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Björn Bicker
WAS WIR ERBEN
Roman
Verlag Antje Kunstmann
And you know he’ll never let you leave
’Cause blood is clear, it never lies
Oh blood never lies
Oh blood never lies
Oh blood never lies
Oh blood never lies
Thurston Moore: Blood never lies
Auf dem Foto sieht man den Vater als sechsunddreißigjährigen Mann an der Seite einer blonden Frau, die ein buntes, eng geschnittenes Sommerkleid trägt. Sie legt ihren Arm um seine Hüfte, er schaut seitlich zu Boden. Sie posiert. Hinter der Scheibe ein paar kostümierte Hostessen. Das Gesicht des Vaters im Profil, ein dunkler Schatten schneidet den Kopf in zwei Hälften. Der Körperhaltung nach passt ihm die Situation nicht, aber das kann täuschen. Er trägt eine braune Anzughose mit Schlag und eines von seinen weißen, kurzärmeligen Sommerhemden. Dazu einen braunen Kunstledergürtel. Die Füße sind abgeschnitten. Wahrscheinlich hat er Sandalen und Socken an. Die beiden stehen neben dem Eingang der Olympiaschwimmhalle. Rechts das himmelblaue Piktogramm mit den zwei weißen Figuren beim Startsprung. Wenn man die Geschichte kennt, erahnt man bei Deiner Mutter einen kleinen Bauch unter dem knalligen Paisley. Auf der Rückseite der Originalfotografie hat Deine Mutter Ort, Datum und Anlass vermerkt. Du hast ihre Notizen kopiert. Fein säuberlich hast Du mit Kugelschreiber hinten auf dieses dünne Blatt Papier geschrieben: München, 29. August 1972. Entscheidung 200 M K.
Ich bin im selben Jahr am 28. Dezember auf die Welt gekommen.
Vier Monate vor meiner Geburt stand der Vater auf dem Gelände der Olympischen Sommerspiele 1972 und hat sich mit Deiner Mutter fotografieren lassen.
Als diese Aufnahme gemacht wurde, war meine Mutter im fünften Monat schwanger. Mit mir.
Er hat es gehasst, fotografiert zu werden.
Der Alphaville-Forever-Young-Klingelton, den Holger ein paar Tage vorher auf unserem neuen Telefon programmiert hatte, hat Dich angekündigt, mittags, an einem ganz normalen Dienstag, und ich habe gedacht: Bestimmt wieder so eine Umfrage für irgendeinen Marktforschungsscheiß. Ich habe den Hörer abgenommen, obwohl ich wusste, keiner von meinen Leuten ruft mich um diese Uhrzeit an. Deine ruhige Stimme, der amerikanische Akzent. Legen Sie bitte nicht auf, hast Du gesagt. Ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Und ich habe gedacht, klar, Lotterie, Umfrage, was weiß ich, und ich habe Luft geholt und in meinen tiefen Atmer hinein hast Du gesagt: Ich glaube, ich bin Ihr Bruder. Wie bitte? Mein Bruder? Und dann hast Du es mir ganz langsam erklärt. Dass Deine Mutter gestorben sei. Dass sie Dir in einem Brief offenbart habe, wer Dein leiblicher Vater war. Dass Du erst nichts davon wissen wolltest, dass Du dann aber doch Nachforschungen angestellt hättest und dabei auf mich gestoßen seist. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sich Dein Anruf als besonders raffinierter Marketinggag entpuppen würde. Oder als Trickbetrug. Jetzt gleich, habe ich gehofft, wird er anfangen von Geldproblemen und Verwandtschaft und Notlage zu reden, und dann hole ich aus zum Gegenschlag. Aber ich habe mich getäuscht. Haarklein hast Du mir erklärt, wie Du bei Deiner Recherche vorgegangen bist. Dass Du erst zum Hörer gegriffen hast, als Du Dir ganz sicher warst. Die muss es sein. Ich bin schon in der Stadt, hast Du gesagt. Am nächsten Tag haben wir uns getroffen.
Du hast gesagt, dass Du wieder zurück musst. Nach Amerika. Weil Deine Familie auf Dich warte. Der Job. Als ich Dich gefragt habe, was Du beruflich machst, hast Du etwas verlegen gelacht. Uni, Werbung, habe ich angefangen zu raten, nein, nein, bist Du mir ins Wort gefallen, ich bin Lehrer. Biologie, Chemie. Eigentlich hättest Du Forscher werden wollen, Arzneimittel, irgend so was, aber dazu habe Dir die Ausdauer gefehlt. Und dann hast Du gelacht. Und es sah aus, als hätte der Vater gelacht.
Ich habe Dir einen Abriss von seinem Leben gegeben. Die Kindheit. Der Krieg. Die Enteignung der Familie. Die Flucht in den Westen. Das abgebrochene Studium. Der Einritt in die neu gegründete Bundeswehr, um Frau und Kind zu versorgen. Die Trinkerei. Die Versetzung aufs Land. Die Abstinenz. Die Politik. Die Kirche. Der Tod. Ich habe Dir zu verstehen gegeben, dass es nicht leicht war mit dem Vater. Aber nicht so tragisch, Zeit heilt Wunden, habe ich abgewiegelt. Ich habe so getan, als ob mich Deine Geschichte nicht sonderlich bewegen würde. Der Vater hatte andauernd irgendwelche Affären, habe ich gesagt. Es würde mich nicht wundern, wenn da draußen noch mehr von Deiner Sorte rumliefen. Ich hatte Mühe, meine Tränen zu unterdrücken.
Ich habe Dich angelogen. Der Vater war kein Typ für Affären.
Wir sitzen uns in diesem Café gegenüber. Ich beobachte Dich. Wie Du sprichst. Wie Deine Hände aussehen. Ich vergleiche Dich. Mit mir. Mit ihm. Die Stimme, die Haare, aber ich kann nichts erkennen. Dein Hals ist kurz. Seiner war lang. Mein Hals.
Und dann sage ich: Wenn ich Dich einfach so getroffen hätte, auf einer Party oder im Theater, dann wäre ich im Traum nicht darauf gekommen, dass Du mit mir verwandt sein könntest. Du lächelst verlegen. Du versuchst, Deine Hände vor mir zu verbergen. Ich höre meine Stimme: Eine Affäre. Weiter nichts. Das sieht ihm ähnlich. Deine Augen werden feucht.
Ehrlich gesagt, das Foto spricht eine andere Sprache. Das sieht nach Doppelleben aus, nach Liebe, nach großem Kino. Du bist einen Monat jünger als ich, das heißt, vier Wochen nach meiner Zeugung hat mein Vater mit Deiner Mutter Sex gehabt. Mit dieser forschen, gut aussehenden Frau auf dem Foto. Ihre Beine sind nach außen gespannt, leichtes O, aber die Füße sind abgeschnitten, wie beim Vater, man sieht die Schuhe nicht, der Rock ist kurz, die Beine sind stramm, ihre Oberarme kräftig, gebräunt. Eine Haarlocke fällt ihr ins Gesicht, ihr Mund ist links etwas nach oben verzogen, wahrscheinlich, weil sie die Locke aus dem Auge blasen will. Das sieht frech aus, selbstbewusst, überhaupt kommt mir diese Frau auf dem Foto so vor, als wüsste sie ziemlich genau, was sie will. Aber was sagt schon ein Foto.
Du streichst Dir die Tränen mit den Fingern von der Wange. Du schaust mich lächelnd an. Entschuldigst Dich für die Tränen. Meine kehlige Stimme: Warum hast Du nie richtig nachgefragt? Hast Du nie den Drang verspürt, nach ihm zu suchen? Nein, sagst Du. Ich war ja glücklich. Und wo hat sie all die Jahre dieses Foto versteckt? Musste sie nicht Angst haben, dass Du das Bild entdeckst? Was wäre eigentlich, wenn Deine Mutter ihre Wahrheit mit ins Grab genommen hätte? Wenn das Foto nie aufgetaucht wäre? Wenn Deine Mutter das Stückchen Papier in den Müll geworfen hätte? Das Bild wäre wahrscheinlich im Verbrennungsofen irgendeiner amerikanischen Halde gelandet, es wäre als kleiner Teil einer giftigen Wolke in den Himmel gestiegen und die Wahrheit über den Vater und Deine Mutter wäre als saurer Regen auf die Erde getropft. Deine Mutter hätte ein paar Tränen verdrückt, und Dein Leben würde genauso weitergehen wie vorher.
Es geht nicht nur um den Vater. Es geht auch um Deine Mutter.
Erzählst du mir mehr von ihm, fragst Du mich, wir könnten skypen, mailen, alles Mögliche. Ich weiß nicht, sage ich. Lass mir Zeit. Ein paar Wochen vielleicht. Bei mir ist gerade viel los.
Wir verabschieden uns, ohne uns anzufassen.
Kein Händedruck, nichts.
Als ich nach unserem Treffen wieder zu Hause war, wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich bin ziellos durch die Wohnung getigert, von Raum zu Raum und an keinem Punkt der Wohnung hat es mich länger als ein paar Sekunden gehalten. Der Fernseher hat sein farbiges Gift versprüht. Die Augen taten weh. Das Sofa hat gebrannt unter meinem Hintern. Der Küchenboden stand unter Strom. Ich habe mit den Fingern in den Haaren gedreht, bis sie sich angefühlt haben wie Stroh. Ich habe das Radio eingeschaltet, um es ein paar Takte später wieder auszuschalten. Ich habe den Hörer der Gegensprechanlage aus der Wandhalterung genommen, kurz dem Rauschen der Straße gelauscht, ein paar Schritte, ein Auto, vorbei laufende Partyleute, ich habe den Hörer wieder eingehängt.
An Schlaf war nicht zu denken. Ich habe mich hin- und hergewälzt. Ab und zu bin ich weggedämmert. Am frühen Morgen, um kurz vor sieben, ist Holger nach Hause gekommen. Ich habe mich zu ihm in die Küche gesetzt. Wir haben Kaffee getrunken. Stumm. Das machen wir jedes Mal, wenn er von seinem Nachtdienst in der Klinik nach Hause kommt. Eine viertel Stunde sitzen wir zusammen. Der Kühlschrank brummt. Der Kaffee duftet. Und dann steht er auf, gibt mir einen Kuss, geht ins Bad, putzt sich die Zähne und legt sich hin. Ich hole dann die Zeitung von draußen. Neues vom Tag.
Ich habe unser Treffen nicht erwähnt.
Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Der Nachbar verstaut seine Kinder im Auto. Gegenüber hängt eine alte Frau ihr Bettzeug zum Lüften über die Fensterbank. Ab und zu fährt ein Wagen los. Aus der Ferne die Feuerwehr. Die Sirene verschwindet wieder. Der Unfall, der den anderen passiert. Holger schläft.
Gleich muss ich zur Probe. Letzte Woche ist es wieder losgegangen. Ich habe zwei Monate nach meiner letzten Premiere frei gehabt. Das heißt: nur Vorstellungen am Abend. Und jetzt wieder Probebühne. Jeden Tag. Morgens und Abends. Außer, es gibt eine Vorstellung zu spielen. Drei-, viermal die Woche. Am Nachmittag ein paar Stunden frei. Zwischen drei und sieben. Zwei Wochen noch und dann sind Theaterferien. Wir haben einmal im Jahr Urlaub. Sechs Wochen lang. Im Sommer.
Ich starre auf das Foto. Ich trage es durch die Wohnung wie eine Monstranz. Ich versuche, irgendetwas zu erkennen, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, der mich weiterbringen könnte. Ein stinknormales Paar, denkt man. Ich kenne das Schwimmbad. Ich kenne das Olympiagelände. Ich kenne München. Ich lebe hier, seit Jahren. Bisher hatte die Stadt nichts mit dem Vater zu tun. Die Stadt war vaterfrei.
Du hast erzählt, dass Deine Mutter eine fröhliche Frau gewesen sei. Dass sie einen Arzt geheiratet habe, als Du fünf warst. Dass sie noch zwei Kinder bekommen habe, Deine beiden Schwestern, und dann habe sie ihren Job als Krankenschwester an den Nagel gehängt. Sie sei jeden Tag schwimmen gegangen, ihr Leben lang, hast Du gesagt. Und dann diese Diagnose. Darmkrebs. Dein Ziehvater sei viel älter gewesen. Er sei schon vor zehn Jahren gestorben. Hat er von den beiden gewusst?
Du willst wissen, was für ein Mensch Dein Vater war. Wenn ich das wüsste. Ich kann keine Schublade öffnen, keine Festplatte aktivieren und das, was war, einfach herausziehen oder hochladen. Alles, was ich Dir bieten kann, sind meine durchlöcherten Erinnerungen.
Und dann ist da noch dieses Hörensagen, das die sechsunddreißig Jahre vor meiner Geburt betrifft.
Und die Jahre nach seinem Tod. Die gehören auch zum Vater.
Der Vater ist tot und die Vergangenheit ist ein Popanz.
Popanz ist ein altmodisches Wort, das ich schon lange nicht mehr benutzt habe. Popanz hat der Vater immer gesagt, wenn er sich von jemandem gekränkt fühlte, wenn ihm jemand zu nahe kam, wenn er sich vor jemandem schämte, dann hat er ihn als Popanz beschimpft. Menschen, die in seinen Augen von anderen Menschen abhängig und beeinflussbar waren, die aber dauernd versuchten, den Eindruck von Macht und Selbstbestimmtheit zu erwecken. Menschen, die ihm Angst machten. Einmal, ich war noch ganz klein, sechs oder sieben Jahre alt, da kam er nachts besoffen nach Hause und es dauerte nicht lange, bis sich ein Streit zwischen ihm und der Mutter entzündet hatte. Der Vater hat rumgeschrien. Das ist ein Popanz, hat er krakeelt. Was willst du von diesem Popanz! Zu diesem Popanz zu gehen. Das ist unwürdig. Ich lag im Bett. Den Kopf längst unter der Decke versteckt, ich schwitzte. Der Zorn glühte und schlug Funken. Ich hörte immer wieder dieses Wort. Popanz. Popanz. Immer wieder, immer lauter, bis die Türen knallten und die Mutter sich schluchzend im Badezimmer einschließen musste. Ruhe war erst, als der Vater im Wohnzimmer auf seinem Sessel eingeschlafen war. Morgens bin ich als Erste aufgestanden und da saß er noch in seinem Sessel, der Fernseher lief, sein Kopf zur Seite abgeknickt. Speichelfäden hingen aus dem Mund auf seine Schulter. Es roch nach verbranntem Holz. Und Schweiß. Und Alkohol. Ich legte mich vor ihn auf den Teppich. Wie ein Hund, der sein schlafendes Herrchen bewacht. Bis die Mutter kam, mich verscheuchte und den Vater aufweckte.
Erst viel später habe ich von der Mutter erfahren, dass er mit Popanz einen Therapeuten meinte, den sie eine Zeit lang wegen seiner Trinkerei konsultiert hatte. Weil sie ratlos war, sich nicht mehr zu helfen wusste. Als kleines Mädchen trug ich diesen Popanz immer bei mir. Popanz war mein Ungeheuer, mein Gespenst. Der Popanz machte mir alles streitig, was ich hatte. Wenn die Mutter wegging, ohne mich, eine Erledigung machen, einen raschen Einkauf, dann fürchtete ich, dass sie wieder diesen Popanz treffen würde. Das Gespenst namens Popanz saß in meinem Kopf. Es sitzt da immer noch.
Aber das Wort Popanz hatte ich längst aus meinem Wortschatz gekickt. Bis eben. Mit dem Wort steigt die Unruhe wieder auf. In mir brodelt es, mein Fleisch, meine Haut, die halten die Lava in Schach. Ein altmodisches Bild, das hinkt, so wie alle Vergleiche hinken. Ich weiß. Halber Bruder. Ich spreche das Wort aus, laut, immer wieder: Popanz. Die Vergangenheit hinterlässt dabei ihren rauchigen Geschmack auf meiner Zunge.
Ich weiß nicht, ob Du diesen Brief jemals lesen wirst.
Ich habe gestern die Abendprobe abgesagt, weil ich Holger von Dir erzählen wollte. Ich wusste, dass er nichts vorhatte. Meistens ist er verplant. Er hat keine Lust, die Abende alleine zu verbringen. Er geht zum Sport. Ins Kino. Manchmal mit Freunden zum Essen. Ich habe der Regieassistentin gesagt, dass ich mich krank fühle und Schonung brauche. Und bevor ich richtig flachliege, habe ich sie beruhigt, bleibe ich heute Abend zu Hause. Die Assistentin hat die Schnute verzogen, aber mein schlecht gelaunter Blick, kurz davor, ins Ungehaltene abzugleiten, hat sie sofort einlenken lassen. Du hast ja einen Arzt zu Hause, hat sie beschwichtigt.
Am Theater ist Krankheit ein Problem. Die knappen Probenzeiten. Vorstellungen, die ausfallen könnten.
Ich habe Holger aus der Garderobe angerufen. Und ohne vorher nachzudenken, habe ich losgequatscht. Holger, wir müssen reden, es ist etwas passiert, das du unbedingt wissen musst. Stille am anderen Ende der Leitung. Nein, nein, nichts Schlimmes, habe ich gleich hinterhergeschoben, damit er sich keine Sorgen machen musste. Das hält er nicht aus, wenn er Dienst hat. Nicht solche Anrufe, hat er mich ganz am Anfang unserer Freundschaft gebeten, nachdem ich ihm am Telefon wegen einer versäumten Verabredung eine Riesenszene gemacht hatte. Ich kann mir solche Sorgen in der Klinik nicht erlauben, hat er mir damals erklärt. Es gehe da nicht um ihn, sondern um die Patienten. Und denen gehöre seine ganze Aufmerksamkeit.
In Ordnung, hat er gesagt, ich bin um acht zu Hause.
Ich habe gekocht, Kartoffeln und Forelle, habe Wein auf den Tisch gestellt, Kerzen angezündet und Holger ist nach Hause gekommen und hat die Küche betreten und hat gelächelt und dann hat er mich in den Arm genommen. Er hat mich ganz fest an sich gedrückt. Er hat nach Desinfektionsmittel und Zigaretten gerochen. Muss ich aufhören zu rauchen, hat er mich leise gefragt. Ich habe gar nicht verstanden, was er gemeint hat. Nein, habe ich gesagt, bloß nicht, dann hast du ja überhaupt kein Laster mehr. Aber, wenn du schwanger bist und wir ein Kind kriegen, ist es doch besser, ich höre auf. Nein, nein, habe ich gerufen, ich bin nicht schwanger, ach so, du hast gedacht, ich mach das hier alles, weil ich dir sagen wollte, dass wir ein Kind kriegen, nein, bitte, entschuldige, daran habe ich gar nicht gedacht, es geht um etwas ganz anderes. Holger hat mich von sich weggeschoben und seine Hände in den Hosentaschen vergraben. Soweit ich weiß, hat das mit Daran-Denken nicht viel zu tun, hat er gesagt und sich an den gedeckten Tisch gesetzt. Er sah traurig und enttäuscht aus. Er wünscht sich so sehr ein Kind. Wir haben es eine Zeit lang darauf angelegt, aber es hat nicht geklappt und dann haben wir entschieden, nicht mehr daran zu denken, vielleicht funktioniert es ja dann. Holger fing an, den Korkenzieher in den Hals der Weinflasche zu drehen. Hätte ja sein können, hat er gelacht. Holger lacht immer so bizarr, wenn es ernst wird. Und ohne den Kopf zu heben, hat er in das fette Ploppen des Korkens hinein gefragt: Was ist es denn dann?
Ich habe ihm von unserem Treffen erzählt.
Während ich sprach, hat er sich mit beiden Händen an seinem Weinglas festgehalten, wie an einem Glühwein, den man draußen trinkt, wenn es eiskalt ist. Wissend, dass einem danach noch kälter wird. Seine Augen waren klein, müde, wie nach einer großen Anstrengung, nach einem langen Tag im Freien. Er hat mich angeschaut, als wollte er sagen: Jetzt weißt du endlich, was Dir die ganze Zeit gefehlt hat. Als sei ihm soeben bestätigt worden, dass seine Diagnose, die er niemals vor den Kollegen auszusprechen gewagt hätte, die zutreffende gewesen sei. Kein Triumph, aber Genugtuung. Er sah mich an und blieb stumm. Also habe ich geredet: Ich weiß überhaupt nicht, ob das stimmt, was der Typ behauptet. Er sagt zwar, dass er mein Bruder ist, aber es ist nichts bewiesen, gar nichts.
Ja, ich habe Dich Typ genannt, ich wollte Holger gegenüber nicht zeigen, wie nah Du mir schon bist, nach so kurzer Zeit. Ich habe so getan, als sei ich noch im Modus des Überprüfens, als gäbe es für mich noch Zweifel an Deiner Glaubwürdigkeit.
Und dann hat Holger gesagt: Macht doch einfach einen Test. Er wollte mir helfen, er hat tatsächlich geglaubt, der Zweifel würde mich umtreiben. Pass auf, habe ich gesagt, ich brauche diese Art Beweise nicht. Ich glaube an das, was ich sehe, was ich fühle. Genauso wenig wie ich irgendeine künstliche Befruchtung brauche, um schwanger zu werden, genauso wenig brauche ich einen Gentest, um zu glauben, dass das mein Bruder ist. Wenn überhaupt, dann Halbbruder, hat Holger gespielt unbeteiligt vor sich hin gemurmelt, aber egal – ihr seid aus einem Fleisch und Blut. Ihr seid Verwandte. Dagegen könnt ihr nichts machen. Das hat Holger gesagt. Und ich habe gesagt: Ich bin mehr als mein Blut. Ich bin ein Mensch mit einer Geschichte. Entscheidend ist doch: Wer hat mich als Kind ins Bett gebracht, wer hat mich zum Schwimmen lernen ins Wasser geworfen, mit wem habe ich das erste Mal geschlafen, wer waren meine Lehrer, wer hat mich schlecht behandelt, wer nicht. Wir sind nur miteinander verwandt, wenn wir das wollen, nur dann. Ich habe versucht, gegen die Biologie anzureden.
Also glaubst Du ihm doch, hat Holger gefragt. Ja, ich glaube ihm. Es gibt keinen Zweifel. Und dann habe ich das Foto, wie ein Full House beim Poker, vor ihm auf den Tisch gelegt. Und Holger: Die stehen vor dem Olympiabad. Vor unserem Olympiabad.
Später am Abend hat Holger von Zwillingsforschung angefangen. Von telepathischen Beziehungen. Er hat von Leuten gesprochen, die nach der Geburt getrennt wurden und dreißig Jahre lang nichts voneinander gewusst haben. Wie unvollständig sich diese Leute all die Jahre gefühlt haben. Dass es bei allen diese Ahnung gegeben habe, dass da noch jemand sei. Die unfreiwillige Ähnlichkeit: Die gleichen Lieblingsspeisen, derselbe Sport, ihre Ehepartner trügen dieselben Namen, bei einem Paar habe man sogar festgestellt, dass sie über Jahre denselben Urlaubsort besucht hätten, allerdings jeder von beiden zu einer anderen Jahreszeit. Sonst wären sie sich wahrscheinlich schon früher begegnet, hätten einen lustigen Abend in einem Strandrestaurant miteinander verbracht, hätten die Adressen ausgetauscht und sich ein paar Jahre lang zu Weihnachten per Mail eine von diesen Grußkarten geschickt.
Wir sind keine Zwillinge.
Holger und ich haben noch lange in der Küche gesessen. Holger erzählte mal wieder von seinem Urgroßvater, der angeblich auf einer Reise durch die amerikanischen Südstaaten in einem Whiskey-Fass ertrunken ist. Wir haben gelacht, wir wurden immer ausgelassener, später haben wir in der Küche getanzt. Holgers Augen funkelten, sein Gesicht glühte. Alles fühlte sich plötzlich neu an. Wir haben uns geküsst wie lange nicht mehr. Später lagen wir erschöpft und glücklich im Bett.
Ich habe von Deinen Händen geträumt, tatsächlich, von Deinen Händen. Sie sehen aus wie seine Hände, die Hände des Vaters. Lange, schmale Finger, Fingernägel, die sich wölben, und diese Hauthöcker auf den Gelenken. Eure Hände gibt es nicht oft.
Im Café hast Du mich gefragt, ob ich zufrieden sei mit meinem Beruf. Ja, habe ich geantwortet, wie ein braves Mädchen, das gefragt wird, ob es gerne zur Schule geht. Ich habe mir immer gewünscht, Schauspielerin zu werden.
Der Vater hat mich nie auf der Bühne gesehen.
Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich zum Schauspielstudium nach Wien gehen werde, war sie nicht überrascht, obwohl ich ihr meine Bewerbung am Reinhardt-Seminar bis dahin verheimlicht hatte. Schön, schwärmte sie, Wien. Mein Berufswunsch interessierte sie nicht. Sie konnte sich unter Schauspielerei nichts Konkretes vorstellen. Sie dachte wahrscheinlich: Irgendwas mit Fernsehen. Von dem Renommee der Schule hatte sie keine Ahnung. Deshalb schien es ihr auch nicht sonderlich bemerkenswert, dass ich in Wien auf Anhieb angenommen worden war. Sie hatte keinen blassen Schimmer von diesen quälenden Aufnahmeprozeduren. Als wir jung waren, hat sie gesagt, dein Vater und ich, da hat er mir von Wien vorgeschwärmt. Wien, hat er immer gesagt, wir fahren nach Wien. Wenn sie mal wieder kraftlos gewesen sei, dann habe er von dieser gemeinsamen Reise geredet, um sie zu trösten, ihr ein Ziel vor Augen zu halten. Sie zwei. Ganz alleine. Aber er habe immer nur versprochen. Nie gehalten. Auf die Frage, warum sie nicht alleine hingefahren sei, ohne den Vater, fing sie schlagartig an zu heulen, das könne sie nicht erklären, die Zeit sei so schnell vergangen. Aber nun könne sie mich besuchen, ihre Tochter, darauf freue sie sich.
Als die Mutter ein halbes Jahr später tatsächlich anrückte, habe ich ihr die Stadt gezeigt, alles, Museen, Kaffeehäuser, Bellaria-Kino, Zentralfriedhof, Prater, wir sind ins Theater gegangen, und ich war stolz, dass ich mich schon so gut zurechtfand in dieser Stadt, ich war euphorisch, weil ich bis dahin nur die kleinen Käffer der Eifel gekannt hatte, aber die Mutter konnte nichts begeistern, kein Funke ist übergesprungen, sie war skeptisch, sie ist widerwillig mit mir durch die Stadt geschlichen, ihr Gesicht hat seinen säuerlichen Ausdruck drei Tage lang nicht verändert. So, als geschehe ihr ein schmerzhaftes Unrecht. Irgendwann habe ich sie zur Rede gestellt. Da brach es aus ihr heraus, warum ich eigentlich in diese Stadt zum Studieren gegangen sei, ob ich ihr damit etwas beweisen wolle. Warum ich so tue, als ob ich die Erfinderin der großen weiten Welt sei. Sie würde mich gar nicht mehr wiedererkennen. Ich wusste keine Antwort. Später, am Abend, als wir zusammen in meinem kleinen Zimmer saßen, da habe ich ihr versucht zu erklären, dass es keinen speziellen Grund für mich gegeben habe, ausgerechnet in diese Stadt zu gehen. Wien sei schlicht die erste Schule gewesen, die mich angenommen habe, mehr nicht. Das glaube ich dir nicht, hat sie geantwortet. Und dann hat sie mir noch einmal die ganze Geschichte vom Vater erzählt. Wien war darin das Synonym für Enttäuschung und hohle Worte. Irgendwann bin ich eingeschlafen.
Ich fahre heute nach Hause, hat sie gleich nach dem Aufwachen verkündet, obwohl sie eigentlich länger bleiben wollte. Wir lagen noch im Bett, ich auf meiner alten Federkernmatratze, die ich unter das undichte Fenster geschoben hatte, und sie auf dem Futon, das mir meine tschechische Mitbewohnerin Sarka für die Dauer des Besuchs überlassen hatte. Damit war der Boden des Zimmers bedeckt, nur ein kleiner Schreibtisch hatte noch Platz und eine alte, braune Schrankwand, die ich von meinem Vormieter übernommen hatte. Genauso wie die immergrüne Waldtapete um die weiß lackierte Tür herum. Ich habe nichts zu ihrer Entscheidung gesagt.
Wir standen am Bahnsteig und warteten auf ihren Zug Richtung Salzburg, da fing sie an zu heulen. Ihr liefen die Tränen das Gesicht herunter. Nichts und niemand konnte ihr helfen. Er wird bald sterben, er macht es nicht mehr lange, schluchzte sie so laut, dass sich der halbe Bahnsteig nach uns umdrehte. Und dann offenbarte sie mir, dass sie, kurz bevor sie losgefahren sei nach Wien, einen Anruf bekommen habe aus der Klinik, der Vater sei gestürzt, nachts, vor dem Haus, man habe ihn im Krankenhaus behalten müssen. Der Arzt habe versucht, sie am Telefon zu beruhigen, der Beinbruch sei nicht das Problem, sie wisse ja Bescheid, er werde jetzt entgiftet, aber danach, da müsse er halt wieder zu sich nach Hause und dann gehe alles wieder von vorne los, es sei denn, er entschließe sich, eine Therapie zu machen, stationär in einer Klinik. Aber auch das könne dauern, bis es einen geeigneten Platz gebe, außerdem müsse er das schon selbst wollen. Und. Und. Und. Ich kann nicht mehr, rief die Mutter. Warum rufen die mich an? Warum lassen die mich nicht in Ruhe? Willst du deshalb zurück, weil du es nicht aushältst, ihn sich selbst zu überlassen, habe ich sie gefragt, und ich weiß noch, wie stolz ich war auf meine kühle, beherrschte Art. Der Zug stand schon da. Die Mutter stieg ein. Ich bin eine Weile auf dem Bahnsteig stehen geblieben und habe dem Zug mechanisch hinterhergewunken. Als der letzte Wagen am Horizont verschwunden war, überfiel mich schlagartig ein erbarmungsloser Schüttelfrost. Zum Glück war der Weg vom Westbahnhof zu meiner WG in der Turmburggasse nicht weit. Fast hätte ich es nicht bis nach Hause geschafft. Während der zwei U-Bahn-Stationen bis zur Neubaugasse schoss das Fieber in meine Glieder, ich schwitzte, und als ich den Berg runterging, am Apollo Kino vorbei, verlor ich fast das Bewusstsein. Die Nacht unter dem undichten Fenster. Mutters Abreise. Die Nachricht vom Zusammenbruch des Vaters. Ich wollte mit all dem nichts mehr zu tun haben.
Eine ganze Woche habe ich fiebrig im Bett verbracht, erst als mein Rollenlehrer Thomas zu mir nach Hause kam, um nach mir zu sehen, fand ich die Kraft, die Wohnung wieder zu verlassen und einen Arzt aufzusuchen. Thomas bestand darauf. Du brauchst eine Krankmeldung, hat er mich gewarnt, sonst fliegst du von der Schule. Zuerst vermutete der Arzt das Pfeiffersche Drüsenfieber, aber da war nichts zu finden, alle Blutwerte waren in Ordnung, keine Entzündung im Körper, kein Mangel, nichts. Nur diese plötzliche Müdigkeit. Das Fieber. Der Schüttelfrost. Das ganze dauerte noch drei Wochen, Thomas, ein junger Schauspieler, der damals am Burgtheater engagiert war, besuchte mich jeden Tag und wir arbeiteten zu Hause weiter, so lange es ging, mal eine halbe Stunde, mal zwei Stunden, einen zusammengeschusterten Monolog aus Schillers Jungfrau von Orleans, den Schluss, voller Pathos, mit Wucht sollte das sein, das war die Aufgabe im ersten Jahr, die große Form, ich sollte mich trauen, die sterbende Johanna, am Ende ihrer Kräfte, ein letztes, bebendes Aufbäumen. Thomas schrie unentwegt bei den Proben. Ja, schrie er, jaaaa, lauter, los, du willst nicht sterben, du sollst nicht umsonst gekämpft haben. Schrei es heraus. Und ich hatte bis dahin alles gegeben bei den Proben, aber als ich da krank in meinem WG-Zimmer kauerte, da war mir nicht nach Schreien zumute, nach großer Form, da war mir nach Flucht, nach leisen Tönen, nach Rückzug, nach Kapitulation, aber Thomas ließ nicht locker. Ich habe ihm nichts von der Mutter erzählt, auch nicht vom alkoholkranken Vater, nichts, er wusste gar nichts und er setzte sich zu mir auf die Matratze und legte den Arm um meine Schultern, um mich, den Haufen Elend, das verschüchterte Ding, die deutsche Leblosigkeit, und er sprach sehr verständnisvoll mit seinem etwas behäbigen, aber gut geölten österreichischen Akzent. Ich verstehe dich, du hast Schwierigkeiten, dich zu öffnen, das ging mir auch so am Anfang. Weißt du, deshalb haben sie dir diesen Monolog gegeben, gleich zu Beginn, damit du aus dir raus kannst, deine Mittel kennenlernen kannst, deine Stimme, deine Bewegungen, deinen wunderbaren Körper, damit du eine Erfahrung machst mit dir selbst, da musst du jetzt durch, es gibt nichts, was du dich nicht trauen solltest, nichts, das ist das Wahnsinnige an unserem Beruf, wir können alles machen, alles, aber nichts zählt, alles ist gespielt, das ist das Größte, sei frei, sei einfach frei. Wenn du die Lähmung überstanden hast, und du wirst diese Lähmung überstehen, er nahm meinen Kopf in seine Hände, so als wollte er mich küssen, er sah mich lange an mit seinen wässrigen, grünen Augen, sein Atem roch gut, nach frischer Minze, dann nahm er mich bei den Schultern, freundschaftlich, ernsthaft, er stand auf, öffnete das Fenster meines Zimmers und schaute hinaus zur Straße. Er stand da, stramm, mit leicht durchgedrücktem Rücken, sein T-Shirt hing luftig an ihm herab. Der ausrasierte Nacken. Er glaubte wirklich, mein Problem sei die gewöhnliche Hemmung einer neunzehnjährigen Schauspielschülerin, die Angst vor ihren eigenen Gefühlen hat, Angst vor irgendeinem imaginären Tier in ihr drin, das nicht freigelassen werden durfte. Davon sprach er jedenfalls. Von diesem Tier. Die Vorstellung, dass man dieses Tier befreien müsse, erlösen, diese Vorstellung schien ihn anzuspornen, das machte ihm Mut. Damit lag er ganz auf der pädagogischen Linie der Schule. Vor allem, wenn es sich um junge Mädchen handelte. Ich ließ ihn in seinem Glauben und plötzlich gefiel mir der Gedanke, an meinem Coming-out zu arbeiten, mich zu entpuppen, mich als eine extrovertierte, die eigenen Grenzen verachtende Darstellerin zu erweisen. Damit würde ich alle überraschen, mich selbst allerdings am wenigsten. Das sollte eine leichte Übung sein. Ich konnte die Kontrolle über mein Leben, meine inneren Zustände zurückerobern. Ich konnte den diffusen Schmerz und die Schwere, die der Besuch der Mutter und ihre Nachrichten aus der Familienhölle hinterlassen hatten, einfach ersetzen, ich konnte so tun, als ob ich eine ganz normale, gut behütete junge Frau gewesen wäre, ich konnte meine Geschichte einfach abschütteln, indem ich tat, was Thomas sagte. Ich musste ihm einfach etwas vorspielen.
Komm her, befahl er mir, ohne sich umzudrehen, stell dich hier neben mich. Was siehst du da draußen? Ich sehe ein Haus, sagte ich, ich sehe geschlossene Fenster, ich sehe die schmutzige Hauswand, ich sehe, dass die Straßenbeleuchtung gerade angesprungen ist, ich sehe den Asphalt, wenn ich nach unten schaue, ich sehe Autos, einen Hund, eine alte Frau, zwei Punks, die behäbig vorbeilaufen, auf dem Weg zum Schnorren vor der U-Bahn-Haltestelle, ich sehe eine kleine Baustelle am Ende der Straße, ich sehe die Trafik, ich sehe den Verkehr auf der Wienzeile. Und wenn ich nach oben schaue, dann kann ich den Himmel sehen, einen Kondensstreifen, die schwache Silhouette des Mondes, ein paar Wolken. Du siehst die Welt, rief Thomas. Zwar nur einen Ausschnitt, aber doch die Welt. Das Wort Welt klang bei ihm wie eine Mischung aus dem englischen Word und dem deutschen Wild: Wöhld, oder so ähnlich. Er steigerte sich noch. Und dieser Welt hast du etwas mitzuteilen, du, Johanna, Königin, Kämpferin, Hoffnung deiner Männer. Ich weiß noch genau, wie ich mir plötzlich das Lachen verkneifen musste, ich wollte ihn ernst nehmen, ich wollte ihm folgen, ich wollte, dass er seine Arbeit an mir verrichten konnte, aber das fiel verdammt schwer. Stell dich auf das Fensterbrett, befahl er mir. Ich sah ihn kurz an, sein Blick verriet Entschlossenheit. Ich tat, was er sagte, und kletterte auf den schmalen Holzvorsprung und hielt mich mit beiden Händen am Fensterrahmen fest. Los, stell dich nach draußen, trau dich. Er griff meine Beine von hinten. Ziemlich weit oben. Ich ruckelte nach vorne, bis meine Füße auf dem äußeren Fenstersims angekommen waren. Und jetzt leg los, sagte Thomas ruhig, aber bestimmt. Loslegen? Womit? Text, schrie er, Text, jetzt sofort! Schrei es nach draußen. Ich tat es. Erst leise, dann, nach ein paar weiteren Aufforderungen zur Ekstase, immer lauter. Ich brüllte es heraus. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal, immer heftiger, gegenüber gingen schon die ersten Fenster auf, unten auf der Straße blieben ein paar Leute stehen und sahen mir zu. Ein Typ von der anderen Straßenseite riet mir, damit aufzuhören. Er wolle seine Ruhe haben. Spiel ihn an, nimm ihn, sag’s ihm, zischte Thomas von hinten. Und ich tat es. Der Typ schüttelte mit dem Kopf, hörte sich meine Tirade ein Weile an und rief laut zu mir herüber: Was für ein Dachschaden. Eine Frau von unten bellte zu mir hoch, Hilfe, Hilfe, ob ich Hilfe brauche, ob es mir gut gehe. Ich beschimpfte sie als Verräterin, die Hilfe anböte, aber Verrat meine, ganz in meiner Rolle, die Jungfrau, die Kämpferin, die Terroristin, die Unerbittliche, die Alleingelassene. Ich erfand neue Texte, auf niemanden könne man sich in diesem Leben verlassen, man sei nur auf der Welt, um wieder von ihr zu verschwinden, aber trotzdem solle man daran arbeiten, die Welt besser zu machen, gerechter, glaubwürdiger, Liebe, wir brauchen Liebe! Nieder mit den Lügen über das Leben! Das hatte mit der Jungfrau von Orleans so viel zu tun wie Thomas mit meiner Familie, aber das war egal. Plötzlich tauchten unten zwei Polizeiwagen auf. Die Polizisten sprangen aus ihren Autos und zwei von ihnen liefen ins Haus, es klingelte an der Tür. Scheiße, rief Thomas, die Bullen. Mach auf, schrie ich ihn an, los, geh zur Tür, was wollen die schon, wir machen doch nichts Verbotenes, ich stehe hier und brülle ein paar Wahrheiten in den Abend, die sollen nur kommen. Ich war richtig in Fahrt. Er zog mich vom Fensterbrett und schob mich durch mein Zimmer zur Wohnungstür. Das musst du machen, das ist deine Wohnung, sagte er ängstlich. Ich öffnete die Tür, verschwitzt, das T-Shirt halb über die Schulter gezogen. Der eine Polizist, ein kleiner Dicker, hatte seine Mütze in der Hand und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Der andere schob sofort einen Fuß in die Wohnung. Alles in Ordnung bei Ihnen, fragte er mich. Ja, alles okay. Wir proben. Theater. Das war nicht ernst. Das war Spiel, machen Sie sich keine Sorgen. Wir machen uns keine Sorgen, sagte der Dicke. Wir schauen nach dem Rechten. Die Nachbarn haben angerufen. Sie sind zu laut. Sie können sich gerne in Ihr Fenster stellen, aber bitte leise, schob der Dicke sichtlich genervt hinterher. Was proben Sie denn da, fragte der Jüngere belustigt. Der Dicke schaute seinen Kollegen verwundert an. Schiller, klärte ich ihn auf. Die Jungfrau von Orleans. Schiller, rief der Jüngere, Schiller! Das können Sie ja dann demnächst bei geschlossenem Fenster proben, zischte der Dicke und schüttelte den Kopf. Der Jüngere lachte. Bitte entschuldigen Sie meinen Kollegen, er ist ein Banause. Der Dicke fand das nicht lustig. Er wollte meinen Ausweis sehen und meine Aufenthaltserlaubnis. Sie sind also eine Studentin. Was studiert die Dame denn, wenn man fragen darf? Schauspiel. Reinhardt-Seminar. Und der Herr. Der Herr ist Schauspieler. Nur hier in der Wohnung, oder kann man Sie auch gelegentlich auf einer Bühne bewundern? Der Dicke kam in Fahrt. Burgtheater, sagte Thomas, nachdem er eine sehr gekonnte Kunstpause eingelegt hatte. Der Jüngere und der Dicke schauten sich an. Burgtheater? Sie sind also Schauspieler am Burgtheater? Nicht schlecht, sagte der Dicke. Warum sagen Sie das nicht gleich? Die beiden entspannten sich. Der Junge hob seine Fäuste wie zum Boxkampf und rief: Olé! Der Dicke setzte seinen Hut wieder auf. Na dann, sagte er, einfach ein bisschen leiser, wenn Sie so freundlich wären. Und lassen Sie sich nicht weiter stören, sehr interessant, Burgtheater. Habe die Ehre. Die Situation war mit einem Mal in ihr Gegenteil verkehrt. Eben waren wir noch Delinquenten, denen man allerhöchstens Arroganz und Verachtung entgegenbringen konnte, und plötzlich fühlten sich die beiden durch unsere Gegenwart geschmeichelt, es schien, als fühlten sie sich fast ein bisschen geehrt, mit wem sie es unerwarteterweise zu tun hatten. Die beiden wünschten uns noch einen schönen Abend und verschwanden wieder. Thomas war sichtlich stolz, dass seine Auskunft bei den beiden so einen Eindruck gemacht hatte. Er lachte. Siehst du, so funktioniert das bei uns. Ich lief in mein Zimmer, schloss das Fenster und sprang auf meine Matratze, ich hüpfte rauf und runter und fing wieder an mit meinem Text. Ich streckte meine Arme nach Thomas aus, er kam zu mir und sprang mit, bis wir beide hinfielen, auf die Federkernmatratze, und anfingen uns zu küssen, völlig außer Atem. Ein paar Minuten später lag ich nackt und röchelnd auf dem Rücken, zwischen mir und Thomas ein schmieriger Blutfleck. Das Bettlaken bedeckte die Matratze nur noch halb. Unter meinem Bein hatte sich eine Metallfeder durch den Stoff gedrückt. Ich drehte mich zu Thomas und flüsterte ihm ins Ohr: Jetzt brauche ich eine neue Matratze. Sie hat ein Loch. Thomas lachte. Noch stolzer als vorher. Er verrieb sich genüsslich den Schweiß auf seiner rasierten Brust. Er schaute auf den Blutfleck zwischen uns. War das wirklich das erste Mal, fragte er mich. Das allererste Mal? Ich glaube, ich habe in diesem Moment nur an meine Matratze gedacht und daran, dass ich kein Geld hatte, mir eine neue zu kaufen. Ich habe ihm keine Antwort gegeben damals. Thomas warf sich auf mich. Ich habe meinen Kopf zur Seite gedreht. Neben der Matratze lagen seine Kleider, T-Shirt, Hose, Unterhose, Socken. Du musst dich nicht schämen, sagte er. Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude! Das säuselte er mir triumphierend ins Ohr. Den letzten Satz aus meinem Jungfrau-Monolog. Ich versuchte, ihn von mir runterzuwerfen, dabei knallte ich mit meiner Stirn auf seine Nase, die sofort zu bluten anfing. Thomas sprang auf. Sein linker Fuß verfing sich in der herausgeplatzten Metallfeder, er stürzte nach vorne auf den Boden, sein Zeh blieb in dem Draht hängen, er schrie, laut, vor Schmerz, sein Fuß klemmte in der Feder, seine Nase blutetet immer stärker. Ein erbärmlicher Anblick war das. Wie ein Tier, das in die Falle gegangen war. In Sekundenschnelle hatte sich die Entjungferungsszene in eine scheinbare Gewaltorgie verwandelt. Ich musste lachen. Thomas wollte seinen Fuß aus der Falle bugsieren, der Zeh schwoll an, das Blut tropfte ihm aus der Nase auf die Brust. Ich blieb einfach zur Seite gedreht liegen und sah mir das Schauspiel an.
Am nächsten Tag bin ich wieder in die Schule gegangen. Ich fühlte mich gesund. Ich spürte, wie die Mitschüler hinter meinem Rücken tuschelten. Die Lehrer waren erfreut, mich zu sehen, bis auf meinen Sprechlehrer. Er wisse nicht, wie ich das Versäumte nachholen könne. Ich glaube, Thomas hatte ihm von seiner Eroberung erzählt und der alte Sack war enttäuscht, dass er nicht der Erste gewesen war. Er war dafür bekannt, sich an seine Schülerinnen ranzumachen. Er profitierte von seinem, aus besseren Tagen herübergeretteten, Ruhm. Damals lud er seine Lieblingsstudentinnen regelmäßig zu sich nach Hause ein, gab ihnen Zusatzstunden und beeindruckte sie durch seine innere Ruhe und sein Verständnis für die Fragen der altersbedingten Sinnsuche. Eine waschechte Gratisinitiation, die die Schule ihren weiblichen Elevinnen da anbot. Seine Wohnung war der Hort des Tabus. Und natürlich des dazugehörigen Bruchs. Er wartete den richtigen Moment der Verunsicherung ab, meistens ein halbes Jahr nach Beginn der Ausbildung, dann schlug er zu. Bei mir hatte er den passenden Zeitpunkt sicher auch schon kommen sehen, aber Thomas war schneller. Und dreißig Jahre jünger. Thomas hatte nach unserer Rollenarbeit ein paar unansehnliche Probleme: seine Nase war mit Mull und Pflaster verklebt, der linke Fuß steckte in einer klobigen Schiene. Er hatte ein paar Vorstellungen am Burgtheater zu spielen, das Schminken vorher, nachdem die Nasenverhüllung jedes Mal aufs Neue entfernt worden war, musste die Hölle gewesen sein. Wir hatten uns auf die Version Probenunfall geeinigt, das rettete sein Ansehen und meine Reputation. Gleichzeitig nötigte die vermeintliche Intensität unserer Zusammenarbeit den Leuten auf der Schule eine ordentliche Portion Respekt ab. Eine Zeit lang konnte ich den Rückfall des Vaters und den Besuch der Mutter vergessen, ich war euphorisiert von meiner kleinen Neugeburt, aber dann, ganz langsam, sickerte dieses eigenartige Gefühl, ferngesteuert zu sein, unfrei, beschwert mit Zentnern von klumpiger, zotteliger Vergangenheit, wieder in mein Bewusstsein.
War ich in Wien, weil der Vater die Mutter dorthin einladen wollte, es aber nie geschafft hat?
Als ich das Foto gesehen habe, Deine Mutter mit dem Vater vor dem Olympiabad, da dachte ich, mich trifft der Schlag. Ich wusste nicht, dass der Vater jemals in München gewesen ist. Und dann auch noch vor dem Olympiabad. Holger und ich gehen regelmäßig dorthin. Vor ein paar Wochen das letzte Mal. Es war ein regnerischer Tag. Durch die Fenster sah man die künstlichen Hügel des Parks. Wenn du von dort oben hinunter auf die Schwimmhalle schaust, dann denkst du, die Halle fliegt. Die Dächer, das Stadion, alles aus Stahl und transparenter Plane, alles wirkt vorläufig, wie von Nomaden hingestellt. Das ist die neue Welt von gestern. Auf den Bildern von damals sieht man fröhliche Menschen in Trainingskleidung. Grün. Orange. Sommer. Sonne. Braune Haut. Fahnen, die aufgeregt im Wind flattern. Das Jahr unserer Geburt.
Die Schwimmbadblase war angefüllt mit warmer, feuchter Luft und diesen tausendfach verhallten Geräuschen. Kindergeschrei. Körper, die auf Wasser klatschen. Ein paar Jungs hielten den Fünf-Meter-Turm besetzt. Leiter rauf, Leiter runter, einarmiges Hangeln am Geländer, in die Hüften gestemmte Fäuste, Hände, die selbstverliebt über straffe Bäuche streichen, unterhaltsames Gepose an der Absprungkante, lautes Gejaule nach jeder Arschbombe, die schrillen Pfiffe des Bademeisters, die wie Blitze die Halle zerteilten, um dann als Echo über dem schmatzenden Wasser zu zerstäuben. Leise Musik aus der Ferne. Dire Straits, immer wieder dieselbe Platte, Brothers in Arms: Hallenbadsound. Ein paar Meter vor uns hatte sich eine Aquagymnastiktrainerin mit ihrer mobilen Lautsprecherbox platziert. Im Wasser tummelte sich ein Grüppchen Senioren. Die Alten hielten bunte Schaumstoffwürste um ihre Bäuche. Die zufällige Formation fleckiger Körper sah für einen Moment aus wie ein zerknittertes Alex-Katz-Bild. Farbige Flächen, kühl und distanziert. Keine Moral, keine Wahrheit, nichts, nur die Oberfläche. There is no story, hat Alex Katz gesagt.
Ich war mal mit Thomas in einer Katz-Ausstellung. Ein paar Jahre nach unserer Trennung. Ich war auf Gastspielreise in Hamburg und hatte am Nachmittag zwischen Probe und Vorstellung ein paar Stunden Zeit. Thomas war auch in der Stadt. Und dann haben wir uns verabredet. Thomas ist gelangweilt zwischen den Bildern rumgelaufen: Ist mir zu viel Comic, hat er gesagt. Nur weil er sich nichts vorstellen könne, jenseits seiner Einfühlerei als Schauspieler, solle er nicht so dümmlich über Kunst sprechen. Das sei halt keine Psychologie oder sonst irgendetwas aus seiner bürgerlichen Kunstmottenkiste, das seien einfach Abbildungen und das sei genau das, was wir im Theater nie hinkriegen, weil wir uns immer nur mit unseren mittelmäßigen Gefühlswelten beschäftigen. Ich bin laut geworden. Die Leute haben sich nach uns umgedreht. Er hat mich fassungslos angestarrt und wusste überhaupt nicht, was ich von ihm wollte. Thomas hat die Ausstellung fluchtartig verlassen. Danach haben wir noch ein letztes Mal telefoniert. Ich habe mich für meinen Auftritt entschuldigt.
Die Köpfe, die Hälse, die Schultern, die Brustkörbe der Alten schauten aus dem Wasser. Die Badekappen waren bunte Punkte. Wenn die Sonne durch die Wolken drang, leuchteten die Farben vor schwimmbadblauem Hintergrund. Das Licht schickte ab und zu von unten einen Reflex in die Gesichter. Holger lag auf der Liege neben mir und hatte ein amerikanisches Fachmagazin aufgeschlagen, Plastic and Aesthetic Surgery. Ich habe ihm mit meiner besten Gruselstimme ins Ohr geflüstert: Ich wette mit dir, wenn du an denen vorbeischwimmst, riecht alles nach Tod. Ich habe meine Schwimmbrille angezogen und bin zum Becken. Im Wasser bin ich wie eine Verrückte losgekrault, mit hektischem Beinschlag, dicht an den Alten vorbei. Beim Atmen habe ich gesehen, dass Holger mich beobachtet hat. Durch die beschlagene Schwimmbrille sah es aus, als würde er unentwegt den Kopf schütteln. Aber vielleicht habe ich mir das nur eingebildet. Nach ein paar Bahnen hatte ich mich beruhigt und meine Atmung wurde flacher. Ich glitt sanft durch das Wasser. Mit jeder Wende wurde die Welt außerhalb des Beckens immer unbedeutender. Ich zähle beim Schwimmen die Bahnen und beim Zählen vergesse ich alles. Mit jedem rechten Armschlag sage ich mir die Zahl vor, bei der ich gerade bin. Das ist wie ein Gebet. Einundzwanzig. Einatmen. Einundzwanzig. Einatmen. Einundzwanzig. Einatmen. Wende. Zweiundzwanzig. Einatmen. Zweiundzwanzig. Einatmen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich das Zählen verselbständigt und meine Fantasie in Gang kommt. Dann entsteht ein neues Draußen, eine andere Welt; wenn ich im Olympiabad schwimme, stelle ich mir vor, wie die Ränge voll besetzt sind, wie die Leute meinen Namen rufen, wie sie mich anfeuern, von ihren Sitzen aufspringen, weil sie wollen, dass ich als Erste anschlage. Beim Einatmen geht der halbe Kopf aus dem Wasser, das linke Ohr liegt in der Luft und ich höre sie hysterisch schreien. Und dann die Stimme in meinem Kopf, die euphorische Stimme des Kommentators: Sie wird es schaffen. Sie kann den Weltrekord knacken, den ewigen Rekord, damit hat wirklich niemand gerechnet, nicht in diesem Rennen. Damit wird sie sich unsterblich machen. Es ist nicht zu glauben, meine Damen und Herren, wir sind hier und heute Zeugen einer absoluten Sensation. Der Schwimmsport wird von diesem Tag an ein anderer sein. Der Kommentator schreit meinen Namen. Immer wieder. Sie hat es geschafft, sie hat es geschafft. Niemand hatte sie auf der Rechnung. Wirklich niemand. Das ganze Training, all die Entbehrungen, jetzt zahlt es sich aus. Mit jedem Beinschlag, mit jedem Armzug tauche ich tiefer ab in diesen Film. Gold, Gold, Gold, schreit der euphorisierte Mann in meinem Kopf. Die Stimme füllt mich an mit Glaube, mit Stolz, mit Hoffnung. Die Stimme des Reporters wird leiser und verlangsamt sich. Neunundzwanzig. Einatmen. Neunundzwanzig. Einatmen. Wende. Dreißig. Einatmen. Dreißig. Einatmen. Noch elf Bahnen, dann habe ich es geschafft, dann sind die zwei Kilometer voll. Bis dahin gleite ich in einen neuen Film, ich sehe die Bilder von 72, die Bilder aus dem Fernsehen, aus den Büchern, und ich denke an seine Rekorde, ja, ich denke an die Rekorde von Mark Spitz, ich denke an seinen Bart, die dunklen Haare auf dem Kopf, unter den Achseln, ich denke an diese knappe Schwimmhose, Stars and Stripes, den Ansatz der Bauchmuskeln, der links und rechts als helle Linie in der Badehose verschwindet, ich denke an die Goldmedaillen, die er 72 geholt hat, ich höre die Stimme des Vaters, ich höre, wie der Vater mich, seine Tochter, tatsächlich Mark Spitz nennt. Immer wieder: Mark Spitz. Das hat er gesagt, wenn ich vom Schwimmtraining nach Hause gekommen bin: Mark Spitz. Er hat kurz gelacht und sich wieder zum Fernseher gedreht. Abends lag ich im Bett und habe mir immer wieder diesen Namen vorgesagt: Mark Spitz. Mark Spitz. Mark Spitz. Laut. Leise. Gebrummt. Gehaucht. Fröhlich. Traurig. Schnell. Langsam. Roboterhaft. Gesungen. Geleiert. In allen möglichen Variationen. Mein beruhigender Vers zum Einschlafen. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, nachzufragen: Wer ist dieser Mark Spitz? Es gab keine Fragen, die ich dem Vater gestellt hätte. Ich stellte mir die Fragen selbst.
Auf Youtube findest Du ein paar von den Starts. Das Rennen vom 29. August gibt es nicht als Film. Ich habe die letzten Tage alles durchsucht. Ich hatte die idiotische Hoffnung, den Vater und Deine Mutter auf einem der Videos ausfindig zu machen. Die 100 Meter Kraul und die 200 Meter Schmetterling und die 100 Meter Freistil-Staffel kannst Du ganz anschauen. Du findest im Netz etwa zwanzig Varianten von Mark Spitz’ Bart-Geschichte. Die baut er in seine Vorträge ein, die er vor irgendwelchen Managern hält. Er berichtet, dass er sich den Bart eigentlich abrasieren wollte, auch die Trainer hätten ihm dazu geraten, aber dann habe er noch vor dem ersten Start in der Olympiahalle ein Interview gegeben. Ein Journalist habe ihn gefragt: Warum tragen Sie diesen Bart, Mr. Spitz? Stille. Er habe die freudigen Gesichter der Journalisten gesehen, aber auch die neugierigen Blicke der russischen Trainer, die sich zu der Interviewtraube dazugestellt hatten, weil sie scharf darauf gewesen waren, seinem Geheimnis schon vorab auf die Schliche zu kommen. Er habe diesen Typen nicht verraten wollen, dass er eigentlich beabsichtigt habe, das Ding abzurasieren, obwohl es ihm gefallen habe, alle hätten damals schließlich lange Haare und Bart getragen, und dann dachte er, warum die Gelegenheit nicht nutzen und die Russen verunsichern, und er habe den Journalisten in die Mikrofone gesagt, dass er den Bart trage, weil er ihn schneller mache, und er habe gesehen, dass alle russischen Trainer wie wild in ihre Blocks kritzelten, und das habe ihn angespornt und er habe angefangen zu fantasieren. Der Bart ließe das Wasser schnittiger und eleganter um seinen Mund herumgleiten, das verschaffe ihm hinten, ab der Hüfte, mehr Auftrieb und so sei seine Wasserlage schlicht viel, viel besser als die der Konkurrenten. Nach dieser Geschichte habe er sich den Bart natürlich nicht mehr abrasieren können, er hätte sich lächerlich gemacht. Plötzlich sei der Bart zu einer Waffe der psychologischen Kriegsführung geworden. Die Russen habe gewurmt, dass man sich so schnell keinen Oberlippenbart wachsen lassen konnte. Ein Jahr später jedoch, bei anderen Wettkämpfen, Mark Spitz genießt die Pointe, hätten alle russischen Schwimmer Oberlippenbart getragen. Mark Spitz erzählt diese Geschichte mit einem überlegenen, arroganten Siegerlächeln. Man sieht in dem Film, wie er sein Publikum bedient, das Publikum, das immer wieder die gleichen Geschichten hören will. Seht her, das ist lange vorbei, aber so dumm waren diese Typen damals, diese Russen, denen haben wir’s ordentlich gezeigt. Give me five! Die mutwillige Reduktion von Komplexität macht ihn zum Helden. Diesen Schwimmer, der mit Einundzwanzig so aussah, als würde er in München mit Freddy Mercury zusammen in die Sauna gehen. An diesen Typen dachte der Vater, wenn er mich Mark Spitz nannte, diesem Mark Spitz musste der Vater an jenem Tag sehr nahe gekommen sein, an diesem 29. August 1972, dem Tag der Entscheidung über 200 Meter Freistil, der Tag, an dem das Foto entstanden ist, der Tag, an dem Deine Mutter freudig in die Kamera geblickt hat und der Vater sein Gesicht zu verbergen suchte, der Tag, an dem Mark Spitz in 1:52,78 seine dritte Goldmedaille geholt hat, der Tag, an dem Mark Spitz den gesamten Sport für alle Ewigkeiten revolutioniert hat, weil er am Abend bei der Siegerehrung seine grünen, ungetragenen Adidas-Turnschuhe in die Kameras gehalten hat, in alle Kameras, die auf ihn gerichtet waren, der Tag, an dem die Spiele der Amateure beendet waren und das Zeitalter der Profis und ihrer Sponsoren eingeläutet wurde, der Tag, als der Protest der Ostblockdelegationen gegen diesen kapitalistischen Gestus vergeblich aufbrandete, der Tag, an dem Mark Spitz zum Boten der neuen Welt und ihrer neuen Bilder geworden war.
Als ich mit vierzehn oder fünfzehn das erste Mal mit dem Vater über Politik gestritten habe, nannte er mich danach Rosa Luxemburg. Auch später immer wieder: Rosa Luxemburg. In seiner Stimme lag eine Mischung aus Anerkennung und Ekel, aus Witz und Schmähung. Wenigstens eine Frau, habe ich gedacht. Vor einer Weile, Holger und ich waren gerade dabei, unsere Wohnung umzuräumen, hat Holger gesagt: Wenn wir ein Kind bekommen, eine Tochter, dann nennen wir sie Rosa. Ich habe gesagt, dass ich diesen Namen hasse. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht mehr über Kindernamen reden will. Nicht bevor ich schwanger bin.
Als ich nach meinen zweitausend Trainingsmetern und dem imaginierten Weltrekord erschöpft zu unseren Liegestühlen zurückkam, drehte ich Holger beim Abtrocknen den Rücken zu. Als ich mir das Handtuch als Turban um den Kopf gewickelt hatte, sagte Holger: Das Muttermal auf deiner Schulter ist rot. Am Rand sieht es entzündet aus. Holger kratzte fachmännisch an dem Fleck herum. Lass das, habe ich ihn gebten, das ist vom Chlor, das kenne ich schon, kein Grund zur Besorgnis. Er strich, wie zur Entschuldigung, mit seinem Handrücken über meine Haut. Deine Wirbel sind spitz, sagte er sanft, du hast Gänsehaut. Holger nahm meine Hand und wollte meine Finger küssen. Ich habe ihm den Zeigefinger in die Nase gesteckt. Er hat den Kopf nach hinten gerissen, sein Magazin genommen und schnaufend darin herumgeblättert. Und dann habe ich ihn gefragt, ob er manchmal an seinen Job denke, wenn er diese alten Leute sehe. Überlegst du, wo du sie überall operieren könntest? Straffen, Fett absaugen, Lifting? Holger ließ sein Magazin fallen und richtete sich auf. Wieso sollte man alte Leute operieren, denen es offensichtlich gut geht. Er verzog keine Miene, er wollte streng aussehen. Ich mache diesen Facharzt nicht, damit du eine bessere Optik im Schwimmbad hast. Da gibt’s wirklich Sinnvolleres. Hier, schau dir diese Bilder an. Er nahm sein Magazin vom Boden und wedelte mir damit vor der Nase rum: Gaumenspalten. Fetttaschen. Demolierte Fressen. Brandopfer. Schau mal hier, so sieht jemand aus, in dessen Garten eine Streubombe eingeschlagen ist. Ich habe nicht hingesehen. Ich habe seine Hand genommen und sie auf meinen Bauch gelegt und dann habe ich ihn ganz leise gefragt, ob er mir denn helfen werde, wenn ich mal alt und runzlig sei, ob er sich vorstellen könne, mich dann zu operieren. Nur mich. Er schaute an mir vorbei Richtung Becken und stand ruckartig von seiner Liege auf. Was ist denn da los, fragte er. Die Choreografie der alten Körper hatte sich aufgelöst, die bunten Schaumstoffwürste schwammen herrenlos zwischen den anderen Badegästen herum. Die Alten waren im Wasser plötzlich zu einer Traube verklumpt, einige gestikulierten wild in Richtung Beckenrand. Die Trainerin zog hastig ihr T-Shirt aus und sprang ins Wasser. Die Alten öffneten die Traube und gaben die Sicht frei. Sie standen alle um einen ihrer Mitturner herum. Er lag flach auf dem Wasser, gehalten von zwei Männern und einer Frau. Die Frau hielt seinen Kopf in ihren Händen, eine andere verpasste ihm ein paar Ohrfeigen, immer wieder mit der Rechten ins Gesicht. Der Mann reagierte nicht. Die Trainerin, bei den Alten angekommen, beugte sich über den Kopf des reglosen Mannes und rief seinen Namen. Keine Reaktion. Sie schob ein paar Gaffer zur Seite und fasste ihn von hinten mit beiden Händen am Nacken, so wie es Rettungsschwimmer tun. Sie zog ihn zum Rand. Sie drehte den reglosen Körper parallel zur Wasserkante und rief zwei junge Kerle herbei, die ihr helfen sollten, den massigen Alten aus dem Wasser zu hieven. Die jungen Männer zogen ihn an Arm und Bein aus dem Becken, die Trainerin schob von unten nach. Der Mann glitt in eine Pfütze. Er lag da wie ein gestrandeter Wal. Sein melonenförmiger, behaarter Bauch ragte in die Luft, seine kurzen Arme hingen hilflos an ihm runter, Hände und Unterarme in der Wasserlache. Die Beine waren nach innen verdreht. Die Krampfadern an seinen Waden traten bunt schimmernd hervor. Die Trainerin kniete sich hinter ihn und legte seinen Kopf auf ihre Oberschenkel. Einer der Männer rief nach einem Arzt. Ein Arzt! Ist hier irgendwo ein Arzt? Ich gab Holger von hinten einen Schubs. Holger. Du bist gemeint. Du bist Arzt! Er stand da wie versteinert, die Hände vor der Brust verschränkt. Er drehte den Kopf und schaute mich kurz an. Sein Blick war leer. Los, mach schon, rief ich. Er setzte sich in Bewegung. Nach ein paar großen und viel zu hastigen Schritten rutschte er auf dem Schwimmbadboden aus und fiel auf die Knie. Auf allen vieren kauerte er auf halber Strecke und versuchte, sich wieder aufzurichten. Er merkte gar nicht, dass sein rechtes Bein blutete. Eine Platzwunde. In null Komma nichts hatte sich eine rote Lache auf den weißen Kacheln gebildet. Das Blut lief ihm seitlich am Schienbein entlang über den Fuß auf den Boden. Und dann richtete er sich wieder auf. Die Zuschauer standen unfreiwillig Spalier. Holger kniete sich neben den Mann. Ich ging hinterher und stellte mich zu den Zuschauern. Was ist passiert, fragte er die Trainerin. Er war weg, plötzlich war er einfach weg. Was ist das? Herzinfarkt? Schlaganfall? Machen Sie doch was. Holger zitterte. Er versuchte, den Mann anzusprechen. Keine Regung. Das haben wir doch schon alles probiert, sagte eine der Alten. Lassen Sie mich mal machen, zischte Holger nach oben. Erst mal Seitenlage, wies er an. Sie drehten ihn auf die Seite, er und die Trainerin, dabei stützte er den Mann mit seinem verletzten Knie und verschmierte das Blut auf Bauch und Rücken des Bewusstlosen. Als Holger merkte, dass das Blut von ihm stammte, zuckte er zusammen. Es tut nicht weh, sagte er laut, wie um sich selbst zu beruhigen. Woher wissen Sie das, schrie ihn die Trainerin an. Ich meine das Knie, das Knie, mein Knie tut nicht weh. Holger sah sich hilfesuchend um. Unsere Blicke trafen sich kurz. Ich sah, dass Holger verzweifelt war. Wie ein Kind, das sich noch nicht selbst die Schuhe binden kann, aber weiß, dass es mit offenen Schuhbändern nicht loslaufen darf. Mama! Holger griff mit der Hand in den Mund des alten Mannes. Er kramte die Zunge hervor und mit der Zunge kam eine ganze Ladung Kotze raus. Los, schrie er, auf den Rücken drehen. Es geschah, wie er befahl. Holger fing sofort damit an, den Brustkorb des Mannes rhythmisch zu bearbeiten. Immer wieder: Herzmassage. Das Blut, das aus Holgers Wunde lief, mischte sich mit dem Erbrochenen und dem Schwimmbadwasser auf den Kacheln. Um ihn herum hatte sich ein rosafarbener See mit grünen Kotzschlieren gebildet. Holger beugte sich zum Gesicht des Mannes, er hielt sein Ohr an dessen Mund. Er wollte spüren, ob er noch atmet. Er nahm schließlich das fahle Gesicht des Alten, presste dessen Wangen mit Daumen und Mittelfinger zusammen und drückte ihm seinen Mund auf die blauen Lippen. Dabei hielt er dem Mann mit der anderen Hand die Nase zu, damit die Luft, die er ihm in die Eingeweide pumpte, nicht aus den Nasenflügeln wieder entweichen konnte. Er blies mit voller Wucht in den Alten hinein. Ein Mal, zwei Mal. Drei Mal. Nichts passierte. Ich sah, dass Holger immer unruhiger wurde. Er versuchte es immer und immer wieder. Dann zuckte der Mann plötzlich, er röchelte. Ein flüchtiger Anflug von Hoffnung zog über Holgers Gesicht wie der Schatten einer Wolke. Holger setzte wieder an mit der Reanimation. Das Röcheln schien nur ein trügerisches Lebenszeichen gewesen zu sein, ein letztes Aufbäumen. Der Kopf des Mannes war längst knallrot angelaufen. Die Augen platzten hervor, gelber Sud quoll aus dem Mundwinkel. Er zuckte nicht mehr. Er lag regungslos da, sein Gesicht wechselte die Farbe. Von Rot nach Grün. Ende. Holger nahm seine Hände vom Körper des Mannes und sank nach hinten. Die Unterarme ruhten schlaff auf seinen Oberschenkeln. Keiner sagte ein Wort. Absolute Stille. Selbst die aufgeregten Rentnerinnen hielten die Klappe. Kein Kindergeschrei, nichts. Kurz darauf traf der Notarzt ein. Er versuchte es noch ein paarmal mit Stromstößen aus dem Defibrillator, aber die Sache war gelaufen.
Am Abend beim Essen stocherte Holger mit der Gabel in seinen Nudeln herum. Dann hob er den Kopf und schaute mich an. Er hatte wässrige Augen. Der ist mir unter den Fingern weggestorben, sagte er. So hilflos wie in diesem Moment hatte ich Holger noch nie zuvor erlebt. Du hast dein Bestes gegeben, wollte ich ihn trösten, selbst der Notarzt konnte nichts mehr machen. Holger schob den Teller mit den Nudeln und der Steinpilzsauce in meine Richtung. Er war blass. Ich fragte ihn, wie der Alte geschmeckt hat. Wie hat sich das angefühlt, einen Toten zu küssen? Mein Knie tut weh, antwortete Holger. Ich will ins Bett. Wir sollten bald wieder ins Olympiabad gehen, sagte ich, damit wir die Bilder loswerden.
Das ist drei Wochen her. Und jetzt sitze ich da mit dem Foto, das Du mitgebracht hast. Der Vater vor der Schwimmhalle. 72.
Schau Dir das Foto genau an. Dann kannst Du die Narbe auf seiner Stirn erkennen. Gewöhnlich hat er sie verdeckt mit den strähnigen, quer über die Glatze gescheitelten Haaren. Aber das Mal, wie er die Narbe nannte, ragte so weit ins Gesicht, dass es unmöglich war, es komplett verschwinden zu lassen, ohne dabei auszusehen wie ein Waldschrat. Auf dem Foto kommt mir die Narbe plötzlich viel größer vor. Ich habe die Narbe nie als absonderliches Merkmal des Vaters betrachtet. Die Narbe gehörte einfach zu ihm dazu.
Als ich dreizehn oder vierzehn war, musste die Mutter für ein paar Tage ins Krankenhaus. Das Haus, in dem wir wohnten, stand mitten in einem kleinen Dorf in der Eifel. Von der zweiten Etage führte eine Treppe auf den Dachboden. Die Treppe war in die Decke eingebaut und man musste sie mit einem eigens dafür angefertigten Stock, an dessen Ende ein Metallhaken befestigt war, herunterziehen. Auf dem Dachboden standen Kisten herum, Möbel, altes Zeug. Zum Teil waren das Sachen, die gar nicht den Eltern gehörten. Die Eltern waren nachlässig in solchen Dingen. Sie hatten nicht darauf bestanden, dass der Dachboden leer geräumt wird, bevor sie einzogen. Die Mutter nutzte den Dachboden, um dort Einmachgläser zu lagern. Warum sie das nicht im Keller tat, wie alle anderen im Dorf, keine Ahnung. Der Vater betrat diesen Dachboden nie. Die Mutter wollte ein paar Gläser von oben holen, da stürzte das Türmonstrum ungebremst auf ihr Gesicht. Eine alte Feder, die die Tür halten sollte, war gerissen. Die Mutter rannte schreiend aus dem Haus, über den Hof zu den Nachbarn. Die Mutter blutete aus der Nase, das ganze Gesicht war in Sekundenschnelle angeschwollen und verfärbte sich später grün, blau und gelb. Die Mutter sah aus wie ein Zombie. Die Nachbarn riefen sofort den Krankenwagen. Die Mutter musste zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Am Abend war ich mit dem Vater alleine. Das erste Mal in meinem Leben. Das war die Zeit, als der Vater nicht trank. Die Trockenphase. Wir schauten fern. Es lief Der große Preis. Es gab damals bei uns nicht viele Shows, es gab noch nicht einmal Privatfernsehen, es gab Formate, die hießen Dalli Dalli oder Einer wird gewinnen, an diesem Abend war es Der große Preis, es lief gerade die Anmoderation, Wim Thoelke, der Showmaster, begrüßte seine Kandidaten, da sagte der Vater in zackigem Befehlston: So ein Kopf. Hält viel aus.
Meinte er seinen eigenen Kopf wegen des Fernsehprogramms? Sollte das ein Witz sein? Meinte er die Mutter, die mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus lag? Meinte er Wim Thoelke und seinen Riesenschädel? Wollte er mich beruhigen?
Wim Thoelke rieb seine Hände, begrüßte die Zuschauer und die lieben Kinder vor den Geräten, verkündete den Stand der Geldsammlung für die Behinderten des Landes, um dann dem ersten Kandidaten seine Eingangsfragen zu stellen. Ich kauerte in einer Ecke des Sofas, der Vater saß aufrecht in seinem abgewetzten Ohrensessel. So ein Kopf. Hält viel aus. Sagte er noch mal. Er stand auf und setzte sich zu mir auf das Sofa. Das hatte er noch nie getan, der Unnahbare. Und seit dem Selbstmord meines Bruders (Deines Halbbruders), der erst ein paar Jahre her war, war er noch weiter weg. Er vermied jede Art von körperlicher Nähe. Ein einziges Mal hatte er mich zuvor in den Arm genommen, das war, als wir in der Leichenschauhalle standen, wo der Bruder aufgebahrt lag und wir ihn ein letztes Mal ansehen durften. Der Kiefer war, über Wangen und Schädeldecke, mit einer hautfarbenen Binde festgebunden. Das Gesicht war grau. So ein Grau hatte ich vorher noch nie gesehen. Es war das Grau, das alles verschlingt. Ich träumte wochenlang von diesem Kopf, wie sich die Binden lösten, wie Dinge aus seinem Mund fielen, Löffel, Kerzen, Teppiche, und dann flogen die Gegenstände durch das Zimmer, in dem ich schlief, und das Zimmer wurde immer voller und ich bekam keine Luft mehr, weil die Dinge in meinen Mund reinwollten, und ich hielt den Mund geschlossen und erstickte fast, und als der Kopf des Bruders anfing zu würgen und plötzlich Tiere aus seinem zahnlosen Maul krochen, Hunde, Affen, Zebras, Fische, da wachte ich auf. Jedes Mal an derselben Stelle und meistens stand die Mutter an meinem Bett, weil ich im Schlaf geschrien hatte, so laut, dass sie es ein Stockwerk tiefer, beim Fernsehen mit meinem Vater, gehört hatte. Und jetzt saß der Vater neben mir auf dem braunen Sofa, die Hände in den Schoß gelegt, und ich wagte es nicht, ihn anzuschauen. Ich starrte regungslos auf den Fernseher. Die Show plätscherte dahin. Ich spürte seine Nähe und ich verkrampfte mich, ich verhakte die Arme zwischen meinen Beinen, ich verknotete mich, meine langen, dünnen Glieder verschlangen sich zu einem Knäuel und der Vater legte aus einiger Entfernung seine Hand auf meinen Kopf, die Zeit schien stehen zu bleiben und ich spürte, wie ich langsam vom Sofa runterrutschte, weil ich keinen Arm mehr frei hatte, um mich festzuhalten, und der Arm des Vaters bewegte sich mit mir, Zentimeter für Zentimeter, wie angeklebt. Erst der Arm, dann der ganze Körper, einer leblosen Puppe gleich. Das muss ausgesehen haben wie eine moderne Tanzperformance, zwei Körper, die wie von Geisterhand miteinander verbunden schienen, aber jeglichen Kontakt zueinander verneinten, begaben sich in eine gemeinsame Bewegung, die damit endete, dass ich vom Sofa fiel und der Vater, der offenbar nicht bereit war, die Berührung aufzulösen, fiel mit, ganz langsam, und dann lagen wir beide zwischen Wohnzimmertisch und Sofa auf dem Rücken, die Hand des Vaters, völlig verdreht, immer noch auf meinem Kopf, meine Arme zu einem X verkrampft. Der Fernseher stieß weiter ahnungslos Stimmen und Gelächter und Musik aus. Wim Thoelke stellte sein Team vor. Ich hörte die Namen und einen habe ich noch im Ohr, Dr. Eberhard Gläser, das war der Notar, der aufpasste, dass alles mit rechten Dingen zuging. Ich hörte diesen Namen und mit dem einen Auge sah ich unseren halben Kronleuchter und seine Plastikfassungen, die aussahen wie Kerzen, an denen künstliches Wachs herabtropfte, und mit meinem anderen Auge sah ich die Unterseite des Wohnzimmertisches, auf der ein alter Kuckuck klebte. Fast alle Gegenstände in unserer Wohnung waren mit so einem Kleber versehen. Fernseher, Staubsauger, Wohnzimmerschrank. Für mich gehörten diese Aufkleber zu unserer Einrichtung und ich war erstaunt, dass die Dinger in den Wohnungen meiner Freundinnen nicht zu finden waren. Das waren Relikte aus den harten Saufjahren vor der Therapie, der Vater hatte ohne Ende Kredite aufgenommen, um seinen täglichen Suff zu finanzieren, und irgendwann konnte er die Raten nicht mehr bezahlen und dann kam der Gerichtsvollzieher, meistens vormittags, wenn die Mutter allein zu Hause war, und die dachte sich Erklärungen aus, hilflose Entschuldigungen, dass alles gezahlt werde, dass es sich wohl um ein unbeabsichtigtes Versäumnis handeln müsse. Und solange die Schuld nicht getilgt war, klebte dieser Kuckuck auf den Gegenständen. Aber weder die Mutter noch der Vater entfernten die Aufkleber wieder, nachdem die Schulden getilgt waren. Wir lagen da und der Vater drehte den Kopf zu mir und lächelte, tatsächlich, er lächelte. Ich wollte mich nicht bewegen. Ich wollte, dass wir ewig so liegen blieben. So ein Kopf. Hält viel aus. Sagte er zum dritten Mal. Und ich sah seine Narbe, die hell und blutleer aus seinem roten Gesicht hervorstach. Seine Haare hingen nach hinten herunter und die Glatze, die er sonst mit dem gescheitelten Haar bedeckt hielt, leuchtete wie ein reifer Apfel. Seine verschmierte Brille lag auf dem Teppich neben seinem Kopf. Nach einer Weile lösten sich meine Arme. Der Vater atmete ruhig neben mir. Ich drehte mich zu ihm. Er starrte in die Luft. Die Narbe pochte. Wie von selbst hob sich mein Arm und ich legte einen Finger auf seine Stirn, genau an die Stelle, wo die Narbe endete und von der unbeschädigten Haut umrandet wurde. Keine Reaktion. Ich fuhr mit dem Finger seine Stirn entlang, der Narbe folgend. Als ich an ihrem Ende angekommen war, fing ich vorne wieder an. Ich streichelte mit einem Finger meiner linken Hand seine Stirn. Er schloss die Augen. Der Vater ließ es geschehen. Was ist das, fragte ich ihn. Ein Mal, sagte er feierlich und dann fing er an zu reden. Er lag da, auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen und es stieg Wort um Wort aus seinem Mund. Er sprach von sich. Er sprach von sich in der ersten Person. Mit jedem Satz stieg sein Atem in die Luft. Ein warmes Gemisch aus Zigaretten und Zwiebeln und frischem Tartar. Der Vater hörte sich leicht an, fröhlich fast, die Augen fest geschlossen.
Wir hatten das größte Haus der ganzen Stadt, sagte der Vater, vier Stockwerke und einen Anbau und einen riesigen Garten. In diesem Garten standen Eichen und eine Kastanie und am Rande des Gartens floss ein Bach und auf der anderen Seite des Bachs, da war ein Friedhof, ein alter, wunderschöner, schattiger Friedhof, auf diesem Friedhof waren Grabmale, Denkmäler, Gruften, aber auch ganz unscheinbare Gräber. Den Friedhof durften wir Kinder nicht alleine betreten. Eines Nachts, als die Eltern schliefen, bin ich über den Baum vor meinem Fenster nach unten geklettert und über ein Brett, das ich im Gebüsch versteckt hielt, habe ich den Bach überquert und dann bin ich von Grab zu Grab mit einer Kerze und habe die Namen auf den Steinen gelesen und ich habe mir die Namen gemerkt, jeden einzelnen, und ich habe mich gefürchtet vor den Toten, aber nichts geschah, nichts, doch am nächsten Tag kam die Polizei zu uns nach Hause und da standen die Uniformierten in der Eingangshalle unseres Hauses, in dieser riesigen, holzvertäfelten Aula, und schauten streng drein und unser Dienstmädchen Ursula kam zu mir und zog mich am Arm die Treppen hinunter und meine Mutter kam aus ihrem Büro und nahm mich im Wohnzimmer in Empfang und zog an meinen Kleidern und verpasste mir eine Ohrfeige, ich wusste nicht, worum es ging, Ursula schüttelte den Kopf immer und immer wieder und die Mutter stand streng da und hielt meine Hand und Ursula holte die Polizisten, die traten ins Wohnzimmer und meine Mutter forderte die Ordnungshüter auf, meine Herren, worum geht es, und die Männer sprachen laut, schrien fast, sie zeigten auf mich und riefen Wörter wie Lebensgefahr und Gefährdung und Leichtsinn und Anordnung und Verdunklung und Kerzenschein und Bombenangriffe und nationale Pflicht und die Mutter hörte sich alles an und sagte den Männern, dass das nie wieder vorkomme, dass ich das Haus in der Nacht nicht mehr verlassen werde, dass man sich darauf verlassen könne, und als die Männer wieder weg waren, da befahl meine Mutter: Erklären Sie dem Jungen, was er getan hat, und sorgen Sie dafür, dass das nie wieder vorkommt, und die Mutter verschwand wieder durch die große Schiebetür Richtung Büro, wo sie die Geschäfte der Firma leitete, und Ursula erklärte mir alles, sie ging mit mir nach oben, sie stellte sich an eines der großen Fenster und zeigte mit dem Finger nach oben, da, mein Junge, da fliegen sie nachts, die Flugzeuge mit den Bomben, und sie fliegen in größere Städte, sie fliegen zu den Fabriken nach Leuna und Buna und dort werfen sie ihre Fracht hinab und zerstören alles, und wenn es dunkel ist, dann dürfen wir kein Licht entzünden, nicht ein einziges, nicht die kleinste Kerze, sonst sehen sie, dass wir hier wohnen, und dann werfen sie ihre Bomben auf unsere Stadt, Junge, du hörst doch das Brummen nachts und siehst die Lichter am Himmel, die hellen Christbäume weit da hinten, das sind die Feinde, sie zünden die Lichter an, damit sie sehen, wohin sie die Bomben werfen können, und ich hörte Ursula zu und ich glaubte ihr jedes Wort und ich verstand, warum ich nicht mit der Kerze nachts zu den Toten gehen durfte, ich musste alles dafür tun, dass sie keine Bomben auf unsere Stadt und unser Haus und auch nicht auf den Friedhof werfen, und ich fragte Ursula, ob die toten Seelen, die hinter der Kastanie, auf der anderen Seite des Baches wohnten, ich fragte sie, ob diese Seelen auch Angst hatten oder ob die Toten solche Gefühle nicht mehr kannten, und Ursula wurde ganz still und dann sprach sie weiter und sagte leise, mein Junge, die Seelen sterben nicht, nur die Körper, die sterben, die Seelen sind frei und die haben keine Angst mehr, die leben beim lieben Gott, nur die Seelen von den ungehorsamen Kindern, die liegen noch in den Gräbern und die zittern und fürchten sich jede Nacht, dass sie getroffen werden von den Bomben, die frieren, wenn es Winter ist, die schwitzen, wenn es Sommer ist, die sind nicht erlöst, die müssen Höllenqualen leiden, aber du, sagte Ursula, du bist ein braver Junge und bleibst nachts in deinem Bett liegen und passt auf, dass den Toten nichts passiert und auch den Lebenden nichts. Es ist verboten, mit einer Kerze in der Nacht auf den Friedhof zu gehen, das weißt du jetzt.
Der Vater lachte. Ursula habe ich alles geglaubt, sagte er. Sie war schön, obwohl sie eine Hasenscharte hatte. Aber das fiel kaum auf, weil ihre Lippen so breit waren, dass die Narbe im fleischigen Rot ihres Mundes verschwand. Sie war groß und schlank. Und sie war anwesend. Tag und Nacht, sagte der Vater. Sie trug ein schwarzes Kleid und über dem Kleid eine weiße Schürze, wie eine Kellnerin, aber eigentlich war sie ein Engel. Der Vater stockte. Ich wusste nichts. Ob Ursula Familie hatte, wo sie herkam, wie sie mit Nachnamen hieß, nichts. Sie war einfach Ursula und als Ursula gehörte sie zur Familie und war für uns Kinder zuständig. Ursula duftete immer nach frischer Seife. Sie hatte hell leuchtende Haut und rötliches Haar, und obwohl sie dünnhäutig und durchsichtig wirkte, war sie fest und entschlossen und wusste immer, was zu tun war. Ihre tiefe Stimme passte nicht zu ihrem Aussehen, aber für uns, sagte der Vater, war das normal. Einmal habe ich gehört, sagte er, wie mein Vater sie Engelchen genannt hat.
Engelchen. Holger und ich hatten Besuch von Freunden. Die hatten ihre kleine Tochter dabei, und als wir spazieren waren, haben Holger und ich sie in unsere Mitte genommen und mit ihr Engelchen flieg gespielt. Nach einer viertel Stunde waren wir beide völlig außer Atem, aber die Kleine wollte immer weitermachen und Holger hat sie angefeuert und plötzlich musste ich weinen. Die Freunde wollten wissen, was los ist. Holger war stumm, weil er dachte, es sei wegen des Kindes, wegen des ungeborenen Kindes, weil ich einfach nicht schwanger werde, aber das war es nicht. Es war das Wort: Engelchen.
Und dann, sprach der Vater weiter, ein paar Jahre später, ist es wirklich passiert, die Bomber ließen ihre Fracht über unserer Stadt fallen, und als wir aus dem Keller kamen, da sah ich, was geschehen war, die Gräber waren zerstört, da waren drei klaffende Krater, ich starrte in die Tiefe und fing an zu zittern, weil ich mich fragte, ob da wohl Tote begraben waren, die gar nicht tot waren, Tote, die ungehorsam waren als Kinder, Tote, die zittern mussten, dass sie bestraft werden, Tote, die froren und schwitzten, Tote, deren Seelen noch da waren und die jetzt getroffen und zerfetzt umherschwebten wie Geister, und obwohl ich längst viel größer war und wusste, dass es keine Seelen gab und womöglich gar keinen Gott, stand ich trotzdem da und wurde geschüttelt von einem heftigen Krampfanfall, dass mich zwei Leute zurücktragen mussten ins Haus, wo ich drei Tage im Bett lag, fieberte und schlief, und als ich wieder aufstehen konnte, schien draußen die Sonne und ich sah aus dem Fenster und in unserem Garten liefen Soldaten herum, Soldaten, die anders aussahen als die Soldaten, die ich kannte, Soldaten mit Pelzmützen, mit braunen Uniformen, Soldaten, die auf unserer Wiese lagerten, und ich sah Ursula, wie sie ihnen Wasser brachte auf einem silbernen Tablett und die Soldaten lachten und rauchten und einer hatte sich ausgezogen und sprang in den Bach, der unser Grundstück von dem zerstörten Friedhof trennte.
Und in die Worte des Vaters hinein das Gejaule und Gesinge aus dem Fernsehgerät, Thhhhhoeeeeeelke, rief ein Comic-Hund namens Wum und später wurde es dunkel im Zimmer. Dann das Geblinke der Fragewand. Der Vater sprach von den neuen Mitbewohnern, den Russen, wie zum Beweis ihrer Harmlosigkeit schilderte er die Versuche, Kartoffeln im Klo zu waschen, ihr Erstaunen, als die Erdfrüchte durch den Abfluss verschwanden, er beschrieb die ungläubigen Gesichter der mongolischen Männer, als sie (angeblich) das erste Mal elektrisches Licht bewunderten, und wie sie fassungslos zu ihm sagten: Wasser aus Wand, Licht aus Decke, Deutsche klauen mit Maschine. Der Vater sprach das mit gespieltem, russischem Akzent und ich weiß, wie ich lachen musste, ich wollte, dass er das noch mal sagt, wie haben die geredet, fragte ich ihn und der Vater wiederholte den Satz, Wasser aus Wand, Licht aus Decke, Deutsche klauen mit Maschine. Und er wiederholte ihn noch einmal und ich stimmte mit ein und plötzlich war alles leicht. Wir sangen fast. Ich griff neben mich und bekam seine Hand zu fassen. Die war heiß und trocken und ich hielt die Hand des Vaters, die heiße, trockene Hand des Vaters. Dieses Verlangen in mir, mehr zu bekommen von seiner Nähe, aber gleichzeitig zu spüren, dass ich alleine bleiben muss. Ich erinnere mich an das Verschmelzen der Fernsehgeräusche mit seiner Erzählung und an das regelmäßige Pochen seines Pulses in meiner Hand. Wie er weitersprach. Die Geschichte des Vaters kam mir endlos vor, aber ich weiß, dass immer noch Thoelke lief und weiter den Soundtrack abgab für seine Geschichte, die Du hören willst, nach der Du mich gefragt hast, die in mir drin ist, die ich gespeichert habe als Nähereservoir, und damit meine ich nicht die Geschichte seiner Kindheit, nicht die Geschichte seiner Familie, damit meine ich den Klang seiner Worte, damit meine ich seine Haut auf meiner Haut, damit meine ich das Aus-der-Zeitgeschossen-Sein unserer Situation unter dem Wohnzimmertisch, damit meine ich den Kuckuck auf der Rückseite der Tischplatte, der als Bild in mir drin ist, als Abdruck, als Fata Morgana eines Erlebnisses, das so, oder vielleicht anders, stattgefunden hat.
Ich hatte Angst, dass er unsere Zweisamkeit auflöst. Er atmete ganz langsam, ich blinzelte zu ihm rüber, aber seine Augen blieben geschlossen, und ich dachte, ich weiß immer noch nicht, was es auf sich hat mit diesem Mal, wie er das genannt hatte, ich wollte ihn gerade auffordern weiterzureden, da setzte er schon wieder an.
Ich war zwölf, als der Krieg aus war, sagte der Vater, zwölf Jahre alt, ein Jahr jünger, als du jetzt bist. Und meine Mutter, er zögerte, meine Mutter, die versuchte zu retten, was nicht zu retten war. Wochen bevor die russischen Soldaten angekommen waren, verließ sie das Haus, sagte er, nachts, mit Säcken voller Gold, Silber und Schmuck. Ich habe gesehen, sagte der Vater, wie sie die Säcke auf dem Friedhof vergraben hat. Sie wusste, was geschehen würde, sagte der Vater anerkennend. Eines Nachts verließ sie das Haus und ging wieder auf den Friedhof. Sie hatte eine Schaufel dabei, flüsterte er. Es war dunkel, keine Straßenbeleuchtung, nichts. Ich stieg barfuß die steinerne Treppe hinab, ich musste nah genug an ihr dranbleiben, damit ich ihre Spur nicht verliere, aber weit genug von ihr entfernt, damit sie mich nicht bemerkte. Sie war allein mit ihrer Schaufel und sie ging einmal um den ganzen Friedhof herum, um dann auf der anderen Seite durch den zerstörten Seiteneingang hindurch dorthin zu gelangen, wo sie die Besitztümer der Familie vergraben hatte. Ich versteckte mich hinter einem Erdhügel und beobachtete meine Mutter, sagte der Vater. Sie fing an zu graben und nach einer Weile nahm sie die dunklen Säcke, es waren drei an der Zahl, und schleppte sie in den nahe gelegenen Wald. Auf dem Weg dorthin hörte ich es immer wieder rascheln und knistern und ich wusste, da folgt uns jemand, aber ich konnte niemanden erkennen. Es war mir auch egal, sagte der Vater, fast entschuldigend, ich wollte die Fährte meiner Mutter nicht verlieren. Und dann schob er hinterher, dass er sich schon denken konnte, wer das war, wer sie da verfolgt hat, einer von den Nachbarn, von den neidischen Leuten, die nur darauf warteten, der Familie etwas anzuhängen. Unser Reichtum war vielen ein Dorn im Auge, schon lange, und meine Mutter, das sagte der Vater mit geöffneten Augen, meine Mutter, die war nicht freundlich zu den Menschen. Sie stolzierte in ihren grauen Kleidern durch die Stadt, sie grüßte die Leute von oben herab, sie gab allen zu verstehen, dass sie sich an der Spitze fühlte. An der Spitze dieser Stadt, dieser Gesellschaft. Sie gab Arbeit. Sie verteilte Aufmerksamkeit. Sie entschied, wer es wert war, beachtet zu werden, und wer nicht. Die Mutter wahrte Abstand. Sie war die Leiterin der Firma, die Vorgesetzte der Kinderfrau, sie war die Freundin des Bürgermeisters. Sie war eine glühende Verehrerin des Führers. Das sagte der Vater und schloss die Augen.
Sicher wunderst Du Dich, warum ich mich an die Details seiner Erzählung so genau erinnern kann. Ich wundere mich selbst. Aber beim Schreiben kommen mir die Genauigkeiten in den Sinn, beim Schreiben höre ich die Stimme des Showmasters, rieche ich den Atem des Vaters, beim Schreiben steigt dieser Abend in mir auf.
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