Читать книгу: «Kurswechsel bei 5.0»
Birgit Fenderl, Sabine Hauswirth
KURSWECHSEL BEI 5.0
PORTRÄTS EINER
FRAUENGENERATION,
DIE SICH NEU
ERFINDET

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur
Sabine Hauswirth dankt: Ninon Hauswirth, Alina Anna Lichtblau, Maximilian Vintschgau, Daniela Mautner Markhof, Friseur Doris, Nikon
Fenderl, Birgit / Hauswirth, Sabine: Kurswechsel bei 5.0. Porträts einer Frauengeneration, die sich neu erfindet / Birgit Fenderl, Sabine Hauswirth
Wien: Czernin Verlag 2021
ISBN: 978-3-7076-0709-3
© 2021 Czernin Verlags GmbH, Wien
Fotos: Sabine Hauswirth
Foto Backcover: Ninon Hauswirth
Lektorat: Karin Raschhofer-Hauer
Satz und Covergestaltung: Mirjam Riepl
ISBN Print: 978-3-7076-0709-3
ISBN E-Book: 978-3-7076-0710-9
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe
in Print- oder elektronischen Medien
Für Anna und Ninon
INHALT
VORWORT VON JOHANNA RACHINGER
SOPHIE KARMASIN:
FÜNFZIGJÄHRIGE FEIERT MAN NICHT MEHR SO
DORIS KIEFHABER:
ANGEKOMMEN UND ZUFRIEDEN
CATHERINE CZIHARZ:
JETZT KOMME ICH MIR NICHT MEHR ALTERSLOS VOR
DORIS GRUBER:
PREPARE FOR MENOPAUSE
ANGELIKA KIRCHSCHLAGER:
MEIN LEBEN HAT MICH EIGENTLICH IMMER ÜBERRUMPELT
KATHARINA STEMBERGER:
DEN FÜNFZIGER ZU NEHMEN WAR SCHON TRICKY
ELISABETH TAMBWE:
ICH HABE NIE ANGST VOR DEM LEBEN GEHABT
ULLI EHRLICH:
»WARUM?« IST DIE FRAGE MEINES LEBENS
MICHAELA KARDEIS:
UNSERE GENERATION HAT ETWAS WEITERGEBRACHT!
NANCY SEMEDA:
MIT TABUS GEBROCHEN
ANDREA LINAUER:
WIR FRAUEN MÜSSEN AUF DEN TISCH HAUEN
SHLOMIT BUTBUL:
ENDLICH MAG ICH MICH
DANIELA AUER:
BITTE KEINEN WELLNESS-GUTSCHEIN
MARION TSCHIRK:
VOM EISERNEN SINGLE ZUM GROSSFAMILIENMENSCHEN
MARGIT FRÖMMEL:
DASS FRAUEN UND MÄNNER GLEICHGESTELLT SIND, WAR EINE ILLUSION
KRISTIN HANUSCH-LINSER:
MEHR SELBSTBILD ALS FREMDBILD
SABINE GRUBER:
DIE UNGLEICHE BEZAHLUNG ÄRGERT MICH MASSLOS
MANUELA KRINGS-FISCHER:
NOCH EINMAL SO RICHTIG DURCHSTARTEN
MEGUMI ITO:
ICH DENKE, ICH BIN JETZT AUSGEWOGENER
MARIA PLANEGGER:
ICH BIN KEIN VORSTADTWEIB
CORINNA MILBORN:
FÜNFZIG WAR FÜR MICH IMMER EIN SEHNSUCHTSALTER
GERTRUDE HENZL:
GENAU GEFUNDEN, WAS ICH SCHON IMMER WOLLTE
BIRGIT FENDERL UND SABINE HAUSWIRTH:
AUTHENTIZITÄT UND BEWEGUNG – WIE DIESES BUCH ENTSTAND
VORWORT
VON JOHANNA RACHINGER
Vor zwanzig Jahren ist ein Buch entstanden, das der Beginn einer bis jetzt andauernden Freundschaft sein sollte. Birgit Fenderl schrieb zweiundzwanzig Kurzporträts von engagierten, beruflich erfolgreichen Frauen in ihren Dreißigern, Sabine Hauswirth fotografierte die Porträts. Ich war damals als Verlagsleiterin am Zustandekommen dieses Projekts wesentlich beteiligt und freue mich sehr, dass die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Frauen nun in einem neuen Projekt weitergeführt wird. Nach zwei bewegten Jahrzehnten im Kampf um Gleichberechtigung stellen sie nochmals die Frage, ob sich die Situation der Frauen in unserem Land merkbar verbessert hat. Zu Wort kommen diesmal beispielhaft Vertreterinnen der Generation 50plus, darunter auch einige bekannte Namen, wie die ehemalige Familienministerin Sophie Karmasin, Opernsängerin Angelika Kirchschlager oder die bekannte Gynäkologin Doris Gruber. Die Perspektive ist damit eine andere, die meisten der vorgestellten Frauen haben ihren persönlichen und beruflichen Weg gefunden und ihre Lebensziele zum großen Teil verwirklichen können. Sie blicken zurück auf ihre beruflichen Erfolge und Schwierigkeiten, in denen sich die gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Frauen in unserem Land beispielhaft widerspiegeln.
Zweifellos haben sich die Berufs- und Karrierechancen, die Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens für Frauen generell in den letzten beiden Jahrzehnten verbessert. Dass wir mit dem Erreichten noch nicht zufrieden sein können, wissen wir aber ebenso. Die Vereinbarkeit von beruflicher Karriere und Familie ist nach wie vor eine enorme Herausforderung, das mögliche Berufsspektrum durch traditionelle Rollenbilder immer noch sehr eingeschränkt. Dies liegt nicht nur an den Männern, die ihre Machtpositionen verteidigen, sondern auch an nicht hinterfragten Klischees, die in den Köpfen mancher Frauen immer noch fest verankert sind. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen ihre Zeit – und Frauen, die sie einfordern.
Beruflich erfolgreiche Frauen, die zugleich auch ein erfülltes und zufriedenes Privatleben führen, können als Vorbilder wichtige Impulse und Orientierung für die junge Generation geben. Nicht zuletzt geht es um Selbstvertrauen und Mut als Schlüssel zum Erfolg.
Ich freue mich, dass das vor zwanzig Jahren begonnene Projekt nun mit diesem Buch eine interessante Fortsetzung findet.
Dr. Johanna Rachinger
Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek

SOPHIE KARMASIN
FÜNFZIGJÄHRIGE FEIERT MAN NICHT MEHR SO
Bereits in meinem ersten Buch, »30erinnen: Portraits von Frauen, die schon weit gekommen sind«, war Sophie Karmasin eine jener Frauen, die karrieretechnisch bereits besonders weit gekommen waren: Geschäftsführerin der »Karmasin Marktforschung«, als Meinungsforscherin durch ihre regelmäßigen Auftritte einem breiten TV-Publikum bekannt. Dass sie bald Ministerin werden würde, das hätte sie 2002, als ich sie für mein Buch porträtierte, wohl selber nie gedacht. Wobei – so überraschend kam ihre neue Karriere dann eigentlich auch wieder nicht, wie ein Blick in das Buch von damals zeigt: Zu jedem Porträt gibt es in diesem Buch einen Fragebogen und die Frage, wer oder was die jeweils Porträtierte im nächsten Leben einmal sein wollte. Sophie Karmasin beantwortete das damals so: »Im nächsten Leben möchte ich mich gerne politisch engagieren.« »Wirklich wahr, das gibt’s ja nicht«, lacht sie, als wir uns für das neue Buch treffen und wir scherzen, ob ihr damals geäußerter Wunsch, sich politisch einzubringen, vielleicht ja schon ein Vorzeichen für ihre spätere Karriere war. Elf Jahre später war sie Familienministerin – die nach außen hin sichtbarste Veränderung, aber nur eine von vielen in ihrem Leben in den vergangenen zwanzig Jahren.
EINMAL POLITIK UND ZURÜCK
»Die größten Veränderungen in meinem Leben, seitdem wir uns für das Buch damals getroffen haben?«, denkt sie auf die entsprechende Frage kurz nach, »naja, zwei Veränderungen. Oder drei, nein eigentlich vier große Veränderungen waren das. Die erste große Veränderung war, dass ich die Firma meiner Eltern, also das Gallup-Institut und Karmasin Motivforschung zu 85 Prozent übernommen habe. Das war 2010 oder 2011, so um den Dreh herum. Das war schon ein Riesenschritt. Dann kam schon bald die nächste Veränderung, obwohl ich das nicht geplant hatte, nämlich Ende 2013 der Anruf, ob ich Familienministerin werden will.« Sie wollte und war eine Regierung lang parteilose Familien- und Jugendministerin im Team der ÖVP in der großen Koalition unter SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann. ÖVP-Chef und Vizekanzler war zunächst Michael Spindelegger, ab 2014 Reinhold Mitterlehner – eine politisch turbulente Zeit in der Volkspartei. Um nicht gegen das Unvereinbarkeitsgesetz zu verstoßen, gab sie ihre Anteile an der Firma an ihren Mann ab. »Es war nie ausgesprochen, aber für mich war von Anfang an klar – ich will nur eine Zeit lang in der Politik bleiben«, schildert Karmasin ihre damaligen Gefühle. 2017 beendete sie ihre Tätigkeit als Ministerin und ihren Ausflug in die Politik. Veränderung Nummer zwei, gefolgt von Veränderung Nummer drei: die Gründung ihrer neuen Firma Karmasin Research & Identity, »je nach Projekt mit fünf bis zehn MitarbeiterInnen. Also jetzt habe ich das ganze Spektrum, ich war bei einem internationalen Konzern im Ausland, war lange Jahre im großen Familienunternehmen, war in der Politik, jetzt die wesentlich kleinere Firma. Und jetzt weiß ich, das ist der Zuschnitt, der mir am besten gefällt.« Fehlt noch eine Veränderung nach Karmasins Aufzählung. »Die vierte Entscheidung war, nach Klosterneuburg zu ziehen und ein Haus zu bauen«, meint sie und erzählt, wie glücklich sie darüber sei und dass sie kaum mehr auf Urlaub fahre, weil sie mit ihrem Haus und Garten jetzt alles habe, was sie brauche.
Als wir vor bald zwanzig Jahren das Interview für das erste Buch führten, war Sophie Karmasin eine der wenigen Dreißigerinnen, die schon ein Kind hatten. »Mein zweiter Sohn kam dann bald auf die Welt. Aber das war keine große Veränderung, es war so klar, dass wir zwei Kinder bekommen.« Wirtschaft, Politik, Familie – wo beginnen wir unser Gespräch über ihr Lebensfeeling in ihren Fünfzigern, über die gesellschaftliche Stellung von Frauen dieses Alters, über ihre Erfahrungen mit der Politik, über das, was sie, die sich als Schülerin gerne als »Emanze« bezeichnet hatte und im Spaß jetzt von ihrem jüngeren Sohn öfter »Feministin« geschimpft wird, ihren beiden fast erwachsenen Söhnen mitgeben will und, und, und? Versuchen wir es chronologisch: Als Meinungsforscherin machte sich Sophie Karmasin Anfang der 2000er-Jahre zunehmend einen Namen, unabhängig von ihren bekannten Eltern. Gemeinsam mit dem Politologen Peter Filzmaier analysierte sie in der ZIB 2 die Innenpolitik immer dann, wenn wieder einmal gewählt wurde, Koalitionen verhandelt oder gebildet wurden oder wenn es eben ganz besonders viel innenpolitisch zu besprechen gab. Dadurch waren wir uns regelmäßig beruflich begegnet, Sophie Karmasin war eine Expertin, die ich in unsere Sendungen einlud. Aber sie war gefühlt auch »eine von uns« – eine der Politik-BerichterstatterInnen, der Politik-BeobachterInnen. Keine Journalistin, aber eine Kollegin – bis zum 12. Dezember 2013. Da wurde Sophie Karmasin von der ÖVP zur Ministerin für Familie und Jugend ernannt. »Ich war sehr nahe dran an der Politik durch die Analysen im Studio der ZIB 2, durch viele Studien mit meinem Institut. Ich war nahe dran, aber es war etwas komplett anderes«, erzählt sie. »Damals habe ich mir immer gedacht, warum soll Politik so brutal sein und verlogen und so intrigant? Ich verstand das gar nicht, bis – ich schwör’s – zur ersten Stunde, in der ich in diesem System angekommen bin. Wie Politik nach außen vermittelt wird und wie sie nach innen funktioniert, ist wirklich etwas ganz anderes. Wie dieselben Menschen mit dir kommunizieren und mit dir umgehen, wenn du auf einmal in ihrem System bist, und wie sie das tun, wenn du wieder draußen bist. Für mich war das unglaublich spannend, wie stark Systeme und Rollen sind und wie sehr sie Kommunikation und Beziehungen beeinflussen.«
Beim Ankommen im neuen System stand freilich weniger die professionelle Analyse, sondern standen mehr ihre eigenen Emotionen im Vordergrund. »Nachdem die Chose offiziell war, habe ich mir die ZIB 2 angeschaut. Da saß der Peter Filzmaier – und da, wo ich immer gesessen war, stand bewusst ein leerer Sessel. Und dann sagt der Peter: Ja, wir werden schauen, wie sie sich tut auf der anderen Seite. Puh. Da bin ich dann dagesessen und habe mir gedacht, das war eine Wahnsinnsentscheidung«, erzählt sie von der damaligen Achterbahn der Gefühle. Wobei sie sich vor ihrer Entscheidung nicht nur mit ihrer Mutter und ihrem Mann beraten hatte, sondern auch mit einem Freund, der viel später selbst erfahren sollte, wie hart Politik sein kann: mit Christian Kern. »Ich habe mir gedacht, er ist sicher schon zigmal gefragt worden, ob er eine politische Funktion übernehmen will, also hab ich ihn angerufen und mir gedacht, er wird mir abraten und argumentieren, warum ich das sein lassen soll. Und dann sagte er: ›Du, ich würd’s machen‹«, lacht sie noch heute und erinnert sich noch genau, wie Christian Kern das damals begründete: »Ich kenne dich so gut, du bist wie eine Katze, du wirst auf allen vier Pfoten landen.« Damals dachte sie sich: Warum sollte sie landen müssen? Später verstand sie diesen Ausspruch dann aber sehr gut. Und Christian Kern, von Mai 2016 bis Dezember 2017 SPÖ-Bundeskanzler, könnte über das Landen wohl auch einiges erzählen, aber das ist nicht unser Thema hier. Sophie Karmasin meint: »Meine Entscheidung, in die Politik zu gehen, habe ich nie bereut, ein zweites Mal würde ich es mir aber nicht antun. Sollte ich jemandem einen Rat geben müssen als Psychologin, würde ich mir genau anschauen, welche Ressourcen eine Person hat, die in die Politik geht. Aber auch welchen Gestaltungswillen sie hat, ob jemand für eine Sache, ein Ziel wirklich brennt. Denn es ist wirklich hart und es gibt genug Beispiele von Leuten, die das nicht gut verdaut haben.« Sie selbst hatte diese Ressourcen, in sich, durch ihren Mann, ihre Familie und offenbar auch durch die jahrelange Auseinandersetzung mit der Idee, selbst einmal politisch aktiv zu werden, wie ihr damals geäußerter Wunsch in meinem Fragebogen zeigt.
Damals erzählte mir die 1967 Geborene auch, dass ihr Alter für sie immer eine große Rolle spielte: »Mit einundzwanzig hatte ich einen Freund und ich dachte mir, mit einundzwanzig musst du schon einmal Schluss gemacht haben, und dann habe ich Schluss gemacht. Auch einen Freund im Ausland, dachte ich, muss man haben und hatte ihn dann auch. Und zwischen dreißig und einunddreißig war das ein bisserl ein Krampf – ich habe immer geschaut, was machen die anderen, was haben die schon?«, erzählte sie damals. Wie ist das jetzt? »Nein, das habe ich sozusagen für mein Leben erledigt.« Als Dreißigerin ordnete sich die Markt- und Meinungsforscherin selbst dem sogenannten Niveaumilieu nach Gerhard Schulze zu. Als Fünfzigerin sieht sie sich in dieser Skala im »Selbstverwirklichungsmilieu«. »Jetzt weiß ich mehr, was ich will, wie ich mein Leben gestalten will, das wusste ich damals nicht so genau. Heute habe ich natürlich auch eine ganz andere Perspektive, habe vieles ausprobiert und genieße es im Moment so, wie es ist. Ich habe momentan nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas für irgendwen oder für mich machen muss. Ich habe ja auch so viel. Ich habe eine intakte Ehe, wir sind immer noch verliebt. Ich habe zwei Kinder, die sich entwickeln, wie sich Kinder eben entwickeln. Ich bin wahnsinnig stolz auf sie, sie sind super Personen geworden, das taugt mir wahnsinnig«, freut sie sich und betont auch noch einmal, wie wohl sie sich in ihrem Haus in Klosterneuburg fühlt, dass sich ihre beruflichen Entscheidungen im Nachhinein richtig anfühlen und dass ihr ihr Job wahnsinnig viel Spaß macht. Rundum zufrieden also? Na ja … persönlich sehr, aber sobald Sophie Karmasin über die gesellschaftliche Situation von Frauen – und im Speziellen von Frauen jenseits der fünfzig – spricht, klingt das ganz anders.
FRAUEN HABEN ES IMMER NOCH SCHWERER
Im Grunde hätten es Frauen jetzt nicht besser als vor zwanzig Jahren, meint die ehemalige Familienministerin, die stolz darauf ist, in ihrer Amtsperiode den sogenannten Papa-Monat eingeführt zu haben oder den Partnerschaftsbonus, bei dem beide Elternteile einen finanziellen Bonus bekommen, wenn sie wirklich halbe-halbe machen. »Ich bin auch wegen dieser Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in die Politik gegangen«, sagt sie und erörtert, warum ihre damalige Meinung als Dreißigjährige, dass der Hauptunterschied in Karrierechancen zwischen Frauen und Männern durch Kinder entstehe, heute überhaupt nicht mehr ihre jetzige Meinung sei: »Es ist immer noch eine Frage der Wertigkeit, der sozialen Rollen und der Stereotype. Egal, ob du eine Frau mit Kindern oder eine Frau ohne Kinder bist, Frauen haben es immer noch schwerer. Das habe ich auch in der Politik gemerkt. Sagt die Frau etwas, sagt der Mann etwas – das hat nicht dieselbe Wertigkeit. Das ist auch im Parlament merkbar.« Sie kenne genügend Studien, die das belegten – es sei weniger wichtig, was jemand sage, als wer es sage. Das gelte nicht nur für hierarchische Kommunikation, sondern genauso für geschlechterspezifische. Und ganz abgesehen davon, würden Frauen in Österreich immer noch nicht gleichgestellt sein. »Ja, es gibt inzwischen ein paar Aufsichtsratschefinnen, aber das ist kein Gamechanger. Auch die Politik ist gefühlt immer noch eine Männerdomäne. Jetzt haben wir z. B. die Frau Anderl als Arbeiterkammer-Chefin, aber wie viele Frauen haben wir auf Sozialpartnerebene sonst? Keine.« Auch bei der medialen Präsenz von Frauen liege noch vieles im Argen, ganz besonders bei älteren. »Die Fünfzigjährigen feiert man nicht mehr so«, meint Karmasin. »Jugend hat in unserer Gesellschaft noch immer den höheren Wert. Die Weisheit des Alters, die Kompetenz oder auch Kontinuität in Lebensläufen ist in unserer medialisierten Welt kein Wert. Jung, fesch und kompetent, das zählt. Der schwierigere Weg wäre alterslos, kompetent, seriös.«
FRAUEN VERLIEREN SCHNELLER AN GESELLSCHAFTLICHER RELEVANZ
Und wie geht es ihr damit persönlich, als Frau, die ein Leben lang auch öffentlich gearbeitet hat? »Also, die Hälfte ist überschritten. Das ist weder besonders fröhlich noch ein netter Gedanke. Aber man muss auch die positive Seite sehen: Wenn man nicht älter wird, dann ist man nicht mehr da«, lacht sie und fügt an, dass das Älterwerden und auch Älteraussehen natürlich auch mit ihr etwas mache, »alles andere wäre gelogen«. Auch das ihrer Meinung nach immer noch ziemlich tabuisierte Thema Wechsel bei Frauen beschäftigt sie und sie bespricht es mit ihren Vertrauten und ihrem Mann »ohne Tabu«. »Aber natürlich ist das eine Zäsur: Du bist nicht mehr fruchtbar und verlierst ein gewisses Attribut. Du bist nicht mehr dreißig, sondern du bist eigentlich schon eine ältere Frau. Beides ist nicht wahnsinnig attraktiv. Wer spricht da schon gern öffentlich drüber?« Sie selbst schaue jetzt mehr aufs Essen, betreibe mehr Sport und nehme sich mehr Zeit für sich selbst, erzählt Sophie Karmasin, die natürlich auch genau beobachtet, wie Frauen ihres Alters in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Als Studiogäste in TV-Sendungen würden Frauen, die jung und fesch sind, immer lieber genommen, das sei System, meint sie. »Frauen verlieren durch das Älterwerden mehr und schneller an gesellschaftlicher Relevanz als Männer. Also, eine Frau mit derselben Kompetenz wie ein Mann verliert schneller mit den Jahren«, erklärt sie sich die Tatsache, warum Frauen, und vor allem ältere Frauen, wesentlich weniger in TV-Diskussionsrunden zu sehen seien als gleichaltrige Männer. »Frauen spüren das und setzen sich dem weniger aus, nach dem Motto: Zoom auf die Falte. Das kommt noch dazu – Frauen wissen, dass sie auch nach wie vor stärker nach ihrem Aussehen beurteilt werden als Männer.«
Als Ministerin konnte sie ihre Anliegen für die Gleichstellung von Frauen und Männern einbringen, was und wie kann sie das als Mutter von zwei Söhnen tun? »Naja, erstens müssen sie alles lernen, was mit dem Haushalt zu tun hat. Ausreden wie: ›Ich weiß nicht, wie man die Waschmaschine andreht‹, gelten nicht«, sagt die Frau, die mir als Dreißigjährige berichtete, wie sie und ihre damals beste Freundin in der Schule »als die zwei Emanzen« galten und damals fest davon überzeugt waren, »dass sie Männer nicht brauchten« und mit ihrem damals ausgeflippten und bewusst »antiweiblichen« Outfit die anderen vor den Kopf stießen. Jetzt habe sie vor allem mit ihrem jüngeren Sohn oft halb ernste, halb spaßhafte Diskussionen über das, was Frauen machen sollten und was Männer. »Was du schon wieder glaubst, das stimmt ja alles gar nicht«, lacht sie, meine er dann manchmal, und: »Er nennt mich in diesen Diskussionen dann immer spaßeshalber Feministin.«
Einiges hat sich also verändert im Leben von Sophie Karmasin. Vieles klingt aber sehr ähnlich wie vor zwanzig Jahren. Ihr Eigenbild entspreche auch oft noch dem von früher. »Also man hat doch nicht dieses Bild von einem selbst, dass die Dreißigjährige neben einem vielleicht über einen selbst denken könnte, man sei diese mittelalterliche Frau. Oh was für ein schreckliches Wort!«, meint sie lachend. Aber was helfe es, »man ist jetzt eben nicht mehr der Jungspund. Ich merke das vor allem bei Bewerbungen. Puh, sind die jung! Da denke ich mir oft, wenn ich Geburtsdaten sehen – Hallo? Da habe ich gerade Matura gemacht. Es gibt inzwischen mindestens zwei Generationen nach uns, die jetzt im Berufsleben sind«, das sei ein Faktum. Wer weiß, welchem Milieu sich die heute Dreißigjährigen in der Skala von Gerhard Schulze zuordnen würden? Sicher nicht dem sogenannten Selbstverwirklichungsmilieu, wo sich Sophie Karmasin nun sieht. So bringt das Alter doch auch schöne Veränderungen …

DORIS KIEFHABER
ANGEKOMMEN UND ZUFRIEDEN
Der Weg zu Doris Kiefhaber führt in ein kleines, vollgeräumtes Büro in einem Hinterhofgebäude mitten in der Wiener Innenstadt. Wer nicht genau schaut, könnte das Türschild der Österreichischen Krebshilfe fast übersehen, so dezent ist es angebracht. In der ersten Reihe stehen und klotzen, das war nie ihr Ding, erzählt uns die Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe, die aber durch ihre Arbeit, und da vor allem durch die Pink Ribbon-Aktion, selbst seit Jahren in der Öffentlichkeit steht – nolens volens. Eigentlich hatte sie diesen Job, den sie vor zwanzig Jahren vor allem deshalb angenommen hatte, um mehr Zeit und Platz für ihre neue private Situation zu schaffen, ja nur maximal drei Jahre machen wollen. Damals mutierte Kiefhaber nämlich innerhalb weniger Monate von der Single-Karriere-Frau, die beruflich wochenlang vor allem in Osteuropa unterwegs war, zur Ehefrau und Stiefmutter. Inzwischen hat sie vier Enkelkinder, liebt und genießt das Großfamilienleben und kümmert sich mit Herz und Seele um schwer kranke Menschen. Die Vergänglichkeit hat sie in ihrem Beruf vor Augen wie kaum jemand anderer. Was das Älterwerden mit uns macht, wie wir im Lauf des Lebens unsere Bedürfnisse und Prioritäten verändern, wie viele Veränderungen auf den unterschiedlichsten Ebenen ihr Leben geprägt haben, das wollen wir von dieser beeindruckenden Frau unbedingt erfahren.
MEINE DREISSIGER WAREN STURM UND DRANG
»Die Welt niederreißen, unsterblich sein, Optimismus, keine Zukunftsängste, ungebunden sein, nach meiner Scheidung als Single neu durchstarten«, beschreibt Kiefhaber mit Leuchten in den Augen ihr Lebensgefühl als junge Frau. Seit ihrem Schulabschluss an einer HAK arbeitete Kiefhaber im medizinischen Bereich, richtete Spitäler ein, war viel in Polen und Russland unterwegs, wo sie als junge Frau viele prägende Begegnungen hatte, Freundschaften fürs Leben schloss, aber auch unangenehme Situationen erleben musste. Da ging es nicht mehr nur um fehlende Akzeptanz von Frauen in wichtigen Positionen. Mehr als einmal versperrte sie ihr Hotelzimmer so fest es ging, um sich als Frau sicher zu fühlen.
Dass Frauen und Männer auch in Österreich nicht gleichberechtigt waren, erlebte Kiefhaber bereits in jungen Jahren, als ihr ein Schulkollege, der sich mit ihr um denselben Job beworben hatte, erzählte, um wieviel mehr er in diesem Job verdient hätte als sie. Als sie in ihrer Jugend »sehr aktiv« Tennis spielte, konnte sie es nicht glauben, dass die Bubenmannschaft mehr Schläger gratis bekam als die der Mädchen. »Aber ich habe das erlebt, als Zeitzeugin, wenn man so will.« Diese Ungerechtigkeiten seien ihre Motivation gewesen, sich selbstständig zu machen. Doch als sie nach dreizehn Jahren Selbstständigkeit zur Krebshilfe kam, wurde sie, wie sie erzählt, auch deshalb genommen, weil sie weniger verlangt habe als der Mann, der sich damals für denselben Job interessierte. Trotzdem entschied sich Kiefhaber für die Selbstständigkeit, obwohl sie auch ein Angebot eines internationalen Medizintechnik-Konzerns mit Sitz in Deutschland hätte annehmen können – aus privaten Gründen, denn Doris Kiefhaber holte das Kinderthema ein, obwohl sie damit eigentlich schon abgeschlossen hatte.
PLÖTZLICH DOCH MUTTER
»Rund um meinen 30. Geburtstag waren Kinder für mich ein großes Thema. Meine heiß geliebte Oma war 1901 geboren, meine Mutter 1931, ich 1961. 1991 spürte ich fast so etwas wie eine Verpflichtung: Das musst du fortsetzen. Nur passten die Umstände eigentlich gar nicht, ich hatte mich gerade selbstständig gemacht und, und, und. Aber pünktlich Anfang 1991 bin ich ungewollt schwanger geworden, habe das Baby dann aber leider verloren. Und irgendwie war das Thema damit durch, ich konnte dann auch nicht mehr schwanger werden. Irgendwie hatte mir das Schicksal diese Kinderentscheidung aus der Hand genommen« – und Jahre später anders wiedergebracht, als sich Doris in einen um vierzehn Jahre älteren Mann verliebte, der zwei Söhne hatte, und innerhalb kürzester Zeit vom Single zur verheirateten Frau und Stiefmutter wurde. »Und dann war ich plötzlich doch Mama. Die Wucht der Verantwortung habe ich dann sehr deutlich gespürt. Sein jüngerer Sohn, damals elf Jahre alt, wollte bei uns leben, wir bekamen auch das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Und ich wollte ihm, der sich in seinem anderen Zuhause offensichtlich nicht wohlgefühlt hatte, unbedingt ein Zuhause geben, wo er wirklich gern ist. Da war’s mit meiner Freiheit dahin.« Und so kam die Entscheidung für einen karitativen Job, der schon bald ihre Herzensangelegenheit werden sollte.
Charity war für sie bis dahin kein großes Thema gewesen. In Polen hatte sie ein bisschen bei einem Benefiz-Konzert mitgearbeitet, das ein Herzchirurg organisiert hatte und wo damals auch die Startenöre Domingo, Carreras und Pavarotti auftraten. Und in ihren letzten beiden Jahren bei Olympus, »da haben wir den Life Ball gesponsert, da habe ich Gerry Kessler kennengelernt und gesehen, wie er das anlegt, und das war schon sehr faszinierend. Aber nie habe ich mir gedacht, dass ich so etwas in der Art auch einmal machen will.« Hat sie aber. Die Pink Ribbon-Aktion wurde von Doris Kiefhaber nach Österreich geholt, sie hatte sie während eines längeren USA-Aufenthaltes kennengelernt und als Geschäftsführerin der Krebshilfe Jahre später dann in Österreich etabliert. »Inzwischen haben wir zirka fünfzig Partner aus der Industrie, die Produkte jedes Jahr unserer Aktion widmen. Wir haben unzählige Pink Ribbon-Botschafterinnen, die uns helfen, mehr Bewusstsein für Brustkrebs zu erzeugen und damit auch mehr Spenden zu sammeln. Seit Beginn der Aktion 2002 wurden bis 2020 fast neun Millionen Euro gesammelt und damit mehr als 80.000-mal Brustkrebspatientinnen konkret geholfen. Pink Ribbon ist ihr berufliches Baby, für krebskranke Frauen und ihre Angehörigen da zu sein, ihr größtes Anliegen. »Ich will, dass wirklich jede und jeder weiß, dass man sich an uns wenden kann, auch an mich direkt per Mail. Ich möchte hören, woran es fehlt, woran es krankt.« Vorsorgeuntersuchungen sind auch ein wichtiges Thema der Krebshilfe – wie schwer sich viele damit tun, kann Kiefhaber selbst bestens nachvollziehen: »Also, wäre ich nicht bei der Krebshilfe, wäre ich so wie die meisten, man müsste mich wirklich stupsen. Ich handle brav ab, was ich predige. Ich gehe also zur Mammografie, zum Krebsabstrich, zur Darmspiegelung, lass mir die Haut genau anschauen. Aber vor jeder dieser Untersuchungen ist es ein Horror. Blitzartig tun sich alle Szenarien, alle Geschichten auf.«
SCHÖNHEITSWAHN – WAS SOLL DENN DAS?
Und schlimme Geschichten erlebt und begleitet Kiefhaber viele – und sie erfährt dabei auch, welche Prioritäten manche Patientinnen zu Beginn einer Erkrankung haben. »Was mich wirklich traurig und zum Teil auch wütend macht, ist, wenn ich erlebe, wie Frauen, die sich ihr Leben lang darauf fokussiert haben, Konfektionsgröße 34 zu tragen, im Zuge ihrer Erkrankung Panik haben, dass sie ihre Haare verlieren, weil man ihnen dann ja ihre Krankheit ansehen könnte. Oder weil sie der Mann dann verlassen würde. Es gibt wirklich Frauen, die deshalb eine Chemotherapie ablehnen«, erzählt sie. »Das macht mich so wütend, was uns diese Schönheitsindustrie vorgaukelt und wie manche Frauen das wirklich unter Druck setzt. Besonders in meinem Alter, ab fünfzig: ewige Jugend, Schönheitswahn – was soll denn das? Natürlich sehe ich auch an mir die Zeichen der Zeit, aber die Knie lasse ich mir nicht liften, damit ich wieder einen Minirock tragen kann«, lacht Kiefhaber.
Bei ihr selbst habe sich mit den Jahren vieles verändert und verschoben diesbezüglich. »Wenn ich mich vergleiche zu früher, ich wäre früher nicht ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Das hat sich total verschoben. Man kennt mich, die Haare hinten zusammengebunden, meist ungeschminkt. Weil mir das nicht wichtig ist. Das hat sicher viel mit meinem Beruf zu tun.« Wer so intensiv und tagtäglich mit den essenziellen Fragen konfrontiert wird, die auftauchen, wenn das Ende droht, will sich nicht mehr mit Oberflächlichem abgeben. »Es hat sicher auch mit meinem Alter zu tun, dass ich endlich gelernt habe, Nein zu sagen. Ich war ja eine begnadete Ja-Sagerin früher. Aber wenn ich jetzt nicht auf eine Abendveranstaltung gehen will, dann sage ich auch die Wahrheit – dass ich nicht will und lieber auf meinem Sofa liege. Ein lieber Freund meint, ich sei früher eine Menschenfreundin gewesen und eine Misanthropin geworden«, schmunzelt sie. Und da sei schon etwas dran, Oberflächlichkeit könne sie nicht mehr ertragen: »Mein Freundeskreis ist kleiner geworden. Und ich verbringe lieber einen Abend mit einer Patientin, so traurig ihre Geschichte auch sein mag, und rede mit ihr, als auf irgendeinem Event hundertmal zu hören: ›Wie geht’s Dir?‹, aber die Antwort will eh niemand wissen, weil es nur eine Floskel ist.« Mit den Jahren sei sie aber auch gelassener geworden, meint Kiefhaber. »Die Qualität meines Alters ist, dass ich zufrieden bin. Ich habe das Gefühl, nichts versäumt zu haben. Ich bin angekommen, beruflich wie privat.«
Und trotzdem bleibt ein Teil in ihr kämpferisch. »Ich glaube, dass wir Frauen in unseren Dreißigern naiv waren, was die Gleichberechtigung mit Männern betrifft. Ich glaube, dass wir in unserem Alter zum Teil resigniert haben, uns arrangiert haben, aber ein Teil von mir rebelliert immer noch. Das ist so eine Drittel-Drittel-Drittel-Geschichte und solange mein Herz schlägt, werde ich mich wehren, wenn es eine Ungerechtigkeit gibt, zum Beispiel in der Frage, ob eine Frau besser geeignet wäre für einen Job als ein Mann.« Erst in der übernächsten Generation, so glaubt Kiefhaber, werde es echte Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern geben. Wobei ihrer Meinung nach Frauen manchmal auch selbst daran schuld sind, wenn das vielzitierte 50 : 50 nicht funktioniert. »Die partnerschaftliche Aufteilung würde manchmal vielleicht sogar funktionieren, wenn wir Frauen Abstriche machen würden von unserem Perfektionismus. Mein Mann hätte zu Hause sicher auch die Hälfte übernommen, aber die Hälfte wurde so definiert: die Hälfte dessen, was notwendig ist. Aber ich hätte viel mehr als notwendig empfunden. Das hat sicher auch mit der weiblichen Emotion, mit unserer Zuwendung bis hin zur Aufopferung gerade für unsere Kinder zu tun«, räsoniert sie.
FRAUEN AB FÜNFZIG WERDEN OFT AUSGEBLENDET
Aber auch die gesellschaftliche Wahrnehmung hat ihrer Meinung nach noch wenig mit Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu tun. Ältere Frauen, also Frauen ab fünfzig, würden in Österreich in der Öffentlichkeit immer noch ausgeblendet. »Diese Slogans ›Fünfzig ist das neue Dreißig‹ und wie sie alle heißen, die mögen für uns Frauen gelten, weil wir uns so fühlen und wahrnehmen. Aber draußen, die Buberlwelt, die nimmt uns nicht so wahr«, ist sie sich sicher. Sie selbst könnte mit Dezember 2021 in Pension gehen, werde das aber mit Sicherheit nicht tun. Weil sie sich das für sich überhaupt noch nicht vorstellen kann und weil sie ganz vehement der Meinung ist, dass das Erwerbsleben anders und neu organisiert gehört. »Wir sollten, wenn wir uns nach zehn, fünfzehn Jahren beruflich etablieren konnte, die Möglichkeit bekommen, eine Arbeitspause einzulegen, zur Neuorientierung, aber auch, um uns um unsere Kinder, Familien kümmern zu können – und im Gegenzug wesentlich länger arbeiten dürfen. Ich mag nicht sehr viel an den USA, aber dass ältere Menschen dort zum Beispiel im Verkauf tätig sind, ist auch ein Programm gegen das Vereinsamen im Alter. Das wäre ein totaler Paradigmenwechsel und würde gerade Frauen viel mehr Flexibilität in ihrer Lebensplanung schaffen. Ich würde gerne, wenn es mir gegönnt ist und ich fit bin, auch mit achtzig noch etwas Nützliches tun. Nur garteln oder basteln würde mir nicht reichen.« Wobei man hier anmerken muss, dass Doris Kiefhaber Häkeln, Nähen, Kochen oder Heimwerken liebt und wohl kaum jemand derartig liebevolle und aufwendige Weihnachtsdekorationen selbst gestaltet wie sie – aber eben als Ausgleich zu ihrem fordernden Job, nicht als Lebensinhalt.
Venedig ist eine weitere ihrer großen privaten Leidenschaften. Und ab und zu, wenn sie sich überlegt, wie das sein könnte, wenn sie alt sein wird und eben doch in Pension, dann hat Doris Kiefhaber zwei Visionen. »Ich würde wahnsinnig gerne als lustige Alte in Venedig enden. Ohne Rollator durch die Gassen gehen zu können, das wäre mir dann eine große Motivation«, lacht sie. »Oder in einem kleinen Blockhaus an einem Bergsee, wo ich nur handwerken kann und wo wirklich niemand anderer ist.« Doch bis dahin wird sie sich weiterhin öfter ins gesellschaftliche Getümmel begeben, als ihr eigentlich lieb ist. Aber wenn es der Sache hilft, wenn so weitere Spenden gesammelt werden können, wenn Krebs damit weiter enttabuisiert und hoffentlich immer besser behandelbar wird, dann wird sie sich das Pink Ribbon ans Revers heften und dabei sein. Eines, erzählt sie uns zum Abschluss lachend, sei bei ihrer Arbeit mit zunehmendem Alter wirklich viel angenehmer geworden: Männer wollten immer weniger mit ihr flirten. »Früher, als ich selbstständig war und oft auch mit Firmenchefs verhandeln musste, schwang oft, ob man wollte oder nicht, ein gewisser Flirtfaktor mit.« Gibt es also eine Altersgrenze für das Flirten? Das wisse sie nicht, sagt Doris Kiefhaber, aber bei ihr sei das definitiv so. »High Heels tue ich mir sicher nicht mehr an. Da tun mir die Füße weh. Auch meine männlichen Gegenüber sind ja älter geworden, und jetzt verhandelt oder redet man einfach miteinander und basta. Manche Frauen jammern darüber, dass ihnen Männer nicht mehr nachschauen. Also ich finde das wirklich angenehm und einen Vorteil meines Alters.«

CATHERINE CZIHARZ
JETZT KOMME ICH MIR NICHT MEHR ALTERSLOS VOR
»Mir war immer klar, dass man als Frau mit Lebenserfahrung in einer anderen Liga spielt«, erinnert sich Catherine Cziharz an ihre Wahrnehmung von älteren Frauen, als sie selbst jung war. Als Dreißigjährige war ihr immer wieder aufgefallen, dass viele Frauen um die fünfzig »ordentlich was drauf haben«, diese aber für sie in einer völlig anderen Welt lebten. »Darüber muss ich schon sehr schmunzeln, weil ich mir ja jetzt wiederum nicht vorstellen kann, dass ich den heute Dreißigjährigen so viel älter vorkomme, als mir damals Fünfzigjährige vorgekommen sind.« Denn eigentlich fühlt sich die Co-Geschäftsführerin eines Unternehmens, das sich mit nachhaltigem, ethischem Investment und Nachhaltigkeits-Research beschäftigt und in Österreich ein Vorreiter seiner Branche ist, ihren jüngeren Kolleginnen teilweise auch sehr nah. Aber eben auch anders. »Nicht mehr alterslos«, wie es die zweifache Mutter selbst formuliert. Ein Prozess, der bei ihr erst ab Mitte Vierzig begonnen habe. Genauso wie sie erst spät ihr Frausein realisiert habe, »mit allen Vor- und Nachteilen sozusagen«. Das kommt überraschend aus dem Mund einer Frau, die in unserem Gespräch zu diesem Buch sehr reflektiert und analytisch wirkt. Als junge Frau sei sie vor allem von einer Art Aufbruchsgefühl geprägt gewesen, auf der Suche nach Herausforderungen, beruflichen Aufgaben, die sich im Rückblick immer eher zufällig als bewusst geplant ergeben hätten.
Catherine Cziharz wuchs in Graz auf, der Vater war Architekt, die Mutter Lehrerin, die auch Architektur studiert hatte »Die Frauen in meinem unmittelbaren Familienumfeld waren alle berufstätig und unabhängig. Das hat mich in meiner Haltung und Selbstständigkeit geprägt und dafür bin ich auch dankbar.« Nach der Matura ging sie als Au-pair nach New York, lebte dort bei einer alleinerziehenden vierzigjährigen Architektin und passte auf deren vierjähriges Kind auf. »Das war sehr neu und aufregend. Sie war eine voll berufstätige, für mich damals ›alte‹ Mutter, die ihr Kind aus den Umständen heraus betreuen lassen musste. New York City lernte ich so von einer ganz anderen Seite kennen als die meisten. Ich verbrachte meine Zeit auf den Spielplätzen im Central Park, mit Nannys aus aller Herren Länder und bin eingetaucht in eine Art Familienleben einer Alleinerziehenden.« Ob sie später auch selbst einmal Kinder haben wollte, beschäftigte sie mit ihren neunzehn Jahren noch überhaupt nicht. »Mit konkreten Zukunftsvorstellungen habe ich mir immer schwergetan und tu mir das eigentlich noch immer«, erzählt Catherine, die nach ihrem Aufenthalt in New York in Graz Jus studierte und über die Universität Graz bereits vor Österreichs EU-Beitritt die Möglichkeit bekam, im Rahmen des ersten Erasmus-Programms ein Auslandsstipendium in der süditalienischen Bergregion Abruzzen zu absolvieren. »Jeder meiner Auslandsaufenthalte war auf seine Weise prägend und brachte eine neue Horizonterweiterung mit sich.«
Wenig erstaunlich also, dass sie nach Abschluss des Studiums und des Gerichtsjahres die berufliche Chance wahrnahm, als Redenschreiberin für die Europäische Kommission nach Brüssel zu gehen – auch wenn das bedeutete, eine Fernbeziehung mit ihrem jetzigen Mann zu führen, den sie im letzten Studienjahr kennengelernt hatte. Auf ewig war das für beide nicht vorstellbar, also ging sie nach Österreich zurück, nach Wien, wo ihr Partner inzwischen arbeitete, und vervollständigte ihre Ausbildung mit einem Master in Public Relations. Geschrieben hatte sie schon immer gern, auch schon in ganz jungen Jahren, hauptsächlich für Zeitungen. »Auf einmal entstand bei mir das Gefühl, dem Leben irgendwie gezielter eine Richtung geben zu wollen. Zwar noch nicht ganz klassisch, mit Wohnung, Baum, Kind, aber letztendlich dann ja doch«, erzählt sie und heiratete im Jahr 2003 ihren langjährigen Freund. 2006 kam ihre Tochter, 2010, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, ihr Sohn auf die Welt. »Mein Verständnis von Arbeit und Kompatibilität mit dem Leben hat sich durch meine neue Rolle als Mutter stark verändert. Also alleine, ohne Kinder, hatte ich, glaub’ ich, zum Beispiel noch nie Butter gekauft. Der Kühlschrank war irgendwie nicht wahnsinnig frequentiert«, lacht sie. »Mein Arbeitsleben hatte früher ja ein Open End, es war frei gestaltbar, plötzlich hat man mehrere Rollen. Man muss auf einmal mehrere Jobs erledigen. Das war schon ein Einschnitt.«
Obwohl die Aufteilung der Familienagenden mit ihrem Mann sehr partnerschaftlich funktionierte und zwei Großmütter trotz räumlicher Entfernung öfter mithalfen, spürte sie diese neuen Herausforderungen und Fragestellungen in ihrem Leben intensiv. »Wenn man seine Kinder noch vor dem Schlafengehen sehen möchte, dann ist klar, dass man früher aus dem Büro weggehen muss. Es ist ja auch nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Präsenz notwendig, man muss ein Energielevel halten können. Und irgendwann muss man sich auch entscheiden, damit zufrieden zu sein, dass nicht alles zu hundert Prozent gehen kann«, schildert sie diese große Lebensumstellung. »Als meine Tochter in die Kinderkrippe kam, da wurde ich mir meiner Mutterrolle erst so richtig bewusst – und der Erwartungen der anderen an mich in dieser Rolle. Zum Beispiel am Spielplatz – plötzlich die Auseinandersetzung mit anderen Müttern. Das hat verstärkt zur kritischen Selbstreflexion geführt inklusive Selbstzweifeln, die es in solchen Lebensphasen des Umbruchs ja immer gibt.« Und trotzdem fühlte sie sich damals mit vierzig immer noch recht jung und irgendwie alterslos.
BEWUSSTER UMGANG MIT SICH SELBST
»Ich glaube, so ab Mitte vierzig, da ist mir mein Alter plötzlich in physischer wie auch psychischer Dimension bewusster geworden.« Wie dürfen wir uns das vorstellen? »Ich habe mich scheinbar mehr gespürt ab diesem Alter. Ich habe begonnen wahrzunehmen, dass ich mich verändere. Innerlich habe ich seit damals das Gefühl, dass ein Reifungsprozess passiert, was meinen Blick auf die Welt, aber auch was meine Reflexionsfähigkeit angeht – sicherlich auch durch meine Auseinandersetzung mit den Kindern und der Dynamik der Familie. So eine Familie ist ja keine ›g’mahde Wiesn‹, sondern da bedarf es viel Landschaftspflege«, erklärt sie sich selbst ihren Veränderungsprozess. »Auch physisch habe ich gemerkt, dass ich mich auch um mich selbst kümmern muss. Ich war schon immer recht sportlich. Aber jetzt muss ich bewusster umgehen mit mir und Ruhephasen sind ein Thema, das war früher nicht so.«
Bewusster mit Ressourcen umzugehen, das ist auch zu Catherine Cziharzs beruflichem Thema geworden. Mit der Ausbildung zur Corporate Social Responsibility-Managerin spezialisierte sie sich auf das Thema Nachhaltigkeit und begann zuerst als Nachhaltigkeitsanalystin, später als Co-Geschäftsführerin einer Firma für Nachhaltigkeitsresearch und ethisches Investment, die schon sehr früh in jenem Feld tätig wurde, das mittlerweile absolut im Fokus steht. Allzu lange ist es nicht her, dass die meisten mit dem Begriff Nachhaltigkeit noch nichts anfangen konnten. »Ich habe das Thema über den englischen Begriff sustainability kennengelernt und ich kann mich noch erinnern, dass wir den weder aussprechen, geschweige denn verstehen konnten. Auch auf der Uni war davon bei uns nie die Rede gewesen.« Damals ging es um europäische Agrarpolitik und ländliche Entwicklung. Mich hat das Konzept, das Verständnis mit Ressourcen so umzugehen, dass sie auch den nachkommenden Generationen zur Verfügung stehen, von Anfang an angesprochen. Nachhaltigkeit fußt ja auf drei Säulen – das sind die ökonomische, die ökologische und die soziale Dimension. Und dazu gehören, wenn man ein Unternehmen auf Nachhaltigkeit hin analysiert, natürlich auch Kriterien wie Geschlechtergleichstellung, der Gender-Pay-Gap oder Altersdiskriminierung. Gerade was die viel diskutierte Frauenquote und Gleichberechtigung im Job betrifft, ist Österreich keinesfalls vorbildlich. Von achtundfünfzig börsennotierten Unternehmen gibt es gerade einmal sieben mit weiblichen Vorstandsmitgliedern. Eine Studie hat vergangenes Jahr gezeigt, dass der Frauenanteil in Österreichs Vorständen zurückgeht, während er in Deutschland steigt. Bei den Aufsichtsräten hingegen verhält es sich scheinbar aufgrund der gesetzlich eingeführten Quote anders: Hier steigen auch bei uns die weiblichen Aufsichtsratsmitglieder.
GESELLSCHAFTLICHE UNGERECHTIGKEITEN HABEN MICH SCHON IMMER BERÜHRT
Als das Nachhaltigkeitsthema anfangs noch nicht so ernst genommen wurde, also von vielen Chefs als sogenanntes weiches Thema eingestuft wurde, landete es zuerst in der PR-, manchmal auch in der Marketingabteilung, wurde also geradezu instinktiv hauptsächlich bei Frauen verortet. Da habe sich, so Cziharz, in den vergangenen Jahren vieles verändert, da klar wurde, dass das ein zentrales, wichtiges Thema ist und Verantwortung und Steuerung von Vorstandsebene aus braucht. »Dabei ist es für die Sache an sich eigentlich egal, ob eine Frau oder ein Mann das Thema beackert«, sagt Cziharz, die sich erinnert, sich schon als Mädchen mit dem Thema Gleichberechtigung und Gerechtigkeit beschäftigt zu haben. »Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich für eine Tageszeitung zum Thema: ›Gleiche Rechte für Mädchen und Buben‹ befragt und ich habe damals kritisiert, dass Frauen nicht Pfarrerinnen werden dürfen. Keine Ahnung, weshalb mich gerade das so beschäftigt hat, aber gesellschaftliche Ungerechtigkeiten haben mich eigentlich schon immer in irgendeiner Form berührt. Aber für mich war und ist da immer der humanistische Ansatz im Vordergrund gestanden, wo es nicht vor allem um das Thema Mann / Frau geht, sondern um das Menschsein an sich und um gleichberechtigte Bedingungen.«
Nachhaltigkeit gehört auch zu ihrem privaten Lebensstil. »Ich glaube, es geht darum, im Leben Interessen zu finden, die über einen konsumistischen Zugang hinausgehen. Mir sind zum Beispiel Natur und Bewegung wichtig, aber auch, die Welt in ihrer Komplexität über Kunst und Kultur verstehen zu lernen. Dieses Interesse versuche ich auch in meinen Kindern zu wecken.« Und auch ihr Reiseverhalten ist davon geprägt. »Ich finde Zugfahren super. Und ich weiß, mit einer Flugreise habe ich mein Autofahren für ein Jahr mit einem Mal konsumiert. Also das ist schon eine bewusste Entscheidung, dass ich darauf schaue«, schildert sie und fügt an, dass unsere Generation ja an sich relativ konformistisch und konventionell sei. »Natürlich gab es Mitte der Achtziger die Hainburger Au. Aber wir waren damals mit vierzehn, fünfzehn ja fast noch zu jung. Es gab den sauren Regen, das Waldsterben und die FCKW-freien Kühlschränke, daran erinnern wir uns noch. Aber natürlich waren wir auch eine Generation, die lange ohne nachzudenken geflogen ist.« Deshalb freut sie sich über Bewegungen wie »Fridays for Future« der heutigen Jungen, »weil sie erkannt haben, dass es notwendig ist, sich wieder für etwas einzusetzen«.
DIE MIDLIFEKRISE HAT SICH UM ZEHN JAHRE NACH HINTEN VERSCHOBEN
Apropos Sinn – oder Sinnsuche: Ein klassisches Thema in der Mitte des Lebens, beschäftigt das auch sie? »Die Midlifekrise, die unsere Eltern so Ende dreißig, Anfang vierzig hatten, die hat sich – wie auch das Kinderkriegen in unserer Generation – um zehn Jahre nach hinten verschoben. Weil: Natürlich sind wir in unserem Alter jetzt in einer Art Transformationsphase, denke ich. Ich beobachte das auch bei meinen Freundinnen, aber ich erlebe das als sehr positiv. Ich verstehe mich auch mit meinen Freundinnen noch besser«, lacht sie. Woran das liegt? »Es hat wohl etwas mit Essenz zu tun, Wesentlicheres rückt in den Fokus und wird offener thematisiert.«
So viel zu den inneren Veränderungen, aber was ist mit dem Äußerlichen, dem sichtbaren Älterwerden? »Naja, in der Früh erkennt man sich manchmal selbst nicht mehr«, lacht sie, »aber was mir im Moment gut gefällt, ist, dass graue Haare auch bei Frauen mittleren Alters salonfähig geworden sind. Und überhaupt eine Selbstverständlichkeit, mit dem Körper zu leben, der natürlich auch das Leben abbildet. Ich sehe diese Gelassenheit bei einigen meiner Freundinnen und das gefällt mir sehr.« Gleichzeitig könne sie aber auch jene Frauen verstehen, die mit Botox und Co. gegen die Zeichen der Zeit kämpfen – nur wenn es allzu exzessiv wird, sei dieser Schönheitswahn zu hinterfragen. Aber jede gehe eben auf ihre Art mit dem Älterwerden um – und mit den damit verbundenen hormonellen Veränderungen: »Ja, die Hormone knallen«, lacht sie, »dieser Veränderungsprozess geht nicht unbemerkt vorbei«. Und wenn dann die Tochter in die Pubertät kommt und die Mutter in den Wechsel? »Ich finde das sehr spannend, weil ich dann manchmal spüre, wir ähneln einander. Mein Verständnis für ihre Befindlichkeiten wird dadurch auch größer, dann wieder bin ich gereizter.« Und was sagen die Männer der Familie, also Vater und Sohn zu den Launen der Damen? »Da gibt es schon manchmal große Augen, fassungslose Blicke«, lacht Catherine, die ihren 50. Geburtstag wenige Tage nach unserem Interview feiert. »Mein Sohn hat unlängst gesagt: ›Jetzt wirst du fünfzig und ich werde zehn.‹ Na, da habe ich ihm eine gemeinsame Party vorgeschlagen, also ich bin eigentlich ziemlich heiter, was diesen bevorstehenden runden Geburtstag betrifft. Für ihn ist es, glaube ich, ein viel größerer Schritt, dass er zehn wird.« Wenn er maturiert, wird sie achtundfünfzig sein, ein manchmal seltsamer Gedanke, andererseits: »Ich bin froh darüber, dass ich meine Kinder jetzt so bewusst erleben kann. Es ist lustig, wenn er mich über Harry Potter und Quidditch im Wandel der Zeiten aufklärt. Die Kinder halten mich sicher zu einem gewissen Grad auch jung – und up to date.« Und Role Models habe sie ohnedies noch nie entsprechen wollen. »Aber jede und jeder muss für sich selbst Parameter finden. Wie zum Beispiel: Man möchte sich mit fünfundfünfzig noch die Schuhbänder zubinden können und mit siebzig sowieso.« schmunzelt Catherine, die seit Jahren Yoga und Pilates praktiziert »Es kommt eh immer anders, als man denkt« – ein Satz, der sie sehr geprägt hat. Also wozu sich vorstellen, wie sie sein und sich fühlen werde in weiteren zehn Jahren? Tätig bleiben und schauen, was das Leben bringt und sich vielleicht doch ein bisschen an Frauen orientieren, die sie beeindrucken. »Ich finde so wirklich gescheite Frauen faszinierend. Wenn ich auf Ö1 Interviews mit wirklich alten Frauen, also über neunzig höre, mit Philosophinnen oder Psychoanalytikerinnen oder anderen Wissenschafterinnen, dann denke ich mir: Genau das ist es. Die haben wirklich noch einen Text.«

DORIS GRUBER
PREPARE FOR MENOPAUSE
Es ist ein Wiedersehen nach fast zwanzig Jahren. Doris Gruber war eine der Frauen, die im Buch »30erinnen. Portraits von Frauen, die schon weit gekommen sind« mit ganz klaren und starken Ansagen ihre Lebenseinstellung und ihr Lebensfeeling als extrem erfolgreiche Frau um die dreißig schilderte. »Wenn es einmal einen Mann gibt, mit dem ich mir vorstellen könnte, mich zu reproduzieren«, meinte sie damals, dann wäre ein Kind schon ein Thema, »wenn nicht, dann lieber nicht«. Oder sie erzählte, wie sie es geschafft hatte, ihr Studium in Mindestdauer durchzuziehen und sich damals als erst sechste Frau in Österreich im Fach Gynäkologie zu habilitieren. »Ich bin mit dem Ziel ins Studium gegangen: Ich mach das in zwölf Semestern fertig, weil zwölf Semester dauert das, und das habe ich durchgezogen.« Ihre wissenschaftliche Arbeit verfolgte sie als Schülerin des Hormonspezialisten Prof. Johannes Huber mit größter Verve. Auf Urlaub zu gehen hielt sie für überbewertet, Urlaubstage nahm sie sich meist nur, um an internationalen Kongressen teilnehmen zu können, dafür aber mit ein paar Tagen Verlängerung an so manch schönem Ort. Doris Gruber etablierte sich als Hormonspezialistin, was zunehmend auch medial wahrgenommen wurde. Ging und geht es um Hormonfragen, wurde und wird die Gynäkologin von JournalistInnen interviewt, in TV-Talkrunden eingeladen – als eloquente Diskussionsteilnehmerin, die sich nicht davor scheut, mit ihrer klaren Meinung auch Kritik einzustecken.
Dass biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau eine, so drückte sie das in »30erinnen« aus, »totale Gleichberechtigung eigentlich nicht erstrebenswert machen«, war und ist eine ihrer Überzeugungen, zu der sie nach wie vor steht, mit der sie nicht im Meinungs-Mainstream liegt, aber Mainstream war soundso noch nie ihre Sache. Auf die Anfrage, ob sie bereit wäre, für unser neues Buch wieder so offen zu erzählen, Bilanz zu ziehen über die vergangenen zwanzig Jahre und auch ihre eigenen Aussagen von damals neu zu bewerten, kam in kürzester Zeit eine begeisterte und sehr herzliche E-Mail.
Wir verabredeten uns zum Interview in ihrer Ordination, Frau Dr. Gruber öffnete die Tür und da steht genau die Frau, mit der ich vor zwanzig Jahren das letzte Mal über das Leben philosophiert habe: Genau so war sie, die erfolgreiche Dreißigerin, so hat sie ausgesehen, so hat sie gesprochen – wir waren uns seitdem nie mehr persönlich begegnet. Wir freuen uns und lachen gemeinsam über die Jahre, die wir mittlerweile auf dem Buckel haben, darüber, dass wir uns aber selbstverständlich längst nicht so fühlen, wie wir damals als Dreißigjährige Frauen in unserem jetzigen Alter gesehen haben: als alt nämlich. »Wo ist die Falle, dass wir uns nicht als alt empfinden?«, scherzt Gruber, »wobei man schon sagen muss, die Fünfzigjährigen von heute sind nicht mehr wie Fünfzigjährige vor fünfzig Jahren. Weil, das muss man schon anerkennen und sehen, da hat sich wahnsinnig viel getan, auch medizinisch.« Womit wir schon mitten im Thema dieses Buches sind. Aber zuerst einmal zum Persönlichen.
HORMONE PROGRAMMIEREN UNSER GEHIRN AUF BRUTPFLEGE
Was waren die größten Veränderungen seit damals? »Eine der größten Veränderungen ist natürlich die berufliche Weiterentwicklung. Aber der entscheidendste und nachhaltigste Einschnitt in meinem Leben war die Geburt meines Sohnes. Ein Kind zu bekommen, das stellt dein Leben vollkommen auf den Kopf. Also, wenn du ein Kind kriegst, gibst du deine ›alte Persönlichkeit‹ ab – die lässt du im Kreißsaal. Du kommst schwanger rein und gehst als anderer, ›neuer Mensch‹ –, als Mutter hinaus. Das ist so. Das können sie genau so schreiben!« Man glaube es nicht, wie ein Kind das Leben umkrempeln kann. Auch sie habe das nicht einmal den wichtigsten Vertrauenspersonen glauben können, die ihr vor der Geburt ihres Sohnes im Jahr 2004 zu schildern versuchten, wie sehr ein Kind das Leben verändere. Stolz zeigt sie das Foto ihres feschen Sohnes, das auf ihrem Schreibtisch in der Ordination steht. »Er ist ein wunderbares Geschenk und die größte Bereicherung für uns. Ich stand damals wirklich mitten in meinem Leben. Ich hatte die Arbeit an der Klinik, ich hatte meine Ordination und ein schönes Leben rundherum. Mit der Geburt meines Sohnes habe ich die Arbeit am AKH aufgegeben. Es gab keinen Druck, es war kein ›Muss‹, es war ein Bedürfnis, Mutter sein zu können. In die Ordination bin ich aber sehr wohl drei Wochen nach der Geburt wieder regelmäßig gegangen. Es war alles so schön und so normal und mein Sohn war herzlichst willkommen.« Der Mann, mit dem sie sich vorstellen konnte, »sich zu reproduzieren«, kam also? »Ja, der richtige Mann ist gekommen. Ich weiß noch, was ich damals gesagt habe«, lacht sie, »das mit dem Reproduzieren. Das war natürlich hart. Das waren wirklich Worte, also die Diktion einer Endokrinologin, muss ich einmal sagen.« Sie schmunzelt. »So streng würde ich es heute nicht mehr formulieren, denn Liebe gehört natürlich unbedingt dazu.« Ihr Sohn war ein Wunschkind und ein Kind der Liebe, erzählt sie, auch wenn sie mit dem Vater ihres Sohnes schon lange nicht mehr zusammen ist. »Ich bin nach wie vor ledig, aber wir haben ein gutes Einverständnis, mein Sohn ist regelmäßig bei seinem Vater, er versteht sich gut mit ihm. Das passt alles. Aber ich habe mich nachher nie mehr nachhaltig verlieben können und das wird wohl auch so bleiben«, meint sie. Sie selbst habe nur wenige berufliche Abstriche machen müssen, weil sich der Vater und auch andere Familienmitglieder liebevoll um ihren Sohn kümmerten. »Das Einzige, was ich die ersten sechs Jahre nach der Geburt meines Sohnes gestrichen habe, waren Kongress-Aufenthalte. Erst als mein Sohn sechs Jahre alt war, holte mich eine Freundin aus dem ›nur Muttersein‹ heraus und ich besuchte wieder einen Kongress: in Ägypten – für eine ganze Woche!«
Wäre sie vor zwanzig Jahren noch auf die sprichwörtlichen Barrikaden gegangen und hätte die absolute Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern eingefordert, weil Mütter immer noch mehr berufliche Einschränkungen haben? »Nein, das tue ich heute nicht und das wäre ich auch damals nicht. Es gibt eine Ambivalenz, für die jede Frau eine persönliche Lösung finden muss«, meint sie, um aber sofort hinzuzufügen: »Die Natur hat es so vorgegeben, Frauen bekommen Kinder, die Hormone programmieren unser Gehirn auf Brutpflege, und wenn das Gehirn auf Brutpflege programmiert ist, dann sagst du das tollste Engagement ab, dann verzichtest du gerne auf sehr viel. Das ist das evolutionäre Muster, das uns zugrunde gelegt ist – auch einer Universitätsprofessorin.« Sie lacht, meint das aber genau so, wie sie es formuliert hat.
In unserem Interview vor zwanzig Jahren bezeichnete Doris Gruber »totale Gleichberechtigung« als »nicht erstrebenswert«, heute sieht sie das nicht anders und argumentiert das wie damals mit den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau: »Die viel zitierte gläserne Decke, die ist bei uns Frauen nicht so sehr in der Berufswelt zu finden, glaube ich, sondern durch unsere Fruchtbarkeit gegeben.« Ihre persönliche Erfüllung erlebe sie aber nach wie vor auch sehr stark durch ihren Beruf. Das Wort »Job« gefällt ihr übrigens gar nicht. »Die Arbeit mit meinen Patientinnen erfüllt mich mit großer Freude. Jedes Mal ist es spannend, welch interessante Biografien Frauen mitbringen. Das Wichtigste ist, zu versuchen, den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, darum bemühe ich mich bei jeder einzelnen.«
Frauen müssten sich früher als Männer – und vor allem auch rechtzeitig – die Frage stellen: »Was will ich wirklich? Ist das Kind das große Ziel? Oder ist der Beruf das große Ziel? Da muss man ernsthaft versuchen, die persönlichen Prioritäten zu ordnen. Als Frau musst du bereit sein, diese Prioritätenverschiebung auch zu leben und anzunehmen.« Was auch zu berücksichtigen ist: »Als Frau hast Du nicht immer eine große Zeitspanne, besonders, was die Kinderfrage anbelangt.«
Sie selbst fühlt sich angekommen. »Ich glaube, ich habe meinen Platz gefunden. Sowohl was mich als Mensch anbelangt, als auch was mich als Mutter und auch als Ärztin anbelangt. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass es so weitergeht.« Eine Zufriedenheit, die sie in ihren Dreißigern nicht kannte: »Da waren so viele Dinge noch unerledigt, der Beruf nicht ausgefeilt, partnerschaftlich vieles offen, die Kinderfrage stand an. Also da war noch so viel unentschieden, und du glaubst, mit dreißig noch viel Zeit zu haben, aber das ist ein Irrtum.« Und wieder lacht sie. »Es geht so schnell.« Fünfzigjährige Frauen und Männer habe auch sie mit dreißig als alt empfunden. Ganz genau erinnere sie sich noch, als der Fünfziger ihres Vaters gefeiert wurde. »Da habe ich mir gedacht: Um Gottes Willen – kriege ich dann zu meinem Fünfziger auch so einen Geschenkkorb mit einem goldenen Fünfziger drauf?« Sie hat ihn bekommen. »Weil ich das einer lieben Freundin erzählt habe. Und ja, dann hat sie ihn mir geschenkt, genau so einen Korb mit einem goldenen Fünfziger drauf.« Aber sie lacht darüber. Die Bedrohlichkeit dieser Ziffer fünf vor dem eigenen Alter war nur in jüngeren Jahren ein komischer Gedanke, als das eigene Älterwerden noch eine Theorie war. »Also die Kinder ordnen uns schon ein, wo wir numerisch sind. Wir selbst tun das nicht. Und das finde ich gut so, wenn wir das nicht selber tun.«
WECHSEL ALS GROSSER EINSCHNITT IM LEBEN JEDER FRAU
Rein körperlich gesehen passiert freilich bei Frauen um die fünfzig sehr viel. Wer könnte das besser erklären als die Hormonspezialistin Dr. Doris Gruber? »Schauen Sie, auch Gynäkologinnen kommen in den Wechsel«, lacht sie und schildert, wie sie mit ihren Patientinnen das Thema Hormonumstellung bespricht. Der Wechsel sei ein großer Einschnitt im Leben jeder Frau, auch wenn jede Einzelne die hormonellen Veränderungen anders er- und durchlebt. »Ein Drittel merkt gar nichts, ein Drittel hat ein paar Beschwerden und ein Drittel macht wirklich viel mit.« Und genau so, je nach Bedarf, je nach persönlichem Zugang, könne man Hormone ersetzen oder auch eben nicht. »Mit Geduld, nicht im Übermaß, auf keinen Fall nach dem Gießkannenprinzip.« Viele Frauen möchten ja keine Hormone nehmen, setzen viel mehr auf alternative Medizin. »Das ist auch verständlich und total individuell. Das – und das können Sie gerne auch genau so schreiben – das, was ich meinen Patientinnen sage, ist Folgendes: Wenn die Familienplanung erledigt ist, dann sollte jede Frau bereits allmählich das nächste große Projekt im Auge haben: Prepare for Menopause! Die kommt nämlich mit Sicherheit, für jede von uns. Also wie bereite ich mich am besten darauf vor, damit ich gesund und fit bin für all das, was noch auf mich zukommen wird, damit sich nicht plötzlich ein großes Loch auftut, in das ich zu stürzen drohe.« Nicht nur körperlich, auch psychisch sei der Wechsel für viele Frauen eine riesige Herausforderung – das reicht von Stimmungsschwankungen bis hin zu schlimmen Depressionen. »Es kommt zur Umstellung des Stoffwechsels im Gehirn, auch da sind Hormone im Spiel. Und das macht Frauen heftig zu schaffen.«
So individuell die Auswirkungen, die Herangehensweise und die jeweiligen Therapien seien, eines gelte für alle: gesund leben. »Indem man Nikotin, Alkohol oder sonstige Drogen meidet und die Nacht nicht zum Tag macht. Regelmäßiger, erholsamer Schlaf ist wirklich wichtig. Sich außerdem wirklich gesund zu ernähren und den passenden Sport zu betreiben, dann ist man schon auf der guten Seite. Die Energiebilanz wird eine andere in der Menopause. Ich erkläre das immer so: Wenn der Eisprung wegfällt, ist das ein ganz wichtiges Energiereservoir, das nicht mehr gespeist werden muss. Der Eisprung ist für den weiblichen Körper sehr energieintensiv – das verbrennt natürlich auch einiges an Kalorien. Fällt diese hormonelle Meisterleistung des Körpers weg, nehmen wir Frauen zu. Die Umstellung des Stoffwechsels und des Hormonsystems lassen auch die Haut schlaff werden und, und, und. Hormone halten eine Frau frisch, fruchtbar, gesund und schön. Wenn du nicht mehr mitspielst im Orchester der Reproduktion und des sexuellen Wettbewerbs, dann ist es der Natur ziemlich egal, wie du aussiehst. Wallungen kommen, die Silhouette verändert sich, Haarausfall beginnt und die Libido ist auch bei einigen im Verschwinden. Das ist der Lauf der Natur.« Wie begegnet die Expertin persönlich dieser Herausforderung? »Ich versuche all das Gesagte zu berücksichtigen. Ich gehe sehr viel spazieren. Aber nicht Windowshopping. So richtig, bis ich ins Schwitzen komme. Das geht am besten alleine. Und ich meide Noxen. Also kein Alkohol, noch nie Nikotin, maßvoll essen und ich pflege meine Nachtruhe, die ist meine wahre Luxuszeit. Das alleine Spazierengehen gibt mir außerdem Zeit zu denken. Wo stehe ich gerade? Was sind die nächsten Pläne? Und viele weitere gute Gedanken kommen mir dabei.«
Da ist sie wieder, die Doris Gruber von vor zwanzig Jahren: Lernpensum eingeteilt und Studium in Mindeststudienzeit durchgezogen. Tickt sie immer noch genauso? »Ja, das ist in mir drinnen«, lacht sie, »kann man auch Prägung nennen.« Auf die Frage, was man ihr einmal nachsagen solle, meinte sie im Buch »30erinnen«: »Konsequenz«. Und heute? »Ich glaube, ohne einen gewissen, konsequenten Plan funktioniert das Leben nur halb so gut. Natürlich gibt es Abweichungen, Sackgassen, Schicksalsschläge, aber man sollte sich einen ungefähren Wunschlebensplan zurechtzimmern und – ganz wichtig – die neuen Weichenstellungen, die sich immer wieder ergeben, annehmen und damit leben lernen« – eine Lebenseinstellung, die sie auch ihrem Sohn mitgibt? »Das versuche ich. Ich versuche ihm beizubringen, dass er sich zuerst einmal hinsetzen soll und sich überlegen soll: Was soll am Ende herauskommen? Wie ist der Weg dorthin? Und was muss ich dazu beitragen, damit ich mein Ziel am besten erreichen kann?« Und nimmt er das auch an? »Ich hoffe, er tickt mittlerweile ähnlich wie ich«, meint sie und erzählt, wie ihr Sohn am Tag, an dem wir miteinander reden, eigentlich null Bock auf Schule hatte, sich schließlich doch überwunden habe zu gehen, aber leider die Turnsachen zu Hause vergessen habe. »Damit dieser ›Fehler‹« niemandem auffallen würde, habe ich ihm die Turnsachen in einer Schulpause so unauffällig nachgebracht, dass niemand gemerkt hat, dass er sie vergessen hat.« Perfektion. Mutter wie Sohn. Und Organisationstalent, aber das haben wohl alle berufstätigen Mütter entwickeln müssen.
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