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Die Autorin: Britta Wulf (* 1964 in Potsdam) studierte an der Filmhochschule Potsdam. Arbeitet seitdem als freie Fernsehjournalistin und Regisseurin. Sie hat zwei erwachsene Kinder und lebt im Havelland. Von dort zieht es sie immer wieder für Filmprojekte in andere Länder. So dreht sie seit einigen Jahren Filme über Minderheiten. In Sibirien suchte ihr Filmteam Spuren der Kultur der Ewenken in der Baikalsee-Region. Das Interesse zielt bei der Filmreihe besonders auf Menschen, die Sprache und Traditionen kleiner Gruppen bewahren wollen. Mit ihrem Debut „Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe“ begeistert sie auch als Buchautorin.

Das Buch: Die Filmregisseurin Britta Wulf hat sich bei einem Dreh am fernen Baikalsee verliebt. In Sibirien, in Land und Leute − und in Anatoli. Mit ihrem Buch „Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe“ war sie zu Gast in 5 Talkshows − von „Mittagsmagazin“ bis „Markus Lanz“ − und berichtete dort über ihre berührende Geschichte mit Anatoli. In der Fortsetzung „Und der Schamane lacht … verliebt in Sibirien“ erleben wir nun einen Besuch Anatolis in Berlin, der noch nie eine Großstadt gesehen hat und sich wundert, dass man fürs Parken und WC bezahlen muss. Auch berichtet Britta Wulf über ihre weiteren Reisen nach Sibirien. Diesmal im Sommer, wo sich entspannte Tage an heiligen Quellen mit Wanderungen durch die unglaubliche Natur Sibiriens abwechseln und Begegnungen mit wilden Tieren eigentlich nicht zu vermeiden sind. Britta Wulf lebt ihren Traum und bringt am Ende sogar einen Schamanen zum Lachen.

BRITTA WULF

Und der
Schamane lacht …

VERLIEBT IN SIBIRIEN



1. Timmerberg, Helge:

Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs Mit einem Vorwort von Sibylle Berg.

Münster: Solibro 16. Aufl. 2014 (2001)

ISBN 978-3-932927-22-5 (Druck) 978-3-932927-70-6 (eBook)

2. Altmann, Andreas:

Getrieben. Stories aus der weiten wilden Welt

Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2005 (gebunden)

ISBN 3-932927-25-7

3. Altmann, Andreas:

Getrieben. Stories aus der weiten wilden Welt

Münster: Solibro Verlag 2. Aufl. 2012 (Broschur)

ISBN 978-3-932927-49-2

4. Wulf, Britta:

Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe

Münster: Solibro 5. Aufl. 2017

ISBN 978-3-96079-015-0 (Druck) 978-3-96079-016-7 (eBook)

5. Wulf, Britta:

Und der Schamane lacht … verliebt in Sibirien

Münster: Solibro 1. Aufl. 2018

ISBN 978-3-96079-047-1 (Druck) 978-3-96079-048-8 (eBook)

ISBN 978-3-96079-048-8

1. Auflage 2018 / Originalausgabe

© SOLIBRO® Verlag, Münster 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Titelbildgestaltung: Michael Rühle, Wolfgang Neumann

Titelbild: iStockphoto.com/willcao911 • Fotos Innenteil: Britta Wulf Autorenfoto S. 2: Linda Köhler-Sandring

Karten: Dirk Hennig

verlegt. gefunden. gelesen.www.solibro.de

Inhalt

Vorwort

Fernbeziehungen sind anstrengend

Trauer und Freude

Mein Sibirier in Berlin

Baikal oder Ostsee

Alltag mit meinem Sibirier

Abschiede

Entfernung und Entwöhnung

Verständnis

Wieder Sibirien

Zurück in Irkutsk

Abschied von Sibirien, vorerst

Alltag ohne ihn

Samorodok

Mein Buch

Alte Freunde

Enttäuschung kommt von täuschen

Begegnungen

Noch einmal Sibirien

Petropawlowka

Urlaub auf Russisch

Hauskauf in Russland

Zugfahren in Russland

Allein in Nischneangarsk

Allein im Paradies

Burchan ist sauer

Noch mal Nischneangarsk

Abschied

Irkutsk

Hilfe vom Schamanen

Nachwort

Dank

Ein Abenteuer zuzulassen, ist manchmal das Mutigste daran.


Vorwort

Alle Filme, die ich in meinem Leben drehen durfte, haben mich bewegt, berührt und klüger gemacht. Doch dieser eine Film in Sibirien hat mein Leben und mich verändert. Das klingt so einfach. Doch einfach war und ist es nicht. Alles ist ganz schön durcheinandergewürfelt worden. Dabei habe ich mich doch nur verliebt: In ein Land, in seine Bewohner, in einen See und in einen Mann, der achttausend Kilometer von mir entfernt am Nordufer des Baikals lebt.

Normalerweise erzähle ich Geschichten in Bildern. Es sind unterschiedlichste Schicksale, die ich in meinen Filmen verarbeite. Mich reizt der Alkoholiker genauso wie die Frau, die durch eine Nierentransplantation ein neues Leben beginnen darf. Oder ich berichte für die Sorben in Deutschland, über das Leben anderer Minderheiten, meist in Europa. Dieses Filmschaffen ist mein Beruf, genau wie die Arbeit als Bildregisseurin beim Fernsehen. Doch jetzt beginne ich mit dem Schreiben. Ich schreibe meine eigene Geschichte auf. Nichts möchte ich vergessen, alles festhalten.

Ständig fragt mich jemand nach meinen Reisen ins doch so kalte Russland nach meinen Abenteuern und nach meiner Liebe zu dem Sibirier Anatoli. Bereitwillig gebe ich Auskunft, erzähle, was ich erlebt habe dort im Land meiner Träume, dass übrigens nicht immer kalt ist. Ja, ich rede gern darüber und spüre, dass es viele spannend finden. Nachts tippe ich das Ganze in meinen Computer. Ich schreibe in jeder freien Minute, bin wie berauscht davon, alles noch einmal zu erleben. Ich schreibe gegen das Vergessen an. Die vergangenen zwei Jahre sind plötzlich wieder wahr und greifbar, nicht Erinnerung, sondern Leben. Und ich fühle mich dem Mann, der mich so magisch anzieht und den ich so heftig vermisse, dadurch näher. Nach den ersten Seiten wird mir klar, dass ich zu persönliche oder gar intime Dinge weglasse. Habe ich etwa die Idee, das Ganze öffentlich zu machen? Ja! Nein! Warum eigentlich nicht?

Eines Abends überwinde ich alle Zweifel und sende den Text an Patricia. Sie selbst schreibt sehr erfolgreich Romane und ich bin überrascht, dass sie die Veröffentlichung meines Manuskriptes nicht für komplett verrückt hält. Sie rät allerdings, daraus etwas Fiktives zu machen oder zumindest anonymer zu schreiben. Ihre Befürchtungen, dass ein so persönlicher Bericht, mir auch schaden könnte, teile ich. Und nicht nur ich. Auch meine Mutter äußert zaghaft den Gedanken, ob ein solcher Text nicht sehr verletzlich machen könnte? Vielleicht haben sie recht. Aber ich spüre, dass ich nicht anders kann. Nicht bei diesen Zeilen. Hier kann ich nichts hinzufügen, ich will und kann nichts erfinden, nur dokumentieren wie es war. So wie es mir passiert ist. Es ist echt. Es ist mein Leben. Nach dieser Entscheidung geht es wie von selbst weiter. Jeden Abend, nach der Arbeit, versinke ich in der schönsten und spannendsten Phase meines Lebens. Es tut gut, die Gedanken und Gefühle zu sortieren und für später zu konservieren. Vielleicht befürchte ich, dass irgendwann von allem nur das bleiben könnte, was ich aufschreibe. Aber jetzt schreibe ich nicht mehr nur für mich, jetzt sollen es alle erfahren.

Ich frage Tolja, wie ich Anatoli nenne, ob er etwas dagegen hätte, wenn ich unsere Geschichte öffentlich machen würde. Er findet die Idee wunderbar. „Ein Buch über deine Reisen und über uns? Klar! Wenn es die Deutschen interessiert? Tu es! Natürlich kannst du meinen Namen nennen und unsere Fotos zeigen. Ich wäre stolz darauf.“

Auch alle anderen Personen, von denen ich erzähle, haben nichts dagegen einzuwenden.

„Das Rentier in der Küche – Eine deutsch-sibirische Liebe“ wird das Buch, welches von meiner Liebe zu Tolja und meinen Reisen zu ihm nach Sibirien erzählt. Wer also wissen möchte, wie alles angefangen hat, kann meine vorangegangenen Abenteuer dort nachlesen.

Das was in diesem Buch folgt, ist die Fortsetzung. So geht meine Geschichte weiter …

Fernbeziehungen sind anstrengend

Nie hatte er daran geglaubt, dass er einen Pass bekäme. Einen internationalen. Jeder Russe besitzt einen nationalen Pass, aber einen internationalen bekommen nicht alle. Tolja hatte immer gesagt, dass er niemals ins Ausland fahren dürfe, weil er seine Kredite bei der Bank nicht regelmäßig bedienen könne. Er gelte als Schuldner und die bekämen keinen solchen Pass.

Ich wusste nicht, wie streng die Behörden sind, aber ich dachte, man könne es ja trotzdem mal versuchen. So hatte ich ihn zur Beantragung eines Reisepasses gedrängt. Seine Schwester Natalia hatte ihm bei den komplizierten Formularen geholfen und nun hält er ihn tatsächlich in den Händen. Den Pass, den er nie für möglich gehalten hat. Das ist noch lange kein Grund, auch ein Visum zu bekommen, aber der erste Schritt ist gemacht.

Tolja ist so überrascht, erstaunt und so sehr erfreut, dass er alle Welt an diesem Wunder teilhaben lassen will. Er fotografiert den Pass, nicht nur von außen. Die gesamte Doppelseite mit Passbild und Nummer lichtet er ab und stellt das Bild öffentlich ins Internet.

Ich erschrecke, rufe ihn schnell an. Er versteht nicht, warum ich sage, dass er das Bild sofort löschen solle. Er macht es aber trotzdem.

Der Pass ist da. Welches sind die nächsten Schritte um ein Visum zu erhalten? Ich recherchiere im Internet. Das ist so ähnlich wie in meinem Job und nach wenigen Klicks bin ich informiert und echt erstaunt, was man als deutscher Staatsbürger alles tun muss, wenn man einen ganz normalen Menschen aus Russland zu Besuch haben möchte. Doch so etwas hält mich nicht ab. Es weckt meine Energien. Das muss doch machbar sein.

Erstens: Als Einladende muss ich nachweisen, dass ich regelmäßige und ausreichende Einkünfte habe. Aber was gilt als ausreichend, um einen Menschen zu bewirten? Das ist alles festgelegt. Für mich allerdings, zeigt sich ein erstes Problem. Ich bin freischaffend tätig. Ich erhalte also kein Gehalt, sondern Honorare. Manchmal viel, manchmal wenig. Je nach Auftragslage. Im Jahresdurchschnitt ergibt sich ein normales Auskommen. Ich kann mich und meine beiden fast erwachsenen Kinder damit gut durchs Leben bringen. Doch laut Internet soll man mehrere Monatsbelege vorlegen. Also warte ich auf einen Zeitraum, in dem drei Monate hintereinander eine nachweisbar angemessene Summe auf meinem Konto landet.

Doch das war es noch lange nicht. Geld bekommen ist das eine. Man gibt es ja auch aus. Logisch. Also möchte das Amt, genauer die Ausländerbehörde, bei der ich den Antrag auf Besuchserlaubnis stellen werde, noch mehr wissen. Nämlich meine Ausgaben. Ich suche Belege zusammen. Kreditkosten fürs Eigenheim, Wasser- und Abwasserkosten, Schornsteinfegerrechnungen und alles, was irgendwann mal irgendjemand vorlegen musste. Im Internet finde ich Geschichten, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich buche Flüge für Tolja, hin und zurück. Damit soll seine Rückkehrwilligkeit verdeutlicht werden. Falls es mit dem Visum nicht klappt, werden die Flüge verfallen. Irgendwie gemein.

Ich überweise auf Toljas Konto Geld. Er muss zweiundfünfzig Euro pro Tag nachweisen. Warum ein Russe genau zweiundfünfzig Euro für jeden Tag besitzen muss, den er in Deutschland verleben möchte, obwohl er ja eingeladen wird, keine Ahnung. Aber es ist so. Er schickt mir den Kontoauszug, der seinen Reichtum nun bestätigt.

Wenn ich im Freundes- und Kollegenkreis erzähle, womit ich mich gerade beschäftige, kommt fast immer kopfschüttelnd die Frage, warum die Russen denn so kompliziert seien.

Wenn ich dann anmerke, dass das Visum vom deutschen Konsulat ausgestellt wird und genau dort diese ganzen Dinge gefordert werden, ernte ich immer wieder ungläubige Blicke. Ich hatte bisher auch nichts davon gewusst. Dass es zwischen Russland und Deutschland nie zu einem vereinfachten Visumverfahren gekommen ist, war mir nicht bewusst.

Ich gebe mir Mühe, alle Eventualitäten zu erfassen, denn der Weg zur Ausländerbehörde ist weit. Ich wohne in einem Dorf, direkt an der Stadtgrenze zu Berlin. Doch mein Landkreis ist riesig und ich muss nach Rathenow. Über eine Stunde mit dem Auto. Eine ganze Mappe mit Dokumenten habe ich dabei und einen ausgefüllten Antrag auf Erteilung einer offiziellen Einladung.

Ich finde die Ausländerbehörde, auch wenn draußen kein Schild zu sehen ist. Gemeinsam mit vielen „bunten“ Menschen drängele ich mich in einen Flur. Ich bin mir nicht sicher, ob ich vor der richtigen Tür warte. Schilder, die irgendetwas erklären, gibt es auch hier nicht. Asyl möchte ich nicht beantragen, einen Schein für Kleidergeld benötige ich nicht, eine Unterkunft suche ich ebenfalls nicht. Als sich nach zehn Minuten die Tür, vor der ich warte, zum ersten Mal öffnet, frage ich einen jungen Mann, der eben noch mit seinem Kumpel in französischer Sprache gesprochen hat, ob ich ganz kurz nachfragen dürfe, ob ich hier richtig sei. Er freut sich, dass ich seine Sprache spreche, lächelt mich an und lässt mich kurz in den Raum schauen. Ja, ich sei hier richtig, sagt eine der beiden Frauen, die zwar in dem Raum aber zusätzlich noch hinter einer Glaswand sitzen. Es gibt einen Tresen mit zwei Fenstern und da muss ich hin. Ich warte also artig auf dem Flur.



Neben mir steht ein junger Mann. Er sieht europäisch aus. Der Einzige außer mir. Er erzählt, dass auch er wegen einer Einladung hier sei. Seine zukünftigen Schwiegereltern möchte er einladen. Diese leben in Vietnam und wollen zu Besuch kommen. Schon einmal hat er die ganze Bürokratie auf sich genommen, aber es hat nicht geklappt. Warum weiß er nicht. Jetzt startet er einen neuen Anlauf.

Für mich ist es das erste Mal und ich bin wirklich gut vorbereitet. Sagt auch die Dame hinter der Glasscheibe. Mein Honorar sei ausreichend, allerdings nur für einen Gast, wollte ich noch jemanden aus der Familie einladen, wäre es zu wenig. Ich beantworte viele Fragen und die Dame tippt alles in den Computer. Irgendwann kann ich mir nicht verkneifen zu fragen, ob sie meine Schuhgröße auch noch brauche (eigentlich wollte ich die BH-Größe anbieten, aber ich will ja niemanden verärgern). Tue ich auch nicht und wir lachen zusammen.

Dann plötzlich eine Frage, auf die ich nicht vorbereitet bin. Wo ist denn Herr P. geboren? Mir wird heiß und kalt. „Steht das nicht in seinem Pass?“, antworte ich. Natürlich gehört zu meinem Dokumentenstapel auch eine Kopie dieses wichtigen Dokuments. Ja, ja, dort steht Republik Burjatien, aber in dem Formular, welches die Dame sorgfältig ausfüllt, wird nach dem Ort gefragt. In meinem Kopf rattert es. Elf Kinder, alle in Uojan aufgewachsen, einem sehr kleinen Dorf in Ostsibirien, dort in der Nähe gibt es kein Krankenhaus. Mein Gefühl sagt mir, die Mutter hat sicher alle Kinder zu Hause bekommen, doch was, wenn das falsch ist und sie viele Kilometer in die nächste Stadt musste? Wird dann kein Visum erteilt? Was mache ich denn jetzt? Ich zücke mein Handy. Rufe ihn an. Doch die sechs Stunden Zeitunterschied bedeuten, dass er vermutlich gerade Feierabend hat. Er schwitzt sicher in der Banja oder hackt Holz oder was auch immer. Jedenfalls geht er nicht ran.

„Was soll ich denn nun hinschreiben?“, fragt die Frau. Ich entscheide mich für Republik Burjatien. Lieber ungenau, dafür aber richtig, als ein Dorf, das dann doch falsch sein könnte.

Meine Laune ist im Keller. Hoffentlich ist jetzt nicht alles umsonst. Wegen so einer blöden Kleinigkeit. Missmutig zahle ich fünfundzwanzig Euro, bekomme ein A4-Blatt, das vom Papier her wirkt wie ein wichtiges Dokument, mit Unterschrift und Stempeln.

Ich bin im Auto, als Tolja zurückruft. „Was gibt’s?“ Ich versuche zu erklären, wo ich war und dass ich wissen möchte, wo er geboren wurde. „Na in Burjatien natürlich.“ „Ja, aber wo da?“ „Na, zu Hause.“ „Also in Uojan?“, frage ich nach. „Ja, natürlich.“ Hätte ich mich mal auf mein Gefühl verlassen. Trotzdem rede ich mir ein, dass Burjatien ja auch nicht falsch sei und zumindest mit dem Pass übereinstimme. Wird schon klappen.

Die Dokumente müssen nun nach Sibirien. Aber nicht zu Tolja nach Hause, sondern zum deutschen Konsulat in Nowosibirsk. Und zwar persönlich. Nowosibirsk ist über zweitausend Straßenkilometer von Toljas Wohnort entfernt.

Dorthin fahren würde Tage dauern, fliegen kostet viel Geld. Eine einzige Reise würde auch nicht ausreichen. Zuerst müsste man den Antrag abgeben und dann später den Pass wieder abholen. Dort warten, bis eine Entscheidung gefallen ist, geht auch nicht. Dafür müsste man für ungefähr zehn Tage eine Unterkunft haben usw. Die Unterlagen und den Pass mit einer besonderen Dokumentenpost zu schicken ist teuer und unsicher. Doch das Internet ist schlau. Ich habe einen Hinweis gefunden, dass Anfang des Jahres in Irkutsk ein Büro eröffnet wurde, in dem man den Visumsantrag abgeben kann. Von dort wird er dann per Kurier nach Nowosibirsk gebracht.

Ich schreibe an Tatjana. Meine Verbündete in Irkutsk. Tatjana war auf meiner ersten Reise nach Sibirien unsere Dolmetscherin. Doch sie war für mich und das kleine Filmteam noch viel mehr. Sie hatte sich rührend um unser Wohl gekümmert, nicht nur ums leibliche. Ohne sie wäre der Film ein anderer geworden. Den Kontakt zu ihr habe ich gehalten und sie hat mir bei jeder weiteren Reise geholfen, mich gut und sicher zu fühlen. Mein Bauch sagt mir, dass sie nicht davon überzeugt ist, dass meine Beziehung zu Anatoli (sie nennt ihn bei seinem offiziellen Namen und nicht wie alle anderen Tolja) eine Zukunft habe. Doch sie würde das so nie aussprechen. Sie hält sich raus und hilft trotzdem. Ich schreibe ihr eine Mail und frage nach dem Visazentrum in Irkutsk. Tatjana weiß von nichts, aber sie wolle sich gern erkundigen.

Ihre Recherche ergibt Folgendes. Es stimmt. Also fast. Solch ein Visazentrum wird es geben. Das Büro macht zwar erst im nächsten Monat auf, aber es erleichtert vieles. Macht alles Weitere eigentlich erst möglich.

Tolja und ich sind im Wartemodus. Wir telefonieren und schreiben kleine Nachrichten. Das Handy ist mein ständiger Begleiter. Schlimmer als bei jedem Teenager. Manchmal denke ich, wie viel einfacher es gewesen wäre, wenn ich wieder zu ihm gefahren wäre, so wie die Male zuvor. Doch seine Sehnsucht, ein anderes Land zu erleben, hat mich verführt. Ich wollte es ausprobieren, ihm diesen Wunsch erfüllen. Jetzt hoffe ich so sehr, dass wir uns überhaupt treffen können, dass mir manchmal sehr schwer ums Herz wird. Was, wenn jede unserer Begegnungen mit so viel Energie erkämpft werden muss? Wird unsere Liebe das aushalten?

Viele Freunde sind weiter an meinem Abenteuer interessiert. Andere finden mich unterdessen etwas merkwürdig. Sie verstehen nicht, warum ich an dieser Beziehung festhalte. Doch ich habe das Gefühl, ich kann nicht anders. Meine Gefühle bleiben stark. Nichts verändert sich, nichts flaut ab. Selbst dann nicht, als es gute Gründe dafür gibt. Tolja meldet sich nicht. Der Kontakt bricht ab. Ich mache mir Sorgen. Seine Schwestern antworten ebenfalls nicht. Erst Tage später kommen Erklärungen. Er war dienstlich unterwegs. Dort wo es kein Handynetz gibt. Ich versuche zu erklären, dass mir das nicht guttut. Er versucht sein Verhalten zu ändern. Beim nächsten Mal meldet er die Sendepause vorher an. Beim übernächsten Mal vergisst er es wieder. Ich lebe in einem ständigen Auf und Ab der Gefühle. Eine Achterbahn ist nichts dagegen. Es ärgert mich, dass es mir gut geht, wenn er mir am Morgen einen schönen Tag wünscht und dass ich mich sofort schlecht fühle, wenn ich mehr als vierundzwanzig Stunden nichts von ihm gehört habe. Skypen klappt eigentlich fast nie. Mal ist sein Laptop kaputt, dann ist sein Internet zu schlecht, dann meins. Wir geben es auf. Zu frustrierend, wenn der andere auf dem Monitor erscheint, dann das Bild erstarrt, abgehackt ein paar Worte durch die Welt fliegen und dann doch kein wirkliches Gespräch möglich ist. Das Telefon ist unsere einzige Verbindung. Über Monate.


Ich bin auf einer Dienstreise im Ausland. Obwohl ich geografisch sogar weiter von ihm entfernt bin als sonst, fühle ich mich ihm näher. Um mich herum Schnee und Rentiere, wie in Sibirien. Doch ich bin im Norden Finnlands. Er mag die Fotos, die ich ihm schicke. Nachts singt er mir russische Schlaflieder am Telefon.

An unserem letzten Tag in Finnland erlebt mein Team endlich das magische Polarlicht. Ich sehe es zum ersten Mal in meinem Leben.

Beim Anblick des grün wabernden Himmels schicke ich nur einen einzigen Wunsch in den Himmel.

Anfang März. Tatjana kommt nach Berlin. Sie und ihr Mann haben einen kleinen Stand auf der großen Reisemesse in Berlin. Was für ein glücklicher Zufall. Jetzt kann ich ihr die Papiere zur Visabeantragung mitgeben und muss nicht einmal Angst haben, dass sie auf dem Postweg verloren gehen. Ich packe einen kleinen Rucksack mit den Dokumenten und mit Geburtstagsgeschenken für Tolja und übergebe alles an Tatjana.

Dann höre ich nichts mehr von ihr. Keine Mail, kein Anruf. Auch Tolja erreicht Tatjana nicht.

Hat sie den Rucksack verbummelt? War irgendetwas drin, was nicht durch den Zoll kam? Sind die Papiere noch da?

Nach zehn Tagen ein Lebenszeichen. Tatjana war von Berlin aus nicht gleich nach Hause gefahren, sondern hatte mit ihrem Mann Urlaub in Italien gemacht. Hatte sie vergessen zu erwähnen. Mein Rucksack war immer dabei. Nun sind sie zu Hause angekommen und in den nächsten Tagen wird sie alles zum Büro bringen. Was würden wir ohne Tatjana machen?

Wir warten. Nach drei Wochen erhalten wir die Information, dass die Papiere im deutschen Konsulat in Nowosibirsk angekommen seien. Wir warten. Der Frühling geht vorbei. Der Sommer beginnt.

Wir warten.

Es wird schwer. Das letzte Mal gesehen haben wir uns im Januar. Wir haben den Jahreswechsel und das russische Weihnachtsfest gemeinsam verbracht. Dann bin ich aus Sibirien abgereist und seitdem gibt es nur den Computer und das Telefon als Verbindung zwischen uns. Ein paar russische Buchstaben auf dem Display oder wenige Worte am Handy. Was ist es, was uns trotz allem so sehr aneinanderbindet?

In meinem großen Doppelbett stelle ich mir oft vor, wie es wäre, wenn er neben mir liegen würde. Wenn wir morgens gemeinsam aufstehen würden, gemeinsam, zweisam, nicht einsam, nicht mehr allein. Mir wird immer mehr bewusst, wie sehr ich mir das wünsche. Ich hatte es vergessen. In den Jahren nach meiner Scheidung war mir keine neue Liebe begegnet, und die Männer, die ich kennenlernte, haben mich nicht genug verzaubert. Glücklich mit mir und meinen Kindern habe ich gelebt, ohne zu ahnen, dass mir die große Liebe doch noch begegnen würde. Jetzt gab es da jemanden, mit dem ich das Zusammenleben, ohne Wenn und Aber, sofort ausprobieren würde. Doch noch ist er ja nicht mal bei mir zu Besuch. Und würde er sich hier in meinem Leben überhaupt wohlfühlen? Würden wir glücklich sein können? Die Faszination, die ich für ihn empfunden habe, besonders bei meinem Besuch im Sommer, als wir zur Rentierfarm seines Bruders unterwegs waren, wäre dieses Gefühl auch hier vorhanden? Hier in einer Umgebung, in der er vermutlich unsicherer wäre. Ich denke eindeutig zu viel. Ich will es erleben. Unbedingt. Der Wunsch ist so groß, dass ich zu allen Mitteln greife. Man soll Dinge, die man sich ganz stark wünscht, beim Universum bestellen, habe ich mal irgendwo gelesen. Also spreche ich jeden Abend so etwas wie ein Gebet. Ich bitte das Universum, den Gott des Baikals, Burchan, und meinen Gott, den ich eigentlich nicht kenne, um Hilfe. Jeden Abend das gleiche Ritual. Ich bestelle mir ein neues Leben. Ganz einfach.

Trauer und Freude

Mein Vater stirbt. Ganz plötzlich und, obwohl er krank war, vollkommen unerwartet. Schockstarre.

Dann rufe ich Tolja an. Ich weine. Durch mein Schluchzen hindurch versteht er am anderen Ende der Welt, was mir widerfahren ist. Er tröstet und sagt, dass er bald bei mir sein werde. Es ist Juni. Wir haben uns seit über fünf Monaten nicht gesehen.

Ich fühle mich so einsam, verlassen, überfordert und verliere die Hoffnung, dass er kommen darf. Dazu die Gewissheit, dass mich mein Vater nie mehr in den Arm nehmen wird. Nie mehr über meine Haare streichen wird und flüstern wird: „Alles wird wieder gut.“

Der Reisetermin rückt immer näher. Alles ist ja zeitlich genau festgelegt. Hin und Rückflug für ihn gebucht. Doch ein Plan B müsste her. Was werde ich in meinem Urlaub machen, wenn er nicht kommen darf? In meinem Kopf dreht sich alles. Jede Idee verwerfe ich sofort wieder. Allein sein? Geht nicht. Mit anderen zusammen sein? Geht nicht. Verreisen? Warum? Wohin? Ich bin durcheinander und so voller Trauer und Sehnsucht, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann.

Dann eine Mail von Tatjana. Vier Worte: Das Visum ist da!

Er darf kommen.

Ich bin so glücklich, so froh und auf merkwürdige Art erschöpft. Ich spüre wie nah Trauer und Freude beieinanderliegen können. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles ertragen soll.

Auch Tolja ist verwirrt. Er gesteht mir am Telefon, dass er nie wirklich daran geglaubt habe, diese Reise machen zu dürfen. Er wirkt so unsicher, dass ich einen kurzen Moment befürchte: Er traut sich nicht. Er kommt nicht.

Die Zeit wird knapp. Sein Weg bis zum Flughafen in Irkutsk ist weit. Mit dem Zug dreiunddreißig Stunden, mit dem Boot ungefähr zwölf Stunden. Doch die Tickets dafür hätte man schon viel früher buchen müssen. Das kleine Flugzeug, welches manchmal von Nischneangarsk nach Irkutsk fliegt, ist schon lange ausgebucht und wäre viel zu teuer. Also bleibt nur die Bahn. Schon in den nächsten Tagen muss er los.

Tatjana, unser Engel, kümmert sich. Eine Nacht wird er bei ihr in Irkutsk bleiben, dann bringt sie ihn zum Flieger und dann ist er auf sich alleingestellt. Geflogen ist er schon mal. Als junger Mann von Nischneangarsk nach Ulan-Ude. Vom Wohnort zur Ausbildung und zurück. Gut, also Flugzeug usw. kennt er. Aber er war noch nie in einem so großen Flugzeug, er war noch nie im Ausland. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie aufregend es für ihn sein muss.

Dann ist er auf dem Weg. Er wagt das Abenteuer. Die Nachrichten werden spärlich. Nicht überall hat er Internet.

Zum ersten Mal kommen bei mir Zweifel auf. War es richtig, ihn zu dieser Reise zu drängen? Habe ich das überhaupt getan? Als wir im letzten Sommer gemeinsam geträumt haben, war er es, der immer wieder von einer Chance gesprochen hatte. Mein Part bestand darin, Deutschland schlecht zu machen. Ich erklärte ihm, dass man bei uns nicht überall ein Lagerfeuer machen dürfe, dass selbst das Zelten nicht an jedem Ort erlaubt sei, dass die Gewässer nicht so sauber seien, wie der Baikalsee usw. Dann hatte ich aufgehört damit und mir gewünscht, dass er sich selbst ein Bild machen könnte. Das hatte ich jetzt geschafft. Er wird bei mir sein, mein Leben sehen. Und wir werden uns auch wieder ein bisschen besser kennenlernen dürfen.

Ungefähr jetzt müsste er in Moskau landen. Hoffentlich findet er den Weg zum Anschlussflug. Aber was mache ich mir für Sorgen? Hier kommt er ja noch mit seiner Sprache klar und ab Berlin werde ich dann da sein. Ich kenne mich ja aus. Glaub’ ich jedenfalls.

Mein Sibirier in Berlin

In Berlin ist Hochsommer. Es ist warm, ungewöhnlich warm. Die letzte Woche war tropisch heiß und heute soll das Thermometer sogar auf neununddreißig Grad steigen. Die Stadt kocht.

Ich mache mich auf den Weg nach Schönefeld. Auf unserem Regionalbahnhof schenkt mir ein freundlicher Herr drei Tagesfahrscheine. Einen gebe ich weiter, zwei behalte ich. Geldersparnis zehn Euro. Wie cool ist das denn.

Ich komme pünktlich am Flughafen an und geselle mich zu den Wartenden. Ein sehr junger Mann hat eine einzelne kleine Rose in der Hand, die er nervös zwischen den Fingern dreht. Hoffentlich bleibt der Blütenkopf solange am Stängel, bis seine Geliebte durch diese Tür tritt. Der etwas ältere Herr neben mir hält ganz ruhig einen riesigen Strauß roter Rosen im Arm. Richtig freudig wirkt er nicht. Aber vielleicht täuscht es. Ich werde ihn beobachten, wenn er jemanden in die Arme schließt. Dort ein junges Mädchen mit einem Schild. Sicherlich eine Praktikantin, die dazu verdonnert wurde, einen Geschäftsreisenden vom Flughafen abzuholen. Ich habe Zeit, mir für jeden Wartenden eine eigene Geschichte auszudenken. Doch dann verpasse ich die Übergabe des großen Rosenstraußes doch. Denn ständig muss ich Nachrichten auf meinem Handy beantworten. Toljas Schwestern bombardieren mich mit Anrufen, Mails und Nachrichten. „Ist er schon bei dir?“ „Wie geht es ihm?“ „Was macht das Wetter?“, usw. Alles berechtigte Fragen. Aber er ist noch nicht da und bei insgesamt sieben Schwestern, die scheinbar gerade alle Angst um den kleinen Bruder haben, ist es ein regelrechter Telefonmarathon.

Endlich landet die Maschine aus Moskau. Durch die sich immer wieder automatisch öffnende Tür kommen die Fluggäste. Ich schaue den Passagieren ins Gesicht. Sind das schon Russen? Nein, diese Menschen sehen irgendwie anders aus. Sie könnten zum Flieger aus Paris passen. Oder die? Nein, auch nicht. Lustiges Nationalitätenraten. Plötzlich werde ich nervös. Mit einem Mal bin ich aufgeregt wie eine Sechzehnjährige beim ersten Date. Erstes Date, erstes Mal mit sechzehn? Mir wird bewusst, wie altmodisch ich bin. Heute haben die jungen Menschen ihr erstes Mal vermutlich viel, viel früher. Merkwürdig, was mir so im Kopf rumgeht. Oh Gott, bin ich nervös.

Dann gehen die ersten Russisch sprechenden Fluggäste an mir vorbei. Und dann kommt er.

Ein kleines Reisetäschchen in der Hand, den Geburtstagsrucksack leer auf dem Rücken, kurze Sporthose und Plastiksandalen mit Socken.

Er sieht aus, als ob er mal eben einen kleinen Ausflug macht, aber keine Reise von achttausend Kilometern.

Wir liegen uns in den Armen, halten uns fest. Kein stürmischer Kuss, nur eine ganz feste, starke Umarmung. Wir halten uns aneinander fest.

Ich kann es nicht glauben. Nie hatten wir es für möglich gehalten. Immer war da nur der Traum, dass ich ihm meine Welt zeigen kann. Jetzt wird aus dem Traum Wirklichkeit. Es wird sich zeigen, ob Wunsch und Realität irgendwie zusammenpassen.


Er wirkt müde. Und er ist ganz ruhig. Kein bisschen euphorisch, er wirkt nicht einmal aufgeregt.

Nachdem wir alle Schwestern beruhigt haben, folgt der anscheinend komplizierteste Teil seiner Reise. Einmal quer durch Berlin, bei gefühlten fünfzig Grad. Dass dieser Part die größte Herausforderung werden würde, hatte selbst ich nicht geahnt.

Am Bahnhof steht eine Regionalbahn. Sie steht dort schon eine ganze Weile und fährt nicht los. Es ist auch nicht die für uns richtige, aber irgendwie scheint wieder mal nichts nach Plan zu fahren und der Schaffner meint, wir sollten lieber Richtung Stadtzentrum mitfahren, er wüsste auch nicht, was hier heute los sei. Vermutlich wieder ein Streik der Lokführer oder des Begleitpersonals oder die Hitze ist schuld. Schön, wie sich das korrekte Deutschland präsentiert. Doch Tolja bekommt nicht viel davon mit. Er weiß ja nicht, wie einfach es normalerweise wäre. So wird es eine unendlich heiße Irrfahrt durch Berlin. Selbst S-Bahn und Regionalzüge fahren plötzlich nach einem Sonderfahrplan. Alles ist durcheinander und ich bin es irgendwann auch.


Tolja flüstert mir schüchtern ins Ohr, dass wir keine Fahrkarten gekauft hätten. Ich versuche ihm das mit den Tageskarten zu erklären und merke, dass mein Russisch nicht viel besser ist als im Winter. Ich versichere ihm, dass alles gut sei und er keine Angst vor einer Strafe haben müsse. Das Wort Strafe ist im Russischen sehr ähnlich, nur ohne „e“. Er versteht und ist beruhigt.

Nach fast drei Stunden kommen wir verschwitzt in Falkensee an. Als wir in mein Auto steigen und ich Musik anmache, freut er sich über die russischen Schlager. Ich erzähle, dass ich seit Monaten nichts anderes höre als seine Musik. Oft hat sie mir durch die einsame, sehnsuchtsvolle Zeit geholfen.

Wenige Minuten später sind wir zu Hause. Mein Traum ist wahr. Er ist bei mir. In meinem Haus, unter meinem Dach, in meinem Leben. Zum ersten Mal seit meiner Scheidung vor vielen Jahren, habe ich das Gefühl, dass ich einen Mann tatsächlich Tag und Nacht an meiner Seite haben möchte. Mein Verstand sagt etwas ganz anderes. In meinem Kopf pocht ein Gedanke: Er wird sich hier nicht wohlfühlen. Er passt zwar zu mir, aber nicht hierher. Aber egal, erst mal bin ich glücklich. Sammle Kraft für alles was da kommen wird.

Tolja packt seine kleine Tasche aus. Mit beiden Händen greift er ein Geschenk für mich und überreicht es stolz und mit leuchtenden Augen. Ein riesiger Fisch aus dem Baikal. Ein frischer Fisch. Ein Karpfen, der seit vielen Stunden transportiert wird, seit sehr vielen Stunden. Ich mag mir gar nicht ausmalen seit wie vielen Stunden, eigentlich seit Tagen. Ich bedanke mich und verstaue das Tier in der Tiefkühltruhe. Dabei hoffe ich, dass Tolja während seines Besuches nicht auf die Idee kommt, den Fisch zubereiten zu wollen. Ich hätte Angst, dass wir das alle nicht überleben. Er wird ihn zum Glück vergessen.

Ein Hund im Haus ist für Tolja ungewohnt. Er hat oft von meiner Ronja gehört, denn häufig haben wir telefoniert, während ich mit der alten Hündin durch die brandenburgische Landschaft gelaufen bin. Meist lief ein Gespräch so ab: Wie geht es dir meine Sonne? Gut. Was machst du gerade? Ich gehe mit dem Hund spazieren. Das Wetter ist schön. Wie ist das Wetter bei euch? Wie geht es deiner Familie? Gut. Usw.

Und jetzt ist er hier und schaut sich den „wilden“ Hund an, der mit in meinem Haus wohnt. Es dauert keine fünf Minuten und er streichelt die alte Dame. Ronja liebt Männer und hat ihn mit ihren treuen braunen Augen so lange angestarrt, bis der Mann aus der Taiga, ohne es zu merken, ihr Fell krault.

Bei meinem letzten Besuch in Nischneangarsk kam eines Tages ein Straßenhund durch den kaputten Lattenzaun in den Garten. Ich stapfte gerade vom Toilettenhäuschen durch den Schnee zurück zur Hütte und wir starrten uns beide an. Der Hund fühlte sich ertappt. Als ich ihn ansprach, zog er den Schwanz ein und verschwand wieder durch das Loch im Zaun. Auf der Straße gibt es dort einige frei laufende Hunde. Ob sie jemandem gehören oder wirklich Straßenhunde sind, weiß ich nicht. Sie sind friedlich und ungefährlich. Ein einziges Mal habe ich im Dorf ein kleines Mädchen mit einem sehr kleinen Hund an einer Leine gesehen.

Tolja ist noch nicht mal zwei Stunden hier, doch er möchte unbedingt etwas tun. Ohne viel zu fragen beginnt er mein Auto zu waschen. Als es sauber ist, kommt das Auto meiner Tochter an die Reihe. Ich schaue aus dem Küchenfenster zu ihm herüber und denke, dass er doch ganz gut hierher passen könnte. Die Situation ist so normal. Wunderschön spießig und normal.

Als er mit den Autos fertig ist, sucht er nach weiterer Arbeit.

Ich frage ihn, ob wir uns Berlin oder Potsdam als Erstes ansehen wollen. „Nicht so wichtig“ antwortet er. Erst möchte er mir helfen. Ich fühle, dass er etwas gutmachen will. Vermutlich seine gefühlten Schulden für Flugticket und Visum abarbeiten.

Am nächsten Tag kann ich ihn überzeugen, dass wir uns auf den Weg nach Berlin machen. Tolja wundert sich, dass wir nicht mit dem Auto fahren. Eigentlich hat er Recht, die Fahrkarten sind teuer, aber Benzin auch und der ausschlaggebende Punkt sind die Kosten fürs Parken. Er ist verwirrt. Dass man in Berlin Geld fürs Parken ausgeben muss, kann er sich nicht vorstellen. Man will doch nur sein Auto abstellen. Dass in einer Großstadt fast alles irgendwie Geld kostet, übrigens auch in jeder größeren russischen Stadt, ist für ihn ungewohnt. Was wird er denken, wenn er merkt, dass man selbst fürs Klo bezahlen muss?

Wir sind Touristen und das macht Spaß. Ich selbst war schon längere Zeit nicht an diesen zentralen Orten der Stadt. Wir bestaunen gemeinsam den Hauptbahnhof, das Regierungsviertel und tauchen ein in die Geschichte am Reichstag. Das Bild vom Rotarmisten, der 1945 die Sowjetfahne auf dem Dach des Reichstages befestigt, kennen wir beide.

Mein Russisch reicht für die meisten Informationen aus. Was ich nicht erzählen kann, geht mir nur so durch den Kopf. Zum Beispiel, dass ich mal gelesen habe, dass dieses berühmte Foto ein paar Tage nach Kriegsende nachgestellt wurde und dass der Soldat mehrere Uhren am Handgelenk gehabt haben soll, die dann auf dem Foto wegretuschiert worden seien. Ob das stimmt, weiß ich nicht.

Die Kuppel des Reichstags werden wir nicht besuchen. Stundenlang würden wir anstehen. Die Schlange, der anstehenden Menschen windet sich mehrere hundert Meter über den Vorplatz.

Wir ziehen weiter. Machen Fotos und genießen die Stadt. Tolja findet alles sehr interessant und ist gut gelaunt. Vor jeder Sehenswürdigkeit muss ich ein Foto von ihm knipsen. Wir unterscheiden uns nur wenig von den japanischen Touristen. Er selbst fotografiert häufig Menschen, die eindeutig aus anderen Ländern kommen. Jeder der anders angezogen ist, eine andere Hautfarbe oder besondere Haare hat, zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. Kein Wunder, gibt es doch in seinem Heimatdorf nur sehr selten ausländische Besucher. Dort waren wir Deutschen schon eine kleine Sensation. Ich bin sicher, das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Toljas Heimat liegt so wunderschön am Ufer des Baikalsees, dass auch diese Gegend sicherlich bald Touristen aus aller Welt anziehen wird.

Am Brandenburger Tor wird gerade eine Bühne aufgebaut. Wir drängeln uns durch die Menschenmassen. Der Blick auf das berühmte Wahrzeichen ist durch die Aufbauten verstellt. Aber er bekommt sein Foto mit Tor. Stolz schickt er es an seine Familie.

Ich zeige ihm das berühmte Hotel Adlon und schlage vor, hier einen Tee zu trinken. Vorbei am Portier in historischer Livree schreiten wir in das Gebäude, das so gar nicht zu uns passt. Wir laufen aufrecht und mit angemessen ernstem Blick über den edlen, glänzenden Fußboden und kichern. Im riesigen Foyer setzen wir uns erleichtert, dass uns niemand gefragt hat, wo wir hinwollen, an einen freien Tisch. Doch noch bevor der Kellner kommt, ziehe ich Tolja wieder raus aus dem Luxus. Elf Euro für einen Tee sind selbst mir zu viel. Wir lachen und kommen gar nicht darüber weg, dass wir gerade solche Preise auf der Speisekarte gelesen haben.

Alles was Geld kostet, möchte Tolja sowieso am liebsten vermeiden. Egal was ich vorschlage, es folgt sofort die Frage, ob es etwas koste. Trotzdem kann ich ihn zu einer Kartoffelsuppe und einem Tee überreden. Ein kleines Restaurant, welches zur Humboldt-Universität gehört, passt viel besser zu uns. Wir zahlen pro Person zehn Euro, einen Euro weniger als allein der Tee im Adlon kosten sollte.

Am Alexanderplatz gibt es die Ausstellung „Körperwelten“. Ich versuche Tolja zu erklären, dass dort echte Leichen ausgestellt sind und dass es darüber hier in Berlin viele Diskussionen gibt. Er wirkt total interessiert. Ich bin erstaunt und denke, dass er mich vielleicht falsch verstanden hat. Im Eingangsbereich zeige ich ihm Bilder, und nachdem ich im Online-Wörterbuch noch einmal nach „toter Körper“ und „Leiche“ gesucht habe, beschreibe ich erneut, was uns in der Ausstellung erwarten würde. Er hat richtig verstanden und will das unbedingt sehen. Zum ersten Mal fragt er nicht, ob es teuer ist. Der sonst so artige Russe fotografiert heimlich mit seinem Handy fast jedes Ausstellungsobjekt und schickt die Fotos nach Sibirien an seine Schwester Valentina, die als Krankenschwester arbeitet. Was er wirklich über die Exponate denkt, erfahre ich nicht. Schockiert ist er keinesfalls. Er findet es anscheinend sehr spannend.

Vor dem Berliner Dom machen wir Pause. Wir liegen mit anderen erschöpften Touristen auf der Wiese und Tolja macht Fotos, die er später ins Internet stellt. Auf den Bildern sind auch seine schwarzen Socken in Sandalen zu sehen. Ehrlich gesagt finde ich Socken in Sandalen schrecklich, aber ich traue mich nicht, ihm das zu sagen. Ich möchte ihn nicht verunsichern und eigentlich ist es mir auch egal. Lustig finde ich, dass ein russischer Freund auf seine Fotos reagiert und sich ebenfalls über die schwarzen Socken lustig macht. Tolja schreibt später einen Kommentar dazu. Es wären eigentlich weiße Socken gewesen, aber unterdessen seien sie schwarz geworden durch das viele Laufen in der Stadt.

Oh Gott, weiße Socken wären ja noch schlimmer.

Heute muss ich arbeiten. Ich habe diesen Job ganz bewusst nicht abgesagt, denn mein Kameramann ist Reiner. Reiner kennt die Geschichte von Tolja und mir von Anfang an. Mit ihm und unserem Tonassistenten Steffen war ich vor anderthalb Jahren das erste Mal in Sibirien. Wir haben dort einen Film über die Minderheit der Ewenken am Baikalsee gedreht und Anatoli war unser Protagonist.

Reiner und Steffen waren die Ersten, die kapiert hatten, dass sich der Sibirier in mich verliebt hatte. Sie wussten es noch vor mir.

Ich habe Reiner viel über meine beiden weiteren Reisen und all meine Wünsche, Träume und Probleme erzählt. Er ist also auf dem Laufenden und freut sich riesig, den Mann aus Sibirien wiederzusehen.

In einem kleinen Dorf in der Lausitz ist heute ein großes Fest. Folkloregruppen aus der halben Welt sind zu Gast und treten auf verschiedenen Bühnen auf. Wir drehen die Moderationen für unser sorbisches Magazin. Ich bin total aufgeregt, das alles Tolja zeigen zu können.

Mit dem Auto fahren wir ungefähr zwei Stunden bis zum Drehort. Tolja hat es leider nicht mehr geschafft, eine internationale Fahrerlaubnis zu beantragen, bevor er nach Deutschland kam. So darf er hier nicht fahren und vielleicht ist er auch gar nicht so böse darüber, denn einhundertvierzig Stundenkilometer (mehr schafft mein Auto nicht) auf einer deutschen Autobahn, das würde er sich vielleicht doch nicht trauen. Ich weiß nicht, was er denkt, habe das Gefühl, er wird immer ruhiger. Er sagt nicht, was in ihm vorgeht oder was er fühlt. Ich leide, weil ich nicht weiß, ob es ihm gut geht. In meiner Fantasie war das anders. Ich hoffte, wir würden über alles reden, er würde darüber philosophieren, wie er die Dinge hier sieht, was er denkt und empfindet. Ich war so neugierig darauf. Aber in der Realität ist er sehr zurückhaltend mit seinen Meinungen. Und das liegt nicht nur an unserem Sprachproblem.

Meine Kollegen begrüßen uns sehr freundlich. Reiner und Anatoli umarmen sich fest und lange. Doch mein Sibirier wird immer stummer. Ja, es ist eine schwierige Situation für ihn, aber ein klein wenig mehr Kommunikation würde ich mir auch von seiner Seite wünschen.

Tolja trägt das Kamerastativ. Er schleppt es den ganzen Tag. Wenn wir filmen, filmt er auch. Mit seinem Handy. Jedes Folkloreensemble wird festgehalten. Ob es ihm gefällt, weiß ich nicht. Langsam wird es dunkel und kühl. Wir drehen die letzten Einstellungen. Ich friere, bin müde und k. o. und möchte nach Hause. Doch Tolja ist verschwunden. Die anderen Kollegen verabschieden sich von mir. Nach und nach fahren sie mit den Autos davon. Ich stehe allein auf der dunklen Dorfstraße und suche meinen Mann.

Ich finde ihn bei Reiner im Auto. Die beiden reden sehr vertraut und ich höre Tolja zum ersten Mal lachen an diesem Tag. Das tut gut, aber wir müssen los. Vor mir liegen noch zwei Stunden Fahrt. Die Männer umarmen sich und wir steigen in mein Auto. Tolja bedankt sich für dieses wunderbare Erlebnis und schläft ein. Ich bin müde und fände es sehr viel besser, wenn er mich während der langen Fahrt durch die Nacht irgendwie unterhalten würde. Doch er sagt keinen Ton mehr. Ob er wirklich schläft oder nur so tut weiß ich nicht. Ich bin traurig.

Zu Hause angekommen wartet er kaum bis ich das Garagentor geschlossen habe. Er ist vor mir im Bett und ich lege mich enttäuscht dazu. Plötzlich umarmt er mich. Hält mich fest und bedankt sich erneut für dieses Erlebnis. Ich sage ihm, dass ich den ganzen Tag über glaubte, dass er sich nicht wohlfühle. Nein, ganz im Gegenteil. Russisch theatralisch erzählt er mir, wie wunderbar der Tag für ihn war. Jede Folklore wird beschrieben, jeder Tanz wird mit der Kultur seines Volkes, den Ewenken, verglichen. Er spürte den ganzen Tag so etwas wie Sehnsucht. Gern hätte er diesen Tag zusammen mit seiner großen Familie erlebt. Ich bin erleichtert. Doch spüre ich auch das Heimweh, das mit uns im Bett liegt.

Müde und eng umschlungen schlafen wir ein. Ich schlafe tief und fest und nach langer Zeit auch die ganze Nacht durch. Kein Telefon, keine Mails mitten in der Nacht. Wir leben in der gleichen Zeitzone, im gleichen Rhythmus, wir leben zusammen.

Als ich ihn am Morgen neben mir sehe, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Von mir aus können wir hier die Welt anhalten, die Zeit stoppen – das möchte ich festhalten. So soll es bleiben.

Beim Frühstück wird es lustig. Mein Sohn spricht kein Wort Russisch, Tolja kein Wort Deutsch. Aber zwischen den beiden stimmt die Chemie. Sie reden mit Händen und Füßen und ein bisschen kann ich auch übersetzen. Tolja hat vom Baikal auch getrockneten Fisch mitgebracht. Er fragt Vincent, ob er den kosten möchte. Obwohl der kein großer Fischesser ist, probiert er. Tolja lacht. „Nein, so isst man den Fisch nicht.“ Er zeigt, wie man mit den Zähnen die kleine Schwanzflosse packt, dann mit einem kräftigen Ruck die Hauptgräte rauszieht und wie man dann genussvoll knabbern kann. Vincent versucht es und es klappt. Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, dass die beiden miteinander klarkommen. Musste Vincent doch monatelang meine Sehnsucht ertragen, ohne zu ahnen, wen die Mutter da eigentlich vermisst. Für mich sind die beiden wichtigsten männlichen Wesen in meinem Leben gerade in diesem Moment ein wunderbares Team. Es macht mich unendlich glücklich.

Aber sofort kommt der Gedanke, dass das alles nur ein ganz kleiner Moment in meinem Leben sein wird. Ich möchte ihn genießen. Jetzt gerade hat das geklappt, aber schon ein paar Minuten später holt uns die Realität ein.

Wir sitzen nur noch zu zweit am Frühstückstisch. Vincent ist zur Arbeit gegangen und wir sind auf das Thema Geld zu sprechen gekommen. Ein Thema, das aus unserer romantischen Liebe schon sehr schnell die Leichtigkeit genommen hatte. Anatoli hatte in den Wirren der Auflösung der Sowjetunion einen Kredit aufgenommen. Für den Bau eines Hauses und für ein gebrauchtes Auto, wenn ich das richtig verstanden habe. So wie das viele damals gemacht haben. Der Kapitalismus stand vor der Tür und die nicht geübten Sozialisten, auf dem Weg in den geldlosen Kommunismus, wollten an der Macht des Geldes teilhaben. Ich kann mich gut an die Wendezeit in Deutschland erinnern. Als gelernter DDR-Bürger war auch ich damals mit dem Angebot an Krediten, Ratenzahlungen und Finanzierungen vollkommen überfordert. Doch unsere Wende lief anders. Die DDR existierte nicht mehr, aber es gab das funktionierende System der BRD und dort wurden wir eingegliedert. So würde ich das heute umschreiben. Wir Ossis lernten schnell, und machten trotzdem so manchen Fehler. In Russland brach alles zusammen, die Versorgung, der Arbeitsmarkt und der Glaube an ein starkes Volk. Auch Tolja hatte damals seine Arbeit verloren, hier und da mal ein Job, zurzeit bei einer Firma, die zur Bahn gehört und die Bewachung von Depots organisiert. Geld, das nichts mehr wert ist, und Gehälter, die nicht annähernd den Lebensunterhalt decken oder erst gar nicht gezahlt werden. Er schafft es nicht, seine Kredite zu bezahlen, unterdessen sind es wohl vier. Tolja nimmt einen Zettel und schreibt Zahlen darauf, dahinter Namen von Banken. Die Zahlen sind Geldbeträge, die gigantisch klingen, zusammengerechnet ca. eine Million. Eine Million Rubel sind zurzeit ungefähr vierzehntausend Euro. Dann streicht er energisch eine kleine Summe durch. Diesen Kredit hat er bezahlt. Mit dem Geld, welches ich ihm als Nachweis für die Reise geschickt hatte. Erst hatte ich gesagt, er möchte das Geld bitte wieder mitbringen, damit wir hier ein wenig Urlaub machen können. Doch dann hatte er mich gefragt, ob er es ausgeben dürfe, für den Kredit. Ich hatte seine Verzweiflung gespürt und ihm das Geld überlassen. Es ist ihm peinlich, unangenehm. Er schämt sich. Ich frage, was seine Hütte im Monat kostet, wie viel Unterhalt er für seinen Sohn zahlt, was er fürs Telefon bezahlen muss, möchte wissen wie viel er bei der Bahn verdient. Erst beginnt er mir Zahlen zu nennen, eine kleine Plus-Minus-Rechnung entsteht vor meinen Augen, doch dann zerknüllt er plötzlich den Zettel und wirft ihn weg. Nie wieder spricht er so deutlich mit mir über dieses Thema. Aber was ich jetzt weiß: Das Geldproblem kann er nicht lösen. Nicht allein und nicht in Russland. Dass seine Reise hierher einem Wunder gleicht, wird deutlicher denn je. Auch dass ich ihm nicht helfen kann, wird mir klar. Ich habe kein Geld, das seine Probleme lösen könnte.

Wir fahren zum See. Tolja rast durch den Brandenburger Wald und lacht. Das Fahrrad, das ich für ihn besorgt habe, ist etwas klein, aber das macht nichts. Er lacht, wir lachen. Er amüsiert sich darüber, dass ich langsamer bin als er und ich fühle mich mal wieder wie mit siebzehn.

Sein Handy klingelt. Mitten im Wald telefoniert er in seiner Muttersprache. Seine Stimme klingt offiziell und ernst. Ein wenig verstehe ich von dem was er sagt. Er sei nicht zu Hause und werde sich später melden. Aus seinem Gesicht ist die Fröhlichkeit verschwunden. Sie wird den ganzen Tag nicht wiederkommen. Wir baden im See, jeder schwimmt für sich eine lange Strecke und wir machen Pläne für die nächsten Tage, doch ich spüre genau, dass er mit den Gedanken woanders ist.

Das Handy klingelt immer wieder. Er geht nicht mehr ran. Irgendwann gesteht er mir, dass die Bank aus Moskau versuche ihn zu erreichen.

Tolja war sehr erstaunt, als ich ihm im Winter erzählte, dass unser kleines Deutschland beides hat: Berge und Meer. Er war noch nie am Meer. Also war klar, dass ich ihm das zeigen will. Für unseren kurzen Aufenthalt an der Ostsee habe ich einen Zeltplatz in Prerow ausgesucht. Wir packen alles ins Auto, nehmen auch unsere Fahrräder mit und ich habe eine ganz merkwürdige Begegnung mit meinem Ex-Mann.


Für die große Luftmatratze, die Tolja und mir als Bett dienen soll, fehlt die Luftpumpe. Ich weiß, dass H. eine besitzt, und frage ihn danach. „Klar, kannst du haben, aber ich schaffe es nicht bis zu dir. Können wir uns auf dem Parkplatz am Baumarkt treffen? Dann bringe ich sie dir dorthin.“

Ich warte dort auf ihn und als er aus dem Auto steigt, fragt er mich, wie es denn so laufe mit meinem Mann aus der Taiga? Mir steigen sofort die Tränen in die Augen und mein Ex-Mann steht hilflos vor mir. Ganz unbeholfen nimmt er mich nach so vielen Jahren in den Arm und sagt, dass es ihm leidtue. Dass es traurig sei, dass es nicht einfach mal klappen würde, so wie ich es haben möchte. Er hätte es mir so sehr gewünscht.

Ich weiß gar nicht, warum ich hier rumheule, vermutlich, weil mir bei seiner Frage klar wird, dass nichts gut wird. Alles nur ein kurzer Ausflug in eine Zweisamkeit ist, die ich nicht festhalten kann. Dass die Probleme nicht zu lösen sind und dass Tolja gedanklich schon auf dem Rückweg ist.

Zurück bei Tolja habe ich mich wieder im Griff. Wir bauen noch den Fahrradträger ans Auto und fahren am nächsten Morgen los.

Baikal oder Ostsee

Es regnet, es gießt, es schüttet. Die Autobahn ist leer und ich kann trotz des Regens relativ schnell fahren. Tolja filmt mit dem Handy das Wetterchaos und schickt die Bilder fast live nach Sibirien zu seiner Familie. Auch eine Fahrt auf einer deutschen Autobahn kann ein Ereignis sein. Ich denke an die Touren, die Tolja und ich in Sibirien gemacht haben. Fast hätte sein alter Lada meine Fahrkünste nicht überlebt, weil ich es nicht gewohnt war, den tiefen Löchern auf der Sandpiste auszuweichen. Jetzt kann ich beweisen, dass ich doch Autofahren kann. Es ist ein gutes Gefühl ein bisschen vor ihm anzugeben. Vielleicht fahre ich auch deshalb so schnell. Man wird wohl nicht so richtig viel klüger im Alter.

Der kleine Campingplatz liegt idyllisch. Sandboden, Kiefern und gleich hinter dem Zaun das Meer. Der Regen hat aufgehört, die Sonne scheint.

Tolja filmt seine erste Begegnung mit dem Meer. Über die Dünen, den breiten Sandstrand bis zum Wasser geht er langsam, mit dem Handy in der Hand. Er filmt und spricht leise vor sich hin. Wieder weiß ich nicht, was er fühlt. Ist er beeindruckt, enttäuscht, froh das Meer zu sehen? Keine Ahnung. Später, als ich seine Fotos und Videos auf einen Stick überspiele, kann ich hören, was er beim Filmen vor sich hingemurmelt hat. Meine freie Übersetzung: „Das Meer. Ich bin an der Ostsee, zum ersten Mal. Es ist wunderschön … aber es ist nicht der Baikal!“

Als ich das höre, muss ich schmunzeln. Das passt zu ihm. Er weiß selbst gar nicht, wie sehr er an seiner Heimat hängt. Von seinen früheren Gedanken, irgendwo neu anzufangen, Sibirien zu verlassen, ist nichts mehr zu spüren. Was mir schon lange klar ist, wird ihm erst jetzt bewusst. Er hat Heimweh.

Wir sprechen auch über seinen Sohn. Nie würde er ihn verlassen. Nie wird er mit ihm zu mir kommen können. Seine geschiedene Frau und Mutter seines Sohnes, würde nicht mal einem Besuch in Deutschland zustimmen. Tolja allein in Deutschland, ohne Kind, undenkbar. Und ich weiß, dass es auch nicht gut wäre. Mein Held aus der Taiga könnte hier nicht glücklich werden. Ihm würde hier zu viel fehlen. Ständig ist er mit großen Teilen seiner riesigen Familie in Kontakt. Es wird viel telefoniert und geschrieben. Nur wenn die Nummer aus Moskau auf dem Display erscheint, geht er nicht ran. Aber die Bedrohung meldet sich mehrmals am Tag. Selbst hier am Ostseestrand beim kitschigen Sonnenuntergang.


Wir machen Fahrradtouren, besuchen Naturkundemuseen, klettern auf Leuchttürme und schlafen in unserem kleinen Zelt. Beim Frühstück auf dem Campingplatz holen wir Tee und Kaffee bei Wolodja. Der Pole führt den Imbisskiosk und kann ein paar Worte Russisch. Ab und zu kommen wir mit ihm ins Gespräch und er gibt uns Tipps für Unternehmungen. Wir machen Urlaub. Seit ich weiß, dass er nie hier leben kann, versuche ich jeden Tag als Geschenk anzunehmen. Ich bin traurig, aber auch unendlich glücklich. Bevor ich diesen Menschen traf, war mir nicht klar, dass auch ich noch auf der Suche war. Ich glaubte wirklich, dass nichts fehlen würde in meinem Leben mit meinen nun erwachsenen Kindern und meinem wunderbaren Job. Jetzt weiß ich, dass es so nicht ist. Ich schwanke noch, ob ich die vergangenen Jahre ab jetzt Selbstbetrug nennen werde, oder ob es einfach eine neue Erkenntnis ist. Solch eine große Liebe passiert einem nicht oft im Leben und ich habe nicht mehr damit gerechnet. Nun halte ich jede kostbare Sekunde in meinem Gedächtnis fest. Zu wissen, dass ich es noch kann – bedingungslos lieben, ohne Wenn und Aber und eigentlich auch ohne Verstand, macht mich glücklich. Doch meine Pläne sind auch ganz real und Tolja lässt sich auf die Gedankenreise ein. Wir werden immer zusammen sein – darin sind wir uns einig. Und wir fühlen das so mächtig wie ein Naturgesetz. So wie wir sicher sind, dass der nächste Morgen kommt, so fühlen wir unsere Liebe. Das Wissen, dass unser Zusammensein etwas ist, das niemand infrage stellen kann, nicht einmal wir selbst, ist so schön wie der Sonnenuntergang am Meer. Dass wir noch keine Ahnung haben, wie ein Gemeinsamsein aussehen soll, stört uns in dieser Zeit nur ganz wenig.


Tolja gefallen die kleinen, bunt angemalten Ferienhäuser mit Reetdach. Immer wieder macht er Fotos und ist fasziniert von dem speziellen Baumaterial auf dem Dach. Bei einer Radtour durch den Wald kommen wir an einem Wetterunterstand vorbei, der auch ein Dach aus Reet trägt. Er fotografiert von außen, von innen, von der Seite. Die anderen Urlauber machen Fotos von ihren Kindern und Partnern, Tolja fotografiert das Dach. Als ob er es zu Hause nachbauen möchte. Doch im kalten Sibirien wird solch ein Schilf nicht wachsen. Nicht in dem kurzen Sommer, den es dort gibt. Er baut seine Hütten aus Holz. Aus sibirischer Kiefer.

Das Wetter ist durchwachsen und das Wasser kalt. Ich habe das Gefühl, auch unsere Stimmung friert etwas. Sein Heimweh wird stärker. Oft ist er still und in sich gekehrt. Wenn ich ihn daraufhin anspreche, sagt er, dass alles in Ordnung sei.

Fröhlich und ausgelassen ist er beim Tischtennis. Tolja spielt sehr viel besser als ich. Er kann nicht verhehlen, dass er sich darüber freut und ich freue mich, dass er mal wieder lacht. Sein Lachen mag ich so sehr. Manchmal ist er wie ein kleiner Junge.

Wir machen fast alle Unternehmungen mit dem Rad. Wir sind in Ahrenshoop. Im Buchladen an der Strandpromenade sehen wir Bücher über Putin, Ketten aus Bernstein und wunderschöne Postkarten. Ich merke, dass mein Russisch besser wird. Wir können schon über viele Themen sprechen und ich kann ihn überreden mit mir in ein Restaurant zu gehen. Wir bestellen ganz deutsch: Schnitzel. Genauer, wir nehmen das Riesenschnitzel mit Bratkartoffeln. Viel deutscher geht es wohl nicht. Fast synchron bekommen wir beide einen Lachanfall, als wir die Teller sehen. Wirklich gigantisch liegt das panierte Fleisch auf dem großen Teller, ragt bis über den Rand und verdeckt komplett alle Bratkartoffeln. Wir schaffen jeweils nur ein Bruchteil des Gerichts und lassen uns den Rest fürs Abendbrot einpacken. Ich versuche zu erklären, dass die Portionen bei Weitem nicht immer so riesig seien.



Tolja ist beeindruckt von den laut rotierenden Windrädern auf der Rücktour und pflückt für mich den ersten und vielleicht auch einzigen Blumenstrauß, den ich jemals von ihm bekommen werde. Es gibt wunderbare Momente und ich genieße sie.

Alltag mit meinem Sibirier

In meinen Gedanken sah das so aus: Tolja und ich fahren zu meinem Vater ins Pflegeheim und obwohl keiner die Sprache des anderen spricht, besteht zwischen den Männern sofort ein magisches Band. Tolja vermisst seinen eigenen Vater sehr und ich war mir sicher, dass mein Papa eine große Bereicherung für ihn sein würde. Ich hatte in meiner Fantasie nie Zweifel daran, dass es eine wunderbare Begegnung werden würde. Außerdem war die Vorstellung wunderschön, meinem Vater endlich einen Mann zu präsentieren, den ich wirklich liebe. Nicht, dass mein Papa das alles verstanden hätte, was ich da fühle. Aber er hat mich so sehr geliebt, dass nur wichtig war, dass seine kleine Tochter glücklich ist.

Dieses Kennenlernen konnte es nun nicht mehr geben. Zu spät. Ich hatte meinem Papa nicht einmal mehr erzählen können, dass Tolja nach Deutschland kommt. Kurz bevor das Visum erteilt wurde, war er tot.

Es ist erst wenige Wochen her und die Trauer ist groß und überrascht mich meist kurz und heftig mitten im Glücklichsein.

Wir sind in Neufahrland. Ich zeige Tolja die Orte meiner Kindheit. Hier auf dem Wochenendgrundstück habe ich mit der Familie die Sommer meiner Kindheit verbracht. Acht Wochen Sommerferien jedes Jahr. Da war viel Zeit für Baden, im Wald rumstromern, Spargel vom Feld klauen, sämtliche Tiere der Umgebung zähmen, in der Datsche Mittagsschlaf machen müssen und so weiter.

Es waren traumhafte Sommer mit meinen Eltern und meiner Schwester. Manchmal waren auch Oma und Uroma dabei. Besonders dann, wenn meine Eltern Reisen unternahmen. Und wo waren sie? Natürlich viel in der Sowjetunion. Zum Beispiel am Baikalsee. Eine Reise von der meine Mutter immer geschwärmt hatte und eine Erinnerung, die bei ihr immer wieder in dem Satz gipfelte: „Da musst du mal hin.“ Nun war ich dort gewesen und diese Reise hatte mein ganzes Leben verändert. Zumindest mein Gefühlsleben. Ob das meiner Mutter so gut gefiel? Ich glaube nicht. Aber noch hatte sie meinen Mann vom Baikal ja nicht kennengelernt.

Jetzt sind wir erst mal hier im Garten und Tolja freut sich auf die Arbeit. Eine große Tanne liegt mitten auf dem Rasen und muss zerteilt werden. Erst kämpfen wir mit der Kettensäge. Ich habe davon keine Ahnung und bin beeindruckt, als der Russe die deutsche Technik zum Laufen bringt und den Baum in handliche Stücke zersägt. Ich sitze auf der Treppe der kleinen Datsche, wie in Kindertagen, und schaue ihm zu. Plötzlich rollen die Tränen. Mir wird klar, dass es so nie wieder sein wird. Der Mann meiner Kindheit wird hier nie wieder arbeiten, der Mann meiner Träume ist nur jetzt und nur für ganz kurze Zeit hier. Immer deutlicher spüre ich, dass es diese Option, er hier bei mir, nicht gibt. Eigentlich wusste ich es schon vor seiner Ankunft in Deutschland. Schon in Sibirien ahnte ich, dass er dort niemals wegkann. Aber damals war er selbst noch von solch einer Möglichkeit überzeugt. Jetzt spüre ich ganz genau, dass er hier immer nur zu Besuch sein kann. Merkwürdig, dass es gerade hier so klar ist. Denn genau hier ist es noch am ehesten wie in seiner Heimat. Solche Datschen gibt es dort überall, selbst das Wort dafür ist in beiden Sprachen gleich. Er arbeitet so wie zu Hause auch. Er sieht mit seinem Kopftuch, das er in Sibirien wegen der Mücken trägt und hier aus Gewohnheit, genauso aus, wie in seiner Heimat. Alles passt, nur mein Gefühl sagt etwas anderes. Seins auch, denn er ist anders. Er fragt zwar, was los ist mit mir, und ich hoffe, er versteht meine holprige Erklärung, aber er tröstet mich nicht. Vielleicht hat er Angst, dass er mitweinen würde, wenn er mich jetzt in den Arm nähme. Mein Papa fehlt mir mehr, als ich gerade aushalten kann.

Später gehen wir schwimmen. Der See hier ist sehr flach, was für uns als Kinder gut war. Doch dadurch ist das Wasser nie richtig sauber. Viel zu schnell erwärmt es sich und die Algen trüben es. Es macht trotzdem Spaß ganz weit draußen zu schwimmen und zu albern und die schweren Gedanken wegzuspülen. Ihm geht es gut, weil er gearbeitet hat, etwas für mich getan hat und mir geht es gut, weil er bei mir ist. Ich bin verliebt in das Gefühl jemanden an meiner Seite zu haben, zu dem ich mich hingezogen fühle. Der zu mir gehört. Es ist ein wunderbares Gefühl, das ich schon ganz vergessen hatte. Bin ich verliebt in die Liebe? Ich tauche in das trübe Wasser, denke an den Baikal und will gar nicht mehr wissen, was oder wen ich eigentlich liebe. Ich liebe und das ist gut.

Die Hitzeperiode ist vorbei. Ein normaler deutscher Sommer. Regen, Wind und Sonne wechseln sich ab. Vermutlich dachte Tolja, bei uns sei es immer warm, denn seine Kleidung ist wirklich spärlich. Kurze Hose, T-Shirt, eine Jogginghose, damit hat es sich. Ich gebe ihm eine Jacke meines Vaters und wir fahren nach Potsdam. Diese Stadt zu sehen, ohne Park und Schloss Sanssouci zu besuchen, für einen Touristen undenkbar. Und er ist ja nur Besuch. In wenigen Tagen wird er schon wieder nach Hause fahren. Also machen wir Touristenprogramm. Russen mögen Schlösser und Gärten. Ich hoffe Sibirier auch. Und ja, er ist beeindruckt. Ich merke es immer daran, dass er die Fotos, die er mit seinem Handy macht, sofort zu seiner Familie weiterleitet. Wer die Prachtbauten in der Umgebung von Sankt Petersburg kennt, mag Sanssouci vielleicht etwas belächeln. Doch Tolja kennt auch den alten Prunk in seinem Heimatland nur aus dem Fernsehen und so ist das hier tatsächlich etwas Besonderes. Er lacht, er freut sich. Er nimmt mich bei der Hand und wir laufen fröhlich durch meine Kindheitserinnerungen. Für mich bedeutete dieser Park nicht nur Sonntagsspaziergang mit den Eltern, er war auch Spielplatz. Mir ist jede Ecke, jede einzelne Statue und jedes Wasserbecken vertraut. Ich habe das Gefühl, ich kenne jeden Baum und jeden Strauch.

Er bittet mich, ihn vor einer riesigen Eiche zu fotografieren. Der Stamm ist mächtig. Tolja versucht den Riesen zu umarmen und erzählt dabei wie langsam die Bäume in Sibirien wachsen. Nur zwei Monate wärt der kurze Sommer. Dazu der lange Winter mit eisigen Temperaturen. Ich selbst habe bisher nur minus dreißig Grad erlebt. Tolja erzählt von über minus fünfzig. Da hat es ein Baum schwer mit dem Wachsen. Ganz eng liegen beim sibirischen Holz die Jahresringe beieinander und machen es fest und stabil. Wir erinnern uns gemeinsam an den letzten Winter. Ich war mit meinem Drehteam in seiner Heimat. Zum Abschied hatte sich der Kameramann, der gelernter Zimmermann ist, etwas von Anatoli gewünscht. Ein Stück Holz wollte er mit nach Hause nehmen. Am letzten Tag brachte Tolja drei Scheiben Holz. Auf allen stand eine Widmung und die Jahreszahl. In eine Scheibe war die Schrift mit einem Lötkolben oder Ähnlichem eingebrannt. Bei den beiden anderen hatte er die Schrift nur mit dem Kugelschreiber aufgeschrieben. Die Zeit hatte nicht gereicht. Es war mein erstes Andenken an diesen Mann aus der Fremde, der jetzt hier mit mir durch den Potsdamer Park spaziert. Es beginnt zu regnen. Eng umschlungen unter dem Regenschirm singt er mir russische Lieder vor. Wir träumen, wir planen, wir sind glücklich. Er merkt nicht, dass nicht alles Regentropfen sind, die meine Wangen feucht machen. Aber jetzt sind es Freudentränen.

Heute treffen wir meine Mutter und meine Schwester. Beide haben in der Schule mal Russisch gelernt, doch außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ und vielleicht ein auswendig gelernter Text über den Sieg des Sozialismus, ist nicht mehr viel vorhanden von den Sprachkenntnissen. Doch das stört kaum. Meine Mutter ist zauberhaft. Redet mit Händen und Füßen, versorgt uns mit Kaffee, Tee und Kuchen. Holt ein uraltes, bebildertes Wörterbuch hervor. Als meine Schwester dazukommt, wird es richtig lustig. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich die beiden je so aufgeschlossen und unbeschwert erlebt habe. Tolja fühlt sich wohl. Auch er ist munter, kommunikativ und lacht viel. Es ist ein wunderschöner Nachmittag. Als wir gehen, flüstert mir meine Schwester ins Ohr, dass sie mich verstehen könne.

Sie findet ihn also auch toll. Was für ein großes Wunder. Meine Schwester ist drei Jahre älter als ich und hat viel aushalten müssen. Immer wenn ich verknallt war und das in einer kleinen Tragödie endete, hat sie mich getröstet, aber ich glaube, nie verstanden. Sie wusste nie, was ich an dem einen oder anderen Jungen fand und warum ich so darunter litt, wenn alles wieder vorbei war. Wir waren und sind sehr verschieden. Dass sie mir zu verstehen gibt, dass sie diesen russischen Mann nett findet, ist ein richtiger Ritterschlag. Verrückt!

Noch bevor Tolja in Deutschland ankam, hatte ich bei sämtlichen Freunden und Bekannten nachgefragt, ob jemand eine Aufgabe für ihn habe. Mir war ja von Anfang an bewusst, dass er etwas zu tun haben müsste. In meinem Garten sind der Pfirsichbaum und eine Konifere gefällt, die Autos zum zweiten Mal gewaschen, da meldet sich meine Freundin Bettina. Ein bisschen merkwürdig fände sie es ja, aber sie hätte da was. Ich bin total dankbar und wir fahren nach Falkensee. Dort warten elf alte Eichenstühle darauf, dass der alte dunkelbraune Lack entfernt wird. Uwe, Bettinas Mann, hat in den vergangenen Jahren nur einen Stuhl geschafft. Das liegt einerseits daran, dass Uwe alles was er tut, sehr genau macht und daran, dass er eigentlich genug anderes zu erledigen hat.

Tolja legt los. Er schleift, schmirgelt und feilt was das Zeug hält. Wir werden von Uwe und Bettina versorgt und der Mann aus dem Wald ist beschäftigt. Sicherlich ein guter Tag für ihn. Geld für seine Arbeit will er erst nicht annehmen, später nimmt er es doch.

Doch Tolja ist reserviert. Selbst als Uwe die Gitarre holt und nach dem Mittagessen versucht, über die Musik einen Draht zu dem Russen zu bekommen, bleibt Tolja sehr zurückhaltend. Mich ärgert das etwas. Hatte ich doch von so vielen Dingen geschwärmt, die mir jetzt selbst fast unwirklich erscheinen. Wo ist der Gitarre klimpernde und singende Russe, der mir so viel Gefühl gezeigt hat und vor allem, der so gern lacht? Die kurze Zeit, die wir in Deutschland haben, wird nicht ausreichen, um seine Befangenheit zu überwinden.

Wir geraten auch in Streit. Sich zu streiten, wenn man die Sprache des anderen nicht kann, ist echt schwierig. Und wenn es ihm zu anstrengend wird – geht er. Er geht einfach raus und ich sitze da. Sofort schießt mir ein Gedanke durch den Kopf. Typisch. Wieder ein Mann, der sich lieber entzieht, als Energie für eine Meinungsverschiedenheit aufzuwenden. Doch ich habe das kaum zu Ende gedacht, da ist er wieder da. Er sagt, dass er reden will, alles richtigmachen möchte, zieht mich auf seinen Schoß und lacht. Wir versuchen zu erklären, ich versuche die fremde Sprache zu verstehen, wir lachen und wir kommen ganz schnell an unsere (eigentlich an meine) sprachlichen Grenzen. Ich schlage vor, dass wir den Übersetzer am Computer benutzen sollten. Erst möchte er das nicht, doch dann sitzen wir doch davor und das ein oder andere Missverständnis lässt sich klären. Doch dann tappe ich schon wieder in ein nächstes kulturelles Fettnäpfchen. Ich will ihn zur Versöhnung auf die Stirn küssen. Er wehrt sich. Ich verstehe nicht. Zweiter Anlauf. Nein, sagt er, das dürfe man nicht. Was darf man nicht? Ich kapiere nicht, warum er sich so ziert. Er schreibt in den automatischen Übersetzer, dass man nur die Toten auf die Stirn küsst …


Ich starre auf die Übersetzung und weiß nicht, was ich sagen soll. In meinem Kopf tauchen Bilder aus Filmen, Gemälden und Fotos auf. Ja, wie oft hatte ich schon gesehen, dass sich Angehörige von ihren Toten im offenen Sarg mit einem leichten Kuss auf die Stirn verabschiedeten. Es ist mir peinlich, doch er drückt mich an sich und küsst mich auf den Mund.

„Alles wird gut.“, sagt er. Mal wieder.

Ich frage ihn, was er noch erleben möchte, was er sehen will. Wovon hat er gehört? Was interessiert ihn? Und zu meiner großen Überraschung hat er einen ganz konkreten Wunsch. Er möchte Berlin bei Nacht sehen. Die Lichter, die Stimmung, alles.

Ich buche im Internet Tickets für den Fernsehturm. Genau für die Zeit, wenn die Lichter der Großstadt angehen.

Es ist voll auf der Aussichtsetage. Sehr voll. Für mich viel zu voll. Wir verlieren uns im Gedränge und jeder kämpft sich allein durch die Massen, um ab und zu mal einen Platz am Fenster zu ergattern. Auch wenn die Sicht heute nicht perfekt ist, erhaschen wir einen kleinen Moment des Sonnenuntergangs und dann gehen tatsächlich nach und nach die Lichter von Berlin an. Wir treffen uns im Gewühl, halten uns fest und schauen auf die Stadt, in der wie nie zusammen leben werden.

Unten auf dem Alexanderplatz ist es auch voll, aber die Stimmung ist grandios. Meine Heimat zeigt sich von der besten Seite. Ausgelassene Berliner und ihre Gäste feiern den Sommer. Die Nacht ist tropisch warm und wir bleiben ewig bei den ersten Straßenmusikern hängen, die direkt neben dem Fernsehturm ihre Musik nur für uns spielen. Tolja fotografiert bunt leuchtende Velo-Rikschas und wir schlendern zu den Bars am Hackeschen Markt. Dass wir beide nicht viel Geld haben, erinnert mich an meine ersten Jahre in Berlin. Irgendwie war ich immer mit Menschen unterwegs, denen Geld nicht so wichtig war. Heute weiß ich, dass ich auch nicht viel Geld zum Leben benötige. Aber ein Lottogewinn, um einige unserer Probleme zu lösen, wäre jetzt doch eine gute Idee. Wir liegen in Liegestühlen, die zu irgendeiner Bar gehören, und ducken uns, wenn die Bedienung leere Gläser einsammelt. Ein Getränk gekauft haben wir nicht. Aber es stört niemanden. In den Arkaden der Neuen Nationalgalerie singt eine russische Sopranistin. Ihr Lied hallt weit und begleitet uns ein Stück. Hand in Hand ziehen wir weiter. Es wird eine wunderbare lange Nacht in Berlin.

Am nächsten Tag drängelt Tolja wieder, dass er etwas tun möchte. Er stutzt die Hecke, obwohl das zu dieser Jahreszeit eher ungünstig ist, doch ein zufriedener Tolja ist wichtiger als eine Hecke, die im Spätsommer ganz viele neue Triebe haben wird. Plötzlich behauptet Tolja, dass meine Nachbarn Russisch sprechen würden. Ich habe keine russischen Nachbarn und bin verwirrt. Doch er ist sich ganz sicher und meint, dass die Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite gerade ihre Gäste in russischer Sprache verabschiedet hätte.

Die neuen Besitzer des Hauses auf der anderen Seite wohnen vielleicht vier Monate dort. Bis auf ein hart erkämpftes „Guten Tag“ habe ich noch keinen Kontakt zu ihnen gefunden. Für mich stellte sich die Familie so dar: Eine relativ junge, asiatisch aussehende Frau, ein sehr viel älterer deutscher Mann, zwei kleine gemeinsame Kinder. Der Mann hatte erst einmal auf mein „Guten Tag“ geantwortet, die Frau zweimal gelächelt. Die Klischees waren sofort da und ich fühlte mich darin durch Bemerkungen von anderen Nachbarn bestätigt.

Jetzt höre ich es auch. „Doswidanija“ sagt die Frau zu den nächsten Gästen, die mit dem Auto davonfahren. Mit der kleinen Tochter auf dem Arm winkt sie dem Auto hinterher und ich, mutig wie selten, rufe in Russisch über die Straße: „Sie sprechen Russisch? Wie kommt denn das?“

Sofort eilt sie in ihrem schicken Kleid und den eleganten Schuhen zu mir und freut sich über die Kontaktaufnahme. Sie erzählt Tolja und mir, dass sie aus Ostsibirien stamme, aus einer Republik, die sich Burjatien nennt, und die keiner kennt. Wir beide strahlen die Frau und das Kind an und versichern ihr, dass wir dieses Land kennen. Sie kann kaum glauben, dass Tolja auch von dort kommt und dass sogar ich schon einmal in ihrer Heimatstadt Ulan-Ude gewesen bin. Ich komme mir vor wie in einem Kitschroman. Sie, Vera, hätte heute Geburtstag und ihr Mann auch und ob wir nicht Lust hätten mit rüber zum Feiern zu kommen. Wir beide sind so perplex, dass wir es nicht tun. Eigentlich schade, denke ich später. Und wieder einmal wundere ich mich über merkwürdige Fügungen des Schicksals.

Ich muss arbeiten und lasse Tolja allein. Ich glaube es gefällt ihm ganz gut. Er kann fernsehen und auf der Couch rumlungern wie zu Hause. Er kann sich etwas zu Essen nehmen, so wie er es gewohnt ist und er darf etwas tun. Er will die Hecke weiter schneiden. Ich glaube, er ist gut versorgt.

Als ich zurück nach Hause fahre, fühle ich etwas, das ich schon etliche Jahre nicht mehr gefühlt habe. Vorfreude auf den, der da in meinem Heim auf mich wartet und der Gedanke: Genauso ist es richtig. Er gehört zu mir. Ich empfinde das so stark, dass ich Angst bekomme, denn ich weiß ja unterdessen ganz genau, dass er hier nicht leben kann. Aber ich habe noch ein bisschen Zeit für meinen Traum. Und dann sehe ich ihn. Ich biege mit dem Auto in die kleine Anwohnerstraße ein und er werkelt an der Hecke. Sieht wie immer verwegen aus mit seinem Kopftuch und mein Herz schlägt so stark, dass ich Angst habe es könnte aus dem Takt geraten. Ist es ja eigentlich schon. Nichts ist mehr wie früher. Ich habe das Gefühl, mich gibt es nur noch in der Kombination mit ihm. Wie gefährlich das ist, ahne ich noch nicht.

Heute zeige ich ihm meinen Arbeitsplatz. Wir fahren nach Potsdam-Babelsberg und besuchen als Erstes die Firma, die damals unseren Film produziert hat. Ich zeige ihm den Raum, in dem ich den Film zusammen mit meinem Cutter Ingo geschnitten habe. Es ist unwirklich für mich, ihn hier zu haben. Das Ganze bekommt eine vollkommen andere Dimension. Damals war er irgendwie nur imaginär anwesend, als kleine russische Schriftzeichen auf dem Computer, als Sehnsucht, als Traum. Jetzt ist er real hier. Ein Mensch aus Fleisch und Blut. Doch er ist sehr still. Können Traum und Realität irgendwie miteinander klarkommen?

Meine Kollegen sind nett, doch er bleibt schüchtern. Damit kann ich leben.

Ich zeige ihm unseren Fernsehsender. Das große Studio, aus dem wir jeden Abend eine Livesendung senden. Selbst deutsche Besucher, die nichts mit dem Fernsehen zu tun haben, sind meist von all der Technik beeindruckt. Tolja nicht. Er findet es spannend, aber mehr nicht. Auf meinem Stuhl in der Regie, auf dem ich während einer Livesendung sitze, möchte er fotografiert werden. Die riesige Monitorwand, das große Tonmischpult beachtet er kaum. Er verwirrt mich. Dinge, die ich für sehr bemerkenswert halte, nimmt er vollkommen gelassen hin. Kleinigkeiten, die mir kaum auffallen, findet er besonders spannend. Zum Beispiel dass es in unserer Kantine so wenig Wahlmöglichkeiten gibt. Es sind ja meist komplette Gerichte, die angeboten werden und nicht wie in einer russischen Stolowaja, die verschiedenen Komponenten. Also unterschiedliche Fleischsorten, die man mit den diversen Beilagen kombinieren kann. Auch unser Salatbuffet findet er merkwürdig. Sehen doch russische Salate, die fast immer mit Mayonnaise angemacht werden, eher komplett aus, als Gurken, Tomaten, grüner Salat usw. einzeln.

Immer wieder werde ich gefragt, was den Mann aus der Taiga denn am meisten beeindrucke oder schockiert hätte. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Der Blick in seine Seele ist mir nicht möglich. Und an seinen Gedanken lässt er mich nicht teilhaben. Er zeigt wenige Emotionen und das macht mich traurig. Sein Besuch ist für mich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Für ihn vermutlich auch, aber wir machen die Fahrt nicht wirklich zusammen.

Immer wieder klingelt sein Telefon. Auch heute. Er geht nicht ran. Aber es stört unseren Besuch im Zoo. Dann eine Nachricht von einer seiner Nichten. Er telefoniert und danach ist nichts mehr wie es war. Er schaut durch die Tiere im Zoo hindurch, spricht kein Wort mit meinen Kollegen, die im Zoo eine Tierdokumentation drehen und die uns den kostenlosen Besuch ermöglicht haben. Wir sitzen beim Mittagessen mit ihnen zusammen und meine älteste und liebste Freundin und Kollegin muss denken, dass ich hier nicht mit dem Traummann aufgekreuzt bin, von dem ich seit anderthalb Jahren schwärme und von dem ich so viel erzählt habe. Er schweigt, antwortet kaum auf Fragen, selbst wenn sie in Russisch gestellt werden. Er starrt vor sich hin.

Als wir wieder allein sind, versucht er zu erklären was los ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig verstehe. Anscheinend hat er am Telefon erfahren, dass so etwas wie ein Gerichtsvollzieher zu Hause vor der Tür steht. Es ist ihm peinlich, dass seine Familie damit zu tun bekommt. Später denke ich, es könnte auch ein nicht offizieller Schuldeneintreiber gewesen sein, denn seine Angst ist groß. Und dann sagt er den Satz, den ich schon eine Weile befürchtet habe. Er fragt, ob es möglich sei, dass er früher nach Hause fliegen könne. Meine kleine Welt bricht zusammen. Ich möchte schreien, weinen und ihn nicht mehr lieben. Aber ich sage ganz ruhig, dass es vielleicht möglich sei, wenn er das wollen würde. Wir werden sehen. Schweigend laufen wir durch den Zoo. Tiere sehen wir beide nicht mehr.

Zu Hause frage ich, ob wir bei der Fluggesellschaft anrufen sollen. Ich erhoffe ein Nein und bekomme ein Ja. Er spricht mit Aeroflot in Russisch und fragt mich, ob zweihundertdreißig Euro viel Geld sei. Wütend und vielleicht etwas laut, sage ich, dass das selbstverständlich viel sei. Der alte Flug wird verfallen. Umbuchen bedeutet eigentlich neu kaufen und es ist klar, dass ich das Geld aufbringen muss. Er beendet das Gespräch mit der Fluggesellschaft ohne einen Flug verabredet zu haben.

Etwas später frage ich ihn, ob er wenigstens noch bis zur Beerdigung meines Vaters bleiben könne. Er hatte mir versprochen an meiner Seite zu sein.

Ich buche einen Flug für Donnerstag früh. Die Beerdigung ist am Mittwoch und heute ist Montagabend. Mein großer Traum schrumpft auf sechzig gemeinsame Stunden.

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Дата выхода на Литрес:
09 июня 2025
Объем:
231 стр. 52 иллюстрации
ISBN:
9783960790488
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