nacht könnte es Regen geben. Oder morgen. Wir dürfen das nicht verpassen. Wenn wir Wasser haben, halten wir länger durch. Wir müssen aber wenigstens ein Gefäß haben. Mit den Händen können wir die Tropfen nicht auffangen.“

„Also brauchen wir die Pütz“, sagte Rogers voll Logik. „Aber du hast die Haie vergessen.“

„Nein, das habe ich nicht. Hör’ genau zu. Hier ist eine Verstrebung lokker, die können wir als Waffe benutzen. Sieh mal, die Pütz ist schon ganz dicht am Großmast. Los, nichts wie runter, sie gehört uns. Nimm du die Planke, und wenn die Haie mir zu nahe geraten, gibst du ihnen was auf die Nase.“

Paddy Rogers sah keinen Grund, noch länger das Wenn und Aber dieses Unternehmens abzuwägen. Finnegan hatte das schon richtig geplant, daran bestand für ihn kein Zweifel. Jetzt galt es, keine Zeit mehr zu vergeuden. Je weiter sich die Pütz wieder vom Mast entfernte, desto riskanter wurde die Sache.

Paddy erhob sich und bückte sich nach der Verstrebung. Es bedurfte keiner großen Anstrengung, sie vollends zu lösen, es gab nur ein Knakken, dann hatte er sie in der Hand.

Reuter, Marten und Pravemann schreckten aus ihrem Dahindämmern hoch. Sie sahen ihn an, und Reuter fragte: „He, was tust du denn da?“

„Ich nehme mir die Planke hier“, antwortete Rogers.

„Im Wasser schwimmt eine Pütz“, ergänzte Finnegan erläuternd. „Die holen wir uns. Ihr könnt uns helfen, wenn ihr wollt.“

„Wir brauchen keine Pütz und keinen Kübel und auch keine Planken“, brummte Piet Reuter. „Das ist alles nichts zum zwischen die Zähne schieben, und man kann’s auch nicht die Kehle runtergießen. Wenn es ein Fäßchen Wasser oder Dünnbier gewesen wäre, wäre ich mitgegangen. Aber was sollen wir mit einer dämlichen Pütz, frage ich euch?“

Finnegan erklärte es ihm, doch Reuter lachte nur verächtlich.

„Regen? Den kriegen wir auch in den nächsten zwei Wochen nicht“, sagte er.

„Wie willst du das so genau wissen?“

„Das sagt mir mein Verstand“, entgegnete Reuter.

„Los, Paddy“, sagte Finnegan zu seinem Freund. „Wir vergeuden hier nur unsere Zeit.“ Damit trat er an den Rand der Plattform und kletterte in den Wanten der Backbordseite hinunter. Rogers folgte ihm.

„Eben!“ rief Reuter ihnen höhnisch nach. „Beeilt euch, sonst versäumt ihr was! Es gibt hier ja so verflucht viel zu tun – vierundzwanzig Stunden am Tag reichen nicht aus, man weiß schon gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht!“

Marten und Pravemann lachten.

Jack Finnegan hatte inzwischen die Wasserfläche erreicht. Rogers war unmittelbar über ihm und bewegte das Stück Holz hin und her, das als Waffe gegen die Haie dienen sollte. Vielleicht hauen sie ab, wenn sie das Ding sehen, dachte er.

Aber so gute Augen haben Haie nicht. Nur ein direkter Angriff konnte etwas nutzen, das sollte auch Paddy Rogers gleich erfahren.

Reuter, Marten und Pravemann hatten sich über den Rand des Großmarses gebeugt.

„Aufpassen!“ schrie Pravemann. „Die Burschen kommen! He, Finnegan, fall nicht aus den Wanten, sonst endest du wirklich noch als Haifischfutter!“

Sie lachten alle drei, aber Finnegan und Rogers schenkten ihnen keine Beachtung.

Jack Finnegan streckte die Hand nach der treibenden Pütz aus. Fast konnte er sie mit seinen Fingerspitzen berühren, doch dann wurde sie von einer winzigen Welle hochgehoben und entführt. Sie entfernte sich vom Mast und von den Wanten, und Finnegan quittierte dies mit einem saftigen Fluch.

„Ja, es sah wohl einfacher aus, als es ist“, sagte über ihm Reuter. „Gib es auf, Mann, es bringt dir ja doch nichts ein, und die Haie beißen dir höchstens noch die Hand ab.“

„Das ist halb so wild“, sagte Pravemann. „Jeder Mensch hat zwei Hände, die eine als Ersatz. Mit einer Hand schafft man’s immer noch ganz schön weit. Ich kenne einen, dem haben sie in Beirut die Hand abgehackt, weil sie ihn beim Klauen erwischten, und er ist trotzdem über sechzig Jahre alt geworden.“

Wieder lachten die Kerle.

„Eins ist mal sicher“, sagte Paddy Rogers wütend. „Wenn wir wirklich Regenwasser auffangen, kriegt ihr keinen Schluck davon ab. Nicht einen einzigen Tropfen.“

„Die Pütz treibt immer weiter ab“, stellte Finnegan besorgt fest. „Paddy, ich schwimme ihr nach. Paß du gut auf die Haie auf.“

„Verdammt, da sind sie schon!“ stieß Rogers hervor. Dann beugte er sich so tief wie möglich hinunter und holte, während er sich mit der einen Hand an den Webeleinen festhielt, mit der Marsverstrebung nach dem grauen Schatten aus, der sich aus Richtung des Bugs der „Zeland“ näherte und Finnegan im nächsten Augenblick erreichen mußte.

Die Verstrebung sauste auf die Dreiecksflosse des Hais nieder, und sofort hieb Paddy Rogers noch einmal zu. Er war schwerfällig im Denken, aber ein Mann der Tat – zum drittenmal schlug er kräftig mit seiner Behelfswaffe zu, und jetzt, endlich, drehte der Hai ab und glitt zu seinen Artgenossen davon.

Jack Finnegan war jetzt im Wasser und stieß sich von den Wanten ab. Zwei Schwimmzüge genügten, und er schnappte sich die Pütz. Er drehte sich um und wollte zum Mast und zu den Wanten zurückkehren, doch jetzt schob sich einer der heimtückischen Gesellen zwischen ihn und Paddy Rogers und drohte, ihm den Weg abzuschneiden.

Rogers stieg jedoch noch ein Stück tiefer, so, daß das Wasser ihm jetzt bis zu den Knien reichte, und drosch zornig mit der Planke auf den Hai ein. Er sah die dolchspitzen Zähne in dem grauenerregenden Maul, das Verderben schoß geradewegs auf ihn zu und wollte nach seinem Arm schnappen, doch er verlor nicht die Nerven und behauptete seinen Platz.

Mitten auf die Nase des Hais knallte das Stück Holz, es schien, als habe Rogers genau Maß genommen. Damit hatte er eine empfindliche Partie des Angreifers getroffen – der Hai schloß sein mörderisches Maul und tauchte. Seine Dreiecksflosse verschwand, und dann war er nur noch ein Schemen unter Rogers und Finnegan, als er in Richtung auf das Vordeck der Galeone davonraste.

Finnegan nutzte seinen Vorteil aus und war mit einer einzigen ruckartigen Bewegung seiner Arme und Beine bei Rogers. Der große Mann half ihm auf die Wanten, sah sich grimmig nach weiteren Haien um, die allzu nah an die Webeleinen heranschwammen – und schlug noch einmal mit seiner primitiven Waffe zu. Diesmal erwischte er den Rücken eines Haies und prügelte derart wild auf das Tier ein, daß dieses sein ursprüngliches Vorhaben vergaß.

Statt nach ihren Beinen zu schnappen, entfernte sich der Hai aus der Reichweite der auf und nieder zukkenden Planke. Finnegan und Rogers konnten höher entern, und danach war die Gefahr vorbei.

Die Haie, ein aufgebrachtes Rudel blutrünstiger Rächer jetzt, zogen heftig ihre Kreise und wühlten das Wasser um den Großmast herum auf. Mit gelindem Grauen blickten die drei Holländer auf das Treiben. Insgeheim bewunderte Reuter sogar den Mut der Engländer, aber er hätte dies niemals offen zugegeben.

Finnegan und Rogers kehrten auf den Großmars zurück, Finnegan stellte die Pütz neben sich ab. Er setzte sich am Rand nieder, ließ die Beine baumeln, beobachtete eine Weile die Haie und sah dann zu Rogers.

„Hast du noch alles?“ fragte dieser. „Haben sie dir nichts abgebissen?“

„Wirklich nicht“, erwiderte Finnegan, und dann lachten sie beide.

Reuter sagte gehässig: „Eine feine Errungenschaft habt ihr da erworben. Eine Pütz! Ist das nicht herrlich? Na, wenn die Langeweile allzu groß wird, können wir ja Fangball damit spielen.“

Er lachte, und Marten und Pravemann stimmten mit ein. Ihr Gelächter klang bösartig, es war eine offene Warnung an Jack Finnegan und Paddy Rogers.

Sir John, der karmesinrote Aracanga, hatte sich auf einen Erkundungsflug begeben. Die schützende Nähe Edwin Carberrys hatte er schon vor gut einer halben Stunde verlassen und war in südlicher Richtung verschwunden.

Der Profos begann bereits, besorgt nach ihm Ausschau zu halten.

„Was ist denn, Ed?“ fragte Dan O’Flynn. „Du glaubst doch wohl nicht, Sir John sei was zugestoßen, oder?“

„Unsinn. Ich will nur nachsehen, ob da irgendwo Karawanen sind.“

„Eigentlich wäre das nicht schlecht“, sagte Big Old Shane. „Diese Beduinen haben bestimmt noch keinen Papagei gesehen, und wenn, dann wahrscheinlich keinen so schönen. Könnte sein, daß sie Sir John anlocken, ihn einfangen und mitnehmen. Na, Ed, wie wäre das? Dann wärst du ihn endlich los.“

„Ach, halt doch das Maul, du Bollerkopf“, brummte Carberry.

„Wie denn? Was denn?“ tat nun der Kutscher überrascht. „Das hört sich ja fast so an, als wäre dir doch was an dem Tierchen gelegen, Mister Carberry. Aber merkwürdig ist das schon: Sonst meckerst du immer nur mit ihm und drohst ihm die schlimmsten Sachen an.“

„Zum Beispiel, ihn bei lebendigem Leib zu rupfen!“ rief Ferris Tucker, der alles erheitert verfolgt hatte, aus dem Nachbarboot herüber.

Carberry fuhr wild zu ihm herum. „Das aber nur, wenn ich wütend bin, du feuerroter Plankenmaat.“

„Also, nun ist es heraus“, erklärte Dan O’Flynn feierlich. „Unser Profos hängt an Sir John, sie sind ein Herz und eine Seele. Das hab’ ich ja schon immer gesagt. Und was ist denn auch Schlechtes dabei? Jeder hat seine schwache Seite im Leben, bloß ein Carberry ist zu stolz, es zuzugeben.“

„Jetzt reicht’s mir aber!“ schrie Carberry, dessen Schläfenadern bereits gefährlich anschwollen. „Paßt bloß auf, daß ihr keinen Hitzschlag kriegt und aus dem Kahn fällt, ihr ungaren Gockel!“

„Immer mit der Ruhe, Ed“, sagte der Seewolf, konnte sich ein Lächeln aber auch nicht verkneifen.

„Das mit der Karawane ist Quatsch“, sagte Gary Andrews. „Ich wette, Sir John ist gleich runter bis nach Nubien geflogen, und da landet er bei den Negern im Kochtopf.“

„Nicht wahr!“ stieß Batuti aufgebracht hervor. „Nicht alle schwarzen Männer fressen Papageien!“

„Schon gut“, sagte Gary beschwichtigend. „Das sollte keine Beleidigung sein, Junge. Denk’ doch an die Chinesen. Die fressen Hunde und sogar Ratten.“

„Und Schwalbennester“, fügte Matt Davies hinzu.

„Und verfaulte Eier“, sagte Stenmark. „Pfui Teufel.“

„Mister Andrews!“ sagte Carberry sehr laut. „Du wirst dich wegen deiner Äußerung da noch zu verantworten haben. Kriege ich jemals raus, daß es dem Vogel wirklich so ergangen ist, wie du gesagt hast, halte ich mich an dich, verstanden?“

„Wieso denn das?“ fragte Gary verblüfft. „Es ist doch nicht meine Schuld, oder?“

„Aber du scheinst ja genau Bescheid zu wissen“, grollte der Narbenmann. „Möglich, daß du hinter den Horizont gucken kannst. Sollte sich das als wahr erweisen, tu’ ich gut daran, dir auf den Schädel zu klopfen, denn ein Jonas bringt einer Crew stets Unglück. Was? Wie?“

„Ich will nichts gesagt haben“, brummte Gary.

„Regt euch ab“, sagte Dan O’Flynn. „Wenn mich nicht alles täuscht, kehrt unser Freund gerade von seinem Ausflug zurück.“ Er wies nach Backbord, also nach Süden, und tatsächlich, dort näherte sich im rotgoldenen Nachmittagslicht ein Punkt, der sich rasch vergrößerte. Dan mit seinen scharfen Augen hatte ihn als erster erspäht, doch jetzt sahen ihn auch die anderen, und wenig später entpuppte sich der Fleck als Sir John, der ziemlich aufgebracht zu sein schien. Sie konnten die Flüche, die er auf englisch und auf spanisch ausstieß, nur allzu gut verstehen.

„Nun mal los, Mister John, Sir!“ rief der Profos. „Was, zum Teufel, ist passiert? Was hast du gesehen?“

Sir John zog eine Schleife über den Booten, dann senkte er sich zielsicher auf die mächtige Gestalt seines Herrn und Gebieters nieder und landete auf dessen Schulter.

Er krakeelte wie verrückt und wollte keine Ruhe geben. Carberry nannte ihn einen „blinden Geier“ und einen „tückischen Zwerghahn“ und wollte ihn von seiner Schulter jagen, um ihn zum Schweigen zu bringen, doch der Papagei setzte bereits wieder ab, nach Backbord voraus, flog ein Stück und kehrte wieder zu den Booten zurück.

„Alle Mann an die Brassen!“ zeterte er. „Breitseite von Steuerbord! Fier weg das Ding! Klar bei Lunten! Stinkstiefel und Himmelhunde! Galgenstricke und Affenärsche!“

„Was meint er denn bloß?“ fragte der Seewolf. „Daraus wird ja kein Mensch schlau.“

Der Papagei saß nun wieder auf Carberrys Schulter, fuhr aber fort zu fluchen.

„Er kann sich eben nicht richtig zivil ausdrücken“, sagte der Profos.

„Zivilisiert“, berichtigte der Kutscher.

„Das ist doch scheißegal, du Knochenbieger!“ fuhr der Profos ihn an, dann wandte er sich wieder seinem Kapitän zu. „Eins steht aber fest, Sir: Es ist was im Busch. Sonst würde sich Sir John nicht so idiotisch gebärden.“

„In Ordnung“, sagte der Seewolf. „Sein Benehmen ist ein klares Alarmzeichen. Richten wir uns darauf ein, daß es gleich Verdruß gibt.“ Er winkte seinen Männern zu und rief: „Klar bei Handfeuerwaffen! Ferris und Al, kümmert euch um die Höllenflaschen!“

„Aye, Sir“, gaben die Männer zurück.

Dann wurden die Riemen eingeholt und eilfertige Betriebsamkeit setzte an Bord der beiden Jollen ein. Im Nu hatten sie die Musketen, die Tromblons und Pistolen unter den Duchten hervorgeholt oder aus ihren Gurten gezogen, die Läufe blinkten matt in der Sonne. Die Ladungen wurden überprüft. Jeder überzeugte sich davon, daß alles seine Ordnung hatte und das Zündkraut ja nicht naß geworden war. Carberry zerdrückte einen neuerlichen Fluch auf den Lippen und preßte mit dem Ladestock eine Kugel in seine Pistole.

Ferris Tucker und Al Conroy, die in Ben Brightons Boot saßen, hielten die Flaschenbomben mit der explosiven Ladung bereit und hantierten bereits mit Feuerstein und Feuerstahl. In jedem Boot wurde ein kleines Kupferbecken mit Holzkohle zum Glimmen gebracht, die Glut zum Anzünden der Lunten war bereit.

Wenig später sollte sich bewahrheiten, daß Sir Johns Gezeter nicht grundlos gewesen war: Von Süden her jagten durch die Dünen Männer auf Dromedaren heran – Beduinen! Sie schwenkten ihre Waffen und stimmten ein wildes Geschrei an.

Hasard bedeutete seinen Männern, sich hinter die Dollborde der Boote zu ducken. Die Waffenläufe richteten sich drohend auf die anstürmende Horde. Der Tanz konnte beginnen.

6.

Die Beduinen waren nun so dicht heran, daß sie sich von der Zahl der Männer in den Booten und auch von deren Bewaffnung einen Eindruck verschaffen konnten, doch sie dachten nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. Sie schwangen Lanzen und Krummsäbel, stießen gellende Schreie aus und trieben ihre hochbeinigen Reittiere auf das Wasser des Kanals zu.

„Wartet noch“, sagte der Seewolf zu seinen Männern. „Schießt erst, wenn ich euch den Befehl dazu gebe.“

„Aye, Sir“, antworteten die Männer wieder.

Die Beduinen hatten den Kanal erreicht, die Kamele drängten sich im dichten Pulk und strebten ins Wasser.

„Großartig“, sagte der Profos grimmig. „Da hätten wir sie also, unsere nette kleine Karawane.“

„Ja“, sagte Dan O’Flynn gedehnt. „Wie schön, daß man in dieser Einsamkeit endlich mal wieder auf menschliche Lebewesen stößt.“

Zwar lauerten nicht überall in dieser Wüste nur Feinde – die Karawane, zu der auch das Mädchen Parisade gehörte, war eine angenehme Ausnahme gewesen –, doch in diesem Fall war die feindselige Absicht der Beduinen eindeutig. Zum Angriff bereit steuerten sie durch das Wasser auf die Boote zu.

Die Seewölfe hatten allen Grund, hart und ohne jeden Kompromiß zu reagieren. Die Rücksicht und das Gebot der Fairneß hatten mit dazu beigetragen, daß sie in eine der schwersten Lagen geraten waren, in denen sie jemals gesteckt hatten – und zur Zeit und in dieser Situation waren alle Araber für sie eine Bande von Ali Abdel Rasuls, von heimtükkischen und verschlagenen Kerlen, die nur eins herbeiwünschten, nämlich den Tod der verhaßten „Giaurs“.

„Feuer frei!“ schrie der Seewolf.

Ja, diesmal verzichtete er darauf, zu Beginn der Auseinandersetzung lediglich Schreckschüsse abfeuern zu lassen. Es waren mehr als zwanzig Kerle mit Kaftan und Djelaba, die da auf sie eindrangen. Grund genug für die Männer der „Isabella“, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr zu setzen.

„Bringt sie um, die Christenhunde!“ schrie ein großer Kerl im dunklen Djelaba, der der Anführer der Bande zu sein schien.

Die Zwillinge verstanden seine Worte, aber auch Hasard, Dan O’Flynn und ein paar andere konnten inzwischen genug Arabisch, um den Sinn dieser wenigen Silben einwandfrei zu deuten.

Giaurs, Christenhunde – wie oft hatte man ihnen diese Worte im Land Ägypten entgegengeschleudert. Nur die Muslims kannten angeblich die Wahrheit Gottes, alle anderen Menschen waren für sie Ungläubige. Hasards Wut über diese Art von Intoleranz und Überheblichkeit brach in diesem Augenblick voll durch,

Er schoß selbst als erster auf einen der Angreifer, und dann krachten auch die Tromblons und Musketen seiner Männer. Ein Bleihagel fegte den Kamelreitern entgegen und erzielte eine verheerende Wirkung. Fast die Hälfte der Bande wurde aus den Sätteln gerissen, schreiend landeten die Kerle im Wasser.

Dann löste sich die Meute auf und bildete zwei Gruppen, die die Jollen in die Zange zu nehmen versuchten. Ferris Tucker stieß eine Verwünschung aus und schleuderte eine der Flaschenbomben. Mit zischender Lunte torkelte sie durch die Luft, und als sie zwischen den Banditen landete, war die Zündschnur bereits durch den Korken bis auf die Ladung abgebrannt, so daß sie nicht mehr erlöschen konnte. Sie glomm noch eine Sekunde, dann zerriß es die Flaschenwände mit immenser Wucht. Eine schaumgekrönte Wassersäule stieg aus dem Kanal auf. Die Dromedare schrien gellend, die Reiter brüllten, das Durcheinander war perfekt.

Ferris tauschte mit Al Conroy einen Blick. Al Conroys Miene war anerkennend. Sie hatten in den Jahren ihres Zusammenseins genug Erfahrung mit den Flaschenbomben gesammelt, doch alle Kenntnis bewahrte sie nicht vor gelegentlichen Fehlern. Diesmal aber hatte der Wurf perfekt gesessen, und die Länge der Lunte war von Ferris genau richtig berechnet worden.

Wieder krachten die Handfeuerwaffen. Die Seewölfe schossen ihre letzten noch geladenen Tromblons leer, dann die Pistolen. Die Zwillinge luden die abgefeuerten Musketen und Blunderbüchsen nach, mit fliegenden Fingern versahen sie ihr Werk.

Ferris wollte noch eine zweite Flaschenbombe werfen, doch das war schon nicht mehr nötig. Die Abwehr der Seewölfe war so jäh, wild und vernichtend, daß die letzten Beduinen die Flucht ergriffen. Hasard zählte nur noch ganze sechs Kerle, die ihre Dromedare mit Rufen und heftigen Beinbewegungen aus dem Kanal trieben, zurück ans südliche Ufer, und dann ab durch die Wüste dorthin, von wo sie aufgetaucht waren.

Jetzt aber traten Carberry, Big Old Shane, Batuti und Pete Ballie in Aktion. Ohne sich vorher groß miteinander abgestimmt zu haben, sprangen sie außenbords und wateten den flüchtenden Gegnern nach. Das Wasser reichte ihnen bis zu den Schultern und bot einigen Widerstand, trotzdem gelang es ihnen, noch zwei der reiterlosen Kamele zu erreichen, ehe sich der ganze Pulk entfernte und die herrenlosen Tiere mitnahm.

Die Beduinen dachten nicht daran, noch etwas zur Rettung ihrer wertvollen Tiere zu unternehmen. Die blanke Angst saß ihnen im Nacken, sie hatten nur noch den einen Wunsch: so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die Boote zu legen. Die Hacken ihrer Füße trommelten gegen die Flanken der Dromedare, in einer Staubwolke jagten sie davon.

Big Old Shane und Batuti hängten sich an „ihr“ Kamel. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den schnaubenden und nach hinten austretenden Vierbeiner zu bändigen.

„Gut so!“ brüllte Shane. „Laß ihn nicht los, Batuti!“

„Den Teufel wird Batuti tun!“ rief der schwarze Herkules und klammerte sich an einem der Hinterläufe des Kamels fest.

Das andere Kamel jedoch raste in panischer Flucht mit Carberry und Pete Ballie aus dem Wasser. Die beiden ließen nicht locker. Der Profos hielt sich am Schwanz fest, Pete an einem der Hinterbeine, und so stolperten sie fluchend mit dem Tier am Ufer entlang.

Sir John flatterte über ihren Köpfen und krächzte: „Satansbraten! Galgenvögel! Kanalratten!“

Die Männer in den Booten konnten nicht anders, sie mußten einfach lachen. Denn es war eine Szene von unvergleichlicher Komik, die sich da an Land abspielte: Carberry stolperte und fiel, Sir John fluchte wie verrückt. Pete Ballie klammerte sich immer noch an dem Bein des Kamels fest und überhäufte das arme Tier mit den übelsten Beleidigungen. Carberry rappelte sich wieder auf, rannte ihnen nach und kriegte diesmal das andere Hinterbein des Kamels zu fassen. Er hängte sich daran, als ginge es um sein Leben.

Das Dromedar tobte. Es bockte wie ein Esel und stieß die fürchterlichsten Laute aus, ein dissonantes Kreischen, ein fast menschliches Schreien und eine Art Wiehern, das dem eines Maultiers nicht unähnlich war.

Die Männer lachten und klatschten Beifall, an guten Ratschlägen, wie Ed und Pete das Tier am besten zum Stehen bringen konnten, mangelte es nicht.

Nur einer lachte nicht mit – Ferris Tucker. Verdrossen und erbittert zugleich blickte er auf eine Lanze, deren Spitze unterhalb der Wasserlinie in Ben Brightons Boot ragte. Da rann nun bereits Wasser in die Bilge, nicht viel zwar, aber genug, um den Schiffszimmermann unruhig zu stimmen. Verletzt war niemand, aber die Beduinen hatten durch ihren Angriff dennoch Schaden angerichtet.

Die Lanze wirkte zwar selbst wie ein Pfropfen in dem Loch, das sie verursacht hatte, aber immerhin – es suppte, wie man zu sagen pflegte, und auf die Dauer würde der Wasserpegel im Boot steigen.

„Sir“, sagte Ferris. „Verdammt und zugenäht, wir haben ein Leck.“

Der Seewolf hatte gerade Dan O’Flynn und Blacky losgeschickt, damit sie Carberry und Pete Ballie bei der Bändigung des Kamels halfen. Die beiden wateten an Land, verfolgt vom Johlen und Pfeifen ihrer Kameraden. Carberry war es unterdessen zwar gelungen, eins der Vorderbeine des Tieres zu ergreifen, doch er lief höchstens Gefahr, schwungvoll in den Wüstensand befördert zu werden.

Hasard wandte sich Ferris zu, der immer noch eine erbitterte Miene schnitt, und sah sich die Bescherung an.

„Wir legen am Ufer an“, entschied er.

Rasch wurden beide Jollen an die Südseite des Kanals dirigiert, und der Seewolf ließ die Männer aussteigen, um Bens Jolle zu leichtern. Er unterzog nun auch sein Boot einer ausgiebigen Untersuchung, konnte jedoch keinerlei Beschädigung feststellen.

Bens Jolle lag inzwischen so hoch im Wasser, daß die Lanze aus dem Wasser ragte.

„Na fein“, sagte Ferris grimmig. „Dann mal los. Wer faßt mit an und hilft mir, das zu beheben?“

Alle Männer meldeten sich bereitwillig, Ferris grinste und suchte Al und Will Thorne als Assistenten aus.

„Du triefäugige Wüstengaleone!“ brüllte Carberry das Kamel an. „Willst du wohl stehenbleiben? Willst du wohl gehorchen?“

Das Dromedar, störrischer denn je, dachte nicht daran, sich von den Flüchen und Befehlen in irgendeiner Weise beeinflussen zu lassen. Immer wieder versuchte es, auszubrechen und davonzulaufen, und Carberry und Pete Ballie hatten schon einiges an Huftritten und Knüffen einstekken müssen. Zum Glück waren aber jetzt Dan und Blacky zur Stelle und packten mit zu. Jeder hielt ein Bein, und dieses Mal mußte das Kamel kapitulieren, ob es wollte oder nicht. Carberry ließ das Vorderbein los, richtete sich auf und gab dem lieben Tier mit der Faust was auf die Schnauze – und jetzt wurde es so sanft wie ein Lamm.

Als er das Kamel stöhnen hörte, wurde selbst der ruppige Profos mit einemmal weich. Er ließ sich dazu verleiten, ihm die Hand zwischen die Ohren zu legen.

„Nimm’s nicht so schwer“, sagte er. „Tut mir leid, dich so behandeln zu müssen, aber du hast es ja nicht anders gewollt.“

„Ja, ja“, sagte Dan O’Flynn. „Da sieht man wieder, wer ein Herz für Tiere hat.“

„Würde ich es sonst bei euch blinden Kanalratten aushalten?“ stieß Carberry aus. Sein Kinn schob sich dabei bedrohlich vor.

„Nein, natürlich nicht, Ed“, erwiderte Dan schnell.

„Wie lange wollen wir hier noch rumstehen?“ fragte Pete Ballie keuchend. „Das Biest stinkt wie die Pest. O Lord, ich hab’ noch nie einen so abscheulichen Gestank in der Nase gehabt.“

Blacky wollte darauf etwas entgegnen, ließ es aber lieber sein. Pete schien momentan nicht in der besten Stimmung zu sein. Das Kamel hatte ihm immerhin beachtliche Flecken und Schrammen zugefügt.

Zu viert brachten sie das Tier nun zu den Booten, dort warteten bereits Shane und Batuti mit dem anderen Kamel. Es gab wieder ein großes Gelächter, und die Männer schlugen sich gegenseitig auf die Schultern. Sie waren erleichtert, denn jetzt hatten sie zwei Tiere, von denen sie die beiden Boote ziehen lassen konnten.

„Wir können treideln“, sagte Hasard. „Gut reagiert, Ed. Vielleicht schinden wir wieder einen Vorsprung heraus und holen den Zeitverlust auf. Jedenfalls aber brauchen wir uns nicht mehr so abzurakkern.“

Treideln – wie der Kameltreiber Yussuf alias Ali Abdel Rasul es ihnen mit der „Isabella“ vorexerziert hatte – Hasard mußte unwillkürlich an die Episode zurückdenken. Mit einem Schlag war die Erinnerung an die Geschehnisse am Nil wieder in ihm wach, und er verspürte erneut einen Anflug von Trauer und Wehmut, als er an ihr Schiff dachte.

Rasch verdrängte er diese Bilder aus seinem Geist. Es hatte keinen Zweck, sich wieder damit abzugeben und sich in immer größere Selbstvorwürfe zu verstricken. Ihr Ziel, den Kanal zu verlassen und den Mensaleh-See zu erreichen, hatte den absoluten Vorrang vor allem anderen, nur hierauf durften seine Überlegungen ausgerichtet sein.

Ferris Tucker reparierte das Leck. Al und Will unterstützten ihn und reichten ihm das Material, das er zum Abdichten des Loches in der Bordwand brauchte. Hasard ließ der Vorsicht halber alle Männer vom Kutscher untersuchen. Er wollte ganz sicher gehen, daß keiner von ihnen verwundet worden war.

„Wir haben mächtigen Dusel gehabt“, sagte der Kutscher am Ende. „Es ist wirklich keiner verletzt.“

„Ausgezeichnet“, sagte der Seewolf. „Ferris, wie weit bist du?“

„Fertig, Sir.“

Das Instandsetzen der Jolle hatte nicht länger als eine halbe Stunde gedauert. Hasard und seine Männer konnten sich jetzt um die Beduinen kümmern. Die Verwundeten hatten sich natürlich längst verholt, aber acht Tote hatte die Bande zurückgelassen, die zum Teil im Wasser schwammen, zum Teil am Ufer gelandet waren.

Die Seewölfe nahmen ihnen die Lanzen und Krummsäbel ab, dann bestatteten sie die Toten unweit des Ufers, so gut es ging. Sie einfach den Aasfressern zu überlassen, brachte Hasard denn doch nicht übers Herz.

Nach verrichteter Arbeit kehrten sie zu den Booten zurück und stiegen ein – und nun wurde getreidelt. Batuti war auf das eine Kamel geklettert, Luke Morgan auf das andere. Weiter ging es, bald mit viel Hallo und Witzeleien, weil Luke mit seinem Kamel mächtig viel Zirkus aufführte.

„Halt die Luft an, Else!“ schrie er und schlug dem Tier mit der Hand gegen den Höcker. „Ho, was ist denn in dich gefahren? Suchst du einen Freier?“

Das Kamel antwortete mit grunzenden Lauten und trat kräftig nach hinten aus, wobei es mit dem Tau in Konflikt geriet, an dem es das eine Boot hinter sich herzog. Es strauchelte und drohte zu fallen, Luke konnte sich nur noch mit Mühe im Sattel halten. Er sparte nicht mit Schimpfworten. Irgendwie schien das etwas zu nutzen, das Kamel hielt das Gleichgewicht und trottete schwankend weiter, wobei es nun seinem Beinamen „Wüstenschiff“ alle Ehre bereitete.

Die Männer in den Booten lachten begeistert.

„He, Luke!“ schrie Big Old Shane. „Sieh mal richtig hin! Das ist kein Weibchen, sondern ein Männchen, Junge! Was ist denn, hast du Schlick auf den Augen?“

„Sand“, korrigierte Luke. Er grinste und tätschelte dem Dromedar noch einmal den Höcker. „Na, dann mal weiter, John, und immer hübsch artig. Wenn du brav bist, bringe ich dich mit der Lady da drüben zusammen, auf die bist du doch scharf, oder?“

Das Kamel wandte halb seinen Kopf und blickte zu dem anderen Kamel – tatsächlich handelte es sich um ein Weibchen – am Südufer hinüber, so, als habe es Lukes Worte ganz genau verstanden. Es drehte den Kopf noch etwas weiter nach hinten und fixierte Luke mit einem Auge – und dann versuchte es wieder, den Mann abzuwerfen. Es war das Tier, das Carberry und Pete zu zweit nicht hatten bändigen können – ein ganz obstinates Vieh.

Luke hielt sich fest und war krampfhaft um seine Balance bemüht.

„Führ’ dich nur weiter so auf, du Dickschädel“, sagte er zornig. „Wir werden ja sehen, wer der Stärkere ist. Wir müssen uns nämlich irgendwie zusammenraufen, kapiert?“

Das Kamel stieß ein beleidigtes Grunzen aus.

7.

In der Nacht war Jack Finnegan aufgewacht, und wieder hatte er geglaubt, seine strapazierten Nerven spielten ihm einen Streich. Dann aber hatte er sich vergewissert, daß er nicht träumte: Wirklich, kleine Regentropfen hatten sein Gesicht genäßt, und irgendwo in der Ferne hatte ein Blitz gezuckt. Dann war das verhaltene Grollen eines Gewitterdonners über die See gerollt.

Die anderen hatten fest geschlafen. Finnegan aber hatte sich die Pütz genommen und sie dazu benutzt, ablaufendes Wasser von ihrer Segel-Sonnenschutzplane aufzufangen. Schließlich hatte der kurze Regen ausgesetzt, und Finnegan hatte seine Holzpütz auf der Plattform in der Nähe des Mastes abgestellt und fortan wie seinen Augapfel gehütet.

Er wartete darauf, daß es wieder anfing zu regnen, doch diesmal wurde er enttäuscht. Unberechenbar waren die Launen der Natur, im Guten wie im Argen.

Am Morgen des dritten Tages nun, den sie als Gefangene ihres eigenen Schiffes auf der Plattform verbrachten, wies Finnegan seinen Freund Paddy Rogers auf das kostbare Naß hin, das er gewonnen hatte.

„Mann, ein schöneres Geschenk gibt es nicht“, sagte Rogers überwältigt.

„Ja“, brummte Finnegan und warf einen Blick auf Reuter, Marten und Pravemann, die eben aufwachten und sich die Augen rieben. „Nimm schnell einen Schluck. Danach stellen wir die Pütz wieder weg. Vielleicht merken die Kerle nicht, daß Wasser drin ist.“

„Und wenn schon. Hast du denn genug getrunken?“

„Nur einen kleinen Schluck. Wir müssen äußerst sparsam damit umgehen.“

Rogers nickte und hob die Holzpütz an seinen Mund. Er benetzte nur ein wenig seine Lippen und ließ den Schluck Wasser durch seine Kehle rinnen, dann setzte er wieder ab und tat, was Finnegan ihm empfohlen hatte. Die Pütz stand nun etwa in der Mitte der einen Hälfte des Marses, und beide Engländer hatten ein waches Auge darauf.

Reuter war jedoch nicht entgangen, daß Paddy Rogers die Pütz hochgehoben hatte.

„He!“ sagte er heiser. „Was hat denn das nun wieder zu bedeuten? Rogers, ist dein Geist umnachtet?“

Rogers begegnete seinem Blick. „Sag das noch mal.“

Piet Reuter zog es vor, zu schweigen. Sein Blick wanderte zum Segel hoch und verharrte dort. Plötzlich straffte sich seine Gestalt, er griff nach Pravemanns Schulter und rüttelte daran, versetzte auch dem großen Jan Marten einen Stoß.

„Was ist? Zeigt sich endlich ein Schiff?“ murmelte Pravemann.

„Nein. Aber das Segel ist noch ganz feucht“, entgegnete Reuter. „Heute nacht hat es geregnet.“

Marten blinzelte und gab einen unwilligen Laut von sich.

„Regen?“ wiederholte er. „Sollen wir vielleicht das Segel ablutschen? Pfui Teufel, das schmeckt mir nicht.“

„Wir können es einfacher haben“, sagte Reuter und stand auf. Er trat bis dicht an die Pütz und konnte das Wasser darin erkennen.

Marten und Pravemann hatten sich ebenfalls von ihren harten Schlafplätzen erhoben, sie spürten etwas von der Bedeutung, die dieser Moment für sie alle hatte.

Paddy Rogers brachte sich vorsichtshalber zwischen Piet Reuter und die Pütz. Noch hockte er auf der Plattform, aber er war bereit, sehr schnell aufzuspringen und den Holländer daran zu hindern, auch nur die Hand nach der Pütz auszustrekken.

„Sehr nett finde ich das nicht von euch“, sagte Reuter schleppend. „Ihr reißt euch heimlich das Wasser unter den Nagel und laßt uns nicht einmal daran nippen. Na, zum Glück habt ihr ja nicht gleich alles ausgesoffen, wir kriegen unseren Anteil noch.“

„Anteil? Dir ist wohl nicht gut, was?“ sagte Rogers und sah ihn von unten her an.

Jack Finnegan musterte den Holländer ebenfalls kalt.

„Daß ihr darauf keinen Anspruch habt, ist dir doch wohl klar“, sagte er. „Ihr habt uns nur verhöhnt, aber wir haben die Pütz unter Einsatz unseres Lebens aus dem Wasser gefischt.“

„Mit den Kameraden zu teilen, ist Ehrensache.“ Reuter lächelte verschlagen. „Nun stellt euch doch nicht so an. Kann man nicht mal einen Spaß mit euch machen? Hölle, wenn ich das Wasser hätte, würde ich es ganz bestimmt mit euch teilen.“

„Das erzähl’ lieber deinen Freunden“, sagte Finnegan verächtlich. „Die kaufen es dir ab. Aber uns kannst du nicht verschaukeln, klar?“

„Vorsichtig, Finnegan …“

„Ihr würdet uns nicht einen Tropfen abgeben, wenn die Pütz euch gehören würde. Ihr seid ein schlimmes Trio, das weiß ich gut genug, Piet Reuter, und wenn ihr nicht eine gehörige Portion Respekt vor uns hättet, wären wir längst von den Haien zerrissen worden, nicht wahr?“ Finnegan stemmte die Fäuste in die Seiten. „Möchtest du ein Tänzchen mit uns wagen? Na los, ich warte. Hol dir das Wasser, wenn du dich traust.“

Paddy Rogers war plötzlich auf den Beinen und richtete sich dicht vor Reuter zu seiner vollen Körpergröße auf.

„Ich warte auch“, sagte er gelassen.

Reuter rührte sich nicht vom Fleck, doch er wagte nicht, die beiden Engländer anzugreifen, auch mit Martens und Pravemanns Unterstützung nicht. Jetzt, da es ums eigene Überleben ging, hätte Reuter zwar eine Menge riskiert, doch der Einsatz war ihm immer noch zu hoch. Es war ein Wagnis, Finnegan und Rogers direkt anzugehen. Lieber wartete er eine bessere Gelegenheit ab. Die würde sich schon noch bieten.

Jan Marten war ein starker Kerl, aber vor Paddy Rogers schreckte er zurück, denn er wußte, wie dieser Mann zuschlagen konnte. Man hatte dies im Vordeck der „Zeland“ bei einer Auseinandersetzung sehen können – seinerzeit hatte Rogers einmal drei Kerle, die ihm eine kleine Flasche Whisky gestohlen hatten, nach Strich und Faden verprügelt, so sehr, daß ihnen Hören und Sehen vergangen war. Statt sie dem Profos zu melden, hatte er sich lieber auf seine Art Genugtuung verschafft.

Seit jenem Tag waren ihm die Hochachtung und der Respekt der gesamten Crew gewiß gewesen. Pravemann hatte regelrecht Angst vor Rogers, wenn er dies auch gut verbarg. Kurzum, alle drei Holländer hatten Grund genug, die offene Auseinandersetzung mit dem Bullen zu meiden.

Und Jack Finnegan? Der war auch ein harter und gefährlicher Kämpfer, das wußten sie. Drei gegen zwei, dieses Verhältnis täuschte über die wahre Kräfteverteilung: Reuter, Marten und Pravemann riskierten, selbst zu den Haien befördert zu werden, wenn sie mit den bloßen Fäusten auf die Engländer losgingen.

Etwas anderes wäre es gewesen, wenn Messer und Säbel zur Verfügung gestanden hätten. Aber die gab es nun mal nicht. Die einzige Waffe auf der Plattform war die Verstrebung, mit der Rogers gegen die Haie gekämpft hatte, und die gehörte nach wie vor den beiden Engländern. Da konnte Pravemann es sich noch so sehr wünschen, beispielsweise Rogers ein Messer in den Rücken zu schleudern – dieses Verlangen würde sich nicht erfüllen lassen, solange sie auf dem Mars verweilen mußten.

Jack Finnegan nahm die Pütz und stellte sie an den Rand der Plattform. Das war eine zusätzliche Herausforderung. Er wollte prüfen, wie groß Reuters Mut war.

„So“, sagte er. „Wenn ihr es jetzt wagt, auch nur einen Versuch zu unternehmen, um euch die Pütz zu holen, stoße ich sie ins Wasser, damit ihr sie ja nicht kriegt, ihr drei Käsefresser.“

„Jetzt gehst du zu weit“, sagte Piet Reuter leise.

„Ich? Du hättest gestern lieber nicht so dreckig lachen, sondern uns besser helfen sollen.“

„Du kannst uns deswegen nicht sterben lassen, Finnegan.“

„Tue ich das? Noch seid ihr hübsch lebendig, soweit ich erkennen kann.“

„Finnegan, laß doch mal vernünftig mit dir reden.“

„Das hört sich schon besser an.“

„Das Gequatsche hat keinen Zweck“, sagte plötzlich Jan Marten. „Geben wir’s diesen Bastarden!“

„Halt dich zurück“, warnte Reuter. Er wußte, daß Martens Gerede nur eine leere Drohung war, aber er hoffte, dessen Worte ausnutzen zu können, um seinen eigenen Sätzen den nötigen Nachdruck zu verleihen.

„Immer ruhig Blut und setzt euch wieder“, sagte Pravemann. „Was soll denn das Ganze? So erreichen wir gar nichts. Irgendwann schlafen unsere Freunde ja doch wieder ein. Dann sehen wir, wie sich das regeln läßt.“

„Irrtum“, sagte Finnegan höhnisch. „Wir schlafen mit einem geschlossenen und mit einem wachen Auge. Hätte ich sonst vielleicht den Regen bemerkt?“

Reuter trat zu Marten und Pravemann zurück. Sie raunten sich untereinander etwas zu, wiesen auf die Engländer und schienen zu beratschlagen. Was sie sprachen, konnten Finnegan und Rogers nicht verstehen.

Finnegan und Rogers verschränkten die Arme vor der Brust.

„Laß dich von denen bloß nicht ins Bockshorn jagen“, sagte Finnegan verhalten. „Sie können gar nichts tun. Immer hübsch ruhig bleiben, Paddy.“

So belauerten sich die beiden Parteien gegenseitig wie wilde Tiere – und unten im Wasser lauerten weiterhin die Haie. Jedem der fünf Männer war klar: Wer bei einem eventuellen Kampf von der Plattform flog, dem war nicht mehr zu helfen.

Jack Finnegan lag für einige Zeit mit seinen eigenen Gefühlen im Widerstreit, dann entschied er sich, wenigstens den Versuch einer Einigung zu unternehmen. Er brach das tödliche Schweigen, das auf der Plattform herrschte.

„Eigentlich ist es idiotisch, was wir hier treiben“, sagte er. „Wir könnten, wenn wir wollten, Ruhe und Frieden walten lassen. Wollen wir es nicht probieren? Ich meine, das wäre in unserem Interesse, denn wenn wir den Haß weiterhin schüren, wird der Mars für uns fünf bald zur Hölle.“

„Wie klug er redet“, sagte Pravemann höhnisch. „Richtig gebildet, was? Er hätte das Zeug zum Bordkaplan.“

Finnegan ließ sich durch diese Worte nicht beeinflussen. „Wir müssen ganz einfach zusehen, so lange wie möglich durchzuhalten. Vielleicht taucht irgendwann ja doch ein Schiff auf. Je mehr Zeit vergeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit. Leuchtet euch das nicht ein?“

„Doch“, erwiderte Piet Reuter. „Aber dann rück’ jetzt auch mit dem Wasser heraus, Finnegan. Ich hab’ nämlich Durst.“

„Nein.“

„Also sind wir wieder da, wo wir angefangen haben?“

„Nicht ganz“, sagte Finnegan. „Wir teilen das Wasser ein. Ihr habt also eine Chance, euren Anteil doch noch zu erhalten. Nur nicht sofort – ihr hättet euch ja heute nacht satt trinken können. Warum habt ihr’s nicht getan?“

„Warum hast du uns nicht geweckt?“ fragte Reuter aufgebracht.

„Weshalb hast du nicht aufgepaßt?“

So ging es hin und her, aber im Verlauf des hitzigen Gesprächs wurde mehr und mehr deutlich, wer die eigentliche Autorität auf der Plattform war: Finnegan. Er allein war imstande, den Überblick zu bewahren und die schiffbrüchige Gruppe zu leiten. Er blieb kühl und gelassen und offenbarte seinen harten Kern, der ihn nicht aufgeben ließ. Schließlich mußten Reuter, Marten und Pravemann seinen Vorschlag bezüglich des Wassers akzeptieren, es blieb ihnen nichts anderes übrig.

Somit war der Streit zwischen den beiden Parteien vorläufig auf einem ruhenden Punkt angelangt. Jeden Augenblick aber konnten die Reibereien von neuem beginnen.

Am nächsten Tag, dem vierten auf der Marsplattform, trieb aus der gesunkenen „Zeland“ ein Bootshaken auf. Die fünf Männer kauerten am Rand der Marsplattform und betrachteten das Ding, als handle es sich um eins der Weltwunder der Antike, dabei war es doch nur ein simpler Haken, dem bei normalem Betrieb an Bord eines Schiffes kein Mensch übertriebene Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

„Den könnten wir gebrauchen“, sagte Piet Reuter.

„Ja“, pflichtete Jack Finnegan ihm bei. „Als Waffe gegen die Haie. Wer entert mit mir ab?“

„Ich natürlich“, erwiderte Paddy Rogers.

„Nein, du bleibst hier. Versteh mich nicht falsch, Paddy, aber es ist besser so.“

Reuter grinste. „Wegen des Wassers, wie? Damit wir es nicht aussaufen, oder? Nur die Ruhe, Finnegan, wir haben unsere Ration ja nun schon gehabt.“

Trotzdem kann man euch nicht trauen, dachte Finnegan, würden Paddy und ich runtersteigen, würdet ihr garantiert die Pütz leeren, darauf verwette ich meinen Kopf.

„Jan“, sagte Reuter zu Marten. „Wie wäre es mit dir?“

Marten sah verdutzt auf. „Ich soll … gut, meinetwegen, ich habe keine Angst. Wäre doch gelacht, wenn wir den verdammten Peekhaken nicht erwischen würden, was?“ Er musterte Finnegan und grinste. Er hatte Reuters Blick und Miene zu deuten gewußt: Er, Jan Marten, sollte versuchen, den Haken mit der eisernen Spitze an sich zu bringen, denn dann hatten sie nicht nur eine Waffe gegen die Haie, sondern auch gegen Finnegan und Rogers.

Finnegan nickte ihm aufmunternd zu. „Los, Paddy, gib ihm die Planke.“

Rogers händigte dem großen Holländer die Marsverstrebung nur widerwillig aus, aber er sah andererseits auch ein, daß es keine andere Möglichkeit gab. Allein konnte Jack Finnegan nicht hinuntersteigen, es wäre sein Tod gewesen. Und er, Paddy, war genau der richtige Mann, um die Pütz zu verteidigen, er mußte auf der Plattform zurückbleiben, denn ihm zollten Reuter und Pravemann den erforderlichen Respekt.

Finnegan hangelte nach unten, gefolgt von Marten. Sie hatten das Wasser fast erreicht, und der Engländer griff bereits nach dem Bootshaken, der in einem günstigen Winkel auf den Mast zutrieb – da hieb Marten plötzlich mit der Verstrebung zu.

Finnegan erhielt das Holz gegen den Rücken, er spürte einen Schmerz, der durch seinen ganzen Körper raste, seine Finger wurden für einen Augenblick kraftlos. Er ließ seinen Halt los und stürzte von den Webeleinen ins Wasser.

Paddy Rogers war der Zwischenfall nicht entgangen. Er stieß einen Fluch aus und griff sich die Pütz. Wütend schwenkte er sie und schrie: „Marten, du Schweinehund, jetzt schlage ich deinen beiden Kumpanen den Schädel ein!“

„Tu’s nicht!“ rief Marten. „Die verdammte Planke ist mir doch bloß ausgerutscht!“

„Jawohl, es war ein Mißgeschick“, sagte auch Reuter. „Ich habe es gesehen. Das war keine Absicht.“

„Sei vernünftig“, begann auch Pravemann auf den bulligen Engländer einzureden. „Glaubst du denn im Ernst, wir wären so dämlich, uns mit dir anzulegen? Wir wissen doch, daß du uns überlegen bist.“

Paddy Rogers zögerte.

Finnegan war im Wasser untergetaucht, schoß jetzt jedoch wieder hoch und schwamm zu den Wanten zurück. Jan Marten schickte einen drohenden Blick zu ihm hinüber. Er streckte die Hand nach dem Bootshaken aus und versuchte dabei, auch die Planke festzuhalten, doch sie entglitt ihm und landete mit einem hallenden Klatscher im Wasser.

Marten stieß eine lästerliche Verwünschung aus und langte wieder nach dem Haken.

„Die Haie!“ rief Finnegan. „Mein Gott, die Haie, Mann!“

Er trachtete, die Verstrebung in seinen Besitz zu bringen, doch die grauen Mörder waren nah heran und umzingelten ihn bereits.

Paddy Rogers geriet erneut in Zorn.

„Marten, du Bastard!“ brüllte er. „Hilf Jack, oder ich wisch’ deine Leute vom Mars!“

Reuter überlief es abwechselnd heiß und kalt, als er Rogers’ Blick registrierte. Die grau-grünen Augen schienen plötzlich zu lodern. In diesem Zustand war er zu allem fähig und würde es mit Leichtigkeit schaffen, sie beide von der Plattform zu befördern.

Pravemann stand geduckt da und hielt nach einer Möglichkeit zur Verteidigung Ausschau. Es gab sie jedoch nicht, die einzige Hoffnung lag in einem Sieg beim offenen Kampf. Aber auf einen solchen Kampf verzichteten sie lieber.

„Jan!“ schrie Reuter. „Hilf ihm! Um Himmels willen, laß die Haie nicht an ihn ran, sonst sind wir alle geliefert!“

Marten hatte den Peekhaken jetzt aufgefischt. Er drehte ihn in der Hand um und zielte mit der eisernen Spitze auf den Hai, der Finnegan am nächsten war. Der Mörderrachen öffnete sich weit, die nadelspitzen Zähne drohten nach Finnegans Beinen zu schnappen. Finnegan behielt bis zum letzten Moment die Nerven und trachtete, die Planke zu erreichen, doch Jan Marten sah sehr deutlich, daß er sich dennoch nicht mehr würde verteidigen können, wenn nicht sofort etwas geschah.

Und wenn er, Marten, seinem Landsmann Reuter nun nicht gehorchte – was war dann? Rogers würde Reuter und Pravemann von der Plattform stoßen. Finnegan würde von den Haien zerrissen werden. Er, Marten, würde den Kampf mit Rogers aufnehmen und im Vorteil sein, weil er den Bootshaken hatte. Oder? Aber was war, wenn ihn Rogers gar nicht erst auf den Mars zurückkehren ließ? Er konnte seine Position da oben durchaus verteidigen, es würde ihm nicht schwerfallen. Er konnte seinen Gegner in den Wanten zum Wahnsinn treiben, bis dieser – ohne Wasser, ohne Nahrung – derart geschwächt war, daß er von selbst in die See kippte.

All dies ging Marten im Bruchteil eines Augenblicks durch den Kopf, und so beschloß er, doch lieber Reuters Aufforderung zu befolgen. So groß war der Kameradschaftsgeist in ihm nicht, daß er sein Leben für die beiden Kumpane geopfert hätte, doch was kostete es ihn schon, nach den Haien zu stechen?

Er rammte dem Hai, der hinter Jack Finnegan war, die Spitze des Hakens geradewegs in den geöffneten Rachen. Das Tier bäumte sich auf. Marten stieß einen grimmigen Laut der Genugtuung aus und verstärkte den Druck seiner Waffe. Noch nie hatte er einen Hai, dazu noch einen so großen, an einer Pike zappeln gehabt, es war ein überwältigendes Erlebnis, faszinierend und schaurig zugleich.

Wieder bäumte der Hai sich auf und schlug mit der Schwanzflosse, daß das Wasser aufspritzte. Der Haken hatte sich in seinem Rachen verfangen, und jetzt zerrte das Tier so wild, daß Jan Marten seinen Halt in den Webeleinen verlor und zu Finnegan ins Wasser stürzte.

Finnegan hatte die Planke erreicht, riß sie an sich, drehte sich im Wasser um und wollte nach dem Hai schlagen, mit dem Marten im Kampf lag, doch der Holländer befand sich zwischen ihm und dem Todfeind, so daß er riskierte, den Mann statt des Raubfisches zu treffen.

Zwei andere Haie nahten.

Finnegan hatte keine Chance, sich allein mit der Marsverstrebung gegen sie zu verteidigen. In drohender Todesnot schwamm er zu den Wanten und kletterte hoch. Dann beugte er sich wieder zu Marten und dem ersten Hai hinunter und schlug dem Tier mit der Planke auf die Schnauze. Was er dabei jedoch sah, ließ ihm den Atem stocken.

Jan Marten versuchte, den Peekhaken an sich zu reißen, doch es war ein aussichtsloses Unterfangen. Der Hai klappte seine Kiefer zu. Der Biß war so kräftig, daß der Stiel des Hakens zerbrach. Dann stürzte sich das Tier ungeachtet der Hiebe, die Finnegan ihm verpaßte, auf den Holländer. Marten schlug wild um sich, doch er hatte keine Chance. Der Hai begrub ihn unter sich und verbiß sich in ihn.

Jack Finnegan hatte schon viel Grausames gesehen, doch jetzt schwanden ihm fast die Sinne. Alles spielte sich in größter Deutlichkeit vor seinen Augen ab, und Martens gräßliche Schreie jagten ihm einen kalten Schauer nach dem anderen über den Rücken. Er konnte nichts mehr für Marten tun.

Marten wurde zerfetzt, das Wasser färbte sich rot. Im Nu hatten sich alle Haie an der Unglücksstelle versammelt, zwölf oder noch mehr zählte Jack Finnegan. Sie balgten sich um das Opfer.

Jetzt ging auf der Marsplattform das Grauen um. Piet Reuter schüttelte die Faust gegen die Haie und stieß die übelsten Flüche aus. Dann, als Finnegan langsam in den Webeleinen aufenterte, begann er, diesen zu beschimpfen.

„Du bist ein Mörder, Finnegan!“ schrie er. „Deinetwegen hat es den armen Jan erwischt! Das wirst du noch schwer bereuen! Bezahlen wirst du dafür, das schwöre ich dir!“

„Nimm das zurück“, sagte Paddy Rogers drohend.

Finnegan kroch auf die Plattform zurück und hob in einer abwehrenden Geste die Hand. „Laß ihn, Paddy. Ich kann seine Reaktion verstehen.“ Er gesellte sich zu seinem Freund, und sie standen den beiden Holländern schweigend gegenüber. Kalter Haß glänzte in Reuters und Pravemanns Augen. Paddy Rogers hatte die Hände zu Fäusten geballt, daß das Weiße an den Knöcheln hervortrat. Auch er war kurz davor, überzukochen.

Finnegan jedoch versuchte, gelassen zu bleiben. Dabei bereitete er sich in seinem Inneren selbst die schwersten Vorwürfe. Du hättest den verdammten Haken allein herausfischen sollen, sagte er sich, ohne Marten. Sicher, er hat seinen Tod durch seine eigene Ungeschicklichkeit herbeigeführt, doch er könnte noch leben, wenn du klüger vorgegangen wärst.

Er hütete sich jedoch, dies laut zu äußern, denn seine Selbstbeschuldigungen wären nur Wasser auf Reuters Mühlen gewesen.

8.

Am 23. Mai erreichten die Seewölfe mit ihren beiden Booten und den beiden Kamelen nun endlich den Delta-Arm des Nils, der zum Mensaleh-See floß.

Hasard ließ eine Pause einlegen und sagte: „Wir können jetzt auf die Tiere verzichten, da wir die Schubkraft des Stromes haben, die uns weiterbringt.“

„Na, das ist ja großartig“, sagte Dan O’Flynn und kletterte aus dem Sattel des Kamels, das vorher von Luke Morgan geritten worden war. Batuti, der zu diesem Zeitpunkt das zweite Tier führte, folgte seinem Beispiel. Beide lösten sie die Schlepptaue, dann gaben sie den Vierbeinern noch einen freundschaftlichen Klaps auf die Hinterhand und entließen sie in die Wüste.

„Jetzt kann sich Freund John endlich um seine Else kümmern!“ rief Luke vom Boot aus, und die anderen begannen zu lachen.

Dan und Batuti stiegen in Hasards Jolle. Die Segel wurden wieder gesetzt, und es ging nordostwärts bei einer leichten Brise, die von Norden wehte.

Bald veränderte sich das Bild der Landschaft. Sie segelten durch Schilf- und Papyrusdickichte, und aus der leicht dampfenden Feuchtigkeit der Sümpfe stiegen lärmend Enten, Pelikane, Reiher, Gänse, Schwäne und jede Menge kleinerer Wasservögel auf – Teichhühner, Uferschnepfen, Rohrdommeln und was es sonst noch alles gab.

„Hier ist Leben“, sagte Old O’Flynn zufrieden. „Und hier lacht das Herz des Jägers. Wie wäre es, wenn wir unseren Proviant ein wenig auffrischen würden?“

„Lieber nicht“, sagte Ben Brighton und wies auf das längliche Etwas, das unweit von der Jolle an Backbord vorbeitrieb. Auf den ersten Blick hätte man es wohl für einen morschen, halb verfaulten Baumstamm halten können, doch das war die übliche Täuschung, der man immer wieder erlag.

In Wirklichkeit handelte es sich um ein ausgewachsenes Krokodil, das plötzlich zu beängstigenden Aktivitäten erwachte. Es riß sein Maul auf und zeigte die furchteinflößenden Zähne, schlug mit dem Schwanz, daß das Wasser nur so spritzte, und verschwand dann plötzlich unter der Oberfläche.

„Aufpassen!“ rief Hasard. „Vielleicht greift der Bursche uns an!“

Schon hatten die Männer ihre Musketen und Tromblons bereit und warteten mit entschlossenen Mienen auf die Großechse, die offenbar unter den Booten hindurchtauchte.

Das war auch tatsächlich der Fall, doch das Krokodil traf keinerlei Anstalten, allen Ernstes auf die Jollen und ihre Insassen loszugehen. Es tauchte in einiger Entfernung wieder auf und schwamm träge davon.

Aus dem Ufergestrüpp schoben sich jedoch immer neue Körper ins Wasser und umlauerten die Boote – häßliche Schuppenleiber mit platten Köpfen und heimtückisch funkelnden Augen. Old O’Flynn sah zu einem der Krokodile hinüber. Es war ihm so, als grinse dieses ihn an.

„Warte nur“, sagte er mit gallebitterer Miene. „Schwimm noch ein Stück näher ran, dann kriegst du von mir eins auf den Pelz gebraten.“ Er hatte seine Muskete inzwischen mit grobem Schrot geladen.

Arwenack ging vorsichtshalber bei Batuti und Dan O’Flynn in Sicherheit. Die Krokodile waren seine natürlichen Feinde. Sir John war da frecher: Er kreiste unablässig über den Biestern und beschimpfte sie mit den übelsten Ausdrücken.

Hasard und seine Männer behielten die Krokodile im Auge, denn die Tiere waren unberechenbar und konnten irgendwann vielleicht doch angreifen.

Noch eine andere Gefahr gab es auf diesem Seitenarm des Nils, wenn sie auch ganz anderer Natur war: Sehr leicht konnte man sich verirren und in einen der vielen winzigen Nebenflüsse oder Nebenarme geraten, die alle plötzlich irgendwo zu Ende waren und keinen Ausgang hatten – wie Sackgassen im düsteren Viertel irgendeines Hafens.

Das Schilf versperrte ihnen den Ausblick, es war nicht leicht, sich zu orientieren. Man konnte im Papyrus steckenbleiben, überall waren Untiefen, und in dieser Region war es nun nicht mehr so problemlos wie im Kanal der Pharaonen, ins Wasser zu steigen und die Jollen wieder flottzukriegen. Hier lauerten außer den Krokodilen Blutegel, Zitteraale, giftige Rochen und andere Plagegeister, von den durch winzige Erreger übertragenen Krankheiten ganz zu schweigen. Das Schreckgespenst Sumpffieber zog am Himmel auf und war den Männern stets gegenwärtig.

Nein, ein Genuß war auch dieser Teil der Fahrt nicht, ganz im Gegenteil. Schon bald erschienen die Stechmücken, wie erwartet, sie traten in säulenförmigen Wolken auf, die über den Sümpfen tanzten und sich unaufhaltsam den Booten näherten. Der Geruch des schwarzen Morastes stieg den Männern und den beiden Jungen unangenehm in die Nase, es war schwül und stickig. Der Schweiß trat ihnen aus allen Poren, und bald waren ihre Gesichter und Oberkörper von Stichen übersät.

„Kratzt euch bloß nicht“, sagte der Kutscher. „Dadurch verschlimmert ihr es nur noch.“

„Du Schlauberger“, sagte Carberry wütend. „Glaubst du denn, das wissen wir nicht?“

„Whisky oder Brandy wären das richtige zum Einreiben“, meinte Blacky.

„Ja“, sagte der Seewolf und grinste schwach. „Das könnte dir so passen, wie? Kutscher, achte mir bloß auf unsere Vorräte.“

So verging auch dieser Tag. In der Nacht ankerten sie im Fluß, und jeweils zwei Wachen lösten sich im vierstündigen Turnus in den Booten ab. Am nächsten Tag wurden wieder die Segel gesetzt, die Fahrt ging weiter.

Nur langsam verstrichen die Stunden, und auch jetzt gab es keine Ruhe vor den Störenfrieden und Plagegeistern der Sümpfe. Einmal gerieten sie in einen der Nebenarme und verzettelten sich fast völlig, aber Hasard behielt die Ruhe und Übersicht und ließ gerade noch rechtzeitig wieder umkehren.

Wieder eine Nacht, und dann folgte ein neuer Tag. An diesem Vormittag passierten sie eine kleine Siedlung, die am westlichen Ufer des Flusses lag und halb verfallen wirkte. Ein paar Gestalten krochen aus den Hütten hervor, traten ans Ufer und schickten finstere und feindliche Blicke zu den Booten hinüber.

„Was sind das für Kerle?“ fragte Ferris Tucker. „Fellachen? Wo bestellen die denn hier ihr Land? Im Moor vielleicht?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte der Seewolf. „Ich habe aber den leisen Verdacht, daß es sich bei diesem Dorf um Bubastis handelt.“

„Bubastis?“ Jetzt wurde Old Donegal Daniel O’Flynn aufmerksam. Er richtete sich hoch auf seiner Ducht auf. „Hölle und Teufel, über dieses Nest gibt es die wildesten Legenden. Da ist nichts geheuer, da soll es Nachtmahre und blutsaugende Ungeheuer geben.“

„Schon gut“, sagte Hasard. „Diese Geschichten sind uns ja hinlänglich bekannt. Ich habe auch nicht vor, hier anzulegen. Proviant haben wir noch genug, Trinkwasser auch, stimmt’s, Kutscher?“

„Stimmt genau“, antwortete sein Koch und Feldscher. „Damit schaffen wir es noch spielend bis zum See und nach Damiette.“

„Dann also weiter“, sagte Hasard, versäumte aber nicht, noch einen prüfenden Blick zur Siedlung zu werfen.

Dort hatten sich etwa zwanzig Männer an den primitiven Bootsstegen versammelt, die ins Wasser ragten. Ein paar schalenförmige Fahrzeuge lagen im Fluß, ihre Masten bewegten sich leicht hin und her.

„Da wird zum Aufbruch gerüstet, wenn mich nicht alles täuscht“, sagte er.

„Sie sollen ruhig anrücken!“ rief Ben Brighton von der Achterducht seines Bootes aus. „Wir bereiten ihnen einen heißen Empfang und reißen ihnen ihre Drachenköpfe ab! Nicht wahr, Donegal?“

„Spotte du man“, brummte der Alte. „Du wirst dich noch wundern, mein Lieber.“

Alle dunklen Voraussagen schienen sich zu bewahrheiten. Schon bald, nur wenige Flußbiegungen später, meldete Dan O’Flynn das Auftauchen von Booten. Die Männer wandten sich um und gewahrten nun die Fahrzeuge, die sie schon vor Bubastis beobachtet hatten: Kähne mit kurzen Pfahlmasten und riesigen Dreieckssegeln an überlangen Rahruten. Sie verfolgten die Jollen der „Isabella“ und waren dank ihrer ausgefallenen Takelung natürlich schneller. Rasch holten sie auf. Es waren fünf. Die Männer, die darin saßen, waren mit Pfeil und Bogen, Speeren und Messern ausgerüstet.

Hasard fackelte nicht lange, er stand in seinem Boot auf und rief seinen Männern zu: „Klar bei Musketen! Legt an auf diese Hundesöhne, wir begrüßen sie, ehe sie ihre Pfeile abfeuern können!“

„Aye, Sir“, sagten die Männer, und dann gingen sie auch schon hinter Dollbord und Duchten in Deckung und zielten auf den heranrauschenden Feind. Auch hier – wie bei den Beduinen – brauchte nicht erst lange herumgerätselt zu werden, ob man etwa einem Irrtum erlag und Freund mit Feind verwechselte: Die Kerle in den Verfolgerbooten stimmten ein derartiges Gebrüll an, daß Zweifel über ihre Absichten nicht offenblieben.

„Zielpunkt Wasserlinie!“ schrie Hasard. „Feuer frei!“

Die Musketen krachten, die Eingeborenen in den Booten antworteten mit einem wahren Teufelsgeheul.

„Zielt auch auf die vordere Verstagung ihrer Rahruten!“ rief der Seewolf.

Dann legte er selbst mit seiner Muskete an und sandte eine Kugel zu den Verfolgern hinüber.

Zweiundzwanzig Musketen, ein Hagel von Geschossen flog zu den fünf Booten. Mehrere der finsteren Gestalten brachen zusammen. In Hasards Jolle luden die Zwillinge, bei Ben Brighton, Bill und Will Thorne die Musketen nach, und schon wenige Augenblicke später waren die Seewölfe wieder zum Feuern bereit.

Ferris schwang eine seiner Höllenflaschen, doch dann gelang Dan O’Flynn ein solcher Meisterschuß, daß der Einsatz der Bombe schon gar nicht mehr erforderlich war.

Bei den gegnerischen Booten war die vordere Verstagung der Rahruten in der Bugspitze verankert. Dan hatte genau dieses kurze Stück Tau bei dem vordersten Verfolger anvisiert und nun auch getroffen – er hatte eben doch die besten Augen von allen Männern der „Isabella“.

Die Rute und das Segel schlugen zur Seite, das Boot trieb quer. Das nachfolgende prallte mit dem Bug gegen den Rumpf des ersten, die Kollision war perfekt, beide Fahrzeuge waren rettungslos ineinander verhakt. Das erste schlug quer, das zweite ging plötzlich ebenfalls auf Tiefe. Es schien ein Leck zu haben. Sie sanken beide, und ihre Besatzungen stießen schrille Laute der Verzweiflung aus.

Dazu bestand wahrhaftig aller Grund. Schon schoben sich an beiden Ufern des Flusses die Krokodile ins Wasser und schwammen auf die Verunglückten zu.

Das dritte Boot, von den Musketenschüssen ebenfalls leck geschossen, begann ebenfalls zu sinken, und das Geschrei der Eingeborenen nahm unglaubliche Ausmaße an. Gestalten sprangen ins Wasser und versuchten, sich so schnell wie möglich in die Nähe der beiden anderen Boote zu bringen. Plötzlich wurde das Wasser von vielen wild rudernden Armen und Beinen aufgewühlt.

Die Mannschaften der beiden letzten Boote hatten alle Hände voll zu tun, um die Schiffbrüchigen zu übernehmen, und konnten sich um die „verfluchten Giaurs“ nicht mehr kümmern – zumal die Krokodile inzwischen beängstigend nah heran waren.

Auf dem sonst so still und friedlich dahinfließenden Nilarm herrschte plötzlich hektischer Zustand. Die von den Schüssen aufgescheuchten Wasservögel lamentierten und zeterten zusammen mit den abgeschlagenen Verfolgern, und irgendwo flatterte auch aufgeregt Sir John und trachtete, wieder Anschluß zu den Jollen der „Isabella“ zu kriegen, ehe diese hinter der nächsten Biegung des Flusses verschwanden.

Hasard hatte das Feuer einstellen lassen.

„Fragt sich nur, ob die Kerle jetzt wirklich die Nase vollhaben, oder ob sie später noch einmal versuchen, uns zu überrumpeln“, sagte er zu Ben Brighton, dessen Boot jetzt sehr dicht neben dem seinen dahinglitt.

„Du meinst, wir müssen heute nacht die Augen offenhalten?“

„Ja. Wir werden auf jeden Fall doppelte Ankerwachen einteilen“, sagte der Seewolf.

9.

In dieser Nacht ankerten sie in einem der toten Nilarme. Seinen Zugang hatten sie am späten Nachmittag nur durch Zufall entdeckt. Er war sehr schmal und hinter Schilf versteckt.

Carberry, Dan O’Flynn, Blacky, Ferris Tucker, Al Conroy und Bill übernahmen auf Hasards Anweisung hin die erste Ankerwache, die bis Mitternacht dauern sollte. Mit schußbereiten Waffen kauerten sie in den Booten, während die Kameraden schliefen, und behielten durch den Schilfvorhang hindurch den eigentlichen Fluß unausgesetzt im Auge.

Lange brauchten sie nicht zu warten, bis sich tatsächlich etwas ereignete. Um kurz vor zehn Uhr – das Stundenglas verriet ihnen die genaue Zeit – segelten sechs Boote an dem toten Arm vorbei.

„Das sind die Kerle, ich schwör’s“, zischte Dan O’Flynn. „Seht ihr, wie stark die Kähne bemannt sind? Die haben Verstärkung geholt und wollen es uns elenden Christenhunden jetzt mal richtig zeigen.“

„Wenn du weiter so herumtönst, haben wir sie gleich am Hals“, raunte der Profos.

Sie schwiegen und beobachteten die Boote. Ja, ihrem aufgebrachten Gebaren nach suchten die Männer dort draußen wirklich die Auseinandersetzung mit den „Giaurs“, und so mancher arabische Fluch wehte zu den Seewölfen herüber.

Doch vorerst entdeckten sie den Gegner nicht. Sie segelten an dem Zugang vorbei und verschwanden. Bald hatte die Nacht die Umrisse ihrer Boote verschluckt.

Carberry hielt es für richtig, die Sache dem Seewolf zu melden, also balancierte er durch das leicht schwankende Boot zu ihm hinüber und berührte ihn an der Schulter.

Hasard war sofort wach.

„Eigentlich sollten wir froh sein, daß sie uns nicht entdeckt haben“, sagte er leise. „Aber ich bin der Ansicht, daß wir auch jetzt nicht unvorsichtig sein dürfen.“

„Ganz meine Meinung, Sir“, brummte Carberry.

„Sie werden uns eine Falle stellen, sobald sie sich davon überzeugt haben, daß wir nicht mehr vor, sondern hinter ihnen sind. Weiter flußabwärts suchen sie sich eine geeignete Stelle für ihr Vorhaben aus, und wir müssen auf eine unangenehme Überraschung gefaßt sein.“

„Ja“, sagte Ferris Tucker, der sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte. „Diese verbohrten Muselmanen lassen also nicht locker. Wie wäre es, wenn wir ihnen ein Schnippchen schlagen? Was hältst du davon, Sir?“

„Eine ganze Menge. Ich schätze, sie bauen eine Matten-Barriere quer über den Fluß oder sonst irgendein Hindernis, um uns den Weg zum See zu versperren.“

„Der Teufel soll sie holen“, sagte der Profos ärgerlich. „Wir müssen ihnen zuvorkommen.“

„Wie?“ fragte Ferris.

Der Seewolf lächelte plötzlich.

„Hört mal her“, sagte er. „Ich halte es für richtig, den Kerlen sofort, aber unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen zu folgen – damit wir rechtzeitig am Mann sind, falls sie den Fluß wirklich blockieren.“

„Allgemeines Wecken also?“ fragte Carberry. „Alle Mann auf Manöverstation?“

„Ja, Ed.“

Carberry begann sofort, die Schlafenden in Boot eins wachzurütteln, Ferris Tucker kehrte in Boot zwei zurück, das unmittelbar neben dem anderen lag, und gab erst Ben Brighton und dann den anderen Kameraden Bescheid.

So war binnen kurzer Zeit wieder alles wach, und auch Arwenack krabbelte zwischen den Beinen der Männer herum. Den Papagei allerdings griff sich Carberry rechtzeitig, ehe er davonfliegen und den Gegner womöglich auf sie hinweisen konnte.

Er stopfte ihn sich ins Hemd, das er während der Nacht trug, knöpfte es bis zum Hals hinauf zu und sagte drohend: „Laß dich bloß nicht mehr sehen, Freundchen, sonst rupf ich dir die Federn einzeln aus deinem verdammten Papageienarsch.“

Die Anker wurden gelichtet und vorn im Bugraum verstaut, dann setzten die Männer die Segel, und langsam schoben sich die Jollen aus ihrem Versteck auf den Fluß hinaus. Bald erfaßte sie die Strömung und verlieh ihnen schnellere Fahrt. Weiter ging es nach Norden, dem ungewissen Schicksal entgegen.

Etwa zwei Stunden später zahlte sich Hasards Voraussicht aus. Dan O’Flynn entdeckte die Gruppe der sechs Boote voraus. Hasard ließ dicht unter Land gehen und hielt angestrengt Ausschau. Bald erkannte er, daß er mit seinen Vermutungen recht gehabt hatte: Die Eingeborenen waren tatsächlich dabei, den Nilarm, der an dieser Stelle ungefähr eine Breite von knapp fünfundzwanzig Yards hatte, mittels armdikker Flechttrossen abzuriegeln und diese Trossen wiederum durch senkrecht hindurchgesteckte Schilfrohre zu verstärken. Interessiert verfolgten die Männer der „Isabella“ die Bemühungen der Kerle, und Will Thorne nickte sogar anerkennend.

„Schlecht machen sie das nicht, das muß man ihnen lassen“, flüsterte er.

„Ja“, sagte Ben Brighton gedämpft. „Eigentlich tut es einem richtig leid, sie dabei stören zu müssen, was?“

„Noch ist in der Mitte eine Lücke frei“, zischte Dan O’Flynn. „Noch können wir hindurch.“

„Die Trossen sind dort aber auch schon gespannt“, gab Shane leise zu bedenken.

„Die sollen für uns kein Hindernis sein“, raunte der Seewolf, und in seinen eisblauen Augen tanzten jetzt wieder einmal die bekannten tausend Teufel. „Die Kerle da sind so schwer beschäftigt, daß sie nicht darauf achten, was sich hinter ihnen tut. Das ist ihr entscheidender Fehler.“

„Was befiehlst du also?“ wollte Ben Brighton wissen.

„Ich bin für den sofortigen Durchbruch mit Flaschenbomben. Wie viele haben wir noch?“

„Sechs Stück“, erwiderte Ferris Tucker.

„Drei für jedes Boot“, sagte Hasard. „Also los, laßt uns keine Zeit verlieren. Bereitet alles vor.“

Der Gegner ahnte zu diesem Zeitpunkt nichts von der Anwesenheit der „verfluchten Giaurs“, und es bemerkte auch keiner von den an der Barriere arbeitenden Männern, wie flußaufwärts schwaches Feuer aufglomm. Die Glut in den Kupferbekken der beiden Jollen verbreitete wieder ihr rötliches Licht, doch das sahen die Kerle erst, als der Feind bedrohlich nah an der Falle war.

Völlig überraschend erfolgte der Angriff der Seewölfe, und im Nu war der Teufel los.

Als die Jollen nur noch dreißig Yards von der Barriere entfernt waren, holte Ferris zum ersten Wurf aus. Hoch schwang er die Flasche mit der explosiven Ladung – Pulver, Blei, Glas und Blei – über seinem Kopf, nahm so genau wie möglich Maß und schleuderte sie auf die Öffnung des gegnerischen Machwerks zu.

Jetzt ruckten drüben, in den sechs Einmastern, die Köpfe der Kerle herum, und es wurden Alarmrufe ausgestoßen, aber es war schon zu spät. Torkelnd segelte die Höllenflasche durch die Luft, ging mitten in der Lücke nieder und versank im Wasser.

Hasard warf die zweite Flasche, so war es vereinbart. Sein Wurf stand dem von Ferris in nichts nach, wieder landete die Flasche mit einem Klatscher in den Fluten – und genau in diesem Augenblick detonierte die erste.

Der Wasserspiegel wölbte sich nach oben wie bei einem Seebeben, zwei Boote des Feindes wurden sofort umgeworfen, und die Schreie der entsetzten Männer gellten durch die Nacht. Die Explosion riß das Wasser auseinander und ließ Fontänen aufsteigen, die Trossen-Barriere erzitterte wie unter den Hieben eines Giganten. Dann ging auch die zweite Flasche hoch, und wieder geriet das Wasser in Wallung.

In panischem Schrecken versuchten die Kerle, sich mit den Booten aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu entfernen. Aber jetzt stand Ben Brighton in seinem Boot auf und schleuderte die dritte Flasche. Sie hatte eine kürzere Lunte als die ersten beiden und explodierte noch in der Luft, mitten zwischen den Widersachern. Ihr Feuerball drückte die Dunkelheit zu den Ufern fort, hinein in das Dickicht aus Schilf und Papyrus, während der Fluß selbst von zuckendem rotem Licht erfüllt war.

Die Jollen glitten auf die Bresche in der Barriere zu. Hasard konnte erkennen, daß die Trossen jetzt zerfetzt waren. Big Old Shane hatte die Lunte der vierten Höllenflasche zum Glimmen gebracht, nahm in aller Ruhe Maß und stieß noch einen saftigen Fluch aus, dann wirbelte auch diese Bombe zu den Gegnern hinüber und landete in einem ihrer Boote.

Einer der Männer in dem Boot bückte sich nach der Flasche und wollte sie ins Wasser werfen, doch auch sein Handeln erfolgte zu spät. Mit einem Donnerhall zersprang sie ihm in der Hand, das Krachen und Bersten vermischte sich mit den Todesschreien der Araber, Menschen und Trümmer flogen in hohem Bogen durch die Luft.

Unaufhaltsam schoben sich die Jollen weiter voran. Hasard gab seinen Männern einen Wink, und sie eröffneten das Musketenfeuer.

Die Waffen wummerten, ihre Kolben stießen gegen die Schultern der Männer. Mündungsblitze zerschnitten den wieder fallenden Vorhang der Nacht, weißlicher Pulverqualm stieg über dem Fluß auf. Im Stakkato krachten die Schüsse, und wieder fanden sie – wie am Tag – ihr Ziel in den Bordwänden der Boote.

Auf diese Weise wurden noch zwei Boote versenkt, und die Insassen des sechsten und letzten Einmasters dachten nicht mehr daran, Widerstand zu leisten. Sie entfernten sich zum westlichen Ufer, verfolgt von ihren Kameraden, die in höchster Todesangst schrien und danach verlangten, aus dem Wasser gezogen zu werden. Auch in der Nacht waren die Krokodile aktiv, und in der Dunkelheit konnte man sie nicht einmal heranschwimmen sehen.

Die Waffen der Seewölfe schwiegen. Hasard warf noch einen Blick in die Runde, ehe sie die Lücke passierten. Kein Gegner war mehr zu sehen. Im Wasser trieben die gekenterten Boote und die Trümmer des zerfetzten Fahrzeugs, von den gesunkenen Einmastern war schon nichts mehr zu erkennen.

Die Überraschung war perfekt, der Durchbruch gelungen. Hasard setzte sich wieder auf seine Ducht und wandte sich zu den Männern um.

„Wir haben es wieder mal geschafft“, sagte er. „Ich hoffe, daß uns jetzt niemand mehr in die Quere gerät.“

„Das hoffe ich auch“, ließ sich Ben Brighton von Boot zwei aus vernehmen. „Es hat schon zu viele Tote gegeben, und unsere Munition geht bald zur Neige.“

Sie freuten sich nicht über diesen Sieg. Still setzten sie ihre Fahrt den Fluß hinunter fort, die ganze Nacht hindurch. Ägypten hatte ihnen mehr Kummer beschert als Glück, ihre Erinnerung würde stets einen gallebitteren Beigeschmack haben. Über dem Land der Pharaonen lag der Fluch des Scheitans, und die größte Schmach, die man ihnen hatte zufügen können, war der Verlust der „Isabella VIII.“, die wahrscheinlich inzwischen längst ganz vom Sand zugedeckt war. Daran würden sie in ihrem Geist noch lange hart zu kauen haben, nichts konnte ihnen darüber hinweghelfen.

Die weitere Reise zum Mensaleh-See und nach Damiette verlief reibungslos. Am 29. Mai 1592 erreichten die beiden Boote ihren Zielhafen und vertäuten an einer abgelegenen Pier.

10.

„Wie geht es weiter?“ wollte Ben von Hasard wissen. Nebeneinander standen sie auf der Pier und richteten ihre Blicke auf die Stadt, die ihnen wie ein ferner orientalischer Traum erschien.

„Mein Vorschlag ist, zumindest mit unseren beiden Booten die Küstenfahrt westwärts am Delta entlang anzutreten“, entgegnete der Seewolf. „Und zwar bis nach Abukir oder Alexandria. Dort könnten wir für die Durchquerung des Mittelmeers vielleicht einen größeren Segler erstehen. Oder aber wir kriegen eine Passage auf einem Kauffahrer, der die Südküste Europas anläuft, beispielsweise Südfrankreich, Italien oder Spanien. Hier in Damiette erhalten wir nichts Entsprechendes, da ist jede Mühe vergeblich. Hier liegen nur die Dhaus und Feluken der Nil-Schiffer. Mit denen können wir nichts anfangen.“

„Aber es ist auch unmöglich, mit der ganzen Crew nach Alexandria oder Abukir zu segeln“, wandte Ben ein. „Auf dem Fluß konnten wir uns leidlich voranquälen, aber auf See sind wir zum Scheitern verurteilt. Siehst du das nicht ein?“

„Doch. Eine Trennung ist eben unvermeidlich. Das Los wird entscheiden, welche Männer ohne Boot bleiben. Ich schlage vor, wir bilden drei Gruppen, anders geht es nicht.“

Hasard drehte sich um und trat zu den Männern, die sich inzwischen auf der Pier versammelt hatten. Seine Miene wirkte steinern, ihm war alles andere als wohl zumute. Aber er wußte, daß es keine andere Lösung gab.

„Habt ihr gehört, was Ben und ich gesprochen haben?“ fragte er sie.

„Ja, Sir“, erwiderte Old O’Flynn stellvertretend für alle anderen. „Und ich muß hinzufügen, daß die Küstenfahrt mit der gesamten Mannschaft in nur zwei Booten wirklich viel zu gefährlich wäre – ein seemännischer Unsinn wäre das.“

„Ja, das ist uns allen klar“, sagte nun auch Shane.

„Augenblick“, sagte Dan. „Was ist mit dem Franzosen, den ich vorhin auf der Reede gesichtet habe? Wäre das nicht der richtige Kahn für uns? Wir könnten ihn wenigstens mal wahrschauen und fragen, was er davon hält, uns gegen Bezahlung mitzunehmen.“

„Meinetwegen.“ Hasard fuhr sich mit der Hand über die Stirn und wischte den feinen Schweißfilm ab, der sich gebildet hatte. „Aber bei dem Pech, daß wir haben, glaube ich nicht an einen Erfolg. Überhaupt, ich bin ziemlich mißtrauisch. Damiette ist eigentlich nur ein Hafen für die Araber- und Türkenschiffe, wie ich eben schon sagte. Ich frage mich ernsthaft, ob das ein echter Franzose ist – oder ob man uns wieder eine Falle stellt.“

Sein Argwohn war berechtigt, und dies war nun eben die Lehre, die man aus den Ereignissen in Ägypten ziehen mußte: Keinem Menschen durfte man mehr trauen, auch dem freundlichsten Kerl nicht, denn jeder konnte ein Schauspieler und Blender wie Ali Abdel Rasul sein, einer, der sich der überzeugendsten Masken und Verkleidungen bediente. Nichts war unmöglich, überall lauerten Heimtücken und Fallen. Hasard vergaß dies nicht einen Augenblick, und er war nicht bereit, sich auf neue fragwürdige Abenteuer einzulassen.

„Teilen wir erst mal die Gruppen ein“, sagte er. „Ben, du übernimmst die eine, Ferris, du die andere. Die dritte untersteht meinem Kommando. Wir sind vierundzwanzig Mann, die Zwillinge mitgerechnet, das läßt sich durch drei teilen. Acht Mann in jeder Gruppe also.“

„Dad!“ rief Philip junior. „Wir bleiben doch bei dir, nicht wahr?“

„Natürlich“, erwiderte sein Vater. „Also: Philip junior und Hasard junior, außerdem Dan, Shane, Gary, Batuti und Matt – ihr gehört zu meiner Gruppe. Wir nehmen auch Arwenack mit, er fühlt sich bei Dan und bei Batuti ja am wohlsten. Hat jemand Einwände zu erheben?“

Die hatte keiner anzumelden, Hasard konnte fortfahren. „Ben, du übernimmst Pete, Al, Smoky, Sam Roskill, Bob Grey, Will und Donegal“, sagte er. „Zufrieden?“

„Aye, Sir.“

„Ferris, demnach bleiben in deiner Gruppe noch genau sieben Mann: Ed, Stenmark, der Kutscher, Blacky, Jeff Bowie, Bill und Luke.“

„Richtig, Sir. In Ordnung.“

Der Seewolf nahm nun drei Hölzchen in die Hand, von denen das eine kürzer als die anderen war. Er hielt sie so, daß sie alle dieselbe Länge zu haben schienen, dann ließ er Ben und Ferris je eins davon ziehen. Wer das kürzere Hölzchen erhielt, würde mit seiner Gruppe ohne Boot sein.

Sie verglichen ihre Lose miteinander. Ferris hielt das kürzere zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. Er nickte und versuchte zu grinsen. „Gut, das wär’s dann wohl.“ Er drehte sich zu seiner Gruppe um, die sich inzwischen von den beiden anderen Achter-Trupps abgesondert hatte. „Wir bleiben also ohne Boot, Leute, und müssen sehen, wie wir uns weiter durchschlagen.“

Der Profos kratzte sich an seinem mächtigen Kinn. „Das mit dem Franzosen – wir sollten es ruhig mal prüfen, finde ich. Ich denke, der Bursche wird uns nicht gleich einen Schuß vor den Bug setzen, wenn doch, haben wir ja immer noch zwei Höllenflaschen.“

Blacky sagte: „Vielleicht ist das doch eine reelle Chance für uns. Wie ist es, Sir, stellst du uns die eine Jolle noch zur Verfügung, damit wir bis zur Reede segeln können?“

„Das ist doch selbstverständlich“, erwiderte der Seewolf und ihm wurde immer elender zumute.

Ferris Tucker trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Ja, also dann – wir verabschieden uns wohl schon mal voneinander, ich meine, das wäre doch das – äh, ach, verdammt, hol’s der Teufel, mir fallen jetzt nicht die richtigen Worte ein.“

Hasard räusperte sich. „Aber mir. Es ist doch wohl Ehrensache, daß wir alle euch zu dem Franzosen begleiten, und das mit dem Abschied können wir also vorläufig noch mal verschieben. Los, auf was wartet ihr noch? Zurück in die Boote!“

Sie stiegen wieder ein und lösten die Leinen, dann legten sie ab und setzten die Segel. Hölle und Teufel, dachte Ben Brighton, während sie Kurs auf die Reede von Damiette nahmen, was ist das bloß für eine beschissene Situation!

Sie waren zwar alle harte Kerle, und es war auch nicht das erste Mal, daß die Crew der „Isabella“ auseinandergerissen wurde, aber die bevorstehende Trennung ging ihnen allen doch sehr nahe.

Schweigend verrichteten die Männer in beiden Jollen die erforderlichen Manöver. Hoch am Wind liegend glitten sie auf den Hafen von Damiette zu, dessen Piers, Kaimauer und Häuser sich nun immer deutlicher vor ihnen abhoben.

Die Silhouette des französischen Schiffes zeichnete sich gestochen scharf im Sonnenlicht vor ihnen ab, und bald vermochten sie den Namen am Heck zu erkennen: „Mercure“.

„Merkur, der Götterbote“, brummte Ben Brighton. „Na, wunderbar. Vielleicht ist das ja ein gutes Omen.“

„Das weiß der Henker“, sagte Ferris Tucker. „Die Frage ist eben, ob er zurück nach Frankreich segelt oder nicht. Was mag wohl sein Heimathafen sein?“

Darauf konnte vorerst niemand eine Antwort geben, doch sie sollten es noch erfahren. Die „Mercure“ entpuppte sich vor ihren Augen als eine nicht besonders große Galeone mit drei Masten. Fockmast und Großmast waren vollgetakelt, der Besanmast führte ein Trapezsegel an einer langen Rahrute.

„Bewaffnet ist der Kamerad auch“, sagte Dan O’Flynn. „Ich sehe vier Stückpforten an der Backbordseite der Kuhl, also werden es auf der anderen wohl auch vier sein.“

„Außerdem hat er noch zwei Drehbassen achtern und zwei weitere vorn“, fügte Hasard hinzu.

„Wahrschau!“ erklang in diesem Augenblick ein Ruf von Bord der Galeone. „Wer seid ihr? Was wollt ihr?“ Der Ausguck hatte sie längst entdeckt, aber erst jetzt, da er ganz sicher war, daß die beiden Jollen das Schiff anliefen, meldete er sich.

Hasard erhob sich und legte beide Hände als Schalltrichter an den Mund.

„Philip Hasard Killigrew und seine Crew von der ‚Isabella‘!“ rief er zurück. Die französische Sprache beherrschte er leidlich gut, er gab sich Mühe, die richtigen Ausdrücke zu benutzen. „Ich möchte mit eurem Kapitän sprechen!“

„Dreht bei!“ rief der Franzose. „Wartet!“

„Na, dann warten wir mal“, sagte Hasard. Es klang nicht sehr zuversichtlich. Warum verließ ihn ausgerechnet jetzt, da sie sich trotz aller Widrigkeiten bis zur Mündung des Nils durchgekämpft hatten, der Mut? Er wußte es selbst nicht.

Ein paar Minuten vergingen, dann erschien über ihnen – am Schanzkleid des Hauptdecks der Galeone – eine bemerkenswerte Gestalt – ein kleiner, ungemein drahtiger und vital wirkender Mann, grauhaarig, mit einem ledrigen Gesicht, wasserhellen Augen und einer schmalen, etwas gekrümmten Nase. Diese Einzelheiten konnten die Seewölfe mit dem bloßen Auge erkennen, denn sie waren inzwischen nah genug heran.

„Mein Name ist Pierre Delamotte!“ rief der Kapitän. „Wer, zum Teufel, seid ihr, Männer? Engländer?“

Sehr freundlich klang das nicht, und Hasard bereute schon, den Franzosen überhaupt angepreit zu haben. Aber ein Zurück gab es jetzt nicht mehr.

„Killigrew heiße ich“, erwiderte er. „Das habe ich Ihrem Ausguck eben schon gesagt, Capitaine. Wir sind alle waschechte Engländer, bis auf unseren schwarzen Kameraden aus Gambia und Stenmark, den Schweden.“

„Dagegen habe ich nichts einzuwenden!“ sagte Delamotte laut, und diesmal war er schon etwas freundlicher. „Heraus mit der Sprache, was führt Sie zu mir, Monsieur Killigrew?“

„Wir haben unser Schiff verloren und sind dazu gezwungen, mit den Beibooten an der ägyptischen Küste entlangzusegeln“, erklärte der Seewolf, obwohl ihm auch dies nicht gerade leichtfiel. „Da die Mannschaft aber zu groß ist, wollte ich Sie fragen, ob Sie einen Teil meiner Crew zu sich an Bord nehmen können – gegen Bezahlung natürlich. Mit anderen Worten, wir möchten für acht Männer eine Passage buchen, oder aber sie heuern bei Ihnen an, Capitaine.“

Delamottes Miene hatte sich merklich aufgehellt, jetzt lachte er sogar.

„Das ist ja kaum zu fassen!“ rief er. „Mon Dieu, Sie schickt wirklich der Himmel, Monsieur Killigrew! Steigen Sie erst mal an Bord, damit ich Sie gebührend empfangen kann!“

So gingen die Jollen bei der „Mercure“ längsseits, und wenig später enterten die Seewölfe an der Jakobsleiter auf.

Delamotte empfing sie mit aufgeräumtem Gebaren auf dem Hauptdeck, führte sie dann aufs Achterdeck, ließ Wein bringen, stieß reihum mit ihnen an und sagte: „Ich will ganz ehrlich sein. Sie helfen mir aus der Klemme, meine Herren. Die ‚Mercure‘ ist nämlich total unterbemannt.“

Hier lag nun der Gedanke nahe, mit der kompletten „Isabella“-Crew auf der französischen Galeone anzuheuern, doch Hasard mußte rasch feststellen, daß Delamotte damit nun wieder überfordert gewesen wäre. Acht Männern konnte der Dreimaster Logis und Arbeit bieten, nicht aber einer Gruppe von vierundzwanzig Mann. So blieb es bei dem ursprünglichen Vorhaben: Ferris und seine Männer würden sich in die Musterrolle eintragen.

Vorher aber fragte Hasard Delamotte: „Sind Sie denn wirklich auf dem Rückweg nach Frankreich?“

„Aber gewiß doch“, erwiderte der Kapitän. „Unser Heimathafen ist Brest, wir haben Gewürze geladen. Eigentlich hätten wir schon längst ankerauf gehen und absegeln müssen, doch – wie gesagt – es fehlte uns an den nötigen Besatzungsmitgliedern. Ich wollte schon versuchen, an Land ein paar Leute zu pressen, so weit war ich, stellen Sie sich das vor! Aber jetzt sind Sie hier, meine Freunde, und ich muß Ihnen gestehen: Ich bin wirklich entzückt.“ Mit diesen Worten sah er zu Ferris Tukker, zu Carberry, der Sir John auf seiner linken Schulter sitzen hatte, zu Stenmark, dem Kutscher, Blacky, Jeff Bowie, Bill und Luke Morgan und nickte ihnen anerkennend zu.

„Sie könnten jetzt also sofort ankerauf gehen?“ erkundigte sich Ferris noch einmal der Vorsicht halber.

„Natürlich“, erwiderte Delamotte. „Es ist mir eine Freude, denn Damiette geht mir allmählich auf die Nerven. Ich kann den Singsang der Muezzins nicht mehr ertragen, verstehen Sie?“

„Ja, das verstehen wir sehr gut“, sagte Hasards rothaariger Schiffszimmermann grinsend. „Da geht’s uns nicht anders.“

„Wollen wir darum die erforderlichen Formalitäten gleich erledigen?“ fragte Pierre Delamotte.

Das wollten die Seewölfe, sie waren einverstanden, denn Delamotte schien ihnen ein Mann zu sein, auf dessen Schiff man die Überfahrt bis nach Brest getrost antreten konnte. Delamotte, das sollte sich noch herausstellen, war eine Mischung aus Spitzbube, Geschäftsmann und Spaßmacher, dabei aber auch ein harter Brocken von Kerl und ein exquisiter Seemann. Mit den Spaniern stand er grundsätzlich auf dem Kriegsfuß, weil diese ihm schon mehrere Male Ladungen, die er aus dem Orient nach Frankreich bringen wollte, beschlagnahmt oder, wenn man es anders ausdrücken wollte, „entsteißt“ hatten. Er segelte auf eigene Rechnung, und wenn er eine Ladung bis nach Brest durchbrachte, erzielte er einen ansehnlichen Gewinn.

So schien die Ferris-Tucker-Gruppe nun doch das beste Los gezogen zu haben. Sie blieb auf der „Mercure“ und trat an das Schanzkleid, während Hasards und Bens Gruppen wieder an der Jakobsleiter in die Boote abenterten.

Es gab einen kurzen, wehmütigen Abschied, und ausgerechnet Batuti, diesem Herkules von Menschen, rollte dabei eine dicke Träne über die Wange. Er schämte sich ihrer nicht, und er fand auch nicht, daß es etwas Schlimmes war, wenn man bei einem solchen Anlaß rührselig wurde.

Schließlich ging es seinen Kameraden nicht anders, nur wollten sie es nicht so offen zeigen. Da wurde gehüstelt und gefrotzelt, man sprach leere Worte und versuchte zu lachen. Dan O’Flynn wollte einen Witz anbringen, aber der mißlang, und Ferris Tucker trat schon wieder von einem Fuß auf den anderen.

„Na, dann macht’s mal gut!“ rief Hasard zuletzt noch. Besonders geistreich war das auch nicht – aber was sollte er sonst sagen? „Es bleibt dabei, wir treffen uns entweder bei Doc Anthony Freemont oder bei Nathaniel Plymson in der ‚Bloody Mary‘ wieder!“

„Aye, Sir!“ rief Ferris. „Also, gute Reise!“

„Ja, die wünschen wir euch auch.“

Doc Freemont oder Plymson in der „Bloody Mary“ – das klang fast so, als stünden deren Häuser drüben, im Hafen von Damiette, als könne man zu ihnen hinüberspucken. Doch sowohl Freemont als auch Plymson saßen daheim in Plymouth und hatten keine Ahnung davon, daß die Seewölfe ihre Adressen als gemeinsamen Treffpunkt vereinbart hatten.

„Auf Wiedersehen“, sagte Ben Brighton. „In drei, vier Wochen schätze ich.“

„Und wenn es fünf werden?“ fragte Blacky von Bord der Galeone aus. „Ist das schlimm?“

„Ach wo“, antwortete Ben. „Nur besteht die Gefahr, daß wir uns in der Zwischenzeit bei Plymson sinnlos vollaufen lassen. Wir sind nämlich auf jeden Fall eher da als ihr, und wenn wir den ganzen Weg mit den verdammten Jollen pullen müssen.“

Wieder wurde ein gezwungenes Lachen laut, und Carberry sagte: „Plymson, ja, der wird sich über unseren Besuch freuen. Wenn er’s doch schon wüßte.“

Ferris mußte jetzt doch grinsen. „Laß nur, Ed, es ist viel schöner, wenn unser Auftauchen zur Überraschung für ihn wird. Die Augen werden ihm aus dem Kopf fallen, das schwöre ich dir.“

Daran und an der Vorstellung, was für eine belemmerte Miene der feiste Plymson wohl ziehen würde, wenn er sie sah, zogen sie sich nun hoch, und sie gaben sich Mühe, den Frosch herunterzuwürgen, der ihnen beim Anblick der ablegenden Jollen im Hals saß.

Die Boote dümpelten immer weiter von der „Mercure“ fort – und dann gab Delamotte den Befehl, den Anker zu lichten. Ferris, der Profos, Blacky und die fünf anderen begaben sich auf ihre Posten. Die Spillspaken wurden in das Gangspill gesteckt, die Männer gingen im Kreis, und ruckend tauchte der Stockanker der Galeone aus dem Wasser auf. Schon kurze Zeit später wurden die Segel gesetzt, und die „Mercure“ lavierte auf See hinaus.

Noch einmal kehrten Ferris Tukker und seine sieben Begleiter an das Schanzkleid zurück und schrien ihr „Arwenack“ über die Reede von Damiette, als letzten Gruß an die Kameraden.

Hasard, Ben und die Männer in den Booten antworteten: „Arwe-nack! Arwe-nack!“

Noch zweimal stieß die Ferris-Tucker-Crew den alten Schlachtruf der Seewölfe aus, dann kehrten sie alle acht auf ihre Posten zurück.

„He“, sagte Ferris dabei zu Carberry. „Was wischst du dir denn im Gesicht herum?“

„Mir ist was ins Auge geflogen.“

„Sand?“

„Nein, ein Belegnagel, du Affenarsch!“ sagte der Profos wild.

In den beiden Booten blickten die Seewölfe recht betrübt und ratlos drein, aber Hasards Befehl purrte sie aus ihren bitteren Überlegungen hoch und holte sie zurück in die Wirklichkeit.

„An die Schoten!“ rief er. „Wir brechen ebenfalls auf!“

Keine halbe Stunde nach dem Auslaufen der „Mercure“ segelten also auch sie los, umrundeten Ras el-Bahr an der Mündung des östlichen Nil-Armes und steuerten an der Küste entlang westwärts.

11.

Die „Arwenack“-Rufe waren im Hafen von Damiette keineswegs ungehört geblieben. Hier, zwischen den Dhaus und Feluken, lag eine spanische Galeasse namens „San Antonio“. Ihr Kapitän Juan de Faleiro stand schon seit einiger Zeit an Deck und beobachtete die französische Galeone durch sein Messing-spektiv.

Ein hagerer Mensch war dieser de Faleiro, mit einem wahren Geiergesicht und stechenden dunklen Augen. Seine Glatze hatte er durch eine Perücke verdeckt, seine Kleidung war aus teuersten Stoffen gearbeitet, seine Hände waren gepflegt. Die Mannschaft sagte von ihm, er bestünde aus Gift und Galle, und in der Tat war er ein skrupelloser Menschenschinder, dem das Leben anderer so gut wie gar nichts bedeutete.

Seine Messerlippen hatten sich zu einem hämischen Grinsen verzogen. Er war jetzt Anfang der Fünfzig und hatte viel erlebt, doch seinen Ehrgeiz hatte nichts brechen können.

Seinerzeit, vor fünfzehn Jahren, hatte er eine Galeere kommandiert, die „Tortuga“, und auf jenem Schiff hatten einige Männer eines gewissen Philip Hasard Killigrew als Sklaven schuften müssen. Ein gewisser Dan O’Flynn, der mit zu dieser Bande von Hundesöhnen gehört hatte, hatte ihn, de Faleiro, damals niedergeschossen, als er den Befehl erhalten hatte, einen gewissen Ferris Tucker auszupeitschen.

Nach dem Schuß war Dan O’Flynn über Bord gesprungen, und jener Philip Hasard Killigrew und ein Mann namens Ben Brighton, die ihre Crew von der „Tortuga“ befreien wollten, hatten ihn aus dem Wasser gefischt. Schließlich war ihr Vorhaben gelungen – sie hatten ihre Männer befreit.

Und de Faleiro? Nun, der war damals von der Schußverletzung genesen, doch die spanische Marinebehörde hatte ihn im April 1577 zum Sündenbock gestempelt, weil es zwei lumpigen Engländern gelungen war, die „Tortuga“ zu entern, mit ihr dann die Silber-Galeone „San Mateo“ zu kapern und auf dieser nach England zu verschwinden.

Damit war de Faleiros Laufbahn als Seeoffizier so ziemlich am Ende gewesen – Grund genug für diesen ehrgeizigen Mann, die Engländer aus tiefster Seele zu hassen und zu verdammen. Er hatte es nie zum Kommandanten einer großen Kriegs-Galeone gebracht, sondern war ins Mittelmeer abgeschoben worden und Galeeren-Capitan geblieben.

De Faleiro wußte nur zu gut, daß der „Arwenack“-Ruf das Kampfgeschrei seiner erklärten Feinde war. Er war wie vom Blitz getroffen, als er ihn vernahm. In starrer Haltung stand er da und setzte das Spektiv nicht mehr ab.

„Kaum zu fassen“, murmelte er immer wieder. „Das sind sie, die Bastarde.“

Leider befand sich ein Teil seiner Offiziere gerade an Land, sonst hätte er sofort von der Pier in Damiette ablegen lassen, um die „Mercure“ zu verfolgen. Er wußte nämlich, daß der Franzose nach Brest wollte, hatte dies in der Stadt erfahren, und so konnte er sich leicht ausrechnen, welchen Kurs das Schiff nehmen würde.

Durch die Optik seines Rohres hatte Juan de Faleiro nur zu gut erkennen können, daß ein rothaariger Riese, ein großer Blonder, ein schwarzhaariger Kerl und ein hagerer Mann an Bord der „Mercure“ gegangen waren, zusammen mit den anderen, von denen er annahm, daß sie mit dazugehörten, obwohl er ihre Gesichter bislang noch nicht gesehen hatte, weil sie sich immer ungünstig gedreht hatten. Hin und wieder blendete ihn obendrein die Sonne, so daß er seine Beobachtungen vorerst auf die Personen jener vier Männer beschränken mußte.

Der Rothaarige war Ferris Tucker, die drei anderen hießen Stenmark, Blakky und der Kutscher, soviel war de Faleiro von damals her bekannt. Auf Ferris Tucker war der Spanier dermaßen fixiert – seinetwegen war er ja angeschossen worden –, daß er sich nicht weiter um die beiden Boote kümmerte, die zu einer entlegenen Pier zurücksegelten und dann ebenfalls den Hafen verließen.

Rache, dachte de Faleiro, fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, aber sie vergehen auch wie im Flug, und einen alten Haß können sie nicht ersticken. Kein Jahrhundert würde die Wunden heilen, die man ihm seinerzeit zugefügt hatte.

So faßte er den Entschluß, die Verfolgung der „Mercure“ aufzunehmen, sobald seine Offiziere wieder an Bord der „San Antonio“ zurückkehrten. Er würde bei diesem Vorhaben eindeutig im Vorteil sein, denn mit seiner Galeasse konnte er rudern und segeln und war schneller als die Dreimast-Galeone. Schlief der Wind ein, so leisteten die Ruder weiterhin Vortrieb, die Galeasse war also windunabhängig.

An vierzig Riemen, zwanzig auf jeder Schiffsseite, arbeiteten auf der „San Antonio“ hundertsechzig Gefangene, also pro Riemen vier Mann. Armiert war sie leidlich, auf dem Vorkastell befanden sich zwei 24-Pfünder. Allerdings konnten diese nur voraus im Jagdschuß feuern, wanderte das Ziel aus, mußte das Schiff nachdrehen. Auf der achteren Plattform standen auf jeder Seite je drei Relingsbüchsen, auf den Laufplanken außerhalb der Duchten auf beiden Seiten je vier Drehbassen. An Bord waren zwanzig Seeleute zur Bedienung der beiden Lateinersegel, für Ankermanöver und alle anderen erforderlichen Arbeiten, ferner fünfzig Seesoldaten für den Enterkampf und für die Bedienung der Stücke.

Somit, dachte de Faleiro mit einem befriedigten Blick auf sein Schiff, sind wir für ein Gefecht ausreichend gerüstet. Wir werden es diesen elenden Hurensöhnen schon zeigen. Diesmal bin ich der Sieger.

Davon war er schon jetzt fest überzeugt.

Am 29. Mai, als die Seewölfe mit ihren beiden Jollen Damiette erreicht hatten, spielte sich auf der Marsplattform der gesunkenen „Zeland“ der letzte Akt in dem Drama der Schiffbrüchigen ab.

Reuter und Pravemann hockten hungrigen Wölfen gleich nebeneinander auf ihren Plätzen, die sie seit Stunden nicht mehr verlassen hatten. Sie kauerten einfach nur da und rührten sich nicht. Jack Finnegan und Paddy Rogers versuchten immer wieder, eine Unterhaltung zu beginnen, doch selbst untereinander wußten sie nicht mehr, was sie sich sagen sollten.

Über Jan Martens Tod war seit der letzten Nacht kein Wort mehr gefallen, Piet Reuter hatte aufgehört, Finnegan deswegen als Mörder zu beschimpfen. Finnegan war jedoch weit davon entfernt, zu glauben, daß dies ein gutes Zeichen sei. Es war lediglich die Ruhe vor dem Sturm, der unweigerlich über sie hereinbrechen mußte.

Lähmendes Schweigen lastete drückend auf dem Mars. Die Haie umkreisten weiterhin den Großmast und die Marsplattform, in der beharrlichen Hoffnung, daß es bald Beute für sie geben würde.

Piet Reuter war es schließlich, der das lange anhaltende Schweigen brach.

„Her mit dem Wasser“, sagte er rauh und wies auf die Holzpütz, in der ein jämmerlicher Rest von dem aufgefangenen Naß stand. „Jetzt sind wir wieder dran.“

Finnegan schüttelte den Kopf. „Irrtum. Ihr habt zweimal eure Ration gehabt.“

„Und ihr sauft, soviel ihr wollt, wenn wir schlafen.“

„Das ist nicht wahr.“

„Das ist doch wahr“, sagte der Holländer mit dem Starrsinn eines Kindes. „Du weißt es, Finnegan.“

„Ich weiß nur, daß wir vernünftig bleiben sollten.“

„Vernünftig?“ Dirk Pravemann lachte heiser. „Fängst du wieder mit deinen schlauen Sprüchen an?“

„Her mit dem Wasser“, sagte Reuter, und diesmal klang es drängend. „Ich habe Durst, Mann. Gewaltigen Durst.“

„Ich auch“, flüsterte Pravemann gierig.

„Aufpassen, Paddy“, zischte Finnegan seinem Freund zu. Sie standen beide auf und nahmen eine abwehrende Haltung ein. Finnegan schob den Wasserkübel wieder ein wenig näher zum Rand der Plattform.

Reuter und Pravemann waren nun auch auf den Beinen und schoben sich langsam heran. Der Bootshaken, dachte Reuter, es ist schade, daß wir ihn nicht doch ergattert haben, aber Marten, dieser Idiot, mußte ihn ja von den Haien zerbeißen lassen. Ist nicht schade um den Kerl, der Teufel soll ihn holen.

Wasser, dachte Pravemann, mein Gott, die Zunge liegt mir wie ein Klumpen im Mund. Habe ich überhaupt noch eine Zunge? Sind mir die Zähne ausgefallen? Himmel, ich lalle beim Sprechen! Was ist los?

„Ihr begeht einen schweren Fehler“, warnte Finnegan die Holländer noch einmal. „Ihr könnt die Pütz nicht erkämpfen. Ihr kriegt sie nicht.“

„Rück sie freiwillig raus!“ schrie Reuter, und plötzlich lief er im Gesicht blutrot an.

Finnegan begriff, daß alles Reden keinen Sinn mehr hatte. Selbst auf einen Kompromiß hätten sich Reuter und Pravemann in ihrem jetzigen Zustand nicht mehr eingelassen. Der dünne Faden, der ihre fünf Sinne bis zuletzt noch zusammengehalten hatte, war offenbar gerissen. Sie waren nicht mehr Herr ihres Tuns, der Wahnsinn hatte ihren Geist verblendet.

Achteinhalb Tage hatten genügt, sie um ihren Verstand zu bringen, die Gewalt regierte die Stunde.

Reuter stieß mit einemmal einen gurgelnden Laut aus und stürzte sich auf Finnegan. Finnegan duckte sich, blockte den Hieb ab, der seine Brust treffen sollte, konterte und warf den Kerl zurück bis an den Mast.

Rogers wollte mit eingreifen, mußte sich jedoch auf Pravemann konzentrieren, der ihn in diesem Moment mit ungeahnter Schnelligkeit angriff. Sofort versuchte Pravemann, Rogers empfindlich zu treffen, und riß seinen Fuß hoch.

Es war eine gemeine, niederträchtige Art der Attacke, doch genau dies und nichts anderes hatte Rogers von dem Kerl erwartet, und aus diesem Grund war er in gewisser Weise sogar vorbereitet.

Er packte Pravemanns Bein, ehe der Fuß seine Lenden traf, und drehte ihn kurz, aber ruckartig, nach links. Der Holländer schrie gellend auf. Rogers ließ ihn los, Pravemann stürzte, Rogers warf sich auf ihn, und im nächsten Augenblick wälzten und balgten sie sich auf dem Boden der Plattform.

Reuter unternahm derweil seinen nächsten Ausfall gegen Jack Finnegan.

Er duckte sich, tauchte unter den Armen des Gegners durch, sprang vor und trachtete, den Engländer vom Mars zu befördern. Finnegan war jedoch auf der Hut und wich aus. Reuter fiel auf den Bauch, rutschte ein Stück und glitt um ein Haar über den Rand der Plattform.

Er hielt sich verzweifelt fest. Unter sich sah er die Dreiecksflossen der Haie, und plötzlich hatte er sein grausiges Ende deutlich vor Augen. Dann aber richtete er seinen Blick nach links und entdeckte die Pütz in seiner unmittelbaren Nähe.

Er gab einen undefinierbaren Laut von sich, halb Lallen, halb Grunzen, dann packte er die Pütz und versuchte, sie an seinen Mund zu bringen.

Jack Finnegan war schneller. Er trat mit dem linken Fuß zu und traf Reuters Hand. Reuter heulte auf, ließ los – die Pütz segelte über den Rand der Marsplattform und senkte sich in einem Bogen auf die Wasserfläche. Klatschend tauchte sie ein und versank für alle Zeiten. Nur die Haie, die sich für kurze Zeit in der falschen Annahme, dies sei eine Beute, um sie herum versammelten, kündeten noch davon, daß es sie überhaupt gegeben hatte.

Reuter klammerte sich an Finnegans Bein fest.

„Du Satan!“ schrie er. „Du willst uns alle umbringen! Nicht nur Marten hast du abgemurkst – du willst auch uns weghaben, Dirk und mich und dann auch deinen Bastard von einem Freund!“

Finnegan wollte sich losreißen, doch Reuter biß ihm ins Bein. Seine Augen weiteten sich und glänzten irre, er war zu allem fähig.

Finnegan unterdrückte einen Schmerzenslaut. Er holte mit der Faust aus, schlug zu, traf Reuters Schläfe und konnte sich jetzt, da der Mann stöhnend zurücksank, aus dem Griff befreien.

Paddy Rogers rang immer noch mit Pravemann, denn dieser entwikkelte in seinem Zustand unglaubliche Kräfte. Zuletzt lagen sie hart am Rand der Plattform. Pravemann war jetzt unter dem schweren Mann, doch es gelang ihm, das Knie hochzureißen. So traf er Rogers in den Unterleib. Rogers stöhnte auf und ließ den Gegner los. Dirk Pravemann kroch unter ihm weg.

Aber er hatte die falsche Richtung genommen, robbte ins Leere und hatte plötzlich keinen Halt mehr. Er stieß einen Fluch aus, krallte sich noch mit seinen dürren Händen fest, rutschte aber ab, dann stürzte er mit einem Schrei, der dem eines Menschen schon nicht mehr ähnlich war, ins Wasser.

Reuter griff Finnegan noch einmal an, um ihn ins Wasser zu stoßen, er tobte und bediente sich der gemeinsten, lästerlichsten Ausdrücke, um den Engländer zu beleidigen. Jack Finnegan packte mit beiden Händen zu, stemmte Reuter hoch und ließ den Kerl höchst unsanft auf den Planken landen. Eigentlich hätte Reuter jetzt ohnmächtig werden müssen, doch er erwies sich als zäher, als Finnegan angenommen hatte.

Rogers griff nach der Marsverstrebung, um sie Reuter über den Hinterkopf zu ziehen, doch dieser sprang bereits wieder auf und warf sich mit einem Laut, der einer Mischung aus Kreischen und Keuchen ähnelte, auf seinen Gegner.

Noch einmal wich Finnegan aus, um nicht von der Plattform gestoßen zu werden. Piet Reuter raste an ihm vorbei und konnte nicht mehr rechtzeitig genug seinen Lauf stoppen. Er hatte sich verrechnet. Schreiend stolperte er über den Rand, bewegte sich zuckend in der Luft und entzog sich dann ihren Blicken.

Sie hörten das Geräusch, mit dem er ins Wasser klatschte, und vernahmen auch sein Gebrüll. Pravemann schrie nicht mehr. Die Haie wühlten das Wasser auf, das Rauschen drang bis zu den beiden Überlebenden hinauf.

„Sieh nicht hin, Paddy“, sagte Finnegan. „Es ist zu schrecklich.“

„Ja. Aber …“

„Wir können sie nicht mehr retten, unmöglich.“

„Das weiß ich. Ich meine was anderes.“ Rogers kratzte sich am Hinterkopf und suchte nach den richtigen Worten. Du sollst dir diesmal keine Vorwürfe bereiten, verstehst du? Es ist nicht unsere Schuld, daß sie abkratzen. Es hätte sie so oder so erwischt. Wir können nichts dafür. Fast wären wir selbst verreckt.“

Finnegan sah ihn offen an. „Das war mal wieder eine lange Rede, mein lieber Paddy. Aber du hast ganz recht. Unsere Schuld ist es nicht. Außerdem sind wir die Pütz los und haben nicht die geringste Aussicht, sie wiederzukriegen.“

„Wir gehen also auch vor die Hunde?“

„Vor die Haie, Paddy“, sagte Finnegan betrübt. „Die kriegen ihre Beute, das siehst du ja. Sie sind die wirklichen Sieger in diesem Teufelsspiel.“

Auch er war jetzt der Verzweiflung nahe. Er nahm wieder auf der Plattform Platz. Rogers setzte sich neben ihn. Das Toben der Haie hatte aufgehört, Reuters Geschrei war verebbt, und jetzt trat Ruhe ein. Die Haie zogen wieder ihre Kreise.

So geht es auch mit uns zu Ende, dachte Jack Finnegan.

Es ist alles ungerecht, sagte sich Paddy Rogers, die ganze Welt ist ein einziger Dreck, jawohl.

Die Abenddämmerung kündigte sich durch das Heraufziehen von Schleiern am Horizont an. Finnegan blickte noch einmal auf, ohne Hoffnung, ohne jede Zuversicht, es könne sich doch noch etwas ereignen, das ihnen die Rettung brachte.

Plötzlich aber gewahrte er etwas, das zuvor nicht dagewesen war. Er hob den Kopf.

„Paddy“, sagte er leise. „Es ist doch nicht mehr so heiß, daß es eine Fata Morgana geben könnte, nicht wahr?“

„Eine was?“

„Na, eine Luftspiegelung, die dir irgendwas vortäuscht. Sieh doch mal genau hin. Dort drüben, an der südwestlichen Kimm – sind das nicht Masten?“

Rogers erhob sich mit einem Ruck und schirmte seine Augen mit der Hand gegen das verblassende rötliche Sonnenlicht ab.

„Jawohl, Mann!“ stieß er plötzlich aus. „Das sind Masten – drei Stück!“

Nun stand auch Finnegan auf. Sie hielten gemeinsam Ausschau nach dem nahenden Schiff, einer Galeone, kletterten in den Wanten hoch, soweit sie konnten, winkten wie die Verrückten, lachten und schrien: „Ho, he! Hierher! Holt uns hier weg, laßt uns hier nicht sitzen! Hierher!“

Schon packte sie die Angst, die Besatzung der Galeone könne sie nicht gesichtet haben, doch ihre Furcht war unbegründet. Der Ausguck der „Mercure“ hatte sie entdeckt, das Schiff lurte an und drehte noch vor Einbruch der Dunkelheit bei der gesunkenen „Zeland“ bei. Eine Jolle wurde in Lee abgefiert und bemannt und glitt auf die aus dem Wasser ragende Plattform zu.

„Was treibt ihr denn da oben?“ rief einer der Rudergasten auf französisch.

„Ich versteh’ kein Wort!“ erwiderte Jack Finnegan. „Könnt ihr Englisch oder Holländisch?“

Da richtete sich ein rothaariger Riese von der Heckducht des Bootes auf und sagte: „Englisch? Sag’ bloß, du bist ein Landsmann.“

„Engländer, jawohl!“ stieß Finnegan aufgeregt hervor. „Aus Harwich, Sir! Bin bei der Nordseefischerei gewesen, aber dann hat mich die verdammte Idee gepackt, auf einem verfluchten Käsefresser anzuheuern. Na, und so ist das alles passiert. Der Kahn hier heißt ‚Zeland‘. Ist vor neun Tagen abgesoffen – oder waren’s acht? Egal. Der große Kerl hier, das ist mein Freund, Sir, er heißt Paddy Rogers. Und ich – ich bin Jack Finnegan.“

Die Jolle legte am Mast an. Ferris Tucker, der von Kapitän Pierre Delamotte zum Bootsführer ernannt worden war, enterte an den Wanten auf und trat zu den beiden armen Teufeln auf die Plattform. Er hielt ihnen seine ausgestreckte Hand hin.

„Ferris Tucker, gebürtig aus Cornwall. Redet mich bloß nicht mit Sir an. Auch nicht mit Mister Tucker. Ich heiße Ferris.“

„Danke, Ferris“, sagte Jack Finnegan.

Tucker blickte dem bulligen Rogers ins Gesicht. „Und du?“ Er drückte Finnegans Hand, dann bot er seine Rechte auch Rogers an. „Sprichst du nie ein Wort?“

„Selten“, erwiderte Paddy Rogers. Dann aber grinste er und packte Ferris’ Hand. Dieser staunte nicht schlecht, als der Kerl sie ihm fast zerquetschte.

„Nicht schlecht“, sagte er. „Für zwei Schiffbrüchige seid ihr noch ganz schön beisammen. Wie wär’s, wenn wir hier jetzt erst mal verschwinden? Ihr seid doch lange genug hier gewesen, oder?“

Die beiden entgegneten darauf nichts, denn von unten tönten jetzt die übelsten Flüche herauf, und jemand schlug mit einem der Riemen nach den Haien, die das Boot anzugreifen versuchten.

„Ihr Kakerlaken! Ihr triefäugigen Seegurken! Wollt ihr wohl abhauen? Ich zieh euch die Haut in Streifen von euren Affenärschen, wenn ihr nicht sofort anbraßt und abzieht!“

„Himmel“, sagte Finnegan. „Wer ist denn das?“

„Das ist Edwin Carberry, der Profos der verschütteten ‚Isabella‘ “, erklärte Ferris stolz. Er blickte über den Rand der Plattform in die Tiefe und grinste. „Los, entert mit ab, die Luft ist rein. Ed hat die Haie tatsächlich verjagt. Na los, bewegt euch. Den Rest erzählen wir uns im Boot und dann an Bord der ‚Mercure‘.“

Als sie in der Jolle saßen und zurück zur Galeone pullten, richtete sich Jack Finnegan plötzlich hoch auf und fragte: „He, Ferris Tucker und Edwin Carberry – jetzt geht mir ein Licht auf! Ihr gehört zu der sagenhaften Crew von Philip Hasard Killigrew, dem Seewolf, nicht wahr?“ Plötzlich packte er seinen Freund und schüttelte ihn. „Mann, Paddy, wach doch auf, sag was! Das sind die berühmten Arwenacks, die Helden der englischen Nation!“

„Trag bloß nicht zu dick auf“, sagte der Profos grollend, aber er war insgeheim doch mächtig stolz, solche Worte zu hören.

Finnegan und Rogers sollten fortan absolute Parteigänger von Ferris Tuckers Gruppe sein und sie um ein eisernes Glied verstärken. Bessere Kameraden konnte man sich nicht wünschen, das ging auch Ferris, Ed, Stenmark, dem Kutscher, Blacky, Jeff, Bill und Luke schon nach kurzer Zeit auf – und auch Delamotte hatte keinen Grund, sich über seine neuen Passagiere zu beklagen.

Die „Mercure“ nahm die Bootsbesatzung über, die Jolle wurde wieder an Deck geholt, und kurze Zeit später segelte die Galeone weiter westwärts.

Fünf Stunden später sollte ihr die spanische Galeasse „San Antonio“ folgen, doch das ahnte zu diesem Zeitpunkt an Bord der „Mercure“ noch keiner …


1.

Die See war glatt wie seit Stunden. Über Juan de Faleiros Geiergesicht huschte ein befriedigtes Grinsen, als er mit der rechten Hand die Seekarte glattstrich, auf der er den Kurs verzeichnet hatte, den die französische Galeone „Mercure“ aller Wahrscheinlichkeit nach segeln würde.

Das dumpfe Pochen der Trommel, mit dem der Zuchtmeister den Takt für die Ruderer angab, klang wie Musik in seinen Ohren. Die „Mercure“ würde bei dieser Windstille nicht eine Seemeile am Tag segeln, er dagegen konnte mit seinen einhundertsechzig Rudersklaven in vierundzwanzig Stunden fast zweihundertvierzig Seemeilen zurücklegen.

Als sie aus dem Hafen Damiette ausgelaufen waren, hatte der Wind aus Norden geblasen, also würde die „Mercure“ Westen zum Norden steuern, damit sie Luvraum gewann, den sie brauchte, um Cyrene, die Spitze der Cyrenaika zu passieren und die Straße von Sizilien anzulaufen.

Juan de Faleiro wußte, daß er mit seiner Galeasse eindeutig im Vorteil war. Er konnte segeln und rudern. Mit den vierzig Riemen, die von je vier Ruderern bedient wurden, war er nicht auf günstigen Wind angewiesen. Nur bei heftigem Seegang, wenn es unmöglich war, die Riemen im Gleichklang durch das aufgewühlte Wasser zu peitschen, war er im Nachteil. Aber danach sah es zum Glück nicht aus.

In Juan de Faleiros kleine, stechende Augen trat ein gemeines Glitzern, als er daran dachte, was er mit den Engländern anstellen würde, wenn er sie in die Finger kriegte. Die Wut fraß ihn jedesmal auf, wenn er an die Schmach zurückdachte, die ihm diese Höllensöhne beigebracht hatten.

O ja, er erinnerte sich an jede Einzelheit, als ob es gestern erst geschehen wäre!

Er sah noch den jungen Burschen, den er hatte zwingen wollen, seinen eigenen Kameraden auszupeitschen. Der verdammte Kerl hatte statt dessen den Aufseher mit seiner Eisenfessel niedergeschlagen, einen der Seesoldaten mit einem Tritt vom Laufgang zwischen die Ruderbänke befördert und einem dritten die Muskete entrissen. Und dann – ja, dann hatte er noch das Mündungsfeuer und die Pulverdampfwolke gesehen, die aus der Mündung der Muskete hervorgequollen waren. Ein harter Schlag wie von tausend Nadeln gleichzeitig hatte ihn auf der Brust getroffen. Er hatte sich selbst schreien hören, dann war sein Bewußtsein von einem Augenblick zum anderen ausgelöscht gewesen.

Juan de Faleiro zitterte am ganzen Körper. Die Erinnerung brachte ihn fast um den Verstand. Er dachte daran, daß er ein paarmal mit dem Gedanken gespielt hatte, Schluß zu machen mit dem Leben, nachdem die spanische Marinebehörde ihn zum Sündenbock gestempelt und ihm den Verlust der Silbergaleone „San Mateo“ angelastet hatte, die von den Engländern gekapert und nach England entführt worden war.

Seine Verwundung war geheilt, nicht aber sein Haß auf die Engländer, die dafür verantwortlich waren, daß er immer noch im Mittelmeer stationiert war und eine Galeasse befehligte, statt, wie es ihm zustand, eine Kriegsgaleone zu führen.

Es war wie ein Schlag für ihn gewesen, als er im Hafen von Damiette diesen Schlachtruf „Arwenack“ gehört hatte, der ihm seit Jahren in seinen Alpträumen in den Ohren hallte. Und als er erkannt hatte, daß es dieselben Engländer von damals waren, die an Bord der „Mercure“ gingen, hatte für ihn festgestanden, daß die Zeit der Rache angebrochen war. Er hatte sofort Befehl zum Auslaufen gegeben, und er war fest entschlossen, das französische Schiff bis in den Atlantik zu verfolgen, um der verfluchten Engländer habhaft zu werden, die ihn in seinen bösen Träumen quälten und ihm keine Ruhe ließen.

Juan de Faleiros Kopf ruckte von der Karte hoch, als das dumpfe Pochen plötzlich abriß. Er hörte laute Stimmen über sich und sprang fluchend auf. Deutlich spürte er, daß die Riemen die Galeasse nicht mehr vorwärtsrissen. Mit ein paar Sätzen war er an dem Niedergang, der von seiner Kammer hinauf auf die achtere Plattform führte. Schnell wie eine Ratte huschte er hinauf und rannte oben fast seinen Ersten Offizier um.

„Was ist hier los, Señor Valencia?“ brüllte er aus Leibeskräften. Sein Geiergesicht mit den stechenden, dunklen Augen und den messerrükkendünnen Lippen war dunkelrot angelaufen. Die Perücke saß etwas schief auf seinem Glatzkopf. Er bot einen erheiternden Anblick, dennoch wagte niemand auch nur den Anflug eines Grinsens.

Jesus Valencia trat einen Schritt zur Seite, so daß der Blick für den Kapitän auf den Laufgang zwischen den Duchten frei wurde. Der Erste Offizier hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt, als er mit der ausgestreckten Linken auf vier Rudersklaven wies, die zusammengebrochen waren.

Einer der Aufseher, die mit langen Lederpeitschen auf dem Laufgang patrouillierten, holte nach einem kurzen Nicken de Faleiros mit seiner Peitsche aus und ließ sie auf die Rükken der beiden Ruderer an dem dritten Steuerbordriemen klatschen. Die beiden zusammengebrochenen Männer gaben nicht einmal einen Schmerzenslaut von sich. Einer versuchte, sich noch einmal aufzurichten und mit den beiden anderen Ruderern, die mit ihm zusammen auf der Ducht saßen, den Riemen anzuheben. Aber sie schafften es nicht. Der vierte war bewußtlos, sein schwerer Körper lag über dem Riemen.

„Gebt den verfluchten Hundesöhnen die Peitsche!“ kreischte der Kapitän.

Ohne mit der Wimper zu zucken, folgten die Aufseher dem Befehl Juan de Faleiros.

Der Erste Offizier zitterte vor Zorn.

„Señor Capitán!“ stieß er gepreßt hervor. „Sehen Sie nicht, daß die Leute zu Tode erschöpft sind? Wenn Sie die Männer weiter so schinden, werden wir bald die Hälfte von ihnen verlieren. Sie rudern ununterbrochen seit zwölf Stunden! Lassen Sie endlich eine Pause einlegen!“

Juan de Faleiro spuckte Gift und Galle.

„Sie vergessen eines, Señor Valencia“, erwiderte er mit zornbebender Stimme, „auf diesem Schiff gibt nur einer Befehle, und das bin ich!“

Wieder gab er den Aufsehern einen Wink, die zusammengebrochenen Ruderer mit Peitschenhieben zum Weiterpullen zu bewegen. Die Aufseher peitschten drauflos, als ob es ihnen Freude bereite, die grausame Arbeit auszuführen.

Jesus Valencia tauschte einen kurzen Blick mit Carlos Mendez, dem Zweiten Offizier der Galeasse „San Antonio“. Doch der hob nur die Schultern. Sein Blick drückte ebenfalls Abscheu aus, doch er schien nicht bereit, sich deswegen mit dem Kapitän anzulegen.

Juan de Faleiro schob sich an den beiden Offizieren vorbei und blieb neben der Ducht, auf der die beiden bewußtlosen Rudersklaven saßen, stehen. Er starrte auf die Männer, deren Rücken blutüberströmt waren. Jähzornig riß er plötzlich einem der Aufseher die Peitsche aus der Hand und schlug selbst auf die Männer ein. Er traf dabei auch andere, doch ihr Geschrei schien ihn nur noch wütender werden zu lassen.

Jesus Valencia hielt es nicht mehr aus. Er schüttelte die Hand des Zweiten Offiziers ab, der ihn zurückhalten wollte, und lief auf den Kapitän zu.

„Señor Capitán!“ rief er empört. „Sie schlagen die Männer tot!“

Juan de Faleiro drehte sich abrupt um, und einen Moment sah es aus, als ob er mit der Peitsche auf seinen Ersten Offizier einschlagen wollte. Doch im letzten Augenblick hielt er sich zurück. Er übergab die Peitsche wieder dem Aufseher.

„Das ist Insubordination, Señor Valencia“, sagte er mit eiskalter Stimme, die dem Ersten Offizier einen Schauer über den Rücken jagte. „Ich hätte nicht wenig Lust, Sie anstelle der ausgefallenen Sträflinge ans Eisen zu schmieden!“

Jesus Valencia wurde blaß. Doch dann straffte er sich und erwiderte: „Diese Männer werden Sie auch mit Peitschenhieben nicht wieder zum Rudern bringen, Capitán.“

Ein gemeines Grinsen zog die schmalen Lippen des Capitans in die Breite.

„Sie haben recht, Señor Valencia“, sagte er schmierig. „Die vier Kerle können uns nicht mehr von Nutzen sein. Und da Sie wissen, daß ich keinen überflüssigen Ballast an Bord dulde, möchte ich Sie bitten, jeden, der nicht mehr in der Lage ist, seinen Riemen zu bewegen, über Bord zu werfen.“

Für einen Moment war es totenstill auf dem Schiff. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Jesus Valencia seinen Kapitän an. Er konnte nicht begreifen, was er da eben gehört hatte. Sein Blick glitt hinüber zum Vorderkastell, wo Ribera, der Teniente der fünfzig Seesoldaten stand und das Geschehen auf dem Laufgang die ganze Zeit beobachtet hatte. Aber Ribera schien sich aus allem heraushalten zu wollen. Er wußte, daß der Kaptiän an Bord eines Schiffes die absolute Befehlsgewalt hatte, was das Schiff und seine Besatzung betraf. Er selbst war für seine Soldaten verantwortlich.

Jesus Valencia schüttelte den Kopf, als er sah, daß niemand bereit war, ihm zu helfen. Er wandte sich dem Kapitän zu, der mit sadistischer Genugtuung die Qualen beobachtete, die er seinem Ersten Offizier mit seinem Befehl bereitet hatte.

„Das war ein Befehl, Señor Valencia“, sagte er grinsend. „Oder beabsichtigen Sie, zu meutern?“

Jesus Valencia brachte keinen Ton hervor. Er spürte die hämischen Blicke der Aufseher, die ihn haßten, weil er sie schon häufig vor den Rudersträflingen zusammengestaucht hatte, und er sah die bedauernden Gesichter des Teniente und Carlos Mendez’, des zweiten Offiziers, der ihm nicht helfen konnte.

In seinen Augen stand Verzweiflung, als er den Kopf hob und sagte: „Ich kann Ihren Befehl nicht ausführen, Señor Capitán. Mein christlicher Glaube verbietet es mir.“

Das Gesicht des Capitáns verzerrte sich. Das Grinsen verschwand, und Jesus Valencia wußte, daß er genau die richtigen Worte gefunden hatte, die ihn noch einmal aus diesem Verhängnis befreiten. Juan de Faleiro konnte ihn nicht der Meuterei bezichtigen, wenn er sich auf seinen Glauben berief. Zu viele Männer würden später die Worte bezeugen können, die Jesus Valencia gesprochen hatte. Und wenn de Faleiro auch vor dem Marinegericht recht erhalten würde, wenn er seinen Ersten Offizier wegen Meuterei bestrafte, so würde er der Inquisition wahrscheinlich nicht entgehen.

Wütend wandte sich Juan de Faleiro von ihm ab und brüllte seine Aufseher an, seinen Befehl in die Tat umzusetzen.

Sie zögerten nicht eine Sekunde. Mit wenigen Handgriffen waren die Ketten der Bewußtlosen gelöst. Ein leises Murren ging durch die Reihen der Rudersträflinge, aber ein paar brutale Peitschenhiebe brachte die Männer sofort zum Schweigen.

Die vier bewußtlosen Ruderer wurden über die Ducht auf den Laufgang über der Apostis gezerrt, wo die Seesoldaten zur Seite wichen. Wie Säcke wurden die Männer ins Meer geschleudert.

Jesus Valencia hatte die Hände zu Fäusten geballt. Er nannte sich im stillen einen Feigling, daß er den Mord an den Sträflingen ohne Widerspruch zuließ, aber er wußte auch, daß es seinen eigenen Tod bedeutete, wernn er gegen den Kapitän vorging.

Juan de Faleiro wartete ab, bis auch der letzte für ihn unbrauchbare Sträfling ins Wasser geklatscht war, dann drehte er sich um und winkte den Teniente vom Vorderkastell zu sich.

Ribera näherte sich mißtrauisch dem Kapitän. Er hatte bisher wenig Reibungspunkte mit ihm gehabt, weil sie noch nicht in ein Gefecht mit anderen Schiffen verwickelt worden waren, seit er seinen Dienst auf dieser Galeasse angetreten hatte, aber ihm war nicht verborgen geblieben, daß jeder auf diesem Schiff, mit Ausnahme der Aufseher, Juan de Faleiro aufs Blut haßte.

„Uns fehlen vier Ruderer, Teniente“, sagte der Kapitän kalt. „Suchen Sie vier Ihrer Soldaten aus, die ihre Aufgabe übernehmen. Wir brauchen im Moment jeden Mann, wenn wir die französische Galeone noch einholen wollen.“

„Was haben Sie gesagt, Señor Capitán?“ Der Teniente glaubte, nicht richtig gehört zu haben. „Meine Männer sollen auf die Ruderbänke?“

„Ihre Ohren sind noch gut, Teniente“, erwiderte de Faleiro gallig. Offensichtlich hielt er den Teniente für schwer von Begriff.

„Von meinen Männern wird keiner auf einer Ruderbank sitzen“, sagte der Teniente fest.

Der Kapitän schluckte ein paarmal. Sein Gesicht lief wieder dunkelrot an. Mit einer heftigen Bewegung rückte er seine Perücke zurecht, die ihm über die Augen zu rutschen drohte. Er riß einem seiner Aufseher die Peitsche aus der Hand, aber bevor er den Arm zum Schlag erheben konnte, hielt der Teniente eine Pistole in der Hand, deren Lauf genau auf de Faleiros Bauch gerichtet war.

Rundum auf dem äußeren Laufgang war plötzlich Bewegung. Jesus Valencia sah, wie die Seesoldaten ihre Musketen leicht angehoben hatten.

„Niemand zwingt einen meiner Männer Sklavendienste zu verrichten“, wiederholte der Teniente unerschrocken. „Sie wissen, Señor Capitán, daß Sie damit Ihre Kompetenzen überschreiten. Für meine Männer ist niemand anderer als ich verantwortlich. Wenn Sie jemanden zum Rudern brauchen, dann nehmen Sie welche von Ihren Leuten.“

Bevor Juan de Faleiro sich wieder fing, sagte Jesus Valencia schnell: „Wir können mit zwei Riemen weniger rudern, Señor Capitán. Unsere Geschwindigkeit wird dadurch nicht wesentlich geringer.“

„Ich befehle hier!“ brüllte de Faleiro. „Profos! Vier Mann auf die Duchten! Und sorgen Sie dafür, daß die alte Geschwindigkeit beibehalten wird, sonst lernt ihr mich alle kennen!“ Seine Stimme überschlug sich fast. Abrupt drehte er sich um und verschwand wieder durch das Schott in seine Kammer unter der achteren Plattform. Es sah fast so aus, als ergreife er die Flucht.

Der Profos rief vier Namen auf. Er mußte sie ein paarmal brüllen, bis sich vier Männer bequemten, zu ihm auf den Laufgang zu treten. Sie protestierten lautstark gegen die ungerechte Behandlung, denn schließlich waren sie als Seeleute angeheuert und nicht als Rudersklaven.

Ein paar Maulschellen des Profos’ und Peitschenschläge der Aufseher brachten sie an ihren Platz.

Jesus Valencia preßte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. An Bord dieses Schiffes herrschte die nackte Gewalt, und er war nicht in der Lage, dem abzuhelfen. Zu groß war die Macht des Kapitäns, der einer persönlichen Rache wegen seinen Auftrag vergessen hatte, und seine Männer zu Tode schindete.

Als das dumpfe Pochen der Trommel wieder den Takt der Riemenschläge diktierte und sich die Galeasse langsam in Bewegung setzte, konnte der Erste Offizier der „San Antonio“ angesichts seiner Ohnmacht kaum die Tränen zurückhalten. Er hatte nie in seinem Leben den Wunsch verspürt, einem anderen Menschen Böses anzutun, doch in diesem Moment wäre er bereit gewesen, Juan de Faleiro zu töten.

2.

„Nimm deine dreckigen Griffel weg!“

Stenmarks Stimme klang schneidend. Er starrte den Giftzwerg wütend an, der sich an sein Lager geschlichen und nach dem breiten Ledergurt getastet hatte, der Stenmark als Kopfkissen gedient hatte.

Der Franzose, der nicht mehr als fünf Fuß maß, verzog sein schmales Gesicht zu einem Grinsen und erwiderte in gebrochenem Englisch: „Zeigt uns, was Ihr in den Gürteln versteckt, Suédois, dann habt Ihr eure Ruhe.“

„Ich kann dir was aufs Maul geben, Franzmann, dann hab’ ich auch meine Ruhe“, sagte Stenmark böse. Er band seinen breiten Ledergürtel, den Will Thorne ihnen allen genäht hatte, wieder um. Er dachte nicht daran, irgend jemandem auf die Nase zu binden, daß der Segelmacher der alten „Isabella“ Perlen, Juwelen und Goldstücke darin vernäht hatte, mit denen er ein halbes Königreich aufkaufen konnte. Der Giftzwerg vor ihm sah aus, als würde er einem Mann schon wegen ein paar Sous die Kehle im Schlaf durchschneiden.

„Du kannst nicht immer auf das Ding aufpassen, Suédois“, sagte der Giftzwerg. „Ich bin von Natur aus neugierig.“

Stenmark konnte sich nicht mehr beherrschen. Er trat einen schnellen Schritt vor, packte den kleinen Mann vorn am Hemd und hob ihn ohne große Mühe hoch.

„Hör mal zu, du halbe Portion!“ stieß er schnaubend hervor. „Du gehst mir langsam auf den Geist. Wenn du noch mal deine langen Griffel nach meinem Gürtel oder einem von meinen Kameraden ausstreckst, dann kannst du mit den Fischen Haschen spielen, verstanden?“ Er ließ den Giftzwerg los, daß dieser auf die Planken stürzte, sein Gleichgewicht verlor und sich auf den Hosenboden setzte.

Doch wie der Blitz war er wieder hoch. Das Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden. Seine kleinen, dunklen Augen blitzten vor Wut.

Stenmark konnte gerade noch ausweichen, als die rechte Hand des Franzosen vorzuckte und die schmale Klinge eines Messers sein Hemd an der Seite aufriß.

Er stieß einen überraschten Schrei aus. Instinktiv packte seine Linke zu und umklammerte das Handgelenk des Giftzwerges so hart, daß diesem nichts anderes übrigblieb, als das Messer loszulassen. Der Teufel mochte wissen, woher der Kerl das Ding so schnell gezaubert hatte.

Als es auf die Planken polterte, klatschte Stenmarks Linke bereits in das schmale Gesicht des Franzosen, der daraufhin ein Gebrüll anstimmte, als würden die Türken das Schiff entern.

Plötzlich waren Stenmark und der Giftzwerg nicht mehr allein im Vordeck. Ein Berg von einem Mann schob sich neben den kleinen Franzosen und baute sich drohend vor Stenmark auf. Ohne den Blick von dem Schweden zu nehmen, fragte er den Kleinen etwas. Der sprudelte ein paar Worte heraus, und Stenmark war überzeugt, daß der überwiegende Teil davon Lügen waren.

Der Riese starrte Stenmark aus grauen Augen an. Er sagte etwas, was Stenmark nicht verstand. Dann zuckte seine Faust vor, aber der Schwede war darauf gefaßt gewesen und wich geschickt aus. Er hatte mit der Rechten die Schnalle seines breiten Ledergürtels wieder geöffnet, und als der Riese sich schnaufend herumwarf, um ihn wieder anzugreifen, schleuderte er seinen Gürtel mit einer blitzschnellen Bewegung hoch, so daß die Schnalle dem großen Franzosen um die Ohren klatschte.

Stenmark wußte, wen er vor sich hatte. Der Riese war der Decksälteste der „Mercure“, und in seinen Fäusten sollte die Kraft eines Hammers stecken. Das hatte ihm den Namen „Marteau“ eingebracht, was im Englischen Hammer hieß.

Als der Riese röhrend in die Knie ging und sich die aufgeplatzte linke Wange hielt, wich Stenmark vorsichtshalber zwei Schritte zurück. Aus den Augenwinkeln sah er, daß ein weiterer Franzose auftauchte, ein blonder Kerl, der zwar etwas kleiner war als Marteau, dafür vielleicht aber noch breiter. Er war ein Bretone und sprach von allen Männern an Bord das beste Englisch.

„Was ist hier los?“ fragte er Stenmark.

„Der Giftzwerg wollte mir meinen Gürtel klauen“, erwiderte Stenmark, „dann hat er Marteau ein paar Lügen erzählt, und der ist auf mich losgegangen.“

Die stahlblauen Augen des Bretonen verengten sich. Offensichtlich gefiel ihm nicht, daß Stenmark seine Kameraden als Lügner beschimpfte. Er wandte sich an den Decksältesten, der sich langsam erhob, und fragte ihn was auf Französisch.

Stenmark fluchte leise in sich hinein. Er fragte sich, wo seine Kameraden blieben. Sie mußten doch auch bemerkt haben, daß hier im Vorschiff was los war!

Als der Giftzwerg zu grinsen begann, wußte er, daß die Sache brenzlig wurde. Der Bretone, der der Bootsmann der „Mercure“ war, wandte sich wieder an Stenmark. Er wies auf den breiten Ledergürtel, den Stenmark in der rechten Hand hielt.

„Zeig uns den Gürtel!“ befahl er hart.

Stenmark schüttelte den Kopf.

„Ihr müßt ihn euch schon holen, wenn ihr ihn haben wollt!“ sagte er kalt.

Ein Grinsen zog die etwas wulstigen Lippen des Bretonen in die Breite. Mit einer ausholenden Bewegung wies er auf Marteau und dann auf sich.

„Glaubst du, daß du gegen uns beide lange auf den Beinen bleibst?“ fragte er. „Gib den Gürtel her, und du ersparst dir ein paar gebrochene Rippen.“

Stenmark war sich klar darüber, daß hier mit Worten nichts mehr auszurichten war. Er entschied sich, die Lücke nebem dem Decksältesten, in der der Giftzwerg stand, zu nutzen, um aus dem Vorschiff auf die Kuhl zu gelangen, wo sich Carberry, Ferris Tucker und die anderen aufhalten mußten.

Er fintete plötzlich auf den Bretonen zu, sein Gürtel wirbelte wieder durch die Luft, traf den Decksältesten abermals am Kopf, wich zur Seite aus und rammte den Giftzwerg mit der Schulter, daß dieser wie von einem Katapult geschleudert gegen einen Balken prallte und schreiend zu Boden ging.

Auch Stenmark schrie. Allerdings nicht vor Schmerzen. Er brüllte seinen Kampfruf hinaus, der seine Kameraden zu Hilfe holen würde.

„Arwenack!“

Fast hätte er es geschafft, an Marteau, dem Hammer, vorbei in die Kuhl zu entwischen. Doch der Riese, der bestimmt vom Schlag mit dem schweren Ledergürtel Ohrensausen hatte, war noch so weit bei Besinnung, daß er instinktiv sein rechtes Bein zur Seite ausstreckte.

Stenmark sah es zu spät. Er stolperte. Mit rudernden Armen versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten, schaffte es nicht und krachte schwer auf die Decksplanken.

Marteau ließ sich einfach auf ihn fallen. Die mächtigen Pranken des Riesen krallten sich in den Ledergürtel und versuchten, ihn Stenmark zu entreißen.

Der Schwede schüttelte schnell seine Benommenheit ab. Er stieß seine linke Faust hoch und traf Marteaus Nase. Der Riese brüllte vor Schmerzen. Offensichtlich hatte Stenmark seine empfindlichste Stelle erwischt. Dennoch ließ der Kerl den Gürtel nicht los.

Neben sich spürte er das Zittern der Planken. Er fragte sich, warum der Breteone nicht in den Kampf eingriff. Als er den Kopf etwas drehte, sah er den Grund. Der Bootsmann lag neben ihm auf den Planken, alle viere von sich gestreckt.

„Ed! Gott sei Dank“, flüsterte er.

Er sah, wie Edwin Carberry den Riesen, der immer noch auf ihm hockte, im Genick packte und ihn hochriß. Klatschend landete Carberrys Handrücken im Gesicht des Decksältesten, dann erhielt der Riese einen Stoß und taumelte gegen den Giftzwerg, der sich gerade wieder aufgerappelt hatte. Zusammen gingen die beiden zu Boden.

Hinter Carberry tauchten Ferris Tucker, Blacky und Jeff Bowie auf. Sie schirmten das Geschehen vor den anderen Franzosen ab, die den Lärm mitgekriegt hatten und nachsehen wollten, was es wohl im Vorschiff gegeben hatte.

Carberry zog Stenmark zur Seite.

„Was war los?“ fragte er.

Stenmark berichtete keuchend.

„Sie sind ganz versessen darauf, zu erfahren, was es mit unseren Gürteln auf sich hat“, sagte er zum Schluß. „Ich glaube, daß wir noch eine Menge Ärger kriegen.“

„Wir sollten die Schneckenfresser alle über Bord schmeißen“, knurrte Blakky, „dann hätten wir unsere Ruhe.“

Carberry schüttelte den Kopf. Sein hartes, narbiges Gesicht spiegelte die Sorgen wider, die ihm die Entwicklung an Bord der „Mercure“ bereitete.

„Ich werde mir den Bootsmann mal vorknöpfen, wenn er wieder klar aus der Wäsche gucken kann“, sagte er grollend. „Wenn er Stunk an Bord haben will, dann kann er ihn kriegen. Er braucht nur das Maul ein bißchen zu weit aufzureißen, dann werde ich es ihm kalfatern, daß er sich durch die Nase ernähren muß.“

„Affenarsch!“ krächzte „Sir John“, der auf Carberrys Schulter flatterte und nach seinem Ohr hackte.

„Halt’s Maul, wenn ich rede“, sagte Carberry.

Ferris Tucker wiegte den Kopf und schaute seine Kameraden an, die sich inzwischen alle um ihn, Stenmark und Carberry geschart hatten.

„Ich habe auch schon überlegt, ob wir mal mit dem Kapitän oder mit Duval, seinem Steuermann, reden sollen“, sagte er nachdenklich. „Ich glaube kaum, daß das Erfolg haben wird. Wir müssen uns mit der Mannschaft auseinandersetzen. Wenn sie merken, daß mit uns nicht gut Kirschen essen ist, werden sie uns in Ruhe lassen.“

„Du meinst, wir sollen sie alle durchmangeln?“ fragte Bill grinsend.

„Wenn sie es nicht anders wollen, warum nicht?“ erwiderte Ferris. „Allerdings sind wir nur acht, und sie bringen mit dem Steuermann siebzehn Mann auf die Beine. Außerdem weiß ich nicht, wie sich Finnegan und Rogers verhalten werden.“

Carberry wischte Ferris’ Bedenken mit einer kurzen Handbewegung beiseite.

„Auf jeden von uns zwei Mann“, sagte er. „Das ist doch kein Verhältnis. Vielleicht sollten sich der Kutscher, Bill und Luke als Reserve zur Verfügung halten, damit sie einspringen können, wenn einer von uns anderen ein bißchen müde geworden ist.“

Es schien für sie alle klar, daß eine Kraftprobe unausweichlich war. Sie waren bereit, noch in dieser Minute loszulegen und den Schneckenfressern zu zeigen, was es hieß sich mit der Crew des Seewolfes aus Arwenack anzulegen.

Mit grimmigen Gesichtern starrten sie dem Bretonen und Marteau, dem Decksältesten entgegen, als die aus dem Vorschiff auftauchten und leicht schwankend über die Kuhl zum Achterdeck hinüberschlurften. Offensichtlich wollten sie dem Steuermann und dem Kapitän Bericht erstatten, daß die verdammten Engländer aufsässig wurden.

Jack Finnegan und Paddy Rogers, die beiden Engländer, die von der „Mercure“ aus dem Wasser gefischt worden waren, wichen den wütend vorbeistampfenden Franzosen aus.

Den beiden Männern war noch deutlich die Anstrengung ihres Zwangsaufenthalts auf dem Mars ihres gesunkenen Schiffes anzusehen. Sie hatten einen schlimmen Kampf mit den Elementen und mit drei Holländern hinter sich, in dem es um Wasser und damit ums nackte Überleben gegangen war. Jack Finnegan hatte nicht viel erzählt, aber Luke Morgan, der sich viel um die beiden gekümmert hatte, wußte inzwischen eine Menge von den beiden.

„Ich werde mit Jack und Paddy sprechen“, sagte Luke. „Ich glaube nicht, daß sie sich auf die Seite der Franzosen schlagen werden, wenn es hart auf hart geht. Und neutral können sie auch nicht bleiben.“

„Tu das“, sagte Ferris. „Zwei Mann mehr können nicht schaden. Auch wenn Ed allein mit den Schneckenfressern fertig werden würde.“

„Ja, ja“, murmelte Jeff Bowie. „Unser Profos und die große Schnauze von seinem Papagei.“

Carberry blickte ihn drohend an, sagte aber nichts. Schließlich konnten sie gerade jetzt keinen Streit unter sich gebrauchen. Aber irgendwann würden sie wieder ein eigenes Schiff haben, und dann würde er Jeff übers Deck jagen, bis ihm das Wasser im Hintern zu kochen begann!

3.

Jesus Valencia wußte, daß seine Karriere als Offizier der Spanischen Marine so gut wie beendet war, als er den Haß in den Augen seines Kapitäns Juan de Faleiro sah.

Sein Geiergesicht war verzerrt, die Mundwinkel waren weiß von getrocknetem Speichel. Er hatte die Perücke abgenommen und sah jetzt aus wie ein Gift und Galle spuckender Gnom aus der Unterwelt. Es fehlen ihm nur noch die Hörer, dachte Jesus Valencia.

„Sie wissen, warum ich Sie zu mir in die Kammer gebeten habe, Señor Valencia?“ begann er mit schleimiger Stimme, aber der Erste Offizier hörte die Boshaftigkeit, die in seinen Worten mitschwang.

„Ich bin mir keiner Schuld bewußt, Señor Capitán“, erwiderte er gepreßt.

„So.“ Juan de Faleiro erhob sich abrupt und ging hinter dem Tisch, auf dem eine Karte ausgebreitet lag, hin und her. „Sie finden es also völlig in Ordnung, wenn ein Untergebener seinem Vorgesetzten in Gegenwart der Mannschaft widerspricht und sogar Befehle verweigert.“

„Ich werde jeden Ihrer Befehle befolgen, Señor Capitán“, sagte Jesus Valencia, „wenn er nicht gegen mein Gewissen oder meinen Glauben verstößt.“

„So. Sie glauben also, daß ein Befehl, der der Erhaltung der vollen Manövrierfähigkeit und Gefechtsbereitschaft des Schiffes dient, gegen Ihren Glauben verstößt?“

„Der Tod der vier Rudersklaven war unnötig“, entgegnete Jesus Valencia fest. „Soweit mir bekannt ist, lautet unsere Order, nach geeigneten Handelsstützpunkten im östlichen Mittelmeerraum zu suchen und wenn möglich, mit den jeweiligen örtlichen Stellen Verträge abzuschließen. Die ‚San Antonio‘ ist nicht dafür ausgerüstet, französische Handelsfahrer zu kapern.“

Die weißen Flecken in den Mundwinkeln des Kapitäns wurden größer. Jesus Valencia kannte das. Gleich würde der Glatzkopf explodieren.

„Das ist Insubordination!“ kreischte de Faleiro. „Sind Sie sich eigentlich darüber im klaren, daß ich Sie an die Rah hängen lassen könnte? Sie haben nicht zu entscheiden, welche Aufgabe für die ‚San Antonio‘ wichtiger ist! Wissen Sie eigentlich, was die Engländer, die sich an Bord des Franzosen befinden, der Spanischen Krone angetan haben? Auf jeden ihrer Köpfe ist eine hohe Belohnung ausgesetzt!“

„Woher wollen Sie wissen, daß es sich um diese Engländer handelt, Señor Capitán?“ fragte der Erste Offizier.

„Haben Sie nicht den Ruf ‚Arwenack‘ gehört?“ Juan de Faleiro blickte seinen Ersten Offizier nicht mehr an. Er schien mit seinen Gedanken weit fort zu sein. Sein Gesicht hatte sich zu einer Grimasse des Hasses verzerrt, als er flüsternd sagte: „Ihr Kapitän, den sie Seewolf nennen, stammt aus Falmouth an der Küste Cornwalls. Er ist mit Drake gefahren, diesem Hundesohn, der unsere Kolonien in Westindien geplündert hat.“ Sein Blick war jetzt wieder klar und voll auf Jesus Valencia gerichtet. „Und Sie meinen, ich hätte kein Recht, diese Feinde Spaniens zu jagen?“

Jesus Valencia schwieg. Er wußte, daß Juan de Faleiro in der besseren Position war. Wenn es stimmte, was er behauptete, dann würde er immer Recht erhalten, wenn es hart auf hart ging. Dann würde ihn ein Marinegericht sogar freisprechen, wenn er ihn hier in der Kammer erschoß.

Der Kapitän sah, wie es in Jesus Valencia arbeitete. Ein häßliches Grinsen breitete sich auf seinem Geiergesicht aus. Er wußte, daß er wieder obenauf war, und er war entschlossen, Valencia für seinen Widerspruch zu demütigen.

Er wollte etwas sagen, doch in diesem Moment verstummte wieder der dumpfe Trommelschlag, der den Takt für die Ruderer angab.

Mit ein paar Schritten war Juan de Faleiro an seinem Ersten Offizier vorbei und stieg den Niedergang zur achteren Plattform hinauf.

Er hörte das laute Geschrei und das Klirren der Ketten durch den stärker werdenden Wind. Eine Peitsche klatschte auf den Rücken eines Ruderers, der sich schreiend krümmte.

Juan de Faleiro sah vorn auf dem Laufgang die Gestalt eines der Aufseher liegen. Sein nackter Rücken war blutüberströmt. Zwei andere Aufseher standen geduckt vor einem der Rudersklaven, der eine gebrochene Kette mit beiden Händen hielt und sie über seinem Kopf schwang.

„Teniente Ribera!“ brüllte Juan de Faleiro. „Schießen Sie den Kerl nieder!“

Der Teniente, der auf der vorderen Plattform neben einer Drehbasse stand, rührte sich nicht.

Die Stimme des Kapitäns überschlug sich vor Wut. Kaum ein Wort von dem, was er über die Lippen brachte, war zu verstehen. Er hastete auf den Laufgang und zerrte seine Pistole hervor, die er vorn im Gürtel seiner Hose stecken hatte.

„Zur Seite!“ brüllte er die beiden Aufseher an, die sich nicht an den Ruderer heranwagten. Die beiden gehorchten nur zu gern. Sie gaben dem Kapitän die Sicht auf den Rudersklaven frei, der immer noch seine Kette schwang, deren eines Glied er geknackt haben mußte.

Die Kugel aus der großkalibrigen Pistole des Kapitäns traf den Mann in die Brust und stieß ihn zurück gegen die drei anderen Ruderer, die mit ihm auf einer Duchts saßen. Sie schrien auf, als sie das Blut ihres Leidensgenossen an ihren Händen spürten, und einer von ihnen brüllte: „Schlagt endlich dieses Schwein von einem Kapitän tot!“

Ehe Juan de Faleiro reagieren konnte, war der Mann aufgesprungen, hatte die lose Kette aufgehoben, die dem Toten aus den Fingern geglitten war, und hieb damit auf de Faleiro ein.

Die Kette streifte den Kapitän an der linken Schulter und riß ihm das Wams entzwei. De Faleiro kreischte wie ein Schwein, das zur Schlachtbank geführt wird. Er stolperte und wäre fast auf der anderen Seite des Laufganges zwischen zwei Duchten gestürzt. Hände griffen instinktiv nach ihm, aber da fauchten die Peitschen der Aufseher durch die Luft und klatschten auf die Arme der Rudersklaven. Einer der Aufseher faßte nach dem linken Arm des Kapitäns und zog ihn auf den Laufgang zurück.

Schreiend riß sich Juan de Faleiro los. Der aufgerissene Ärmel seines linken Armes färbte sich dunkel von seinem Blut. Als er es sah, traten ihm die Augen aus den Höhlen. Der Zeigefinger seiner rechten Hand stach auf den Mann zu, der ihn mit der Kette getroffen hatte.

„Schließt ihn los!“ kreischte er. „Ich werde den verlausten Verbrechern zeigen, was es heißt, die Hand gegen den Kapitän zu erheben! Ich werde ein Exempel statuieren, daß euch Hundesöhnen ein für allemal die Lust vergeht, euch über Schläge und schlechte Behandlung zu beschweren!“

Er hastete den Laufgang zurück bis zum Tabernakel, neben dem Jesus Valencia stand und sich das Schauspiel ansah. Sein Anblick brachte Juan de Faleiro noch mehr in Rage. Er zitterte am ganzen Körper, und über seine flekkige Glatze lief der Schweiß in Strömen. Er wollte Valencia anschreien, doch dann durchzuckte ein Gedanke seinen Geierschädel. Das Zittern seines Körpers hörte von einem Moment zum anderen auf. Er drehte sich um und beobachtete, wie die Aufseher den Rudersklaven, der auf den Kapitän mit der Kette losgegangen war, zusammenschlugen und losschlossen. Zwei Seeleute trugen den schwer verwundeten Aufseher zur achteren Plattform. Der Mann war ohne Bewußtsein. Sein Rücken sah merkwürdig krumm aus, und Jesus Valencia, der mit zusammengekniffenen Lippen auf den Mann starrte, ahnte, daß die Kette dem Aufseher das Rückgrat gebrochen hatte.

Ihm wurde schlecht. Nicht so sehr vor dem Anblick eines halbtoten Mannes – die hatte er in vielen Seegefechten schon mehr als einmal gesehen. Nein, die brutale Gewalt, die an Bord der „San Antonio“ herrschte, bewirkte die Übelkeit, die ihn befiel.

Gewalt erzeugte Gegengewalt, und mit brutalen Schlägen wurde die Leistung eines Rudersklaven eher gemindert als gesteigert.

Jesus Valencia ahnte, daß der Kapitän das wußte. Wenn er dennoch duldete, daß seine Aufseher ihre Peitschen mit aller Brutalität einsetzten, und er es ihnen sogar befahl, dann blieb nur ein Schluß übrig: Juan de Faleior war ein Mann, der sich an den Qualen anderer weidete, der andere quälen mußte, um sich von Tag zu Tag neu seiner Macht bewußt zu werden.

Jesus Valencia starrte auf den schmalen Rücken des kleinen Kapitäns, der die „San Antonio“ in eine Hölle verwandelt hatte. Eine kurze Bewegung zum Gürtel, mit der er seine Pistole herausziehen würde, ein Krümmen des Zeige-fingers – und die Welt wäre von einem üblen Menschenschinder befreit.

Er schüttelte den Kopf. Er würde es nie fertigbringen, einen Menschen kaltblütig zu ermorden.

„Sein Rückgrat ist gebrochen“, hörte er die kalte Stimme des Kapitäns. „Gebt dem Mann eine Kugel, damit er nicht mehr leidet.“

Es war still an Bord. Nur der auffrischende Wind, der das Meer zu kräuseln begann, sägte jaulend an den Wanten.

Carlos Mendez, der Zweite Offizier, durchbrach das entsetzte Schweigen.

„Señor Capitán, wir sollten Segel setzen“, sagte er. „Der Wind frischt immer mehr auf, und die Ruderer brauchen unbedingt eine Erholungspause.“

Mendez sah sofort, daß die letzten Worte zuviel waren.

„Es wird weitergerudert, bis ich den Befehl gebe, die Riemen einzuholen!“ brüllte de Faleiro. Mit einem Wink rief er den Zuchtmeister heran und befahl ihm, den tödlich verwundeten Aufseher von seinen Qualen zu erlösen.

Der Zuchtmeister, sonst brutal wie der Kapitän, wurde ein wenig blaß um die Nase, aber er führte den Befehl aus, ohne lange zu zögern. Als das Echo des Schusses über der „San Antonio“ verhallt war, schien sich Juan de Faleiro wieder wohler zu fühlen. Er starrte den Rudersklaven an, den zwei Aufseher zwischen sich wie in einem Schraubstock hatten.

Der Mann hatte seinen Widerstand aufgegeben. Er wußte daß er ein todgeweihter Mann war, aber der Tod hatte für jemanden, der an Bord der „San Antonio“ Sklavendienste zu verrichten hatte, seinen Schrecken verloren.

„Hängt den Mann an die Rahnock!“ befahl Juan de Faleiro kalt. „Señor Valencia, Sie übernehmen die Hinrichtung. Sobald er baumelt, werden Segel gesetzt!“

Die Trommel wurde wieder geschlagen. Die langen Riemen tauchten ins Wasser und schoben das schlanke Schiff durch die unruhiger werdende See.

Jesus Valencia sah das hämische Grinsen des Kapitäns, und er wußte, daß er sich diesmal seinem Befehl nicht widersetzen konnte. Der Rudersträfling hatte den Kapitän angegriffen, und darauf gab es auf See nur eine Strafe: den Tod.

Mit leiser Stimme befahl Valencia den Aufsehern, die Leiche des von Juan de Faleiro erschossenen Ruderers über Bord zu schaffen und die Hinrichtung so schnell wie möglich vorzubereiten. Dann ging er über den Laufgang hinüber zur vorderen Plattform, wo Teniente Ribera, der Befehlshaber über die Seesoldaten, unbeweglich stand und ihm entgegenblickte.

Ribera schien zu spüren, was in Valencia vorging.

„Tut mir leid, Valencia“, sagte er leise, „aber ich konnte es nicht verhindern. Auf diesem Schiff sitzen die wahren Verbrecher nicht auf den Ruderbänken, sondern befinden sich auf dem Laufgang. Es ist ein Wunder, daß nicht schon längst etwas Derartiges geschehen ist. Die Leute werden bis aufs Blut gepeinigt, obwohl keine Veranlassung dazu besteht. Ich glaube, der Tote, den sie da gerade über Bord werfen, hat einen der Aufseher nur mal herausfordernd angeschaut. Der Aufseher hat ihn so lange gepeitscht, bis es ihm zuviel wurde und er plötzlich die Kette hochschwang und zuschlug. Er mußte das Glied schon irgendwann vorher gesprengt haben.“

Jesus Valencia nickte. So ähnlich hatte er sich die ganze Sache ebenfalls gedacht.

„Er ist der Kapitän“, erwiderte er nur.

Ribera nickte grimmig.

„Zum Glück hat er mir und meinen Männern nichts zu befehlen“, sagte er. „Wahrscheinlich wird er in Spanien einen Bericht über mich schreiben, aber er kann sich darauf verlassen, daß mein Bericht auch an die richtigen Stellen gelangt.“

Jesus Valencia war versucht, Ribera ins Vertrauen zu ziehen, aber er unterließ es. Konnte er dem Teniente trauen? Er wußte es nicht. Alles, was er gegen Juan de Faleiro plante, mußte für die anderen wie Meuterei aussehen. Und schließlich war es das auch. Nach seinen Beweggründen würde niemand fragen, wenn er versuchte, de Faleiro die Befehlsgewalt über die „San Antonio“ zu entreißen. Das war sowieso nur möglich, wenn er den Kapitän tötete.

Jesus Valencia schüttelte den Kopf. Er steckte in einer ausweglosen Klemme. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Mund zu halten und den Verbrechen des Kapitäns stillschweigend zuzusehen. Es sei denn, er nahm seinen eigenen Tod in Kauf.

Er ging zurück zur achteren Plattform. Der Kapitän hockte wieder in seiner Kammer und brütete wahrscheinlich über dem Kurs, den die französische Galeone genommen hatte. Carlos Mendez, der Zweite Offizier, wich seinem Blick aus. In den Gesichtern des Zuchtmeisters und der Aufseher sah er Schadenfreude und Gehässigkeit.

Die Seeleute hatten die Großrah abgefiert, so daß die eine Nock dicht über der achteren Plattform schwebte. Einer der Aufseher hatte eine Schlinge geknüpft und legte sie dem Rudersklaven um den Hals. Der Mann wehrte sich nicht. Er stand apathisch da und hatte sich in sein Schicksal ergeben.

Ein Schrei des Zornes und der Entrüstung stieg aus den Kehlen der Ruderer, als die Rah mit dem Delinquenten hochschwang. Sie brüllten sich heiser, bis sich ihr Leidensgenosse nicht mehr rührte und nur noch vom Wind hin und her bewegt wurde.

Jesus Valencia hatte mit bleichem Gesicht zugeschaut. Das Grinsen in den Gesichtern der Aufseher hatte wieder Übelkeit in ihm ausgelöst, doch er behielt sich in der Gewalt. Er wollte vor den anderen keine Schwäche zeigen und sich noch ihrem Spott aussetzen.

Als der Mann sich nicht mehr rührte, befahl er, ihn herunterzuholen und dem Meer zu übergeben. Er übertrug dem Zweiten Offizier, die Segel setzen zu lassen und beobachtete mit steinernem Gesicht, wie die Riemen eingeholt wurden und die Rudersklaven zu Tode erschöpft auf ihren Duchten zusammenbrachen.

4.

Kapitän Pierre Delamotte war im Gegensatz zu seiner Crew mit den acht Engländern, die der Zufall in Damiette an Bord seines Schiffes „Mercure“ geweht hatte, höchst zufrieden. Er hatte schon bald erkannt, daß die Kerle mehr vom Segeln und der Schiffahrt verstanden als er selbst. Überall, wo einer von den Teufelskerlen dabei war, klappte es. Segelmanöver wurden bereits ausgeführt, bevor er den Befehl dazu gegeben hatte, und das in einer akkuraten Manier, wie er es in seiner langen Laufbahn noch nie erlebt hatte.

Diese Männer schienen Neptuns Söhne zu sein, und manchmal wunderte sich Pierre Delamotte, daß sie nicht alle Flossen statt Beine hatten.

Natürlich war dem Kapitän nicht entgangen, daß sich der Neid auf die Neuen innerhalb seiner Mannschaft ausbreitete. Es war sicher kein schönes Gefühl, mit ansehen zu müssen, daß plötzlich ein paar Leute ohne viel Trara das Kommando an Bord ihres Schiffes übernahmen – noch dazu Engländer, die noch auf den Bäumen gehockt hatten, als die Bretonen schon zur See gefahren waren.

Pierre Delamotte gönnte es seiner Crew. Vor allem dem Bootsmann und dem Decksältesten Marteau, der meinte, weil er mit bloßer Faust einen Holzpflock einschlagen konnte, sei er der geborene Schiffsführer.

Als Marteau, der Bootsmann Breton und dieser unsympathische Typ, den sie vor einem halben Jahr in Dieppe an Bord genommen hatten, jetzt vor ihm standen, die Köpfe hochrot vor Wut, da schaffte er es gerade noch, sich ein Grinsen zu verkneifen.

„So geht das nicht weiter, Kapitän!“ sagte Breton, der Bootsmann. „Die verdammten Engländer schlagen uns auf unserem eigenen Schiff nieder!“

„So ganz ohne Grund?“ fragte Pierre Delamotte.

„Na ja“, meinte der Bootsmann. „Marchais wollte nur wissen, was es mit den breiten Ledergürteln der Engländer auf sich hätte. Plötzlich spielen die Kerle verrückt und fallen über uns her!“

Pierre Delamotte betrachtete das verschlagene Gesicht des Giftzwerges, der den Kopf schiefgelegt hatte. Er ahnte, daß sich die Geschichte wohl etwas anders abgespielt hatte, und zuckte mit den Schultern.

„Was die neuen Männer in ihren Gürteln haben, geht niemanden etwas an, wenn sie es nicht selbst erzählen“, sagte er ruhig. „Ich habe das Gefühl, daß ihr von den Engländern nichts zu befürchten habt, wenn ihr sie in Ruhe laßt. Ich möchte keinen Streit auf meinem Schiff. Das einzige, was mich interessiert, ist, daß ich meine Ladung heil nach Brest bringe.“

Seine Worte gefielen den anderen nicht. Er sah es ihnen deutlich an den Gesichtern an. Aber er konnte ihnen nicht helfen.

„Vertragt euch mit den Neuen“, fuhr er fort. „Wenn ihr irgendwelche Differenzen habt, dann erwarte ich, daß sie innerhalb der Mannschaft im Vorschiff geregelt werden. Guten Tag, meine Herren.“

Sie zogen ab wie begossene Pudel. Marteau schnaufte wie ein Walroß. Die Wut fraß ihn fast auf.

„Jetzt steht der Kapitän auch schon auf deren Seite!“ stieß er hervor. „Ich halte das nicht mehr aus. Ich glaube, lange kann ich mich nicht mehr zurückhalten, dann muß ich einem von ihnen die Fresse polieren!“

Marchais nickte. „Ich bin an deiner Seite.“

Der Decksälteste blickte den Giftzwerg von oben herab skeptisch an. Offensichtlich war er von der großzügig angebotenen Hilfe nicht gerade begeistert.

„Sie sind schließlich nur acht“, warf der Bretone ein. „Wenn wir alle mitmischen, dürfte es eigentlich keine Schwierigkeiten geben.“

Marteau, der Hammer, begann zu grinsen.

„Ich werde mir dieses Narbengesicht vornehmen, das so tut, als hätte es das Sagen auf unserem Schiff“, erklärte er. „Ich werde mit ihm das Deck aufwischen, ihn auswringen und dann zum Trocknen über die Nagelbank hängen.“

Sie steigerten sich in eine Euphorie hinein, daß sie meinten, das Spiel schon gewonnen zu haben. Sie beschlossen, die anderen auf die Auseinandersetzung vorzubereiten, und dann wollten sie sich einen schönen Grund aussuchen, einen Streit vom Zaune zu brechen. Schließlich hatte der Kapitän ja gesagt, daß sie ihre Differenzen im Vorschiff regeln sollten.

Der Kutscher hatte sich die Sauerei zwei Tage mit angesehen, dann war ihm der Kragen geplatzt. Er hatte sich Bill geschnappt und war mit ihm zur Kombüse marschiert, wo der Koch der „Mercure“, ein schmieriger Kerl, der unter ständigen Blähungen litt, sein Regiment führte.

Seiner Krankheit hatte er auch seinen Namen zu verdanken. Alle nannten ihn „Pet“, was im Französischen soviel wie Furz heißt. Und genauso, wie er hieß, sah seine Kombüse aus. Dem Kutscher war nach einem kurzen Blick völlig klar, daß in dieser Kombüse kein vernünftiges Essen gekocht werden konnte.

„Was wollt ihr verfluchten Hurensöhne hier“, sagte Pet und ließ wieder ein paar seiner Blähungen los. „Hier hat niemand was zu suchen. Ihr Gesindel wollt nur stehlen! Raus hier, verdammt noch mal!“

Er sprach ein gebrochenes Englisch, aber die Schimpfwörter beherrschte er phantastisch.

Bill trat einen Schritt vor, packte den schmierigen Kerl an der Jacke und fragte, zu dem Kutscher gewandt: „Sollen wir ihn im Abwaschwasser ersäufen?“

Der Kutscher schüttelte den Kopf. „Dann kriegen wir den Bottich nie wieder sauber.“

Der schmierige Kerl kriegte unter Bills Griff kaum noch Luft. Er wollte schreien, und der Versuch strengte ihn derart an, daß seine ungewaschene Visage knallrot anlief.

„Hör mal zu, du stinkender Furz“, sagte der Kutscher grimmig. „Ab jetzt übernehme ich die Kombüse. Dich Schmutzfink will ich hier nicht mehr sehen, verstanden? Wie die Mannschaft deinen Fraß überlebt hat, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Los, schmeiß ihn raus, Bill!“

Bill ließ sich das nicht zweimal sagen. Er stieß den schmierigen Bruder zur Tür und gab ihm einen Tritt. Danach hatte er das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, aber er entdeckte nirgends eine Möglichkeit dazu. Das Abwaschwasser stand sicher schon länger als eine Woche in dem Bottich und war offenbar immer wieder benutzt worden.

„Kipp bloß das Zeug über Bord“, sagte der Kutscher. „Ich glaube, wir brauchen mindestens zehn Bottiche Wasser, bis wir diesen Stall einigermaßen wieder sauber haben.“

Bill hievte den schweren Bottich ein Stück hoch, dann ließ er ihn wieder sinken.

„Das schaffe ich nicht allein“, sagte er. „Ich hole Stenmark und Blacky.“

Der Kutscher hörte schon nicht mehr hin. Er war jetzt wieder in seinem Element. Für einen Augenblick hatte er ein ungutes Gefühl, daß er diesen Pet einfach aus seiner Kombüse hinausgeworfen hatte, aber dann sagte er sich, daß es auch zum Besten der französischen Mannschaft war. Alle an Bord hatten sich über den schlechten Fraß des schmierigen Mannes beschwert.

Bill hörte Stimmen, als er die Kuhl betrat. Er vernahm das quäkende Organ des Koches, der auf ein paar andere Männer einredete. Er verstand kein Französisch, aber er wußte sofort, daß sich Pet über die demütigende Behandlung durch die Engländer beschwerte.

Rufe der Empörung wurden laut. Einer der Männer, die sich am Großmast zusammengeschart hatten, entdeckte Bill, als dieser an ihnen vorbei zum Vorschiff wollte.

Ein schriller Ruf wurde laut.

Bill begriff, daß Pet den anderen erzählte, daß er dabeigewesen war, als man ihn aus seinem Reich hinausgeworfen hatte.

Im Nu war Bill der Weg versperrt. Der Decksälteste baute sich vor ihm auf und sagte etwas auf Französisch.

„Nix verstehen“, sagte Bill und wollte vorbei.

Eine große Faust zuckte vor und kriegte Bill am Arm zu fassen. Er schrie auf. Der Griff war brutal.

Der blonde Bootsmann trat vor.

„Ihr verfluchtes Engländerpack!“ stieß er hervor. „Was bildet ihr euch eigentlich ein? Dies ist immer noch ein französisches Schiff. Wenn Pet auch ein miserabler Koch ist, so kocht er immerhin französisch. Meinst du, einer von uns hätte Lust, jeden Tag Hafermehlbrei, ausgelutschten Schinken und glitschige Pfannkuchen zu fressen?“

„Der Kutscher ist ein ausgezeichneter Koch!“ rief Bill, dem das Hemd zu eng wurde. „Er kann auch französische Gerichte! Und er furzt wenigstens nicht in die Speisen!“

Es nutzte alles nichts. Die Wut der Franzosen steigerte sich immer mehr. Für Bill war das Ganze unbegreiflich. Er konnte ja nichts von den Gesprächen zwischen Breton, Marteau und Marchais, dem Giftzwerg wissen, die inzwischen auch alle anderen aufgewiegelt hatten. Die Sache mit Pet hatte das Faß endgültig überlaufen lassen.

Bill ließ sich geschickt sinken, trat Marteau vors Schienbein und huschte an dem Bootsmann vorbei, als der Decksälteste ihn jaulend losließ. Einem der Kerle rammte Bill den Kopf in den Leib, einem anderen wischte er mit einem Rundschlag einen Belegnagel aus der Faust.

Dennoch hätten sie Bill zu fassen gekriegt und vielleicht sogar massakriert, wenn nicht plötzlich zwei große Schatten aufgetaucht wären, hinter denen Bill eine leichte Verschnaufpause einlegen konnte.

Carberry hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Die Muskelpakete an seinen Oberarmen schienen die Franzosen im ersten Moment zu schocken. Sie wichen zurück. Offensichtlich erwarteten sie, daß sich ihre beiden Stärksten, Marteau, der Hammer, und der Bretone um die muskelbepackten Engländer kümmern würden.

Carberry grinste Ferris Tucker an, der neben ihm stand.

„Die Schneckenfresser scheißen sich in die Hosen“, sagte er. „Im Märchenerzählen sind sie ganz großartig, aber wenn es zur Sache geht, ziehen sie immer sehr schnell den Schwanz ein.“

Der Bretone, der genau verstanden hatte, was Carberry gesagt hatte, spuckte Gift und Galle.

„Dein freches Maul muß man auch noch extra totschlagen, wenn du schon in der Hölle schmorst, Narbengesicht!“ stieß er wütend hervor. „Wir haben die Schnauze voll von euch Engländern. Die ‚Mercure‘ ist unser Schiff, auf dem Franzosen das Sagen haben und keine nachgemachten Normannen!“

Carberry holte schon aus, aber Ferris Tucker hielt ihn zurück. Er warf einen kurzen Blick hinter sich, um sich zu vergewissern, daß alle Seewölfe vollzählig versammelt waren und keiner von ihnen in einen Hinterhalt geraten konnte.

Stenmark und Jeff Bowie waren da, ebenso Bill, Luke Morgan und Blacky. Nur der Kutscher fehlte.

Seitlich von den Seewölfen standen Jack Finnegan und Paddy Rogers, aber sie schoben sich nun näher an die Gruppe der Engländer heran und bekundeten damit, daß sie gewillt waren, sich auf ihre Seite zu stellen, sobald es hart auf hart ging.

„Wo ist der Kutscher?“ fragte Ferris leise.

„In der Kombüse“, flüsterte Bill zurück. „Wir haben diesen furzenden Schmierfinken dort rausgeschmissen, damit wir endlich mal was Vernünftiges zu essen kriegen.“

Ferris Tucker blickte zu den Franzosen hinüber. Der schmierige Koch stand mitten unter ihnen. Offensichtlich dachte niemand daran, sich um den einen Engländer in der Kombüse zu kümmern.

Aus den Augenwinkeln sah Ferris den Kapitän Pierre Delamotte an der Galerie zum Achterdeck stehen. Er schaute interessiert zur Kuhl hinunter, unternahm aber nichts, um die drohende Auseinandersetzung zu verhindern. Für einen Moment glaubte Ferris, sogar ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht zu entdecken.

„Ihr seid nichts weiter als Schleimscheißer“, sagte Ferris Tucker zu den Franzosen. „Wenn ihr anständige Kerle wärt, müßtet ihr zugeben, daß jeder von uns besser ist als der stärkste Ochse von euch. Aber was soll man schon von Kerlen erwarten, die ihren Verstand in den Fäusten spazieren tragen …“

Das war für den Bretonen zuviel. Er stieß einen Schrei aus und gab damit das Signal zum Angriff. Einer der Franzosen zauberte eine Pistole unter seinem Hemd hervor, aber bevor er abdrücken konnte, krachte ein Schuß auf dem Achterdeck.

Alles erstarrte und blickte zum Achterdeck hinauf. Alain Duval, der Steuermann, stand an der Galerie und hielt eine Pistole in der rechten Hand, aus der noch Pulverdampf quoll. Vom Kapitän war nichts mehr zu sehen.

„Der Kapitän hat sich zu einem Schläfchen hingelegt“, sagte Duval mit ruhiger Stimme. „Er möchte keinen Lärm an Deck. Außerdem haßt er es, wenn sich Männer mit Messern und Pistolen auseinandersetzen. Er wird jeden hart bestrafen, der einen anderen mit einer derartigen Waffe verwundet, verstanden?“ Er drehte sich um und verschwand.

Die Männer auf der Kuhl sahen sich grinsend an. Pistolen und Messer polterten auf die Planken. Noch bevor das Klappern des letzten Messers auf den Planken verklungen war, holte der Bretone zu einem fürchterlichen Rundschlag aus, der Ferris Tucker von den Beinen holen sollte.

Ferris war nur eine Idee schneller. Er ging seinerseits zum Angriff über. So wirbelte die Faust des Bretonen hinter Ferris’ Schultern nur Luft auf, während der Bootsmann ein paar harte Brocken zu schlucken kriegte.

Da der Steuermann Lärm verboten hatte, vollzog sich die Auseinandersetzung, die die Machtverhältnisse an Bord der „Mercure“ ein für allemal klären sollte, in völliger Lautlosigkeit. Manch einer konnte einen Schmerzensschrei nicht ganz unterdrücken mußte sich dafür aber vorwurfsvolle Blicke der anderen gefallen lassen.

Carberry und Ferris Tucker kristallisierten sich als Mittelpunkt dieses mittleren Gemetzels heraus. Fast alle sechzehn Franzosen hatten sich zugleich auf die beiden gestürzt.

Ed war in seinem Element. Marteau, der wie ein Baum auf der Stelle stand und seine beiden Hämmer wirbeln ließ, traf öfter seine eigenen Leute als den verhaßten Gegner. Immer, wenn er einen Heumacher in den Wind gejagt hatte, spürte er die kräftigen Fäuste Carberrys, die vielleicht nicht ganz so groß waren wie die Marteaus, aber ebenso hart zuschlagen konnten.

Die anderen Seewölfe hätten eigentlich in aller Ruhe zuschauen können, bis Carberry und Ferris Tucker mit den anderen aufgeräumt hätten, aber das gefiel ihnen nicht.

Jeff Bowie, der ein paarmal vergeblich versucht hatte, in den dichten Kreis einzudringen, der Carberry und Ferris umlagerte, pickte sich seine Leute mit dem Haken an seiner linken Hand aus dem Pulk. Bevor die Gegner sich von ihrem Schrecken erholt hatten, schickte er sie mit gezielten Hieben auf die Planken, wo schon drei von ihnen herumkrauchten und ihre fehlenden Zähne suchten.

Der Kutscher war wieder an Deck erschienen, nachdem niemand aufgetaucht war, um den Bottich mit dem stinkenden Wasser abzuholen. Seine Augen wurden groß, als er das Tohuwabohu auf der Kuhl sah. Er packte die Bratpfanne, die er in der Hand hielt, fester und donnerte sie dem ersten Kerl, der in seine Reichweite geriet, auf die Rübe. Mit einem leisen Seufzer legte sich der Mann schlafen.

Der nächste drehte sich gerade um, als der Kutscher ausholte. Das war eine Menge Pech, denn wahrscheinlich hätte sein Hinterkopf den Schlag besser verdaut als seine Nase. Er jault auf wie ein getretener Hund, und ein paar der Männer zischten sofort: „Psst!“

Der Kutscher, dem nicht bekannt war, daß der Kapitän ein Nickerchen halten wollte, brüllte: „Ed, halt noch einen Augenblick durch, ich komme!“

Für einen Moment geriet die Schlägerei ins Stocken. Alle Köpfe ruckten herum, und der Kutscher schaute verdutzt, als er die vorwurfsvollen Blicke der anderen auf sich gerichtet sah.

„Ein Ton noch, du magerer Hering“, sagte der Bootsmann Breton keuchend und blinzelte mit seinen beiden blauen Augen, die sich schon fast geschlossen hatten, „und du wirst kielgeholt, klar?“

Der Kutscher heulte auf.

„Hast du gehört, wie der Schnekkenfresser mich genannt hat, Ed?“ schrie er. „Ich werde ihm …“

„Wenn du nicht sofort das Maul hältst, helfe ich dem Schneckenfresser dabei“, sagte Carberry knurrend. „Du weckst mit deinem Gebrüll den Kapitän auf!“

Der Mund des Kutschers blieb für einen Moment offen. Erst als die Faust des schmierigen Kochs der „Mercure“ unter sein Kinn krachte, schloß er ihn wieder.

Der Kutscher kochte vor Wut. Verdammt, warum sagte ihm nie jemand etwas? Immer war er der einzige, der von nichts wußte!

Pet, der zu wenig Kräfte hatte, um den Kutscher ernsthaft in Bedrängnis zu bringen, kriegte seinen Zorn zu spüren. Die Bratpfanne wirbelte und traf den schmierigen Kerl an allen Körperteilen, so daß er vor lauter Schmerzen sogar das Furzen vergaß. Er lief vor dem Kutscher davon, huschte durch eine Luke und ward für den Rest der Diskussion auf der Kuhl nicht mehr gesehen.

Die Franzosen hatten erkannt, daß es keinen Sinn hatte, wenn sie sich alle auf zwei Männer stürzten. So bildete sich eine zweite Gruppe, in derem Mittelpunkt Stenmark und Blacky standen. Aber auch gegen sie hatten die Franzosen nicht den Hauch einer Chance.

Die kampferprobten Seewölfe teilten wesentlich mehr aus, als sie einstecken mußten. Immer mehr Franzosen, die zu Boden geschickt worden waren, standen nicht mehr auf oder krochen zur Seite, um nicht noch mehr einstecken zu müssen.

Jeff Bowie, Luke Morgan und die beiden Engländer Finnegan und Rogers hatten es endlich geschafft, den Ring um Carberry und Ferris Tucker zu sprengen. Bill und der Kutscher waren unterdessen verschwunden.

Carberry brauchte sich nur noch um Marteau, den Hammer zu kümmern, als Jeff an seiner Seite auftauchte. Grinsend widmete er sich seiner Aufgabe.

Der „Hammer“ war inzwischen ziemlich müde geworden. Er brachte seine mächtigen Fäuste kaum mehr hoch, und wenn, dann bedeutete es für Carberry keine Schwierigkeit, den lahmen, langsamen Schlägen auszuweichen.

Marteaus Gesicht sah ziemlich demoliert aus. Seine Oberlippe war geschwollen, und wenn er keuchend Luft holte, war deutlich zu erkennen, daß ihm zwei Zähne fehlten, Die linke Augenbraue war aufgeplatzt. Seine linke Gesichtshälfte sah deshalb so wüst aus, weil er ein paarmal das Blut, das aus der Augenbraue lief, mit seiner Faust verschmiert hatte.

„Weißt du jetzt, wer hier an Bord das Sagen hat, solange wir auf diesem Kahn fahren?“ fragte Carberry zwischendurch.

Der Decksälteste der „Mercure“ schüttelte stöhnend den Kopf.

„Dief ift ein franföfiffef Fiff!“ sagte er durch seine fehlenden Zähne und keuchte wie ein Walroß, das gerade den Atlanktik durchquert hat. „Der Boff im Vorfiff bin ich!“

Carberry holte aus und langte kräftig hin. Der „Hammer“ krachte der Länge nach an Deck, steif wie eine Planke. Es gab eine Erschütterung, als sei die „Mercure“ auf Grund gelaufen.

„Du bist ein ziemlich müder Boff“, knurrte Carberry. Dann drehte er sich um und blickte die anderen wild an, die erstarrt dem Fall ihres für unbesiegbar gehaltenen Decksältesten zugeschaut hatten.

„Nun haltet endlich mal die Luft an, ihr Pfeifen“, sagte er grollend. „Niemand von uns hat die Absicht, sich dieses Schiff unter den Nagel zu reißen. Wir alle wollen nur so schnell wie möglich nach Old England zurück. Wenn wir bis Brest zusammenhalten, kann uns nichts passieren, und hinterher kann jeder von euch wieder den Boß spielen, das ist uns scheißegal.“

„Scheißegal!“ krächzte „Sir John“, der flügelflatternd auf der Galerie zum Achterdeck saß und sich das Geschehen aus luftiger Höhe angeschaut hatte.

Ein paar Kerle konnten sich offenbar mit der Niederlage nicht abfinden. Sie hatten sich um Marchais, den Giftzwerg, zusammengeschart und nahmen eine drohende Haltung ein. Marchais selbst und zwei andere hielten Messer in den Händen.

„Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen!“ sagte der Giftzwerg. Er hatte offensichtlich verstanden, sich aus der allgemeinen Keilerei herauszuhalten, denn im Gegensatz zu allen anderen sah er völlig frisch und unbeschädigt aus.

Stenmark trat neben Carberry.

„Der Hurensohn will bloß wissen, was wir in unseren Gürteln versteckt haben“, flüsterte er.

Carberry nickte.

„Den Kerl sollten wir über Bord werfen“, sagte er so laut, daß der Bretone ihn gut verstehen konnte. „Er ist eine miese, hinterhältige Ratte, und daß die anderen ihn unter sich dulden, wirft ein schlechtes Licht auf sie.“

Der Giftzwerg lief rot an. Er wollte einen Schritt vortreten, das spitze Messer in der vorgereckten Faust, als ihn etwas in den Rücken traf, über ihn hinwegschwappte und nach allen Seiten spritzte.

Der Giftzwerg kriegte im ersten Augenblick keine Luft mehr. Er ruderte hilflos mit den Armen. Seine Kleidung war von oben bis unten durchnäßt, und als er endlich wieder atmen konnte, sog er einen widerlichen Duft durch seine Nase.

Wild drehte er sich um. Er sah die grinsenden Engländer, die gerade einen Bottich abstellten, dessen Inhalt sie ihm über den Rücken gekippt hatten. Wie ein Berserker stürzte er sich auf den Kutscher, doch der hielt schon wieder seine Bratpfanne in der Hand und knallte sie gegen den Messerarm des Giftzwerges, der seinen Zahnstocher aufschreiend fallen ließ.

Die anderen waren alle zurückgewichen. Der Gestank des abgestandenen Abwaschwassers war geradezu widerlich.

„In dem Zeug hat euer Koch euer Geschirr abgewaschen!“ rief der Kutscher. „Wenn ihr weiterhin wie Schweine fressen wollt, soll es mir recht sein. Ich werde jedenfalls für meine Männer gesondert kochen.“

„Was denn?“ fragte der Bretone grollend. „Hafermehlbrei?“

„Habt ihr so was an Bord?“ fragte der Kutscher.

Der Bretone schüttelte den Kopf.

„Na also“, sagte der Kutscher. „Was ihr nicht an Bord habt, kann ich auch nicht kochen. Im übrigen habe ich immer ein offenes Ohr für die Wünsche der Mannschaft nach einem guten Essen.“

Die Lage hatte sich plötzlich entspannt. Keiner der Franzosen verspürte mehr den Wunsch, die Engländer ins Meer zu schmeißen. Manch einer von ihnen zollte den Neuen im stillen Achtung, denn wenn sie ehrlich waren, mußten sie zugeben, daß die Engländer besser waren als sie. Sie waren eine zusammengespleißte Mannschaft von Kameraden, in der einer für den anderen da war, wenn es brenzlig wurde. Eine Ratte wie Marchais hätten sie niemals unter sich geduldet.

Der Bretone trat Marchais in den Hintern, als dieser wieder zu keifen begann.

„Der Tanz ist vorbei, Marchais“, sagte er. „Wenn du dich hättest austoben wollen, wäre vorhin Gelegenheit genug gewesen, aber wie ich sehe, hast du es mal wieder geschafft, dich aus allem herauszuhalten.“

Der Giftzwerg zog den Kopf zwischen die Schultern. Seine gemein blickenden Augen huschten von einem zum anderen, und als er sah, daß er nirgends Unterstützung erwarten konnte, drehte er sich abrupt um und verschwand im Vorschiff.

Der Bretone blieb vor Carberry und Ferris Tucker stehen, ein verlegenes Grinsen im Gesicht.

„Tut mir leid“, begann er stockend. „Aber ihr müßt verstehen, daß es nicht einfach für uns …“

Carberry winkte ab.

„Wenn wir immer tun, was für das Schiff und seine Besatzung das beste ist, werden wir blendend miteinander auskommen“, sagte er. „Wir ziehen schließlich alle an einem Tampen.“

Der Bretone zögerte noch ein paar Sekunden, doch dann streckte er die Hand aus, und Carberry nahm sie und drückte sie, daß dem Bootsmann die Tränen in die Augen traten.

Auch Marteau, der Hammer, reichte Ferris Tucker die Hand. Er sagte allerdings nichts. Offensichtlich hatte er bemerkt, daß sich das Fehlen seiner Zähne ungünstig auf seine Aussprache auswirkte.

Bills helle Stimme störte die allgemeine Versöhnung.

„Zwei Mastspitzen achteraus!“ rief er vom Steuerbordschanzkleid über die Kuhl.

„Bill, du gehst auf Ausguck in den Hauptmars!“ befahl Carberry mit dröhnender Stimme.

„Ein Mann in den Hauptmars!“ ertönte die Stimme des Steuermanns vom Achterdeck.

Einen Augenblick später erschien der Kapitän an der Galerie und beobachtete zufrieden, daß man den Befehl schon ausgeführt hatte, bevor er ausgesprochen worden war.

„Was ist das für eine Volksversammlung!“ rief er zur Kuhl hinunter. „Habt ihr nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag zu quasseln? An die Brassen und Schoten, Leute. Vielleicht geht es bald rund, wenn es ein verfluchter Spanier ist, der unseren Kurs kreuzt!“

5.

Die „Mercure“ lief unter vollem Zeug, aber der Wind war nicht stark genug, um den Spanier, als der sich die zweimastige Galeasse entpuppt hatte, abzuhängen.

Pierre Delamotte war einem Tobsuchtsanfall nahe gewesen, als er nach mehreren Manövern erkannt hatte, daß die Galeasse darauf aus war, seine Galeone einzuholen. Er hatte sofort Gefechtsbereitschaft befohlen.

Der Kapitän der französischen Galeone „Mercure“ hatte so seine Erfahrungen mit den Spaniern. Seit sie ihn das erstemal gekapert hatten, um seine Ladung aus irgendeinem fadenscheinigen Grund zu beschlagnahmen, stand er mit ihnen auf Kriegsfuß. Sie hatten inzwischen viermal Erfolg bei ihm gehabt und ihm die wertvollen Gewürze, die er aus dem Orient nach Frankreich transportierte, entsteißt.

Delamotte war der Besitzer der „Mercure“, und er segelte auf eigene Rechnung. Wenn er seine Ladung heil nach Brest brachte, konnte er eine Menge Sous verdienen, aber eine verlorengegangene Ladung warf ihn um ein ganzes Jahr zurück.

Bisher hatte Delamotte es vermieden, sich gegen die Spanier mit Gewalt zur Wehr zu setzen, aber diesmal war er entschlossen, sich zu verteidigen. Er hatte es satt, sich von den Dons ruinieren zu lassen.

Seine schmale, etwas gekrümmte Nase stach spitz und etwas bleich aus seinem Ledergesicht hervor. Die wasserhellen Augen starrten zur Kimm, wo sich die Umrisse der spanischen Galeasse, die immer mehr Boden gewann, bereits deutlich abzeichneten.

Die „Mercure“ war keine große Galeone, aber mit ihren je vier Stücken auf den Kuhlseiten sowie den je zwei Drehbassen achtern und auf der Back war sie genügend bewaffnet, um der Galeasse gewachsen zu sein – wenn der Wind mitspielte.

Im Augenblick sah es schlecht aus. Der Wind flaute immer mehr ab. Die Galeasse sah aus wie ein großer, träger Vogel, der dicht über der Oberfläche des Wassers dahinschwebt. In nervenaufreibendem Rhythmus bewegten sich die Riemenreihen an beiden Seiten und trieben das schlanke Schiff unaufhaltsam näher an die Galeone heran.

„Merde!“ stieß der Kapitän hervor.

Eine krächzende Stimme antwortete mit demselben Wort.

Delamotte drehte sich um und sah den Narbenmann mit seinem Papagei auf der Schulter ein paar Schritte hinter sich stehen.

„Ganz schön begabt, das Kerlchen“, sagte Delamotte grinsend.

Carberry grinste zurück. „Leider behält er nur Flüche.“

Der Kapitän wies mit der Linken auf die Galeasse und reichte Carberry seinen Kieker.

„Erkennen Sie das Schiff?“ fragte er.

Carberry nahm den Kieker ans rechte Auge und kniff das linke zusammen. Er erschrak fast über die Geschwindigkeit, die der Spanier draufhatte. Er setzte den Kieker wieder ab und schüttelte den Kopf.

„Die Galeasse lag im Hafen von Damiette“, sagte Delamotte. „Sie muß kurz nach uns ausgelaufen sein.“

„Vielleicht hat sie nur den gleichen Kurs wie wir“, meinte Carberry, obwohl er wußte, daß die Galeasse ihren Segelmanövern bisher jedesmal gefolgt war.

„Lehr’ mich einer die Dons kennen!“ stieß der Kapitän hervor. „Sicher haben sie in Damiette erfahren, daß ich eine wertvolle Gewürzladung an Bord habe. Die Geier sind darauf aus, sie mir zu entreißen, darauf verwette ich meine letzten Zähne!“

Carberry blickte nach Nordwesten und sah die dunkle Wolkenwand über der Kimm aufziehen. Gleichzeitig spürte er, wie es abflaute, aber das kannte er. Das war die Ruhe vor dem Sturm, den sie so dringend brauchten, um der Galeasse zu entgehen. Die Frage war nur, ob die Galeasse nicht schon heran war, bevor der Sturm losbrach und soviel Wind in die Segel der „Mercure“ drückte, daß sie den Spaniern davonsegeln konnte.

Ferris Tucker hatte das Kommando über die Geschütze übernommen. Nach der Debatte auf der Kuhl, in der mit gewichtigen Argumenten die Machtfrage an Bord der „Mercure“ ausdiskutiert worden war, hatte niemand mehr ein Wort des Widerspruchs gewagt. Außerdem begriff jeder der Franzosen nach den ersten Befehlen Ferris Tuckers, daß hier ein Fachmann am Werke war, dem niemand unter der Crew Marteaus das Wasser reichen konnte.

Immer wieder glitten die Blicke der Männer nach Nordwesten, wo sich ein Wetter zusammenbraute. Selten hatten sich Seeleute so sehr nach einem Sturm gesehnt wie jetzt auf der „Mercure“.

Durch den Kieker konnte Pierre Delamotte erkennen, daß ein paar Männer die beiden unbeweglichen Kanonen unter der vorderen Plattform luden. Nach Delamottes Erfahrungen waren das mindestens Vierundzwanzigpfünder. Wenn es ihnen nicht gelang, rechtzeitig aus dem Kurs der Galeasse zu laufen, konnte eins dieser Geschosse die „Mercure“ auf den Grund des Meeres bohren.

Ein bißchen beruhigte Delamotte die Tatsache, daß die Spanier kein Interesse daran haben konnten, die „Mercure“ zu versenken. Schließlich würden sie sich dann nicht die wertvolle Ladung unter den Nagel reißen können. Aber Delamotte konnte ja nicht wissen, auf was der Kapitän der Galeasse wirklich aus war!

Es wurde immer kritischer.

Pierre Delamotte begann vor Wut zu zittern. Diesmal würden sie seine Gewürzladung nur über seine Leiche kriegen!

Er befahl seinen Leuten, vor den Wind zu gehen.

Die „Mercure“ fiel ab. Die Galeone wurde merklich schneller. Doch auch die Spanier vollführten diesen Kurswechsel. Sie holten auf.

Carberry sagte: „Wir sollten auf das Wetter zuhalten. Sonst schaffen wir es vielleicht nicht mehr.“

Der Kapitän nickte. „Geben Sie die Befehle, Monsieur Carberry.“

Grinsend wandte sich Carberry ab und befahl Stenmark ans Ruder. Alain Duval, der Steuermann und Lotse, schickte seinen Mann hinunter auf die Kuhl. Er selbst befahl alle Männer an die Schoten und Brassen, um sofort reagieren zu können, wenn die Spanier auf Fangschußweite heran waren.

Dann war es soweit.

Am Bug der schlanken Galeasse stieg eine graue Wolke hoch, und Sekunden später klatschte kaum einen Faden von der „Mercure“ entfernt eine Kugel ins Wasser und stieß eine Fontäne hoch.

Jeder war sich darüber im klaren, daß die Spanier einen Warnschuß abgefeuert hatten. Das Geschoß hatte verdammt gut gelegen, und Ferris Tucker, der am Backbordschanzkleid stand, erkannte, daß der Offizier der Seesoldaten auf der Galeasse sein Handwerk verstand.

In diesem Moment erwischte die erste Bö die „Mercure“ und füllte knatternd die Segel.

Carberry brüllte seine Befehle hinaus. Die Männer, Franzosen und Seewölfe, hasteten über die Decks. Jeder Befehl wurde umgehend ausgeführt, und dem Kapitän hüpfte vor Freude das Herz im Leib, als er sah, wie sich die Segel blähten und die „Mercure“ mit harten Drückern westwärts rauschte. Die Böen hauten aus Nordnordwest in die Segel.

Carberry brüllte etwas zu Stenmark am Ruder hinüber, und dieser ließ es sich nicht nehmen, Monsieur le capitaine zu zeigen, wie man auf der alten „Isabella“ mit solchen „Windchen“ umzuspringen gewohnt war.

Pierre Delamotte blieb die Spucke weg. Er starrte hinüber zur spanischen Galeasse und sah wieder Rauchwolken aufsteigen. Diesmal gleich zwei nebeneinander.

Er begann zu kichern, als er achteraus im Kielwasser zwei Wassersäulen aufgischten sah. Die Kugeln der Vierundzwanzigpfünder lagen zu kurz, und Delamotte wußte, daß es diesmal keine Absicht mehr war. Die Entfernung war für die Geschütze der Galeasse inzwischen zu groß geworden.

Der Sturm hatte genau im richtigen Augenblick eingesetzt. Jetzt waren sie es, die der Galeasse davonsegelten.

Die Männer auf der „Mercure“ brüllten vor Begeisterung, als sie sahen, wie die Ruderer der Galeasse ihr Tempo erhöhten, es aber dennoch nicht schafften, die Entfernung wieder zu verringern.

Und dann sahen sie, wie die Riemen an der Steuerbordseite einen Krebs fingen. Sofort scherte die Galeasse aus dem Kurs. Holzsplitter wirbelten durch die Luft, die Lateinersegel killten, und fast schlagartig erhöhte sich der Abstand zur „Mercure“ so sehr, daß es selbst bei normalem Wind Stunden gedauert hätte, bis die Galeasse wieder aufgeholt hätte.

Pierre Delamotte schlug Carberry begeistert auf die linke Schulter, daß Sir John auf der rechten Schulter zu hüpfen begann.

„Affenarsch, verfluchter!“ krächzte er empört. „Polier ihm die Fresse! Merde!“

Pierre Delamotte hielt sich den Bauch vor Lachen, und er dankte dem Wind, der ihm diese eisenharten Engländer an Bord geblasen hatte.

6.

Seit die Mastspitze der französischen Galeone an der Kimm gesichtet worden war, hielt sich Juan de Faleiro auf dem Tabernakel auf, der kleinen erhöhten Plattform am Ende des Laufgangs, die der Platz des Kommandanten einer Galeere oder Galeasse war.

In seinen stechenden dunklen Augen lag ein irrer Glanz. Alles in ihm triumphierte. Er hatte nicht daran geglaubt, daß er so schnell ans Ziel gelangen würde. Er wußte, daß es auf seinem Schiff ein paar Männer gab, die nur auf einen Fehler von ihm warteten, um ihm das Wasser abzudrehen. Er hatte sie alle mal wieder in den Sack gesteckt.

Voller innerer Erregung dachte er daran, welchen Triumph es für ihn bedeutete, wenn die Admiralität ihm, Juan de Faleiro, öffentlich Lob für seine Umsicht und sein kluges Handeln aussprechen mußte. Dann war es vorbei mit diesem jämmerlichen Dienst auf Galeeren und Galeassen im Mittelmeer. Dann konnte ihn niemand mehr bei der Verteilung der Posten übergehen, und auch er konnte sich endlich ein Stück aus dem großen Kuchen herausschneiden, der in den westindischen Kolonien gebacken wurde.

Er dachte an alte Kameraden, die mit ihm zusammen zur Seefahrtsschule gegangen waren. Einige waren inzwischen geadelt worden, bekleideten in den Kolonien hohe Posten und waren reich geworden.

Seine Gefühle drohten ihn zu zerreißen, als er an die Seewölfe dachte, die ihn vor fünfzehn Jahren ins Unglück gestürzt hatten. Auf einmal brannte seine Brust, und er spürte den Einschlag des Bleis in seine Brust, als sei es erst gestern gewesen, daß einer dieser verfluchten Engländer auf ihn geschossen hatte.

„Teniente!“ brüllte er zur vorderen Plattform hinüber. „Alles klarmachen zum Gefecht! Sind die Jager geladen?“

„Si, Señor Capitán!“ rief Ribera zurück. Diesmal hatte er den Anordnungen des Kapitäns zu gehorchen, denn es ging um einen Angriff auf einen Feind.

Juan de Faleiro preßte die Lippen aufeinander, daß sie kaum noch zu sehen waren. Er warf einen kurzen, lauernden Blick zur Seite, wo sein Erster Offizier stand. Ja, du hast Grund dazu, blaß zu sein! dachte er. Mein Erfolg wird dein Untergang sein!

Jesus Valencia hatte den Blick seines Kapitäns bemerkt und las vom Gesicht de Faleiros ab, was dieser dachte. Dennoch blieb er seltsam ruhig. Er hatte die Nacht über kaum geschlafen, und gegen Morgen war er sich klar geworden, daß er nicht dafür geschaffen war, Ungerechtigkeiten einfach hinzunehmen. Noch einen solchen Tag wie gestern würde er nicht widerspruchslos über sich ergehen lassen, das hatte er sich geschworen. Er würde nie wieder tatenlos zusehen, wie ein Mensch vor seinen Augen ermordet wurde.

Er ärgerte sich nicht über das Glück Juan de Faleiros, daß sie die französische Galeone so schnell eingeholt hatten. Er wußte, daß Glück trügerisch sein konnte.

Sein Blick glitt von der Galeone hinüber nach Nordwesten. Der abflauende Wind war ein Zeichen dafür, daß sich irgendwo eine Wetterfront näherte. Dann sah er auch schon die dunklen Wolken an der Kimm und ahnte, daß das Glück dem Kapitän doch nicht so sehr hold war, wie dieser vielleicht annahm. Im ersten Moment wollte er de Faleiro auf die Sturmfront hinweisen, doch dann unterließ er es. Er hätte sich nur einen weiteren Rüffel eingehandelt.

„Teniente Ribera!“ brüllte Juan de Faleiro. „Setzen Sie dem Franzosen einen Warnschuß hinters Heck!“

Der Teniente gab seinen Leuten unter der Plattform ein Zeichen. Eine knappe Minute später brüllte einer der beiden Jager auf und spie seinen Vierundzwanzigpfünder der Galeone entgegen.

Das Geschoß lag gut. Es schlug nur knapp einen Faden hinter der Galeone ins Wasser.

Juan de Faleiro schrie: „Gut gezielt, Teniente!“ Doch dann erbleichte er. Er hatte wie alle anderen auf der Galeasse gesehen, wie eine Bö die Segel des französischen Schiffes plötzlich bauschte. Es war, als ginge ein Ruck durch die Galeone.

„Señor Capitan“, sagte Jesus Valencia, „ein Sturm zieht auf. Wir sollten die Riemen einholen und die Segel verkürzen.“

Der Zuchtmeister nickte und blickte Juan de Faleiro an.

Der geiergesichtige Kapitän schien vor Wut fast zu zerspringen. Seine Stimme überschlug sich.

„Pullt weiter!“ brüllte er. „Schneller, sage ich! Wir haben die verfluchten Hunde gleich!“

Jesus Valencia sah, daß der Kapitän der französischen Galeone das einzig Richtige tat und unter den fallwindartigen Böen westwärts davonrauschte.

„Feuer!“ brüllte de Faleiro.

Teniente Ribera, der erkannt hatte, daß die Entfernung für die Vierundzwanzigpfünder bereits viel zu weit war, zuckte mit den Schultern und gab den Befehl an seinen Stückmeister weiter. Die beiden Jager brüllten auf. Weit von der Galeone entfernt stiegen Wassersäulen im Kielwasser der Galeone hoch.

„Ihr Stümper!“ schrie Juan de Faleiro. Er war mit einem Satz bei dem dunkelhäutigen Mann, der den Takt für die Ruderer schlug, nahm ihm die beiden Klöppel weg und hämmerte auf die Trommel los, als wolle er einen Wirbel schlagen.

Jesus Valencia hätte fast laut aufgelacht. Er brauchte nicht lange zu warten, bis das geschah, was er erwartete.

Die Ruderer, an einen bestimmten Takt gewohnt, waren völlig durcheinander. Plötzlich erwischten vier von ihnen eine Welle des rauher werdenden Wassers. Sie kriegten den Riemen nicht rechtzeitig wieder hoch, und andere Riemen krachten dagegen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, als der Riemen splitterte. Durch die große Spannung des reißenden Holzes wurde ein armlanger Splitter in die Luft geschleudert und landete dicht neben einem Aufseher auf dem Laufgang. Der Mann sprang vor Schreck mitten zwischen die Ruderer auf eine Ducht, was die Verwirrung an der Steuerbordseite noch erhöhte.

Juan de Faleiro tobte, aber er brachte keinen vernünftigen Befehl mehr zustande.

Jesus Valencia wollte gerade den Befehl geben, die Riemen einzuholen, als eine heftige Bö in die Lateinersegel knallte und die Galeasse nach Lee krängte. Juan de Faleiro verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Laufgang. Leichenblaß erhob er sich wieder und sah sich um, als wüßte er nicht, wo er sich befand.

An Backbord gurgelte das Wasser durch die Ruderduchten. Die Backbordriemen schnitten unter. Gleichzeitig ruderten die Steuerbordriemen durch die Luft, die Ruderknechte auf der überhöhten Steuerbordseite rutschten zur Schiffsmitte.

Die Ketten der Gefangenen klirrten. Ein paar Männer schrien, weil sie eingeklemmt wurden, und die Aufseher vergaßen, ihre Peitschen zu benutzen, weil sie voller Entsetzen mit ansehen mußten, daß sie mehr Wasser übernahmen, als für die Galeasse gut war.

Die Ruderer an Backbord saßen, plötzlich bis zu den Waden im Wasser. Ihr Gebrüll zerrte an den Nerven der Mannschaft und der Seesoldaten. Einige der Gefangenen sprangen auf und zerrten an ihren Ketten. Sie schrien wie irre. Wahrscheinlich glaubten sie, die Galeasse würde absaufen.

Nur langsam richtete sich die Galeasse auf, und mit der geringeren Krängung des Schiffes normalisierte sich auch die Gesichtsfarbe Juan de Faleiros.

„Alle Mann an die Pumpen!“ brüllte er. „Teniente Ribera, Ihre Männer auch!“

Ribera nickte. Jetzt ging es um ihrer aller Leben, da konnte er sich nicht ausschließen. Er befahl seinen Männern, den Seeleuten an den Pumpen zu helfen.

Juan de Faleiro starrte hinter der Galeone her, die mit vollen Segeln in der hereinbrechenden Dämmerung nach Westen verschwand. Er war nahe daran, vor Wut zu heulen.

Der Wind war inzwischen immer ruppiger geworden, und wenn die Galeasse weiterhin unter Segel bleiben wollte, mußten diese verkürzt werden.

„Was stehen Sie hier herum, Valencia!“ brüllte Juan de Faleiro seinen Ersten Offizier an. „Lassen Sie die Segel kürzen, oder wollen Sie, daß wir alle absaufen?“

„Darf ich Sie darauf hinweisen, Señor Capitán, daß ich den Befehl schon geben wollte, bevor das Schiff krängte?“ sagte Jesus Valencia kalt.

Juan de Faleiros Hand zuckte zum Gürtel und riß eine Pistole hervor. Sein verzerrtes Geiergesicht sah aus, als sei er nicht mehr bei Sinnen.

„Ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt, Valencia“, stieß er mit zitternder Stimme hervor, „sondern Ihnen einen Befehl gegeben!“

Jesus Valencia verzog seine Lippen zu einem Lächeln.

„Si, Señor Capitán“, sagte er ruhig, „ich werde das Kommando übernehmen.“

Ehe Juan de Faleiro etwas antworten konnte, wandte sich der Erste Offizier an die Seeleute. Er wußte, daß es bei diesem harten Wind nicht einfach sein würde, die Segel zu kürzen. Dazu mußte die Galeasse in den Wind gehen, damit die Segel killten und nicht mehr unter Winddruck standen.

Der Rudergänger reagierte auf einen Wink Valencias hin. Er war ein ruhiger und zuverlässiger Mann, der seine Sache verstand.

Die Galeasse schwang langsam herum und ging in den Wind. Jesus Valencia jagte die Männer auf die weit ausladenden Rahen. Er selbst lief auf dem Laufgang bis zum Großmast vor, als er den Schrei hörte, der vom Wind davongetragen wurde.

Er sah einen Schatten durch die Luft wirbeln, und dann hörte er durch das Jaulen und Toben des Windes, wie ein Körper aufs Wasser klatschte.

„Mann über Bord!“ brüllte eine entsetzte Stimme.

„Ruder hart Steuerbord!“ schrie Jesus Valencia zum Rudergänger auf der achteren Plattform hinüber.

„Nichts da!“ Die Stimme Juan de Faleiros schnappte über. „Wir gehen auf Kurs West!“

„Señor Capitán, ein Mann ist über Bord gegangen!“ schrie Carlos Mendez, der Zweite Offizier, der sonst nie etwas sagte.

„Kurs West!“ kreischte de Faleiro.

Die Ruderknechte begannen zu johlen und zu grölen. Diesmal war es nicht einer von ihnen, der vom Kapitän dem Tod ausgeliefert wurde, und sie verspotteten die Mannschaft der Galeasse, daß sie sich von einem skrupellosen Mörder schikanieren ließ.

„Sie können den Mann doch nicht einfach ersaufen lassen, Señor de Faleiro!“ sagte Carlos Mendez erschüttert.

„Warum hat er nicht besser aufgepaßt, der Idiot!“ stieß Juan de Faleiro hervor. „Wir können seinetwegen keine Zeit verlieren! Unsere Aufgabe ist es, die Feinde Spaniens zur Strecke zu bringen. Niemand wird mich daran hindern! Auch nicht ein Einfaltspinsel von Seemann, der nicht in der Lage ist, seine Arbeit ordentlich zu verrichten!“

Jesus Valencia war starr vor Schrecken. Er beugte sich vor und blickte in die aufgewühlte See, wo der über Bord gegangene Seemann treiben mußte. Doch er entdeckte nichts. Er wußte, daß sie den Mann auch nicht finden würden, wenn sie jetzt noch wendeten.

Er hatte Juan de Faleiro schon vorher richtig eingeschätzt, dennoch war er erschüttert über soviel Menschenverachtung. Er begriff einfach nicht, was in einem Menschen wie Juan de Faleiro vorging. Er mußte vom Satan besessen sein. Ja, das war es! Aber wie sollte er das jemals einer höheren Instanz beweisen?

Jesus Valencia blieb vorn am Großmast, als die Galeasse mit gekürzten Segeln wieder vor den Wind ging und Fahrt aufnahm.

Kurs war West. Hinter den Franzosen her, die längst im Dunkel der Nacht untergetaucht waren.

7.

Die Seewölfe fühlten sich an Bord der „Mercure“ schon fast so heimisch wie auf der alten „Isabella“. Nur die anderen Kameraden fehlten ihnen und die Zwillinge. Carberry kriegte ganz feuchte Augen, als Bill fragte, wie es ihnen inzwischen wohl ergangen sei. Unruhig ging er auf der Kuhl hin und her, um die Gedanken an Hasard, Ben, Batuti und all die anderen abzuschütteln.

Der Sturm hatte etwas nachgelassen, aber der Wind blies immer noch kräftig. Die „Mercure“ rauschte nach Westen.

Carberry dachte an die spanische Galeasse, die auf sie gefeuert hatte. Er wurde das Gefühl nicht los, daß mit dem Schiff irgend etwas nicht stimmte. Aber wahrscheinlich täuschte er sich. Sicher waren sie hinter der Gewürzladung her, wie Pierre Delamotte vermutete.

Er ging zurück zu den anderen und hörte, wie der Kutscher Jack Finnegan und Paddy Rogers von der „Bloody Mary“ und ihrem Wirt Nathaniel Plymson vorschwärmte, wo sie sich alle wieder treffen würden.

Er winkte Ferris zu sich und sagte: „Glaubst du, daß die Dons die Verfolgung aufgegeben haben?“

Ferris schüttelte den Kopf.

„Das sind sture Böcke“, meinte er. „Wenn sie der ‚Mercure‘ von Damiette aus gefolgt sind, werden sie nach diesem kleinen Fehlschlag bestimmt nicht aufgeben.“

„Ganz meine Meinung“, sagte Carberry. „Was glaubst du, was Hasard in dieser Situation getan hätte?“

Ferris starrte Carberry überrascht an und nickte dann grinsend.

„Bestimmt nicht weiter Kurs West segeln“, erwiderte er.

„Genau!“ Carberry rieb sich über das Kinn. „Wir sollten vielleicht unserem neuen Captain ein paar Tricks verraten, bevor er sich von den Dons seine Ladung abnehmen läßt.“

„Keine schlechte Idee, Ed.“

„Auf was warten wir denn noch?“

Sie grinsten sich an und stiefelten über die Kuhl zum Aufgang des Achterdecks und kletterten hinauf.

Der Capitain unterhielt sich mit seinem Bootsmann. Ferris schnappte ein paar Brocken auf. Offensichtlich hatten sie über die Engländer an Bord geredet.

„Was gibt’s, meine Herren?“ fragte Pierre Delamotte.

„Wir haben ein bißchen über die Dons nachgedacht“, begann Ferris Tucker, „und überlegt, was wohl unser Alter, Captain Philip Hasard Killigrew, genannt der Seewolf, in dieser Situation getan hätte.“

„Und?“ fragte Delamotte.

„Das, was die Dons auf keinen Fall vermuten“, erwiderte Ferris Tucker. „Er würde gegen den Sturm aufkreuzen und nicht nach Westen unter vollen Segeln ablaufen.“

Pierre Delamotte überlegte einen Moment, dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. Mein Gott, dachte er, die sind mit allen Wassern gewaschen.

„In Ordnung“, sagte er.

Carberry drehte sich um und rief Stenmark aufs Achterdeck.

Und dann zeigten sie den Franzosen, was ein Seewolf darunter verstand, einen blitzsauberen Kreuzkurs zu segeln. Stenmark nutzte jede Bö, zum höheren An-den-Wind-Gehen, und fiel rechtzeitig wieder ab, um voll zu fahren.

Pierre Delamotte lachte das Herz im Leibe. Er war bisher immer der Meinung gewesen, eine ziemlich gute Mannschaft zu haben, doch jetzt mußte er erkennen, daß es noch wesentlich Besseres gab.

Diese Seewölfe, wie sich die Engländer selbst nannten, waren Spitzenklasse. Er hatte schon ein paarmal mit dem Gedanken gespielt, die Männer an seiner Ladung zu beteiligen, um sie zu bewegen, bei ihm an Bord der „Mercure“ zu bleiben, aber aus ihren Gesprächen untereinander hatte er herausgehört, daß sie nur ein Drittel einer verschworenen Gemeinschaft waren und sich bald selbst wieder ein eigenes Schiff besorgen wollten.

Ferris Tucker stand noch immer neben dem Kapitän auf dem Achterdeck. Er las dem Franzosen seine Gedanken vom Gesicht ab. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Ja, sie waren schon ein Haufen, der dem Teufel die Barthaare absegeln konnte. Aber sie waren nicht zu kaufen. Unter Philip Hasard Killigrew hatten sie gelernt, freie Männer zu sein, und das würde keiner von ihnen wieder aufgeben. Ferris war wohl überzeugt, daß Pierre Delamotte ein guter Kapitän war, aber was bedeutete das gegen die Freundschaft, die sie mit Hasard verband?

„Haben Sie eigentlich leere Flaschen an Bord?“ fragte Ferris aus seinen Gedanken heraus.

Pierre Delamotte starrte den Engländer an, als sei der plötzlich übergeschnappt.

„Wozu denn das?“ fragte er.

„Auch eine Angewohnheit unseres Kapitäns auf der ‚Isabella‘, bevor sie uns in dem alten Ptolemäer-Kanal absoff“, sagte Ferris. „Wir stellen Bomben daraus her.“

„Bomben?“ fragte Delamotte konsterniert.

Ferris nickte.

„Die Flaschen werden mit gehacktem Eisen und Pulver gefüllt“, erklärte er. „Dann werden sie mit einer Lunte verdämmt, angezündet und auf den Weg gebracht. Am besten mit einem Katapult, damit sie weit fliegen. Die Dinger funktionieren vorzüglich. Wir haben bisher die besten Erfahrungen damit gemacht.“

Der Kapitän blickte noch skeptisch, dann winkte er den Bretonen heran und befahl ihm, alles, was sie an leeren Flaschen an Bord hatten, zusammenzutragen.

„Auch die vollen Flaschen?“ fragte der Bretone grinsend.

„Leere, habe ich gesagt“, erwiderte Delamotte unwillig.

„Wir können sie ja vorher aussaufen“, meinte der Bretone, zuckte aber mit den Schultern, als er den Blick seines Kapitäns sah.

Sie trugen die leeren Flaschen unter der Back zusammen, und Ferris, Carberry und Blacky begannen sofort mit der Arbeit. Der Kapitän, der sich ebenfalls zur Back begeben hatte, und seine Leute schauten kopfschüttelnd zu, wie die Engländer die Flaschen füllten.

Ferris ließ die anderen bald allein weiterarbeiten und begann, eine Wurfvorrichtung zu zimmern, ähnlich der, die sie an Bord der „Isabella“ gehabt hatten.

Monsieur le capitaine stieß einen Pfiff durch die Zähne, als er die Konstruktion durchschaute. Plötzlich hatte er das Gefühl, daß ihm mit diesen Kerlen an Bord nichts mehr geschehen könnte. Seine Befürchtungen, die Dons könnten wieder einmal seine wertvolle Ladung beschlagnahmen, waren plötzlich wie vom Sturm davongeblasen.

„Männer“, sagte er bewegt, „wenn wir Brest heil erreichen, soll es nicht euer Schaden sein. Ich verspreche euch einen anständigen Anteil an meinem Gewinn und …“

Carberry ließ ihn nicht ausreden.

„Das ist zwar mächtig anständig von Ihnen, Monsieur le capitaine“, brummte er, „aber ein Fäßchen Rum für die gesamte Mannschaft wäre auch schon was. Besonders bei dieser Knüppelei nordwärts.“

„Rum für alle!“ rief Pierre Delamotte.

Er wunderte sich über sich selbst. Kaum riß einer der Engländer sein Maul auf, beeilte er sich, seine Wünsche sofort zu erfüllen. Er begann zu grinsen. Eigentlich segeln die Seewölfe mein Schiff, dachte er. Verdammt, ich glaube, ich lege mich schlafen, bis wir im Hafen von Brest anlegen!

Der Rum tat ihnen allen gut. Der Sturm brachte Kälte mit sich, die bis in die Knochen ging.

Als der Morgen graute, hatte der Sturm nur wenig nachgelassen. Die „Mercure“ hielt ihren Kurs bei.

Ferris Tucker hatte seine Arbeit an der Abschußvorrichtung beendet. Sie war transportabel und könnte an jeder Stelle des Oberdecks montiert werden.

Im Laufe des Morgens pendelte sich der Wind auf Nordnordost ein, so daß die „Mercure“ auf Nordwestkurs weiter an Höhe gewinnen konnte. Wenn die Galeasse der Spanier weiter Westkurs gesegelt war, liefen ihre Kurse auseinander, und sie würden sich höchstens in der Straße von Gibraltar wiedersehen.

„Ich bin gespannt, ob das Ding funktioniert“, sagte Pierre Delamotte zu Ferris Tucker und wies auf die Abschußvorrichtung, mit der der Engländer die doppelte Entfernung erreichen wollte, als wenn sie die Flaschen warfen.

„Wenn ich das Ding justiert habe, schieße ich damit einem fliegenden Fisch die Schwanzflosse ab“, sagte Ferris Tucker im Brustton der Überzeugung.

Pierre Delamotte nickte. Dann stutzte er. Verdammt, er glaubte diesen Hundesöhnen schon jedes Wort!

„Sie stimmen mich neugierig, Monsieur Tucker“, sagte er grinsend. „Können wir es nicht irgendwie ausprobieren?“

Ferris stimmte zu. Er bat Marteau, den Decksältesten der Franzosen, eine Kiste außenbords zu werfen, nach der er eine der Flaschen schleudern wollte.

Er montierte die Abschußvorrichtung vorn auf der Back, und als er damit fertig war, gab er Marteau ein Zeichen, der mit drei Mann eine Kiste über das Schanzkleid hievte und außenbords gehen ließ. Stenmark steuerte gerade einen Schlag Nordwest, und die Kiste trieb nach Westen davon.

Ferris zündete die Lunte einer Flasche an, legte sie in die katapultartige Abschußvorrichtung, zielte und löste den Mechanismus aus.

Die Kiste war erst etwa achtzig Yards weit abgetrieben, und die Flasche flog ein ganzes Stück darüber hinaus. Auch die zweite Flasche lag noch ein wenig zu weit.

Mit der dritten wartete Ferris, bis die Kiste etwa hundertzwanzig Yards von der „Mercure“ entfernt war dann löste er aus.

Diesmal mußte die Flasche treffen. Ferris Tucker hatte es genau im Gefühl, und er hätte ein Fäßchen Rum verwettet, daß es ein Volltreffer werden würde.

Dann krachte die Flasche in die Kiste, das Glas barst, und gleichzeitig ging die Ladung darin los.

Die Wirkung war ungeheuerlich. Holz spritzte nach allen Seiten auseinander. Von einem Augenblick zum anderen war von der Kiste nichts mehr zu sehen. Nur eine graue Pulverdampfwolke schwebte noch über der Stelle, wo gerade die Kiste auf den Wellen getanzt hatte.

Einen Moment hatte die Verblüffung den Franzosen die Worte geraubt, doch dann brachen sie in Begeisterungsrufe aus. Ihr Gebrüll wollte kein Ende nehmen. Ihr Neid auf die Neuen schien verflogen. Die Tatsache, daß diese eisenharten Teufelskerle auf ihrer Seite kämpfen würden, wenn es eine Auseinandersetzung mit den Spaniern oder Piraten geben sollte, schien ihnen ungeheure Erleichterung zu verschaffen.

Pierre Delamotte jedenfalls gratulierte sich einmal mehr, daß er die Männer an Bord seines Schiffes genommen hatte.

8.

Juan de Faleiro kochte vor Wut. Am liebsten hätte er befohlen, die Riemen wieder auszulegen und weiterzupullen, aber er wußte, daß der Seegang die meisten Riemen zerstören konnte, und dann konnten sie die französische Galeone endgültig abschreiben.

Die Nacht über hatte er beim Licht der Kerzen in seiner Kammer gehockt und die Karten studiert. Es war für ihn klar gewesen, daß die Galeone unter vollen Segeln nach Westen laufen würde. Die Gelegenheit, der Galeasse zu entwischen, die bei diesen Wetterverhältnissen nur mit gekürzten Segeln laufen konnte, war zu günstig.

Aber der Sturm würde auch mal wieder nachlassen, und dann war er mit der Galeasse wieder im Vorteil.

Juan de Faleiro wurde grün im Gesicht, als er daran dachte, wie nahe er den Engländern auf der „Mercure“ schon gewesen war. Verdammt, wenn die Stückmeister der beiden Vierundzwanzigpfünder nur besser gezielt hätten! Sie würden seine Wut schon noch zu spüren kriegen. Er würde ihnen zeigen, was es hieß, in seiner Gegenwart eine solch stümperhafte Leistung zu vollbringen!

Fast sehnsüchtig wartete er auf das Morgengrauen. Unter seinen stechenden, dunklen Augen hatten sich Ringe gebildet, das Geiergesicht war bleich und sah übernächtigt aus. Immer wieder wurde er von einer Art Fieberschauern geschüttelt. Er kannte das. Er hatte oft versucht, seiner Wutausbrüche Herr zu werden, aber es war wie eine Krankheit. Er wußte, daß er sich erst wieder wohler fühlen würde, wenn er die Schuldigen an dem Debakel bestraft hatte.

Dann schlief er doch noch ein, mit dem Gesicht auf den verschränkten Armen. Er erschrak regelrecht, als er erwachte und sah, daß es draußen bereits hell war. Die Kerzen waren heruntergebrannt.

Er sprang abrupt auf. Der Stuhl polterte hinter ihm zu Boden. Wieder begann sein ganzer Körper zu zittern. Sie hatten ihn schlafen lassen! Als sei er auf der Galeasse überflüssig!

Er tobte den Aufgang zur achteren Plattform hinauf und sah sich wild um. Fast hatte er gehofft, Jesus Valencia als ersten zu Gesicht zu kriegen, aber der Erste Offizier hielt sich in der Nähe des Vormastes auf und beriet mit dem Lotsen Santiago, ob sie die Segel wieder vergrößern konnten.

Juan de Faleiro spürte die Blicke der Ruderknechte auf sich ruhen. Er sah Angst, Haß und Mordlust in ihren Augen, und das belebte ihn. Es zeigte ihm, welche Macht er über diese Menschen ausübte.

Teniente Ribera hielt sich auf der vorderen Plattform auf. Er wich dem Blick des Kapitäns aus.

„Ihr Hurensöhne!“ flüsterte Juan de Faleiro. „Irgendwann werde ich mir jeden von euch vornehmen. Und dann gnade euch Gott!“

Er dachte wieder an die beiden lächerlichen Schüsse am gestrigen Abend, die die Galeone verfehlt hatten, und plötzlich wußte er, an wem er seine Wut, die ihn fast auffraß, auslassen konnte.

„Die beiden Stückmeister der Jager zu mir auf die achtere Plattform!“ brüllte er.

Seine schrille Stimme schien die Atmosphäre auf der Galeasse von einem Moment zum anderen zu verändern. Alle Köpfe hatten sich nach dem Kapitän auf dem Tabernakel umgedreht. Jeder an Bord schien zu wissen, was folgen würde.

Zwei Männer schoben sich unter der vorderen Plattform hervor und marschierten über den Laufgang nach achtern. Teniente Ribera folgte ihnen und blieb neben Jesus Valencia stehen, der sein Gespräch mit dem Lotsen unterbrochen hatte.

„Was will er von ihnen?“ fragte Ribera leise. „Sie können doch nichts dafür, daß gestern abend ein Sturm aufzog und die Franzosen uns entwischen konnten.“

Jesus Valencia zuckte mit den Schultern.

„Sie haben ihn doch schon zur Genüge kennengelernt“, gab er leise zurück, daß es nur Ribera hören konnte. „An irgend jemandem muß er seine Wut ablassen.“

„Aber nicht an meinen Leuten!“ stieß Ribera wütend hervor. „Er sollte sich lieber um seine brutalen Aufseher kümmern, die die Atmosphäre an Bord vergiften. Wenn auch ein Haufen Verbrecher unter den Ruderern sind, im Falle eines Falles würden meine Männer mit ihnen zusammen gegen die Aufseher vorgehen.“

„Lassen Sie das nicht de Faleiro hören“, warnte Jesus Valencia. „Für diese Worte würde er Sie glatt hängen lassen.“

Teniente Ribera preßte die Lippen zusammen. Er verfluchte den Tag, an dem er den Befehl erhalten hatte, mit seinen Männern an Bord der Galeasse „San Antonio“ zu gehen. Einige Kameraden hatten ihn vor Juan de Faleiro gewarnt, aber er hatte nicht gedacht, daß ihre Schilderungen noch untertrieben waren.

Zusammen mit Jesus Valencia folgte der Teniente den beiden Stückmeistern, die vor dem Tabernakel stehenblieben und zu Juan de Faleiro aufschauen mußten.

Die stechenden Augen des Kapitäns zeigten deutlich, wie voll er mit Gift und Galle war. In seinen Mundwinkeln bildete sich Schaum, der zu einer klebrigen weißen Masse trocknete.

„Wozu sind Sie eigentlich ausgebildet worden?“ brüllte Juan de Faleiro die beiden Männer an. „Die Schüsse auf die Galeone waren das Stümperhafteste, das ich in meiner bisherigen Laufbahn gesehen habe!“

Einer der beiden Stückmeister atmete tief durch, bevor er erwiderte: „Es war unmöglich, die Galeone zu treffen, Señor Capitán. Das Schiff war schon zu weit entfernt, als wir von Ihnen den Befehl zum Feuern erhielten.“

Ein Anfall schüttelte Juan de Faleiro. Dieser freche Kerl wagte es, zu widersprechen!

„Dann hätten Sie eben die Rohre erhöhen müssen!“ brüllte er.

„Das hätte keinen Sinn gehabt, Señor Capitán“, widersprach der Stückmeister mit gepreßter Stimme. „Eine weitere Erhöhung hätte nichts gebracht, nur einen Steilschuß, und der wäre noch kürzer ausgefallen.“

Juan de Faleiro sah die beiden Männer, die unter ihm auf dem Laufgang standen, plötzlich nur noch wie durch einen roten Schleier. Ohne daß er sich dessen bewußt wurde, sprang er vor, auf einen seiner Aufseher zu. Er riß dem Mann die Peitsche aus der Hand, wirbelte herum und zog das Leder dem Stückmeister, der ihm widersprochen hatte, brutal durchs Gesicht.

Einen kurzen Moment stand der Stückmeister wie erstarrt da. Blut lief aus der Platzwunde auf seiner Wange. Dann übermannte auch ihn der Zorn. Ehe sein Kamerad ihn zurückhalten konnte, schoß seine Faust vor, traf Juan de Faleiro am Schlüsselbein und schleuderte ihn auf die Planke des Laufganges.

Für Augenblicke waren alle Männer an Bord der „San Antonio“ wie erstarrt. Jeder war sich bewußt, was diese Reaktion des Stückmeisters nach sich ziehen würde.

Juan de Faleiro hatte Mühe, sich wieder zu erheben. Hinter dem Schlag des Stückmeisters hatte eine ziemliche Wucht gesessen, und außerdem war er beim Sturz mit der Schläfe auf die Planken geschlagen.

Er torkelte, als er sich endlich wieder auf den Beinen befand. Der Zuchtmeister sprang an seine Seite und griff nach seinem Arm. Aber de Faleiro schüttelte seine Hand ab. Sein Geiergesicht war krebsrot vor Erregung. Wild schaute er sich um. Seine stechenden dunklen Augen blieben auf dem Gesicht von Jesus Valencia hängen, als suche er darin einen Ausdruck des Triumphes oder Hohnes.

Aber das Gesicht des Ersten Offiziers zeigte nichts als Erschrecken, denn er wußte, daß sich der Stückmeister in seinem Jähzorn einen schlechten Dienst erwiesen hatte. Ein Untergebener, der seinen Offizier niederschlug, mußte mit der schwersten Strafe rechnen.

Juan de Faleiro fing sich nur langsam. Für einen Moment sah es so aus, als würde er ruhig bleiben, doch von einer Sekunde zur anderen schoß eine unbändige Wut in ihm hoch, und er begann zu toben wie ein Berserker.

„Legt dieses Schwein in Ketten!“ kreischte er. „Wo ist die Peitsche? Gebt mir die Peitsche!“

Der Zuchtmeister, ein Baum von einem Kerl, stieß den anderen Stückmeister zur Seite und wollte sich nach der Peitsche bücken, die der Kapitän bei seinem Sturz auf die Planken aus den Händen hatte gleiten lassen.

Der zweite Stückmeister, der ahnte, daß auch er diesen Tag nicht ungeschoren überstehen würde, reagierte blitzschnell. Sein rechter Fuß zuckte vor und stieß die Peitsche zurück auf den Laufgang, wo sie ein Stück weiterrutschte und zwischen zwei Duchten fiel. Einer der Ruderknechte bückte sich schnell und nahm die Peitsche an sich, unbemerkt von den Aufsehern, die ihre Blicke auf den Zuchtmeister gerichtet hatten.

Der bärenstarke Kerl wurde wütend. Er langte zu, und seine kürbisgroße Faust wischte den zweiten Stückmeister von den Beinen.

Juan de Faleiros Stimme überschlug sich. Immer noch kreischte er nach einer Peitsche, die ihm schließlich einer der Aufseher reichte. Wie ein Verrückter hieb der hagere Kapitän auf die beiden Stückmeister ein.

Manuel Quintana, der Stückmeister, dem Juan de Faleiro schon mit dem ersten Peitschenschlag die Wange aufgerissen hatte, deckte sein Gesicht mit dem rechten Unterarm ab. Er war immer noch erschrocken über seine eben erfolgte Reaktion. Er wußte, daß sein Leben in dem Augenblick verwirkt gewesen war, als er den Kapitän angegriffen und niedergeschlagen hatte.

Als die Peitsche de Faleiros seinen Arm zum drittenmal traf und er spürte, wie ihm das Blut zum Ellbogen hinunterlief, setzte sein Verstand aus. Er sah alles wie durch einen roten Schleier. Fast mechanisch stieß seine linke Faust vor, als die Peitsche wieder auf ihn niederzuckte. Blitzschnell packte sie zu und schloß sich um die Lederschnur.

Er brüllte vor Schmerz auf, als Juan de Faleiro die Peitsche mit einem heftigen Ruck zurückreißen wollte. Wie ein Messer schnitt ihm die Schnur in den Handteller, doch er ließ nicht los.

Es gab einen kurzen Ruck, als Quintana die Schnur mit einer schnellen Bewegung um seine Hand wickelte. Der hagere Kapitän verlor fast das Gleichgewicht.

„Schlagt die Hunde zusammen!“ kreischte er, ließ die Peitsche los und wollte sich auf die achtere Plattform in Sicherheit bringen.

Manuel Quintana war wie von Sinnen. In seinen Augen war ein irres Glitzern. Er sah nur den kreischenden Mann, der für sein Unglück verantwortlich war, und ehe sich ihm jemand in den Weg stellen konnte, sprang er auf den Kapitän zu und riß ihn mit seinen Bärenkräften zu Boden.

Das Schreien Juan de Faleiros ging in ein Winseln über.

Der Zuchtmeister wirbelte herum. Zusammen mit zwei Aufsehern stürzte er sich auf Quintana und riß ihn an der Jacke zurück. Der Stückmeister hatte seine Hände um den dünnen Hals des Kapitäns gekrallt. De Faleiros Gesicht lief schon blau an. Krampfhaft schnappte er nach Atem.

Die Faust des Zuchtmeisters donnerte auf Quintanas Haupt und löschte sein Bewußtsein aus. Dennoch hatten die beiden Aufseher Mühe, seine Hände vom Hals des Kapitäns zu lösen.

Juan de Faleiro schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Langsam veränderte sich die Farbe seines Gesichtes wieder von Blau in ein dunkles Rot. Er wollte etwas sagen, doch nur ein Krächzen drang über seine Lippen.

Er starrte über den bewußtlos auf dem Tabernakel liegenden Quintana hinweg auf den zweiten Stückmeister, der geduckt vor zwei anderen Aufsehern stand, die Pistolen auf ihn gerichtet hatten.

„Seien Sie vernünftig, Sotero“, sagte Teniente Ribera eindringlich.

Antonio Sotero schüttelte den Kopf.

„Sie müßten den Capitán doch gut genug kennen, Teniente“, stieß er heiser hervor. „Er wird uns wegen Meuterei an die Rah hängen lassen, und niemand wird mehr danach fragen, daß er es war, der uns ungerechterweise provoziert hat. Er ist ein Teufel, und ich glaube, daß derjenige, der ihn zur Hölle schickt, ein gottesfürchtiges Werk vollbringt.“

„Versündigen Sie sich nicht, Sotero“, sagte der Teniente gepreßt. Ribera gab dem Stückmeister im stillen recht, doch ihm waren die Hände gebunden. Er konnte nur hoffen, daß es ihm gelang, den Kapitän davon abzuhalten, die beiden Männer zu töten.

Antonio Sotero senkte den Kopf.

„Er ist der Teufel“, murmelte er.

Manuel Quintana erwachte aus seiner Ohnmacht und drehte sich stöhnend auf den Rücken. Mit verzerrtem Gesicht trat Juan de Faleiro an ihn heran und stieß ihm die Spitze seines Stiefels in die Seite.

Quintana krümmte sich. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich zu erheben.

Teniente Ribera ging zwei Schritte auf den Kapitän zu. Sofort schoben sich die Aufseher näher an ihn heran.

„Bleiben Sie mir vom Leib!“ sagte de Faleiro mit schriller Stimme. Seine Augen weiteten sich, als er an den Aufsehern vorbei auf die Seesoldaten starrte, die wieder alle Musketen in den Händen hielten, deren Läufe wie zufällig auf die achtere Plattform gerichtet waren.

„Ich habe nicht die Absicht, Sie anzugreifen, Señor Capitán“, sagte Ribera kalt. „Ich weiß, daß Quintana und Sotero ein schweres Unrecht begangen haben, aber ich möchte Sie bitten, bei Ihrem Strafmaß zu bedenken, daß Sie es waren, der zuerst mit der Peitsche zugeschlagen hat.“

Juan de Faleiro wurde von Zorn und Haß geschüttelt.

„Sie brauchen mir keine Ratschläge zu erteilen, Señor Ribera“, erwiderte er zischend. „Auf diesem Schiff hat nur einer Befehle zu erteilen, und das bin ich! Ich habe auch das Recht, jeden hier an Bord zu züchtigen, wenn er meinen Befehlen zuwiderhandelt oder sie nicht richtig ausführt.“

Jesus Valencia, der sich bis jetzt still verhalten hatte, konnte sich nicht mehr beherrschen.

„Das gilt aber nur, wenn die Befehle vernünftig und ausführbar sind, Señor Capitán“, sagte er heftig. „Als Sie den Stückmeistern den Befehl zum Feuern gaben, war die Galeone bereits viel zu weit von uns entfernt, als daß ein Treffer möglich gewesen wäre!“

Juan de Faleiros Geierkopf ruckte herum, als hätte er nur darauf gewartet, daß sich sein Erster Offizier einmischte. Er atmete keuchend. Seine dünnen Lippen zitterten vor Wut.

„Ich weiß, Señor Valencia, daß Sie auf meinen Posten aus sind“, stieß er hervor. „Aber Sie werden Ihr Ziel nicht erreichen, das verspreche ich Ihnen. Wenn wir zurück in Cadiz sind, werde ich der Admiralität Meldung erstatten, in welcher Weise Sie sich gegen Ihren Capitán gestellt haben!“

Jesus Valencia nickte mit bleichem Gesicht.

„Auch ich werde einen Bericht verfassen, Señor Capitán“, erwiderte er. „Der Capitán eines Schiffes hat nicht nur die Macht über Leben und Tod seiner Besatzung, sondern auch die Pflicht, jeglichen Schaden von der Mannschaft fernzuhalten.“

„Señor Valencia, lassen Sie die Riemen auslegen“, sagte de Faleiro kalt. „Lassen Sie weiterrudern.“

Jesus Valencia preßte die Lippen aufeinander. Er wußte, daß er diesen Befehl auszuführen hatte und die Auseinandersetzung mit dem Kapitän nicht fortsetzen konnte. Der Wind hatte etwas nachgelassen, und es war durchaus möglich, die Galeasse mit Riemeneinsatz schneller voranzubringen. Er drehte sich abrupt um und gab seine Befehle an die Aufseher weiter, die sich über den Laufgang verteilt hatten.

Die Rudersklaven, die das Geschehen beim Tabernakel in atemloser Spannung verfolgt hatten, gehorchten, als die Aufseher ihre Peitschen schwangen und auch ein paarmal auf ihre Rücken sausen ließen.

Die Riemen klatschten ins Wasser. Jesus Valencias Befehle klangen über Deck. Die Takttrommel begann dumpf zu tönen, und dann war das gleichmäßige Eintauchen der Riemen ins bewegte Wasser zu hören. Die Ruderer hatten Mühe, sich an die unruhige See zu gewöhnen, und der Erste Offizier war voll damit beschäftigt, Ruhe in die Reihen der Rudersklaven zu bringen. Er befahl den Aufsehern, die Peitschen nicht mehr zu benutzen, und half auf einigen Duchten nach, wenn ein Riemen durch die Luft stach und aus dem Rhythmus geriet. Obwohl er immer ein Ohr auf das Geschehen auf dem Tabernakel gerichtet hatte, kriegte er nicht mit, was der Kapitän sagte.

Juan de Faleiros Wut war immer noch nicht verraucht, obwohl er inzwischen ruhiger geworden war. Im ersten Impuls hatte er die beiden aufsässigen Stückmeister an die Rah hängen lassen wollen, doch dazu hätte die Galeasse beidrehen müssen, und er hätte Zeit verloren, von der er jede Minute brauchte, um die französische Galeone wieder einzuholen.

Dann hatte er daran gedacht, daß ihm Ruderer fehlten und er seinen Zorn an einem Toten nicht mehr auslassen konnte.

„Legt die Kerle in Ketten!“ sagte er scharf zu seinen Aufsehern. „Und dann ab mit ihnen auf die Ruderbank!“

„Nein!“ Manuel Quintana brüllte dieses Wort über Deck. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung riß er sich von den beiden Aufsehern los, die ihn festgehalten hatten, und stürmte wieder auf Juan de Faleiro los.

Dieser konnte sich gerade noch mit einem Satz zur Seite in Sicherheit bringen. Eine Peitsche klatschte auf Quintanas Rücken, eine andere wikkelte sich um seine Knöchel und riß ihn von den Beinen. Schwer krachte er aufs Tabernakel.

Er schlug wie ein Verrückter um sich, als sich drei Aufseher auf ihn warfen, doch seine Kräfte waren schon erlahmt. Sie prügelten unbarmherzig auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte.

Dann rissen sie ihn wieder auf die Beine. Er hing in ihrem harten Griff, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Augen mit einem glasigen Ausdruck.

Antonio Sotero, sein Leidensgenosse, atmete keuchend. Schauer rannen über seinen Rücken, die seine Willenskraft schwächten. Er ahnte, warum ihnen der Kapitän die Todesstrafe versagte, und der Gedanke daran, daß sie die Hölle auf Erden vor sich hatten, raubte ihm fast den Verstand.

Widerstandslos ließ er sich von den Aufsehern zu einer Ruderbank führen, wo einer der Gefangenen losgeschlossen wurde. Sie stießen ihn auf die Ducht und ketteten seine Fußknöchel an. Die anderen drei Sklaven pullten inzwischen allein weiter.

Eine Peitsche klatschte auf seinen Rücken, und mechanisch griffen seine Hände nach dem Riemen. Er begann zu pullen. Seine Augen waren starr auf den narbigen Rücken seines Vordermannes gerichtet und er wußte, daß er das Tor zur Hölle durchschritten hatte.

Manuel Quintana wurde auf eine andere Ducht geschleppt. Jemand schüttete einen Eimer Salzwasser über die aufgeplatzten Striemen auf seinem Rükken. Er brüllte wie ein Stier, aber die Aufseher lachten nur hämisch.

Sein Nebenmann auf der Ducht griff mit der Linken nach seinen Händen und legte sie auf den Riemen. Das brachte ihm einen Schlag mit der Peitsche ein, aber er zuckte dabei nicht einmal zusammen.

„Ruder an, Mann!“ zischte der Ruderknecht. „Sonst schlagen sie dich zu Mus!“

Manuel Quintana klammerte sich an dem Riemen fest. Die ersten Male wurde er noch hin und her gerissen, doch dann legte er sich mit der letzten Kraft, die noch in ihm steckte, zurück und half den drei neben ihm sitzenden Sklaven, den Riemen durch das aufgewühlte Wasser zu ziehen.

Der Teniente hatte das Geschehen mit zusammengekniffenen Lippen verfolgt. Sein Inneres war aufgewühlt vom Zorn und dem Gefühl der Ohnmacht. Niemand hatte die Macht und das Recht, einen wahnsinnigen Kapitän in seine Schranken zu verweisen. Er hatte schon das Leben von ein paar Ruderknechten auf dem Gewissen, aber was zählten die schon?

„Ich sehe Ihrem Gesicht an, daß Sie mit meinem milden Urteil nicht einverstanden sind, Señor Ribera“, sagte Juan de Faleiro hämisch. „Hätten Sie vielleicht lieber gesehen, wenn wir die Meuterer an der Rahnock aufgehängt hätten?“

„Mir steht kein Urteil über Ihr Verhalten zu, Señor Capitán“, erwiderte Ribera gepreßt. „Ich habe mir nur überlegt, wer jetzt im Falle einer Auseinandersetzung mit dem Feind die beiden Vierundzwanzigpfünder bedienen soll.“

Juan de Faleiro wurde giftig.

„Soweit ich informiert bin, sollte ein Teniente im Gebrauch von Geschützen ausgebildet sein“, sagte er. „Falls das bei Ihnen nicht der Fall sein sollte, wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben, als ebenfalls auf einer Ruderbank Platz zu nehmen, damit Sie für das Schff wenigstens ein bißchen nützlich sind.“

„Das würden Sie nicht wagen!“ Ribera war einen Schritt zurückgetreten, bleich im Gesicht.

„Täuschen Sie sich nicht“, sagte de Faleiro kalt. „Ihre Hampelmänner können hundertmal ihre Musketen auf mich richten. Es würde doch niemand wagen, auf mich zu feuern. Sie sollten sich ein für allemal merken, daß auf meinem Schiff Zucht und Ordnung herrschen, Señor Ribera. Kümmern Sie sich darum, daß die Geschütze besetzt sind, wenn wir in eine Auseinandersetzung geraten. Bis dahin verbiete ich Ihnen, die vordere Plattform zu verlassen!“

Ribera erwiderte nichts. Ein paar Sekunden starrte er in die stechenden Augen des Kapitäns, dann wandte er sich abrupt ab und stiefelte an den Aufsehern vorbei zur vorderen Plattform, wo er zwei seiner Schützen an die Vierundzwanzigpfünder beorderte, um die Mannschaften dafür zu vervollständigen.

Juan de Faleiro nahm einem seiner Aufseher die Peitsche aus der Hand und schritt über den Laufgang. Drei Schritte von Manuel Quintana entfernt blieb er stehen. Ein widerliches Grinsen zog seine schmalen Lippen in die Breite. Fast gemächlich holte er aus und ließ das Leder quer über Arme und Brust des Stückmeisters sausen.

Manuel Quintana pullte weiter, als habe er das schneidende Leder überhaupt nicht gespürt. Seine Augen waren starr auf den Rücken seines Vordermannes gerichtet. Er zuckte auch nicht zusammen, als ihn die Peitsche ein zweites Mal traf.

Juan de Faleiros Wut steigerte sich, als er erkannte, daß Quintana nicht reagierte. Doch dann sah er die haßerfüllten Augen vieler Ruderknechte auf sich gerichtet. Plötzlich fror er, denn er ahnte, daß viele dieser Männer ihn töten würden, wenn sie nur die geringste Möglichkeit dazu erhielten.

Er reichte dem Zuchtmeister die Peitsche und sagte zischend: „Sobald er aussetzt, muntern Sie ihn ein wenig auf. Das gleiche gilt für das andere Schwein.“

Er wandte sich um, ging mit kleinen, schnellen Schritten zur achteren Plattform und verschwand unter Deck, ohne sich noch um jemanden zu kümmern.

9.

Manuel Quintana wurde von Fieberkrämpfen geschüttelt. Er spürte, wie sich die Hand des Rudersklaven, der an seiner rechten Seite saß, auf seine Schulter legte. Er bewegte den Kopf leicht hin und her. Nein, er wollte keine Hilfe. Er wußte, daß er dieses Martyrium nicht lange überstehen würde.

Sein Rücken brannte wie Feuer. Niemand hatte sich um ihn gekümmert, seit Jesus Valencia, der erste Offizier, befohlen hatte, die Riemen wieder einzuholen, weil der Seegang zu stark geworden war. Valencia hatte ihn zwar gefragt, ob er sich einigermaßen fühle, aber er hatte nur genickt und erwidert, daß er in Ordnung sei.

Valencia hatte einen der Seeleute mit einer Art Salbe zu ihm geschickt, um ihm den Rücken zu verarzten, aber unbemerkt vom Ersten Offizier hatte der Zuchtmeister den Mann unverrichteter Dinge wieder zur vorderen Plattform geschickt und ihn dazu verdonnert, gegenüber Valencia das Maul zu halten.

Die Dunkelheit brach jetzt schnell herein. Der Himmel war bedeckt mit dunklen, schnell dahinjagenden Wolken. Fast wünschte sich Manuel Quintana, daß es endlich regnen würde. Von der Nässe versprach er sich eine Milderung seiner Qualen.

Er saß zusammengesackt auf der Ducht, die Arme auf den Knien. Die ungewohnten Eisenmanschetten hatten die Haut an seinen Knöcheln aufgescheuert. Er tastete an seinen Beinen entlang und stöhnte auf, als er die feuchten Wunden an seinen Knöcheln berührte. Er lehnte sich zurück und lehnte den Kopf in den Nacken. Am liebsten hätte er seine Verzweiflung in die hereinbrechende Nacht geschrien, doch er wußte, daß ihm das nur neue Qualen einbringen würde.

Plötzlich spürte er den leichten Druck an seinem Gesäß. Einen Moment verdrängte er dieses leichte Gefühl, das er unter den Schmerzen, die seinen Körper in Wellen durchfluteten, kaum registrierte. Doch dann durchzuckte es ihn heiß. Er erstarrte. Langsam wandte er den Kopf.

Seine fieberglänzenden Augen suchten den Zuchtmeister. Der riesige Kerl stand vor der achteren Plattform und unterhielt sich mit dem Mann, der die Takttrommel schlug.

Nur zwei Aufseher befanden sich auf dem Laufgang. Sie patrouillierten hin und her. Der Zuchtmeister hatte den Befehl dazu gegeben, da er gespürt hatte, daß die Erregung der Rudersklaven wegen der morgendlichen Ereignisse noch nicht abgeklungen war.

Aber die Aufseher waren alles andere als aufmerksam, Nach dem Zwischenfall mit einem ihrer Kollegen hatten sie sämtliche Ketten der Sträflinge kontrolliert. Zwei, die schon fast durchgescheuert waren, hatten sie ausgetauscht. Alle anderen waren noch in Ordnung gewesen. Es war ihnen ein Rätsel geblieben, wie der Mann seine Kette hatte sprengen können. Auch der Nachbar des Kerls schien nichts davon mitgekriegt zu haben, denn er hatte ihnen auch nach dreißig Peitschenhieben nichts verraten.

Als sich die beiden Aufseher in der Mitte des Laufganges getroffen hatten und einer zur achteren und der andere zur vorderen Plattform zurückging, wagte Manuel Quintana, mit der linken Hand nach seinem Rücken zu tasten.

Es ging wie ein Schock durch seinen Körper, als er den Griff des Messers spürte, das er immer unter seinem Hemd auf dem Rücken in seinem Gürtel stecken hatte. Seine Hand glitt zurück, und mit einem vorsichtigen Blick zur Seite vergewisserte er sich, daß auch sein Nachbar auf der Ducht nichts bemerkt hatte.

Manuel Quintana vergaß auf einmal seine Schmerzen. Haß war das Gefühl, das ihn zu beherrschen begann. Das Feuer in seinen Augen verstärkte sich.

Sein Blick ging hinüber zum Tabernakel, wo die Gestalten der Aufseher nur noch als Schatten zu unterscheiden waren. Er starrte auf den größten der Männer. Das mußte der Zuchtmeister sein, der ihn auf Befehl des Kapitäns geschunden und gedemütigt hatte.

Manuel Quintana senkte den Kopf und begann, leise zu beten. Sein Nachbar drehte den Kopf und lauschte, aber verstand nichts von den Worten, die Quintana murmelte.

„Wie geht’s dir, Mann?“ fragte er leise. Ein Grinsen, in dem wenig Anteilnahme war, glitt über sein Gesicht. „Wenn du die Nacht überstehst, wirst du hart wie Eisen sein, Mann.“

Manuel Quintana hörte zwar die Stimme, aber nicht die Worte, die der Ruderknecht sprach. Seine Sinne waren nach innen gekehrt. Vor seinem geistigen Auge tauchte das Geiergesicht Kapitän Juan de Faleiros auf. Seine Hände begannen, automatisch zu zittern. Er verschränkte sie ineinander. Er mußte ruhig bleiben!

Er wußte plötzlich, daß es ihm nicht gelingen würde, sich an dem Kapitän zu rächen. In der Nacht würde dieser niemals den Laufgang betreten.

Aber es gab noch einen anderen, dessen Tod ihm seinen Seelenfrieden wiedergeben konnte.

Die große, dunkle Gestalt des Zuchtmeisters schob sich auf den Aufseher zu, der vom Großmast bis zum Tabernakel hin und her ging und Wache schieben mußte.

„Alles in Ordnung, Jaime?“ hörte er die Stimme des Zuchtmeisters fragen. „Was ist mit unseren beiden stolzen Kanonieren?“

„Sie ruhen sich ein wenig aus, damit sie morgen wieder bei Kräften sind und tüchtig pullen können“, antwortete der Aufseher.

Manuel Quintana konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er war überzeugt davon, daß er grinste.

Wieder zitterten seine Hände. Er preßte sie zwischen den Knien zusammen und stöhnte unterdrückt auf. Er durfte nicht zittern! Er mußte eine ruhige Hand haben, wenn er seine Rache vollenden wollte!

Der Aufseher neben dem Tabernakel sagte etwas, und der Zuchtmeister erwiderte: „Hol dir was zu trinken. Ich werde mal nach meinen Lieblingen schauen.“

Manuel Quintana hielt den Atem an. Seine Zähne klapperten aufeinander, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Er meinte, es müsse auf dem ganzen Schiff zu hören sein. Ein kurzer Blick seitwärts zeigte ihm, daß die Männer auf seiner Ducht schliefen. Zwei hatten sich auf die etwas breiteren Planken zu ihren Füßen gelegt, sein Nebenmann war zur Seite gesunken und schnarchte leise.

Manuel Quintana sah, daß der Zuchtmeister an seinem Kameraden Antonio Sotero, der etwa vier Ruderbänke weiter achtern an Steuerbord saß, vorbeiging. Die Augen des riesigen Kerls waren spöttisch auf Manuel Quintana gerichtet. Nur einen Schritt vor ihm blieb er stehen. Sein gehässiges Grinsen verstärkte sich.

„Na, immer noch nicht müde, Ruderknecht?“ fragte er.

Manuel Quintana wollte ihn anspucken, doch sein Rachen war vom Fieber ausgedörrt, und er brachte keinen Speichel zustande. Mit krächzender Stimme erwiderte er: „Scher dich zum Teufel, Schinder!“

Die Peitsche in der rechten Hand des Zuchtmeisters zuckte vor wie der Kopf einer zubeißenden Schlange. Er hielt sie verkehrt herum, und der Knauf traf Quintana am Hals. Der Zuchtmeister schob sie unter das Kinn des Angeketteten und drückte von unten dagegen, so daß Quintana den Kopf heben mußte.

„Immer noch ein freches Maul, wie?“ sagte der Zuchtmeister zischend.

Der Mann neben Quintana war erwacht.

„Hau ab, Fettsau“, sagte er wütend. „Laß uns wenigstens in der Nacht ruhig schlafen, wo wir deine dreckige Visage nicht sehen müssen.“

Der Zuchtmeister kümmerte sich nicht um ihn. Ihn hatten Beleidigungen noch nie gestört. Bisher hatte er sie höchstens zu Vorwänden benutzt, um seiner Freude am Quälen freien Lauf zu lassen.

„Wie geht’s deinem Rücken, Ruderknecht?“ fragte der Zuchtmeister grinsend und hieb Quintana mit der flachen Linken darauf.

Manuel Quintana richtete sich steil auf. Tränen des Schmerzes schossen ihm in die Augen. Seine Hand lag plötzlich auf seinem Rücken, und er spürte den Griff des Messers an seinen Fingern. Für einen kurzen Moment war er versucht, es herauszureißen und dem brutalen Kerl in den Leib zu stoßen. Aber trotz des Schmerzes und der Fieberschauer, die in seinem Körper tobten, ahnte er, daß der Schinder auf der Hut war. Er rechnete sicher immer damit, von einem der Sträflinge angefallen zu werden.

Der Zuchtmeister lachte leise auf.

„Du bist das größte Miststück, dem ich in meinem Leben begegnet bin, Fettsau!“ stieß der Mann neben Quintana hervor. „Dich sollte man in siedendem Öl baden!“

Diesmal wandte der Zuchtmeister den Blick und starrte den Mann an.

„Morgen bist du dran, Fernandez“, sagte er kalt. „Dein Rücken wird ziemlich unter deinem großen Maul zu leiden haben.“

Der Rudersträfling klappte den Mund zu und preßte die Lippen aufeinander. Er warf Quintana einen schiefen Blick zu und sagte sich wohl, daß es sich eigentlich nicht gelohnt hatte, dem Zuchtmeister die Meinung zu geigen.

Der Riese nahm den Peitschenknauf vom Kinn Quintanas, stieß ihn damit noch einmal vor die Brust und drehte sich dann um.

Manuel Quintanas rechte Hand umklammerte immer noch den Knauf seines Messers. Er sah den breiten Rücken des Zuchtmeisters vor sich, der breitbeinig den Laufgang entlang schritt.

Jetzt! schrie es in ihm, aber er zögerte. Plötzlich traute er sich nicht mehr zu, den Rücken des gehenden Mannes zu treffen.

Dann sah er, wie der Zuchtmeister neben der Ducht stehenblieb, auf der Antonio Sotero festgekettet war. Der Schinder klopfte ihm mit dem Peitschenstiel auf die geschundene Schulter, und das Stöhnen Soteros war bis zu Quintana zu hören.

Manuel Quintana wandte den Kopf. Der zweite Aufseher befand sich immer noch in der Nähe der vorderen Plattform. Offensichtlich wollte er dem Zuchtmeister bei seiner „Inspektion“ nicht in die Quere geraten. Quintana sah, daß er sogar den Kopf gewandt hatte und nach vorn über die beiden Vierundzwanzigpfünder hinweg aufs bewegte Meer schaute.

Die rechte Hand mit dem Messer hob sich. Auf einmal war das Zittern fort. Manuel Quintana spürte eine Ruhe in sich, die er sich niemals zugetraut hatte. Die Dunkelheit war inzwischen hereingebrochen, und die Konturen des Zuchtmeisters, der nur wenige Schritte von ihm entfernt auf dem Laufgang stand und seinen Kameraden quälte, waren nicht mehr klar zu erkennen.

Der Mann neben Manuel Quintana stieß einen leisen Pfiff aus, als er das Messer in der Faust seines Nebenmannes sah. Einen Augenblick glaubte Quintana, der Mann wollte ihn zurückhalten, doch da zischte dieser: „Los, wirf, Mann! Eine solche Gelegenheit kriegst du nie wieder!“

Fernandez hatte zu laut gesprochen. Der Zuchtmeister, der Ohren wie ein Luchs hatte, drehte sich um.

In diesem Augenblick zuckte Manuel Quintanas Hand mit dem Messer vor. Der Stahl wirbelte durch die Luft, und auch die vorgereckte Faust des Riesen konnte seine Flugbahn nicht mehr verändern. Tief senkte sich die Schneide in die linke Brust des Zuchtmeisters.

Manuel Quintana sah mit weit aufgerissenen Augen, wie der Körper des Schinders zu wachsen schien, dann langsam wie ein Rohr im Winde zu wanken begann und schließlich umkippte und mit krachendem Laut auf die Planken des Laufganges schlug.

Manuel Quintana hörte die überraschten Ausrufe der anderen Aufseher. Der Mann von der vorderen Plattform hatte sich bei dem lauten Fall des Riesen abrupt umgedreht. Im ersten Moment hatte er nicht gewußt, was geschehen sein konnte, doch dann mußte er den großen, dunklen Schatten gesehen haben, der mitten auf dem Laufgang lag.

Schreiend rannte er auf den regungslos daliegenden Zuchtmeister zu. Auch von der achteren Plattform tauchten zwei Aufseher auf, die ausgerollten Peitschen in den Händen.

Einer beugte sich über den Zuchtmeister, sah erschrocken das Messer aus seiner Brust ragen, legte sein Ohr daneben und sagte, als er sich aufrichtete, mit heiserer Stimme: „Er ist tot!“

Die Worte klangen in Manuel Quintanas Hirn wie Paukenschläge. Er fühlte sich auf einmal leicht. Seine Schmerzen waren nur noch wie unangenehme Träume, die ihm am Rand seines Bewußtseins begegneten. Er hörte die Stimme seines Nebenmannes wie aus weiter Ferne und begriff den Sinn der Worte nicht. Die Dunkelheit verschwamm vor seinen Augen und wich einem sanften Rot, das ihn über die Grenze zwischen Traum und Nichts führte.

Fernandez sah Manuel Quintana zusammenbrechen und begann zu grinsen. Etwas Besseres hätte dem Mann nicht passieren können. Wer bewußtlos war, konnte schwerlich das Messer geworfen haben, das den Zuchtmeister getötet hatte.

Fernandez dachte plötzlich voller Schreck an die Peitsche, die er unter seinem Sitz versteckt hatte. Niemand von den Aufsehern hatte es am Morgen bemerkt, wie er sie an sich gebracht hatte, nachdem sie von Antonio Sotero mit dem Fuß zwischen die Duchten geschleudert worden war.

Er mußte das Ding loswerden, denn sicher würden alle Sträflinge nach diesem Mord an dem Zuchtmeister auf Waffen untersucht werden.

Er holte die Peitsche hervor, und bevor einer der Aufseher es bemerken konnte, warf er die Peitsche auf den Laufgang, so daß sie nur zwei Schritte von dem toten Zuchtmeister hinter den Füßen eines Aufsehers liegenblieb.

Der Mann hatte ein Geräusch gehört und drehte sich um. Da er keine Bewegung unter den Ruderknechten sah, kümmerte er sich wieder mit den anderen um den toten Zuchtmeister.

„Sie haben Rayo ermordet!“ brüllte einer von ihnen.

Seine Stimme brach die Stille, die über der „San Antonio“ hing, als wäre eine Granate ins Schiff eingeschlagen.

Carlos Mendez, der Zweite Offizier, der Wache hatte, lief auf die Männer zu und drängte sie beiseite. Von der vorderen Plattform schob sich Teniente Ribera heran, und nur Sekunden nach dem Schrei tauchte der Glatzkopf Juan de Faleiros aus dem Niedergang auf, der zu seiner Kammer unter Deck führte.

Der Kapitän hatte vergessen, seine Perücke aufzusetzen. Außerdem war er in sein langes Nachtgewand gekleidet, das am Kragen, den Ärmeln und am Saum mit Spitzenrüschen besetzt war. Sein Anblick löste ein Johlen der Ruderknechte aus, und die Aufseher begannen sofort, mit Peitschen auf die Männer einzuschlagen. Es dauerte Minuten, bis wieder einigermaßen Ruhe herrschte.

Jesus Valencia war nur wenige Sekunden nach dem Kapitän an Deck erschienen. Jetzt stand er neben Juan de Faleiro und starrte wie der auf den Körper des leblosen Zuchtmeisters nieder, in dessen Brust ein Messer steckte. Sein Wams um das Messer herum hatte sich mit Blut vollgesogen.

Jesus Valencia sah, wie der hagere Kapitän am ganzen Körper zitterte. Die Wut schien ihn fast umzubringen. Die Tatsache, daß jemand an Bord gewagt hatte, einen seiner Vertrauten zu ermorden, brachte ihn fast um den Verstand.

Er bückte sich, riß das Messer aus der Brust des Toten und reckte es mit seinem dürren Arm hoch über den Kopf.

„Wer hat dieses Messer geworfen?“ brüllte er mit sich überschlagender Stimme. „Wer ist der hinterhältige Mörder?“

Als hätte er gar nicht erwartet, auf seine Frage eine Antwort zu erhalten, drehte er sich abrupt um und brüllte: „Zündet die Fackeln an! Ich will den Hurensohn, der Rayo ermordet hat! Durchsucht die verlauste Brut nach Waffen! Ein Faß Wein für denjenigen, der mir den Mörder bringt!“

Er sah Jesus Valencia neben sich stehen. In seinen stechenden Augen blitzte es auf.

„Sie haben natürlich nichts gesehen, Señor Valencia, wie?“ fragte er zischend.

„Nein, Señor Capitán“, erwiderte Valencia ruhig.

„Vielleicht haben Sie es sogar selbst geworfen!“

„Das wird von meiner Kammer aus schlecht möglich gewesen sein“, sagte der Erste Offizier. „Ich wurde nämlich wie Sie durch das Geschrei aus dem Schlaf geweckt. Señor Mendez hatte Wache.“ Er konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, und Juan de Faleiro wandte sich wütend ab. Ohne sich weiter um Valencia, Mendez oder Teniente Ribera zu kümmern, schritt er den Laufsteg entlang.

Er stieß gegen die Peitsche, die auf den Planken lag, beugte sich nieder und hob sie auf. Vor Manuel Quintana blieb er stehen. Die Faust mit der Peitsche zuckte vor und traf den bewußtlosen Stückmeister in die Seite.

„Nur dieser verfluchte Hund konnte ein Messer haben!“ zischte er. „Gib es zu, Meuterer! Los, mach’s Maul auf!“

„Er kann nicht antworten, Señor Capitán“, sagte Fernandez mit belegter Stimme. „Er war schon ohne Besinnung, als der Zuchtmeister plötzlich umfiel.“

„Hast du etwas gesehen?“ fragte Juan de Faleiro gierig.

Fernandez schüttelte den Kopf. „Ich hörte nur, wie der Zuchtmeister auf die Planken stürzte.“

Der Kapitän trat noch dichter an Fernandez heran. „Ich gebe dir die Freiheit, Sklave, wenn du mir den Täter nennst!“

Fernandez leckte sich über die Lippen.

„Das Angebot ist verlockend, Señor Capitán“, sagte er. „Aber Gott steh mir bei, ich habe nichts gesehen.“

„Hört, ihr Hurensöhne!“ kreischte de Faleiro. „Derjenige, der mir den Mörder nennt, wird frei sein, sobald wir wieder an Land vertäuen!“

Es blieb still auf der „San Antonio“. Die Fackeln warfen ein gespenstisches Licht auf die Ruderknechte, die mit trotzigen und triumphierenden Gesichtern auf den hageren Kapitän starrten, der für sie der Teufel persönlich war.

Das Angebot des Kapitäns war wahrhaftig verlockend, aber sie alle kannten Juan de Faleiro zu gut, um seinen Versprechungen Glauben zu schenken. Er war nicht der Mann, der irgendeinem Sträfling, aus welchen Gründen auch immer, die Freiheit schenkte.

„Was ist?“ schrie Juan de Faleiro weiter. „Gefällt es euch auf euren Ruderbänken so gut, daß ihr freiwillig auf eure Freiheit verzichtet?“

Seine Worte hallten in der Stille nach. Nur der scharfe Wind, der über die Wanten geigte, und das Rauschen der unruhigen See waren zu hören.

Juan de Faleiro reckte die linke Hand mit dem blutigen Messer hoch.

„Kennt jemand dieses Messer?“ rief er. „Hundert Dukaten für den, der mir den Besitzer dieses Messers nennt!“

Diesmal wandte er sich an die Seeleute und Riberas Soldaten, doch wieder meldete sich niemand.

„Ihr Schweinehunde steckt mit dem Mörder unter einer Decke!“ brüllte der Kapitän., „Wollt ihr meutern? Ich lasse jedem von nun an den Kopf abschlagen, wenn er noch einmal die Hand gegen mich oder einen meiner Leute erhebt!“

In seinem langen Nachtgewand sah Juan de Faleiro wie ein lächerlicher Zwerg aus, aber niemand an Bord der „San Antonio“ verspürte den Wunsch, über den hageren Mann zu lachen. Nicht in diesem Augenblick. Sie wußten, daß dies tödlich sein konnte.

Teniente Ribera trat einen Schritt vor und sagte gepreßt: „Von meinen Leuten steckt niemand mit einem Mörder unter einer Decke, Señor Capitán! Ich hoffe, daß Sie diese Behauptung zurücknehmen!“

Juan de Faleiro blickte auf und sah in das starre, aber entschlossene Gesicht des Teniente. Sein Blick glitt weiter zu den Soldaten, die wieder ihre Musketen in den Händen hielten. Das Licht der Fackeln zeigte ihm kantige, harte Gesichter, und Juan de Faleiro begriff, daß er in seiner Wut zu weit gegangen war.

„Es war nicht so gemeint, Teniente Ribera“, murmelte er. Dann wandte er sich an Jesus Valencia. „Beim ersten Anzeichen, daß der Wind nachläßt, wird wieder gerudert“, sagte er. „Geben Sie den Rudersklaven eine Extraration. Es wird morgen wieder ein harter Tag für sie werden.“ Damit schlurfte er davon und verschwand unter Deck.

Im ersten Moment war Jesus Valencia verblüfft, doch dann erkannte er, daß Juan de Faleiro nur eine andere Taktik angewandt hatte, weil er befürchtete, daß die Stimmung an Bord ganz und gar zu seinen Ungunsten umschlagen könnte.

10.

Es gab etwas, was im Mittelmeer nie vorausschaubar war: die Launen des Windes.

Pierre Delamotte, der schon geglaubt hatte, der spanischen Galeasse endgültig entwischt zu sein, fluchte ungeniert, als der Wind zu krimpen begann, dann zurück gegen den Uhrzeigersinn drehte, dabei mäßig wurde und sich schließlich auf Nordwesten einpendelte.

„Das ist ein schöner Schlag ins Kontor, Monsieur Carberry“, sagte er. „Es wird uns nichts weiter übrigbleiben, als auf Westsüdwestkurs zu gehen. Nach Nordnordosten können wir nicht laufen, dann würden wir wahrscheinlich den Dons vor die Kanonen segeln.“

Carberry hielt die Nase in den Wind.

„Wir müßten eigentlich noch einen Kurs Westen zum Süden schaffen“, meinte er. „Wir würden zwar keine volle Fahrt laufen, wenn wir uns am Rande der äußersten Höhe entlangschleichen, aber wenigstens nicht so weit von unserem Kurs abkommen.“

Delamotte blickte den Engländer skeptisch an.

„Ihr Mann am Ruder wird sich bald nicht mehr auf den Beinen halten können“, sagte er skeptisch, „und ob ein anderer die ‚Mercure‘ so gut im Griff haben …“ Er unterbrach sich, als Carberry breit zu grinsen begann. „Sie meinen, daß Ihre anderen Kameraden ebenfalls …“

„Worauf Sie sich verlassen können, Monsieur le capitaine“, erwiderte Carberry im Brustton der Überzeugung. „Unter den Seewölfen von Arwenack gibt es keinen, der eine Galeone nicht mindestens ebensogut wie Stenmark fahren kann.“

Pierre Delamotte blieb skeptisch, aber die Männer überzeugten ihn schnell. Luke Morgan übernahm als erster das Ruder, dann folgten Jeff Bowie und Blacky. Sie alle geigten dem Capitaine etwas vor, daß ihm Hören und Sehen verging.

„Sie haben es alle vom alten Pete Ballie gelernt, der auf unserer ‚Isabella‘ Rudergänger war“, sagte Carberry grinsend, als er am frühen Morgen wieder neben dem Kapitän auf dem Achterdeck stand. „Pete meinte zwar immer, daß sie es nie lernen würden, aber ich muß sagen, daß man mit ihnen im großen und ganzen zufrieden sein kann.“

Pierre Delamotte legte den Kopf schief und starrte Carberry an, als wolle der ihn verarschen. Mein Gott, was hatte er da für Kerle an Bord! Wenn er auch nur einen Bruchteil von dem in Brest bei Janvion im „Goldenen Hahn“ zum besten gab, würde man ihn für den größten Lügner aller sieben Meere halten!

Er wollte etwas erwidern, doch in der Kuhl wurde es plötzlich laut. Eine schrille Stimme schrie etwas auf Französisch, und dann brüllte der Kutscher: „Das Ferkel hat in meiner Kombüse nichts zu suchen, verflucht noch mal! Der verdirbt mit seinem Gestank schon das Essen, wenn er nur seinen Rüssel durch den Türspalt steckt!“

Ein Klatschen war zu hören, dann brüllten mehrere Stimmen durcheinander.

Pierre Delamotte drehte sich demonstrativ um und stiefelte zum Niedergang hinüber, der zu seiner Kammer führte.

„Sie übernehmen das Kommando, Monsieur Duval“, sagte er über die Schulter zu seinem Steuermann, der richtig aufgelebt war, seit er solche Rudergänger hatte.

Carberry verschwand vom Achterdeck und sah sich auf der Kuhl einem Pulk von Männern gegenüber. Diesmal nicht Franzosen und Engländer getrennt, sondern auf einem Haufen. Sie starrten alle auf Pet, den kleinen Koch, den der Kutscher aus seinem Reich vertrieben hatte. Bill und ein Franzose, die gerade den Bottich aus der Kombüse über Bord entleert hatten, stellten ihn neben dem Kutscher ab.

„Was ist hier los?“ fragte Carberry.

„Pet will wieder in feine Kombüfe“, sagte Marteau, der Hammer, grinsend. Er hatte immer noch Schwierigkeiten mit der Aussprache, aber inzwischen hatten sich die anderen daran gewöhnt und verstanden ihn.

„Wollt ihr ihn denn wiederhaben?“ fragte Carberry die Franzosen unter der Mannschaft. „Soll der Kutscher die Kombüse verlassen und Pet wieder euer Essen kochen?“

Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Männer. Fäuste wurden gegen den kleinen Koch geschüttelt, der die Mannschaft systematisch vergiftet hatte, wie Breton, der Bootsmann, behauptet hatte, nachdem allen klargeworden war, was ein ordentliches Essen bedeutete, als sie die erste Mahlzeit des Kutschers gekostet hatten.

„Ich hab nichts gegen den Furzer“, sagte der Kutscher, als wieder ein wenig Ruhe eingekehrt war. „Er soll sich nur mal gründlich waschen und aufhören, so viele Zwiebeln zu fressen.“

Die Männer nickten grimmig. Breton trat vor und wies auf den Bottich.

„Wir sollten ihn da reinstecken und ihn mit Decksbürsten abscheuern“, sagte er grollend. „Wahrscheinlich aber brauchen wir Kalfatereisen, um den Dreck von seiner Haut runterzukriegen.“

Pet heulte auf. Er duckte sich und versuchte, an zwei Männern vorbei im Vorschiff zu verschwinden, aber sie packten ihn und hielten den zappelnden Mann fest.

„Füllt den Bottich mit Waffer!“ schrie Marteau.

„Haaalt!“ Der Kutscher stürzte sich auf seinen Bottich und zerrte ihn weg. „In diesem Bottich wird der Kerl nicht gebadet!“ brüllte er. „Dann können wir ihn hinterher gleich über Bord schmeißen!“

Seine letzten Worte brachten die Männer auf einen Gedanken. Im Nu war der kleine Pet von seinen Landsleuten umringt. Sie banden einen Tampen um seine Hüften, hoben den strampelnden Kerl hoch und warfen ihn in hohem Bogen über das Schanzkleid ins Meer.

Pets Schreien verstummte, als die erste Ladung Meerwasser in seinen Mund drang. Er schlug wie ein Verrückter um sich und japste keuchend, als die Männer ihn endlich wieder an Bord hievten.

Aber das war noch lange nicht alles. Jemand hatte Kernseife und Bürsten herangeschleppt, und mit einem halben Dutzend Männern begannen sie, an ihm herumzuschrubben, bis seine Haut krebsrot war.

Pet brachte schon keinen Ton mehr hervor. In seiner Erregung machte sich seine Krankheit wieder bemerkbar, was ihm ein paar Ohrfeigen einbrachte. Sie warfen ihn wieder über Bord, um die Seife abzuspülen, und als sie ihn dann hochgezogen hatten, rümpfte Marteau die Nase und sagte lispelnd: „Der ftinkt noch immer. Daf müffen wir noch ein paarmal wiederholen.“

Pet war zu fertig, als daß er noch einen lauten Protest hätte loslassen können. Die Männer ließen ihn einfach liegen und wandten sich lachend wieder ihrer Arbeit zu.

Pet kroch über Deck und suchte seine Kleider. Aber die hatte jemand mit spitzen Fingern angehoben und über Bord geworfen. Der kleine, magere Franzose heulte vor Wut. Sein Kopf ruckte herum, als er einen Schatten neben sich auftauchen sah. Seine feuchten Augen starrten auf den Kerl, der ihm das alles eingebrockt hatte, und wenn er in diesem Augenblick ein Messer zur Hand gehabt hätte, er wäre damit auf den Kutscher losgegangen.

„Tut mir leid, daß sie dich so zugerichtet haben“, sagte der Kutscher und hielt ihm ein Hemd und eine Hose entgegen, die er vorn in der Segelkammer gefunden hatte.

Pet wischte die Hand wütend zur Seite.

„Stell dich nicht so an“, sagte der Kutscher. „Verdammt, du hast selbst schuld an deiner Lage. Warum hast du Ferkel dich nie gewaschen, he? Und sieh dir jetzt mal deine Kombüse an. Die würdest du nicht wiedererkennen. Mann, wenn man für seine Kameraden kochen muß, dann hat man die verdammte Pflicht, so sauber wie möglich zu sein. Du wärst doch fast in deinem eigenen Dreck erstickt!“

Pet nahm zögernd die Hose und das Hemd entgegen, erhob sich und streifte die Sachen über. Dann blickte er den Kutscher schief an und leckte sich die Lippen.

„Ich war nicht immer so dreckig“, sagte er halblaut. „Aber hör du dir mal jeden Tag die Sticheleien an und laß dich Furzer nennen, dann ist dir eines Tages auch scheißegal, ob die Kerle sauberes oder dreckiges Essen kriegen.“

„Warum frißt du denn so viele Zwiebeln?“ fragte der Kutscher.

Pet zuckte mit den Schultern.

„Wir haben zu Hause immer Zwiebeln gegessen“, sagte er. „Meine Mutter meinte, es gäbe nichts Gesünderes als Zwiebeln.“

„Das mag schon stimmen. Aber hier lebst du mit anderen auf engstem Raum zusammen, und da sollstest du ein bißchen Rücksicht nehmen. Wie ist eigentlich dein richtiger Name?“

„Henri“, sagte Pet.

„Gut, Henri“, sagte der Kutscher. „Die Arbeit in der Kombüse ist für einen Mann ohnehin zuviel. Wir könnten zusammenarbeiten, wenn du mir versprichst, dich zu waschen und mit dem Zwiebelfressen aufzuhören.“

Der kleine Franzose schaute den Kutscher einen Moment zweifelnd an, doch dann nickte er, und der Kutscher zog ihn mit sich zum Niedergang unter dem Achterdeck.

Henri staunte, als er die Kombüse betrat. Er erkannte sie tatsächlich nicht wieder. Alles hatte seinen Platz, und Töpfe und Tiegel glänzten vor Sauberkeit.

Der Kutscher wies auf einen Kübel mit den Resten vom letzten Essen und fragte Henri, ob er das Zeug wohl über Bord kippen könne.

Der Franzose nickte grinsend und verschwand mit dem Kübel an Deck. Als er das Zeug an der Leeseite über das Schanzkleid schüttete, sah er die mächtige Rückenflosse eines Riesenhais, die plötzlich einen engen Kreis beschrieb und mit Affengeschwindigkeit auf die „Mercure“ zuhielt. Wahrscheinlich wollte der schwere Brocken sich das Zeugs holen, das er, Henri, über Bord gekippt hatte.

Henri erschrak, als er den langen Schatten unter der Wasseroberfläche sah. Mann, war das ein Mordskerl! Er wurde blaß, als er daran dachte, was hätte passieren können, wenn der Hai vor einer Stunde aufgetaucht wäre, als er am Tampen hängend im Wasser herumgezappelt hatte.

Ein Zittern ging plötzlich durch das Schiff, als wäre es auf ein Riff aufgelaufen.

Henri beugte sich über das Schanzkleid und sah, wie der riesige Hai mit taumelnden Bewegungen davonschwamm. Gleichzeitig brüllte jemand vom Achterdeck auf Englisch.

Der große Mann mit dem Narbengesicht und dem Amboßkinn stand auf einmal neben Henri. Der kleine Franzose zuckte regelrecht zusammen.

„Was war das?“ fragte er.

„Ein Hai!“ stieß Henri hervor. „Er schnappte nach dem Zeug, das ich über Bord kippte. Dabei muß er die ‚Mercure‘ gerammt haben.“

„Verflucht“, sagte Carberry, als er die Rufe vom Achterdeck verstand. Blacky erschien an der Balustrade, ein wenig wankend.

„Das Ruder ist im Eimer!“ brüllte er. „Wir müssen irgendwo aufgelaufen sein! Es hat mir den Kolderstock glatt aus den Fäusten gerissen!“

Carberry hörte über sich das Knattern der Segel und bemerkte, wie die „Mercure“ aus dem Ruder lief.

„Geit die Segel auf, Leute!“ schrie er. „Ferris, laß einen Treibanker auswerfen!“

Auf dem Achterdeck wurden wieder Stimmen laut. Carberry hörte den Steuermann Duval mit seinem Kapitän sprechen. Es dauerte eine Weile, dann gab Pierre Delamotte den Befehl, einen Treibanker auszuwerfen und die Segel aufzugeien.

Carberry lief zum Aufgang hinüber und war mit ein paar Sprüngen auf dem Achterdeck. Er grinste, als er das verwunderte Gesicht des Kapitäns sah, der nicht begreifen konnte, wie es möglich war, daß seine Befehle so schnell ausgeführt wurden.

Alain Duval, sein Steuermann, erklärte ihm gerade, daß Monsieur Carberry die Befehle schon eine Minute vor ihm gegeben hätte.

Diesmal verging Pierre Delamotte das Grinsen, als sein Schiffszimmermann ihm mitteilte, daß das verfluchte Meerungeheuer das Ruderblatt zersplittert hätte, so daß es nicht mehr zu gebrauchen sei.

Nachdem Ferris Tucker dafür gesorgt hatte, daß ein Treibanker ausgebracht worden war, besah er sich zusammen mit dem Schiffszimmermann der „Mercure“ den Schaden. Auf dem Achterdeck zurück, meinte er, daß er etwa einen halben Tag für ein neues Ruderblatt gebrauchen würde.

Pierre Delamotte sagte nichts, aber er nickte, als Sir John, der auf Carberrys Schulter hockte, aus tiefster Seele „Merde!“ krächzte.

Ferris begann umgehend mit der Arbeit. Für die anderen begann ein zermürbendes Warten, und Stenmark hatte wieder Ärger mit dem Giftzwerg Marchais, der einfach seine Neugier nicht bezähmen konnte. Ihm hatten es die breiten Ledergürtel der Engländer angetan. Er war überzeugt davon, daß sie Gold oder etwas Ahnliches darin verbargen. Wenn er gewußt hätte, wie nah er mit seinen Vermutungen der Wirklichkeit war, wäre er vor Gier wahrscheinlich verrückt geworden.

Gegen Nachmittag sichtete Bill zwei Mastspitzen. Pierre Delamotte ließ das Schiff vorsichthalber gefechtsbereit machen, obwohl sie mit beschädigtem Ruder gegen einen entschlossenen Feind kaum eine Chance gehabt hätten.

Zu ihrem Glück erwies sich das Schiff als eine griechische Handelsgaleere, die offensichtlich Kurs auf Sizilien steuerte.

Der Kapitän der Galeere ließ anfragen, ob die „Mercure“ Hilfe brauche, aber Pierre Delamotte winkte freundlich ab. Man könne den Schaden selber beheben.

Ferris und der französische Schiffszimmermann arbeiteten wie die Berserker, und tatsächlich hatten sie es nach zwölf Stunden geschafft.

Es war drei Uhr morgens, und am östlichen Horizont war vom beginnenden Tag noch nicht einmal ein schwacher Streifen zu sehen, als Pierre Delamotte Segel setzen ließ und die. „Mercure“ wieder Fahrt aufnehmen konnte.

Sie segelten weiter Kurs Westen zum Süden, und Pierre Delamotte hoffte, daß ihnen die verlorenen zwölf Stunden nicht noch zum Verhängnis werden würden.

11.

Manuel Quintana hatte die Nacht überlebt. Es war eine einzige, von wilden Alpträumen geschüttelte Qual gewesen, doch als er nach drei Stunden Iangem, tiefem Schlaf gegen Morgen von Fernandez an der Schulter gerüttelt wurde, war das Fieber aus seinen Augen verschwunden.

Jesus Valencia hatte befohlen, die Riemen wieder auszulegen, denn der Wind hatte nachgelassen und auf Nordwest gedreht. Jetzt schritt er den Laufgang entlang und ließ seine Blicke über die Rudersklaven gleiten. Er betrachtete Antonio Sotero, der die Auseinandersetzung mit den Aufsehern einigermaßen glimpflich überstanden hatte, und ging dann zu Manuel Quintana hinüber.

Er sah, daß der Mann total erschöpft war, obwohl er kein Fieber mehr zu haben schien.

Auf einen Wink hin traten zwei Aufseher näher.

„Schließen Sie Quintana los!“ befahl Jesus Valencia.

Die Aufseher starrten ihn an und rührten sich nicht. Einer von ihnen sagte: „Der Capitán wird uns auspeitschen lassen, wenn wir Ihren Befehl ausführen, Señor Valencia!“

„Und ich werde euch wegen Insubordination hängen lassen, wenn ihr meinen Befehl nicht ausführt“, erwiderte Jesus Valencia kalt. „Ich habe das Kommando, wenn der Capitán nicht an Deck ist, verstanden?“

Sie senkten die Köpfe, und einer von ihnen bückte sich und schloß die Eisen an Manuel Quintanas Knöcheln auf.

Jesus Valencia wurde es fast übel, als er die schwärenden Wunden sah, die von den Eisenbändern verursacht worden waren.

Quintana war nicht in der Lage, sich ohne Hilfe zu erheben. Der Erste Offizier winkte Teniente Ribera von der vorderen Plattform herbei, und der befahl zweien seiner Soldaten, den Stückmeister nach vorn unter die Plattform zu schaffen. Einer der Soldaten war als Feldscher ausgebildet. Er kümmerte sich um die fürchterlichen Verletzungen Quintanas auf dem Rücken und an den Füßen.

Jesus Valencia ließ noch weitere sieben Mann losschließen, die krank aussahen und sich kaum mehr auf den Beinen halten konnten. Er bat den Feldscher der Seesoldaten, sich auch um sie zu kümmern.

Die beiden letzten Riemen vor der vorderen Plattform ließ er nicht auslegen. Auf seinen Befehl hin wurde die Trommel geschlagen, und im Takt schwangen die Riemen vor, tauchten ins Wasser und schoben die „San Antonio“ vorwärts.

Jesus Valencia zog sich zum Tabernakel zurück, nachdem er die Segel hatte voll setzen lassen. Seine Lippen waren aufeinandergepreßt. Er wußte, daß er Schwierigkeiten kriegen würde, wenn Juan de Faleiro das Deck betrat und feststellte, daß er Manuel Quintana hatte losschließen lassen.

Er überlegte, welche Position sie inzwischen erreicht hatten. Nach seinen Schätzungen mußten sie südwestlich der Insel Kreta stehen. Er begann sich zu wundern, warum sie die Galeone noch nicht eingeholt hatten, und im stillen hoffte er, daß es dem französischen Schiff mit den Engländern an Bord gelungen war, sich im Sturm abzusetzen.

Juan de Faleiro hockte beim Schein einer Öllampe in seiner Kammer und beugte sich über die Seekarte, die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet war. Er hatte sich dieselbe Frage gestellt wie Jesus Valencia. Immer wieder rechnete er seine Etmale durch und die, die die Galeone geschafft haben konnte.

Es war unmöglich! Wenn die Galeone Kurs West gesegelt war, mußte er sie längst eingeholt haben!

Juan de Faleiros Kopf ruckte hoch. Ein Gedanke schoß durch sein Hirn. Er klammerte sich an einem kleinen Wort fest, das er selbst eben ausgesprochen hatte: wenn!

Hatte der Franzose vielleicht gar nicht Kurs West befohlen, sondern war nach Norden ausgewichen, indem er auf den Sturm zugehalten hatte und gegen ihn gekreuzt war?

Er beugte sich wieder über die Karte und begann, fieberhaft zu rechnen. Immer wieder zeichnete er mögliche Kurse der Galeone ein und verglich sie mit seinem eigenen. Dann rechnete er die günstigsten Etmale aus.

Immer wieder gelangte er zu dem gleichen Ergebnis.

Er hatte die Galeone überholt! Sie mußte irgendwo hinter ihm sein!

Erregung packte ihn. Abrupt erhob er sich und ging in seiner kleinen Kammer hin und her. Es hatte keinen Sinn mehr, Kurs West weiter zu halten, aber er konnte auch nicht auf gut Glück nach Norden ablaufen und hoffen, daß er den Kurs der Galeone kreuzte.

Er entschloß sich, zu drehen und zumindest einen Tag lang den Osten abzufächern.

Er stülpte sich die Perücke über und kletterte den Aufgang zum Deck hinauf. Er sah den Rücken seines Ersten Offiziers, der auf dem Tabernakel stand, und die Galle stieg ihm hoch. Doch er beherrschte sich. Er wußte, daß er es nicht zu weit treiben durfte. Seit jemand seinen Zuchtmeister ermordet hatte, war seine Stellung nicht mehr so stark wie vorher. Er hatte gestern abend deutlich die Stimmung gegen sich bemerkt. Er würde sich Jesus Valencia vornehmen, wenn sie zurück in Cadiz waren. Er hatte keineswegs vor, den Mann vor ein Kriegsgericht zu bringen. Das war eine viel zu komplizierte Prozedur. Da gab es andere Mittel. In Cadiz kannte er einen Mann, der ihm für ein paar Dukaten einen Kerl besorgte, der Probleme dieser Art innerhalb von Sekunden mit dem Messer aus der Welt schaffte.

Jesus Valencia trat zur Seite, als er den Kapitän bemerkte.

„Wir ändern den Kurs, Señor Valencia“, sagte de Faleiro. „Lassen Sie lange Schläge um den Generalkurs Ost fahren.“

Jesus Valencia nickte und gab die entsprechenden Befehle. Er ahnte, daß der Kapitän die gleichen Gedanken wie er gehabt hatte und vermutete, daß sie der Galeone weit voraus waren.

Dann sah Juan de Faleiro, daß der eine Stückmeister, der ihn zu Boden geschlagen hatte, nicht mehr an seinem Platz auf der Ducht angekettet war. Er wurde bleich bis unter den Rand seiner Perücke.

Obwohl er ahnte, wer dafür verantwortlich war, winkte er einen Aufseher herbei und fragte zischend: „Wo ist der Meuterer?“

Die Stimme des Aufsehers flatterte, als er antwortete. „Ich habe den Ersten Offizier gewarnt, Señor Capitán! Aber er drohte, uns aufhängen zu lassen, wenn wir Quintana nicht losschließen würden!“

Der Geierkopf Juan de Faleiros ruckte herum, und die kleinen, stechenden Augen durchbohrten Jesus Valencia.

Der Erste Offizier blieb ruhig.

„Der Meuterer und einige andere Sklaven waren nicht in der Lage, zu pullen“, sagte er gefaßt. „Ich habe im Interesse einer gleichmäßigen Fahrt und um Zwischenfälle zu vermeiden zwei Riemen stillgelegt, Señor Capitán. Ich bin fest davon überzeugt, damit in Ihrem Interesse gehandelt zu haben.“

Juan de Faleiro wurde vom Zorn geschüttelt. Dieser verdammte Schleimscheißer! O ja, er würde in Cadiz nicht lange zaudern. Dieser Valencia war fällig.

Er nickte leicht und schickte den Aufseher weg. Er wollte sich umdrehen, als er den Ruf eines der Seeleute hörte: „Galeere Backbord voraus!“

Er ging auf die achtere Plattform und starrte aus zusammengekniffenen Augen dem schlanken Schiff entgegen, dessen Konturen sich aus dem hellen Streifen an der östlichen Kimm schälten.

Teniente Riberas Stimme hallte über Deck. Er befahl seinen Männern, gefechtsbereit zu sein, wenn die Galeere ihren Kurs kreuzte.

„Steuern Sie die Galeere an, Señor Valencia!“ rief Juan de Faleiro.

„Es ist ein Grieche, Señor Capitán!“ ertönte die Stimme des Ausgucks.

Die „San Antonio“ hielt auf die kleine Galeere zu, die ihre Riemen aufgenommen hatte, um zu demonstrieren, daß sie keine feindlichen Absichten hatte und auch nicht die Flucht ergreifen wollte.

Juan de Faleiro ließ dicht an die Galeere heranpullen. Durch ein Sprachrohr schrie er hinüber: „Haben Sie vielleicht eine französische Handelsgaleone gesichtet, Señor? Ihr Name ist ‚Mercure‘! Ein Freund von mir ist der Kapitän dieses Schiffes! Er müßte ungefähr diesen Kurs nehmen!“

„Wir haben die Galeone gesichtet, Señor!“ erhielt er zur Antwort. „Sie lag etwa dreißig Meilen südlich der Westspitze Kretas! Sie hatte offensichtlich einen Ruderschaden, sonst wäre sie sicher schon hier!“

Juan de Faleiro konnte seinen Triumph kaum unterdrücken. Er bedankte sich freundlich für die Auskunft und wartete nicht ab, bis die griechische Galeere aus ihrem Blickfeld entschwunden war. Er stürzte in seine Kammer und begann, den Kurs zu berechnen, auf dem er aller Wahrscheinlichkeit nach den Kurs der „Mercure“ schneiden mußte.

„Ostnordost“, murmelte er.

Er fühlte ein Jucken auf der Brust, und der Haß auf die Engländer, die sein Leben und seine Karriere zerstört hatten, wurde wieder übermächtig in ihm. Er stieg an Deck und gab den Befehl, Kurs Ostnordost zu steuern. Dann schickte er Jesus Valencia unter Deck. Jetzt würde er das Kommando so lange nicht mehr aus der Hand geben, bis er die „Mercure“ vor den Rohren seiner Vierundzwanzigpfünder hatte.

12.

Sie sichteten die Galeone am späten Nachmittag.

Juan de Faleiro, den das Jagdfieber gepackt hatte, wußte, daß die Galeone ihm diesmal nicht entgehen konnte. Der Wind blies immer noch mäßig aus Nordwest.

Eine ganz andere Frage bewegte den Kapitän der „San Antonio“. Er hatte bei ihrem ersten Zusammentreffen gesehen, daß die Bewaffnung der Galeone nicht von Pappe war. Die vier Stücke an den Kuhlseiten konnten ihm einige Scherereien bereiten.

Eigentlich mußte der französische Kapitän froh sein, wenn er die Begegnung mit der spanischen Galeasse ungeschoren überstand. Und Juan de Faleiro nahm sich vor, ihm dies zu versprechen, wenn er die Engländer, die er an Bord hatte, freiwillig herausgab.

Er winkte Jesus Valencia, der wieder an Deck war, zu sich und sagte: „Wir steuern auf Rufweite an den Franzosen heran. Ich möchte einen Kampf vermeiden. Trotzdem werden wir gefechtsbereit sein. Sind die beiden Jager besetzt?“

Jesus Valencia nickte.

„Ich kann allerdings nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, daß die Männer ohne Anleitung ihrer Stückmeister auch Treffer landen werden“, sagte er.

Juan de Faleiro lief rot an, doch er verschluckte seinen Ärger.

„Befehlen Sie Quintana und Sotero wieder an die Geschütze!“ stieß er wütend hervor. „Aber damit ist ihre Strafe nicht aufgehoben!“

„Si, Señor Capitán“, sagte Jesus Valencia, und als er sich umdrehte, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er befahl einem Aufseher, die Eisen Antonio Soteros aufzuschließen, und führte den Mann unter die vordere Plattform, wo Manuel Quintana hockte. Der Stückmeister hatte sich einigermaßen erholt, und er nickte sofort, als Jesus Valencia ihn bat, eins der beiden Geschütze zu übernehmen, für die er vorher verantwortlich gewesen war.

„Was hat der Capitan vor?“ fragte Teniente Ribera.

„Er will einen Kampf vermeiden, wenn es geht“, erwiderte Valencia. „Er ist wild auf die Engländer, die an Bord des Franzosen sind.“

„Warum eigentlich?“ fragte Ribera. „Niemand von uns versteht, daß er derart durchdreht, seit er hinter diesem Schiff her ist.“

„Die Engländer sollen damals sein Schiff gekapert haben“, sagte der Erste Offizier leise. „Einer von ihnen hat ihm eine Ladung Blei in die Brust geschossen, an der er beinahe krepiert wäre. Das Ganze hat ihn damals seine Karriere gekostet.“

Ribera nickte. Jetzt war das Verhalten des Kapitäns verständlicher. Ein Mann wie Juan de Faleiro konnte so etwas nie vergessen.

Sie drehten die Köpfe, als sie de Faleiros Stimme auf der achteren Plattform hörten. Der Kapitän gab Anweisung, ihre friedlichen Absichten zu bekunden, indem die Galeasse parallel zur Galeone trieb. Die Galeone hatte inzwischen beigedreht. Deutlich war zu erkennen, daß auch ihre Geschütze feuerbereit waren.

„Señor Capitán!“ brüllte Juan de Faleiro zur Galeone hinüber. „Wir sind auf der Suche nach Feinden der Spanischen Krone! Es handelt sich um Engländer, die sich an Bord Ihres Schiffes befinden müssen!“

Es dauerte eine Weile, bis Antwort von der Galeone gegeben wurde.

„Bedauerlicherweise ist es mir nicht möglich, Ihnen behilflich zu sein, Monsieur!“ rief der Kapitän der Galeone zurück. „Wir haben keine Engländer an Bord!“

Juan de Faleiro zitterte vor verhaltener Wut. Im ersten Moment war er drauf und dran, die Galeasse mit ein paar Riemenschlägen eine Wendung von neunzig Grad durchführen und die beiden Vierundzwanzigpfünder abfeuern zu lassen. Doch dann dachte er daran, daß er die Engländer lebend in die Finger kriegen wollte. Sie sollten keinen leichten Tod erfahren. Nein, sie sollten wie die anderen Feinde Spaniens den Feuertod auf der Plaza von Valladolid erleiden – nachdem er sich selbst an ihnen für alles gerächt hatte, was sie ihm angetan hatten.

„Señor!“ brüllte er zurück. „Ich habe meine Befehle von der Admiralität! Ich bitte, an Bord Ihres Schiffes kommen zu dürfen! Ich muß darauf bestehen, Ihre Aussage zu überprüfen!“

Eine Weile war es auf der französischen Galeone still, dann trat der Kapitän wieder an die Reling des Achterdecks und rief: „Sie sind willkommen an Bord der ‚Mercure‘, Monsieur!“

Das Geiergesicht Juan de Faleiros entspannte sich.

„Teniente Ribera!“ rief er. „Stellen Sie zehn Soldaten ab, die mich zur Galeone hinüberbegleiten! Señor Valencia, lassen Sie das Beiboot zu Wasser!“

Er verschwand kurz unter Deck in seiner Kammer und kehrte nach einigen Minuten in seiner Galauniform und mit seiner Sonntagsperükke wieder zurück.

Der Erste Offizier hatte das Beiboot inzwischen zu Wasser gebracht, und außer acht Rudergasten hatten zehn Seesoldaten auf den Duchten Platz genommen.

Juan de Faleiro ignorierte seinen Ersten Offizier. Er winkte den Aufseher herbei, der den Platz des toten Zuchtmeisters übernommen hatte.

„Sie übernehmen während meiner Abwesenheit das Kommando über die ‚San Antonio‘, Señor Saltillo“, sagte er kalt. „Ich erwarte, daß Sie bei irgendwelchen Zwischenfällen hart durchgreifen. Wenn irgend etwas Unvorhergesehenes auf der Galeone geschieht, greifen Sie sofort an. Ohne Rücksicht auf meine Person, verstanden?“

Der Aufseher, der sich in die Brust geworfen hatte und dessen Augen vor Stolz leuchteten, nickte heftig.

„Sie, Señor Capitán!“ brüllte er.

Juan de Faleiro winkte ab. Sein Geiergesicht mit den stechenden Augen und den messerrückendünnen Lippen verzog sich zu einem leichten Grinsen, als er das blasse Gesicht seines Ersten Offiziers sah. Warte nur, Kerl, dachte er, wenn ich die Engländer erst einmal in meiner Gewalt habe, werde ich mich ein bißchen intensiver um dich kümmern!

Er bestieg das Beiboot und befahl, abzulegen.

Jesus Valencia starrte dem Boot aus brennenden Augen nach. Er spürte deutlich die Gefahr, in der er schwebte.

13.

Die Geschütze der „Mercure“ waren gefechtsbereit. Die Männer auf der Galeone hatten zwar erkannt, daß die Dons diesmal nicht gleich ihre Kanonen auf sie abfeuern wollten, aber das minderte ihr Mißtrauen nicht.

Dann war die Stimme des spanischen Kapitäns zu ihnen herübergedrungen, und durch Ferris Tucker war es wie ein Blitz gefahren.

Die Stimme kannte er!

Er würde sie nie in seinem Leben vergessen. Bilder aus der Vergangenheit stiegen vor seinem geistigen Auge auf, und er sah Dan O’Flynn vor sich auf der Galeere stehen, der schrie: „Ihr Dreckskerle könnt mich hängen oder vierteilen oder kielholen! Ich schlage meine eigenen Kameraden nicht, ich …“

Er hatte Dan zugerufen, vernünftig zu sein und zuzuschlagen, dann hatte ihn selbst und Dan die Peitsche eines Aufsehers getroffen. Dans Haut war am Hals aufgeplatzt, das Blut war ihm über den nackten Oberkörper gelaufen. Und dann hatte der Teufelskerl sich blitzschnell gebückt, seine Eisenfessel hochgerissen und sie dem Peitschenschwinger entgegengeschleudert. Der Mann war zwischen die schreienden Rudersklaven gestürzt. Der nächste Hieb hatte einen Seesoldaten von den Beinen gefegt, und dann hatte das Bürschchen plötzlich eine Muskete in den Händen. Feuer und Rauch schlugen aus der Mündung, und auf der achteren Plattform schrie der geiergesichtige Capitán auf, dem eine Ladung Eisen mitten in die Brust gefahren war …

Ferris Tucker schien es, als wäre alles erst vor ein paar Wochen passiert. Doch es war schon fünfzehn Jahre her. Dennoch – die Stimme des Capitáns hatte er sofort wiedererkannt.

Pierre Delamotte blickte ihn an, und Ferris Tucker begriff, daß der Kapitän ihn um Rat fragen wollte.

„Er will an Bord der ‚Mercure‘ kommen“, sagte Delamotte. „Was sollen wir tun? Kämpfen?“

Ferris Tucker schüttelte den Kopf.

Aus der Deckung des Schanzkleides heraus zischte er: „Lassen Sie den Kerl ruhig an Bord. Wir kennen den Hurensohn. Wir werden ihn uns schnappen und ihn als Geisel benutzen. Die Kerle auf der Galeasse werden sich hüten, uns anzugreifen, wenn wir ihren Kapitän in der Gewalt haben.“

Ferris Tucker zischte Carberry zu, wer dieser Kerl war, der es auf sie abgesehen hatte. Sofort wurde alles für einen Empfang des Dons vorbereitet. Blakky und Luke Morgan besetzten je eine Drehbasse auf dem Achterdeck und der Back. Wenn die Seesoldaten, die mit dem spanischen Kapitän auf die „Mercure“ zufuhren, nicht kampflos umkehren wollten, würde man sie mit ein wenig gehacktem Eisen davon überzeugen, daß es gesünder für sie war.

Sie hörten das dumpfe Pochen, mit dem das Beiboot gegen den Rumpf der Galeone stieg, dann tauchte das Geiergesicht Juan de Faleiros über dem Schanzkleid auf.

Die stechenden, dunklen Augen des Spaniers huschten über die Kuhl. Sie nahmen eine schattenhafte Bewegung unter sich wahr, aber ehe de Faleiro reagieren konnte, hatte ihn eine mächtige Faust an seinem Spitzenkragen gepackt und zerrte ihn über das Schanzkleid.

Juan de Faleiro stieß einen spitzen Schrei aus, der abrupt verstummte, als Carberry ihm die Spitze seines Messers gegen die Kehle drückte.

„Ganz ruhig, du giftiger Pavian!“ sagte er grollend. „Wenn du das Maul aufreißt, werde ich dich zu Fischfutter verarbeiten, kapiert, du Affenarsch?“

Das Gesicht des ersten Seesoldaten schob sich übers Schanzkleid. Der Mann starrte genau in die Mündung von Ferris Tuckers Pistole.

„Sieh dich um, Soldat“, sagte Ferris auf Spanisch. „Keiner von euch wird es überleben, wenn ihr eure Füße auf die Planken dieses Schiffes setzen wollt!“

Der Seesoldat sah, daß sowohl vom Achterdeck als auch von der Back eine Drehbasse auf das Beiboot der „San Antonio“ gerichtet war. Er kannte die fürchterliche Wirkung ihrer Eisenladungen, und fast ruckartig tauchte er hinter dem Schanzkleid weg. Er verfehlte eine Sprosse der Jakobsleiter, das Tau entglitt seinen Fingern, und er stürzte zwischen seine Kameraden.

„Ablegen!“ brüllte der gestürzte Soldat. „Sie haben den Capitan in ihrer Gewalt!“

Die Rudergasten holten die Riemen durch, was das Zeug hielt, und sie brauchten für den Rückweg zur Galeasse höchstens die Hälfte der Zeit wie umgekehrt.

Juan de Faleiro begriff nur allmählich, welchen Fehler er begangen hatte.

Dann brach sich sein Zorn Bahn. Mit einer heftigen Bewegung riß er sich von Carberry los. Die Messerspitze ritzte seine Haut, aber das spürte er nicht.

„Feuer!“ brüllte er zur Galeasse hinüber. „Schießt die Hurensöhne zusammen! Bohrt sie auf den Grund des Meeres!“

Carberry, der dem giftigen Kerl mit seiner gepuderten Perücke einen solchen Ausbruch nicht zugetraut hätte, lief hinter ihm her, aber de Faleiro entwischte ihm, jagte den Aufgang zur Back hinauf und sprang den überraschten Luke Morgan an, der hinter seiner Drehbasse stand und das Beiboot beobachtete, das mit einem Affenzahn zurück zur Galeasse rauschte.

„He!“ sagte Luke, wischte mit der linken Hand durch die Luft und landete einen klatschenden Schlag auf Juan de Faleiros Ohr, daß dem die Perücke davonflog und in hohem Bogen ins Wasser segelte.

„Warum feuert ihr nicht!“ heulte Juan des Faleiro. Er schüttelte seine Fäuste zur „San Antonio“ hinüber. „Rammt die Galeone, ihr Idioten, oder ich werde euch die Haut in Streifen abziehen lassen! Feuer, verdammt noch mal! Valencia, ich werde dich vierteilen, wenn ich …“

Eine kräftige Maulschelle verschloß ihm den Mund.

Ferris Tucker packte den geiergesichtigen Menschenschinder im Genick und schüttelte ihn wie einen nassen Hund.

„Halt’s Maul, oder du fängst noch ein paar, daß du die Engel im Himmel singen hörst“, knurrte er. Er hielt den Spanier am ausgestreckten Arm von sich und reichte ihn Carberry.

„Geschütze bereit zum Feuern?“ rief Ferris Tucker, der auf die Kuhl hinuntersprang.

„Aye, aye, Ferris!“ gaben Stenmark, Jeff Bowie und Marteau zurück.

Sie starrten alle hinüber zur Galeasse, wo sich einiges zu tun schien. Ferris Tucker sah, daß es auf der achteren Plattform ein Handgemenge gab. Offensichtlich war sich die Schiffsführung nach dem Ausfall des Capitáns nicht einig, was nun zu geschehen hätte.

Ferris Tucker entschloß sich, der Meinungsbildung ein wenig nachzuhelfen. Er trat zu Stenmark, der das zweite Geschütz von der Back aus bediente, und sagte: „Wir donnern ihnen ein Geschoß in die Takelage! Dann werden sie merken, was sie erwartet, wenn sie sich mit uns anlegen!“

Mit donnerndem Laut entlud sich das Geschütz. Eine Pulverdampfwolke nahm ihnen die Sicht. Sie hörten ein entferntes Geschrei, und als sich der Pulverdampf verflüchtete, sahen sie, wie genau das Geschoß gelegen hatte. Der Großmast war nach Steuerbord abgeknickt, nur noch gehalten von den Wanten. Die große Lateinerrah mit den aufgegeiten Segeln schwankte wild hin und her und brachte den Mast schließlich zum Einsturz.

Das Schreien der Rudersklaven war deutlich bis herüber auf die „Mercure“ zu hören …

14.

Jesus Valencia hatte mit zusammengekniffenen Lippen beobachtet, wie Juan de Faleiro über die Jakobsleiter an Bord der Galeone geklettert war. Voller Überraschung hatte er dann mit ansehen müssen, wie der Kapitän an Bord gezerrt wurde und ein riesiger Mann den Seesoldaten, der dem Kapitän gefolgt war, mit der Pistole bedrohte. Dann war der Soldat schleunigst ins Beiboot zurückgeklettert, und Sekunden später hatte es von der Galeone wieder abgelegt.

Die kreischende Stimme des Capitáns war zur „San Antonio“ herübergeweht. Sie alle hatten seine Worte deutlich verstanden, und Saltillo, der Aufseher, dem Juan de Faleiro das Kommando während seiner Abwesenheit übertragen hatte, war wie ein Verrückter über den Laufgang getobt und hatte befohlen, die Galeasse um neunzig Grad zu drehen und die beiden Vierundzwanzigpfünder auf die Galeone abzufeuern.

Jesus Valencia hatte nur Sekunden gezögert. Dann hatte er gebrüllt: „Alles hört auf mein Kommando! Ich bin der Erste Offizier der ‚San Antonio!‘ Wir können nicht auf die Galeone feuern, wenn wir das Leben des Capitáns nicht gefährden wollen!“

„Ich habe das Kommando!“ Die Stimme Saltillos überschlug sich. Als er sah, daß sich niemand um seine Befehle kümmerte, drehte er auf dem Absatz um und raste den Laufgang zurück. Mit wenigen Sätzen war er neben Jesus Valencia auf der achteren Plattform, ein Messer in der vorgereckten Faust.

„Das ist Meuterei, Señor Valencia!“ schrie er. „Ich befehle Ihnen, die Plattform zu verlassen und unter Deck zu gehen! Ich werde dem Capitán Meldung erstatten, wenn Sie …“

Jesus Valencia ließ ihn nicht ausreden. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er Saltillo das Messer aus der Hand geschlagen und die Faust ans Kinn gesetzt. Der Aufseher taumelte zurück, fing sich aber schnell wieder.

Von der vorderen Plattform lief Teniente Ribera heran. Er packte Saltillo von hinten und legte ihm den rechten Unterarm an die Kehle, daß er keine Luft mehr kriegte.

In diesem Augenblick lief Teniente Ribera heran. Er packte Saltillo von hinten und legte ihm den rechten Unterarm an die Kehle, daß er keine Luft mehr kriegte.

In diesem Augenblick brüllten ein paar Rudersklaven auf. Die Blicke aller Männer richteten sich auf die Galeone, an deren Seite eine graue Wolke aufquoll. Sekundenbruchteile später erfüllte ein Jaulen die Luft, das im Splittern des Großmastes unterging.

Die Großrah schwankte wild hin und her, der Mast knickte nach Steuerbord ab. Noch wurde er von den Wanten gehalten, doch plötzlich brach er weg, und die schwere Rah krachte aufs Deck nieder.

Teniente Ribera hatte den Aufseher vor Schreck losgelassen und starrte auf das Chaos zwischen den Ruderbänken. Das Schmerzensgeschrei der Verwundeten gellte in seinen Ohren.

Saltillo hatte sich sofort gebückt und das Messer aufgehoben, das Jesus Valencia ihm aus der Hand geschlagen hatte. Er sah den Rücken des Teniente vor sich, hob den Arm und wollte zustechen.

Ein Schuß peitschte über Deck.

Saltillo zuckte zusammen wie unter einem Peitschenschlag. Sein Hemd auf der Brust begann sich rot zu färben. Aus weit aufgerissenen Augen starrte er an sich herab, dann verließ ihn die Kraft, und er sackte leblos zusammen.

„Er wollte Sie ermorden, Teniente!“ rief ein Soldat von Backbord herüber, aus dessen Musketenmündung ein Rauchfaden quoll.

Ribera bedankte sich mit einem kurzen Nicken, dann horchte er auf, als eine deutliche Stimme von der Galeone herüberklang.

„Falls Sie versuchen uns anzugreifen, Señores, wird Ihr Capitán als erster dran glauben müssen!“

Jesus Valencia schaute Ribera an.

Der Teniente nickte. Ein leichtes Grinsen stahl sich auf seine Züge.

„Lassen Sie hinübersignalisieren, daß wir keinen Angriff riskieren werden“, sagte er.

Der Erste Offizier zögerte noch einen Augenblick, doch dann gab er entschlossen den Befehl, die Flagge am Heck einzuholen, als Zeichen dafür, daß man nicht die Absicht hatte, die Galeone anzugreifen.

Sein Blick glitt nur noch einmal kurz zu der Galeone hinüber, die an den Wind gegangen war und langsam Fahrt nach Südwest aufnahm.

Gebe Gott, daß ich Juan de Faleiro in meinem Leben nie mehr wiedersehe! dachte er inständig.

Juan de Faleiro brach zusammen, als er erkannte, daß sich seine Männer der Gewalt beugten und aufgaben. Ihm wurde schlecht vor Haß auf Valencia, auf Ribera und auf die ganze Welt. Wütend begann er, um sich zu treten, aber eine Kopfnuß von Carberry beruhigte ihn wieder.

„Keine Mätzchen, Pavianarsch“, knurrte der Riese. „Jetzt ist es mit dem Befehlen vorbei, klar? Jetzt wird zur Abwechslung mal gehorcht! Wenn dir das nicht gefällt, hau ich dir was aufs Maul, bis es so breit ist wie bei einem Hammerhai!“

Juan de Faleiro tastete nach seinem Kopf. Er wurde blaß. Erst jetzt schien er zu bemerken, daß er seine Perücke verloren hatte.

Juan de Faleiro wurde fast wahnsinnig, wenn er daran dachte, daß er den Männern, an denen er sich hatte rächen wollen, hilflos ausgeliefert war …


1.

Man schrieb den 30. Mai im Jahre des Herrn 1592. Die sommerliche Hitze lastete schwer über den Hafenstädten und Fellachendörfern des Nildeltas.

Auch in der Stadt Alexandria, die von den Ägyptern Iskenderija genannt wird, war die Luft heiß und feucht. Die Menschen, die hier lebten, hatten sich zwar an dieses Klima gewöhnt, aber dennoch waren viele froh darüber, daß wenigstens der Khamasin, ein heißer, föhnartiger Wüstenwind, der meist zwischen den Monaten März und Mai aus dem Süden heranzieht und sich schwer wie eine Bleidecke auf das menschliche Gemüt legt, das Feld geräumt hatte.

Auch auf den Gesichtern der Seewölfe glänzte der Schweiß.

Es war noch keine Stunde vergangen, seit Philip Hasard Killigrew mit seiner restlichen Mannschaft die Beiboote seiner ehemaligen Galeone im Hafen vertäut hatte und an Land gegangen war. Während er sich noch mit Ben Brighton, seinem Stellvertreter und Ersten Offizier, sowie mit einigen weiteren Männern im Hafengebiet aufhielt, hatten es die übrigen Seewölfe vorgezogen, sich nach all den Strapazen und Gefahren, die hinter ihnen lagen, ein wenig in der alten Stadt, die zwischen Abukir und Ras el Kanais an der nordafrikanischen Mittelmeerküste liegt, umzusehen.

Die Seewölfe waren rauhe, kampferprobte Burschen. Als Korsaren ihrer Königin, Elisabeth I. von England, hatten sie bereits manchen Sturm abgewettert und viele, schier ausweglose Situationen gemeistert. Aber daß es dem skrupellosen Schlitzohr Ali Abdel Rasul gelungen war, ihr Schiff, die „Isabella VIII.“, nach einer erfolgreichen Nilreise in den sogenannten Kanal der Pharaonen zu locken, wo es nun, unwiederbringlich, unter Bergen von Sand ein trockenes Grab gefunden hatte, ja, das ging ihnen immer noch gewaltig unter die Haut.

Schließlich hatten sie auf ihrer ranken Galeone zweimal die Welt umsegelt, und auf irgendeine Art und Weise war die alte „Lady“ jedem von ihnen ans Herz gewachsen.

Mit den geretteten Beibooten der „Isabella“ war es der Seewölfe-Crew gelungen, sich mühsam bis Damiette, einer Hafenstadt an der oberen Nordwestecke des Mensaleh-Sees, durchzuschlagen. Erst dort hatten sie sich in drei Gruppen zu je acht Mann aufgeteilt, weil es ihnen so leichter schien, die ferne Heimat zu erreichen. Und natürlich hatten sie nicht vergessen, entsprechende Treffpunkte in Old England zu vereinbaren. Dort würde man ein neues Schiff auf Stapel legen, und das, was sie von den Schätzen an Bord der „Isabella“ hatten mitnehmen können, würde mehr als genug dafür sein.

Die Gruppe, die Ferris Tucker, dem Schiffszimmermann, zugeteilt worden war – darunter Edwin Carberry, der Profos, samt Sir John, dem karmesinroten Aracanga-Papagei –, hatte das meiste Glück gehabt. Bereits in Damiette, das in arabischer Sprache Dumyât genannt wird, war es den Männern gelungen, auf dem französischen Kauffahrer „Mercure“ anzuheuern, bevor dieser mit Zielhafen Brest ausgelaufen war.

Die Gruppen um Philip Hasard Killigrew und Ben Brighton hatten sich die Beiboote geteilt und waren an der Küste entlang bis Alexandria gesegelt. Mit gutem Wind war es ihnen gelungen, das weite Nildelta zu passieren. Nun aber waren sie gezwungen, auf größere Segler umzusteigen, wenn sie das Mittelmeer hinter sich bringen wollten. Und bei allen Wassermännern und Meerjungfrauen – das wollten sie!

Mit den Beibooten war da nichts mehr anzufangen, denn ohne eine Unterschlupfmöglichkeit unter Deck und ohne genügend Stauraum für Proviant und Trinkwasser waren die Aussichten, das angestrebte Ziel zu erreichen, sehr gering. Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, und der ruhige, besonnene Ben Brighton konzentrierten sich deshalb zunächst auf das Hafengebiet, während der Großteil der Besatzung mit offenen Mündern und Augen durch die winkligen Gassen der Stadt streunte. Um die Mittagszeit wollte man sich wieder treffen.

Auch Gary Andrews, der hagere, aber zähe Fockmastgast, Batuti, der herkulische Gambianeger aus dem Stamme der Mandingo, sowie Bob Grey und Dan O’Flynn hatten sich bereits ein ziemliches Stück vom Hafen entfernt und streiften staunend durch die Gegend. Arwenack, der Schimpanse, der die ungewohnte Umgebung argwöhnisch musterte, wich nicht von der Seite Dan O’Flynns, mit dem ihn schon von jeher eine enge Freundschaft verband.

In den Basaren und auf den Plätzen der Stadt herrschte ein buntes Leben und Treiben. Der Lärm zahlreicher Kinder wurde vom Geschrei der Händler übertönt, die ihre Waren anpriesen oder lautstark um die Preise feilschten. Vereinzelt drang das Meckern von Ziegen und das Geblöke von Schafen an die Ohren der vier Seewölfe, und plötzlich mischte sich, alles übertönend, der langgezogene Gebetsruf eines Muezzins zwischen die vielfältigen Laute und Geräusche.

„Das ist Lieblingslied von Profos, Mister Carberry“, stellte Batuti mit einem breiten Grinsen fest. „Hat immer Zahnweh von schaurigem Gesang gekriegt.“

Die Männer lachten, aber nicht nur wegen der immer noch etwas holprigen Sprache Batutis, sondern weil sie sich durchaus vorstellen konnten, was ihr Profos, der zusammen mit Ferris Tucker und sechs weiteren Crew-Mitgliedern nach Frankreich unterwegs war, für schmeichelhafte Titel für den Urheber des monotonen Gesangs bereit gehabt hätte. „Ein „jammerndes Rübenschwein“ oder ein „heulender Hering“ war noch das mindeste, was dabei herausgekommen wäre. Ja, irgendwie bedrückte es die Männer doch ein wenig, daß die Crew zur Zeit nicht vollzählig war. Man gehörte einfach zusammen und war aufeinander eingespielt. Und ohne die kernigen Lieblingssprüche Edwin Carberrys fehlte ihnen etwas.

Bob Grey, ein drahtiger, blonder Bursche mit braunen Augen deutete plötzlich auf einen zahnlosen Alten mit verschrumpeltem Gesicht. Er stand am Eingang eines Torbogens und fing sofort an, lebhaft zu schnattern, als er die vier „Giaurs“ samt ihrem Affen entdeckte.

Die Männer verstanden kein Wort, aber er schien sie zu irgend etwas einzuladen. Immer wieder erhob er die Stimme und deutete mit vielen Gesten und Beschreibungen ins Innere des Gebäudes.

„Was will er nur?“ fragte Bob.

„Vielleicht will er dich mit seiner ältesten Tochter verheiraten“, ulkte Gary Andrews, „oder er lädt uns zu einer Haremsbesichtigung ein. Das wär doch was, oder?“

Der Alte schien inzwischen jedoch begriffen zu haben, daß man ihn nicht verstand, deshalb ging er zu einer verständlicheren Zeichensprache über. Zuerst tat er, als wolle er die Djelaba, sein langes Übergewand, ausziehen, dann vollführte er Schwimmbewegungen und schließlich mimte er heftiges Schwitzen.

Da kam Bob Grey die Erleuchtung.

„Ich hab’s“, rief er. „Da drin ist ein Hamam, ein türkisches Bad.“

Beim Erwähnen des Wortes Hamam nickte der Alte eifrig und wiederholte seine einladenden Gesten.

„Warum ein türkisches Bad?“ fragte Gary Andrews. „Wir sind doch in Ägypten!“

„Na eben, du Schlaukopf“, gab Bob Grey zurück. „Hast du vielleicht während unserer ganzen Nilreise gepennt? Hier wimmelt’s doch überall von Türken, seit sie das Land beherrschen. Und da haben sie natürlich ihre Badesitten eingeführt.“

„Gegen ein erfrischendes Bad hätte ich ja auch nichts einzuwenden“, meinte Dan O’Flynn, „aber die Türken bevorzugen, soviel ich weiß, elend heiße Schwitzbäder. Und schwitzen kann ich auch so schon genug.“

Arwenack, der Schimpanse, begann laut zu keckem, als wolle er Dans Worte bestätigen.

Auch Gary Andrews blickte skeptisch drein.

„Ja, eigentlich reicht die Hitze auch so schon“, sagte er. „Außerdem soll die Sache für Fremde nicht ganz ungefährlich sein …“

„Du hast wohl Bammel, dich nackt in einen Badezuber zu setzen und von zarten Frauenhänden abschrubben zu lassen, wie?“ unterbrach ihn Bob Grey.

„Das nicht gerade“, erwiderte Gary Andrews, „aber ich habe mal von einem Seemann gehört, der nach dem Schwitzbad vergeblich versucht hat, seine Kleider samt seinem Geld wiederzufinden. Und als er dann Stunk anfing, haben ihn die Kameltreiber, nackt wie Adam im Paradies, aus dem Haus gejagt. Und auf so was bin ich nicht gerade scharf.“

„Das wäre ja auch ein Ding“, sagte Bob Grey, „wenn unser magerer Fockmastgast nackt durch die Basare von Alexandria wandeln würde! Huch – da würden die Ladys ihre Schleier sinken lassen und die Augen aufreißen.“

„Oder vor Entsetzen laut aufschreien und davonlaufen“, erklärte Dan O’Flynn augenzwinkernd.

Daß die vier Männer nicht weitergegangen waren, wertete der zahnlose Alte wohl als Zeichen der Unschlüssigkeit. Deshalb verstärkte er seine Bemühungen ganz beträchtlich. Er humpelte heran, zupfte die Seewölfe an den Hemdsärmeln und deutete immer wieder auf den Eingang des Hamams.

Noch wußten sie nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten, doch dann wurde ihnen die Entscheidung plötzlich sehr erleichtert.

In dem Torbogen, den man blau angestrichen und mit irgendwelchen Koransprüchen bepinselt hatte, erschien, wohl durch das Geschrei des Alten angelockt, ein weibliches Wesen. Ihr Körper war von oben bis unten in ein weißrotes Gewand gehüllt. Vor dem Gesicht trug die Frau einen Schleier, der nur die Augen frei ließ.

Das war zwar für die Seewölfe ein längst gewohnter Anblick. Doch was sie in Erstaunen versetzte, waren die Körperformen der Schönen, die sich deutlich durch das Tuch abzeichneten.

Der hagere Gary Andrews schluckte.

„Heiliger Bimbam“, stammelte er, „die Lady wiegt mindestens zweihundert Pfund!“

„Sie erinnert mich an eins dieser Nilpferde, die wir gesehen haben“, sagte Bob Grey andächtig. „Aber im Orient liebt man eben schwergewichtige Frauen, das weiß man doch selbst bei uns in Old England.“

„Eben!“ sagte Dan O’Flynn. „Aber wie steht’s? Wollten wir uns nicht die Stadt ansehen, oder habt ihr Rübenschweine das vielleicht schon vergessen, was, wie? Kaum taucht ein Rockzipfel auf, da gafft ihr schon wie ausgehungerte Hunde in dieselbe Richtung!“

Die Männer lachten über den Tonfall Edwin Carberrys, den Dan O’Flynn gelungen nachgeahmt hatte.

Gary Andrews, der seine Fassung inzwischen zurückgewonnen hatte, kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Du hast recht“, murmelte er, „es wird besser sein, wenn wir verschwinden, sonst hat die Dralle am Ende auch noch einen Besenstil bei der Hand und verhilft uns zu blühenden Veilchen.“ Er spielte damit auf ein Erlebnis Edwin Carberrys in Kairo an, über das die Männer noch heute lachten.

Dan O’Flynn, Gary Andrews sowie Batuti und Bob Grey setzten sich, sehr zum Ärger des zahnlosen Alten, wieder in Bewegung.

„Gut, daß wir die Sprache nicht verstehen“, meinte Dan. „Das, was der Alte soeben aufgezählt hat, waren bestimmt nicht die Wohltaten, die Allah denjenigen erweist, die in seiner Gunst stehen.“

Wenig später stießen die vier Seewölfe samt Arwenack, dem Schimpansen, auf einen weiträumigen Marktplatz. Die Luft, die das Menschengewimmel überlagerte, wurde von Gerüchen vielfältiger Art beherrscht. Stellenweise duftete es angenehm nach Gewürzen, aber oft stank es auch fürchterlich nach verdorbenem Fisch oder Kamelmist.

Staunend bahnten sich die Männer einen Weg durch das Gelände. Hier konnte man tatsächlich alles kaufen, was des Menschen Herz begehrte. Außer vielen Obst- und Gemüsesorten gab es Fleisch, Fisch, Brot sowie Stoffe und jede Menge Gewürze. Auch an Vieh mangelte es nicht. Schafe, Ziegen, Pferde und Kamele konnte man genauso erfeilschen wie einen Korb voller Datteln.

„Eigentlich könnte mein Magen ganz gut was vertragen“, stellte Gary Andrews fest und warf einen begehrlichen Blick auf ein riesiges Tuch, auf dem der Händler frisches, duftendes Fladenbrot, Aisch Beladi genannt, ausgebreitet hatte. Daneben gab es noch eine Menge anderer Dinge, auf die sie der Ägypter sogleich mit vielen Worten hinwies.

„Daß ausgerechnet du hagerer Kerl so verfressen bist!“ wunderte sich Dan O’Flynn. „Gerade da, wo andere Leute ihren Magen haben, ist bei dir sowieso nur ein Loch.“

„Hör auf zu stänkern“, erwiderte Gary Andrews und rieb sich den Bauch, der kaum vorhanden war. „Ich habe auf jeden Fall einen ziemlichen Kohldampf, und deshalb kaufe ich mir was von dem Zeug da. Es riecht jedenfalls ganz appetitlich.“

Da die Zwillingssöhne des Seewolfs, die meist als Dolmetscher dienten, nicht mit von der Partie waren und man sich sprachlich nur sehr schwer verständigen konnte, hob Gary Andrews wagemutig den Zeigefinger und deutete mit einer unmißverständlichen Geste auf das dunkle Fladenbrot.

Doch wie das Schicksal es wollte, lief in genau diesem Augenblick eine Ziege hinter den Brotfladen vorbei, um das Gemüse, das der Händler feilbot, anzuknabbern.

Der Kaufmann, ein kleiner, dicker Mann, der eine schmuddelige Djelaba trug und einen prächtigen Turban auf dem Kopf balancierte, folgte mit seinen kleinen, listigen Augen dem Zeigefinger des „Giaurs“ und registrierte augenblicklich dessen Wunsch. Er nannte sofort einen Preis, und Gary Andrews, der ihn nicht verstand, nickte gottergeben. Das Geschäft wurde durch Handschlag besiegelt, und die Piaster wechselten, sehr zur Freude des Händlers, den Besitzer.

Einen Augenblick später kriegte der Fockmastgast der versandeten „Isabella VIII“ einen leichten Schock. Seine Augen wurden immer größer und runder, als er sah, wie der Händler, statt nach dem frischen, duftenden Fladenbrot zu greifen, die Ziege an dem dünnen Strick packte, der um ihren Hals geschlungen war. Und dann präsentierte man ihm, was er gekauft hatte.

Es handelte sich um eine prächtige, ausgewachsene Ziege mit gekrümmten Hörnern und einem kecken Bart. Und das Vieh schien sich sogar noch über den Besitzerwechsel zu freuen, jedenfalls wackelte es zutraulich mit dem kurzen Schwanz.

Nur Arwenack, der Schimpanse, schien dieser Kreatur nicht zu trauen. Er fletschte die Zähne, trommelte sich auf die Brust und begann laut zu keckern.

Erst das brüllende Gelächter seiner Kameraden holte Gary Andrews in die Wirklichkeit zurück.

„Aber – aber …“ stammelte er entgeistert, „ich wollte doch nur ein Stück Brot. Was soll ich denn mit der Ziege? Der Kerl hat mich doch glatt übers Ohr gehauen!“

Bob Grey japste nach Luft.

„Gratuliere zum Ziegenbesitz, lieber Gary“, stieß er hervor. „Das Vieh stand genau hinter dem Brot, als du mit dem Finger darauf gezeigt hast. Vielleicht hat der Händler deine Geste nicht richtig verstanden. Jedenfalls ist das Geschäft durch Handschlag besiegelt worden, und du hast die Ziege auch bezahlt. Nimm’s leicht. Vielleicht kriegst du von irgendwo noch eine Pütz her, dann kannst du das Meckertier wenigstens melken. Milch soll ja gesünder sein als Rum.“

„Nix melken“, meldete sich Batuti, der Gambianeger, zu Wort und ließ beim Lachen eine Reihe perlweißer Zähne erkennen. „Mister Andrews kann Ziege villeicht als Reittier benutzen. In Bratpfanne geht auch nicht, weil Kutscher schon mit Mister Tucker und Profos auf See ist.“

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Jedenfalls machte Gary Andrews diese Erfahrung in allen Einzelheiten durch. Als sich die vier Männer gegen Mittag auf den Weg zurück zum Hafen begaben, hatte er sich schon fast an sein Ziegenbesitzerdasein gewöhnt. Das Tier trottete, sehr zum Ärger Arwenacks, willig hinter dem kleinen Trupp her und ließ ab und zu sogar ein fröhliches Meckern hören.

Gary Andrews, der mit Schrecken an jenen Augenblick dachte, an dem sie mit dem Rest der Crew zusammentreffen würden, überlegte krampfhaft die Möglichkeiten, die er hatte.

„Ob ich die Ziege unterwegs wohl verkaufen oder verschenken kann?“ fragte er den neben ihm gehenden Bob Grey.

„Wie stellst du dir das vor?“ erwiderte Bob. „Du bist ein Giaur, und ich glaube nicht, daß einer von Allahs Gläubigen dir einen ungläubigen Ziegenbock abkaufen wird. Und verschenken ist nicht drin, schließlich hat das liebe Tierchen eine schöne Stange Geld gekostet. Da du nicht gefeilscht hast, hat dir der dicke Händler bestimmt den fünffachen Preis abgeknöpft.“

Das sah Gary Andrews ja alles ein, aber er hatte trotzdem ein verdammt flaues Gefühl in der Magengegend, als sie sich dem Hafenviertel näherten.

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, war ein Mann, der viele Blicke auf sich zog. Er war mehr als sechs Fuß groß, breitschultrig, schmalhüftig und hatte schwarze Haare und klare, eisblaue Augen. Aber er bildete sich auf sein beeindruckendes Äußeres so wenig ein, wie auf den Titel „Sir“, den er führen durfte, seit ihn die englische Königin, deren Kaperbrief er besaß, zum Ritter geschlagen hatte. Der Seewolf war vielmehr ein willensstarker, charakterfester Mann, der sich immer bemüht hatte, seiner Crew nicht nur ein zuverlässiger Kapitän, sondern auch ein Kamerad zu sein, mit dem man durch Dick und Dünn gehen konnte.

Ben Brighton, sein Stellvertreter und Erster Offizier, ergänzte die Eigenschaften Hasards in geradezu klassischer Weise. Er war ein zuverlässiger, immer ruhiger und besonnener Mann, der, obwohl er ein guter Seemann und schlagkräftiger Kämpfer war, immer erst einigen Anlauf brauchte, bis er in Fahrt geriet. Er war breitschultrig, untersetzt, und hatte dunkelblonde Haare. Gewissermaßen galt er als der ruhende Pol der Seewölfe-Crew.

Die beiden Männer streiften mit wachen Augen an den Piers entlang. Begleitet wurden sie von Big Old Shane, dem ehemaligen Schmied der Feste Arwenack in Cornwall, von Al Conroy, dem stämmigen, schwarzhaarigen Stückmeister der verlorenen „Isabella“, sowie von Philip und Hasard junior, den Zwillingssöhnen des Seewolfs, die in ihr zwölftes Lebensjahr gingen.

Hasard war ganz froh darüber, daß die beiden „Rübenschweinchen“, wie sie der Profos meist zu nennen pflegte, nicht mit den übrigen Männern in die Stadt aufgebrochen waren, denn er konnte sie hier recht gut als Dolmetscher gebrauchen. Sie kamen mit der türkischen, aber auch mit der arabischen Sprache gut zurecht, seit er sie damals, im Jahr 1587, in Tanger bei Kalibans türkischer Gauklertruppe wiedergefunden hatte.

Der Hafen von Alexandria bot, wie auch die ganze Stadt, ein buntes und bizarres Bild, das durch ein geschäftiges Treiben bestimmt wurde. An den Piers waren Wasserfahrzeuge der verschiedensten Gattungen vertäut. Galeonen und Karavellen waren nur vereinzelt zu sehen, dafür aber eine Vielzahl von Feluken, Sambuken und Dhaus, außerdem ein riesiges Heer von winzigen Küstenseglern und Fischerbooten.

Doch das lebhafteste Stimmengewirr herrschte in den Gassen des Hafengebietes, an Ecken und in unzähligen kleinen Läden, wo Handel getrieben und lebhaft um Preise gefeilscht wurde.

Philip Hasard Killigrew und Ben Brighton interessierten sich jedoch besonders für Segler jener Größenordnung, mit der man zumindest das Mittelmeer hinter sich bringen konnte. Die Crew hatte längst abgestimmt und sich dafür entschieden, zu eben diesem Zweck auf größere Segler umzusteigen.

„Es sieht hier nicht so aus, als ob jede Menge Schiffe zum Verkauf stehen würden“, stellte Hasard mit prüfendem Blick fest. „Am besten wird sein, wenn wir uns etwas bei den Händlern umhören. Sie sind meist die Ersten, die wissen, wo ein Geschäft zu tätigen ist.“

Ben Brighton nickte.

„Soviel Glück wie Ferris mit seiner Gruppe in Damiette hatte, wird uns hier nicht beschieden sein. Bis jetzt habe ich kein Schiff entdeckt, das so aussieht, als ob man dort anheuern könnte.“

Big Old Shane und Al Conroy, die sich einige Yards hinter Hasard und Ben befanden, waren in ein Gespräch mit den Zwillingen vertieft, deshalb hatte zunächst niemand die zerlumpte Gestalt beachtet, die ihnen seit einiger Zeit folgte. Jetzt aber hatte der Araber, der wie ein Bettler aussah und mit seinem gekrümmten Rücken einen erbärmlichen Eindruck erweckte, die Seewölfe erreicht. Sofort streckte er ihnen beide Hände entgegen und begann laut zu jammern.

Er war beileibe nicht der erste Bettler, der die Männer um ein „Bakschisch“ anging, aber er war mit Abstand der hartnäckigste.

Hasard griff zum Gürtel und holte einige kleine Münzen hervor. Sie verschwanden blitzschnell unter der zerrissenen Djelaba des Mannes. Aber statt nun die üblichen Segnungen Allahs auf die edlen Spender herabzurufen, streckte ihm der Bettler wieder die offenen Hände entgegen.

„Hast du da noch Töne!“ sagte Big Old Shane, ein gewaltiger Mann mit einem wilden, grauen Bart. „Schüchtern scheint der Bursche wirklich nicht zu sein. Soll ich ihm mal etwas Dampf unter den Achtersteven machen?“

Hasard winkte ab.

„Es wird besser sein, wenn wir ihm keine Beachtung mehr schenken“, erwiderte er. „Schließlich wollen wir hier nicht unbedingt unangenehm auffallen.“

Aber wenn die Seewölfe dachten, jetzt unbehelligt weitergehen zu können, dann hatten sie sich getäuscht. Der verluderte Kerl wurde ständig dreister. Seine Stimme, die keinen Atemzug lang aussetzte, wurde immer schriller, und seine schmutzigbraunen Hände packten Hasard am Arm.

Da wurde es dem Seewolf doch zu bunt. Er schüttelte den Burschen ab und gab ihm durch eine unmißverständliche Geste zu verstehen, daß er in Ruhe gelassen werden möchte.

Zu seinen beiden Sprößlingen gewandt, sagte er: „Verklart ihm, daß er verschwinden soll. Hier gibt’s nichts mehr zu holen.“

Sofort legten die beiden „Rübenschweinchen“ abwechselnd in türkisch und arabisch los, und in Hasard, ihrem Vater, verhärtete sich der Verdacht, daß sie weit mehr sagten, als er ihnen aufgetragen hatte. Im stillen war er davon überzeugt, daß da gerade einige Lieblingssprüche Edwin Carberrys losgelassen wurden. Aber da er nichts davon verstand, behielt er seinen Verdacht lieber für sich.

Der Bettler ließ sich auch durch die Erhebung in den Stand eines „kümmeligen Affenarsches“ nicht beeindrucken. Er schien sich ein gewisses Ziel gesetzt zu haben, das er unter allen Umständen zu erreichen versuchte. Und ehe sich der Seewolf versah, grapschte der Kerl mit flinken Fingern nach seinem Gürtel. Er schien zu ahnen, wo der „Giaur“ seine Gold- und Silberstücke sowie niedliche Perlen und Piasterchen untergebracht hatte.

Da aber war Hasards Geduld zu Ende. Wütend klopfte er dem aufdringlichen Bettler auf die Finger und stieß ihn von sich. Damit war der Fall keineswegs ausgestanden. Während seine Begleiter, Ben Brighton, Al Conroy, Big Old Shane und die Zwillinge halb verärgert und halb amüsiert die Szene beobachteten, entging ihnen der Aufmarsch von mindestens zehn weiteren zerlumpten Gestalten, denen man ihr Gewerbe auf die Entfernung von zehn Seemeilen ansehen konnte.

Und siehe da! So mancher gekrümmte Rücken war plötzlich kerzengerade geworden, und so mancher bisher Hinkende bewegte sich plötzlich so geschmeidig vorwärts wie eine Katze, die eine Maus im Visier hat.

Aber nicht nur die zahlreichen verluderten Gestalten waren es, die in den vier Männern und zwei Jungen ernsthafte Bedenken aufsteigen ließen, sondern die Krummdolche in ihren Händen, deren Klingen im Sonnenlicht mörderisch blitzten.

„Jetzt fehlen uns nur noch ein Kamel und ein Krokodil“, sagte Dan O’Flynn, „dann können wir als Gaukler durch die Lande ziehen und eine Menge Piasterchen verdienen. Einen Affen und eine Ziege haben wir ja schon.“

„Damit kannst du hier niemandem das Geld aus dem Beutel locken“, meinte Bob Grey. „Ziegen und Kamele haben die Leute selber, und Krokodile sehen sie wohl lieber von hinten als von vorn. Da müßtest du dem Viehzeug schon besondere Kunststückchen beibringen, dann wär das was anderes.“

„Das meinte ich ja“, erwiderte Dan. „Dem Krokodil würden wir beibringen, wie man Purzelbäume schlagen kann, Arwenack könnte auf dem Kamel reiten, und zum Schluß könnte Gary mit seiner meckernden Ziege einen Reigen tanzen.“

Während Gary Andrews, der seine Ziege am Strick führte, lauten Protest anmeldete, schüttelten sich Bob, Dan und Batuti vor Lachen. Sie kümmerten sich wenig darum, daß sie von so manchem dunklen, orientalischen Augenpaar teils verwundert und teils mißtrauisch gemustert wurden.

Der kleine Trupp bog auf das Hafengelände ein, und Dan O’Flynn wollte gerade mit seinen Überlegungen über eine eigene Gauklergruppe fortfahren, da wurde er von einem überraschten Ausruf Batutis unterbrochen.

Der schwarze Riese deutete auf einen kleinen Platz, der keine hundert Yards von ihnen entfernt war.

Und die vier Seewölfe, die rasch begriffen, was da vor sich ging, und deutlich sehen konnten, wie ihr Kapitän samt einigen Kameraden und den Zwillingen von einer Horde wüst aussehender Gestalten umringt war, reagierten augenblicklich.

„Die Vogelscheuchen sind auf Ärger scharf, da kommen wir ja gerade richtig!“ stieß Dan hervor. „Los, Männer, auf sie mit Gebrüll. Wir hauen diesen Rübenschweinen den Achtersteven blau!“

Ein schaurig klingendes, dreistimmiges „Ar-we-nack!“, der Schlachtruf der Seewölfe, donnerte über den Platz. Und dann zeigten die Seewölfe, daß sie auch an Land mit ihren „Seebeinen“ umzugehen verstanden.

Der Schimpanse flitzte laut kekkernd hinterher, und nicht zuletzt hatte Gary Andrews in dieser Situation eine willkommene Gelegenheit gesehen, endlich den Strick mit der Ziege loszulassen. Lieber würde er sich drei Tage lang mit dem übelsten Lumpenpack herumprügeln, als dem Rest der Crew mit einer Ziege unter die Augen zu treten. Nicht auszudenken, was da an Sticheleien auf ihn einprasseln würde!

Doch die Ziege schien ihren neuen Herrn schon ins Herz geschlossen zu haben. Jedenfalls trottete sie gemächlich hinter dem davonstürmenden Gary Andrews her.

Die Lage auf dem kleinen Platz, der von kastenförmigen Lehmbauten umgeben war, hatte sich inzwischen gefährlich zugespitzt. Der Seewolf und seine Männer hatten längst begriffen, daß das ganze Theater, das der zerlumpte Bettler aufgeführt hatte, nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Indem der Kerl die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, waren seine Kumpane, die wohl bei den „Giaurs“ fette Beute rochen, bis auf wenige Yards herangeschlichen.

„Schnell an die Waffen!“ sagte der Seewolf mit ruhiger Stimme. „Bildet einen Kreis, damit ihr den Kerlen nicht den Rücken zuwendet. Philip und Hasard – her zu mir!“

Sekunden später hielt Philip Hasard Killigrew seinen Degen in der Faust. Während auch die anderen Männer blitzschnell zu ihren Degen und Entermessern griffen, drückten Hasard und Ben Brighton den unbewaffneten Zwillingen ihre Pistolen in die Hand.

„Wenn einer mit dem Messer auf euch losgeht, dann feuert!“ befahl der Seewolf. „Im übrigen bleibt ihr in meiner Nähe!“

„Aye, aye, Sir“, sagten die beiden „Rübenschweinchen“ wie aus einem Munde.

Die finster blickenden, zerlumpten Gestalten, die wohl zu jener Art von Bettlern gehörten, die sich mit Gewalt nahmen, was sie haben wollten, rückten langsam näher. Deutlich waren die lauernden Blicke in ihren dunklen, meist kohlschwarzen Augen zu erkennen. Ihre gefährlichen Krummdolche waren auf die vier Männer und die beiden Jungen gerichtet.

Hasard hatte die Kerle inzwischen gezählt. Es waren elf Männer, die jetzt versuchten, den Kreis, den sie um ihre Opfer gebildet hatten, enger zu ziehen.

„Laßt sie nur heran“, sagte Al Conroy, der einen Degen in der Hand hielt. „Wir werden diese Buschgespenster mal lustig im Kreise hüpfen lassen, so wie damals in der Türkei die Derwische des geiernasigen Ibrahim Salih.“

„Vergiß nicht, daß sie in der Überzahl sind, Al“, sagte Hasard. „Außerdem haben die Burschen nicht nur Krummdolche, sondern sie verstehen gewiß auch, damit umzugehen. Trotzdem werden wir ihnen natürlich die Zähne zeigen, und zwar ganz gewaltig!“

Der verluderte Kerl, der den Seewolf angebettelt hatte, ließ plötzlich einen unterdrückten Ruf hören, der wie ein Kommando klang. Tatsächlich setzten sich die Burschen blitzschnell in Bewegung.

Doch kaum hatten sie in ihrem Angriff den ersten Schritt hinter sich gebracht, da veranlaßte sie ein schauriges Gebrüll, das hinter ihnen ertönte, ihre Schritte zu stoppen. Irritiert blickten sie sich um und begannen mit einem wütenden Geschrei, als sie die vier heranstürmenden Männer sahen.

Der Seewolf, Big Old Shane, Ben Brighton und Al Conroy nutzten den Überraschungsmoment, denn sie hatten augenblicklich begriffen, was der alte Kampfruf derer von der Feste Arwenack zu bedeuten hatte. Reaktionsschnell sprangen sie mitten unter die zerlumpten Angreifer, die sich plötzlich zwei Fronten gegenübersahen.

Innerhalb von wenigen Augenblikken war ein erbitterter Kampf im Gange.

Waffen klirrten mit häßlichem Geräusch gegeneinander, Körper flogen durch die Luft, und wütende Flüche waren in arabisch als auch englisch zu hören. Mitunter wurden sie von einem lauten Schmerzensschrei abgelöst.

Der Seewolf hatte gerade dem Anführer der Bande den Krummdolch aus der Hand geschlagen, und da es seinen Prinzipien widersprach, mit der Waffe auf einen Unbewaffneten loszugehen, ließ er den Degen blitzschnell im Gürtel verschwinden. Von jetzt an sprachen die Fäuste, und der verluderte Kerl mußte rasch erfahren, daß dieser große, blauäugige Giaur die Sprache „mit Händen und Füßen“ perfekt beherrschte.

Auch Batuti hatte alle Hände voll zu tun. Gerade hatte er einen der Burschen wie eine Stoffpuppe hochgewuchtet, und schon krachte der Straßenräuber wie ein Geschoß gegen seine eigenen Komplicen. Zwei davon gingen schreiend mit ihm zu Boden.

Während sich der schwarze Herkules dem nächsten Burschen zuwandte, verpaßte der untersetzte Ben Brighton einem der Kerle mit fast souveräner Ruhe einen Tritt in den Hintern, daß er kopfüber durch die Tür eines Teppichladens flog, die ungefähr acht Yards entfernt war.

Auch die übrigen Arwenacks waren voll beschäftigt. Kaum jemand hielt noch eine Waffe in der Hand. Auch die Angreifer hatten längst auf ihre blitzenden Krummdolche verzichten müssen. Die meisten der reichverzierten Mordwerkzeuge waren irgendwo im Dreck gelandet.

Einer der Kerle rechnete sich wohl bei den beiden Jungen größere Chancen aus, nachdem Al Conroy den staubigen Platz mit ihm aufgewischt hatte. Noch auf dem Bauch liegend war es ihm gelungen, einen der Dolche an sich zu reißen, die ihren Besitzern auf eine recht schmerzliche Weise abhanden geraten waren. Damit stürzte er auf Philip und Hasard junior zu. Doch er mußte rasch zur Kenntnis nehmen, daß er sich in den beiden Bengels gründlich getäuscht hatte.

Hasard junior ließ ihn bis auf drei Yards heran, dann feuerte er seine Pistole ab. Es gab einen fürchterlichen Knall, und die Kugel fuhr haarscharf vor dem angreifenden „Bettelräuber“ in den lehmigen Boden.

Noch während der Dreck aufspritzte, stieß der Kerl einen Schrekkensschrei aus und hüpfte wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe. Offenbar hatte er befürchtet, eine Kugel in die Füße zu kriegen.

Da im selben Augenblick Big Old Shane, ein Mann wie ein Kleiderschrank, hinter ihn getreten war, blieb der Kerl gleich oben. Die Erde berührte er erst ein wenig später wieder, als er mit dem Gesicht voran in einem riesigen Fladen Kamelmist landete.

Weit mehr als die Hälfte der Räuber krümmte sich bereits am Boden. Diejenigen, die noch auf den Füßen waren, zogen es plötzlich vor, irgendwo in einer finsteren Gasse unterzutauchen, denn diese Giaurs schienen doch tatsächlich vom Scheitan besessen zu sein. Was unter ihre Fäuste geriet, wurde zu Kleinholz verarbeitet.

Der Kerl, den Ben Brightons Fußtritt in den Laden eines Teppichhändlers befördert hatte, schoß gerade wieder laut schreiend und fluchend heraus. Die Ursache für sein Gezeter war ein großer, beleibter Mann, der eine teure Djelaba und einen kunstvoll gearbeiteten Burnus trug. In der rechten Hand schwang er einen Knüppel, den er eifrig auf dem Rücken des Straßenräubers tanzen ließ.

Es dauerte nur noch Augenblicke, und der Platz war geräumt – bis auf zwei verluderte Gestalten, die noch im Reich der Träume weilten.

„Möge Allah ihnen einen gesunden Schlaf schenken“, sagte Bob Grey und rieb sich die Knöchel. Eins seiner braunen Augen begann langsam, aber unaufhaltsam, zuzuwachsen.

Gary Andrews schaute sich verstohlen um und registrierte, wie einer der fliehenden Kerle, wohl aus dem inneren Zwang heraus, sich irgendeine Beute unter den Nagel reißen zu müssen, seine Ziege, die noch ungefähr vierzig Yards entfernt war, an dem dünnen Seil packte und entführte.

Da kniff der hagere Fockmastgast beide Auge zu und schickte ein kurzes, aber inbrünstiges Dankgebet zum Himmel.

Wenige Augenblicke später sah sich Dan O’Flynn suchend um.

„Die Ziege!“ rief er. „Wo ist die Ziege?“

„Was für eine Ziege?“ fragte Gary Andrews mit scheinheiligem Gesicht.

„Idiot! Deine Ziege natürlich!“

„Ja“, Gary Andrews zuckte bedauernd mit den Schultern, „das weiß der Himmel, wo sie abgeblieben ist. Wahrscheinlich ist ihr der Lärm hier auf die Nerven gegangen, und da hat sie sich ein ruhigeres Plätzchen gesucht. Jedenfalls ist sie weg. Oder kannst du sie irgendwo sehen?“

Dan O’Flynn schüttelte den Kopf. „Sie scheint tatsächlich abgehauen zu sein. Schade, da wird’s wohl nichts aus unserer Gauklertruppe.“

„Sehr schade!“ sagte Gary Andrews hinterhältig und fühlte sich von einer tonnenschweren Last befreit.

2.

Der große, beleibte Teppichhändler, der den zerlumpten Räuber aus seinem Laden getrieben hatte, verbeugte sich höflich vor den Seewölfen. Dabei sprach er mit seiner tiefen Stimme einige lange Sätze.

„Was sagt er?“ fragte Hasard seine beiden Sprößlinge.

Philip junior erwiderte: „Er heißt Ismail und bringt seine Freude darüber zum Ausdruck, daß Allah uns im Kampf gegen das Räubergesindel geholfen habe und außerdem …“ Er stockte.

„Und außerdem?“ fragte der Seewolf.

„Ja, und außerdem wünscht er uns allen den Segen Allahs, fleißige und gesunde Frauen und eine Menge hübscher Kinder.“

Die Seewölfe konnten ein lautes Gelächter nur mühsam unterdrükken, aber über ihre Gesichter zog sich ein breites Grinsen.

Der Händler, dessen braunes Gesicht ein dünner, schwarzer Oberlippenbart zierte, wertete dies wohl als günstiges Vorzeichen und versäumte nicht, sofort mit vielen Worten und Gesten auf seine kostbaren Teppiche hinzuweisen. Nachdem er kurz in die Hände geklatscht hatte, erschienen, wie aus dem Erdboden gezaubert, zwei kleine Jungen und begannen damit, Teppiche und Brükken vor den Seewölfen auszurollen.

Philip Hasard Killigrew schüttelte jedoch bedauernd den Kopf.

„Deine Teppiche sind sehr schön“, ließ er dem Händler Ismail dann dolmetschen, „ja, sie sind die schönsten, die ich je gesehen habe. Aber leider kann ich keine gebrauchen. Meine Männer und ich haben unser Schiff verloren und möchten zurück nach England. Schade, daß du keine Schiffe zu verkaufen hast, denn dann könnten wir gleich miteinander ins Geschäft kommen.“

Der Teppichhändler wurde hellhörig.

„Du möchtest ein Schiff kaufen?“ fragte er.

Der Seewolf nickte. „Wenn es sein muß, auch zwei.“

Wieder klatschte der beleibte Ismail in seine fleischigen Hände. Die Teppiche wurden in Windeseile zusammengerollt, und die beiden braunhäutigen Jungen verschwanden so rasch, wie sie erschienen waren.

„Ich habe ein Schiff zu verkaufen“, fuhr der Händler eifrig fort, „eine wunderschöne Feluke, sie liegt drüben an der Pier.“

„Eine Feluke?“ fragte Hasard verwundert. Er hatte alles erwartet, nur nicht, daß ihm ein Teppichhändler einen Segler anbieten würde.

Ismails Augen funkelten vor Geschäftseifer. Er nickte eifrig.

„Es ist ein Prachtschiff“, fuhr er fort, „aber ich brauche es nicht mehr. Früher habe ich an der gesamten Küste entlang Handel mit Waren aller Art getrieben, jetzt aber beschränke ich mich auf das Teppichgeschäft hier in der Stadt.“

„Allah möge deine Bescheidenheit segnen“, sagte der Seewolf. „Dürfen wir uns die Feluke einmal ansehen?“

„Aber natürlich, Herr. Du wirst begeistert sein“, schwärmte Ismail. Doch dann warf er einen skeptischen Blick auf den Rest der Seewölfe, der gerade von seinem Stadtbummel zurückkehrte und sich zu ihnen gesellte. Für einen Augenblick zeigte er ein Gesicht, als drohe ihm ein gutes Geschäft durch die Lappen zu gehen. Dann sagte er: „Ich fürchte nur, Herr, daß meine Feluke, die ein gutes und schnelles Schiff ist, etwas klein sein wird für so viele Männer …“

„Vielleicht finden wir noch ein zweites Schiff“, erklärte Hasard. „Wir werden uns deine Feluke auf jeden Fall einmal ansehen.“

Das Gesicht des Händlers strahlte wieder Zufriedenheit aus. Nachdem er den beiden Jungen, die im Laden verschwunden waren, die Verantwortung für sein Geschäft übertragen hatte, führte er die Seewölfe zu den Piers hinüber. Dabei ließ er keine Gelegenheit aus, seine Feluke anzupreisen. Doch die Seewölfe wollten sich lieber selbst ein Urteil bilden.

Sie waren angenehm überrascht, der Segler war tatsächlich in einem ausgezeichneten Zustand. Das zweimastige Gefährt war mit neuen Lateinersegeln ausgestattet, hatte einen teilweise eingedeckten Rumpf, einen geraden Vorsteven und ein Spiegelheck. Die Länge betrug etwa sechzehn Yards, die Breite schätzte der Seewolf auf ungefähr fünf Yards. Die Feluke schien gerade erst überholt worden zu sein. Zumindest einer Gruppe seiner Besatzung würde sie genügend Raum bieten.

Im Handumdrehen war unter den Seewölfen eine rege Debatte über die Feluke im Gange. Alle waren damit einverstanden, daß der Segler gekauft wurde.

„Im Moment bestehen wir noch aus zwei Gruppen“, betonte Hasard. „Vielleicht gelingt es uns, einen weiteren Segler aufzutreiben. Wir werden uns auf jeden Fall darum bemühen. Damit jedoch keine Gruppe benachteiligt wird, schlage ich vor, daß wir losen, welche Gruppe die Feluke übernehmen wird. Vorausgesetzt, wir einigen uns mit Ismail über die Preisvorstellungen.“

Die Crew der ehemaligen „Isabella VIII.“ fand den Vorschlag gut, und sofort begann Philip Hasard Killigrew mit Unterstützung der Zwillinge mit dem Händler Ismail zu feilschen.

Und das dauerte.

Während den Seewölfen längst der Schweiß auf den Stirnen glänzte, schien das Tauziehen um den Preis der Feluke Ismail größtes Vergnügen zu bereiten. Er beherrschte das dazugehörige Mienenspiel perfekt. Einmal schien er beleidigt zu sein, ein andermal sah er durch das Angebot des Seewolfs die Ernährung seiner Frauen und Kinder ernsthaft gefährdet, und schließlich meinte er, überlegen zu müssen, ob er den „besten Segler Ägyptens“ nicht doch behalten wolle.

Aber auch Hasard und Old O’Flinn verstanden etwas vom Feilschen, und die beiden „Rübenschweinchen“, Philip junior und Hasard junior, hatten bereits hochrote Gesichter. Schließlich war das Dolmetschen keine leichte Aufgabe. Die arabische Sprache bereitete ihnen wesentlich mehr Schwierigkeiten als die türkische.

Doch schließlich und endlich einigte man sich und Hasard zählte dem Teppichhändler die vereinbarte Anzahl Perlen auf die Hand.

Ismail strahlte und rief mit jeder Perle den Segen Allahs auf die „Giaurs“ herab, die gar nicht kleinlich gewesen waren und ihm einen mehr als anständigen Preis zahlten.

„Bei allen Wassermännern“, knurrte Old Donegal Daniel O’Flynn und stampfte mit seinem Holzbein auf den Lehmboden des Hafengeländes. „Dieses Gefeilsche war ja schlimmer als ein Seegefecht. Unser Techtelmechtel mit dem ganzen Gesocks von Nilpiraten und Grabräubern war dagegen ein Kinderspiel.“

Hasard lächelte. „Die Feluke gehört nun uns. Am besten, wir werfen gleich das Los, damit wir alle wissen, wie wir dran sind.“

Bereits nach wenigen Sekunden hatte das in die Luft geworfene Geldstück entschieden.

Die Feluke war der Gruppe Hasards zugefallen. Dazu zählten außer den Zwillingen und dem Schimpansen Arwenack Dan O’Flynn, Big Old Shane, Gary Andrews, Batuti und Matt Davies.

Auf den Gesichtern der Gruppe Ben Brightons spiegelte sich für einen Moment leichte Enttäuschung, doch diese Anwandlung war schnell vorüber, schließlich hatte man diese gerechte Verfahrensweise vorher einstimmig beschlossen.

Aber auch für die Gruppe Ben Brightons erschien bereits ein Lichtblick am Horizont.

Ismail, der Teppichhändler, hatte seine Perlen an einem sicheren Platz innerhalb seiner Djelaba verschwinden lassen und grinste über das ganze Gesicht.

„Vielleicht kann ich dir und deinen Männern zu einem weiteren Segler verhelfen, Herr“, sagte er mit einer leichten Verbeugung zu Hasard.

„Hast du etwa noch eine Feluke zu verkaufen?“ fragte der Seewolf erstaunt.

„Leider nein“, erwiderte Ismail. „So reich bin ich nicht, sondern übe mich in Bescheidenheit. Aber ich kenne einen Mann. Er heißt Abdul und wohnt nicht weit von hier. Er ist alt, und wer weiß, vielleicht wird ihn Allah schon bald ins Paradies eingehen lassen. Mit seiner Sambuke, die ebenfalls ein sehr schönes und gutes Schiff ist, kann er nichts mehr anfangen. Vielleicht ist er bereit, sie zu verkaufen.“

„Das ist eine gute Nachricht, Ismail“, sagte Hasard. „Warum hast du sie uns bis jetzt verschwiegen? Schließlich könnte eine Sambuke, die in gutem Zustand ist, unser Problem lösen.“

„Ach, Herr“, der Teppichhändler lächelte, „man soll immer eins nach dem anderen tun, auch was die Abwicklung von Geschäften betrifft. Kommt mit mir, ich bringe euch zu Abdul. Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn ich euch und auch ihm einen Gefallen erweisen kann.“

„Möge es dir Allah mit zahlreichen fleißigen Frauen und mit noch mehr lebhaften Kinderchen lohnen“, warf Big Old Shane mit einem süffisanten Grinsen ein.

Old O’Flynn jedoch stöhnte. „Jetzt geht dieses verdammte Gefeilsche bestimmt wieder von vorn los. O Himmel, womit habe ich das nur auf meine alten Tage verdient?“

Geduldig folgte die Schar der Seewölfe dem Händler Ismail zu dem kleinen, weißgetünchten Lehmhaus Abduls. Und die Sache wickelte sich schneller ab, als sie gedacht hatten.

Abdul, ein alter Mann mit gebeugtem Rücken und grauem Bart, war froh darüber, seine Sambuke, mit der er früher als Händler die Küstengebiete befahren hatte, verkaufen zu können.

Wenig später wurde der Segler, der unweit der bereits erworbenen Feluke vertäut war, gründlich in Augenschein genommen.

Es handelte sich um eine Zweimast-Sambuke, die sich ebenfalls in gutem Zustand befand. Der achtere Mast war etwas kleiner und führte auch ein entsprechend kleineres Segel. Beide Masten waren Pfahlmasten mit langen Gaffelruten, die mit Lateinersegeln gefahren wurden.

Jetzt, im abgetakelten Zustand, ruhten die weggefierten Rahruten auf zwei holzbockähnlichen Gestellen, die man mittschiffs und dahinter über die ganze Rumpfbreite angebracht hatte.

Die Bugpartie der Sambuke war ausgesprochen schlank und hatte einen spitz hochgezogenen Steven. Der Rumpf verbreiterte sich nach achtern, und das Achterdeck lag etwas höher als das Vorschiff. Es war ausgeschottet und bot gute Unterschlupfmöglichkeiten. Das Vorschiff hingegen war offen.

Alles in allem war die Zweimast-Sambuke ein schneller und leicht zu handhabender Segler. Ben Brighton und die Männer, die zu seiner Gruppe gehörten, waren hochzufrieden damit. Und auch der Seewolf war froh darüber, daß sich ihre Probleme so reibungslos zu lösen schienen.

Natürlich ging es auch in diesem Fall nicht ohne das obligatorische Feilschen ab, aber die Männer überstanden auch dieses zähe Ringen mit einer Unmenge von süßem Pfefferminztee, den sie, nachdem sie sich zum Kauf der Sambuke entschlossen hatten, im Hof von Abduls Haus einnehmen mußten.

Die Seewölfe erwiesen sich auch bei Abdul nicht als kleinlich, und der Alte war selig über den guten Preis, den er erhielt.

Aber auch Ismail, der große, beleibte Teppichhändler, rieb sich erfreut die Hände. Hasard war im stillen davon überzeugt, daß er von Abdul eine Provision für die Vermittlung des guten Geschäfts kassieren würde. Doch darüber brauchte er sich nicht den Kopf zu zerbrechen, denn die beiden Ägypter würden bestimmt erst darüber zu feilschen beginnen, wenn die Seewölfe das Feld geräumt hätten.

Den Rest des Tages verbrachten die beiden Gruppen damit, ihre Segler für die Abreise zu rüsten. Da gab es noch eine ganze Menge zu tun. Ihre gesamten Habseligkeiten mußten an Bord der Feluke und der Sambuke geschafft werden, darunter ihre Waffen, Werkzeuge, ein paar Flaschenbomben, die sie aus der „Isabella“ gerettet hatten, sowie Segeltuch, Leinen und Trossen. Ben Brighton vergaß auch nicht, den Stockanker des von seiner Gruppe benutzten Beibootes mitzunehmen.

Außerdem galt es, Trinkwasser und Proviant zu beschaffen, womit am Nachmittag noch so manches Feilschen in den Basaren und auf den Marktplätzen von Alexandria verbunden war.

Hasard war es sogar noch gelungen, ein kleines Faß Rotwein aufzutreiben.. Mit ihm sollte am Abend, wenn die Arbeit getan war, Abschied gefeiert werden – ein Abschied, der von dem Entschluß und der Hoffnung geprägt war, in der Heimat wieder zusammenzutreffen, gleich, was unterwegs auch passieren würde.

Und England lag noch in weiter Ferne, darüber war sich der Rest der ehemaligen „Isabella“-Crew im klaren.

3.

Am nächsten Morgen waren die Seewölfe früh auf den Beinen. Obwohl mancher, dank des ägyptischen Rotweins, noch einen ziemlichen Brummschädel hatte, gab es doch alle Hände voll zu tun. Eine frische Brise hatte das Tuch der beiden Segler gefüllt und schob sie durch den Hafen von Alexandria – hinaus auf die weite Fläche des Mittelmeeres.

Die Feluke, unter dem Kommando des Seewolfs, lag ungefähr eine halbe Kabellänge in Führung, doch die wendige Sambuke, für die Ben Brighton die Befehlsgewalt übernommen hatte, holte rasch auf.

Der neue Tag kroch langsam über die Kimm, und seine ersten hellen Schatten tauchten die Wasserfläche in ein trübes Grau. Doch das würde sich rasch ändern, wenn erst der Glutball der Sonne aus seiner Versenkung auftauchte.

Schon bald begannen sich die Wege der beiden Segler, wie vorher vereinbart, zu trennen. Ein letztes Mal dröhnten laute „Arwenack“-Rufe durch den beginnenden Morgen, begleitet von einem etwas wehmütigen Winken.

Während die Feluke, die der Seewolf dem Händler Ismail abgekauft hatte, auf die See hinaussegelte, wählte der ruhige und bedächtige Ben Brighton aus Sicherheitsgründen einen Kurs, der an der Küste entlangführte. Er war nun mal ein vorsichtiger Mensch, das entsprach ganz seiner Wesensart.

Noch einmal hob der untersetzte, breitschultrige Mann, der auf der Steuerbordseite an der Holzreling stand, die Hände und winkte zu der Feluke hinüber. Dann wandte er sich der kleinen Besatzung der Sambuke zu.

Sie bestand aus Pete Ballie, Al Conroy, Smoky, Sam Roskill, Bob Grey, Will Thorne und Old O’Flynn.

Sie alle waren gestandene Seeleute, und Ben Brighton konnte sich absolut darauf verlassen, daß auch an Bord der Sambuke jeder von ihnen seinen Platz ausfüllen würde. Die gemeinsamen Jahre auf See, das Abwettern von unzähligen Stürmen und Gefahren, hatten sie, trotz persönlicher Eigenheiten und „Mucken“, zu einer erstklassigen Crew geformt.

Auch Old Donegal Daniel O’Flynn, der rauhbeinige Alte mit dem Holzbein, hatte der Feluke lange nachgesehen. Nun aber stieß er sein Holzbein auf die Planken und wandte sich um. Auf seinem verwitterten Gesicht, das aus Granit und Eisen gemeißelt zu sein schien, lag ein undefinierbarer Ausdruck.

„Wir alle werden es schaffen“, sagte er zuversichtlich. „Die beiden Schiffchen sind ganz in Ordnung. Und wenn wir uns in der ‚Bloody Mary‘ des dicken Plymson wiedertreffen, dann wird auf die Pauke gehauen!“

Der Alte, zu dessen Gewohnheiten es gehörte, seine oft recht düsteren Ahnungen kundzutun, schien heute recht zuversichtlich zu sein. Irgendwie tat ihnen das allen gut, denn im Moment fühlten sie sich noch immer wie ein Baum, den man zur Hälfte abgesägt hat.

Auch Ben Brighton war bestrebt, seine Männer auf andere Gedanken zu bringen. Während von der Feluke Hasards, die jetzt Nordwestkurs segelte, nur noch schwache Umrisse zu erkennen waren, warf er einen prüfenden Blick zum östlichen Horizont.

„Bald wird uns die Sonne mächtig einheizen“, sagte er. „Das erinnert mich daran, daß mir schon lange der Magen knurrt. Wenn niemand was dagegen hat, sollten wir uns ernsthaft um ein kräftiges Frühstück kümmern.“

„Das nenne ich vernünftig“, erklärte der alte O’Flynn. „Ordentliche Mahlzeiten gehören zur täglichen Arbeit eines christlichen Seemannes. Ha, wenn ich daran denke, wie wir uns auf der guten alten ‚Empreß of Sea‘ manchmal den Bauch vollgeschlagen haben, da …“

Ben Brighton unterbrach ihn lächelnd. „Nur wäre da noch eine wichtige Frage zu klären, bevor wir unsere Mucks und Teller füllen.“

„Eine wichtige Frage?“ Old O’Flynn blickte ihn erstaunt an. „Seit wann gibt es vor dem Essen Fragen abzuklären, he? Mit Magenknurren klärt sich nichts, sage ich dir, überhaupt nichts!“

„Auch wenn du noch so verfressen tust, Donegal“, fuhr Ben Brighton fort, „werden wir wohl nicht an dieser Frage vorbeikommen. Wie euch sicher schon aufgefallen ist, befindet sich der Kutscher, unser Koch und Feldscher, an Bord der „Mercure“. Und wenn wir warten wollen, bis in unserer winzigen Kombüse etwas von selber bruzzelt, dann knurrt uns der Magen noch am Jüngsten Tag. Mit anderen Worten: Wer von euch ist bereit, uns mit seinen Kochkünsten zu verwöhnen?“

Zunächst sahen sich die Männer reihum verblüfft an, und auch dem alten O’Flynn waren die weiteren Worte im Hals steckengeblieben. Ja, daran hatte eigentlich noch keiner gedacht. An Bord der „Isabella“ war alles wie von selber gelaufen. Auch während der Zeit, in der sie sich mit den Beibooten bis Alexandria durchgeschlagen hatten, war es für den Kutscher selbstverständlich gewesen, sich um das leibliche Wohl der Crew zu kümmern. Aber jetzt waren sie nur noch ein kleines Häufchen, und irgendeinen von ihnen würde zwangsläufig das Los treffen und zum Kombüsendienst verdonnern. Daran führte kein Weg vorbei, wenn sie nicht von früh bis spät auf altem, vergammelten Brot herumkauen wollten.

Doch das Problem löste sich rasch. Noch bevor eine große Debatte darüber beginnen konnte, meldete sich Will Thorne, der grauhaarige Segelmacher, zu Wort.

„Ich übernehme das schon“, sagte er. „Am Tuch gibt’s hier vorerst sowieso nicht viel zu tun, und außerdem habe ich es früher schon einmal mit meinen Kochkünsten versucht.“

„Hä?“ fragte der alte O’Flynn entgeistert. Sein verwittertes Gesicht legte sich in tausend skeptische Falten. „Ausgerechnet du willst dich erdreisten, uns mit deinem Schlangenfraß zu vergiften? Du bist wohl scharf darauf, uns hinterher in Segeltuch einzunähen und über die Rutsche gehen zu lassen, wie?“

Will Thorne, ein ruhiger, besonnener Mann, lächelte nur.

„Mir geht es doch nicht wie dir, Donegal“, sagte er. „Du würdest dich beim Kochen doch aus Versehen glatt selber in die Pfanne hauen.“

„Das hör sich doch einer an!“ nörgelte Old O’Flynn. „Als wenn ich noch nie was Brauchbares aus den Töpfen gezaubert hätte. Wenn ich zurückdenke, an die stolze „Empreß …“

Wieder wurde der streitbare Alte von Ben Brighton unterbrochen. Mit einem leicht tadelnden Blick sagte er: „Wir sollten jetzt nicht zurückdenken, Donegal, sondern uns lieber mit unserer unmittelbaren Zukunft beschäftigen, sonst wird es niemals etwas mit einem ordentlichen Frühstück. Ich finde es großartig, daß sich Will freiwillig gemeldet hat, und ich bin überzeugt, daß er auch vom Töpfeschwenken was versteht.“

„Eben“, sagte Will Thorne zufrieden, „und wenn es Donegal nicht schmeckt, kann er mein echt englisches Frühstück ja außenbords kippen.“

„Da wird er sich hüten“, meinte Al Conroy, der stämmige, schwarzhaarige Waffen- und Stückmeister, „sonst würden sich ja wohl noch die Wassermänner und Meerjungfrauen den Magen dran verderben.“

Damit war das Thema zunächst erledigt, und Will Thorne begann gleich darauf in der kleinen Kombüse zu hantieren.

Die Sonne war inzwischen wie ein feuerroter Ball hinter der Kimm erschienen und warf einen rötlichen Schimmer auf die Wasserfläche. Die Sambuke gelangte gut voran, sie segelte mit Backstagsbrise auf westlichem Kurs. Anfänglich war sie in Küstennähe noch einigen Einmastseglern und zahlreichen Fischerbooten begegnet, die ebenfalls schon bei Tagesanbruch ausgelaufen waren, doch jetzt schien es, als sei sie das einzige Schiff vor der nordafrikanischen Küste.

Pete Ballie, der stämmige Bursche mit Fäusten so groß wie Ankerklüsen, stand an der langen Ruderpinne und hatte seinen Spaß daran, daß die Sambuke bei ihrem geringen Tiefgang so gute Fahrt lief. Pete Ballie war schon bei Francis Drake als Rudergänger gefahren, und er hatte es auch auf der verlorenen „Isabella VIII.“ meisterhaft verstanden, das von Ferris Tucker, dem Schiffszimmermann, konstruierte Ruder zu handhaben. Die Arbeit an der Ruderpinne der Sambuke betrachtete er als eine Art Kinderspiel.

Auch die übrigen Männer hatten sich ihrer Arbeit zugewandt: Smoky, ein Rauhbein, das früher als Decksältester unter Francis Drake gefahren war, Sam Roskill, ein schlanker, dunkelhaariger Draufgängertyp und ehemaliger Karibik-Pirat, Bob Grey, der als hervorragender Messerwerfer galt, Al Conroy und der alte O’Flynn, unter dessen rauher Schale sich ein weicher Kern verbarg.

Will Thorne hatte es in einer erstaunlich kurzen Zeit geschafft, eine schmackhafte Morgenmahlzeit aus seinen Pfannen und Töpfen zu zaubern. Die Männer waren überrascht, und selbst Old O’Flynn griff ordentlich zu, allerdings, ohne ein einziges Wort von sich zu geben.

„Na, wirkt es schon, Donegal?“ fragte Will Thorne.

„Hä? Was soll wirken?“

„Nun, eigentlich müßtest du bereits ein mächtiges Bauchgrimmen haben, denn damit fängt es doch meistens an. Ich hab extra für dich eine doppelte Brise Gift untergerührt und kann es kaum noch erwarten, dich in mein bestes Stück Segeltuch einzunähen, wenn es endlich soweit ist.“

„Ha, du Stint, da kannst du lange warten“, knurrte der Alte kauend. „Näh dir aus dem Tuch lieber ein Segel für deinen Nachttopf und hör auf, christliche Seeleute zu verulken. Schlimm genug, wenn ich mich mit diesem Fraß hier am Leben erhalten muß!“ Gleich darauf holte er sich einen kräftigen Nachschlag. Das Grinsen der übrigen Besatzungsmitglieder übersah er geflissentlich.

„Ja, ja“, fuhr er schließlich fort, indem er sich mit der Hand zufrieden über den Bauch strich, „so ein niedliches Wickelkindchen müßte man sein. Vielleicht hätte sich dann auch eine hübsche Pharaonentochter gefunden, die einen, wie damals Moses, in ein Schilfkörbchen gepackt und nach Hause verfrachtet hätte. In einem Schilfkörbchen wäre es bestimmt gemütlicher als auf diesem lausigen Seelenverkäufer hier.“

„Du scheinst dich aber, satt wie du bist, recht wohl zu fühlen, Donegal“ meinte Ben Brighton, „auch wenn wir dir kein weiches Schilfkörbchen als Koje zur Verfügung stellen können.“

Auch Smoky konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen.

„Eben“, sagte er, „wenn unsere Sambuke ein lausiger Seelenverkäufer ist, dann hättest du besser damals auf der Arche des Noah anheuern sollen. Da durften nämlich, wie der Kutscher einmal erzählt hat, von jeder Tierart ein männliches und ein weibliches Vieh an Bord gehen. Wenn du dich da unter die Kamele oder Wassermänner gemischt hättest, wär es vielleicht gar nicht aufgefallen.“

„Hör auf, das Schicksal herauszufordern“, tadelte der Alte. „Mit der Sintflut ist nicht zu spaßen, so was würde uns mit dieser Nußschale hier gerade noch fehlen. Da könnten wir alle lenzen, bis uns die Zungen aus dem Halse heraushängen würden. Damals hat es, wie es in der Bibel steht, vierzig Tage und vierzig Nächte strömend geregnet, bis die ganze Erde überschwemmt war.“

„Na, irgendwo wird es schon noch ein trockenes Fleckchen gegeben haben“, sagte Sam Roskill.

„Eben nicht!“ giftete der alte O’Flynn. „In der Bibel steht doch, daß der ganze Erdboden mit Wasser bedeckt war. Deshalb sind ja auch alle, die nicht in der Arche waren, jämmerlich ersoffen. Aber nur, weil sie so boshaft waren wie du.“

„Alles war unter Wasser?“ fragte Sam skeptisch.

„Klar, du Riesenhirsch! Wenn die große Sintflut nur eine örtliche Überschwemmung gewesen wäre, dann hätte das die lausigen Sünder, die der große Jehova damit bestrafen wollte, nicht weiter gestört. Sie wären einfach abgehauen und hätten sich auf dem Trockenen niedergelassen. Das gilt für das ganze Viehzeug, das Noah in die Arche genommen hat, genauso. Vor allem die Vögel hätten ja mit Leichtigkeit wegfliegen können. So aber hat es sie alle erwischt – bis auf einen, der heute noch sein großes Maul aufreißt, nämlich einen gewissen Mister Roskill.“

So, nun hatte er es diesem Zweifler aber besorgt. Old Donegal brummte zufrieden, während er einen letzten Schluck aus seiner Muck nahm.

Die Sambuke lief nach wie vor gute Fahrt, und der Rest des Tages, an dem die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte, verlief ohne Zwischenfälle.

Erst am späten Abend erreichte die Sambuke die Bucht von Kanais. Noch vor Einbruch der Dunkelheit ließ Ben Brighton an einer günstigen Stelle unter der Küste den Anker werfen. Er zog es vor, nur tagsüber zu segeln und die Nacht möglichst hinter der Deckung eines vorgeschobenen Kaps zu verbringen. Das hatte unter anderem den Vorteil, daß man vor dem auflandigen Wind geschützt war.

Der Anker faßte gut, trotzdem beschloß Ben Brighton aus Sicherheitsgründen, die Nacht über eine Ankerwache aufziehen zu lassen, die alle drei Stunden gewechselt werden sollte. So würde jeder der Männer genügend Schlaf haben.

Die Gegend um das Ras el Kanais, war, soweit das die Seewölfe übersehen konnten, menschenleer.

4.

Die Nacht verlief still und friedlich, für die Ankerwache gab es nichts zu vermelden.

Auch drüben an Land rührte sich nichts, und die Männer, die jeweils Wache gingen, vernahmen nur das Plätschern des Wassers, das an die Bordwände schlug. Vereinzelt war auch ein leises Knistern, Knacken und Stöhnen im Holz der Sambuke zu hören.

Erst der nächste Morgen brachte für den kleinen Segler und seine Besatzung den ersten Ärger.

Kaum hatte Ben Brighton den Befehl gegeben, ankerauf zu gehen, da fingen Smoky und Pete Ballie, die den Anker aufhieven wollten, auch schon an zu fluchen.

„Donner und Wolkenbruch!“ stieß Smoky hervor. „Man könnte meinen, das verdammte Ding habe sein Gewicht über Nacht verhundertfacht. Das gibt es doch gar nicht!“

Erneut packten die beiden Männer zu, aber wiederum ohne Erfolg. Der Anker saß eisern fest.

„Vielleicht hat ein Wassermann seinen Fuß daraufgesetzt“, sinnierte Old O’Flynn, der argwöhnisch zu den beiden Männern hinüberäugte.

Smoky wurde wütend.

„Dann sag doch deinem Wassermann endlich, daß er seinen verdammten Fuß runternehmen soll, du Clown! Du hast doch immer eine gute Verbindung zu diesen niedlichen Kerlchen. Oder sitzt vielleicht auch noch eine Meerjungfrau mit ihrem zarten Popo auf dem Anker, wie?“

„Man soll die Hoffnung nie aufgeben“, brummte Pete Ballie. „Vielleicht verfällt unser guter alter Mister O’Flynn doch noch auf den Gedanken, daß er ja mal mit zupacken könnte. Mitunter soll das recht hilfreich sein.“

„Schon gut, schon gut“, brummte Old O’Flynn und marschierte zu ihnen hinüber. „Ich hab’s ja schon immer gesagt, daß ihr jungen Spunde keinen Mumm mehr in den Knochen habt. Ihr stellt euch an, als wäre das der erste Anker in eurem Leben, den ihr hieven sollt. Es wird Zeit, daß euch mal ein ausgewachsener Seemann zeigt, wie man so was hinkriegt.“

Der Alte mit dem verwitterten Gesicht spuckte unternehmungslustig in die Hände, und dann begann auch er, an der Trosse zu zerren.

Aber da halfen kein Fluchen und kein Spucken. Der Anker rührte sich nicht vom Fleck.

„Und was ist nun?“ fragte Pete Ballie spöttisch. „Ich denke, du wolltest uns mal zeigen, wie man so was hinkriegt?“

„Genau“, motzte Smoky. „Mit deinem Mumm scheint’s auch nicht mehr weit her zu sein.“

„Haltet endlich eure großen Mäuler!“ Der Alte stampfte wütend mit dem Holzbein auf die Planken. „Da stimmt doch was nicht, ihr abgetakelten Heringsschwänze! Oder habt ihr das noch nicht gemerkt?“

„Ach nee“, murmelte Smoky, „das ist uns noch gar nicht aufgefallen. Gut, daß du es uns endlich sagst.“

Inzwischen waren Ben Brighton und Al Conroy hinzugetreten. Auch sie packten noch mit an, aber das Ergebnis war das gleiche. Das verdammte Ding gab um keine Handbreite nach. Wußte der Teufel, was da los war. Irgendwo hatte sich der Anker verfangen, aber wo?

Ein Ankerspill hatte die Sambuke nicht. Deshalb verfiel Smoky auf die Idee, aus ihrem Takelgeschirr ein paar Taljen zusammenzubauen, damit alle Mann mit zugreifen konnten. Und mit vereinbarten Kräften mußte es doch schließlich gelingen, den Anker hochzuhieven.

Als die Taljen fertig waren, gab es ein kräftiges Hau-ruck, an dem sich jeder beteiligte. Aber auch das nutzte nichts.

„Scheiße!“ fluchte Bob Grey. „Da legt man sich ins Zeug wie ein Kamel beim Treideln, und dann ist es auch noch umsonst.“

Auch die mehrfache Wiederholung des Versuchs brachte kein anderes Ergebnis. Schließlich begriffen die Seewölfe, daß sie es so nicht schafften.

„Wir müssen nachsehen, was da los ist“, sagte Ben Brighton, „sonst zerren wir noch heute abend wie die Ochsen an der Trosse herum. Loten wir doch zunächst einmal die Tiefe.“

Smoky ging sofort an die Arbeit und kurze Zeit später stand das Ergebnis fest. Die Tiefe betrug viereinhalb Faden, das entsprach etwa acht Yards.

„Das ist nicht allzuviel“, stellte der schlanke, dunkelhaarige Sam Roskill fest und zog sich bereits das Hemd über den Kopf. „Ich schau mal nach, was da unten los ist.“

„Daß du ja sofort wieder auftauchst!“ erklärte der alte O’Flynn. „Wir möchten es nämlich auch wissen.“

„Du kannst mich ja begleiten“, erwiderte Sam Roskill. „Dann weißt du es etwas früher. Vielleicht sitzen sogar zwei Meerjungfrauen auf dem Anker, dann bleibt für dich auch noch eine übrig.“

„Nun hüpf schon außenbords, du Themsefloh“, brummte der Alte und winkte auffordernd.

Sam Roskill tat ihm den Gefallen. Er sprang ins Wasser und tauchte an der Ankertrosse entlang nach unten, um die Lage zu peilen.

Die übrigen Männer warteten ungeduldig, doch es dauerte nicht lange, und Sam Roskill tauchte wieder auf. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und grinste breit.

„Na und?“ fragte Old Donegal Daniel O’Flynn ungeduldig.

„Es sind keine Meerjungfrauen“, sagte Sam Roskill. „Sonst wäre ich nämlich noch ein bißchen unten geblieben.“

„Was dann, du Hering?“

„Nichts Besonderes“, berichtete Sam, während er über das Schanzkleid kletterte. „Außer einer Galeone hängt nichts an unserem Anker.“

„Einer Galeone?“ fragte Old O’Flynn erschüttert.

„Jawohl, einer Galeone“, sagte Sam Roskill.

Pete Ballie schüttelte den Kopf. „Entweder spinnst du, oder du willst uns einen Bären aufbinden.“

„Dann geh doch selber runter und schau nach“, sagte Sam. „Der Anker hat sich in der Geschützpforte einer wracken Galeone verklemmt. Da können wir lange herumzerren, bis wir es mit acht Mann schaffen, eine Galeone an der Ankertrosse hochzuhieven.“

Zunächst waren die Arwenacks ziemlich platt. Es waren ihnen zwar tausend Dinge und Möglichkeiten durch den Kopf gegangen, aber daß ihnen eine Galeone gewissermaßen an der Angel hing, das hatten sie absolut nicht erwartet.

„Ich hab’s!“ sagte Smoky und kriegte plötzlich ganz lüsterne Augen. „Wenn uns ein solcher Fisch an die Leine geht, dann sollten wir zumindest mal nachsehen, ob’s da noch was abzustauben gibt. Vielleicht handelt es sich bei dem abgesoffenen Kahn um eine Schatzgaleone der Dons oder so.“

Die Seewölfe sahen sich gegenseitig an.

„Eigentlich hast du recht“, sagte Al Conroy und legte die Stirn in Falten. „Nachsehen kostet ja nichts. Wenn es nichts zu holen gibt, können wir ja immer noch von hier verschwinden.“

Auch der alte O’Flynn nickte, und sein zerknittertes Gesicht nahm einen grüblerischen Ausdruck an.

„Eine Schatzgaleone“, sinnierte er, „o heiliger Patrick, das wär doch mal was zur Abwechslung, oder? Schon vorhin habe ich so ein verdächtiges Kribbeln in meinem Holzbein verspürt, und ich sage euch, das hat was zu bedeuten. Wir sollten den Kapitän des Schiffes da unten wirklich mal fragen, ob wir an Bord kommen dürfen. Er kann ja nun mit all seinem Zaster wirklich nichts mehr anfangen.“

Ben Brighton, der zunächst ein skeptisches Gesicht gezogen hatte, lächelte jetzt.

„Na gut“, sagte er. „Ich sehe schon an euren lüsternen Blicken, was die Stunde geschlagen hat. Ich würde zwar lieber weitersegeln, denn wir haben ja ein Ziel vor Augen, aber wenn ihr der Meinung seid, daß euch hier was in den Schoß fallen könnte – mir soll es recht sein. Das Kribbeln in Donegals Holzbein kann mich zwar nicht überzeugen, aber wer weiß, vielleicht hat ihm doch irgendein Wassermann was zugeflüstert.“

Old Donegal Daniel O’Flynn grinste überlegen.

„Laß nur mein Holzbein in Frieden“, sagte er. „Bis jetzt habe ich mich immer darauf verlassen können. Außerdem muß ja sowieso noch jemand runter, oder wollt ihr vielleicht unseren guten alten Stockanker da unten lassen und warten, bis die Trosse in den nächsten hundert Jahren langsam durchfault?“

„Du hast schon recht, Donegal“, erwiderte Ben Brighton. „Von mir aus kann’s losgehen. An mir soll es jedenfalls nicht scheitern.“

Die Sonne war inzwischen ein Stück höher geklettert, und ihr Lichteinfall hatte sich verstärkt. Die Handvoll Seewölfe, die sich unternehmungslustig über das Schanzkleid der Sambuke beugte, konnte jetzt sogar verschwommen die Umrisse der wracken Galeone erkennen. Sie lag auf dem Kiel und hatte sich nur leicht nach Backbord geneigt. Alles in allem handelte es sich, soweit sich das Wasser mit Hilfe des Sonnenlichtes „durchschauen“ ließ, um einen ziemlichen Brocken.

Und da juckte es den Männern erst recht in den Fingern.

Als die Töpfe und Pfannen, in denen Will Thorne ein kräftiges Frühstück zubereitet hatte, geleert waren, ließen sich die Seewölfe nicht mehr aufhalten. Zu groß war der Reiz des Unbekannten, Ungewissen, das da in einer Tiefe von etwa acht Yards verborgen lag.

Sam Roskill und Bob Grey waren die ersten, die ihr Glück versuchen wollten. Sie hatten sich bis auf die Hosen entkleidet und sich je eine Leine um den Leib geknotet. In ihren Gürteln steckten Messer.

„Haie haben wir zum Glück keine gesichtet“, stellte Ben Brighton fest. „Trotzdem, achtet auf die vereinbarten Signale. Wir werden inzwischen die Augen offenhalten.“

„Und vergeßt nicht, den Atem anzuhalten“, ergänzte Old O’Flynn. „Daß man euch Rübenschweinen aber auch alles vorkauen muß!“

„Wir werden daran denken, Mister O’Flynn“, sagte Bob Grey. „Und sollten wir auf eine junge, hübsche Meerjungfrau treffen; werden wir ihr in deinem Auftrag einen Klaps auf den Achtersteven geben. Ist es so recht?“

„Recht so, Leute“, bestätigte der Alte, „und bildet euch bloß nichts auf die Taucherei ein. Wenn ich mein Holzbein nicht hätte, würde ich längst keine Maulaffen mehr feilhalten, sondern schon seit einer halben Stunde die Galeone da unten ausräumen. Damals, auf der ‚Empreß of Sea‘, da haben wir …“

„Schon gut, Donegal“, mischte sich Ben Brighton ein, „wir wissen schon, daß du damals die Haie am Kinn gekrault hast. Doch für heute wollen wir lieber hoffen, daß sie sich woanders herumtreiben. Dir und Will fällt eine wichtige Funktion zu. Ihr beide habt höllisch aufzupassen – einmal auf die Leinen und die vereinbarten Signale und zum anderen auf die Wasserfläche, für den Fall, daß doch ein ungebetener Gast auftauchen sollte.“

„Aye, aye, Sir“, sagte der alte O’Flynn. „Eine solche Verantwortung kann man den jungen Hüpfern heute sowieso nicht mehr zutrauen. Die Kerls haben doch nichts als Rum und Weiber im Kopf!“

„Du hast es wieder einmal erfaßt, Mister O’Flynn“, erwiderte Sam Roskill. „Während wir da unten herumspazieren, werden wir an nichts anderes denken als an die drallen, kreischenden Weiber in der Kneipe des dicken Plymson. Mann, das wird ein Spaß!“

Mit grinsenden Gesichtern hechteten die beiden Seewölfe über Bord und schossen wie dunkle Schatten in die Tiefe. Natürlich waren sie nicht die einzigen Lebewesen, die flink und zielstrebig durch das Wasser der Bucht von Kanais glitten.

Fische verschiedener Größenordnungen kreuzten ihren Weg, und da sie den Menschen als Feind noch nicht kannten, störten sie sich wenig an den beiden Tauchern. Neben zahlreichen Meerbarben und Meerbrassen begegneten ihnen Grundeln und Zackenbarsche – vorwiegend also Fischarten, die in den Küstengewässern des Mittelmeeres beheimatet sind. Sam Roskill und Bob Grey waren erstaunt über die Vielfalt der Meeresbewohner, die sie teils argwöhnisch und teils neugierig musterten.

Das Sonnenlicht drang mittlerweile bis weit unter die Wasseroberfläche, und da die Tiefe hier in Küstennähe nur ungefähr viereinhalb Faden betrug, bot sich den beiden Seewölfen auf dem Meeresboden ausreichende Sicht. Das fiel besonders Sam Roskill auf, der bereits vor dem Frühstück wegen des blockierten Ankers einen ersten Tauchversuch unternommen hatte. Die Lichtverhältnisse kamen ihnen im Hinblick auf ihr Vorhaben sehr entgegen.

Die beiden Männer erreichten das Wrack fast gleichzeitig. Da sie in etwa abschätzen konnten, wie lange ihr Luftvorrat ausreichen würde, gingen sie rasch und zielstrebig an die Arbeit.

Die Galeone bot einen düsteren Anblick. Ihr Leib wirkte dunkel und drohend wie ein Ungetüm aus grauer Vorzeit, umgeben von einer Aura des Todes. Im Rumpf klafften riesige Lecks, aus denen zerborstene Planken hervorragten. Die Masten, vor allem der Besan, waren zum größten Teil weggesplittert, deshalb ragten sie trotz der geringen Tiefe, in der die Galeone lag, nicht aus dem Wasser. Teile des Schanzkleides hingen in Fetzen, das Heck war stark zertrümmert. Auf dem mulmigen Grund in der Nähe eines mannhohen Lecks lagen einige Fässer, über die ein Schwarm silbrig glänzender Fischleiber hinwegzog.

Viele Fragen bewegten sie beiden Männer. Was war das für ein Schiff, und was hatte zu seiner Zerstörung, zu seinem Untergang, geführt? War die Besatzung zugrunde gegangen, oder hatte sie noch schwimmend die Küste erreichen können? Auf all diese Fragen gab es im Moment noch keine Antwort, und die beiden Seewölfe hatten auch nicht die Zeit, sich jetzt, da unten auf dem Meeresgrund, über das Schicksal der Galeone und ihrer Besatzung viel nachzudenken.

Während Sam Roskill vorsichtig in ein riesiges Loch, das im Heck des Wracks klaffte, einstieg und dabei sorgfältig darauf achtete, daß sich seine Leine, die ihn mit der Sambuke verband, nirgends verfing, entdeckte Bob Grey unter einem grünen Algenteppich verwitterte Buchstaben. Zumindest die ersten beiden Schriftzeichen waren frei von dem rasenartigen Bewuchs.

Der blonde, drahtige Mann zog sein Messer aus dem Gürtel und schabte, so gut es ging, einen Teil der Algen von der Beplankung. Auf diese Weise konnte das erste Geheimnis des Wracks enthüllt werden.

Deutlich war der Name des Schiffes zu lesen. Bob Grey war zwar nicht der Größte, was die Kunst des Lesens betraf, aber der Name, der da in verschnörkelten Buchstaben am Rumpf des Wracks stand, lautete ohne Zweifel „San Marco“. Das war ein Schiffsname, wie er häufig von den Veneziern benutzt wurde. Offenbar handelte es sich demnach um eine venezianische Galeone.

Da laust mich doch ein Affe, durchfuhr es Bob Grey. Wenn es sich hier tatsächlich um ein Schiff aus der Lagunenstadt jenseits des Mittelmeeres handelt, dann ist da auch was zu holen! Die Kauffahrer aus Venedig fahren selten mit leerem Bauch.

Die Unternehmungslust hatte den braunäugigen Mann gepackt, dennoch spürte er, daß ihm die Luft langsam knapp wurde.

Aber wo blieb Sam? Hatte er im Heck des Wracks etwas entdeckt? Verdammt, auch ihm mußte doch langsam die Puste ausgehen! Warum war er nicht schon wieder aus dem Schiffsleib aufgetaucht?

Bob Grey arbeitete sich, so rasch es ging, zu dem riesigen Loch hinüber, in dessen dunklem Schlund Sam Roskill verschwunden war. Im selben Augenblick entdeckte er hinter einer Wolke von aufgewühltem Schlamm die Leine, die von Sams Körper aus nach oben führte. Sie schien bis zum äußersten gestrafft zu sein. Plötzlich meinte er sogar, ein Ziehen und Rucken zu bemerken, das von den Männern an Bord der Sambuke ausging.

Was war los? War Sam in Gefahr? Den blonden, drahtigen Mann überfiel eine böse Ahnung. Obwohl ihm die Luft immer knapper wurde und er bereits einen ungeheuren Druck auf der Brust spürte, glitt er durch die dunkle Öffnung in den zerborstenen Schiffsleib. Er würde nicht mehr lange durchhalten, deshalb war größte Eile geboten.

Kaum war er durch das Leck geschwommen, da sah er, was geschehen war.

Die Leine, die Sam Roskill mit der Sambuke verband, hatte sich unmittelbar hinter dem Rücken Sams zwischen zwei Holzbalken festgeklemmt. Verzweifelt versuchte Sam, sich um die eigene Achse zu drehen, um mit den Händen an die verklemmte Leine zu gelangen. Aber diese hatte sich durch seine bisherigen Versuche nur noch fester verklemmt, so daß der schlanke, dunkelhaarige Mann wie eine Maus in der Falle saß. Sein Messer konnte er nicht benutzen, sonst hätte er das Seil längst gekappt. Noch unmittelbar bevor sich die Leine zwischen den Balken verfangen hatte, war ihm sein Messer, bei dem Versuch, ein Schott zu öffnen, entglitten und lag nun irgendwo zwischen den Trümmern im Schlamm.

Oben auf der Sambuke, die zwischen der Schlammwolke als dunkler Schatten zu erkennen war, hatten die Männer wohl bemerkt, daß es Schwierigkeiten gab. Aber auch ihr Ziehen und Rucken an der Leine hatte bisher nichts genutzt. Im Gegenteil: sie hatte sich nur noch fester verklemmt und sich zudem noch in einigen verrosteten Nägeln, die aus dem Holz ragten, verhakt.

Bob Grey überschaute sofort die Lage. Er wußte, daß es jetzt um Sekunden ging. Aus dem Mund Sam Roskills perlten bereits Luftblasen, die sofort nach oben stiegen. Natürlich war er sich darüber im klaren, was eine solche Blasenbahn zu bedeuten hatte. Wenn ein Mensch unter Wasser damit begann, die Luft auszustoßen, dann mußte er sofort auftauchen, weil sämtliche Reserven verbraucht waren.

Noch während sich Bob Grey dem Kameraden näherte, hatte er selbst das Gefühl, als zersprenge ihm eine ungeheure Kraft den Brustkorb. Auch bei ihm konnte es nur noch Augenblicke dauern, bis er die verbrauchte Luft aus seinen Lungen stoßen mußte.

Unter größter Anstrengung riß er sein Messer aus dem Gürtel und kappte die Leine Sam Roskills, der zum Glück noch bei Bewußtsein war. Gleichzeitig gab er durch die Leine ein Signal, dann packte er Sam Roskill am Gürtel und zog ihn hinter sich her durch das Leck.

Beide schossen sofort nach oben, und das im letzten Augenblick.

Auch Bob Grey, der meinte, jeden Moment innerlich zerrissen zu werden, mußte noch während des Auftauchens die gespeicherte Luft durch den Mund entweichen lassen.

Prustend und spuckend durchstießen die beiden Seewölfe schließlich die Wasseroberfläche. Sie japsten nach Luft wie Fische, die man aufs Trockene geworfen hat, während sie von der restlichen Besatzung an Bord gezogen wurden.

Über die Stirn Ben Brightons hatte sich eine steile Falte gelegt.

„Was war los?“ fragte er kurz, nachdem sich die beiden Taucher wieder etwas erholt hatten.

Sam Roskill winkte mit einer schwachen Handbewegung ab.

„Verdammt!“ keuchte er dann. „Das hätte leicht schiefgehen können. Wenn ich allein da unten gewesen wäre, hätte mich einer von euch holen müssen. So aber hat Bob die Lage rasch erfaßt.“ Noch während sich sein Brustkorb in raschen Intervallen hob und senkte, berichtete er in kurzen Worten, was vorgefallen war. Erst dann fiel sein Blick auf Smoky, der bereits das Hemd abgelegt hatte.

„Ich wollte gerade hinunter“, sagte der Decksälteste, „aber da sahen wir euch schon auftauchen.“

Sam Roskill grinste schwach, und während er Smoky wortlos zunickte, boxte er Bob Grey in die Seite. Der wußte, wie die rauhe Geste zu verstehen war.

Sämtliche Blicke waren fragend auf die beiden Männer gerichtet, und Old O’Flynn bewegte sein Holzbein, wohl aus einer inneren Erregung heraus, mit scharrenden Geräuschen hin und her.

„Und, ihr Läuseknacker?“ platzte es plötzlich aus ihm heraus, „was bringt ihr für Neuigkeiten? Nachdem ihr eure Bäuche wieder mit Luft vollgepumpt habt, werdet ihr ja wohl die Zähne auseinander kriegen, wie?“

Auch in Pete Ballies Gesicht lag ein angespannter, erwartungsvoller Ausdruck.

„Ist es ein Don?“ fragte er.

Bob Grey schüttelte den Kopf. „Nein, ein Spanier ist es offensichtlich nicht. Die Galeone trug den Namen ‚San Marco‘. Wahrscheinlich handelt es sich um einen venezianischen Kauffahrer. Das Schiff sieht ziemlich übel aus, da ist kaum noch etwas heil geblieben.“

„Vielleicht wurde es von einem Sturm gegen die Felsen des Kaps geschmettert“, sagte Ben Brighton nachdenklich. Über seinem Gesicht lag ein ernster Zug.

Bob Grey nickte. „Das ist durchaus möglich, und wie lange das Wrack schon da unten liegt, läßt sich schwer sagen. Stellenweise ist die Bordwand schon mit Algen bewachsen. Aber das geht hier ja schnell.“

Der alte O’Flynn räusperte sich. „Das ist ja alles schön und gut. Und was auch geschehen sein mag, es wird sich nicht mehr ändern lassen. Ich bitte die Gentlemen deshalb, doch endlich mal auszupacken. Habt ihr denn außer Algen nichts gesehen? Ich meine – ist es nun eine Schatzgaleone oder nicht?“

„Nur nicht so stürmisch, Mister O’Flynn“, sagte Sam Roskill, dessen Gesicht noch etwas blaß war. „Wir jungen Hüpfer haben ja schließlich nicht mehr so viel Schwung drauf wie du. Und wenn du meinst, daß wir in den paar Minuten, die wir unten verbracht haben, das Wrack von vorn bis achtern und von achtern bis vorn durchgestöbert haben, dann muß ich dich enttäuschen. Wir sind zwar sehr anspruchslose Menschen, aber ab und zu mal einen kurzen Atemzug mußt du uns schon noch gönnen.“

„Das ist mir völlig klar, du kurzatmige Kanalratte“, sagte der Alte. „Wie ich sehe, kannst du schon wieder schnaufen wie ein Walroß. Aber – Himmelarsch – hast du im Schiffsrumpf nun was gesehen oder nicht?“

Sam Roskill grinste hinterhältig. „Und wenn ich es dir erst morgen erzähle?“

„Dann spiele ich dir mit meinem Holzbein zum Tanz auf, du sturer Bock. Oder meinst du; ich merke nicht, wie du ausgewachsene Seefahrer auf die Folter spannen willst, he?“

Auch die übrigen Männer warfen den beiden Tauchern nun ungeduldige Blicke zu.

„Also gut“, sagte Sam Roskill, „ich will mich kurz fassen. Bis jetzt gibt es nämlich gar nicht viel zu berichten. Ich konnte das Schott zu einem Laderaum aufbrechen, deshalb verlor ich ja auch mein Messer. Dort habe ich dann, obwohl es nicht besonders hell war, mehrere Kisten, Fässer und Truhen gesehen. Und da die Behälter nicht im Wasser herumgeschwommen sind, ist anzunehmen, daß auch was drin ist. Leider habe ich nicht mehr die Zeit und Gelegenheit gefunden, den Kram genauer zu untersuchen.“

„Das kann man ja nachholen“, meinte Pete Ballie und rieb sich die mächtigen Pranken. „Um ehrlich zu sein, mir kribbelt es in den Fingern, und ich bin fast schon so neugierig wie unser ehrenwerter Mister O’Flynn.“

„Mir geht es auch so“, gestand Smoky, der bereits den Oberkörper entblößt hatte. „Wie wär’s denn mit uns beiden, Mister Ballie? Wir könnten ja auch mal unser Glück versuchen. Vielleicht gelingt es uns, die Kisten und Truhen zu öffnen.“

Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Auch Ben Brighton nicht.

„Reicher sind wir hinterher auf jeden Fall“, meinte er, „entweder an Schätzen oder aber an Erfahrung.“

In fieberhafter Eile, als gelte es, einen Wettlauf mit irgendwelchen Konkurrenten zu gewinnen, rüsteten sich die Seewölfe zum nächsten Tauchgang. Wenig später sprangen Smoky, der Decksälteste, und Pete Ballie, der Rudergänger, in das klare Wasser der Bucht von Kanais.

5.

Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel. Nur selten wurde die Hitze, die sie erzeugte, durch eine schwache Brise aus nordwestlicher Richtung unterbrochen.

Den Männern an Bord der Sambuke glänzte längst der Schweiß in den Gesichtern, auch dem alten O’Flynn und Will Thorne. Mit eifrigen Gesichtern überwachten die beiden die Leinen, die Smoky und Pete Ballie mit in die Tiefe genommen hatten.

Der Zeit nach mußten die Taucher jeden Moment wieder an der Wasseroberfläche erscheinen, um Luft zu holen. Einmal bereits hatten sie die Köpfe aus dem Wasser gestreckt, waren aber, sehr zum Leidwesen Old O’Flynns, sofort wieder weggetaucht. Jetzt aber war es an der Zeit für ein weiteres Luftschnappen.

„Wenn die Rübenschweine diesmal wieder wegtauchen wollen, halte ich sie an den Leinen fest“, prophezeite Old Donegal. „Erst sollen sie mal sagen, was da unten los ist, dann können sie meinetwegen wieder verschwinden.“

„Aber, aber, Donegal“, sagte Ben Brighton, „du wirst uns doch hoffentlich nicht vor Neugierde platzen. Von dieser Seite kenne ich dich noch gar nicht.“

„Neugierde? Sagtest du Neugierde?“ Der Alte warf Ben einen strafenden Blick zu. „Ho, Mister Brighton, du wirst doch wohl nicht behaupten wollen, ich sei neugierig! No, Sir, nicht die Spur bin ich das! Was du in deinem jugendlichen Leichtsinn als Neugierde bezeichnest, ist nichts anderes als Gemeinschaftssinn, jawohl, genau das ist es! Schließlich haben wir nicht jeden Tag das Vergnügen, Schätze vom Meeresgrund heraufzuholen. Und wenn das schon einmal der Fall ist, dann liegt das in unser aller Interesse.“

Ben Brighton grinste. „So also ist das. Gut, daß mir endlich mal jemand verklart, was Gemeinschaftssinn ist! Ich hab das bisher doch glatt mit Neugierde verwechselt. Außerdem wußte ich gar nicht, daß man euch damals auf der ‚Empreß of Sea‘ so eine gewählte Ausdrucksweise beigebracht hat. Und woher weißt du übrigens, daß Schätze da unten in dem Wrack liegen? Hängt dieses Wissen vielleicht wieder mit deinem Holzbein zusammen, he?“

Die Männer lachten über das verdutzte Gesicht des Alten, und für einen Moment verschwand sogar die Spannung, die bis jetzt in ihren Gesichtern gelegen hatte. Doch als plötzlich kräftig an den Leinen geruckt wurde, verstummten sie augenblicklich.

„Aha, jetzt ist es so weit“, sagte Old O’Flynn befriedigt. Dann begann er eilig, die Leine einzuholen, die er zu überwachen hatte.

Smoky und Pete Ballie waren rasch an der Oberfläche – und sie erschienen nicht mit leeren Händen. Doch das, was sie mitbrachten, löste beileibe nicht die Spannung unter den Seewölfen, sondern heizte sie nur noch kräftig an.

„Fang mal, Mister O’Flynn!“ rief Smoky mit nassem, aber lachendem Gesicht. Im selben Moment flog ein kleiner, glitzernder Gegenstand durch die Luft und kullerte auf die Planken der Sambuke.

Al Conroy bückte sich als erster danach und hielt gleich darauf das blitzende und funkelnde Ding in der Hand. Er stieß einen lauten Pfiff durch die Zähne.

„Bei allen Kameltreibern des Orients!“ rief er. „Ich reite auf einem Hering durch das Mittelmeer, wenn das kein Edelstein ist!“

Die übrige Crew sah ihn überrascht an, obwohl jeder im stillen lohnende Funde erhofft hatte. Old O’Flynn gewann als erster wieder seine Fassung.

„Na, was habe ich die ganze Zeit gesagt, Gentlemen?“ rief er mit einer Portion Stolz in der Stimme. „Da gibt es bestimmt noch mehr zu holen.“ Er wandte sich Smoky und Pete Ballie zu, die sich die Lungen mit Luft vollpumpten. „Was wartet ihr noch, ihr Lahmärsche? Los, wieder runter mit euch, und bringt beim nächstenmal gefälligst ein paar mehr von diesen hübschen Klunkerchen mit. Hurtig, hurtig!“

Ben Brighton mußte den Eifer des Alten wieder einmal abbremsen.

„Nur langsam, Donegal“, sagte er mit ruhiger Stimme, „laß die beiden erst einmal tief durchatmen. Schließlich steht niemand mit der Neunschwänzigen hinter uns, um uns anzutreiben.“

„Genau!“ pflichtete ihm Al Conroy bei. „Laß sie erst mal erzählen, was sie alles entdeckt haben. Vielleicht haben sie sogar ein paar nette Ohrringe für dich gefunden – aus Gold, versteht sich. Wir machen dann eine hübsche Lady aus dir.“

Das Lachen der Seewölfe ging jedoch schnell in ein andächtiges Staunen über, als Smoky und Pete Ballie zu berichten begannen.

Sam Roskill und Bob Grey, die als erste zu der wracken Galeone hinabgetaucht waren, hatten sich nicht geirrt. Die Kisten, Truhen und Fässer, die sie im zerborstenen Leib der „San Marco“ entdeckt hatten, waren tatsächlich nicht leer. Smoky und Pete Ballie war es gelungen, einige der Truhen zu öffnen, die in den Räumen unter dem Achterkastell verstaut waren. Fast hätten sie vor lauter Überraschung Wasser geschluckt, als sie den Inhalt erblickten. Zum Glück jedoch hatten sie sich rasch wieder daran erinnert, daß sie sich ein ganzes Stück unter der Wasseroberfläche befanden.

Die Kisten und Truhen waren vollbepackt mit Gold- und Silberschmuck, mit Edelsteinen, Perlen und zahlreichen anderen Wertgegenständen. Die „San Marco“ mußte tatsächlich eine schwimmende Schatzkammer gewesen sein.

Die Männer gerieten in helle Aufregung. Die Schätze würde man bergen, das war keine Frage mehr für sie.

Will Thorne, der grauhaarige Segelmacher, zitierte, wohl zum erstenmal in seinem Leben, seine Großmutter.

„Oft liegt das Geld auf der Gasse, man braucht sich nur danach zu bükken“, sollte die selige Lady des öfteren gesagt haben.

Doch ganz so einfach war der Fall hier an der nordafrikanischen Mittelmeerküste keineswegs.

„Sagen wir lieber, manchmal liegt es auf dem Meeresgrund, man braucht nur danach zu tauchen“, korrigierte Ben Brighton. „Vorausgesetzt, es tauchen keine Dreiecksflossen auf. Wenn in dieser Hinsicht keine Gefahr besteht, können wir es ja versuchen.“

An Bord der Sambuke herrschte im Handumdrehen ein reges Treiben. Niemand störte sich mehr an den sengenden Strahlen der Sonne, die ihnen immer wieder den Schweiß in die Gesichter trieb. Alle waren plötzlich nur noch von dem einen Gedanken besessen, die gewaltigen Schätze der venezianischen Galeone aus der Tiefe zu holen. In den Laderäumen der Sambuke gab es genug Platz dafür.

Schon bald herrschte auf dem Zweimast-Segler ein reger Betrieb. Die Seewölfe tauchten wie die Irren, und diese Arbeit war beileibe kein Zuckerschlekken. Brauchten zwei Männer etwas Ruhe und frische Luft, waren sofort zwei andere an der Reihe. Und nie kehrten sie mit leeren Händen zurück.

Gegen Mittag ordnete Ben Brighton eine längere Ruhepause an, damit sich die strapazierten Lungen der Taucher etwas erholen konnten. Old O’Flynn, der zusammen mit Will Thorne an den Leinen auf Station war, weil sie beide etwas zu alt für die anstrengenden Tauchgänge waren, hatte dafür kein allzu großes Verständnis.

„Die jungen Heringe haben keine Ausdauer mehr“, sagte er. „Außerdem hat vom Tauchen noch niemand eine Lungenschwindsucht gekriegt.“

Doch schließlich hatte auch er nichts dagegen einzuwenden, daß sich Will Thorne in seine Kombüse verholte, um ein Mittagsmahl zuzubereiten. Wenn all das Gold und die Edelsteine noch so betörend funkelten – satt wurde man davon jedenfalls nicht, wenn der Magen kräftig zu knurren begann.

Wenn sie die gesamten Schätze der „San Marco“ bergen wollten, dann lag noch ein gewaltiges Stück Arbeit vor ihnen, darüber waren sie sich im klaren. Nun war es schon fast Mittag geworden, und sie hatten erst ein knappes Viertel vom Inhalt der Truhen und Kisten an Bord der Sambuke geschafft. Dabei hatten sie Segeltuchsäcke zu Hilfe genommen. Dennoch war die Taucherei bis jetzt eine ziemlich anstrengende und mühsame Arbeit gewesen, und fast alle waren froh über die Ruhepause, auch wenn sie das nicht zugaben.

Die Männer hatten sich einfach auf die Decksplanken fallen lassen und reckten genüßlich alle viere von sich. Trotz des Ruhebedürfnisses ebbten jedoch die Gespräche und Debatten über die „San Marco“ und ihre Schätze nicht ab.

Der einzige, der schon eine Weile schwieg, war Al Conroy, der altbewährte Waffenmeister der verlorenen „Isabella“. Er starrte schon eine Zeitlang reglos zum blauen Himmel hoch.

„Was gibt’s denn da oben?“ fragte Pete Ballie, dem das lange Schweigen merkwürdig erschien. „Hast du etwa eine Verabredung mit einem blonden Engelchen, das dir von einer Wolke aus zugewinkt hat?“

Al Conroy nahm seine Frage jedoch nicht zur Kenntnis. Plötzlich richtete er sich ruckartig auf.

„Ich hab’s!“ sagte er. „Jawohl, ich hab’s!“

Pete Ballie blickte ihn argwöhnisch an. „Was hast du? Einen Sonnenstich vielleicht?“

„Blödsinn“, erwiderte Al Conroy. „Aber ich weiß jetzt, wie wir uns die Arbeit erleichtern können. Wenn wir nämlich so weiter herummurksen wie bisher, werden wir uns die Seele aus dem Leib schuften. Doch es geht auch einfacher, viel einfacher sogar!“

Der stämmige Rudergänger sah ihn verständnislos an. „Wie meinst du das?“

„Nun“, fuhr Al Conroy fort, „wir könnten doch versuchen, die Truhen auf das Achterdeck des Wracks zu schieben. Dann könnten wir sie mit Trossen umfangen und mit Hilfe von Taljen aufhieven. Das spart uns viel Zeit, Kraft und jede Menge Tauchgänge.“

Pete Ballie war beeindruckt.

„Das hätte dir aber auch früher einfallen können, du alter Rübenkopf“, brummte er und warf einen Blick zu Will Thorne hinüber, der gerade mit einer riesigen Schüssel die Kombüse verließ.

Will Thorne, der alte, grauhaarige Segelmacher, war ein stiller und besonnener Mann. Er hatte in all den Jahren, in denen die Seewölfe-Crew die Welt umsegelte, ruhig und ohne besonders aufzufallen, seine Arbeit getan, sei es als Segelmacher, als erfahrener Seemann oder aber als schlagkräftiger, mit Überlegung handelnder Kämpfer, wenn es nötig gewesen war, das Schiff oder die Besatzung aus einer mißlichen Lage herauszuhauen. Auch wenn es gegolten hatte, Piraten und Schnapphähnen einen Denkzettel zu verpassen oder den Dons fette Beute abzujagen, hatte der stille Mann stets voll seinen Platz ausgefüllt.

Doch niemand hätte gedacht, daß Will Thorne einen guten Koch abgeben würde, nein, das hatte ihm einfach niemand so recht zugetraut. Die Kochkünste jedoch, mit denen er die kleine Crew an Bord der Sambuke verwöhnte, seit sie den Hafen von Alexandria verlassen hatte, verblüfften die Männer immer wieder. Zugleich lernten sie daraus, daß es doch eigentlich bei jedem Menschen immer wieder neue Seiten zu entdekken gab.

Man konnte zwar nicht sagen, daß Will Thorne auf Anhieb den Kutscher ersetzt hätte, dem auf der ehemaligen „Isabella VIII.“ eine wesentlich größere und besser ausgestattete Kombüse zur Verfügung gestanden hatte, aber trotzdem ließ sich der ruhige Mann stets etwas einfallen, um mittels der frischen Vorräte, die man in Alexandria eingekauft hatte, Abwechslung in den Speiseplan zu bringen.

Jedenfalls war auch an diesem Mittag die kleine Crew vollauf mit Will Thorne zufrieden, und manch einer hatte mehr, als eigentlich gut war, auf seinen Zinnteller geschaufelt und lag nun satt und dösend in der prallen Mittagssonne.

Selbst Old O’Flynn war plötzlich wie verwandelt. Während er Will Thorne äußerst wohlwollende Blicke zuwarf, bemerkte er tadelnd: „Das hat man gern, ihr Bilgenflöhe! Sich den Wanst vollhauen bis zum Gehtnichtmehr und sich dann faul in die Sonne legen! Aber nicht einer von euch denkt daran, unserem Koch ein Lob für die gesegnete Mittagsmahlzeit auszusprechen. Mir hat es jedenfalls bestens geschmeckt, und im übrigen habe ich euch ja von Anfang an gesagt, daß unser guter Mister Thorne ein ausgezeichneter Koch sei!“

Das verschlug den Arwenacks nun doch die Sprache.

„Wie? Was?“ brummte Smoky. „Was willst du uns von Anfang an gesagt haben?“

„Gerade habe ich den Mund geschlossen. Ich bin doch nicht im Wiederholungsverein“, sagte Old O’Flynn würdevoll.

Nun drehte sich auch Al Conroy faul zur Seite.

„Das haut doch einer Muck den Boden durch!“ stellte er fest. „Wir gehen ja völlig mit dir einig, daß Mister Thorne ein guter Koch ist, Donegal, und daß er bestimmt auch ein dickes Lob verdient hat. Aber mir klingt da immer noch ein bißchen das Nörgeln eines gewissen brummigen, alten Arwenacks in den Ohren, von wegen Schlangenfraß, Gift und in Segeltuch einnähen. Und jetzt säuselst du so lieblich wie eine unschuldige Windsbraut.“

Der Alte mit dem verwitterten Gesicht winkte ab.

„Ach was“, sagte er. „Du hast wohl mal wieder die Flöhe husten hören, Mister Conroy, oder das Pulver vom letzten Gefecht sitzt dir noch in den Ohren. Will ist jedenfalls ein ausgezeichneter Koch, und würde er am englischen Königshof die Töpfe schwenken, dann würde selbst unsere gute alte Lissy auseinandergehen wie ein Hefekloß.“

Ein dickeres Lob für Kochkünste gab es eigentlich nicht, und gerade aus dem Munde Old Donegal Daniel O’Flynns wollte das schon etwas heißen, darüber war man sich im klaren.

Das Faulenzen und Dösen hatte jedoch bald ein Ende. Nach einer Pause von zwei Stunden wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Es ging schließlich nicht an, daß man die ungeheuren Schätze, die man entdeckt hatte, da unten im Wrack vor sich hin gammeln ließ. Bob Grey war sogar der Meinung, daß die Fische längst mit den funkelnden Klunkerchen Murmelspiele veranstalten würden.

Auch Ben Brighton, der das Kommando führte, hatte Al Conroys Vorschlag aufgegriffen. Man versprach sich eine wesentliche Arbeitserleichterung dadurch. So begann man damit, die Taljen am vorderen Mast zu fixieren und über die Bordwand ins Wasser zu lassen.

Nach Abschluß dieser Vorbereitungsarbeiten tauchten Pete Ballie, Smoky und Bob Grey zur „San Marco“ hinunter, um die Kisten und Truhen von den Lagerräumen aufs Achterdeck hinauszuwuchten. Und auch das erwies sich natürlich als Schwerstarbeit. Manche der Behälter waren schwer wie Blei, und es erforderte eine Menge Kraft, sie durch klaffende Lecks und über zerborstene Planken hinweg nach draußen zu schaffen. Bei all dem war noch Eile geboten, denn die Atemluft wurde den drei Männern oft äußerst knapp, so daß sie zwischendurch zum Luftholen auftauchen mußten.

Doch wenn sie geglaubt hatten, wenigstens ungestört arbeiten zu können, sollten sie bald enttäuscht werden. Pete Ballie, Bob Grey und Smoky, die gerade eine Truhe durch das Schott des Achterdecks auf der Steuerbordseite der „San Marco“ heraushoben, setzten ihre Last jäh auf die Planken, als vorn beim Bug des Wracks etwas ins Wasser peitschte. Eine gestreifte Meerbarbe, die in diesem Moment höchstens zwei Yards von ihnen entfernt über das Achterdeck schwamm, jagte – durch das Geräusch sichtlich erschreckt – mit heftigen Flossenschlägen davon.

Die drei Seewölfe sahen sich einen Moment fragend an. Es war ohne Zweifel ein Schuß gewesen, den man ins Wasser abgefeuert hatte. Doch sie kamen nicht dazu, lange zu überlegen, denn plötzlich wurde heftig an ihren Leinen gezogen – dreimal, immer kurz hintereinander. Das war das Signal für höchste Gefahr! Und die Ursache blieb ihnen nicht länger verborgen.

Jäh und unvermittelt tauchte ein dunkler Schatten auf, der um den Vorsteven der wracken Galeone herumjagte. Es war ein Hai, und zwar ein ganz kapitaler Bursche.

Die Männer an Bord der Zweimast-Sambuke waren gut gelaunt. Kein Wunder, wenn einem rein zufällig prall gefüllte Schatztruhen in die Hände fielen. Schließlich hätten sie am gestrigen Abend ihren Anker auch woanders auswerfen können, doch das Schicksal schien es gut mit ihnen zu meinen. Die Arbeit, die das Bergen der Schätze zwangsläufig mit sich brachte, würde man gern bewältigen, zumal jetzt, da die gute Idee Al Conroys die Sache wesentlich vereinfachen und beschleunigen würde.

Immer wieder beugten sich die Seewölfe mit erwartungsvollen Blikken über das Schanzkleid, um die Arbeit der Männer da unten mitzuverfolgen, auch wenn die klare Sicht durch aufgewirbelten Schlamm oft stark beeinträchtigt wurde.

Trotzdem vergaßen sie nicht, auch die Wasseroberfläche im Auge zu behalten. Bis jetzt war, so weit das Auge reichte, alles ruhig und friedlich geblieben. Nirgends gab es etwas Auffälliges zu sehen – weder im Wasser, noch drüben an der Küste, die nur aus Unmengen von Sand und Felsen zu bestehen schien.

Doch der Schein trog. Ein unerbittlicher, grausamer Tod hatte bereits seine unsichtbaren Finger nach den Seewölfen ausgestreckt.

Will Thorne entdeckte die berüchtigte Dreiecksflosse als erster.

„Ein Hai!“ Während sein lauter Ruf die übrigen Männer alarmierte, griff er sofort nach der bereitliegenden Muskete und feuerte auf den dunklen Schatten, der dicht unter der Wasseroberfläche entlangglitt.

Der Schuß mußte getroffen haben, denn der gefräßige Meeresräuber bäumte sich augenblicklich auf, dann ließen peitschende Schwanzschläge das Wasser hochspritzen. Sekunden später schoß der verwundete Körper des Hais nach unten, und im Wasser breitete sich eine dunkle Wolke aus, die unschwer als Blut zu erkennen war, das sich mit dem Wasser vermischte.

Auch die Männer, die an den Leinen auf Station waren, reagierten sofort. Ben Brighton, Al Conroy und Sam Roskill holten hastig und Hand über Hand die Leinen durch. Die Zeit drängte, denn inzwischen war schon ein zweiter Hai aufgetaucht.

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“ fluchte Old O’Flynn. „Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Biester noch länger auf ihren Besuch verzichtet hätten.“ Dann legte er eine Muskete an.

Der Schuß löste sich krachend, doch der Schatten unter der Wasserfläche hatte sich just in diesem Moment zur Seite bewegt. Nachdem die Kugel eine kleine Fontäne hochgerissen hatte, schien der Hai einen Atemzug lang zu zögern. Offenbar hatte ihn der plötzliche Angriff erschreckt. Doch dieser Zustand war nur von kurzer Dauer, dann nun begann der gefräßige Räuber erst einmal Kreise zu ziehen.

Im selben Augenblick war zu erkennen, wie der erste, von Will Thorne verwundete Hai, der ein Stück abgetaucht war, wie ein Irrer in die Reste der Fockmastwanten des Wracks raste und dort hängenblieb. Das Tier geriet in Panik, und während sein Blut weiterhin das Wasser rötlich verfärbte, tobte es wie verrückt.

Pete Ballie, Smoky und Bob Grey erreichten in diesem Moment die Wasseroberfläche. Sie wußten, daß ihr Auftauchen ein Wettlauf mit dem Tod war. Deshalb hangelten sie sich unter Einsatz aller Kräfte blitzschnell an ihren Leinen hoch, die von den Männern an Bord der Sambuke sofort an Klampen belegt wurden. Keuchend stießen sie dabei die Luft aus ihren Lungen.

„Das war verdammt knapp!“ stellte Ben Brighton fest.

Und er hatte recht damit, denn der zweite Hai, der den Schauplatz lauernd umkreist hatte, zischte genau in diesem Augenblick dicht unter den aufenternden Männern hindurch. Er bewegte sich direkt unter der Wasseroberfläche, der riesige Körper war bereits etwas gedreht, und das furchtbare Maul war weit zum Zubeißen geöffnet.

Für einen Moment stockte den Seewölfen der Atem, doch dann bewies der alte, grauhaarige Will Thorne zum zweiten Male, daß er immer noch ein ausgezeichnetes Reaktionsvermögen hatte.

Noch während sich die drei Taucher an den Leinen hochhangelten, hatte er eine der noch von Ferris Tucker, dem Schiffszimmermann der „Isabella“, konstruierten Flaschenbomben gezündet, die mit Pulver, Eisenstücken und Nägeln gefüllt war. Und diese gefährliche Flaschenbombe flog jetzt, genau zum richtigen Zeitpunkt, zielgenau in den weitgeöffneten Rachen des Hais.

Das Fischmaul krachte sofort zu, und damit war der Untergang des gefährlichen Räubers besiegelt.

Es dauerte etwa fünfzehn Sekunden, dann flog der riesige Fischleib mit einem dumpfen Knall auseinander. Die Detonation hatte ihn buchstäblich in Stücke gerissen. Innerhalb von Augenblicken färbte sich das Wasser rot von seinem Blut.

Doch damit war der Spuk noch nicht zu Ende. Den Seewölfen, die sich jetzt alle sicher an Bord ihres Seglers befanden, standen schon gleich darauf erneut die Haare zu Berge, denn urplötzlich, als habe man sie herbeigezaubert, wimmelte es in der Bucht von Kanais nur so von Haien. Wohin sie auch blickten, überall wurde das Wasser von den Dreiecksflossen gepflügt.

Pfeilschnell und unaufhaltsam schossen die Raubfische, die durch das Blut im Wasser angelockt worden waren, auf die Überreste ihres zerstückelten Artgenossen zu. Auch jenen Räuber, der noch immer in den Fockwanten der „San Marco“ herumtobte, hatten sie längst im Visier.

Die wilde, grausige Freßorgie, die sich dann vor den Augen der Seewölfe abspielte, würde ihnen ohne Zweifel bis an das Ende ihrer Tage in Erinnerung bleiben.

6.

Das schreckliche Massaker, das sich unter der sengenden Sonne des frühen Nachmittags in der Bucht von Kanais abspielte, war bald zu Ende. Die Seewölfe standen immer noch wie erstarrt, und einige von ihnen hatten es nicht verhindern können, daß ihnen das Grauen eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Will Thorne, der in seinem langen Leben schon viel Schreckliches gesehen hatte, brach als erster das allgemeine Schweigen.

„Siehst du, Donegal“, sagte er in seiner ruhigen und bedächtigen Art, „es geht auch ohne Koch. Die Haie haben jedenfalls keinen gebraucht.“

Der alte O’Flynn kniff die Augen zusammen. „Was willst du damit sagen, Mister Thorne? Hast du vielleicht keine Lust mehr, für uns zu kochen, he?“

„So war es nicht gemeint.“ Will Thorne lächelte. „Gerade da es euch so gut schmeckt, bereitet mir die Arbeit in der Kombüse besonders viel Spaß.“

„Das will ich auch hoffen“, knurrte Old O’Flynn besänftigt. „Überall an Bord duftet es nämlich jetzt noch so herrlich nach Knoblauch. Willst du nicht mal die Burschen da draußen damit füttern? Bis jetzt weiß noch niemand, wie sie auf Knoblauch reagieren. Vielleicht würden sie sogar daran eingehen, wer weiß. Es soll sogar Leute geben, die schon böse Geister und selbst den Teufel mit Knoblauch vertrieben haben.“

„Das glaube ich nicht, Mister O’Flynn“, erklärte Sam Roskill. „Wenn das Zeug so wirksam wäre, dann hättest du bestimmt schon die Hacken gezeigt.“

Die Starre, die über den Männern gelegen hatte, war nun jedenfalls gebrochen. Rasch kehrten sie in die Wirklichkeit zurück, denn vor ihnen lag ein Problem, von dem sie noch nicht wußten, wie sie es lösen sollten. Es mußte unbedingt Kriegsrat an Bord der Sambuke gehalten werden, denn die Haie dachten noch nicht daran, die Bucht wieder zu verlassen.

„Und was wird jetzt aus unseren schönen Klunkerchen?“ fragte Bob Grey. „Hat irgend jemand Lust zum Tauchen?“

Doch danach stand im Moment niemand der Sinn. Auch Ben Brighton hatte ein skeptisches Gesicht.

„Vielleicht sollten wir überlegen, ob wir unter diesen Umständen weiter tauchen wollen“, sagte er. „Ich bin jedenfalls nicht dafür, daß jemand sein Leben wegen dem ganzen Plunder da unten riskiert.“

„Plunder ist gut“, brummte Smoky, „das sind Schätze, richtige Schätze von unermeßlichem Wert.“

„Und wenn schon“, erwiderte Ben Brighton. „Ich möchte auf keinen Fall wegen des Zeugs einen Mann verlieren. Es wäre unverantwortlich, wegen eines Schatzes Menschenleben aufs Spiel zu setzen.“

„Du hast schon recht, Ben“, pflichtete ihm Al Conroy bei. „Wir brauchen ja auch nichts zu überstürzen. Du hast ja selber gesagt, daß niemand mit der Neunschwänzigen hinter uns steht und uns antreibt. Wir könnten doch zunächst einmal abwarten, was die Haie weiter so treiben. Es kann ja durchaus sein, daß sie recht bald wieder verschwinden, wenn sie erst einmal kapiert haben, daß es hier nichts mehr für sie zu holen gibt.“

Ben Brighton nickte. „Natürlich werden wir erst einmal abwarten. Es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, wenn wir unseren guten alten Stockanker nicht hier zurücklassen wollen. Vielleicht darf ich bei dieser Gelegenheit einmal daran erinnern, daß er immer noch da unten festsitzt.“

„Das soll uns im Moment nicht stören“, fuhr Al Conroy fort. „Ich habe nämlich noch eine ganz andere Idee, wie wir doch noch an die Schätze heran können.“

„Da bin ich aber gespannt“, brummelte Old O’Flynn, „ja, da bin ich gespannt wie ein Flitzebogen. Willst du vielleicht den Haien die Schwanzflossen zusammenbinden, damit sie nur noch im Reigen schwimmen, wie?“

„Diese Idee ist von dir, Donegal“, erwiderte Al Conroy. „Du kannst die Sache ja mal ausprobieren. Eigentlich kann dir nicht viel passieren. An deinem Holzbein würden sich die Biester die Zähne ausbeißen und am Rest könnten sie sich höchstens noch den Magen verderben.“

Wumm! Das saß! Old Donegal tat, als habe er diese Worte nicht gehört. Der stämmige Waffen- und Stückmeister konnte deshalb ungehindert fortfahren, seine Idee darzulegen.

„Man könnte“, so erklärte er, „auch außerhalb der Bucht Köder auslegen, um die Haie von hier fernzuhalten. Jedenfalls sollten wir es einmal probieren. Ich habe nämlich überhaupt keine Lust, all die schönen Sachen in dem Wrack zurückzulassen.“

Dieser Vorschlag ließ die Männer aufhorchen. Selbst der alte O’Flynn spitzte längst wieder die Ohren. Schließlich hatten sie alle noch nicht vergessen, welche Schätze sie in den gesprengten Bergkavernen jenseits des „Todes“-Kanals hatten zurücklassen müssen, nachdem ihr Schiff, die „Isabella“, langsam unter den Sandmassen verschwunden war. Zwar hatte jeder von ihnen in den damals von Will Thorne genähten breiten Ledergürteln ein Vermögen an Geld und Perlen mitnehmen können, aber dennoch hatten sie mehr als Dreiviertel ihrer Schätze aufgeben müssen.

Dabei ging es den Seewölfen gar nicht darum, sich persönlich zu bereichern, aber sie hatten ja ein Ziel vor Augen. In England, wohin sie sich durchschlagen wollten, sollte eine neue „Isabella“ gebaut werden. Das war jedenfalls ihr Traum. Und, wer weiß, vielleicht würden sie noch alles das, was da unten in der gesunkenen Galeone lag, bitter nötig gebrauchen.

„Dein Vorschlag ist interessant, Al“, sagte Ben Brighton. „Wir sollten überlegen, wie wir ihn am besten in die Tat umsetzen können. Wir haben bisher noch nie aufgegeben, wenn sich uns Schwierigkeiten in den Weg stellten, deshalb wollen wir auch hier nichts unversucht lassen. Wie hast du dir das Ganze vorgestellt?“

„Ganz einfach“, antwortete Al Conroy. Dann entwickelte er vor seiner erstaunten Zuhörerschaft einen Plan, der ebenso simpel wie raffiniert war.

Im Nu waren die Seewölfe wieder in ihrem Element. Die Schätze, die sie schon fast verloren geglaubt hatten, rückten plötzlich wieder in greifbare Nähe. Und das war ihnen nur recht, denn schließlich hatten sie durch die „Isabella“ sehr viel verloren. Jetzt aber bot sich ihnen die Möglichkeit, etwas dafür zurückzugewinnen – nicht im wilden Enterkampf, sondern ganz einfach durch Tauchen.

Und den Haien würde man schon ein Schnippchen schlagen. Zumindest wollte man es versuchen.

Das tiefe Blau des Himmels spiegelte sich im Wasser der Bucht. Eigentlich wäre das Bild ganz friedlich gewesen, wenn nicht Dutzende von dunklen Schatten kreuz und quer unter der Oberfläche entlanggeglitten wären. Noch immer schienen die Haie den kleinen Segler zu belagern wie eine beuteträchtige Festung.

Die Seewölfe waren jedenfalls sehr darauf gespannt, ob der Plan Al Conroys funktionieren würde. Sie hofften es inbrünstig, denn sie konnten sich einfach nicht damit abfinden, daß sonst all die glitzernden und funkelnden Schätze dort unten in der „San Marco“ zurückbleiben sollten. Irgendwie mußten die Haie doch dazu zu bewegen sein, aus der stillen und einsamen Bucht zu verschwinden. Am liebsten hätten sie jedem der gefräßigen Räuber eine Flaschenbombe in den Rachen geworfen, aber erstens hatten sie nicht so viele zur Verfügung, und zweitens würden ihnen die Biester sicherlich nicht den Gefallen tun, die brisanten Dinger treu und brav zu schlucken, so wie es ihr Artgenosse rein zufällig getan hatte.

Al Conroys Vorschlag sollte deshalb sofort getestet werden. Sollte die Sache nicht klappen, dann lag es in den Händen sämtlicher Götter Ägyptens, wie lange sie darauf warten mußten, bis die Haie das Feld räumten.

Die Zweimast-Sambuke, die sie in Alexandria dem alten Händler Abdul abgekauft hatten, zählte zu ihrer Ausrüstung eine winzige Nußschale von Beiboot. Auf Befehl Ben Brightons wurde dieser kleine „Badezuber“ nun ausgesetzt und von Al Conroy und Smoky bemannt.

Die beiden Männer, denen in der Nachmittagshitze der Schweiß von den Gesichtern rann, nahmen Musketen, dünne Leinen und einige Fischhaken mit an Bord des Bootes. Dann pullten sie aus der Bucht hinaus auf die offene See.

Zunächst sah das Ganze nach einer beschaulichen Angelpartie aus, denn es gelang ihnen relativ rasch, einige prächtige Fische aus dem Wasser zu holen. Doch die Dreiecksflossen, die ihnen lautlos gefolgt waren, zerstörten jäh die Idylle. Die Bestien schienen überall zu sein, denn auch außerhalb der Bucht umkreisten sie lauernd das winzige Beiboot.

Smoky hatte gerade eine prächtige Geißbrasse am Angelhaken, da geschah es.

Beutewitternd und mit einer nahezu eleganten Drehung schoß einer der Haie blitzschnell auf den zappelnden Fisch zu. Der respekteinflößende Rachen öffnete sich, und noch bevor Smoky reagieren konnte, klappte das Haifischmaul wieder zu.

Die zappelnde Brasse war verschwunden, der Fischhaken und ein Stück der Leine ebenfalls.

Die beiden Seewölfe warfen sich einen erstaunten Blick zu.

„Ob der Fischhaken dem Burschen wohl bekommt?“ fragte Al Conroy.

„Wenn er einen empfindlichen Magen hat, wird ihn das Eisen schon ein bißchen kitzeln“, erwiderte Smoky. Doch es sollte ihnen nicht vergönnt sein, die Auswirkungen des dreisten „Mundraubs“ zu beobachten, denn die anderen Haie, die nun ebenfalls Beute witterten, begannen verrückt zu spielen. Sie zogen ihre Kreise um das Boot immer dichter, und einige konnten es sogar nicht unterlassen, das hölzerne Fahrzeug anzugreifen.

„Wollt ihr wohl verschwinden, ihr Riesenheringe!“ fluchte Smoky, während zwei der kräftigen Fischleiber die kleine Nußschale rammten und zum Schaukeln brachten. Einige Schwanzflossen peitschten das Wasser und ließen es hoch aufspritzen.

„Verdammt!“ schrie Al Conroy. „Wenn die sich alle gegen uns einig werden, knabbern sie uns bald den Speck von den Hinterteilen.“

„Da kannst du recht haben“, sagte Smoky mit grimmigem Gesicht. „Am besten, wir lenken sie ab, denn genau das wolltest du mit deinem Plan ja erreichen. Wir haben doch schon eine Menge Fische an Bord, dann laß uns endlich anfangen, die lieblichen Tierchen da draußen zu füttern. Sie haben bestimmt einen schrecklichen Kohldampf.“

Das schien die einzig vernünftige Lösung zu sein, und die Männer warfen schleunigst ihren gesamten Fang über Bord. Die Haie hatten ihre Beschäftigung, das Beiboot wurde ab sofort in Ruhe gelassen.

„Na, siehst du?“ Al Conroy grinste. „Die Sache funktioniert doch. Die possierlichen Tiere haben nur Hunger, und wenn man ihnen was zum Fressen gibt sind sie schon zufrieden.“

Smoky warf ihm einen bissigen Blick zu. „Fragt sich nur, wann die vornehme Gesellschaft sich schön wohlig rund und satt fühlt. Bei der Menge von Haien können wir noch angeln, bis uns der Achtersteven an den Duchten klebt.“

„Trotzdem habe ich mich nicht getäuscht“, sagte Al Conroy. „Die Biester sind tatsächlich abzulenken. Schau mal rüber zur Bucht, siehst du dort noch eine Dreiecksflosse, he? Alles ist so friedlich wie an Weihnachten, denn die ganze Horde ist uns gefolgt. Und das haben wir ja beabsichtigt.“

Smoky schnitt ein mißmutiges Gesicht. „Zum Teufel mit deinen Absichten. Ich hab mich schon wesentlich wohler gefühlt als in dieser blutrünstigen Gesellschaft.“

„Man kann nicht alles gleichzeitig haben, mein lieber Smoky“, sagte Al Conroy gutgelaunt. „Ich kann ja verstehen, daß dir eine muntere Schar von Meerjungfrauen wesentlich lieber wäre, aber denk doch mal an all die schönen Klunkerchen im Bauch der ‚San Marco‘! Ist das vielleicht nichts? Wenn wir uns als fleißige Angler erweisen, sind die Haie an der Bucht nicht mehr interessiert, und es kann munter weiter getaucht werden.“

„Dein Plan mag ja funktionieren“, meinte Smoky, „trotzdem finde ich ihn ziemlich beschissen, jawohl! Oder meinst du vielleicht, die Taucherei bereitet Spaß, wenn man ständig darauf hoffen muß, daß die Haie schön regelmäßig mit Leckerbissen versorgt werden?“

Al Conroy winkte ab. „Nun mach dir doch nicht gleich in die Hosen. Du wirst schon sehen, daß alles in Ordnung geht. Bis jetzt war das Ganze ja nur ein Versuch, und er scheint bestens zu klappen. Natürlich kann man die Sache noch ausbauen.“

„Und wie, wenn man fragen darf?“

„Nun“, erwiderte Al Conroy, „man müßte jenseits des Kaps, zur Seeseite hin, so eine Art Futterstelle für Haie einrichten. Wenn sich die ganze Gesellschaft dort zu ihren Mahlzeiten versammelt, bleibt die Bucht frei, und wir können tauchen. Schließlich kann es ja nicht wochenlang dauern, bis wir die Schätze des venezianischen Schiffes an Bord haben.“

„Diese Idee ist gar nicht so schlecht“, sagte Smoky, „und die Sache mag sogar klappen. Aber wenn wir daheim, in England, in der Kneipe des dicken Plymson erzählen, daß wir als mitleidige Christenmenschen eine Futterstelle für hungrige Haie eingerichtet haben, dann landen wir allesamt im Irrenhaus.“

Al Conroy zuckte mit den Schultern.

„Du mußt es ja nicht herumposaunen, du armer Irrer“, meinte er und legte sich gleichzeitig kräftig in die Riemen.

Die beiden Seewölfe pullten das Beiboot mit rhythmischen Schlägen zur Sambuke zurück. Da ihre Aufmerksamkeit in erster Linie den Haien galt, bemerkten weder sie noch die Männer an Bord die stechenden Blicke aus zwei finsteren Augenpaaren, denen schon seit längerer Zeit keine Bewegung entgangen war.

7.

Die Sonne brannte erbarmungslos auf die beiden Araber nieder, die drüben an der Küste des Ras el Kanais seit mehr als einer Stunde im heißen Sand lagen und das Treiben der Giaurs, der verhaßten Christenhunde, verfolgten. Beide waren in schmutziggraue Djelabas gekleidet und trugen lange Krummsäbel in den Gürteln. Ihre Augen blickten voller Haß zu der ankernden Sambuke hinüber.

„Möge Allah bewirken, daß die Giaurs von den Haien zerfleischt werden!“ stieß Omar, ein kleiner, untersetzter Mann mit tiefbrauner Haut, hervor.

Sein Begleiter, ein großer, hagerer Bursche, nickte zustimmend.

„Wir dürfen uns nicht länger hier aufhalten, Omar“, sagte er. „Muley Salah wird sich bestimmt sehr für das interessieren, was hier vor sich geht. Vielleicht wird sogar eine Belohnung für uns abfallen.“

„Dann laß uns keine Zeit mehr verlieren, Hamed“, antwortete der kleine, untersetzte Mann, „und möge Allah geben, daß du mit deinen Vermutungen recht behältst. Es liegen schlechte Zeiten hinter uns, und wir könnten ganz gut einige Piaster im Beutel vertragen.“

Vorsichtig krochen die beiden Araber durch den Sand zurück und glitten dann einen Abhang hinunter, bis zu jener Stelle, an der sie ihre Kamele an spärlichem Gestrüpp festgebunden hatten. Sie schienen es plötzlich sehr eilig zu haben, denn schon wenige Augenblicke später trieben sie ihre Reittiere mit anfeuernden Rufen ostwärts.

Die beiden Araber kannten sich in der trostlosen Gegend bestens aus, dennoch erreichten sie erst in der Nacht den kleinen Hafen von El Amaid an der Axaber-Bucht, dem Stützpunkt eines wilden Haufens von Schnapphähnen zu Lande und zu Wasser.

Ihr Ziel lag am Ortsrand, wo mehrere kastenförmige Lehmbauten eng aneinandergeschmiegt im Mondlicht lagen. Dort hauste Muley Salah, wenn er El Amaid anlief.

Das Geiergesicht des hageren Mannes verzog sich mißmutig, nachdem Omar und Hamed ihn aus dem Schlaf gerissen hatten. Die beiden Männer erweckten einen abgehetzten Eindruck, auf ihren braunen Gesichtern glänzte der Schweiß.

„Allah sei mit dir, Muley“, sagte der hagere Hamed mit einer Verbeugung.

„Und er schenke dir Reichtum und ein langes Leben“, fügte der kleine, untersetzte Omar hinzu.

„Was Wollt ihr beide um diese Zeit bei mir?“ fragte Muley Salah mit ärgerlicher Stimme. „Wißt ihr nicht, daß ich mich nur ungern in meiner Mittagsruhe stören lasse?“

„Wir wissen es sehr wohl, Muley“, antwortete Omar, „aber der Grund, der uns zu dir geführt hat, ist sehr wichtig. Wir glauben bestimmt“, setzte er dreist hinzu, „daß du uns ein Gastmahl und einen Trunk nicht vorenthalten wirst, wenn wir dir berichtet haben.“

Muley Salah wurde hellhörig. Wenn die beiden Halunken so redeten, steckte meist etwas dahinter.

„Nun gut“, sagte er, „ihr wißt ja, daß ich nie abgeneigt bin, mit guten Freunden zusammen zu arbeiten.“ Er klatschte kräftig in die Hände und befahl einer Frau, die sofort erschien und den verschleierten Kopf zur Türöffnung hereinstreckte, den beiden Gästen süßen Pfefferminztee und eine Mahlzeit zu servieren.

Omar und Hamed nahmen das mit größter Genugtuung zur Kenntnis.

„In der Bucht von Kanais haben Christenhunde geankert“, begann nun Omar unvermittelt.

„Woher wißt ihr das?“ fragte Muley Salah scharf.

„Wir waren dort“, berichtete der kleine, untersetzte Bursche. „Nicht weit von Land entfernt liegt eine Sambuke vor Anker. Aber sie gehört nicht etwa einem ägyptischen Händler, sondern einer Handvoll Giaurs. Weiß der Scheitan, was diese Hunde dazu veranlaßt hat, auf einer Sambuke die Küstengewässer zu befahren.“

„Ungläubige Hunde?“ fragte Muley Salah. „Wie viele sind es?“

„Wir haben acht Männer gezählt“, antwortete Hamed. „Wir dürften leicht mit ihnen fertig werden.“

„Du mußt es ja wissen“, sagte Muley Salah spöttisch. „Doch wir können ja mal nachsehen, was es damit auf sich hat. Vielleicht sind die Christenhunde auch schon weitergesegelt, bis wir die Bucht erreichen.“

„Das glaube ich nicht“, betonte Omar. „Sie sind ständig beim Tauchen, und da sehr viele Haie in der Bucht erschienen sind, mußten sie vorerst damit aufhören …“

„Sie tauchen?“ Muley Salah war zusammengezuckt, als Omar das Tauchen erwähnte. Jetzt wirkte sein Geiergesicht verkniffen.

„Ja, sie tauchen abwechselnd“, bestätigte Omar eifrig. „Und wir haben beobachtet, daß sie in irgendwelchen Beuteln oder Säcken etwas vom Meeresgrund heraufholen.“

Muley Salah wurde plötzlich quicklebendig. Erregt rieb er sich die knochigen Hände, auf seinem hageren Gesicht bildeten sich winzige Schweißperlen.

„Verflucht!“ sagte er mit heiserer Stimme. „Wir werden sie wie räudige Schakale vernichten. Sie haben dort nichts zu suchen.“

„Recht so, Muley“, begeisterte sich Omar. „Du kannst, wie immer, mit unserer vollen Unterstützung rechnen. Die Giaurs werden noch eine Weile zu tun haben. Ich sagte ja schon, daß sie die Tauchgänge unterbrechen mußten, weil sehr viele Haie erschienen sind. Wir hatten nicht den Eindruck, daß sie bereits alles vom Meeresboden heraufgeholt hatten, und wir haben beobachtet, daß sie versucht haben, die Haie abzulenken und von ihrem Schiff wegzulocken.“

Den Kampf der Seewölfe mit einigen der Haie verschwiegen die beiden Gauner wohlweislich, denn sonst hätten sie ja auch über die merkwürden Waffen berichten müssen, die die Giaurs offensichtlich an Bord hatten. Außerdem war ihnen sowieso rätselhaft, was die ungläubigen Hunde mit dem einen Hai gemacht hatten. Es hatte ausgesehen, als hätten sie ihm etwas in den Rachen geworfen. Und gleich darauf hatte es das Tier zerrissen. Wußte der Scheitan, was die Kerle getan hatten …

Hinter der Stirn Muley Salahs arbeitete es fieberhaft.

„Wenn die Giaurs weitertauchen wollen, werden sie morgen gewiß nicht den Anker lichten“, sagte er. „Da haben sie mit Sicherheit noch genug zu tun. Wer weiß, ob es ihnen überhaupt gelingen wird, sich die Haie vom Leib zu halten. Für uns wird es am besten sein, wenn wir sie weiter beobachten und dann zuschlagen.“

„Ich sehe, Allah hat dir Weisheit geschenkt“, sagte Omar. „Du wirst es nicht bereuen, Muley, und wie ich dich kenne, wirst du dich auch uns beiden gegenüber großzügig erweisen. Schließlich haben wir dir diese gute Nachricht überbracht.“

„Natürlich werdet ihr euren Anteil erhalten“, versprach Muley Salah. „Aber zuerst muß die Arbeit getan werden. Ihr beide werdet die Giaurs und ihr Schiff inzwischen im Auge behalten, während ich die übrigen Männer zusammenhole und rechtzeitig zu euch stoßen werde. Die Giaurs werden eine große Überraschung erleben.“

Omar und Hamed nickten und griffen gierig nach dem Kunafa, den süßen, mit Sirup, Mandeln und Nüssen überbackenen Fadennudeln, die die verschleierte Frau hereingebracht hatte. Dazu schlürften sie den heißen Pfefferminztee.

Als sie sich lange genug die Bäuche vollgeschlagen hatten, zog Muley Salah einfach die Schüssel aus ihrer Reichweite. Und das erinnerte die beiden Gauner daran, daß es an der Zeit war, die Kamele zu besteigen und zu verschwinden.

Daß dort in der Bucht von Kanais das Wrack einer Galeone lag, wußten die beiden Araber nicht. Aber Muley Salah wußte es, und ihm wurde heiß und kalt, wenn er daran dachte …

Auf der Sambuke der Seewölfe war Al Conroy an diesem Tag der unumstrittene Star. Schließlich war es seine Idee gewesen, die Haie mittels Köder von dem Segler wegzulokken. Und es schien sogar zu funktionieren, wie der erste Versuch bewiesen hatte.

Old O’Flynn war der einzige, der noch skeptisch war. In den Blicken, die er Al Conroy von Zeit zu Zeit zuwarf, lag die stumme Frage verborgen, ob denn der stämmige Waffen- und Stückmeister noch alle Mucks im Schapp habe.

„Mir geht’s einfach nicht in den Schädel“, brummte er. „Eine Futterstelle für Haie – so was hab ich noch nie erlebt. Selbst auf der guten alten ‚Empreß of Sea‘, auf der man dem Teufel immer kühn ins Gesicht gespuckt hat, ist man diesen Biestern aus dem Weg gegangen. Niemand wäre auf den Gedanken verfallen, die Haie auch noch freiwillig zu füttern. Eine Futterstelle! Daß ich nicht lache! Das erinnert mich an ein Kloster, in dem mittags die Bettler einen Teller warme Suppe erhalten. Und das kann ich ja noch verstehen, aber bei Haien …“

„Nun beruhige dich schon, Donegal“, sagte Ben Brighton. „Wir wollen den Burschen ja schließlich keine warme Suppe kochen, denn wir sind ja keine Klosterbrüder, nicht wahr? Das Ganze ist doch nur ein Trick, der uns hilft, die Truhen aus der ‚San Marco‘ zu bergen.“

„Trick hin, Trick her“, nörgelte der Alte mit düsterem Gesicht. „Wenn mir so ein Biest den Achtersteven weggebissen hat, welchen Trick wendest du dann an, um den edlen Körperteil wieder dran zu kriegen, he? Ich sage euch, wir sollten das Schicksal nicht herausfordern. Wer die gefräßigen Kerle füttert, fällt ihnen schließlich selbst zum Opfer.“

Al Conroy, der von seiner Idee besessen war, hatte inzwischen weitere Angelleinen mit Haken verfertigt.

„So“, sagte er unternehmungslustig. „Jetzt geben wir den lieben Tierchen ein Fest. Du wirst sehen, Donegal, wir kriegen die noch handzahm. Die lassen sich dann den Bauch von dir kraulen.“

Der alte O’Flynn warf ihm einen strafenden Blick zu, und noch währender unschlüssig war, ob er auf die Sticheleien Al Conroys antworten sollte oder nicht, mischte sich Ben Brighton wieder ein.

„Schluck’s runter, Donegal“, sagte er. „Du wirst sehen, daß wir sehr vorsichtig an die Sache herangehen werden. Letzten Endes haben wir doch alle den gleichen Bammel vor den Haien. Wir werden kein unnötiges Risiko eingehen. Wenn wir die Biester heute und morgen noch einige Male füttern, dann gewöhnen sie sich wahrscheinlich schnell an ihre Futterstelle und halten sich dort auf. Tauchen werden wir erst dann, wenn wir absolut sicher sind, daß kein Hai mehr in der Nähe ist.“

Wenig später pullten Al Conroy, Pete Ballie, Sam Roskill und Bob Grey das kleine Beiboot zum Land hinüber. Außer ihren Leinen und Fischhaken hatten sie Musketen und Messer mitgenommen.

Die vier Männer kletterten mit ihrer Ausrüstung auf das felsige Kap, das im Bogen weit ins Meer ragte. Auf der Seeseite verteilten sie sich so, daß einer genügend Abstand zum anderen hatte, und dann begannen sie zu angeln.

„Wenn Hasard, Ed Carberry und all die anderen uns jetzt sehen könnten“, sagte Bob Grey, „würden ihnen die Augen aus dem Kopf fallen. Wir stehen hier auf afrikanischem Boden und angeln im Mittelmeer, so wie mancher kleine Fischer an der Themse.“

An seiner Leine ruckte es, und Sekunden später zog er eine Meerbarbe aus dem Wasser. Auch die anderen Männer hatten recht bald Erfolg, und so gesellte sich ein Fisch zum anderen.

Die Seewölfe warfen die gefangenen Fische in eine mitgebrachte Bütte. Als die ersten zehn beisammen waren, betäubten sie die Tiere und schnitten sie teilweise mit dem Messer an, denn Al Conroy hatte beobachtet, daß die Haie zuerst jene Köder annahmen, die bluteten.

Dann folgte ein spannender Augenblick.

Die vier Männer kippten die Fische an einer geeigneten Stelle ins Wasser. Erwartungsvoll waren ihre Blikke hinüber in die Bucht gerichtet. Und sie brauchten nicht lange zu warten, da schossen die ersten Dreiecksflossen pfeilschnell heran.

Gleich darauf gurgelte, schäumte und spritzte das Wasser an der Futterstelle. Die Mahlzeit hatte begonnen. Weitere Scharen von Haien zogen aus der Bucht herüber, so als habe sich das Ereignis blitzschnell herumgesprochen.

Die Seewölfe stellten zufrieden fest, daß die Sache so lief, wie sie sich vorgestellt hatten. Während sie zur Sambuke zurückpullten, beobachteten sie eingehend das Wasser der Bucht. Es schien sich tatsächlich kein einziger Hai mehr dort aufzuhalten.

Auch die Männer, die an Bord des Seglers geblieben waren, bestätigten diese erfreuliche Beobachtung.

Die Seewölfe wiederholten ihre Fütterungen noch mehrmals an diesem Tag, um die Haie an ihre Futterstelle zu gewöhnen. Sie erwiesen sich als unermüdliche Angler, bis die Sonne hinter der Kimm versank und sich die Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch über das öde Land und die weite Wasserfläche senkte.

Als die vier Männer nach der letzten Fütterung mit dem Beiboot an der Sambuke anlegten, hatten sie selbst ein zünftiges Magenknurren.

„Donegal hat recht“, meinte Sam Roskill. „Bei uns sitzt wahrscheinlich doch eine Muck zu locker im Schapp. Wir schuften, damit sich die Biester die Bäuche vollhauen können, und wir selber schieben Kohldampf.“

„So gehört es sich auch für einen selbstlosen Christenmenschen“, ulkte Pete Ballie. „Hauptsache, die lieben Tierchen sind rund und satt. Wir edlen Menschen aber üben uns im Verzicht.“

„Ich denke ja gar nicht dran“, erklärte Sam Roskill. Er deutete auf die Bütte mit Fischen, die er den Haien vorenthalten hatte.

„Unser guter Will Thorne wird sie uns zum abendlichen Backen und Braten in die Pfanne hauen“, sagte er mit lüsternem Blick. „Schließlich haben wir ja genug davon. Und, bei allen Mumien Ägyptens, mir läuft schon jetzt das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an den lieblichen Bratenduft denke, der bald über unser schönes Schiff hinwegziehen wird.“

8.

Nach der Sonne zu urteilen, die vorsichtig, fast schüchtern, hinter dem Horizont hervorlugte, schien der 4. Juni im Jahre 1592 ein Tag wie tausend andere zu werden.

Für die Handvoll Seewölfe jedoch, die noch immer in der haiverseuchten Bucht von Kanais vor Anker lagen, war es ein besonderer Tag – ein Tag, angefüllt mit vielen Gefahren und Tücken, aber auch mit Hoffnungen und Erwartungen. Sobald die Männer an die Schätze dachten, die da unten in der wrakken Galeone lagerten, kribbelte es ihnen in den Fingern.

Und heute würden sie einen neuen Versuch wagen, zu der „San Marco“ hinabzutauchen. Doch daß an diesem Tag Menschen, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatten, versuchen würden, ihre Pläne zu durchkreuzen, ahnten sie am frühen Morgen noch nicht.

Ben Brighton und seine Männer sahen noch immer in den Haien, die sich in der Bucht aufhielten, die einzige Gefahr, die ihnen drohte. Deshalb waren Bob Grey und Pete Ballie schon kurz nach dem gemeinsamen Frühstück zum Kap hinübergerudert, um die „Fütterung der Raubtiere“ zu besorgen. Sie hatten die übliche Ausrüstung in das Beiboot gepackt und vertrieben sich nun an der Seeseite des Landvorsprungs die Zeit mit einer Art Wettangeln.

An Bord der Sambuke jedoch wurden inzwischen die Vorbereitungen für einen weiteren Tauchgang getroffen. Ben Brighton und Smoky schlangen sich bereits die Leinen um die Hüften, während die übrigen Männer sorgsam nach den wohlbekannten Dreiecksflossen Ausschau hielten.

Doch die Bucht war wie leergefegt. Nirgends war ein dunkler Schatten zu entdecken, der lauernd durch das Wasser glitt. Bob Grey und Pete Ballie schienen drüben an der Futterstelle recht erfolgreich zu arbeiten.

Old O’Flynn, der dem ganzen Frieden noch lange nicht traute, hatte Flaschenbomben und Musketen herangeschleppt.

„Schließlich kann ich ja nicht tatenlos zusehen, wie euch die Haie die besten Stücke abbeißen“, knurrte er.

Ben Brighton lächelte verschmitzt. „Notfalls kannst du ihnen ja dein Holzbein über den Schädel ziehen.“

Nachdem man sich nochmals vergewissert hatte, daß kein Hai in der Nähe war, tauchten er und Smoky an der Ankertrosse entlang in die Tiefe. Das Wrack der „San Marco“ schien wie ein dunkler Koloß aus dem Meeresboden zu wachsen.

Die Messer griffbereit im Gürtel, arbeiteten sie sich zielstrebig zu der Truhe vor, die man bereits am Tag zuvor aus dem Achterschiff geholt hatte. Rasch wurde eine Hievtrosse um den Behälter geschlagen, dann griff Ben Brighton zur Leine und gab das vereinbarte Signal nach oben.

Langsam wurde die erste Truhe aufgehievt.

Nachdem die beiden Männer noch vorsichtige Blicke in ihre Umgebung geworfen hatten, tauchten sie auf, um Luft zu holen, und, so gut es ging, beim Anbordnehmen der Truhe zu helfen.

Die Sache verlief reibungslos, kein Hai hatte sich gezeigt.

Den Seewölfen gingen fast die Augen über, als sie mehr oder weniger gewaltsam den Truhendeckel lösten. Neben weiteren Edelsteinen fanden sich zahlreiche Gold- und Silbermünzen, dazu eine Menge Schmuck.

Old O’Flynn schlich um die geöffnete Truhe herum wie ein verliebter Kater um die Katze. Verlegen fuhr er sich mit der rechten Hand durch die Bartstoppeln.

Ben Brighton konnte ein Grinsen nicht länger unterdrücken.

„Na, Mister O’Flynn“, fragte er. „Hast du irgendwelche Einwände gegen den Inhalt dieser Truhe?“

„Ich und Einwände?“ fragte der Alte mit empörtem Gesicht. „Hab ich nicht von Anfang an gesagt, daß wir das Zeug raufholen müssen, wie, was?“ Er leckte sich beinahe genießerisch über die Lippen. „O heiliger Patrick“, fuhr er dann fort. „Allein dieser Flitterkram reicht ja schon für eine neue ‚Isabella‘! Da werden Hasard und die anderen Stinte aber die Augen aufreißen, wenn wir damit in Plymouth aufkreuzen.“

Ben Brighton nickte. „Schön, daß du jetzt anscheinend doch nichts mehr gegen unsere Tricks einzuwenden hast, mit denen wir die Haie ablenken.“

„Hab ich vielleicht jemals etwas gegen Tricks und gute Einfälle gehabt, he?“ knurrte der Alte. „Nur das mit der Futterstelle, das will mir noch nicht so recht in den Kopf. Da könnten wir ja nächstens genauso Futterstellen für Kakerlaken einrichten, um sie aus der Kombüse fernzuhalten.“

Al Conroy verschluckte rasch einen kleinen Lachanfall.

„Wie wär’s, wenn du schon mal in dieser Hinsicht über geeignete Maßnahmen nachdenken würdest, Donegal?“ Er sah den alten O’Flynn mit todernstem Gesicht an.

Doch dieser drehte sich um und stelzte erhobenen Hauptes zu seinen schußbereiten Musketen hinüber. Dabei brummelte er irgend etwas von „Haifischzüchtern“ und „Verarschen“ vor sich hin.

Die Arbeit ging weiter.

Genauso unverdrossen wie die Angler, Bob Grey und Pete Ballie, die Haie fütterten, wurden von Bord aus die Tauchgänge fortgesetzt. Als die Mittagszeit herannahte, hatte man drei weitere Truhen heraufgeholt. Ihr Inhalt übertraf die kühnsten Erwartungen der Seewölfe, die mittlerweile in eine Art Goldrausch geraten waren. Immerhin hatten sie bereits vier Schatztruhen an Bord gehievt, von denen jede ein Vermögen enthielt. Hinzu kamen noch die Sachen, die sie schon am Vortag in Segeltuchsäcken geborgen hatten.

Obwohl die Sonne bereits hoch am Himmel stand, und den Männern der Schweiß in Strömen über den Körper rann, dachten sie noch nicht an eine Pause. Immerhin befanden sich noch fünf Truhen im Achterschiff der gesunkenen Galeone, und wenn sich die Haie noch ein wenig hinhalten ließen, konnten die Tauchgänge fortgesetzt werden.

„Wenn es uns gelingt, noch eine oder zwei der Truhen hochzuholen“, meinte Ben Brighton, „dann sollten wir uns zufriedengeben. Die Haie werden sich nicht ewig von uns foppen lassen, und Donegal hat insofern schon recht, wenn er sagt, daß man das Schicksal nicht herausfordern sollte. Es wäre nicht zu verantworten, wenn wegen dieses Zeugs da am Ende doch noch was passieren würde.“

Es sollte tatsächlich noch etwas passieren, und zwar schneller, als die Seewölfe dachten. Bis jetzt waren sie so mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen, daß noch niemand bemerkt hatte, was sich da in der glühenden Mittagshitze an Land und auf See zusammenbraute.

Erst ein lauter Ausruf Old O’Flynns schreckte die Männer, die sich gerade auf einen neuen Tauchgang vorbereiten wollten, hoch.

„Zwei Kamelreiter in Sicht!“ meldete der Alte mit dem verwitterten Gesicht. „Endlich sieht man außer Haien und goldgierigen Rübenschweinen mal wieder menschliche, Wesen. Was die Kerle wohl von uns wollen, he?“

Jetzt sahen auch die übrigen Seewölfe die beiden Reiter, die drüben an der Küste hinter den Dünen aufgetaucht waren.

Auch für Pete Ballie und Bob Grey sollte das Angeln und Fischefüttern rasch zu Ende gehen.

Pete, der von der Futterstelle zum Angelplatz zurückkehrte, erblickte als erster die beiden einmastigen Küstensegler, die sich der Bucht von Osten her näherten.

„Wir kriegen Besuch!“ rief er Bob Grey zu, der gerade einen zappelnden Fisch vom Haken nahm. „Die zwei Nußschalen halten direkt auf die Bucht zu. Ob die wohl was gegen uns im Schilde führen?“

Bob Grey warf seinen Fisch in die Bütte und erhob sich.

„Frag mich was Leichteres, Pete“, sagte er mit einem Schulterzucken. „Ob die Kerle in friedlicher oder feindlicher Absicht erscheinen, das weiß im Moment außer Allah höchstens noch Old Donegal – vorausgesetzt, sein Holzbein hat ihn nicht im Stich gelassen.“

Der kleine, stämmige Rudergänger grinste. „Die Vorsicht ist auf jeden Fall der bessere Teil der Tapferkeit. Es kann nicht schaden, wenn wir unseren Leuten ein Signal geben. Wer weiß, ob die vor lauter Flitterkram noch sehen, was sonst noch auf der Welt vor sich geht.“

Bob Grey nickte.

„Ich komme mit dir, Pete“, erwiderte er. „Falls uns die Burschen auf den beiden schwimmenden Mucks nur eben den Segen Allahs wünschen wollen, können wir ja wieder weiterangeln.“

Die beiden Männer kletterten vorsorglich zur Bucht hinunter, um die Crew zu wahrschauen. Doch dazu sollte ihnen keine Zeit mehr verbleiben.

Kaum spürten sie den heißen Sand des Strandes unter ihren Füßen, da drangen wilde, fremdartige Schreie an ihre Ohren.

Pete Ballie und Bob Grey, die bis jetzt ihr Hauptaugenmerk auf die beiden Küstensegler gerichtet hatten, wirbelten herum. Schlagartig erkannten sie, daß die größere Gefahr im Moment von der Küste aus drohte – zumindest, was sie beide betraf.

Zwei Kamelreiter hielten auf die Bucht zu. Sie ritten ein wildes Tempo und schwangen drohend ihre Säbel und Lanzen. Dabei stießen sie immer wieder laute, schrille Rufe aus. Und sie waren nicht allein. Hinter den Dünen tauchten weitere Reiter auf, die wie Besessene auf ihre Kamele eindroschen. Die Horde schien es zunächst auf die beiden Seewölfe abgesehen zu haben, denn die Sambuke war im Moment noch unerreichbar für sie. Jedenfalls hielten sie direkt auf Pete Ballie und Bob Grey zu.

„Verdammt und zugenäht!“ stieß der blonde, drahtige Bob Grey hervor. „Die Kameltreiber sind scharf auf uns. Die wollen uns bestimmt nicht zum Hammelbratenessen abholen!“

„Ganz bestimmt nicht!“ sagte Pete Ballie grimmig. „Und wir Helden haben vor lauter Fürsorge um den Appetit der Haie die Musketen im Beiboot gelassen. Wenn uns die Kerle hier schnappen, geht’s uns dreckig.“

„Na, dann nichts wie ab!“ Bob Grey setzte sich sofort in Bewegung. „Wenn wir unsere morschen Knochen auf Trab bringen, erreichen wir vielleicht doch noch vor den Kamelen das Boot.“

Die beiden Seewölfe stürmten durch den Sand, so rasch sie die Füße trugen. Das Geschrei hinter ihnen wurde immer lauter: Kein Wunder, denn die Kamele hatten wohl doch längere Beine als Pete Ballie und Bob Grey.

Auf der Sambuke hatte man inzwischen die Gefahr erkannt, die den beiden drohte. Seit Old O’Flynn die ersten beiden Kamelreiter gesichtet hatte, waren die Kerle keinen Moment aus den Augen gelassen worden. Als weitere sechs Reiter aufgetaucht waren und ebenfalls auf die beiden Seewölfe zuhielten, wartete Ben Brighton nicht länger ab.

„Wir müssen die Burschen aufhalten!“ rief er. „Sonst haben Bob und Pete keine Chance, das Boot zu erreichen! An die Musketen! Feuer!“

Grelle Feuerzungen stachen aus den Rohren und erfüllten die stille Bucht mit einem ohrenbetäubenden Krachen. Aber es war so gut wie unmöglich, aus dieser Entfernung einen Treffer zu erzielen. Zudem ritten die Kerle noch wie die Teufel. Ihr Geschrei wurde nur noch lauter und fanatischer, nachdem das Krachen und Bersten der Musketenschüsse verklungen waren.

„Wir müssen etwas näher ran, sonst können wir von hier aus nicht viel ausrichten!“ rief Sam Roskill.

„Näher ran ist gut“, sagte Al Conroy. „Sollen wir vielleicht die Ankertrosse kappen?“

„Du bist wohl verrückt!“ sagte Sam Roskill empört. „Unseren guten alten Stockanker lassen wir hier nicht zurück. Ich erledige das schon, seht ihr inzwischen zu, daß die Kerle da drüben Zunder kriegen.“

Bevor jemand etwas einwenden konnte, sprang Sam Roskill ins Wasser und tauchte, um den verklemmten Anker aus der Geschützpforte des Wracks zu wuchten. Haie waren, wie ihm ein rascher Blick bestätigt hatte, keine in der Nähe. Offenbar hielten sie sich noch an der Futterstelle auf.

Noch während die Crew weitere Schüsse zu den Kamelreitern hinüberschickte, gelang es Sam Roskill, den Anker freizukriegen. Von Old O’Flynn und Smoky wurde er sofort hochgehievt. Augenblicke später tauchte auch Sam wieder auf und enterte eilig an Bord.

9.

„Tötet die ungläubigen Hunde!“ brüllte der kleine, untersetzte Omar und schwang seine Lanze. „Laßt sie nicht entkommen. Wir sind schneller als sie!“

„Ja! Tod den Schakalen!“ schrie der hagere Hamed mit sich überschlagender Stimme. „Allah möge sie verderben! Er möge Feuer vom Himmel schicken und sie versengen!“

Die beiden Halunken fühlten sich stark, zumal sich ein Oberschnapphahn mit fünf weiteren Männern dicht hinter ihnen befand. Sie würden den Kerlen von Muley Salah, der einen der Küstensegler befehligte, einmal zeigen, was sie wert waren. Vielleicht erhöhte das ihren Anteil an der reichen Beute, die sie auf der Sambuke zu finden hofften.

Außerdem – was konnte ihnen schon passieren? Aus östlicher Richtung waren bereits die beiden Segler aufgetaucht. Dieser Raubzug würde genauso über die Bühne gehen, wie alle bisherigen Angriffe, die sie an der Mittelmeerküste hinter sich gebracht hatten. Die alte Taktik, vom Wasser und vom Land her aus anzugreifen, würde sich mit der Hilfe Allahs wieder einmal bewähren.

Als die Musketenschüsse der Giaurs über ihre Köpfe pfiffen und teilweise kleine Sandfontänen emporrissen, fuhren sie zwar heftig zusammen, aber der Schreckmoment war rasch vorbei, zumal sie merkten, daß ihnen nichts passiert war. Mochten die Giaurs nur ihre Feuerwaffen krachen lassen! Allah vermochte auch die Eisenkugeln, die aus den langen Rohren flogen, in die Irre zu lenken. Daran zweifelten sie nicht.

Der Oberschnapphahn der Kamelreiter, er hieß Murat el Din, war inzwischen nahe an Omar und Hamed herangelangt.

„Zum Scheitan mit euch!“ brüllte er mit hochrotem Gesicht. „Warum habt ihr nicht gewartet, bis wir euch erreicht haben? Und hatte ich euch nicht befohlen, euch zurückzuhalten, bis Muley Salah mit seinen Seglern angreifen würde?“

„Sie entgehen uns nicht, Murat!“ schrie Omar zurück. Seine dunklen Augen glänzten in fanatischem Eifer. „Hätten wir vielleicht warten sollen, bis die beiden Hunde in ihrem Boot davongerudert wären? Ich kaufe sie mir schon jetzt, Murat! Jawohl, öffne nur deine Augen, und du wirst sehen, wie Omar zu kämpfen versteht!“

Wie ein Irrer schlug der kleine, untersetzte Araber auf sein Kamel ein und preschte – den anderen ein Stück voraus – um die Bucht. Nur noch wenige Schritte trennten die beiden Giaurs von ihrem Boot. Sie sollten es nicht erreichen, dafür würde er sorgen.

Mit einem haßvollen Schrei hob Omar seine Lanze.

Keuchend hetzten Pete Ballie und Bob Grey durch den knöcheltiefen Sand, der ihre Schritte stark bremste. Sie waren froh darüber, daß die Männer an Bord bereits aus allen Rohren feuerten, aber sie bemerkten auch, daß sie bisher keinen der Angreifer getroffen hatten.

„Himmel, lauf doch etwas schneller“, stieß Pete Ballie hervor, „sonst schaffen wir es nicht mehr.“

„Zeig mir doch mal, wie es schneller geht, du Großmaul“, keuchte Bob Grey, der Pete sogar um einige Yards voraus war.

In diesem Moment hörten sie hinter sich den lauten Schrei jenes Reiters, der sich von der Gruppe gelöst hatte. Und damit wurde den Seewölfen schlagartig klar, daß sie ihr Boot nicht mehr unbehelligt erreichen würden.

Beide wirbelten herum.

Pete Balli blickte direkt auf die Spitze der Lanze. Der kleine Araber, der umhüllt von einer schmutzigen Djelaba wie ein Gnom auf seinem Kamel hockte, richtete sie auf ihn.

Bevor der Rudergänger der ehemaligen „Isabella“ ein Wort über die Lippen bringen konnte, zischte die todbringende Waffe bereits durch die Luft. Der Araber hatte sie mit ungeheurer Wucht von sich geschleudert. Und er schien seines Erfolges absolut sicher zu sein.

Doch Pete Ballie hatte sich in seinem Seemannsleben längst an rasche Reaktionen gewöhnt. Er warf sich flink zur Seite – und im selben Augenblick flog die Lanze an ihm vorbei und bohrte sich in den Sand des Strandes.

Einen Atemzug lang spiegelte sich in den dunklen Augen des Kerls ungläubiges Staunen, dann riß er mit einem wütenden Aufschrei seinen Krummsäbel aus dem Gürtel.

Aber Bob Grey war schneller. Ein rascher Griff, und im blanken Stahl seines Messers spiegelte sich das Sonnenlicht. Unheimlich schnell, und für das Auge kaum wahrnehmbar, zischte die Waffe durch die Luft und grub sich tief in die Brust des Angreifers.

Als Omar, der Strandräuber, von seinem Kamel rutschte und im heißen Sand der Bucht von Kanais aufschlug, war er bereits tot. Seine Augen starrten leer und ausdruckslos zum blauen Himmel hinauf.

Pete Ballie und Bob Grey, der ein ausgezeichneter Messerwerfer war, hatten inzwischen, begleitet vom frenetischen Geheul ihrer Verfolger, das Boot erreicht. In Windeseile schoben sie es ins Wasser, sprangen hinein und griffen nach den Riemen.

Kaum hatten sie abgelegt, da erreichten die übrigen sieben Araber den Schauplatz. Doch bevor sie die wie besessen pullenden Seewölfe mit einem Hagel von Lanzen und Pfeilen eindecken konnten, krachte und donnerte es drüben auf der Sambuke aus allen Rohren.

Pete Ballie und Bob Grey erhielten Feuerschutz. Und nur diesem Umstand verdankten sie es, daß sie den Segler unbeschadet erreichten.

Noch während sie an Bord enterten, sahen sie, wie drüben am Strand ein weiterer Angreifer die Arme hochwarf und dann langsam vom Kamel rutschte. Der große, hagere Bursche fiel aufs Gesicht und blieb regungslos im Sand liegen.

10.

Old Donegal Daniel O’Flynn verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. „Das war knapp, ihr Guten“, sagte er. „Möchte nur wissen, was die Rübenschweine von euch wollten?“

„Darüber können wir später nachdenken“, keuchte Pete Ballie, der vom Pullen noch immer außer Atem war. „Im Moment sind die beiden Segler interessanter, die jeden Augenblick in die Bucht einlaufen müssen.“

„Segler?“ fragte Ben Brighton knapp.

„Zwei einmastige Küstensegler“, sagte der kleine, stämmige Rudergänger. „Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie vor der Bucht auftauchen. Ihr konntet sie von hier aus nicht sehen, aber uns sind sie an der Futterstelle schon recht früh aufgefallen. Das war auch der Grund, warum wir in die Bucht hinuntergeklettert sind. Doch leider sind wir nicht mehr dazugekommen, euch zu wahrschauen.“

„Ob die was mit den Wüstenfüchsen da drüben am Strand zu tun haben?“ fragte Al Conroy.

Die Frage mußte zunächst offen bleiben, denn die Araber, deren Wutgeheul unvermindert anhielt, waren von ihren Kamelen gesprungen und einige Schritte ins Wasser gewatet. Offensichtlich, um der Sambuke so nahe wie nur möglich zu sein. Jetzt schickten sie einen Pfeilhagel zu den Seewölfen hinüber. Und für einen Augenblick blieb diesen nichts anderes übrig, als die Köpfe einzuziehen.

„Wenigstens scheinen sie keine Feuerwaffen zu haben“, knurrte Ben Brighton. „Trotzdem werden die Kerle so langsam lästig. Los, geben wir ihnen noch was drauf, vielleicht haben sie dann endlich genug.“

„Jawohl, jagen wir sie zurück in die Wüste!“ rief Old O’Flynn. „Wenn die Segler auftauchen und Stunk veranstalten wollen, haben wir uns um andere Dinge zu kümmern.“

Ben Brighton nickte. „Es ist durchaus möglich, daß die Kerle gemeinsame Sache machen. Zumindest wäre die Methode für Strandräuber nicht neu. Na, wir werden ja sehen.“

Die Seewölfe tauchten hinter dem Schanzkleid der Sambuke auf und nahmen die Araber unter Feuer. Musketenschüsse krachten, und die Tromblons, die Old O’Flynn zum Schuß vorbereitet hatte, wummerten und bestreuten den Strand mit Eisen und Blei.

Ein weiterer Strandräuber kippte vornüber ins seichte Wasser. Ein anderer ließ plötzlich seine Bogen fallen und griff sich mit einem lauten Aufheulen an die linke Schulter. Er war ein Mann, der von der Kleidung her der Anführer der Bande zu sein schien. Wankend verzog er sich zu seinem Kamel, offenbar hatte ihn eine Kugel erwischt.

Jetzt schien auch die restlichen Kerle der Mut zu verlassen. Zumindest sah es so aus, als wollten sie sich aus der Reichweite der Feuerwaffen zurückziehen.

Den Seewölfen war das ganz recht, denn sie mußten ihre Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung lenken.

„Ho, die Segler sind in Sicht!“ rief Will Thorne, der gerade noch seine Muskete abgefeuert hatte.

„Beim Teufel und seiner buckligen Großmutter!“ entfuhr es dem alten O’Flynn. „Das ist ja direkt ein arbeitsreicher Tag heute. Wir kommen kaum noch dazu, unsere lieben Haifischchen zu füttern.“

Die beiden Einmaster hielten unverkennbar auf die Sambuke der Seewölfe-Crew zu.

„Haltet eure Waffen bereit!“ befahl Ben Brighton und griff gleichzeitig nach dem Spektiv, das er aus der verlorenen „Isabella“ mitgenommen hatte. „Wir werden bald wissen, welche Absichten die beiden Segler haben“, fügte er noch hinzu. „Mister Thorne – du behältst zunächst die Burschen am Strand im Auge!“

„Aye, aye, Sir!“ bestätigte der alte, grauhaarige Segelmacher. Eigentlich hätte es jetzt, in der heißen Mittagszeit, in der kleinen Kombüse genug für ihn zu tun gegeben. Aber im Moment dachte natürlich niemand ans Essen. Es sah vielmehr danach aus, als gäbe es gleich eine ganz andere Arbeit.

Al Conroy und Old O’Flynn waren eifrig damit beschäftigt, die Musketen und Tromblons wieder schußbereit zu machen. Außerdem bereiteten sie einige Flaschenbomben vor und achteten darauf, daß die Pistolen geladen und auch genügend Messer und Degen bereitlagen.

Die übrigen Männer waren mit dem Segelsetzen beschäftigt, und das mußte im Ruck-Zuck-Verfahren erledigt werden, denn die Zweimast-Sambuke begann infolge des Windes aus Nordwesten langsam auf das Land zuzutreiben.

Doch die Seewölfe wußten, wo sie zupacken mußten. Jeder Handgriff saß, und schließlich waren die Segel oben, so daß man Fahrt aufnehmen konnte. Im Nachhinein war jeder froh darüber, daß Sam Roskill so kurzentschlossen hinuntergetaucht war, um den Stockanker aus der Geschützpforte der „San Marco“ zu lösen. Das hatte ihnen jetzt kostbare Zeit eingespart.

Pete Ballie war zur Ruderpinne geeilt und steuerte jetzt bei halbem Wind ostwärts in die Bucht hinaus.

Ben Brighton hatte den Kieker heruntergenommen.

„Bis jetzt ist noch nicht viel zu erkennen“, sagte er mit mißtrauischem Gesicht. „An Bord der Segler sieht alles ganz normal aus. Entweder handelt es sich wirklich nur um friedliche arabische Händler, die die Küstengebiete befahren, oder aber die dicke Überraschung folgt noch. Es wäre ja nicht das erste Mal.“

Er sollte sich in seiner Vermutung nicht getäuscht haben.

Pete Ballie fuhr mehrere Kreuzschläge in die Nordwestrichtung. So gewann die Sambuke Luvraum.

Auf den beiden Küstenseglern mußte man wohl frühzeitig das Vorhaben der Seewölfe erkannt haben, denn auch sie hatten sofort ihren Kurs geändert, nachdem sie zunächst Anstalten getroffen hatten, die Bucht anzulaufen.

„Die Burschen scheinen um jeden Preis unsere Bekanntschaft schließen zu wollen“, meinte Al Conroy mit einer Geste in Richtung der Segler.

„Ja, es sieht tatsächlich danach aus“, gab Ben Brighton zurück.

Im selben Augenblick begannen sich die Küstensegler zu teilen, offenbar um die Sambuke in die Zange zu nehmen.

„Ho, laßt die verlausten Rübenschweine nur näher heran“, sagte Old O’Flynn. Über seinem verwitterten Gesicht lagen steile Falten. „Sie kriegen, wenn sie Dummheiten versuchen, genauso die Hucke voll, wie die Wüstenflöhe am Strand.“

Von den Kameltreibern jedoch war nicht mehr viel zu sehen. Offenbar kümmerten sich die Überlebenden zunächst um ihren verletzten Anführer. Außerdem war die Sambuke längst aus jeder Reichweite für sie. Sie konnten höchstens noch von Land aus mitverfolgen, was sich da draußen vor der Bucht von Kanais anbahnte.

Die Küstensegler waren inzwischen nahe genug heran, und ihre Absichten waren mittlerweile ganz offenbar.

Urplötzlich begann ein wildes Geheul, und hinter den Verschanzungen tauchten, wie aus dem Boden gezaubert, wilde Kerle auf, die Messer und Krummsäbel schwangen.

Irgendein hagerer, geiergesichtiger Mann, der einen weißen Kaftan trug, brüllte unverständliche Befehle, und diese schienen auch dem zweiten Segler zu gelten. Er deutete mit wilden Gesten zu der Sambuke hinüber.

Da griffen die Strandpiraten unvermittelt an.

Die Seewölfe, die das Krachen und Bersten von Musketen oder Pistolen erwartet hatten, sahen sich plötzlich zwei Horden von Angreifern gegenüber, die mit Pfeil und Bogen sowie mit Armbrüsten schossen.

Die Seewölfe mußten zunächst hinter dem Schanzkleid der Steuerbord- und Backbordseite in Deckung gehen, um nicht einem heransirrenden Pfeil als Auffang zu dienen. Der Angriff erfolgte von beiden Seiten gleichzeitig.

„Du lieber Himmel“, sagte Al Conroy erschüttert, „die Kerle schießen ja noch mit Armbrüsten! Das scheinen noch Überbleibsel von den Kreuzzügen zu sein.“

„Die müssen verrückt sein“, sagte Ben Brighton. „Sie scheinen den Seekrieg noch wie vor hundert Jahren zu führen. Na, uns soll es recht sein, wenn sie keine Schußwaffen haben.“

Gleich darauf gab der ruhige, besonnene Mann den ersten Feuerbefehl. Musketenschüsse krachten auf beiden Seiten der Sambuke. Auf den Piratenseglern warfen die ersten der zerlumpten Gestalten die Arme hoch und stürzten wie gefällte Bäume auf die Decksplanken.

Das Geschrei und Geheule wurde noch lauter, und erneut wurde ein Pfeilhagel auf die Reise geschickt. Einige davon blieben in den Lateinersegeln der Sambuke hängen, andere bohrten sich in das Holz des Schanzkleides oder landeten jenseits des Schiffes im Wasser.

Lediglich Bob Grey hätte beinahe nähere Bekanntschaft mit den gefährlichen Geschossen geschlossen. Ein Pfeil, der offenbar von einem Armbrustschützen abgeschossen worden war, riß ihm an der rechten Schulter das Hemd in Fetzen.

„Verdammte Schnapphähne!“ fluchte er wütend und gleich darauf leckte eine Feuerzunge aus dem Lauf seiner Pistole.

Einem der brüllenden Kerle da drüben fiel die Armbrust aus der Hand und klatschte ins Wasser. Er selber blieb regungslos über dem Schanzkleid hängen.

Auch die übrigen Seewölfe ließen wieder die Musketen und Tromblons krachen, während Pete Ballie an der Ruderpinne krampfhaft versuchte, die Sambuke aus der Zange, die die beiden Küstensegler gebildet hatten, zu lösen. Auf jeden Fall aber kriegten die Piraten kräftig Zunder, denn den Seewölfen war natürlich längst klargeworden, daß der Angriff von See und von Land aus eine abgekartete Sache war. Die Kamelreiter jedoch hatten ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht, und den Schnapphähnen auf den beiden Seglern sollte es nicht anders ergehen. Jedenfalls hatten sich das die Seewölfe fest vorgenommen.

Die Kerle gaben jedoch trotz ihrer bisherigen Verluste nicht auf. Und als ihnen langsam die Pfeile auszugehen schienen, ließen sie wutentbrannt ihre Krummsäbel und Dolche durch die Luft blitzen. Es gab keinen Zweifel daran – sie wollten die Sambuke von beiden Seiten entern. Enige hielten schon die Enterhaken in der Hand.

Doch darauf wollten sich die Seewölfe nicht einlassen, denn die Schnapphähne waren immer noch doppelt so viele wie sie.

„Sie sind nahe genug heran, um für unsere Flaschenpost empfänglich zu sein“, sagte Ben Brighton mit grimmiger Miene. „Los, Al, zünd ihnen mal etwas Feuer unter ihre karierten Affenärsche an!“

Die Männer grinsten, denn es passierte nur selten, daß der ruhige, besonnene Ben Brighton die Lieblingssprüche Edwin Carberrys zitierte.

„Aye, aye, Sir!“ rief Al Conroy und setzte die Lunte einer Flaschenbombe in Brand. „Bis jetzt haben wir nur mit diesen Kakerlaken gespielt, von jetzt an wird’s ernst!“ Gleichzeitig fügte er seiner Feststellung ein lautes „Ar-wenack!“ hinzu. Der Kampfruf der Seewölfe fand sein Echo aus sieben weiteren Männerkehlen.

Für einen Moment verstummte das Geschrei der Angreifer, setzte dann aber mit doppelter Lautstärke wieder ein.

In diesem Augenblick zischte die von Al Conroy geschleuderte Flaschenbombe durch die Luft und landete mit einer bewundernswerten Treffsicherheit hinter der Verschanzung jenes Küstenseglers, der die Sambuke auf der Backbordseite begleitete.

Ein lauter Knall dröhnte durch die Luft, Feuer schien in alle Richtungen auseinanderzusprühen. Dann fand das Detonationsgeräusch seine Fortsetzung im Krachen und Bersten von Holz, und im Geschrei der Verwundeten.

Auf jeden Fall mußte die Flaschenbombe mit ihrem gehackten Eisen und Blei, mit ihren Nägeln und Glassplittern, eine verheerende Wirkung gehabt haben. Der Mast mit dem zerfetzten Segel war weggerissen worden, und Teile des Schanzkleides waren verschwunden. Rund um den Segler klatschten Planken und Holztrümmer, die hochgewirbelt worden waren, ins Wasser. Auf der Steuerbordseite des Bugs klaffte ein riesiges Leck, in das Wasser einströmte. Einige Männer mußten getötet oder aber verletzt worden sein. Der Küstensegler war auf jeden Fall verloren, von ihm drohte keine Gefahr mehr. Es war nur eine Frage der Zeit, wann er sinken würde.

Doch wenn die Seewölfe gehofft hatten, daß die verheerende Wirkung der Flaschenbombe den Eifer und Fanatismus der Schnapphähne im zweiten Segler, der sich ihnen auf der Steuerbordseite näherte, etwas gedämpft hätte, dann waren sie auf dem Holzweg.

Nachdem die Kerle beobachtet hatten, was ihrem Begleitschiff zugestoßen war, steigerten sie sich erst recht in einen schier grenzenlosen Haß gegen die ungläubigen Hunde hinein. Der geiergesichtige Mann im weißen Kaftan, der wohl das Sagen hatte, brüllte weiter mit einer sich überschlagenden Stimme seine Befehle. Er schien, koste es was es wolle, die Sambuke entern zu wollen. Auch die erneuten Musketen- und Tromblonschüsse der Seewölfe konnten ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen. Offenbar baute er noch immer auf die Überzahl seiner Besatzung.

„Die Halsabschneider scheinen nichts zu kapieren“, schimpfte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Sie geben nicht eher Ruhe, bis sie auch ihre Flasche gekriegt haben. Zum Donnerwetter, was sind das doch für Neidhammel!“

Ben Brighton zuckte mit den Schultern.

„Sie sollen haben, was sie wollen!“ bestimmte er. „Al, schik ihnen einen Flaschengruß hinüber.“

Wenig später flog die zweite Flaschenbombe durch die Luft.

Die Landung wurde auf dem Küstensegler mit einem lauten Brüllen quittiert, dann flogen auch schon die Fetzen. Der Trümmerregen ergoß sich zum Teil noch auf das Deck der Sambuke, so daß die Seewölfe rasch die Köpfe einziehen mußten. Bei Sam Roskill erfolgte die Reaktion um eine Sekunde zu spät. Ein kleines Holzstück prallte an seinen Hinterkopf, und zunächst saß er einmal mit verdrehten Augen auf dem Achtersteven. Dazu mußte er sich noch vom alten O’Flynn sagen lassen, daß er auch schon intelligenter aus dem Hemd geschaut hätte.

Auch der zweite Küstensegler war schwer angeschlagen, er würde kaum noch die Küste erreichen. Einige der Piraten, darunter der geiergesichtige Kerl, waren in ihrer Panik über Bord gesprungen und versuchten, mit weitausholenden Schwimmbewegungen Kurs auf die Küste zu nehmen.

„Die haben genug!“ stellte Smoky mit sachkundiger Miene fest. „Jedenfalls bereiten sie mit diesen beiden Wracks niemandem mehr Ärger, das steht jetzt schon fest!“

Er sollte sich damit nicht getäuscht haben, denn im selben Augenblick versank der erste Küstensegler, der das große Leck im Bug gehabt hatte, mit einem häßlichen Gurgeln in der See. Die Überlebenden, es waren nur drei, hatten sich noch rechtzeitig durch einen Sprung in die Fluten gerettet.

Der Kampf war entschieden, die Gegner waren vernichtend geschlagen worden, genauso wie die Kamelreiter drüben an Land.

Ben Brighton gab zunächst den Befehl, die schwimmenden Araber aus dem Wasser zu fischen, aber diese schienen absolut keinen Wert darauf zu legen. Bereits der erste, den man aus den Fluten ziehen wollte, wehrte sich verbissen und schwamm dann davon, als sei der Scheitan persönlich hinter ihm her.

„Wer nicht will, dem ist nicht zu helfen“, sagte Ben Brighton. „Lassen wir sie also schwimmen. Nach menschlichem Ermessen müßten sie den Strand erreichen. Wir können nur für sie hoffen, daß sich die Haie noch an ihrer Futterstelle aufhalten.“

„So ist es“, sagte Old O’Flynn. „Jetzt werden sie die Hilfe Allahs wirklich gebrauchen können!“

„Und was wird aus uns, Mister Brighton, Sir?“ fragte Bob Grey. „Kehren wir zurück, um weiterzutauchen?“

„Nein!“ entschied Ben Brighton. „Wir haben in dieser lausigen Bucht schon genug Ärger gehabt. Außerdem waren wir durch die Haie auch genug Gefahren ausgesetzt. Was wir aus dem Wrack der ‚San Marco‘ herausgeholt haben, dürfte mehr als ausreichen, wir können damit zufrieden sein. Oder ist irgendeiner von euch ein ganz gottverdammter, lausiger und habgieriger Beutegeier?“

„Nein, Sir!“ tönte es fast gleichzeitig aus sieben Männerkehlen zurück.

„Dann ist’s ja gut“, sagte Ben Brighton und grinste. „Hopp, hopp, an die Schoten! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Die Zweimast-Sambuke der kleinen Seewölfe-Crew ging auf Westkurs und segelte mit Backstagsbrise weiter an der nordafrikanischen Mittelmeerküste entlang.

Und wenn sich Old O’Flynn mit seinem kribbelnden Holzbein nicht getäuscht hatte, dann rauschte das kleine Schiff mitten hinein in neue Gefahren und Abenteuer.

Mit diesem Holzbein hatte es sowieso eine besondere Bewandtnis. Aber dieses Geheimnis kannte nur Old O’Flynn. Es würde ihm bald helfen müssen …


1.

Die Stimmung an Bord der Sambuke hätte besser nicht sein können. Al Conroy und Pete Ballie stießen sich immer wieder an und lachten. Smoky, Sam Roskill, Bob Grey und Will Thorne, der alte Segelmacher der Seewölfe-Crew, grinsten wie die Teufel, und Ben Brighton schmunzelte vergnügt vor sich hin. Selbst Old Donegal Daniel O’Flynn kicherte hin und wieder, was sonst eigentlich gar nicht seine Art war.

Grund genug zur Heiterkeit bestand wirklich. Heute war der 4. Juni 1592, und an diesem Vormittag hatte Ben Brightons Gruppe die Bucht bei Ras el Kanais verlassen – mit heiler Haut, wohlgemerkt, und nach erfolgreicher Abwehr der Kamelreiter und der beiden Küstensegler, die sie bedroht hatten. An der Küste Nordafrikas entlang segelten sie nun weiter westwärts und hatten, wie sie annahmen, neue Angriffe vorläufig nicht zu befürchten.

Aber das war noch nicht alles. Die Sambuke war schwerer geworden, und zwar um ganze vier Schatztruhen. Diese Truhen waren bis unter ihre Deckel prall gefüllt mit Perlen, Edelsteinen, Diamanten und erlesenem Gold- und Silberschmuck, ein unverhoffter Reichtum, den der Zufall ihnen in die Hände gespielt hatte.

So etwas war ihnen wirklich noch nicht passiert: Der Stockanker der Sambuke hatte sich in einer Stückpforte der Galeone „San Marco“ verfangen, die friedlich als Wrack auf dem Grund der Bucht lag. Nur so waren sie überhaupt auf das Schiff aufmerksam geworden und hatten begonnen, danach zu tauchen und es zu untersuchen. Zwar hatten sie sich mit Haien und heimtückisch über sie herfallenden Kerlen abplagen müssen, doch das Ganze hatte sich gelohnt.

Vier Schatzkisten! Immer wieder ging es ihnen durch den Kopf, was sich mit dem Inhalt alles beginnen ließ.

„Der Teufel soll mich holen, wenn wir es mit diesem Zeug nicht schaffen, in England eine neue ‚Isabella‘ bauen zu lassen“, sagte Smoky. Bei diesen Worten klopfte er mit der Hand bedeutungsvoll auf eine der Kisten. „Wäre doch gelacht, wenn es mit dem neuen Kahn nicht klappen würde, was?“

„Wir kriegen eine ‚Isabella IX.‘“, erwiderte Old O’Flynn. „Ich spüre das, und mein Holzbein tut heute nicht weh. Ich meine, ich habe nicht dieses verdammte Reißen in meinem Beinstumpf, das immer dann einsetzt, wenn was nicht geheuer ist.“

„Schon gut“, sagte Pete Ballie. „Wir kennen uns mit deinem Bein ja genausogut aus wie du. Die Frage ist nur, ob wir unsere mühsam erbeuteten Kisten hier und auch das Geld und die Perlen, die wir in unseren Ledergürteln haben, sicher bis nach England raufbringen.“

Sam Roskill grinste und winkte ab. „Mach dir deswegen doch keine Sorgen, Mann. Unser Kahn ist schnell, wir fahren damit ganz fix nach Gibraltar und dann raus auf den Atlantik, pirschen uns an Cadiz vorbei und husten den Dons was, segeln an Portugal und Frankreich vorbei bis zum Ärmelkanal, und dann wartet der dumme Plymson in seiner ‚Bloody Mary‘ schon darauf, daß wir ihm mal wieder die Perücke zurechtstutzen.“

„Na fein“, sagte Ben Brighton. „Keine Probleme also bis nach Plymouth, was, Sam? Hoffentlich behältst du recht.“

Natürlich hatte er da seine Bedenken, schließlich war er nach wie vor der vorsichtige, besonnene Ben Brighton, der jede Gefahr und alle üblen Überraschungen in seine Planungen einzubeziehen versuchte, aber er ließ jetzt keine weiteren Äußerungen fallen, weil er die Begeisterung seiner Männer nicht dämpfen wollte.

Immerhin, dies war der erste Lichtblick, seit sie ihre „Isabella VIII.“ im Kanal der Pharaonen, der zu einem Kanal des Todes geworden war, hatten zurücklassen müssen. Auch drei Viertel ihrer in Ägypten erbeuteten Schätze hatten sie in den gesprengten Bergkavernen liegenlassen müssen, und so war die ganze Expedition den Nil hinauf und wieder hinunter gescheitert – wegen Ali Abdel Rasul, dem Verräter, dem Schnapphahn, Galgenstrick und Verkleidungskünstler, der sie auf hinterhältigste Weise hereingelegt hatte.

Philip Hasard Killigrew hatte einen Seeweg durch das Rote Meer nach Indien entdecken und erforschen wollen, nur deshalb hatte er sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Doch am Ende war alles schiefgegangen. Die „Isabella“ war stekkengeblieben und vom Sand der Wüste zugeweht worden. Nur noch die Beiboote hatten der Seewolf und seine Männer retten können, und Will Thorne hatte schleunigst das Geld und die Perlen, die sie noch mitnehmen konnten, in die Ledergürtel eingenäht, die sie jetzt um die Hüften trugen.

Hasard hatte seine Crew in Damiette in drei Gruppen aufgeteilt, nur so konnte eine Heimreise nach England gelingen. Ferris Tucker, Carberry, Stenmark, der Kutscher, Blacky, Jeff Bowie, Bill und Luke Morgan befanden sich inzwischen an Bord der „Mercure“, einer französischen Handelsgaleone, die nach Brest unterwegs war. Hasard und Ben waren mit ihren Gruppen nach Alexandria weitergesegelt, hatten dort die Jollen aufgegeben und zwei kleine Schiffe erstanden, eine Feluke und eine Sambuke.

An Bord der Feluke, die nun den Seeweg nach Westen fuhr, befanden sich Hasard mit seinen Söhnen, Dan O’Flynn, Big Old Shane, Gary Andrews, Batuti und Matt Davies. Ben indes hatte mit seiner Sambuke den Kurs entlang der nordafrikanischen Küste vorgezogen. Vorsichtig wie immer, hielt er diese Route für die bessere, doch es sollte sich erst in der Zukunft herausstellen, wer nun den richtigen Weg gewählt hatte, Hasard oder er.

So waren die Seewölfe in Gruppen zu je acht Mann versprengt, und erst in Plymouth würden sie sich – wenn alles gutging – wiedersehen und bei Doc Freemont oder bei Nathaniel Plymson wie verabredet treffen.

Die Sambuke war ein schnelles Schiffchen, sie schaffte, wie Ben inzwischen errechnet hatte, hundertundsechzig Seemeilen in vierundzwanzig Stunden, ein Etmal also, das über dem einer Galeone lag. Sie hatte zwei Pfahlmasten, von denen der achtere kleiner war und auch ein dementsprechend kleineres Segel führte. Beide Segel waren Lateinersegel, die an langen Gaffelruten gefahren wurden. Die Bugpartie war ausgesprochen schlank mit einem spitz zulaufenden, hochgezogenen Steven. Nach achtern zu verbreiterte sich der Rumpf, das Heck war platt und etwas konvex gewölbt. Das Achterdeck lag höher als das Vorschiff. Abgetakelt ruhten die weggefierten Rahruten auf zwei holzbockähnlichen Gestellen, die mittschiffs und dahinter über die ganze Rumpfbreite angebracht waren.

Die Sambuke segelte bei allen Winden, war flink und wendig, kurzum, leicht zu handhaben. Sie hatte keinen großen Tiefgang, ihr Ruder wurde mittels einer langen Pinne bedient, das Achterdeck war ausgeschottet und bot Unterschlupf, das Vorschiff hingegen war offen. An Back- und Steuerbord des Achterdecks war eine Holzreling angebracht, die zwischen dem vorderen und dem achteren Mast endete.

Mit solch einem Schiff konnte man durchaus die Rückreise nach England vollziehen, doch Ben Brighton war sich auch der Nachteile bewußt, die man bei aller Schnelligkeit der Sambuke nicht vergessen durfte. Beispielsweise war der Zweimaster im Sturm nicht sehr widerstandsfähig, ein Umstand, der größte Beachtung verdiente. Aus Gründen der Vorsicht segelte Ben ohnehin nur tagsüber. Nachts wurde unter der Küste an einer günstigen Stelle geankert, meist hinter der Deckung eines vorgeschobenen Kaps, um gegen den auflandigen Wind geschützt zu sein.

Bei aller Achtsamkeit war aber auch Ben, der an Bord der „Isabella VIII.“ die Funktion des Ersten Offiziers und Bootsmanns versehen hatte, sehr stolz darauf, die Schatzkisten der See abgerungen zu haben. Er hatte sich fest vorgenommen, sie heil bis nach England zu bringen.

Wie seine sieben Kameraden ahnte auch er nicht, daß diese vier Truhen so gefährlich wie vier Pulverfässer waren, zu denen die Lunten bereits brannten.

Hamehd, der Araber, zügelte sein Dromedar, ein schnellfüßiges Mehari, dicht unterhalb der Kuppe einer Düne, so daß die Anhöhe ihm genügend Deckung bot. Er richtete seinen Blick über den leicht abgerundeten Buckel hinweg auf die See und konnte die Sambuke auf ihrer Reise nach Westen ganz genau beobachten, war gleichzeitig aber auch überzeugt, daß die, die er in seinen Gedanken nur die „Giaurs“ nannte, ihn auf keinen Fall entdecken würden.

Sein hageres, von Sonne, Wind und Sand gegerbtes braunes Gesicht hatte sich verzerrt. Allahs Zorn wird euch treffen, ihr ungläubigen Christenhunde, dachte er immer wieder, Blitze werden euch zerspringen lassen, denn ihr habt eine große Schuld auf euch geladen. Ihr habt es gewagt, euch gegen uns zu wehren. Der Tod ist euch gewiß. Alle Giaurs müssen früher oder später sterben, nur Allahs Kinder dürfen leben.

Der Himmel verdunkelte sich jedoch nicht, und die Blitze, die die Sambuke der Engländer in tausend Stücke sprengten, blieben vorläufig auch aus. So blieb Hamed nichts anderes übrig, als sein Mehari wieder anzutreiben und dem Feind weiterhin zu folgen. Der Weg der Seewölfe war auch sein Pfad, dort zu Wasser, hier zu Land, unter der glühenden Sonne durch die Wüste.

Noch einmal ging Hamed alles durch den Kopf. Wie war es zu dem mörderischen Zusammenstoß an der Bucht bei Ras el Kanais gekommen? Alles war Kismet, Schicksal, das dem Menschen zugeteilte Los, und doch lohnte es sich, darüber nachzugrübeln, denn aus Fehlern sollte man auch lernen. Bügelte man sie nicht aus, so konnten Köpfe rollen. Unwillkürlich fuhr sich Hamed mit der Hand über den Hals.

Die venezianische Galeone „San Marco“, die von Ben Brighton und dessen Männern nur zu einem Teil ausgenommen worden war, als sie in der Bucht danach getaucht hatten, war vor zwei Wochen von nordafrikanischen Piraten aufgebracht und lahmgeschossen worden – von jener Bande skrupelloser Schlagetots, die ihre Beute auf dem Mittelmeer rissen. Bevor die Piraten jedoch von Bord ihrer Schiffe aus hatten entern können, war ein Sturm losgebrochen und hatte die Galeone in die Bucht von Ras el Kanais getrieben.

Dort war sie gesunken. Für die Piraten hatte die Bucht ein gleichsam „diebessicheres Versteck“ bedeutet, denn nur sie selbst wußten ja, wo das Wrack lag, und kein anderer hätte es zu orten vermocht. Sie hatten den Untergang der „San Marco“ verfolgt und hatten also ihrer Meinung nach genug Zeit gehabt, sie in aller Ruhe auszuplündern.

Ihr Stütztpunkt lag östlich der Untergangsstelle in El Amaid an der Araber-Bucht, und sie wollten von dort aus die Bergung der Schätze in die Wege leiten. Daß die Galeone tatsächlich große Reichtümer in ihrem Rumpf barg, wußten sie genau, und zwar von dem Mann, der die Küsten von Tunis bis Alexandria seit Jahren beherrschte – als größter und verwegenster Oberschnapphahn, aber auch als der von dem türkischen Sultan Murad III., der seit 1574 an der Regierung war, in den Küstengebieten eingesetzte Beylerbey. Bei aller Beis, Herr aller Herren mit dem Titel eines Provinzstatthalters.

Dieser Mann war niemand anderes als Uluch Ali, nach Chaireddin einer der berüchtigsten Seeräuber des Mittelmeers, der den Christen bei der Seeschlacht von Lepanto 1571 ein erbittertes Gefecht geliefert und sogar eine christliche Standarte erobert hatte. Seitdem hatte er bei den Türken Narrenfreiheit. Inzwischen war er zwar alt geworden und fuhr nicht mehr zur See, aber er verfügte über eine Piratenflotte, die er auf lohnende Ziele, die ihm von Spionen gemeldet wurden, ansetzte.

Die Venezianer, die ja bei der Schlacht von Lepanto einen wesentlichen Anteil der abendländischen Schiffe gestellt hatten, vorwiegend Galeassen, zählten gewissermaßen zu den Erzfeinden Uluch Alis, und so war es nur zu verständlich gewesen, daß er die „San Marco“ hatte angreifen und zusammenschießen lassen. Jetzt wartete er in seiner Residenz auf die fette Beute, deren Ablieferung seiner Überzeugung nach nur noch die Sache von ein, zwei Tagen sein konnte.

Er hatte seinen Sitz abwechselnd in Tunis und auf der Insel Dscherba sowie in Tripolis und Benghasi, die wichtigsten Häfen an der nordafrikanischen Küste waren also fest in seiner Hand.

Daß eine fremde Sambuke, besetzt augenscheinlich mit Giaurs, offenbar der gesunkenen Galeone zu Leibe rücken wollte, hatten Hamed und Omar, die Späher der Piraten, am 1. Juni entdeckt. Sie waren von den Seewölfen nicht bemerkt worden und hatten sich außerordentlich gut zu verstecken gewußt, wie er auch jetzt alles tat, um von den „weißen Hunden“ nicht gesehen zu werden.

Sie waren auf ihren Kamelen sogleich nach El Amaid zurückgekehrt und hatten Mulley Salah und seine Kumpane alarmiert. Diese waren daraufhin sofort mit zwei Küstenseglern und einem Landtrupp von Kamelreitern – zu dem auch Hamed und Omar gehört hatten – zu der Bucht bei Ras el Kanais aufgebrochen, um den Christenhunden das Fürchten beizubringen. Damit hatte es aber nicht so recht geklappt, das Gegenteil war der Fall gewesen.

Gleich mehrere Kameltreiber waren von ihren Tieren gefallen, die anderen waren abgesprungen und hatten mit Pfeil und Bogen auf die „verfluchten Giaurs“ geschossen. Diese hatten mit Musketen zurückgefeuert und auch gleich wieder getroffen, dann hatten sie an Bord der Sambuke die Segel gesetzt und mit halbem Wind ostwärts die Bucht ausgesteuert, dann gewendet und Kreuzschläge in nördlicher Richtung gefahren.

Die Küstensegler der Piraten hatten zwar versucht, sie in die Zange zu nehmen. Muley Salahs Kumpane waren mit wilden Rufen hinter den Verschanzungen aufgetaucht, hatten ihre Messer und Krummsäbel geschwungen und mit Pfeil und Bogen sowie mit Armbrüsten auf den Feind geschossen. Das Ende dieses Gefechts war gewesen, daß die Giaurs die Küstensegler versenkt hatten. Sie hatten sich unheimlicher Wurfgranaten bedient, die auch im Wasser noch explodierten. Auch jetzt vermochte sich Hamed nicht zu erklären, was das für Wunderwaffen waren. Er kannte zwar das berüchtigte griechische Feuer und wußte auch, daß die Christen mit phantasiereichen Erfindungen wie mehrläufigen Gewehren und Pistolen herumprahlten, aber einen Feuerzauber wie den in der Bucht von Ras el Kamais hatte er noch nicht erlebt.

Trotz dieser Niederlage gaben die Piraten noch nicht auf – nicht zuletzt auch aus Angst vor Uluch Ali, der unbarmherzig Köpfe rollen ließ, wenn seine Seeräuber-Kapitäne einen Mißerfolg zu verzeichnen hatten.

Doch keiner der Piraten ahnte, wer die „ungläubigen Christenhunde“ an Bord der Sambuke waren. Hätten sie es gewußt, hätten sie einen Grund mehr gehabt, blutige Rache zu üben. Uluch Ali war ein alter Feind der Seewölfe: 1580 hatte Philip Hasard Killigrew es fertiggebracht, seinen Vater, Godefroy von Manteuffel, von der Piraten-Galeere zu befreien, wo dieser ein erbärmliches Dasein als Rudersklave gefristet hatte.

Der Seewolf hatte Uluch Ali in einem furchtbaren Säbelduell besiegt, schwer verletzt war Ali außenbords geflogen. Er hatte aber überlebt. Eine derartige Niederlage hatte er noch nie hinnehmen müssen, die Erinnerung daran gärte noch heute in ihm, und immer, wenn er daran zurückdachte, konnte es ihm schlecht werden vor Wut und Haß.

Die Seewölfe wußten von all diesen Zusammenhängen nichts und wähnten sich völlig sicher, zumal sie davon überzeugt waren, ihren unbekannten Gegner total abgeschlagen zu haben. Zwar hielten sie immer wieder nach allen Seiten Ausschau, konnten aber keine Verfolger erspähen.

„Keine Mastspitzen an der Kimm“, sagte Bob Grey, der zum wiederholten Mal nach achtern Ausschau gehalten hatte. „Keine Fühlungshalter – die Kerle scheinen von uns wirklich die Nase voll zu haben.“

Sam Roskill schob den Messingkieker zusammen, durch den er das Ufer längere Zeit über beobachtet hatte.

„Auch an Land tut sich nichts“, meldete er. „Keine Kamele, keine Reiter, die zu uns herüberstarren. Da drüben ist alles tot. Gut so, nicht?“

„Ausgezeichnet“, erwiderte Ben. „Wir können uns in aller Ruhe nach einem Ankerplatz für die Nacht umsehen. Ich glaube nicht, daß wir wieder Ärger kriegen, aber wir sollten trotzdem auf der Hut sein. Erinnert ihr euch noch an unsere Fahrt nach Damiette?“

„Natürlich“, brummte Old O’Flynn. „Plötzlich waren diese Bubastis-Muselmanen wieder da wie der Satan höchstpersönlich, aber wir haben es ihnen ja trotzdem ganz schön gegeben. Vielleicht sollten wir doppelte Ankerwachen einteilen, Ben.“

„Ja. Genau das werden wir tun.“

Damit war die Unterhaltung vorerst wieder beendet, und die Männer beschäftigten sich in ihren Gedanken mit Old England, mit der „Bloody Mary“ und mit dem dicken Plymson, als wären sie schon fast da und brauchten nur noch den Ärmelkanal zu überqueren.

Hamed, den Kamelreiter, der ihnen beharrlich folgte, sahen sie nicht. Er verhielt sich nach wie vor sehr geschickt und nutzte jede Deckung aus. Er konnte auch hinter Felsen weit vorausreiten und brauchte, an irgendwelchen Kaps verborgen, nur zu warten, bis die Männer in der Sambuke aufgesegelt waren.

Hamed hatte die Abwehr der Seewölfe als einziger Mann des Kamelreitertrupps unverletzt überlebt und seine Chance, der Sambuke doch noch folgen zu können, sofort wahrgenommen. Daher wußte er nicht, ob sich von den Küstenseglern auch jemand hatte retten können und war über das Schicksal seiner Kumpane nicht im Bilde. Er sollte in dieser Hinsicht noch eine Überraschung erleben.

Ben Brighton hatte also, solange er nichtsahnend in Sichtweite der Küste segelte, einen Fühlungshalter. Leider ging er nicht weiter auf die See hinaus, weil er nicht unbedingt in einen Sturm geraten wollte. An der Küste konnte er bei schwerem Wetter oder gar Sturm den Leeschutz einer Bucht aufsuchen, an denen es hier nicht mangelte.

An und für sich war dies seemännisch durchaus in Ordnung – nur in diesem Fall war es falsch, da er und seine Kameraden den Feind im Nakken hatten.

Der Wind war günstig und wehte leicht bis mittel aus Nordosten. Ben wartete den Nachmittag ab, bis er sich über die weiteren Wetterverhältnisse ziemlich im klaren sein konnte.

Dann sagte er plötzlich: „Wißt ihr was? Wir sollten den Wind ausnutzen und in dieser Nacht nicht ankern. Wir könnten mit vierstündiger Wachablösung durchsegeln, eine Wache unter meinem Kommando, die andere unter Donegals Befehl. Was haltet ihr davon?“

„Eine Menge“, entgegnete der alte O’Flynn. „Je schneller wir vorankommen, je mehr Abstand wir zwischen uns und dieses Scheißafrika bringen und je kürzer die Entfernung nach England wird, desto besser sieht es für uns aus.“ Er drehte sich zu den anderen um. „Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Das hast du“, sagte Smoky grinsend. „Und ich schätze, wir schließen uns deiner Meinung an.“

„Jawohl“, sagte Al Conroy. „Oder hat etwa jemand Bedenken anzumelden?“

Das hatte niemand, und so lief die Sambuke keine der Buchten an, die sie an diesem späten Nachmittag passierte. Die Dunkelheit setzte ein und senkte sich auf den Zweimaster und seine Besatzung, der Himmel war mit glitzernden Punkten durchwirkt, und der Wind blies weiterhin beständig aus Nordosten. Für die Seewölfe wurde es eine beschauliche Nachtfahrt, die Stimmung an Bord blieb weiterhin prächtig.

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