Читать книгу: «Die Soziologie Pierre Bourdieus»
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Dr. Boike Rehbein ist Professor für Gesellschaften Asiens und Afrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bis 2009 war Rehbein Direktor des Global Studies Programm der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. Er hatte Gastprofessuren in Bangkok, Buenos Aires, Neu-Delhi, Santiago de Chile, Vientiane und Zürich inne. In Vientiane ist Boike Rehbein maßgeblich am Aufbau der sozialwissenschaftlichen Fakultät der National University of Laos beteiligt.

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1. Auflage: 2006
2. Auflage: 2011
3. Auflage: 2016
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
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www.uvk.de UTB-Band Nr. 2778 ISBN 978-3-8252-4700-3 (Print) ISBN 978-3-8463-4700-3 (EPUB)
Hermann Schwengel gewidmet
Inhalt
Einleitung
1 Von der Praxis der Ökonomie zur Ökonomie der Praxis
1.1 Einsicht: Ungleichzeitigkeit
1.2 Traditionen
1.3 Der Geist des Kapitalismus
1.4 Ethno-soziologische Methoden
2 Brüche
2.1 Der doppelte Bruch
2.2 Kritik
2.3 Konstruktion des Gegenstands
2.4 Emanzipation
3 Praxis (Grundbegriffe)
3.1 Habitus
3.2 Strategie
3.3 Feld
3.4 Kapital
3.5 Konfigurationen
4 Reproduktion
4.1 Ausbildung
4.2 Wissenschaft
4.3 Frankreichs Eliten
5 Differenz und Distinktion
5.1 Geschmack
5.2 Sozialer Raum
5.3 Klassen
5.4 Klassengeschmack und Klassendynamik
5.5 Zur Methode
6 Symbolische Gewalt
6.1 Sprache
6.2 Zwei Felder der Macht
6.3 Die männliche Herrschaft
7 Eingriffe
7.1 Das Elend der Welt
7.2 Verstehen
7.3 Zurück zur Praxis der Ökonomie
8 Rezeption und Weiterentwicklung
8.1 Der Beginn der Auseinandersetzung
8.2 Die breite Rezeption in der Soziologie
8.3 Scholastik und Weiterentwicklungen
Schluss
Glossar
Literatur
Sach- und Namensregister
Einleitung
Wozu eine weitere Einführung in Bourdieus Soziologie? Dieses Lehrbuch ist keine Einführung. Zum einen ist es für fortgeschrittene Studierende sowie Interessierte gedacht, die bereits etwas von oder über Bourdieu gelesen haben, sich weiter in seine Soziologie vertiefen möchten und vielleicht mit ihren Mitteln arbeiten wollen. Zum anderen liefert das Buch keinen Überblick über alle Werke und Gedanken Bourdieus, sondern sucht die Entwicklung des Kerns seiner Soziologie nachzuzeichnen. Ein Buch für diese Zielgruppe und mit dieser Zielsetzung gibt es meines Wissens noch nicht, zumindest nicht in deutscher Sprache. Ich hoffe, den inneren Zusammenhang der Werke und Gedanken Bourdieus aufzeigen zu können. Ferner möchte ich zur Lektüre Bourdieus anregen. Schließlich und vor allem soll das Buch dazu auffordern, mit Bourdieu zu forschen und zu denken.
Zwei Gründe rechtfertigen die Veröffentlichung von Sekundärliteratur zu Bourdieu. Erstens ist er mittlerweile ein Klassiker der Soziologie und gegenwärtig einer der am häufigsten zitierten Intellektuellen. Zweitens sind seine Schriften nicht leicht zu lesen und zu verstehen. Der bloße Status Bourdieus als Klassiker ist vielleicht noch kein hinreichender Beleg für seine Bedeutung. Ich meine allerdings, dass dieser Status eine sachliche Berechtigung hat. Die Höhe der Reflexion, die Bourdieu erreicht hat, sollte heute nicht mehr unterschritten werden. Man kann durchaus sagen, dass er die Messlatte für die Soziologie höher gehängt hat. Die Reflexionshöhe erschließt sich nicht von selbst. Viele der Werke Bourdieus wirken beim ersten Lesen naiv, als sei er nicht mit dem Wissen seiner Zeit vertraut gewesen und habe Probleme der Logik oder der Methode nicht gesehen. Methodologische Schwierigkeiten, Begriffsklärungen, strategische Überlegungen und Auseinandersetzungen mit der Geistesgeschichte finden in seinen Veröffentlichungen einen vergleichsweise geringen Raum. Die Leserschaft wird in erster Linie mit Ergebnissen konfrontiert, weniger mit Argumentationen und scholastischen Erörterungen.
Die Werke verarbeiten schwierige und fundamentale Probleme der Erkenntnistheorie in Verbindung mit zum Teil banal anmutendem empirischen Material. Was beim Lesen begegnet, sind Daten und wenig konsistent gebrauchte, undefinierte Begriffe. Dass eine außergewöhnliche theoretische Arbeit dahinter steckt, fällt nicht ins Auge. So unwahrscheinlich es wirkt, einer der wichtigsten Bezugspunkte Bourdieus ist Immanuel Kant. Bourdieu hat nicht nur an empirischen Gegenständen, sondern auch an einer soziologischen Vernunftkritik gearbeitet. Er wollte das, was bei Kant reine, überzeitliche Erkenntniskategorien sind, auf soziale Verhältnisse zurückführen und gleichzeitig Kants Philosophie als Ausdruck einer bestimmten Zeit und sozialen Position in ihr aufweisen. Er erklärte, seine Arbeit sei »im Grunde immer der Versuch […], die Erkenntniswerkzeuge zum Erkenntnisgegenstand zu machen und die mit den Erkenntniswerkzeugen gegebenen Grenzen der Erkenntnis zu erkennen« (1997e: 221).
Die soziologische Vernunftkritik war kein Selbstzweck, sondern als gelerntem Philosophen reichte Bourdieu die unreflektierte Fortführung (irgend) einer soziologischen Tradition nicht aus. Er wollte die Grundlagen der eigenen Erkenntnis kritisch beleuchten und möglichst weit gehend ausweisen. Indem Bourdieu in den Arbeiten der soziologischen Tradition unhinterfragte oder nicht überzeugende Voraussetzungen aufdeckte, vermied er sie und aus ihnen resultierende Unzulänglichkeiten der Forschung. Hieraus hat er eine regelrechte Methode gemacht, die an Gaston Bachelard anschließt. Er kontrastierte zwei einander widersprechende Ansätze der Tradition, um ihre Stärken und Schwächen abzuwägen. Die theoretischen Folgerungen, die er aus der Kontrastierung zog, arbeitete er dann am empirischen Material ab, um dieses und die Theorie zugleich kritisch zu beleuchten und anzureichern.
Man könnte sagen, dass Bourdieus Vorgehensweise zu einer Soziologie führte, die auf einer mittleren Ebene anzusiedeln ist. Sie steht zwischen Theorie und Empirie, Universalgeschichte und Momentaufnahme, Ethnologie und Soziologie, Globalem und Lokalem. Und ihre Theoreme haben eine mittlere Reichweite, sowohl örtlich wie zeitlich. Die mittlere Ebene ist mit einer Wissenschaftstheorie verknüpft, die nicht in Ableitungen und Substanzen, sondern in Konfigurationen und Relationen denkt. Der Ansatz scheint mir zukunftsweisend zu sein (vgl. Rehbein 2013). Die hier noch abstrakt wirkenden Bemerkungen zur Bedeutung Bourdieus werden im zweiten und dritten Kapitel ausführlich erläutert.
Neben Bourdieus Bedeutung ist der beschwerliche Zugang zu seinen Gedanken eine Rechtfertigung für Sekundärliteratur. Seine Schriften sind keine erholsame Lektüre. Man möchte meinen, dass er sich ständig wiederholt, jede Wiederholung aber leicht variiert. Die Sätze sind lang und komplex aufgebaut, konsistente Erklärungen sind selten. Theoreme und Begriffe werden je nach empirischem Gegenstand und Ort in der Darstellung leicht modifiziert. Bourdieu hat seinen schwierigen Stil mit zwei Argumenten gerechtfertigt. Erstens wolle er sich auf diese Weise gegen böswillige Lesarten schützen, zweitens sei die Komplexität der sozialen Welt nur durch komplexe Sätze und Darstellungen wiederzugeben (1992b: 70ff; 1993b: 14, 37; Leitner 2000: 152). Die Komplexität wird noch dadurch gesteigert, dass Bourdieu versuchte, seine eigene Sichtweise und den jeweiligen Zweck in die Darstellung zu integrieren. Ferner bemühte er sich, gegen den Strom zu schwimmen, Elemente herrschender Diskurse zu vermeiden und möglichst schwer greifbare Termini zu verwenden (1993b: 38). Er gestand jedoch zu, dass letztlich nur wohlmeinende Leser und Leserinnen diese Maßnahmen begriffen – also Menschen, die der Maßnahmen gar nicht bedürften (1993b: 14).
Da seine Werke komplex, an die äußeren Umstände angepasst und eng mit der Empirie verwoben sind, ist es einfach, Bourdieu zu kritisieren. Es wimmelt in seinem Werk von Schwächen in der Argumentation, kleineren und größeren Widersprüchen, ungenügend belegten Aussagen. Wer nach der Widerlegung einer Aussage von Bourdieu ablässt oder sich ihm gar überlegen glaubt, wird den ungeheuren Reichtum seiner Werke nicht ergründen können. Er suchte stets, der Sache gerecht zu werden, anstatt auf Konsistenz zu beharren. Wie Jürgen Habermas sah er die soziale Welt auf eine ungeheuer komplexe und differenzierte Weise. Beide entsagten dem soziologischen Denkstil, die Vielfalt auf wenige Gesetze zu reduzieren. Bourdieus Begriffe arbeiten unentwegt, damit ändern sie sich, schillern, lassen sich nicht eindeutig definieren. Aus diesem Grund bringt es wenig, die einschlägigen Zitate anzuführen, um in Stein hauen zu können, was mit dem Begriff des Habitus oder dem des Kapitals gemeint ist. Man wird abweichende Zitate finden, die nicht weniger »richtig« sein müssen. Die Widerlegung und die Definition isolierter Elemente von Bourdieus Soziologie verkennen meines Erachtens die relationale und konfigurationale Denkweise. Vor allem aus diesem Grund möchte ich den Zusammenhang der Kerngedanken nachzeichnen, anstatt einen Überblick oder Definitionen anzubieten.
Glücklicherweise sind fast alle Einführungen in Bourdieus Denken sehr gut und auf hohem Niveau. Bei UTB ist unlängst ein Buch für Anfänger erschienen (Fuchs-Heinritz, König 2005), auf das der vorliegende Band aufbaut. Ferner sei auf die großartige Einführung von Markus Schwingel (1995) und das leicht verständliche Werk von Christian Papilloud (2003) hingewiesen. In englischer Sprache sind unter anderem die Einführungen von Derek Robbins (1991), David Swartz (1997) und Deborah Reed-Danahay (2005) zu empfehlen. Schließlich bieten interessante Sammelbände, in denen Bourdieukenner über ihre Spezialgebiete schreiben, einen guten Überblick. Ich denke hier vor allem an die Bände von Klaus Eder (1989a), Gunter Gebauer und Christoph Wulf (1993), Ingo Mörth und Gerhard Fröhlich (1994), Uwe Bittlingmayer et al. (2002), Boike Rehbein, Gernot Saalmann und Hermann Schwengel (2003), Jörg Ebrecht und Frank Hillebrandt (2004), Margareta Steinrücke (2004) sowie Catherine Colliot-Thélène, Etienne François und Gunter Gebauer (2005). Das ist nur eine kleine Auswahl.
Inzwischen gibt es ein »Bourdieu-Handbuch« (Fröhlich, Rehbein 2009), in dem alle Grundbegriffe und Hauptwerke Bourdieus ausführlich erklärt werden. Das wie ein Lexikon aufgebaute Werk umfasst auch zahlreiche Einträge zu Einflüssen im Denken Bourdieus und zu seiner Rezeption. Als Einführung ist das Handbuch nicht geeignet, aber Anfänger können Erläuterungen von Begriffen und Texten finden, während Fortgeschrittene sich über Details und Zusammenhänge versichern können. Die Einträge im Handbuch wurden von anerkannten Experten und Expertinnen im deutschsprachigen Raum verfasst. Im Folgenden werde ich nicht an jeder Stelle auf die entsprechenden Artikel des Handbuchs hinweisen, denn man kann davon ausgehen, dass zu jedem wichtigen Begriff und Werk Bourdieus ein Artikel vorliegt, den man bei Interesse ergänzend lesen möge.
Am besten ist es, Bourdieu selbst zu lesen. Um die genannten Hindernisse abzubauen, möchte ich zum Einstieg einige Texte empfehlen. Wer wenig Zeit hat und lediglich an einem Überblick interessiert ist, möge die Sammlung mit dem Titel »Praktische Vernunft« (1998c) lesen, dann »Die feinen Unterschiede« (1982c) und schließlich »Soziologische Fragen« (1993b). Wer etwas tiefer einsteigen will, kann nach dem Band über Algerien, »Die zwei Gesichter der Arbeit« (2000c), die Bücher »Die Illusion der Chancengleichheit« (1971), »Entwurf einer Theorie der Praxis« (1976), »Die feinen Unterschiede« (1982c), »Vom Gebrauch der Wissenschaft« (1998e) und »Der Staatsadel« (2004a) lesen. Am sinnvollsten ist die chronologische Lektüre, die gleichwohl systematisch orientiert ist und die Schriften chronologisch wie systematisch gruppiert. Das ist auch das Vorgehen, das in diesem Buch gewählt wurde.
Der Aufbau des Buches versteht sich nicht von selbst. Zu den wichtigsten Lehren Bourdieus gehört die soziologische Selbstanalyse. Die sozialen Bedingungen der eigenen Sichtweise müssen hinterfragt werden, um nicht blind Vorurteile zu reproduzieren. Die Forderung mündet zwar in einen Zirkel – weil auch die Selbstanalyse einen Standpunkt und dessen soziale Bedingungen voraussetzt –, aber der Zirkel kann hermeneutischer, also fruchtbarer, Natur sein. Ich fühle mich durch diese Bemerkungen in die Pflicht genommen, einige der Voraussetzungen darzulegen, die ich in diesem Buch an Bourdieus Soziologie herantrage. Meine Perspektive auf die Soziologie Bourdieus ist zweifellos durch meine Ausbildung und durch meinen eigenen Umgang mit dieser Soziologie bestimmt. Mein Umgang ist nicht rezeptiv und nicht orthodox. Er beschränkt sich nicht auf die Lektüre und auf die Gegenstände, die Bourdieu durch seine eigenen Arbeiten gleichsam legitimiert oder gar geweiht hat. Wenn ich seine Soziologie auf die Grammatik, Südostasien, Aspekte der Globalisierung und globale Ungleichheit übertrage, so überdehne ich sie vielleicht (Rehbein 2004, 2007, 2013, 2015; Rehbein, Sayaseng 2004; Rehbein, Souza 2014). Möglicherweise missdeute ich sie, um sie auf Gegenstände anzuwenden, für die sie nicht geschaffen wurde. Diese Möglichkeit sollte man beim Lesen zumindest im Hinterkopf behalten. Ich will gleichsam zu einem ähnlichen, aktiven Umgang mit Bourdieu anregen. Aus diesem Grund weise ich an vielen Stellen möglicherweise zu ausführlich auf Schwächen und Lücken in Bourdieus Werk hin. Die Hinweise sollten nicht als – ohnehin vermessener – Versuch einer Widerlegung oder Besserwisserei missverstanden werden, sondern als Aufforderung, an dieser Stelle weiterzudenken.
Gleichzeitig nähere ich mich den Werken Bourdieus etwas vorsichtiger, als es die meisten Interpreten tun. In der Philosophie, die noch zur Promotion mein Hauptfach war, interpretiert man Texte auf recht philologische Weise. Das bedeutet beispielsweise, stets den Zusammenhang der Texte zu beachten, Interpretationen abzusichern und auf Mehrdeutigkeit zu achten. Meine Ausbildung nötigt mich dazu, nah am Text zu bleiben und Textstellen nicht eklektisch zusammenzusuchen. Meist werden in der Literatur zu Bourdieu Zitate relativ sorglos aus den verschiedensten Schriften und Perioden nebeneinander gestellt. Auf die orthodoxen Anhänger Bourdieus wird meine Interpretation seines Werks daher zugleich häretisch (oder nicht hinreichend loyal) und pedantisch wirken.
Meine Herangehensweise an Bourdieus Schriften wird sicher zumindest unbewusst von meinem Bild des Menschen Bourdieu beeinflusst. Wenn ich hier aus meiner Erinnerung einige Umrisse dieses Bildes skizziere, möchte ich einen Eindruck des Menschen, aber auch meiner Perspektive auf ihn vermitteln, die möglicherweise verzerrend wirkt. Die kritische Aufarbeitung an der eigenen Perspektive lehrte Bourdieu in seiner letzten Vorlesung am Collège de France. In seinem postum veröffentlichten »Soziologischen Selbstversuch« (2002b) führte er die soziologische Selbstanalyse exemplarisch an seiner eigenen Biographie durch. Auch wenn zweifellos manch ein Aspekt der Biographie im Rückblick verfälscht wurde, scheint mir das Werk ihre wichtigsten Konturen nachzuzeichnen. Es bietet nicht nur einen guten Überblick über Bourdieus Lebensgeschichte, sondern auch eine leicht zugängliche Anwendung seiner Soziologie.
Bourdieu verkörperte seine Lehre. Er war den wissenschaftlich Interessierten in seiner Umgebung ein Vorbild, indem er seine Forschung mit großem Ernst und außergewöhnlichem Engagement verfolgte. »Pierre Bourdieu war Tag und Nacht Wissenschaftler.« (Jurt 2003b: 170) Dabei war er persönlich bescheiden und uneitel. Stets trug er ein einfaches Oberhemd mit Sakko, durch seine Kleidung fiel er unter keinen Umständen auf. Im Gegensatz zu vielen berühmten Pariser Intellektuellen legte er auf eine modische Inszenierung seiner Person keinen Wert. (Und Mode hat in Paris einen anderen Stellenwert als in Gelsenkirchen). Sein Blick war immer wach, seine Ausstrahlung wohlwollend und zurückhaltend. Bei Menschen, die ihn nur kurz trafen, wird er keine nachhaltige Wirkung hinterlassen haben. Das galt umso mehr bei Vorträgen und Vorlesungen, die selten so eindrucksvoll waren wie die von Derrida oder Deleuze. Bourdieu rang oft nach Worten, verhaspelte sich, schweifte ab und war undeutlich. Die mündliche Undeutlichkeit war für ihn teilweise, wie im Schriftlichen, Programm. Er wollte nicht leicht verstanden werden, um weniger leicht missverstanden zu werden. Seine Zuhörer- und Leserschaft sollte sich bemühen müssen, eigene Erkenntnis zu erarbeiten, anstatt leicht zugängliche Resultate zu schlucken: »ich sage meinem Publikum aus Prinzip immer das, was am schwierigsten zu verdauen ist« (2003a: 79).
Bourdieus ausgeprägte Selbstreflexivität erwuchs gleichsam aus seinem eigenen Habitus. Man kann vielleicht sogar behaupten, dass sich in ihr die Verwunderung über sich selbst ausdrückte. Ein Landjunge hatte es auf den begehrtesten Soziologie-Lehrstuhl ganz Frankreichs gebracht. Bourdieu betonte immer wieder, dass er sich im akademischen Umfeld fremd fühlte. Die Verhaltens- und Denkweisen seiner Kolleginnen und Kollegen, die ihnen zur zweiten Natur geworden waren, betrachtete er mit innerer Distanz. Die selbstverständlichen Modi wissenschaftlichen Arbeitens, von der passiven Lektüre über die Zitierweise bis hin zur monologischen Forschung, waren ihm gerade nicht selbstverständlich. Er prüfte die Begriffe, Denk- und Verhaltensweisen, die er gelernt hatte, immer wieder mit kritischem Blick und Distanz. Eben das ist mit Selbstreflexivität gemeint. Im Laufe der Zeit wurde die Selbstreflexion theoretischer, indem Bourdieu sie mit seiner soziologischen Theorie auflud. Er betrachtete also sein eigenes Tun, wie er das der anderen sozialen Akteurinnen und Akteure betrachtete – und in gewisser Weise auch umgekehrt.
Einem Menschen wie Bourdieu fliegen nur wenige Herzen zu. Die Zuneigung seiner Umgebung hat er sich im wahrsten Sinne erarbeitet. Wer ihn nämlich bei der Arbeit erlebt hat, musste beeindruckt sein. Es ging ihm um die Sache, nicht um seine eigene Person. Gleichzeitig waren ihm alle Menschen seiner Umgebung in ihren persönlichen Anliegen wichtig. Und schließlich – um diese fast pathetische Heranführung abzurunden – konnte man sich seinem moralisch-politischen Impuls kaum entziehen, der sich durchaus in Marx’ Forderung verbalisieren lässt, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx 1976: 385). Und wer von Bourdieus Feuer erst einmal angesteckt war, konnte es schwerlich wieder ersticken. Es kam nur vor, dass die Besessenheit, mit der Bourdieu seine Forschung verfolgte, Menschen in seiner Umgebung die Luft zum Atmen nahm. Die anderen seiner Schülerinnen und Schüler, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mit seinem Tod 2002 einen »Vater«, ein Vorbild und einen Freund verloren. Die Stelle, die er im Raum einnahm, ist leer geblieben. So scheint es angemessen.
Das Buch ist großenteils systematisch aufgebaut, bemüht sich aber darum, die Systematik mit Bourdieus Denkweg zu verknüpfen. Die ersten sieben Kapitel markieren Schritte in Bourdieus Denken, die teilweise gleichzeitig begonnen und teilweise gleichzeitig durchgeführt wurden, wobei das achte Kapitel sich auf die Rezeption seiner Forschung bezieht. Obwohl Bourdieus Werk eine außergewöhnliche Einheit aufweist, werden Grundbegriffe und Theoreme selten in zwei Arbeiten genau gleich vorgebracht, weil die jeweilige Stoßrichtung unterschiedlich war. Das ist ein sachlicher Grund dafür, nicht beliebig Zitate aus verschiedenen Arbeiten miteinander zu kombinieren und zur gegenseitigen Erläuterung heranzuziehen. Einige Missverständnisse in der Sekundärliteratur erwachsen aus dieser philologischen Unbekümmertheit, die durch die Einheitlichkeit von Bourdieus Werk gefördert wird. Im Folgenden soll vorsichtiger operiert werden. Die jeweiligen Denkschritte werden fast ausschließlich an einzelnen Arbeiten oder an Arbeiten aus derselben Periode demonstriert. Das gilt etwas weniger für die Kapitel zwei und drei, in denen die erkenntnistheoretischen und begrifflichen Grundlagen erläutert werden. Aber auch die Abschnitte dieser beiden Kapitel konzentrieren sich jeweils auf ein Buch und ziehen weitere Arbeiten nur heran, um die Weiterentwicklung von Bourdieus Denken darzulegen. Das Vorgehen bringt mit sich, dass einige bedeutende Werke Bourdieus nicht ausführlich diskutiert werden, allen voran »Die Regeln der Kunst« (1999) und die »Meditationen« (2001f).
Das erste Kapitel versucht, die Geburt wesentlicher Gedanken Bourdieus in Algerien nachzuzeichnen, wo er seine ersten Forschungen durchgeführt hat. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit seiner Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, die er in Grundzügen nach seiner Rückkehr aus Algerien ausgearbeitet hat. Im ersten Theorieentwurf Bourdieus sind die meisten der Grundbegriffe enthalten, die im dritten Kapitel skizziert werden. Die folgenden drei Kapitel resümieren Bourdieus Forschungen zu drei wichtigen Themengebieten: zum Bildungswesen, zu den Lebensstilen und zum symbolischen Universum. Das fünfte Kapitel (zu den Lebensstilen) ist hauptsächlich ein Kommentar der »Feinen Unterschiede«. Das siebte Kapitel ist Bourdieus politischer Soziologie (oder soziologischer Politik) gewidmet, die sein letztes Lebensjahrzehnt charakterisiert. Im letzten Kapitel wird die Rezeption seiner Werke, insbesondere in Deutschland skizziert. Dabei wird auch gezeigt, wie man mit Bourdieu arbeitet und arbeiten kann. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung, die in den ersten Kapiteln eher der Lebensgeschichte Bourdieus, danach eher dem Zusammenhang zwischen den Gedanken und Kapiteln gewidmet ist. Der Hauptteil jedes Kapitels gliedert sich in mehrere Abschnitte, die sich auf ein Thema oder ein Werk konzentrieren.
Man könnte bildlich sagen, das Buch entfalte sich und ziehe sich wieder zusammen. Es geht aus von Bourdieus Begegnung mit dem Kolonialismus, aus der seine Soziologie erwuchs, und schließt im siebten Kapitel mit seiner Kritik an einer gegenwärtigen Form des Kolonialismus. Die Kapitel zwei und sechs beziehen sich auf den Bereich des Symbolischen, das zweite Kapitel auf die Theorie, das sechste auf die Praxis. In den Kapiteln drei und fünf werden die wichtigsten Begriffe Bourdieus erläutert, im früheren abstrakt, im späteren in Verbindung mit dem empirischen Material. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit dem Angelpunkt der bourdieuschen Soziologie, der Lehre von der Reproduktion sozialer Ungleichheit. Die Kapitel greifen ineinander und kommunizieren gleichsam unterirdisch miteinander, können aber auch unabhängig voneinander gelesen werden. Allerdings sollte – wie bei Bourdieu – kein Satz ohne das Ganze des Buches als absolut und uneingeschränkt gültig verstanden werden.
Die Bücher Bourdieus werden nach dem Erscheinungsjahr zitiert – möglichst aus der deutschen Übersetzung. Die Verweise in Klammern enthalten Jahreszahlen (und zumeist Buchstaben), die sich auf die Literaturliste am Ende des Buches beziehen. Zitate sind – moderat – der neuen Rechtschreibung angepasst, um den Lesefluss zu erleichtern. Ein »Fn« nach der Seitenzahl bedeutet, dass sich die entsprechende Stelle in einer Fußnote findet. Bourdieus Auffassungen werden um der Lesbarkeit willen nicht durchgehend im Konjunktiv wiedergegeben. Damit hängt auch ein häufiger Zeitenwechsel zusammen. Von der in Vergangenheitsformen referierten Lebensgeschichte wird zur Darstellung der Soziologie im Präsens übergegangen – und zurück. Die Grenzen sind dabei fließend. Aus stilistischen Gründen habe ich nicht immer neben der männlichen auch die weibliche Form benutzt. Das wird aus dem Zusammenhang ersichtlich.
Für die Lektüre des Manuskripts und kritische Anmerkungen danke ich Gerhard Fröhlich, Rolf-Dieter Hepp, Karsten Kumoll, Gernot Saalmann und Kai Thyret. Zahlreiche Aspekte dieses Buches habe ich mit verschiedensten Menschen besprochen, deren Anregungen und Informationen auf die eine oder andere Weise in den Text eingegangen sind. Hierfür danke ich Carina Braun, Patrick Champagne, Gunter Gebauer, Remi Lenoir, Jochen Rehbein, Franz Schultheis, Kristina Schulz, Michael Vester, Loïc Wacquant und Anja Weiß. Danken und gedenken will ich an dieser Stelle der 2005 verstorbenen Steffani Engler. Des Weiteren danke ich Joseph Maran und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen am Jahresprojekt über »Zeichen der Herrschaft« (Heidelberg/Freiburg). Auch meine Lehrveranstaltungen waren in dieser Hinsicht förderlich. Mein ganz besonderer Dank gilt allen Studierenden, die im Sommersemester 2005 mein Seminar über Bourdieu an der Universität Freiburg besucht und ihre Auffassungen eingebracht haben. Das Seminar war Grundlage der ersten Auflage dieses Buches.
1 Von der Praxis der Ökonomie zur Ökonomie der Praxis
Das Kapitel zeichnet die Entstehung von Bourdieus Soziologie in Algerien nach. Ohne die Ursprünge dieser Soziologie zu kennen, ist es schwer zu verstehen, warum sie später genau die Gestalt annahm, in der sie heute bekannt ist. Es ist durchaus angemessen, die algerischen Schriften als »Kristallisationskern« der gesamten Theorie Bourdieus zu bezeichnen (Schultheis 2000: 65; 2003a: 26).1 Die Theorie hat sich, so Schultheis, »spiralförmig« um diesen Kern entwickelt. Tatsächlich weisen die algerischen Schriften selbst eine derartige Entwicklung auf. Um die Entwicklung bildlich zu beschreiben, ist vielleicht ein Terminus passender, der von Bourdieu in seinem ersten Buch verwendet wird und gleichzeitig seine Vorstellung der sozialen Welt gut ausdrückt: der des »Kaleidoskops« (1958: 82). Bereits dieses erste Buch, so könnte man sagen, ist der Kristallisationskern, um den das Kaleidoskop von Bourdieus Theorie heranwuchs. Der Kern umfasst eine Kombination aus soziologischer Begrifflichkeit, Erkenntnistheorie, Instrumenten, quantitativer Empirie und Ethnologie. In Algerien begann Bourdieu mit Ethnographie, die sogleich um theoretische, methodologische und erkenntnistheoretische Erwägungen ergänzt wurde und ihn zu quantitativen Erhebungen führte. In diesem Spannungsfeld prägte Bourdieu seine Begrifflichkeit, deren Kern bereits in seinem ersten Buch (1958) zu verorten ist. Der Rest des Kapitels zeichnet die Ethnologie, theoretische und empirische Soziologie sowie die Methodologie Bourdieus in Algerien nach. Der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist das nächste Kapitel gewidmet, das sich allerdings nicht nur auf Algerien beschränkt.
Pierre Bourdieu wurde am 1.8.1930 in einem Dorf namens Denguin geboren. Das Dorf liegt in der historischen Landschaft Béarn in den westlichen Pyrenäen. Die Familie des Vaters, Albert Bourdieu, betrieb seit Generationen Landwirtschaft. Albert Bourdieu, dessen Bruder den Hof der Familie erbte, wandte sich von der Landwirtschaft ab und wurde Postbeamter. Alberts Frau, Noémie, war eine gebildete Protestantin, blieb aber Hausfrau. Pierre Bourdieu hätte in dieser Umgebung bestenfalls eine Karriere in der Lokalverwaltung oder als Kaufmann und die Heirat mit der Dorfschönheit erhoffen dürfen. Schlimmstenfalls wäre er zur Landwirtschaft zurückgekehrt. Da er in der Familie intellektuell gefördert wurde und sich als guter Schüler erwies, konnte er auf die bessere Variante des Lebenslaufs hoffen. Nach der Grundschule rieten die Lehrer, ihn auf das Gymnasium in der nächstgelegenen Stadt zu schicken. Von 1941 bis 1947 war Bourdieu in einem Internat untergebracht, dem Lycée von Pau. Da auch hier seine schulischen Leistungen außergewöhnlich waren, empfahl er sich für eine Laufbahn, die bereits die Hoffnungen überstieg, die er sich auf Grund seiner Herkunft machen durfte. Schon in Pau, so erinnerte sich Bourdieu in seinem »Soziologischen Selbstversuch« (2002b: 100ff), war er an die Grenzen seiner Herkunft gestoßen. Nur wenige Provinzler wie er schafften den Sprung ins Gymnasium. Eine noch deutlichere Trennlinie in der französischen Gesellschaft als die zwischen Stadt und Land verlief (und verläuft) zwischen der Provinz und Paris. Den entscheidenden Sprung tat Bourdieu, als er 1948 in das Pariser Lycée Louis-le-Grand eintrat. An dieser Institution waren zahlreiche Geistesgrößen der französischen Geschichte, von Voltaire bis Sartre, auf das Studium vorbereitet worden. Hier las Bourdieu die großen Vertreter der zeitgenössischen französischen Phänomenologie, Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty. Er beschäftigte sich dann auch mit dem Begründer der Phänomenologie, Edmund Husserl, den er auf Deutsch las und in Auszügen übersetzte.2 Da die französische Phänomenologie von marxistischen Einflüssen geprägt war, beschäftigte sich Bourdieu in dieser Zeit auch mit dem frühen Marx (1992b: 16). Bourdieu schloss die Schule 1951 ab – als ein Bildungstitel noch die Zugangsberechtigung zu den höheren Sphären der Gesellschaft darstellte. Im Grunde hatte es Bourdieu zu diesem Zeitpunkt geschafft. Er war in der Bildungselite angekommen, die in Frankreich seit Jahrhunderten einen Großteil der gesellschaftlichen Elite insgesamt stellt.
1951 bis 1954 studierte Bourdieu Philosophie an der Faculté des lettres der Sorbonne. Außerdem wurde er zum innersten Heiligtum der französischen Geisteswissenschaften zugelassen, der Ecole normale supérieure (ENS) in Paris. Nahezu gleichzeitig mit Bourdieu besuchte Jacques Derrida die ENS, etwas früher hatte Michel Foucault dort studiert. Die Sorbonne und die ENS befinden sich – symbolträchtig – im Zentrum von Paris zwischen dem Panthéon (in dem die Größen Frankreichs beerdigt sind) und der Kirche Notre-Dame. Der Sohn eines Dorfpostlers und einer protestantischen Mutter befand sich im intellektuellen Zentrum der »Grande Nation«. Auch hier hatte er Erfolg. 1954 bestand er mit Auszeichnung die Agrégation in Philosophie, die zum Eintritt in den Staatsdienst berechtigt und einen Status verleiht, der dem des chinesischen Mandarins vergleichbar ist. Seine Abschlussarbeit schrieb Bourdieu über »Leibniz als Kritiker von Descartes« (1992b: 17). Gleich nach der Agrégation erhielt er die dem Abschluss entsprechende Anstellung. Ein Jahr lang unterrichtete er an einem Provinzgymnasium in Alliers.
Der weitere Aufstieg (der ihn entweder an eine Universität in der Provinz oder ein Gymnasium in Paris geführt hätte) wurde 1955 durch die Einberufung zum Militärdienst unterbrochen. Die Ausbildung zum Reserveoffizier lehnte er ab. Daher sollte er – was immerhin noch standesgemäß gewesen wäre – dem psychologischen Dienst zugeordnet werden, aber er wurde nach Algerien geschickt – vermutlich weil er gleich nach seiner Einberufung Streit mit seinen Vorgesetzten bekam (2002b: 46). Algerien war eine französische Kolonie. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die algerische Bevölkerung – wie die anderer französischer Kolonialgebiete – nicht bereit, die Rückkehr der Besatzer zu akzeptieren. Eine Besonderheit Algeriens bestand darin, dass hier sehr viele Franzosen lebten, nahezu zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, und die Kolonie als sehr wichtig betrachtet wurde. Die Franzosen bildeten die Oberschicht im Land. Sie bekleideten alle Führungspositionen und verdienten im Durchschnitt 20mal mehr als die Einheimischen (2003a: 14). Längst war eine Schicht von Algeriern herangewachsen, die eine europäische Bildung genossen und die europäischen Lehren von der Emanzipation kennen gelernt hatten. Ferner hatte der Zweite Weltkrieg die Besiegbarkeit Frankreichs gezeigt. 1954, kurz nach der Unabhängigkeit Nordvietnams, brach der offene Krieg aus. Wenige Monate später trat Soldat Bourdieu seinen Dienst an. Er musste allerdings nicht in die Kampfhandlungen eingreifen, sondern verrichtete Bürotätigkeiten in der Heeresverwaltung.
Die Kolonialkriege hatten Frankreichs Intellektuelle schon seit einem Jahrhundert gespalten. Die Franzosen hatten 1830 Algier besetzt, das Land aber erst 1870 ganz unter ihre Kontrolle gebracht. In der Folge wurde das Kolonialreich ständig vergrößert, auch unter sozialistischen Regierungen. Die linksgerichteten Kolonialisten argumentieren, die französische Herrschaft bringe den »Wilden« Zivilisation, Aufklärung und Freiheit. Diese Position wurde noch zur Zeit von Bourdieus Militärdienst vertreten. Die Mehrheit der französischen Intellektuellen – allen voran Sartre – verurteilte den algerischen Kolonialkrieg jedoch entschieden. Zu ihnen zählte auch Bourdieu (1992b: 17f). Allerdings stellte er sich nicht hinter die Bildungselite, zu der er jetzt ja gehörte. Es gab ihm vielmehr zu denken, dass die Intellektuellen in Paris den Kampf eines Volks unterstützten, von dem sie nichts wussten. Er selbst war nun täglich mit den Schrecken des Krieges und der kolonialen Unterdrückung konfrontiert. Über das, was er sah, war er zutiefst entsetzt. Eben deshalb schienen ihm die rein theoretisch und/ oder ideologisch begründeten Urteile Sartres und seiner Mitstreiter unangemessen.
»Gegenüber dem traditionellen Philosophieren über Gott und die Welt hatte ich das Glück, quasi-metaphysische Probleme und existenzielle Fragen auf sehr dramatische Weise im Konkreten gestellt zu sehen. Daraus erwuchs mir dann eine philosophische Anthropologie, aber im guten Sinne des Wortes, d. h. nicht als irgendeine vage Spekulation, sondern als Reflexion angesichts dramatischer menschlicher Lebensumstände, die mich tief erschütterten.« (Bourdieu, zitiert in Schultheis 2003a: 35)
Zu Beginn seines Kriegsdienstes versuchte Bourdieu, innerhalb der Armee gegen den Krieg zu agitieren. Dabei hatte er wenig Erfolg, weil die meisten anderen Soldaten eine rassistische und gleichsam professionelle Einstellung nach Algerien mitgebracht hatten (2002b: 47). Zunehmend wandte er sich von den Franzosen ab und den Algeriern zu. Sein Vorgesetzter gewährte ihm dabei eine gewisse Freiheit, weil er ebenfalls aus dem Béarn stammte (2002b: 48). Der Übergang aus dem französischen Milieu zur empirischen Beschäftigung mit dem Alltag der Menschen in Algerien war vielleicht die entscheidende Wende in Bourdieus intellektueller Laufbahn. Er hatte immer noch vor, nach der Beendigung des Militärdienstes seine Tätigkeit als Philosophielehrer bzw. -professor fortzusetzen (ebd.). Während seiner Beschäftigung mit dem algerischen Alltag rückte er von dem Vorhaben ab und brach, wie er rückblickend schrieb, »mit der gelehrten Sicht der Dinge« (2002b: 45f). Auf Grund seiner Herkunft hatte er sich in dieser »hochmütigen« Welt ohnehin nie zu Hause gefühlt (2002b: 50). »Wenn es etwas Einzigartiges an meiner Karriere gibt, dann die Tatsache, dass ich mich mit der Universität niemals in dem Maße identifiziert habe wie die meisten der von ihr Verzauberten.« (Bourdieu, zitiert in Jurt 2003b: 8) Nun beschäftigte er sich mit Menschen, die denen seiner Heimat sehr viel ähnlicher waren als die Pariser Intellektuellen. Franz Schultheis charakterisierte das Verhältnis Bourdieus als »Wahlverwandtschaft« (2003b).3
Mit größtem Eifer stürzte sich Bourdieu in sein neues Tätigkeitsfeld. Er wollte ein allgemeines Werk über Algerien schreiben, um die französischen Intellektuellen mit der algerischen Wirklichkeit zu konfrontieren. Später meinte er, seine Untersuchung sei eher zivil (im Sinne von staatsbürgerlich) als politisch motiviert gewesen. Die Franzosen hätten damals wenig über Algerien gewusst und für eine politische Meinung eigentlich keine Grundlage gehabt (2003a: 42). Dieser aufklärerische und politische Impetus wissenschaftlicher Arbeit ist ein Grundmerkmal von Bourdieus Soziologie. Er motivierte schon sein erstes Buch. Das Besondere dieser Motivation – der Unterschied etwa zu Sartre – besteht eben darin, dass Bourdieu keine Urteile als gegeben oder gar axiomatisch voraussetzen wollte; sondern er war der Meinung, dass wissenschaftliche Tätigkeit das beste Mittel sei, menschliches Leiden zu erkennen und letztlich zu beseitigen. In Bezug auf seine Arbeit in Algerien schrieb er: »Eine anscheinend abstrakte Analyse kann einen Beitrag zur Lösung der dringlichsten politischen Probleme leisten.« (2003a: 45; vgl. Schultheis 2003b) Ich werde im zweiten Kapitel ausführlich darauf eingehen.
Das allgemeine Werk erschien 1958, gleich nach Beendigung des Militärdienstes, in der renommierten Reihe »Presses universitaires de France« (PUF – die UTB in Deutschland vergleichbar ist) unter dem Titel »Sociologie d’Algérie«. Später hielt Bourdieu seinen wissenschaftlichen Anspruch dieser Zeit für vermessen. Das Buch selbst bezeichnete er als »die schlechte Strategie eines outsiders«, der die Regeln der akademischen Welt nicht kennt (1992b: 24). Nach dem Militärdienst blieb Bourdieu in Algier, wo er bis 1960 eine Assistentenstelle an der Universität erhielt. Diese Anstellung verschaffte ihm die Möglichkeit, seine Forschungen fortzuführen und zu einem vorläufigen Abschluss zu bringen. Er begann mit ethnographischen Studien, weitete den Bereich seiner Begriffe, Methoden und Instrumente aber rasch aus. Es entbrannte in ihm ein unstillbarer Wissensdurst (2002b: 55). In den folgenden Jahren arbeitete er täglich vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, verschlang unzählige Bücher und versuchte, alle Aspekte der algerischen Gesellschaft zu ergründen. Er sagte sich unentwegt: »Armer Bourdieu, mit den armseligen Instrumenten, die du hast, bist du der Sache nicht gewachsen, man müsste einfach alles wissen und alles verstehen, die Psychoanalyse, die Ökonomie …« (2003b: 36) Die Mittel der Wissenschaft sollten ihn in die Lage versetzen, die Wirklichkeit zu verstehen. Sie sollten ihn aber auch vor ihr schützen, ihm Halt geben und ihn vor den Versuchungen der Ideologie bewahren. Ein prinzipielles Vertrauen in die Wissenschaft behielt er sein Leben lang bei. Er schloss sich den Mitarbeitern des französischen Statistikamts (INSEE) an, die in Algerien arbeiteten. Mit ihnen führte er eine groß angelegte Fragebogenerhebung über die algerischen Haushalte durch. Mit einem algerischen Intellektuellen, Abdelmayek Sayad, schloss er enge Freundschaft. Gemeinsam wandten sie sich der qualitativen Forschung zu. Ferner beschäftigte sich Bourdieu mit Max Weber, übersetzte Teile seiner »Protestantischen Ethik« (in 1988; zuerst 1920) und übertrug ihre Fragestellung auf Algerien. Er arbeitete gewissermaßen an allen Fronten gleichzeitig. Die Grundzüge seiner Soziologie entwickelten sich im Zusammenhang mit dieser Arbeit.
Vom ersten bis zum letzten in Algerien entstandenen Buch ist eine gedankliche Entwicklung und eine thematische Verschiebung festzustellen, obwohl alles Spätere zumindest ansatzweise im ersten Werk enthalten ist. Das ist nicht verwunderlich, weil Bourdieu nahezu gleichzeitig an allen Schriften arbeitete. Die Gleichzeitigkeit zeichnete seine Arbeitsweise aus. Dadurch gewinnen seine Werke nicht nur ihren ungewöhnlichen Reichtum und Tiefgang, sondern auch einen inneren Zusammenhang, der durch Bourdieus ständige wissenschaftstheoretische Reflexion noch verstärkt wird. Hierzu gesellt sich der Umstand, dass Bourdieu fast alle Schriften in Gemeinschaftsarbeit produzierte. Er selbst garantierte ihren inneren Zusammenhang, während die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in immer wechselnden Kombinationen beteiligt waren, zu ihrer Vielfalt beitrugen (siehe Einführung zum nächsten Kapitel).
1.1 Einsicht: Ungleichzeitigkeit
Die Beschäftigung mit der algerischen Gesellschaft führte Bourdieu zur Soziologie. Nach seinen ersten ethnographischen Studien beschäftigte er sich mit Max Webers »Protestantischer Ethik« (in 1988). Die Frage nach den Bedingungen der Entstehung des Kapitalismus, die Weber am historischen Material untersucht hat, konnte Bourdieu an die algerische Gegenwart richten. Damit befand sich Bourdieu im Zentrum der Soziologie. Die Soziologie entwickelte sich als Disziplin großenteils durch das Bemühen, die Entstehung des Kapitalismus und ihre Folgen theoretisch einzuholen. Sie erwuchs gleichsam aus der Entfaltung des Marktes und der Wirtschaftswissenschaften. Der Kapitalismus bildete nicht nur das Kernproblem der frühen soziologischen Klassiker (insbesondere Marx, Durkheim, Simmel und Weber), sondern kann auch heute noch als Horizont der soziologischen Arbeit gelten.
Bourdieu reiht sich in dieser Hinsicht nahtlos in die Folge der Klassiker ein. Er wandelte sich vom Philosophen zum Soziologen, als er in Algerien die Ausbreitung des Kapitalismus unmittelbar vor Augen geführt bekam. Er erkannte, dass die sozialen Probleme nicht nur aus dem Kolonialkrieg erwuchsen, sondern auch aus der Konfrontation zweier unvereinbarer Wirtschaftsweisen, besser gesagt: aus der Verdrängung einer »traditionalen« Wirtschaft durch eine kapitalistische. Aus der Untersuchung dieser Frage wollte er nicht nur etwas über Algerien lernen, sondern auch Erkenntnisse über den Kapitalismus insgesamt gewinnen (2003a: 43). Er erkannte, dass die algerische Gesellschaft höchst unterschiedlich vom Kapitalismus durchdrungen war und die soziale wie ökonomische Ungleichheit mit der Ausbreitung des Kapitalismus zunahm. Bourdieu versuchte nun, alle Aspekte des Phänomens zu untersuchen. Er beschäftigte sich mit Unterschieden in der Arbeitsmoral, im ökonomischen Denken, im Konsumverhalten, mit Klassenstrukturen, Klassenbewusstsein, Lebensführung und vielem mehr. Die zahlreichen Arbeiten, die ab 1958 in rascher Folge erschienen, enthalten seine wichtigsten Forschungsergebnisse. Für sich wären sie wertvolles und höchst interessantes wissenschaftliches Material, höben sich von der Masse soziologischer Literatur jedoch kaum ab. Zwei Aspekte kamen zusammen, um den »Kristallisationskern« zu bilden, der die neuartige und wegweisende soziologische Theorie Bourdieus ermöglichte. Ein Aspekt war Bourdieus Position zwischen den Disziplinen, Ideologien und sozialen Welten, der andere war eine wissenschaftliche Einsicht.
In Algerien entwickelte Bourdieu eine eigene Fragestellung. Man kann sie als entwicklungssoziologisch oder wirtschaftssoziologisch bezeichnen. Aber Bourdieu beschäftigte sich kaum mit den Diskussionen, die in diesen Bereichen geführt wurden. Vielmehr übertrug er die ethnologischen Methoden auf die Fragestellung Max Webers, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit kapitalistisches Handeln möglich ist. Aus dieser Kombination entwickelte sich Bourdieus Frage. Sie wurde dadurch ermöglicht, dass er nicht den vorgezeichneten Wegen folgte, sondern völlig disparate und unzusammenhängende Bereiche miteinander verband. Er selbst meinte später, die Eigentümlichkeit seines Ansatzes sei dadurch ermöglicht worden, dass die Frage nach der Entstehung des Kapitalismus in Algerien weder von der Ethnologie noch von der Soziologie besetzt gewesen sei (2003a: 45). Ende der Fünfzigerjahre sei die Soziologie für die Industrienationen, die Ethnologie für die anderen zuständig gewesen; Orientalismus und philologische Orientierung prägten die Auseinandersetzung mit Algerien (ebd.: 40). Daher konnte er sich »frei« bewegen. Als Philosoph kam er nach Algerien, um dort als Soldat zu dienen. Als Soldat entdeckte er die Leiden der Algerier unter der Kolonialherrschaft. Um die Leiden zu verstehen, bediente er sich ethnologischer Methoden. Diese Methoden wandte er auf eine soziologische Fragestellung an, die sich in eine kulturtheoretische verwandelte. Daraufhin bediente er sich quantitativer soziologischer Methoden. All diese Momente gingen in sein Denken ein und verbanden sich später zu seiner soziologischen Theorie.
Bourdieu selbst hat immer wieder deutlich gemacht, dass er die ausgetretenen Pfade mied. Ein wenig Ehrgeiz, wissenschaftliches Neuland zu betreten, wird dabei eine Rolle gespielt haben. Ein größeres Gewicht aber dürfte seiner eigentümlichen Laufbahn zukommen, die ihn dazu bestimmte, sich in jeder Umgebung fremd zu fühlen. In seinem »Selbstversuch« (2002b) erklärt er das Phänomen sehr plausibel in Begriffen seiner eigenen Theorie. Seine Denkrichtung, so Bourdieu, habe sich vor allem durch intellektuelle Abneigungen und Verweigerungen ergeben, die er selten benannt habe, beispielsweise gegen de Sade, Bataille und Klossowski (2002b: 10). Die Abneigung gegen einige Denker führte nicht dazu, dass er sich anderen anschloss. Vielmehr fühlte er sich in keiner Schule zu Hause. Sein früh entwickelter Eigensinn zeigt sich beispielsweise darin, dass er bereits in seinem ersten Buch, »Sociologie d’Algérie« (1958) die Unterdrückung der Frau konstatierte, für ein soziologisches Problem hielt und als solches analysierte (1958: 14f, 86). Das Thema war seinerzeit keineswegs in Mode und schon gar nicht mit akademischen Weihen gesegnet. Dennoch widmete ihm Bourdieu 1962 einen eigenen Aufsatz. Und als es später in Mode kam, bewies Bourdieu seinen Eigensinn erneut, indem er sich weigerte, die geläufigen Positionen anzuerkennen. In seinem 1998 veröffentlichten Buch über »La domination masculine« (1998b; dt. 2005b) greift er auf seine Forschungen in Algerien zurück, um standardisierten und vereinfachenden Sichtweisen des Themas entgegenzuwirken.
Die eigentümliche Kombination verschiedener Denkweisen, Erkenntnisinteressen und Methoden ermöglichte Bourdieus Einsicht. Eine Einsicht ist weder eine Theorie noch ein empirisches Datum, sondern die Erfassung eines Zusammenhangs zwischen verschiedenen Phänomenen oder Begriffen. Viel mehr als eine Einsicht darf man als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin kaum erhoffen. Auf der Grundlage einer Einsicht lassen sich Phänomene anders deuten und erklären. Ein Beispiel für eine Einsicht ist Thomas Kuhns Erkenntnis, dass wissenschaftlicher Fortschritt keine kumulative Entwicklung ist, sondern Brüche beinhaltet, an denen eine alte Theorie durch eine neue ersetzt wird. Und der Keim eines Bruchs ist eben eine Einsicht. Sie kann in alte Theorien integriert werden, vermag aber auch als Zeitbombe zu fungieren, die langfristig zum Bruch führt.
Bourdieus Einsicht kann man mit dem Terminus »Ungleichzeitigkeit« umschreiben. Kapitalismus und traditionale Wirtschaft waren nicht passgenau auf zwei soziale Gruppen verteilt, sondern variierten nach verschiedenen Parametern. Ferner konnten Menschen in einigen Bereichen kapitalistisch handeln, ohne das konsistent zu tun oder entsprechend zu denken. Bourdieu schloss: Das Beharrungsvermögen erlernter Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsmuster hat zur Folge, dass Menschen an sozialen Wandel nicht hinreichend angepasst sind. Und das gilt natürlich insbesondere für die Menschen, die dem Wandel passiv ausgesetzt sind und ihn nicht beeinflussen können. 1962 schrieb er in einem Aufsatz über die Revolution in Algerien: »Die Durchsetzung einer gemeinsamen Sprache ist nicht gering zu schätzen. Aber man darf dabei nicht vergessen, dass sich Verhaltensweisen, Haltungen und Kategorien des Denkens nicht so leicht verändern lassen.« (2003a: 32f) Rückblickend meinte er, erkannt zu haben, dass am Schnittpunkt zwischen vorkapitalistischer und kapitalistischer Ökonomie der Habitus nicht aus den Strukturen abgeleitet werden konnte (2000c: 21). Verallgemeinert lautete die Erkenntnis, dass soziale und kulturelle Merkmale keine festgeschriebene Bedeutung und keine konstanten Träger haben, sondern je nach sozialem Kontext, historischem Zeitpunkt und Lebensphase variieren können. Sogar innerhalb der Individuen selbst konnten verschiedene Schichten existieren. 1964 stellte Bourdieu fest, dass in jedem Subjekt die alte und die neue Logik, das alte und das neue Ethos koexistierten, die kulturelle Syntax und Sprache bestehe aus unvereinbaren Fragmenten (1964a: 163). Später konnte Bourdieu die Einsicht durch Ernst Cassirers relationale Wissenschaftstheorie begründen und zu einer konsistenten Theorie ausbauen. Diese Entwicklung wird Gegenstand des zweiten und dritten Kapitels sein.
Die Einsicht stellte sich nicht von selbst ein. Sie benötigte wohl gut zehn Jahre, um zu reifen. Obgleich bereits der Anfang des ersten Buchs den Keim zur Einsicht enthält, ist sie noch nicht Grundlage der Untersuchung. Die algerische Gesellschaft lasse sich schwer analysieren, heißt es dort, weil sich die Trennlinien in vielfacher Weise überschnitten (1958: 6). Dann aber folgt eine recht klare und kategorische Gliederung in traditionale und moderne Gesellschaft. Die nächsten Veröffentlichungen hatten einen entweder politischen, ethnologischen oder soziologischen Schwerpunkt und ließen die transdisziplinäre Einsicht nicht zur Geltung kommen. Sie beschäftigten sich in erster Linie mit jeweils einem Widerspruch der Kolonialgesellschaft, mit dem Krieg (1959), mit dem Geschlechterverhältnis (1962a), mit der Klassenstruktur (1963), mit der Migration und dem Stadt-Land-Gegensatz (1964a). Erst in der Untersuchung über die Entstehung eines kalkulierenden Denkens (»Algérie soixante«) ist die Einsicht und damit auch Bourdieus Einsicht voll entfaltet.4
Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse von Bourdieus Veröffentlichungen über Algerien skizziert, die teils Etappen auf dem Weg zur Entfaltung der Einsicht, teils Elemente eines Ganzen markieren. Sie münden in den Versuch, die Ungleichzeitigkeit strukturalistisch zu erklären. Da Bourdieus Einsicht jedoch nur fruchtbar zu machen war, wenn man an der Differenz zwischen Individuum und Struktur festhielt, war der Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Scheitern ermöglichte Bourdieu die Entwicklung seiner eigenen Theorie, deren erste Fassung in der »Theorie der Praxis« (1976; 1972) vorgelegt wurde. Sie wird im dritten Kapitel behandelt.
1.2 Traditionen
Zunächst hatte Bourdieu die Einsicht in eine Ungleichzeitigkeit innerhalb der algerischen Gesellschaft, die durch die Frage angeregt worden war, warum die Menschen nach westlichen Maßstäben in der Wirtschaft irrational handelten, obwohl sich die westliche Marktwirtschaft bereits ausgebreitet hatte. Er entdeckte, dass eingeübte Verhaltensweisen noch fortbestehen, auch wenn sich die Bedingungen bereits geändert haben. Die Menschen in Algerien handelten nicht irrational, sondern sie folgten den Verhaltensmustern, die sie gelernt hatten und über Jahrhunderte die einzig angemessenen gewesen waren. In dieser Einsicht liegt der Ursprung des Habitusbegriffs, wie auch Bourdieu selbst später meinte (Schultheis 2000: 166; siehe drittes Kapitel).5 Mit der Einsicht drängte sich darüber hinaus die Erkenntnis auf, dass die Wirtschaft kein selbständiges System ist, das vollständig aus sich heraus erklärbar wäre. Vielmehr müssen auch die jeweiligen soziokulturellen Bedingungen betrachtet werden. Nur so wird beispielsweise das »irrationale« Verhalten der Menschen in Algerien erklärbar.
Zu Beginn war Bourdieus Beschäftigung mit Algerien noch stark von einem Dualismus geprägt:
»[D]ie Erscheinungen des sozialen, ökonomischen und psychologischen Zerfalls müssen offenbar verstanden werden als Resultat des Zusammenwirkens von ›externen Kräften‹ (Eindringen der westlichen Zivilisation) und von ›internen Kräften‹ (ursprüngliche Strukturen der einheimischen Zivilisation).« (1959: 54; übersetzt von Fuchs-Heinritz, König 2005: 14)
Auf der einen Seite standen die Franzosen, auf der anderen die Algerier. Dem entsprachen zwei Wirtschaftsweisen, eine kapitalistische und eine traditionale. Bourdieu meinte, die koloniale Gesellschaft sei durch einen ökonomischen Dualismus gekennzeichnet (1962 in 2003a: 37). Eine einflussreiche Strömung der gerade entstehenden Entwicklungssoziologie suchte die Kolonialgesellschaften auf genau diese Weise zu verstehen, als duale Gesellschaften, und die Wirtschaftssysteme als duale Ökonomien. Man kann von Glück sagen, dass Bourdieu die Diskussionen in der Entwicklungssoziologie entweder nicht kannte oder sich nicht intensiv mit ihnen beschäftigte. Sonst hätte er vermutlich nicht erkennen können, dass der Dualismus die vielfältigen Verschränkungen von Tradition und Moderne verdeckt.6
Wenn Algerien in den Fünfzigerjahren nur als Konfrontation von kolonialen und traditionalen Formen zu verstehen war, musste sich Bourdieu auch mit der traditionalen Gesellschaft beschäftigen. Das tat er, wie wir gesehen haben, mit größtem Engagement. Die ersten Ergebnisse veröffentlichte er in der »Sociologie d’Algérie«. Das Werk ist noch stark dualistisch geprägt. Auch in den folgenden Werken bemühte sich Bourdieu noch, die Grundzüge der vorkapitalistischen Gesellschaft herauszuarbeiten – die es so schon lange nicht mehr geben konnte, war doch die algerische Küste mindestens seit dem antiken Griechenland integraler Bestandteil der Mittelmeerzivilisation und seit 1830 unter französischem Einfluss gewesen. Auch wenn die Ergebnisse einen idealisierten Charakter haben und nicht mehr den Standards der heutigen Ethnologie genügen, sind sie sehr interessant.
Die traditionale Gesellschaft untersuchte Bourdieu bei den Kabylen, einer ethnischen Gruppe im Bergland Nordalgeriens. Die Kabylei war wegen ihrer Topographie in den Fünfzigerjahren noch recht isoliert. Seine Bevölkerung lebte vom Anbau von Oliven, Feigen und Gemüse (1958: 9ff). Nur wenige Menschen waren zum Islam übergetreten. So meinte Bourdieu, bei den Kabylen einen »ursprüngliche Lebensweise« vorzufinden. Seine Beschreibung der Lebensweise erinnert stark an Emile Durkheim, indem die traditionale Gesellschaft als eine Art totale Gemeinschaft mit mechanischer Solidarität gedeutet wird (1958: 22ff). Durkheim hatte die Auffassung vertreten, dass es in traditionalen Gesellschaften wenig Spielraum für individuelle Abweichungen gebe und die Gesellschaft gleichsam die Substanz der Individuen sei. Selbst wenn Bourdieu für seine »Sociologie d’Algérie« Durkheim nicht gelesen haben sollte – was unwahrscheinlich ist – waren seine Gedanken doch so verbreitet, dass sie Bourdieu sicher vertraut waren. Zweifellos bildeten sie den theoretischen Boden, auf dem seine Einsicht heranwuchs. Denn Bourdieu behielt stets die Auffassung bei, dass die Menschen ihre Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster durch soziale Einübung erwarben. In diesem Sinne blieb für ihn die Gesellschaft die Substanz der Individuen. Die Existenz ungleichzeitiger Gesellschaften in Algerien führte ihn jedoch zu einer Neubestimmung von Durkheims Konzeption. Die Menschen erwerben Bourdieu zufolge zwar ihre Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster durch soziale Einübung, aber diese Muster erweisen sich als träge, indem sie sich nicht gleichzeitig mit den sozialen Verhältnissen ändern. Die Gesamtheit der Muster ist eben der Habitus (siehe 3.1). Der Habitus wird von der Gesellschaft »eingepflanzt«, so dass ein Mensch sozial determiniert ist, aber nach seiner Einpflanzung entwickelt er eine eigene Dynamik, die nicht mit der Dynamik der Gesellschaft identisch ist. Der Habitus bestimmt das Denken, Wahrnehmen und Verhalten, aber er beinhaltet nicht die zukünftigen Bedingungen, auf die er reagieren muss. Die Bedingungen sind vielleicht determiniert, und der Habitus ist determiniert, aber ihr Zusammentreffen eröffnet verschiedene Möglichkeiten mit unterschiedlichen statistischen Wahrscheinlichkeiten. Wenn sich die Gesellschaft nicht verändert, wirkt der Habitus determinierend. Denn die Bedingungen der Einübung sind auch die Bedingungen der Anwendung, das gegenwärtige Denken, Wahrnehmen und Verhalten ist mit dem zukünftigen identisch. Genau das behauptet Bourdieu von den Kabylen (1958: 22ff). Hätte er auf der Basis von Durkheim lediglich ethnologische Feldforschung betrieben, so hätte er den vorangehend skizzierten Gedanken kaum entwickeln können. Es ist wiederum die Vielfalt der Ansätze und Probleme, die ihn über Durkheim hinausführte.
Bourdieu kam zum Ergebnis, dass die Familie der Kern und das Modell der gesamten kabylischen Gesellschaft sei (1958: 11, 20f). Das ist nicht überraschend, denn es gilt für die meisten oder vielleicht alle traditionalen Gesellschaften. In der kabylischen Gesellschaft würden, so Bourdieu, alle Verhältnisse nach dem Vorbild der Verwandtschaftsverhältnisse bestimmt, die Menschen könnten sich Beziehungen sogar nur nach diesem Muster vorstellen (1958: 21). Das Individuum sei zuerst und vor allem Mitglied einer Familie und sodann ein Mitglied der Gruppe (des Dorfes). Daher empfinde es die Regeln der Gemeinschaft nicht als Zwang, sondern als Teil seines eigenen Bewusstseins (1958: 22). Das Gemeinschaftsgefühl mache politische und rechtliche Institutionen überflüssig (1958: 24). Die Angst vor der Gemeinschaft – insbesondere vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft – sei bereits eine hinreichende Garantie für Konformität (1958: 22, 86). Mangelnde Konformität beschmutze das eigene Ansehen und sei ein Angriff auf die Gemeinschaft (1958: 25; 2000c: 46). Diese doppelte Sicherung bezeichnete Bourdieu als »Ehre« (1958: 23). Sie sei der einzige Verhaltenskodex.7 Tatsächlich aber sei die Ehre auch sozial abgestuft, und diese Hierarchie scheint mir eine wichtige zusätzliche Garantie der Konformität zu sein. Jede Familie habe einen Chef, ebenso jeder Clan und jeder Stamm (1958: 12, 61). Hierbei handelt es sich um die jeweils ältesten Männer. Sicherlich hatten auch die anderen Mitglieder der Gemeinschaft ihre eindeutig festgelegte (niedrigere) soziale Position (Rehbein 2004). Jede kabylische Großfamilie besitze ein Stück Land, meist ein bis zwei Hektar (1958: 11). Durch die Besitzgemeinschaft und die Anpassung des Konsums an den Jahreszyklus gebe es keinen Hunger. Da sich diese Verhältnisse prinzipiell nicht änderten, sei eine Ökonomie im Sinne eines vorausschauenden Kalküls unnötig und sogar sinnlos (1958: 11, 95; 2000c: 45).
Diese Strukturen schienen nun auch dort erhalten zu bleiben, wo die Moderne Einzug hielt – wenn die Gemeinschaften zumindest teilweise fortbestanden. Dort erwarben die Algerier und Algerierinnen weiterhin ihre Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster von ihren Vorfahren, die kulturellen Werte würden mündlich übermittelt (1958: 83). Selbst in den Städten kümmerten sich die Menschen nicht um Produktivität, Effizienz und Gewinn, sie behielten den gewohnten Tagesablauf bei (1958, 55f). Was aber geschah dort, wo die traditionalen Gemeinschaften zerstört wurden oder wo der Druck zur Anpassung an die Moderne zu groß wurde? Aus den traditionalen Strukturen fielen vor allem die Menschen heraus, die eine Lohnarbeit finden mussten und nur instabile Beschäftigung fanden. Sie waren vereinzelt.
»Der Mensch der ländlichen Gemeinschaften, der stark in gemeinschaftliche Bande verwoben ist, eng von den Alten angeleitet und von einer Fülle von Traditionen unterstützt wird, macht dem isolierten und hilflosen Herdenmenschen Platz, der aus den organischen Einheiten herausgerissen ist« (2003a: 26).
Die Auswirkungen der Vereinzelung, des Kapitalismus, der Arbeitslosigkeit, der sozialen Differenzierung untersuchte Bourdieu in den Jahren nach dem Erscheinen der »Sociologie d’Algérie« genauer. Besser gesagt, er führte die begonnenen Detailuntersuchungen fort. In ihnen tritt sein Ansatz schon recht deutlich hervor, auch wenn seine Einsicht noch nicht ganz entfaltet ist. Er fand heraus, dass gerade der Wechsel von Arbeit und Arbeitslosigkeit die Traditionen zerstörte (1962b: 1039). Die Angst vor Arbeitslosigkeit bestimmte zunehmend das Denken und Handeln der städtischen Bevölkerung (1963: 268). Die in prekären Verhältnissen lebenden Menschen brachen mit der Tradition, obwohl sich ihre Lebensweise auf den ersten Blick nicht von der traditionalen unterschied: unregelmäßiger Wechsel von Arbeit und »Freizeit«, keine Planung der Zukunft, keine Ersparnisse, keine Reflexion auf die Bedingungen und erst recht keine Bemühung zur Veränderung der Bedingungen (1962b). Unter den oberflächlichen Ähnlichkeiten verbargen sich jedoch grundlegende Differenzen: Die traditional Lebenden waren immer »beschäftigt«, auch wenn sie nicht arbeiteten, sie waren in eine Gemeinschaft integriert, sie mussten für ihren Lebensunterhalt keine Schulden machen, sie brauchten sich nicht um ihre Zukunft zu kümmern, während die Tagelöhner, Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit Bedrohten nicht für ihre Zukunft sorgen konnten, unehrenhaft Schulden machen mussten und vereinzelt waren (ebd.). Da sie nicht für die Zukunft planen konnten, entwickelten sie auch kein kapitalistisches Kalkül. Das war nur den Unternehmern und den stabil Beschäftigten möglich (siehe unten; vgl. Rehbein 2004). Hier sah Bourdieu die entscheidende Trennlinie in der algerischen Gesellschaft, zumindest in der städtischen. Sie ließ sich genauer bestimmen als Differenz zwischen fester Stelle und Gelegenheitsarbeit. Quantitativ ermöglichte erst ein Einkommen über 600 Francs eine rationale Planung der Zukunft und damit ein kapitalistisches Kalkül (1963: 361ff). Die Trennlinie wird in Abbildung 1 veranschaulicht. Menschen oberhalb der Trennlinie nahmen die kapitalistische Denkweise an und wiesen den geringsten Unterschied zwischen Ideologie und Verhalten auf. Dennoch machte sich auch bei ihnen noch die Trägheit des traditionalen Habitus bemerkbar. Die Menschen kehrten jederzeit zu wirklichen oder vermeintlichen Traditionen zurück, wenn die kapitalistischen Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten verschwanden (1963: 366).

Der Kapitalismus entwickelte sich also nicht gleichmäßig. Man konnte nicht einmal sagen, dass er auf dem Land langsam und in der Stadt schnell entstand. Eher entwickelte er sich in verschiedenen Klassen unterschiedlich schnell, genauer gesagt: die Entwicklung hing von den Existenzbedingungen der Menschen ab (2000c: 24f). Bourdieu führte das kapitalistische Denken also nicht auf einen Geist und nicht auf eine Klasse zurück, aber auch nicht auf ein Bündel kultureller Merkmale. Er unterschied mehrere Klassen mit unterschiedlich ausgeprägtem kapitalistischen Denken, das wiederum der individuellen Laufbahn und den jeweiligen Bedingungen entsprechend noch einmal variierte.
»Da alles Verhalten das Resultat einer Transaktion zwischen Muster und Situation ist und die Individuen gemäß ihren Fähigkeiten und ihrem Zustand mit sehr unterschiedlichen Situationen konfrontiert sind, wird das System der Verhaltensmuster, das gemeinsame Erbe, tendenziell durch Systeme ersetzt, die für jede Klasse spezifisch sind« (1963: 382; eigene Übersetzung).
Als »Faktoren der Differenzierung« wirken sich dabei die ökonomische Notwendigkeit, die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen, der Kontakt mit der europäischen Gesellschaft, das Einkommen, das Bildungsniveau und die Ideologie der Klasse aus (ebd.). Diese Gedankenfigur kommt der entfalteten Einsicht und dem Ansatz des reifen Bourdieu schon recht nahe.
Auf der Basis seiner »Faktoren der Differenzierung« unterschied Bourdieu in der städtischen Gesellschaft Algeriens vier Klassen: Subproletariat, Proletariat und Semiproletariat (neue Arbeiter und traditionelle Arbeiter), Kleinbürgertum, Bourgeoisie (1963: 365ff). Die Klassen bestimmten sich also nicht allein – wie bei Marx – durch ihren Besitz an Produktionsmitteln, aber auch nicht allein nach ihrem Einkommen. Bourdieu hielt auch nicht an der alten Einteilung in Stadt und Land bzw. westliche und traditionale Gesellschaft fest. Vielmehr überlagerten sich all diese Unterschiede mit weiteren wichtigen Differenzen. Diese differenzierte Betrachtung der Sozialstruktur ist ein wichtiger Beitrag Bourdieus zur Soziologie und hat die Sozialstrukturforschung nachhaltig verändert (siehe 5. Kapitel).
Bourdieu stellte, wie wir gesehen haben, nicht beliebige Fragen. Ihn interessierte das Leiden der Menschen in der Kolonialgesellschaft. Das moralische Elend der Menschen schien ihm dabei noch gravierender als das materielle Elend (2003a: 26).8 Auch wenn er sich diesem Leiden auf eine innovative, eigensinnige Weise näherte, war er dabei alles andere als naiv. Die Frage nach dem Kapitalismus stellte er in enger Auseinandersetzung mit Max Weber. »Es war eine webersche Frage, die ich allerdings in marxschen Begriffen stellte …« (Bourdieu, zitiert in Schultheis 2000: 166) Webers Antwort, dass die ethisch-religiöse Orientierung eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines kapitalistischen Kalküls spiele, verwarf Bourdieu rasch. Algerien habe viel mit nicht-islamischen Gesellschaften gemeinsam, der Islam sei weder Ursache noch Folge der Sozialstruktur (1958: 96). Und die Sozialstruktur fasste Bourdieu in marxschen Begriffen.
Aus heutiger Sicht erscheint der Verweis auf Marx vielleicht etwas irreführend, denn Ausführungen über »Das Kapital« – also Begriffe wie Wert, Arbeitszeit, Profit – sucht man in Bourdieus Frühschriften vergeblich. Mit dem Verweis auf Marx konnte nur der Klassenkampf gemeint sein. Während des algerischen Kolonialkriegs bis weit in die Siebzigerjahre hinein war die Frage nach der Revolution das beherrschende Thema der politischen Linken. Und das war keine Spinnerei Pariser Intellektueller, sondern rund um die Welt Realität. Nachdem das geographisch größte Land 1917 eine sozialistische Revolution erlebt hatte, folgte 1949 mit China das bevölkerungsreichste Land. Die französische Kolonie Indochina verlor 1954 Nordvietnam, während die Vereinigten Staaten die Teilung Koreas akzeptieren mussten. Überall in der »Dritten Welt« entstanden sozialistische Befreiungsbewegungen. Die USA, die 1945 Frankreich noch dafür getadelt hatten, seine Kolonialherrschaft wiederherstellen zu wollen, stellten sich wenig später auf die Seite der Kolonialherren. Nun hieß es für sie, Sozialismus oder Freiheit (Kapitalismus). Für die meisten Pariser Intellektuellen war die Frage längst beantwortet. Ihre Fragen lauteten, wo die Revolution stattfinden sollte, ob sie dem chinesischen oder dem sowjetischen Vorbild zu folgen hätte, ob die Bauern oder die Arbeiter sie vollziehen würden.
Bourdieu konnte sich dem politischen Diskurs, der ja reale Grundlagen hatte, nicht entziehen. Er wollte nur nicht intuitiv Partei ergreifen, sondern die Fragen wissenschaftlich beantworten: »man musste die Frage beantworten, ob die Bauern oder das Proletariat die revolutionäre Klasse sind. Ich habe versucht, diese fast metaphysischen Fragen in wissenschaftliche Begriffe zu übersetzen.« (2003a: 44) Auch in dieser Hinsicht stand Bourdieu quer zu allen Fronten. Die »fast metaphysischen Fragen« mussten in Paris am Schreibtisch gelöst werden, während sich echte Wissenschaftler mit allem beschäftigten, nur nicht mit der Revolution. Wenn man sich mit der Entstehung eines kapitalistischen Denkens beschäftigte, so war man Anhänger Max Webers, und wenn es um den Klassenkampf ging, musste man sich hinter Marx stellen. Und in Algerien stand man als Franzose auf der falschen Seite. Bourdieu missachtete diese eindeutigen Zuordnungen. Wenn Bourdieu Webers Frage »in marxschen Begriffen stellte«, so heißt das, dass er eine kapitalistische Wirtschaftsethik nicht in der Religion suchte, sondern in den Klassenkämpfen. Umgekehrt setzte er keineswegs die marxsche Lehre der zwei Klassen voraus, sondern suchte die Klassen empirisch zu bestimmen, und zwar nicht nur ökonomisch.
Zu diesem Zweck ergänzte er die Fragebögen der großen statistischen Untersuchung über die algerische Bevölkerung um Fragen nach revolutionären Projekten. »Dabei habe ich festgestellt, dass das Subproletariat zwischen einem großen Veränderungswillen und einer fatalistischen Hinnahme der Welt, so wie sie ist, hin- und herschwankt.« (2003a: 44) Die Erkenntnisse über das algerische Subproletariat hat Bourdieu mit seiner Ethnologie der Kabylen und den Einsichten in die Entstehung des Kapitalismus zu einer vorläufigen Beschreibung der Sozialstruktur Algeriens insgesamt verknüpft, deren Grundzüge oben erwähnt wurden. Im Folgenden sollen die Ergebnisse noch etwas detaillierter betrachtet werden. Sie können unter drei Schlagworten zusammengefasst werden: Zerstörung der ländlichen Strukturen, Perspektivlosigkeit (der Landflüchtigen und der Subproletarier) und Folgen des Kolonialsystems.
Die Zerstörung der ländlichen Strukturen kann nicht auf eine Ursache zurückgeführt werden. Viele Aspekte des Kolonialsystems griffen ineinander, die zusammen die Struktur einer Konfiguration oder eines Kaleidoskops bildeten (1958: 82). Bourdieu interessierte sich wenig für die Beschreibung der gesamten Konfiguration, sondern konzentrierte sich – wie oben ausgeführt – auf die Entstehung des Kapitalismus und das Klassenbewusstsein. Vor diesem Hintergrund war die Zerstörung ländlicher Strukturen insofern interessant, als sie Menschen aus den traditionalen Netzen befreite und zum Eintritt in kapitalistische Strukturen nötigte. Gleichsam nebenbei beobachtete Bourdieu, wie sich die »traditionale« Lebensweise auf dem Land änderte. Er erkannte beispielsweise, dass die Verwandlung von (zuvor gemeinschaftlichem) Grundbesitz in Eigentum die ländliche Sozialstruktur fundamental veränderte. Die Menschen gerieten in Versuchung, ihr Land, das jetzt ihr Eigentum war, unter dem Marktwert zu verschleudern, um Mittel für den augenblicklichen Konsum zu haben (2000c: 39). Und ehe sie sich’s versahen, standen sie ohne Land und ohne Geld da. Es bleiben die Auswege des – traditionell verpönten – Kredits und der Lohnarbeit. Bourdieu betrachtete die Registrierung des Grundbesitzes als eine Strategie der Kolonialverwaltung, das Land auf legalem Weg in den Besitz der Weißen zu bringen, die über die finanziellen Mittel verfügten, es zu erwerben (1964a: 16).9
Neben dem »Push-Factor« der legalen Enteignung wirkte Bourdieu zufolge der »Pull-Factor« des Konsums auf die jüngere Landbevölkerung (1963: 371f). Dieser wurde noch verstärkt durch die westliche Bildung, die ältere Algerier nicht hatten. Dadurch wurde die traditionelle Hierarchie innerhalb der Familie und damit innerhalb der Gemeinschaft aufgeweicht (2000c: 80). Die Autorität und das Wissen der Älteren verloren an Wert. Das galt auch für die soziale Position der Bauern insgesamt, die über die neue Welt nichts wussten (1964a: 92f). Die Stellung der Frau verbesserte sich durch die Aufweichung nicht unbedingt, weil ihre wirtschaftliche Abhängigkeit zunahm (2000c: 81f). In traditionalen Gemeinschaften mussten Frauen keinen Schleier tragen, weil die Bereiche von Mann und Frau sozial klar getrennt waren. Da die Trennung in der Welt der Lohnarbeit und der Stadt nicht mehr aufrecht zu erhalten war, mussten die Frauen nun Schleier tragen oder ganz zu Hause bleiben, um der geltenden Deutung des Islam zu entsprechen (1964a: 132ff).
Schließlich wurden die ländlichen Strukturen durch den Krieg zerstört. Bis 1960 war insgesamt etwa ein Viertel der algerischen Bevölkerung umgesiedelt worden (1964a: 13). Ferner verursachten die Kriegshandlungen auch physische Zerstörung, verwandelten Bauern in Soldaten und verlangten nach neuen Organisationsformen. Die meisten Umgesiedelten fanden sich in Städten wieder, wo sie neben Angehörigen anderer Gemeinschaften und Clans wohnten, mit denen sie kein soziales Netz verband (1963).
Bei den Menschen, die von ihrer traditionalen Gemeinschaft abgetrennt waren, ohne in neue Strukturen eingebunden zu werden, diagnostizierte Bourdieu eine objektive und subjektive Perspektivlosigkeit. Sie ist es, die er als »moralisches Elend« bezeichnete (siehe oben). Die in prekären Situationen lebenden Stadtbewohner (die Bourdieu als »Subproletariat« klassifizierte) waren am stärksten davon betroffen. Sie hatten weder objektive noch subjektive Möglichkeiten, ihre eigene Zukunft zu gestalten. Traditionales Handeln war entwertet und den Bedingungen nicht angepasst, für kapitalistisches Handeln fehlten die Mittel und die Kenntnisse (1963, insbesondere 347–361).10 »Traditionalismus der Hoffnungslosigkeit und Mangel an Lebensentwürfen sind zwei Gesichter einer einzigen Wirklichkeit.« (2000c: 85) Als virtuellen Fluchtpunkt des Daseins ermittelte Bourdieu die Arbeitslosigkeit (2000c: 95). Das Subproletariat war nicht an einem Aufstieg oder an einer Arbeit orientiert, sondern an der Furcht vor Arbeitslosigkeit. Die Wünsche und Hoffnungen der Menschen aber, die keine realen Möglichkeiten hatten, erwiesen sich in Befragungen als völlig irreal (2000c: 87ff). Erst bei steigendem Einkommen waren sie erfüllbar. Diese Diagnose ist leider immer noch höchst aktuell.
Die Folgen der Konfrontation von kapitalistischer und traditionaler Gesellschaft ergeben sich aus der voranstehend skizzierten Diagnose nahezu von selbst. Die Grundlage der traditionalen Wirtschaft und Gesellschaft, die Familie, wurde gelockert oder gar aufgelöst. Die Mitglieder einer Familie waren nicht mehr in ein klar strukturiertes Ganzes integriert, sondern mussten – tendenziell allein – auf dem freien Markt die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt zu verdienen suchen (1963: 322f). Der ökonomische Druck machte alte Verhaltensmuster sinnlos oder unmöglich, aber an ihre Stelle traten nicht unbedingt »rationale« kapitalistische Verhaltensmuster. Denn den meisten Menschen fehlten die subjektiven und objektiven Mittel, sich in der neuen Ordnung rational zu verhalten (1963: 338). Infolgedessen suchten viele Menschen in einem fruchtlosen Traditionalismus – oder eher: Konservatismus (Saalmann 2005b) – Zuflucht, während andere absurde Verhaltensweisen entwickelten (1963: 338; 1964a: 19).
Eine gewisse Veränderung des traditionalen Habitus gelang in zwei Bereichen. Den ersten bildete der Konsum. Die Algerier kannten von der europäischen Lebensweise in erster Linie den Luxus, den sie in der Folge ebenfalls begehrten. Sie waren »kapitalistische Konsumenten, bevor sie kapitalistische Unternehmer« werden konnten (1963: 372; eigene Übersetzung). Diese Veränderung konnte in allen Klassen geschehen, am ehesten aber natürlich bei Menschen, die engen Kontakt mit der europäischen Bevölkerung hatten. Den zweiten Bereich der Veränderung bildete die europäische Arbeitswelt, insbesondere das Unternehmertum. Hierbei spielten das Militär und die Emigration eine nicht zu vernachlässigende Rolle (2000c: 14).11 Allerdings gab es kaum algerische Unternehmer, da den Algeriern Kapital, Wissen und Führungsqualitäten fehlten (1963: 375). Im Handel und Handwerk hingegen blieben die traditionalen Verhaltensmuster noch weit gehend erhalten, weil der ökonomische Druck fehlte (1963: 376). Der gesellschaftliche Aufstieg gelang also in erster Linie Menschen mit engem Kontakt zu Europäern, einer gewissen Bildung und Kenntnis der französischen Sprache (2000c: 116f). Nur diesen Menschen schrieb Bourdieu ein revolutionäres Potenzial zu, weil sie mit den Europäern auf einer Ebene kommunizieren und realistische Forderungen erheben konnten.12 Das Subproletariat konnte nur mit einer Sprache reagieren, die nicht mit seiner Wirklichkeit verknüpft war und nicht von ihm selbst stammte (2000c: 97f). Ferner hatten die von ökonomischer Not geprägten Menschen keinen Blick für das Ganze, sondern nur für ihre unmittelbare Not (2000c: 101).
»Mit einer Dauerstellung, geregeltem Lohn und mit dem Auftauchen realer Aufstiegsperspektiven kann ein weltliches, offenes und rationales Bewusstsein entstehen. Dann sieht man, wie die Widersprüche zwischen den maßlosen Erwartungen und den verfügbaren Möglichkeiten schwinden, zwischen den auf imaginärer Basis geäußerten Meinungen und den wirklichen Haltungen. Die Handlungen, Wertungen und Erwartungen sind einem Lebensplan untergeordnet. Dann, und nur dann, kann die revolutionäre Haltung die Flucht in den Traum ersetzen, die fatalistische Resignation oder das wütende Ressentiment […] Beschäftigungsstabilität und sicherer Lohn sind die Voraussetzung für den Zugang zu modernen Wohnformen, für die Gewöhnung an diese und für eine Lebensweise mit elementarem Komfort. Weil sie [die dauerhaft Beschäftigten] ihr Berufsleben mit der industriellen Gesellschaft in Kontakt bringt, konnten sie ferner moderne Techniken, Verhaltensmodelle und Ideale annehmen und integrieren« (2003a: 36).
Auf dem Land waren die Folgen ähnlich vielfältig wie in der Stadt. In den Tälern, wo sich der Kontakt mit der kapitalistischen Gesellschaft unmittelbar vollzog, wurden die traditionalen Strukturen zerstört. Teilweise aber blieben sie erhalten, und zwar genau dort, wo die Menschen weiterhin als Bauern ihren eigenen Boden bestellten (1964a: 30, 76). Je mehr Familienmitglieder eine Lohnarbeit hatten oder suchten, desto mehr erodierten die alten Strukturen. Im Bergland war der Kontakt mit der kapitalistischen Gesellschaft weniger unmittelbar, so dass die alten Strukturen hier eher fortbestanden. Der traditionelle Gegensatz zwischen Berg- und Talbewohnern wurde dadurch noch verstärkt (1964a: 30).13 Eine weitere Folge war die Entstehung des kapitalistischen Denkens, das Max Weber auch als »Geist des Kapitalismus« bezeichnet hat. Bourdieus Untersuchungen dazu ist der folgende Abschnitt gewidmet.
1.3 Der Geist des Kapitalismus
Bourdieu hat schnell erkannt, dass sich der »Geist des Kapitalismus« kulturell und sozial nicht einheitlich verbreitete. Wie aber der vorkapitalistische Geist aussah, war weit schwieriger zu ermitteln. Er brauchte viele Jahre, um zu erkennen, dass seine – auch für uns heute selbstverständlichen – Vorstellungen von Wirtschaft bei den Kabylen und zahlreichen anderen Algeriern völlig unbekannt waren. Ökonomische Verhaltensweisen, Denkmuster und Akteure sind historisch erst im Laufe einer komplexen Entwicklung entstanden und nicht in der »menschlichen Natur« angelegt (2000c: 7f). Im Frühstadium der kapitalistischen Entwicklung waren Verhaltensmuster erforderlich, die Max Weber als »asketisch« und »protestantisch« bezeichnete, also Vorsorge, Abstinenz und Sparsamkeit, während im entfalteten Kapitalismus Kredit, Konsum und Genuss an ihre Stelle getreten sind (2003c: 22). Die Wirtschaftswissenschaft setzt einen bestimmten Typ des homo oeconomicus stets voraus, ohne seine historische, soziale und kulturelle Bedingtheit zu untersuchen. Daher bezeichnet Bourdieu sie als »die moralischste der Moralwissenschaften« (ebd.).14 Ein rationales, kalkulierendes Denken und Verhalten wird von ihr eher gefordert als empirisch aufgewiesen.
Wie passte sich nun das Denken, Wahrnehmen und Handeln der Algerier an die kapitalistische Wirtschaft an? Bourdieu wollte diese Frage nicht im Anschluss an Max Weber »subjektivistisch« untersuchen, für den das Verstehen von Motiven und Zielen ein wichtiger Bestandteil der Methode war (1963: 315). Für Bourdieu reichte es, die Entstehung eines rationalen Kalküls als bloße Reaktion auf einen Zwang zu untersuchen. Der Kapitalismus wurde den Algeriern von den Kolonialherren aufgezwungen. Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig, als auf ihn zu reagieren. Das schien Bourdieu eine gute methodische Voraussetzung zu sein, um den »Geist des Kapitalismus« zu untersuchen.
»Da sich in unseren Gesellschaften das ökonomische System und die Einstellungen in relativer Harmonie befinden, übersieht man leicht, dass das ökonomische System sich als Feld objektiver Erwartungen darstellt, die von Subjekten nur erfüllt werden können, wenn sie über einen bestimmten Typ ökonomischen, allgemeiner: zeitlichen, Bewusstseins verfügen.« (1963: 316; eigene Übersetzung)
Hinter diesem Satz lässt sich erneut Bourdieus Einsicht erahnen. Das Individuum wird in eine soziale Welt eingeübt. Aus diesem Grund ist es an deren Strukturen und Erfordernisse (»objektive Erwartungen«) angepasst. In Algerien war das nicht mehr der Fall. Daher konnte man sowohl die Anpassungsprozesse als auch die Strukturen (die Erwartungen) besonders klar erkennen. Dass auch hierbei eine Form des Verstehens zum Tragen kam, gestand Bourdieu erst in seinem Spätwerk zu (vgl. 1997b). In Algerien meinte er noch, den Gegenstand durch den Einsatz objektivistischer Instrumente erschöpfend bearbeiten zu können.15
Den Kern von Bourdieus Forschung in Algerien bildete die Einsicht in die Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Strukturen. In diesem Zusammenhang erlangt der Begriff der Zeit in zweierlei Hinsicht eine zentrale Bedeutung. Erstens enthält die Beobachtung der Ungleichzeitigkeit zwischen kapitalistischen und traditionalen Strukturen den Keim von Bourdieus Einsicht. Zweitens unterscheiden sich kapitalistischer und traditionaler Habitus in erster Linie durch ihre Verfügung über die Zukunft. Der ökonomische Habitus hängt von der objektiven Zukunft seiner Gruppe und der Einschätzung von dieser Zukunft ab (1963: 346, 382). Das Verhältnis zur Zeit untersuchte Bourdieu noch genauer. Er ermittelte eine unterschiedliche Einstellung bei Bauern, Subproletariern, Arbeitern und Kapitalisten. Die Vorstellung eines ökonomischen Werts der Zeit war der algerischen Tradition völlig fremd (1962b: 1031). Alles hatte seine Zeit (2000c: 56ff). Man war immer beschäftigt, aber man arbeitete nicht: Was getan werden musste, wurde getan, gemäß dem Lauf der Zeit (1964a: 78, 157). Im Frühjahr sät man, im Herbst erntet man, bei Regen hängt man die Wäsche ab usw. »Tatsächlich ist der vorkapitalistischen Wirtschaft nichts fremder als die Vorstellung von einer Zukunft als einem Feld des Möglichen, dessen Erforschung und Beherrschung dem Kalkül anheim gestellt wäre.« (2000c: 32) Genau diese Vorstellung aber ist für kapitalistisches Handeln unerlässlich. Wie verhielten sich nun die verschiedenen Gruppen der algerischen Gesellschaft zu ihr?
Die Bauern behielten weit gehend ihre traditionelle Einstellung zur Zeit bei. Die Zeit hatte kein rationales Maß und keinen ökonomischen Wert. Umgekehrt wurde die Arbeit nicht in Zeit und Produktivität gemessen (1964a: 78). Die Bauern folgten dem Rhythmus der Natur und der Tradition (1964a: 157). Ihre Ehre gebot es ihnen zu arbeiten, nicht aber die ökonomische Notwendigkeit (1964a: 163). Der Ertrag der Arbeit hing nicht von der Produktivität der Arbeit ab, sondern von nicht zu beeinflussenden Mächten (2000c: 55). Max Weber hatte Bourdieu zufolge den Unterschied zwischen Tätigkeit und Müßiggang in der traditionalen Gesellschaft durch seine Unterscheidung von rationalem und traditionalem Handeln verwischt (2000c: 54). Diese Unterscheidung ist eine moderne, die den Kapitalismus voraussetzt. Sie wurde auch von der modernisierten Stadtbevölkerung Algeriens vorausgesetzt, die die Bauernschaft als unterbeschäftigt, nicht wertvoll und zurückgeblieben betrachtete (1964a: 81, 157). In der Bauernökonomie waren handwerkliche und kaufmännische Tätigkeiten den landwirtschaftlichen, die den Lebensunterhalt sicherten, untergeordnet. Im Kapitalismus war das umgekehrt (2000c: 12f).
Unterbeschäftigt waren auch die Subproletarier. Sie hatten sich die Definition von Arbeit als produktive und bewertete Arbeitszeit jedoch schon teilweise zu eigen gemacht. Wenn sie nicht oder zu wenig arbeiteten, vergeudeten sie ihre Zeit (1962b: 1032f). Gleichzeitig aber konnten sie ihre Zeit nicht rational planen und ein kalkulierendes Denken entwickeln, weil sie keine Verfügung über ihre eigene Zukunft hatten (1962b: 1040). Sie konnten nicht einfach arbeiten oder mehr arbeiten, sondern waren von Gelegenheiten abhängig. Unterhalb einer gewissen Einkommensschwelle und Beschäftigungsstabilität war keine Rationalität möglich (2000c: 20). Und erst wer seine Arbeit frei wählen konnte, war in der Lage, eine berufliche Moral (also nach Weber: einer kapitalistischen Wirtschaftsethik) zu entwickeln (1963: 298). Proletariat und Kleinbürgertum vermochten, ihr Leben zu planen, ihre Ziele in eine hierarchische Ordnung zu bringen und utilitaristisch zu handeln (1962b: 1040). Diese beiden Klassen waren in Algerien zahlenmäßig jedoch sehr klein. Noch kleiner war die algerische Bourgeoisie, die allein im engeren Sinne kapitalistisch handeln konnte, indem sie Kapital einsetzte und Mehrwert akkumulierte. Die Mehrheit der algerischen Kapitalbesitzer operierte im Handel, weil hier das eingesetzte Kapital sehr schnell verwertet wurde, während der Zyklus in der Industrie sehr viel länger und unübersichtlicher war (1963: 376f). Mit dem algerischen Unternehmertum hat sich Bourdieu allerdings nicht eingehender beschäftigt.
Zusammenfassend charakterisierte Bourdieu die Entstehung eines Geistes des Kapitalismus nicht mehr als Anpassung, sondern als »Konversion« (2000c: 14). Das Weltbild »verkehrte« sich vollständig, wurde nicht nur modifiziert (2000c: 17). Die Menschen mussten ihr Weltbild geradezu neu konstruieren. Darin waren sie den europäischen Frühkapitalisten ähnlicher als den gegenwärtigen Wirtschaftssubjekten (2000c: 26f). Die Konversion gelang, weil die Menschen den kapitalistischen Geist durch den Kontakt mit der europäischen Wirtschaft »atmeten« (1963: 314). Ähnlich wie Karl Polanyi formulierte Bourdieu:
»Alle zentralen Charakteristika vorkapitalistischer ökonomischer Praktiken finden ihren gemeinsamen Nenner darin, dass die von uns als ökonomisch angesehenen Verhaltensweisen noch nicht als solche konstituiert und verselbstständigt sind, d. h. noch nicht als aus einer besonderen Ordnung stammend betrachtet werden, eine Ordnung, welche von Gesetzen anderer Art beherrscht wird als jene, welche gewöhnliche gesellschaftliche Beziehungen, insbesondere zwischen Verwandten, bestimmen.« (2000c: 8)
1.4 Ethno-soziologische Methoden
Die ethnologische Situation bietet eine Besonderheit, die zugleich Vorteil und Nachteil ist. Man kennt den Gegenstand nicht aus eigener Erfahrung und hat deshalb Distanz zu ihm. Diese Situation bietet die Möglichkeit, den Erkenntnisprozess zu beobachten und die eigenen Voraussetzungen in den Blick zu bekommen und kritisch zu hinterfragen. Sie zwingt aber auch dazu, die zuvor unbekannten, fremden Menschen zu verstehen, ihre Perspektive kennen zu lernen und zumindest hypothetisch nachzuvollziehen. In dieser Situation befand sich Bourdieu während seiner Forschungen in Algerien. Er hat sie nicht mehr verlassen, sondern mit nach Frankreich zurückgenommen.
In Algerien befand er sich in einer besonderen Variante der ethnologischen Situation, denn er war als Soldat einer Kolonialmacht gekommen. Einerseits schien ihm der Kolonialkrieg die Erkenntnis zu begünstigen, denn er offenbarte die wesentlichen Eigenschaften der algerischen Gesellschaft (1962a: 308). Darüber hinaus ermöglichte er die Erkenntnis der Kolonialherrschaft. »Der Krieg bringt mit einem Schlag die wahren Grundlagen der kolonialen Ordnung ans Tageslicht, nämlich das Kräfteverhältnis, mit dem die herrschende Kaste die beherrschte Kaste unter Vormundschaft hält.« (2003a: 22) Andererseits aber erschwerte er den Forschungsprozess und die Kommunikation mit den Menschen, die Bourdieu gegenüber misstrauisch waren und stets nur über ihre Leiden sprechen wollten (1963: 260f). Ferner bedienten sie sich nicht ihrer eigenen Sprache, sondern beschränkten sich auf Worthülsen (1963: 259). Bourdieu beobachtete nun, dass ihre Worte oft von ihren Handlungen abwichen (2003a: 32). Das wurde ihm zur Grundlage der Fragen, die er im Forschungsprozess stellte. Er hatte vor, den Worten und Handlungen der Menschen den Sinn wiederzugeben, den sie vor der Kolonialherrschaft hatten (1963: 259f). Das erwies sich jedoch als problematisch – ebenso wie seine strikte Trennung von traditionaler und moderner Gesellschaft. Glücklicherweise konzentrierte er sich darauf, die soziale Wirklichkeit so zu untersuchen, wie sie sich ihm darbot, und den Auswirkungen von Kolonialherrschaft und Krieg nachzuspüren.
Bei der Beschäftigung mit den Kabylen kam ihm zu Gute, dass er selbst auf dem Land aufgewachsen war und viele der Aspekte des Bauernlebens kannte. Dem Misstrauen und der Fremdheit begegnete er durch einen folgenreichen Kunstgriff. Er hatte sich mit dem algerischen Wissenschaftler Abdelmayek Sayad angefreundet, der ihn bei der Feldforschung begleitete.16 Auf diese Weise ergab sich stets ein doppeltes Bild. Einer war vertraut, der andere fremd; einer schrieb, der andere hörte zu und stellte die Fragen; einer beobachtete, der andere handelte. Die Einbeziehung und Ausnutzung verschiedener Perspektiven auf denselben Gegenstand zeichnete Bourdieus Methode bis zuletzt aus. Hierzu gesellt sich eine Vielheit der Instrumente, die er in keiner Weise orthodox und schulmäßig trennte (Schultheis 2003a: 27). Bourdieu kaufte sich eine gute Kamera und machte in Algerien unzählige Photographien (siehe 2003b). Photographie ist auch ein Weg zu den Menschen, sie eröffnet den persönlichen Kontakt, ermöglicht die Aufzeichnung von Details und Vergänglichem, beeinflusst ihn aber wenig und ist wenig selektiv. Bourdieu machte standardisierte und offene Interviews, kontrollierte und zufällige Beobachtungen, sammelte und analysierte Sprichwörter, notierte Haushalts- und Zeitbudgets, fertigte Schemata und Zeichnungen an (Schultheis 2003a: 30).
»Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen, so wie man Kinder ins Wasser stößt, damit sie schwimmen lernen. Ich arbeitete gleichzeitig an tausenderlei Fragen und Themen von der Gabe, über den Kredit bis hin zu Verwandtschaftsbeziehungen und hatte irgendwie schon das Gefühl, auf dem rechten Wege zu sein, ohne dass ich aber genauer hätte sagen können, worin meine Methode denn eigentlich konkret bestand« (zitiert nach Schultheis 2003a: 33).
Mit Sayad arbeitete er nach eigener Aussage über Wochen von sechs Uhr morgens bis drei Uhr nachts (2003b: 39). Schließlich befragte er mit seinen Kollegen vom INSEE rund 2000 Personen (von denen er 200 für eine genauere Erhebung mit eigenen Fragen auswählte) (Schultheis 2000: 173).17
Ein wichtiges ethnologisches Instrument hat Bourdieu allerdings vergessen, was er später sehr bedauerte: das Tagebuch (2003b: 38). Das Bedauern beruht sicher zum Teil darauf, dass das Tagebuch eine besonders gute Grundlage für die Gleichzeitigkeit von Forschung und Selbstreflexion bietet, die Bourdieus Ansatz auszeichnet und schon in Algerien entwickelt war.
»Da ich überzeugt bin, dass man sich entfernen muss, um sich anzunähern, dass man sich selbst einbringen muss, um sich auszuschließen, dass man sich objektivieren muss, um die Erkenntnis zu entsubjektivieren, war mein erstes Objekt der anthropologischen Erkenntnis ganz bewusst die anthropologische Erkenntnis selbst, und die Differenz, die sie notwendigerweise von der praktischen Erkenntnis unterscheidet.« (2003a: 45)
Erst die Enthüllung des eigenen Vorverständnisses ermöglicht eine verstehende Annäherung an den Gegenstand. Ganz im Geiste Gadamers vermittelte Bourdieu seine Konstruktion des Gegenstands mit seinen Beobachtungen des Gegenstands. Daraus erwuchs seine Erkenntnis der kulturellen Einbettung der Wirtschaft und letztlich auch seine Einsicht in die Ungleichzeitigkeit.
»Nichts hatte mich darauf vorbereitet, die Ökonomie, und erst recht nicht die eigene, als ein Glaubenssystem zu denken, und ich musste nach und nach auf dem Wege der ethnographischen Beobachtung und verstärkt durch meine statistischen Untersuchungen die praktische Logik der vorkapitalistischen Ökonomie erlernen, während ich gleichzeitig damit befasst war, deren Grammatik mehr schlecht als recht zu beschreiben.« (2000c: 16)
2 Brüche
Gegenstand dieses Kapitels ist Bourdieus Erkenntnistheorie, deren Grundlagen er in Reflexion auf seine Erfahrungen in Algerien und seine Forschungen über das französische Bildungswesen (siehe 4. Kapitel) erarbeitete. Das Kapitel ist zwar weniger empirienah als das vorangehende, aber auch nicht so beängstigend trocken, wie man befürchten könnte. Das liegt an Bourdieus Auffassung von ihr. Sie muss zwar mit dem Alltagsverstand brechen, gleichzeitig aber die eigene Verstrickung in die Welt des Alltags reflektieren. Dieser Bruch ist Thema des ersten Abschnitts. Im zweiten Abschnitt wird erörtert, wie nach Bourdieu die erkenntniskritische Reflexion auf die Verstrickung in den Alltag aussehen kann. Auch hier bemüht sich Bourdieu um Brüche – mit der Alltagssprache, mit den überkommenen Traditionen und Dichotomien, den eigenen Vorurteilen und der theoretischen Haltung zur Welt zu brechen, indem er sie kritisch aufarbeitet. Die Konsequenzen der kritischen Aufarbeitung für die wissenschaftliche Begriffsbildung werden im dritten Abschnitt thematisiert. An die Stelle eines substanzialistischen und auf absoluter Begründung basierenden Denkens tritt bei Bourdieu ein relationales Denken in Konfigurationen, das eine Begründung und eine Reichweite auf mittlerer Ebene sucht. Die Begründung ist Gegenstand des vierten Abschnitts. Sie besteht in der Kritik zum Zweck der Befreiung von praktischen und theoretischen Zwängen. Da genau so auch der Begründungsanspruch der kritischen Theorie formuliert werden könnte, soll Bourdieus Anspruch etwas genauer mit dem von Jürgen Habermas kontrastiert werden. Einleitend wird Bourdieus Lebenslauf nach seiner Rückkehr aus Algerien kurz skizziert, damit sich die erörterten Gedanken und Schriften besser in ihrem Umfeld verorten lassen.
1960 kehrte Bourdieu endgültig nach Frankreich zurück. Seine Kritik am Existenzialismus wurde unter den Intellektuellen in Paris jetzt immer mehr geteilt. Vorreiter der Kritik war Claude Lévi-Strauss, der im Anschluss an den Linguisten Ferdinand de Saussure den Strukturalismus weiterentwickelte. Lévi-Strauss hatte mit den herkömmlichen Methoden der Ethnologie bei seiner Feldforschung in Brasilien wenig Erfolg gehabt. Über die daraus resultierende Frustration hat er in seinem Buch »Traurige Tropen« (1978) äußerst beredt und anschaulich Zeugnis abgelegt. Eine der wichtigsten Folgerungen, die er daraus zog, war die Unfruchtbarkeit verstehender Methoden. Die Eingeborenen könnten über die Gesetzmäßigkeiten, die ihrem Handeln, Denken und Sprechen zu Grunde liegen, nichts von wissenschaftlichem Wert sagen. Die Wissenschaft müsse die Gesetzmäßigkeiten formal konstruieren. In der Konstruktionsarbeit führte Lévi-Strauss die sinnhaften Phänomene der sozialen Welt letztlich wie Saussure auf formale, überhistorische Differenzen zurück. Diese Differenzen werden als »diakritische«, dichotomische Gegensätze gefasst, ähnlich wie 0 und 1 in der Computersprache. Der erste Band der kunstvoll komponierten und unterhaltsam zu lesenden »Mythologica« (1971) beruht beispielsweise auf dem Gegensatz zwischen Rohem und Gekochtem. Bourdieu, der nach einem wissenschaftlichen Paradigma suchte, mit dem er sein algerisches Material konsistent interpretieren könnte, war vom Strukturalismus beeindruckt (1987b: 8f). Er besuchte die Vorlesungen, die Lévi-Strauss als Professor an der renommiertesten französischen Bildungsinstitution, dem Collège de France, hielt. Und er bemühte sich rund zehn Jahre lang, das algerische Material strukturalistisch zu interpretieren. Die im Werk »Sozialer Sinn« abgedruckte Studie über das algerische Haus (zuerst 1969 erschienen) war seine vielleicht reinste, auf jeden Fall seine »letzte Arbeit als unbefangener Strukturalist« (1987b: 23).
Die Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus war spätestens ab 1960 eine der Konstanten in Bourdieus Denken – und ist es auch in der Sekundärliteratur. Stets wird gefragt, in welchem Maße Bourdieu Strukturalist war und blieb. Die Frage wird uns noch an mehreren Stellen beschäftigen. Hier sei darauf hingewiesen, dass Bourdieu stets ein Gegengewicht gegen den Objektivismus des strukturalen Denkens hatte. Er war mit Max Weber, der qualitativen Forschung und der Phänomenologie gut vertraut. Im Rückblick müssen die rein strukturalistischen Arbeiten Bourdieus eher als ein weiterer Versuch gelten, ein eigenes wissenschaftliches Paradigma zu entwickeln. Weder der algerische Hintergrund noch der weitere Denkweg Bourdieus machen eine völlige Bekehrung zu Lévi-Strauss wahrscheinlich. Tatsächlich war auch seine Forschung der Sechzigerjahre nur zum Teil mit dem Strukturalismus kompatibel. Er beschritt genau den entgegengesetzten Weg wie Lévi-Strauss in den »Traurigen Tropen«, indem er den ethnologischen Blick des Fremden auf die eigene Gesellschaft richtete (2002b: 71). Bourdieu meinte später, dass die Lektüre von Alfred Schütz ihn dazu inspiriert habe (2002b: 69).1 Wenn es einen Gegensatz zu Lévi-Strauss gibt, so verkörpert Schütz ihn sicher sehr gut. Noch während der Arbeit an den Texten zu Algerien erforschte Bourdieu in seiner Heimat, dem Béarn, die Heiratsstrategien, also einen Aspekt der sozialen Reproduktion.
»Den verstehenden Blick des Ethnologen, mit dem ich Algerien betrachtet habe, konnte ich auch auf mich selbst anwenden, auf die Menschen aus meiner Heimat, auf meine Eltern, die Aussprache meines Vaters und meiner Mutter, und mir das alles so auf eine völlig undramatische Weise wiederaneignen, denn hier liegt eines der großen Probleme entwurzelter Intellektueller, wenn ihnen nur die Alternative zwischen Populismus oder im Gegenteil einer durch Klassenrassismus bedingten Scham für sich selbst bleibt. Ich bin diesen Menschen, die den Kabylen sehr ähnlich sind und mit denen ich meine Kindheit verbracht habe, mit dem Blick des Verstehens begegnet, der für die Ethnologie zwingend ist und sie als Disziplin definiert.« (2003b: 48)
Rückblickend sagte Bourdieu, die Forschungsarbeit in ihm vertrauten Umgebungen, dem Béarn und der Universität, habe es ihm ermöglicht, seine »strukturalistischen Vorurteile« abzulegen (1992b: 27). Im heimischen Universum sei es ihm möglich gewesen, den Erkenntnisprozess und das Erkenntnissubjekt mit zu erforschen (1992b: 79f). Dabei ging es auch um die verdeckten Annahmen, die in einer theoretischen, distanzierten, objektivierenden Haltung impliziert sind. Diese theoretische Analyse der theoretischen Einstellung war eine der Grundlagen für den Bruch mit dem strukturalistischen Paradigma. Aus der theoretischen Perspektive spreche man von Heiratsregeln, in der praktischen Haltung seien es eher Heiratsstrategien. Die theoretische Erklärung des Handelns sei nicht sein Prinzip (1976: 140ff). Das entdeckte Bourdieu bei der Interpretation des béarnesischen und des algerischen Materials. Dem strukturalistischen Denken zufolge ist die Heirat mit der Parallelkusine die vorherrschende, grundlegende Heiratsform, eine Struktur. Empirisch traf das in Algerien allerdings nur in drei bis sechs Prozent der Fälle zu (1992b: 26f). Man konnte also die Strenge, Klarheit und Objektivität des Strukturalismus auf Kosten der empirischen Sättigung beibehalten oder man musste mit dem Strukturalismus brechen. Bourdieu wählte letzteren Weg.
Ein weiteres Gegengewicht gegen den Strukturalismus bildete Bourdieus berufliche Laufbahn. 1960 bis 1962 war er Assistent bei Raymond Aron an der Faculté des lettres an der Pariser Sorbonne (hierzu Jurt 2003b: 66f). Aron wird das Verdienst zugeschrieben, Weber in Frankreich populär gemacht zu haben. Ferner besetzte er in der Welt der französischen Intellektuellen eine konservative Position. Bei Aron promovierten viele der heute bekannten französischen Soziologen. Er hatte kurz zuvor den ersten eigenständigen Universitätsabschluss in Soziologie eingeführt. Bourdieu war nun also nicht mehr Philosoph und nicht mehr Ethnologe, sondern offiziell Soziologe.
Der Vollständigkeit halber seien einige wichtige Etappen seines folgenden Lebenslaufs genannt. 1962 heiratete er Marie-Claire Brizard. 1962 bis 1964 war er Maître de Conférences (Dozent) für Soziologie an der Faculté des lettres in Lille, ab 1964 Generalsekretär des Centre de sociologie européenne, das Raymond Aron 1960 mit finanzieller Unterstützung der Ford Foundation gegründet hatte. 1964 bis 1984 hatte Bourdieu eine Forschungsstelle an der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS) und eine Professur für Soziologie an der Faculté des lettres (beide in Paris). 1968 bis 1988 war er Direktor des von ihm initiierten Centre de sociologie de l’éducation et de la culture, ein mit dem Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) assoziiertes Forschungsinstitut. 1982 wurde er zum Professor für Soziologie am Collège de France berufen, was den Gipfel einer wissenschaftlichen Laufbahn in Frankreich, eine Art Heiligsprechung, darstellt. In dieser Eigenschaft hält man lediglich Vorlesungen und ist mit keinerlei Betreuungs- und Verwaltungsaufgaben betraut. 1964 bis 1992 war Bourdieu Herausgeber der Schriftenreihe »Le Sens Commun« beim Pariser Verlag Editions de Minuit, ab 1975 gab er eine eigene Zeitschrift heraus, die »Actes de la recherche en sciences sociales«, die heute noch fortgeführt wird. Im selben Jahr wurde er Consulting Editor der Zeitschrift »American Journal of Sociology« (Chicago) und 1989 Herausgeber der Zeitschrift »Liber« (Paris). Seit 1981 fungierte er als Berater der Gewerkschaft Confédération Française Démocratique du Travail (C. F.D. T.).
Am Centre de sociologie européenne sammelte sich um Bourdieu eine Forschergruppe, die unter anderem Luc Boltanski, Robert Castel, Jean-Claude Chamboredon, Patrick Champagne, Yvette Delsaut, Remi Lenoir, Jean-Claude Passeron, Louis Pinto und Monique de Saint-Martin umfasste (2003a: 53f). Viele von ihnen arbeiteten über Jahrzehnte hinweg zusammen – und tun es zum Teil noch heute. Die Arbeit in der Gruppe war für Bourdieu Programm. Das ist in seiner Theorie selbst begründet. Die Gruppe bildet in sich ein soziales Universum mit verschiedenen Perspektiven und vereint Menschen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, die einander die blinden Flecken aufzeigen, sich kritisieren und ergänzen können. Das Programm ist in Bourdieus Wissenschaftstheorie verankert und wurde in die Praxis umgesetzt. Dass die Umsetzung nicht ganz demokratisch geschah und sich Bourdieu nicht zuletzt aus diesem Grund mit einigen seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entzweite, beruht eher auf menschlichen Schwächen als auf der Unzulänglichkeit des Programms. Bourdieu hätte unmöglich den schon fast legendären Reichtum an empirischem Material bearbeiten und es so gut verarbeiten können, hätten nicht seine Kollegen und Kolleginnen ihre eigenen Stärken mit eingebracht. Auch ein Gutteil seiner Wirkung ist darauf zurückzuführen.
2.1 Der doppelte Bruch
Das Kapitel stützt sich so weit wie möglich auf die in »Soziologie als Beruf« (1991a; zuerst 1968) entwickelte Wissenschaftstheorie. Leider kann es sich nicht darauf beschränken. Denn das Werk ist eine Gemeinschaftsarbeit, in der Bourdieu (noch) nicht die eindeutige geistige Führungsrolle zukam. Auch die Handschrift der beiden Co-Autoren, Jean-Claude Chamboredon und Jean-Claude Passeron, ist in ihm erkennbar. Ferner sind noch nicht alle Topoi von Bourdieus Ansatz in ihm enthalten, geschweige denn ausgeführt. Schließlich ist das unter dem Titel »Soziologie als Beruf« veröffentlichte Buch nur der erste Band eines auf drei Bände angelegten Werkes.2 Der erste Band wurde jedoch zu sehr als Handbuch, wie ein Kochbuch, gelesen, als enthalte es eine Methode, die man nur befolgen muss, um gültige Ergebnisse zu erhalten. Das Werk war von den Verfassern als Reflexion auf den Forschungsprozess gedacht. Nur so war Wissenschaftstheorie für Bourdieu gerechtfertigt – nicht als Gehirngymnastik am Schreibtisch und nicht als Festlegung der Empirie auf eine Methode. Da das Buch nicht in seiner Intention verstanden wurde, ließ Bourdieu die Arbeit an den Nachfolgebänden fallen. Daher bildet der Kommentar des Werks nur gleichsam den Leitfaden durch das Kapitel. An ihm knüpfen zahlreiche Fäden an, die in unterschiedliche Richtungen weisen, aber ein Ganzes bilden sollen.
Die Grundbedingung für Wissenschaftlichkeit ist den Autoren von »Soziologie als Beruf« zufolge der Bruch mit dem Alltagsdenken, insbesondere mit der Alltagssprache. In den Sozialwissenschaften gehe man von einer Alltagsbegrifflichkeit aus, deren versteckte Annahmen dann den Erkenntnisprozess beeinflussen oder gar lenken (1991a: 15f, 26). Die Alltagssprache sei nicht für wissenschaftliche Zwecke, also für theoretische Erkenntnis, sondern für die alltägliche Praxis bestimmt. Sie enthalte eine bestimmte, praktische Auffassung der Wirklichkeit. Um sich von ihr zu lösen, müsse der Sozialwissenschaftler oder die Sozialwissenschaftlerin ihr in allen Punkten widersprechen (1991a: 17). An die Stelle der Alltagsbegriffe müssten theoretisch konstruierte provisorische Begriffe treten, wie Durkheim das gefordert hat. Dieser Bruch ist äquivalent mit der Erkenntnis des Sokrates, nichts zu wissen. Erst mit dem Nichtwissen beginnt die Wissenschaft. Wissenschaft wird gegen die alltägliche Illusion des Wissens betrieben.
Der Bruch mit dem Alltagswissen ist in den Sozialwissenschaften besonders schwer, aber auch besonders notwendig. Man hat sich daran gewöhnt, dass man für Wissenschaften wie Chemie oder Physik eine neue Sprache lernen muss. Man meint jedoch, in der Soziologie mit der Alltagssprache auszukommen. Die alltägliche Sichtweise der sozialen Welt bezeichnet Bourdieu als »Spontansoziologie«. Eben gegen sie richtet sich der Bruch. Jeder Mensch glaubt, auf dem Gebiet der Gesellschaft Experte zu sein. Daher haben die soziologischen Erklärungen die größte Zustimmung, die der Spontansoziologie am nächsten sind (1991a: 29). Aus der Spontansoziologie ergibt sich die Evidenz vieler soziologischer Aussagen, die genau aus diesem Grund keine wissenschaftlichen Aussagen sind. Die Alltagsbegriffe beinhalten nicht nur eine bestimmte Sichtweise der sozialen Welt, sondern sie werden auch realistisch verstanden. Das heißt, es wird von der Existenz des Wortes auf die Existenz der Sache geschlossen. »Im Hinblick auf die soziale Welt macht uns der Alltagsgebrauch der Alltagssprache zu Metaphysikern.« (1992b: 74) Die theoretische Konstruktion der Begriffe stellt den ersten Schritt des Bruchs mit den Alltagsbegriffen und mit ihrem Realismus dar.
Bruch und Konstruktion verweisen auf die Wissenschaftstheorie Gaston Bachelards. Mit dieser Tradition war er seit seinem Studium gut vertraut. Modischen Strömungen warf er einen Mangel an Wissenschaftlichkeit, Ernst und Strenge vor (1992b: 17). Aus diesem Grund hatte er beim führenden Vertreter der Tradition Bachelards studiert, Georges Canguilhem. Er entwickelte ein gutes Verhältnis zu ihm und wollte seine Doktorarbeit bei ihm schreiben (2002b: 35). Foucault hatte übrigens denselben Plan – und setzte ihn in die Tat um. Bourdieu verknüpfte den Bruch im Anschluss an Bachelard und Canguilhem mit Durkheims Objektivierung, die in der berühmten Formel, die sozialen Tatsachen wie Dinge zu behandeln, ihren Ausdruck fand. In den Naturwissenschaften ist Objektivierung eine Selbstverständlichkeit. Aber in den Sozial- und Geisteswissenschaften haben wir es mit einer sinnhaften Welt zu tun, mit der wir vertraut sind und der wir selbst zugehören – bzw. mit der wir uns vertraut machen müssen, um ihre Sinngehalte zu verstehen. Aus diesem Grund ist Durkheims Formel auf erbitterten Widerstand gestoßen (besonders kurz und klar bei Peter Winch 1958). Noch radikaler als Durkheim ist Lévi-Strauss für die Objektivierung eingetreten. Die Konsequenz lautet: Da die Alltagsbegriffe nichts zur Erkenntnis des Alltags beitragen können, muss man sie über Bord werfen und die sinnhafte Welt wissenschaftlich genauso wie die Natur behandeln. Diese Position wird als Objektivismus bezeichnet. Bourdieus Erkenntnistheorie vollzieht den Objektivismus in einem ersten Schritt mit:
»Wenn sie nicht lediglich Projektion eines Gemütszustands sein will, setzt die Sozialwissenschaft zwangsläufig das Moment der Objektivierung voraus, und es sind eben die Errungenschaften des strukturalistischen Objektivismus, die die von diesem Moment geforderte Grenzüberschreitung ermöglichen.« (1987b: 26)
Zuerst muss mit der alltäglichen Sicht der sozialen Welt gebrochen werden. In einem zweiten Schritt muss nun mit dem wissenschaftlichen Objektivismus gebrochen werden, um die alltägliche Sicht wieder einzuführen (siehe Bohn 1991: 53). »Die Soziologie muss eine Soziologie der Perzeption der sozialen Welt umfassen, das heißt eine Soziologie der Konstruktion der unterschiedlichen Weltsichten, die selbst zur Konstruktion dieser Welt beitragen.« (1992b: 143) Aus der Sinnhaftigkeit der sozialen Welt zieht Bourdieu zwei Folgerungen. Erstens muss die alltägliche Sicht rekonstruiert und daher auch verstanden werden. Es gibt »eine objektive Wahrheit des Subjektiven«, die eben in ihrer Existenz besteht (1993b: 31). Alle Menschen haben Vorstellungen und Erfahrung der Realitäten, die von Sozialwissenschaft konstruiert werden. Zweitens bleibt auch der Mensch, der Wissenschaft betreibt, Teil der sozialen Welt. Die Soziologie ist gewissermaßen eine soziale Sicht auf eine soziale Sicht. Soziologen und Soziologinnen kennen ihre Gegenstände auch aus dem Alltag. Daher sind sie zugleich mit ihnen vertraut und durch sie befangen (Krais, Gebauer 2002: 12). Der Objektivismus vernachlässigt seine eigene Perspektive. Er bricht mit den Vorurteilen aller Menschen, nur nicht mit den eigenen. Diese Vorurteile sind zum Teil alltägliche, zum Teil aber spezifisch wissenschaftliche. Sie umfassen erstens die Begrifflichkeit und Perspektive der wissenschaftlichen Tradition, zweitens die soziale Position innerhalb des Wissenschaftsbetriebs und drittens die spezifisch theoretische Einstellung zur Wirklichkeit. Aus diesem Grund fordert Bourdieu, dass der Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin auch mit den eigenen Vorurteilen brechen, die objektivierende Person sich selbst objektivieren muss. Die Selbstobjektivierung solle mit den Mitteln der Soziologie geschehen (Chauviré, Fontaine 2003: 66). Das führt natürlich in einen Zirkel, weil die soziologische Selbstobjektivierung wiederum aus einer Perspektive geschieht und Begriffe voraussetzt. Dieses Problem hat Bourdieu gesehen. In »Soziologie als Beruf« forderte er mit Bachelard Wachsamkeit – gegenüber den konstruierten Begriffen, gegenüber den Techniken und Methoden, gegenüber den Vorurteilen und gegenüber den Bedingungen ihrer Anwendung (1991a: 4, 13ff).
Tatsächlich hat der Zirkel nicht die vitiöse Natur der erkenntnistheoretischen Selbstbegründung, weil er kritisch gemeint ist. Wie Bachelards Wissenschaftstheorie sucht Bourdieus nach Verzerrungen, Vorurteilen und blinden Flecken (1991a: 10). Vom kritischen Rationalismus Karl Poppers unterscheidet sich diese Form der Kritik unter anderem darin, dass sie keine Normen für die Anfertigung und Kontrolle wissenschaftlicher Sätze aufstellt, sondern auch diesen Normen gegenüber kritisch bleibt. »Bourdieu fragt nicht mehr nach den Bedingungen der Wahrheit, sondern nach denen des Irrtums.« (Hepp 2000: 37)
Eine Hauptquelle des Irrtums ist fehlende Selbstkritik. Die Selbstkritik darf sich nicht auf die eigenen Vorurteile beschränken, sondern muss, wie erwähnt, auch die eigene soziale Position und die theoretische Haltung umfassen. Die theoretische Haltung hat Bourdieu später als »scholastische Haltung« oder scholé bezeichnet (2001f: 21). Damit ist der blinde Fleck der Theorie selbst gemeint, der jede wissenschaftliche Einstellung charakterisiert, die nicht selbstkritisch verfährt. Die scholastische Haltung betrachtet den wissenschaftlichen Gegenstand so, als sei er für die Wissenschaft gemacht (2001f: 68). Sie stellt und beantwortet Fragen, die sich aus der Perspektive des Gegenstands nicht stellen (1991a: 43). Die soziale Position des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin bestimmt dabei die Perspektive. Die Welt sieht aus der Perspektive des Gegenstands anders aus als aus der der Wissenschaft. Und sie sieht für jede wissenschaftliche Schule anders aus, für einen Assistenten anders als für einen Professor, für eine Afrikanerin anders als für eine Deutsche. Die Gefahr der scholastischen Haltung hielt Bourdieu in der Soziologie und Philosophie für besonders groß (1994a: 219). Daher betrachtete er die Soziologie der Soziologie als Hauptvoraussetzung für eine wissenschaftliche Soziologie. Eine der wichtigsten Ursachen für den Irrtum in der Soziologie ist das unkontrollierte Verhältnis zum Gegenstand. Es muss zunächst ermittelt werden, wie die soziale Position den Gegenstand beeinflusst. In der Untersuchung des Gegenstands selbst spielen zwei Faktoren eine wesentliche Rolle: die Nutzung der gesamten soziologischen Tradition (die Begriffe, Methoden und Techniken der Vorgänger) und der kritische Geist (das Interesse, »das in der sozialen Welt Zensierte, Verdrängte aufzudecken«).
Die Verstrickung der Soziologie in ihren Gegenstand hat einen weiteren Aspekt, den Bourdieu als »Theorie-Effekt« bezeichnet und als ergänzendes Argument gegen den Objektivismus, mit Vorliebe gegen Marx, ins Feld führt. Die Ergebnisse der Soziologie beeinflussen ihren Gegenstand (2001f: 106). Sie können die Menschen in ihrer alltäglichen Praxis und Sicht bestätigen – oder zu einer Änderung bewegen. Die auf Marx sich berufenden Revolutionen sind dafür das Paradebeispiel. Das bedeutet auch, dass die meisten Ergebnisse der Soziologie eine historisch begrenzte Geltung haben. »Tatsächlich ist das soziale Gesetz ein historisches Gesetz, das so lange fortdauert, wie man es wirken lässt, das heißt solange, wie diejenigen, denen es (manchmal sogar ohne ihr Wissen) dient, in der Lage sind, die Bedingungen seiner Wirksamkeit fortbestehen zu lassen.« (1993b: 44) Und hiermit hängt wiederum zusammen, dass soziologische Ergebnisse nach ihrer politischen Korrektheit beurteilt werden. Das gilt auch für Bourdieus Soziologie. Viele Vorwürfe – aber auch zustimmende Urteile – gründen in politischen Überzeugungen, also in der unreflektierten Alltagssicht. Gegen derartige Missverständnisse hat sich Bourdieu stets vehement und frustriert gewehrt. Seine komplexe Schreibweise sollte nicht zuletzt dieser Form von Missverständnis und dem daraus resultierenden Missbrauch vorbeugen.
Die genannten Kritikpunkte und Brüche sind nicht neu. Sie wurden nicht von Bourdieu entdeckt. Die deutschsprachige Diskussion über Wissenschaftstheorie von Droysen über Mach bis zu Popper und Adorno hat sie ausgiebig bearbeitet. Bourdieu wird die Diskussion gekannt haben. Er stützte sich jedoch in erster Linie auf Bachelard. Bei Bachelard findet sich ausdrücklich die Forderung nach dem »Bruch« mit dem Alltagswissen. »Das Denken muss den unmittelbaren Empirismus überwinden. Dadurch nimmt das empirische Denken ein System an. Aber das erste System ist falsch.« (Bachelard 1987: 55) Nach Bachelard muss vom Alltagswissen zur Konstruktion übergegangen werden. »Nichts ist gegeben. Alles ist konstruiert.« (Ebd.: 47) Die Konstruktion geschieht rational, muss sich aber an der Empirie abarbeiten, durch die sie allerdings weder bestätigt noch widerlegt werden kann. Kriterien sind vielmehr Konsistenz und Nachvollziehbarkeit (ebd.: 204). Der wissenschaftliche Fortschritt besteht in der Widerlegung des Irrtums (ebd.: 44). Ein großer Irrtum ist beispielsweise das Denken in Substanzen, das aus dem utilitaristischen Denken des Alltags in die Wissenschaft übernommen wurde (ebd.: 151ff). Bachelard sucht dem Irrtum nicht nur durch eine Kritik der Gegenstandskonstruktion, sondern auch durch eine Kritik der Organisation von Wissenschaft zu begegnen. Nur durch eine selbstkritische Scientific Community könne der Fortschritt der Wissenschaft garantiert werden (ebd.: 351). Als Mittel der Selbstkritik erarbeitet Bachelard eine »Psychoanalyse des wissenschaftlichen Geistes« (so auch der Untertitel des zitierten Werkes; siehe z. B. ebd.: 303). In diesem Punkt weicht Bourdieu von Bachelard ab. Er entwickelt eine Soziologie des wissenschaftlichen Geistes.
Die Soziologie der Soziologie steht auch im Gegensatz zu Hegels Dialektik und Gadamers Hermeneutik, die eine ganz ähnliche Verschränkung von Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte betreiben wie Bachelard und Bourdieu. In »Soziologie als Beruf« wird ausdrücklich eine Dialektik von Alltagssprache und Wissenschaftssprache gefordert (1991a: 50). Die spezifische Ausgestaltung der Dialektik trennt Bourdieu grundlegend von Hegel und Gadamer. Erstens hinterfragt er das Unterfangen der Theorie selbst, die scholastische Haltung. Zweitens wird diese Infragestellung mit einer Wissenschaftssoziologie verknüpft, die auch Selbstanalyse sein muss. Drittens wird die Wissenschaftssoziologie auf alle Bedingungen des Erkennens ausgeweitet, von den Zwängen der Geldgeber über die Grenzziehungen zwischen den Disziplinen bis hin zu den Karrierestrategien. Viertens ist die Dialektik bei Bourdieu fundamental kritisch, also gegen den Irrtum und nicht auf Wahrheit gerichtet. Fünftens – und das ist vielleicht das Entscheidende – wird die Dialektik nicht zwischen Geist und Text, sondern zwischen Forscherkollektiv und empirischem Material vollzogen. Zahlreiche von Bourdieus Büchern beschäftigen sich teilweise oder ausschließlich mit diesen Aspekten einer selbstkritischen, dialektischen Soziologie (z. B. 1991a, 1970b, 1971, 1973, 1976, 1987b, 1988c, 1996b, 2001f, 2002b). Allerdings ist die Dialektik nicht konsequent entwickelt und durchgeführt (siehe 3.5).
2.2 Kritik
Eine Technik von Bourdieus Kritik und Selbstkritik ist das Denken in »epistemologischen Paaren« (1970b: 8). Diese Denkfigur verknüpft einen Gedanken Bachelards mit der strukturalistischen Differenz und einer dialektischen Konzeption. Zwei einander widersprechende Positionen werden aufeinander bezogen, damit eine »die Wahrheit über die andere« zeigt. Die Paare werden als unterschiedliche Sichtweisen auf die Gesellschaft und Positionen in ihr gefasst, die sich gegenseitig kritisieren und einander die blinden Flecken aufzeigen müssen (Hepp 2000: 12). Vermutlich durch den doppelten Bruch – erst mit dem Alltagsverstand, dann mit dem Objektivismus –, aber auch durch den Gegensatz zwischen Sartre und Lévi-Strauss angeregt, suchte Bourdieu in den ersten wichtigen theoretischen Büchern seinen Ansatz als Überwindung des epistemologischen Paars Subjektivismus-Objektivismus zu begründen. Anders als viele Interpreten glaube ich nicht, dass sich sein Ansatz in diesem Versuch erschöpft. Sicher spielt die Überwindung des Gegensatzes in Bourdieus Biographie eine wichtige Rolle, aber er konstruierte auch andere bedeutende Probleme und ihre Lösung in Gestalt von epistemologischen Paaren, insbesondere in Gestalt des Gegensatzes zwischen Marx und Weber (siehe 1992b: 51f). Schon in Algerien thematisierte er diesen Gegensatz am Beispiel des Verhältnisses von Kultur und Wirtschaft und der Frage nach dem Subproletariat (siehe oben). Auch Finalismus und Mechanismus, Rationalismus und Psychoanalyse, Individualismus und Kollektivismus waren für Bourdieu wichtige Gegensatzpaare (Saalmann 2003: 50).
Das epistemologische Paar Subjektivismus-Objektivismus stand für Bourdieu zwischen 1965 (1981b: 11ff) und 1982 (1987b) im Zentrum der Erkenntnistheorie. Es erfüllt dabei auch eine didaktische Funktion, nämlich die, in seinen eigenen Ansatz einzuführen. Der Gegensatz bildet beispielsweise den Ausgangspunkt der »Theorie der Praxis« (1976; zuerst 1972), in der Bourdieu seinen Ansatz zum ersten Mal in theoretisch ausgearbeiteter Form vorlegte. Hier konzipierte er sein Denken als dialektische Überwindung des Gegensatzes. Während der Subjektivismus die Vertrautheit mit der sozialen Welt expliziere, stelle der Objektivismus die vorgängigen Beziehungen dar (1976: 147). Der Subjektivismus könne nichts über die Bedingungen der eigenen Möglichkeit sagen, der Objektivismus nichts über die Bedingungen der Möglichkeit subjektiver Erfahrung. Eine angemessene Erkenntnisweise müsse die Stärken beider Erkenntnisweisen verbinden. Diesen Ansatz bezeichnete Bourdieu als »Praxeologie«.
»Wie die objektivistische Erfahrung die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit primärer Erfahrung stellt und darin aufdeckt, wie diese sich grundlegend durch das Fehlen einer derartigen Frage definiert, so stellt wiederum die praxeologische Erkenntnis die objektivistische auf ihre Füße, indem nun sie nach den – theoretischen und gesellschaftlichen – Bedingungen der Möglichkeit auch dieser Frage selbst fragt« (1976: 148).
Der Objektivismus kann nicht zwischen Normen, praktischen Schemata der Handlungen (Dispositionen) und seinen eigenen Modellen unterscheiden, während der Subjektivismus keine objektiven Regelmäßigkeiten zu erfassen vermag (1976: 159ff). Die praxeologische Erkenntnis sucht nach den »dialektischen Beziehungen zwischen diesen objektiven Strukturen und den strukturierten Dispositionen« (1976: 147). Den Terminus verwarf er bald nach Veröffentlichung des Buches, weil er die modische Vervielfachung neuer «-logien« unter den Pariser Denkern für philosophische Überheblichkeit hielt, die seinem wissenschaftlichen Impetus zuwiderlief.
Die einschlägigen Passagen über das epistemologische Paar Subjektivismus-Objektivismus finden sich im »Sozialen Sinn« (1987b). Bourdieu greift hier exemplarisch die beiden einflussreichsten intellektuellen Strömungen der vorangegangenen Jahrzehnte heraus, den Strukturalismus und die Phänomenologie bzw. den Existenzialismus. Zunächst würdigt er beide Erkenntnisweisen als wissenschaftliche Brüche mit dem Alltagswissen. Auch der Subjektivismus führe den Bruch durch, indem er auf das unmittelbare Handeln, die Vertrautheit mit der Welt reflektiert, die im Alltag selten thematisiert wird (1987b: 50). Der Objektivismus dagegen verwirft das Alltagswissen, ohne es zu widerlegen oder zu erklären. Auch der Objektivismus untersucht nicht seine eigenen Bedingungen, »den epistemologischen Bruch, der zugleich ein sozialer ist«. Damit kann er auch nicht die Beziehung zwischen objektivem und erlebtem Sinn analysieren, also den Sinn des sozialen Spiels (1987b: 52). Vor allem aber sind beide Erkenntnisweisen unkritisch sich selbst gegenüber. »Unanalysiert bleiben bei jeder (subjektivistischen wie objektivistischen) wissenschaftlichen Analyse das subjektive Verhältnis des Wissenschaftlers zur Sozialwelt und das objektive (soziale) Verhältnis als Voraussetzung dieses subjektiven Verhältnisses.« (1987b: 56) Das birgt die Gefahr, unreflektiert Vorurteile in die Wissenschaft zu tragen. »Der Urheber eines Diskurses über Objekte der Sozialwelt, der es unterlässt, den Standpunkt zu objektivieren, von dem aus er diesen Diskurs hervorbringt, hat gute Aussichten, nichts weiter als diesen Standpunkt zu liefern.« (1987b: 56 Fn) Die Kritik erläutert Bourdieu dann an den beiden großen Gegenspielern, die während seines eigenen wissenschaftlichen Werdegangs das intellektuelle Feld in Frankreich bestimmt haben, Sartre und Lévi-Strauss.
In dieser Kritik zeigt sich das hermeneutisch-dialektische Moment des Denkens in epistemologischen Paaren, das über die strukturalistische Differenz hinausgeht. Denn Bourdieu fragt auch, was beiden gemeinsam ist, er fragt nach den unreflektierten Voraussetzungen des Gegensatzes. Er meint, wissenschaftlicher Fortschritt sei oft nur zu erringen, indem man gegensätzliche Theorien miteinander in Verbindung bringt und dabei zur Grundlage ihres Gegensatzes vordringt (1993b: 24). Um zueinander in Gegensatz treten zu können, muss man Bourdieu zufolge etwas gemeinsam haben. Die Gemeinsamkeit zwischen Sartre und Lévi-Strauss besteht zunächst in ihrer theoretischen, scholastischen Haltung, sodann in ihrem uneingestandenen Interesse an der Definition eines Menschenbilds (1987b: 60, 86; siehe auch 1991a: 9). Die eigenen Interessen und Vorurteile werden nicht thematisiert. Indem die Gegner grundlegende Interessen und Vorurteile gemeinsam haben, sind sie daran interessiert, sie nicht zu kritisieren. Den unsichtbaren Hintergrund, die Gesamtheit unhinterfragter gemeinsamer Voraussetzungen, bezeichnet Bourdieu im Anschluss an Husserl als doxa. Die wissenschaftliche Doxa ist das Undenkbare.
»Zum Undenkbaren einer Epoche gehört […] alles, was mangels ethischer oder politischer Disposition, es zu berücksichtigen oder einzubeziehen, nicht gedacht werden kann, aber auch alles, was man mangels geeigneter Denkwerkzeuge wie Problemstellungen, Begriffe, Methoden, Verfahren nicht denken kann« (1987b: 15).
Der Gedanke des Gegensatzes bei geteilten Voraussetzungen (der Doxa) spielt nicht nur in Bourdieus Wissenschaftstheorie, sondern auch in seiner Soziologie eine zentrale Rolle (siehe 3. Kapitel).
Die Blindheit gegenüber den geteilten Voraussetzungen und den eigenen Vorurteilen hält Bourdieu auch für ein soziologisches Problem (1993b: 25). Daher könne die Untersuchung der Scientific Community etwas zur Wissenschaftstheorie beitragen.3 Diesen Gedanken hatte bereits Bachelard, in Deutschland verbindet er sich vor allem mit dem Werk von Thomas Kuhn, weil die französische Wissenschaftstheorie merkwürdigerweise nie besonders einflussreich geworden ist (siehe Lepenies 1987). Wie oben erläutert, ist das Verhältnis zwischen Gegenstand, Vorurteilen und eigener sozialer Position in den Sozialwissenschaften enger und komplizierter als in den Naturwissenschaften. Selbstkritik, vor allem soziologische Kritik, ist hier dringlicher als in den von Bachelard erforschten Naturwissenschaften (1991a: 29ff; 1987b: 7).
Ein wesentlicher Aspekt des Verhältnisses der Sozialwissenschaften zu ihrem Gegenstand ist dessen politischer Charakter. Es geht in ihnen nicht nur um das Bild des Menschen, sondern auch um seine gelebte Wirklichkeit. Für einige Gegenstände der Sozialwissenschaften sind Menschen bereit zu sterben. Und wer Soziologie betreibt, hat selbst reale Einsätze in seinen Gegenständen (1993b: 21). Die Politisierung hält Bourdieu für eine formidable Quelle des Irrtums. In der Physik widerlegt man den Gegner durch ein Argument, in der Soziologie durch Denunziation des politischen Gehalts seiner Theorie (1993b: 23). Bourdieu zufolge ist das keine wissenschaftliche Widerlegung. Man geht davon aus, dass Bourdieu ein politischer Denker ist, vielleicht gar der politisch engagierte Intellektuelle schlechthin. Das Politische bildet für ihn jedoch nicht die inhaltliche Begründung der Wissenschaft, sondern den formalen Zweck. Darauf werde ich im letzten Abschnitt des Kapitels genauer eingehen. Auch im Hinblick auf die Politik muss mit der Alltagssicht gebrochen werden. Politisches Engagement ist nicht Voraussetzung, sondern Resultat der wissenschaftlichen Forschung. So meint Bourdieu, die Funktion der Soziologie sei es nicht zuletzt, Prophetie und Terrorismus zu erschweren (1993b: 17, 32). Ferner: »Mein Ziel besteht darin, mit zu verhindern, dass beliebig über die soziale Welt gesprochen werden kann.« (1993b: 18) Und wie Soziologie oft als Beweis- und Legitimationsinstrument einer aus dem Alltag stammenden politischen Überzeugung benutzt wird, so werden ihre Ergebnisse oft als politische Stellungnahmen verstanden (1993b: 39). Daher will Bourdieu seine Soziologie gleichzeitig verbreiten und gegen Missbrauch schützen. Diese eigentlich unmögliche Kombination ist ihm erstaunlich gut gelungen.
Die Technik der epistemologischen Paare beschränkt Bourdieu nicht auf verschiedene Schulen und Denker, er weitet sie auch auf ganze Disziplinen aus (Hepp 2000: 19f). Objektive Trennungen durch die (wissenschaftliche) Arbeitsteilung führen zu mentalen Trennungen, die wiederum bestimmte Gedanken unmöglich machen. Die Organisation von Wissenschaft hat Auswirkungen auf ihre Ergebnisse und muss daher kritisch hinterfragt werden (1991a: 81). Bourdieus Erkenntnisse in Algerien beruhten auf der Kombination von Ethnologie und Soziologie. Tendenziell diente ja die Soziologie der Untersuchung der eigenen Gesellschaft, die Ethnologie der einer fremden. Die Trennung hat teilweise bis heute Bestand, aber Bourdieu hat viel zu ihrer Überwindung beigetragen. Seines Erachtens war die Grenzziehung zwischen Ethnologie (Fremdes beschreiben und verstehen) und Soziologie (Eigenes erklären) ein Produkt der Kolonialgeschichte ohne logische Begründung (1993b: 29). Die Distanz der Ethnologie zu ihren Gegenständen deutete er in eine Differenz von Theorie und Praxis um, also in eine zugleich notwendige und zu überwindende Objektivierung (1987b: 32f). Die eigene Gesellschaft sollte man ebenso distanziert, unengagiert und verwundert betrachten wie eine fremde; und man müsse die gleiche Arbeit des Verstehens leisten wie in einer unvertrauten Umgebung. Diese Einstellung hat Bourdieu zeit Lebens beibehalten. Sie kulminierte im »Elend der Welt« (1997b; siehe 7. Kapitel).
Schließlich wandte Bourdieu die soziologische Kritik nicht nur auf die Scientific Community an, sondern auch auf sich selbst. Die Soziologie der eigenen Position in der Gesellschaft und in der Scientific Community war für ihn Bestandteil der Wissenschaftstheorie (Krais 1991: X). Das ist einer der Gründe für seine unaufhörliche Beschäftigung mit der Wissenschaft und der Universität. Sein »Homo academicus« (1988c) wurde von vielen seiner Kollegen und Kolleginnen als Diffamierung und als Veröffentlichung interner Angelegenheiten der Wissenschaft aufgefasst. Um dieser Lesart vorzubeugen, hat Bourdieu gleich zu Beginn des Buches den wissenschaftstheoretischen und -soziologischen Impetus des Werks dargelegt: Das objektivierende Subjekt müsse sich selbst objektivieren, um seine Strukturen und Neigungen zu erkennen, die eigene Sichtweise zu objektivieren und damit den Gegenstand besser objektivieren zu können (1988c: 10). Drei Stufen der scholastischen Haltung sollten reflektiert und gleichsam unschädlich gemacht werden: die sozialen Voraussetzungen des Soziologen oder der Soziologin, die Struktur des akademischen Feldes und die theoretische Haltung (Wacquant 1996: 66f).
Bourdieu war zeitweise der Meinung, Wissenschaft auf diese Weise vollständig und angemessen begründen zu können. Durch soziologische Kritik an den eigenen Voraussetzungen sei es möglich, sich von den Verzerrungen und damit vom Irrtum zu befreien (1987b: 52f). Diese Auffassung widerspricht seinem eigenen Ansatz und leitet sich wahrscheinlich aus seiner philosophischen Ausbildung her. Sie beinhaltet nicht nur einen Zirkel, sondern auch eine Variante des Induktionsproblems: Kritik an einzelnen Voraussetzungen ist ein endliches Unterfangen, von dem aus nicht auf ein Allgemeines geschlossen werden kann. Der Zirkel lautet, dass die soziologische Kritik an der Soziologie bereits eine Soziologie voraussetzt. Bourdieu hat ihn ernst genommen und seinen Begründungsanspruch relativiert. Er hat versucht, den Zirkel fruchtbar zu gestalten, indem er seine Theoreme auf sich selbst anwandte und empirisch überprüfte. Die Scientific Community und die eigene Position in ihr wurden mit den Mitteln untersucht, die Bourdieu in seiner empirischen Erforschung anderer Gegenstände entwickelte. Damit wurde seine Wissenschaftstheorie zunehmend empirisch verankert. Er hat sein eigenes Handeln als Streben nach Anerkennung und nach einer Verbesserung der sozialen Position (vor allem innerhalb der Wissenschaft) gedeutet (2002b; vgl. Saalmann 2003). Und genau diese Konkurrenz zwischen Wissenschaftlern um eine Verbesserung ihrer sozialen Position und um Anerkennung hielt er für den Motor wissenschaftlichen Fortschritts (siehe unten 2.4 und Fröhlich 2003: 119). Konkurrenz generiert neue Sichtweisen und Kritik und hilft damit, den Irrtum zu vermeiden (1992b: 55).
Mit dem Fortschritt führt Bourdieu die Geschichte, also Relativität, wieder in das Begründungsproblem ein. Wissenschaftlicher Fortschritt ist ein offener Prozess, Begründung ist nur graduell und relativ möglich (1992b: 44ff). Diese Auffassung scheint Bourdieu eher vertreten zu haben als den Glauben an eine Letztbegründung. Dennoch beinhaltet auch die Begründung durch Konkurrenz und Kritik (Fröhlich 2003) einen Glauben, nämlich den an wissenschaftlichen Fortschritt. Wenn man einen Irrtum »erkannt« hat, heißt das noch nicht, dass eine Wahrheit an seine Stelle tritt. Trotz seiner teilweise emphatischen Formulierungen zu dieser Frage wird sich Bourdieu der Probleme bewusst gewesen sein. Der genannte Wunsch, Beliebigkeit und Terrorismus zu verhindern, klingt gegenüber dem Universalismus des Begründungsproblems sehr bescheiden. Tatsächlich hat der viel kritisierte »Soziologismus« Bourdieus hier auch eine praktische Seite. Ihn trennt von Hegel und Gadamer nicht nur die Selbstkritik an der theoretischen Haltung, sondern auch die Ablehnung des Überlegenheitsanspruchs der großen Theorie (1987b: 55). Die philosophische Tradition kennt nur die Kommunikation zwischen den (ausschließlich männlichen) Heroen der Geistesgeschichte und lässt sich von ihnen Topoi und Gedanken vorgeben – die dann eben hermeneutisch-dialektisch bearbeitet werden. Das ist ein wahrhaft hermeneutischer Zirkel. Bourdieu dagegen stellt die Fragen an das empirische Material des Alltags, konfrontiert philosophische Gedanken und alltägliche Topoi. »Eines der Geheimnisse des soziologischen Handwerks liegt darin, die empirischen Gegenstände zu finden, im Hinblick auf die sich tatsächlich sehr allgemeine Probleme stellen lassen.« (1993b: 50)
Der Zirkel wird nicht durchbrochen, aber an mehreren Stellen in der Praxis verankert. Ein Anker ist die Rückbindung an die alltägliche Welt. Ein weiterer besteht in der Begrenzung des Gegenstandsbereichs. Das philosophische Begründungsproblem entsteht aus dem Bestreben heraus, die Wissenschaft vollständig und überzeitlich zu begründen. Wird eine Wissenschaft jedoch definiert und abgegrenzt, stellt sich das Problem nicht mehr in absoluten Begriffen. Bourdieus Abgrenzung der Soziologie ist reflexiv begründet. Man kann den Untersuchungsgegenstand willkürlich abgrenzen, indem man beispielsweise beschließt, den Kapitalismus zu erforschen. Die willkürliche Abgrenzung hat zur Folge, dass zahlreiche Zusammenhänge aus dem Gegenstandsbereich ausgeschlossen werden, die für seine Erkenntnis wichtig sind. Der Zufall könnte dem entgegenwirken, so dass genau die zusammengehörigen Phänomene den Gegenstandsbereich bilden. Das kann der willkürlich Entscheidende jedoch nicht wissen und nicht begründen. Die Schwierigkeit lässt sich verdecken, indem der Gegenstandsbereich vollständig und konsistent konstruiert wird. Beispielsweise kann die Gegenwartsgesellschaft vollständig und konsistent aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise abgeleitet werden, wie das im Anschluss an Marx geschehen ist. Marx verfiel jedoch nicht zufällig auf diese Abgrenzung des Gegenstandsbereichs, sondern fasste die Geschichte in Umkehrung Hegels als Entwicklung der produktiven Praxis auf. Innerhalb dieser Praxis entdeckte er, dass der technischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Verteilung der Produktionsmittel entscheidende Bedeutung zukomme. Daraus entwickelte er die Theorie, dass die moderne Gesellschaft durch den Kapitalismus bestimmt sei, besser gesagt: durch den Gegensatz von Kapital und Arbeit. Auf dieser Ebene ist auch Bourdieus Abgrenzung der Soziologie anzusiedeln. Für Bourdieu spielt soziale Praxis die Rolle, die bei Marx die produktive Praxis innehat. Und für die Praxis hat soziale Ungleichheit die Bedeutung, die in Marx’ Theorie dem Besitz an Produktionsmitteln zukommt. Da Bourdieu am Gegenstandsbereich »Gesellschaft« anderes hervorhebt als Marx, ist sein Gegenstandsbereich selbst mit dem von Marx nicht identisch. Phänomene, die für Marx eine wichtige Rolle spielen, fallen aus Bourdieus Soziologie heraus – und umgekehrt.
Die wechselseitige Abhängigkeit von Fragestellung und Gegenstandsbereich war Bourdieu ganz deutlich, weit deutlicher als den Klassikern, die ihre Begriffe noch zu einem gewissen Grad realistisch auffassten – also der Meinung waren, die Wirklichkeit genau so darzustellen, wie sie ist. Im 20. Jahrhundert ging man immer mehr von der Konstruiertheit der Wissenschaft aus: Nicht die Wirklichkeit wird in der Wissenschaft dargestellt, sondern unsere Auffassung von Wirklichkeit. Diese These war schon von den Vorsokratikern aufgeworfen worden, aber erst Kant hat sie zur Grundlage einer Wissenschaftstheorie gemacht. Kant zufolge hängt Erkenntnis nicht in erster Linie vom Objekt ab, sondern vom Subjekt. Wissenschaftstheorie müsse sich also mit den Erkenntnisstrukturen beschäftigen, nicht mit der objektiven Wirklichkeit. Kant setzte das Subjekt noch als überzeitliche, eindeutig festgelegte Struktur voraus. Im Anschluss an ihn wurde es zunehmend als biologisches, historisches, soziales, psychologisches – eben veränderliches – Wesen begriffen. Für Bourdieu ist die soziale Veränderlichkeit des Erkenntnissubjekts eine zentrale These, die den Kern seiner Wissenschaftstheorie bildet. Damit ist eben jene doppelte Reflexivität, ein doppelter Bruch, gefordert. Denn es ist nicht nur die Fragestellung (und damit der Gegenstandsbereich) vom Erkenntnissubjekt abhängig, sondern dieses wiederum variiert den sozialen Umständen entsprechend. In jeder Gesellschaft und in jeder Phase der gesellschaftlichen Entwicklung wird die soziale Wirklichkeit anders gesehen. Und wenn in der Gesellschaft soziale Ungleichheit herrscht, wird die soziale Wirklichkeit von jedem Ort innerhalb der Gesellschaft anders gesehen. Dementsprechend meinte Bourdieu, »Soziologie als Beruf« müsse je nach Stand der Wissenschaft neu geschrieben werden – wie jedes Buch über einen soziologischen Gegenstand (1991a: 84, 274). Im Übrigen sagte Marx das Gleiche über sein »Kapital«.
Dieser Ansatz ist nun weniger zirkulär als relativistisch. Die Rückbindung an die Praxis und an die Empirie, die Historisierung und die Eingrenzung des Gegenstandsbereichs reagieren auf die menschliche Endlichkeit. Natürlich ist die Behauptung, alles sei relativ, ebenso selbstwidersprüchlich wie die Selbstbegründung – aber sie wird dem menschlichen Dasein besser gerecht und ermöglicht eine fruchtbare Wissenschaft. Man kann durchaus mit Michael Vester die These aufstellen, Bourdieu habe eine soziologische Relativitätstheorie entwickelt, die der Eingebundenheit des wissenschaftlichen Subjekts in seinen Objektbereich angemessen ist (Vester 2002: 63).4 Die wissenschaftliche Forschung arbeitet sich gleichzeitig am Gegenstand, an der Tradition und an der eigenen Sichtweise ab, weil alle logisch miteinander verknüpft sind und einander beeinflussen. In seinen wissenschaftstheoretischen Ausführungen hat sich Bourdieu um eine hermeneutische und historische Positionierung bemüht. Seit der Entwicklung seines eigenen Ansatzes in der »Theorie der Praxis« bis zum letzten Werk, dem »Soziologischen Selbstversuch«, hat er immer wieder erörtert, wie sein eigener Ansatz sich zu anderen Ansätzen verhält und wie er historisch möglich wurde.
2.3 Konstruktion des Gegenstands
Der Bruch mit der Alltagserfahrung und dessen Verknüpfung mit Kritik und Selbstkritik haben Folgen für Bourdieus Konzeption von Soziologie. Die Einheit dieser Soziologie besteht nicht in metaphysischen, theoretischen oder empirischen Sätzen, sondern in ihrer Wissenschaftstheorie. »Die soziologische Wissenschaftstheorie als ein System von Prinzipien und Regeln, das alle wissenschaftlich fundierten Handlungen und Analysen, und nur diese, bestimmt, ist das generative Prinzip aller partiellen Theorien des Sozialen.« (1970b: 9f) Diese Wissenschaftstheorie ist im Gegensatz zu Poppers kritischem Rationalismus nicht zentral auf Überprüfung, sondern auf Entdeckung gerichtet. Es geht um die Auffindung wissenschaftlicher Begriffe und Sätze, nicht um ihre Bestätigung oder Widerlegung (Krais 1991: VII). Das ist aus Bourdieus Perspektive völlig konsequent, denn mit Begriffen, Sätzen und Fragestellungen werden eben die Vorurteile in die Wissenschaft eingeschmuggelt (1991a: 40ff). Sind sie einmal akzeptiert, lassen sie sich kaum noch auffinden und hinterfragen. Ferner betreibt Bourdieu im Unterschied zu Popper Wissenschaftstheorie nicht als Selbstzweck, sondern zur Fundierung seiner empirischen Soziologie.
Die wissenschaftstheoretische Ausgangslage vor Beginn der soziologischen Forschungsarbeit gründet in der relativen Position des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin: der Eingebundenheit in den Gegenstandsbereich und der Unmöglichkeit, einen absoluten, zeitlosen, objektiven Standpunkt einnehmen zu können. Bourdieus Antwort darauf ist der doppelte Bruch: mit dem Gegenstandsbereich und mit der eigenen Position. Sodann beginnt ein hermeneutischer Zirkel von Kritik, Selbstkritik und Abarbeitung am Gegenstand (siehe Abbildung 2). Kritik und Selbstkritik sind notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen von Bourdieus Soziologie. Sie müssen gleichsam mit einer Kritik durch den Gegenstand verbunden werden, die wiederum zirkulär ist, weil sie eine Art Theorie des Gegenstands voraussetzt.5

Auch diesen Zirkel nimmt Bourdieu ernst (2004a: 161f). Da die eigene soziale Position den Blick auf den Gegenstand bestimmt, müssen Bearbeitung des Gegenstands und Bearbeitung seiner Sichtweise Hand in Hand gehen. Der Gegenstand muss kontrolliert konstruiert werden (1991a: 37ff; 2004a: 15 Fn). Ein Prinzip hilft Bourdieu beim Versuch, Halt zu finden: Durkheims Forderung, die sozialen Tatsachen wie Dinge zu behandeln, entspricht Galileis Revolution bei der Betrachtung physikalischer Gegenstände (1991a: 38). Damit meint Bourdieu nicht, wie oben erläutert, die Entfernung des Sinns aus der Soziologie und ihre Reduktion auf soziale Physik (wie in Extremformen des Positivismus von Comte bis Walras), sondern lediglich die Forderung nach Wissenschaftlichkeit: die Soziologie als ein theoretisch konstruiertes, konsistentes System von Begriffen, Axiomen und Erklärungen aufzufassen. Die Konsistenz des Systems wird durch ein weiteres Prinzip Durkheims gewährleistet, das für Bourdieu zentral ist, aber selten ausgesprochen wird. Die Soziologie soll das Soziale (nur) durch das Soziale erklären (1993b: 39). Damit ist gemeint, dass alle Sätze der Soziologie auf andere soziologische Sätze verweisen. Ein soziologischer Satz kann nur durch einen soziologischen Satz widerlegt oder begründet werden. Dazu gilt es, eine Begrifflichkeit zu konstruieren, die auf einer konsistenten, nicht auf andere Wissenschaften zurückgreifenden Axiomatik basieren. Sie ist Thema des folgenden Kapitels. Hier seien nur die wesentlichen Folgerungen erwähnt, die sich aus Bourdieus Wissenschaftstheorie ergeben.
Für den Positivismus, so Bourdieu, gibt es eine konstruierende und eine nicht konstruierende Wissenschaft. Tatsächlich aber gebe es nur jene. Der eigentliche Unterschied bestehe zwischen der Wissenschaft, die sich dessen bewusst ist, und der, die es nicht ist (1997b: 781). Mit diesem Ansatz steht Bourdieu ganz in der Tradition Bachelards (1991a: 271). Später sagte er in einem Interview, er habe in »Soziologie als Beruf« immer die Konstruktion des Gegenstands gefordert, aber nirgends erklärt, wie man das macht (1991a: 279). Das scheint mir eher Lob als Tadel zu sein. Denn er gelangte ja selbst erst in der »Theorie der Praxis« zu einer hinreichend konsistenten Begrifflichkeit. Erst dann wäre es möglich gewesen, die Konstruktion zu demonstrieren. Die Erklärung der Konstruktion sind Bourdieus empirische Werke. Ihr Grundmerkmal ist das Denken in Relationen (Wacquant 1996: 34f). Der Begriff der Relation steht im Gegensatz zu dem der Substanz. In der Kontrastierung beider Begriffe lehnte sich Bourdieu an Ernst Cassirers Werk über »Substanzbegriff und Funktionsbegriff« an (siehe hierzu Bickel 2003; Magerski 2005). Substanzialistisch ist die Betrachtung eines Phänomens als selbständig und seines Verhältnisses zu anderen als mechanische Relation. Soziale Praktiken werden als unwandelbar in ihrem Sinn und selbständig aufgefasst (1998c: 16ff). Gegen diese Auffassung führt Bourdieu eine historische und relativistische Sichtweise ins Feld: Gegensätzliche Phänomene oder wechselnde Phänomene zu verschiedenen Zeitpunkten können dieselbe soziale Basis und denselben Sinn haben, während ein und dasselbe Phänomen von verschiedenen sozialen Positionen und zu verschiedenen Zeitpunkten einen unterschiedlichen Sinn haben kann. Jeder empirische Satz Bourdieus sollte als Anwendung dieses Prinzips gelesen werden. Hier sei als Beispiel Vivaldis Musik erwähnt, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt wurde und dann in den kulturell gebildeten Schichten als Geheimtipp und besonders schick galt, aber innerhalb weniger Jahre zur Fahrstuhlmusik verkam und dann nur noch in den unteren Schichten als »gute« klassische Musik galt (1992b: 200). 1960 war das Phänomen »Vivaldis Vier Jahreszeiten« in der Oberschicht etwas Wertvolles, 1990 etwas Triviales, 1960 war es in den Unterschichten unbekannt, 1990 Inbegriff gehobener Kultur (1992b: 200).
Bourdieu begründete das relationale Denken mit Cassirer (1970b). Er erwarb es jedoch mit dem Strukturalismus, ja er bezeichnete es sogar als die entscheidende Neuerung des Strukturalismus (1970b: 10f; 1987b: 12). Bei Cassirer verbindet sich das relationale Denken mit der Differenzialrechnung und dem Funktionsbegriff, im Strukturalismus mit der Differenz (Saussure 1984: 166). Man könnte sagen, dass der Strukturalismus nur eine einzige Relation kennt, Cassirer aber sehr viele Arten. Bei Bourdieu ist ebenfalls die Differenz die wichtigste Relation, und zwar wie bei Lévi-Strauss als Gegensatz. Zwar hatte auch Hegel im Anschluss an Spinoza alle sinnhaften Phänomene (oder gar alle Phänomene) als Negation verstanden, aber sie musste als logischer Operator inhaltlich durchgearbeitet werden. Bourdieu dagegen schließt Logik und Soziologie kurz, wenn er den Gegensatz als Prinzip von Handlungen fasst. Bei Saussure (und teilweise noch bei Lévi-Strauss) resultiert Sinn aus der Differenz, die der Gegensatz eines Zeichens gegen ein anderes ist. Das setzt die Abtrennung einer zeitlosen (»synchronen«) langue von der parole voraus (Saussure 1984: 27, 112, 124). Bei Bourdieu resultiert Sinn aus der Differenz, die ein sozialer Gegensatz ist. Ganz analog bestimmt Bourdieu den Sinn sozialer Phänomene, beispielsweise als Gegensatz von Golf und Fußball. Das soll die Erklärung des Sozialen durch das Soziale sein, aber das Soziale wird hier zunächst logisch – strukturalistisch – bestimmt. Man könnte sagen, dass Bourdieu hier selbst das logische Prinzip der Erklärung mit dem faktischen Prinzip der Praxis identifiziert. Das hatte er ja gerade am Objektivismus kritisiert.
Die Vorherrschaft des Gegensatzes ist bei Bourdieu nur eine Tendenz, wenn auch eine sehr starke. Seine Soziologie geht nicht darin auf, sondern beinhaltet mindestens eine Tendenz, die meines Erachtens weiterführt, ja geradezu bahnbrechend sein könnte (siehe Rehbein 2013). Rolf-Dieter Hepp (2000) hat Bourdieus Denken als konfigurational aufgefasst. Da keine universale Theorie vorausgesetzt werden könne, müsse in der Soziologie stets vom Einzelfall ausgegangen werden (ebd.: 128). Im Einzelfall seien die Relationen aus dem Gegenstand zu entwickeln, was aber ein Allgemeines impliziert. In der Entwicklung der Relationen seien Allgemeines und Einzelnes aufeinander zu beziehen (ebd.: 130ff). Jede entwickelte Hypothese sei in einen Kontext eingebunden, der zur Konstruktion der Hypothese beiträgt und dem Einzelfall seine Unmittelbarkeit nimmt (ebd.: 26). Das klingt sehr nach Hegel, auch ein bisschen nach dem Holismus der analytischen Wissenschaftstheorie.6 Der Unterschied besteht darin, dass Bourdieu das Allgemeine nicht voraussetzen will. Es ist zwar im Einzelnen impliziert, ändert sich aber mit jeder Relation. Anders gesagt: Im Anschluss an Max Weber hat Bourdieu entdeckt, dass Gesellschaft keine Totalität ist. Es gibt Konfigurationen von Relationen, die auf andere Relationen außerhalb der Konfiguration verweisen. Aus jeder Perspektive innerhalb und außerhalb der Konfiguration ändert sich diese wie ein Kaleidoskop. Jede Konfiguration wird aus der wissenschaftlich beobachtenden Perspektive konsistent konstruiert, also unter Voraussetzung eines Allgemeinen, aber jede neue Relation, jede Veränderung der Konfiguration und jede Veränderung der Perspektive zwingt zu einer Revision des Allgemeinen. Es ergeben sich Theorien, die auf einer mittleren Ebene angesiedelt sind. Sie sind mehr als Beschreibungen oder empirische Feststellungen und weniger als eine universale Theorie (ebd.; siehe Bourdieu 1992b: 38). Ich werde im Abschnitt 3.5 darauf zurückkommen.
Ich glaube, Bourdieu hat versucht, in Kaleidoskopen zu denken, auch wenn er teilweise über Gebühr an einzelnen Begriffen und Axiomen festgehalten hat, insbesondere am sozialen Gegensatz. Seiner eigenen Wissenschaftstheorie zufolge aber müssen Theorie und Empirie ganz aufeinander bezogen sein. Alle Begriffe und Theoreme sollen »falsifizierbar« sein. Bourdieu plädiert auch in dem Sinne für eine mittlere Ebene, dass er sowohl Theorie wie Methodologie um ihrer selbst willen ablehnt (1991a: 2). Jede Methode muss ebenso der jeweiligen Konfiguration angepasst und von ihr modifiziert werden wie jede Theorie (1991a: 6). Auch eine Methode ist soziologisch relativ. Dieselbe soziologische Frage hat in den unterschiedlichen Klassen und Gruppen verschiedene Bedeutungen (1991a: 49). Und man muss sich der Voraussetzungen bewusst werden, die man selbst in die Frage einbringt, mit ihr verbindet (1991a: 54). Soziologische Forschung ist eine soziale Interaktion, die als solche untersucht werden muss (1997b: 780 Fn). Für Bourdieu bilden Empiriker und Theoretiker ein epistemologisches Paar (1970b: 7f). Sie kämpfen gleichermaßen gegen die theoriedurchdrungene Empirie, trennen Empirie und Methode oder gar Theorie und Methode und teilen die Illusion einer epistemologischen Neutralität. In der Verbindung von Theorie und Empirie sieht Loïc Wacquant übrigens auch den Gegensatz Bourdieus zu den bekannten deutschen Soziologen (2003c: 108).
Ich halte es für wichtig, Bourdieus Soziologie als Forschungsprogramm zu interpretieren, nicht als Corpus von Lehrsätzen. Wenn Bourdieu mit Vehemenz einzelne Sätze vorgebracht und verteidigt hat, so geschah das meist in kritischer Funktion, also in der Absicht, akzeptierte Lehrsätze zu widerlegen. In dieser Hinsicht ist Bourdieus Soziologie eine kritische Theorie, und zwar bis in die wissenschaftstheoretische Begründung hinab. Kritik und Selbstkritik müssen sich auch auf die eigene Wissenschaftstheorie erstrecken, und theoretische Sätze müssen immer auf die Empirie bezogen werden. Man könnte fast behaupten, dass Bourdieu gar keine Lehre hinterlassen hat – außer der Aufforderung, kritisch und selbstkritisch zu forschen.
»Mit meiner Analyse eines historischen Falls liefere ich ein Programm für andere empirische Analysen unter anderen Verhältnissen als den von mir untersuchten. Sie ist eine Aufforderung zur schöpferischen Lektüre und zur theoretischen Induktion, die von einem gut konstruierten besonderen Fall ausgehend verallgemeinert.« (1991a: 278)
2.4 Emanzipation
Kritische und selbstkritische Forschung sind die Grundlage von Bourdieus Soziologie. Sie umfasst mehr als die Aufforderung weiterzumachen, weil Bourdieu die Verstrickung der Soziologie in den Alltag wissenschaftstheoretisch ernst genommen hat. Soziologie kritisiert den eigenen Irrtum und den Irrtum der soziologischen Tradition – aber auch den Irrtum (besser: die Fehler) der sozialen Welt. Damit ist sie kritisch nicht im Sinne des kritischen Rationalismus, sondern im Sinne der kritischen Theorie. Nun ist aber auch der Gebrauch von Wissenschaft zur Kritik (oder Selbstkritik) der Gesellschaft ein zirkuläres Unterfangen. Was soll überhaupt kritisiert werden, und nach welchen Kriterien?
Bourdieu betrachtet die Soziologie zunächst wie jeden Bereich der sozialen Welt. Einen Bereich dieser Art hat er später als »Feld« bezeichnet (siehe 5.3). Der einschlägige Text für seine Analyse des wissenschaftlichen Feldes findet sich im Büchlein mit dem Titel »Vom Gebrauch der Wissenschaft« (1998e). Ihm zufolge besteht das vorrangige Ziel auf dem wissenschaftlichen Feld darin, jeweils der oder die Beste in einer Disziplin zu sein (1998e: 28). Dabei gelten zunächst die Kriterien des Feldes, nämlich rein wissenschaftliche: Einen Mathematiker kann man nur mathematisch übertrumpfen, nicht mit anderen Mitteln (ebd.). Der Kampf auf dem wissenschaftlichen Feld würde also zu einem ständigen Erkenntnisfortschritt führen, wenn allein die rein wissenschaftlichen Kriterien des Feldes gälten. Bourdieu unterscheidet vor allem zwei Sorten wissenschaftlichen Einflusses, die auf dem wissenschaftlichen Feld die Position verbessern: institutionelle Macht und persönliches Prestige durch Leistung (1998e: 31).7 Rein wissenschaftliches Prestige wird durch Entdeckungen und Erfindungen (vor allem in Form von Veröffentlichungen in höchst selektiven Medien) erworben, institutionelle Macht durch politische Strategien (Mitgliedschaft in Kommissionen usw.), die vor allem Zeit beanspruchen. Oft ist Letzteres eine Kompensation für den Mangel an wissenschaftlicher Kompetenz (1998e: 32). Die Position von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auf dem Feld ergibt sich aus ihrer jeweiligen Kombination beider Formen wissenschaftlichen Einflusses (1998e: 34). Nun begnügt sich Bourdieu nicht mit der bloßen soziologischen Analyse des wissenschaftlichen Feldes, sondern verbindet sie mit normativen Sätzen.
»Alles liefe also bestens in der besten aller möglichen Wissenschaftswelten, wenn die rein wissenschaftliche, in der alleinigen Macht von Begründung und Beweis stehende Logik des Wettbewerbs nicht durch externe Kräfte und Zwänge konterkariert […] würde« (1998e: 30).
Der Fortschritt in der Wissenschaft werde vor allem durch größere Autonomie des wissenschaftlichen Feldes gewährleistet (1998e: 37; vgl. Hepp 1999: 462f).
Man könnte meinen, dass Bourdieu in positivistischer Weise auf eine Begründung des wissenschaftlichen Fortschritts selbst verzichtet. In der Tat kommt Bourdieu dieser Position in vielen seiner Schriften nahe, vor allem in »Soziologie als Beruf«. In seiner Schrift über den »Gebrauch von Wissenschaft« dagegen sieht Bourdieu das Problem durchaus, dass Wahrheitskriterien selbst einer Begründung bedürfen. Er scheint zunächst lediglich vorschlagen zu wollen, die positivistische Vorstellung vom Erkenntnisfortschritt durch kritische Selbstreflexion ergänzen zu wollen (1991a: 84). Er meint sogar, dass eine »kollektive Selbstanalyse« von den äußeren und die Erkenntnis verzerrenden Zwängen befreie (1998e: 15). Diese Selbstanalyse fasst er ganz objektivistisch. Für Bourdieu liefert seine eigene Feldtheorie ein objektives Bild der sozialen Wirklichkeit und damit auch der Scientific Community. Die soziologische Analyse des wissenschaftlichen Feldes erweise die Beschränktheit der unterschiedlichen Standpunkte und biete Einsicht in die Art und die Gründe der Beschränktheit (1998e: 40). Damit gebe die Soziologie den einzelnen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Mittel an die Hand, die jeweils anderen Positionen zu verstehen, ihre Beschränktheit und Einseitigkeit zu verzeihen und zu einer Verständigung zu gelangen.
Bourdieus soziologische Theorie ist zugleich eine Wissenschaftstheorie. Das Feld der Wissenschaft bestimmt sich (objektiv) durch Konkurrenz um Erkenntnis, Kritik und rationale Kommunikation. Die Rolle Bourdieus dabei sei die eines »Aufklärers«, der eine »Realpolitik der Vernunft« betreibe (ebd.). »Nur so lässt sich jenes Ideal verwirklichen, das als Wirklichkeit der Kommunikation auftritt, [indem man] den spezifisch sozialen Widerständen gegen eine vernunftgeleitete Kommunikation, gegen einen aufgeklärten Diskurs« begegnet (1998e: 58f; siehe auch Chauviré, Fontaine 2003: 72f). Dieser Gedanke könnte im selben Wortlaut von Jürgen Habermas stammen. Den einzigen Unterschied zu Habermas sieht Bourdieu an dieser Stelle darin, dass er selbst die Bedingungen der wirklichen Kommunikation kritisch erforsche, während sich Habermas nur für das Ideal der rationalen Kommunikation interessiere. Faktische Kommunikation steht für Bourdieu im Zeichen symbolischer Gewalt (siehe 6.1). Aber auch er setzt »eine vernunftgeleitete Kommunikation« als Maßstab der kritischen Erforschung der wirklichen Kommunikation voraus. Und der Inbegriff einer vernunftgeleiteten Kommunikation ist für Bourdieu eine völlig autonome Scientific Community.
Hier ist ein weiterer Zirkel anzusiedeln, den Bourdieu im Gegensatz zu den bisher aufgeführten nicht sehen wollte. Der Zirkel besteht darin, dass Wissenschaft allein rein wissenschaftlichen Kriterien gehorchen soll, die sich als aufgeklärter Diskurs darstellen, der wiederum nur begründet werden kann, wenn man voraussetzt, dass rein wissenschaftliche Argumentation zu einem Erkenntnisfortschritt führt. Bekanntlich hat Max Weber den Zirkel zu durchbrechen versucht, indem er sagte, Wissenschaft selbst könne man nicht wissenschaftlich begründen, sondern sich nur für sie entscheiden. Bourdieu gibt keine Gründe und Kriterien für die gesellschaftliche Anwendung von Wissenschaft. Und er begründet nicht, warum Verständigung im wissenschaftlichen Feld zu Fortschritt – und vor allem zu Wahrheit – führen soll.
Habermas hat das Problem ernster genommen als Weber und erst recht ernster als Bourdieu. Er hat sich 20 Jahre lang daran abgearbeitet, nachdem er erkannt hatte, dass die Grundhaltung gegenüber dem Problem die Form von Wissenschaft selbst gestaltet.
Habermas geht wie Bourdieu (z. B. 1998e: 75) vom hermeneutischen Grundproblem der Sozialwissenschaften aus, dass ein Sozialwissenschaftler oder eine Sozialwissenschaftlerin Teil des eigenen Gegenstandsbereichs ist (Habermas 1970: 120ff, 166f, 191). Es gibt keine Außenperspektive auf die Gesellschaft. Im Gegenteil, erst die Vertrautheit mit dem sozialen Sinn ermöglicht eine Wissenschaft vom Sozialen (Habermas 1970: 199; Bourdieu 1991a: 22ff, 44). Damit werden aber die wissenschaftlichen Kategorien vom Gegenstand beeinflusst. Im Gegensatz etwa zu Gadamer sind Habermas und Bourdieu der Auffassung, dass die kritische Selbstreflexion eine Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft und der Geschichte ermögliche. Bourdieu meint, durch den epistemologischen Bruch und die gleichzeitige Reflexion auf die eigenen Bedingungen bis zu einem gewissen Grad aus dem hermeneutischen Zirkel ausbrechen zu können (1991a: 63; 1993b: 52f; vgl. Miller 1989). Er scheint allerdings in der Einschätzung geschwankt zu haben. An einigen Stellen meint er, das Bewusstsein von den Bedingungen hebe diese nicht auf (1976: 177). Das meinte auch Gadamer, dessen hermeneutischer Relativierung Habermas vermutlich näher ist. Horkheimer und Adorno konfrontierten Habermas mit der Einschätzung, dass ein Ausbruch aus der Geschichte, die in der Entfaltung von instrumenteller Vernunft und Herrschaft besteht, unmöglich ist. Die Aporie Horkheimers und Adornos hebelt Habermas aus, indem er ihre Voraussetzungen der »linguistischen Wende« unterzieht. Auf der Basis der Unterscheidung von Erklären und Verstehen gibt Habermas Webers Unterscheidung zwischen Wert- und Zweckrationalität einen neuen analytischen Stellenwert (Habermas 1987, I: 377ff). Die instrumentelle Vernunft bestimmt demnach nicht mehr die gesamte Gesellschaft, sondern nur einen ihrer Bereiche, nämlich den der Arbeit bzw. des zweckrationalen Handelns. Dem steht die Interaktion von Menschen gegenüber. Wenn wirkliche und wissenschaftliche Zwangszusammenhänge nur durch Selbstreflexion zu überwinden sind und sich zugleich im Medium der Interaktion ausdrücken müssen, kann nur die reflexive Analyse dieses Mediums den Zirkel der Erkenntnis durchbrechen.8
Letztlich geht es für Habermas’ Soziologie also darum, die soziokulturellen Bedingungen einer »rationalen Lebensführung« zu bestimmen (ebd.: 72). Eine solche Soziologie begründet sich selbst normativ und rational aus der Erklärung der Geschichte. Sie kann nicht an der Idee des guten Lebens ausgerichtet sein, sondern nur Bedingungen der Verhinderung von Rationalität kritisieren (ebd.: 112). Genau diesen Gedanken, der Habermas’ Nähe und Distanz zu Adorno belegt, hatte Bourdieu gegen Habermas ins Feld geführt – offenbar zu Unrecht. Für Habermas ist Sozialwissenschaft ebenso wie für Bourdieu gebunden an die Geschichte und hat die Kritik an den Bedingungen, die rationale Verständigung verhindern, zur wissenschaftstheoretisch vorrangigen Aufgabe.
Kommunikationszusammenhänge sind für Habermas in dem Maße rationalisiert, wie sie aus Argumentation begründet sind. »Entsprechend kann eine Lebenswelt in dem Maße als rationalisiert angesehen werden, wie sie Interaktionen gestattet, die nicht über ein normativ zugeschriebenes Einverständnis, sondern […] über eine kommunikativ erzielte Verständigung gesteuert werden.« (Ebd.: 455) Verständigung beruht immer auf Gründen, nicht auf Zwang (ebd.: 525). Die Untersuchung der Bedingungen einer möglichen Einlösung der Gründe, die Habermas als Geltungsansprüche bezeichnet, ist eine Art transzendentale Begründung. »An die Stelle eines Beweises a priori tritt die transzendentale Untersuchung der Bedingungen argumentativer Einlösung der Geltungsansprüche, die auf diskursive Einlösung angelegt sind.« (Habermas 1984: 382) Das transzendentale Subjekt wird als intersubjektives an die Lebenswelt zurückgebunden (vgl. Horster 1999: 18f, 46ff). Und in dieser Intersubjektivität ist der Anspruch auf wechselseitige Anerkennung, Emanzipation und Versöhnung als Voraussetzung des – nur im Unendlichen erreichbaren – Konsensus enthalten. Es gibt also drei Ebenen: die kommunikative Lebenswelt, den Diskurs über die in ihr enthaltenen Geltungsansprüche und die philosophische Reflexion auf die Bedingungen des Diskurses. Und in jeder Ebene ist das Ideal von Verständigung und Emanzipation enthalten.
Bei der direkten Gegenüberstellung dürften Parallelen zwischen grundlegenden Zielen von Habermas und Bourdieu ins Auge springen. Die Scientific Community – der westlichen Demokratie – wird von beiden als Prototyp einer auf rationale Verständigung abzielenden Gemeinschaft aufgefasst. Wissenschaftstheorie besteht vor allem in der Ermöglichung von Selbstreflexion und Kritik, um gegen Verständigung wirkende Bedingungen kenntlich zu machen. Die Geschichte der Wissenschaft müsste also zu einem Erkenntnisfortschritt führen. Der Fortschrittsoptimismus aber beinhaltet die Weigerung, die eigenen Voraussetzungen explizit auszuweisen. Die Annahme des Erkenntnisfortschritts impliziert zweierlei. Erstens ist die eigene Zeit immer die am höchsten entwickelte und kann höchstens durch sich selbst kritisiert werden. Zweitens erlaubt die wissenschaftliche Betrachtung der Wirklichkeit, deren objektive Entwicklung zu erkennen.
Nach Habermas und Bourdieu muss die Aufklärung vorangetrieben und auch auf sich selbst gerichtet werden.9 Dabei ist Selbstreflexion das Mittel gegen die hermeneutische Verstricktheit der Sozialwissenschaften in ihren Gegenstand. Sie ist zugleich praktisch und theoretisch orientiert – und im Projekt einer Scientific Community in höchstem Maße verwirklicht (bei Bourdieu ganz deutlich 1992c: 46). Denn Wissenschaft soll auf einen zwanglos erreichten, nur auf Argumenten beruhenden Konsens abzielen (Habermas 1987, I: 455; Bourdieu 1998e: 58, 79). Bourdieus Darstellung einer idealen wissenschaftlichen Gemeinschaft (1998e: 40) entspricht genau Habermas’ idealer Sprechsituation. Und bei beiden fungiert die ideale Situation als Maßstab von Kritik, nicht als unbedingt zu verwirklichender Zustand. Die Orientierung am Ideal strukturiert die Auswahl des Gegenstands: Beide unterscheiden im Wesentlichen zwei Formen des Handelns: (rationale) Verständigung und (irrationale oder zweckrationale) Herrschaft – und erklären jene für gut, diese für schlecht.
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