Читать книгу: «Sozialpsychologie der Gruppe»
| utb 3877 | ![]() |
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage
Böhlau Verlag · Wien · Köln · Weimar
Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto
facultas · Wien
Wilhelm Fink · Paderborn
Narr Francke Attempto Verlag/expert Verlag · Tübingen
Haupt Verlag · Bern
Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn
Mohr Siebeck · Tübingen
Ernst Reinhardt Verlag · München
Ferdinand Schöningh · Paderborn
transcript Verlag · Bielefeld
Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart
UVK Verlag · München
Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen
Waxmann · Münster · New York
wbv Publikation · Bielefeld

Prof. Dr. Stefan Stürmer hat den Lehrstuhl für Sozialpsychologie an der FernUniversität Hagen inne; Frau Dr. Birte Siem ist Lehrkraft für besondere Aufgaben und Habilitandin an diesem Lehrstuhl.
Von Stefan Stürmer außerdem im Ernst Reinhardt Verlag lieferbar: „Sozialpsychologie“ (UTB-basics 2009, ISBN 978-3-8252-3179-8) sowie „E-Learningkurs Sozialpsychologie“ (UTB-e-book, ISBN 978-3-8252-6239-2).
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
UTB-Band-Nr.: 3877
ISBN 978-3-8252-5225-0
2., aktualisierte und erweiterte Auflage
© 2020 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in EU
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: Fotosatz Amann, Aichstetten
Covermotiv: © istock.com/nattanan726
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de
Inhalt
Vorwort zur zweiten Auflage
1Einführung in die Gruppenpsychologie
1.1Begriffsbestimmung
1.2Grundlegende theoretische Perspektiven der Gruppenforschung
1.2.1Persönlichkeit und individuelle Differenzen
1.2.2Austausch und Interdependenz
1.2.3Soziale Kategorisierung und soziale Identität
1.2.4Soziale Kognitionen
1.3Gruppensozialisation
1.3.1Normen und Rollen
1.3.2Phasen der Gruppensozialisation
2Sozialer Einfluss in Gruppen
2.1Majoritätseinfluss
2.1.1Informationaler Einfluss
2.1.2Normativer Einfluss
2.2Minoritätseinfluss und Majoritäts-Minoritätsunterschiede
2.2.1Minoritätseinfluss
2.2.2Die Rolle von Gruppenidentifikation
2.3Sozialer Einfluss durch Autoritäten
2.3.1Gehorsam gegenüber Autoritäten
2.3.2Die Bedeutung der wahrgenommenen Behandlung durch Gruppenautoritäten
3Arbeiten und Entscheiden in Gruppen
3.1Effekte der bloßen Anwesenheit anderer Personen
3.2Gruppenleistung
3.2.1Koordinationsverluste
3.2.2Motivationsverluste
3.2.3Motivationsgewinne
3.2.4Gruppenzusammensetzung und Diversität
3.3Entscheidungsprozesse in Gruppen
3.3.1Verfügbarkeit entscheidungsrelevanter Informationen
3.3.2Nutzung von Informationen
3.4Führung
3.4.1Eigenschaftsorientierte Ansätze
3.4.2Kontingenzansätze
3.4.3Transaktionale und transformationale Ansätze
4Stereotype, Vorurteile, Stigmata
4.1Begriffsbestimmung
4.2Ursachen und Inhalte von Stereotypen und Vorurteilen
4.2.1Persönlichkeit und individuelle Dispositionen
4.2.2Soziale Kategorisierung
4.2.3Stereotype, Vorurteile und Stigmata als soziale Konstruktionen
4.2.4Inhalte von Stereotypen
4.3Effekte von Stereotypen und Vorurteilen auf das Handeln und Auswirkungen auf die Zielpersonen
4.3.1Automatische und kontrollierte Prozesse
4.3.2Auswirkungen auf die Zielpersonen
5Intergruppenkonflikte und die Verbesserung der Intergruppenbeziehungen
5.1Ursachen von Intergruppenkonflikten
5.1.1Negative Interdependenz
5.1.2Relative Deprivation
5.1.3Negative soziale Identität
5.2Verbesserung von Intergruppenbeziehungen
5.2.1Veränderungen der sozialen Kategorisierung
5.2.2Strukturierter Intergruppenkontakt
5.2.3Intergruppale Versöhnung
6Kollektives Handeln
6.1Begriffsbestimmung
6.2Vier Stufen zur aktiven Partizipation
6.2.1Mobilisierungspotenzial
6.2.2Mobilisierungsversuche
6.2.3Teilnahmemotivation
6.2.4Teilnahmebarrieren
6.3Jenseits individueller Kosten und Nutzen: soziale Identifikation und Emotionen
6.3.1Soziale Identifikation als Determinante der Teilnahmemotivation
6.3.2Gruppenbasierte Emotionen
6.4Biografische Faktoren und individuelle Differenzen
6.5Die Sozialpsychologie der Radikalisierung
6.5.1Das Streben nach Bedeutung und Sinn
6.5.2Gruppennarrative
6.5.3Gruppensozialisation
7Positives Verhalten zwischen Gruppen
7.1Grundlagen von Xenophilie
7.1.1Persönlichkeitseigenschaften
7.1.2Individuelle Motive
7.2Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdgruppenhelfen
7.2.1Wie verbreitet ist Fremdgruppendiskriminierung im Hilfeverhalten
7.2.2Motivationale Unterschiede
7.3Individuelle und soziale Funktionen von Fremdgruppenhelfen
7.3.1Individuelle Funktionen
7.3.2Soziale Funktionen
7.4Mobilisierung gruppenübergreifender Solidarität
Anhang
Literatur
Sachregister
Vorwort zur zweiten Auflage
Die Sozialpsychologie erforscht die psychologischen und sozial-kontextuellen Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens. Dieses Einführungslehrbuch widmet sich einer komprimierten Darstellung grundlegender sozialpsychologischer Forschungsbefunde zum menschlichen Erleben und Verhalten im Kontext sozialer Interaktionen innerhalb und zwischen Gruppen.
Auf viele (Sozial-)Psychologinnen und Psychologen übt die Erforschung von Gruppenprozessen eine besondere Faszination aus, weil sie fundamentale Fragen der menschlichen Natur berührt – Fragen, die Denker und Forscherinnen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen seit Jahrhunderten beschäftigen (z. B.: Haben Menschen eine „natürliche“ Abneigung gegen alles Fremde oder ist ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen möglich? Sind Menschen in Interaktionen mit anderen immer nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht oder stellen sie persönliche Interessen zugunsten von Gruppeninteressen zurück?). Ein zusätzlicher Reiz der Gruppenforschung besteht in der unmittelbaren Verbindung zu praktischen und gesellschaftspolitischen Fragen und dem daraus resultierenden Anwendungspotenzial. Sozialpsychologische Forschung liefert beispielsweise Ansätze dafür, wie sich die Zusammenarbeit in Gruppen effektiv gestalten lässt, wie sich Gruppen effektiv führen lassen oder welche Maßnahmen geeignet sind, um Vorurteile und Konflikte zwischen Gruppen abzubauen.
Ein Hauptziel dieses Buches ist es, Ihre Begeisterung für die Sozialpsychologie des Gruppenverhaltens zu wecken und grundlegendes Wissen über die relevanten Theorien und Forschungsbefunde der sozialpsychologischen Forschung zu Gruppenprozessen zu vermitteln. Das Buch richtet sich primär an Studierende im B.Sc. Psychologie, es ist aber auch für Studierende in anderen sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Studiengängen geeignet. Ziel dieses Buches ist es nicht, die oben genannten Themen erschöpfend zu behandeln, sondern Schlüsselwissen zu vermitteln, das eine systematische Grundlage für eine weitere Auseinandersetzung und erfolgreiches Lernen bietet.
Das Buch führt in beide traditionelle Schwerpunktbereiche der Gruppenforschung ein. Die ersten drei Kapitel widmen sich daher den intragruppalen Prozessen (d. h. dem Erleben und Verhalten innerhalb von Gruppen). Die darauffolgenden Kapitel widmen sich intergruppalen Prozessen (dem Erleben und Verhalten von Menschen im Kontakt mit Menschen anderer Gruppen).
Unser Dank gilt den wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls Sozialpsychologie sowie zahlreichen Studierenden der FernUniversität in Hagen für ihre hilfreichen Hinweise und Rückmeldungen zu ersten Entwürfen unseres Manuskriptes. Für die Betreuung bei der Manuskriptgestaltung möchten wir uns bei der Lektorin Ulrike Landersdorfer herzlich bedanken.
In der zweiten Auflage haben wir aktuelle weitere Forschung eingearbeitet. Zudem haben wir das Spektrum um die Themen Radikalisierung, Diversität und Xenophilie erweitert.
| Hagen, November 2019 | Stefan Stürmer, Birte Siem |
1Einführung in die Gruppenpsychologie
Menschen aller bekannten Populationen leben in Gruppen; die Fähigkeit, Gruppen zu bilden ist eine Universalie der Spezies Mensch. Im Vergleich zu den meisten anderen sozialen Lebewesen ist das Gruppenverhalten des Menschen ausgesprochen vielfältig und differenziert. Menschen können zu vielen unterschiedlichen Gruppen gehören, in diesen Gruppen unterschiedliche Rollen und Positionen einnehmen, ihre Gruppenzugehörigkeiten wechseln und eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppenziele verfolgen. Im Folgenden werden wir zunächst einige grundlegende Begriffe der sozialpsychologischen Forschung zu Gruppenprozessen und Intergruppenverhalten erläutern.
1.1Begriffsbestimmung
Der Gruppenbegriff wird in der Sozialpsychologie je nach Forschungstradition unterschiedlich definiert. Die meisten Sozialpsychologinnen und -psychologen stimmen aber darin überein, dass es für das psychologische Verständnis von Gruppenprozessen entscheidend ist, inwieweit sich Personen selbst als Gruppe definieren. Sie gehen daher von einem Gruppenbegriff aus, der die subjektive Sicht der Gruppenmitglieder, Teil einer Gruppe zu sein, zum zentralen Definitionskriterium erhebt (Tajfel/Turner 1986).
Soziale Gruppe: Eine Menge von Individuen, die sich selbst als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen und ein gewisses Maß an emotionaler Bindung bezüglich dieser gemeinsamen Selbstdefinition teilen. Die Gruppe, zu der ein Individuum sich zugehörig fühlt, wird als „Eigengruppe“ bezeichnet, eine im sozialen Kontext relevante Vergleichsgruppe als „Fremdgruppe“.
Der sozialpsychologische Gruppenbegriff lässt sich sowohl auf Kleingruppen anwenden, in denen die Möglichkeit direkter („Face-to-Face-“)Interaktionen zwischen allen Gruppenmitgliedern besteht (Arbeitsgruppen, Teams etc.), als auch auf soziale Kategorien, bei denen diese Möglichkeit nicht besteht (Männer, Psychologen, Deutsche etc.). In der Sozialpsychologie werden die Begriffe „soziale Kategorie“ und „Gruppe“ daher typischerweise synonym verwendet.
Der Begriff „Entitativität“ bezieht sich darauf, inwieweit eine Ansammlung von Personen vom sozialen Beobachter als kohärente soziale Einheit wahrgenommen wird (bzw. seinem „prototypischen“ Bild einer Gruppe entspricht). Im Allgemeinen werden Gruppen, bei denen ein hohes Maß an Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern besteht, als besonders entitativ angesehen – z. B. Familien oder Teams (Lickel et al. 2000).
Der Begriff „Gruppenkohäsion“ bezieht sich auf den inneren Zusammenhalt einer Gruppe (das „Wir-Gefühl“), der u. a. durch die Intensität und emotionale Qualität der Beziehungen der Gruppenmitglieder zueinander zum Ausdruck kommt. Gruppenkohäsion ist eine variable Eigenschaft einer Gruppe: Sie kann zwischen Gruppen, zwischen unterschiedlichen sozialen Kontexten und über die Zeit hinweg variieren.
Der Begriff der „sozialen (oder auch kollektiven) Identifikation“ bezieht sich wiederum auf die psychologische Beziehung zwischen einem einzelnen Gruppenmitglied und der Gruppe. Soziale Identifikation wird als ein Konstrukt aufgefasst, das aus mehreren Komponenten besteht (Leach et al. 2008). Auf abstraktem Niveau reflektieren diese Komponenten:
welchen Stellenwert die Gruppenmitgliedschaft für die Selbstdefinition einer Person hat und
wie viel eine Person emotional in ihre Gruppenmitgliedschaft investiert.
Aufgrund unterschiedlicher individueller Erfahrungen können sich einzelne Gruppenmitglieder unterschiedlich stark mit ihrer Gruppe identifizieren; die Stärke dieser Identifikation kann außerdem mit dem sozialen Kontext variieren. Ein wichtiger Einflussfaktor auf die psychologische Beziehung zwischen Individuum und Gruppe ist, ob die Gruppenzugehörigkeit selbst gewählt worden ist (z. B. die Mitgliedschaft in einer Freizeitsportgruppe oder einer politischen Partei) oder ob sie durch soziale Strukturen oder die Behandlungen anderer Personen vorgegeben ist (z. B. die Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie basierend auf dem Geschlecht, der Ethnie oder der sexuellen Orientierung).
Für das Erleben der Gruppenzugehörigkeit ist ferner relevant, ob es sich bei der Gruppe um eine soziale „Minoritätsgruppe“ oder um eine „Majoritätsgruppe“ handelt. Minoritäten haben (mit Ausnahmen von Eliten) typischerweise einen niedrigeren sozialen Status innerhalb der Gesellschaft als Majoritäten und verfügen nicht selten über eingeschränkte gesellschaftliche Rechte oder Ressourcen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Minoritätsangehörigen im Vergleich zu Majoritätsangehörigen ihre Gruppenzugehörigkeit in sozialen Situationen häufiger präsent ist, wobei sie gleichzeitig in geringerem Maße positive Gefühlszustände aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit erleben (Lücken/Simon 2005).
1.2Grundlegende theoretische Perspektiven der Gruppenforschung
Der folgende Abschnitt gibt einen kurzen – und angesichts des Zweckes des vorliegenden Buches notwendigerweise selektiven – Überblick über einflussreiche theoretische Perspektiven der sozialpsychologischen Gruppenforschung.
1.2.1Persönlichkeit und individuelle Differenzen
Die historische Entwicklung der sozialpsychologischen (Inter-)Gruppenforschung am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde von zwei unterschiedlichen Perspektiven dieser Zeit geprägt: einerseits von Forschungsarbeiten, die kollektive Phänomene wie Kultur, Massen, Gesellschaft und die Beziehungen zwischen Gruppen in den Mittelpunkt stellten; andererseits von Forschungsarbeiten der experimentellen Psychologie, die sich auf die Erforschung individueller Phänomene beschränkte.
Letzter Ansatz geht davon aus, dass sich das Verhalten von Menschen in Gruppen (wie das Verhalten von Menschen allgemein) unmittelbar aus ihren individuellen Eigenschaften, Präferenzen und Interessen ableiten lässt. Um es mit Floyd Allport, dem Verfasser eines der ersten Lehrbücher für Sozialpsychologie auszudrücken: „There is no psychology of groups which is not essentially and entirely a psychology of individuals“ (Allport 1924, 4).
Die sozialpsychologische Forschung hat eine Vielzahl von Persönlichkeitseigenschaften und individuellen Differenzen identifiziert, die einen Beitrag zur Erklärung von Gruppenverhalten leisten (➔ z. B. in Kapitel 3: individuelles Selbstwertgefühl als Moderator der Effekte der Anwesenheit anderer Personen auf die eigene Leistung; in Kapitel 5: soziale Dominanzorientierung als Determinante von Vorurteilen; in Kapitel 7: politische Selbstwirksamkeitserwartung als Erklärung interindividueller Differenzen politischer Partizipation). Persönlichkeits- oder eigenschaftsbasierte Ansätze erklären allerdings nur unzureichend, warum sich Menschen als Mitglieder von Gruppen häufig anders verhalten als es ihre persönlichen Eigenschaften erwarten lassen (z. B. kooperativer und freundlicher gegenüber Mitgliedern ihrer Eigengruppe und wettbewerbsorientierter und feindseliger gegenüber Mitgliedern einer Fremdgruppe). Tatsächlich legt die empirische Forschung, entgegen dem Allport’schen Postulat, eine Diskontinuität zwischen individuellem Verhalten und Gruppenverhalten nahe, sodass man nicht einfach von den Eigenschaften von Individuen auf ihr Verhalten in Gruppensituationen extrapolieren kann (Sherif 1962, 5).
1.2.2Austausch und Interdependenz
„Austausch- oder Interdependenztheorien“ sehen in der wechselseitigen Abhängigkeit von Menschen in sozialen Interaktionen und Beziehungen den Schlüssel zum Verständnis von Interaktionen in Gruppen (z. B. Blau 1964; Thibaut/Kelley 1959). Die Kernannahmen dieser Perspektive sind wie folgt: Menschen sind im Hinblick auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse voneinander abhängig (interdependent). Die Bildung von relativ zeitstabilen Gruppen ermöglicht einen sicheren und vorhersehbaren wechselseitigen Austausch von materiellen und immateriellen Ressourcen. Durch Kooperationen mit anderen Gruppenmitgliedern können zudem Ziele erreicht werden, die individuell nicht erreicht werden könnten. Da Menschen in Gruppen ihre Beziehungen, Regeln und Ziele aufeinander abstimmen und gemeinsam definieren müssen, lassen sich ihre Verhaltensweisen nicht einfach aus ihren individuellen Eigenschaften ableiten; eine Gruppe selbst verhält sich dementsprechend typischerweise auch anders als die Summe ihrer Mitglieder.
Im Einklang mit „Theorien der rationalen Entscheidung“ („Rational-Choice Theories“) gehen Vertreter von Austausch- oder Interdependenzansätzen zudem davon aus, dass Menschen Interaktionen, die instrumentell für die individuelle Zielerreichung sind, als positiv empfinden und sie dementsprechend wiederholen. Sie schließen sich daher Gruppen an und verbleiben in ihnen, wenn sie erwarten, dass die Interaktionen innerhalb von Gruppen zu positiven Ergebnissen für sie führen; sie verlassen die Gruppe, wenn die Bedürfnisbefriedigung unter den Erwartungen bleibt und sich positivere Alternativen für die Realisierung individueller Ziele bieten. Die Annahme der wechselseitigen Abhängigkeit als einer zentralen psychologischen Grundlage für Gruppenprozesse findet sich in zahlreichen Ansätzen der Forschung zu zwischenmenschlichen Interaktionen innerhalb von Gruppen. So basieren Erklärungsansätze zum sozialen Einfluss (➔ Kapitel 2) beispielsweise auf der Prämisse, dass sich Menschen von anderen Menschen beeinflussen lassen, da sie im Hinblick auf die Validierung ihres Bildes von der Realität (informationaler Einfluss) oder auf ihr Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit (normativer Einfluss) auf andere Gruppenmitglieder angewiesen sind.
Die Interdependenzannahme spielt auch eine zentrale Rolle bei der Erforschung von Kooperationsverhalten in Gruppen (➔ Kapitel 3). Darüber hinaus liefert sie auch einen Ausgangspunkt für die Erklärung intergruppalen Verhaltens. So postuliert die in Kapitel 5 dargestellte „Theorie des realistischen Gruppenkonfliktes“ von Sherif et al. (z. B. Sherif 1966) beispielsweise, dass Vorurteile und Konflikte zwischen Gruppen dann entstehen, wenn innerhalb der Gruppen die Wahrnehmung vorherrscht, sie seien im Hinblick auf ein Ziel negativ interdependent (d. h., wenn eine Gruppe eine Ressource nur zulasten der anderen Gruppe nutzen kann).
1.2.3Soziale Kategorisierung und soziale Identität
Der „soziale Identitätsansatz“, der die „Theorie der sozialen Identität“ (Tajfel/Turner 1986) und ihre Weiterentwicklung in Form der „Selbstkategorisierungstheorie“ (Turner et al. 1987) umfasst, betont die kognitiven Grundlagen der Gruppenbildung. Diesem Ansatz zufolge ist Interdependenz zwar eine hinreichende, nicht aber eine notwendige Bedingung dafür, dass Menschen Gruppen bilden und sich entsprechend ihrer Gruppenzugehörigkeit verhalten. Notwendig ist vielmehr, dass Personen sich selbst und andere Personen als gleiche (austauschbare) Elemente einer sozialen Kategorie wahrnehmen. Ausgangspunkt der Entwicklung des sozialen Identitätsansatzes waren Ergebnisse der Experimente mit minimalen Gruppen von Tajfel und Mitarbeitern (z. B. Tajfel et al. 1971).
In einem paradigmatischen Experiment von Tajfel et al. (1971, Exp. 2) wurden die Untersuchungspersonen (14- bis 15-jährige Schüler) auf der Basis ihrer angeblichen Präferenzen für einen von zwei abstrakten Malern (Klee oder Kandinsky) in zwei Gruppen eingeteilt – tatsächlich erfolgte die Einteilung nach dem Zufallsprinzip. Im weiteren Verlauf der Untersuchung wurden sie gebeten, kleinere Geldbeträge zwei anderen Personen zuzuteilen, von denen jeweils eine Person zur Eigen- und die andere zur Fremdgruppe gehörte. Sich selbst konnten die Untersuchungspersonen kein Geld zuteilen. Die Gruppen werden als „minimal“ bezeichnet, da zentrale Bedingungen, die üblicherweise in Gruppensituationen vorherrschen, durch das experimentelle Paradigma gezielt ausgeschlossen wurden. So bestand weder innerhalb noch zwischen den Gruppen Face-to-Face-Interaktion, die Untersuchungspersonen wussten nicht, wer in der Eigen- und wer in der Fremdgruppe war, es bestand keine rationale oder instrumentelle Verbindung zwischen der Gruppeneinteilung und der Art der Aufgabe und die Zuteilung brachte keinen persönlichen Vorteil (d. h., die Gruppenmitglieder waren nicht interdependent). Gruppenstiftend war allein die Kategorisierungsinformation.
Überraschenderweise war schon unter diesen minimalen Bedingungen und in Abwesenheit von Interdependenz eine systematische Tendenz zur Bevorzugung der Mitglieder der Eigengruppe gegenüber Mitgliedern der Fremdgruppe zu beobachten.
Das Herzstück der Erklärung für die in den Minimalgruppenexperimenten beobachteten Effekte aus der Perspektive des sozialen Identitätsansatzes ist das Konzept der sozialen Identität. Der „Theorie der sozialen Identität“ zufolge stellt die Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppen die psychologische Basis dafür dar, dass sich Personen nicht länger im Sinne ihrer individuellen Identität, sondern auf der Basis ihrer Gruppenzugehörigkeit hinsichtlich ihrer sozialen Identität definieren. Formen der sozialen Diskriminierung, wie sie in basaler Form in minimalen Gruppenexperimenten zu beobachten sind, lassen sich dieser Perspektive zufolge als eine Strategie verstehen, eine positive soziale Identität herzustellen.
Die „Selbstkategorisierungstheorie“ hat die Bedeutung des Konzeptes der sozialen Identität zur Erklärung von Verhalten innerhalb und zwischen Gruppen weiter ausgearbeitet. Der Begriff „personale Identität“ bezieht sich in diesem Forschungszusammenhang auf eine Definition einer Person als einzigartiges und unverwechselbares Individuum, die auf einer interpersonalen Differenzierung auf der Basis individueller Merkmale beruht („ich“ vs. „du“ oder „ihr“). Der Begriff der „sozialen Identität“ bezieht sich demgegenüber auf eine Selbstdefinition als austauschbares Gruppenmitglied, die aus einer intergruppalen Differenzierung zwischen Eigen- und Fremdgruppe auf der Basis gruppentypischer Merkmale resultiert („wir“ vs. „die“). Relativ zur personalen Identität basiert die soziale Identität auf einer inklusiveren Selbstdefinition, da die Mitglieder einer Gruppe oder sozialen Kategorie, zu der die Person gehört (der Eigengruppe), in die Selbstdefinition eingeschlossen werden („wir Psychologen“, „wir Deutschen“ etc.).
Vertreter des sozialen Identitätsansatzes nehmen an, dass in dem Maße, in dem sich Menschen im Sinne ihrer sozialen Identität definieren, das Erleben und Verhalten dieser Person durch die in der entsprechenden Gruppe vorherrschenden Werte, Normen, Einstellungen etc. beeinflusst wird. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass personale und soziale Identität nicht als statische Konzepte zu verstehen sind, sondern als dynamisch und kontextabhängig. Eine Person kann sich also, je nach Kontextbedingungen in einer Interaktionssituation in erster Linie als Mann sehen (im Unterschied zu den anwesenden Frauen), in der nächsten als Psychologe (im Unterschied zu den anwesenden Biologen) und in der darauffolgenden als einzigartiges Individuum, wobei jeweils die entsprechenden identitätsspezifischen Werte, Normen und Einstellungen das Erleben und Verhalten bestimmen. Der soziale Identitätsansatz hat zu einer Vielzahl von Erklärungen für intragruppale Prozesse (➔ z. B. in Kapitel 2: sozialer Einfluss; in Kapitel 3: Führungsverhalten) oder intergruppale Prozesse beigetragen (➔ z. B. in Kapitel 4: Stereotype und Vorurteile; in Kapitel 5: Konflikte zwischen Gruppen).
1.2.4Soziale Kognitionen
Eine weitere einflussreiche Perspektive im Kontext der Gruppenforschung, insbesondere der Erforschung von Intergruppenprozessen, ist die soziale Kognitionsforschung. Generalthema der sozialen Kognitionsforschung ist die Frage, wie Menschen Informationen über andere Menschen und Gruppen verarbeiten, wie diese Informationen mental organisiert, gespeichert und abgerufen werden und wie sich diese Verarbeitungsprozesse auf die subjektive Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Realität auswirken (Bless et al. 2004; Fiske/Taylor 1991).
Die soziale Kognitionsforschung stellt kein einheitliches theoretisches Rahmenwerk für die Analyse von Gruppenprozessen dar; vielmehr basieren die unter dieser Forschungsperspektive entwickelten Erklärungsansätze und Modelle auf einer Reihe von gemeinsamen Prämissen. Eine dieser Prämissen ist, dass sich Informationsverarbeitungsprozesse dahingehend unterscheiden lassen, inwieweit sie automatisch oder kontrolliert verlaufen. Automatische Prozesse sind u. a. dadurch gekennzeichnet, dass sie wenig kognitive Ressourcen verbrauchen, nicht kontrolliert werden müssen (oder kontrolliert werden können) und unterhalb der Bewusstseinsschwelle ablaufen (z. B. Bargh 1999). Kontrollierte Prozesse benötigen demgegenüber erhebliche kognitive Ressourcen, sie erfordern aktive Regulation, die von einer Person (zumindest teilweise) bewusst gesteuert werden kann. Das Kontinuum-Modell von Susan Fiske und Steven Neuberg (z. B. Fiske/Neuberg 1990) – eines der einflussreichsten Modelle zur Frage, wie sich Menschen Eindrücke von anderen Menschen bilden – geht beispielsweise davon aus, dass die Eindrucksbildung stets mit einer automatischen Kategorisierung der fremden Person beginnt, die auf der Grundlage leicht beobachtbarer Merkmale erfolgt (z. B. der Hautfarbe, dem Geschlecht oder dem Alter). Die Zielperson wird also zunächst – ohne dass der Wahrnehmende dies beabsichtigt – im Sinne ihrer Kategorienzugehörigkeit und der damit assoziierten stereotypischen Eigenschaften wahrgenommen (z. B. als Schwarzer). Nur wenn die Motivation zu einer kontrollierten Form der Informationsverarbeitung vorhanden ist, wird die kategorien- oder stereotypenbasierte Informationsverarbeitung zugunsten einer eigenschaftsbasierten Informationsverarbeitung aufgegeben, bei der die wahrnehmende Person Schritt für Schritt die individuellen Eigenschaften und Merkmale der Zielperson bei der Eindrucksbildung berücksichtigt (z. B. Colin, ein 25-jähriger dunkelhäutiger Psychologiestudent, der gern über politische Themen diskutiert und gut Fußball spielt).
Die Unterscheidung zwischen automatischer und kontrollierter Informationsverarbeitung bei der Eindrucksbildung wird auch von der sozial-neurowissenschaftlichen Forschung unterstützt. Studien zeigen, dass bei einer subliminalen Darbietung von Bildern von (ethnischen) Fremdgruppenmitgliedern eine stärkere Aktivierung der Amygdala (einer mit Emotionen assoziierten Hirnregion) erfolgt als bei Bildern von Eigengruppenmitgliedern. Bei längerem (bewusstem) Betrachten von Fremdgruppenbildern scheinen hingegen Regionen, die für die Regulierung und Kontrolle von Reaktionen zuständig sind, vermehrt aktiviert zu sein (für einen Überblick: Ito/Bartholow 2009).
Die soziale Kognitionsforschung hat zahlreiche Modelle und empirische Befunde hervorgebracht, die für die Erklärung von Verhalten innerhalb und zwischen Gruppen von grundlegender Bedeutung sind (➔ z. B. in Kapitel 3: Verarbeitung von Minoritäts- oder Majoritätsargumenten; in Kapitel 4: reflexive Reaktionen auf Stigmata).
1.3Gruppensozialisation
Wie „funktionieren“ Gruppen? Welche Phasen der Gruppensozialisation lassen sich unterscheiden?
1.3.1Normen und Rollen
Das individuelle Verhalten der Gruppenmitglieder wird durch soziale Normen koordiniert. Soziale Normen sind von den Gruppenmitgliedern konsensual geteilte Erwartungen; sie beziehen sich darauf, wie man sich als Gruppenmitglied in bestimmten sozialen Situationen verhalten sollte (und wie nicht). Das Befolgen dieser Erwartungen wird in vorhersehbarer Weise positiv, die Abweichung negativ sozial sanktioniert. Normen sind sozial (gesellschaftlich oder kulturell) bedingt und variieren daher zwischen Gruppen (Gesellschaften oder Kulturen). Soziale Normen können sich sowohl auf das Verhalten der Mitglieder innerhalb der Gruppe beziehen als auch darauf, wie sich Mitglieder der jeweiligen Gruppe gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen verhalten sollen. Soziale Normen dienen u. a. den folgenden Funktionen (Cartwright/Zander 1968):
Gruppenlokomotion: Normen gewährleisten die Übereinstimmung der Gruppenmitglieder im Hinblick auf die Gruppenziele und die Zielerreichung.
Aufrechterhaltung der Gruppe: Normen führen zu einer Stabilisierung von Verhaltenserwartungen – eine wichtige Voraussetzung für befriedigende Interaktionen zwischen Gruppenmitgliedern.
Interpretation der sozialen Wirklichkeit: Normen kreieren und erhalten einen gemeinschaftlich geteilten Bezugs- und Interpretationsrahmen für die Bewertung von Ereignissen und Verhaltensweisen.
Definition der Beziehungen zur sozialen Umwelt: Normen dienen der Gruppe dazu, sich von anderen Gruppen abzugrenzen oder zu unterscheiden. Sie definieren die „Identität“ der Gruppe.
Bei der Untersuchung des Einflusses von Normen auf individuelles Verhalten hat es sich als sinnvoll erwiesen, zwischen zwei Typen von Normen zu unterscheiden: „injunktive Normen“ und „deskriptive Normen“. Der Begriff „injunktive Norm“ bezieht sich auf die Wahrnehmung, welches Verhalten von anderen gebilligt wird und welches nicht („Man soll seinen Abfall nicht einfach herumliegen lassen.“). Normen dieses Typs motivieren Verhalten durch die Antizipation von Belohnungen (oder Bestrafungen) für normatives (oder nicht normatives) Verhalten.
Der Begriff „deskriptive Norm“ bezieht sich auf die Wahrnehmung der Gruppenmitglieder, wie sich die meisten für gewöhnlich in einer Situation verhalten („Im Kino lassen die meisten ihren Abfall liegen.“). Normen dieses Typs motivieren Verhalten dadurch, dass sie darüber informieren, was offenbar angemessen oder sinnvoll ist („Wenn alle es tun, wird es seine Richtigkeit haben.“). Je nach sozialer Situation können diese Normen gegensätzliche Verhaltensweisen stimulieren (Kallgren et al. 2000). An welcher Norm (injunktiv vs. deskriptiv) sich Menschen in einer konkreten sozialen Situation orientieren, hängt von der situativen Salienz der Norm ab. Die Forschung zeigt, dass sich Menschen über den Einfluss von Normen auf ihr eigenes Verhalten nur selten bewusst sind.
Während soziale Normen definieren, wie sich Gruppenmitglieder im Allgemeinen zu verhalten haben, definieren soziale Rollen, wie Menschen sich verhalten sollen, die eine bestimmte Position innerhalb einer Gruppe (oder im weiteren Sinne einer Gesellschaft) innehaben (z. B. Berufsrollen, Geschlechtsrollen, familiäre Rollen). Ebenso wie Gruppennormen erleichtern soziale Rollen das koordinierte Handeln innerhalb von Gruppen, da sie Handlungsroutinen und Skripte für soziale Interaktionen bereitstellen und soziale Interaktionen durch Standardisierung vorhersehbar machen.
1.3.2Phasen der Gruppensozialisation
Moreland und Levine (1982) haben ein Modell vorgestellt, das den Gruppensozialisationsprozess beschreibt und erklärt. Es wird angenommen, dass sich die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe über die Zeit hinweg systematisch verändert und dass sowohl Individuum als auch Gruppe als Agenten zu dieser Veränderung beitragen. Das Modell ist für die Analyse von Prozessen innerhalb von Gruppen konzipiert worden, die über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen, deren Mitglieder wechselseitig voneinander abhängig sind und direkt miteinander interagieren (z. B. Arbeits- oder Projektgruppen innerhalb von Organisationen oder Sportmannschaften). In dem Modell werden fünf Phasen der Gruppenmitgliedschaft unterschieden:
Erkundung: In dieser Phase suchen sich Gruppen Individuen, die einen Beitrag zur Erreichung der Gruppenziele leisten können. Individuen (als potenzielle zukünftige Gruppenmitglieder) suchen wiederum nach Gruppen, die ihre Bedürfnisse befriedigen können. Legen sich beide Parteien darauf fest, eine Beziehung einzugehen, kommt es zum Eintritt in eine Gruppe (der „Initiation“). Dieser Eintritt ist häufig durch einen Ritus, eine Zeremonie oder eine formalen Geste gekennzeichnet, die signalisiert, dass sich die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe verändert hat; er markiert den Übergang zur Sozialisationsphase.
Sozialisation: Gruppe und Individuum versuchen einander in wechselseitigen sozialen Einflussprozessen so zu verändern, dass ihre Beziehung für beide Seiten gewinnbringend ist. Die Einflussprozesse der Gruppe zielen darauf ab, den Beitrag des Individuums zum Erreichen der Gruppenziele zu fördern, indem ihm z. B. die Gruppennormen und -regeln sowie seine Position und Rolle in der Gruppe vermittelt werden („Assimilationsprozess“). Der Einfluss des Individuums ist hingegen darauf gerichtet, die Gruppe so zu verändern, dass sie seine Bedürfnisse optimal befriedigt. Neue Mitglieder können z. B. versuchen, bestehende Normen und Regeln gemäß ihren persönlichen Zielen zu verändern („Akkommodationsprozess“). Wenn sich beide Seiten infolge der Sozialisationserfahrungen weiterhin auf die Beziehung festlegen, kommt es zur wechselseitigen Akzeptanz und das Individuum wird zum Vollmitglied.
Aufrechterhaltung: Nach der Akzeptanz beginnt die Phase der Aufrechterhaltung der Gruppenzugehörigkeit. Gruppe und Individuum verhandeln über Veränderungen der Position des Individuums innerhalb der Gruppe oder die Übernahme neuer Rollen (z. B. Führungsrollen), die sowohl dem Erreichen der Gruppenziele als auch den Bedürfnissen des Individuums dienen. Die gruppale bzw. individuelle Festlegung („Commitment“) sollte umso höher sein, je erfolgreicher und gewinnbringender dieser Aushandlungsprozess ist.
Resozialisierung: Wenn ein Mitglied es nicht schafft, die Erwartungen der Gruppe zu erfüllen, kann die Festlegung der Gruppe auf das Mitglied nachlassen. Umgekehrt kann das Interesse eines Mitglieds an der Gruppe nachlassen, weil es mit seiner Rolle innerhalb der Gruppe unzufrieden ist oder weil es andere, für die Bedürfnisbefriedigung attraktiver erscheinende Gruppen gibt. Beide Prozesse können dazu führen, dass das Mitglied seine Rolle in der Gruppe verliert und von einem Vollmitglied zu einem randständigen Mitglied wird. Wenn Randständigkeit innerhalb der Gruppe als Abweichung von zentralen Gruppennormen oder Werten interpretiert wird, können „Abweichler“ erheblichem Druck ausgesetzt sein, sich wieder der Gruppe anzupassen („Resozialisierung“) oder aber die Gruppe zu verlassen.
Menschen reagieren auf den Ausschluss aus Gruppen in der Regel äußerst sensibel (Williams 2007). Wie neuropsychologische Untersuchungen zeigen, sind in Situationen, in denen sich Menschen sozial ausgeschlossen fühlen, offenbar dieselben Hirnareale aktiviert wie bei der Empfindung körperlichen Schmerzes (Eisenberger et al. 2003). Wenn die Zugehörigkeit zur Gruppe einen hohen Stellenwert für das Individuum hat, kann die Angst davor, ausgeschlossen zu werden, dazu führen, dass es sich den Normen anpasst, auch wenn es diese eigentlich nicht akzeptiert (➔ Kap. 2, Abschnitt 2.1). Andernfalls kommt es infolge der nachlassenden Festlegung zum Austritt aus der Gruppe.
Erinnerung: Nach dem Austritt aus der Gruppe bewerten das Exmitglied und die Gruppe rückblickend ihre Beziehung. Beide halten in gewissem Rahmen an der Beziehung fest, falls sie die Beziehung als positiv und gewinnbringend beurteilen.
2Sozialer Einfluss in Gruppen
Unter „sozialem Einfluss“ versteht man in der Sozialpsychologie den Prozess der Veränderung individueller Einstellungen, Werte, Verhaltensweisen etc. aufgrund der Konfrontation mit relevanten Informationen durch andere Personen. In den ersten Abschnitten dieses Kapitels widmen wir uns der Frage, welche Rolle es für die Wirksamkeit von Einflussprozessen spielt, ob die Informationen durch eine numerische Majorität oder eine numerische Minorität präsentiert werden. In einem weiteren Abschnitt gehen wir der Frage nach, welche Rolle der intragruppale Status der Einflussquelle spielt.
2.1Majoritätseinfluss
Die ersten sozialpsychologischen Studien zu sozialem Einfluss untersuchten, warum Menschen sich durch Majoritäten beeinflussen lassen.
Konformität: Unter Konformität wird die Veränderung individueller Verhaltensweisen, Überzeugungen, Einstellungen etc. infolge sozialer Beeinflussung durch eine numerische Majorität (Mehrheit) der Gruppenmitglieder verstanden. Die individuellen Positionen werden infolge dieses Einflusses an die Majoritätsposition angepasst.
Seit der einflussreichen Analyse von Deutsch und Gerard (1955) wird Majoritätseinfluss auf zwei unterschiedliche Prozesse zurückgeführt: auf den informationalen und den normativen Einfluss.
2.1.1Informationaler Einfluss
Informationaler Einfluss beruht auf dem Bedürfnis, ein möglichst akkurates Bild der sozialen Realität zu erhalten. In Situationen, in denen sich Menschen selbst unsicher bezüglich der Einschätzung eines Sachverhaltes sind, orientieren sie sich daran, wie die meisten anderen Personen (d. h. die Majorität) den Sachverhalt einschätzen bzw. sich demgegenüber verhalten.
Informationaler Einfluss: Sozialer Einfluss, der darauf beruht, dass man die durch eine Majorität erhaltenen Informationen als angemessene Interpretationen der Realität akzeptiert.
Ein wichtiger Grundstein für das Verständnis informationalen Einflusses wurde durch Experimente von Sherif (1936) zur Formierung sozialer Normen gelegt. Für seine Untersuchung machte sich Sherif eine optische Täuschung zunutze – den sogenannten „autokinetischen Effekt“. Bei diesem Effekt scheint sich ein stationärer Lichtpunkt aufgrund der natürlichen ruckartigen Augenbewegung zu bewegen, wenn er in einem dunklen Raum unter Abwesenheit objektiver Referenzpunkte fixiert wird.
In Sherifs Untersuchung sollten die Untersuchungspersonen, die das autokinetische Phänomen nicht kannten, in einer Serie von Durchgängen mündlich angeben, wie weit sich der jeweils präsentierte Lichtpunkt ihrer Einschätzung nach bewegte. Gaben sie ihre Urteile alleine ab, entwickelte sich im Verlauf der Durchgänge eine persönliche Norm (d. h., die Einschätzungen variierten immer dichter um einen bestimmten Schätzwert, der von Person zu Person unterschiedlich war). Schon nach wenigen Durchgängen in einer Gruppe konvergierten die Einschätzungen allerdings auf eine gemeinsame mittlere Position (die Gruppennorm), an der sich die Untersuchungspersonen auch dann noch orientierten, wenn sie später wieder alleine urteilten. Letzterer Befund ist besonders relevant, da er nahelegt, dass die Personen ihre ursprüngliche (persönliche) Norm aufgegeben hatten, weil sie davon überzeugt waren, die Schätzung der Gruppe sei korrekter als ihre individuelle Schätzung.
2.1.2Normativer Einfluss
Im Unterschied zu informationalem Einfluss beruht normativer Einfluss auf dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialer Anerkennung.
Normativer Einfluss: Sozialer Einfluss, der darauf beruht, dass man die Erwartungen der Majorität erfüllen und negative Sanktionen bei normabweichendem Verhalten vermeiden möchte.
In einer Serie paradigmatischer Experimente zeigte Asch (1956), dass Menschen sich auch dann der Position einer Majorität anpassen, wenn diese einen Sachverhalt ganz offensichtlich falsch beurteilt. Im Standardexperiment dieser Serie sollten die Untersuchungspersonen in einer Folge von 18 Durchgängen jeweils entscheiden, welche von drei Vergleichslinien die gleiche Länge wie eine Referenzlinie aufwies (Abb. 2.1). Diese Aufgabe war so einfach, dass in einer Kontrollbedingung, in der die Untersuchungspersonen allein anwesend waren, 95% der Untersuchungspersonen keinen einzigen Fehler machten. Anders verhielt es sich hingegen in der Experimentalgruppe, in der die Untersuchungspersonen ihr Urteil abgaben, nachdem zuvor mehrere andere Personen (tatsächlich Assistenten der Versuchsleitung) einstimmig und öffentlich ein falsches Urteil abgegeben hatten. Unter dieser Bedingung waren fast 37% der von den Untersuchungspersonen insgesamt abgegebenen Urteile falsch und entsprachen dem Urteil der Majorität.

Abb. 2.1 Illustration des Stimulusmaterials, das in den Konformitätsstudien von Asch verwendet wurde (nach Asch 1956)
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede Untersuchungsperson gleich viele Fehleinschätzungen abgab – tatsächlich zeigte sich eine deutliche interindividuelle Varianz. Nichtsdestotrotz bleibt bemerkenswert, dass über eine Serie von drei Experimenten hinweg nur 24% der Untersuchungspersonen der Experimentalgruppe sich in keinem der Durchgänge vom Majoritätsurteil beeinflussen ließ und immer die korrekte Antwort gab.
Wenn Menschen sich in öffentlichen Situationen normenkonform verhalten, ohne dass sie die entsprechende Norm privat akzeptieren, wird dies als „compliance“ bezeichnet. Bei Untersuchungen mit dem „Asch-Paradigma“ ist der Effekt des normativen Einflusses bereits zu beobachten, wenn eine Person mit zwei Personen konfrontiert ist, die einstimmig eine andere Meinung vertreten. Zusätzliche Personen führen zu vergleichsweise geringeren Effektsteigerungen. Es bedarf also nicht unbedingt einer zahlenmäßig extrem überlegenen Majorität, um Konformität auf der Basis von normativem Einfluss zu erzeugen.
Welche situativen Bedingungen begünstigen (oder unterminieren) Konformität aufgrund normativen Einflusses? Begünstigend wirkt sich insbesondere die öffentliche Identifizierbarkeit der eigenen Position aus. Tatsächlich reduzierte sich die Konformität der Untersuchungspersonen in Untersuchungen mit dem Asch-Paradigma drastisch, wenn die Untersuchungsperson ihr Urteil nicht durch ein öffentlich sichtbares Handzeichen, sondern schriftlich (geheim) abgeben konnte. Konformes Verhalten wird auch dann weniger wahrscheinlich, wenn die Einstimmigkeit der Majorität durch „Abweichlerinnen“ oder „Abweichler“ untergraben wird. In einer Variation des Asch-Paradigmas gab ein Assistent des Versuchleiters unmittelbar vor der Untersuchungsperson ein korrektes Urteil ab. Das Ausmaß der Tendenz zur Konformität verringerte sich dadurch drastisch – auf 5,5%.
Um herauszufinden, ob die Abnahme der Konformität durch das Aufbrechen der Einstimmigkeit der Majoritätsmeinung bedingt war oder dadurch, dass die Untersuchungsperson soziale Unterstützung für ihre eigene Meinung vermutete, kreierte Asch eine weitere Bedingung. Der Assistent gab nun ebenfalls ein von der Majorität abweichendes Urteil ab, dieses war jedoch ebenfalls falsch. Die Ergebnisse zeigten, dass diese Abweichung im Hinblick auf die Reduktion von Konformität ebenso wirksam war wie ein korrektes Urteil. Dieser Befund unterstreicht, wie wichtig „Abweichler“ oder „Abweichlerinnen“ als Rollenmodelle für Widerstand gegen Konformitätsdruck sind – eine Schlussfolgerung, die durch eine Reihe ähnlicher Untersuchungen untermauert wird (Allen 1975).
2.2Minoritätseinfluss und Majoritäts-Minoritätsunterschiede
Die bisherige Darstellung mag den Eindruck erwecken, dass sozialer Einfluss unidirektional verläuft – die Majorität übt Einfluss auf eine Minorität aus. Allerdings existieren zahlreiche historische Beispiele dafür, dass Erneuerung und Fortschritt in Wissenschaft, Kunst oder Politik dadurch ausgelöst wurden, dass Majoritäten Positionen übernommen haben, die ursprünglich nur von Einzelpersonen oder Minoritäten innerhalb der Gruppe (oder Gesellschaft) vertreten wurden – man denke an Galileo, Freud oder Marx oder an die Einflüsse sozialer Bewegungen wie der Anti-Atomkraftbewegung oder der Umweltbewegung.
2.2.1Minoritätseinfluss
Diese Beobachtungen führten den Sozialpsychologen Moscovici zur Entwicklung seiner einflussreichen „Theorie des Minoritätseinflusses“ (Moscovici 1976). Dieser Theorie zufolge ist der Minoritätseinfluss eine entscheidende Triebkraft für Innovation und sozialen Wandel innerhalb von Gruppen und Gesellschaften (Majoritäten sorgen hingegen eher für Stabilität und Traditionalismus). Die Wirksamkeit von Minoritätseinfluss hängt der Theorie von Moscovici zufolge entscheidend vom Verhaltensstil der Minorität ab: Eine Minorität wird insbesondere dann erfolgreich (informationalen) sozialen Einfluss ausüben, wenn sie ihren abweichenden Standpunkt konsistent vertritt, d. h., wenn sie ihre Position einstimmig und über die Zeit hinweg aufrechterhält.
Um ihre Hypothesen zum Minoritätseinfluss zu testen, verwendeten Moscovici, Lage und Naffrechoux (1969) ein „Spiegelbild“ des Paradigmas von Asch. In Sechsergruppen (vier tatsächliche Untersuchungspersonen und zwei als Untersuchungspersonen „getarnte“ Assistenten der Versuchsleitung) sollte die Farbe einer Serie von Dias beurteilt werden (alle Dias waren blau, variierten aber hinsichtlich der Helligkeit). Wenn die beiden Assistenten der Versuchsleitung in allen Durchgängen darauf bestanden, dass die Dias grün waren, schloss sich tatsächlich ein kleiner aber statistisch bedeutsamer Teil der Untersuchungspersonen in mindestens einem Durchgang dieser Einschätzung an. Wenn sie sich allerdings inkonsistent verhielten, war kein Einfluss auf die Einschätzungen der Mehrheit nachzuweisen. Diese Befunde sind repräsentativ für weitere Forschungsergebnisse, die den Einfluss konsistent auftretender Minoritäten auf die Majorität belegen.
Im Rahmen seiner „Konversionstheorie“ postuliert Moscovici (1980), dass Minoritätseinfluss und Majoritätseinfluss auf unterschiedlichen psychologischen Prozessen beruhen – ersterer auf Validierungsprozessen (d. h. auf systematischer Verarbeitung der Minoritätsargumente aufgrund eines kognitiven Konfliktes zwischen eigener und Minoritätsmeinung) und letzterer auf Vergleichsprozessen (d. h. auf relativ oberflächlicher Verarbeitung, die durch das Bedürfnis geprägt ist, die durch einen Meinungskonflikt entstehende Bedrohung der eigenen Zugehörigkeit zur Majorität durch Anpassung aufzulösen). Seiner Auffassung nach sollte Minoritätseinfluss daher eher zu privater Akzeptanz (Konversion), Majoritätseinfluss hingegen eher zu „compliance“ führen. Die empirische Befundlage ist diesbezüglich allerdings nicht einheitlich. Einerseits gibt es Belege dafür, dass sowohl Einflussversuche von Minoritäten als auch von Mehrheiten innerhalb von Gruppen systematische Verarbeitungsprozesse bewirken können. Andererseits gibt es auch Belege dafür, dass Einstellungen, die durch Minoritätseinfluss zustande gekommen sind, resistenter gegen Veränderung sind – was im Einklang mit den ursprünglichen Überlegungen von Moscovici steht (z. B. Martin et al. 2007).
2.2.2Die Rolle von Gruppenidentifikation
Verschiedene Forscherinnen und Forscher haben darauf hingewiesen, dass die Eigen- und Fremdgruppenbeziehung zwischen der Quelle des sozialen Einflussversuches und der eigenen Person von zentraler Bedeutung für die Effektivität von sozialem Einfluss ist (z. B. Mugny et al. 1995). David und Turner (2001) gehen in ihrer Analyse sozialer Einflussprozesse auf der Basis der „Selbstkategorisierungstheorie“ davon aus, dass nur diejenigen Personen sozialen Einfluss ausüben können, die auf für den Einfluss relevanten Dimensionen als ähnlich zum eigenen Selbst wahrgenommen werden. Es sollte daher dann zu sozialem Einfluss kommen, wenn
die Einflussquelle(n) als Mitglied(er) der Eigengruppe wahrgenommen wird/werden (Einflussversuche von Fremdgruppenmitgliedern sollten hingegen zurückgewiesen werden) und
die Position der Quelle(n) relativ prototypisch für die Eigengruppe ist (d. h., sie ist typisch für die Eigengruppe, aber wenig typisch für die Fremdgruppe).
Aus diesen Annahmen folgt auch, dass Minoritäten nur dann Einfluss ausüben können, wenn sie von der Person als Teil der Eigengruppe definiert werden. Dem Minoritätseinfluss muss daher eine Form der Rekategorisierung vorausgehen, durch welche die Minorität nicht länger als Fremdgruppe, sondern als Teil einer Eigengruppe wahrgenommen wird (z. B. als Teil einer gemeinsamen Wertegemeinschaft). Empirische Belege sprechen dafür, dass sich Menschen im Einklang mit der Selbstkategorisierungstheorie typischerweise eher von (prototypischen) Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe beeinflussen lassen. Dennoch kann unter bestimmten Bedingungen auch Einfluss von Fremdgruppenmitgliedern ausgeübt werden (z. B. dann, wenn die von der Minorität vertretene Position besonders stark mit Eigengruppennormen konfligiert) (zum Überblick: Pérez/Mugny 1998).
2.3Sozialer Einfluss durch Autoritäten
Bislang haben wir uns damit befasst, weshalb sich Personen durch Gruppenmitglieder beeinflussen lassen, die den gleichen Status haben wie sie selbst. Ein anderer Fall liegt vor, wenn Einfluss von einer Autorität innerhalb der Gruppe ausgeübt wird. Im Folgenden werden wir uns zuerst mit dem Phänomen des Gehorsams gegenüber Autoritäten beschäftigen. Anschließend präsentieren wir Forschungsarbeiten, die sich mit der wahrgenommenen Behandlung durch Autoritäten als zentraler Determinante der Bereitschaft befassen, sich gruppenkonform zu verhalten.
2.3.1Gehorsam gegenüber Autoritäten
Eine Vielzahl von Studien belegt, dass ein hoher formeller oder informeller Status die Möglichkeiten deutlich erhöht, Meinungen und Verhaltensweisen anderer Personen zu beeinflussen. Zu den vielleicht eindrücklichsten Forschungsarbeiten in diesem Kontext gehören die Arbeiten von Milgram (1974).
In einer als Lernexperiment getarnten Untersuchung wurde psychisch unauffälligen erwachsenen Untersuchungspersonen unterschiedlicher sozialer Herkunft die Rolle eines „Lehrers“ zugeteilt, dessen Aufgabe es war, falsche Antworten eines „Schülers“ durch die Applikation von Elektroschocks zu bestrafen (angeblich um herauszufinden, wie sich Bestrafung auf Lernen auswirkt). Bei dem Schüler handelte es sich vermeintlich um eine andere Untersuchungsperson, tatsächlich war der Schüler aber ein Assistent des Versuchsleiters. Der Schüler wurde im angrenzenden Raum an einen Stuhl geschnallt und an seinem Arm wurden Elektroden befestigt. Der Versuchsleiter wies die Person in der Lehrerrolle an, beim ersten Fehler des Schülers über einen Schockgenerator einen Schock von 15 Volt zu applizieren und die Dosis mit jedem weiteren Fehler um 15 Volt bis zu 450 Volt zu erhöhen.
Der Schüler gab bei den ersten Durchgängen zunächst die richtigen Antworten, machte dann jedoch wiederholt Fehler. In einer Serie von Experimenten beobachtete Milgram, dass ein hoher Prozentsatz der Untersuchungspersonen dem Schüler als Bestrafung für falsche Antworten intensive elektrische Schocks verabreichte – und dies, obwohl diese Untersuchungspersonen glaubten, die Schocks wären sehr schmerzhaft und sogar lebensbedrohlich für die andere Person. Beginnend mit der Applikation von 75 Volt konnten die Untersuchungspersonen hören, wie der Schüler schmerzhafte Schreie ausstieß, ab einer Dosis von 150 Volt bat der Schüler den Versuchsleiter darum, das Experiment abzubrechen. Nichtsdestotrotz folgte ein Großteil der Untersuchungspersonen den Aufforderungen des Versuchsleiters, das Experiment fortzusetzen. Über 60% waren sogar bereit, die Maximaldosis von 450 Volt zu applizieren.
Als Milgram seine Experimente durchführte, herrschte in der Wissenschaft (und der weiteren Gesellschaft) die Auffassung vor, nur Personen, die einen besonders obrigkeitshörigen Charakter hätten, wären zu destruktivem Gehorsam bereit (➔ Abschnitt zur autoritären Persönlichkeit in Kapitel 4). Milgrams Experimente legen hingegen nahe, dass auch der „Durchschnittsmensch“ dazu gebracht werden kann, einer Autorität Folge zu leisten, selbst wenn das geforderte Verhalten gegen eigene Werte und Überzeugungen verstößt. Wie lässt sich dies erklären?
Normativer Einfluss: In den Experimenten von Milgram machte es der normative Druck den Untersuchungspersonen schwer, die Vergabe von Schocks für fehlerhafte Antworten des Schülers zu verweigern. Der Versuchsleiter war bemüht, die Untersuchungspersonen gezielt durch autoritäres Auftreten und strenge Instruktionen dazu zu bringen, Gehorsam zu leisten. Diese Instruktionen waren streng standardisiert. Falls eine Untersuchungsperson keine Schocks verabreichen wollte, folgte eine erste Instruktion („Bitte machen Sie weiter!“); war diese nicht erfolgreich, folgte eine zweite („Das Experiment verlangt es, dass sie weitermachen!“), danach eine dritte („Es ist absolut essenziell, dass sie weitermachen!“) und schließlich eine vierte Instruktion („Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen.“). Wenn eine Autoritätsperson so darauf besteht, dass man gehorcht, ist es für viele Menschen schwierig, sich zu widersetzen.
Informationaler Einfluss: Der Versuchsleiter war zwar autoritär und fordernd, nichtsdestotrotz wurden die Untersuchungspersonen in keiner Weise bedroht, und es war ihnen freigestellt, aufzustehen und zu gehen. Warum taten viele von ihnen dies also nicht? Hier kommt die Macht informationalen Einflusses ins Spiel. Wie wir bereits erläutert haben, ist informationaler Einfluss insbesondere in mehrdeutigen, unklaren oder neuen Situationen wirksam, für welche die Menschen keine Verhaltensroutinen haben. In diesen Situationen orientieren sich Menschen an anderen Personen. Eine solche Situation stellte auch die Untersuchungssituation dar: Der Schüler schrie zwar vor Schmerz, der Versuchsleiter erklärte aber, dass die Schocks keinen dauerhaften Schaden anrichten würden, auch wenn sie schmerzhaft seien. Die Untersuchungspersonen befanden sich in einer Dilemmasituation – einerseits wollten sie niemanden verletzen, andererseits hatten sie eingewilligt, an einer wissenschaftlichen Untersuchung teilzunehmen. Diese Dilemmasituation begünstigte, dass sich die Untersuchungspersonen am Versuchsleiter (einem Experten) orientierten, um eine Entscheidung zu treffen, und sich auf seine Einschätzungen verließen.
Die Annahme, dass informationaler Einfluss eine wichtige Rolle spielte, wird insbesondere durch folgende Variation des Paradigmas unterstützt: In einer Bedingung gaben zwei Versuchsleiter der Untersuchungsperson die Instruktionen. Als der Schüler das erste Mal aufschrie, fingen sie an, darüber zu diskutieren, ob sie das Experiment fortsetzen sollten. In dieser Situation hörten 100% der Untersuchungspersonen auf, den nachfolgenden Instruktionen Folge zu leisten. Wichtig ist auch hier: Nicht die Schreie des Schülers haben die Untersuchungsperson dazu gebracht, nicht mehr zu gehorchen. Vielmehr wurde der Expertenstatus der Versuchsleiter durch ihre Uneinigkeit infrage gestellt – sie dienten also nicht mehr als vertrauenswürdige Quellen im Hinblick auf die Einschätzung, was das angemessene Verhalten in der Situation war.
Selbstrechtfertigung: Schließlich ist ein weiterer psychologisch relevanter Aspekt des Experimentes erwähnenswert. Der Versuchsleiter wies die Untersuchungspersonen an, die Schocks graduell zu erhöhen. Die Untersuchungspersonen standen jeweils der Entscheidung gegenüber, die Dosis um weitere 15 Volt zu erhöhen. Da sie dieser Dosis schon zu Beginn der Untersuchung zugestimmt hatten, wurde es mit jeder nachfolgenden Entscheidung für sie schwieriger zu entscheiden, an welchem Punkt sie nicht weitermachen würden – es waren ja immer nur 15 Volt Erhöhung. Anders hätte es sich verhalten, wenn die Untersuchungsperson einmal eingewilligt hätte, einen Schock von 15 Volt zu applizieren und anschließend aufgefordert worden wäre, die Dosis um 200 Volt zu erhöhen – dies wäre eine neue Entscheidungssituation gewesen.
Durch experimentelle Variationen seines Paradigmas erbrachte Milgram auch aufschlussreiche Hinweise darauf, in welchen Situationen die Bereitschaft zu Gehorsam abnimmt. Dies war u. a. der Fall, wenn
die Distanz zum „Opfer“ verringert wurde,
die Legitimität der Autoritätsperson infrage stand oder
andere Teilnehmer (Assistenten des Versuchsleiters) sich weigerten, zu gehorchen (dieser Befund unterstreicht erneut die Bedeutung von „Abweichlern“ als Rollenmodelle für Widerstand).
Das experimentelle Vorgehen Milgrams löste heftige Kontroversen über die ethischen Grenzen psychologischer Forschung aus. Milgram brachte seine Untersuchungspersonen in eine psychisch hochgradig belastende Situation. Viele der Untersuchungspersonen, die der Autorität Folge geleistet hatten, litten im Nachhinein unter Schuldgefühlen. Ein Ergebnis dieser Kontroverse sind die heute geltenden Ethikrichtlinien für psychologische Forschung, nach denen Experimente wie jene zu Gehorsamsverhalten von Milgram nicht zulässig sind.
Burger (2009) hat eine Teilreplikation der Milgram-Experimente durchgeführt, die den heute geltenden ethischen Standards Rechnung trägt, da sie nur bis zu dem Punkt der Originalstudie durchgeführt wurde, an dem die Teilnehmer die ersten Proteste des „Schülers“ hörten (150 Volt). Da 79% der Teilnehmenden in der Originalstudie, die über diesen Punkt hinausgingen, im Verlauf des Experiments bis zur maximalen Schockapplikation gingen, eröffnet sich die Möglichkeit, den Prozentsatz der Teilnehmenden zu schätzen, die auch in der Replikation bis zu diesem Punkt gegangen wären. Die Rate für Gehorsamkeit im Experiment aus dem Jahr 2009 lag nur geringfügig unter der von Milgram 45 Jahre zuvor berichteten Rate. Im Unterschied zu den Originalexperimenten hatte die Weigerung eines anderen Teilnehmers (Assistenten des Versuchsleiters) keinen Effekt auf die Gehorsamkeitsrate.
In jüngerer Zeit sind neue theoretische Interpretationsansätze für die Befunde der Milgram-Experimente angeboten worden. So argumentieren Reicher und Haslam (2011) auf der Grundlage des sozialen Identitätsansatzes, dass die psychologische Voraussetzung für den beobachteten Gehorsam die Wahrnehmung einer gemeinsamen sozialen Identität ist: Die Teilnehmenden sehen sich und den Versuchsleiter als Teil einer Gruppe, die eingebettet ist in den normativen Kontext der Wissenschaft und etwas zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen kann. Dies wiederum ist Voraussetzung dafür, dass sie den Anweisungen des Versuchsleiters folgen. Die Autoren argumentieren daher, dass es sich bei den beobachteten Phänomenen weniger um Gehorsam handelt, sondern vielmehr um Gefolgschaft im Kontext einer Eigengruppensituation und das Bemühen, dem kollektiven Interesse (wissenschaftlicher Fortschritt) nachzukommen. Ob diese Interpretation zutrifft, wird durch weitere Studien zu klären sein.
2.3.2Die Bedeutung der wahrgenommenen Behandlung durch Gruppenautoritäten
Das „Group-Engagement-Modell“ liefert einen weiteren Erklärungsansatz dafür, wie Autoritäten Einstellungen und Verhaltensweisen von Gruppenmitgliedern beeinflussen (zum Überblick: Tyler/Blader 2003). Im Mittelpunkt steht hier allerdings nicht allein die Interaktion zwischen Autorität und individuellem Gruppenmitglied, sondern die Implikationen dieser Interaktion für die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe. Das Modell integriert Annahmen der sozialpsychologischen Gerechtigkeitsforschung, insbesondere der Forschung zur prozeduralen Gerechtigkeit mit dem sozialen Identitätsansatz.
Бесплатный фрагмент закончился.

