Читать книгу: «Die rote Schlange»
I
Der Kaiser von Byzanz ging in seinen Gärten am Bosporus spazieren und träumte. Tieftraurige Cypressen, heißduftende Rosenhecken wehrten ihm den freien Ausblick aufs Meer, aber durch das grüne Gewirre sah er doch die Kuppeln des Georgiosklosters herüberschimmern. Ins Georgioskloster hatte man Andronikus, des Kaisers Vorgängen gesteckt, nachdem man ihn zuvor geblendet. Mit leisem Kopfschütteln sah der Kaiser zu den weißen Mauern hinüber; Mitleid bewegte ihn nicht. Der Feldhauptmann Andronikus war ein Usurpator gewesen. Er hatte des Kaisers jungen Vater getötet, die Witwe mit ihrem kleinen Sohne vertrieben und blutig geherrscht, bis die alten Kaisertreuen ihn bezwangen und den rechtmäßigen Cäsar, der damals noch mit Kreisel und Glaskugeln spielte, wieder zurückbrachten nach Konstantinopel, in den Blachernenpalast. Immer noch sah der Kaiser hinüber zum Georgioskloster. Mitleid bewegte ihn nicht. Nur eins verstand er nicht: Warum hatten sie den Andronikus erst noch geblendet? Hieß denn im Kloster leben, nicht auch blind sein?!
Langsam schritt er weiter. Er freute sich seiner Freiheit und seiner hellen Augen Er liebte die schöne, funkelnde Welt vor den Klöstern hatte er, – so sündhaft es ihm selber schien – stets ein geheimes Grauen empfunden. Mit stillen Seufzern hatte seine Mutter bemerkt, daß der kaiserliche Sohn weniger kirchlich gesinnt war, als ihr frommer Sinn es wünschte.
Sie hatte es bemerkt, doch niemals darüber gesprochen. Es war als fürchtete sie, mit einem lauten Wort schlummernde Gespenster der Vergangenheit aufzuwecken. —
Der Kaiser träumte weiter. Er dachte an seines Vaters Vater, an die merkwürdige Geschichte die sie von ihm erzählten. Wie er, nachdem er dreißig Jahre lang ein frommer Christ gewesen, mit einem Mal, nach einer Reise durch den Archipel, nicht viel mehr von Priester und Kirche hören wollte, sondern lieber zur Jagd ritt, den Cirkusspielen zusah oder, in schweigendem Sinnen, stundenlang ein weißes Marmorbild – eine Heidengöttin – betrachten konnte, das er von seiner Reise mitgebracht hatte.
Noch eines anderen Ahnherrn mußte der Kaiser gedenken: jenes Julian, der abtrünnig geworden vom wahren Glauben, der den Göttern Roms wieder geopfert hatte. Von jeher hatte ihn dieser Julien interessiert. Über keinen anderen Cäsaren hörte und las er so gern wie über ihn. Viel hatte er über ihn nachgedacht, gegrübelt, geforscht, und immer bannender war der Reiz des Apostaten über ihn gekommen. Nicht etwa daß er ihn begriffen, seinen gottesleugnerischen Frevel gebilligt hätte! Seine Phantasie nur ward mächtig erregt durch die Erscheinung dieses kränklichen, schlechtrasierten Cäsaren, der keine anderen Götter erkennen wollte, als Schönheit und Lebensfreude. In manchem Zuge glich der Kaiser dem Apostaten, nur hatten Kultur und Erziehung an ihm verfeinert, gemindert, was bei jenem ursprünglich gewesen. Julian war ein griechischer Heide, – der Kaiser hatte es nur bis zum Ästhetiker gebracht. Nicht von sich selbst, von seiner Gottheit hatte Julian gebieterisch Schönheit und Kraft gefordert; der Kaiser betete demutsvoll vor dem Gekreuzigten und pflegte seinen äußeren Menschen. Er sah dem Apostaten etwas ähnlich. Es war dieselbe schmalschulterige Gestalt, der kurzsichtig-verschleierte Blick, das weiche, braune Haar, die nervöse, magere Hand. Er hing aber den Oberkörper nicht vor, wie Julian, sondern schritt mit jugendlicher Würde einher. Seinem sanften Munde fehlte das Spötterzucken, seine Augen waren nicht erhitzt und gerötet von Studium und Nachtwachen. Seine Haare fielen in leichten aber wohlbedachten Locken tief in die Wangen, auf das grünseidene Gewand herab. Auf diese Weise verbargen sie, was dem schönsinnigen Kaiser großes Leid bereitete: seine Ohrmuscheln entbehrten des Läppchens, waren mit dem Halse verwachsen. Die Hand, welche zuweilen spielend durch die Locken glitt, war wohlgepflegt und weiß. Ein kostbarer Ring zierte den Zeigefinger der Rechten.
Weiter, immer weiter war der Kaiser geschritten. Nun hielt er inne, sah aus seinen Träumen auf. Er befand sich in einem abgelegenen Teil der Gärten: an Julians Lieblingsplatz. Hier war er mit seinen Philosophen und Schülern disputierend hin und wieder gegangen. Ein Seufzer entquoll des Kaisers Brust, eine namenlose Sehnsucht überfiel ihn – jene Sehnsucht, welche die Lebenden töten und die Toten lebendig machen kann. Wenn jetzt, von jener halbverfallenen Steinbank her, Julian auf ihn zugeschritten wäre – es hätte ihn nicht Wunder genommen, obwohl der Apostat schon seit langem gestorben war. Alles blieb tot und leer. Flammend klomm der Mittag zu seiner steilen Höhe empor. Die Rosenhecken dufteten stark und schwül.
Der Kaiser ließ sich auf der Steinbank nieder. Sie stand unfern dem Strand, unter einem alten Magnolienbaum; freier als in den anderen Gärten sah man hier aufs Meer hinaus. Blauschimmernd kamen die Wellen einhergezogen. Jede von ihnen trug ein weißes Schaumkrönlein, – sie neigte es zu Füßen des jungen Kaisers, bis es zerstob.
Dem Cäsar ward seltsam weich und weit ums Herz. Gern hätt’ er mit der Spitze seines goldenen Schuh’s einen Namen in den weichen Sand der Düne gezogen; einen süßen, geliebten Namen . . .
Er wußte keinen. —
Des Kaisers Herz stand leer. Die schlanken Cir-kassierinnen, die melancholischen Jüdinnen, die blassen Byzantinerinnen welche sein sachverständiger Haushofmeister ihm zuführte, sättigten nur seine Begier, nicht seine Sehnsucht – — Er war jung und unvermählt Das schwäbische Fürstenkind, das die Mutter ihm zur Gattin ausersehen, reizte ihn nicht. Hager, unanmutig fand er ihr Bild, wie ihren Namen: Wiltrudis. Da er keinen Namen wußte, den er mit der Spitze seines goldenen Schuhs in den Sand hätte graben können, so schlug er die Beine übereinander und sah träumend hinaus aufs Meer – —
Still war’s hier, heiß und lautlos still. Kein Tier, kein Lüftchen regte sich. Und doch mitunter ein Rascheln im Laub ein Beben in den Zweigen . . . Die Einsamkeit schlummerte nur unruhig, wie in Fieberzucken Der hohen Stunde brütende Hitze weckte sie auf. Der Kaiser war nicht mehr allein. Von allen Wegen, aus allen Hecken kamen lustige Gestalten gezogen. Er sah sie nicht, aber er fühlte ihre Nähe. Er wußte, daß neben ihm eine zarte Nymphe goldschimmernde Käfer in ihr dunkles Haar setzte. Er hörte hinter sich, von jenem Hügel herab, wieherndes Männerlachen und das talpernde Getrabe der Bocksfüßigen – — Um ihn her eine bunte, schillernde Welt, die spricht, flüstert, grüßt, schäkert . . . Zwischen all dem buntflügeligen, gehörnten, halbnackten Pack er, im langen, grünen Seidengewand, ernsthaft ein schwerfälliger Riese. Zuerst bemerken sie ihn gar nicht, – dann umdrängen sie ihn neugierig, lachend, necken ihn mit gutmütig-überlegenem Spotte. »Schon wieder so ein Menschlein! Wie es aufhorcht! Natürlich, es kann ja nichts sehen! Und hat doch solch große Augen! Blöde Augen, wie alle seiner Art! Es ist dumm! Und ungelenk! Wir wollen um ihn her tanzen! Ja, ja! Das wird ihn völlig verwirren!« Ein lachender, wirbelnder, flutender Reigen. Keine Körper mehr, – nur Farbe und Bewegung . . . Ein einsames, grünes Nixchen hält eine lange Binse in der Hand, spitzbübisch kitzelt es ihn damit von hinten am Halse. Schalkhaft wirft ihm ein anderes eine Handvoll Magnolienblätter in die Locken. Dann laufen sie schnell davon, werfen sich mit gespieltem Schrecken in die Arme der Bocksfüßigen, lachen übermütig – — – Riesengroß, leuchtend, beängstigend in seiner steinernen Ruhe ragt am tiefblauen Himmel ein weißes Ungetüm über dem lustigen Spuk auf. Löwentatzig, blickt aus leeren Marmoraugen die Sphinx über die glühende Welt hin – —
Der Kaiser war nicht erschrocken Er kannte das Mittagsgespenst. Öfters schon hatte es ihn angefallen; gerade in diesem abgelegenen Teil der Gärten. Er schlug das Kreuz, betete den Spruch, den ein heiliger Bischof eigens gegen solche Gespenster gefertigt hatte. Das Licht der Erkenntnis war damals noch nicht sonnenhell aufgegangen. Wie eine Dämmerung, die nicht weichen wollte, hielt noch das Heidentum die Welt umfangen. So fromm Byzanz auch schien, so endloses wiederhallte von Psalmen und Kyrie eleison, – bei Nacht flocht manch Einer zum Dionysosopfer den Epheu ins Haar, der bei Tag die Wundmale des Gekreuzigten geküßt. Der süße Irrwahn des klassischen Göttergesindels war, trotz Messe und Weihrauch, noch nicht aus den Köpfen hinausgewirbelt. Selbst die Aufgeklärtesten glaubten an heidnische Kobolde, die kamen, die Gläubigen zu versuchen.
Des Kaisers Lippen beteten. Seine Gedanken wußten nichts davon. Weiter, immer weiter schritten sie, ungehemmt durch Raum und Zeit. Allmählich versanken sie in süß-schmerzliches Erinnerungsdämmern – — Nicht immer hatten die Menschen sich vor dem großen Pan bekreuzigt. Nicht immer waren seine schönen Göttinnen als körperlose Spukgestalten dem sehnenden Sterblichen entschwunden – —
Er breitete die Arme aus. Sein Gebet wollte den Höllenspuk verscheuchen. Seine Seele hielt ihn fest. —
Im Osten hatten sich schwärzliche Wolken geballt. Ein leichter Regenschauer kam dem Bischofsspruch zu Hilfe. Wie die ersten Tropfen klatschend in die Flimmerschwüle fielen, trollte sich der Spuk der Mittagsstunde. —
II
Der Kaiser blickte erleichtert auf. Sein Gesicht war heiß, sein Atem ging rasch. Die Nähe der Unsichtbaren hatte ihn mächtig erregt. Nun war er wieder allein.
Allein! – —
Er schloß die Augen. Sog das Geflüstere des Regens ein, der sanft vertröpfelnd auf die Blätter der Magnolie fiel, ohne den Kaiser zu erreichen. Immer seltener kamen die Tropfen . . . Nun hörten sie völlig auf – — Eine feuchte, wundervoll-erschlaffende Wärme quoll aus Erdreich, Hecken und Blüten her.
Der Kaiser wartete, ob die Unsichtbaren nicht wieder kämen. Er wartete vergebens. Sein Betspruch war wohl allzu kräftig gewesen. Er stützte die Ellbogen auf die Kniee, barg die Stirn in den Händen . . .
Warum nur hatte er den Spruch gebetet?! Warum nicht lieber den anderen, den er, ein halbes Kind noch, in einem Folianten Julians gefunden. Eine Beschwörungsformel in schlechtem Latein, die Geister nicht fort, sondern herbannen sollte.
Vorhin schon war sie ihm durch den Kopf geflogen. Auch jetzt dacht’ er sie. Mit einer Inbrunst dacht’ er sie, die ihn selbst betroffen machte. Er sprach sie aber nicht aus. So blieb er allein.
Allein?!
Nein. Er war nicht mehr allein. Da unten am Meeresstrand stand ein junges Weib; ganz deutlich sah er sie mit seinen Augen. Es schien ihm unbegreiflich, wie sie hergekommen sein mochte, denn die kaiserlichen Gärten blieben jedem Fremden versperrt. Doch sie war da. Es schien sogar, als hätte sie eben am Meeresstrande gebadet; noch nestelten ihre Hände festigend an dem Gewande. Aus den Füßen, die nackt unter dem Kleidsaum vorschauten, lag noch eine Schaumkrone, – wie die letzte Schmeichelei einer Welle. In den blonden Haaren, die ihr über den Rücken flossen, glitzerten Wassertropfen. Sie war schön, wie der Kaiser noch kein Weib gesehen; von seltsamen hellenischer Schönheit, hellenisch war auch der Faltenwurf, in den sie das Kleid legte, die Art, wie sie es mit einer Spange auf der Schulter befestigte. Nun kniete sie nieder, um die Riemen ihrer Sandalen zu binden; sie trug keine plumpen Goldschuhe wie der Kaiser.
Er traute seinen Augen nicht. War’s ein Weib, ein wirkliches Weib von Fleisch und Blut? War’s ein neuer Spuk, der ihn narrte? Es wurde ihm unbehaglich zu Mut. Eine Weile noch sah er ihr zu, entzückt und dennoch befangen. Dann bezwang er sich, trat auf sie zu.
»Wer bist Du? Weißt Du nicht, daß die Gärten des Kaisers jedem Fremden verboten sind?« fragte er in strengem Ton.
Ohne im Einschnüren der Sandalen innezuhalten, blickte sie stumm zu ihm auf, mit einem lächelnden Blick.
»Wer bist Du?« sagte er noch einmal. Seine Stimme war schon bedeutend milder.
Sie sah ihn an; seine Frage wunderte sie. Dachte einen Augenblick nach, als müsse sie sich erst auf ihren Namen besinnen. Leichthin:
»Ich heiße Arsinoe!«
»Arsinoe!«
Schwer und süß dünkte ihm der Name, gleich dem Duft der Orangeblüte.
»Wie kamst Du hierher, Arsinoe, in meine Gärten?«
Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Blickte ihn schelmisch an, als wollte sie sagen:
»Das weißt Du doch selbst am besten!«
»Wie kamst Du hierher?« wiederholte er, da sie schwieg. Sein Ton klang härter, sein Gesicht sah strenger aus als vorhin.
»Ich hatte mich verirrt, Cäsar! Ich ging in den Gärten an der Stadtmauer spazieren; beim goldenen Thor verlor ich den Weg. Ich geriet auf einen kleinen, ganz verborgenen Pfad, der mich unversehens hierher führte. Siehst Du, da läuft er am Meere hin.«
Sie wies auf einen kaum fußbreiten Wegstreif, der durch Wiesen und dichtes Lorbeergebüsch sich verstohlen dem Strande entlang zog. Der Kaiser erinnerte sich nicht, ihn schon früher gesehen zu haben. Freilich waren seine Gärten so groß, daß er unmöglich jeden Saumpfad kennen konnte. Die Fremde war auf einfache, natürliche Weise gekommen, – das Gefühl des Unheimlichen schwand.
»Willst Du Dich nicht zu mir setzen, Arsinoe? Du wirst müde sein vom Umherirren! Komm’ zu mir auf die Steinbank unter der Magnolie! Erzähle mir, – Du hast eine so süße Stimme!«
»Ich komme! Laß mich nur erst meinen Anzug in Ordnung bringen! Hecken und Büsche sind übel damit umgegangen!« Sie bückte sich. Neben ihr, im Sande, lag ein rosenfarbenes Band mit rätselhaften Zeichen eingewebt. Das band sie kunstvoll um die Hüften.
»So, nun komm’!«
Sie wehrte ihm lachend. »Halt! Nicht so eilig. Sind Eure Byzantinerinnen nicht eitler?!«
Sie schüttelte ihr Haar in den Nacken, band es in einen losen Knoten, den sie mit einem Silberstern auf der Höhe des Scheitels heftete. Blinkender Schein zitterte von dem Stern auf ihre weiße Stirne; eine Woge von Licht und Schönheit umfloß ihre Gestalt.
Sie saßen unter der Magnolie. Des Kaisers Blick ruhte auf der weißen Schläfe unter dem blinkenden Sternenschein.
»Bist Du aus Konstantinopel, Arsinoe?«
»Nein.« ,
»Woher denn?«
»Aus Cythere.«
»Aus Cythere!!«
Schier sehnsuchtsvoll hatte er’s herausgestoßen Dann halb scheu, halb flüstern:
»Cythere?! Das ist die Heimat der griechischen Liebesgöttin, nicht wahr?«
Sie kniff die Augen ein wenig ein: lächelte.
»Das weißt Du?!«
»Natürlich. Schon als ich ein ganz kleiner Knirps war, hat mir mein Großvater oft von all den Götzen erzählt. Das heißt, Götzen nannte er sie nicht, obgleich er ein sehr frommer Mann war, so fromm, daß an seinem Sarge Wunder geschahen. Aber er hatte eine Vorliebe für das, was er »das klassische Altertum« nannte.«
»Dein Großvater war ein weiser Mann. Und ein sehr schöner Mann. Ich hab’ ihn gut gekannt«
Er starrte sie mit weitoffenen Augen an.
»Das ist nicht möglich! Mein Großvater ist seit zwanzig Jahren tot. Du bist noch so jung! Du kannst ihn nicht gekannt, kaum einmal gesehen haben!«
Sie ließ die Enden ihres Gürtelbandes spielend durch die Finger gleiten.
»Ach so! Ja, Du hast Recht; ich kann ihn nicht gekannt haben. Ich meinte es auch nicht so wörtlich. Ich kenne ihn vom Hörensagen.«
Wieder überschlich den Kaiser ein bängliches Gefühl. Alles an dieser Frau war befremdend, geheimnisvoll. Wie er sie jetzt von der Seite her ansah, fiel ihm eine Ähnlichkeit auf. Eine Ähnlichkeit die ihn erschreckte und entzückte zugleich. »Denk’ Dir, Arsinoe, im Palast steht, in einem verborgenen Gemach, eine Statue der Aphrodite, die mein Großvater von einer Reise mitgebracht hat. Die sieht Dir ähnlich!«
»Was Du sagst?!«
Spott und Rührung zugleich lagen in ihrem Ton. Eine Röte huschte über ihr Gesicht, – wie Abglanz einer Erinnerung. Dann wieder, als erzähle sie die natürlichste Sache von der Welt:
»Ich habe sie ihm geschenkt, als er auf Cythere war.«
Der Kaiser horchte auf. Zwang sich zum Scherze.
»Du bist ein Schelm, Arsinoe! Willst Du mir nicht etwa weiß machen, daß Du schon mit Adam im Paradies kokettiert hättest?! Möchtest wohl als ein Spuk gelten? Wart’, ich banne Dich —«
Ehe sie sich’s versah, hatte er das Kreuz über sie geschlagen. Mit angstvoller Neugier starrte er sie an. War sie ein Höllenspuk, so mußte sie vor diesem Zeichen verblassen, vergehen – —
Eine, zwei Sekunden der Erwartung. Sie verblaßte nicht, zerrann nicht. Lächelnd hatte sie den Kaiser gewähren lassen; lächelnd, als wundere sie sein kindisches Thun.
Des Kaisers Brust hob sich in einem befreiten Atemzug. Noch schwebte seine Hand erhoben, die das Kreuz geschlagen.
Arsinoe haschte lächelnd nach dieser Hand, zog sie herab, drückte ihre Lippen auf seine überschlanken Fingerspitzen.
Das Blut schoß ihm ins Gesicht. Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Ringsum schwüles Schweigen – als ob das Mittagsgespenst wieder nahte . . .
Des Kaisers Lippen bebten, seine Augen blickten Liebesflammen
»Küsse mich, Arsinoe!«
Er umschlang sie mit feuriger Zärtlichkeit.
»Zürne mir nicht, Du Wunderbare! Seit ich neben Dir bin, kenne ich mich selbst nicht mehr. Ich weiß nichts mehr von mir, als daß ich Dein bin. Dein, mit jeder Fiber, mit jedem Blutstropfen. Küsse mich, Arsinoe, küsse mich – küsse mich! Wenn Du Dich müde geküßt, dann erst schilt mich alle stürmisch!«
»Allzu stürmisch?!« sprach sie mit reizendem Spott. »Das wollt’ ich gar nicht sagen! Allzu bedächtig schienst Du mir!«
Er riß sie in seine Arme. Sie küßte ihn da, wo sein Herz wie rasend unter dem grünseidenen Gewande schlug – —
Auf leisen Sohlen, mit geschlossenen Augen, schlich das Mittagsgespenst in weitem Bogen um sie herum. In weißen Armen lag der Kaiser, wie hingemäht vom Liebessturme. Wieder und immer wieder suchte sein Mund die Lippen der Schönen von Cythere – — —
III
Nun stand des Kaisers Herze nicht mehr leer. Arsinoe hatte davon Besitz ergriffen. Mit ihr war ein neues Leben für den Kaiser gekommen. All seine Gedanken umkreisten nur sie, immer und immer nur sie. In seinen stillverschwiegenen Gärten hatte er ihr einen üppigen Kiosk bauen lassen; da schaltete sie mit Dienerinnen und Sklaven. Die Kaiserin-Mutter sah es mit kummervollem Herzen. Schon war das Brautschiff unterwegs, welches das schwäbische Fürstenkind nach Konstantinopel tragen sollte. Der Kaiser lag fest verstrickt in den duftenden Goldlocken seiner Geliebten. —
»Was machst Du aus mir, Arsinoe?!« fragte er oft strahlenden Auges, wenn sie zusammen unter der Magnolie saßen und dem wehmütigen Schlag der Wellen lauschten.
»Was ich aus Dir mache? Einen glücklichen Menschen. Oder bist Du’s etwa nicht?!«
Statt aller Antwort riß er sie an sich, küßte sie, bis ihm der Atem verging.
»Arsinoe, Du bist eine Zauberin!«
»Bin ich’s?! Und warum?«
»Kein Weib kann so küssen, wie Du —«
Mit einer kleinen hochmütigen Bewegung warf sie den Kopf in den Nacken.
»Was wißt Ihr von Frauen?! Hier, – in Konstantinopel! In meiner Heimat, ja, da ist’s anders —«
Er umschlang sie mit beiden Armen.
»Arsinoe, Du Rätselvolle, weißt Du, was ich immer fürchte? Daß Du nicht hier bleiben magst. Daß Du mir eines Tages davon läufst, nach Deiner Heimat.«
Sie lächelte.
»Nein. Ich bleibe bei Dir.«
»Immer und ewig?«
»Immer und ewig!«
»Liebst Du mich so sehr?« rief er entzückt.
»Ich liebe Dich. Aber das allein ist’s nicht —«
Ihr Auge wurde träumerisch, ihre Stimme bekam einen geheimnisvollen Klang.
»Was ist’s denn noch, außer der Liebe?«
»Es ist ein Sieg, daß ich hier bin, daß Du, der Kaiser von Byzanz, nicht von mir lassen kannst.«
»Ein Sieg?« wiederholte er sehr erstaunt.
Sie, schnell, als reue sie, was sie sich hatte entschlüpfen lassen:
»Laß das! Das sind Dinge, die Du nicht begreifen kannst, noch nicht . . . Vielleicht daß Du sie später verstehst! . . . Komm’, küsse mich und hänge meinen Worten nicht nach!« —
Er hing ihnen nicht nach. Seit Arsinoe gekommen, grübelte, träumte er nicht mehr gar so viel. Er lachte öfter und heller als früher, sein Gang war voll jugendlicher Lebendigkeit.
»Du hast einen ganz anderen Menschen aus mir gemacht!« beteuerte er ihr wohl zärtlich. »Mir ist es, als wär’ ich jünger geworden, fröhlichen kräftiger! Und meine Sehnsucht hab’ ich ganz verloren!«
»Wonach sehntest Du Dich denn?«
»Das läßt sich nicht in Worten sagen. Ich sehnte mich nach etwas Unfaßbarem, das keinen Namen trägt. Das Herz that mir oft buchstäblich wehe vor Sehnsucht —«
»Nach mir!« sagte Arsinoe lächelnd. Der Ton ihrer Stimme klang sehr bestimmt.
Der Kaiser lachte.
»Nach Dir?! Wie hätt ich mich nach Dir sehnen können?! Du Süße, ich wußte ja nichts von Dir —«
»Du hast mich geahnt! Weshalb, glaubst Du denn, daß ich gekommen sei? Deine Sehnsucht allein hat mich hergezogen!«
Er streichelte ihre Haare.
»Glaubst Du an so etwas, Arsinoe?«
»An was?« —
»Daß ein Mensch sich einen anderen so lebhaft ersehnen kann, bis der andere endlich in Fleisch und Blut vor ihm steht?«
»Das glaube ich. Ich habe solche Menschen gekannt, deren Wunsch stärker war als der stärkste Wille.«
Er dachte ein wenig nach, sagte dann sehr ernsthaft:
»Das ist Aberglaube, Arsinoe; unsere heilige Kirche verbietet, unsere Schwäche solchermaßen zu überschätzen.«
Sie zuckte die Achseln, sah schweigend hinaus aufs Meer. Nach einer Weile, mit unverhohlener Geringschätzung im Ton:
»Verändert hätt’ ich Dich?! Ich glaub es nicht. Du kannst früher auch nicht anders gewesen sein!« —
Ein andermal, wenige Wochen nach solchem Gespräch, kam er im Prunkgewande aus dem Cirkus zu der Geliebten heim. Seine Wangen waren gerötet, seine Augen blitzten, seine Stimme zitterte vor Freude und Erregung, als er Arsinoe die Kampfspiele des Hippodroms zu schildern begann. Die Begeisterung drang ihm aus allen Poren. Arsinoe hörte aufmerksam zu, sah lächelnd in sein heißes, erregtes Gesicht.
»Du schwärmst ja, als seiest Du zum ersten Mal im Hippodrom gewesen!«
»Das bin ich auch!« rief er übermütig »So wie heute hab ich’s noch nie gesehen! Denk Dir, Arsinoe ich habe ja das Hippodrom stets verabscheut; diese endlosen Streitereien zwischen den Blauen und Gelben kamen mir barbarisch vor, – wie die Freude an diesen Kampfspielen überhaupt. Ich habe mir immer eingeredet solche Belustigungen seien eines gebildeten Christen unwürdig.«
»Warum gingst Du dann doch in Deine Loge?«
»Das Volk verlangt es. Es würde böses Bluts machen, wenn der Kaiser im Hippodrom fehlte!«
Sie zuckte wieder die Achseln.
»Das Volk?! Bist Du nicht sein Kaiser? Darf es Dir vorschreiben, woran Du Freude haben mußt?!«
»Kind, Du weißt nicht, wie das alles ist. Nicht davon wollen wir sprechen. Ich wollte Dir erzählen, wie sehr mich heute das Hippodrom entzückt hat! Ach, Arsinoe, welche Schönheit liegt in der Kraftentfaltung, im Ringkampf . . . Welcher Zauber im Tanz, im geschickten Spiel mit goldnen Kugeln und bunten Bändern – — Unbegreiflich, daß ich es so nicht früher sah!«
Er rückte sich den goldnen Reif zurecht, der ihm im Eifer des Gesprächs, weit aus der Stirne geglitten war.
Arsinoe sah ihn an.
»Cäsar, mir scheint, daß Du neulich doch recht hattest! Du beginnst in der That ein anderer zu werden.«
»Ein ganz anderer!«« rief er übermütig und zog sie neben sich auf gehäufte, buntschillernde Seidenkissen. »Ein so anderer, daß ich mitunter Angst vor mir selbst bekomme.«
»Weshalb Angst?«
Er spielte mit ihren schlanken Fingern.
»Weil – weil – weil meine geheimsten Gedanken immer stärker werden, immer herrischer . . . Immer unchristlicher,« setzte er nach kurzem Stocken hinzu.
»Cäsar!«
Es klang wie ein Jubelruf. Mit einer frohlockenden Leidenschaftlichkeit, die er nie zuvor an ihr gekannt, warf sie sich in seine Arme.
»Was denkst Du Unchristliches?«
Er geriet in leichte Verlegenheit.
»Nun, siehst Du, früher hab’ ich den Krieg verabscheut, – ich träumte davon, meinen Völkern ein Friedensfürst zu sein! Jetzt —«
»Jetzt —?«
»Jetzt träum’ ich davon, ein Eroberer zu sein!« sagte er. Seine Augen blitzten.
»Das soll unchristlich sein?!« wieder klang leise Geringschätzung aus ihren Worten.
»Es ist unchristlich! Unnützes Blutvergießen ist unsrer Kirche ein Greuel. Das stolze allmächtige Siegergefühl, von dem ich träume, ist sündhafter Hochmut. Der Heiland selbst war demütig, und unser Platz ist zu seinen Füßen.«
Arsinoe wurde ernst.
»Du bist nur ein Träumer – kein Woller!«
Erstaunt sah er sie an. In knappen Worten hatte sie ausgesprochen, was er bisher nur unklar empfunden. Er gab ihr nicht Recht, weil sie Recht hatte. Er verließ sie an diesem Tage sogar mit dem Gefühl einer leichten Verstimmung. Ihre Worte gingen ihm nach. Das war ja der starke Zauber dieser Frau: sie fesselte den Kaiser nicht nur durch ihre Gegenwart, sie zwang seine Gedanken zu sich her, auch wenn er von ihr getrennt war. Das hatte keine von all den Frauen vermocht, denen er früher begegnet war. Mit der Liebesnacht war auch deren Macht zu Ende gewesen. Mit Ekel hatte er beim Frühgrauen gesehen, was ihn beim Schein der Nachtlampe entzückt hatte. Nie war ihm der Begriff »Erbsünde« deutlicher gewesen, als an den Morgen, die solchen Nächten folgten. Meist war er dann in die Kirche geeilt, sich im Gebet von der Sünde seines schwachen Fleisches zu reinigen. Arsinoe hatte in sein Leben etwas Fremdes, Göttliches hineingetragen. Mit süßem Schauder fühlte er, daß er ihr verfallen war mit Leib und Seele. Manch Rätselvolles in ihrem Wesen machte sie ihm doppelt lieb, denn des Grübelns und Nachdenkens konnt’ er nicht völlig entraten. Wie sie damals so plötzlich im Park erschienen war, – woher sie kam, – wie sie bis zu dem Augenblicke gelebt hatte, da er sie gesehen – Manch geheimnisvoller Ausspruch, den sie that, wie damals, als sie von einem Sieg gesprochen, den seine Liebe bedeute, – das alles regte seine Einbildungskraft mächtig an. Sie mußte ein reiches Leben hinter sich haben, oft staunte er über die Fülle ihrer Kenntnisse, ihrer Erlebnisse. Stundenlang konnte er liegen, den Kopf in ihrem Schoß, und sich erzählen lassen: von fernen Ländern, die er nur dem Namen nach kannte, von gewaltigen Ereignissen, über die sonst nur die Gelehrten von Byzanz genau Bescheid wußten, alte Sagen, von denen ihm nur spärliche Kunde gekommen war. Es war eine Lust ihr zuzuhören, sie sprach so lebendig, so farbenreich, als hätte sie alles selbst miterlebt. Sehr betroffen war er, als das Gespräch einmal zufällig auf Vergil kam, und er, um auch seinerseits einen Beweis von Gelehrsamkeit zu geben, lange Stellen aus der Äneis lateinisch citirte.
Sie saß ganz still da. Ihr Auge leuchtete, ihre Lippe bebte. Wie Eine, der man von versunkenen, seligen Zeiten redet – —
Der Kaiser war sehr stolz auf diesen tiefen Eindruck, den er seiner Recitation zuschrieb.
Leise zog er Arsinoe an sich.
»Nicht wahr, das ist ein Dichter!! Er berauscht, selbst wenn man seine Sprache nicht kennt.«
Sie sah ihn mit einem spöttischen Blick an.
»Kaiser, Latein kann ich wohl besser als Du.
Und was er erzählt und gedichtet hat, davon weiß ich mehr, als ganz Byzanz zusammen.«
Er lächelte überlegen.
»Ich wollte Dich nicht kränken, Arsinoe! Weiß ich doch, wie klug und gelehrt Du bist! Kennst Du denn auch das süße Lied Catulls:
»Tausend Küsse will ich Dir geben, Lesbia!«
Ihre Augen leuchteten. Mit ihm zusammen sprach sie die erste Strophe; dann allein weiter. Sie konnte fast den ganzen Catull auswendig. Sie verstand des Kaisers erstaunten Blick.
»Was willst Du?« sagte sie leichthin. »All seine Lieder hat er doch nur für mich gedichtet.«
Diese naive Anmaßung die er schon öfters an ihr bemerkt hatte, amüsierte ihn höchlich. Ihm gefiel der Gedanke, der dieser Anmaßung zu Grunde lag: Daß alles, auch das Erhabene der Welt, nur um einer schönen Frau willen geschehe. Auch ihre abenteuerliche Einbildungskraft gefiel ihm. Die anderen Frauen, die er gekannt, hatten gelogen, von Huldigungen, von Versuchungen gelogen, um sich dem Cäsar möglichst kostbar zu machen. Arsinoe log nicht – sie fabelte. Sie war im stande, die Bewegung nachzuahmen, mit der Anchises gestorben, sie zeigte, wie Kassandra die Füße gesetzt, sie beschrieb haarklein das Diadem, das Dido getragen, als Äneas sie zum ersten Male erblickt – —
Diese Art, ihre Erzählungen willkürlich auszuschmücken, gefiel dem Kaiser sehr. Eins jedoch berührte ihn zuweilen peinlich: mit ihrem Christenglauben schien es nicht weit her zu sein. Ihr Gemach zeigte kein Kruzifix, kein wunderthätig Bild. Niemals sah er sie still beten oder zur Kirche gehen.
»Bist Du eine Heidin, Arsinoe?« fragte er einmal ernst. »Du darfst mir’s ruhig sagen, ich werde Dich darum nicht schelten.«
Sie lachte über seinen lehrhaften Ton, schäkerte mit zwei weißen Tauben, die in einem Goldkäfig am Fenster ihres Zimmers hingen.
»Ich bin – Arsinoe. Genügt Dir das schon nicht mehr?«
»Doch, doch! Aber —«
Sie flog mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
»Was denn »aber«?! Du Pedant! Muß denn auf jedem Glück das Kreuzzeichen stehen?! Kannst Du denn nicht genießen ohne zu grübeln, zu beten?! Komm’ her, ich will Dir’s lehren! Deine blonde Jugend thut mir leid.«
Sie schloß ihm die Zweiflerlippen mit den süßesten Küssen.
Wenn er aber auch küßte, so dachte er doch mit der Beharrlichkeit des gläubigen Christen weiter. Mitunter stieg es ihm auf, daß seine Liebste am Ende doch ein Höllenspuk sein könnte. Wenn er dann der schönen Ruhe gedachte, mit der sie das Kreuzzeichen ertragen, wurde er wieder ruhig. Geflissentlich sprach er öfters mit ihr von kirchlichen Sachen. Sie antwortete klug, ein wenig skeptisch. Als er immer und immer wieder auf heilige Dinge kam, wurde sie schließlich ungeduldig:
»Kannst Du denn gar nicht davon loskommen Cäsar?«
»Loskommen? Wovon?!«
»Von all der Heiligkeit und all dem Christentum?!«
Er sah sie betroffen an. Des Apostaten Blut floß in seinen Adern; – darum fand er die Frage nicht gar so frevelhaft, wie sie ihm eigentlich hätte erscheinen müssen. Ihre Worte rührten an etwas, was lichtscheu auf dem Grund seiner Seele lag. Der Apostat hatte ihm nicht seine Kraft vererbt, aber seine Art.
»Arsinoe!« stammelte er, »weißt Du denn, was Du da sagst?!«
»Ich weiß es.« Ihn mit einem großen Blicke ansehend, sprach sie, wie schon einmal: »Ein Träumer bist Du, kein Woller! Deine Sehnsucht hat mich hergezogen – Dein Wille wird mich gehen heißen!«
»Nie, nie!« rief er leidenschaftlich »Nie werd’ ich Dich von mir lassen! Darum eben möcht’ ich ja wissen, wie es mit Deiner Seele steht. Ich möchte, daß gar nichts Fremdes mehr zwischen uns sei! Du mußt mir ein und alles sein, ich könnte nicht mehr leben ohne Dich!«
Was er ihr da beteuerte, war keine Lüge. Er war fest entschlossen, sie nie mehr von sich zu lassen. Er dachte sogar daran, sie zur Kaiserin zu machen. Wohl war die schwäbische Herzogstochter mit einem kleinen Hofstaat in Konstantinopel eingetroffen, aber sie sah so unentwickelt, ja kindlich aus, vertrug das fremde Klima so schlecht, daß die Kaiserinmutter selbst es für gut befunden hatte, die Hochzeit noch für ein Jahr zu verschieben. —
Der Arsinoe Namen nannte Keiner am Hofe laut. Alle aber flüsterten ihn mit dein gleichen Groll. Arsinoe war’s ja, die den zärtlichen Kaiser der Braut entfremdete, die dem frommen Kaiser Ketzerfragen, dem schwachen Kaiser Heidenträume eingab. Fürstliche Frauen, verbissene Pfaffen, kronenlüsterne Feldherren vergaßen der Streitigkeiten, die sie sonst wohl entzweit, fanden sich in angstvollem Haß gegen die Frau, welche es wagen wollte, aus der Kaiserpuppe einen Kaisermenschen zu machen. Bald tauchte, von gefälligen Höflingen ersonnen, das Gerücht auf, Arsinoe sei eine Zauberin. Am Hofe wie vom Volke wurde es leicht geglaubt, denn Keiner wußte, woher Arsinoe gekommen war. Man sah nur den Bann, in dem sie den Kaiser hielt. Er, er hörte aus Keinen, der Schlechtes von ihr reden wollte. Um ihren Kiosk stellte er seine eigene Leibwache; – so konnte Keiner ihr ein Leids thun. Sie selbst fürchtete nichts. Stundenlang ging sie allein in Gärten wie in winkligen Gassen umher, aß Obst, Leckereien, die sie auf der Straße kaufte, obgleich der Kaiser sie vor Verkleideten Mördern und Giftmischern warnte.
Sie lachte nur.
»Mir thut niemand etwas. Sie alle können mich nicht töten!«
Er verfärbte sich.
»Sprich nicht vom Sterben! Ich kann’s nicht denken, daß ich Deinen Tod sehen sollte!«
»Ich werde bei Dir leben, solange Du mich liebst!«
»Und ich werde Dich lieben, solange ein Atemzug in mir ist. Lieben werd’ ich Dich, – Allen zum Trotz!«
Sie sah ihn fest an.
»Allen zum Trotz?! Bist Du auch stark genug dazu? Ist da Keiner, dem sich Dein Wille beugen wird?«
Keiner, keiner!« rief er ungestüm. »Arsinoe, geliebte Seele, ich werde meine Worte bekräftigen, daß Du nie mehr daran zweifeln sollst. Auf unsre unwandelbare Liebe will ich morgen mit Dir in der Sophienkirche das heilige Abendmahl nehmen.«
Sie erwiderte nichts.
Er war etwas betreten.
»Du willst doch, Arsinoe?«
»Wenn Dir sehr viel daran liegt – gewiß! Aber bedenke wohl, was Du da eben gesagt: Dein Wille, Deine Liebe wird sich vor Keinem beugen!«
»Vor Keinem!« wiederholte er laut und fest.
Sein Herz atmete leichter an diesem Tage. Immer wieder waren ihm Zweifel gekommen, ob Arsinoe ihm den Kirchgang gewähren wollte . . konnte . . Ob sie nicht am Ende doch einer bösen Welt entstammte, welche die geweihte Schwelle nicht überschreiten durfte. Ihr Gewähren stimmte ihn froh. Wenn erst der Leib des Herrn sie miteinander verband, dann wollte er aus seiner schönen Geliebten seine schöne Kaiserin machen, – aller Welt zum Trotz! . . .
IV
Am anderen Tag schritten sie zur Kathedrale. Er im dunklen Mantel, sie im schlichtesten ihrer Gewänder, – er wollte nicht, daß sie erkannt würden. Es dunkelte leicht, als sie den mächtigen Bau betraten. Die Kirche war fast leer; vereinzelt kniete da und dort ein einsamer Beter. Vor zahlreichen Seitenaltaren brannten hohe Wachskerzen mit traurig-stillem Schein, als zieme sich’s nicht, hell und heiter zu flammen vor all den heiligen Bildern, die nur von Qual und Tod redeten – — Zwischen den Kerzen dufteten aus Kelchen und Schalen halbwelke Rosen.
Langsam schritt der Kaiser mit Arsinoe dahin, dem Hauptaltar zu. Dort wollte er zum Tisch des Herrn gehen:
»Mit Dir und unsrer Liebe!«
Sie hatte gelächelt und nichts erwidert.
Er ging häufig zur Kirche. Nie zuvor war ihm so seltsam zu Mute gewesen wie heute. Wie ein ewiges Raunen und Flüstern huschte es durch die Kirche. Und doch war sie leer, wechselten er und Arsinoe kein Wort Er sah sie an. Ihr Gesicht war ruhig. Ihre Augen sahen neugierig aus. Um ihre Lippen lag jener geringschätzige Zug, den er schon öfters an ihr bemerkt hatte.
Wenn ihr Kleid an einem der Beter mit leisem Rauschen vorüberglitt, hob jener wohl die Augen von den gefalteten Händen, sah ihr nach, konnte den Blick nicht mehr von ihr lassen. Das begriff der Kaiser wohl. Unbegreiflich, ja schauerlich aber dünkte ihm, daß das Leblose ringsum zu erwachen schien, seit Arsinoe die Kirche betreten hatte. Wo sie vorüberschritt, brannten die Lichter heller auf, streckten die Rosen sich aus ihren Kelchpokalen heraus. Die Augen der Heiligenbilder gingen ihr nach. Entsetzen rann durch all diese hageren, gefolterten Märtyrerleiber. Sie schienen aus ihren Rahmen heraus, nach dem Hauptaltar zu drängen, wo der gekreuzigte Christus hing. Zu zorniger Abwehr wollten sie sich um den sterbenden Gott versammeln. Der weiße Säulenwald begann zu klingen, zu ächzen. Wie von höchster Qual gepeitscht zitterten seine schlanken Schäfte, daß die weitbauchige Kuppel sich schwankend auf ihnen wiegte, jeden Augenblick krachend niederzustürzen drohte, in das marmorne Säulengewirr. Als der Kaiser mit Arsinoe vor den Hauptaltar trat, da gewahrte er, daß der Gekreuzigte aus verglasten Augen finster-drohend auf das blonde Weib von Cythere niedersah – —
Sie stand da, die Arme über der Brust gekreuzt. Kalten Auges betrachtete sie sein leidensvolles Gesicht. Nun legte sie ihre Hand aus des Kaisers Arm; – — wie eine Besitzergreifung. Mit stolzem Lächeln blickte sie zu dem zürnenden Christus empor. Sie maß ihre Macht mit der seinen – —
Den Kaiser packte ein Grauen.
»Arsinoe!«
»Cäsar!«
»Was thust Du da, Arsinoe?«
»Ich sehe das Bild an.«
»Hörst Du denn nichts, Arsinoe?«
»Nichts.«
»Siehst auch nichts?«
Sie war erstaunt. »Ich weiß nicht, was Du meinst?«
Seine Brust wogte.
»Arsinoe! Die Kirche ist in Aufruhr seit wir eintraten!«
Sie sah ihn an, ruhig, lange. Zuckte die Achseln:
»Du wolltest ja, daß ich mit Dir hierherkäme!«
»Also fühlst Du es auch —?«
»Was denn?«
»Daß alles ringsum lebt!«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fühle nichts. Ich verstehe mich nicht auf die Welt, von der Du sprichst!«
Sie war so ruhig. daß er an sich selbst, an seiner Sinne Wahrnehmung zu zweifeln begann.
»Laß uns beten, Arsinoe, daß der Herr uns Unsere Irrtümer gnädig verzeihe!«
Er kniete nieder. Er sah ihr Lächeln nicht, mit dem sie aufrecht neben ihm stehen blieb, dem Hauptaltar ein wenig abgewandt. Kühl verwunderten Blickes betrachtete sie den Raum mit seinen flackernde Lichtern, seinen sterbenden Rosen, seinen erschrockenen Heiligen.
Der Kaiser herrschte sie an:
»Bete!«
Sie gehorchte, doch sie kniete nicht, flocht nicht die Finger ineinander. Aufrecht, mit erhobener Stirn, streckte sie die ausgebreiteten Hände wie beschwörend gegen den Christus hin. Ihre Lippen murmelten unverständliche Worte. Durch alle Kirchenfenster kamen Schwärme von Sperlingen und Tauben geflattert, scharten sich um sie, flogen ihr auf Arme und Schultern, daß sie dastand wie ein heidnisches Götterbild. Seiner kaum mächtig, starrte der Kaiser sie an. Jetzt verstand er auch, was ihre Lippen murmelten.
»Warum erschrickst Du vor mir? Bist Du nicht unser Besieger? Hast Du uns nicht gestürzt, verbannt?! Sieh’ mich an! Ich zittere nicht. Zur Flucht konntest Du uns zwingen, nicht zur Furcht. Ich trutze Dir, wie ich Deinem Zeichen von je getrotzt – —«
Die Augen des Gekreuzigten wurden immer drohender. Wutzittern schüttelte das Kreuzesholz. Mit einem jähen Ruck spannte er jetzt die festgenagelten Arme an; – Blut troff von den Wundmalen auf die Altardecke . . . Ein zweiter Ruck. Zur Faust geballt hob sich die durchlöcherte Hand gegen das blonde Weib – —
Der Kaiser schrie auf. Arsinoe neigte sich zu ihm.
»Cäsar, was ist Dir?«
»Rühr’ mich nicht an!«
Sie sah ihn erstaunt an.
»Willst Du nicht jetzt das Abendmahl nehmen?«
»Mit Dir?« Ungeheures Entsetzen sprach aus seiner Frage. »Mit Dir – nimmermehr! Du würdest die Hostie selbst verwandeln —«
Er stürzte aus der Kirche. Arsinoe folgte ihm langsamen Schrittes. Unter der Pforte blieb sie stehen, sah noch einmal zurück. Milder Abendsonnenglanz floß jetzt um die Heiligen her, verschönte die verzerrten Gliedmaßen, die wilden Blicke, welche auch noch der Scheidenden folgten. Sie machte eine nachlässig abwehrende Handbewegung; eine zornige Thräne blitzte in ihrem Auge.
»Laßt doch. Ihr habt ja recht behalten!«
Sie trat aus der Kirche, die alsbald in tiefes Dunkel versank.
V
Der Kaiser lag einige Tage in heftigem Fieber. Der Leibarzt meinte, daß die Krankheit schon lange in ihm gesteckt, ehe sie zum Ausbruch kam. Der Kaiser glaubte ihm nur zu gerne. So hatte er die Schrecknisse in der Sophienkirche also gar nicht erlebt! Der Fieberwahn, der damals schon in ihm getobt, hatte sie ihm bloß vorgegaukelt – —
Mit keinem Menschen sprach er über jene wilden Phantasien Grauen überfiel ihn, wenn er nur daran dachte, ein Grauen, das keinem Vernunftgrund weichen wollte.
Er mied Arsinoe, mied sogar die Nähe ihres Kioskes. Scheu umschritt er ihn in weitem Kreis. Ihre Zärtlichkeiten saßen ihm aber noch tief im Blut. Eine Woche war verstrichen, seitdem er seine Geliebte nicht mehr umhalst. Eine zweite neigte sich ihrem Ende zu. Da konnt’ er’s vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, lief hin zu ihr, warf sich stürmisch in ihre Arme. Mit einem jauchzenden Freudenruf umfing sie ihn. Sie hatte auf seine Rückkehr wohl nicht mehr gehofft – —
»Sei mir nicht böse, Arsinoe! . . . Ich war thöricht . . . krank —«
»Ich werde Dich gesund küssen, Du schwacher, unartiger, verwöhnter – ach, Du einzig geliebter Cäsar.« – —
Von jenem Kirchgang war nie mehr die Rede zwischen ihnen, doch die Erinnerung daran konnte der Kaiser nicht tilgen. Krankheitswahn und Wirklichkeit konnt’ er nicht mehr völlig auseinander halten. Die Geliebte war und blieb ihm unheimlich. Mitten in den heißesten Zärtlichkeiten packte es ihn. Er mußte an Christus denken, der sich vom Kreuze losgerissen . . . an die Blutstropfen, die auf die Altardecke gefallen waren . . . Wie er sich auch gegen sich selber wehrte, wie er sich einreden wollte, daß Fieberphantasien ihn damals genarrt, – das Grauen blieb.
Häufiger ruhte sein Blick jetzt auf der schwäbischen Herzogstochter. Wohl war sie hager und unanmutig wie ihr Bild, aber sie war fromm. Der ganze Hof rühmte ihre keusche Mädchenhaftigkeit, die niemals Nacken oder Arme fremden Blicken hüllenlos zeigen wollte. Sie war das Weib, das die Mutter ihm gewählt. Ein Weib, wie geschaffen zur sanften Gattin, zur frommen Fürstin. Sie konnte wohl kein berauschendes Glück geben, aber ein reines, schuldloses . . .
Wie der Kaiser sich einst gesehnt, einen geliebten Namen in den Meeressand zu kritzeln, so sehnte er sich jetzt nach jener kindlichen Seele. Bei ihr mußte Ruhe, Versöhnung sein. Die Kaiserin-Mutter würde nicht mehr mit verweinten Augen umhergehen, die Höflinge nicht mehr mit stummem Vorwurf oder mit ekelhaft-dienstbeflissener Kupplermiene. Frei, vor aller Welt, zur Freude aller Welt, würde er sein Weib lieben können. Frisch geprägt sollte sie des Lebens Wert aus seiner Hand empfangen. Den ersten lateinischen Hexameter wollt’ er ihr lehren, wie den ersten Kuß . . . Der Christus am Kreuz würde nicht zürnend, sondern wohlgefällig niederschauen auf diese milde Kaiserin – —
Arsinoe merkte wohl, wie es um ihn stand. Mit tausend neuen, erfinderischen Zärtlichkeiten versuchte sie den Fliehenden zu halten. Sie kämpfte einen harten, erbitterten Kampf mit Gewalten, die Macht über den Kaiser gehabt seit seinen Kindertagen. Er sprach nicht mit ihr über das, was in ihm vorging, gab ihr kein rauhes Wort. Sie fühlte dennoch, daß etwas Fremdes zwischen sie getreten war.
Zuweilen freilich schien’s, als ob der Kaiser versuchte, sich gegen dies Fremde aufzulehnen. In reuevoller Liebe kam er dann wieder zu Arsinoe zurück.
Sie streichelte seine Haare, küßte seine junge und doch so ernste Stirn.
Nie kam ein Wort der Klage, des Vorwurfs über ihre Lippen, nie weinte sie vor ihm. Wenn der Kaiser sie ansah, that sie ihm leid. Das Sieghafte, Strahlende war von ihr gewichen, ihr Gesicht blaß und ernst geworden. Wenn er sie länger ansah, verdroß ihn die müde Geringschätzung, die stärker als je um ihren Mund lag. Sie litt nicht wie ein Weib, das den Geliebten verliert. Sie trauerte wie eine Königin, der man das Reich zerstört – —
Diese unfrauenhafte Art, ihr Gefühl zu äußern, machte sie dem Kaiser immer fremder, unheimlicher. Ob seine Arme auch den Hals der Geliebten umschlangen, – seine Gedanken waren nicht bei ihr. —
VI
Die schwäbische Herzogstochter war viel krank gelegen seit ihrer Ankunft in Konstantinopel. Ihre Genesung hatte nur langsam Fortschritte gemacht. Als ihr der Leibarzt zum ersten Mal wieder einen längeren Spaziergang gestattete, bat sie den Kaiser, ihr seine Gärten zu zeigen, die sie noch nicht kannte. Er zögerte, ihrem Wunsche zu willfahren; er fürchtete eine Begegnung mit Arsinoe. Sie ließ nicht ab von ihrer Bitte. Zum Dank für ihre Genesung hatte sie ihrer Schutzheiligen versprochen, mit allen Kräften auf die Vertreibung jener Zauberin hinzuarbeiten, die den frommen Kaiser behext hatte. Darum wollte sie ihn endlich allein und lange sprechen. Die Kaiserin-Mutter wußte um das Gelübde, freute sich dessen. Sie redete dem Sohne zu, der kaum Genesenen den billigen Wunsch nicht abzuschlagen. Mit ein paar geheimen Winken verständigte sie die geleitenden Frauen, daß sie zur rechten Zeit klug zurückbleiben sollten.
Bald schritt der Kaiser allein mit dem fürstlichen Mädchen dahin. Entzückt lauschte er ihrem kindlichen Geplauder; er begriff nicht mehr, daß er sie einst hager und unanmutig gefunden.
»Gefällt Dir Konstantinopel, Wiltrudis?'«
Sie nickte. »Aber ich fürchte mich ein wenig davor – —«
»Fürchten? Wie das?«
»Es ist alles so prächtig hier, so sinnverwirrend. Ich glaube, hier ist es schwerer, fromm zu bleiben, als bei mir daheim.«
Er blieb stehen, sah sie eine Sekunde scharf an.
»Weißt Du das auch schon?«
»Ich sehe es um mich her,« sagte sie leise, doch bestimmt. »Mir selbst hat der Herr noch jede Versuchung erspart.«
Sie schritten weiter. Der Kaiser mied die Wege, die zu Arsinoes Kiosk hinführten. Wiltrudis, die wohl merkte, wenn sein Fuß zögerte, lenkte wie unversehens gerade immer wieder zu jenen Pfaden hin, die er mied. Im Gehen pflückte sie allerhand seltene Blumen zu einem großen Strauß.
»Für das Jesuskind in der Andreaskirche! Das hab’ ich so lieb!«
Er lächelte. Es wurde ihm seltsam warm um’s Herz.
»Du kennst wohl schon alle Kirchen in Konstantinopel?
»Natürlich.«
»Sind sie schöner als Deine schwäbischen Kirchen?«
»Viel, viel schöner!«
»Dann betet’s sich hier also doch wohl besser?!«
Sie maß ihn mit einem kindlich-vorwurfsvollen Blicke, sagte bedächtig:
»Unser Herr ist überall. Zu ihm soll man beten, nicht zu der eitlen Pracht von Menschenhänden.«
Der Kaiser lächelte. Ihre altkluge Kinderart gefiel ihm.
»Da war’s also am Ende zu Hause schöner?« scherzte er.
»Ja. Hier überkommt mich zuweilen eine furchtbare Sehnsucht —«
»Sehnsucht?! Du?! Sehnsucht wonach??«
Er hielt inne, sah sie angstvoll-fragend an.
»Sehnsucht nach der Mutter! Nach meinen kleinen Geschwistern!«
Thränen zitterten in ihrer Stimme.
Er atmete erleichtert auf, schämte sich fast, daß er diesem Kinde Zweiflergedanken zugetraut hatte. Das kleine, zage Mädchen, das nach der fernen Mutter weinte, stahl sich ihm ins Herz . . .
Er ergriff ihre Hände.
»Du bist eine gute Tochter! Du wirst auch eine gute Frau sein; eine gute Kaiserin —«
Sie stand purpurübergossen, blickte verwirrt zu Boden. Mit einer eckig-hilflosen Bewegung streckte sie die Arme ein wenig vom Körper weg, die Handflächen nach außen gekehrt. Das Sonnenlicht funkelte auf ihrem blauen Kleid, auf ihren schlichten, nußbraunen Haaren: Der Kaiser mußte an Maria denken, zu der der Engel tritt. Er hätte niederknieen und den blauen Kleidersaum küssen mögen. Ja, auch von dieser Frau ging ein Zauber aus . . . aber ein reiner, heiliger . . .
Schweigend wandelten sie weiter. Der Kaiser, in allerlei Gedanken versunken, merkte nicht mehr, wohin seine Schritte gingen. Erst als sie sich der Magnolie in Julians Gärten näherten, hielt er erschrocken inne. Arsinoe saß auf der Steinbank.
Rasch wollte er umkehren. Zu spät! Die beiden Frauen hatten sich bereits erblickt.
Wiltrudis trat näher zum Kaiser hin. Sie wußte wohl, wen sie vor sich hatte; fragte dennoch mit angstzitternder Kinderstimme:
»Wer ist diese Frau?«
Der Kaiser blickte zu Boden. Schwieg.
»Wer ist diese Frau?« fragte sie noch einmal. In ihrem Ton bebte jetzt eine Schärfe, die er ihr nicht zugetraut hätte.
Er schwieg.
Arsinoe hatte sich erhoben, trat auf die Beiden zu.
»Ich bin Arsinoe!««
Die Herzogstochter starrte die schöne Frau mit weitoffenen Augen an. Hilfesuchend flüchtete sie an des Kaisers Schulter.
»Das also ist das schlechte Weib, das Dich umgarnt hat?! Jage sie fort! Jage sie fort!«
Der Kaiser wußt’ nicht, was beginnen. Ihm zur Seite die angstvolle Braut, ihm gegenüber die schöne Geliebte. Er machte Arsinoe verstohlene Zeichen, daß sie sich entfernen sollte. Sie that, als sähe sie die Zeichen nicht.
Wiltrudis brach in Thränen aus. Sie hob die gefalteten Hände zum Kaiser empor.
»Höre auf mich, Cäsar! Sage Dich los von diesem Weibe! Sie hat Dich behext! Mit höllischen Künsten hält sie Dich fest! Sie wird Dich um Dein Seelenheil betrügen! In Ewigkeit wirst Du verdammt sein, wenn Du nicht von ihr lässest!«
Sie zog ein unscheinbares Goldkreuzchen aus dem Busen, hielt es, der bösen Macht zur Abwehr, gegen Arsinoe hin.
Des Mädchens kindlicher Kummer schmeichelte dem Kaiser. Die Scene in der Kirche stand wieder lebendig vor seinen Augen. Das überlegene Lächeln, mit dem Arsinoe auf das Kreuzchen blickte, erbitterte ihn. Erbitterte ihn doppelt, weil er selbst Wiltrudis in diesem Augenblick etwas lächerlich fand. Er ergriff ihre Hand, zog sie näher zu sich hin.
»Du Liebe, Du! Von allem Bösen wirst Du mich erlösen!««
»Jage sie fort! Jage sie fort! Ihr Anblick tötet mich —«
Sie zitterte an allen Gliedern. Ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander.
Der Kaiser wandte sich zu Arsinoe. Er wagte nicht, sie anzusehen. Er fühlte, wie schwach und schlecht er sein wollte Er fand daher um so leichter einen rohen Ton. Er herrschte Arsinoe an:
»Hörst Du nicht, was die Fürstin befiehlt?«
»Die Fürstin hat mir nicht zu befehlen! Einen einzigen nur erkenn’ ich über mir, – Dich, Dich allein! Wenn Du befiehlst . . .«
Die Stimme versagte ihr. In namenloser Angst hingen ihre Augen an Cäsars Lippen. Eine schwüle Pause – —
Schwer atmend steht der Kaiser mit zusammengepreßten Lippen, eine Zornesfalte zwischen den Brauen. Sein Blick haftet am Boden, wo die Spitze seines goldnen Schuh’s eine Grube scharrt in den weichen Sand. Vor ihm Arsinoe, weiß wie ihr Gewand, den Kopf in den Nacken gelegt, den angstflatternden Blick zu ruhiger Würde zwingend. Nicht die weinende Jungfrau im blauen Kleide, sie scheint die Fürstin zu sein. Ach, sie scheint es nur – —
Immer aufs neue Wiltrudis Schluchzen.
»Denk’ an Dein Seelenheil! Jage sie fort!«
Der Kaiser macht eine Armbewegung Arsinoe schrickt zusammen. Ihre Augen werden unnatürlich groß.
Befielst Du, daß ich gehe, Cäsar?«
»Ja, er befiehlt es!« ruft Wiltrudis frohlockend.
Arsinoe sieht sie mit einem Blick an, der ihr das Wort auf den Lippen ersterben läßt.
»Cäsar, zu Dir spreche ich! Befiehlst Du, daß ich gehe?«
Noch eine Sekunde der Atemlosigkeit – — dann er, hastig, scheu, das Gesicht rot vor Unbehagen und Scham:
»Geh! Geh!«
»Cäsar!!«
Jede von ihnen schrie es. Die Eine in jauchzendem Glück – die Andere in tödlichem Weh.
Arsinoes Stimme ging ihm durch und durch. Sein Seelenheil geriet wieder ins Schwanken. Rasch schnitt er sich selbst den Rückzug ab.
»Geh! Geh! Und lasse Dich nie wieder blicken!«
Seine Stimme klang zornig. Er war auch zornig. Zornig über sich und die eigene Schwäche – —
Arsinoe wankte, streckte die Hände zu ihm hin.
»Cäsar! Bedenke, was Du mir anthust!«
»Geh, Gauklerin, geh! Ich will Dich nie wieder sehen!«
In Verwirrung und Wut hatte er von einem nahen Strauch eine Gerte gerissen und hob sie gegen Arsinoe auf – —
Gelähmt vor Entsetzen fiel ihm der Arm alsbald herunter. Arsinoes Finger hatten abwehrend die Gerte berührt, – nun wand sich eine kleine korallenrote Schlange züngelnd in des Kaisers Hand, ringelte sich aus den schreckensstarren Fingern am grünseidenen Gewande herunter und verschwand zischend im Gebüsch – —
Schier bewußtlos sahen der Kaiser und Wiltrudis Arsinoe an. Ihre Gestalt, ihr Gesicht erschienen unbeweglich wie Stein. In unheimlicher Stärke trat jetzt wieder die Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Marmorbildnis des verborgenen Gemachs hervor. Mit einer seltsam tönenden Stimme sprach sie:
»Die Höchste hast Du mißhandelt Cäsar! Die Niedrigste wird mich an Dir rächen!«
Sie schritt an den Beiden vorbei, ihrem Kiosk zu. Der Kaiser blieb wie angewurzelt an der Stelle, wo er stand. Er hörte nicht, daß Wiltrudis ihn anflehte, mit ihr heimzukehren. Er fühlte nicht, wie sie sich an seinen Arm klammerte. Er merkte nicht, wie sie, vor Angst laut weinend, allein zurückeilte zum Blachernenpalast – — Stundenlang stand er so, ohne daß er selbst es wußte. Er sah, wie Arsinoe den Kiosk, die Gärten verließ. Sie hatte einen weißen Mantel um Stirn und Schulter geschlagen Wie ein Lichtbild schritt sie unter dem sinkenden Tag dahin. Weit, weit war sie schon weg. Immer noch konnte der Kaiser sie erkennen. Er sah, daß die Vorübergehenden den Kopf nach ihr wandten. Auf allen Gesichtern lag es wie Abglanz eines großen Glückes.
Bedrückten Herzens schlug er endlich den Weg zum Palaste ein. Ging nicht durch die Gärten, sondern durch die Straßen. Er wollte nicht allein sein. Ein festlicher Aufzug kam ihm entgegen. – Priester, die zu einer heiligen Handlung gingen. Goldstarrend, psalmodierend zogen sie einher. Einer von ihnen trug ein großes Kruzifix. Das Volk neigte sich vor ihnen, küßte den Saum ihrer Gewänder, murmelte hastig ein Gebet, zwang die leichtfertig-frohe Miene zu ernster Andacht.
Dem Kaiser war’s, als ob vor ihnen her ein Unsichtbarer schritte, der die schöne, lachende Welt mit schwarzem Flor verhängte. Er wandte den Kopf nach der Seite hin, wo Arsinoe gegangen war. Konnte nirgends mehr ihren weißen Mantel erspähen. —
VII
Um nichts in der Welt wollte die fromme Herzogstochter die kaiserlichen Gärten wieder betreten, ehe die rote Schlange gefunden und getötet war. So wurde denn jeder Stein umgekehrt, jeder Busch durchwühlt, jeder Baum umgraben. Umsonst. Taucher erforschten den Meeresstrand. Umsonst. Tag für Tag erhöhte der Kaiser den Finderlohn. Umsonst. Zuletzt ließ man einen berühmten indischen Schlangenbändiger kommen, dessen Lockruf alle Schlangen willenlos folgen mußten. Er wurde in die kaiserlichen Gärten geführt, begann auf seiner Pfeife zu spielen. Hunderte von Schlangen krochen um ihn her; aus allen Enden des Reiches schienen sie gekommen: graue, braune, grünschillernde, mit seltsamen Streifen, Zeichen, Flecken auf der feuchtglänzenden Haut. Sogar der weiße Schlangenkönig kam dahergeglitten, dessen Blick den Bändiger tötet. Die Leiche des Schlangenbeschwörers lag auf dem weichen Sand der Gärten; – die rote Schlange blieb verschwunden —
Die fromme Herzogstochter verbrachte indes ihre Tage in der Kirche, dankte ihrer Schutzpatronin für des Kaisers Befreiung von bösem Zauber, betete für sein Seelenheil. Auf ihren Wunsch ließ er seine Gärten durch Priester ausräuchern und mit Weihwasser besprengen. Ihr zu Liebe ließ er schließlich die gutgemeinte Lüge verbreiten, daß die rote Schlange doch endlich gefangen, verbrannt und die Asche in alle Winde gestreut worden sei. Nun erst glaubte das fromme Mädchen jeden Höllenspuk gebannt. In kindlicher Freude durcheilte sie an des Kaisers Seite die neugeweihten Gärten. Ehe noch das Jahr zu Ende ging, fand die Hochzeit statt. Das ganze Land feierte Feste. Der Himmel that Wunder vor Freude über des erlauchten Sohnes Vermählung. Der Blumenstrauß, den die Herzogstochter in die Andreaskirche getragen hatte, blühte noch immer, obschon er seit Monaten das Jesuskind schmückte. In der Sophienkirche waren in der Nacht, die der Hochzeit voranging, zwei Engel niedergestiegen, um die Brautkerzen zu entzünden. So erzählten die Priester, welche diese Mirakel mit eigenen Augen angesehen. Der Kaiser war sehr glücklich. Als er am Hochzeitsmorgen mit der keusch bebenden Braut die Sophienkirche betrat, war er so überwältigt von Erinnerung und Gefühlen, daß er die reichgeschmückte Jungfrau in seinen Armen emporhob. Zu Füßen des Christus trug er sie hin, wie ein Weihgeschenk – —
Der sterbende Gott neigte das Haupt und lächelte milde. So erzählten am nächsten Tage die Priester; der ganze Hof erzählte es ihnen nach Nur der Kaiser hatte von diesem letzten und höchsten Wunder nichts bemerkt. Christus hatte eben gerade in dem Augenblick gelächelt, da Cäsar mit tiefgesenkter Stirne um Vergebung gefleht für die schwerste seiner Sünden. —
VIII
Die Jahre kamen und gingen. Mit ihnen wandelte sich des Kaisers schwankender Sinn. Bald schien ihm die Kaiserin wieder hager und unanmutig, wie damals, als er zuerst ihr Bild gesehen. Schwerer, als er sich’s gedacht, war es, ihr Kuß und Hexameter beizubringen Sie küßte und skandierte nur vorschriftsmäßig, – das richtige Verständnis fehlte. In Liebe und Latein blieb sie eine Stümperin. Ihre Frömmigkeit dagegen wuchs von Jahr zu Jahr. Ihr eifrigstes Bestreben war, auch den Kaiser allmählich zu einer Kirchenzierde heranzuziehen. —
Manch liebes Mal saß er wieder wie einst am Meerstrande, fand keinen Namen, den er in den Sand hätte graben können. Sein Sinn schweifte wieder ins Weite, seine Seele war traurig. Er stand noch in heißen Jahren, und sein Herz schrie nach einem Herzen – —
Wie einst zog das leeräugige Mittagsgespenst an ihm vorüber, mit seinem lustigen Troß von Nymphen und Faunen. Vorüber zog es, körperloser Spuk. Ließ nicht, wie einst, dem Kaiser ein schönes, lebenswarmes Weib in den Armen zurück. Oft mußte der Cäsar an Arsinoe denken. Er begriff nicht mehr, warum er sie einst von sich gestoßen. Um sein Seelenheil war er nicht gar so ängstlich mehr besorgt. Mit der Zärtlichkeit für seine Frau verminderten sich auch seine Kirchgänge. Die fromme Kaiserin betete ja überdies für Zweie . . .
Sehnsucht war aufs Neue seine Gefährtin. Nicht mehr die Rebellensehnsucht des Apostaten, sondern die Mannessehnsucht nach einem heißen Weib, nach heißer Lebensfreude. Öfter und öfter kam ihm Arsinoe in den Sinn. Wachenden Auges träumte er von ihr. Träumte von ihren Locken, von ihrem weißen Mantel, von ihren Sperlingen und Tauben. Träumte sogar von der korallenroten Schlange. Daß sie eines Tages unvermutet, geheimnisvoll sich von der blühenden Magnolie zu ihm herringeln würde, ihm den Rückweg zeigen zu den Wundern, die er verloren – — Nichts dergleichen geschah. Die Gärten waren ja ausgeweiht, jeder Höllenspuk vertrieben. Unangefochten saß Cäsar unter dem Magnolienbaum. Wenn er in den Palast zurückkehrte sprach die Kaiserin immer gerade das Tischgebet. —
Und doch! eines Tages, – im Hippodrom – da erbebte sein Herz vor Schrecken und Freude zugleich. Eine der Tänzerinnen war’s, die in lustigen Kleidern, bunte Bänder werfend, den Reigen schlangen . . . Er sprang ungestüm auf, ließ seinen Oberhofmeister in die Loge rufen.
»Großmächtigster Cäsar, Du befiehlst?«
»Siehst Du die Tänzerin da in der vorletzten Reihe?«
»Die schöne Blondine, erlauchtester Cäsar —?«
Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß.
»Narr! Wer spricht von einer Blondine —«
»Verzeih, edelster Cäsar, mein schwaches Auge hat sich getäuscht —«
»Die kleine Braunhaarige mein’ ich! (Er stockte ein wenig.) Die mit der korallenroten Schlange in den Locken . . .«
»Schlange?!« Der Oberhofmeister traute seinen Ohren nicht »Schlange, göttlicher Cäsar?! Deine erhabenen Augen geruhen ein rotes Seidenband mit einem Reptil zu verwechseln!«
»Eure Schlange ist’s, sag’ ich Dir! Eine rote Schlange. Sieh nur, wie sie sich in den braunen Locken windet und ringelt . . .«
Der Oberhofmeister glaubte, daß der Kaiser verrückt geworden sei. Er entgegnete daher:
»Weisester Cäsar! Vergieb, daß mein armer Geist Deinem hohen Fluge nicht zu folgen vermochte! Selbstverständlich trägt das Mädchen eine Schlange im Haar.««
»Wie heißt dieses Mädchen?«
»Madischa. Sie gilt als eine der besten Tänzerinnen.« Daß sie auch als eines der liederlichsten Weiber von Konstantinopel galt, verschwieg er kläglich.
»Madischa!« wiederholte der Kaiser langsam. Er wandte sich zu seinem Oberhofmeister. Sah ihn an.
Jener verstand den Blick ohne weitere Worte. Er verneigte sich bis zur Erde. Dachte still:
»Alle Tage wird er affektierter! Faselt von einer Schlange, wenn er ein Frauenzimmer haben will!«
Sprach laut:
»Liebenswürdigster Cäsar! Ich eile, Madischa von ihrem unaussprechlichen Glück in Kenntnis zu setzen.«
Er verließ rasch die kaiserliche Loge.
Des Kaisers Blicke hafteten unverwandt an der Tänzerin. Er sah jetzt, daß er sich getäuscht, daß die Locken wirklich nur ein rotes Seidenband trugen, das, mit Flittern benäht und geschickt gewunden, wohl augenblicklich den Eindruck einer Schlange hervorrufen konnte. Unverwandt hafteten seine Blicke an der Tänzerin. In ihrem Gesicht, in ihren Bewegungen lag ein Reiz, der ihn mächtig fesselte. Er konnte es kaum erwarten, bis er allein mit ihr war – —
Als er sie dann zuerst in der Nähe erblickte, war er enttäuscht. Ihr kleines Gesicht, das ihm im Cirkus kindlich erschienen war, sah jetzt verblüht aus. Ein großer Mund mit sehr weißen, aber unregelmäßigen Zähnen; brennende Lippen, die schon viel geküßt haben mochten, dunkle Augen, deren bläuliche Umrandung von durchliebten Nächten erzählte . . . Die Gestalt zu schlank, um schön zu sein; kaum merklich nur rundeten sich Brüste und Hüften.
Deutlich malte sich des Kaisers Enttäuschung in seinen Augen. Madischa ward davon nicht befangen.
Sie lächelte Ein kleines, überlegenes Lächeln, in dem stand:
»Du wirst bald anderen Sinnes sein« – —
Als der Kaiser Madischa am Morgen verließ, war sie für ihn das schönste Weib, das er je im Arm gehalten. Aus allen Poren ihrer braunen Haut war wilde Lebensgier über den Verlangenden hingeströmt, der die pflichtgemäßen Zärtlichkeiten seiner Frau noch im Gedächtnis trug. Sein Leib war zerschlagen von den Liebkosungen der Tänzerin, aber sein Sinn war wunscheskräftig, und sein einziger Wunsch hieß fortan Madischa. An Arsinoe dacht’ er nicht mehr. Dachte nicht mehr an Kaiserin und Reich. Nie in seinem Leben hatte ihn Liebesraserei mit solcher Wucht ergriffen. Halbe Tage lang saß er am Meeresstrand, sann über die Küsse, die er gestern geküßt, die er morgen küssen wollte. Er begriff nicht mehr, wie er eine Nacht ohne dies Weib hatte sein können – — Wie ihr Zauberwort hieß? Er wußt’ es selbst nicht. Er hatte doch schon glänzendere, vornehmere, liebenswürdigere Frauen umarmt. Frauen, deren Temperament den Mann, deren Schönheit den Ästheten, deren Geist den Phantasten zu befriedigen gewußt. Mit ihnen konnte sich Madischa nicht messen; – von den Gedanken, den Empfindungen des Kaisers verstand sie nichts, wollte nichts davon verstehen. Mit der scharfen Witterung einer Barbarennatur hatte sie beim Kaiser schnell jenen Instinkt ausgespäht, den er stets bekämpft und bis zu einem gewissen Grad gebändigt hatte. Was Arsinoe einst zu schöner Kraft veredelt, das trieb Madischa wieder der Urbestie zu. Was äußeres und inneres Gesetz Jahrzehnte lang niedergehalten, das setzte sie jetzt zum Herrn über ihn. Nichts blieb übrig von seiner Kaiserwürde, seiner griechischen Philosophie, seiner christlichen Kultur . . . Madischa lockte das Tier aus dem Kaiser heraus, pries es . . . Das war der Zauber, mit dem sie den Vierzigjährigen band. —
Ein zügelloses Geschöpf war sie, das sich jedem hingab, der ihr gefiel. Für sie war der Kaiser nicht Kaiser, sondern nur ein freigebiger Liebhaber, der ihrer Habsucht fröhnte. Denn habsüchtig war sie über alle Maßen. Stundenlang konnte sie vor den Kostbarkeiten sitzen, mit denen er sie überschüttete, und im Stillen berechnen, wieviel sie wohl wert sein mochten. Der grelle Freudenschrei, mit dem sie zu Anfang seine Geschenke begrüßte, entzückte ihn. Den kostbarsten Diamant seiner Krone hätt’ er willig eingetauscht für dieses Jauchzen. Bald aber hatte sie sich an seinen Reichtum, an seine offene Hand gewöhnt. Seine ewig fordernde Liebe fing an, ihr lästig zu werden. Sie schrie nicht mehr auf, wenn er kostbare Geschenke brachte. Sie wurde launisch, mürrisch, stieß ihn oft zurück, wenn er sich ihr nahen wollte. – Solcher Widerstand stachelte des Kaisers Wunsch nur noch mehr auf. Die ganze Welt war ihm nichts gegen die halbverblühte Tänzerin die seine Liebe lästig und langweilig fand. —
Wie einst, sprach bald der ganze Hof von des Kaisers Leidenschaft. Die Kaiserin kränkte sich über ihren Mann, als brave, christliche Ehefrau. Jeden Tag that sie ein neues Gelübde, damit die Himmlischen ihn aus jenen unwürdigen Banden befreien sollten. Pfaffen, Feldherrn und Höflinge dachten anders. Madischa war keine Arsinoe. Sie machte aus dem Kaiser keinen Menschen, sondern einen Narren. Darum haßten sie sie nicht, bewunderten vielmehr ihre Klugheit. Ihm, ihm zürnten sie nicht. Sie lachten ihn einfach aus. Mühelos konnte ja Jeder von ihm erlangen, was er nur wollte: Geld, Würden, Macht. Wenn man ihn nur in Ruhe bei seiner Liebsten ließ . . .
Des Reiches Wohl geriet ins Schwanken. Alle Augenblicke wurden Abgaben und Zölle erhöht, weil der Kaiser Geld brauchte für seine Liebste. Die feindlichen Bulgaren pochten an des Landes Pforten. Der Kaiser übergab das Heer seinen Feldherren, – er selbst blieb in Konstantinopel, zu den Füßen Madischas. Spottlieder gingen in der Stadt um. Spottlieder auf ihn, den Kaiser, der ein Weib mit jedem strammen Reitknecht teilte. Er ließ die Verfasser der Spottlieder foltern, hinrichten – — Zählte die Minuten, bis er wieder in Madischas Arme fliegen konnte. —
Zu Anfang hatte er in zärtlicher Eifersucht versucht, sie in jenen Kiosk einzuschließen, den einst Arsinoe bewohnt. – Verlorene Mühe! Sie fand Helfer und Helfershelfer, welche ihr den Weg bahnten zu heimlicher Freiheit, zu heimlicher Wollust! Eines Tages lief sie einfach davon, nach dem elenden Vorstadthaus, in dem sie gewohnt, ehe des Kaisers Auge auf sie gefallen. Vergeblich versuchte der Kaiser sie zur Rückkehr nach dem Kiosk zu bewegen.
»Nein, ich mag nicht! Deine Sklavinnen magst Du einsperren! Ich bleibe hier! Ich bin nicht Deine Sklavin!«
Ein wehes Lächeln:
»Nein, das bist Du nicht« Wenn einer von uns Sklavenketten trägt, so bin ich’s!«
Sie lachte. Sah ihn dumm – roh an.
»Warum thust Du’s? Niemand befiehlt es Dir.«
»Du, Du befiehlst es mit!«
»Fällt mir nicht ein! Ich kann keine Sklaven leiden. Ein Mann muß furchtbar sein. Brutal. O, das ist schön!«
Mit funkelnden Augen begann sie von einem Tierbändiger zu erzählen, mit dem sie einmal zusammen gelebt. Wie er sie bei Tag geschimpft, blutig geschlagen und sie dann nachts zur Liebe gezwungen – —
»Das war schön, sag’ ich Dir! Ich hab’ ihn gehaßt, gehaßt! Bis er mich bei den Armen packte und an sich riß. Und dann hab’ ich ihn geliebt, geliebt!«
Gesenkten Hauptes hörte er zu. Aus seinen Augen fielen große Tropfen. Sie war erstaunt.
»Du weinst?«
Er brach in Schluchzen aus. Weinte über sie. – Weinte mehr noch über sich selbst. – —
»Sie verstand nicht, was in ihm vorging. Eine Weile sah sie ihm zu. Zuckte die Achseln und verließ das Zimmer. —
Solche Auftritte gab es häufig. Es machte ihr augenscheinlich ein ungeheueres Vergnügen, ihm Blatt für Blatt ihr Leben zu zeigen. Ein Leben, das zwischen Prügeln und Liebesnächten dahingegangen war. Ihm bereiteten solche Gespräche einen tiefen, beinahe körperlichen Schmerz, einen namenlosen Ekel.
Er rannte fort von ihr. Warf sich vor den Altären in den Staub und betete um Kraft. Betrat reuevoll das Gemach der Kaiserin. Der Mann schwor sich zu, die Verworfene nie wieder zu sehen. Das Tier hetzte ihn immer wieder zu ihr zurück. —
Es konnte nicht fehlen, daß Madischa allmählich als Zauberin angesehen wurde, gerade so wie früher Arsinoe. Es gab sogar Leute, welche behaupteten, Arsinoe und Madischa wären ein und dieselbe Person. Solche Behauptungen ließen sich natürlich durch nichts stützen: Arsinoe und Madischa glichen einander in keinem Zuge. Die wenigen wahren Freunde des Kaisers versuchten auf alle mögliche Weise, die Tänzerin zu entfernen. Alles mißlang. Sie schickten ihr vergiftete Früchte ins Haus. Madischa warf sie den Schweinen vor, denn sie hatte keine feine Zunge. Am liebsten aß sie eine scharfe Lauchsuppe, welche ihre alte Magd zubereiten mußte. Sie dangen Mörder für sie. Den ersten schlug einer ihrer Liebhaber nieder. Der zweite verbrachte selber den Rest der Nacht in ihrem Gemach. Zwei-, dreimal schon hatten sie sie überfallen und heimlich aus Konstantinopel wegführen lassen. Sie war ohne Widerstand gefolgt. Sie wußte zu gut, daß der Kaiser sie zurückholen, ihre Entführer grausam bestrafen würde. Unbesiegbar war sie, wie das Laster selbst.
Sie scheute nicht, sich dem Kaiser offen als die zu zeigen, die sie war. Wohl schwoll ihm manches Mal der Zorn.
»Hüte Dich, Madischa, mich zu betrügen! Ich bin der Kaiser!«
»Was kümmert mich das!«
»Ein Kaiser teilt nicht mit Anderen —«
»Dann bleib’ bei Deiner Kaiserin«
»Aber ich will Dich, Dich! Ich kann nicht mehr leben ohne Dich!«
»Dann mußt Du mich nehmen, wie ich eben bin!«
»Ich gönne Dich keinem Andern! Ich liebe Dich bis zum Wahnsinn.«
»Dann laß mich thun. was mich freut.«
Er bebte vor Wut. Sprang mit geballten Fäusten auf sie zu.
»Gottverdammte —«
Sie zuckte die Achseln.
»Laß mich in Frieden! Geh’ heim in Deinen Palast, zu Deiner Frau, zu Deinen Heiligenbildern! Ich frag’ nichts nach Dir! Geh’, geh’ doch!«
Er ging. Tief gebeugt, zähneknirschend, Ekel im Herzen vor sich und vor ihr.
Er ging.
Am nächsten Tage kam er wieder – —
IX
Ganz Konstantinopel freute sich auf die nächste Cirkusvorstellung. Ein neuer Löwenbändiger war eingetroffen, dem ein großer Ruf vorausging. Auch war er einmal der Madischa Liebster gewesen; derselbe, von dessen gewaltsamen Zärtlichkeiten sie dem Kaiser erzählt hatte. Ganz Konstantinopel hatte das bald in Erfahrung gebracht. Ganz Konstantinopel war neugierig, was für ein Gesicht der Kaiser im Cirkus machen würde.
Er wußte alles. Er wagte aber nicht, sie nach dem Tierbändiger zu fragen. Er fürchtete ihre Lügen beinahe mehr noch, als ihre Offenheit. Insgeheim beobachtete er sie scharf. Er konnte nichts Verdächtiges wahrnehmen. Sie verließ ihr Haus kaum. Sie war zärtlicher gegen ihn als sonst. Sie erwähnte des Bändigers Namen nur beiläufig, ohne Wärme. Sie sprach von seiner Kunst nur mit kühler Anerkennung.
Des Kaisers Argwohn schlief ein. Er schenkte Madischa eine tiefrote Korallenspange mit einem Zickzack von Diamanten eingelegt.
»Du sollst sie bei der nächsten Cirkusvorstellung im Haar tragen statt Deines armseligen, roten Flitterbandes!«
Sie lächelte; ein geheimnisvolles beinahe grausames Lächeln. Den Kaiser fröstelte, – er mußte selber nicht warum. —
»Gefällt Dir meine Spange, Madischa?«
»Und ob sie mir gefällt!« rief sie, gierigen Auges den Schmuck betrachtend. »Wieviel mag sie wohl wert sein?«
»Mehr als Du wert bist!« versetzte er lachend.
»Mehr als ich Dir wert bin?!«
Sie saß auf seinen Knieen. Küßte ihn hinter dem Ohr auf den Hals.
»Mein ganzes Reich gäb’ ich für Dich, Madischa! Für Dich und Deine Küsse!«
Sie lachte. Streifte langsam ihr Gewand von den Schultern – —
Es war spät in der Nacht, als der Kaiser sie verließ. Sonst war er immer erst gegen Morgen weggegangen. Die liebe Schuljugend hatte es aber ausspioniert und ihm ein paar Mal ein unerwünschtes, lachendes Ehrenspalier gebildet. Darum schied er jetzt immer noch zu nächtiger Stunde. Langsam schritt er dahin. Sein Inneres war still und glücklich. Madischa war in der letzten Zeit anders als sonst, zärtlicher, weicher . . .
Sie gab ihm keinen Grund mehr zur Eifersucht. Er meinte, dies wilde Geschöpf endlich gesättigt, gebändigt zu haben. Er glaubte wieder einmal an sein erzieherisches Talent, daß er in den letzten Jahren etwas vernachlässigt hatte. Mit dem Glauben kamen auch die Träume. Er träumte davon, aus Madischa ein tugendhaftes Mädchen zu machen. Er pries sich glücklich, daß er, gerade er berufen war, den guten Kern ihres Wesens herauszuschälen. Sehnsucht nach ihr überkam ihn. Er wollte zurück zu ihr, – ihr sagen, wie gut er’s mit ihr meinte. Sie noch einmal küssen – —
Er wandte sich, schlug den Weg zu ihr ein. Die Straße lag still, menschenleer. Als er ungefähr noch zwanzig Schritte von ihrem Hause entfernt war, stutzte er. Ihm schien’s, als ob die Pforte ihrer Wohnung sich behutsam öffne . . . als ob ein Schatten hineinschlüpfe . . . Es war wohl eine Täuschung. In der nächtigen Ruhe hätte er jeden Kommenden schon von ferne hören müssen. Er hatte nichts gehört. Seine eigenen Tritte nur gaben weithin schallenden Wiederhall.
Madischas Haus lag still und dunkel. Es schien zu schlafen. Des Kaisers neuerwachender Argwohn merkte aber, daß aus ihrem Schlafgemach durch eine Ritze des Fensterteppichs, ein blasses Lichtstreifchen fiel. – Er nahm den schweren Kupferklöppel, der an der Hausthüre hing, pochte. Alles blieb still. Pochte stärker. Totenstill. Pochte ungeduldig, lärmend zum dritten Mal . . .
Verschlafen öffnete ihm die alte Magd. Sie erschrak, als sie ihn sah. Das Lämpchen in ihrer Hand zitterte.
»Um Christi Willen, Ihr seid’s —?!«
»Ich bin’s!«
Er wollte eintreten. Sie schob sich vor die Thür.
»Madischa schläft schon!«
Der Kaiser sah sie an, las ihr die Lüge vom Gesicht ab.
»Madischa schläft schon,« wiederholte sie übereifrig. »Madischa schläft.«
»Wecke sie!« befahl er und erzwang sich den Eintritt ins Haus.
Die Alte stand ratlos. Schielte verstohlen nach Madischas Gemach.
»Wecke sie!« befahl er zum zweiten Male laut und herrisch.
Sie, in Angst vor dem Kaiser, in Angst vor der Herrin, wiederholte immer hartnäckiger, jammernder:
»Madischa schläft! Madischa schläft!« —
Da erschien Madischa selbst auf der Schwelle. Man sah, daß sie eben erst in Hast vom Lager aufgestanden war. Ihre Augen brannten. Vom roten Flitterbande nur nachlässig geknüpft, fielen ihr die Haare wirr ums Gesicht. Lose hing ihr Gewand um die Glieder.
Sie fuhr zurück, als sie den Kaiser erblickte.
»Du bist’s?!«
Er packte ihre Hand. Zog sie mit sich vom Flur hinein ins Zimmer. «
»Was geht hier vor?! « Gestehe!!«
Sie wand sich unter seinem Griff.
»Was willst Du denn? Ich hab’ Dir doch nichts gethan.« Sie begann zu weinen. »Nicht einmal – mehr ruhig schlafen darf ich! Mitten in der Nacht kommst Du, um mich zu mißhandeln!«
Seine Wildheit begann ihn zu reuen. Schon wollte er sie mit zärtlicher Abbitte an sich ziehen. Da gewahrte er ans ihrer linken Schulter einen roten Fleck —
Er lachte grell.
»Schläfst wohl mit Ratten zusammen?! Mit hungrigen Ratten?!«
Sie sah ihn dumm an.
»Ratten? Wieso?«
Er gab keine Antwort. Stierte nur immer auf das brennende Mal. Sie folgte seinem Blick, erschrak. Dann, als sie sah, daß nichts mehr zu verheimlichen war, trotzig schreiend.
»Nun gut! Ich leugne nichts! Ja, ja! Ich hab’ einen anderen! Ich laß ihn mir nicht nehmen!«
Beim dämmerigen Schein der Nachtlampe wollte sich eilends ein Mann erheben; eine hagere Athletengestalt.
Bislang hatte der Kaiser wie erstarrt gestanden. Kaum zu atmen hatte er vermocht unter all der Abscheulichkeit, die über ihn hinquoll. Jetzt stieß er einen Schrei aus. Stürzte sich auf Madischa. Packte sie von hinten beim Halse. Schleuderte sie auf den Boden hin. Sprang auf den Athleten zu – — Bald waren die drei Menschen nur mehr ein einziger, wilder, schreiender Knäuel. Cäsar rang mit einem Athleten um eine Dirne!! Sie waren zu Zweien gegen ihn —, so mußt’ er unterliegen. Blitzschnell riß Madischa das rote Flitterband aus den Haaren, schleuderte es dem Athleten zu. Er warf es von hinten als Schlinge dem Kaiser über den Kopf. Ein Ruck . . . ein Knirschen . . . ein Röcheln . . . Todesstille! – —
Von dem Gelärm und Getobe aufgeschreckt, kam die Alte hereingestürzt. Schreiend prallte sie wieder zurück.
»Um aller Heiligen Willen! Ihr habt den Cäsar umgebracht!«
Madischa fuhr auf sie los, preßte ihr die Hand auf den zahnlosen Mund.
» Schweig’, Vettel! Sonst geht’s Dir wie ihm!«
Sie warf die Alte zum Zimmer hinaus. Trat zu dem Athleten hin, der verstörten Angesichts auf den Leichnam hinstarrte.
Kaisermord!! – —
Das Wort und die Folter, die ihm folgen mußten, machten wohl auch einen Löwenbändiger erzittern.
»Steh’ nicht herum!« raunte ihm Madischa zu. »Ist er denn wirklich tot?«
Er beugte sich horchend zu der Leiche nieder.
»Ja! Er ist tot!«
»Dann komm!«
»Wohin?«
»Fort! Wir müssen fliehen!«
»Man wird uns aufgreifen —«
Sie lachte. Öffnete Truhen und Schreine, die voll Gold und Edelsteinen lagen.
»Da! Das ist genug, um halb Byzanz zu bestechen! Das hat er mir alles geschenkt. Als ob er alles geahnt hätte!«
Mit beiden Händen wühlte sie in den Kostbarkeiten. Traf auf die Korallenspange mit dem Diamantenzickzack – —
»Als ob er alles geahnt hätte« – — sagte sie noch einmal.
Des Athleten Augen funkelten.
Gold! Gold! Gold!
Ja, nun winkte wieder die Freiheit . . . das Leben.
»Wohin?«
»Übers Meer. Zu den Bulgaren. Jeder Flüchtling aus Konstantinopel ist ihnen willkommen.«
»Aber die Alte? Sie wird uns verraten!«
»Sie weiß nicht, wohin wir uns wenden!«
»Sie horcht!«
»So stopf ihr den Mund! Du weißt doch, wie man’s macht!«
Der Athlet stolperte hinaus.
Ein Aufschrei . . . Ein Röcheln – —
Er kam bald wieder herein.
Madischa hatte indessen in fliegender Hast zusammengerafft, was sich tragen ließ: Gold, Perlen, Diamanten. Der Athlet half ihr. Höchste Eile war von Nöten. Schon begann der Nachthimmel flimmernd zu verbleichen. – — —
Als der Kaiser des Morgens nicht im Palaste war, lächelten die Hofleute. Richtig wieder einmal in der Liebe Arm verschlafen! Als es Mittag wurde, begann die fromme Kaiserin sehr empört zu werden. Als der Nachmittag anbrach, begab sich eine Handvoll der Alleredelsten nach Madischas Haus, um Cäsar demütigst an Schloß und Reich zu erinnern. —
Es schien ihnen seltsam und unheimlich, daß auf ihr wiederholtes Pochen keine Pförtnerin kam, um zu öffnen oder nach ihrem Begehren zu fragen. Mit Gewalt erbrachen sie endlich die Thüre. In dem dunklen Vorraum stießen ihre Füße an einen unbeweglichen, weichen Gegenstand. Sie erschraken. Als sie sich niederbeugten, um nachzusehen, erschraken sie noch mehr. Die alte Magd lag auf dem Boden ausgestreckt – tot – —
Zitternd näherten sie sich dem Schlafgemach. In ihm wehte noch ein Duft von Liebe und Blut. Als sie es betraten, schrieen sie auf. – — Sie konnten – es kaum glauben – — und doch war es so – —
In zerfetzten Kleidern, zerbissen, zerschunden, mit blauunterlaufenem Gesichte lag Cäsar erdrosselt neben den Fußpfosten des Bettes.
Kläglich war dies Ende und höchst unkaiserlich – —
Sie hoben ihn auf, betteten ihn aufs Lager, ihm die Blutspuren abzuwaschen, die zerzausten Haare zu glätten. Sie hätten es nicht gewagt, ihn so, wie er war in den Palast zurückzubringen.
Der Oberhofmeister wollte ihm das seidene Gewand über der Brust öffnen, um nachzusehen, ob eine Hand oder eine Schnur den kaiserlichen Hals tödlich umklammert hatte. Gelähmt vor Grauen, standen die andern um das Bette. Schier apathisch schauten sie auf des Oberhofmeisters Hände, die an den Goldschließen des Seidengewandes nestelten. Die ersten hatte er eben geöffnet . . . Er schrie laut auf.
Leichenblaß, mit angstgespreizten Fingern fuhren die Höflinge bis in die hintersten Ecken des Gemaches zurück.
Nicht Hand, noch Schnur hatte gemordet. Zur Todesschlinge um Cäsars Hals geknüpft bäumte sich in greulichen Windungen eine korallenrote Schlange. —
