Читать книгу: «Freundschaft»

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„Man kennt nur die Dinge, die man zähmt“, sagte der Fuchs. „Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn Du einen Freund willst, so zähme mich!“

„Was muss ich da tun?“ sagte der kleine Prinz.

„Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs.

Antoine de Saint-Exupéry

Copyright © Claudius Verlag, München 2019

www.claudius.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Zitat aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz.

© 1950 und 2015 Karl Rauch Verlag, Düsseldorf

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München

Layout: Mario Moths, Marl

Gesetzt aus der Sabon LT

E-Book-Produktion: Zeilenwert GmbH, 2019

ISBN 978-3-532-60044-3

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

1.Einleitung: Freundschaft – Das Vitamin des Lebens

2.Vom Wesen der Freundschaft

3.Drei Arten von Freundschaft

4.Urvertrauen – Die beste Basis für tiefe Freundschaften

5.Einfühlungsvermögen – Empathie

6.Ehrlichkeit – Sind Notlügen erlaubt?

7.Treue und Zuverlässigkeit

8.Von Freunden lernen und in der Auseinandersetzung wachsen

9.Freundschaften innerhalb der Familie

10.Freundschaft am Arbeitsplatz – Mit Interessenkonflikten jonglieren

11.Freundschaft im digitalen Zeitalter

Ausblick

Literatur

Über den Autor

Vorwort

Freundschaft bildet seit Jahrtausenden in allen Kulturen einen zentralen Wert des menschlichen Zusammenlebens. Sie schenkt Orientierung, Halt, Freude und Lebenssinn. Auch in unserer modernen, globalisierten, digitalisierten, schnelllebigen Zeit wird ihr Wert unverändert hoch angesehen. Jedoch scheinen die zugrundeliegenden Tugenden, auf denen echte, lebendige Freundschaften basieren, zunehmend in Vergessenheit zu geraten.

Als Psychiater und Psychotherapeut begegne ich täglich seelisch kranken Menschen, die einsam sind. Aber auch solchen, die in Beziehungen leben, die der seelischen Gesundheit abträglich sind. In therapeutischen Gesprächen werden Themen wie mangelnder Zusammenhalt, fehlende Unterstützung, Einsamkeit, Egoismus, respektloses Verhalten und vieles mehr thematisiert. Zieht man in Betracht, dass seelische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind und voraussichtlich in der kommenden Dekade die orthopädischen Erkrankungen als Ursache für Krankschreibungen von der Spitzenposition verdrängen werden, wird deutlich, wie unglaublich wichtig und wertvoll gute, tragfähige und belastbare Beziehungen, also auch Freundschaften, sind.

Die Resilienzforschung, die der Frage nachgeht, was Menschen in belasteten Lebenssituationen gesund hält, hat als einen wesentlichen Faktor für Resilienz gut funktionierende, haltgebende soziale Netze identifiziert. Der Einsamkeitsforschung verdanken wir die Erkenntnis, dass einsame Menschen kürzer leben als Menschen, die sich nicht einsam fühlen. Und zunehmend mehr Menschen fühlen sich einsam.

Bei der Frage nach tiefen Freundschaften handelt es sich also nicht um Wellness, sondern sie hat eine tiefgreifende persönliche und gesellschaftliche Bedeutung. Als Psychotherapeut bin ich davon überzeugt, dass Freundschaften einen Lebenssinn stiften, Zufriedenheit und Wohlbefinden fördern und uns Orientierung und Halt geben. Neben dem Effekt, dass sie unserer Gesundheit dienen, erhöhen sie schlicht unsere Lebensqualität und lassen das alltägliche Leben leichter werden. Und ich bin davon überzeugt, dass Menschen, denen es schwer fällt, sich auf Freundschaften einzulassen, lernen können, wie sie tiefe Beziehungen eingehen können. Kein einfacher Weg, aber ein möglicher. Die intensive Auseinandersetzung mit Freundschaft, welche die Lektüre dieses Buchs verspricht, wird ihnen helfen, Ansatzpunkte zu finden, wie sie neue Schritte gehen können, um Freundschaften aufzubauen und zu vertiefen.

Wir sind einem rasanten gesellschaftlichen Wandel unterworfen, der unsere Beziehungen oberflächlicher und unverbindlicher werden lässt. Deshalb ist es an der Zeit, sich auf jahrtausendealte Werte zurückzubesinnen. Von Aristoteles bis zur modernen Wissenschaft existieren Erkenntnisse über das Wesen und den Wert von Freundschaft, von denen wir uns einige anschauen werden. Dann liefert uns die Psychotherapieforschung wichtige Hinweise darauf, dass wir als Menschen so geschaffen sind, dass wir auf gute Beziehungen ausgerichtet sind. Wir können beziehungsweise wollen einfach nicht ohne den Kontakt zu Menschen leben, die uns wertvoll sind. Um tiefe Freundschaften zu leben, lohnt sich die Auseinandersetzung mit älteren Tugenden, wie Treue und Ehrlichkeit, sowie mit neueren Tugenden, die schon immer existierten, aber noch nicht so lange benannt sind, wie Urvertrauen und Empathie, also Einfühlungsvermögen. Es folgen Überlegungen, wie wir innerhalb von Freundschaften persönlich reifen und uns weiterentwickeln können. Auch Grenzen von Freundschaften, wie sie beispielsweise innerhalb der Familie oder am Arbeitsplatz existieren, werden wir betrachten. Abschließend werden wir die Prägung von Freundschaften durch moderne Medien beleuchten und überlegen, wie wir in unserem digitalen Zeitalter tiefe Freundschaften leben können.

Wir werden uns im Folgenden intensiv mit dem Wesen und dem Wert von Freundschaft auseinandersetzen. Einiges wird Ihnen bekannt sein, vieles werden Sie nach der Lektüre in einem neuen Licht betrachten können. Ich möchte Sie anregen, Ihre gegenwärtigen Freundschaften so zu gestalten, dass sie an Tiefe gewinnen, Ihre haltgebenden Verbindungen zu stärken und bei der Suche nach neuen Freunden eine kluge Auswahl zu treffen – für Menschen, die Ihnen wirklich gut tun. Dabei werden Sie feststellen, dass tiefe Freundschaften auf dem Weg zu einem guten Leben unverzichtbar sind.

Marienheide im Dezember 2018

Bodo K. Unkelbach

Zur Frage der Geschlechtsbegrifflichkeit:

Ich verwende im vorliegenden Buch die männliche Form. Der allgemeine Hinweis, dass dies zur besseren Lesbarkeit so gewählt ist und Frauen selbstverständlich einbezogen sind, trifft zwar zu, ist aber gerade im Zusammenhang mit einem Buch über Freundschaft etwas zu kurz gegriffen, zumal Frauen bei diesem Thema uns Männern oftmals überlegen zu sein scheinen. Selbstverständlich beziehen sich meine Ausführungen auf beide Geschlechter. Ich könnte also von Freundinnen und Freunden sprechen, das wäre politisch korrekt, aber zu sperrig. Es wäre auch möglich, ausschließlich die weibliche Form zu verwenden, aber dann würde der oberflächliche Leser meinen, es handele sich ausschließlich um ein an Frauen gerichtetes Buch. So komme ich wieder auf die männliche Form zurück, wohl wissend, mich damit schuldig zu machen, da ich mich von der über viele Jahrhunderte bestehenden Unterdrückung von Frauen in Männerherrschaftssystemen in meiner Wortwahl nicht angemessen abgrenze. Unsere Frauen haben Besseres verdient! Es bleibt nun doch bei der männlichen Form, weil mir eine passende, leicht zu handhabende Idee zur Umsetzung einer gleichberechtigten Sprache noch fehlt. Hoffentlich findet sich für die deutsche Sprache bald eine zufriedenstellende Lösung!

1.
Einleitung: Freundschaft – Das Vitamin des Lebens

Wir kugelten über den Boden und lachten. Ein Lachkrampf jagte den anderen, bis wir keine Luft mehr bekamen. Die Tränen liefen. Wir waren eine Gruppe von Jungs, 14 Jahre alt, saßen bei einem Freund im Kinderzimmer, imitierten unsere Lehrer, äfften sie nach und brachen in schallendes Gelächter aus. Die Welt um uns herum erschien plötzlich in einem absurden Licht und war wahnsinnig komisch. In diesem Moment fühlten wir uns tief miteinander verbunden, schwammen auf einer Wellenlänge, steckten uns gegenseitig mit unserer Albernheit an, konnten den Moment genießen und den Rest der Welt ausblenden. Wir wollten nie so werden wie die anderen. Unsere jüngeren Geschwister verstanden unsere Witze nicht, in den Augen unsere älteren Geschwister waren wir noch Kinder und die Erwachsenen verhielten sich ohnehin, als stammten sie von einem anderen Planeten. Sie waren streng, ernst, vernünftig und einfach todlangweilig. Die Angst davor, sich den Gesetzen dieser Erwachsenen beugen zu müssen, wehrten wir durch unsere Lachsalven ab. Wir entdeckten unsere Welt neu, spannen unsere eigenen Regeln und Weisheiten. Wir verstanden uns, wo so viele andere uns nicht verstanden. Unsere Freundschaft war stark und sollte nie enden. Und tatsächlich kam es so. Viele Freundschaften, die damals geschlossen wurden, haben sich weiterentwickelt und sind auch vierzig Jahre später noch lebendig.

Während es Kindern noch leicht fällt, Freundschaften einzugehen, tun sich viele Erwachsene damit schwer. Häufige, berufsbedingte Ortswechsel, wenig freie Zeit, permanente Ablenkung durch Medien, ein hoher Grad an Individualismus gepaart mit enttäuschenden Beziehungen in der Vergangenheit lassen viele Menschen zögern, sich auf neue Freundschaften einzulassen.

Dabei sollten Freundschaften doch etwas Selbstverständliches sein. In der modernen Gesellschaft scheint es ihnen aber ähnlich wie einer gefährdeten Tierart zu ergehen. Ungeschützt stehen sie unter Beschuss. Als sei es ein kaum erschwinglicher Luxus, sich neben dem Alltagsgeschäft Zeit für seine Freunde nehmen zu können. Der moderne Mensch steht permanent unter Zeitdruck, eine zunehmende Technisierung und Komplexität beschert ihm immerzu neue Aufgaben und Ablenkung. Er ist ein Medien- und Freizeitspezialist und wendet für Herausforderungen im Beruf jede Menge Zeit auf. Zeit, die früher für die Pflege guter Nachbarschaften und tiefer Freundschaften zur Verfügung stand.

Dieser Tendenz stellen sich immer mehr Menschen entgegen. Sie widersetzen sich der schleichenden Vereinnahmung durch den Kapitalismus und besinnen sich zurück auf das, was im Leben wirklich zählt: Gute, tragfähige Beziehungen. Oder kurz gesagt: Freundschaften. Denn neben lebendigen Familien, deren Zusammenleben durch Wertschätzung gekennzeichnet ist, sind Freundschaften das Wertvollste, was wir haben.

Immer mehr Menschen werden sich dieses Reichtums, den man nicht in Geld aufwiegen kann, bewusst. Er zeigt sich in Zufriedenheit, Gelassenheit, Selbstwert, Selbstsicherheit und Orientierung. Schließlich spenden Freundschaften einen Lebenssinn. Es steigt das Bewusstsein, dass in Zeiten der Not die ausgestreckte Hand eines Freundes unersetzlich ist und die Freude an gemeinsam erlebter Zeit noch lange nachwirkt und Kraft gibt.

Die moderne Gesellschaft begnügt sich zu oft mit billigen Abbildern von Freundschaft. In den Sozialen Medien werden Freundschaften gar „gesammelt“. Doch dabei handelt es sich um Fast-Food-Freundschaften, in denen man sich mit gehaltlosen Informationen vollstopft, ohne wirklich davon satt zu werden.

Doch spätestens dann, wenn wir in eine Lebenskrise geraten, wird uns deutlich, dass nichts die Menschen ersetzen kann, die real für uns da sind und es gut mit uns meinen. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Mitgefühl, Zuwendung, Verständnis, Annahme, emotionale Unterstützung und Verbundenheit sind nicht kurzfristig zu erwerben, sondern werden uns von Menschen geschenkt, die fest an unserer Seite stehen und die wir Freunde nennen dürfen. Befriedigend können nur echte, tiefe Begegnungen von Mensch zu Mensch sein, in denen man Wertschätzung spürt und die Freiheit besitzt, vorbehaltlos und offen über sich zu erzählen.

Einsamkeit

Der ärgste Widersacher der Freundschaft ist nicht etwa in der Feindschaft zu suchen sondern in der Einsamkeit. Verfeindet zu sein bedeutet, immerhin noch in einer Beziehung zu stehen. Einsamkeit dagegen ist Ausdruck von Beziehungslosigkeit. Und Einsamkeitsgefühle innerhalb einer Freundschaft stellen diese in Frage, können sie aushöhlen und entwerten.

In den Gemeinschaften, in denen wir leben, besteht fast immer die Möglichkeit, feindlich gesinnten Menschen aus dem Weg zu gehen. Einsamkeit jedoch können wir nicht ausweichen, da dieses Gefühl in uns steckt. Neurowissenschaftler wie Manfred Spitzer gehen davon aus, dass einsame Menschen kürzer leben als Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen. Die Folgen von Einsamkeit werden mit den tödlichen Auswirkungen von Tabakkonsum verglichen und sind gravierender für die Betroffenen als die Konsequenzen von Luftverschmutzung, Bluthochdruck oder Bewegungsmangel.

Denn abgesehen davon, dass wahre Freundschaften wunderschön sind und das Leben bereichern, dienen sie auch unserer Gesundheit – sozusagen als erwünschte Nebenwirkung. Doch obwohl wir uns inzwischen ihrer toxischen Folgen bewusst sind, greift Einsamkeit wie eine Seuche um sich.

Tatsächlich ist Einsamkeit ansteckend. Freunde von einsamen Menschen stehen in der Gefahr, ebenfalls einsam zu werden. Das erscheint zunächst wie ein Widerspruch, gehen wir doch im Allgemeinen davon aus, dass einsame Menschen daran zu erkennen sind, dass sie keine Freunde haben. Doch nur vermeintlich: Denn einsame Menschen sind in erster Linie Menschen, die sich einsam fühlen. Und dieses Gefühl kann uns an jeden Ort dieser Welt begleiten: in Menschenmengen, ins Einkaufszentrum, an den Arbeitsplatz, in unsere Familien und in den Freundeskreis hinein. Einsame Menschen können von noch so vielen Menschen umgeben sein, ihre Einsamkeit ergibt sich aus der Unfähigkeit, sich mit diesen emotional zu verbinden. Trifft also ein Einsamer auf einen anderen Menschen, der es gut mit ihm meint, verfügt er nicht über die Freiheit, sich auf ihn einzulassen. Das Einsamkeitsgefühl hemmt ihn, sich zu öffnen. Bleibt er verschlossen, so wird auch der freundliche Mensch, dem er gerade begegnet, sich in seiner Gegenwart über kurz oder lang einsam fühlen, weil kein echter zwischenmenschlicher Austausch zustande kommt.

Nur wenn es ihm gelingt, seine unbewusste Angst vor menschlicher Nähe zu überwinden und den anderen an dem teilhaben zu lassen, was ihn innerlich bewegt, kann er der Einsamkeit den Rücken kehren. Hierfür benötigt er die Bereitschaft, sich zu öffnen, sich auf eine tiefe zwischenmenschliche Begegnung einzulassen und persönlich in diese Beziehung zu investieren.

Menschen, denen das schwer fällt, sind gut beraten, an dieser Stelle schrittweise vorzugehen. Nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern mit Themen anzufangen, die einen emotional wenig berühren. Kommt man so ins Gespräch, eröffnet sich die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum die Intensität der Themen zu erhöhen. So ergibt sich der Raum, die Reaktionen des Gegenübers zu prüfen. Man lernt dessen Haltungen und Gesichtspunkte kennen und, noch wichtiger, man erfährt, ob er angemessen und respektvoll auf die eigenen Mitteilungen über sich selbst reagiert. Trifft man auf einen Menschen mit groben Reaktionen, weiß man, dass man eher auf Abstand gehen sollte. Erhält man aber eine behutsame und wertschätzende Resonanz, lohnt es sich, schrittweise mehr von sich preiszugeben und umgekehrt, auch ein offenes Ohr und Mitgefühl für den anderen zu entwickeln.

Einsamkeit ist nicht mit dem Alleinsein zu verwechseln. Mit dem Wort Einsamkeit wird ein Gemütszustand beschrieben, mit Alleinsein hingegen ein Zustand, der äußere Bedingungen beschreibt. Wenn ich eine Wanderung ohne Begleitung unternehme, kann ich den ganzen Tag allein im Wald sein, ohne mich auch nur ein bisschen einsam zu fühlen. Ich kann es genießen, meine Gedanken schweifen zu lassen, innerlich Abstand von der Hektik des Alltags zu gewinnen und mein bewegtes Leben zu reflektieren. Ich kann die Natur um mich herum bestaunen und dabei die Zeit vergessen. Ebenso ist es möglich, dass ich mich auf einer Party mit 100 Gästen furchtbar einsam fühle. Trage ich dieses Gefühl in mir, kann es sich in der Begegnung mit meinen Freunden auf diese übertragen.

Die Ansteckungsgefahr von Einsamkeit liegt darin begründet, dass Gefühle an sich ansteckend sind. Bricht ein Mensch in unserer Nähe in schallendes Gelächter aus, lachen wir unwillkürlich mit. Weint sich ein anderer bei uns aus, werden auch wir traurig. Menschen, die sich allein gelassen fühlen, transportieren ihr Einsamkeitserleben zu ihren Freunden, die deren Einsamkeit dann mitempfinden. Dieser Vorgang muss sich nur oft genug wiederholen, bis auch der Freund davon überzeugt ist, dass man im Leben grundsätzlich alleingelassen wird.

Eines der besten Gegenmittel gegen Einsamkeit liegt in einer tiefen Freundschaft. Eine solche besteht aus mehr als dem gelegentlichen Austausch über die Fußballbundesliga. Freundschaften leben von tiefen Verbindungen zueinander. Wobei auch die Diskussion über Fußballergebnisse ein wunderbares Sprungbrett sein kann, um die persönliche Begegnung intensiver zu gestalten.

Gute Freunde – Schlechte Freunde?

In meiner Tätigkeit als Chefarzt einer suchtmedizinischen Abteilung habe ich täglich mit Drogenabhängigen zu tun, die mir berichten, sie seien an „falsche“ Freunde geraten, die sie zu ihrem ersten Drogenrausch verführt hätten. Andere Patienten mit Depression oder Angststörungen berichten mir über tiefe Enttäuschungen. Sie seien davon ausgegangen, gute Freunde zu haben, und als sie dann in einer Krise dringend Hilfe benötigt hätten, waren ihre Freunde „plötzlich“ nicht mehr erreichbar. Die Frage stellt sich also: Wie unterscheidet man gute von schlechten Freunden?

Wenn wir beispielsweise den Drogenkonsum eines Freundes tolerieren, wissen wir nicht, wessen Haltung auf Dauer möglicherweise die des anderen beeinflusst. Lässt sich der Abstinente doch irgendwann zum Drogenkonsum verführen oder wird sich sein Abstinenzwillen später einmal auf den Konsumenten positiv auswirken? Und wie verhält es sich mit Menschen, die ab und an einen über den Durst trinken? Es kann hier keine eindeutigen Handlungsanweisungen geben. Entscheidend ist der jeweils eigene Maßstab. Trinke ich selbst gerne reichlich Alkohol, werde ich mir Freunde suchen, die es ähnlich halten. Ist mir das zuwider, bin ich gut beraten, mir Freunde zu suchen, die selbst ebenfalls gemäßigt trinken oder abstinent leben.

Um solche Entscheidungen zu treffen, benötige ich eine persönliche Haltung. Es geht nicht darum, das Verhalten eines anderen zu verurteilen, sondern um die Frage, mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte. Stehe ich aber nicht zu meiner Meinung oder bilde mir erst gar keine, besteht die Gefahr, von zerstörerischen Eigenschaften anderer mitgerissen zu werden.

Kann ich die Haltung eines anderen nicht einschätzen, sollte ich langsam vorgehen. Manche Eigenarten eines Menschen werden erst sichtbar, wenn wir einen Menschen über längere Zeit kennen. Deshalb lässt sich grundsätzlich empfehlen: Lassen Sie sich für den Aufbau von guten und tragfähigen Freundschaften Zeit. Aber woran misst man die Güte einer Freundschaft? Auf diese Frage existiert keine objektive Antwort, schon gar nicht eine Messlatte, die man einfach anlegt, um gute von schlechten Freundschaften unterscheiden zu können. Eher spielen viele verschiedene Eigenschaften zusammen, die in gegenseitiger Wechselwirkung zueinander stehen und uns Halt und Kraft geben. Dazu gehören Werte wie Respekt, gegenseitige Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Beistand, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Humor und Lebensfreude.

Teilen wir diese Werte, dann werden wir uns Menschen suchen, die ähnliche Einstellungen haben wie wir und mit ihnen gute Freundschaften aufbauen. Denn nicht nur Drogenkonsum kann ansteckend sein, sondern jede menschliche Eigenschaft hat das Potential, sich auf einen anderen zu übertragen. Positive wie negative Eigenarten können in zwischenmenschlichen Beziehungen verstärkt werden. In schlechten Freundschaften nehmen negative Eigenschaften oder Verhaltensweisen eines Freundes so viel Raum ein, dass dadurch die Freundschaft eher zur Last wird, als dass sie Freude auslöst.

Ein weiteres Kriterium, mit dem man gute von schlechten Freundschaften unterscheiden kann, ist die Beobachtung des Umgangs mit Dritten. Treffen wir beispielsweise auf einen Menschen, der andere entwertet, können wir davon ausgehen, wenn wir eine engere Beziehung zu ihm aufbauen, dass dieser Umgang früher oder später auch uns betreffen wird. Menschen, die andere Menschen in gute oder schlechte Menschen einteilen, werden dies auch mit uns tun. Nur solange unsere Freundschaft glatt läuft, werden wir zu den Guten gehören. Entwickelt sich ein Konflikt, müssen wir damit rechnen, plötzlich auf der Seite der Schlechten zu stehen, um schließlich fallengelassen zu werden. Gehen wir mit offenen Augen durch die Welt und beobachten, wie der Mensch vor uns seine bisherigen Beziehungen gestaltet hat und davon berichtet, können wir uns viele Enttäuschungen ersparen, wenn wir Warnsignale rechtzeitig ernst nehmen.

Wenn wir über das Wesen der Freundschaft nachdenken, sollten wir auch immer berücksichtigen, dass sie auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn wir uns fragen, von wem wir in einer Notlage Hilfe erwarten können, stellt sich auch die Frage, wem wir helfen würden oder in der Vergangenheit geholfen haben. Einbahnstraßen in Freundschaften führen zu deren Tod. Nur wenn wir bereit sind zu geben, werden wir auch empfangen. Dass Geben seliger als Nehmen ist, ist nicht nur eine biblische Weisheit (Apostelgeschichte 20, 35), sondern auch moderne Wissenschaftler gehen davon aus, dass Geben glücklicher macht und gesünder ist als Nehmen (Manfred Spitzer: Einsamkeit – erblich, ansteckend, tödlich).

Wollen wir unsere Freundschaften vertiefen, geht es also längst nicht nur um die Frage, wer uns in einer Notsituation helfen würde. In guten Freundschaften halten sich Geben und Nehmen die Waage, so wie es den Freunden möglich ist. In schlechten Freundschaften findet sich hier ein deutliches Ungleichgewicht.

Die Eintrittskarte für Freundschaft besteht oft aus Offenheit und Neugierde. Mein Gegenüber verstehen zu wollen, auf ihn gespannt zu sein. Was hat er erlebt, wie ist er mit größeren Herausforderungen umgegangen? Kann ich seine Beweggründe nachvollziehen? Kann ich seine Blickwinkel, seine Werte teilen? Ein solcher Austausch schweißt zusammen. In schlechten Freundschaften hingegen ebbt das Interesse an der Person rasch ab. Oft ist nur von Bedeutung, was der Freund hat oder darstellt. Nicht aber, was ihn als Person ausmacht, was er fühlt und denkt und was ihm viel bedeutet.

Tiefe Freundschaft

Tiefe Freundschaft bedeutet, Nähe zulassen und sie nicht nur aushalten sondern auch genießen zu können. Sich an der gemeinsamen Zeit zu freuen. Zum Freund kann ich werden, wenn ich bereit bin, Einblicke in meine Schwächen zuzulassen und mit den verletzlichen Seiten meines Freundes behutsam umzugehen. Dann entsteht etwas, das wir auch als Bindung bezeichnen. Menschen verbinden sich miteinander, weil sie Vertrauen zueinander gefunden haben und sich aufeinander verlassen können. Die Verbundenheit untereinander gibt ihnen Sicherheit und Halt. In schlechten Freundschaften hingegen gelingt es kaum, sich an der Anwesenheit des anderen zu erfreuen. Vielleicht strahlen Besitztümer, Macht und gesellschaftlicher Einfluss Anziehungskraft aus. Aber die Person an sich wird eher als anstrengend, ermüdend oder langweilig erlebt.

Wenn wir uns diese Werte näher anschauen, werden wir tiefe Freundschaften von bloßen Zweckgemeinschaften oder schlechten Freundschaften unterscheiden lernen. Wir werden verstehen, welchen Reichtum wahre Freundschaft bereit hält und warum sie eine wesentliche Antwort auf die Frage ist, was das Leben lebenswert macht. Denn als Menschen sind wir auf gelingende Beziehungen ausgerichtet. Unser Leben ist davon geprägt, dass wir uns weiterentwickeln, was uns insbesondere im Spiegel unserer Freundschaften gelingt. Der lebendige Austausch lehrt uns zu leben, führt zu Weisheit und trägt zu unserem Lebensglück bei.

Vielleicht lesen Sie dieses Buch, weil es Ihnen nicht leicht fällt, Freundschaften einzugehen. Und das Wissen, dass es in der Regel viel Zeit braucht, Freundschaften aufzubauen, wirkt eher entmutigend auf Sie. So ist es aber vielleicht tröstlich, dass Sie sich schon heute freundschaftlich verhalten können. Ob Sie einen Freund finden, liegt nicht allein in Ihrer Macht. Sie entscheiden aber, ob Sie den nächsten Menschen, dem sie begegnen, anlächeln. Es liegt bei Ihnen, einem Menschen, der Ihnen über den Weg läuft, Ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist nicht entscheidend, ob Ihr Gegenüber positiv darauf reagiert. Entscheidend ist, ob Sie Ihren eigenen Maßstäben gerecht werden.

Haben Sie sich beispielsweise vorgenommen, beim nächsten Einkauf an der Supermarktkasse dem Kassierer freundlich und aufmerksam gegenüber zu treten, könnte es gelingen, dass Sie sich mit dem Kassierer einen Augenblick lang emotional verbinden. Vielleicht gelingt Ihnen eine lustige Bemerkung, mit der Sie ein Lächeln auf sein Gesicht zaubern. Vielleicht starrt er auch nur angespannt vor sich hin und Sie erkennen, dass er auch schon einen anstrengenden Tag hinter sich hat, weshalb er auf Ihre Einladung nicht eingeht. Entscheidend ist, ob wir uns freundlich benehmen, denn unser Verhalten unterliegt allein unserer Steuerung. Dann werden wir auf Menschen stoßen, die unseren freundschaftlichen Umgang zu schätzen wissen. Und vielleicht ist das schon der Beginn einer langen Freundschaft.

2.
Vom Wesen der Freundschaft

„Wollen wir Freunde sein?“ fragt die kleine Hannah ihren neuen Spielkameraden. Florian nickt kurz und bestätigt seine Antwort mit einem zackigen „Ja klar!“. Hannah und Florian sind nun Freunde. Die Sache ist rasch geklärt und sie vertiefen sich wieder in ihr Spiel.

Während Kinder nur einen Augenblick benötigen, um ihre Freundschaften zu besiegeln, nehmen Erwachsene sich oft sehr viel mehr Zeit, um sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Wir sind einfach nicht mehr so spontan wie in jungen Jahren. Unsere Welt und unser Denken sind komplexer geworden. Wir haben negative Erfahrungen gesammelt, wir vertrauen nicht mehr jedem. Wir haben genaue Vorstellungen davon, was zu uns passt und wer zu uns passt, haben unsere Vorurteile ausgebildet Und bevor wir eine engere Beziehung eingehen, prüfen wir, ob unser Gegenüber vertrauenswürdig erscheint.

Einerseits sind wir vorsichtig, weil wir Angst haben, verletzt zu werden. Andererseits hegen wir einen tiefen Wunsch nach Beziehungen zu Menschen, denen wir vertrauen können. Um uns aus diesem Zwiespalt befreien zu können, lohnt es sich anzuschauen, was Freundschaft im Kern ausmacht.

Freundschaft ist Liebe

Freundschaft ist eine Variante der Liebesbeziehung. Mit dieser Begriffsbestimmung weiche ich von dem heute üblichen Gebrauch des Wortes „Liebe“ ab, mit dem zumeist eine erotische Beziehung beschrieben wird. Diese Verwendung empfinde ich als zu einseitig. Über Jahrhunderte wurde das Wort Liebe, geprägt durch den christlichen Glauben, im Sinne von Nächstenliebe verstanden. Hier wird in der Regel eine sexuelle Beziehung ausgeschlossen. Wenn ich also von Freundschaft als Liebesbeziehung spreche, meine ich eine liebevolle Beziehung, in der keine Sexualität ausgelebt wird.

In der psychotherapeutischen Fachliteratur findet sich der Begriff Liebe nur selten. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ihm die unterschiedlichsten Bedeutungen zugeschrieben werden, er nicht selten auch instrumentalisiert wird und es deshalb kaum möglich ist, eine allgemeingültige Definition aufzustellen. Auch meine Definition ist nicht immer in jedem Fall zutreffend. Sie kann uns aber eine Orientierung geben und einen Weg weisen in dem Dschungel zwischenmenschlicher Beziehungen.

Liebe heißt auf der Verhaltensebene einander Gutes zu tun. Ein Liebender will, dass es dem anderen gut geht und verhält sich deshalb so, dass er seinen Freund in seinem Wohlergehen unterstützt. Nur der Empfangene kann beurteilen, ob ihm das Verhalten seines Freundes gut tut. Man ist also gut beraten zu unterscheiden, was „lieb gemeint“ ist, möglicherweise aber nach hinten losgeht, und was tatsächlich Liebe ist. Wahre Liebe beglückt den Empfangenden. Ist sich der Gebende unsicher, ob sein Verhalten als liebevoll aufgefasst wird, kann eine Regel des Psychoanalytikers Erich Fromm weiterhelfen: Liebe ist es, wenn es Gegenliebe erzeugt (Erich Fromm: Die Kunst des Liebens).

Liebe heißt auf der emotionalen Ebene, die Gegenwart des Freundes genießen zu können. Wir erfreuen uns an der Anwesenheit unseres Freundes oder unserer Freundin. „Schön, dass Du da bist!“ Es geht hier jedoch nicht nur um schöne Momente, sondern auch um längere Zeitspannen. Dazu gehören auch Menschen, mit denen wir uns hin und wieder gestritten, dann aber auch wieder versöhnt haben und für die wir grundsätzlich Dankbarkeit empfinden, weil sie zu einem Teil unseres Lebens geworden sind.

Aus dieser Definition lässt sich ableiten, dass wir mehrere Eigenschaften mitbringen sollten, wenn wir unsere Freundschaften vertiefen wollen. Wir sollten in der Lage sein, grundsätzlich die Anwesenheit eines Menschen, der uns sympathisch ist, genießen zu können. Das klingt banal, im psychiatrischen Alltag begegne ich aber täglich Menschen, die damit größte Schwierigkeiten haben. Oft suchen sie deshalb professionelle Hilfe bei uns. Darüber hinaus ist es wichtig, dankbar sein zu können. Auch das klingt banal, ist aber ebenfalls keine Selbstverständlichkeit. Als dritte Eigenschaft ist die Freiheit zu nennen, geben zu können. Eng damit verknüpft ist eine vierte Eigenschaft, nämlich empfangen zu können. Auch damit haben viele Menschen Schwierigkeiten, was in der heutigen Zeit paradox erscheinen mag. Einerseits leben viele im Konsumrausch und können gar nicht genug bekommen, auf der anderen Seite existieren aber auch viele Menschen, die ihre Existenzberechtigung über ihre Leistung definieren, die größte Schwierigkeiten damit haben, sich einfach mal beschenken zu lassen und Hilfe anzunehmen.

Bauen wir uns liebevolle Freundschaften auf, dann geben wir uns den Freiraum, sämtliche Lebensbereiche miteinander zu teilen und von Liebe durchdringen zu lassen. Liebe heißt, mitzuleiden, wenn es dem Freund schlecht geht, und sich mitzufreuen, wenn es ihm gut geht. Liebe heißt, ihn zu unterstützen, ihm zu helfen und ihm beizustehen. Liebe heißt auch, dem Freund hin und wieder einen Spiegel vorzuhalten. Ihn zu warnen, wenn wir den Eindruck haben, dass er sich in eine Sache verrennt, und ihn zu beruhigen, wenn er sich in einer Angelegenheit festgebissen hat. Liebe heißt, ihm wieder aufzuhelfen, wenn er über einen Fallstrick oder die eigenen Füße gestolpert ist. Liebe heißt, keine Bedingungen und keine Forderungen zu stellen.

Liebe heißt, Formen von Gemeinschaft zu entwickeln, die beide Beteiligten genießen können.

Liebe heißt, sich anzuvertrauen. Wir lassen die Abwehrmauern gegenüber unserem Freund fallen und erlauben einen unverfälschten Blick auf unser Seelenleben. Liebe heißt, keine Angst zu haben, sondern zu vertrauen und die Sicherheit zu haben, dass unser Freund für uns da ist und behutsam mit dem umgeht, was wir ihm anvertrauen. Wenn wir am Boden liegen, weil wir über unseren Leichtsinn gestolpert sind oder uns ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat, ergreifen wir die ausgestreckte Hand unseres Freundes, der uns wieder aufhilft. Liebe heißt, kritische Fragen unseres Freundes ernst zu nehmen. Liebe heißt, Ohnmachtserleben mitzuteilen und uns an der starken Schulter des Freundes aufzurichten, um wieder sicheren Boden unter unseren Füßen zu spüren.

Freundschaft ist ein Kind der Freiheit

Freundschaft als Verkörperung einer Liebesbeziehung ist immer ein Kind der Freiheit. Es ist unmöglich, Freundschaft zu erzwingen. Das Wohlbefinden in der Gegenwart des anderen kann nicht erzeugt oder produziert werden. Freunde haben eine gewisse Seelenverwandtschaft oder – weniger pathetisch ausgedrückt – die Chemie zwischen ihnen stimmt. Man versteht sich, ist sich sympathisch, hat ähnliche Interessen und Wertvorstellungen. Der respektvolle und achtsame Umgang miteinander lädt dazu ein, allmählich mehr von sich preiszugeben. Wünsche und Bedürfnisse werden mitgeteilt, verletzliche Seiten gezeigt. Diese Schritte geht man nur, wenn man sich frei fühlt. Jede Form von Zwang würde sofort dazu führen, dass man sich verschließt und auf Abstand geht.

Hat man Freundschaft geschlossen, ist jedes Treffen und jeder Austausch Ausdruck von Freiheit. Wir lassen uns nur auf eine Freundschaft ein, wenn wir sie wollen. Fühlen wir uns verletzt oder unverstanden, neigen wir zum Rückzug. Sind die Spannungen nicht zu lösen, steht die Freundschaft ernsthaft in Gefahr. Dann stellt sich die Herausforderung, aufeinander zuzugehen, Konflikte offen anzusprechen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Haben wir die Ursachen der Spannungen geklärt, können wir wieder aufeinander zugehen und die Gegenwart des Freundes genießen.

In einer Freundschaft kann ich mich öffnen, ich kann mich mitteilen, weil ich weiß, dass mein Freund behutsam mit mir umgeht. Er gestaltet mit mir gemeinsam einen Raum der Freiheit. Wir verurteilen einander nicht, sondern nehmen uns an, wie wir sind. Wir bewerten nicht, wir moralisieren nicht, sondern lassen unsere Meinungen und Sichtweisen nebeneinander stehen. Wir müssen uns nicht rechtfertigen. Jeder Kontakt, jeder Austausch, jede Hilfe findet unter dem Vorzeichen der Freiheit statt.

Die Kehrseite der Freiheit ist das Abhandensein absoluter Sicherheit. Grundsätzlich können wir uns auf unsere Freunde verlassen, aber es existiert keinerlei Garantie für Freundschaft. Wer meint, Freundschaft einklagen zu können, der hat sich getäuscht. Die vehemente Forderung nach einer absoluten Sicherheit wäre der Beginn des Endes einer Freundschaft. Was unser Freund für uns tut und was wir für ihn tun, ist nicht berechenbar. So stößt jede Hilfsbereitschaft irgendwann an ihre Grenze. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Die Kunst liegt darin, den Freund nicht zu überfordern. Es ist gut, um Hilfe zu bitten, wenn wir sie benötigen. Genauso wichtig ist es, Grenzen zu respektieren, wenn sie aufgezeigt werden. Nur wenn Freunde die Freiheit haben, auch Nein sagen zu dürfen und sie sich sicher sein dürfen, dass dieses Nein respektiert wird, ist die Freiheit vorhanden, die Freundschaft benötigt, um atmen zu können.

Das Gebot der Freiheit ist unumstößlich. Entsprechend will Freundschaft den anderen nicht verändern. Eine Freundschaft will nicht erziehen, nicht bevormunden, sie will dem Freund nicht sagen, was er zu tun und zu lassen hat oder was gut für ihn wäre. Freundschaft nimmt an, Freundschaft lässt stehen.

Freundschaften sind kein Zweckbündnis

Freunde gehen keine Beziehung ein, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Eine Freundschaft ist kein Zweckbündnis. Die Frage, wohin eine Freundschaft führt, ist offen. Es existieren viele Zweckbündnisse, deren Existenz zweifellos berechtigt ist. Freundschaften hingegen unterscheiden sich von diesen insofern, als dass sie nicht eingegangen werden, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Ein gemeinsames Ziel kann zwar der Beginn einer Freundschaft sein. Echte Freundschaften stellen aber den Freund über das Ziel. Der Mensch ist hier wichtiger als die Sache. In tiefen Freundschaften können sich Ziele auseinander entwickeln, die Freundschaft aber bleibt. Freunde sind füreinander da und stehen sich bei, unabhängig davon, wie unterschiedlich die Themen sind, die das jeweilige Leben bestimmen.

In welche Richtung sich Freunde im Lauf des Lebens entwickeln, ist nicht vorhersehbar, genauso wenig, wie das Leben an sich vorhersehbar ist. Neben dieser Ungewissheit wissen wir aber, dass wahre Freundschaften Halt und Sicherheit geben. Es kann kommen was will, in Zeiten der Not werden unsere Freunde für uns da sein und wir für sie. Auch in glücklichen und erfolgreichen Zeiten teilen sie unsere Freude. Wohin das Schiff der Freundschaft segelt, erfahren wir oft erst, wenn wir ankommen. Freundschaft bleibt ein Abenteuer, das es wert ist.

Jede Freundschaft hat eigene Qualitäten

Wenn Liebe, Bedingungslosigkeit und Freiheit unbedingte Bestandteile echter Freundschaften sind, warum reicht uns dann nicht ein guter Freund im Leben? Warum pflegen wir mehr als eine Freundschaft? Wenn wir über unsere Freunde nachdenken, werden wir feststellen, dass sie ganz unterschiedliche Charakterzüge aufweisen. Selbstredend sind Merkmale dabei, die uns faszinieren und andere, die wir als anstrengend empfinden. Die individuellen Charakterzüge unserer Freunde geben den Beziehungen zu ihnen eine jeweils ganz eigene Prägung. Bestimmte Freunde stoßen unterschiedliche Anteile in uns an, die durch gegenseitigen Austausch aktiviert werden. Der eine Freund bringt uns dazu, besonders witzig zu sein, bei einem anderen werden wir zu guten Zuhörern, beispielsweise weil er phantastisch erzählen kann. Bei einem dritten Freund können wir uns alles von der Seele reden, was uns belastet. Mit einem vierten tauschen wir uns über unsere Lieblingsmusik aus und treiben gemeinsam Sport. In Freundschaften existieren immer verbindende Interessen, über die man in ganz unterschiedlichen Formen der Beziehungsgestaltung zusammenfindet. Jede Freundschaft hat eigene Qualitäten, die sie wertvoll sein lassen.

Bei Paaren, die miteinander befreundet sind, verhält es sich ähnlich. Manche befreundete Paare genießen ein gemeinsam zubereitetes Mahl, das durch einen herausfordernden Austausch über Politik und Arbeit begleitet wird. Mit anderen kann man Quatsch machen und viel zusammen lachen, mit einem dritten berät man über Kindererziehung und unternimmt gemeinsame Ausflüge.

Jeder Freund bringt eine bestimmte Saite in uns zum Klingen und prägt unser Erleben und unser Verhalten in einzigartiger Weise. Unser Leben wird durch den Austausch enorm bereichert. Die Gegenwart jedes einzelnen Freundes erzeugt eine unvergleichliche Resonanz in uns. Eine Gruppe von Freunden lässt die gemeinsame Zeit aufgrund vielschichtiger Interaktionen spannend und intensiv werden. In diesen Beziehungen werden wir lebendig und finden einen Lebenssinn.

Wenn wir die Einzigartigkeit jeder einzelnen Freundschaft betrachten, wird auch verständlich, warum gesunde Partnerschaften von guten Freundschaften profitieren und stabilisiert werden. Der Anspruch, dass ein Partner für alle Bedürfnisse des anderen zur Verfügung stehen soll, stellt immer eine Überforderung dar. Geht er gerne auf Rockkonzerte und sie lieber in die Philharmonie, können Freunde hier aushelfen. Liebt sie philosophische Gespräche und er ist ein Pragmatiker, ist sie gut beraten, sich mit einer ähnlich denkenden Freundin zu treffen, während er mit einem guten Freund eine Maschine auseinander bauen und reparieren kann.

Selbstverständlich benötigen Partnerschaften Interessen, die große Überschneidungsbereiche aufweisen. Teilt man sich die Freude an gemeinsamer Aktivität mit befreundeten Paaren, kann sie sich, der Volksweisheit entsprechend, verdoppeln. Für Bedürfnisse jedoch, die der Partner nicht erfüllen kann, können Freunde einspringen. Durch ihre Eigenarten, Sichtweisen und Interessen gestalten sie die Interaktionen auf einzigartige Weise und bereichern damit das Leben ungemein. Die Ansprüche an den Partner, die dieser nicht erfüllen kann oder will, können losgelassen und von anderen erfüllt werden, was die Partnerschaft entspannt und stark macht.

Freundschaftliche Beziehungen sind keine Freundschaften, aber wertvoll

Der Aufbau von Vertrauen benötigt Zeit. Wir müssen einen Menschen eine Weile kennen und unsere Erfahrungen mit ihm gesammelt haben, um herausfinden zu können, ob er vertrauenswürdig ist. Freundschaften entwickeln sich oft allmählich. Im Alltag existieren aber zahlreiche Situationen, in denen wir tatsächlich wildfremden Menschen unser Vertrauen schenken, sogar unser Leben in deren Hände geben. Freundschaftliches Verhalten baut in solchen Situationen Brücken und hilft uns, Vertrauen aufbauen zu können.

Sollten Sie einen Tauchkursus für Anfänger belegt haben, gehen Sie nicht davon aus, dass der Tauchlehrer Sie in Anbetracht Ihrer Unwissenheit ertrinken lassen wird. Sondern Sie schenken Ihm das Vertrauen, dass er Sie gefahrlos in die Kunst des Tauchens einführen wird. Obwohl der Tauchlehrer nicht Ihr Freund ist, verhält er sich, wie es ein Freund tun würde. Er wird auf Sie aufpassen wie auf seinen Augapfel, er wird Sie genau beobachten und jede Situation sofort abbrechen, die eine Gefahr nach sich ziehen könnte.

Er ist nicht Ihr Freund, aber er verhält sich freundschaftlich. Und das ist gut so. Sie brauchen in dieser Situation einen Menschen, auf den Sie sich absolut verlassen können.

Freundschaftliches Verhalten ist hier vom ersten Moment an notwendig: ein freundliches Lächeln zur Begrüßung, ein fester Blick in die Augen, ein zupackender Handschlag. Kann der Tauchlehrer zuhören, Ihre Fragen klar und eindeutig beantworten? Nimmt er ernst, was Sie bewegt? Erklärt er dann Schritt für Schritt und gut nachvollziehbar, wie die ersten Vorgänge unter Wasser ablaufen werden, dann wird er Ihr Vertrauen rasch erlangen. Sie müssen dieses Vertrauen aufbauen können, um sich auf das Abenteuer Tauchen einzulassen. Gelingt Ihnen das nicht, ist es ratsam, die ganze Sache abzubrechen. Für einen erfolgreichen Tauchkursus, aber auch viele andere alltägliche Situationen, ist eine freundschaftliche Beziehungsgestaltung halt- und sicherheitsgebend und nicht selten eine Voraussetzung.

Haben Sie eine neue Arbeit angenommen, wird Ihnen der Einstieg wesentlich erleichtert, wenn Ihnen Ihr neuer Chef offen für Fragen und vertrauenswürdig begegnet. Fahren Sie über die Autobahn, vertrauen Sie darauf, dass die anderen Verkehrsteilnehmer sich an die Regeln halten und aufmerksam fahren, um sich nicht gegenseitig zu gefährden. Gehen Sie essen, vertrauen Sie darauf, kein schadstoffbelastetes Essen vorgesetzt zu bekommen. Wir sind im Alltag auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen. Auch flüchtige Begegnungen werden angenehmer, wenn sie durch Freundlichkeit, Achtsamkeit, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt, Empathie und Wertschätzung geprägt sind. Freundschaftliches Verhalten erleichtert für alle Beteiligten die Bewältigung des Alltags und eine freundliche Bemerkung lässt das Leben in diesem Moment etwas schöner werden.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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151 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783532600443
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