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Boike Rehbein

Die kapitalistische Gesellschaft

UVK Verlag · München


Prof. Dr. Boike Rehbein lehrt Gesellschaften Asiens und Afrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Umschagmotiv: © istockphoto, bCracker

© UVK Verlag 2021

— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

utb-Nr. 5765

ISBN 978-3-8252-5765-1 (Print)

ISBN 978-3-8463-5765-1 (ePub)

Inhalt

  1 Einleitung

  2 Vorgeschichte 2.1 Handel und Finanzen 2.2 Kolonialismus 2.3 Der Nationalstaat 2.4 Enteignung 2.5 Staatsfinanzen 2.6 Technologie und Industrie 2.7 Ausbeutung der Natur 2.8 Politische Legitimation 2.9 Entstehung von Klassen 2.10 Gleichheit und Freiheit 2.11 Kapitalismus und Markt

  3 Kapital und Arbeit 3.1 Was ist Kapital? 3.2 Wachstum 3.3 Großunternehmen und Konkurrenz 3.4 Arbeit und Tätigkeit

 4 Ungleichheit und Herrschaft4.1 Ökonomische Klassen4.2 Soziale Klassen4.3 Die Produktion sozialer Klassen4.4 Soziale Klassen in Deutschland4.5 Soziale Klassen im internationalen Vergleich4.6 Überblick über die institutionelle Vermittlung der Klassenherrschaft

 5 Die globale Ordnung5.1 Der Kalte Krieg und der Neoliberalismus5.2 Förderung der Kapitalkonzentration5.3 Transnationale Unternehmen5.4 Eigentum und Großunternehmen5.5 Grundbesitz und Immobilien

 6 Finanzkapital6.1 Staatsschulden6.2 Konzentration des Finanzkapitals6.3 Finanzmärkte6.4 Der Internationale Währungsfonds6.5 Welthandel6.6 Ratingagenturen6.7 Buchhaltung

  7 Politik 7.1 Postdemokratie 7.2 Herrschende Klasse und politische Ämter 7.3 Think Tanks 7.4 Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen 7.5 Ein Beispiel: Die Bertelsmann-Stiftung 7.6 Finanzierung der Politik 7.7 Kriege 7.8 Weltherrschaft

  8 Recht 8.1 Verrechtlichung 8.2 Gesetzgebung 8.3 Privatisierung 8.4 Berater 8.5 Legalisierung von Ausbeutung

  9 Medien, Bildung und Wissenschaft 9.1 Vereinheitlichung der Medien 9.2 Finanzierung der Medien 9.3 Mittel der Manipulation 9.4 Wissenschaft 9.5 Schule 9.6 Beispiel: Gesundheit

  10 Die herrschende Klasse 10.1 Definition 10.2 Die Zusammensetzung der herrschenden Klasse 10.3 Porträt der herrschenden Klasse in Deutschland 10.4 Porträt der herrschenden Klasse der USA 10.5 Meritokratie 10.6 Verschleierung des Vermögens

  11 Fazit

  Abkürzungsverzeichnis

  Literaturverzeichnis

  Register

1 Einleitung

Das Buch bietet einen Gesamtüberblick über die Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft. Es erklärt, wie Wirtschaft, Politik, Recht, Medien und Wissenschaft zusammenwirken, um eine hierarchische Ordnung zu errichten und zu erhalten. Dabei geht es nur am Rande um ökonomische Daten. Die grundlegende These des Buches lautet, dass Kapitalismus eine Form der Ausbeutung ist, die ohne andere Formen des Wirtschaftens – beispielsweise Tausch, freundschaftliche Hilfe, Ehrenamt und Markt – nicht existieren kann. Der Kapitalismus ist auf nicht-kapitalistische Gesellschaftsstrukturen angewiesen, usurpiert und transformiert sie jedoch. Damit verwandelt er die Gesamtheit der Strukturen in eine kapitalistische Gesellschaft. Diese These stützt sich auf die Kapitalismustheorie des Historikers Fernand BraudelBraudel, Fernand.

Über BraudelBraudel, Fernand hinausgehend ergänze ich die These um die Behauptung, dass es sich bei der kapitalistischen Gesellschaft um eine Herrschaftsordnung handelt. Kapitalismus ist demnach nicht vorrangig eine Wirtschaftsform oder eine Produktionsweise, sondern eine Vermittlung von Herrschaft. Der Kapitalismus dehnte sich über die Welt aus, nachdem er von den Herrschenden Europas als Prinzip angenommen wurde, zunächst im Kolonialismus, sodann mit der Produktion einer Lohnarbeiterschaft.

Im Kapitalismus sind fast alle Menschen Abhängige, wie das in vorkapitalistischen Herrschaftsordnungen auch der Fall war. Die kapitalistische Gesellschaft unterscheidet sich von früheren Ordnungen, indem sie auf der Trennung von Kapital und Arbeit beruht. Die Einführung der Lohnarbeit drehte die Beziehung zwischen Kapitalismus und Gesellschaft um – die Gesellschaft ist nun auf das Kapital angewiesen. Ohne Arbeit oder eine Hilfe durch die Besitzer des Kapitals würden wir verhungern. Die Bedingungen stellt nicht die Gesellschaft, sondern das Kapital. Die Besitzer des Kapitals oder Kapitalisten sind Menschen, die Profite aus Investitionen nutzen, um ihr Kapital zu vermehren und sich Privilegien zu sichern, die ich in ihrer Gesamtstruktur als Herrschaft bezeichne. Die Kapitalisten umfassen weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung und rekrutieren sich fast vollständig aus einer sozialen Klasse. Die unsichtbare Ordnung sozialer Klassen ist die charakteristische Struktur kapitalistischer Gesellschaften.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung geht es im Kapitalismus nicht um Geld, sondern um Kapital. Geld und andere Formen von Vermögen dienen den meisten Menschen nur als Mittel zum Konsum, verringern sich also. Kapital hingegen wirft einen Profit ab, der zur Kapitalvermehrung eingesetzt werden kann. Der Einsatz von Geld und Profit für den Konsum hat mit Kapitalismus nichts zu tun. Kapital hingegen ist ein Mittel, um die ungleiche Verteilung von Privilegien zu sichern. Diese Ungleichverteilung begründet die kapitalistische Herrschaftsordnung. Die so genannte Wirtschaft ist lediglich ein Aspekt der kapitalistischen Gesellschaft, zu deren Verständnis man die Gesamtheit der Institutionen und Strukturen betrachten muss. Das ist Aufgabe des Buches.

Auch wenn ich die Forschung für dieses Buch noch nicht abgeschlossen habe und viele Thesen einen vorläufigen Charakter haben, erscheint es mir notwendig, das Manuskript in der vorliegenden Form zu veröffentlichen. Denn es gibt meines Wissens leider kein Buch, das verständlich zeigt, wie das System der kapitalistischen Gesellschaft in seiner Gesamtheit funktioniert. Bislang verfügbare Werke konzentrieren sich auf einzelne Aspekte, Auswüchse und Regeln. Überblickswerke beschäftigen sich fast ausschließlich mit wirtschaftswissenschaftlichen Sachverhalten. Die Fragmentierung des Wissens, also die Konzentration auf isolierte Probleme, stärkt das System, weil jede isolierte Erkenntnis oder Maßnahme sich in die Gesamtheit der Zusammenhänge einfügt und diese dadurch in ihrer Funktion verbessert oder so angepasst werden muss, dass sie mit ihrer ursprünglichen Intention nichts mehr gemeinsam hat. Das vorliegende Buch will demgegenüber den Zusammenhang von Wirtschaft, Politik, Recht, Gesellschaft und Öffentlichkeit im Kapitalismus erklären.

Das Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft wird durch die gegenwärtige politische Konstellation erschwert. Die vorherrschende Meinung, die ich als Naturalismus bezeichne, suggeriert, das System beruhe auf naturwissenschaftlichen Grundlagen, die nicht verändert und vielleicht nicht einmal verstanden werden können. Die Gegner der vorherrschenden Meinung tendieren zu Verschwörungstheorien, da die beobachtbaren Prozesse dem Naturalismus ganz offensichtlich widersprechen und eine kohärente Erklärung der gegenwärtigen Gesellschaft nicht zur Verfügung steht.

Die kapitalistische Gesellschaft ist sehr komplex. Sie wird sicher nicht von einer winzigen Gruppe gesteuert. Vielmehr tragen wir alle zum System bei, und wir alle haben ein – wenn auch meist geringes – Maß an Macht, Veränderungen zu bewirken. Fast jede Verschwörung ist kontraproduktiv. Sie sorgt für Sand im Getriebe und bei Aufdeckung für Ärger, weil das Wissen über die Zusammenhänge seitens der Verschwörer nie ausreicht, um alle Folgen zu überblicken. Das Buch wird zeigen, dass das System besser funktioniert, als eine Verschwörung es sich hätte ausdenken können. Andererseits handelt es sich beim Kapitalismus auch nicht um ein selbsterzeugendes System, das unveränderlichen Naturgesetzen unterliegt. Das System wurde durch das Zusammenspiel von Menschen mit unterschiedlichen und oft entgegengesetzten Interessen geschaffen und wird auf die gleiche Weise aufrechterhalten. Es ist keine natürliche oder naturgesetzliche Angelegenheit.

Das vorliegende Buch sucht beide Richtungen zu widerlegen. Beide verdecken, dass der Kapitalismus und die dahinterstehende Herrschaftsordnung sich an der Wurzel des Problems befinden. Sie befürworten undemokratische Lösungen für eine entstehende Katastrophe, die nicht durch zu viel Demokratie erzeugt wurde, sondern durch zu wenig. Sie identifizieren Marktwirtschaft und Kapitalismus, Demokratie und Expertenherrschaft, Öffentlichkeit und Meinungsmache, Gerechtigkeit und Interessenpolitik, Wissenschaft und Manipulation – sei es zustimmend, sei es ablehnend. Diese Gleichsetzungen sind jedoch falsch. Sie verhindern das Verständnis des kapitalistischen Systems und führen in einen totalitären Staat. Nur das Verständnis des gesamten Systems eröffnet das Verständnis seiner Teile und Wege zu einer sinnvollen Veränderung.

Die ersten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit den Grundlagen. Das erste Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer wesentlichen Komponenten nach. Das zweite Kapitel sucht den Kapitalismus systematisch zu fassen. Im dritten Kapitel wird die kapitalistische Gesellschaft als Herrschaftsordnung interpretiert und genauer analysiert. Die folgenden Kapitel erläutern, wie die Elemente des Systems – Wirtschaft, Politik, Recht, Gesellschaft und Öffentlichkeit – ineinandergreifen, sich gegenseitig stützen und es nahezu unangreifbar machen. Das letzte Kapitel ist einer genaueren Untersuchung der Herrschaft gewidmet.

Die Vorgeschichte des heutigen Kapitalismus wurzelt in Oberitalien und sodann in der kolonialen Welt, die zwischen dem 17. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg von England dominiert wurde. Mit dem Ersten Weltkrieg übernahmen die USA zunehmend die Führungsrolle. Daher stehen diese drei Länder im Zentrum der Darstellung, vorrangig die Vereinigten Staaten, England etwas weniger und Italien nur auf den ersten Seiten. Darüber hinaus beschäftigt sich das Buch vor allem mit Deutschland und an einigen Stellen mit Österrreich, da es auf Deutsch verfasst ist und ein Großteil der Leserschaft im deutschsprachigen Raum ansässig sein dürfte.

Vor allem der Lesbarkeit wegen verzichte ich auf eine gendergerechte Sprache. Diese Entscheidung beruht aber auch darauf, dass die bisherigen hierarchischen Gesellschaften mehr oder weniger stark patriarchalische Gesellschaften waren. Die männliche Domination kommt auch in der Sprache zum Ausdruck.

Für ihre präzise Kritik früherer Versionen des Manuskripts danke ich Gerhard Fröhlich, Jochen Rehbein, Martin Seeh, Jessé Souza und Christopher Wimmer.

2 Vorgeschichte

Zu Beginn muss ich vorläufig definieren, was ich unter Kapitalismus verstehe. Diese Definition kann erst am Ende des Buches vervollständigt werden. Es gibt viele Formen des Kapitalismus. Daher sind der Ursprung und die Definition des Kapitalismus umstritten. Wie der Soziologe Max WeberWeber, Max verdeutlicht hat, lassen sich kapitalistische Handlungen bis in die Frühgeschichte vieler Erdteile zurückverfolgen.1 Für alle kapitalistischen Handlungen gilt ihm zufolge dieselbe Definition: Sie sind Investitionen von Kapital mit der Erwartung eines Gewinns. Ähnliches schrieb übrigens auch Adam SmithSmith, Adam, der oft als theoretischer Begründer des Wirtschaftsliberalismus und des heutigen Kapitalismus bezeichnet wird: „Die Erzielung eines eigenen Gewinnes ist das einzige Motiv, welches den Besitzer eines Kapitals leitet“.2 Nun müssen wir hinzufügen, dass der Gewinn erzielt wird, um das Kapital zu vermehren oder zumindest zu bewahren. Die Erzielung eines Gewinns und der folgende Konsum des Gewinns sowie des investierten Kapitals sind nicht als kapitalistisch zu bezeichnen.

Diese Definition ist noch sehr unspezifisch. Sie wird sich verbessern und verfeinern, indem wir die wichtigsten Elemente des Kapitalismus identifizieren und seine Geschichte zumindest in Ansätzen nachverfolgen, um die heutige Konfiguration seiner Elemente zu verstehen. Das soll das vorliegende Kapitel leisten. Die darauffolgenden Kapitel werden die Konfiguration der Elemente in ihrem heutigen Zusammenspiel untersuchen. Erst dann, am Ende des Buches, ist ein vollständiges Verständnis des Kapitalismus möglich. Verbesserte Definitionen des Kapitalismus werde ich jedoch schon am Ende der ersten beiden Kapitel vorbringen.

Das wichtigste Element des Kapitalismus ist Kapital. Wir müssen mit WeberWeber, Max das Kapital als eine Investition mit Gewinnerwartung von anderen Formen des Besitzes abgrenzen.3 Die bloße Verfügung über ein Vermögen ist kein Kapital, weil keine Gewinnerwartung vorliegt. Verbrechen oder Bettelei zielen auch auf einen Gewinn ab, aber der Gewinn wird nicht durch das Kapital selbst erzielt. Oft hat das Kapital die Form von Geld, aber letztlich können alle Gegenstände als Kapital genutzt werden, die einen ökonomisch deutbaren Wert haben und zur Gewinnerzielung eingesetzt werden können, also beispielsweise Häuser, Maschinen, Schiffe oder Wertpapiere.

Das Kapital ist eine Investition, die von Menschen getätigt wird. Ein Mensch, der über Kapital verfügt, wird als Kapitalist bezeichnet. Der Kapitalist setzt sein Kapital ein, um einen Gewinn zu erzielen, der über die ursprüngliche Menge des Kapitals hinausgeht. Dazu muss er das Kapital vor der kapitalistischen Handlung besitzen. Das Kapital als Ressource ist die Voraussetzung des Kapitalismus, nicht sein Resultat. Ferner darf das Kapital im Sinne einer kapitalistischen Investition nicht Gemeineigentum oder für die unterschiedlichsten Leute zugänglich sein. Der Gewinn kommt nur dem Kapitaleigner zugute. Kapital, Investition und Gewinn sind Privateigentum. Das Privateigentum zeichnet sich dadurch aus, dass andere Menschen rechtlich von ihm ausgeschlossen sind.

Die kapitalistische Investition kann unterschiedliche Formen haben. Sie muss nicht, wie Adam SmithSmith, Adam und Karl MarxMarx, Karl behauptet haben, in der Ausbeutung von Arbeitskraft bei der Produktion von Gütern bestehen.4 Vielmehr sind zahlreiche Arten von Kapitaleinsatz möglich, vom Rohstoffabbau über Sklavenarbeit bis hin zum Finanzgeschäft. Historisch weit bedeutsamer als die Ausbeutung von Arbeitskraft ist die Ausnutzung des Unterschieds zwischen Angebot und Nachfrage an zwei Orten: Was an einem Ort relativ billig zu erwerben ist, wird an einem anderen Ort teurer verkauft. Auch der gleichsam kostenlose Abtransport von Rohstoffen und ihr Verkauf an einem anderen Ort ist eine kapitalistische Transaktion, wenn der Profit das Ziel ist. In diesem Fall investiert der Kapitalist Kapital, um Gegenstände an einem Ort zu kaufen oder abbauen zu lassen und an einem anderen Ort zu verkaufen. Der Erlös muss ihm das ursprüngliche Kapital ersetzen und einen zusätzlichen Gewinn liefern, der auch den Lebensunterhalt finanziert.

In diesem Sinne existierte der Kapitalismus, wie Max WeberWeber, Max argumentiert hat, seit Jahrtausenden an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten – allerdings immer nur begrenzt auf eine kleine Gruppe von Kaufleuten – oder Kapitalisten. Er hat bis ins 19. Jahrhundert nie die gesamte Gesellschaftsordnung erfasst, weil die Gesellschaft entweder wie eine Familie strukturiert war oder von einer Familie oder einer kleinen Gruppe beherrscht wurde und die Kapitalisten als besonderer Stand eine untergeordnete Position einnahmen. Wir haben es heute jedoch mit einer Form des Kapitalismus zu tun, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt und nicht auf eine kleine Gruppe beschränkt ist.5 Die Durchdringung aller Bereiche der Gesellschaft durch den Kapitalismus ist das entscheidende Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft, auch wenn sie nie vollständig gelingen kann, und wurde zuerst im neuzeitlichen Europa durchgesetzt. Daher handelt dieses Buch vom westlichen Kapitalismus.6

Mit der Entstehung des westlichen Kapitalismus in der Neuzeit wurde einerseits die persönliche Herrschaft eines Fürsten oder Königs über das Gemeinwesen in die unpersönliche Institution des Nationalstaats verwandelt, andererseits geriet der Staat in finanzielle und soziale Abhängigkeit von den führenden Vertretern des Kaufmannsstandes und der alten Aristokratie, die zu einer herrschenden Klasse verschmolzen. Diese Klasse monopolisierte mehr oder weniger das gesamte gesellschaftliche Kapital, von dem der Staat abhängig wurde. Insgesamt kann die kapitalistische Gesellschaft als eine staatlich institutionalisierte Schuldknechtschaft der Bevölkerung durch die Kapitalisten charakterisiert werden. Wenn im Folgenden von Kapitalismus die Rede ist, meine ich den derart institutionalisierten Kapitalismus, der durch die westliche Weltherrschaft verbreitet wurde. Dieser Kapitalismus ist von den Begriffen Markt, Marktwirtschaft und Wirtschaft zu unterscheiden, die eine materielle Reproduktion der Gesellschaft zum Ziel haben.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Definitionen zu Beginn des vorliegenden Abschnitts etwas präzisieren, auch wenn eine vorläufige Definition des Kapitalismus erst am Ende dieses Kapitels geliefert werden kann. Kapitalisten sind – zu allen Zeiten – zunächst Menschen, die Kapital mit der Erwartung eines Gewinns investieren. In der kapitalistischen Gesellschaft bilden sie eine Gruppe, die Investition mit Herrschaft verknüpft und das Kapital in einem beträchtlichen Maße monopolisiert, während die restliche Bevölkerung zum Überleben auf Lohnarbeit angewiesen ist, weil sie weder Zugang zu Kapital noch zu Subsistenzmitteln wie Ackerland oder Waldprodukten hat und durch die Institutionen von Staat und Wirtschaft zu Arbeit gezwungen wird. Ein Charakteristikum der kapitalistischen Gesellschaft ist die Verschmelzung von Kapital und herrschender Klasse. Investoren, die lediglich vom Ertrag ihrer Investition leben, ohne Herrschaft auszuüben, bezeichne ich in diesem Buch nicht als Kapitalisten. Dass und wie der Staat von einer kleinen herrschenden Klasse abhängig ist, werde ich im Folgenden zu zeigen versuchen. Ich werde außerdem aufweisen, in welchem Maße das Kapital von dieser Klasse monopolisiert und zur Aufrechterhaltung ihrer herrschenden Position eingesetzt wird. Dabei wird sich zeigen, dass das ohne Verschwörung möglich ist.

2.1 Handel und Finanzen

Die am meisten verbreitete Version der Geschichte lautet, dass sich der Aufstieg des Kapitalismus der überlegenen Produktivität verdankte, die er entfaltete.1 Die Entwicklung der Wissenschaft, technische Erfindungen, die betriebliche Arbeitsteilung und der freie Markt sollen den Erfolg des Kapitalismus begründet haben. Tatsächlich spielten diese Faktoren eine Rolle, aber erst in einer Zeit, als der westliche Kapitalismus einen Großteil der Welt schon erobert hatte. Technik und Industrie waren nicht die Triebkräfte des Kapitalismus. Großindustrie, die Dampfmaschine, das Gusseisen, das Schießpulver und viele andere Entwicklungen, die wir für entscheidende Neuerungen des westlichen Kapitalismus halten, gab es in Asien schon Jahrhunderte früher als in Europa.2 Und die Großindustrie entwickelte sich in Europa erst, als die wichtigsten Elemente des Kapitalismus schon existierten. Die Industrialisierung war ebenso wie der Einsatz von Technologie nur ein Element der Entfaltung des Kapitalismus. Das zeigt sich, wenn man die Entwicklung des (westlichen, institutionalisierten) Kapitalismus Schritt für Schritt nachvollzieht.

Die Anfänge des (westlichen, institutionalisierten) Kapitalismus reichen weit in das mittelalterliche Italien zurück, und die vollständige Transformation westlicher Gesellschaften in kapitalistische Systeme ist erst für das 20. Jahrhundert festzustellen. Die Erfindung des handelbaren Kredits, der Kolonialismus, der Nationalstaat, die Staatsverschuldung, die Industrialisierung und die wissenschaftliche Grundlegung der Volkswirtschaft waren wichtige Etappen auf dem Weg zum heutigen Kapitalismus, aber keine Etappe allein hat den Kapitalismus begründet. Diese Etappen werden die folgenden Abschnitte skizzieren, da sie zentrale Elemente des heutigen Kapitalismus begründeten.

Den heutigen Kapitalismus können wir in die oberitalienischen Städte zurückverfolgen, wo Kapitalgesellschaften entstanden, die von Banken finanziert und von der Aristokratie kontrolliert wurden.3 Eine für den Kapitalismus entscheidende Neuerung war um 1200 die Wiederentdeckung des so genannten Wechsels.4 Der Wechsel ist ein Stück Papier, für das ein Kreditnehmer Geld erhält und im Gegenzug auf dem Papier die Zahlung einer entsprechenden Geldsumme zu einem späteren Zeitpunkt verspricht. Der Kreditgeber erhielt normalerweise einen Zins auf den Wechsel, also einen Gewinn. Im 16. Jahrhundert wurde der Wechsel dahingehend weiterentwickelt, dass er gemeinsam mit dem Anspruch auf Rück- und Zinszahlung weiterverkauft werden konnte – ähnlich wie eine Staatsanleihe heute.5

Beim Kreditgeschäft sitzt der Verleiher – oder der Kapitalist oder die Bank – immer am längeren Hebel. Für das Verständnis des Kapitalismus ist es wichtig, sich zu verdeutlichen, dass beim Kreditgeschäft nicht zwei gleiche Partner einander gegenübertreten. Der Verleiher gewinnt (fast) immer, der Kreditnehmer verliert (fast) immer. Nehmen wir als Beispiel einen Kredit von 1000 Euro mit einer Laufzeit von einem Jahr und einem Zinssatz von fünf Prozent. Ein Geldverleiher hat zu Beginn des Geschäfts 1000 Euro, am Ende 1050. Der Kreditnehmer hat am Anfang 0 und am Ende 0, erhält aber 1000 Euro und muss 1050 zurückzahlen. Der Kreditgeber verliert nur, wenn der Kreditnehmer das Geld nicht zurückzahlt. Die einzige Möglichkeit für den Kreditnehmer, hinterher nicht ärmer als vorher zu sein, besteht darin, die 1000 Euro so zu investieren, dass nach einem Jahr ein Gewinn von mindestens 50 Euro über die investierten 1000 Euro hinaus erzielt wird.

Dieses Ziel verfolgte und verfolgt der Handel. Kaufleute müssen auch heute noch oft einen Kredit aufnehmen, weil sie erst beim Verkauf der Ware Geld erhalten. Oft besitzen sie zum Zeitpunkt des Kaufs das notwendige Kapital nicht. Der Handel ist kapitalistisch, insofern er mit Gewinnerwartung investiert. Das trifft auf den europäischen Handel seit dem 13. Jahrhundert immer mehr zu. Die meisten anderen Kreditnehmer machen mit einem aufgenommenen Kredit keinen Gewinn, sondern finanzieren beispielsweise ihr Eigenheim oder ihren Konsum. Im Handel wird hingegen gekauft, um teurer zu verkaufen. Der Händler erhält am Ende das eingesetzte Kapital plus einen Gewinn, der nicht (vollständig) konsumiert wird.

Der europäische Fernhandel des Mittelalters wurde zunehmend durch Kredite finanziert, und der Wechsel spielte eine wichtige Rolle. Händler bezahlten mit einem Wechsel, kauften also auf Kredit, bevor sie die Ware verkauften. Darüber hinaus handelten die oberitalienischen Kaufleute schon im 13. Jahrhundert mit Währungen oder Edelmetallen, indem sie Gold in goldarmen Gegenden verkauften und Silber dort, wo Silber knapp war.6 Die Kredit- und Währungsgeschäfte wurden immer mehr von Banken übernommen, die in Italien ihre erste Blüte erfuhren. Ein Finanzkapital entstand, das in Banken institutionalisiert und konzentriert war.

Die Herrscher der norditalienischen Stadtstaaten waren oft gleichzeitig Inhaber großer Bankhäuser und Organisatoren des Fernhandels. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist die Familie Medici, die Jahrhunderte lang Florenz beherrschte und mehrere Päpste stellte. Gleichzeitig gehörte ihr das wichtigste Bankhaus der Stadt Florenz.7 Die Medicis brauchten etwa ein Jahrhundert für ihren Aufstieg von einer wohlhabenden zur reichsten Familie der Stadt, bis Cosimo de‘ MediciMedici, Cosimo de‘ zu Beginn des 15. Jahrhunderts Bankier des Papstes wurde. Zu dieser Zeit war die Familie mit den anderen mächtigen Familien von Florenz bereits durch Heirat verflochten.8 Zunehmend entstand ein Konflikt zwischen den Medicis und dem Papst um die Vorherrschaft in Italien, den die Medicis im 16. Jahrhundert dadurch für sich entschieden, dass sie sich selbst zu Päpsten wählen ließen, während sie sich gleichzeitig auf ihre Bank und die Herrschaft über Florenz stützten.9

Zur mächtigsten Handelsstadt entwickelte sich ab etwa 1000 u.Z. Venedig. Der Stadtstaat kontrollierte den Fernhandel im östlichen Mittelmeer, in dem Konstantinopel den Austausch mit Asien vermittelte.10 1204 gelang Venedig der Durchbruch, indem es Konstantinopel eroberte und dadurch den Handel zwischen Europa und Asien weitgehend unter seine Kontrolle brachte. Einige Jahrzehnte später reiste der Venezianer Marco PoloPolo, Marco nach China. 1310 wurde die venezianische Verfassung verabschiedet, die der Aristokratie die Macht im Staat verlieh. Die Aristokratie bildete den Großen Rat und wählte den Rat der Zehn, gleichsam die Regierung, und den Dogen, eine Art Regierungschef. Dieser Staat trieb Handel, Piraterie und Kolonialisierung im östlichen Mittelmeer. In den Kolonialgebieten mussten Sklaven für die Venezianer arbeiten. Die venezianische Aristokratie wurde reich.

Heute führen wir die Entstehung des westlichen, institutionalisierten Kapitalismus eher auf die Geschichte Englands11 als auf die Venedigs zurück. Dafür gibt es gute und weniger gute Argumente. Die soziale und politische Struktur des Staates Venedig sowie die Quellen seines Reichtums waren vom England des 17. Jahrhunderts nicht grundsätzlich verschieden. Die Herrschaft einer kleinen Aristokratie, die sich vermittelt über den Staat durch den Fernhandel, Raub und die Ausbeutung von Sklavenarbeit in Kolonialgebieten bereichert, ist in England und Venedig identisch. Wo der Kapitalismus im heutigen Sinne begann, ist nicht leicht zu sagen. Beide Staaten gründeten sich auf kapitalistisch finanzierten Fernhandel und Kolonialisierung.

Handel und Finanzwesen sind bis heute zentrale Bestandteile des Kapitalismus. Im Handel wird ein Gewinn gemacht, indem man billig kauft und teuer verkauft, im Finanzwesen, indem man Geld gegen Zinsen verleiht. Man mag einwenden, dass der Handel ein Nullsummenspiel sei: Was der eine gewinnt, verliert der andere. Oft wird im Handel tatsächlich eine Seite übervorteilt. Er ist jedoch kein Nullsummenspiel. Erstens hat Adam SmithSmith, Adam mit Bezug auf den Gebrauchswert gezeigt, dass im Handel beide Seiten gewinnen können. Als Beispiel führte er den Tausch von polnischem Getreide gegen portugiesischen Wein an – da in Polen kein guter Wein erzeugt werden könne, beziehe man ihn aus Portugal, und das Getreide beziehe Portugal aus Polen.12 Zweitens hat der europäische Handel schon für Venedig Werte geschaffen, indem nicht nur mit Kaufleuten anderer Staaten gehandelt wurde, sondern Rohstoffe und Sklaven verkauft wurden. Diese wurden zu geringen Kosten akquiriert, verschifft und gehandelt. Ohne die Ausbeutung der Natur ist die Geschichte des Kapitalismus gar nicht denkbar, wie ich weiter unten zeigen werde.13

Ähnlich verhält es sich mit dem Finanzwesen. Geld und Wertpapiere sind nicht einfach Symbole für einen „realen“ Wert, der durch die Produktion erzeugt wird. Vielmehr sind sie auch Machtmittel und können selbst Werte bilden. Darüber hinaus muss dem Geld oder Wertpapier kein anderer Wert entsprechen.14 Sie können einfach geschaffen werden, insofern sie als Zahlungs- oder Wertaufbewahrungsmittel akzeptiert werden. Wir tun das jeden Tag, indem wir auf den Staat und die Gesellschaft vertrauen, dass ein bedrucktes Stück Papier uns den Kauf von Waren ermöglicht. Schließlich wird der Wert des Gesamtvermögens einer Gesellschaft nicht allein durch die Produktion gesteigert, sondern, wie erwähnt, auch durch die Ausbeutung der Natur, sowie durch Dienstleistungen aller Art. Es ist wichtig festzuhalten, dass das Finanzsystem keineswegs eine Entartung eines früher einmal gesunden Kapitalismus bildet, sondern von Anfang an ein zentraler Bestandteil des Kapitalismus war – ganz gleich, wo man den Anfang ansetzt. In der Spekulation können Handel und Finanz verbunden werden.

In England wurden jedoch drei weitere Faktoren wirksam, die so in Venedig nicht gegeben waren, nämlich die Enteignung der Landbevölkerung, die Verwandlung des Gemeinwesens in einen Nationalstaat und die Privatisierung der Staatsschulden über eine Staatsbank. Insgesamt sind mindestens diese Faktoren von Bedeutung: Fernhandel, Finanzwesen, Kolonialismus, Nationalstaat, Enteignung, Staatsschulden und Ausbeutung der Natur. Im Folgenden werde ich die zuletzt genannten Faktoren erläutern, die bislang noch nicht eingehend diskutiert wurden.

2.2 Kolonialismus

Der englische Kapitalismus ist eng mit dem Kolonialismus verknüpft. Man könnte in Anlehnung an Walter MignoloMignolo, Walter sogar sagen, Kapitalismus und Kolonialismus sind zwei Seiten derselben Medaille.1 Der Kolonialismus wiederum erwuchs aus den Kreuzzügen und der Verlagerung der Handelswege in den Atlantik, nachdem die Osmanen mit der Eroberung Konstantinopels 1453 die älteren Handelswege zwischen Europa und Asien zu kontrollieren begannen. Für Venedig war der direkte Weg nach Asien versperrt. Venedigs große Konkurrentin, Genua, profitierte davon und erkundete gemeinsam mit Portugal die Seewege über den Atlantik. 1492 landete Christoph KolumbusKolumbus, Christoph im Namen der portugiesischen Krone auf der Suche nach einem Seeweg nach Asien in Amerika. Daraufhin übernahmen Portugal und Spanien die Kontrolle über den europäischen Fernhandel. Der Handel wurde finanziert, indem die Europäer Edelmetalle aus Amerika raubten, in Asien gegen Waren eintauschten und diese mit einem hohen Gewinn in Europa verkauften.2 Im 16. Jahrhundert verschifften die Europäer 120 Tonnen Silber jährlich aus Amerika allein nach Südostasien.3

Zunehmend stiegen andere europäische Atlantikanrainer in das Geschäft ein. Bereits im 16. Jahrhundert griffen europäische Schiffe einander an und versuchten, Handelsschiffen die Ladung abzunehmen.4 „Der Handel der Europäer in Asien war von Anfang an (ca. 1505) ein bewaffneter Handel.“5 Matthew RestallRestall, Matthew und Felipe Fernández-ArmestoFernández-Armesto, Felipe bezeichnen die spanischen Konquistadoren, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen Großteil des amerikanischen Kontinents eroberten und sich vor allem aus dem niederen Adel rekrutierten, als bewaffnete Unternehmer.6 Sie mobilisierten Fußvolk und Kapital für ihre Eroberungen, die ihnen ökonomischen Gewinn verschaffen sollten. Erst im 17. Jahrhundert ging Spanien – wie England – zum staatlich organisierten Kolonialismus über.7

Piraten waren die Vorhut des englischen Kolonialismus. Sie raubten Schätze an Land, verschifften Sklaven nach Amerika und kaperten fremde Schiffe, alles mit Unterstützung des englischen Königshauses. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Freibeuter Francis DrakeDrake, Francis, der zunächst dem spanischen Sklavenhandel Konkurrenz zu machen suchte, dann in der Karibik Piraterie betriebt und 1575 durch den Earl of EssexEarl of Essex für die englische Krone angeworben wurde.8 In dieser Eigenschaft umsegelte er die Welt und brachte sich und dem englischen Königshaus reiche Beute ein. 1581 wurde er in den Adelsstand erhoben.

1588, nach dem Sieg Englands über die spanische Flotte, die Armada, wurden die staatlich unterstützten Raubzüge in Kolonialgesellschaften auch staatlich institutionalisiert. Die englischen, aber auch die niederländischen Kolonialgesellschaften wurden von Adligen, Vertretern des Staates bzw. der Krone und Kaufleuten gemeinsam geführt. Finanzkapitalisten vergaben Kredite für Expeditionen, deren Investitionen die Schiffe mitsamt Besatzung waren. Die Unternehmen erhielten vom Staat das Monopol für eine bestimmte Region.9 Sie trieben Handel, errichteten Festungen, stellten Armeen auf und sprachen Recht. Der Staat verkaufte Anteile an den Kolonialgesellschaften als Aktien an Kapitaleigner und machte so einen Gewinn. Die Aktionäre machten Geld, wenn die Gesellschaft Gewinne einfuhr, die sie mit den Händlern und Seeleuten teilten. Die Gewinne konnten astronomisch sein. Im 17. Jahrhundert warfen Gewürznelken einen Profit von rund 2500 Prozent ab.10

Die Engländer beraubten die Schiffe anderer europäischer Mächte und der Araber, eigneten sich in den Überseegebieten gewaltsam Waren an, handelten mit gewaltsam entführten Menschen und setzten sie als Arbeitssklaven ein, betrogen örtliche Bevölkerungen und legten in der ganzen Welt Häfen an. Kapital wurde nicht durch Produktion und Handel akkumuliert, sondern durch Piraterie, den Raub von Rohstoffen, Sklaverei und Betrug. Allerdings geschah all das auf der Grundlage von Kapitalinvestitionen und mit staatlicher Unterstützung – und nicht, wie bei Seeräubern, zum eigenen Lebensunterhalt und außerhalb staatlicher Regulierung. „Der Kapitalismus triumphierte nur dann, wenn er mit dem Staat identifiziert wurde, wenn er der Staat war.“11

Der nationalstaatliche Kolonialismus unterschied sich ab dem 16. Jahrhundert zunehmend vom venezianischen Kolonialismus. Während in Venedig der Handel das Zentrum der Wirtschaft bildete, verdrängte in den portugiesischen, spanischen, niederländischen, englischen und französischen Kolonien die Ausbeutung den Handel, insbesondere in Form von Sklaverei und Rohstoffabbau. Im Laufe der Zeit dehnten sich die europäischen Niederlassungen über die Welt aus und bedeckten ganze Territorien, die in Kolonien verwandelt wurden. Um 1800 beherrschten die Europäer rund 35 Prozent der Erdoberfläche, 1914 waren etwa 85 Prozent unter westlicher Herrschaft.12

Die territoriale Weltherrschaft wird auch als Imperialismus bezeichnet und vom Kolonialismus unterschieden, weil weltumspannende Reiche errichtet wurden, die aus den europäischen Nationalstaaten und ihren Kolonien bestanden.13 Die Kolonien wurden in dieser Zeit auch nicht mehr von privaten Kapitalgesellschaften, sondern von den europäischen Regierungen beherrscht. Ihr Ziel bestand jedoch weiterhin in einem ökonomischen Profit. Der Profit wurde vom Staat für die zahlreichen Kriege und von der Wirtschaft als Kapital verwendet, das nach und nach in die einheimische Produktion investiert wurde.14

Die Frühphase des weltweiten Kolonialismus der Europäer war geprägt von Raub – insbesondere von Edelmetallen in Amerika, von Sklaven in Afrika und von Waren in Asien. Im 18. Jahrhundert ging der Kolonialismus zur Plantagenwirtschaft über, vor allem durch Zwangs- und Sklavenarbeit.15 Der Raub wich der landwirtschaftlichen Produktion, deren Erträge vor allem in Europa, aber zunehmend auch im Rest der Welt verkauft wurden. Erst dann entwickelte sich in England die Industrialisierung.16 Die aus den Kolonien abgeführten Güter, von Edelmetallen über Waren bis zu landwirtschaftlichen Produkten, bildeten eine Grundlage der industriellen Revolution.17

Wichtig für die Industrialisierung Englands war auch die Funktion der Kolonien als Absatzmärkte.18 Die Industriezweige, die in den Kolonien bereits existierten, wurden zerstört, die Entwicklung neuer Industrien wurde verboten.19 So mussten die Bewohner die Produkte kaufen, die in England hergestellt wurden. Das bekannteste Beispiel ist die indische Textilindustrie, deren Qualität zeitgenössischen europäischen Quellen zufolge den englischen Textilien weit überlegen war.20 Die Engländer, deren Industrialisierung langfristig auf der Produktion von Textilien basierte, zerstörten die indischen Produktionsanlagen, um ihre eigenen Textilien in ihrer indischen Kolonie verkaufen zu können.21

Die wichtigste Folge des Kolonialismus bestand in der Herstellung einer integrierten, ungleichen Weltordnung. Außerdem hat er außereuropäische Bevölkerungen stark dezimiert, einige sogar ausgelöscht. Insgesamt kamen mindestens 50, eher aber 262 Millionen Menschen durch den Kolonialismus ums Leben.22 Dabei ist zu bedenken, dass die Weltbevölkerung 1500 rund 500 Millionen und 1800 etwa eine Milliarde zählte. Darüber hinaus trug der Kolonialismus zur Industrialisierung Europas bei. Ferner hat er einen großen Anteil gehabt, die europäischen Staaten in kapitalistische Nationalstaaten zu verwandeln, indem die Kolonialgesellschaften privates Kapital und staatliche Organisation miteinander verbanden. Dadurch entstand die noch heute zentrale Verzahnung von Staat und Kapital. „Wann immer das Interesse an einer Kolonie von Handel und Räuberei zur planvollen Ausbeutung ihrer Ressourcen überging, musste der koloniale Staat durch Infrastrukturprojekte (Eisenbahnen, Kanäle, Straßen, Telegraphennetze), durch Landerschließungsprogramme, durch Zoll- und Währungspolitik oder durch städtebauliche Initiativen privaten Geschäftsinteressen den Weg bahnen.“23

Der Kolonialismus gehört insofern der Vergangenheit an, als die Welt nicht mehr von Europa beherrscht wird. Allerdings ist er immer noch aktuell, da die Struktur der heutigen Welt ein Erbe des Kolonialismus ist. Die heute armen Länder sind allesamt ehemalige Kolonien, die während der Kolonialzeit ausgeplündert, versklavt und gesellschaftlich verwüstet worden sind. Die ehemaligen Kolonialherrscher hingegen gehören auch heute noch zu den reichen und mächtigen Ländern. Nur wenige der einstigen Kolonien haben einen Aufstieg geschafft, beispielsweise die USA, Australien, Neuseeland und die asiatischen Tiger; China war nur teilweise kolonialisiert. Darüber hinaus sind die ehemaligen Kolonien bis heute sprachlich, kulturell und politisch mit ihren ehemaligen Herrschern verbunden. Schließlich wurden ihnen der Kapitalismus und die politische Organisation des Nationalstaats aufgezwungen.

2.3 Der Nationalstaat

In die Zeit der Entfaltung des Kolonialismus fällt die Entwicklung des Nationalstaats. Bis zum Dreißigjährigen Krieg, der 1648 endete, waren die europäischen Staaten gleichsam Besitztümer von Monarchen. Der Staatsapparat der englischen Königin ElizabethElizabeth I. von England umfasste vor Beginn des Krieges nur wenige hundert Personen und war weitgehend mit ihrem Hof identisch.1 Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde Europa territorial aufgeteilt, und die Staaten entwickelten sich zu Nationalstaaten mit einer unpersönlichen, umfassenden Bürokratie und einer rechtlich geregelten Herrschaft. Diese Organisationsform wurde mit dem Kolonialismus auf den Rest der Welt übertragen.

Der Nationalstaat ist keine Privatangelegenheit der Monarchen mehr. Erstens ist der Herrscher ein Vertreter der Gesamtheit, also ein Repräsentant und kein persönlicher Machthaber. Zweitens hat der Nationalstaat ein rechtliches Rahmengerüst. Drittens hat er eine territoriale Grenze. Viertens verfügt er über ein Staatsvolk, das seit dem Dreißigjährigen Krieg zunehmend nationalistisch gedacht wurde, also mit einer einheitlichen Geschichte, Kultur und Sprache. In Wirklichkeit gab es zum Ende des Krieges keine Staaten dieser Art, sondern die Herrscher formten die Staaten in diese Richtung um. Die späteren Demokratien, beispielsweise die USA und Frankreich, schlossen daran an.

Bis zum Kolonialismus waren fast alle globalen Zentren expandierende Stadtstaaten gewesen, beispielsweise Babylon, das Industal, Athen, Rom, Venedig und Genua. Aber erst England war keineswegs mehr ein Hof mit umgebendem Territorium, sondern London wurde im 17. Jahrhundert die Hauptstadt eines nationalen Territoriums mit einem einheitlichen Binnenmarkt.2 Die anderen Staaten der Welt erreichten dieses Maß an Integration erst später. Im Weltmaßstab wurde der Nationalstaat sogar erst im 20. Jahrhundert die allgemeine politische Organisationsform.3

Der westliche, institutionalisierte Kapitalismus war von Anfang an ein globales Projekt, das von national organisierten Kapitalistengruppen im Verbund mit ihrem Staatsapparat vorangetrieben wurde. Der Staat diente den Kapitalisten als Beschützer, die Kapitalisten dienten dem Staat als Finanziers. Die Staaten und ihre Politik wurden national organisiert. Sie waren eng mit dem Kolonialismus und dem Kapitalismus verknüpft. Der europäische Nationalstaat sollte „seinen“ Kapitalisten überall auf der Welt profitable Möglichkeiten eröffnen und gleichzeitig im Innern die Arbeit organisieren und die Bevölkerung befrieden. Er stellte die Infrastruktur, bildete die Bevölkerung aus, kontrollierte sie und federte die Auswirkungen des Kapitalismus ab. Im Ausland trat er für die Interessen der auf seinem Staatsgebiet angesiedelten Kapitalisten ein.4

Diese Aufgaben sind bis heute die zentralen des Staatsapparates geblieben. Bis heute werden dazu gegebenenfalls Gewaltmittel eingesetzt. Wie die früheren Kolonialherren von Venedig über Spanien bis England befinden sich die heutigen Staaten, die Anspruch auf die Weltherrschaft oder eine regionale Vormachtstellung erheben, in einem mehr oder weniger konstanten Kriegszustand, um überall günstige Bedingungen für die mit ihrem Nationalstaat verbundenen Kapitalisten durchzusetzen und die anderen Staaten sowie ihre Kapitalisten nach Möglichkeit zu beherrschen.

2.4 Enteignung

Vorbedingung für die geografische Verschiebung des Kapitalismus von Oberitalien nach England war die osmanische Eroberung von Konstantinopel. Daraufhin verlagerte sich der europäische Handel vom Mittelmeer an die Atlantikküsten. Portugal, Spanien und die Niederlande profitierten davon und begannen den Handel mit Piraterie und Kolonialisierung zu verbinden. Dieses Projekt wurde mit dem englischen Sieg über die Armada 1588 von England übernommen. Das nordwestliche Europa, vor allem England, beherrschte zunehmend die Welt.1

Über die nationalstaatliche Organisation hinaus war eine weitere Voraussetzung, die England für die Entwicklung des Kapitalismus prädestinierte, die weitgehende Verwandlung des Landes in Privateigentum. Sie begann damit, dass König Heinrich VIII.Heinrich VIII. von England von England sich scheiden lassen wollte und daher die englische Kirche vom Katholizismus abspaltete, der ihm die Scheidung unmöglich machte. Er ließ seine Ehe 1532 annulieren, heiratete seine neue Liebe Anne BoleynBoleyn, Anne und erklärte sich zum Oberhaupt der englischen Kirche. Der Besitz der katholischen Kirche ging damit in seine Kontrolle über. Viele der riesigen Ländereien der Kirche verkaufte Heinrich VIII., einen Teil verschenkte er an Günstlinge und einen geringen Teil behielt er.2 Die Kaufleute und Adligen, die Geld übrighatten, kauften das Land. Da nicht viele Menschen in der Lage waren, genügend Geld für einen Landkauf aufzubringen, kam es zu einer starken Konzentration des Grundbesitzes. Diese Konzentration nahm noch weiter zu, als im 18. Jahrhundert auch das Gemeindeland in Privateigentum verwandelt wurde.3 Eine kleine Gruppe von Hochadligen eignete sich das Land an. Noch heute sind alte adlige Familien die größten Landbesitzer Englands, darunter auch das Königshaus.4

Die Privatisierung des Grundbesitzes führte dazu, dass sich die Menschen nicht mehr selbst ernähren konnten, sondern Lohnarbeit suchen und ihre Lebensmittel kaufen mussten. Allerdings gab es im 16. Jahrhundert noch keine Arbeit für sie außerhalb der feudalen Knechtschaft. Eine Industrie entwickelte sich erst Jahrhunderte später. Es kam zu einer Verelendung der vom Land vertriebenen Bevölkerung und es war der Beginn der Auswanderung in die Kolonien. Die Ausdehnung der europäischen Kolonialgebiete gewährleistete einen stetigen Abfluss „überschüssiger“ Menschen aus Europa. Eine große Zahl armer und landloser Gruppen wanderte bis ins 20. Jahrhundert in die Kolonien aus. Die Wanderbewegungen hielten auch nach der Unabhängigkeit der Kolonien an. Erst mit der Entstehung einer Dienstleistungsökonomie und mit der Entwicklung des Sozialstaats gelang es, die eigentumslosen Bevölkerungsmassen in den europäischen Nationalstaaten zu halten. Die Industrialisierung trug – entgegen den allgemeinen Behauptungen – nicht viel dazu bei. Die größten Wellen der Auswanderung fanden während der Blütezeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert statt. Gleichzeitig wurde in England ein Arbeitszwang erlassen, um die Armen in das System zu integrieren.5

Die Industrialisierung diente ebenso wenig wie der Kolonialismus zur Verbesserung des Lebens der breiten Masse. Zweck der Fabriken war es auch nicht, den enteigneten Menschen Arbeit zu geben, sondern sie sollten Profit erwirtschaften. Nur wo das durch die Ausbeutung von Arbeitskräften möglich war, erhielten Menschen Arbeit. Die staatlich organisierten Gesellschaften von Mesopotamien und Ägypten bis zu dem indischen Reich der Moguln und dem Habsburger Reich schufen persönliche Abhängigkeitsverhältnisse und Knechtschaft bis hin zur Sklaverei. Auf diese Weise schränkten sie die Freiheit der Menschen stärker ein, als das im Kapitalismus der Fall ist. Wo keine Zwangsverhältnisse bestanden, konnten die Menschen sich jedoch meist selbst ernähren und waren nicht darauf angewiesen, Arbeit zu finden. Die Notwendigkeit, Arbeit zu finden, erwuchs aus der Enteignung und der Befreiung der Menschen aus feudalen Verhältnissen.

Die Folgen der Enteignung können wir noch heute täglich am eigenen Leib spüren. Warum müssen wir eine Arbeitsstelle suchen, warum sind wir von unserem Arbeitgeber abhängig, warum müssen wir das verdiente Geld für den Lebensunterhalt ausgeben? Die Enteignung beantwortet diese Fragen. Bis zum Beginn des westlichen Kapitalismus war Land nur in kurzen Perioden und in begrenzten Gebieten Privateigentum. Fast die gesamte Geschichte hindurch konnten die Menschen sich irgendwo Land suchen, das sie für ihren Lebensunterhalt bearbeiteten. Sie mussten weder für Miete noch für Lebensmittel bezahlen, sondern Land, Haus, die meisten Gegenstände des täglichen Bedarfs und Nahrungsmittel gehörten praktisch ihnen. Sie mussten keine Arbeit suchen und wurden auch nicht dazu gezwungen.

Eine zentrale Maßnahme aller Kolonialherren und der späteren Entwicklungspolitik war es daher, das Land in den eroberten Gebieten in Privateigentum zu verwandeln. Das führte einerseits zur Konzentration des Grundbesitzes und andererseits zur Erzeugung völlig machtloser Arbeitskräfte. In El Salvador beispielsweise gehörte das Land traditionell den Dorfgemeinschaften. Daher wurde 1881 auf Druck der USA ein Gesetz erlassen, das Privateigentum an Land zur einzig rechtlichen Form des Besitzes erklärte. Damit war das Land der Dorfgemeinschaften fortan herrenlos. Kaffeeunternehmen eigneten sich das Land an, vertrieben die Indigenen und stellten sie später teilweise als Landarbeiter an. El Salvador wurde in der Folge von einer Oligarchie von 14 Familien beherrscht, die wiederum eng mit den USA kooperierte.6 Ähnliches geschah in jedem kolonialen und postkolonialen Staat der Welt.

2.5 Staatsfinanzen

Die spezifische Konfiguration des Kapitalismus entstand durch die zunehmende Abhängigkeit der Monarchen vom Kapital, das die Kriege finanzierte. In früheren Monarchien monopolisierte der Herrscher selbst das Vermögen. Wo er, wie in Norditalien während der Renaissance, auf Kreditgeber angewiesen war, übten entweder diese selbst die Funktion des Monarchen aus oder wurden letztlich von der Zentralmacht unterworfen und in die Schranken gewiesen. Die Medicis in Florenz waren zuerst Bankiers, stiegen dann zu einer Dynastie auf und wurden am Ende vom Papst unterworfen.1 Im späteren Kapitalismus wurden die Staaten hingegen vom Finanzkapital abhängig, das die Staatsschulden verwaltete.

Die vorherrschende Meinung lautet, dass die Herrschaft des Finanzkapitals eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte gewesen sei. Tatsächlich waren die Händler immer die treibende Kraft des Kapitalismus, vom Kolonialismus bis zur Welthandelsorganisation. Und hinter den Händlern stand stets das Finanzkapital, weil die Händler ihre Investitionen selten vollständig aus eigener Tasche bezahlen können. Über die Kredite kontrollierte das Finanzkapital die Handelsunternehmen und über die Staatsschulden die Regierungen.2 Das Verhältnis zwischen ihnen veränderte sich allerdings ständig, da neue Instrumente, Organisationsformen und Prozesse entwickelt werden.

Im 16. Jahrhundert wurden die Wechsel, die auf Papier notierten Handelskredite, zunehmend an Dritte abgegeben, also gehandelt. Der Kreditnehmer verkaufte das Stück Papier, auf dem die Kreditsumme vermerkt war, weiter und konnte dabei einen Profit einstreichen, beispielsweise wenn er es in einer anderen Währung verkaufte, deren Wert im Verhältnis zur Ursprungswährung stieg, oder indem er Zinsen verlangte. Der Käufer konnte mit dem Papier das Gleiche machen. Das klingt wie ein Schneeballsystem, tatsächlich aber mussten die Parteien davon ausgehen, dass der ursprüngliche Kredit am Ende zurückgezahlt wurde. Dennoch wurde teilweise reine Finanzspekulation betrieben, ohne dass der Kredit in den Handel investiert wurde, genau wie an den heutigen Börsen.3

Eine besondere Form des Kredits entstand mit den Staatsschulden. Wegen der vielen Kriege im Ausland, wegen des Bürgerkriegs im Inland und wegen der Ausweitung des Kolonialismus häufte der englische Staat im 17. Jahrhundert beträchtliche Schulden an. Der Krieg gegen Frankreich allein verdoppelte die englischen Staatsschulden.4 Auch die Kosten der Kolonialkriege, die England zwischen dem späten 16. Jahrhundert und Mitte des 20. Jahrhunderts überall auf dem Erdball gleichsam kontinuierlich führte, waren enorm. Das Geheimnis dieser Schulden besteht darin, dass sie nie wirklich zurückgezahlt werden, sondern einen ständigen Zinsfluss vom Staat an die Kapitalisten begründen.

Dieser Prozess begann 1694, als im Anschluss an die englische Revolution die Bank of England als Aktiengesellschaft geschaffen wurde.5 Sie verwandelte die Staatsschulden in Anleihen und verkaufte diese. Die Quittungen waren die „Bank of England Notes“, die zu den ältesten Banknoten zählen. Die Besitzer dieser Noten erhielten vom Staat Zinsen über eine festgelegte Laufzeit. Am Ende der Laufzeit sollten die Banknoten (oder Anleihepapiere) vom Staat zum Nennwert zurückgekauft werden. Dadurch machten die Kapitaleigner einen Gewinn, der bei hohen Zinsen und einer langen Laufzeit die Investition sogar verdoppeln konnte. Der Staat bezahlte die Schulden am Ende der Laufzeit jedoch selten, sondern finanzierte die Rückzahlung durch den Verkauf neuer Anleihen, die wiederum einen Zinsfluss an die Kapitaleigner schufen.

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Staatsanleihe zum Grundstein des Kapitals, insbesondere des Finanzkapitals.6 In Europa sind die Rothschilds, die vermutlich bis heute reichste Familie der Welt, das Paradebeispiel für Wohlstand durch die Verwaltung von Staatsschulden. Robert MorrisMorris, Robert, William BinghamBingham, William, Stephen GirardGirard, Stephen und John Jakob AstorAstor, John Jakob sind bekannte Vertreter für die Spekulation mit Staatsanleihen in den USA, wo die Entwicklung von Alexander HamiltonHamilton, Alexander und William DuerDuer, William vorangetrieben wurde, die allesamt britischer Herkunft waren, hohe politische Ämter innehatten und Anleihen über die Bank of the United States organisierten.

Das Prinzip der Staatsanleihe ist noch heute von großer Bedeutung. Die Staatsschulden bewirken einen ständigen Zinsfluss an die Eigentümer der Anleihen, also an die Kapitalisten. Die Zinsen werden bezahlt durch die Steuern, also höchstens zur Hälfte von den wenigen Reichen und zur anderen Hälfte von der großen Masse der Bevölkerung. Allerdings erhalten die Reichen am Ende ihre eigenen Steuern und die Steuern der Masse in Form der Zinszahlungen auf die Anleihen, während die Armen keinen Anteil an den Zinsflüssen haben. Darüber hinaus verfällt die Kreditsumme normalerweise nicht, sondern bildet gleichsam den Kapitalsockel der Investoren.

Der Staat hätte die Macht, Geld ohne Rückgriff auf Schulden zu drucken oder die gemachten Schulden einfach zu streichen. Das wurde tatsächlich im Anschluss an große Kriege und Umwälzungen immer wieder vorgeschlagen und teilweise auch durchgeführt. Meist aber wird diese Lösung durch Finanzminister und andere hohe Regierungsmitglieder verhindert, die entweder als Privatpersonen selbst Staatsanleihen besitzen oder vom Großkapital beeinflusst werden. Dafür ist Finanzminister Alexander HamiltonHamilton, Alexander in der Gründungsphase der USA ein Paradebeispiel.7

2.6 Technologie und Industrie

Die wissenschaftliche Ausbeutung der Wirtschaft ist ein weiteres Kennzeichen des Kapitalismus, das sich parallel zu dem Kolonialismus, der Enteignung und der Entwicklung des Nationalstaats herausbildete. Die Grundlagen der neuzeitlichen Wissenschaft wurden zunächst von Handwerkern wie Galileo GalileiGalilei, Galileo und Johannes KeplerKepler, Johannes gelegt.1 Sie deuteten das Universum als einen Mechanismus, der mathematisch berechnet und technologisch verwertet werden kann. Die Anwendung dieser neuen Naturwissenschaft wurde sodann in England und Frankreich vom niederen Adel vorangetrieben, der mit dem Apparat des Nationalstaats verknüpft war.2 Erst die Möglichkeit, die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einer Massenproduktion anzuwenden, führte zur industriellen Revolution. Diese Möglichkeit ergab sich aus der Verbindung frei verfügbarer Arbeitskraft mit großen Märkten.

Der Kapitalismus durchdrang die gesamte Gesellschaft nicht vor der Ausbeutung formal freier Lohnarbeit.3 Mit dem Kolonialismus wurde der Kapitalismus zum Prinzip nicht nur der Kaufmannskaste, sondern der herrschenden Klasse. Der größte Teil der Gesellschaft aber lebte weiterhin in feudalen, subsistentiellen und anderen Strukturen. Auch wenn sich der Kapitalismus durch die Kolonialisierung über den ganzen Erdball ausbreitete, blieben alte gesellschaftliche Strukturen sowohl in Europa als auch in den Kolonien größtenteils bestehen. Der Kapitalismus benötigte die Menschen nicht, und daher lebten die Menschen außerhalb kapitalistischer Strukturen. Geld wurde durch Ausbeutung von Rohstoffen und Sklaven, Handel sowie Finanzgeschäfte gemacht. Erst die Entwicklung der Industrie erzeugte einen Bedarf an Arbeit. Da freie Arbeiter letztlich billiger waren als Sklaven, sie selbst alle Risiken und die Last der Versorgung trugen, und ihnen bei Bedarf gekündigt werden konnte, löste Lohnarbeit die Sklaverei weitgehend ab.4

In Schulbüchern wird der westliche Kapitalismus gerne mit der Industrialisierung verbunden oder sogar auf sie zurückgeführt. Die industrielle Revolution begann jedoch erst im 18. Jahrhundert, insbesondere mit der (Wieder-)Erfindung der Dampfmaschine 1784 und ihrem Einsatz für die industrielle Produktion und das Transportwesen. Zentral war außerdem die Entwicklung der Spinnmaschine in den 1760er Jahren, die eine Explosion der Produktivität in der Textilproduktion nach sich zog. Die Auswirkungen der technologischen Entwicklung machten sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkbar. 1820 hatte Asien noch einen Anteil von 59 Prozent an der Weltproduktion, also mehr als Europa und der Rest der Welt zusammen.5

Bis dahin spielte die Produktion für den Kapitalismus eine geringe Rolle. Es gab kaum Fabriken in Europa, die Produktion war Sache des Handwerks, das in Gilden und Zünften organisiert war, sowie der feudalen und subsistenzmäßigen Landwirtschaft. Das Wirtschaftswachstum innerhalb Europas beruhte vor allem auf dem vermehrten Einsatz von Lohnarbeit, nicht auf einer technologisch bedingten Steigerung der Produktivität.6 Die wissenschaftliche Steuerung der Massenproduktion, die erst im 19. Jahrhundert voll entwickelt wurde, ist der Schlüssel zur industriellen Revolution gewesen. In diesem Prozess wurden Fabriken errichtet, die große Zahlen von Arbeitern beschäftigten und im Hinblick auf Preise und Produktivität miteinander konkurrierten, also Arbeit einzusparen suchten. Die wissenschaftliche Steuerung und die Massenproduktion begannen zuerst in England. Sie wurden durch die Erträge des Kolonialismus, des Grundeigentums und der Finanzspekulation (insbesondere mit Staatsanleihen) finanziert.

Die industriellen Erzeugnisse Englands wurden in Europa und den Kolonien verkauft, allerdings bis ins 19. Jahrhundert in begrenztem Maße. Erst die Massenproduktion brachte Erzeugnisse hervor, die in Asien nachgefragt wurden.7 Allerdings half bei diesem Prozess die Unterdrückung der indigenen Industrie durch die Kolonialverwaltung. Unter dem Verbot der einheimischen Textilindustrie, die vor dem Kolonialismus entwickelter war als die europäische, hat Indien bis heute zu leiden, da eine industrielle Basis erst nach der Unabhängigkeit aufgebaut werden konnte, nachdem die einheimischen Traditionen vergessen waren und der Westen längst eine hochtechnisierte Industrie entwickelt hatte.

Heutzutage spielt die Industrie in den meisten westlichen Ländern eine immer geringere Rolle für die Wirtschaft. Die Produktion ist entweder so technisiert, dass kaum Arbeit notwendig ist, oder sie wird in Billiglohnländer verlagert. In den USA trägt die Industrie heute weniger als 15 Prozent zum Bruttosozialprodukt (BSP) bei – weniger als in den landwirtschaftlich geprägten ärmsten Ländern der Welt wie Nepal oder Niger.8 Die industrielle Produktion war nur so lange von entscheidender Bedeutung für den Kapitalismus, wie die Profitraten höher waren als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Das wiederum war nur unter kolonialen Bedingungen der Fall. In der kolonialen Welt konnten die Kolonialmächte ihre Rohstoffe zu sehr geringen Kosten aus den Kolonien beziehen, sie im eigenen Land verarbeiten und die Endprodukte zu hohen Preisen verkaufen. Mit dem Ende der Kolonialzeit und der Abwanderung der Industrie in die ehemaligen Kolonien verringerte sich die Rentabilität der Industrie im Westen, und das Kapital kehrte zurück in den Handel und die Finanzwelt.

In der Phase der Industrialisierung schrieben Adam SmithSmith, Adam, David RicardoRicardo, David und Karl MarxMarx, Karl die Klassiker der Volkswirtschaftslehre. Sie alle hielten die Industrie für das Zentrum des Kapitalismus und die Produktivität der Arbeit für seinen Motor. Infolge der großen Bedeutung der Naturwissenschaften zu jener Zeit bemühten sie sich, den Kapitalismus als ein Phänomen zu erklären, das naturwissenschaftlichen Gesetzen unterlag. Im Nachhinein zeigt sich, dass die Industrie kaum zwei Jahrhunderte lang den Kern des Kapitalismus bildete. Auch der Glaube, dass der Profit allein durch die Ausnutzung von Lohnarbeit gebildet wird, erweist sich als kurzsichtig. Und schließlich stellt sich heraus, dass der Kapitalismus keineswegs naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegt, sondern gesellschaftlich produziert wird.

MarxMarx, Karl hat den Kapitalismus als eine Produktionsweise gedeutet, eine historische Stufe der Entwicklung materieller Reproduktion.9 Der Kapitalismus soll ihm zufolge die historische Aufgabe erfüllen, die Produktivkräfte zu verbessern. Damit lässt sich der Kapitalismus als eine Stufe in einer teleologischen Höherentwicklung der materiellen Reproduktion der Menschheit erklären.10 Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise ist laut Marx die kostenlose Mehrarbeit, die industrielle Lohnarbeiter (Proletarier) für den Kapitalisten leisten.11 Ihre Ausbeutung soll historisch durch „ursprüngliche Akkumulation“ ermöglicht werden, insbesondere durch den Kolonialismus und die Enteignung, die zu einer Konzentration von Kapital innerhalb einer sozialen Klasse führen.12

Diese Erklärung des Kapitalismus ist in vieler Hinsicht plausibel, enthält meines Erachtens aber mehrere Fehler. Erstens schafft die Ausbeutung von Sklaven oder der Natur für MarxMarx, Karl keinen ökonomischen Wert. Das ist falsch. Zweitens ist der Aberglaube an historische Gesetze gerechtfertigt, wenn man wie Hegel Gott zugrunde legt, nicht aber aus Marxscher Perspektive. Drittens beruht die gesellschaftliche Hierarchie laut Marx auf dem Grundverhältnis der kapitalistischen Produktionsweise, dem zwischen Kapital und Proletariat. Letztlich ist es genau umgekehrt. Das Verhältnis zwischen Kapital und Proletariat beruht auf der gesellschaftlichen Hierarchie. Schließlich war der Kapitalismus schon vor der Industrialisierung entfaltet, die Kolonialgesellschaften waren kapitalistische Unternehmen und nicht nur ursprüngliche Akkumulation.

Wir werden am Ende des Kapitels sehen, dass der Kapitalismus keinesfalls die historische Aufgabe hat, die Produktivkräfte zu verbessern, auch wenn er das tatsächlich getan hat. MarxMarx, Karl hat wie SmithSmith, Adam die Bedeutung der Produktion für den Kapitalismus stark überschätzt. Der Kapitalismus setzt vielmehr eine materielle Reproduktion der Gesellschaft außerhalb seiner selbst voraus. Ohne die kostenlose Arbeit in der Familie, ehrenamtliche Tätigkeit, staatliche Sozialmaßnahmen und eine nicht-kapitalistische Wirtschaft würde der Kapitalismus sofort zusammenbrechen, weil die meisten lebensnotwendigen Tätigkeiten nicht kapitalistisch organisiert werden können. Sie bringen keinen Profit. Selbst der größte Teil der Wirtschaft ist nicht kapitalistisch organisiert. Die Kapitalisten monopolisieren nicht die Produktionsmittel. Viele der Produktionsmittel absolut notwendiger Güter, von Bauernhöfen über Bäckereien bis zu Handwerksbetrieben und Präzisionsmaschinen befinden sich im Besitz kleiner und mittlerer Unternehmer, die auch Marx nicht zur Klasse der Kapitalisten gezählt hätte.

Mit höchster Wahrscheinlichkeit gibt es keine historische Aufgabe des Kapitalismus. Wenn es sie gäbe, bestünde sie nicht in der Entwicklung der Produktivkräfte. Die Klasse der Kapitalisten beutet alles aus, was einen Profit bringen kann. Dazu gehört auch die industrielle Lohnarbeit – aber ebenso die Finanzspekulation, Sklavenarbeit und der Abtransport von Ressourcen. Sie dienen allesamt nicht der Produktion eines ökonomischen Werts und nicht einmal vorrangig der Bereicherung einer Klasse, sondern einer Herrschaftsstruktur. Wir müssen den Kapitalismus als Komponente einer bestimmten Gesellschaftsform deuten, die hierarchisch organisiert ist, nicht als Wirtschaftssystem oder Produktionsweise.

2.7 Ausbeutung der Natur

Die Menschen – und alle anderen Lebewesen – leben seit jeher von der Natur. Nur der Kapitalismus aber beutet die Natur systematisch aus, um Profit zu machen. Zwar wurde bereits vor vielen Jahrtausenden mit Naturprodukten gehandelt, von Salz über Wurzeln bis hin zu Muschelschalen. Auch wenn diese Handelstätigkeit gelegentlich auf persönlichen Gewinn abzielte, war sie doch zumeist Tausch, der ein überschüssiges gegen ein fehlendes Produkt eintauschte. Aber selbst der auf den Gewinn ausgerichtete, also kapitalistische Handel erfasste nicht die Gesellschaft, sondern war auf kleine Gruppen beschränkt.

Wir haben gesehen, dass der Abtransport von Rohstoffen – von Edelmetallen aus Amerika bis zu Gewürzen aus Asien – im Zentrum des frühen Kolonialismus stand. Er wurde später ergänzt um landwirtschaftliche Produktion durch Sklaven, Zwangsarbeiter oder abhängige Bauern in den Kolonien und durch Enteignung in Europa. In diesem Kontext müssen wir auch die Naturzerstörung innerhalb Europas betrachten. Im frühen Kolonialismus wurden die Wälder für den Bau von Flotten abgeholzt. Sodann wurde Natur in landwirtschaftliche Produktionsstätten verwandelt, sowohl für die Viehzucht als auch für den Ackerbau. Das taten zwar auch andere Gesellschaften, aber nicht in einem derartigen Ausmaß. Schließlich explodierten die Ausbeutung der Ressourcen und die Verschmutzung von Luft, Wasser und Erde mit der industriellen Revolution. Schon Adam SmithSmith, Adam beschrieb 1776 die systematische Ausbeutung der Natur zum Zwecke des Gewinns.1

Die Ausbeutung von Rohstoffen und Landnahme sind bis heute zentrale Elemente des Kapitalismus. Die gesamte industrielle Produktion beruht auf Rohstoffen, aber auch viele unserer Lebensgrundlagen – Wasser, Wohnraum, Nahrungsmittel – sind nur über den Eintritt in das kapitalistische System zugänglich. Selbst indigene Dörfer, die im Urwald leben, dürfen immer weniger Pflanzen aus ihrer Umgebung nutzen. Großunternehmen schicken Forscher in alle Teile der Welt, um die Nutzung von Pflanzen zu dokumentieren, die dann im Namen des Großunternehmens patentiert werden; eine Nutzung ist nur noch gegen Zahlung einer Gebühr möglich.2

Ohne die nahezu kostenlose Aneignung der Natur fiele das Wirtschaftswachstum des Kapitalismus sehr gering aus. Die Ausbeutung der Natur hat vermutlich mehr zum Wachstum beigetragen als die Technologie, wie die Tabellen 1 und 2 nahelegen. Tabelle 1 zeigt auch, dass und in welchem Maße die Ausbreitung des Kapitalismus mit der Zerstörung der Natur einhergeht. Die Korrelation zwischen Ressourcenverbrauch, Naturzerstörung und Wirtschaftswachstum weltweit ist eindeutig. Sie beruht auf dem Kapitalismus.


1850 1900 1950 2010
CO2-Ausstoß Mio. t 100 2000 8000 32000
Wasserverbrauch in Mrd. m3 600 1200 4000
Aussterbende Amphibienarten <0,1% 0,2% >1,0% 2,3%
BSP in Billionen USD 2011 Ca. 1,5 Ca. 3,4 Ca. 13 Ca. 94

Tab. 1: Globaler Ressourcenverbrauch und Wachstum (Quellen: ourworldindata.org; Der Spiegel, 6.5.2019).

Die Ausbeutung der Natur hat im Kapitalismus systematischen Charakter. Sie schließt die gesamte Gesellschaft und die gesamte Natur ein. Während die meisten früheren Gesellschaften auf Nachhaltigkeit gegründet waren, verwandelt der Kapitalismus zunehmend alle natürlichen Gegenstände in Waren, um durch deren Verkauf Gewinn zu erzielen. Dieser Prozess tendiert, wie wir alle wissen, dahin, die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören.

Ulrich BrandBrand, Ulrich und Markus WissenWissen, Markus haben gezeigt, inwiefern der Kapitalismus auf der Externalisierung der Ausbeutung von Mensch und Natur basiert.3 Während einerseits Natur als „Gratisproduktivkraft“ genutzt werde, müssten andererseits Wälder im globalen Süden das im Norden ausgeschiedene Kohlendioxid absorbieren, Müll aus dem Norden in den Süden transportiert werden und Menschen im Süden möglichst billig arbeiten.4 Die Autoren erläutern nicht nur, dass wir alle diese Ausbeutung mit unserer alltäglichen Lebensweise reproduzieren, sondern auch, dass wir möglicherweise bald an die Grenzen der Ausbeutbarkeit stoßen. Tatsächlich scheint innerhalb des kapitalistischen Systems, wie es heute funktioniert, keine Rettung der Natur möglich. Sie wird ausgebeutet, bis das letzte Sandkorn abtransportiert und verkauft wurde.

In welchem Maße der Kapitalismus auf der kostenlosen Ausnutzung von Mensch und Natur beruht, hat besonders deutlich der Ökofeminismus gezeigt.5 Nicht nur die natürlichen Ressourcen, sondern auch die Reproduktion in der Familie und die sozialen Tätigkeiten wie Pflege werden vom Kapitalismus angeeignet, aber nicht bezahlt, anerkannt oder ersetzt. Ohne sie gäbe es keine kapitalistische Wirtschaft.

Die Ausbeutung der Natur dient nicht der Gesellschaft oder den Menschen insgesamt, sie wird auch nicht vom Menschen „an sich“ betrieben. Sie dient der Herrschaft über Menschen. Meinen Sie, dass der Vorstand von Shell die Menschheit mit Öl versorgen will oder Kleenex Kahlschlag betreibt, weil Kosmetiktücher eine Errungenschaft sind, über die jeder Mensch verfügen sollte? Selbstverständlich nicht, es geht um Profit, um die Vermehrung von Geld. Wozu aber dient das Geld? Die Vorstände und Großaktionäre dieser Unternehmen brauchen das Geld nicht in erster Linie, um zu überleben oder um teure Konsumgüter zu kaufen. Derartige Mengen an Geld kann man gar nicht ausgeben. Vielmehr dient das Geld als Herrschaftsmittel, es sichert die soziale Position und die Herrschaft über andere Menschen, wie ich unten eingehend zeigen werde.

2.8 Politische Legitimation

Im frühen 17. Jahrhundert entbrannte in Europa der Dreißigjährige Krieg und in England ein Bürgerkrieg, an dem alle sozialen Schichten beteiligt waren. In der Folge wurde in England ein Parlament als Volksvertretung eingerichtet, zu dem allerdings nur ein kleiner, privilegierter Teil der Bevölkerung Zugang hatte. Die englische Revolution begrenzte zwar die Macht der Monarchie, war aber eigentlich keine bürgerliche Revolution. Das Parlament bestand aus erblichen Mitgliedern von Adel und Großbürgertum. Bis weit ins 20. Jahrhundert rekrutierten sich Regierung und hohe Beamte aus der Oberklasse. Letztlich handelte es sich um eine Demokratie der Kapitalbesitzer ohne Mitspracherecht für die Masse der Bevölkerung.1 Daran änderte sich erst durch die Sozialreformen unter der Labour Party nach dem Zweiten Weltkrieg etwas. Schon Margaret ThatcherThatcher suchte die Reformen wieder rückgängig zu machen, teilweise mit Erfolg.

In den Lehrbüchern wird verkündet, dass die Demokratie mit der französischen und der amerikanischen Revolution zumindest in der westlichen Welt verwirklicht worden sei. Allerdings fanden in den anderen Staaten Europas derartige Revolutionen erst im 19. oder 20. Jahrhundert oder überhaupt nicht statt. Ferner blieben in allen Staaten, auch in Frankreich und den USA, bis ins 20. Jahrhundert die meisten Menschen von politischer Beteiligung ausgeschlossen. Sklaven und Arbeiter erhielten in den meisten Staaten erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Bürgerrechte, Frauen und Kolonialvölker während des 20. Jahrhunderts. Einigen Gruppen, wie Ausländern und Strafgefangenen, bleiben sie vielerorts bis heute verwehrt. Die Demokratie im Sinne der formalen Gleichheit aller Menschen wurde selbst in Frankreich und den USA nicht mit der Revolution, sondern schrittweise eingeführt. Die später integrierten Gruppen sind bis heute unterprivilegiert und haben kaum Kapital und nur einen geringen Einfluss auf die Politik.

Heute bezeichnen sich Großbritannien mit einer verfassungsmäßig privilegierten Aristokratie und einem Monarchen, Schweden mit einem starken Sozialstaat und einem Monarchen, die Schweiz mit Tendenzen zur direkten Demokratie und China mit einer kommunistischen Ein-Parteien-Herrschaft allesamt als Demokratien. Keiner dieser Nationalstaaten hat die Gleichheit der Menschen verwirklicht. Die Staaten unterscheiden sich fundamental voneinander, haben aber gemeinsam, dass die Gruppe der Kapitalisten den Kern der Oberklasse bildet. Die Unterschiede beruhen auf der jeweiligen Vorgeschichte der Demokratie und dem Anteil, den die sozialen Gruppen ohne Kapitalbesitz an der Gestaltung des Staates erringen konnten.

Die Varianten der Demokratie resultieren aus politischen Kämpfen. In einigen Staaten wurden infolge der Kämpfe viele Privilegien des Adels abgeschafft. Einige Länder haben auch die Vorrechte des Kapitals begrenzt. Und die sozialistischen Revolutionen haben sogar versucht, die Gruppe der Kapitalisten abzuschaffen. Nirgendwo wurden jedoch die Strukturen der Herrschaft beseitigt, überall herrschte eine kleine Gruppe von Menschen über den Rest, sei es offensichtlich und formal legitimiert, sei es indirekt und unsichtbar. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit der unsichtbaren Herrschaft.

Nach der Einführung einer Demokratie bestand prinzipiell eine Spannung zwischen dem Anspruch auf Gleichheit und den Strukturen der Ungleichheit. Es besteht auch ein latenter Gegensatz zwischen der Konzentration des Kapitals und der Volksvertretung, der sich oft als Konflikt zwischen Staat und Wirtschaft darstellt. Der demokratische Staat bietet immer die prinzipielle Möglichkeit, dass unterprivilegierte Gruppen die Politik beeinflussen oder gar die Herrschaft ergreifen. Da die unterprivilegierten Gruppen jedoch keinen Zugang zum Kapital haben, ist es für sie ungleich schwieriger, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Die Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften ist offenkundig. Während manche Familien Schlösser, Wälder, Unternehmen und Finanzinvestitionen im Wert von Milliarden besitzen, haben die meisten Menschen Mühe, mit harter Arbeit über die Runden zu kommen. Es ist auch offenkundig, dass die Nachkommen von früher unterprivilegierten Gruppen – wie Kolonialvölker, Sklaven, Arbeiter oder ethnische Minderheiten – auch heute unterprivilegiert sind. Gerade in demokratischen Staaten müsste diese Ungleichheit eigentlich ein Skandal sein, der zum sofortigen Handeln auffordert. Warum ist das nicht der Fall? Die Antwort lautet, dass Ungleichheit im Kapitalismus offiziell zum Resultat von Konkurrenz erklärt wird. Dass die Ausgangssituation der Konkurrenz von Ungleichheit geprägt ist, wird unsichtbar gemacht. Dadurch wirkt die Ungleichheit legitim. Das ist das vorrangige Geheimnis, warum sich der Kapitalismus trotz der strukturellen und historisch einzigartigen Ungleichheit aufrechtzuerhalten vermag.

Die Sozialwissenschaften der letzten Jahrhunderte haben sich zu einem beträchtlichen Teil mit der Ungleichheit beschäftigt. Die Tradition des Liberalismus versucht seit dem 17. Jahrhundert bis heute, die Menschen zu faktisch gleichen Bürgern des Staates zu erklären. Alle sollen die gleichen politischen und wirtschaftlichen Chancen haben. Obwohl das in direktem Widerspruch zur Wirklichkeit steht, die wir jeden Tag erfahren, glauben fast alle von uns an diese Grundlage des Liberalismus: Wir sind alle gleich, uns stehen alle Möglichkeiten offen, und wer im Elend lebt, hat zumindest teilweise selbst daran schuld.

Der Liberalismus lässt sich zum englischen Philosophen Thomas HobbesHobbes, Thomas zurückverfolgen. Inmitten des englischen Bürgerkriegs hat er sein Hauptwerk, Leviathan, geschrieben und 1651 veröffentlicht.2 Hobbes wandte Galileis Wissenschaft auf die Gesellschaft an und erklärte alle Menschen für gleiche Atome, die miteinander konkurrieren. Der Souverän, vertreten durch den Monarchen, sollte die Konkurrenz regulieren. Diese Idee hat Jean-Jacques RousseauRousseau, Jean-Jacques Mitte des 18. Jahrhunderts weiterentwickelt und den Monarchen durch eine Volksvertretung ersetzt.3 Das Konzept der modernen Demokratie war geboren und wurde 1776 in den USA und 1789 in Frankreich zur Anwendung gebracht. Die Gesellschaft wird zur Demokratie, der Souverän ist das Volk. Allerdings hatte Rousseau eine direkte Demokratie vor Augen, in der alle Bürger in der Volksvertretung mitwirken. In der heutigen Demokratie hingegen wird das Volk vertreten durch Berufspolitiker, die sich aus den Eliten rekrutieren und von der herrschenden Klasse abhängig sind. Weiter unten werde ich zeigen, dass das einer der zentralen Schwachpunkte der heutigen Politik ist.

HobbesHobbes, Thomas’ Theorie einer Konkurrenz gleicher Atome wurde von Adam SmithSmith, Adam auf die Wirtschaft übertragen. In seinem bekanntesten Werk, Der Wohlstand der Nationen, das im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 veröffentlicht wurde, führt Smith aus, dass der Markt als Konkurrenz zwischen freien und rechtlich gleichen Individuen ein Maximum an Produktivität, Qualität und Preissenkungen gewährleiste.4 Das gelte auch für die internationale Produktion und den Welthandel. Die Nationen sollten frei und gleich konkurrieren und sich dabei auf ihre relativen Vorteile spezialisieren. Genauso sollten sich auch Individuen und Unternehmen verhalten. Auf Grundlage des Marktes, der Arbeitsteilung und der Konkurrenz steige der Wohlstand jeder Nation. Monopole, Zünfte, Kartelle, Raub und staatliche Eingriffe seien hingegen nachteilig.

Der Staat soll SmithSmith, Adam zufolge allerdings formal die Märkte für Arbeit und Kapital so regulieren, dass eine möglichst freie und gleiche Konkurrenz stattfindet. Dabei berücksichtigt Smith erstens nicht, dass Kapital und Fähigkeiten zu jedem Zeitpunkt sehr ungleich verteilt sind, die Menschen also mit sehr ungleichen Voraussetzungen in die Konkurrenz eintreten. Zweitens dient die Regulierung zwar dem allgemeinen Wirtschaftswachstum, dem Wohlstand der Nationen, aber dass die Profite allein den Besitzern ökonomischen Kapitals zufließen, problematisiert Smith nicht. Er schreibt, als sei es selbstverständlich, dass die Arbeiter, besser gesagt: alle Menschen ohne ausreichendes ökonomisches Kapital, nur je auszuhandelnde Festbeträge als Löhne erhalten, die Kapitalisten aber die Profite.5

Die Gedanken von HobbesHobbes, Thomas, RousseauRousseau, Jean-Jacques und SmithSmith, Adam sind bis heute Grundlagen der Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Sie sind aber auch in die Verfassungen der meisten Staaten und – über Schulbücher, Fachliteratur, Medien und Expertenmeinungen – in das Allgemeinwissen oder den „gesunden Menschenverstand“ eingegangen. Indem wir uns die kapitalistische Welt als eine Konkurrenz gleicher und freier Individuen vorstellen, sehen wir die grundlegende Ungleichheit nicht, die sich auf vorkapitalistische Hierarchien zurückführen lässt. Vor aller Konkurrenz werden wir als Ungleiche geboren. Nur sehr wenige Menschen werden als Kapitalisten geboren. Wir werden im Folgenden sehen, dass kaum eine Mobilität aus der oder in die Kapitalistenklasse existiert, obwohl genau das die Legitimationsgrundlage des Kapitalismus sein soll.

2.9 Entstehung von Klassen

Die Absetzung von Adel und Monarchie durch ein demokratisches Bürgertum hat in Europa nie so stattgefunden, wie es in den Schulbüchern behauptet wird. Die alten Oberschichten behielten ihre Position bis heute bei, sie wurden nur ergänzt durch die aufsteigenden Kapitalisten, Kaufleute aus dem so genannten Bürgertum. Adlige und Kaufleute verschmolzen zu einer sozialen Klasse, die ich als herrschende Klasse bezeichnen möchte. In Extremfällen, wie im Zuge der Französischen Revolution, wurden tatsächlich viele Mitglieder der alten herrschenden Klasse ermordet und die Monarchie und Adelsprivilegien abgeschafft. Die Nachkommen der deutschen Monarchie und Aristokratie gehören jedoch weiterhin zur deutschen Oberklasse. Noch deutlicher ist der Fortbestand vorkapitalistischer Hierarchien in Großbritannien, wo dem Hochadel sogar eine eigene und besonders mächtige politische Vertretung, das Oberhaus, vorbehalten bleibt. Die Demokratie ist auf das Unterhaus begrenzt, das mit Berufspolitikern bestückt ist.

Die Einführung der Demokratie hat nirgendwo die früheren Ungleichheiten abgeschafft. Die westliche Demokratie gleicher Bürger schloss zu Beginn nur eine kleine Gruppe Privilegierter ein. Die Ausgeschlossenen, wie Arme, Sklaven, Frauen, Ausländer und andere Gruppen, konnten durch fortwährenden Kampf, der teilweise bis heute anhält, zunehmend formal gleiche Bürgerrechte erringen. Nach deren Erringung bildeten sie eine neue unterprivilegierte Schicht, da sie nicht die gleichen Berufe, Vermögen, Ausbildungen und Netzwerke erhielten wie die alten Bürger. Einmal in die kapitalistische Demokratie integriert, vermochten einzelne Angehörige der unterprivilegierten Schichten aufzusteigen. Die vereinzelte soziale Mobilität trug dazu bei, die Herrschaftsordnung, die eine Transformation der vorkapitalistischen Ordnung ist, gleichzeitig unsichtbar zu machen und zu legitimieren. Es entstand eine nicht sichtbare Klassenhierarchie – eine unsichtbare Herrschaft.

Derselbe Prozess vollzog sich fast gleichzeitig wie in Europa auch in den meisten Gesellschaften Nord- und Südamerikas, die um 1800 die Unabhängigkeit von ihren Kolonialherren erlangten. In vielen ehemaligen Kolonien Asiens und Afrikas hingegen wurde gleich mit der Unabhängigkeit eine Form von Demokratie eingeführt und die Bevölkerung formal gleichgestellt. Die Einrichtung einer Demokratie bedeutete jedoch nicht die Aufhebung der Ungleichheit, da die zuvor existierenden Hierarchien nie abgeschafft wurden. Die alten Eliten wurden größtenteils auch die neuen Eliten. Die Großgrundbesitzer, der Adel, die Großkaufleute und die Nachkommen der Monarchen standen um 1950 genauso an der Spitze aller Gesellschaften wie um 1700.

Es macht allerdings einen Unterschied, ob eine bürgerliche Demokratie durch soziale Bewegungen Schritt für Schritt eingeführt wurde, wie in vielen europäischen Staaten, ob sie in einer seit langem unabhängigen Kolonie errichtet wurde, wie in Amerika, oder ob sie gleichzeitig mit der Unabhängigkeit entstand, wie in vielen Staaten Asiens und Afrikas. In den USA, Brasilien und Südafrika erhielten Menschen afrikanischer Abstammung erst im 20. Jahrhundert volle Bürgerrechte, lange nach der Unabhängigkeit. Das gilt auch für die indigenen Bevölkerungen in vielen ehemaligen Kolonien, von Neuseeland bis Kanada. Gleichzeitig bildeten die Nachkommen der früheren kolonialen Großgrundbesitzer und Gouverneure in diesen Staaten die herrschenden Klassen. Die Angehörigen der oberen Klassen in fast allen amerikanischen und vielen afrikanischen Staaten haben eine weiße Hautfarbe, während sich die unteren Klassen aus Nachkommen der Afrikaner und/oder Indigenen rekrutieren.

In Deutschland sind die historischen Strukturen kaum noch sichtbar. Es hat sich eine fest zementierte Ordnung sozialer Klassen herausgebildet, deren geschichtliche Wurzeln in grauer Vorzeit liegen. Diese Ordnung werde ich im nächsten Kapitel genauer beleuchten. In den Staaten Amerikas ist die koloniale Ordnung hingegen deutlich sichtbar. In den USA oder Brasilien beispielsweise lassen sich die Wurzeln der Sklavenhaltergesellschaft aufzeigen. Nur zehn Prozent der drei oberen sozialen Klassen Brasiliens haben keine weiße Hautfarbe, während rund zehn Prozent der unteren Klassen keine schwarze Hautfarbe haben. Die Sklaven sind nach der Befreiung in eine Unterschicht transformiert worden.1 In Thailand, das nie unter Kolonialherrschaft geraten ist, kann man die vorkapitalistischen Strukturen in der heutigen Gesellschaft auch klar erkennen. Die alte königliche Gesellschaft und die kapitalistische Klassenordnung durchdringen einander und bestehen gleichzeitig nebeneinander fort.2

In allen Nationalstaaten begannen Kapitalismus und Demokratie entgegen der Theorie und der Verfassung als Konkurrenz von Ungleichen. Das ökonomische Kapital befand sich im Besitz einer kleinen Gruppe. Diese Gruppe verfügte auch über einen privilegierten Zugang zu politischen Entscheidungen. Schließlich standen nur dieser Gruppe alle gesellschaftlichen Möglichkeiten offen. Der Rest der Bevölkerung hatte kein ökonomisches Kapital, nicht die gleichen politischen Möglichkeiten, kein Ansehen und einen erschwerten Zugang zu Bildung, Kultur, gesellschaftlichen Ereignissen und der öffentlichen Meinung. Diese sozialen Mängel vererbt der Großteil der Menschheit bis heute seinen Nachkommen, wie wir weiter unten sehen werden.

2.10 Gleichheit und Freiheit

In der Schule lernen wir, dass Demokratie und Kapitalismus in derselben historischen Periode entstanden. Die Demokratie soll auf einen Schlag die Gleichheit der Bürger hergestellt haben – auch wenn nicht alle Menschen sofort die Bürgerrechte erhielten. Der freie Markt soll den Kapitalismus hervorgebracht haben, der sich dank höherer Produktivität innerhalb jedes Staates durchsetzte, zuerst in Europa, ganz unabhängig von der Weltpolitik und vom Kolonialismus. Die cleversten Bürger sollen zu Kapitalisten aufgestiegen sein – ohne Kapital geerbt zu haben und ohne es an die nächste Generation weiterzuvererben und auf diese Weise die Chancengleichheit zu zerstören.

Diese Erzählung ist falsch. Erst wurde das kapitalistische System geschaffen: das Prinzip der Kapitalvermehrung auf der Grundlage von Privateigentum in Verbindung mit dem Nationalstaat, dessen Finanzen sich teilweise im Besitz von Großeigentümern und Privatbanken befinden. Diese Entwicklung begann in den oberitalienischen Stadtstaaten um 1200, vollendete sich aber erst in England um 1700. Das Großeigentum und die Banken befanden sich in dieser Phase fast vollständig in den Händen der Aristokratie. Der Fernhandel, der als Kern des damaligen Kapitalismus betrachtet werden kann, wurde vom Staat geschützt und von Großeigentümern und Banken finanziert. Der Staat wiederum finanzierte sich zunehmend über Anleihen, die über Banken organisiert und von Großeigentümern besessen wurden. Mit der Entstehung des Nationalstaats wurde der Staatsapparat Teil des Fernhandels, der sich mit dem Kolonialismus verband. Während der italienische Fernhandel Privatangelegenheit blieb und der spanische Kolonialismus Sache des Monarchen war, entwickelte sich der englische Kolonialismus als Zusammenarbeit zwischen Privatkapital und Staat.

Dann erst wurden Marktwirtschaft und Demokratie eingeführt, und zwar Schritt für Schritt. Die ersten Demokratien in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten schlossen zu Beginn die große Mehrheit der Bevölkerung aus – Arme, Arbeiter, Frauen, Sklaven und Ausländer. In vielen westlichen Staaten haben Frauen erst Mitte des 20. Jahrhunderts die vollen Bürgerrechte erhalten, Afro-Amerikaner in den USA erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie hatten dementsprechend nicht die gleichen Möglichkeiten, am Wirtschaftsleben zu partizipieren, wie die Bürger, zumal die ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen im Allgemeinen auch kein Recht hatten, Verträge zu schließen. Der Markt mit vollem und gleichem Wettbewerb wurde nur sehr unvollkommen und teilweise nur in einzelnen Branchen verwirklicht. Für Anwälte, Ärzte, Schornsteinfeger und viele andere Berufe gilt in Deutschland bis heute das Prinzip der mittelalterlichen Gilde, nach dem für die Teilnahme am Wirtschaftsleben eine Mitgliedschaft im Berufsverband erforderlich ist, der jedem Mitglied wiederum einen quasi-monopolistischen Tätigkeitsort zuweist. Das ist das Gegenteil eines Marktes.

Es ist wichtig festzuhalten, dass die Einführung von politischer und ökonomischer Gleichheit erst geschah, nachdem das kapitalistische System schon etabliert und das Kapital in einer kleinen Gruppe von Menschen konzentriert war. Wegen der extrem ungleichen Ausgangsbedingungen blieb das Kapital bis heute konzentriert. Ein echter Wettbewerb und soziale Mobilität sind historisch nur zu beobachten, wenn massive politische oder ökonomische Umwälzungen stattfanden, beispielsweise eine Revolution, Krieg, politische Interventionen, die industrielle Revolution, wissenschaftliche Organisation der Produktion oder die Digitalisierung. Da das Kapital aber zu jedem Zeitpunkt innerhalb einer kleinen Gruppe konzentriert war, hatte jede Umwälzung im Wesentlichen das Resultat, dass einige der Erneuerer in die Gruppe der Kapitaleigner aufstiegen, diese und die Gesamtstruktur der Gesellschaft aber unverändert blieben. In den Ländern, die den Kapitalismus erst später einführten, fallen die Einführung von Kapitalismus, von freiem Markt und von Demokratie nahezu zusammen oder sind teilweise in ihrer Abfolge verändert. Daher ist es während der Umwälzungen in ihnen oft zu höherer sozialer Mobilität gekommen, aber das Prinzip ist mittlerweile in allen Staaten der Erde identisch.

2.11 Kapitalismus und Markt

Vom staatlich organisierten und regulierten Markt und vom Kapitalismus ist der Markt im eigentlichen Sinne zu unterscheiden, der lokal organisierte Wochenmarkt.1 Dieser Markt kann als Wettbewerb funktionieren, aber in vielen Weltregionen teilen noch heute die Anbieter am Ende des Tages den Gesamtgewinn unter sich auf. Normalerweise sorgt die Gemeinschaft dafür, dass alle überleben, obwohl das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage sowie der Wettbewerb die Preise bestimmen. Die Gemeinschaft betreibt eine soziale Wirtschaft, die auch in kapitalistischen Gesellschaften Grundlage der Reproduktion ist. Sie umfasst Kindererziehung, Arbeit in der Familie, Hilfe von Freunden, Betreuung von Pflegebedürftigen, Produktion (beispielsweise von Obst) für den Eigenbedarf, direkten Tausch und ähnliche Tätigkeiten. Ohne sie könnte eine kapitalistische Gesellschaft gar nicht existieren.

Wir meinen, die Wirtschaft umfasse alle produktiven und damit lebensnotwendigen Aktivitäten und sei im Dienst der Konsumenten als Markt organisiert. Aber der größte Teil der Wirtschaft findet außerhalb von Marktwirtschaft und Kapitalismus statt. Wer hilft nicht dem Nachbarn beim Dachausbau, dem Freund beim Umzug, der Tochter bei den Hausaufgaben und der Tante bei der Ausrichtung eines Festes? Wer schenkt nicht der Lehrerin einen Korb voller Äpfel vom eigenen Baum und dem Arbeitskollegen einen Plan zum Fliesenlegen? All diese Tätigkeiten sind produktiv und geldwert. Sie können prinzipiell als Komponenten der Wirtschaft auch gegen Bezahlung geleistet werden. Wenn man die reproduktiven Tätigkeiten wie Kindererziehung und Haushalt einbezieht, so zeigt sich, dass der größte Teil der Wirtschaft selbst in westlichen Gegenwartsgesellschaften immer noch außerhalb der staatlich organisierten Marktwirtschaft und außerhalb der Geldwirtschaft stattfindet. Das gilt erst recht für Gesellschaften des globalen Südens, in denen Subsistenzwirtschaft noch eine große Rolle spielt.

Neben der sozialen Wirtschaft müssen wir den Markt im alltäglichen Sinne von der Marktwirtschaft und vom Kapitalismus unterscheiden. Der Bäcker an der Ecke ist kein Kapitalist, sondern in erster Linie Marktteilnehmer. Er mag qualitativ schlechtes Mehl verwenden und überhöhte Preise verlangen. Aber er bestreitet von seinen Einkünften lediglich seinen eigenen Lebensunterhalt. Mit Ihrem Einkauf für den Eigenbedarf bezahlen Sie gleichsam seinen Einkauf für den Eigenbedarf. Ein großer Teil der Wirtschaft ist so aufgebaut – als Markt. Mehrere Anbieter konkurrieren über den Preis – und die Qualität – um Kundschaft. Ist das in einem nationalstaatlichen Rahmen organisiert, können wir von Marktwirtschaft sprechen. Davon zu unterscheiden ist der Kapitalismus, in dem es nicht um Produktion und Lebensunterhalt, sondern um Profit und Kapitalakkumulation geht. Dafür steht ein eigener Bereich der Wirtschaft zur Verfügung, der sich zunächst nur auf den Handel, Finanzen und die Ausbeutung der Kolonialgebiete beschränkte und sich dann zunehmend auf die europäischen und schließlich auf alle Gesellschaften ausdehnte. Der Staatsapparat dient in erster Linie dazu, diesen Bereich zu organisieren und zu schützen. Der Markt im oben genannten Sinne bedarf kaum einer Regulierung, da die Kundschaft dem im Beispiel erwähnten Bäcker den Rücken kehrt, wenn die Relation zwischen Preis und Qualität zu schlecht wird.

Der Markt und die soziale Wirtschaft haben wenig mit Marktwirtschaft und Kapitalismus gemeinsam. Sie werden „von unten“ organisiert, dienen dem Überleben, sind nicht auf Profit ausgerichtet und implizieren keine Klassenherrschaft. Sie zeigen auch deutlich, dass der Kapitalismus keine Produktionsweise ist, die der Reproduktion der gesamten Gesellschaft dienen soll. Vielmehr lebt der Kapitalismus gleichsam als Parasit vom Markt und von der sozialen Wirtschaft. Er beherrscht und verändert diese, ersetzt sie aber nicht.

Die Koexistenz von Markt, sozialer Wirtschaft und Kapitalismus organisiert der Staat unter der Kategorie der Nationalökonomie, Volkswirtschaft oder Marktwirtschaft. Durch die Kategorie wird suggeriert, dass der Kapitalismus eine Wirtschaftsform sei, eine Produktionsweise, die eine hohe Effizienz aufweist und im Dienst der Bevölkerung steht. Tatsächlich muss der Staat die Wirtschaft organisieren, weil ein reiner Kapitalismus zum sofortigen Verhungern der meisten Menschen führen würde. Denn die Arbeiter würden minimale Löhne erhalten, lebensnotwendige Sektoren würden mangels Profitchancen eingestellt, Arbeitslose bekämen kein Geld und die Vermögenskonzentration wäre noch extremer, als sie es heute schon ist.

Wenn heutzutage vom Markt oder von Marktwirtschaft die Rede ist, meint man eigentlich Kapitalismus, rechtfertigt ihn aber durch Elemente von Markt und Marktwirtschaft. Würde man offen von Kapitalismus sprechen und zugeben, dass er dem gemeinschaftlich organisierten Wochenmarkt und der staatlich organisierten Konkurrenz der Marktwirtschaft widerspricht, wäre die Zustimmung zum System sehr gering. Da aber Wochenmarkt und Marktwirtschaft prinzipiell gut funktionierende und allgemein akzeptable Institutionen sind, suggerieren Politik, Großunternehmen und Medien, der Kapitalismus sei mit ihnen identisch, obwohl er ihre Aufhebung zum Ziel hat.

Im Kapitalismus soll der Staat überall einspringen, wo kein Profit zu erzielen ist. Er finanziert die Ausbildung, die Infrastruktur und das Sozialsystem und kümmert sich um öffentliche Güter, die kein Privatunternehmen zu Verfügung stellen will. Gleichzeitig soll er die Bereiche dem „Markt“ überlassen, in denen ein Profit zu machen ist. Allerdings sind diese Bereiche eben kein Markt, sondern Orte kapitalistischer Monopolisierung. Fernand BraudelBraudel, Fernand erklärt: „Kapitalismus stützt sich nach wie vor auf legale oder faktische Monopole“.2 Die Vertreter der Politik machen das Spiel mit und reden genau dort vom „Markt“, wo eigentlich Kapitalismus vorliegt. Sie unterstützen die wenigen Großunternehmen im Inland und nach außen durch Zölle, Handelsverträge, Schaffung von Absatzmärkten usw. Das wird im Fortgang des Buches genauer untersucht.

Der Kapitalismus widerspricht prinzipiell den beiden Formen des Marktes, weil sein Ziel von Anfang an die Konzentration des Gewinns in einer privilegierten Gruppe ist. Das Ziel ist im heutigen Finanzkapitalismus in höchstem Maße erreicht, weil eine kleine Gruppe von Großkapitalisten als unsichtbares Kollektiv gemeinsam alle Großunternehmen besitzt, wie ich weiter unten zeigen werde. Durch die Kollektivierung des Kapitals ist die Sicherung der Herrschaft und der Gesellschaftsordnung in höchstem Maße erreicht. Dennoch bestehen Unsicherheit und Konkurrenz fort. Die kapitalistische Gesellschaft entwickelte sich aus der internen und externen Expansion des Kapitals. Dadurch enthält sie einerseits ständige Innovation und andererseits die Möglichkeit sozialen Aufstiegs über Kapitalakkumulation. Man könnte sagen, sie werde die Geister, die sie rief, nicht mehr los. Der Widerspruch zwischen Stabilität und Konkurrenz ist ein Grundmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft.

Neu am westlichen Kapitalismus gegenüber den früheren Formen des Kapitalismus war die staatliche Institutionalisierung. Der König erhebt nicht mehr Anspruch auf den gesamten Grundbesitz, es gibt keinen erblichen Herrschaftsanspruch mehr, der Herrscher finanziert seine Privatausgaben nicht mehr durch einen willkürlich festgelegten Tribut. Der Staat ist keine Privatangelegenheit des Herrschers mehr, sondern wird ein formalisierter Apparat. Der Apparat wurde gleichzeitig mit der Entstehung des westlichen Kapitalismus Gegenstand des Kampfes zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, aus dem meist die Gruppe der Kapitalisten siegreich hervorging. Der König wird ersetzt durch den Staat, der in letzter Instanz Eigentümer des Bodens und des Geldes ist. Der Staat wiederum wird von der Gruppe der Kapitalisten maßgeblich beeinflusst. Seine Schulden sind im Besitz von Privatpersonen. Die meisten seiner zentralen Aktivitäten dienen der Kapitalvermehrung. Im Kapitalismus bilden die Kapitaleigentümer eine herrschende Klasse, die den Staat und seine Institutionen instrumentalisiert, um Gewinn zu machen und dadurch ihre herrschende Position zu bewahren.

3 Kapital und Arbeit

Im vorangehenden Kapitel wurde die Entwicklung wichtiger Elemente des Kapitalismus nachgezeichnet. Die Eigenschaften des Kapitalismus in europäischen Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhunderts werden oft mit historisch getrennten Phänomenen vermischt, beispielsweise der Aufklärung, allgemeinen Bürgerrechten und der Institution des freien Markts. All diese Phänomene sind aber nicht direkt voneinander abhängig und begannen im Westen zu unterschiedlichen Zeiten. Keine einzelne Eigenschaft definiert den gesamten Kapitalismus. Wir können jedoch erst von einem entfalteten Kapitalismus sprechen, wenn zumindest die im vorangehenden Kapitel diskutierten Eigenschaften entwickelt sind. Nun müssen wir ihren Zusammenhang untersuchen.

Eine der wichtigsten Eigenschaften des heutigen Kapitalismus ist die Beschäftigung von Lohnarbeitern durch das Kapital. Das geschah, wie das vorangehende Kapitel aufgezeigt hat, in großem Stil nicht vor dem 19. Jahrhundert. Die Menschen werden in diese Gesellschaftsform integriert, indem sie zu Lohnarbeitern werden und alle gleichermaßen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um zu überleben. Das ist allerdings ein Nebenprodukt des Kapitalismus. Nur in der Phase der Industrialisierung besteht eine hinreichende Nachfrage nach formal freier Arbeitskraft. In den Phasen davor und danach bestehen für Menschen ohne Arbeit die Optionen Verelendung und staatliche Unterstützung. Allerdings sind die Menschen in der postindustriellen Phase potentiell freie Arbeitnehmer und potentiell gleiche Mitglieder einer Demokratie, nicht mehr Menschen ohne Bürgerrechte.

Die vom Land vertriebenen Menschen hatten bis zur Industrialisierung in den Städten und in der Industrie keine Arbeit. Das Kapital wurde nicht in die Produktion investiert, sondern in Grundeigentum, Finanzinstrumente und den Handel, insbesondere in den Fernhandel. Erst als der Kolonialhandel nicht mehr so profitabel zu werden begann sowie Absatzmärke in Europa und den Kolonien anwuchsen, investierten Kapitalisten in Arbeit und Maschinen. Das begann nicht vor dem 18. Jahrhundert. Der größte Teil des Kapitals blieb allerdings bis heute in Land und Finanzen investiert. Auch der Handel verlor seine Bedeutung mit dem Industriekapitalismus nicht.

Die marxistische Annahme einer polaren Gesellschaftsstruktur von Kapitalisten und Arbeitern ist daher nicht zutreffend – wenn man wie MarxMarx, Karl unter Kapitalisten Industrielle und unter Arbeitern Lohnarbeiter in der Produktion versteht.1 Diese Gruppen waren immer nur Minderheiten, auch heute. In einem anderen Sinne aber trifft die Annahme zu. Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen mit Kapital (weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung) und diejenigen ohne Kapital, die für ihren Lebensunterhalt auf die Unterstützung der Kapitaleigentümer, auf Lohnarbeit, angewiesen sind.2 Diese Struktur hat Karl Marx in seinen Frühschriften erläutert. Er schrieb, dass für den Arbeiter nur ein Leben existiere, wenn er ein Kapital finde, das ihn beschäftigt.3 Seine Bemerkung verdient eine genauere Untersuchung.

3.1 Was ist Kapital?

Wenn von „Kapital“ die Rede ist, erklärt man meist nicht, was gemeint ist. Häufig meint man Vermögen oder Besitz. Als Kapital kann aber nur ein Vermögen bezeichnet werden, das gewinnbringend investiert wird. Im Alltag sind wir der Meinung, dass jeder Mensch über Kapital verfügt oder zumindest prinzipiell verfügen kann. Tatsächlich ist der Besitz von Kapital im Sinne eines mit dem Ziel von Gewinn investierten Eigentums auf eine winzige Gruppe beschränkt. Wir werden uns mit dieser Gruppe weiter unten eingehender beschäftigen.

Das Einkommen kann man in Konsum verwandeln (und damit gleichsam verlieren) oder verwahren (sparen). Die Arbeiterschaft muss den größten Teil ihres Einkommens für notwendigen Konsum aufwenden – auch wenn die Definition des Notwendigen sich im Laufe der Zeit ändert. Wenn das Einkommen für den Konsum verbraucht ist, muss die Arbeitskraft erneut verkauft werden. Bleibt darüber hinaus noch etwas übrig, kann es gespart werden. Weder das ersparte noch das für den Konsum aufgewendete Geld ist Kapital. Nur wenn das Ersparte so investiert wird, dass es einen nicht konsumierten Profit abwirft, der über der Wachstumsrate liegt, sich also vermehrt, verfügt man über potentielles Kapital.

Allerdings sind nicht einmal alle Menschen, die über potentielles Kapital verfügen, im ökonomischen Sinne als Kapitalisten zu bezeichnen. Wer ein paar Aktien eines Großunternehmens besitzt, hat keinen Einfluss auf die Firmenpolitik und den Aktienkurs. Es handelt sich lediglich um eine andere Art des Sparens, nicht um eine kontrollierbare Investition. Kleine Sparer sind den Großaktionären und der Unternehmensleitung vollkommen ausgeliefert. Sie sind keine Kapitalisten. Das zeigt sich auch an den Profitraten. Während kleine Sparer froh sind, wenn sich ihr Geld überhaupt vermehrt, streben die Kapitalisten stets Profitraten von mehreren Prozent pro Jahr an. Die Sparer vermehren ihr Vermögen kaum, die Kapitalisten erzielen in Deutschland einen Gewinn von mindestens 4,6 Prozent auf ihre Geldvermögen.1 Ferner finanzieren Kapitalisten ihren Lebensunterhalt aus dem Profit, während die Sparer für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen. Schließlich sind Kapitalisten nur in Verbindung mit einer sozialen Klasse zu interpretieren. Darauf werde ich im Verlauf des Kapitels mehrfach zurückkommen.

Die Kapitalisten stellen dem Rest der Bevölkerung Kapital gegen eine Art Nutzungsgebühr zur Verfügung. Ein geringer Teil der Nutzer setzt dieses Kapital selbst als Investition ein, muss aber eine Nutzungsgebühr abführen. Wer Boden nutzt, bezahlt eine Pacht. Wer Maschinen benutzt, bezahlt eine Pacht. Und wer Geld leiht, muss einen Zins entrichten. Die Nutzer versuchen, das Kapital so einzusetzen, dass sie selbst einen Gewinn machen. Auf diese Weise sichern sie sich ihr Überleben. Die Mittel zum Überleben kaufen sie jedoch letztlich wieder vom Kapitalisten, so dass ihr Lohn oder Gewinn an den Kapitalisten zurückfließt. Der große Rest der Bevölkerung erarbeitet mittels des Kapitaleinsatzes seinen eigenen Lebensunterhalt und den Profit der Kapitaleigner. Und die Kosten für den Lebensunterhalt fließen an die Verkäufer der Lebensmittel zurück, also an die Kapitaleigner.

Es ist wichtig, sich diesen Punkt genau klarzumachen. Ein beträchtlicher Teil der Einkommen und Vermögen der Menschen, die keine Kapitalisten sind, landet letztlich bei den Kapitalisten. Wir alle bekommen nur Konsumgüter zur Verfügung gestellt. Aus dieser Perspektive macht es keinen Unterschied, ob jemand 1800 oder 8000 Euro netto im Monat verdient. Bei 1800 Euro liegt der bundesdeutsche Durchschnitt für Haushalte, mit 8000 Euro gehört man zu den fünf Prozent der Topverdiener.2 Wer 1800 Euro verdient, muss etwa 500 bis 900 Euro Miete bezahlen, die oft ein Kapitalist einstreicht, ungefähr 300 Euro für Versicherungen, die Kapitalisten gehören, rund 500 Euro für Nahrungsmittel und Kleidung, die von Kapitalisten verkauft werden, und den Rest für Unterhaltung, die von Kapitalisten angeboten wird. Wer 8000 Euro verdient, zahlt mit etwa 2000 Euro ein Eigenheim ab. Das Geld streicht eine Bank ein, die Kapitalisten gehört. Mindestens 1000 Euro wendet er für Versicherungen auf und bis zu 1000 Euro für Nahrungsmittel. Für Unterhaltung und insbesondere für Verkehrsmittel wendet er relativ viel auf, möglicherweise bis zu 1000 Euro. Ferner hat diese Person im Zweifelsfall ein Ferienhaus, vielleicht ein Boot und Aufwendungen für Berufskleidung, Bewirtung und ähnliches, die sicher noch einmal 1000 Euro ausmachen. Die restlichen 2000 Euro wird die Person entweder für Luxuskonsum einsetzen oder für die Altersvorsorge, die wiederum von einem kapitalistischen Unternehmen angeboten wird.

Man mag einwenden, dass beide Personen Steuern an den Staat abführen, der nicht im Besitz von Kapitalisten ist. Was aber macht der Staat mit den Steuern? Er gibt es für Sozialleistungen aus, die für den Konsum eingesetzt werden, für Infrastruktur, die von kapitalistischen Unternehmen errichtet wird, für Zinsen auf Schulden, für Rüstung und den Beamtenapparat, der das Geld einsetzt wie eine Person im Beispiel des vorangehenden Absatzes. Nur bei wenigen Posten, etwa Bildung und Gesundheit, fließt das Geld nicht unbedingt vollständig in die Taschen der Kapitalisten.

Selbstverständlich kann in der demokratischen Gesellschaft jeder Mensch ökonomisches Kapital investieren. Wer keines hat, kann einen Kredit aufnehmen. Allerdings tut das kaum jemand, weil das Risiko hoch ist und die wirtschaftlichen Zusammenhänge kaum bekannt sind. Tatsächlich ist der wirtschaftliche Erfolg für einen Außenseiter sehr unwahrscheinlich. Kapitalisten hingegen haben fast immer bereits vor dem wirtschaftlichen Erfolg Kapital, da die meisten Kapitalisten Erben sind. Sie müssen es nicht erwerben und nicht einmal selbst unbedingt investieren, sie können von den Zinsen leben.

Das Kapital im Sinne einer kontrollierbaren Investition gehört im Kapitalismus einer kleinen Gruppe. Alle anderen können nur überleben, wenn ihnen erlaubt wird, dieses Kapital zu nutzen und einen Teil der Profite zu erhalten – mit denen sie Konsumgüter kaufen, deren Erlös wiederum an die Kapitalisten fließt. Die prinzipiell auf Arbeit angewiesenen Menschen, die mindestens 99,9% der Bevölkerung ausmachen, sind weder freie Menschen noch Sklaven, sondern Abhängige. Sie sind darauf angewiesen, vom Kapital einen Lebensunterhalt zugeteilt zu bekommen. Warum bekommen sie ihn? Sie bekommen in dem Maße einen Anteil, in dem sie Dienste für die Kapitalisten verrichten, die ohne diese kein Essen, keine Häuser und keine Annehmlichkeiten hätten. Und sie bekommen einen Anteil, weil sie ihn über Jahrhunderte erkämpft haben. Eine logische oder natürliche Notwendigkeit, für Arbeit einen Lohn zu bezahlen, gibt es nicht.

3.2 Wachstum

Wer bezahlt eigentlich den Gewinn der Kapitalisten? Das kann geschehen durch die Vermehrung der Geldmenge, Raub, Umverteilung von unten und Wirtschaftswachstum. Alle vier Möglichkeiten werden tagtäglich ergriffen. Die ersten drei sind negativ zu bewerten. Das Drucken von Geld hat eine Inflation zur Folge: Da es insgesamt dieselbe Menge an Waren, Kapital und Arbeit gibt, aber mehr Geld, muss man für jeden Gegenstand mehr Geld bezahlen. Volkswirtschaftlich ändert sich durch die Vermehrung der Geldmenge nichts. Tatsächlich gewinnen aber relativ die Menschen, die über Eigentumsgüter verfügen, welche nicht die Form von Geld haben, während die Menschen, die allein Geld zur Verfügung haben, also die Armen, mehr Geld für das Notwendige ausgeben müssen. Raub kann viele Formen haben, nicht selten ist er mehr oder weniger legal, beispielsweise die Landnahme durch Verwandlung von Boden in Eigentum, ein Vertragsabschluss bei ungleicher Verteilung von Informationen oder die Nutzung von Steueroasen. Mittel zur Umverteilung von unten nach oben sind beispielsweise die Kürzung von Löhnen, Steuererleichterungen für Vermögende und Spitzenverdiener, Verbrauchsteuern (die für alle gleich sind, aber prozentual zum Einkommen für die Konsumenten stärker ins Gewicht fallen als für Kapitalisten), Konsumkredite und Staatsschulden. Das Wirtschaftswachstum kann gut oder schlecht sein. Es kann auf der Plünderung von Ressourcen, Bevölkerungswachstum und Einsparung von Arbeitskräften beruhen. Das ist eher negativ zu bewerten. Lediglich das Wachstum, das auf Steigerung der Produktivität beruht, kann positiv sein – wenn die Allgemeinheit daran beteiligt wird. Meist aber werden trotz Wachstums die Löhne nicht angehoben und nicht mehr Arbeitskräfte beschäftigt. Dann kommen die Früchte des Wachstums fast ausschließlich den Kapitalisten zugute.1 Der Profit – oder, wie man oft lieber sagt, der Gewinn – der wenigen Kapitalisten wird fast immer von der Allgemeinheit bezahlt.

Der Marxismus geht davon aus, dass Profit durch Ausbeutung von Arbeitskraft erzeugt wird. Mit dieser Annahme verknüpft er eine naturwissenschaftliche Sicht auf die Wirtschaft. Er meint, dass man die Profitrate berechnen könne. Tatsächlich erwächst der größte Teil des Profits im Kapitalismus jedoch aus Prozessen, die Verwandtschaft mit dem Raub aufweisen. Die gesamte Struktur des Kolonialismus bestand darin, dass sich Kaufleute und Staaten Rohstoffe, Waren und Menschen in den Kolonien nahezu kostenlos angeeignet haben. Diese Struktur wurde lediglich durch andere Formen der Kapitalinvestition ergänzt. Noch heute wird ein großer Anteil am weltweiten Handel von der Natur kostenlos zur Verfügung gestellt: Öl, Wasser, Holz, Edelsteine, Metalle, Pflanzen. Man muss nur den Abbau bezahlen.

Ein weiterer Teil des Profits wird durch kurzfristigen Betrug erzeugt, für den tendenziell die Allgemeinheit aufkommen muss, falls es die geschädigten Personen nicht vermögen. Wer Falschgeld druckt und damit bezahlt, macht einen Profit, auch wenn dadurch die gesamte Geldmenge wächst und alle Waren etwas teurer werden. Ähnlich verfahren Banken, wenn sie Wertpapiere für nicht existente Werte auflegen, was die Ursache der Krise von 2008 war.2

Der Gewinn entsteht oft aus Raub. Das Wirtschaftswachstum hingegen wird im Wesentlichen durch die Integration neuer Rohstoffquellen und Absatzmärkte erzeugt. Kostenlose Aneignung von Ressourcen ist ein zentrales Element des Kapitalismus, vom Kolonialismus bis zur Abholzung der Regenwälder. Zieht man das prozentuale Bevölkerungswachstum und den Wert neu entdeckter Ressourcen ab, bleibt eine Rate des Wirtschaftswachstums übrig, die kaum über der nicht-kapitalistischer Gesellschaftsformen liegt. Ferner müssen wir im Grunde auch den Wert aller Betrugsfälle abziehen. Es bleibt die Ausbeutung der Arbeitskraft, also die Produktivität, als Quelle eines echten Wachstums im Sinne des Marxismus, das allerdings sehr gering ist und für den Kapitalismus eine untergeordnete Rolle spielt. Tabelle 2 zeigt, dass Ressourcenabbau, Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum weitgehend parallel verlaufen.


1850 1900 1950 2010
Verbrauch von Kohle pro Kopf in Gigajoule Ca. 2 Ca. 18 Ca. 18 Ca. 24
Anteil von Wald an der Erdoberfläche 50% 48% 44% 38%
Bevölkerung in Milliarden 1,2 1,65 2,53 6,9
BSP in Billionen USD 2011 Ca. 1,5 Ca. 3,4 Ca. 13 Ca. 94

Tab. 2: Wachstum von Bevölkerung, Wirtschaft und Ressourcenabbau weltweit (Quelle: ourworldindata.org, theoildrum.com/node/9023).

Eine Investition muss nicht unbedingt in produktive Tätigkeit fließen, sondern kann auch reine Spekulation mit fiktiven Werten sein. Und die produktive Investition muss keine Arbeitsplätze schaffen, sondern kann gerade dazu dienen, Arbeitsplätze zu vernichten, indem beispielsweise Maschinen gekauft werden, die Arbeit einsparen. Investitionen dienen in erster Linie dazu, Profite zu erwirtschaften. Wenn die Politik also davon redet, ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen, ist damit in erster Linie gemeint, dass die Profite gesteigert werden sollen.

Wachstum ist das Schlüsselwort im öffentlichen Diskurs. Wirtschaftssteuerung heißt Förderung des Wachstums, indem Kosten gesenkt und Absatzmöglichkeiten erweitert werden. Die Steuergesetze der meisten Staaten sollen dazu dienen, Investitionen zu fördern. Wo die Unternehmen investieren, bleibt ihnen überlassen. Unternehmenskredite werden verbilligt, die öffentliche Nachfrage wird gestärkt und die Arbeitnehmer werden zur Zurückhaltung bei Lohnforderungen gedrängt. Dadurch soll das Wachstum angekurbelt werden, in Wahrheit werden aber nur die Profite gesteigert.

3.3 Großunternehmen und Konkurrenz

Der Kapitalismus zeichnet sich durch eine Organisation des „Marktes“ oder der „Wirtschaft“ aus, die vorrangig dazu dient, den Profit der Kapitaleigner zu sichern. Dabei konkurrieren die Kapitaleigner miteinander und müssen sich gegen Aufsteiger, also gegen Konkurrenz von unten, zur Wehr setzen, um ihre soziale Position zu bewahren. Die Konkurrenz reicht oft sogar in die Familien der herrschenden Klasse hinein. Sie sorgt für eine ständige Instabilität des Systems und einen Zwang zur Expansion. Im Bereich der kapitalistischen Wirtschaft hingegen ist die Konkurrenz minimal. Die Rechtfertigung des Kapitalismus als effizienter Wirtschaftsform wegen marktförmiger Konkurrenz trifft auf ihn nicht zu.

Die zentralen Bereiche der kapitalistischen Wirtschaft sind im Wesentlichen Monopole oder Oligopole: Die Großunternehmen sind entweder durch Absprachen oder durch direktes oder indirektes Eigentum miteinander verbunden. Die frühen Großunternehmen, von den niederländischen und englischen Kolonialgesellschaften bis zu den amerikanischen Eisenbahn- und Ölgesellschaften, hatten Monopole inne, zumindest für ein bestimmtes Territorium. Wenn der Staat eine Konkurrenz erlaubte, wurde sie durch Verschmelzung der Unternehmen oder Zerstörung des Konkurrenten aufgehoben. Heute scheinen in jedem großen Bereich der Wirtschaft – Finanz, Autos, Chemie, Maschinen, Computer, Software – mehrere Großunternehmen gegeneinander zu konkurrieren. Wir werden jedoch weiter unten sehen, dass fast alle heutigen Großunternehmen der Welt sich gegenseitig gehören. Sie bilden ein einziges Konglomerat mit dem Ziel, den größtmöglichen Profit für eine winzige Zahl von Teilhabern zu generieren. Das wird in den Medien, von der Politik und durch die Wissenschaft verdeckt, die vom „Markt“ reden. Auch rechtlich wird der Anschein einer Konkurrenz erzeugt, indem das Kartellamt überall die Existenz mehrerer Unternehmen fordert – dass sie einander besitzen und allesamt von einer kleinen Gruppe von Kapitalisten besessen werden, spielt keine Rolle. Damit verklärt das Kartellamt faktische Monopole zu legalen Oligopolen.

Einen Wettbewerb zwischen den Großunternehmen gibt es nicht (mehr). Sie kooperieren miteinander und sichern der Gesamtgruppe der Kapitalisten somit das Gleichgewicht zwischen maximaler Sicherheit und maximalem Profit. Diese Tendenz haben Paul BaranBaran, Paul und Paul SweezySweezy, Paul schon in den 1960er Jahren konstatiert.1 In der Theorie ist der Kapitalismus effizient, weil zahlreiche Anbieter im Preis und in der Qualität konkurrieren. Dadurch sollen bestmögliche Bedürfnisbefriedigung, Chancengleichheit und Produktivität erzielt werden. So hatte sich bereits Adam SmithSmith, Adam den Kapitalismus vorgestellt.2 Und noch heute wird behauptet, dass er so funktioniere. Tatsächlich aber werden die profitablen Bereiche der Wirtschaft von wenigen Großunternehmen beherrscht. Der Konsument kann nur noch nachfragen, was von den Großunternehmen angeboten wird. Heute wird die Weltwirtschaft von weniger als 150 Großkonzernen beherrscht, die etwa die Hälfte des Gesamtumsatzes erzielen.3 Kleinbetriebe können nur überleben, wenn sie etwas herstellen, was die Großbetriebe nicht wollen oder können (z.B. Handarbeit), oder als Zulieferer.

Verdeutlichen Sie sich das einmal am Beispiel des Automarkts. Welche Marken sehen Sie auf deutschen Straßen? Sie werden keine 20 Marken finden. 1920 gab es beispielsweise in Frankreich noch 140 Autohersteller.4 Nun müssen Sie bedenken, dass einige Marken zu demselben Konzern gehören, beispielsweise VW, Audi und Porsche. Im nächsten Schritt betrachten Sie die globale Situation und stellen fest, dass in den meisten Ländern dieselben Automarken zu finden sind, wenn auch in anderer prozentualer Verteilung. In einem weiteren Schritt können Sie erkennen, dass fast alle Autokonzerne Aktien der angeblich konkurrierenden Autokonzerne besitzen.5 Schließlich finden Sie heraus, dass die Autokonzerne ständig wegen gemeinsamer Absprachen gerichtlich belangt werden.6 Man denke auch an den „Dieselskandal“. Daran, dass die angeblich konkurrierenden Tankstellen ihre Benzinpreise stets gemeinsam ändern, haben wir uns längst gewöhnt – obwohl das dem Prinzip des Wettbewerbs genau widerspricht. Nicht anders verhält es sich bei den Autoherstellern.

Die Größenunterschiede der Unternehmen implizieren Machtungleichgewichte und Abhängigkeiten. Einfluss auf ein Großunternehmen hatten bis 2009 nur Großaktionäre, Banken und Management. Die deutschen Großbanken vertreten den größten Teil des Grundkapitals auf den Hauptversammlungen, entweder direkt oder für einen Großaktionär oder über Depotstimmrecht, also in Vertretung der Anleger. Ein Großaktionär ist meist an mehreren Unternehmen beteiligt. Er hat nicht mehr das Interesse, ein bestimmtes Unternehmen zu fördern, sondern will eine möglichst hohe Gesamtrendite erwirtschaften. Kleinaktionäre sind dagegen meist nur an einem Unternehmen beteiligt und deshalb an diesem interessiert, haben aber gleichzeitig keinen Einfluss auf seine Führung. Die Heiligkeit des Privateigentums gilt also nur für die Großkapitalisten.

Die unterschiedlichen Wirtschaftssysteme von sozialer Wirtschaft, Markt, Marktwirtschaft und Kapitalismus existieren nicht unabhängig voneinander, sondern der Kapitalismus setzt die anderen Systeme voraus und sucht sie gleichzeitig zu durchdringen, um sich die potentiell profitablen Bereiche anzueignen. Dabei verändert er die Systeme. Gleichzeitig sind auch innerhalb des Kapitalismus Aspekte des Marktes und der sozialen Wirtschaft präsent. Jeder Mensch, der im Kapitalismus agiert, vollzieht auch Akte des Tauschs und des Geschenks. Ohne sie könnte der Kapitalismus nicht funktionieren. In einer völlig auf Profit ausgerichteten Gesellschaft würden die meisten der notwendigen Tätigkeiten – von der Geburt und Erziehung über die freundschaftliche Interaktion bis hin zu öffentlichen Leistungen wie Infrastruktur, Wohlfahrt oder Schutz der Bevölkerung – verschwinden. Ohne sie gibt es keinen Kapitalismus und vermutlich auch keine Gesellschaft.

Die öffentliche Darstellung von Wirtschaft seitens der Großunternehmen und der Politik gibt vor, die kapitalistische Wirtschaft zu porträtieren, beschreibt aber immer nur die Marktwirtschaft. In dieser Darstellung scheint es, als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Bäcker an der Ecke und RockefellerRockefeller. In der liberalen Wirtschaftswissenschaft wird die Funktionsweise des Kapitalismus immer am Beispiel von Tauschgeschäften zwischen Menschen – z.B. auf dem Wochenmarkt – erläutert, die vollkommen freiwillig und gleichberechtigt ausgeführt werden.7 So funktioniert aber keine kapitalistische Handlung. Das ist eine grobe und absichtliche Irreführung, um die Funktionsweise des Systems unsichtbar zu machen.

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342 стр. 5 иллюстраций
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9783846357651
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