Читать книгу: «Für unsere Sünden gestorben?»

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Burkhard Müller, Jahrgang 1938; Studium der Evangelischen Theologie in Bonn, Heidelberg und Tübingen. Gemeindepfarrer in Oberhausen und Bonn. 1990–2000 Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Bonn. 2001–2007 Mitglied des Sprecherteams des »Wortes zum Sonntag«. Kirchliche Rundfunkarbeit im DLF und DeutschlandRadioKultur, bis 2009 auch im WDR. Ehrenamtliche Tätigkeit im kirchlichen Musikmanagement (etwa 30 Konzerte jährlich); Chorund Orchesterarbeit.

Inhaltsverzeichnis

  Vorwort

  1. Jedem seine Botschaft. Gottvertrauen: nichts für jedermann? Das eine einzige Wort Gottes gibt es nicht Für wen etwas geschrieben wurde Ist Gottes Wahrheit relativ?

  2. Das erste Fremdwort in dieser Sache: »Kondeszendenz« Der absteigende Gott Gott sucht unten die, die unten sind Gott steigt herab in unser Denken und Sprechen Worte an andere weitergeben (übersetzen) Das Beispiel »Sohn Gottes« Adoption zum Sohn Gottes durch die Auferstehung Adoption zum Sohn Gottes bei der Taufe Sohn Gottes seit Beginn des irdischen Lebens »Das Wort ward Fleisch«

  3. Das zweite Fremdwort in dieser Sache: »Inkulturation« Vieles verstehen wir heute anders »Wie war es denn wirklich?« Trinitätslehre: eine Inkulturation in griechisches Denken Die »Regensburger Rede« von Papst Benedikt XVI. Inkulturation bei den Germanen Der »Heliand« Die Logik des Berengar Anselm von Canterbury Anselm auch bei Protestanten Kritik kommt auf »Anselm light«

  4. Zurück zu Jesus! Danke, Evangelisten! Wozu ist Jesus geboren worden? Was ist die zentrale Botschaft? Ist die Sündenvergebung das Heil? Der verlorene Sohn Jesus lebt riskant Hat Jesus den Tod gesucht? Hat Jesus sich für uns geopfert?

  5. Ein Beispiel: Das Gleichnis von den bösen Winzern (Markus 12,1–9).

  6. Das Abendmahl Was ist der Sinn des Abendmahls? SühnopferMahl zur Vergebung der Sünden? Für euch Ein Passahmahl Ein Gedächtnismahl Ein endzeitliches (eschatologisches) Mahl Fest des Neuen Bundes Leib Christi

  7. Lektüre einzelner Bibelstellen ohne »Opfertod-Brille« »Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde wegträgt« »Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen […] Sohn gab« »Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.« »Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.«

  8. Kreuzigung und Tod »Gestorben nach der Schrift« Die Psalmen Warum Jesus gleichzeitig auf zwei Eseln reitet Der nackte Mann, der den Mantel verlor »Fürwahr, er trug unsere Krankheit …« Markus: Jesus, der verborgene Gottessohn »Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung« Ostern nur in der Kurzfassung Nachfolge nur als Kreuzesnachfolge Warum Alexander und Rufus in die Bibel kommen Kein Wunder am Kreuz Offenbarwerden des »Gottessohnes« Der Heide und die Frauen Matthäus: Lehrer des Gesetzes Der neue Moses? Er hätte auch anders gekonnt Lukas: Jesus, der Märtyrer »Die Mitte der Zeit« Johannes: Ein König geht seinen Weg Ein königlicher Souverän Triumph am Kreuz: Die Liebe siegt Von oben kommt er, nach oben geht er Jesus, das Passahlamm Ergebnis der Betrachtung der Kreuzigungsgeschichten Hat Gott Jesus geopfert? Hat Jesus sich geopfert? »Für uns« geopfert? Haben Menschen ihn geopfert?

  9. Der Auferstandene Jesu Tod als Ende der Hoffnungen Die Auferstehung: das Alleinstellungsmerkmal Jesu Zeugen und Legenden »Kreuz und Auferstehung«: eine viel zu kurze Formel Wie soll man Jesus nennen? »Alt geht, Neu bleibt«

  10. Paulus: vom Schriftgelehrten zum christlichen Theologen Kurz vor Damaskus: die Offenbarung des Evangeliums Zugestanden: Paulus kennt den Sühnopfergedanken Die neue Mitte: die Auferweckung Jesu und das neue Leben Die Christusvision Vom irdischen Jesus hat Paulus leider nichts gelernt Das Gespräch mit anderen Christen Die rabbinische Tradition Paulus und die Erlösung des Menschen Adam und die Sünde Der Tod, der Sünde Sold Unsere Sünden sterben mit Jesus Nicht der Tod Jesu, sondern seine Auferstehung bringt die Erlösung Herrschaftswechsel: von der Sünde zur Gnade Was verbindet uns mit dem Sterben und Auferstehen Jesu? Was ich heute Paulus nicht glauben kann Was hat Paulus nur auf solche Gedanken gebracht? Auch bei Paulus gilt: »Alt geht, Neu bleibt«

  11. Muss ich Paulus die Sünde glauben? Warum Paulus von der Sünde redet Die Sünde als dunkle Kehrseite der Gnade Die Heilige Schrift beweist es Man kann den Menschen beim Sündigen zusehen Sind wir Menschen wirklich so schlecht? »… böse von Jugend auf« – wirklich? Eine biblische Sage Nur ein Sündenbekenntnis ist ein gutes Gebet – wirklich? Offenbart das Kreuz die Sünde? Warum Luther sich mit Paulus so gut verstand Sündenlehre und Sühnopferlehre stützen sich gegenseitig

  12. Die Kreuzestheologie Tatsächlich betont Paulus das Kreuz Das Kreuz als Ärgernis Die Verhältnisse in Korinth

  13. Hebräerbrief Jerusalemer Kult als Bild für Jesus Christus

  14. Und wo bleiben die Sünden?. Was hat Jesus selbst vom Opfern gehalten? Opfer im Jerusalemer Tempel Jesus, ein Menschenopfer? Macht das Blut Jesu Christi rein von aller Sünde? Was also wird aus unserer Sünde?

  15. Abschied vom Sühnopferglauben Vier Thesen zum Glauben an das Sühnopfer Jesu Tief verwurzelt Dammbruch? Gehorsam oder Verstehen? Die starke Liebe Gottes

  16. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu Jesu Leben und seine Auferstehung sind das Heil Ausgewählte Diskussionsbeiträge aus den Medien

  Literaturverzeichnis

  Bibelstellenverzeichnis

Vorwort

IM FRÜHJAHR 2008 habe ich mit dem »Chor am Freitag« der Trinitatiskirchengemeinde BonnEndenich die Johannespassion von Johann Sebastian Bach einstudiert. Dabei zeigten sich die Chormitglieder wegen der Texte dieser Passion irritiert. Sie fragten immer wieder nach, was es denn damit auf sich habe, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, um Gott zu versöhnen.

Darum haben wir in den Proben oft dieses Thema behandelt. Auch innerhalb der Gemeinde haben wir einen Seminarabend dazu gemacht. Mir wurde deutlich, dass ein großer Bedarf an theologischer Information und an Diskussion über die Sühnopfervorstellung besteht.

Im Sommer darauf habe ich mehrere Bücher von kämpferischen Atheisten aus dem angelsächsischen Raum gelesen. Mich hat dabei gestört, dass sie sich allen Ernstes spottend darüber ausließen, der Gott der Christen lasse seinen Sohn töten, um sich selbst zu versöhnen. Mir aber erschien es seit Jahren als grundverkehrt, unseren Gott so zu verstehen. Für mich waren das Vorstellungen von früher, die ich heute weitgehend überwunden glaubte. Später stellte sich heraus, dass ich damit irrte, weil tatsächlich für viele Christen die Sühnevorstellung geradezu eine Zentrallehre des christlichen Gaubens ist.

Gegenüber Christen und Atheisten schien es mir notwendig, dieses Thema zu behandeln. Die Gelegenheit dazu hatte ich im Februar 2009, als ich eine Reihe von Morgenandachten im WDR halten durfte. Ich habe dargelegt, dass niemand an den Sühnopfertod Jesu glauben muss und dass ich persönlich auch nicht daran glaube.

Diese Morgenandachten haben polarisiert. Sie haben begeisterte Zustimmung und heftige Ablehnung bekommen. Es gab Personen, die sehr entschieden gegen meine Meinung kämpften, die kirchliche Obrigkeit zum Eingreifen aufforderten, den Rundfunkbeauftragten bedrängten, Journalisten mobilisierten und Professorenkollegen informierten. Sie haben so eine bundesweite Diskussion ausgelöst. Dafür muss man diesen Widersachern ernsthaft dankbar sein.

Ich bin in der Folgezeit zu Gemeinden eingeladen worden, wo oft vor vollem Haus über diese Frage diskutiert wurde. Mich hat das sehr beglückt. Ich erlebte viele engagierte Christen, die sich zwar kontrovers, aber authentisch und echt im Pro und Kontra um zentrale Fragen des Glauben bemühten. Eine Kirche mit solchen Christen kann keine tote, sondern muss eine sehr lebendige Kirche sein. Aber ich habe auch gemerkt, dass ein Abend nicht reicht, um die Fragen gründlich genug zu beantworten. So entstand bei mir der Entschluss, das zu tun, was ich nie in meinem Leben machen wollte: ein Buch zu schreiben.

Man kann dieses Buch verstehen als ein Ergebnis der vielen Diskussionen und Gespräche in den Gemeinden. Man findet darin kaum etwas, was nicht irgendwo in dieser Zeit von mir oder Gesprächsteilnehmern schon gesagt worden wäre.

Es ist ein Buch für die Gemeinde, nicht für die Wissenschaft. Auf alle Anmerkungen habe ich verzichtet, ich habe auch keine wissenschaftliche Literatur angegeben. Und wenn Sie ziemlich am Anfang die Abschnitte von der »Kondeszendenz« und der »Inkulturation« gelesen haben, ist auch so gut wie Schluss mit Fremdwörtern und theologischen Fachbegriffen. Ich habe mich bemüht, für interessierte Menschen ohne große theologische Vorbildung verständlich zu schreiben.

Nun muss man auch nicht alles lesen. Das Inhaltsverzeichnis kann helfen, zügig zu den Punkten vorzudringen, die besonders interessieren. Man muss dieses Buch auch nicht in einem Stück lesen.

Für den einen oder anderen sind vielleicht ganz ungewohnte und neue Thesen darin enthalten. Manchen erscheint dies oder das als Gefahr für ihren Glauben. Wer spürt, dass ihn irgendetwas zu sehr verunsichert, sollte das Buch einfach eine Zeitlang weglegen und erst später wieder zur Hand nehmen, wenn er sich mit dem Gelesenen ausreichend innerlich auseinandergesetzt hat. Man kann auch einen Bleistift nehmen und durchstreichen, was einem als falsch erscheint, oder markieren, was als richtig akzeptiert wird.

Mag sein, dass man es am Schluss so weglegt, wie ein angesehener und von mir geschätzter Professor meine Andachten zu diesem Thema weggelegt hat: »mit Widerwillen«.

Es mag aber auch sein, dass es diesem gründlichen Leser so geht, wie es mir mit der »Geschichte der Synoptischen Tradition« von Rudolf Bultmann, einem bedeutenden evangelischen Theologen im vorigen Jahrhundert, gegangen ist. Seine Theologie war für die Christen des pietistischen Milieus, aus dem ich stammte, ein großes Ärgernis. Ich war im zweiten Semester und fest entschlossen, dieses Buch zu widerlegen. Bis zur Hälfte des Buchs ist mir das auch gelungen. Dann wurde ich schwankend. Am Schluss aber war ich für die historischkritische Betrachtung der Bibel gewonnen.

Gründliche Leser werden sicher Fehler finden und viele Lücken feststellen. Ich selbst habe in den Diskussionen um meine Andachten in den letzten Monaten einiges dazugelernt. Warum soll ich schon jetzt bei der vollen Wahrheit angekommen sein! Man lernt ja hoffentlich immer noch dazu. Und es gibt ein Versprechen: Der Heilige Geist will uns immer weiter zur Wahrheit führen.

Darum nenne ich dieses Buch einen Diskussionsbeitrag.

Mag sein, dass deshalb viele ein besonders polemisches und aggressives Buch erwarten und sich vielleicht auch darauf freuen. Polemik macht mir eigentlich auch wahnsinnigen Spaß. Aber ich habe in diesem Buch ganz bewusst darauf verzichtet, polemisch zu sein, mich mit Witz und Ironie über die Andersdenkenden herzumachen. Das hängt auch damit zusammen, dass ich von meiner religiösen Herkunft her genau die Position meiner Widersacher geteilt habe und weiß, wie schwer es war, mich auf das einzulassen, was ich dann als andere Wahrheit erkannt habe.

Bei diesem Buch habe ich mich gefragt, ob ich nicht zu destruktiv bin. Das Hauptziel dieses Buches ist ja die These, dass etwas nicht geglaubt werden muss, dass die Übermacht der Sühnopfervorstellung in Theologie und Kirche beendet werden soll. Ich sage mir dann allerdings, dass, wer Ketten abnimmt, eben nicht destruktiv ist. Fesseln durchschneiden ist positiv. Ich hoffe, dass viele es als Befreiung erleben, was ich in diesem Buch mitteilen möchte. Jemand sagte mir, für ihn sei die Sühnetheologie wie ein schwarzes, schweres Tuch, das über dem ganzen Evangelium liege. Wenn es anderen auch so geht, dann möchte ich dieses schwarze Tuch gerne wegreißen. Wenn jemand durch dieses Buch entdeckt, mit wie viel leuchtenden Farben die Bibel in ihren Bildern und Deutungen das Leben Jesu vor uns malt, ist das erreicht, was ich mit diesem Buch erreichen wollte.

Mein Dank geht an die Vielen, deren Bücher ich vor Jahren gelesen und deren Vorträge ich gehört habe. Ich habe daraus Manches zur privaten Nutzung notiert, so dass mir leider auf meinen Notizen die Quellenangaben fehlen. Dieses Buch enthält daher viele Gedanken und Formulierungen, die ich von anderen übernommen habe, ohne heute noch zu wissen, von wem. Diesen anonymen Helfern gilt mein herzlicher Dank.

Die schnelle Veröffentlichung dieses Buches wäre nicht möglich gewesen ohne die freundliche Betreuung von Seiten des Verlages mit der vorzüglichen Lektoratsarbeit von Kirsten Blanck und dem professionellen Buchsatz von Winrich C.W. Clasen. Auch dafür möchte ich herzlich danken.


Bonn, am ersten Sonntag nach Epiphanias 2010 Burkhard Müller

Vorwort zur dritten erweiterten Auflage

ALS VOR EINEM Jahr dieses Buch erschien, rechneten wir nicht mit dem großen Interesse, das nun zu einer 3. Auflage führt. Nicht nur im Rheinland, sondern an vielen Orten weit darüber hinaus wurde das Buch z. B. als gemeinsame Lektüre in Hauskreisen und Gemeindegruppen eingesetzt und – durchaus kontrovers – diskutiert. Bei meinen vielen Besuchen in Gemeinden und Einrichtungen der Erwachsenenbildung hat es sehr intensive Gespräche mit den Teilnehmern gegeben. Das Buch scheint seinen Sinn zu erfüllen, einen »Beitrag zur aktuellen Diskussion« über das Sühnopfer Christi zu liefern.

Diesem Anliegen entspricht auch, dass Winrich C.W. Clasen, der Verleger, dieser Auflage Materialien beigefügt hat, die einen kleinen Einblick in die Diskussionslage geben. Ich danke ihm dafür.

Auch für diese 3. Auflage gilt als Grenze und Verheißung das Wort Jesu: »Die Geist wird euch in alle Wahrheit leiten.«


Bonn, am Sonntag Sexagesimae 2011 Burkhard Müller

1. Jedem seine Botschaft

EIN VATER HAT ZWEI SÖHNE. Der eine von ihnen studiert in Hamburg. Er ist ziemlich faul. Das beunruhigt den Vater. Er möchte, dass sein Sohn eine vernünftige Einstellung zur Arbeit gewinnt. Der andere Sohn studiert in München. Er ist ziemlich fleißig. Er arbeitet sich geradezu krank. Auch das beunruhigt den Vater. Er möchte, dass auch dieser Sohn eine vernünftige Arbeitshaltung entwickelt.

Beiden schreibt er eine Mail. Dem einen schreibt er: Sei bitte etwas fleißiger, streng dich mehr an. Dem anderen schreibt er: Sei nicht so fleißig, streng dich nicht so an. Die Botschaften an die beiden Söhne klingen verschieden, wollen aber in beiden Fällen dasselbe erreichen, eine vernünftige Einstellung der Söhne zum Arbeiten im Studium. Eigentlich ist die Botschaft an beide die gleiche. Aber weil die beiden so verschieden sind, wird die Gestalt dieser Botschaft unterschiedlich, ja gegensätzlich. Jedem schreibt er also etwas anderes, scheinbar Gegensätzliches, weil jedem etwas anderes gesagt werden muss.

Da passiert ihm ein Missgeschick. Er verwechselt die Mailadressen. Dadurch bekommt der Faule die Ermahnung, nicht so fleißig zu sein. Und der Fleißige wird zu noch mehr Fleiß gedrängt: Sei fleißiger! Was als gegensätzlicher Text geschrieben war und doch bei beiden das gleiche Arbeitsverhalten hervorrufen wollte, wird durch die falsche Adressierung zu einem Riesenfehler. Es kommt eben immer darauf an, was ich wem sage.

Gottvertrauen: nichts für jedermann? Sie kennen das schöne Lied von Paul Gerhardt: »Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.« Das ist ein Lied, das im Gesangbuch unter der Rubrik »Geduld und Vertrauen« stehen könnte. Aber auch dieses Lied passt nicht für jeden Fall.

Da ist einer, der sich wie wild bemüht hat, sein Leben und seine Lebensverhältnisse in Ordnung zu bringen. Aber immer wieder kommt er an seine Grenzen. Es gibt einiges, was er auch gar nicht ändern kann, was er einfach hinnehmen muss. Ihm könnte dieses Lied zur Erkenntnis verhelfen, dass man nicht alles in seinem Leben selbst in der Hand hat und selbst bestimmen kann. »Gottvertrauen« ist angesagt.

Aber da ist der andere. Er liebt die Ruhe und Gemütlichkeit. Oder offen gesprochen: Er ist stinkefaul. Er müht sich erst gar nicht, er rührt keine Hand. Er denkt: Gott wird es schon richten. Aber Gott richtet nicht, was er selbst richten sollte. Das sieht er völlig anders, denn sein Lieblingslied ist: »Befiehl du deine Wege« – ein Lied, das seiner Trägheit und Faulheit noch ein christliches Tugendmäntelchen umhängt. Das Lied passt einfach nicht zu ihm. Es kommt eben immer darauf an, wem was gilt und was nicht.

Das eine einzige Wort Gottes gibt es nicht Wenn ich auch davon überzeugt bin, dass wir uns von der traditionellen Sühnopfertheologie trennen dürfen und wohl auch sollten, so gibt es natürlich Menschen, die gerade diese Theologie als besonders hilfreich erlebt haben. Mir wurde erzählt, dass z.B Menschen im Kongo, die noch heute eine lebendige Opfertradition kennen, gerade mit dieser Opfertheologie das Wesen des Evangeliums besonders gut verstehen könnten. So mag zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten und gegenüber ganz bestimmten Menschen auch diese Opfertheologie ihren Sinn haben. Es kommt eben immer darauf an, wem ich was sage.

Das eine einzige Wort Gottes gibt es nämlich nicht. Es ist immer anders und verschieden, weil wir Menschen als die Empfänger des Wortes Gottes immer andere sind. Wenn man es einmal zugespitzt sagen will: Es gibt so viele verschiedene Wahrheiten, wie es verschiedene Menschen gibt.

Natürlich gilt eine Predigt im Gottesdienst vielen Menschen gleichzeitig. Aber wir wären überrascht, wenn wir bei einer Überprüfung feststellten, wie verschieden die Leute ein und dieselbe Predigt gehört haben.

Die Zuhörer hören insbesondere das heraus, was auf sie besonders gut passt. Wir »konstruieren« in unserem Kopf unsere Sicht der Botschaft Gottes. So wird es überhaupt erst möglich, dass einer für viele Menschen gleichzeitig predigt. Denn es kommt nicht nur darauf an, wem was gesagt wird, sondern auch, wie er es versteht.

Weil die Botschaft des Evangeliums immer mit verschiedenen Menschen zu tun hat, muss sie immer unterschiedliche Gestalt annehmen: Das Kinderbuch mit biblischen Geschichten sieht völlig anders aus als die Broschüre, die für einen Trauernden geschrieben ist. Ein Buch, das den Weg zum glücklichen Leben zeigen will, sieht anders aus als das Buch, das eine Glaubensfrage erklären will.

Sagen wir es vereinfacht so: Das Evangelium bringt uns das »Ja« Gottes zu unserem Leben. Aber wie das »Ja« konkret erklingt, das ist für jeden anders.

In diesem Buch werden wir uns damit beschäftigen, warum heute für viele die traditionelle Opfertheologie nicht mehr taugt, das »Ja« Gottes hörbar zu machen, obwohl sie dazu entwickelt war.

Für wen etwas geschrieben wurde Wer Erfahrung im Bibellesen hat, wird längst gemerkt haben, dass die Bibel keine Sammlung allgemeingültiger Wahrheiten ist, sondern von verschiedenen Menschen für verschiedene Menschen aufgeschriebene Texte enthält. Darum fängt die Bibel in ihrer Lebendigkeit oft erst dann an zu leuchten, wenn wir eine Vorstellung davon bekommen, wer damals die Texte aufgeschrieben hat und für wen; was der Schreiber und seine ersten Leser gedacht und geglaubt haben.

Dann ist der Bibeltext auf einmal die eine Seite eines lebendigen Dialogs mit dem anderen, für den er aufgeschrieben wurde. Was waren das damals für Menschen, was waren ihre Ängste, was waren ihre Ansichten über Gott? Welche Bilder stellte ihnen ihre Sprache zur Verfügung, schwierige und geheimnisvolle Dinge auszudrücken, etwa wenn sie von Gott reden wollten?

Es ist eines der Verdienste der historischkritischen Forschung, die Bibel von dem Sockel »Ewiges Wort Gottes« heruntergestoßen zu haben. Sie hilft uns, nach dem »Lebendigen Wort Gottes« im Dialog mit Menschen zu suchen und es auch zu finden.

In diesem Buch werden wir immer wieder genau so die Bibel zu verstehen suchen, indem wir fragen: Was haben die damals eigentlichgemeint? Warum haben sie so oder so geredet? Wem haben sie was gesagt?

Ist Gottes Wahrheit relativ? »Dadurch wird ja alles relativiert!«, denkt wohl mancher beunruhigt. »Gottes Wort verliert seine ewige und allgemeingültigen Wahrheit!«

Aber genau so ist es. Gott spricht sein Wort durch Menschen zu Menschen. Sein Wort bezieht sich auf bestimmte Menschen und will ihnen konkret etwas sagen. In diesem Sinn ist es »relativ«: bezogen auf diese Menschen. Und es ist gut, wenn ich durch die historischkritische Forschung diesen historischen Rahmen, die geschichtlichen Bedingungen kennen lerne.

Damit verstehe ich die Relativität (= Bezogenheit auf bestimmte Menschen) eines Textes der Bibel. So kann ich ihn in seiner Lebendigkeit verstehen und deuten. Wie sehr das hilft, die Bibel in ihrer Lebendigkeit zu verstehen, sollten Sie auch diesem Buch anmerken können.

Gottes Wort kommt durch Menschen zu Menschen. Dabei geht Gott in unsere konkrete Wirklichkeit ein. Das Wort Gottes tummelt sich sozusagen mitten unter uns, lässt sich auf uns ein, spielt unsere GlaubensSpiele mit – allerdings nicht immer: Oft will es die Glaubens»Spielregeln« der Menschen verändern, verbessern. Ob zu Gottes Regeln gehört: »Mein Sohn musste für eure Sünden am Kreuz bluten«, bezweifle ich zutiefst und will das in diesem Buch ausführlich begründen. Ich will diese Regel abschaffen helfen. Mit den dann geänderten Regeln können wir unser Glaubensspiel fröhlicher und entkrampfter auf bessere Weise spielen, das alte Spiel mit dem schönen Titel: »Gottes Güte ist groß!«

2. Das erste Fremdwort in dieser Sache: »Kondeszendenz«

DIE ALTE THEOLOGIE gebrauchte bisweilen den Begriff der »Kondeszendenz« Gottes. »descendere« ist Latein und heißt »herabsteigen«; »con« (»cum«) heißt »mit«, »zusammen«. Kondeszendenz meint, dass Gott herabkommt, um mit uns zusammen zu sein.

Der absteigende Gott Wer den Begriff gebraucht, denkt zuerst natürlich daran, dass Gott in Jesus zu den Menschen herabgekommen ist. Gott ist nicht oben in seiner göttlichen Welt geblieben, sondern nach unten in die wechselvolle Geschichte der Menschen hineingegangen. Wir können uns heute kaum noch vorstellen, wie anstößig das damals klang. Gewiss, es gab noch Menschen, die sich an den Göttersagen vergnügten mit einem Himmel voller Götter, die sich stritten, die sich vertrugen, die gegeneinander intrigierten, die sich paarten und bekämpften, die auch schon mal den Himmel verließen und nach unten unter die Menschen kamen, wie z.B. der Gott Zeus, der lüstern seine Finger nicht von schönen Frauen lassen konnte.

Aber die Nachdenklichen, die Gebildeteren, die philosophisch Geschulten gingen selbstverständlich davon aus, dass die wahre Gottheit in unveränderlicher Erhabenheit und Größe das ewige unwandelbare Sein repräsentierte. Sie konnten über die christliche Botschaft von Gottes Herabsteigen nur den Kopf schütteln. Ihnen war unbegreiflich, dass Gott herunterkommt. Wenn er kommt, dann ist er kein Gott. Denn Gottes ewiger Platz ist nach ihrer Sicht einzig im Himmel.

Gott sucht unten die, die unten sind Wohin aber kommt Gott? Was ist das Ziel dieses Abstiegs? Wen sucht der herabkommende Gott unten auf? Sind es die Menschen im Allgemeinen?

Nun, das wird in der Bibel mehrfach genauer eingegrenzt: Gott kommt speziell zu den Menschen, die ganz am Boden sind, um sie aufzuheben. (Psalm 113,6 »der den Geringen aufrichtet aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz«; 1. Samuel 2,8 »Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche«)

Bei Jesus ist das ein geradezu programmatisches Konzept des Handelns: Er sucht die Schwachen und Gefallenen auf. Darum finden wir ihn in »schmutziger Gesellschaft«, bei Zöllnern, Ehebrecherinnen, Kranken und Aussätzigen. Darin ist er wie ein guter Arzt, der die Kranken besucht und nicht die Gesunden. (Matthäus 9,12: »Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.«)

Wahrscheinlich haben Sie gedacht, als ich das erste Mal dieses schwierige Fremdwort »Kondeszendenz« erwähnte: »Ach, wie weltfern die Theologie mit ihren alten Begriffen doch ist!« Aber so trockene theoretische Begriffe wie Kondeszendenz können eine dynamische Wirkung auf uns haben, die Richtung unserer Lebensführung eventuell umdrehen, nämlich nach unten statt nach oben. Hat Paulus das begriffen, wenn er z. B. seine Gemeinde auffordert: »Haltet euch herunter zu den Geringen!« (Römer 12,16)?

Kondeszendenz Gottes ist so etwas wie das göttliche Gegenprogramm gegen unsere Ethik der Karriere und bremst uns deutlich in unserer Neigung, uns ausschließlich nach oben zu orientieren. Kondeszendenz: Das »Herabkommen Gottes« könnte ein grundlegendes Stichwort für Sozialpolitiker werden.

Gott steigt herab in unser Denken und Sprechen Kondeszendenz beschreibt nach der Meinung der alten Theologen vor allem das erstaunliche Faktum, dass wir von Gott, der so anders ist als wir, überhaupt mit unseren menschlichen Worten reden können. Gott geht ein in menschliche Worte und menschliche Rede, um sich uns verständlich zu machen.

Bei den Hebräern ist Hebräisch die Sprache Gottes. Für die Griechen spricht Gott griechisch. Latein ist nicht heiliger als die Sprache der Germanen, das Deutsch, als Kölsch oder Schwäbisch. Kein Wort in keiner Sprache ist umfassend geeignet, um zu sagen, wer Gott ist. Trotzdem bewegt sich Gott hinab in die menschliche Sprache mit ihren Worten und Vorstellungen, um überhaupt mit dem Menschen sprechen zu können. Wir reden von dem Gesicht Gottes, seinen Augen, seiner Nase, seinen Ohren, seinem Mund. Und wissen dabei ziemlich genau, dass unser Gott nicht wirklich ein Gesicht, Augen, Nase, Ohren und Mund hat. Aber wir dürfen die Bilder aus unserer Sprache benutzen, um mit ihnen anzudeuten, dass Gott Nähe zu uns Menschen sucht. Gott ist immer anders und mehr, als wir ausdrücken. Aber wir dürfen in vielen verschiedenen Bildern von ihm reden. Er kommt in unsere menschliche Bilderwelt hinein.

Dieses Phänomen wird uns wieder begegnen, wenn wir die ersten Christen bei ihrem schwierigen Bemühen begleiten, mit menschlichen Worten auszudrücken, wer der auferstandene Christus denn wirklich ist und was er wirklich für uns getan hat. Da probieren sie die Bilder, Vergleiche und Metaphern aus und hoffen damit wenigstens die Richtung anzuzeigen, in der man den auferstandenen Christus im Glauben verstehen kann. Manche Bilder von der Welt Gottes sind gut, manche sind schlecht. Ob das traditionelle Bild vom Sühnopfer Christi gut und geeignet ist, werden wir im Folgenden genau überlegen.

Der hochgelehrte Wissenschaftler versteht es eventuell, sehr komprimiert und abstrakt von den Dingen Gottes zu reden. Aber diese Gelehrtensprache ist der Wahrheit Gottes nicht näher als so schlichte Worte über Gott, die jeder verstehen kann: »Du bist bei mir!« (Psalm 23,4)

Es gibt Metaphern für Christus, denen man das nicht sofort ansieht (z. B. »Sohn Gottes«). Sie enthalten aber deswegen nicht größere Wahrheit als andere Bilder, die man sofort als Bilder erkennt (Johannes 15,5: »Ich bin der Weinstock.«). All unser Reden über Gott ist menschliches Reden.

Worte an andere weitergeben (übersetzen) Das heißt auch, ihren Inhalt zu verändern. Übersetzer können ein Lied davon singen, dass Übersetzen in eine andere Sprache manchmal so etwas wie die Übertragung in eine andere Welt bedeutet.

Lasen im Mittelalter die Christen ihre Bibel auf Latein, so wird den Gelehrten im 15. Jahrhundert bewusst, dass man doch die Bibel in ihrer Ursprache lesen sollte, wenn man sie denn wirklich verstehen will. Und Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, aber nicht aus dem gebräuchlichen Latein, das schon selber eine Übersetzung und Übertragung aus einer anderen Sprache war. Luther griff statt zur lateinischen Bibel zum Original, zum hebräischen Text des Alten Testaments und zum griechischen Text für das Neue Testament. Und dann hat er übersetzt, nein: übertragen, nicht kleinlich Wort für Wort, sondern genial Sinn für Sinn. Inzwischen hat man untersucht, wie der Glaube der ersten Christen auf palästinensischem Boden aus der orientalischhebräischaramäischen Welt in die griechische Welt übersetzt wurde. Das war nicht einfach.

Das Beispiel »Sohn Gottes« Was »Sohn Gottes« meint, ist für Christen doch ganz klar, möchte man meinen. Aber gerade dieser Begriff nimmt schon im Alten Testament eine hochinteressante Entwicklung. Wer in der orientalischen, also in der hebräischen und aramäischen Welt vom »Sohn Gottes« redete, dachte dabei an einen Menschen, der zum König gesalbt wurde (hebr. Messias = gr. christos = deutsch: der Gesalbte). Denn – so war die Vorstellung – bei diesem Festakt der Einsetzung eines neuen Königs wurde dieser neue König von Gott zum Gottessohn ernannt, also gewissermaßen per Adoption zu einem Sohn Gottes gemacht.

Viele sehen im Psalm 2 eine Liturgie der Ernennung des Königs und seiner Adoption zum Sohn Gottes. Mit dem Satz »Du bist mein Sohn« wurde dem neu gesalbten König durch die Priester die Gottessohnschaft zugesprochen.

(»Ich habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen Berg Zion. Kundtun will ich den Ratschluss des Herrn. Er hat zu mir gesagt: ›Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.‹« Psalm 2,7f.)

Adoption zum Sohn Gottes durch die Auferstehung Es gibt einen sehr frühen Text der ersten Christen, den Paulus in Römer 1,3–4 zitiert:

»Jesus Christus, unser Herr,

geboren aus dem Geschlecht Davids

nach dem Fleisch

und nach dem Geist, der heiligt,

eingesetzt als Sohn Gottes in Kraft

durch die Auferstehung von den Toten.«

Jesus als Mensch (»nach dem Fleisch«) ist Nachkomme des Königs Davids. (Die Jungfrauengeburt ist hier unbekannt.) Dieser Mensch wird durch die Auferstehung zum Sohn Gottes eingesetzt, »adoptiert«. Jesus, der Mensch, ist also seit Ostern Sohn Gottes.

Adoption zum Sohn Gottes bei der Taufe Der Evangelist Markus erzählt keine Weihnachtsgeschichte wie Lukas oder Matthäus. Er weiß nichts von einer wunderbaren Geburt Jesu. Aber er weiß, seit wann Jesus Gottes Sohn ist. Rechtzeitig zum Beginn seines Wirkens geschieht die Adoption zum Sohn Gottes. Diese Adoption vollzieht sich bei Markus am Jordan, bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer: Da sieht Jesus (er, nicht die anderen Leute!), dass sich der Himmel auftut. Er hört, wie eine Stimme, Gottes Stimme, vom Himmel spricht. Aber nur Jesus wird angeredet: »Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« (Markus 1,10f.)

Markus spricht hier zwar schon griechisch, aber seine Vorstellung vom Gottessohn ist noch orientalischaramäisch. Der Gottessohn ist der zum Gottessohn Adoptierte. In der von Paulus zitierten Strophe geschieht das bei der Auferstehung. Im Markusevangelium ereignet sich das bei der Taufe Jesu.

Sohn Gottes seit Beginn des irdischen Lebens Irgendwann, ziemlich rasch, kam das Evangelium in eine andere, die griechische Welt. Dort kannte man auch den Begriff »Sohn Gottes«, aber man verstand etwas ganz anderes darunter. Ein Sohn Gottes ist ein göttlicher Mensch (theios aner), eine Art Halbgott, z. B. einer, den Zeus im Beischlaf mit einer schönen Frau gezeugt hat. Der Mensch, der dann geboren wurde, war ein Gottessohn, ein Mensch mit wunderbaren Kräften.

Wenn die Menschen der griechischen Welt hörten: »Jesus ist der Sohn Gottes«, dann hätten sie das leicht in dem Schema der griechischen Mythologie missverstehen können: An der Zeugung waren eine Frau und ein Gott beteiligt, der ihr beiwohnte. Aber Jesus ist nicht entstanden wie die vielen Söhne des Zeus aus dem Beischlaf eines Gottes mit einer menschlichen Frau.

Diese Vorstellung war lästerlich bei den Anhängern Jesu Christi. Sie mussten neue Bilder und Geschichten finden, die dieses Missverständnis ausschlossen. Hier half entscheidend die Vorstellung von der Jungfrauengeburt.

Dieser Jesus ist Sohn Gottes nicht durch den Beischlaf Gottes mit Maria, sondern er ist auf andere, auf wunderbare und geheimnisvolle Weise entstanden. Die Geburtslegenden Lukas 1f. und Matthäus 1f. erzählen davon.

»Das Wort ward Fleisch« Das späteste der vier Evangelien, das Johannesevangelium, geht noch weiter zurück mit dem Anfang Jesu. Bei ihm ist Jesus das Wort (logos), dessen Leben nicht durch eine wunderbare Geburt beginnt, sondern das von Ewigkeit her bei Gott ist und von Gott heruntersteigt (Johannes 1) und »Fleisch« wird. Auch diese neue Sicht des Johannes ist als das Ergebnis einer Übersetzung in die Vorstellungswelt eines ganz bestimmten Menschenkreises zu erklären.

Es hat im Verlauf der Geschichte der Kirche viele solche Übersetzungen und Veränderungen gegeben. Ich habe großen Respekt vor der intellektuellen und theologischen Leistung, mit der das Evangelium aus der orientalischen Welt in die griechische, dann in die lateinische und germanische Welt übersetzt wurde, so dass es bei uns in unserer Sprache gehört werden kann.

3. Das zweite Fremdwort in dieser Sache: »Inkulturation«

ES WIRD HEUTE häufiger ein anderer Ausdruck gebraucht, der etwas ganz Ähnliches bezeichnet: Inkulturation. Man kann sich das leicht selbst übersetzen: Inkulturation ist das Hineinwachsen des Evangeliums in die Kultur der jeweiligen Zeit oder Gesellschaft, um dort richtig anzukommen und zuhause zu sein. Bei der Inkulturation in unsere Zeit ergeben sich ganz spezifische Probleme. Rudolf Bultmann hat das in den inzwischen klassisch gewordenen Satz gekleidet: »Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geisterund Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.« Natürlich gibt es Christen, die das versuchen. Aber viele können das nicht, weil sie nicht mit gespaltenem Bewusstsein leben wollen. Sie brauchen die Inkulturation in unsere Zeit.

Vieles verstehen wir heute anders Misstrauische Menschen sehen in der Inkulturation den Versuch, sich an den Zeitgeist anzupassen. Sie spotten: Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, ist bald Witwer! Manche sehen darin eine unglaubliche Arroganz des heutigen Menschen, klüger sein zu wollen als die Früheren. Aber dass Inkulturation notwendig ist, müsste jedem einleuchten – schon allein deshalb, weil im Verlauf der Jahrhunderte bestimmte Erkenntnisse gewonnen wurden, die sich auf den Glauben auswirken.

Wir wissen heute: Die Erde ist keine Scheibe. Die Erde ist nicht die Mitte der Welt. Adam und Eva waren nicht das erste Menschenpaar.

Wo ist der Himmel Gottes? Früher, als man die Welt für eine Art mehrstöckiges Haus hielt mit dem Totenreich unter der Erdscheibe und dem Himmel über ihr, konnte man klar sagen: Die Hölle (= Totenreich) ist unten, der Himmel ist oben. Viele haben sich die Himmelfahrt Christi als eine Bewegung nach oben vorgestellt.

Aber jetzt, da wir wissen, dass die Erde eine Kugel und das Weltall unendlich weit ist, muss man eine neue Antwort finden auf die Frage: Wo ist der Himmel Gottes? Und diese Antwort zu finden ist die Aufgabe der Inkulturation. Oder man kann sich Gott als Schöpfer nicht mehr so vorstellen, wie er in 1. Mose 2 beschrieben wird, als eine Art Töpfer, der den Menschen aus einem Erdenkloß formt. Auch nicht so, wie er sonst in unserer Religion oft gesehen wird, als der, der liebevoll alles, was ist, selbst erschaffen hat. Die Evolutionstheorie als eine zeitgemäße Vorstellung von der Entwicklung der Natur zwingt uns, anders von Gott dem Schöpfer und von der Natur als Schöpfung zu reden.

Dabei kann man durchaus zu verschiedenen Ergebnissen kommen. So gibt es Christen, die die Evolutionstheorie nicht akzeptieren, sondern gegen sie eine eigene, scheinbar christliche Lehre aufbauen. Sie behaupten: Es gibt einen »Designer«, der hier und da und überhaupt grundsätzlich alle Entwicklung bestimmt hat.

Wenn ich dagegen mit anderen sage: Die Natur hat sich von selbst entwickelt, aber Gott hat ihr seinen EhrenTitel »Schöpfung« verliehen und uns zu den hoffentlich gewissenhaften Verwaltern dieser Schöpfung gemacht; und wenn ich weitersage: Wir Menschen haben tatsächlich mit den Affen gemeinsame Vorfahren, aber Gott hat uns (anders als die Affen) als seine Kinder »adoptiert« und uns unverlierbare Menschenwürde verliehen – dann sind unsere Standpunkte zwar grundverschieden, aber eines haben sie gemeinsam: Sie sind Inkulturation in die heutige Zeit.

Um Inkulturation kommt keiner herum, auch nicht derjenige, der sich mit allen Kräften gegen die historischkritische Methode wehrt und dagegen die Lehre von der wortwörtlichen Eingabe der ganzen Bibel durch Gott aufrechterhält, so dass er darüber im Extremfall zum gefährlichen Fundamentalisten wird. Das ist auch Inkulturation, anders allerdings als bei demjenigen, der sich von der historischen Forschung, helfen lässt, die Bibel als etwas historisch Gewachsenes besser zu verstehen.

»Wie war es denn wirklich?« Mir erscheint als ein wesentliches Merkmal der Neuzeit, dass immer sofort die Frage lauert: Wie ist das denn wirklich gewesen damals? Was haben der und die denn wirklich gesagt?

Wir fragen nicht immer so kritisch. Wenn ein Künstler ein Bild malt, etwa von der Geburt Jesu, und den Personen seines Bildes die Kleidung aus seiner eigenen Zeit gibt, kämen wir nie auf den Gedanken zu sagen: »Er lügt! Das war ja in Wirklichkeit ganz anders!«

Sondern wir erkennen, dass der Künstler das Wunder der Weihnacht ganz bewusst in seine Zeit transportiert. Wir erlauben ihm die historische Inkorrektheit. Die Wahrheit in der Kunst ist eben etwas anderes als die Richtigkeit der Darstellung.

Auch in Romanen dürfen Dinge so erzählt werden, wie sie nie passiert sind. Wir verstehen sofort, dass hier die Wahrheit keine historische Wahrheit ist, sondern vielleicht eine gedankliche Wahrheit, für die der Schriftsteller uns mit seinem ausgedachten Text die Augen öffnen will.

Aber bei anderen Texten wie bei denen der Bibel ist immer die Frage lebendig: Ist das so passiert? Wie hat sich das abgespielt? Wie ist der Bericht darüber entstanden? Denn man weiß, dass hier von Vergangenem geredet wird, das ja für die Gegenwart bedeutsam sein soll. Und darum wird die Bibel, weil sie so wichtig ist, von den Forschern besonders genau untersucht. Ich verstehe, dass für manchen die Ergebnisse nicht einfach zu akzeptieren sind:

 −Es gibt zwei Schöpfungsgeschichten, die sich widersprechen.

 −Die Bücher Mose sind nicht von Moses geschrieben.

 −Die »Richter« haben nichts mit der Justiz zu tun.

 −Die Geschichte von Jona und dem Wal ist eine Novelle.

 −Keiner der vier Evangelisten kannte Jesus persönlich.

 −Der Paulusbrief an die Kolosser ist wahrscheinlich gar nicht von Paulus.

 −Die Bergpredigt ist keine Predigt, sondern ist eine Sammlung von Sprüchen.

Trotzdem ist das geradezu unser Schicksal, an solcher historischen Arbeit nicht vorbeigehen zu können. Diese Erkenntnisse aufzunehmen ist ein Stück Inkulturation heute.

Trinitätslehre: eine Inkulturation in griechisches Denken Als der christliche Glaube die Welt der griechischen Religionen und Philosophien erreichte, mussten die Christen ihren Glauben gegenüber kritischen, neugierigen und spöttischen Fragen rechtfertigen. »Was, ihr habt drei Götter, Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist? Wer sind diese drei? Was haben sie miteinander zu tun? Sind sie etwa drei Götter? Oder wer von ihnen ist der Gott?«

Da gerieten die Christen in Erklärungsnot. Bei ihnen selbst waren ja auch schon solche Fragen laut geworden. Sie nahmen die gedankliche Herausforderung an und versuchten zu klären, was zu klären war. Dazu mussten sie sich der Sprache und der Begriffe der griechischen Philosophie bedienen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche hat man darüber lebhaft und leidenschaftlich diskutiert, zum Teil auf höchstem Niveau. Konzilien wurden einberufen. Dabei ging es allerdings nicht immer ordentlich zu. Vor allem der Kaiser spielte seine Macht aus. Unter solchen nicht immer idealen Umständen entwickelten sie die altkirchliche Trinitätslehre, eine großartige Leistung der Inkulturation in das griechische Denken.

Aber nur kurze Zeit und für wenige in den Gemeinden war das Ergebnis das, was es sein wollte: wirklich verständlich. Für die Christen im lateinischen Sprachraum, also im Westen des Mittelmeerraums, war das von Anfang an schwierig zu verstehen. Denn auf dem Konzil zu Nicäa im Jahr 325, zu dem der Kaiser Konstantin eingeladen hatte, um die Fragen der Trinität zu klären, waren unter den 250 Bischöfen nur 5 Bischöfe aus dem Westen, dem lateinischen Sprachraum. Die Trinitätslehre ist eben eine Inkulturation in das griechische Denken. Schon das römische Denken hatte seine besondere Mühe bei der Übertragung.

Immer schwerer hatten es die Menschen, den tiefen Gedanken zu folgen. Heute muss man schon hochgescheiter AltHistoriker oder Kirchengeschichtler sein, um dieses Dogma und seine theologischen Feinheiten zu verstehen.

Ich vermute, dass wegen dieser Verstehensschwierigkeiten die Trinitätslehre zunehmend als »geoffenbartes Mysterium« verkauft wurde, das man nicht verstehen kann, sondern letztlich glauben und anbeten muss. Leider, denn vermutlich hat die Ehrfurcht vor dieser alten Lehre verhindert, die Trinitätslehre zu aktualisieren. Das aber wäre dringend nötig, weil heute ganz neue Fragen gestellt werden und eine neue Inkulturation nötig wäre.

Die »Regensburger Rede« von Papst Benedikt XVI. Doch das Bemühen um solche Inkulturation in unser gegenwärtiges Denken prallt auf viel Widerstand, so auch bei Papst Benedikt XVI. Mit seiner berühmten Regensburger Rede, die er am 12. September 2006 in der Aula Magna der Universität Regensburg gehalten hat, machte er zwar vor allem wegen seiner Äußerungen zum Islam Furore. Aber nachdem der Rauch dieses Feuers verweht ist, lohnt es sich, den Blick auf den eigentlichen Inhalt dieser Rede zu werfen.

Benedikt preist zunächst die Inkulturation in der frühen Christenheit, die er als ein wunderbares Zusammenkommen von hebräischaramäischem Denken und griechischer Philosophie der Vernunft zu einer harmonischen Synthese ansieht. Der biblische Glaube sei dem Besten des griechischen Denkens von innen her entgegengegangen. Dieses innere AufeinanderZugehen von biblischem Glauben und griechischem philosophischem Denken ist für Benedikt XVI. nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich ein entscheidender Vorgang, der uns auch heute in die Pflicht nehme. Die Ergebnisse haben so geradezu Offenbarungscharakter.

Danach, so beklagt er, seien immer wieder Versuche gestartet worden, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und das Christentum von den griechischen Elementen zu reinigen. Man wolle sich dabei das Recht nehmen, hinter die Inkulturation in das Griechische zurückzugehen und auf die einfache Botschaft des Neuen Testaments zurückzugreifen, um diese Botschaft dann in ihre gegenwärtigen Zusammenhänge jeweils neu zu inkulturieren. Angesichts der Begegnung mit der Vielheit der Kulturen sage man heute gern, die Synthese mit dem Griechentum, die sich in der alten Kirche vollzogen habe, sei nur eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, die Inkulturation in andere Kulturen müsse folgen. Dies aber lehnt Benedikt strikt ab.

Kein Wunder, dass Benedikt zur Inkulturation des Evangeliums in der Gestalt der Befreiungstheologie Südamerikas oder zur feministischen Theologie keinen Zugang hat. Aber es ist eine Selbsttäuschung, ohne Inkulturation auskommen zu können. Wer heute nur dasselbe sagt, was man früher gesagt hat, sagt heute etwas anderes, als früher gesagt wurde – weil es heute anders verstanden wird als früher. Darum bedarf es der Inkulturation als einer Übersetzung und Übertragung aus früher Zeit in die Gegenwart.

Wenn wir uns mit der Frage des Sühnopferdenkens heute beschäftigen, werden wir uns – ob wir ihr zustimmen oder sie ablehnen – in einem Prozess der Inkulturation befinden, weil wir sie notgedrungen nicht so hören wie die Menschen damals im Mittelalter, für die Anselm von Canterbury seine Theologie formuliert hat.

Inkulturation bei den Germanen Die germanischen Volksgruppen, die sich im Zuge der Völkerwanderung nördlich der Alpen niedergelassen hatten, dachten anders über Gott und die Welt als die Griechen und Römer. Beim Überschreiten der Alpen kam das Evangelium aus der griechischen und lateinischen Welt in den germanischen Raum und musste neu inkulturiert werden.

Germanisches Denken blieb viele Jahrhunderte lebendig. Die profilierteste Fassung der Sühnopfertheologie, nämlich die des Anselm von Canterbury, ist nicht ohne das germanische Denken zu verstehen. Sie ist eine Inkulturationsleistung hervorragender Art. Sie ist aber nicht der erste und einzige Versuch, das Evangelium in die germanische Welt zu inkulturieren.

Der »Heliand« Die Sachsen waren durch Karl den Großen christianisiert, zwangschristianisiert worden. Die Herzen der Sachsen blieben dem Christentum fern. Der christliche Glaube war aufgepresst, nicht inkulturiert. Heimlich erzählte man sich die alten germanischen Heldensagen und praktizierte vorchristliche Bräuche.

Man weiß nicht, wer dann den interessanten Auftrag gab, hier eine Wende herbeizuführen. War es der König, waren es Bischöfe? Man weiß auch nicht, wer diesen Auftrag bekam und ausführte. Spuren weisen auf das Kloster in Fulda hin. Gegen 830 n. Chr. machte sich dort ein Unbekannter, wohl ein hochgebildeter Mönch, ans Werk, ein christliches Heldenepos zu verfassen, das neben den germanischen Heldensagen bestehen könnte. Dieses »Heliand« genannte Epos schrieb er in germanischem Stabreim. Das Evangelium wurde nacherzählt, aber ganz typisch verändert und für germanische Ohren passend gemacht. Christus war ein Volkskönig, ein Heerführer und erhabener Fürst. Die Jünger waren die Gefolgsleute, die mit ihm eine Genossenschaft bildeten und ihm durch germanisches Treueund Schwurverhältnis verbunden waren. Sie waren tapfere Kämpfer von edler Abstammung, nicht wie in der Bibel Menschen aus den unteren Volksschichten.

Feindesliebe? Dieses Gebot Jesu wird im »Heliand« unterschlagen. Germanen hätten das nicht verstanden. Es fehlt auch die Szene, in der Christus dazu auffordert, bei einem Schlag auf die rechte Wange auch die linke darzubieten. Das war nichts für heldensüchtige kampfbereite Germanen. Den Eselsritt des Königs Jesus nach Jerusalem musste man streichen: Ein König reitet doch nicht auf einem Esel!

Die Hirten auf dem Felde waren keine Schafshüter, sondern bewachten Pferde. Biblische Städte wurden zu Burgen gemacht und die Wüste Juda zum deutschen Urwald. Die Bergpredigt war ein Thing des Volkskönigs, die Hochzeit zu Kana ein germanisches Metgelage.

Ein spannender Kampf musste her, ein Zweikampf. So wird der Kampf des Petrus mit Malchus, dem Knecht, ausführlich und spannend mit 15 Langversen erzählt. Die Bibel kommt mit einem Vers aus.

Dass Petrus die Treue zu Jesus bricht, ist für germanisches Gefolgschaftsdenken das schlimmste Vergehen, die übelste Kränkung des Heerführers und Vasallenherrn Jesus. Der »Heliand« nimmt darauf Rücksicht und entschuldigt den Treuebruch und macht ihn so klein wie möglich.

Grundzüge dieses germanischen Denkens blieben Jahrhunderte hindurch lebendig: Gott erwartet Vasallentreue. Wird seine Ehre verletzt, kann Gott nicht mild und barmherzig sein, sondern muss Gerechtigkeit walten lassen. Nur durch Buße und Sühne (ein Wort, das in dieser Zeit entsteht!) kann die Vasallenordnung wieder hergestellt werden. Dieses germanische Rechtsempfinden saß tief in den Menschen der folgenden Jahrhunderte. Jeder Versuch der Inkulturation musste diesem germanischen Grundgefühl gerecht werden.

Die Logik des Berengar Dazu kam im Mittelalter ein elementares Bedürfnis, die Geheimnisse des Glaubens zu verstehen, vernünftig zu durchdenken und in ihrer Logik zu erklären. Aber Logik allein genügte nicht, um erfolgreich zu inkulturieren.

Das musste Berengar von Tours (gestorben um 1088) erfahren. Er wollte mit Logik und Vernunft den Glauben erklären. Er sagte: »Ich verlasse die Worte der Väter und der Tradition nicht. Aber wenn die Dialektik, die Logik, die Vernunft die Wahrheit klarer erkennen lassen, so will ich lieber die Autorität der Tradition und der Väter beschneiden als die Vernunft. Denn in unserer Vernunft besteht die Gottebenbildlichkeit.« Diesen Grundsatz wandte er auf das Abendmahl an. Er konnte es mit seiner Logik nicht einsehen, dass sich das Brot auf dem Altar beim Abendmahl in das Fleisch des gekreuzigten und erhöhten Herrn verwandelt. Eine solche Verwandlung würde voraussetzen, dass das Brot zu existieren aufhört und das Fleisch zu existieren anfängt, was aber nicht sein kann, weil das Fleisch unseres Herrn bereits seit seiner Auferstehung im Himmel ist.

Aber trotz aller Logik der Argumentation wurde Berengar kräftig widersprochen und bekämpft. Ist Gott nicht allmächtig, so dass er das Unmögliche und Unlogische tun kann? So wie er Steine in Brot verwandeln kann? Schließlich wurde Berengar vor den Papst geschleppt und musste das Bekenntnis unterschreiben, dass das Brot auf dem Altar der Leib Christi sei und sinnfällig durch die Zähne der Gläubigen zermalmt werde. Es war riskant, seine Vernunft zu gebrauchen, die Logik der Dialektik einzusetzen, wenn man dabei die religiöse Praxis und Tradition verletzte. Wer in der Inkulturation erfolgreich sein wollte, musste eben drei Dinge gleichzeitig tun:

1 dem germanischen Weltgefühl entsprechen;

2 logisch argumentieren;

3 die Tradition und Frömmigkeitspraxis nicht verletzen, sondern bestätigen.

Der, dem das besonders gut gelang, ist Anselm von Canterbury. Er hat eine überaus erfolgreiche Theologie entwickelt, die das fromme Denken der folgenden Jahrhunderte bestimmt hat. Er ist schuld daran, dass wir bis heute die Frage stellen: »Braucht Gott das Sühnopfer Jesu?« und eifrig darüber diskutieren.

Anselm von Canterbury Es überrascht mich immer wieder, wie international die Lebensläufe großer Menschen des Mittelalters waren. Konnten sie deshalb so umfassende Theorien entwickeln, weil sie auch geographisch mit einem weiten Horizont dachten und lebten?

Anselm wird 1033 in Aosta (Italien) geboren. Mit 23 Jahren tritt Anselm in ein französisches Benediktinerkloster ein. Er wird Abt. Dann wird er zum Erzbischof von Canterbury berufen. Wegen politischer Auseinandersetzungen (Investiturstreit) muss er zweimal für längere Zeit aufs Festland fliehen. Er stirbt 1109. 1494 wird er heilig gesprochen und 1720 von Clemens XI. zum »doctor ecclesiae«, zum »Lehrer der Kirche«, ernannt, also 600 Jahre nach seinem Tod. Schon daraus kann man die lang anhaltende Bedeutung dieses großen Theologen erkennen.

Uns interessiert hier seine Lehre, mit der er dem Tod Jesu die wichtige sühnende Funktion gibt. In seiner Schrift »Cur Deus homo?« (Warum wurde Gott Mensch?) entwickelt er diese Gedanken, in denen man deutlich germanische Prinzipien wiedererkennt: Der Mensch hat durch seine Sünde die Ehre Gottes verletzt. Nun darf Gott nicht mild und barmherzig reagieren. Einfach durch Barmherzigkeit die Schuld niederzuschlagen, ziemt sich nicht.

Wie der germanische Lehnsherr von seinem Vasallen zwingend Genugtuung, Satisfaktion verlangt, also Wiedergutmachung, so verlangt auch Gott vom Sünder Satisfaktion. Schuld muss gesühnt werden, Gott kann nicht verzeihen ohne Satisfaktion. Alle Sünde verlangt Bestrafung und Genugtuung. Nur so kann die Gerechtigkeit, der höchste Wert, wiederhergestellt werden.

Wer aber kann diese Genugtuung leisten? Der Mensch? Natürlich nicht. Denn selbst wenn er gerecht wäre und nur gute Werke täte, brächte er Gott nur das entgegen, was er ihm ohnehin schuldet. Nur einer, der größer ist als der Mensch, nur Gott selbst, kann Genugtuung leisten. Aber da Menschen die Ehre Gottes verletzt haben, muss dieser eine nicht nur Gott sein, sondern auch Mensch.

Darum gibt einen logischen Ausweg: Gott selbst wird Mensch. Nur der Gottmensch, der ohne Sünde ist, kann die Ehre Gottes wiederherstellen, indem er den Tod auf sich nimmt als das Strafleiden, das er nie verdient hat, weil er ohne Sünde war, aber das er stellvertretend für uns erleidet.

Der Tod Jesu ist die Entschädigung Gottes für die Sünden der Menschen, weil Jesus Gott nur ein sündloses Leben schuldet, nicht aber den Tod. Der Sühnetod Jesu ist die logische Notwendigkeit zur Wiederherstellung der Ehre Gottes und zur Erlösung der Sünder. Durch das Blut Jesu, das vergossen wird, erfährt der gekränkte Gott die Genugtuung. Jesu SelbstOpferTod hat den Menschen Heil und Seligkeit verschafft.

Natürlich ist auch das nur ein logisches Konstrukt, eine gute Interpretation unter vielen anderen. Aber es kommt daher in der Gestalt eines Dogmas, im Gewand der Wahrheit: »So ist die Wahrheit«. Und diese Lehre findet Akzeptanz. Sie leuchtete ein: Weil sie germanisch war, weil sie logisch war, weil sie der Bibel und der kirchlichen Tradition vom Tod Christi wunderbar zu entsprechen schien und viele Stellen der Bibel sich von daher gut erklären ließen.

Anselm auch bei Protestanten Diese Lehre ist unglaublich wirksam gewesen. Sie hat auch die Reformatoren beeinflusst. Schlagen wir die lutherische »Confessio Augustana« auf, dann lesen wir dort über Jesu Leiden und Sterben, »dass er ein Opfer wäre nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle andere Sünde und Gottes Zorn versöhnt«.

Und lernen reformierte Christen den Heidelberger Katechismus auswendig, dann haben sie bei der Frage 37 (»Was verstehst du unter dem Wörtchen ›gelitten‹?«) aufzusagen: »Daß er an Leib und Seele die ganze Zeit seines Lebens auf der Erde, besonders aber an dessen Ende, den Zorn Gottes gegen die Sünde des ganzen Menschengeschlechts getragen hat […], um mit seinem Leiden als dem einmaligen Sühnopfer […] unseren Leib und unsere Seele von der ewigen Verdammnis zu erlösen und uns Gottes Gnade, Gerechtigkeit und ewiges Leben zu erwerben.«

Auch in zahllosen Gesangbuchliedern lebt diese Theologie weiter. Wenn im Gottesdienst die Nummer 102,2 angeschlagen ist, dann singt die Gemeinde mit Luther aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG):

»Der ohn Sünden war geborn,

trug für uns Gottes Zorn,

hat uns versöhnet,

dass Gott uns sein Huld gönnet.

Kyrie eleison. «

Zu Weihnachten hört man bisweilen den Kehrvers aus dem Lied EG 29: »Gottes Sohn ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn.«

Aber Gottesdienstbesuchern fällt doch auf, dass solche Lieder, in denen die Opfertheologie sehr deutlich vorkommt, in denen gar vom Zorn Gottes die Rede ist, der versöhnt werden muss, nur sehr selten gesungen werden. Deutet sich da etwa eine neue Inkulturation an, eine Inkulturation weg von der mittelalterlichen Sühnopfertheologie?

Kritik kommt auf Wie wenig diese Lehre zu anderen Sätzen und Botschaften der Bibel und der Tradition passte, wurde zunächst nicht wahrgenommen. Trotzdem wurden seit der Aufklärung bis heute Vorwürfe und Einwände gegen Anselms Lehre immer lauter, die ich gut nachvollziehen kann. Hier nenne ich einige mir wichtige Punkte:

1 »Gott ist Liebe« – das ist doch die Botschaft des Evangeliums! Wie kann aber die Kränkung der Ehre Gottes und sein Zorn darüber das Motiv für die Menschwerdung Jesu sein statt der Liebe Gottes? Jesu Leben verdankt sich nicht unserer Sünde, nicht Gottes Gekränktsein, sondern allein der Liebe Gottes zu seiner Menschheit.

2 Wo bleibt bei Anselm die Freiheit Gottes? In dieser Theologie ist Gottes Liebe nicht der oberste Wert, sondern die Liebe steht unter dem Zwang der Gerechtigkeit. Bei Anselm darf – entsprechend dem germanischen Denken – Gott nicht einfach vergeben, nicht einfach aus Liebe handeln. Er muss vielmehr die Gerechtigkeit durchsetzen. Da ist Gott sehr unfrei.

3 Die Bibel verabscheut Menschenopfer. Mit Schaudern beobachtet das Alte Testament, dass andere Völker Kinder opfern oder sie z. B. töten, um ihre Leichen in neue StadtmauerBefestigungen einzumauern. Wenn aber Gott seinen Sohn opferte, täte er nicht vergleichbar Schauerliches? Dass Gott seinen Sohn benutzt als Opfer, ist eine absurde Vorstellung. Noch absurder ist es, gerade darin den Beweis für die unendliche Liebe Gottes erkennen zu wollen. Es ist in der biblischen Tradition undenkbar, dass Gott seinen Sohn tötet. Nietzsche hat das erkannt und sagt in den »Aphorismen« (41): »Das Schuldopfer, und zwar in seiner widerlichsten, barbarischsten Form, das Opfer des Unschuldigen für die Sünden der Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum!«

4 Stellvertretung ist ein Grundmotiv dieser Satisfaktionslehre. Stellvertretendes Handeln gibt es überall zwischen uns Menschen. Ohne Bereitschaft, stellvertretend zu handeln, kann unser Miteinanderleben nicht gelingen, kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Aber kann es eine Stellvertretung in Fragen der Schuld geben? In einer magisch denkenden Zeit konnte Schuld einfach übertragen werden, zum Beispiel durch den Priester auf ein Tier. Aber wo in personalen Kategorien gedacht wird – der Mensch als verantwortliche Persönlichkeit –, ist der Gedanke der Stellvertretung in Fragen der Schuld nicht nachzuvollziehen. Eine Person kann nicht statt der anderen Schuld übernehmen.

5 Der Spitzensatz der Menschenrechte, der in Verfassungen zu finden ist, lautet: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Für die Kirchen ist dies eine gute Beschreibung dessen, was den Menschen auszeichnet. Aber damit ist unvereinbar, wenn man Gott seinem Mensch gewordenen Sohn den Kreuzestod antun lässt.

6 Das ganze Christentum wird auf das SündeSühneSchema konzentriert. Dieser Sündenmonismus ist nicht biblisch. Nur in dieser Kategorie »Sünde« zu denken, ist eine Verarmung gegenüber der biblischen Botschaft. Alles wird hier aufs Sterben Jesu bezogen. Das Leben Jesu spielt für diese Theologie kaum eine Rolle. Die Auferstehung ist auch Nebensache. Denn das Sterben Jesu ist das Heilsgeschehen.

7 Aus Liebe übt Gott Gewalt. Aus Liebe lässt er töten. In diesem Gottesbild verbinden sich Liebe und Gewalt. Es ist ein Gottesbild, das die Gewalttätigkeit der Christen und Kirchen in ihrer Geschichte gefördert hat. Es gibt den »heiligen Zorn«, die Quelle von Gewalttätigkeit. Dieses Gottesbild zwischen Liebe und gewalttätigem Zorn gibt der Praxis der Gewaltausübung wie in den Kreuzzügen starken Rückenwind, wie Untersuchungen deutlich gemacht haben. Man hat festgestellt, dass dieses Gottesbild sich sehr leicht mit »schwarzer Pädagogik« verbündet: Die Bosheit von Kindern muss aus Liebe mit Gewalt (Prügelstrafe) von Anfang an ausgetrieben werden. Der Stock, mit dem der Pädagoge zuschlägt, ist Zeichen der Liebe.

8 Was bildet sich der Mensch eigentlich ein, wer er ist? Er ist so eitel und selbstverliebt, dass für seine Sünden das Äußerste geschehen muss: Gott opfert seinen Sohn. Welch ein Narzissmus! Das Beste ist für unsere Fehler gerade gut genug. Der Sohn Gottes muss es schon sein. Ganz anders verhält es sich in der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschen bauen einen riesigen Turm, der bis in den Himmel reichen soll. Die Bibel erzählt mit dem ihr eigenen Humor: Gott kann es von da oben gar nicht richtig wahrnehmen. Gott muss heruntersteigen, um zu sehen, welchen kümmerlichen Turm sie bauen: »Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm« (1. Mose 11)

9 Und hier der Grundfehler: Bei Anselm ist Gott der Empfänger der Versöhnung. Gott muss versöhnt werden, damit er nicht mehr zürnt. Aber in der Bibel wird immer nur der Mensch versöhnt. (2. Korinther 5,19 »Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber.«) Nicht Gott ist der Empfänger dieser Opfertat, sondern der Mensch empfängt das Geschenk der Versöhnung.

»Anselm light« Dieser letzte Gedanke hat sich inzwischen weit verbreitet. Nicht Gott muss versöhnt werden – wir müssen versöhnt werden. Gott schenkt die Versöhnung. Er ist das Subjekt, nicht das Objekt der Versöhnung. Mit dieser Einsicht grenzen sich viele von Anselm ab. Aber dann lehren sie eine Theologie, die ich hier »Anselm light« nennen möchte. Anselms Lehre ist nur ein ganz klein wenig verändert, alles andere bleibt.

Gott will uns versöhnen, aber er kann uns nicht einfach durch Vergeben aus seiner Güte versöhnen. Nein, die Sünde muss gesühnt werden. Und das geht auch hier nur durch ein Opfer, ein Blutopfer. Wie bei Anselm: Gottes große Liebe zeigt sich darin, dass er seinen Sohn am Kreuz töten lässt. Auch hier: Gewalt und Liebe sind in Gott fest verbunden.

Aber warum braucht es denn ein Blutopfer? Kann Gott nicht versöhnen ohne Blut und Tötung? Welchem Sühnegesetz wird hier Gottes Güte unterworfen? Kann ich nicht glauben, dass Gottes Liebe so stark, kreativ und kräftig ist, dass sie Neues setzen, Versöhnung schaffen kann, ohne dass entsprechend archaischen Strafund Rachegesetzen Blut fließen muss? Was für ein Gott wird uns da vor Augen gestellt?

Alle oben aufgeführten Anfragen an Anselms Theorie bleiben auch bei dieser etwas veränderten Form seiner Sühnopfertheologie, auch bei »Anselm light«.

4. Zurück zu Jesus!

WENN WIR WISSEN WOLLEN, wie das Reden von einem Sühnopfer Jesu eigentlich entstehen konnte, fangen wir sinnvollerweise ganz vorne an. Allerdings starten wir nicht bei Adam und Eva, obwohl Adam später in diesem Buch noch eine wichtige Rolle spielen wird. Wir fangen bei Jesus von Nazareth an und übergehen zunächst die Tatsache, dass die alte Heilige Schrift der Juden und ihre Tradition für Jesus eine ganz wichtige und grundlegende Vorgeschichte ist, ohne die man den Juden Jesus kaum verstehen kann.

Wenn wir nun im Neuen Testament nach dem Schriftsteller suchen, der zeitlich am nächsten an die Lebensdaten Jesu (gestorben um 30) heranreicht, um möglichst viel Authentisches aus dem Leben Jesu zu hören, kommen wir zu Paulus. Seine Wirkungszeit liegt zwischen ca. 35 und 60 n. Chr. Aber leider hilft der uns überhaupt nicht. Denn von Jesus scheint er kaum mehr gewusst zu haben, als dass er gekreuzigt worden und vom Tode auferstanden ist. Paulus sieht nur den Jesus am Kreuz und den Auferstandenen. Aber von dem Menschen Jesus, der über die staubigen Straßen Palästinas wanderte, vor Menschenmengen redete, Wunder tat und Streitgespräche führte und in der Einsamkeit der Berge das Gebet suchte, erzählt er nichts. Hat er das nicht gewusst? War ihm das gegenüber Kreuz und Auferstehung unwichtig?

Sein Schweigen darüber ist umso unerklärlicher, weil in den Christengemeinden gleichzeitig an vielen Stellen erzählt wurde, wie Jesu gewesen war, was er gesagt, was er getan und wie er gelebt hatte.

Danke, Evangelisten! Warum haben die Männer, die später Evangelisten genannt werden, ihre Evangelien abgefasst? Wollten sie mit ihnen etwas dagegen tun, dass nur die Paulusbriefe den Glauben der Christen bestimmten und nicht all das Großartige, Verwunderliche und Hilfreiche, was es aus dem Leben Jesu zu erzählen gab? Jedenfalls haben sie das Material zum Leben Jesu systematisch gesammelt und zusammengestellt. Als Markus, der erste in dieser Reihe, mit seiner Sammeltätigkeit anfing, war Jesus bereits ca. 40 Jahre tot. Das ist eine lange Zeit, und dieser zeitliche Abstand hat Folgen.

Manches Gleichnis Jesu war in den christlichen Gottesdiensten oft nacherzählt, aber dabei immer wieder von den Predigern aktualisiert worden. Manches bekam neue Akzente, so dass es zu den Fragen der Zeit passte. Ich kann mir gut denken, wie ein Prediger sagt: »Jesus will nun von uns, dass wir …«. Und mag sein, dass einer der Zuhörer dies wörtlich verstand und dann seinerseits als einen Ausspruch Jesu weitergab: »So spricht Christus: …«.

Jedenfalls änderten sich die Geschichten und Worte durch das Weitergeben. Vor allem wurden sie im Nachhinein erzählt, als man wusste, dass Jesus gekreuzigt und auferstanden war. Dieses Wissen ist in ganz viele Überlieferungen direkt oder indirekt hineingeflossen.

Die Evangelisten waren gewissenhafte Sammler, aber keine Wissenschaftler. Sie gingen an die vorgefundenen Stoffe nicht wie moderne Historiker heran, sondern wie Sammler, die jedes Mal meinten, eine besondere Kostbarkeit gefunden zu haben. Aber sie waren auch Theologen. Durch ihre redaktionelle Arbeit beim Zusammenstellen der Texte, durch die Ordnung und Reihung, durch Überleitungen von einer Geschichte zur anderen und auch durch behutsames Weglassen oder Einfügen von einzelnen Wörtern versuchten sie den Sinn zu erschließen, so wie sie ihn für ihre Zeit und ihre Umgebung verstanden.

Jeder der vier Evangelisten war ein eigener Mensch mit einem durch Herkunft und Umgebung geprägten Glauben. Darum haben wir vier wirklich verschiedene Evangelien. Niemanden kann es verwundern, dass durch all dies hindurch ein streng historisch erkennbarer Jesus ganz schwer zu ermitteln ist. Natürlich gibt es Einzelnes, von dem man mit gutem Recht sagen kann: Das ist historisch ganz echt. Aber meistens weiß man es nicht. Es ist nicht schlecht, wenn sich Forscher bemühen, den historischen Jesus herauszuarbeiten. Aber ganz viel authentische Worte bekommen sie da nicht. Der historische, der echte und wirkliche Christus steckt jedoch ganz fest in der Überlieferung drin. Das Historische und das Glaubenszeugnis der Christen der ersten Zeit haben sich einfach untrennbar miteinander verbunden.

Ich denke, dass wir darum ein recht gutes und verlässliches Bild von dem bekommen, was Jesus gewollt, was er als seine Botschaft verstanden hat. Wenn wir jedenfalls fragen wollen, wie alles anfing, werden wir nicht mit den kümmerlichen Spuren eines historischen Jesus beginnen, sondern mit dem Zeugnis über ihn, das uns in den Evangelien aus dem Glauben der ersten Christen begegnet.

Immer wird uns auf den folgenden Seiten das Thema dieses Buches als Frage begleiten, ob Jesus sich als Sühnopfer für unsere Sünden verstanden hat, ob es sein Lebensinhalt oder Lebensziel war zu sterben, um damit das Heil für uns zu bringen. Um es vorwegzunehmen: Auf den 170 Seiten Evangelientext meiner Bibel gibt es die Vorstellungen von einem Sühnopfer Jesu, dessen Blut uns von Sünden rein macht, nur in wenigen Versen, also in geradezu homöopathischer Verdünnung.

Wozu ist Jesus geboren worden? Auf alten Weihnachtsbildern kann man gelegentlich oberhalb der Krippe an der Wand ein kleines Kreuz mit dem Körper des Gekreuzigten sehen. Das ist historisch natürlich Unsinn. Aber die Künstler haben damit darauf aufmerksam machen wollen, dass Jesus in die Not und Armut unserer Welt hineingeboren wurde und dass schon diese erste Station seines Lebens viel von dem vorwegnimmt, was hinterher durch seine Kreuzigung eine Zuspitzung erfährt. Ja, er ist für uns Menschen gekommen, in unsere Dunkelheit und in unser Leid, in unsere äußere und innere Armut. Aber jeder Gedanke daran, dass er geboren wurde, damit er später als Sühnopfer für unsere Sünden sterben kann, liegt den Weihnachtsgeschichten unendlich fern. Lukas hat Maria, die auf die Geburt ihres Kindes Jesus wartet, einen Psalm in den Mund gelegt. Darin thematisiert sie ihre Erfahrung, als einfache Frau aus dem Volk, als eine von unten, durch diese wunderbare Geburt Jesu hoch gewürdigt worden zu sein. »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen« (Lukas 1,52), sagt sie, und radikalisiert geradezu bis zu revolutionären Umsturztönen, was wir oben bereits unter dem Begriff der Kondeszendenz behandelt haben, dass Gott die Niedrigen aus dem Staub erhebt.

Einmal wird davon geredet, dass Jesus gekommen sei, um sein Volk von den Sünden zu retten. Josef hat einen Traum: Der Engel des Herrn erscheint und teilt ihm Marias Schwangerschaft mit. Und dabei sagt er: »Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen »Jesus« (= »Gott hilft«) geben, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden« (Matthäus 1,21).

Matthäus sieht eine der großen Aufgaben Jesu darin, die Menschen aus ihrer Sünde zu retten. Deshalb wird er den Leuten den Weg aus der Sünde weisen durch die Auslegung des Gesetzes etwa in der Bergpredigt und durch Vergebung der Sünden. Aber man muss schon ein sehr überzeugter Anhänger der Sühnopfertheologie sein, um diesen Gedanken hier einzubringen. Er gehört hier einfach nicht hin.

Interessant ist die andere Stelle, wo von der Vergebung der Sünden durch einen anderen als Jesus geredet wird. Wie Maria aus Anlass der Geburt des Jesus ein Lied singt, erhebt hier Zacharias seine Stimme wegen der Geburt seines Sohnes Johannes (= »Gott ist gnädig«), der später als der Täufer am Jordan wirkt. In dem Lied singt er davon, dass Johannes kommt, um die Sünden zu vergeben. »Du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in der Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens« (Lukas 1,78f.).

So wird Johannes später durch die Taufe zur Vergebung der Sünden das Volk darauf vorbereiten, dass nach ihm ein anderer kommt, dessen Aufgabe nach diesem Text ist: Licht zu sein für die im Dunkeln und sie auf den Weg des Friedens zu führen. Dass er als Sühnopfer sterben soll, ist nicht im Blick.

Der alte Mann mit Namen Simeon, der in dem Jerusalemer Tempel den Gesalbten Gottes vor seinem Tode zu sehen hoffte, bekommt von Josef und Maria das Jesuskind in den Arm gelegt. Nun wird er in Frieden sterben können. Denn »meine Augen haben deinen Heiland gesehen[…] ein Licht zu erleuchten die Heiden.« (Lukas 2,31f.)

Die Menschen der Bibel sind voll des Glücks, dass Jesus geboren wurde. Von seinem Sühnopfertod wissen sie nichts, aber z. B. von dem Licht, das er in seinem Leben in die Dunkelheit der Welt bringt.

Übrigens kennt das Johannesevangelium keine Geburtsgeschichte, beschreibt aber doch in den Anfangsversen die Lebensaufgabe Jesu ganz ähnlich: als das wahre Licht die Menschen zu erleuchten (Johannes 1,9: »Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet«).

Was ist die zentrale Botschaft? »Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen«. Sowohl Johannes der Täufer als auch Jesus fassen darin ihre Botschaft zusammen. Und doch meinen beide damit etwas Verschiedenes.

Bei Johannes dem Täufer bedeutet das Kommen des Reiches Gottes in traditioneller Sicht eine große Gefahr für die Menschen, denn sie sind Sünder. Wenn Gott kommt, kommt er als Richter. Darum muss man Gottes Kommen fürchten. Wie nur kann man dem verdienten Gericht entgehen?

Johannes bietet eine Hilfe an: »Tut Buße!«, predigt er und: »Lasst euch taufen!« Johannes tauft im Jordan. Diese Taufe soll vor Gottes Gericht und Zorn schützen. Die Menschen strömen zu ihm in die Wüste an den Jordan, weil Johannes ihnen die Angst vor dem Gericht Gottes nimmt. Sie beeilen sich, Buße zu tun und sich taufen zu lassen, denn das Reich Gottes ist ja nahe herbeigekommen.

Die Botschaft Jesu wird genauso zusammengefasst: »Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!« Aber bei Jesus kommt das Reich Gottes nicht als Strafgericht, vor dem ich mich schützen muss. Es kommt im Gegenteil als die Erlösung der Menschen aus ihrem Elend. Bei ihm ist dieses Reich Gottes die Herrschaft eines Gottes, der Liebe ist und Güte beweist. Jesus holt die Menschen aus ihrer Sünde. Gottes große Liebe soll ihr Leben ändern. Reich Gottes bedeutet bei Jesus nicht Gericht, sondern Heil; nicht Gefahr, sondern Rettung; nicht Angst, sondern Freude.

Ist die Sündenvergebung das Heil? Die Vertreter der Sühnopfertheologie nennen als zentralen Inhalt des Evangeliums den Sühnopfertod Jesu für unsere Sünden. Wie anders sehen das die Evangelisten! Sünde ist bei ihnen eher ein Nebenthema. Es wird schon erstaunlich wenig von der Sünde geredet. Aber wenn die Sündenvergebung nicht der wichtigste Schlüsselbegriff ist, mit dem der Sinn des Kommens Jesu verständlich wird, was dann? Was könnte der Schlüssel zum Sinn seines Lebens unter uns Menschen sein?

Lukas bietet einen »Schlüsseltext« an (Lukas 4,16ff.): Einmal, so erzählt er, geht Jesus in Nazareth zur Synagoge. Wie es Brauch war, werden Besucher aufgefordert, aus der Bibelrolle vorzulesen. So reicht man Jesus eine JesajabuchRolle. Er liest folgenden Text vor: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn« (Jesaja 61,1f.). Dann gibt er die Schriftrolle zurück.

Wie damals üblich, setzt er sich zum Predigen hin und beginnt seine Rede so: »Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren« (Lukas 4,21).

Arme, Gefangene, Blinde, Zerschlagene sind die Adressaten seines Kommens. So versteht sich Jesus. Die Erlösung, die er bringt, ist hier nicht die Erlösung von den Sünden, sondern aus Not, Elend und Befreiung aus der Ungerechtigkeit.

Das Reich Gottes, das er ankündigt, bringt Heil den Benachteiligten und den Opfern des Lebens. Jesus wird später sagen, dass er der Arzt ist, der für die Kranken gekommen ist.

Das Evangelium von Jesus ist üppig und reichhaltig. Wer beschreiben will, wozu Jesus gekommen ist, kommt mit einer einzigen Formel und einem einzigen Begriff nicht aus. Aber wozu ist er in dieses Leben gekommen – um als Sühnopfer zu sterben? Das gibt es nicht.

Er vergibt Sünden. Auch darin sieht er, wenn es nötig ist, seine Aufgabe. Dabei entwickelt er eine ganz eigenwillige Art, die Sündenvergebung praktisch zu beweisen: Er isst mit den Sündern. Er lädt sich bei ihnen zum Mahl ein. (Matthäus 9,11: »Warum isst euer Meister mit Zöllnern und Sündern?«) Eher sind diese Mahlfeiern als Zeichen für Vergebung anzusehen als das Kreuz, an dem Jesus stirbt.

Tatsächlich wird Jesus nicht wegen der Sünden der Menschen sterben, eher wird er sterben, weil andere es als Gotteslästerung ansehen, dass er Sünden vergibt, und meinen, dagegen auf Dauer Maßnahmen ergreifen zu müssen. Denn Sünden vergeben kann allein Gott. Was maßt sich dieser Jesus an! (Matthäus 9,3: »Und siehe, einige unter den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott.«)

Eine der schönsten VergebungsGeschichten ist die vom verlorenen Sohn. Wenn man den christlichen Glauben kurz erklären will, dann sollte man (neben der Geschichte vom Barmherzigen Samariter) diese wunderbare Geschichte einfach erzählen und sagen: So ist Gott. Obwohl sie gut bekannt ist, will ich sie hier wenigstens in Umrissen wiedergeben (Lukas 15,11ff.).

Der verlorene Sohn Ein Bauernsohn lässt sich das Erbe vom Vater auszahlen. Das gehört sich so nicht. Außerdem lässt er den Vater mit seiner vielen Arbeit im Stich. Auf Streifzügen durch die Kneipen markiert er den starken Mann und hat viele Freunde und Freundinnen, bis sein Geld verbraucht ist. Der nun folgende soziale Abstieg lässt ihn im Schweinestall eines anderen Bauern landen. Als er aber dann mit ungutem Gefühl nach Hause mehr schleicht als geht, läuft der Vater ihm entgegen und schließt ihn überglücklich in die Arme: Du warst verloren, nun bist du wiedergefunden.

Die Vaterliebe vergibt dem Sohn. So ist es mit Gottes Vergeben, meint Jesus mit dieser Geschichte. Kehrt zu ihm zurück, er wird euch mit Liebe umarmen. Auch hier wird die Vergebung der Sünden mit einem großen Festmahl – ein Kalb wird geschlachtet! – demonstriert. Aber einen Hinweis auf die Vorläufigkeit der Vergebung, weil Jesus ja noch nicht am Kreuz gestorben ist, gibt es nicht.

Jesus lebt riskant Jesus hat gefährlich und riskant gelebt. Durch Provokationen hat er die Feindschaft der Mächtigen auf sich gezogen. Es wäre falsch zu sagen, Jesus habe völlig unnötig provoziert. Er hat nicht aus spätpubertärer Lust an der Provokation gehandelt, auch nicht, um sich durch Provokation ins Gespräch zu bringen. Die Provokationen, die ihn später das Leben kosten werden, stehen in engstem Zusammenhang mit seiner Botschaft. Seine Botschaft war die Provokation schlechthin.

Wenn gesagt wird, er habe gepredigt »mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten« (Matthäus 7,29), dann ahnt man, dass es Neider gab: Menschen, die schlechter predigten als er und die dabei weniger Erfolg hatten. Warum aber hatte er so viel Erfolg? Weil er seinen Zuhörern liebevoll zugewandt war und ihnen ganz verständlich von der Liebe Gottes erzählte. Wer hat schon wie Jesus so von der Liebe Gottes geredet? Wer hat wie Jesus so zur Vorfreude und Umkehr aufgerufen, weil das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist?

Und dann war seine Lebensführung eine Provokation nach der anderen. Man weiß heute durch sorgfältige Textanalysen, dass Jesus nicht nur Jünger, sondern auch Jüngerinnen gehabt hat. Er ließ Frauen in seiner Umgebung zu. Das gehörte sich damals nicht.

Nicht ohne Anlass konnten seine Feinde ihm nachsagen, er sei ein Fresser oder Weinsäufer (Matthäus 11,19) gewesen, wobei sie sicher maßlos und böswillig übertrieben haben. Es war schon riskant und gefährlich für Jesus, die Gottesbotschaft so anschaulich und konkret zu vermitteln.

Für uns ist es vielleicht überraschend, dass gerade die Übertretungen des Sabbatgebots den Entschluss seiner Gegner auslöste oder bestärkte, für seine Liquidierung zu sorgen. So heilte er am Sabbat einen Menschen mit einer gelähmten Hand und rechtfertigte das so: »Man darf am Sabbat Gutes tun«. Darauf berieten seine Feinde darüber, wie sie ihn umbrächten (Matthäus 12,1ff.). Aber Jesus blieb bei der Botschaft von Gottes Liebe zu den Menschen, die für das Sabbatgebot eine wichtige Orientierung bedeutet: »Der Sabbat ist für den Menschen, nicht der Mensch für den Sabbat da.« (Markus 2,27f.) Er benahm sich so, als ob er der Herr über den Sabbat sei. Das rührte an die Grundfesten der Gesellschaftsordnung, die von der Gültigkeit der Tora als Gottes Gesetz bestimmt war.

Die Verantwortlichen erschreckte das. Die Pharisäer waren zwar nicht die kleinlichen Gesetzeshüter, für die wir sie heute oft halten. Sie glaubten an einen gütigen Gott und wollten selbst gütig sein. Sie konnten es durchaus billigen, dass jemand den Sabbat brach, um einem anderen zu helfen. Aber nun ist bei den Verantwortlichen die Sorge über Jesu zu große Freiheit und Eigenmächtigkeit aufgekommen, Angst vor dem schlechten Vorbild, das er abgibt. Deshalb sagten sie sich: »Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.« (Johannes 11,50) Aus Staatsinteresse wird man ihn opfern müssen – natürlich nicht als Sühnopfer für Sünden. Jesus wird dem politischen Interesse der Juden und Römer geopfert. Das ist kein sinnloses Opfer in ihren Augen.

Hat Jesus den Tod gesucht? Jesus hätte den Tempel in Jerusalem respektieren müssen. Aber er tut es nicht. Das ist doch respektlos, wie er im Tempel den Geldwechslern die Tische umstürzt und die OpfertierHändler aus dem Tempel heraustreibt!

Jesus hätte auch nicht nach Jerusalem gehen müssen, sozusagen in die Höhle des Löwen! Aber gerade dort, an der Heiligen Stätte, in der Mitte der jüdischen Gesellschaft wollte er auftreten und seine Botschaft sagen. Er wollte sie nicht im fernen Galiläa verstecken, sondern mitten im Tempel in Jerusalem seine Botschaft vom Reich Gottes proklamieren und den Menschen anbieten. Auch und gerade die Verantwortlichen sollten es hören. Aber die fühlten sich nur provoziert. Ihre Entschiedenheit, das Problem durch Liquidation zu lösen, war gereift, ihr Zorn an seinen Siedepunkt gekommen.

Jesus wollte nicht sterben. Aber er wollte lieber sterben als Gottes Evangelium verraten und aus Jerusalem flüchten. Die Versuchung zur Flucht war da. Die eindrückliche Legende von Jesus im Garten Gethsemane schildert das innere Ringen Jesu sehr deutlich: Ich will nicht sterben müssen, ich will leben, ich habe Angst, ich will fliehen. Das sind die Gedanken Jesu auf der einen Seite.

Aber auf der anderen Seite weiß er: Ich habe Gottes Wort zu sagen, auch hier in Jerusalem. Ich habe Gottes Botschaft. Die muss ich jetzt sagen, auch wenn es mir den Tod bringt. »Dein Wille ist, dass ich Dich, Vater im Himmel, und deine Güte und Gerechtigkeit verkündige.« Es ist ein Kampf zwischen seinem Willen und Gottes Willen. Er will sich am liebsten davonmachen. Nur nicht sterben müssen. Aber Gott will, dass er standhält statt zu flüchten.

Und im Gebet ringt Jesus sich durch: »Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.« (Lukas 22,42)

Wohlgemerkt: Der Wille Gottes war nicht, dass Jesus getötet wurde, sondern dass er bei der Botschaft von seiner Güte blieb. Und dass sie dann kamen, die Helfershelfer der Mächtigen, und ihn gefangen nahmen, verurteilten, hinrichteten, das hätten sie nach Gottes Willen nicht gedurft, aber sie haben es getan.

Hat Jesus sich für uns geopfert? Jesus hat den Tod nicht gesucht. Aber er hat ihn provoziert. Man kann auch sagen, dass Jesus sich selbst opfert. Vermutlich weiß er, welches Risiko für ihn mit seiner Botschaft verbunden ist. Weil er ganz bewusst bei seiner Botschaft bleibt und nicht nachgibt, setzt er sein Leben aufs Spiel. Das ist eine Art von Selbstopfer. Und er bleibt dabei nicht aus Rechthaberei, sondern um für uns Menschen ein glaubwürdiger Zeuge seiner Botschaft zu sein. So kann man, ja muss man sagen: Christus opfert sich für uns. Aber er wird nicht sterben als Sühnopfer für unsere Sünden, sondern als der Zeuge Gottes für die Menschen, die ihm glauben sollen und den die Mächtigen beseitigen wollen, weil sie ihn mit seiner Botschaft für schädlich halten.

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