Читать книгу: «Das Tapfere Schneiderlein»
Brüder Grimm
Das Tapfere Schneiderlein
Saga
Das Tapfere SchneiderleinCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2020, 2020 Brüder Grimm und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726708950
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch beim Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: „Gute Marmelade! Gute Marmelade!“ Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, es streckte seinen Kopf zum Fenster hinaus und rief: „Hier herauf, liebe Frau! Hier wird Sie Ihre Ware los!“
Die Frau stieg mit ihrem schweren Korb die drei Treppen zu dem Schneider hinauf und mußte alle ihre Töpfe vor ihm auspacken. Er besah sie der Reihe nach, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: „Die Marmelade scheint gut zu sein. Wieg Sie mir doch ein Achtel davon ab, liebe Frau. Wenn’s etwas mehr ist, macht es mir auch nichts!“
Die Frau, die gehofft hatte, eine größere Menge zu verkaufen, gab ihm, was er verlangt hatte, ging aber recht verärgert fort.
„Nun, die Marmelade soll mir schmecken“, rief das Schneiderlein, „und mir Kraft und Stärke geben!“ Er holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib ab und strich die Marmelade darüber. „Das wird nicht bitter schmecken“, sprach er, „aber erst will ich das Wams fertigmachen, ehe ich abbeiße.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.
Indessen stieg der Geruch von der süßen Marmelade hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen. Sie wurden davon angelockt und ließen sich scharenweise auf der Marmelade nieder. „Ei, wer hat euch eingeladen?“ sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder.
Da lief dem Schneider endlich, wie man so sagt, die Laus über die Leber. Er packte ein Tuch und rief: „Wartet, ich will es euch geben!“ Damit schlug er unbarmherzig auf die Fliegen los. Als er das Tuch wegzog, lagen nicht weniger als sieben Fliegen tot vor ihm und streckten die Beine. „Bist du so ein Kerl?“ sprach er und bewunderte seine eigene Tapferkeit. „Das soll die ganze Stadt erfahren!“
In aller Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: Sieben auf einen Streich! „Ei was, Stadt“, sprach er weiter, „die ganze Welt soll es erfahren!“ Und sein Herz wackelte vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.
Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte wäre zu klein für seine Tapferkeit. Ehe er abzog, suchte er im Hause umher, ob nichts da sei, was er mitnehmen könne. Er fand aber nichts als einen alten Käse, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte. Der mußte zu dem Käse in die Tasche. Dann begann er flott draufloszumarschieren, und weil er leicht und behende war, fühlte er keine Müdigkeit.
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