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Bruno Heini
Deine Zeit läuft ab
Thriller
Zum Buch
Die Fährte der Killer Der Luzerner Juwelier Diethelm schmeißt eine Party für seine Kunden. Während Gangster die Feier stürmen und den Gästen Schmuck und Luxusuhren rauben, löst sich in einer Rangelei ein Schuss. Getroffen sinkt die Kellnerin Susa zu Boden. Deren Schwester Hannah engagiert daraufhin Detektivin Palmer, denn sie ist davon überzeugt, dass Diethelm absichtlich auf Susa geschossen hat, um sie zu töten. Diethelm und Susa haben einen schwerkranken Sohn, Lenny, für den er den Unterhalt nicht bezahlen will. Susa hat sich für die Party absichtlich als Kellnerin anstellen lassen, um mit Diethelm zu sprechen. Nun soll Palmer Susa vor einem weiteren Angriff beschützen. Darüber hinaus fleht Hannah Palmer an, für Lenny, der an einem Herzfehler leidet, mit Diethelms Geld ein Spenderherz zu organisieren. Denn niemals würde Diethelm seinem verstoßenen Sohn freiwillig helfen. Bei ihren Ermittlungen entdeckt Palmer Hinweise, die sie erschaudern lassen. Als ein Mord geschieht, beginnt der Wettlauf gegen die Zeit.
Bruno Heini lebt mit seiner Frau Judith und den beiden Katern Jimmy und James über den Dächern von Luzern. Er arbeitete erfolgreich als Unternehmer bevor er sich auf das Schreiben von Krimis und Thrillern verlegte. Auf seinen Luzern-Thriller »Teufelssaat« folgten »Engelsknochen« und »Höllenwut«. Nun legt er nach mit »Deine Zeit läuft ab«. Heinis Bücher schaffen es regelmäßig in die Schweizer Taschenbuch-Hitparade.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © jaedo976 / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6896-4
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Der Schrei gellt durch die Gartenparty. Schlagartig verstummt der Small Talk, jedes Lächeln erstarrt. Bewegung kommt in die Festgesellschaft, einzelne Gruppen werden auseinandergetrieben, als maskierte Männer sich zügig unter den Gästen verteilen. Die Männer sind bewaffnet, halten Macheten in den Händen, vor denen die Gäste instinktiv zurückweichen. Bewegungslos verharren die Festbesucher, sehen sich irritiert an. Jemand lacht verunsichert. Eine makabre Showeinlage des Gastgebers? Eine organisierte Überraschung? Jedenfalls scheint der Kellner mit der schwarzen Fliege seine Rolle meisterhaft zu spielen. Scheppernd klatscht sein silbernes Tablett mit den leckeren Häppchen auf die Steinplatten, als es ihm aus der Hand gleitet. Er schmeißt sich hinter das Podest, wobei seine Hüfte eine Tischkante streift. Es klirrt, als die Champagner-Pyramide über ihm zusammenstürzt.
Eine Dame im langen Kleid schlägt sich die Hand vor die Brust, während ihre andere das Handy umklammert. Ihr Kristallglas zersplittert auf dem Naturstein. Der Schaumwein spritzt auf ihre Beine.
Einer der Männer baut sich vor ihr auf.
Ihr Blick hängt an der scharfen Klinge, die auf ihren Hals zielt, ein erster Schrei des Erschreckens scheucht die Gäste auf.
Mit einem Griff entreißt der Unbekannte das Telefon ihren krampfenden Fingern und schmeißt es in einen Stoffbeutel, den er bei sich trägt.
Sie wimmert und blickt ohnmächtig zu ihrem Begleiter. Der postiert sich in seinem Maßanzug vor dem Gangster, stößt ihm die Hand vor die Brust. Adern treten an seinem Hals hervor.
»Halt!«, brüllt er ihm ins Gesicht.
Der Bewaffnete gebietet ihm mit einer energischen Geste zu schweigen.
Aber der elegante Begleiter tritt noch näher und bohrt seinen Blick in die Augen des Vermummten. Er greift sogar nach dessen Maske.
Die Faust des Gangsters trifft seine Kehle.
Der Begleiter sackt auf die Knie und würgt.
Mit einem Griff dreht ihm der Maskierte den Arm auf den Rücken.
»Noch ein Mucks und ich zerhacke dir die Hand.« Die Sonne blitzt auf der blanken Klinge, als er sie einmal vor dem Gesicht des Mannes herabsausen lässt. Spätestens jetzt scheint jeder zu begreifen, dass hier gerade keine Showeinlage geboten wird, dass gerade das Unvorstellbare geschieht. Der Räuber bückt sich, tastet das Jackett seines Opfers ab und zerrt das Handy aus der Innentasche. »Deine Uhr! Los!«, brüllt er und legt seine Machete an den Hals seines Opfers. Der Begleiter nestelt an seinem Handgelenk. Endlich streckt er ihm seinen goldenen Zeitmesser entgegen. Der Gangster entreißt ihm diesen und wirft ihn in den Beutel. Dann verpasst er dem Mann einen Tritt.
»Genug jetzt!«, entfährt es der Dame. Sie presst ihre Hände an den Mund. In ihren Augen lodert Panik.
Der Gangster starrt sie an.
Tränen quellen aus ihren Augen, die Unterlippe bebt.
Schwungvoll reißt er das Collier von ihrem Hals.
Sie kreischt.
Er klatscht ihr seinen Handrücken auf die Wange.
»O mein Gott«, haucht eine andere Lady.
Der Gangster ruckt seinen Kopf herum.
Trotzig verschränkt sie die Arme vor der Brust.
Einige Schritte, zwei schnelle Bewegungen, und er wiegt ihre mit Juwelen besetzten Ohrstecker in seiner Hand.
Sie schreit auf und umklammert mit den Fingern ihre Ohren.
Der Maskierte wendet sich dem nächsten Paar zu. Nach einem eindeutigen Zeichen mit seiner Waffe hält er der Frau im cremefarbenen Etuikleid den Stoffbeutel entgegen.
Die Dame lässt ihre Brillanten freiwillig in den Sack gleiten und ihr Begleiter seine Platinuhr.
Die Sonne brennt.
Während die Eisskulptur vor sich hin tropft, plätschert sanfte Lounge-Musik aus den Lautsprechern, als ginge nichts Außergewöhnliches über die Bühne.
Da peitscht ein Pistolenschuss über ihre Köpfe.
1
»Das wird doch wohl jetzt kein Problemgespräch?« Palmer lächelte gequält und hob hilflos die Hände. »Ich dachte, wir sind uns einig. Haben Sie jedenfalls gesagt. Zwei, drei Details besprechen, Unterschrift unter den Vertrag, Handschlag, und übernächsten Monat führe ich die Sicherheitsabteilung Ihres Fachmarkts.«
»Ich will ganz ehrlich sein, Frau Palmer. Wie Sie hier eben auf mich zugekommen sind, das wirkte alles andere als sicher und selbstbewusst.« Er schüttelte den Kopf. »Ich suche keinen Matrosen, ich suche einen ersten Offizier, wenn Sie verstehen.«
»Ist doch bloß meine Höhenangst, weiter ist da nichts. Ich habe gezögert, weil Sie hier bei der Glasbrüstung direkt am Abgrund sitzen, hoch über den Dächern von Luzern. Im wievielten Stockwerk liegt diese Bar? Und dann genau an der Kante.« Ihr Blick wanderte langsam von seinem Silberkettchen am Handgelenk zu dem maßgeschneiderten Anzug, den sein gestählter Oberkörper ausfüllte, was deutlich machte, dass er wohl täglich Hanteln stemmte. Eine Locke hatte er so gestylt, dass sie ihm wie zufällig in die Stirn fiel. Im Bereich der Ohren hatte er sich das Haar kurz trimmen lassen, was ihm eine Aura militärischer Autorität verlieh. Allerdings erinnerte sich Palmer, völlig unpassend für diesen Moment, an ihr vorangegangenes Treffen in seinem Büro, bei welchem ihr seine blauen Augen aufgefallen waren, die sie ziemlich humorbefreit und eisig gemustert hatten. Auch war er kleiner gewesen, als sie ihn sich vor dem ersten Treffen vorgestellt hatte.
»Da ist noch etwas anderes«, fuhr er fort. »Wir legen Wert auf Pünktlichkeit.«
»Wie jetzt? Diese zwei Minuten?« Suchend blickte sich Palmer um. »Als ich auf dieses Haus zugegangen bin, habe ich Sie hier auf der Dachterrasse erkannt, wie Sie, die Ellbogen auf das Geländer gestützt, nach unten gesehen haben. Wir haben uns sogar zugewinkt. Deshalb haben Sie garantiert mitbekommen, wie diese alte Dame über den Bordstein gestolpert und direkt vor meinen Füßen hingefallen ist. Sie hat sich die Nase blutig gestoßen und sich wahrscheinlich das Schlüsselbein gebrochen. Ich habe Hilfe organisiert und bin dann sofort zu Ihnen hoch geeilt. Wäre das nicht passiert, ich wäre sogar einige Minuten zu früh hier gewesen.« Angespannt rutschte Palmer zur Sesselkante, wobei sie mit einem Knie aus Versehen so heftig an das Tischchen stieß, dass sein Bierglas tanzte, bevor es kippte und den Inhalt über seine Schuhe ergoss. Er setzte sich auf und tupfte mit der weißen Serviette, die man ihm zu den marinierten Oliven gereicht hatte, theatralisch seine schicken Slipper trocken. Erst dann bemerkte er, dass sein Bier auch in seinen Schoß geschwappt war und es aussah, als hätte es ein kleines Malheur gegeben. Zusammengeknüllt schmiss er den Lappen auf das Tischchen, breitete die Hände aus und schüttelte den Kopf.
In ungläubigem Entsetzen stand Palmers Mund offen, ehe sie die Lippen zusammenkniff.
»Sie haben mir beim letzten Gespräch bestätigt, wie gut meine Fähigkeiten zu Ihren Anforderungen passen. Heute treffen wir uns, um den Vertrag zu unterzeichnen. Und genau das werden wir jetzt tun. Meine Hilfsbereitschaft zählt man normalerweise zu meinen Stärken.« Palmer lächelte angestrengt. Sie wartete, aber der Anzugträger ihr gegenüber rührte sich nicht. »Kommen Sie, die Abendsonne lacht, Sie genießen Ihren Feierabend auf dieser Dachbar. Was wollen Sie mehr? Hier bin ich, Ihre ideale Besetzung. Perfekt ausgebildet, beste Zeugnisse, ausgezeichnete Referenzen. Ich treibe Sport, trinke kaum Alkohol, bin top motiviert. Lassen Sie uns anstoßen auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.«
»Sie hätten auch den Portier rufen können unten beim Hotel, und dann nichts wie hoch zu mir. Auch er hätte die Ambulanz verständigen können. Von einer Führungskraft erwarte ich, dass sie die Prioritäten richtig zu setzen weiß.« Er hockte sich im Sessel gerade. »Nein, das wird nichts.« Dabei schüttelte er den Kopf und machte eine Geste mit der Hand, als wollte er den Gedanken wie eine lästige Fliege vertreiben. »Sie erscheinen mir zu wenig entschlossen. Eine schlechte Eigenschaft für unseren Führungsjob.«
Palmer zog die Brauen hoch.
»Sie wollen mich testen?« Sie nickte auffallend langsam und blickte ihm schräg ins Gesicht. »Sie machen nur Spaß. Oder?« Palmer lächelte gequält. »Sie haben mir tatsächlich einen Schrecken eingejagt.«
Er schürzte die Lippen.
»Ich muss Ihnen für diesen Job absagen.« Jetzt nickte er, als ob er sich zu seinem Beschluss gratulierte. »Ich habe nichts hinzuzufügen.«
»Das kann doch nicht Ihr Ernst …« Auf einen Schlag verstummten in ihrem Kopf alle Gespräche anderer Gäste, als hätte sich unvermittelt eine graue Wand zwischen ihr und der Außenwelt aufgetürmt. Brust und Hals verengten sich und raubten ihr den Atem. Sie räusperte sich, da ihre Stimme zu versagen drohte. Als sie jedoch den Mund für eine Entgegnung öffnete, kam er ihr zuvor.
»Meine Entscheidung ist unumstößlich.«
Palmers Problem war keineswegs, dass ihr schlagfertige Antworten immer zu spät einfielen, sondern eher, dass sie diese tatsächlich aussprach. Aber jetzt war sie baff. Bis ihr Schock sich halbwegs gelegt hatte, verharrten ihre Hände wie festgeklebt auf dem niedrigen Loungetischchen neben seinem Bierglas, während ihre Gedanken rasten.
Ich organisiere Hilfe für die alte Dame. Und damit soll ich alles vermasselt haben? Das darf doch nicht wahr sein!
Sie reflektierte die ganze Situation noch einmal, versuchte, dabei so selbstkritisch wie möglich zu sein, aber das Ergebnis war dasselbe: Dieser Typ war ein Depp. Sie hatte sich nicht das Geringste vorzuwerfen. Zwar hatte sie sich auf den Job gefreut und auch fest damit gerechnet, jetzt aber würde sie ihn nicht mal mehr antreten, sollte er sie auf den Knien anbetteln.
Seine kraftvolle Stimme holte sie in die Realität zurück.
»Um ehrlich zu sein, war mir von Beginn an nicht ganz wohl, diese Stelle mit einer Frau zu besetzen. Und wie gesagt, kann ich die Sicherheit meiner aufstrebenden Firma keiner zögerlichen Person anvertrauen, die nicht weiß, was in welchem Moment wichtig ist. Vergessen Sie nicht: Wir machen 30 Millionen Umsatz. Nach erst vier Jahren.«
»Ist das gut oder schlecht?«, fragte Palmer, um das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden.
Seine Stirn runzelte sich, und Palmer erkannte, er verstand ihr spitze Bemerkung nicht. Aber er musste bemerkt haben, dass sie dies auf die eine oder andere Art beleidigend gemeint hatte.
»Frau Palmer, Ihr Ton gefällt mir nicht.«
»Dann sind wir ja quitt. Good bye.«
Die zwitschernden Rufe der Schwalben vermochten Palmer nicht wie üblich aufzuheitern. Auch der Mann mit der Grillzange nicht, der ihr neben der Rauchfahne eines Holzkohlegrills von seinem Balkon zuwinkte. Sie war aufgewühlt, ihre Gedanken trieben in alle Richtungen, als sie über die Winkelriedstraße nach Hause marschierte und sich grübelnd zwischen stehenden Fahrzeugen am Bundesplatz hindurchschlängelte Richtung Langensandbrücke.
Wie sie diesen Job gewollt hatte. Unbedingt.
Sie hatte ihn einfach haben müssen.
Ohne Anstellung würde sie bald von Alex’ Großzügigkeit abhängig sein, was für sie nie und nimmer infrage kam. Jobangebote wie dieses, millimetergenau auf ihre Stärken und Interessen zugeschnitten, regneten nicht einfach so rein. Irgendeine Stelle, bei der die Firmen nur einen weiblichen Tanzbären zur guten Wirkung in der Öffentlichkeit suchten, war für sie keine Option. Sie wusste, einen ähnlich guten Job würde sie auf die Schnelle nicht finden. Wie lange würde sie ihre geliebte Wohnung noch halten können? Sie mochte gar nicht daran denken, wie sie den Blick aufs Wasser und all die auf den See hinaus gleitenden Ruderboote vermissen würde. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Nase. Ihre Mundwinkel zuckten, und sie fühlte sich, als hätte ihr jemand in den Magen getreten.
Es krachte, als sie zu Hause mit dem Ellbogen die Tür ins Schloss fallen ließ, dann stapfte sie die Holztreppe hoch und warf das Handy auf die Ablage. Aber sogleich blieb sie wie angewurzelt stehen. Wenn sie den Kühlschrank aufriss, würde ihr abgesehen von ein paar Dosen Bier kalte Leere entgegengähnen. In ihrem aufgewühlten Zustand war sie einfach am Supermarkt vorbei- statt hineinmarschiert, wie sie es sich eigentlich vorgenommen hatte. Von sich selbst genervt, schritt sie ins Wohnzimmer und verpasste dem mit Sand gefüllten Boxsack, der an der Kette friedlich von der Decke hing, eine harte Linke, gefolgt von einem rechten Kniestoß. Dann bedachte sie mit einem Vollristkick auf Kopfhöhe diesen Fachmarktheini von soeben, schließlich deckte sie alle mit einem Schlägegewitter ein, die ihr irgendwann einmal blöd gekommen waren.
Erst kürzlich hatte sie sich entschieden, ihr Training aufzulockern, und hatte ein Jahresabo in einem Fitnesscenter unterschrieben. Diesen Entschluss bereute sie seitdem, denn das ganze Geld dafür war zum Fenster rausgeschmissen, das konnte sie jetzt schon absehen. Sie war all der Gratistippgeber überdrüssig, die an diesen Orten wie aus dem Nichts auftauchten, allen ungefragt ihre Hinweise in die Ohren bliesen und auch gegen spürbaren Widerstand zwangsberieten. Da sie sich damals auch ihre zuweilen deftige Ausdrucksweise abzugewöhnen versucht hatte, ermahnte sie diese Ratgeber anfangs freundlich, sie wolle nichts anderes, als in Ruhe trainieren. Allerdings fruchteten bei den Dreinschwätzern solche Worte nicht, sondern sie nervten Palmer noch heftiger, weshalb sie die Kerle mit alterprobten Ausdrücken aus dem Umfeld von Schließmuskel und Ozonloch zum Teufel schickte.
Zum Abschluss ihres Kurztrainings schoss sie jetzt eine linke Gerade auf den Sandsack, gefolgt von einem rechten Leberhaken, und vollendete ihren Angriff mit einem so heftigen Kniestoß, dass es ihr vorkam, als hüpfte das schwere Ding etwas in die Höhe, um endlich gemütlich von der Kette zu baumeln.
Mit bloßen Fäusten hatte sie auf das abgewetzte Leder gedroschen. Aber der Schmerz in den wunden Knöcheln fühlte sich gut an, auch der Magen quälte sie nicht mehr. Der Länge nach ließ sie sich aufs Sofa fallen, legte den Unterarm über ihre geschlossenen Augen und saugte mehrmals tief Luft ein, um wieder zu Atem zu kommen und einen klaren Kopf zu kriegen. In einer dünnen Bahn rann Schweiß aufs Polster, nicht nur als Folge ihres Wutausbruchs, sondern auch weil die Sommersonne den ganzen Tag über gnadenlos auf das Bootshaus gebrannt und ihre Bude direkt unter dem Dach zu einem stickigen Ofen aufgeheizt hatte.
Aber ihre Gedanken rasten noch immer. Im Gegenteil steigerte sich die finanzielle Misere in ihrer Fantasie höher und höher bis hin zum totalen Ruin. Sie drückte ihr Gesicht ins Kissen, da sich die Sorgen über ihre Unabhängigkeit in ihre Seele fraßen. Nach einigen Momenten strampelte sie sich die Schuhe von den Füßen, drückte sich ein weiches Kissen in den Nacken und tastete nach der Fernbedienung. Um auf andere Gedanken zu kommen, zappte sie sich durch die Radiostationen. Aber keiner der Songs vermochte ihre Aufmerksamkeit länger als einige Sekunden zu fesseln, schließlich schaltete sie das Gerät aus.
Während sie in die Küche schlich, wusste sie, was ihre Stimmung aufheitern würde. Sie schloss die Kühlschranktür mit der Hüfte, zischte ein Bier auf und leerte die Hälfte in einem Zug. Dann schaute sie die Dose in ihrer Hand nachdenklich an und nickte vor sich hin. Schließlich schluckte sie den Inhalt ganz weg, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, drückte die Dose platt und warf sie in die Sammlung unter der Spüle.
Seit einiger Zeit hatte sie es sich angewöhnt, ohne Alkohol einzuschlafen. Jetzt aber überlegte sie kurz, griff zur Flasche auf der Ablage und setzte Johnny Walker an. Ein Fingerbreit musste reichen. Noch während sie durch den Flaschenboden die Deckenlampe betrachtete, wurde ihr klar, ihren Traumjob würde sie nicht auf dem Boden dieser Flasche finden. Aber Johnny begann augenblicklich seine magischen Kräfte zu entfalten, dafür trank sie das Zeug schließlich. Sogleich fühlte es sich an, als hätte sie eine Fackel verschluckt, welche die schlechten Gedanken wegbrannte und die Nervenenden betäubte. Sie genoss, wie sich wohlige Wärme in ihr ausbreitete und der tiefen Enttäuschung dieses Tages etwas von ihrer Kälte nahm. Endlich setzte sie die Flasche ab.
In letzter Zeit hatte sich der Korken immer seltener gelöst, nur dann und wann, bei allergrößter Verzweiflung.
Nun fühlte sie, wie die Pulle ihre Hand abkühlte.
»Was soll’s.«
Mit geübtem Schwung setzte sie die Flasche wieder an.
2
Es klingelte etliche Male. Nach einer kurzen Pause hämmerte jemand mit den Fäusten gegen die Tür.
Die Decke hing größtenteils auf den Boden gestrampelt von der Matratze, Palmer lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett, quer und alle viere von sich gestreckt, die nackten Füße über den Bettrand hinaus, als sie mühsam die verklebten Lider aufsperrte. Die linke Hüfte schmerzte, ihre Vernunft war gelähmt. Aber in den tiefsten Winkeln ihres Gehirns verstand sie: Drückt jemand die Glocke und klopft, dann wartet ein Mensch an der Tür und will zu dir.
Shit. Wieso riefen die Leute nicht an, bevor sie vorbeikamen?
Sie zog sich die Decke über den Kopf, am liebsten hätte sie weitergeschlafen. Als ihr dies aber auch nach etlichen Minuten nicht gelang, raffte sie sich auf, obwohl längst niemand mehr die Klingel drückte.
Bezüglich Kater brachte Palmer einiges an Erfahrung mit. Da hatte sie schon Schlimmeres erlebt als heute. Dennoch dröhnte der Kopf, und sie hatte das Gefühl, keine Sekunde geschlafen zu haben. Geträumt hatte sie erst recht nicht, wahrscheinlich wegen des Alkohols, der dafür sorgte, dass man auf tieferer Ebene dämmerte, unterhalb jener, auf der Träume abliefen. Sie spürte, heute würde sie den ganzen Tag über ein oder zwei Schritte neben sich stehen, falls sie nichts dagegen unternahm.
In der Küche warf sie zwei Aspirin ein, neigte ihren Kopf zum Spülbecken und schluckte direkt ab dem Hahn eine gehörige Portion Wasser. Dann genehmigte sie sich einen, nur einen einzigen, dafür großen Schluck Johnny. Dies war das Großartige: Nicht nur das Gift, sondern auch das Gegengift lieferte dieselbe Flasche. Endlich atmete sie tief ein und harrte mit angehaltenem Atem eine ganze Weile aus. Als sie endlich die Luft ausstieß, fühlte sie sich besser. Sie starrte auf den Rest Whiskey in der Flasche. Schließlich gab sie sich einen Ruck, zögerte, nahm einen entschlossenen letzten Schluck und leerte die Flasche in den Ausguss.
Nachdem sie Sachen aus dem Schrank gesucht und ins Bad getragen hatte, schmiss Palmer die getragene Wäsche in die Maschine, wo die Shorts und Shirts anschließend flatschten und patschten, während sie unter der Dusche stand. Das kühle Nass perlte über ihre Haare, sie griff nach dem Limonenduschgel, und der frische Duft arbeitete gegen die Nebel in ihrem Kopf, während sie den Schaum auf sich verteilte. Dann stützte sie sich an der Wand ab und ließ den Wasserstrahl auf ihre Haut prasseln, bis sie sich annähernd wieder wie ein Mensch fühlte.
Sie rubbelte den ganzen Körper trocken und betrachtete sich im Spiegel. Eine Nacht lang hatte sie das Gesicht im Bettzeug vergraben, jetzt zeichneten sich Falten der Textilien auf ihrer Wange ab, welche auch die ausführliche Dusche nicht ganz hatte beseitigen können. Bevor sie in Erwägung ziehen konnte, es mit einer Creme zu versuchen, griff sie zur Zahnbürste und schrubbte sich drei Minuten lang Zähne und Zunge, bis sie sicher war, auch den letzten Rest von Alkoholgeschmack und nächtlichem Absturz besiegt zu haben. Sie öffnete die kleine Tür des Spiegelschranks und wählte unter der ansehnlichen Armee von Mundwassern ihren treuesten Soldaten. Das Zeug brannte mehr als ein Stroh 80 auf Ex und war Palmers Allzweckwaffe für solche Fälle. Mit Zahnhygiene hatte sie einen Spleen. Okay, es gab schlimmere Angewohnheiten, wie sie letzte Nacht eindrücklich bewiesen hatte.
Anschließend wickelte sie noch zwei Kaugummis aus dem Alu und schob sie in den Mund. Zwei, weil ihr gerade Zahlen viel ästhetischer schienen als ungerade. Sie zog sich ein Shirt über den Kopf. Erst auf dem einen, dann auf dem anderen Fuß hüpfend, schlüpfte sie in die sauberen Jeans. Kauend und mit tropfenden Haaren betrat sie die Terrasse und legte beide Hände auf das raue Holz der verwitterten Brüstung. Zum Schutz vor der Morgensonne kniff sie die Augen zusammen und hörte, wie das Wasser glucksend zwischen den Ufersteinen ans Ufer schlug. Ein letzter Rest feuchter Nachtluft strich kühl über ihre nackten Füße.
Sie spürte einen Stich im Herzen, so sehr hatte sie sich auf den neuen Job gefreut. Die Bilder des Gesprächs mit diesem mittelschwer überheblichen Kerl kamen wieder hoch. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr kam sie zu dem Schluss, dass sie von Anfang an keine Chance gehabt hatte. Dem Mann hatte wohl das eine oder andere an ihr nicht gepasst, irgendwas. Dass sie zwei Minuten zu spät gekommen war, hatte er dann zum Anlass genommen, ihr daraus eine Absage zu basteln. Wenn man länger darüber nachdachte, war es geradezu lächerlich. Er legte angeblich Wert darauf, dass man Wichtiges von Unwichtigem unterschied. Einem Menschen in Not zu helfen oder auf die Minute pünktlich zu einem Vorstellungsgespräch zu erscheinen, da gab es eigentlich keinen Diskussionsbedarf. Eigentlich!
Nach etlichen weiteren Momenten der vergeblichen Rückwärtsanalyse mit stets demselben Ergebnis klatschte sie beide Hände flach auf das Holz, zog hörbar die tanggeschwängerte Seeluft ein, marschierte ins Wohnzimmer, griff nach der Fernbedienung und fläzte sich aufs Sofa, nicht ohne ein unterschwelliges Gefühl von Versagen, das sich jetzt für Palmers Geschmack zu energisch meldete. Sie schob es beiseite und konzentrierte sich auf den Bildschirm.
Sogleich knallte die Headline von Tele1 viel zu hell in ihre Augen.
Überfall auf Party!
Palmer war direkt bei den stündlich wiederholten Nachrichten des Vortags gelandet. Die Sprecherin schaffte es nicht, ihre freudige Aufregung im Zaum zu halten, als sie in ernstem Ton erklärte: »Der High-Society-Juwelier Thomas Diethelm ist bekannt für seine extravaganten Sommerpartys für seine Stammkunden. Kriminelle haben die diesjährige Veranstaltung im Schlosshotel Gütsch überfallen und allen Gästen Schmuck und Luxusuhren abgenommen. Auch haben die Täter die Vitrine mit einer millionenteuren Weltneuheit aufgebrochen. Diethelm hat sich zur Wehr gesetzt und nach der Waffe des Angreifers gegriffen. In der Rangelei hat sich ein Schuss gelöst. Eine Kellnerin, die laut Augenzeugen Diethelm zu Hilfe eilen wollte, wurde dabei getroffen. Ärzte kämpfen zurzeit in einer Notoperation um ihr Leben. Die Täter sind mit Motorrädern unerkannt durch den Gütschwald entkommen. Der Einsatz der Polizei wurde erschwert durch ein Fahrzeug, mit dem die Täter die Zufahrt zum Hotel blockiert hatten. Zum Wert der Beute wollten sich weder Diethelm noch die Polizei äußern. Aber dem Vernehmen nach soll der Schaden in die Millionen gehen. Bei ihrem Einsatz hat die Polizei das Gebiet großräumig abgeriegelt, was einen Stau in der gesamten Innenstadt ausgelöst hat. Um zu verhindern, dass jemand den Überfall filmte, haben die Täter die Handys der Besucher eingesammelt. Trotzdem ist es einem Gast gelungen, uns Aufnahmen des Vorfalls zuzuspielen. Bitte entschuldigen Sie die mangelhafte Bildqualität.«
Palmer richtete sich auf, schob die Fernbedienung auf den Sofatisch, stützte sich mit den Ellbogen auf den Knien ab und starrte gebannt auf die verwackelten Bilder.
Die Kamera schwenkte langsam über den ganzen Hotelgarten mit vielleicht 120 Leuten. Gläser klirrten, Loungemusik plätscherte, eine Dame in langem Abendkleid warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. Aus den Gesprächsfetzen verstand man kein Wort. In freudiger Laune tauschten zwei Herren Visitenkarten aus, ein anderer in edlem Zwirn hielt einen imaginären Telefonhörer ans Ohr und signalisierte »ruf mich an« quer durch den ganzen Schlosshof. Die Aufnahme schwenkte weiter zur Security, einem Glatzkopf mit dunkler Sonnenbrille und Knopf im Ohr. Die rechte Hand hielt er um das linke Handgelenk gelegt und blickte starr über die Gesellschaft.
Palmer sah eine Bewegung am Bildrand. Im Hintergrund drängte sich ein schwarz maskierter Mann durch die Gruppe der Gäste. Zwischen den Lachern hörte man erste Schreie, zerbrechendes Glas, eine Männerstimme fluchte. Das Bild schnellte ruckartig zum Himmel, um sich dann in rasendem Tempo um die eigene Achse Richtung Steinboden zu drehen. Dann hüpfte das Gerät offensichtlich über den Untergrund, das Bild wurde schwarz, die Aufnahme stoppte.
Wieder erschien die Sprecherin.
»Der Schwanenplatz in Luzern ist bloß ein kleiner Fleck und trotzdem der Ort, wo weltweit die meisten Luxusuhren verkauft werden. Touristen aus der ganzen Welt, insbesondere Gäste aus China, erstehen hier ihre edlen Zeitmesser in Schweizer Qualität. Denn zusätzlich zu ihrer Uhr erhalten sie nicht nur ein Echtheitszertifikat, sondern auch die Gewähr, dass nicht nur die Uhr, sondern auch das Zertifikat über jeden Zweifel erhaben ist. Diethelm besitzt keines der Geschäfte am Schwanenplatz, sondern arbeitet äußerst erfolgreich mit einem anderen Geschäftsmodell. Er bringt mechanische Luxus-Armbanduhren im Direktverkauf an seine betuchte Klientel. Hierfür empfängt er diese in einem Prunkappartement. Als besondere Aufmerksamkeit überlässt er die Suite seinen Kunden auf Wunsch sogar kostenlos für einige Tage. Und einmal im Jahr begrüßt er den gesamten Kundenkreis aus dem In- und Ausland zu einer rauschenden Party. Unbestätigten Berichten zufolge geht die Polizei zurzeit von fünf schwarz maskierten und bewaffneten Angreifern aus. Unserem Mann vor Ort ist es gelungen, aus der Ferne folgende Szene zu drehen.«
Nun flimmerten unverwackelte Aufnahmen über den Bildschirm. Schaulustige standen unbeteiligt am Absperrband und gafften auf die weiße Schlossanlage. Die Kamera schwenkte zum Rosengarten und zoomte alles so nah, bis man erkennen konnte, wie da und dort Menschen in Schutzanzügen auf dem Boden kauerten und mit Pinzetten jeden kleinsten Dreck eintüteten.
»Thomas Diethelm wollte sich für ein Interview vor der Kamera nicht zur Verfügung stellen. Aber wir konnten ihn kurz per Telefon erreichen. Hörbar geschockt hat er erklärt, die Polizei habe seine Gäste gebeten, ihr bei der Suche nach den Tätern zu helfen und sämtliche Videoaufnahmen zur Verfügung zu stellen.«
Als lediglich noch Aufnahmen des Schlosses aus der Ferne folgten, machte Palmer den Fernseher aus und wunderte sich über die Aggressivität dieser für das beschauliche Luzern außergewöhnlichen Gewalttat.
Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass Whiskey entgegen anderslautende Thesen doch nicht zu den Grundnahrungsmitteln zählte. Zumindest nicht über einen längeren Zeitraum gesehen. Sie rieb sich die Stirn und quälte sich aus ihrer bequemen Position in die Küche. Ohne große Erwartungen zog sie die Kühlschranktür auf, aber wie gestern schon angenommen gab das Sortiment im Inneren abgesehen von zwei restlichen Bierdosen bestenfalls noch eine Bloody Mary her. Keine Milch, Eier schon gar nicht. In der ganzen Küche fand sie weder Kaffee noch Brötchen, nicht mal im Tiefkühler. Ein Verbrechen. Was war nur los mit ihr, dass sie nicht mal ihre Kaffeevorräte im Blick hatte? Dabei war Kaffee eindeutig lebensnotwendig, und Palmer ließ da auch keine anderen Meinungen gelten. Während sie nochmals jeden Schrank öffnete und sogar die Gewürzdosen beiseiteschob in Hoffnung auf eine vergessene Packung des aromatischen Pulvers, fiel ihr ein, dass sie gestern hatte einkaufen wollen. Warum hatte sie sich nicht zusammengerissen und war noch mal losgelaufen? Stattdessen hatte sie sich die Kante gegeben, in Selbstmitleid und Enttäuschung gebadet, wofür ihr das Leben anscheinend heute Morgen obendrauf den Mittelfinger zeigen wollte.
Aber ohne Kaffee ging bei Palmer gar nichts. Wenn er auch keinen Kater vertrieb, immerhin weckte Kaffee den Geist. So behalf sie sich heute mit einem Schwarzteebeutel, den sie vorhin in einer Schublade aufgestöbert hatte. Sie warf ihn in eine Henkeltasse, füllte kaltes Wasser ein, stellte die Tasse in die Mikrowelle und wartete mit wippendem Fuß. Wie üblich stoppte sie das Gerät bei zwei, kurz bevor der Timer ganz runtergezählt hatte, und fühlte sich, als wäre es ihr gelungen, gerade eben noch eine Bombe zu entschärfen. Vorsichtig hob sie die dampfende Tasse heraus und an die Nase. Sie schnaubte angewidert, das Getränk roch nach vier Jahren Küchenschrank, also kippte sie es dem guten alten Johnny hinterher in den Ausguss. Sie warf einen Blick auf die Uhr und dann Richtung Wohnzimmer, aber die Entscheidung war bereits gefallen. Ein Frühstück und vor allem Kaffee am Bahnhofplatz waren es wert, sich aus der Wohnung zu quälen. Danach konnte sie noch das Nötigste einkaufen, was ihr sicher helfen würde, die üblen Gedanken an das gestrige Einstellungsgespräch zu vergessen.
Der Fußmarsch dem Seeufer entlang zum Bahnhofplatz tat ihr gut. Der Geruch von algenbedeckten Steinen und Wasser, vermischt mit der leicht feuchten, herrlich frischen Luft klärte ihren Geist, und die Bewegung baute spürbar die Stresshormone in ihrem Körper ab. Einfach mal eine Weile Abstand von der Tristesse ihrer Wohnung, in der leere Flaschen davon zeugten, dass sie nichts auf die Reihe bekam – ja, das würde ihr guttun. Vielleicht würden ihr so ganz neue Ideen kommen.
Ihre Laune hatte sich deutlich gebessert, als sie sich kurz darauf in der Morgensonne an einen der Bistrotische setzte, die alle schön an der Fassade entlang aufgereiht standen, zur Straße hin ausgerichtet wie zu einer Bühne.
Sie kannte die Bedienung seit Jahren, erhielt deshalb den Espresso bereits serviert, kaum hatte sie sich hingesetzt, unerwarteterweise jedoch begleitet von der Bemerkung, die Haselnussschnecke gehe heute aufs Haus. Palmer nickte zum Dank und lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen.
Sie lehnte sich zurück und zog den geliebten Duft frisch gebrühten Kaffees ein. Anschließend gab sie sich mit geschlossenen Lidern den Sonnenstrahlen hin und gönnte sich bereits mit dem zweiten Bissen das saftige Herz der Haselnussspirale. In diesem Boulevardcafé liebte sie das hektische Treiben vor ihrer Nase. Menschen, die in Wellen aus dem Bahnhof schwappten oder in ihren Wagen über den Platz schossen. Welch ein augenfälliger Kontrast zum gemächlichen Umfeld ihrer Wohnung im Bootshaus des Ruderklubs.
Ein Schatten schob sich vor sie und nahm ihr die Sonne. Palmer hob den Kopf in der Annahme, die Bedienung wäre zurückgekommen, aber dem war nicht so. Sie blinzelte.
»Sie müssen mir helfen«, flehte die unbekannte Frau, die Palmer im Gegenlicht nur schemenhaft erkennen konnte.
»Hallo, die Lady. Danke gut, und Ihnen?« Palmer gönnte sich einen Schluck Espresso und stellte die Tasse auf den Teller zurück.
»Dieser Schweinehund will meine Schwester umbringen.«
Auf dem Weg zum Mund verharrte Palmers Schnecke in der Luft.
»Bedaure, dies zu vernehmen. Aber für Probleme dieser Art ist die Polizei zuständig.« Palmer schob sich den Rest des Gebäcks in den Mund, leckte sich die klebrige Glasur von den Fingern und wischte sich diese an der Innenseite des Hosenbeins trocken, da die Serviette vorher bei einem Windstoß davongeflattert war.
»Das interessiert die Polizei doch gar nicht. Gestern hat mir der Einsatzleiter auf der Hauptwache kurz zugehört und versichert, sie würden in alle Richtungen ermitteln. Heute aber hat er mich nur abgewimmelt. Die sind mit ihren Nachforschungen noch keinen Millimeter weiter.«
»Gute Dame. Will jemand Ihre Schwester umbringen, sind Sie bei mir sicher an der falschen Adresse. Ich bin Warenhausdetektivin.«
Gut, sie wäre eine Warenhausdetektivin gewesen, hätte der Depp mit Anzug und Superman-Haarlocke sie gestern nicht um den fast sicheren neuen Job gebracht. Palmer unterdrückte den Impuls, ihre nun leicht schwitzigen Handflächen nochmals an der Hose abzuwischen.
»Jeder kennt Sie hier. Sie sind Palmer, Sie unterstützen Frauen in Not, wenn ihnen sonst niemand hilft. Die Zeitungen waren voll davon. Mehr als einmal. Durch Rumfragen weiß ich, Sie trinken fast jeden Morgen Ihren Espresso hier.«
»Genau das ist der Punkt. Wiederholt habe ich mich eingemischt und bin dabei fast draufgegangen.« Sie sah der Frau in die Augen. »Nein. Bei allem Verständnis für Ihre Notlage. Ich lasse mich nicht nochmals in irgendeinen traurigen Mist reinziehen, der mich eigentlich nichts angeht. Sie entschuldigen.«
»Sie sind vorsichtig, das verstehe ich.«
Palmer schwieg.
»Aber Sie werden mich nicht los. Ich weiß, Sie werden mir helfen.«
»Sorry, habe leider keine Zeit. Ich muss mir dringend eine neue Arbeitsstelle suchen.«
»Kein Job? Dann haben Sie erst recht Zeit, mir zu helfen. Aus Zeitungsinterviews kenne ich Ihren Ehrenkodex. Sie können einer Frau in Not Ihre Hilfe nicht abschlagen.«
»Sie wissen gar nichts. Ich stecke selber in der Scheiße.« Sie rückte mit dem Stuhl etwas zur Seite und streckte mit geschlossenen Augen das Gesicht in die wärmende Sonne. Als Palmer nach einer Weile die Augen wieder öffnete, stand die Frau noch immer da.
»Sie werden mich nicht los. Das sagte ich doch.«
»Sie stehen da und wollen was von mir, ich weiß nicht mal, was. Aber zwei Dinge weiß ich: Mir dröhnt der Kopf, und seit Sie mich angesprochen haben, wird es schlimmer.«
»Ich heisse Hannah. Hannah Bischof. Ich benötige Ihre Hilfe. Bitte.«
Palmer neigte sich auf ihrem Stuhl nach vorne, um die Frau besser im Blick zu haben. Sie ging auf die 40 zu, wies einen verbitterten Zug um die Mundwinkel auf und Ringe unter den grünen Augen, die aber leuchteten vor Entschlossenheit. Palmer wusste, jede Enttäuschung hinterließ ihre Spuren, und diese Frau sah aus, als hätte sie zahlreiche davon durchlebt. Sie musste etwas kleiner sein als Palmer und halbwegs schlank. Alle Rundungen saßen an den richtigen Stellen, soweit Palmer dies erkennen konnte, denn Hannah trug ein weites, knöchellanges graues Kleid mit roten Blumen drauf, dazu Ledersandalen, von Make-up keine Spur. Der Pagenschnitt ihres dunklen Haars wirkte etwas aus der Mode gekommen, darin zeigte sich das erste Grau.
Hannah machte einen Schritt zur Seite und trat Palmer wieder in die Sonne.
»Gestern haben Kriminelle die Party des Uhrenhändlers Diethelm überfallen. Dabei ist eine Kellnerin niedergeschossen worden. Susa, meine Schwester. Sie liegt im Koma. Die Polizei ist der Ansicht, der Schuss hätte Susa nur versehentlich getroffen. Aber Diethelm, dieser Schweinehund …«, sie lachte abschätzig, »… ich sage Ihnen, das war Absicht.« Ohne ein Wort der Zustimmung oder Aufforderung von Palmer abzuwarten, schob sie sich auf den zweiten Stuhl an Palmers Tisch. »Der ist kein Lämmchen. Fragen Sie mal seine zweite Ex-Frau.«
Palmer hätte gerne wissen wollen, ob es Hannah gewesen war, die heute Morgen bei ihr geklingelt und sie geweckt hatte. Aber sie ließ es bleiben. Ändern konnte sie es eh nicht mehr.
»Hören Sie, das mit Ihrer Schwester tut mir leid. Trotzdem muss ich auf die Polizei verweisen. Eine Frage trotzdem: Wie kommen Sie darauf, Diethelm hätte Ihre Schwester mit Absicht niedergestreckt? Die Medien haben das anders dargestellt. Der Schuss habe sich im Kampf um die Waffe gelöst.« Sogleich hätte sich Palmer ohrfeigen können. Mit dieser simplen Frage hatte sie sich aktiv ins Gespräch eingeklinkt. Nun, sie würde der Frau einige Momente lang ihr Ohr schenken und dann die Unterhaltung anständig beenden.
»Erst hat er meine Schwester geschwängert, dann hat er sie versetzt. Seither ist sie nicht mehr an ihn herangekommen. Er hat jedes Treffen verweigert. Auch will dieser reiche Schweinehund für seinen Sohn keinen Rappen zahlen. Genügend Geld hätte er ja. Und die besten Anwälte. Er sitzt am längeren Hebel, Susa ist zu unbedeutend. Ein Kampf von David gegen Goliath.«
»Um sie tatsächlich mit Absicht abzuknallen, wie hatte er wissen können, auf dieser Party Susa anzutreffen? Eben noch haben Sie gesagt, er wäre ihr strikt aus dem Weg gegangen. Für mich nicht stichhaltig. Und weshalb hätte er sie umnieten sollen? Wenn er für den Sohn nicht zahlen will, müsste er nicht die Mutter, sondern den Sohn umbringen. Aber dann vor all seinen Gästen als Zeugen? Und ins Gefängnis marschieren, nur um keine Alimente zu zahlen? Nein. Glaube ich nicht.«
»Helfen Sie mir, Susa zu beschützen. Diethelm wird den Mordversuch wiederholen. Vorausgesetzt, sie überlebt die Schussverletzung.« Sie biss sich auf die Unterlippe und kämpfte sichtlich mit den Tränen. »Weshalb glaubt mir keiner? Ich bin heute wieder zum Krankenhaus gefahren. Man hat mich nicht zu ihr vorgelassen, sie ist noch immer nicht aufgewacht.« Ein Schluchzen kam aus ihrer Kehle, und Palmer wusste, dass ihre Mauer gleich massiv bröckeln würde. »Und vor der Tür steht nicht mal ein Wachmann. Dabei gibt es doch sicher eine Videoüberwachung, die meine Darstellung bestätigt. Ich sage Ihnen, der wollte sie töten.«
Palmer schloss kurz die Augen.
Großartig.
»Nenn mich Palmer, ich sag’ Hannah.« Sachte legte sie ihre Hand auf Hannahs Unterarm und tätschelte ihn. »Reden tut gut. Aber Hilfe musst du bei der Polizei anfordern.«
Hannah atmete kurz und stoßweise.
»Solange die Polizei keine Indizien für deine Anschuldigungen findet, kannst du von ihr nicht erwarten dazwischenzufahren.«
Mit Daumen und Zeigefinger kniff Hannah die Nasenwurzel zusammen. »Nein, nein, nein«, sagte sie flehend vor sich hin. »Susa hat damals auf Diethelm gesetzt, einen Mann. Was ist dabei herausgekommen? Er hat sie verarscht. Du bist Palmer, du bist eine Frau, die Frauen hilft. Wenn ich auf der Wache aussage, sehe ich schon ihre Gesichter vor mir. Wieder so eine Hysterische, die sich was einbildet. Ja, ich kann hören, was sie denken. Die Männer. Ich werde alles tun, damit Susa überlebt. Und auch Lenny. Er ist 17 und leidet unter einem Vitium Cordis.«
»Was ist das denn?«
»Das ist einer der vielen Wege Gottes, uns zu zeigen, wie sehr er die Menschen liebt.« Sie lachte kurz, es klang fast wie ein Husten. »Lenny leidet an einem angeborenen Herzfehler. Sein Herz-Kreislauf-System ist in seiner Funktion eigeschränkt, versorgt den Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff. Seit Geburt schwächelt er. Ständig ist er müde, jede Tätigkeit ist ihm zu anstrengend. In den letzten Jahren hat sich sein Zustand stetig verschlechtert. Jetzt ist er sogar ans Bett gefesselt. An den meisten Tagen schafft er es nicht mal bis zur Toilette. Und dann hat er überdies noch diese seltene Blutgruppe. Kriegt er nicht bald ein Spenderherz, stirbt er.« Sie krallte die Finger in ihr Kleid und ließ den Kopf sinken.
Eine Sache begriff Palmer nicht, aber gerade als sie Hannah fragen wollte, brüllte ein Motorrad so ohrenbetäubend vorbei, dass sie erst einige Augenblicke warten musste.
»Wieso hat sie Diethelm auf der Party besucht? Der widmet doch seine Zeit dort erst recht nicht Susa, wenn er mit ihr auf Kriegsfuß steht.«
»Susa hat über Jahre erfolglos seine Hilfe erfleht. Er ist seit Lennys Geburt jeglichem Kontakt ausgewichen, Susa ist einfach nicht an ihn herangekommen.« Sie rieb sich die Augen, aber Palmer konnte die Tränen sehen, die sofort nachströmten. »Lenny benötigt dringend diese Herzoperation. Dafür hat sie ihn inständig um Geld bitten wollen.« Hannah schüttelte energisch den Kopf und rang sichtlich um Fassung. »Nein. Zufall war das nicht. Nach Jahren trifft sie das erste Mal auf Diethelm, und er schießt sie gleich über den Haufen. Susa war so verzweifelt und am Rande ihrer Kräfte, dass sie keinen anderen Weg mehr gesehen hat, als sich Geld von ihm zu beschaffen, auf Biegen und Brechen. Ihr als Alleinerziehender fehlen jegliche Mittel. Susa hat Diethelm schließlich nicht gebeten, eine Niere oder so zu spenden.«
»Wenn Susa im Krankenhaus liegt, wer sorgt denn jetzt für Lenny?«
»Die beiden sind schon vor Längerem bei mir eingezogen. Wir haben ein Bett für Lenny in mein Arbeitszimmer gestellt, Susa nimmt das Sofa. Früher hat Susa in einem Restaurant bedient, heute arbeitet sie nur noch Teilzeit in einer Kita, um sich intensiver um Lenny kümmern zu können. Ihr Geld reicht schon lange nicht mehr für eine eigene Wohnung. Wohl oder übel sorge ich jetzt vermehrt für meinen Neffen.«
»Selber hast du keine Kinder?«, fragte Palmer, um sich etwas vom Thema zu lösen.
»Das fehlte gerade noch. Kinder sind bloß ein Mittel der Männer, Frauen in die Abhängigkeit zu drängen. Nein, Lenny reicht mir.«
Palmer schob das Geld für den Kaffee neben die Tasse, und während sie sich die Sonnenbrille auf der Nase zurechtrückte, erhob sie sich.
»Hannah, hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Ich hoffe, das kommt zu einem guten Ende mit deiner Schwester. Leider muss ich jetzt los, einige Einkäufe erledigen.«
»Wir haben denselben Weg.«
Palmer wunderte sich, da Hannah gar nicht wissen konnte, welche Richtung sie einschlagen würde. Als sie aufbrach, trippelte Hannah wie selbstverständlich neben Palmer her.
Ein heftiger Windstoß zerzauste Hannahs Frisur, während laut vernehmbar die Titelmelodie von Star Wars ertönte. Hannah riss die Augen auf und blieb schlagartig stehen.
»Warte«, meinte sie zu Palmer, die jedoch unbeirrt weitermarschierte. Im Hinterherstolpern kramte Hannah umständlich das Handy aus ihrer Strohtasche. »Lenny?« Geschockt starrte sie zu Palmer. »Scheiße, nein, Lenny!« Hannah rannte los. »Komm mit«, schrie sie Palmer zu.
3
»Was ist passiert?« Als Palmer Hannah fragte, blickte sie bloß in ein panisch verzerrtes Gesicht.
Die beiden hetzten die stark befahrene Straße hoch und überquerten den Pilatusplatz bei Rot. Palmer stockte der Atem, als eines der Fahrzeuge mit quietschenden Reifen knapp vor ihnen zum Stillstand kam.
Sie bogen rechts in die Zähringerstraße ein und eilten zwischen den Wohnhäusern und den geparkten Fahrzeugen vorwärts, während Hannah es schaffte, im Spurt die Schlüssel aus ihrer Tasche zu fischen.
Als sie das Treppenhaus betraten, schlug ihnen eine angenehme Kühle entgegen, und das Licht ging automatisch an. Ein starker Geruch nach Kernseife kitzelte Palmers Nase, als sie hinter Hannah in den zweiten Stock hoch hastete. Die Wohnungstür schlug scheppernd an die Wand, dann stürmte Hannah in Lennys Zimmer. Hier lag der Junge, drückte sich mit weit aufgerissenen Augen die Sauerstoffmaske auf Mund und Nase und füllte seine Lungen so hastig und tief er konnte.
»Ich rufe den Notarzt!« Hannah fingerte nach ihrem Handy und ließ es dabei fallen.
»Ich mache das.« Palmer hatte ihr Telefon schon in der Hand und entsperrte es, als sie sah, wie der Junge schwach die Hand hob und ein Zeichen gab. Nach einigen Atemzügen sank Lennys Arm ermattet auf die Decke, und die Gummimaske rutschte aufs Kissen. Völlig entkräftet bewegten sich einzig seine Augen in Richtung von Hannah, die sich bleich an der Wand abstützte.
»Hast du Schokoladeeis mitgebracht?« Lennys Lippen formten sich zu einem erschöpften Lächeln.
Hannah schluchzte auf und ließ sich auf die Bettkante sinken. Sie schlug die Hände vors Gesicht, ihr Brustkorb bebte. Jetzt küsste sie den Jungen auf die Stirn und legte schließlich ihren Kopf auf seine Brust.
»Zu viel Zucker in Schokoladeneis, weder vegan noch laktosefrei.« Mit dem Unterarm wischte sie sich die Wange trocken, während Lenny die Augen verdrehte, zu Palmer blickte und mit den Schultern zuckte.
»Schokolade gewinnt man aus der Kakaobohne, ist also praktisch ein Gemüse«, belehrte er Hannah. »Und keiner isst mehr Schokolade als die Schweizer, trotzdem hat keiner einen niedrigeren Body-Mass-Index, und keiner wird älter in ganz Europa.«
Kluges Kerlchen, dachte Palmer und nickte Lenny zu.
»Trinkst du nicht lieber ein Bier?«, fragte Palmer.
Aber Lenny sah schüchtern weg, bevor er ihr Lächeln erwiderte. Dafür hob Hannah entsetzt den Kopf.
»Lenny ist 17.«
»Eben.« Palmer neigte ihren Oberkörper zu Lenny und tätschelte dessen Arm. »Hallo, ich bin Palmer. Du brauchst also ein neues Herz.«
Lenny hob seine Hand leicht an, was Palmer als Aufforderung auffasste, sie zu drücken.
Der junge Mann tat Palmer leid, wie er da ans Bett gefesselt lag, bei lebendigem Leib gefangen.
Sie schwiegen die nächsten Momente, und Palmer fragte sich, in welche Geschichte sie sich hier hatte hineinziehen lassen. Immerhin hatte sie dank Hannah ihre eigenen Probleme für einige Minuten vergessen.
Noch während sie ihren Blick nicht von der erbärmlichen Gestalt und dem durchsichtigen Plastikschlauch lösen konnte, legte sich plötzlich ein strahlendes Lächeln auf Lennys Gesicht. Dabei stellte er auffallend gleichmäßige Zahnreihen zur Schau, während sich seine dunkelblonden schulterlangen Haare wie hingeworfen auf dem Kissen ausbreiteten. Sie waren so lang gewachsen, dass er wohl ständig den Kopf mit einem Ruck zur Seite schleudern musste, um etwas zu sehen.
Die Sonne spiegelte sich im offenstehenden Fenster und beleuchtete sein bleiches Gesicht. Fragend hob er die hellen Augenbrauen und blickte mit seinen wachsamen Augen, eher blau als grau, zu Palmer.
Ein bemitleidenswerter, aber hübscher Junge, dachte Palmer wenn auch etwas gebrechlich, jedenfalls scheint er größer und erwachsener als erwartet.
Palmer erkannte bereits Falten in seinen Mundwinkeln, zu tief für einen 17-Jährigen, und in seinen Augen lag die merkwürdige Mischung aus langem Leid und dadurch früh erworbener Reife.
Ein Bein seiner verwaschenen Trainingshose war nach oben verrutscht und ließ seine knallrote Socke hervorblitzen. Er trug ein schwarzes T-Shirt mit Darth Vader-Aufdruck.
»Schokoladeeis also?«, fragte Hannah und herzte ihn. »So schnell änderst du also deine Meinung. Gestern erst hast du noch einen anderen wichtigsten Wunsch gehabt.«
»Please.« Lenny grinste etwas schmerzlich.
»17 und noch ungeküsst.«
»Doppelplease«, entfuhr es ihm, dabei schlug er zärtlich, aber kraftlos mit dem Handrücken gegen Hannahs Arm, und ein schwaches Lächeln kräuselte seine Lippen.
»Wenn du immer sofort zuschlägst, dann wird das nie was mit einer Freundin.« Sie strich ihm die Strähne aus dem Gesicht. »Dann endest du missgelaunt und griesgrämig.«
»So wie du?«, entgegnete Lenny. Aber sogleich schien ihm diese Spitze sichtlich leidzutun und er legte seine Hand auf Hannahs Arm. »Liebend gerne hätte ich jemandem mein Herz geschenkt.« Er zuckte mit den Schultern, dann las er aus Palmers Gesichtsausdruck, dass sie die Ironie in seinen Worten verstanden hatte. Aber gleich verfinsterten sich seine Züge.
»Wie geht’s Nasus?«
»Unverändert ernst. Bis vor einer halben Stunde ist sie noch nicht zu Bewusstsein gekommen.«
Tränen traten ihm in die Augen, und seine Unterlippe zitterte. Zärtlich strich Hannah über seine Wange.
»Nasus?« Palmer blickte zu Hannah. »Vorhin hast du deine Schwester noch Susa genannt.«
»Lenny nennt meine Schwester Nasus. Du musst wissen, unser Vater war ein Spaßvogel. Meine Schwester hat er Anna-Susanna getauft und mich Hannah. Du kannst dir vorstellen, wie praktisch.«
»Beides Palindrome.« Palmer nickte anerkennend. »Vorwärts und rückwärts gleich geschrieben.«
Vor Erstaunen bekam Hannah den Mund nicht zu.
»Du kennst sogar den Fachbegriff?« Einen Moment lang behielt Hannah ihren verdutzten Gesichtsausdruck.
»Mein Großvater hatte eine Schwäche für Palindrome«, erklärte Lenny mit schwacher Stimme, bevor er sich die Atemmaske noch einmal auf Mund und Nase drückte für einen tiefen Zug reinen Sauerstoffs. »Er ist aufgewachsen oberhalb von Brienz, auf der Planalp, selber schon ein Palindrom. Einen Traktor hatten sie damals keinen, sondern ein Reittier. Merkst du was?« Er lächelte stolz. »Und weißt du, mit welchem Job er seine Familie durchgebracht hat? Er hat bei einem Discounter das Regallager betreut.«
Auch jetzt brauchte Palmer keine Sekunde, um den Ulk zu durchschauen. Sie wandte sich an Hannah.
»Lenny benötigt also ein Spenderherz. Aber die Chancen, eins zu kriegen, sind verschwindend gering wegen seiner äußerst seltenen Blutgruppe?«
Aber Hannah schüttelte den Kopf, als weckte sie sich aus fernen Gedanken.
»Frag Lenny, ein richtiger Experte. Ich rufe mal im Krankenhaus an. Vielleicht gibt’s gute Nachrichten.« Sie erhob sich und schritt hinaus.
»AB negativ – diese verdammt seltene Blutgruppe ist das Einzige, was ich von meinem Vater habe. Um ein Herz zu verpflanzen, muss der Empfänger zwingend dieselbe Blutgruppe aufweisen, sonst funktioniert das nicht.« Lenny lächelte bitter. »Bevor man ein Spenderherz überhaupt zum Empfänger fliegt, prüft man, ob damit alles in Ordnung ist. Um keine Zeit zu verlieren, errechnet das Computersystem bei Eurotransplant in den Niederlanden, für wen dieses Organ passt und wer auf der Warteliste dieses Herz am allerdringendsten benötigt. Für die ganze Untersuchung und den anschließenden Transport bleiben insgesamt nur vier Stunden. Spender und Herz dürfen also nicht allzu weit voneinander entfernt sein. Darüber hinaus müssen Größe und Gewicht des Empfängers in etwa mit denen des Spenders übereinstimmen, denn das Herz musste bereits beim Spender gewohnt sein, die beim Empfänger benötigte Leistung zu erbringen.« Er atmete einige Male tief durch. »Auch muss der Empfänger genau jetzt soweit gesund sein, sonst wird ihm das Herz nicht einpflanzt. Macht er beispielsweise grad an einer Lungenentzündung rum, kriegt ein anderer dieses Organ.«
»Obwohl da einer vielleicht schon Monate oder Jahre drauf wartet?«
Ermattet schloss Lenny die Augen und gab sich einige Sekunden, bevor er fortfuhr.
»Ja. Das Herz geht nicht nur zum Patienten mit der höchsten Dringlichkeit, sondern auch zu dem mit der größten Überlebenschance. Kämpft ein Patient noch gegen eine andere Krankheit, ist sein Körper eh schon angeschlagen und übersteht die Transplantation schlechter als ein ansonsten Gesunder. Weiter musst du wissen, jeder Mensch hat ein Immunsystem, das den Körper vor fremden Eindringlingen wie Viren und Bakterien schützt. Deshalb will dieses Abwehrsystem das eingepflanzte Organ abstoßen. Folglich muss der Empfänger ein Leben lang Medikamente schlucken, um das Immunsystem zu unterdrücken, damit es das Organ nicht sofort bekämpft.«
Er sah Palmer eindringlich an. Als sie wortlos nickte, fuhr er fort. »Was die Blutgruppe betrifft, ist hier die Gefahr der Abstoßung am größten. Die Blutgruppe muss dieselbe sein.«
Er tastete nach der Sauerstoffmaske und nahm einige Züge. Als er fortfuhr, vernahm Palmer in seiner Stimme einen gereizten Zug. »Da es innerhalb aller Blutgruppen zu wenige Spenderherzen gibt, habe ich erst recht keine Hoffnung mehr, dass irgendwo ein Mensch mit meinem seltenen Blut mir eine passende Pumpe spendet.«
Mit seinen Fingern trommelte er auf die Decke. »Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Bald sterbe ich.«
Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und wischte mit dem Handrücken den Schweiß von der Oberlippe. »Nur ein Prozent der Menschen hat meine Blutgruppe. Das heißt, nur ein Prozent aller gespendeten Herzen kommt für mich überhaupt infrage.«
Seine Hand schlug auf die Decke, der Mund nahm verhärtete Züge an. »Die Schweizer sind nicht gerade spendierfreudig. Nur wenige füllen das Spenderformular aus. Und ich liege blöd hier rum und vergeude meine Zeit. Dabei wüsste ich viel Besseres zu tun.«
Er holte Luft und fuhr dann wesentlich ruhiger fort. »Interessanterweise hat der Mangel an Spenderherzen auch noch andere Gründe. Die Verkehrssicherheit nimmt zu, dadurch gibt es einfach zu wenige Tote auf der Straße.« Er nahm einen tiefen Zug reinen Sauerstoffs. »Weißt du, der Gedanke, dass erst einer sterben muss, damit ich überleben kann, hat mich zu Beginn enorm belastet. Noch heute leide ich mit all den Angehörigen, die jeweils einen Menschen verlieren.« Er bedachte Palmer mit einem langen Blick. »Von Zeit zu Zeit habe ich Phasen, da bin ich mir nicht mal sicher, ob ich überhaupt ein fremdes Herz will. Aber dann spüre ich große Dankbarkeit all den Spendern gegenüber, die ihre Entscheidung getroffen haben und ihr Herz nach dem Tod einem anderen Menschen überlassen und ihnen helfen, weiterzuleben. Ich meine, was will ein Toter mit seinen Organen, wenn diese doch Leben retten könnten?« Er seufzte, bevor er tief einatmete. »Weißt du, wenn du den ganzen Tag einzig diese Zimmerdecke zu sehen kriegst, erkennst du den Widerspruch hinter diesem System. Bevor du ein Herz bekommst, muss es dir hundeelend gehen. Aber genau dies verschlechtert dann die Erfolgschancen der Transplantation.«
Palmer fühlte mit ihm. Sie erinnerte sich, ihrer Mutter hatte man damals kein Spenderorgan zugeteilt, da ihre Überlebenschance als viel zu gering eingestuft worden war aufgrund ihrer Krebserkrankung. Diese hat sie dann tatsächlich hinweggerafft. Die Medikamente gegen die Abstoßung blockieren die Immunabwehr. Diese Abwehr wäre aber nötig gewesen, um die Krebszellen zu unterdrücken. Palmer spürte einen Klumpen im Magen. Der Gedanke an den Tod ihrer Mutter drückte ihr Tränen in die Augen.
Gequält verzog Lenny das Gesicht. »Ich habe nicht mal genügend Kraft, wütend zu sein, dass ich keine Aussicht auf ein gesundes Herz habe. Dabei gibt es Leute, denen es noch schlechter geht als mir. An guten Tagen schaffe ich es zu lesen oder am Laptop im Bett zu chatten. Bei mir ist ein Spenderherz zurzeit nur dringlich.« Er blickte zum Nachttisch, wo sein Handy neben der Lesebrille auf dem aufgeschlagenen Physikbuch ruhte. Schockiert starrte er Palmer in die Augen, warf seine Hand zum Buch und verschob es soweit, bis es das kosmische Kamasutra-Buch, das darunter lag, besser verdeckte. Wobei er Glück hatte, dass bei seiner spontanen Aktion sein geöffneter Laptop, der ebenfalls obendrauf lag, nicht runterrutschte und auf den Boden knallte. »Es ist beschissen. Damit ich Aussicht auf ein Herz habe, muss es mir noch mieser gehen. In der Fachsprache ›höchste Dringlichkeit‹. Die erreiche ich erst, wenn sie mich auf der Intensivstation an alle Schläuche anschließen. Jedes Mal, wenn mein Handy klingelt, schrecke ich zusammen und frage mich, ob die Klinik anruft, weil sie endlich ein passendes Organ für mich gefunden haben. Ich hoffe auf das Glück, dass mir jemand sein Herz schenkt. Jedenfalls steht mein Köfferchen seit Jahren bereit.« Sein Blick glitt zu einem dunkelbraunen Rollkoffer neben dem Fenster. »Pyjama, Toilettenartikel, Latschen, Unterwäsche. Und Bücher. Alles Sachen, die ich brauche nach erfolgreicher Operation. Wenn die mich vom Unispital Zürich anrufen, werde ich bereit sein. In Luzern setzen sie keine Herzen ein.«
Palmer stand da und fühlte etwas, das ihr sonst weitgehend unbekannt war: Hilflosigkeit. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, was angemessen wäre angesichts dieser Ausweglosigkeit.
Einen Moment lang starrte sie Lenny nur an und nickte dann zustimmend, dabei drängte sich in ihr das Bedürfnis hoch, einfach zu flüchten, das Zimmer zu verlassen. Ein feiger Gedanke, sie wusste es, aber das hier war fast zu viel für sie. Sie drückte ihr Kreuz durch, während ihre Blicke durchs Zimmer wanderten. Wo Palmer ein Poster des Fußballklubs Luzern erwartet hatte, schaute Albert Einstein von der Wand. Mit weit aufgerissenen Augen und verstrubelten Haaren streckte er dem Betrachter die Zunge raus.
»Astrophysik ist dein Wunschtraum?«
»Nein. Aber als Ingenieur werde ich das erste künstliche Herz entwickeln, das vollkommen selbstständig wie ein natürliches im Leibesinnern arbeitet und das von keinem Körper abgestoßen wird.« Wie aus Trotz seiner hoffnungslosen Situation gegenüber schob er den Unterkiefer vor. »Täglich wird es sieben Tonnen Blut durch den Körper pumpen. Mein eigenes schafft heute nicht mal zwei.« Er biss sich auf die Unterlippe und zögerte. »Nachts ist die Angst zu sterben am schlimmsten. Auch meine Mutter tut deswegen kaum mehr ein Auge zu.«
Als er dies sagte, fiel Palmer in seinen Augen eine Traurigkeit auf, die ihr bis dahin entgangen war.
»Ich befürchte, wenn ich sterbe, wird auch das Leben meiner Mutter beendet sein. Es ist die Hoffnung auf ein Spenderorgan, die sie am Leben hält. Sie sagt, sie will alles unternehmen, um mir zu einem neuen Herzen zu verhelfen.«
»Du sprichst an auf ihren Besuch bei der Party deines Vaters?«, fragte Palmer mit belegter Stimme. Aber Lenny antwortete nicht, betrachtete stattdessen das Windspiel mit echten, bedrohlich wirkenden Glasaugen, die an Fäden zappelten, da ein Luftstrom durchs offene Fenster hereinquoll und sie anstieß.
»Leider keine Neuigkeiten aus dem Krankenhaus. Susa geht’s noch keinen Deut besser.« Hannah setzte sich zu Lenny auf die Bettkante, beugte sich vornüber, als plagten sie Magenschmerzen, und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Nach einigen Augenblicken drückte sie Lenny einen Kuss auf die Wange, bevor er sich ihr entzog. Als sie den Kopf schräg hielt, erhaschte sie einen Blick auf den Buchrücken des Kamasutra.
»Liegt dieses blöde Buch noch immer hier rum?« Sie verlagerte ihr Gewicht noch stärker auf die Hände, neigte ihren Oberkörper ganz nach vorne und blickte Lenny tief in die Augen.
»Was kann ich dafür, dass für deine Geschmacksrichtung bisher niemand einen ebenbürtigen Leitfaden geschrieben hat.« Er verdrehte die Augen, während er sprach.
»Ich frage mich, wie wir dich aus diesem Zimmer an die Sonne kriegen.« Palmer hatte gesehen, wie an Hannahs Schläfe eine Ader zu zucken begann, deshalb versuchte sie, das Gesprächsthema in eine weniger belastete Richtung zu bewegen.
»Verdammt, du hast gut reden. Ihr Gesunden meint, ich liege hier nur zum Spaß faul rum.«
4
Lenny atmete gehetzt, deshalb wartete Palmer, bis er wieder zur Ruhe gekommen war.
»Wie genau hat denn Susas Plan ausgesehen?«
»Letztes Jahr sind die Klatschspalten voll gewesen von Diethelms High-Society-Party, deshalb hat sich Susa rechtzeitig beim Hotel als Bedienung für die diesjährige Veranstaltung beworben. Ihre Idee war, unerwartet vor ihm aufzutauchen, um an ihn ranzukommen. Sie wollte endlich mal mit ihm sprechen, ihm, wenn nötig, eine Szene machen.«
»Ihn um Geld anflehen. Ja, so viel habe ich verstanden. Aber angenommen, es hätte geklappt: Wie könnte sein Geld dir ein neues Herz verschaffen?«
Lenny hob kapitulierend die Hände und schwieg, während es Palmer langsam dämmerte.
»Moment. Dich mit Geld an die Spitze der Empfängerliste zu rücken, bedeutet, jemanden zu bestechen. Ihr habt sie doch wohl nicht alle.« Sie wedelte mit ihrer Hand so heftig, dass die durch die Sonne sichtbaren Staubpartikel in der Luft tanzten. »Verdammt.« Sie presste die Lippen aufeinander und fühlte, wie ihre Wangen vor Wut heiß wurden. »Seid ihr kriminell oder was? Jemanden zu schmieren, ist alles andere als in Ordnung. Zudem schnappt ihr einem anderen Patienten das Herz vor der Nase weg. Was, wenn dieser deswegen stirbt? Und ich soll euch helfen? Da würde ich mich ewig schuldig fühlen.«
»So ist das nicht.« Lenny blickte Palmer eindringlich an. »Klar beabsichtigen wir nicht den Tod eines Kranken. Wärst du selber betroffen, kämen dir vielleicht noch ganz andere Gedanken. In meiner Situation kann vielleicht nur noch Geld etwas bewirken.« Mittlerweile klang er ziemlich gereizt. »Es herrscht ein riesiger Mangel an legal erhältlichen Organen. Viele auf der Warteliste sterben, bevor man ein passendes Organ findet.«
Palmer legte den Kopf in den Nacken und blickte Lenny über den Nasenrücken hinweg an. »Quatsch, das funktioniert nie. Die Empfängerliste wird international geführt, ein riesiger Apparat. Kein Geld der Welt würde reichen, um all die Leute an den Schalthebeln in ganz Europa zu bestechen. Abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, dass sich auch tatsächlich jeder Einzelne schmieren lässt. Zumal ihr sicher nicht die Ersten seid, die das versuchen.« Palmer entfernte einen Fussel von ihrer Hose und blickte nach unten. »Schlagt euch meine Hilfe aus dem Kopf. Ich bin ein Fan von Fair Play. In jeder Hinsicht.«
Diese Worte schienen Hannah aufzuscheuchen, denn sie wandte sich jetzt Palmer zu. In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, für den Palmer keine beschreibenden Worte parat hatte. »Ein Todkranker hat nichts mehr zu verlieren. Verständlicherweise ist ihm dann fast jedes Mittel recht. Deshalb hat sich ein weltweiter Schwarzmarkt entwickelt. Reiche Menschen kaufen sich Organe in Entwicklungs- und Schwellenländern. In China kriegst du ein Alles-inklusive-Paket für das Organ eines Verkehrstoten, dessen Verpflanzung inbegriffen, für eine Viertel Million. Falls du das Geld aufbringst. Klar, illegal ist es hier wie dort. Die wissen schon, weshalb. Wie kann ein Krankenhaus die Operation sauber planen und den Empfänger auf Termin hin einfliegen, wenn man im Voraus noch gar nicht weiß, ob dann tatsächlich ein Verkehrstoter mit exakt passendem Herzen auf dem Schragen liegt. Welch ein Zufall. Vergiss nicht, es bleiben nur vier Stunden von Feststellen des Hirntods bis zur Verpflanzung.«
»Susas Idee mit Bestechung ist da viel humaner. Kein Mensch wird auf Bestellung von der Straße geraubt und ausgeweidet.« Lenny zuckte kläglich die Schultern, verfiel dann aber in Schweigen.
»Palmer, wie kannst du nur annehmen, wir wollten mit solchen Machenschaften etwas zu tun haben?« Hannah blickte Palmer ernst in die Augen. »Susas Plan war ein anderer.« Sie setzte sich zu Lenny aufs Bett.
»Viel Zeit bleibt dir nicht, und ich marschiere hier raus.«
»Auf der Spenderseite läuft dies wie folgt: Zwei erfahrene Ärzte stellen unabhängig voneinander den Hirntod des Patienten fest. Also null Aktivität messbar in Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Ein totaler, nicht behebbarer Ausfall. Bei unverletztem Hirnstamm kommt es vor, dass das Herz noch schlägt, beispielsweise nach einem Unfall mit zerstörtem Hirn. Ein Hirnschlag oder eine Hirnblutung mit tödlichem Verlauf kämen auch infrage.«
Palmer rollte den Stuhl vom Arbeitstisch zu Lennys Bett, setzte sich, verschränkte die Arme und lauschte mit zusammengepressten Lippen Hannahs Worten.
»Mit künstlicher Beatmung wird der Kreislauf in Schwung gehalten, damit das Organ keinen Schaden nimmt. Im Weiteren ist die vorausgehende Einwilligung des Toten zur Organspende notwendig. Oder jene der nächsten Angehörigen. Als Susa und Lenny dies im Internet recherchiert haben, ist ihre Zuversicht auf null gesunken. Ihnen war klar, diese strikten Regeln würden sie von außen kaum brechen können.«
»Was jetzt? Wo käme Diethelms Geld ins Spiel?« Palmer zog die Luft tief ein und erkannte, dass Lenny den Augenkontakt mied. »Ich will alles wissen.«
»Jetzt kommt’s. Wir haben im Internet einen anderen Weg gefunden, auf der Empfängerseite. Ein Fall in Deutschland hat Aufsehen erregt. Die Ärztekammer hat sich damals rausgewunden mit dem Hinweis, keinem der Ärzte sei es ums Geld gegangen, und niemand habe sich bereichern wollen. Das Wettbewerbsdenken unter den Kliniken, das Streben nach Ruhm und Ehre habe zum ganzen Schlamassel geführt. Offenbar gilt die Transplantationsmedizin innerhalb der Ärzteschaft als Königsdisziplin.«
»Mach vorwärts.« Palmer schnaubte und wartete ohne geringste Spur eines Lächelns auf ihren Lippen.
Lenny suchte Palmers Blick, und die traurigen Augen des Jungen berührten etwas in ihr.
»Mein Leben hat bereits mehrmals am seidenen Faden gehangen. Ich war auf der Intensivstation der höchsten Dringlichkeit zugeordnet. Aber kaum ist es mir dann etwas besser gegangen, haben sie mich nach Hause geschickt. Schön und gut. Nur falle ich hiermit zurück in die einfache Dringlichkeit, sodass ein verfügbares Herz meiner Blutgruppe jemand anderem eingepflanzt wird. Aber: Es gibt da gewisse Medikamente. Verabreicht durch einen Arzt täuschen sie Analysewerte vor, die eine höchste Dringlichkeit ausweisen. Dies hat eine sofortige Aufnahme auf der Intensivstation zur Folge. Es geht noch einfacher. Der Arzt schreibt den Patienten sogar ohne Medikament bloß auf dem Analysepapier kränker, als er ist. Auch so rutscht er auf der Empfängerliste nach oben, ohne tatsächlich aus dem letzten Loch zu pfeifen. Alles nur vorgegaukelt. Auf diesem Weg brauchen wir bloß bei einem einzigen Arzt etwas nachzuhelfen.« Lenny rieb den Daumen am Zeigefinger und lächelte etwas hilflos. Gleichzeitig schien er in Palmers Gesicht nach einer anerkennenden Regung zu suchen. »Susas Plan war genau das. Mit Diethelms Geld.«
»Und ich soll euch nun bei diesem Bestechungsversuch helfen?« Angewidert stieß Palmer die Luft aus. »Hör zu, Hannah«, fauchte sie. »Eines stelle ich hier mal klar. Unter keinen Umständen lasse ich mich von dir in etwas Illegales reinziehen. Egal, wie rührselig eure Geschichte ist. Egal, wie unfair das Leben ist. Ich werde euch nicht helfen, Gott zu spielen.«
Hannah holte Atem, um zu antworten, aber Palmer gebot ihr mit erhobener Hand zu schweigen.
»Eben noch hast du behauptet, mich aus Interviews zu kennen. Dann wüsstest du auch, nicht nur bezüglich Gerechtigkeit, sondern auch bei der Einhaltung von Gesetzen gehe ich keine Kompromisse ein.« Es fiel Palmer schwer, nicht die Beherrschung zu verlieren.
»Nein, jetzt geht es nicht mehr um mein Herz, sondern um Susas Leben. Sie liegt im Krankenhaus und braucht deine Hilfe am allernötigsten. Hannah sagt, mein Vater will sie umbringen. Versprich mir, dass du sie beschützt. Einfach nur das. Tu nichts für mich, halte dich aus allem raus, aber beschütze meine Mutter.« Lenny atmete kurz und stoßweise.
Palmer schüttelte den Kopf mit fast geschlossenen Lidern. Aber ehe sie klipp und klar absagen konnte, kam ihr Hannah zuvor.
»Jetzt lass du uns nicht auch noch im Stich. Stell dir vor, Diethelm bringt Susa tatsächlich um und du hättest es verhindern können. Wie würdest du dich dann fühlen? Reiche Schweine können sich alles erlauben, und niemand unternimmt etwas dagegen. Nicht mal du.«
Palmer spürte ein dumpfes Pochen in der Brust. Hannah hatte ihre empfindliche Stelle getroffen. Palmer hatte schon immer Wert darauf gelegt, auf der richtigen Seite zu stehen. Konnte sie die Bitte abschlagen, einer Frau in Not zu helfen, wenn es niemand anderer tat? Würde sie nicht ihr eigener Ehrenkodex zur Hilfe verpflichten? Aber was, wenn das wieder bedeutete, in eine Straftat hineingezogen zu werden?
Bei diesem Auftrag ging es nicht darum, eine Straftat aufzuklären, sondern die Ermordung eines Menschen zu verhindern. Palmer kämpfte mit sich.
Schon mehr als einmal hatte sich Palmer gewünscht, sie hätte ein ganz durchschnittliches Pflichtgefühl, das sie einen völlig normalen Job ausüben ließ, um sich pünktlich um 17 Uhr in den Feierabend zu verabschieden. Auf einem kurzen Umweg ins Pub würde sie ein Bier heben, anschließend nach Hause schlendern und vor dem Fernseher die Füße hochlegen. Doch sie war aus anderem Holz geschnitzt. So funktionierte sie einfach nicht. Um eine Wahrheit an den Tag zu bringen, konnte sie sich völlig verbohrt in fremde Leben verbeißen. Etwas in ihr hielt es einfach nicht aus, jemanden in Not zu sehen.
Sollte sie Lenny und Hannah helfen? Palmer wog die Vorteile gegen die Nachteile ab. Falls sie den beiden half, mischte sie sich wieder in fremde Angelegenheiten ein. Das hatte sie bereits mehrmals beinahe das Leben gekostet. Aber sie hatte sich vorgenommen, sich auf nichts mehr einzulassen, das sie eigentlich nichts anging. Und sie hatte sich geschworen, ihr Leben nicht wieder aufs Spiel zu setzen. Beides hatte sie sogar Alex gelobt, ihrem Freund. Der würde sich das nicht bieten lassen, das wusste sie. Abgesehen davon hatte sie jetzt anderes zu tun. Sie musste dringend einen Job finden, wollte sie am Ende nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein.
Sie stülpte die Unterlippe vor, klappte sie wieder ein und fasste einen Entschluss.
5
Es gab Gut, und es gab Böse. Palmer sah es als ihre Pflicht, als rechtschaffener Mensch dazu beizutragen, das Gute zu fördern und das Böse zu bekämpfen. Sie hatte sich gefragt, was für ein Mensch sie eigentlich war, dass sie einer Frau in Not ihre Hilfe verwehrte. Eine tiefe Entschlossenheit bemächtigte sich ihrer, da sie erkannt hatte, Lennys Bitte um Hilfe nachgeben zu müssen.
Du kannst rumsitzen und dich fragen, was in dieser Welt falsch läuft. Oder du kannst dich erheben und gegen Unmenschen kämpfen. Das Böse siegt, wenn die Guten gleichgültig zusehen.
Aber da war noch etwas, und Palmer konnte sich schmerzhaft in Lenny hineinfühlen. Auch sie hatte einen Vater, der sich zeitlebens keinen Deut um sie geschert hatte.
Also ließ sich Palmer Diethelms Adresse von Hannah aushändigen, und die drei tauschten ihre Handynummern aus.
»Ruf mich an, wenn dir etwas Wichtiges einfällt.«
»Alaska«, sagte Lenny.
Kaum hatte Palmer ihm durch ein Kopfnicken zu verstehen gegeben, sie habe sein »alles klar« verstanden, rang er wieder nach Luft und drückte sich die Maske ins Gesicht.
Palmer fühlte sich in dieser tragischen Situation völlig hilflos. Sie ertappte sich dabei, wie sie an seiner Stelle hastig ein- und ausatmete. Wie viel Zeit blieb Lenny noch? Niemand konnte das wissen. Aber seine Mutter sollte ihn noch zu sehen bekommen und nicht vorher von Diethelm beseitigt werden. Wenigstens das würde sie verhindern, wenn sie auch sonst nichts tun konnte.
Als sie am Nachmittag ihren Wagen Richtung Meggen lenkte, ließ sie sich den Fahrtwind bei offenen Fenstern über die Arme streichen und war dankbar für diese Brise, die vom See her wehte, denn eine Klimaanlage in dieser Karre würde wohl ein Wunschtraum bleiben. Persönlich hatte sie Sicherheitsgurte für ein Zeichen von Feigheit gehalten bis zum Zeitpunkt, als sie Alex kennenlernte. Seither überwand sie ihre Abneigung und legte sie um, auch wenn diese alten Dinger kaum passten.
Beim Museum Verkehrshaus gewährte sie einem schnittigen Elektrofahrzeug den Vortritt und staunte, wie leise diese modernen Autos rollten, im Gegensatz zu ihrem alten Datsun Pickup, klapprig, mit durchhängenden Federn, gebaut zu Zeiten, als Umweltschützer noch zum Stromsparen aufriefen. Während sich ihr Wagen die Kreuzbuchstraße hochkämpfte, begann der Motor zu stottern. Schweiß trat auf Palmers Stirn, sogleich sprach sie sich Mut zu. Diese Kiste hatte bereits mehrere Jahrzehnte durchgehalten, bevor ihre Mutter ihn gebraucht gekauft hatte, weshalb sollte er ausgerechnet jetzt schlapp machen? Kurz vor Meggen fuhr Palmer in die Haltebucht eines Busses und kramte ihr Handy hervor, um sich übers Internet einen Eindruck von Diethelm zu verschaffen, war aber enttäuscht, wie wenig sie über ihn fand. Dass er mit Luxusuhren handelte, hatte sie schon gewusst, über ihn als Privatperson war gar nichts herauszubekommen.
Von der Kreuzbuchstraße bog sie zu den top modernen Villen ein, entlang der Schwerzihöhe. Vor Diethelms Doppelgarage war noch Platz für einen zweiten Wagen, da nur ein Range Rover davorstand, auf dessen glanzpolierter Karosserie sich die Sonne spiegelte. In dieser Umgebung, wo sonst nur nagelneue Porsches und Jaguars vor den Garagen parkten, nahm sich ihre alte Karre eigenartig aus.
Als sie mit zwei Rädern auf dem Gehsteig stehend den Motor ausdrehte, lobte sie ihren Datsun und bedankte sich bei ihm. Sonst tat sie dies nur nach längeren Autofahrten. Die Federn ächzten, als sie ausstieg. »Hast du toll geschafft.« Sanft klopfte sie ihm aufs Dach.
Zum Schutz vor der Sonne hielt sie sich die Hand über die Augen und genoss zwischen Diethelms Anwesen und der noblen Behausung seines Nachbarn hindurch das Alpenpanorama, welches sich mit seinen weiß überzuckerten Bergspitzen gleich hinter dem Vierwaldstättersee erhob. Sie hatte sich nie darüber gewundert, weshalb so viele der reichsten Schweizer an dieser Südlage vor den Toren Luzerns wohnten. Eine topmoderne Villa grenzte an die nächste, jede um Individualität ringend, glichen sie sich im Endeffekt trotzdem. Stahl, Beton und Glas herrschten vor, und Palmer erriet, dass nicht nur beim Bau, sondern bereits bei der Planung ein Vermögen draufgegangen war. Irgendwie mussten halt die Millionäre zeigen, dass sie im Überfluss lebten. Palmer kannte den einen oder anderen, allerdings war ihr noch nie aufgefallen, dass sie glücklicher aussahen als die weniger Begüterten. Gekaufte Dinge füllten offensichtlich keine Löcher in der Seele.
Sie überlegte, wie sie Diethelm dazu bewegen sollte, überhaupt mit ihr zu sprechen, denn er hatte keinen Grund, ihr auch nur eine Sekunde zu widmen. Sie hatte ihre Ankunft telefonisch nicht angemeldet, denn er hätte nur auflegen müssen.
Von Hannah wusste Palmer, dass er nicht verheiratet, aber zweimal geschieden war. Mit etwas Glück würde Diethelm ihr persönlich öffnen, falls sich ein Geschäftsmann wie er tagsüber zu Hause aufhielt. Aber möglich war es immerhin. Diese eine Chance wollte sie beim Schopf packen und mit ihm reden, bevor er ihr die Tür vor der Nase zuschlug. Aber noch wusste sie nicht, wie sie ihn in ein Gespräch verwickeln sollte, um herauszubekommen, was genau er mit Susa im Schilde führte. Genau genommen zweifelte sie sogar daran, in dieser Geschichte überhaupt etwas herauszukriegen.
Sie sprach sich Mut zu. Immerhin hatte sie früher die Erfahrung gemacht, dass reiche Pinkel sich oftmals nicht für andere interessierten, sondern lieber von sich und ihren eigenen Leistungen erzählten. Darauf setzte sie, hier würde sie einhaken.
Nun witterte sie den Duft des Sommers, der von der Wiese unterhalb von Diethelms Quartier sachte heraufwehte. Sie spitzte die Ohren und lächelte, als sie das gezirpte Lied eines Buchfinks erkannte, allerdings gefolgt von dessen Alarmruf. Kurz darauf hörte sie den kleinen Vogel nicht mehr.
Unterhalb der Wiese streiften ihre Blicke die moderne Kirche von Meggen mit dem frei stehenden Glockenturm und dem beeindruckenden geometrisch strengen weißen Kubus. Die gesamte Kirche kam ohne ein einziges Fenster aus. Was von außen kühl wirkte, barg im Inneren ungeahnte Werte. Tageslicht schimmerte durch die Wände aus Marmor hindurch und erhellte den Raum. Die Stärke des Außenlichts schuf unterschiedliche Farbeindrücke.
Ohne ihre Körperhaltung zu verändern, richtete Palmer die Augen auf den Boden, denn sie erinnerte sich an das traurige Lichtspektakel in diesem Sakralbau während der Abdankungsfeier von Niki, der Sängerin in ihrer früheren Rockband. Ihre Miene verdunkelte sich, die Tränen hielt sie jedoch zurück. Am damaligen düsteren Tag hatte sich mitten in der Feier die Sonne durch die Wolken gekämpft und die Wände und den gesamten Innenraum der Kirche von einem Ockergelb in ein strahlendes Orange verwandelt. Damit wurde eine unvergessliche emotionale Wärme geschaffen und der Trauergemeinde etwas Trost geschenkt. Ein magischer Moment, der Palmer geholfen hatte, Linderung ihrer Trauer zu finden. Palmer war nicht gerade ein Mensch, der Trost in Bibelworten fand. Da waren zu viele Dinge, die sie nicht verstand und die ihr das Leben eher erschwerten. Beispielsweise hatte die Bibel sie gelehrt, die andere Wange hinzuhalten. Nur, Auge um Auge hatte sie dort halt ebenfalls gelesen.
Sie schüttelte sich die tristen Gedanken aus dem Kopf und wollte das Treffen mit Diethelm hinter sich bringen. Auf dessen Vorplatz schritt sie an einem knuffigen Schäfchen aus dunkler Bronze vorbei und erkannte an den verschiedenen golden schimmernden Stellen an dessen Kopf, dass wohl kein Kind dieses Schäfchen passierte, ohne dessen Ohren zu kraulen.
Während sie tief durchatmete, um zur inneren Ruhe zu kommen, wunderte sie sich über den hohen weißen Mast, an dem ganz zuoberst die Schweizer Flagge sachte im lauen Lüftchen wehte. Auch brach sich das Sonnenlicht im feinen Sprühnebel von Nachbars Rasensprenger und schuf einen winzigen Regenbogen.
Palmer schritt zwischen peinlich genau geharkten Kiesfeldern mit je einem kleinen Felsbrocken darin hindurch und dem einen oder anderen Bonsai außen herum. Bereits im Garten zeigte Diethelm, was er hatte. An der Tür drückte sie ihren Finger auf den Touchscreen und war sich sicher, dort drin versteckte sich auch eine Überwachungskamera. Im Innern erklang eine Melodie, und sie wartete. Nach einer halben Minute läutete sie noch einmal. Sie hatte sich fest vorgenommen, sachte ins Gespräch zu starten, was ihr aber nicht leichtfiel angesichts eines Millionärs, der auf seine Vaterpflichten pfiff und möglicherweise sogar seiner ehemaligen Freundin nach dem Leben trachtete.
Endlich klickte das Schloss, und in der geöffneten Tür kam ein Gesicht zum Vorschein. Die Dame war Mitte 20, vielleicht fünf Zentimeter größer als Palmer, drückte sich ein Handy ans Ohr und betrachtete Palmer mit dem Blick einer Frau, die mögliche Konkurrenz gesichtet hatte. Ihr Telefonat unterbrach sie nicht, sondern fragte nur nebenbei, was Palmer wolle. In ihrem Blick erkannte Palmer nicht mal die Andeutung eines Lächelns.
Schmal gezupfte Brauen wölbten sich über grünen Augen. Oder waren sie grau? Vielleicht kam es wie beim Ozean auf die Stimmung an. Ihr Mund unter der markant geschnittenen Nase war kunstvoll nachgezogen. Das ganze Gesicht hatte sie cremig geglättet und geschminkt ganz im Stil der Kardashians. Sie trug eine bronzefarbene Bluse, die den Ansatz ihres Busens erkennen ließ, aber nicht allzu viel davon. Ein goldenes Kettchen zierte ihr Dekolleté, nichts Aufdringliches, aber definitiv teuer. Sie war gut gebaut, aber etwas üppiger, als die aktuelle Mode vorschrieb, und sie trug teure Jeans, die an ihren Fußknöcheln zwei kleine Tattoos zur Hälfte verdeckten. Ihre nackten Füße hatte sie in goldglänzende High Heels gezwängt, mit so hohen Absätzen, dass sie gerade nicht mehr als bequem durchgingen. Auf jeden Fall sah sie toll aus. Allerdings hatte sie etwas zu viel von einem vermutlich teuren Parfüm aufgetragen, das Palmer nicht kannte.
Die Frau nickte mit ihrem Kinn in Palmers Richtung, am Ohr noch immer das Handy, das sie an einer Kordel um den Hals trug, so wie Leute von Welt dies seit Neuestem taten, wobei nicht immer klar war, wer hier wen an der Leine führte.
»Ich bin eine Freundin von Lenny und Sus…«
»Was wollen Sie?«
Als führe eine Messerklinge durch sie hindurch erstarrte sie in der Bewegung ihres Arms zu ihrer Hüfte, als Palmer die Namen erwähnte.
»Ich habe eine Frage an Lennys Vater.«
»Was gibt’s da zu bereden?«
»Besser, ich bespreche das mit Herrn Diethelm persönlich.« Die Frau schwieg und überlegte, während sie Palmer mit einem angewiderten Gesichtsausdruck bedachte, der ihr jegliche Schönheit aus dem Gesicht wischte.
»Wen muss ich melden?«
»Darf ich reinkommen?«
Sie verdrehte die Augen, zögerte und erlaubte Palmer schließlich mit einer Bewegung des gestreckten Arms einzutreten. Auf dem kurzen Weg ins Wohnzimmer schaffte sie es, ihre honigblonden Locken, die ihr bis über die Schultern fielen, zweimal nach hinten zu werfen. Der unverputzte Sichtbeton der Hausfassade setzte sich im Inneren fort, und Palmer schien es, als würden die nackten Betonwände ihre Schritte als Echo zu ihnen zurückwerfen. Wie ein Mannequin schritt sie vor Palmer her, wobei sie einen Fuß direkt vor den anderen setzte und ihr Becken hin und her wiegen ließ, während ihr linker Arm in kurzem Bogen an ihrer Seite schwang. Mit der Rechten drückte sie ihr schwarzes iPhone knapp unterhalb der Brust an den Körper. Schließlich gab sie mit der flachen Hand Palmer zu verstehen, hier zu warten.
»Thomas, kommst du mal?« Das Gewicht auf einem Bein, die Hand an der Hüfte, blickte sie über die Schulter zurück, ganz wie es all die Models in den Zeitschriften vormachten. Gleichzeitig sprach sie gedämpfte Worte in ihr Smartphone.
Palmer überlegte, wie sie sich selber zu einem halbwegs überzeugenden Lächeln überlisten konnte, mit Bedacht auf den niederträchtigen Schweinehund, auf den sie gleich treffen würde. Sie blickte in den Salon, und es verschlug ihr beinah die Sprache. Mit der unverbaubaren Sicht auf See und Berge hätte man in diesem Raum Tennis spielen können. Nicht die obligatorische Sofalandschaft, sondern der riesige Kamin mit den drei Sesseln davor ließ Palmer vor Neid erblassen. Allerdings verstand sie, als sie sich umblickte, dass die Bewohner dieser Residenz es erfolgreich schafften, mit einem Perserteppich, einem aufgeklappten Globus im Antiklook, bestückt mit verschiedenen edlen Destillaten, Bauernschrank und Biedermeier-Sitzgruppe den ganz besonderen Charme dieses stylisch modernen Bauwerks zu neutralisieren. Und dann erst diese komplette Eisenrüstung, ganz als stünde ein mittelalterlicher Ritter unter gekreuzten Schwertern stramm Wache vor dem Durchgang ins Wohnzimmer. In dieser riesigen Eingangshalle fühlte sich Palmer belästigt durch den konzentrierten Geruch einer Duftkerze, wo doch bei offenem Fenster die Sommerwiese so wunderbar geduftet hätte.
Aus dem Arbeitszimmer von der anderen Seite des Salons schritt ihr ein lächelnder End-50er in Designeroutfit entgegen. Sein weißes Hemd hatte er sich tadellos in die schwarze Hose gestopft, ein Ledergürtel hielt es an Ort und Stelle. Die üblichen Gewichtsprobleme der meisten Männer in seinem Alter kannte er wohl nicht.
Vielleicht hält er sich in einem Studio fit, dachte Palmer. Im Gehen zog er sich sein Jackett an, rückte die Krawatte zurecht und breitete seine Arme aus, als er ihr entgegenschritt.
Was für Menschen binden sich sogar zu Hause eine Krawatte um?, dachte Palmer. Vom Hals baumelte an einem Goldkettchen die Lesebrille, am linken Handgelenk guckte, halb verdeckt vom Ärmel, eine Golduhr hervor, jedoch keine Rolex. Palmer wusste, Leute mit wirklich viel Kohle verschwendeten diese nicht an eine Rolex. Zwar eine absolute Topmarke, aber zu viele Billigkopien prangten an den Handgelenken von Leuten, die sich nie im Leben eine echte leisten konnten. Palmer hätte ihn eher als sympathisch denn als gutaussehend bezeichnet, wenn auch für ihren Geschmack zu glatt und wohl auch zu bieder. Bemerkenswert war die Uhrmacherbrille auf seiner Nase, perfekt, um mechanische Zeitmesser zu reparieren. Allerdings schob er diese jetzt zur Stirn hoch, sodass sie sich vor dem kahlen, gut gebräunten Schädel wie eine Krone über den Augen ausnahm.
Palmer staunte, nie hätte sie erwartet, dass er höchstpersönlich Servicearbeiten an den edlen Dingern ausführte.
Erst als er vor ihr stand, erkannte sie, er war kleiner als die junge Frau, die Palmer die Tür geöffnet hatte, und die ihnen jetzt mit einigem Abstand beim Telefonieren den Rücken zudrehte.
»Thomas Diethelm.« Sein hervorstehender Adamsapfel hüpfte, als er Palmer mit seiner tiefen Baritonstimme überraschte, die sie an den Sänger Rag’n’Bone Man erinnerte, während er kräftig ihre Hand drückte.
Wie konnte er nur so guter Stimmung sein nach dem dramatischen Vorfall mit der Mutter seines Sohnes?
»Mein Name ist Palmer.«
Er nickte. »Freut mich. Kann es sein, dass wir uns schon mal begegnet sind? Ich kann mir Gesichter ziemlich gut merken.«
»Da muss ich Sie enttäuschen.«
Er schnippte triumphierend mit dem Finger. »Sie sind Chris Palmer, ich kenne Sie aus den Medien, stimmt’s? Doch, doch, Sie erledigen die Arbeit der Polizei, wenn diese nicht mehr weiterweiß. Sie haben diese Sängerin gefunden. Wie hieß sie doch gleich? Sagen Sie’s nicht. Es liegt mir … auf der Zun… Niki, so hieß sie. Niki Aschwanden.« Er strahlte Palmer an, als müsste sie ihn jetzt beglückwünschen. Palmer jedoch ging nicht darauf ein, und Diethelm nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase, als würde er nachdenken. Endlich stimmte er mit einer Bewegung seines Kopfes zu. »Was führt Sie hier heraus nach Meggen? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Diethelm rieb sich die Hände und nickte noch einmal.
Palmer dachte spontan, dies habe ihm vielleicht bereits beim Militär Erfolg gebracht. Dort sicherte man sich eine Beförderung am einfachsten dadurch, den Vorgesetzten glauben zu lassen, man wäre ein bisschen dümmer als er.
»Es geht um Lennys Mutter.«
Auf einen Schlag verschwand sein Lächeln, gleichzeitig verschränkte er die Arme vor der Brust.
»Tragisch, der ganze Vorfall.« Er blickte zu Boden, schüttelte den Kopf und stemmte seine Hände in die Hüften. »Der ganze Raubzug. Und dann wird auch noch ein Mensch verletzt! Wir waren wegen dieser Vorkommnisse auch heute Vormittag wieder bei der Polizei.«
Die junge Lady hatte sich inzwischen hinter Diethelm gestellt und machte sich daran, ihren Anruf zu beenden. Sie winkte dem Gesprächspartner zu, als sie sich von ihm am Telefon verabschiedete, drückte eine Taste und warf ihr Haar schwungvoll nach hinten.
»Habe ich richtig gehört, Sie sind Palmer?« Ihre Augen glänzten. »Eine echte Berühmtheit!« Sie schenkte Palmer ein erstauntes Lächeln.
»Hören Sie, dieser brutale Überfall, der war für alle nicht leicht.« Diethelm schien echt bewegt.
Palmers Herz setzte einen Moment aus, als unversehens ein gleißender Blitz ihre Augen blendete. Einen Wimpernschlag später erkannte sie, wie die junge Frau sich neben sie gestellt und mit ihrer Handykamera ein Selfie von ihnen beiden geschossen hatte.
»Lassen Sie das!« Palmer reckte ihr Kinn vor.
»Einen Medienstar kriegt man nicht alle Tage vor die Linse.«
»Tragisch, das mit Anna-Susanna.« Diethelm zog sich die Hose hoch. »Ich wusste nicht mal, dass sie dort im Schlosshotel arbeitet. Aber für mein Geschäft ist eine solche Gewalttat ganz schlecht. Diese Langzeitfolgen. Ich meine nicht den materiellen Schaden, das Ausstellungsstück ist glücklicherweise gut versichert. Nein, ich meine das Gerede, die Verunsicherung, die sich bei meinen Gästen einstellen könnte. Ka-tas-tro-phal, verstehen Sie?«
Palmer erkannte ein geplatztes Äderchen auf dem Nasenflügel, aber sogleich stach ihr etwas anderes ins Auge. Seine gut sichtbare Narbe auf der linken Wange. Ein Schmiss. Ihre Mutter hatte ihr diesen Brauch, als sie noch ein Kind war, erklärt. Nun bekam sie eine solche Narbe zum ersten Mal zu Gesicht. Früher hatte diese aus einem studentischen Fechtkampf davongetragene Schnittverletzung als typisches Erkennungszeichen eines Akademikers gegolten. Allerdings meinte ihre Mutter, solches sei seit Langem nicht mehr üblich, heute würde ein Schmiss nur noch dann und wann von Leuten präsentiert, die vorgaukeln wollten, sie hätten eine Universität besucht. Palmer überlegte, Diethelm später darauf anzusprechen.
»Ach, entschuldigen Sie bitte. Darf ich vorstellen? Aurelia Amberger, meine Assistentin.« Diethelm drehte sich zu seiner Begleiterin um. Aber diese warf den Kopf zu ihm herum und bedachte ihn mit einem wütenden Blick.
»Beruhige dich, okay? Ich bin doch gar nicht fertig.« Er wandte sich wieder Palmer zu. »Aurelia Amberger, meine Assistentin. Und meine Lebensgefährtin. Besser jetzt?« Die Frage galt Aurelia, aber bevor diese in irgendeiner Form seine Korrektur kommentieren konnte, fuhr er fort: »Aurelias Mitarbeit ist unbezahlbar. Sie weiß wunderbar, wie man die elektronischen Medien gewinnbringend einsetzt.« Er schenkte ihr ein anscheinend von Herzen kommendes Lächeln. »Als meine Social-Media-Managerin habe ich sie eingeführt in die Welt der Wohlhabenden, die sich meine Uhren leisten können. Ich gebe zu, ich mache mir nicht nur diese eine gute Eigenschaft dieser gerissenen Dame zunutze. Sie kreiert kurze und knackige Storys und bringt sie unter unsere Kunden, alles zielgerichtet, abgestimmt aufs Geschäft. Und sie schafft es ganz toll, auf schamloses Geschwätz in meinen professionellen Facebook- und Instagram-Konten zu verzichten.«
In Gedanken fragte sich Palmer, ob Aurelia hierfür einen privaten Account pflegte. Denn Palmer kannte die Foto- und Videoplattformen gut genug, auf der insbesondere junge Menschen die perfekte Version ihrer selbst posteten. Man zeigte nicht, wer man war, sondern wofür man sich hielt oder wofür die Leute einen halten sollten. Man präsentierte, was man gerade Tolles erlebte und die anderen nicht.
Aurelia musste dieses Kompliment in den falschen Hals gekriegt haben, denn sie stieß ein kurzes höhnisches Schnauben aus und drehte sich weg. »Ich schaffe dann mal die Marmorskulptur rein.«
Diethelm begann, Palmer seine Uhrenwelt zu erklären, ohne dass sie danach gefragt hatte. Aber sie wollte ihn nicht unterbrechen, seinen Redefluss abwürgen. Sie würde später zu jenen Themen steuern, die sie interessierten.
»Sie müssen wissen, kein Mensch braucht eine Luxusuhr. Die Zeit liest sich jeder kostenlos auf dem Handy ab. Aber genau das macht den Reiz meiner Schmuckstücke aus. Die Zeitanzeige ist bloß ein angenehmer Nebeneffekt. Die Armbanduhr ist das einzige Schmuckstück, das der Mann jederzeit tragen kann, ohne übertrieben aufgedonnert zu wirken. Der hohe Preis meiner Preziosen setzt sich zusammen aus dem Ansehen der Marke, deren bester Qualität, den verwendeten Materialien wie Gold, Platin und vielleicht ein paar Diamanten, der Handarbeit, der gestalterischen Schönheit, auch der Anzahl der Komplikationen, also der Zusatzfunktionen des Uhrwerks. Die Schweizer Uhrmacher sind Meister darin, eine Uhr komplizierter zu machen.« Er rieb sich die Hände. »Beim Preis spielt auch die Verknappung eine gewisse Rolle. Seltenes ist nun mal teurer.« Er lachte und klatschte in die Hände. »In Zeiten von Negativzinsen gönnt sich der Mann von Welt schon mal etwas Nettes, statt zuzusehen, wie sein Geld auf der Bank immer weniger wird. Eine repräsentative Wohnung haben meine Kunden alle schon, ein dickes Auto sowieso. Die einen investieren ihr Geld dort, wo es sich weiter vermehrt. Für die anderen komme ich ins Spiel und biete eine tägliche Freude beim Anblick ihrer Uhr am Handgelenk. Wobei der Wert der edelsten Modelle sogar noch zulegt, während man sie trägt.«
Palmer und Diethelm rissen den Kopf herum, als mit lautem Krachen die aufschwingende Haustür hinten an die Wand knallte.
»Ich stelle sie mal ins Wohnzimmer.« Aurelia trug unter Aufwendung aller Kräfte eine gut 60 Zentimeter hohe Marmorskulptur herein, ihre Arme fest um den Stein geschlungen. Palmer war beeindruckt, solch ein Gewicht schaffte nicht jeder Mann.
»Aber bitte zerkratz mir nicht den Tisch, ja?« Diethelm wandte sich wieder Palmer zu.
»Ein kleines Ferien-Souvenir aus … Mallorca.« Er biss sich auf die Unterlippe. »Das Geschäft läuft so gut, dieser eine Auslandsaufenthalt muss für uns dieses Jahr reichen.« Er sprach gemächlich und wählte seine Worte sorgfältig. »Luxusarmbanduhren haben längst ihre Funktion geändert zu wertvollen Schmuckstücken. Meine Käufer sind verliebt in deren inneren Werte, in die hochkomplexen mechanischen Kunstwerke. Sie sind gefesselt von der Seele des Räderwerks.«
Lass ihn reden, dachte Palmer, wollte es dann aber trotzdem etwas genauer wissen. »Bieten Sie denn Ihre teuren Uhren günstiger an als die Konkurrenz, damit Ihre Kunden bei Ihnen kaufen? Bei all den vielen Uhrenläden in Luzern.«
»Geht es um so exklusive Dinge, lieben es die Leute, ihr wertvolles Stück von jemandem zu erwerben, mit dem sie in einer freundschaftlichen Beziehung stehen. Das informative Gespräch von Mensch zu Mensch, das ist meine Stärke. Aurelia schafft dies über die elektronischen Wege. Mit ihrer wertvollen Hilfe biete ich nun beides.« Wieder zog er sich die Hose hoch. »Die Leute nehmen sich Zeit für die Uhr ihrer Träume und wollen im Detail wissen, was alles dahintersteckt, stellen viele Fragen, die wir dann beantworten. Aurelia bringt sogar neue Kunden zu uns. Und es lohnt sich tatsächlich, die Uhren bei mir zu kaufen, ich empfange sie in einem Appartement in bester Aussichtslage. Viele echt reiche Leute gehen nicht mehr in Läden, sondern bevorzugen die Diskretion einer Wohnung. Diese dürfen meine Kunden auch exklusiv nutzen für ihre privaten Zwecke. So spare ich Unsummen für Miete eines Geschäfts an teurer Passantenlage. Falls ein Kunde dies wünscht, organisieren wir ihm in dieser Wohnung ein Dinner, damit er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen kann.« Er strahlte übers ganze Gesicht. »Von Gesetzes wegen stehen jedem Käufer in der Schweiz volle zwei Jahre Garantie zu. Ich aber biete fünf Jahre. Da unsere Uhren von so hoher Qualität sind, habe ich bisher erst ein einziges Mal so richtig teure Reparaturen beim Hersteller aus meiner eigenen Tasche berappt. Keiner toppt unsere Uhrenmarken: Patek Philippe, Vacheron Constantin, Breguet.«
»Ich muss gestehen, ich kenne keine dieser Marken.«
»Gerne führe ich Sie in diese wundervolle Welt ein.« Sogleich aber fiel sein Blick auf Palmers ausgelatschte Converse-Turnschuhe, und er geriet ins Stocken. »Was erzähle ich da. Das interessiert Sie doch gar nicht.«
»Doch, doch«, sagte Palmer schnell. Gleichzeitig ärgerte sie sich, da sie nicht wusste, wie sie einen eleganten Bogen spannen sollte zu ihrem eigentlichen Anliegen. Sie zögerte, aber nur kurz. »Wie war das nun mit dem Schuss? Es steht die Aussage im Raum, Sie wollten sich ein für alle Mal der Unterhaltspflichten an Susa entledig…«
Mit wegwerfender Bewegung schnitt er ihr das Wort ab.
»Susas Verletzung tut mir ausgesprochen leid, war aber nichts anderes als eine Verkettung unglücklicher Umstände. Habe ich der Polizei lang und breit erklärt. Hören Sie, was da mit Susa und Lenny ist, geht Sie wirklich nichts an. Ich frage mich, weshalb ich überhaupt nur eine Sekunde mit Ihnen darüber spreche.«
»Wenn Susa nichts zu befürchten hat, ist alles gut. Sollte sich das Gegenteil auch nur andeuten, kriegen Sie’s mit mir zu tun.«
Er hob eine Augenbraue, um Palmer deutlich zu machen, wie ungewöhnlich ihre Aussage war.
»Erkenne ich da eine Drohung?« Verblüfft sog er Luft ein. »Aber wenn ich Sie damit loswerde: Wie hätte ich überhaupt wissen können, dass Susa auf der Party auftaucht? Ich habe sie nicht eingeladen. Sie hat sich offenbar gezielt für diesen Job beim Hotel beworben, ohne mein Wissen. Ich habe sie vor der Schussabgabe nicht mal gesehen. Erkannt habe ich sie erst, nachdem die Räuber abgezogen waren. Und dann soll ich im Kampf um die Pistole gezielt auf Susa geschossen haben? Glaubt doch kein Mensch. Und weshalb hätte ich dies tun sollen? Das tönt ja so, als hätte ich Susa gehasst. Im Gegenteil: Ich habe Susa geliebt. Damals. Aber diese Liebe war leider nur einseitig. Wenn einer Susa gehasst hat, dann einer ihrer Ex-Liebhaber. Der eine hat sie sogar bedroht. Was da genau war, weiß ich nicht und interessiert mich auch nicht. Auch wenn es Sie nichts angeht: Um Ihrem unsäglichen Verdacht ein Ende zu setzen, will ich Ihnen einiges erklären. Aber dann sorgen Sie dafür, dass Hannah schweigt.«
Als Palmer sich nicht regte, fuhr er fort.
»Ich weiß genau, dass Hannah hinter allem steckt. Hören Sie, seit seiner Geburt habe ich für Lenny bezahlt. Susa hat ihn mir in unserer kurzen Beziehung untergejubelt, wo sie doch glaubhaft behauptet hatte, sie nehme die Pille. Vielleicht ist Lenny nicht mal von mir. Aber okay, ich habe die Vaterschaft bei seiner Geburt anerkannt und bezahlt. Aber kriegen wird er auf ewig nur das Minimum.« Er schob seinen Unterkiefer vor.
»Einige Wochen nach der Geburt hat sich Susa einen Jüngeren angelacht. Das war’s für mich.« Er ballte eine Sekunde lang die Fäuste. »Ich weiß nicht mal, was Susa von mir gewollt hat auf meiner Party.«
»Lenny hat erzählt, Susa habe Sie um Geld anflehen wollen, um ihm mittels Bestechung zu einem Spenderherz zu verhelfen.«
Er breitete die Hände aus und schüttelte den Kopf.
»Leider muss Susa andere Mittel und Wege finden.«
»Das Mindeste, was Sie für Lenny tun können, ist einzuwilligen zur Organspende.«
»Sie wollen, dass die Ärzte mich nach meinem Tod ausschlachten wie ein altes Auto? Niemand hat ein Anrecht auf meine Organe, auch nicht mein Sohn.«
Palmer zog die Augenbrauen hoch. Immerhin sprach er die Worte Lenny und Sohn ohne zu stottern im selben Satz aus. »Lenny sieht sehr schlecht aus«, fuhr Palmer fort.
Er verzog gequält das Gesicht. »Wissen Sie, solche Herzprobleme mag ich niemandem gönnen, auch Lenny nicht. Aber sollte er sterben, kann ich mir meine monatlichen Überweisungen sparen.«
Unverwandt starrte Palmer ihn einige Sekunden lang an. »Ist es nicht eher so, dass Sie Lenny gar keine Alimente überweisen?«
»Quatsch, Lenny und Susa kriegen ihr Geld seit seiner Geburt lückenlos. Aurelia, zeig doch der Dame mal die Kontoauszüge mit den Überweisungen.« Diethelm machte einige Schritte in Richtung Wohnzimmer, wo Aurelia mit dem Marmorungetüm verschwunden war, hielt dann aber inne und drehte sich auffallend langsam Richtung Palmer. »Moment mal. Das wird mir erst jetzt klar: Sie unterstellen mir, ich wolle Susa umbringen, um keinen Unterhalt an sie zu zahlen? Blödsinn. Wäre dies so, dann brauchte ich doch Susa gar nicht umzubringen. Ich müsste vielmehr Lenny aus dem Weg räumen. Die Unterhaltspflicht an Susa würde dann automatisch wegfallen.«
Palmer fühlte, wie ihr das Blut vom Hals aufstieg und ihr ins Gesicht schoss. Diethelm war nicht auf den Kopf gefallen. Auch Palmer hatte Hannah bereits im ersten Gespräch auf diese Unstimmigkeit hingewiesen. Umso heftiger schmerzte sie Diethelms lockere Abwehr. Es war blöd, ihm dies vorzuwerfen. Denn falls Diethelm tatsächlich einen Mord in Erwägung zog, um nicht weiter zahlen zu müssen, was für sich genommen schon ziemlich abwegig war bei seiner finanziellen Lage, dann hätte Lenny sinnvollerweise das Ziel seines Anschlags sein müssen. Kein Sohn, kein Unterhalt. Schließlich waren er und Susa nicht verheiratet. Damit wäre das Thema lästiger Sohn für ihn vom Tisch gewesen. Also warum Susa? Was, wenn Diethelm recht hatte und es steckte auf irgendeine Weise Hannah dahinter? Nur wie? Was sollte das alles? Diethelm zahlte also für Lenny und war bereit, das zu beweisen. Mehr noch, er hatte anscheinend nicht einmal auf einem Vaterschaftstest bestanden. Hätte er das nicht getan, wenn ihm so unglaublich wichtig war, nicht zu bezahlen? Wäre dann der Vaterschaftstest nicht vor dem vermeintlichen Mordanschlag der erste Schritt gewesen?
Nein, da stimmte eine ganze Menge nicht. So einfach und klar, wie Hannah sich das Ganze vorgestellt hatte, war es wirklich nicht. Palmer ärgerte sich über sich selbst. Sie war überhastet hergefahren, hatte unüberlegt und ohne ausreichende Planung gehandelt. Ein Anfängerfehler. Was war los mit ihr? Irgendwo, tief in ihr drin, meldete sich der Gedanke, dass der Schmerz durch die Parallele zum Schicksal ihrer Mutter sie bei diesem Fall vielleicht zu sehr beeinflusste. Sie musste sich zusammenreißen. Auch wenn sie jetzt erst mal eine Niederlage einzustecken hatte.
Palmer stand vor Diethelm wie eine Schülerin, die falsch an die Tafel geschrieben hatte, und biss die Zähne fest aufeinander, bis ihr Kiefer schmerzte.
»Falls Susa überhaupt um ihr Leben fürchten muss, dann sicher nicht meinetwegen«, fuhr Diethelm fort. »Bohren Sie besser in Susas Privatleben nach. Dort liegen einige Leichen vergraben. Bildlich gesprochen, versteht sich.« Seine rechte Augenbraue schoss in die Höhe. »Da läuft eine Frau von der Kaviarbar zufällig in die Schusslinie, und Sie machen daraus einen Mordversuch. Man könnte sagen, das ist reichlich mutig oder ziemlich dumm. Aber dumm sind Sie nicht, Palmer. Das wissen wir beide. Und wir wissen auch, dass Sie solche haltlosen Anschuldigungen nicht ungeprüft in die Welt hinaustragen, oder? Ja, ich denke, das werden Sie nicht. Dafür sind Sie zu klug.« Sein Blick ruhte auf ihr, er blinzelte nicht. Beide schwiegen. Mit ruhiger Stimme fuhr Diethelm fort. »Sie haben sich verrannt, und das trage ich Ihnen nicht nach. Sie haben sich von Hannah aufhetzen lassen, das kann passieren. Ich kenne die Frau, weiß, wie sie tickt. Ich frage einfach mal: Sollte es soweit kommen, dass ich sogar vor der Öffentlichkeit meine Unschuld beweisen muss, darf ich dann auf Sie zurückkommen? Würden Sie für mich arbeiten, um das Gegenteil zu beweisen? Gegen Honorar natürlich. Was sagen Sie?«
»Scheiße.« Ihr Herz hämmerte. »Das wird nie geschehen.« Mich von der Gegenpartei einspannen lassen? Ausgeschlossen, auch wenn er sich als nicht ganz so übler Kerl wie erwartet präsentiert hatte. Allerdings, seine monatlichen Überweisungen an Lenny und Susa würde Palmer erst noch nachprüfen. Dass er so begeistert ihr das alles hatte beweisen wollen, weckte inzwischen ihr Misstrauen. Diethelm war ein offensiver Typ. Wie er auf sie zugekommen war und sie dann vollgetextet hatte, nicht schlecht … Er hatte die Unterhaltung sofort auf eine andere Ebene gelenkt. Es konnte seine Persönlichkeit sein, dass er so agierte – oder es war Taktik.
Verdammt, Hannah hatte sie auf den Holzweg geschickt. Wenn er tatsächlich seinen finanziellen Verpflichtungen nachgekommen war, und das seit Jahren, dann war das ein starkes Stück. Palmer überlegte fieberhaft, wie sie sich aus dieser peinlichen Situation rauswinden konnte.
»Lenny sagt, er habe die gleiche Blutgruppe wie Sie. Wollen Sie nicht etwas Gutes tun für Lenny, gesetzt den Fall, Sie versterben bei einem Unfall? Sie könnten sich als Spender eintragen lassen und ihm mit Ihrem Herz ein neues Leben schenken. Ein Teil von Ihnen würde weiterleben.«
»Mein Herz spenden? Klingt romantisch. Wobei Lenny mir vor Jahren wirklich einmal einen Brief gesandt und mich gebeten hat, bei meinem Tod mein Herz ihm zu vermachen. Ich hatte gedacht, dieses Thema erledige sich von selbst, da es wohl ein Zufall wäre, hätte ich dieselbe Blutgruppe wie er. Also habe ich diese abklären lassen. Und tatsächlich weisen wir dieselbe Blutgruppe auf. Aber da eine Herzspende meinen Tod voraussetzt, habe ich ihm in einem kurzen Schreiben mitgeteilt, er müsse sich dies leider aus dem Kopf schlagen. Mit meinem Ableben will ich mich gegenwärtig nicht beschäftigen. Im Moment habe ich andere Probleme. Abgesehen davon, dass mich der Gedanke schockiert. Sein Gewinn nur gegen meinen Verlust.« Er lehnte seinen Oberkörper zurück. »Und was, wenn ich auf dem Operationstisch liege und mich die Ärzte für tot erklären und ausnehmen, da für eines meiner Organe von irgendwoher ein lukratives Angebot reingeflattert ist, während ich aber weiterleben könnte? Nee, dass ich mein Herz spende, können Sie von mir nicht erwarten.«
Entschlossen drehte er den Kopf weg, wodurch Aurelia in sein Blickfeld geriet. »Der Wievielte ist das heute? Ich befürchte, deine zusätzlichen Pfunde bringst du nicht mehr runter«, blaffte er sie an, während sie das Stäbchen eines Lutschers im Mund drehte, auf seine Worte hin aber erschrocken innehielt.
Palmer konnte nicht abschätzen, von wie viel Liebe diese Beziehung erfüllt war. Aber vermutlich schaffte es Aurelia angesichts seines Vermögens, friedlich mit ihm zusammenzuleben, trotz seiner Ausfälligkeiten.
»Liebes, zeig’ doch Frau Palmer meine Überweisungen an Lenny und Hannah auf E-Banking, damit wir dieses Thema endlich vom Tisch kriegen.«
»Das haben wir gleich.« Aurelia stöckelte in den Nebenraum, kam mit ihrem MacBook zurück, knickte im Stehen die Hüfte ein und balancierte das Ding auf dem linken Unterarm. Sie tippte ein wenig herum und stellte sich dann neben Palmer.
»Hier oben, sehen Sie? Thomas Diethelms Privatkonto. Und hier die letzte Überweisung an Anna-Susanna und Lenny Bischof. Wenn ich runterscrolle erkennen Sie bei jedem Letzten des Monats die Überweisung. Stets derselbe Betrag. Okay?«
Palmer starrte auf den Bildschirm, blieb jedoch die Antwort schuldig.
»So, das muss reichen.« Aurelia bewegte den Cursor zum roten Punkt und beendete Safari.
»Was soll das?« Palmer riss ihr den Laptop aus den Händen. Als Aurelia das Programm geschlossen hatte, war darunter Firefox sichtbar geworden und hatte die Sicht freigegeben auf Aurelias Schnappschuss mit Palmer.
»Sie haben Ihr Selfie mit mir auf Instagram gepostet?« Palmers Adern pulsierten. Noch bevor Aurelia den Laptop zurückerobern konnte, klappte Palmer das Gerät so kräftig zu, dass sich Diethelm ob des lauten Knirschens die Hand aufs Herz legte.
»Was haben Sie getan?« Alles Blut wich aus Aurelias Gesicht. Sie bedachte Palmer mit einem Mann-bist-du-blöd-Blick. Übervorsichtig klappte sie den Laptop auf. »Verdammt.« In ihren Augen sammelte sich Wasser. »Scheiße, der muss in Reparatur. Wie soll ich jetzt arbeiten?«
6
Noch vor Diethelms Haus zwängte Palmer ihre Hand in die engen Jeans, um sich ihr Handy aus der Hosentasche hervorzukramen. Gleich würde sie Hannah mitteilen, dass für sie diese Angelegenheit abgeschlossen war. Aus lauter Hilfsbereitschaft Lenny gegenüber und um einer Frau in einer echten Notlage beizustehen, hatte sie sich überreden lassen, Diethelm auf den Zahn zu fühlen. Inzwischen vermutete Palmer hinter Hannahs Behauptung, Diethelm schere sich einen Dreck um seinen Sohn und jedwede Unterhaltszahlung, eine großzügig frisierte Halbwahrheit, um Palmer dazu zu bringen, in der Sache tätig zu werden. Geschickt hatte sie Palmers Sinn für Gerechtigkeit angesprochen und sie in die Falle rennen lassen. Aber wozu? Hannah musste doch wissen, dass Palmer im Handumdrehen herausfinden würde, was wirklich Sache war, was an der Geschichte tatsächlich stimmte. Und dann? Was erwartete Hannah jetzt? Dass Palmer einfach weitermachte, weil sie jetzt eh schon an der Sache dran war? Nicht zu fassen. Palmers Gesichtszüge spannten sich an vor Zorn. Und sie wusste, ihre Stimme würde sehr entschlossen klingen. Aber als Palmer das Telefon entsperrte und Hannahs Nummer noch nicht mal gewählt hatte, vibrierte das Handy und meldete den Anruf von Hannah. Palmer ließ es einige Male klingeln, während sie sich in Gedanken eine eindeutige Ansage bereitlegte, dazu mit der festen Absicht, auf jegliche Begrüßungsfloskel zu verzichten. Endlich nahm sie den Anruf entgegen und hob das Handy ans Ohr. Sie öffnete den Mund, um loszulegen.
»Susa ist tot«, schrie Hannahs Stimme, gleichzeitig schrill und besorgt. »Hörst du?«
Palmers Mund stand weiterhin offen, aber sie fühlte sich, als hätte ein Stromschlag sie erwischt. Eine Mischung aus Schock, Unverständnis und Schmerz. Sie konnte nicht sprechen. Ihre Knie wurden weich, der linke Arm sank zu ihrer Hüfte.
»Palmer, ich muss wissen, hast du Susa besucht im Krankenhaus?«
Palmer sortierte ihre Gedanken, aber bevor ihr auch nur ein Wort über die Lippen kam, setzte Hannah bereits nach.
»Sag mir, hast du an ihrem Bett gestanden?«
»Weshalb fragst du? Nein.«
»Heute Morgen ist jemand bei Susa aufgekreuzt.« Hannah schniefte Tränen hoch. »Aber weder Ärzte noch Pflegerinnen können sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Gleich danach ist Susa gestorben.« Nun heulte sie hemmungslos. »Jemand hat sie umgebracht.«
Palmer spürte Schweiß im Nacken und auf der Stirn. Ihr wurde heiß unter dem dünnen T-Shirt, Schwindel erfasste sie. Am liebsten hätte sie jetzt ein Glas kaltes Wasser in einem Zug geleert.
Palmer atmete durch, ihre Wut hatte sich in Luft aufgelöst, alles war anders, neu, surreal. Schrecklich. Fast wünschte sie sich zurück zu ihrem Katermorgen, als sie außer einem Job, den sie nicht bekommen, und einer Flasche Whiskey, an der sie zu lange genuckelt hatte, keine Probleme gekannt hatte. Keine wenigstens, die sich nicht lösen ließen.
»Was wird jetzt aus Lenny?« Palmer drehte sich, das Telefon am Ohr, und hoffte auf einen Windhauch, der sie streifen und ihr Kühlung verschaffen konnte, aber die Luft stand still.
»Dabei habe ich die Polizei angefleht, eine Wache vor dem Raum zu postieren, damit nicht einfach jeder unkontrolliert reinmarschieren kann.« Aus Hannahs Stimme schrie Wut.
»Beruhige dich. Vielleicht hat irgendein Freund oder eine Kollegin Susa besucht. Und so eine Schusswunde kann halt tödlich sein.«
»Niemand hat mir geglaubt. Ich hab’s gewusst«, presste Hannah zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Diethelm hat Susa ermordet.«
7
Hannah und Palmer knieten an seinem Bett, die drei umarmten sich ohne viele Worte, dafür unendlich lange. Palmer strich Lenny sacht über die Wange und legte Hannah die Hand in den Nacken. Wie erschlagen lag Lenny mit geschlossenen Augen auf der Federdecke und wirkte teilnahmslos. Aber Palmer wusste, seine Gedanken kreisten um Susa, während sein Herz sich schwertat, genügend Sauerstoff in alle Regionen des Körpers zu pumpen.
»Ich bin so dankbar, dass du hier bist.« Hannahs Lächeln scheiterte kläglich, Tränen stauten sich bereits wieder in ihren Augen an. Sie kippte ihren Kopf in den Nacken, blickte zur Decke und öffnete Mund und Augen weit, damit die Tränen nicht über ihre Wangen kullerten. »Du wirst uns helfen, Diethelm zur Verantwortung zu ziehen. Ja?« Sie hatte ihr Gesicht Palmer zugewandt, und der flehende Ausdruck darin ließ Palmer schlucken. Sie würde nicht mehr so einfach Nein sagen können. Jetzt nicht mehr. Auch Hannahs Behauptungen erschienen ihr nun nicht mehr ganz so verrückt. Dass jemand bei Susa gewesen und sie ausgerechnet unmittelbar danach verstorben war, das klang in der Tat seltsam. Aber Diethelm hatte entweder damit nichts zu tun oder er war ein brillanter Schauspieler. Oder vollkommen gefühlskalt. Es konnte durchaus Taktik sein, keinen Hehl daraus zu machen, dass er Lennys Ableben begrüßen und kein bisschen bedauern würde. Damit kam er zwar wie ein Arsch rüber, aber immerhin wie ein ehrlicher Arsch.
Hannah richtete sich plötzlich auf, zu der Trauer in ihrem Gesicht gesellte sich Angst. Palmer begriff nicht, wollte gerade nachfragen, da hörte sie es auch. Schwere Schritte, welche die Treppe heraufstapften.
»O mein Gott«, flüsterte Hannah. »Er kommt zu uns hoch. Da ist jemand.« Ihre Stimme war nur noch ein angstvolles Hauchen. Palmer kannte so etwas. Hannah stand kurz vor einer Panikattacke.
Auch Palmer setzte sich auf und horchte angestrengt, was sich als Nächstes tat, wobei sie Hannah im Auge behielt. Aber nichts bewegte sich. Alles, was sie hörte, war ihr Blut, das an ihr Trommelfell pochte. Vorsichtig stieß sich Palmer in den Stand hoch und bedeutete Hannah mit den flachen Händen, sich nicht zu rühren.
»Da ist niemand«, flüsterte sie. Auf Zehenspitzen tappte Palmer zur offen stehenden Zimmertür, schob den Kopf sachte vor und spähte in den Flur hinaus. Nichts. Klar war jemand im Treppenhaus hochgestiegen. Aber im Flur konnte keiner sein, der hätte zuerst mal die Wohnungstür aufbrechen müssen. Trotzdem schlug ihr Herz weiterhin bis zum Hals.
Verärgert über ihren eigenen Auftritt schüttelte sie den Kopf. Da war bloß einer vor der Wohnung die Treppe hochgestiegen. So wie wahrscheinlich jeden Tag. Palmer atmete tief durch. Bevor sie sich zu den anderen beiden zurückbegab, ging sie durch den Flur, drückte die Klinke und vergewisserte sich, dass das Schloss verriegelt war. Dann machte sie das Licht an, ebenfalls in den anderen Zimmern und der Küche, obwohl die Dämmerung erst eingesetzt hatte. Von außen sollte jeder erkennen, hier drin hielten sich mehrere Leute auf und waren hellwach. Dann schloss sie das Fenster in Lennys Zimmer, bevor sie sich wieder zu ihm an den Bettrand setzte.
Palmer hatte sich harte Worte zurechtgelegt, um sich aus dieser Angelegenheit rund um Susa zu verabschieden, allerdings bevor sie die Nachricht von deren Tod erreicht hatte. Trotzdem. Sie musste sich aus dieser Sache zurückziehen. Jetzt. Sonst würde sie den Absprung nicht mehr schaffen. Die Polizei konnte ermitteln, das war deren Job. Ein Mensch war gestorben, das war nicht mehr als eingebildete Verschwörungstheorie abzutun. Die Polizei würde in dem Fall recherchieren und den Schuldigen finden. Und Palmer würde sich inzwischen einen neuen Job suchen und ihr Leben in den Griff bekommen.
Sie wählte ihre Worte mit Bedacht, aber deutlich. Während sie sprach, sah sie schon, wie sich hinter Hannahs Stirn Gegenargumente stapelten. Hannah vertraute der Polizei nicht. Aber das konnte Palmer nun mal nicht ändern.
»Das kannst du mir nicht antun.« Hannahs Mund bewegte sich auch noch danach, ohne dass weitere Worte erklangen. »Es besteht kein Zweifel. Jemand hat Susa umgebracht. Eine Abteilungsschwester hat berichtet, etwa eine halbe Stunde, bevor Susa verstorben ist, hätte sie ihr nochmals Blut abgenommen und untersucht, weil sie schweißgebadet in ihrem Bett gelegen hat. Die Analyse hat einen auffallend hohen Insulinwert ergeben. Aber Susa hatte nie Probleme mit Zucker. Ich bin überzeugt, man wird an Susas Körper oder an einem der Schläuche die Einstichstelle einer Spritze finden.« Sie rieb sich die Schläfen. »Jemand hat sie umgebracht. Er.«
Palmer zögerte. Es schien ihr nicht mehr plausibel, dass Diethelm dahintersteckte. Denn wenn er sie hätte töten wollen, hätte er nicht eine ganze Bande organisieren müssen. Und er hätte Susa nicht vor Zeugen aus dem Weg geräumt. Zu plump, zu offensichtlich. Wie hätte er es schaffen sollen, dass jedes einzelne Mitglied seiner Meute die Schnauze hielt und sich nicht verplapperte? Bei einer Bande aus dem Ausland vielleicht, die wären dann weg. Aber ein Zeuge wollte gehört haben, wie einer der Täter wenige Worte in Schweizerdeutsch gesprochen hatte. Dazu kam, dass es Susas Entschluss gewesen war, für diesen Anlass als Servicemitarbeiterin anzuheuern. Es gab keine Hinweise, dass Diethelm das angeschoben hatte.
»Nein, Hannah, ich ziehe mich zurück. Du hast mich getäuscht. Diethelm hat für Lenny und Susa bezahlt. Jeden Monat, seit Jahren.«
»Das war eine Notlüge, sonst hättest du uns nie geholfen. Aber völlig falsch war meine Behauptung nicht. Ganz zu Beginn hat er kein Geld überwiesen. Das kam erst später, nachdem Diethelm diese Christina Lehmann geheiratet hat, die Witwe eines bekannten Investmentbankers. Von der ist er aber längst geschieden.« Hannah stieß ein höhnisches Lachen aus. »Bei der Scheidung floss ein schöner Teil ihres Vermögens auf Diethelms Konto rüber. Immerhin so viel, dass er sich dieses Uhrenbusiness hat aufbauen können.«
Senkrechte Falten pflügten sich in Palmers Stirn, als sie verstand. Seiner Ehefrau verdankte Diethelm sein Geld und seinen Erfolg. Und diesem Erfolg verdankte er dann seine nächste, jüngere Frau.
»Bitte, hilf uns.« Entschlossen schob Hannah ihr Kinn vor. »Nein, du kannst jetzt nicht aufhören. Lass uns nicht im Stich. Hilf Lenny und Susa.«
In eben diesem Moment, als sich Palmer Worte ihres Bedauerns zurechtlegte, weshalb sie sich leider trotz aller Verbundenheit zurückziehen wollte, kam ihr ein Gedanke. Kerzengerade fuhr sie hoch und fasste sich an die Schläfe. Sie hatte den Widerspruch in Diethelms Aussage erkannt. Nicht auszuschließen, dass seine Bemerkung zufällig gewesen war. Aber es wäre auch möglich, dass Diethelm sie bewusst täuschen wollte.
»Okay, ich muss mich im Hotel umhören. Eventuell hat einer der Angestellten mehr gesehen während des Überfalls, als bis jetzt bekannt ist. Während einer solchen Veranstaltung stehen viele Servicemitarbeiter rum, alle mit dem Auftrag, die Gäste im Blick zu behalten und deren Wünsche zu erfüllen.«
Hannah umarmte und herzte Palmer, während sie traurig, aber hoffnungsvoll lächelte.
»Ich bin sicher, jetzt kriegen wir diesen Drecksack.«
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