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Birgid Windisch

Abenteuer im Odenwald 1+2

Eine Liebe zwischen den Zeiten

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Impressum neobooks

Kapitel 1

Birgid Windisch

Abenteuer im Odenwald

Eine Liebe zwischen den Zeiten

Doppelband

(1 + 2)

In Abenteuer im Odenwald, sind die beiden ersten Bände meiner Odenwaldbücher, Verloren im Odenwald, auf der Suche im Odenwald, vereint.

Band 1

Verloren im Odenwald

zwischen gestern und heute

Band 1

Wie alles begann:

Lene, die ihren Sommerurlaub bei ihrer Oma in Mömlingen verbringt, fällt in eine Grube, als sie im Wald einem alten Weg folgt. Unten trifft sie auf Wernher, einen Mann, aus dem 15. Jahrhundert, der durch Heimtücke in seine missliche Lage geriet. Nachdem sie es anfangs nicht glauben konnten und wollten, fügen sie sich in ihr Schicksal und suchen zusammen, einen Ausweg aus ihrer gefährlichen Lage. So beginnt ein Abenteuer, das sie in gefährliche Zeiten und spannende Orte bringt. Zusammen schaffen sie Dinge, die ihnen vorher unmöglich erschienen und finden das Glück, das an keine Zeit gebunden ist.

Prolog:

Schwer atmend kämpfte sich Lene weiter den Hügel hinauf. Das war aber auch steil. Sie konnte sich noch genau erinnern, wie sie vor einigen Jahren mit dem Familienhund, der leider inzwischen gestorben war, hier hochgeklettert war. Links waren Markierungssteine in regelmäßigem Abstand. Was stand denn da? Interessiert blieb sie stehen, um von nahem besser lesen zu können und zu verschnaufen. Stirnrunzelnd studierte sie die eingeritzte Zahl – 1370 könnte das heißen, und ein H. Ein H? Für Hausen? Sie erinnerte sich, in der Schule gelernt zu haben, dass es einmal ein Dorf hier in der Nähe gegeben hatte – Hausen, hinter der Sonne, weil es auf dem Hügel lag, hinter der Sonne. Sie stieg ein Stück weiter und entdeckte noch einen Stein, ebenso beschriftet und etwas besser lesbar. Ja, das war eindeutig ein H! Lene kletterte weiter, bis ganz nach oben und folgte den Steinen weiter, die in regelmäßigen Abständen den kaum sichtbaren Pfad säumten. Neugierig geworden umrundete sie einige Bäume, die um eine Lichtung standen. Ein schöner Platz und eine ganz besondere Atmosphäre. Trotzdem -sie schauderte. Trotz aller Schönheit spürte sie unerklärliches Unbehagen. Was war denn da auf dem Boden, in der Mitte? Sie scharrte mit ihrem Fuß ein paar uralte Bretter beiseite. Das sah ja komisch aus - hier sollte ein altes Basaltbergwerk in der Nähe sein, erinnerte sie sich. Vielleicht gehörten die alten Bretter dazu und es war ein alter Schacht. Aber das hier sah anders aus, nein, das war es ganz sicher nicht. Sie bückte sich neugierig, von einem drängenden Gefühl getrieben und löste ein paar Flechten Efeu, die sich darum rankten. Ah, da war eine Latte lose. Mit aller Kraft zerrte sie daran, bis sie spürte, dass sie sich löste. Noch einmal fest ziehen, dachte sie und tat es – die Latte löste sich und Lene flog mit ihr in der Hand hintenüber auf eine weiteres morsches Stück Holz - dann verlor sie urplötzlich den Halt und die Orientierung und rutschte blitzschnell durch ein Loch in einen Schacht - doch ein Schacht? „Au!“ schrie sie erschrocken. Sie war sich nicht sicher, was da gerade passiert war. Es war stockdunkel hier drinnen und sie hatte Angst. Wer weiß was noch alles hier unten war. Sie hatte eine Gänsehaut und schrie panisch auf – denn da war eindeutig ein Stöhnen!


Für Werner, der mich immer unterstützt und an mich glaubt

Gerechtigkeit ist ein Traum. Hoffentlich sterben die Träumer nie aus.

Die Neugier wird geweckt

Im Wohnzimmer herrschten Temperaturen, fast wie in einer Sauna. Diese Hitze war kaum noch zu ertragen. Es war viel zu warm und zudem noch trocken. Die Natur litt zusehends darunter. Es war zwar schön, in ihrem Urlaub, den sie bei ihrer Oma verbrachte, die passenden Temperaturen für das richtige Urlaubsgefühl zu haben, doch was zu viel war, war zu viel. Lene seufzte und stand auf, um in Omas Wohnzimmer, die Bücherregale zu durchforsten. Oma hatte immer ein paar neue Bücher im Regal und Lene hoffte, ein spannendes Buch könnte sie von der Hitze etwas ablenken. Zudem hatten sie meistens den gleichen Lesegeschmack, wie Lene wusste. Im Garten neben dem Haus stand ein stattlicher Nussbaum, der ihr Schatten spenden würde. Sie studierte die Buchrücken sorgfältig und sortierte in Gedanken Thriller und Liebesromane aus. Ein Krimi, nicht allzu blutig, wäre genau das Richtige heute, dachte sie bei sich. Doch die Bücher, die sie noch nicht kannte, sprachen sie alle nicht an. Da fiel ihr, ganz am Rand noch ein Bändchen ins Auge, das ihre Oma richtiggehend hineingequetscht hatte. Interessant!

Sofort war ihre Neugier geweckt und sie zog vorsichtig daran. Es bewegte sich keinen Millimeter. Sie hielt die Bücher daneben mit der linken Hand beiseite, um das Büchlein fester packen zu können und nach einem letzten Ruck hielt sie es in der Hand. Gespannt las sie den Titel:

>Ortsgeschichte zu Momlingen – anno 1860 – von Georg Morschhäuser< stand auf dem fleckigen, zerknitterten Einband. Momlingen? Frühere Ortsnamen wiesen oft kleine Änderungen auf und wenn es manchmal nur ein einziger Buchstabe war, der anders war. Nachdenklich wog sie es in der Hand und schlug es auf. Da segelte ihr ein Blatt Papier, schon ganz vergilbt und zerknittert, entgegen. Als sie es aufhob, sah sie, dass es ein Brief war, den eben dieser Georg Morschhäuser, an eine Familie Bach geschrieben hatte. In ihrer Schulklasse war damals auch ein Junge mit Namen Morschhäuser gewesen. Vielleicht war das ein Vorfahre von ihm? Sie lächelte versonnen. Dann legte sie den Brief ins Büchlein, machte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich mit Buch und Tasse, auf die Bank unter den großen Nussbaum im Garten, der seine Äste schattenspendend über ihr ausbreitete. Tief atmete sie ein. Unter diesem Baum roch es immer irgendwie besonders – die Luft war würziger, fand sie. Sie hatte halt ein feines Näschen, wie Oma immer sagte. „Ortsgeschichte zu Mömlingen - anno 1860 –von Georg Morschhäuser“ las sie leise. Sie nahm den Brief wieder heraus und begann, aufgeregt zu lesen: „Verbotenes Wissen“ Schon die Überschrift wirkte verheißungsvoll und Lene las mit leuchtenden Augen weiter. „In meiner Eigenschaft als Schulmeister hatte ich Zugang zu alten Akten und fand dabei eine verblichene Urkunde über Grundbesitz in der Nähe des Buchberges. Darin stand, dass den Herren von Breuberg, die alleinigen Besitzrechte über eine Gemarkung, namens Schlothecke zustünden. Ein Mann namens Wernher von Bache habe zwar Einspruch erhoben, sei aber kurz darauf spurlos verschwunden. „Verwirrt ließ Lene das Büchlein sinken. Was bedeutete denn das? Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Sicher war alles längst geklärt nach dieser langen Zeit, aber es war doch sonderbar, dass in ihrem ruhigen Heimatdorf solche unrechtmäßigen Dinge vorgekommen waren. Sonderbar, dass dieser Brief ausgerechnet in einem Büchlein ihrer Oma lag! Sie nahm ihn wieder hoch. „Ich habe diese Urkunde meinem Vorgesetzten, dem Herrn Pfarrer gezeigt, der mir sofort streng verbot, irgendjemandem davon zu erzählen. Also schreibe ich dies auf, um es den Nachfahren der Familie zu übergeben und der Gerechtigkeit Genüge zu tun - wohl wissend, dass es gefährlich für mich sein kann, wenn mein Tagebuch in falsche Hände gerät. Ich werde es gut verstecken müssen. In dieser Urkunde aus dem Jahr 1441 steht, dass der Pfaffenguthof, sowie der Grafenwald aus der ehemaligen Hausener Gemarkung, beim Ableben seines Ziehvaters, Jörg von Bache - einem Ritter und Herr der kleinen Wasserburg bei Nuwenstat - an jenen Wernher von Bache übergehen sollten. Da er jedoch verschwand, ebenso wie seine Besitzurkunde, wurden den Breuberger Herren dessen Besitzrechte, von seinen Ziehbrüdern übertragen. Den Breubergern ging es hauptsächlich um die Fischerei an der Mümling und den Waidgang. Wahrscheinlich hatte jemand diese Urkunde mit Absicht versteckt, damit besagter Wernher von Bache keinerlei urkundliche Rechte nachweisen konnte. Möglicherweise wurde sie sogar vernichtet.“ Sie runzelte die Stirn. Da war anscheinend schweres Unrecht geschehen damals. Warum stand dieses Büchlein eigentlich bei den Büchern ihrer Oma? Sie beschloss, diese beim Abendessen zu fragen. Wo war sie überhaupt? Sicher wieder unterwegs mit einer ihrer Freundinnen, oder auf dem Kirchhof. Oma war eine umtriebige Frau und hatte immer viel zu tun. Lene trank von ihrem Kaffee und beschloss, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Irgendwie beschäftigte sie das Gelesene sehr und ließ ihr keine Ruhe. Sie hasste Ungerechtigkeit und hatte sich schon immer dagegen eingesetzt. Ihre Gedanken schweiften zu der im Büchlein genannten Gegend am Buchberg, den sie gut kannte, weil sie dort immer mit dem, inzwischen verstorbenen, Familienhund spazieren gegangen war. Es konnte nicht schaden, eigene Nachforschungen anzustellen. Schließlich hatte sie Urlaub und Zeit dafür.

Außerdem war es im Wald kühler und das Vorhaben würde sie ein wenig von der Hitze ablenken. Sie hörte, wie das Tor ging und kurz darauf erschien die Oma, schwer atmend im Garten. Keuchend ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. „Mensch, bin ich erledigt“, schnaufte sie. Die Hitze macht mich ganz kaputt!“ Lene sah sie missbilligend an. Omas Frisur hatte sich in ihre Bestandteile aufgelöst – ja, die ganze Frau befand sich in Auflösung, war verschwitzt und sah völlig fertig aus! „Oma, in deinem Alter macht man bei der Wärme nicht so viel Action!“ schimpfte Lene mit ihr. „Ja, mein Lenchen, aber manchmal muss man eben trotzdem raus und Dinge erledigen, ohne Rücksicht auf Verluste!“ Lene sprang auf. „Du weißt doch, ich hab nur noch dich!“ Sie legte die Arme um sie. Die Oma legte ihre verschwitzte Wange an Lene, die ungefähr gleich groß war. Sie maßen beide etwa165 cm, waren schlank und beweglich. Nur, dass Oma eine weiße Kurzhaarfrisur hatte und Lene eine wilde, braune Mähne bis über den Rücken fiel. „Es ging nicht anders, mein Lenchen. Ich musste zur Bank, auf den Friedhof und zum Bäcker. Dabei habe ich meine Freundin Margret getroffen und du weißt ja, wenn wir zwei uns sehen, kann das etwas länger dauern.“ Lene schüttelte den Kopf: „Aber die Hitze, Oma! Dabei die Zeit zu vergessen kann gefährlich sein! Du solltest bei den tropischen Temperaturen lieber im kühlen Haus bleiben!“ Sie sah sie mit blitzenden Augen an. „Nächstes Mal sagst du mir was zu tun ist - dann erledige ich die Einkäufe, oder komme wenigstens mit!“

Die Oma nickte lächelnd und klopfte ihr liebevoll auf den Rücken. „Ich weiß Kind, ich verspreche dir, dass ich auf mich aufpasse und mich nicht übernehme – und dir ein paar Aufgaben übertrage, aber mach nicht so ein Gedöns, ich bin ja noch keine alte Frau, mit meinen 65 Jahren. Das Alt sein fängt erst mit 80 oder 90 Jahren an.“ Sie schob Lene zärtlich von sich. „Ich schwitze“ Achselzuckend setzte die sich wieder hin und kniff die Augen zusammen. „Du Oma“, begann sie zögerlich. „Ja Lene, was ist denn?“ Oma hob fragend den Kopf. „Was ist das eigentlich für ein seltsames Büchlein in deinem Regal? Da ist von alten Urkunden die Rede, die verschollen sind und Ungerechtigkeiten, was den Besitz eines Gutes und des Grafenwaldes am Buchberg betrifft. Ich habe es vorher noch nie bei dir gesehen!“, erkundigte sich Lene. „Ach das! Das lag auf dem Boden und ich habe es vor kurzem wiedergefunden, als ich oben ein wenig aufgeräumt habe. Ich fand es nach dem Tod meiner Mutter, bei ihren Habseligkeiten. Sie hat es mir aber als Kind gezeigt und wir haben darüber manches Mal spekuliert und uns ein spannendes Leben zurechtgeträumt mit Reichtum und Grund und Boden, der uns zustünde.“ „Das klingt ja spannend!“ Lenes Wangen leuchteten vor Aufregung rot. „Irgendein Vorfahre meines Vaters, muss darin eine Rolle gespielt haben, möglicherweise, ohne dass er es wusste.“ Die Oma zuckte die Achseln. „Und worum ging es da?“ Lene runzelte aufgeregt die Stirn. Die Oma räusperte sich. „Es soll einmal vor vielen Jahren, Streitigkeiten um eine kleine Wasserburg am Neustädter Hof und andere Besitztümer der Nachkommen des Ritters Jorg von Bache, gegeben haben. Die Überreste dieser Wasserburg sind heute noch zu sehen, nahe der kleinen Kapelle, in Richtung Mümling. Vorfahren meines Vaters, sollen einmal Rechte daran gehabt haben, laut diesem Tagebuch, was aber nicht beweisbar ist.“ Die Oma seufzte und hob den Kopf. „Die Nachkommen des Verfassers, dieses Morschhäusers, der einmal Schullehrer in Mömlingen war, haben uns sein Tagebuch übergeben, als sie es in seinem Nachlass fanden. Daraus geht eindeutig hervor, dass Jorg von Bache einer der Vorfahren meines Stiefvaters gewesen sein muss. Anscheinend musste der Verfasser es verstecken und konnte es meinen Vorfahren nicht, wie er es geplant hatte, übergeben.“ „Aha!“, machte Lene gedehnt - das klingt interessant!“ „Ja, das stimmt, Lenchen. Als ich in deinem Alter war, hatte es mich auch gepackt und ich habe Nachforschungen angestellt. Hinten auf den leeren Seiten haben diverse Vorfahren ihre Rechercheergebnisse hineingeschrieben. Ich habe auch noch etwas dazu beigetragen!“ Oma grinste verschämt. „Aha“, lachte Lene. „So kenne ich meine Oma. Für alles zu haben, was verspricht, spannend zu werden - oder lustig - obwohl das wohl eher in die erste Kategorie gehört!“ Oma meinte vorsichtig: „Ja, lustig ist es wirklich nicht. Da sind schlimme Dinge passiert und es waren keine armen Leute die anderen Böses angetan haben.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wie so oft waren es die feinen Herrschaften, die anderen das Leben schwergemacht haben und sich auf deren Kosten bereicherten – und damals manchmal leider auch die Kirche“, Lene schwenkte das Büchlein in der Hand. „Kann ich es eine Zeitlang behalten und darin lesen? Vielleicht finde ich ja auch noch ein paar Anhaltspunkte dazu!“ „Tu das Lene, aber denk daran, es ist alles längst vorbei und spielt jetzt keine Rolle mehr. Wir sind auch so glücklich und es ist alles gut, wie es ist“, meinte die Oma. „Ich geh jetzt erst einmal duschen!“ „Gut, Oma, alles klar“, meinte Lene lächelnd. Der Urlaub war gerettet und versprach, spannend zu werden. Sie setzte sich wieder bequem zurecht und las weiter. Sie war derart gefesselt, dass es ihr keine Ruhe ließ. Sie musste einfach weiterlesen.

Kapitel 2
Erkundungen

Nach Essen und Duschen wollte Lene nur noch ins Bett. Nicht zum Schlafen, nein, das Büchlein brannte ihr im Säckel und sie wollte unbedingt weiterlesen. Frisch geduscht lag Lene kurz danach im Bett und las, was dieser Georg Morschhäuser noch geschrieben hatte:

"Jedoch stand weiter in dem Schriftstück, dass ein gewisser Jorg von Bache, direkt neben der Kirche zu Nuwenstat, auf elterlichem Besitz eine kleine Wasserburg erbaut habe. Diese bewohnte er mit seiner Frau Agnes zu Erlebach. Er war ein armer Ritter und kam über seine Frau zu Bamberger Lehensgut. Dieser Ritter hat in seiner, für den Ritteradel sehr ungünstigen Zeit, mit allen Anstrengungen versucht, seine kleine Burg zu erhalten, aber er war gezwungen, sie dem Grafen von Wertheim zu Lehen aufzutragen. Seiner Frau ließ er dennoch Rechte daran sichern, da er es als ihren Witwensitz geplant hatte. Diese Grafen von Wertheim waren leider mit den oben erwähnten Herren von Breuberg im Bunde durch Heirat und Verschwägerung und auf die oben erwähnten Fischerei-, Grund- und Waidrechte aus. Der Streit wurde immer wilder, als es um den Besitz des Pfaffstangengutes ging, das auf dem ehemaligen Hausen hinter der Sonne als Fronhof stand und Jorg Bache von seinem Schwiegervater vererbt worden war. Da Ritter von Bache die Pacht (die Gült) nicht bezahlen konnte, wurde es dem Aschaffenburger Stift zugesprochen. Daraus wiederum entbrannte ein ewig schwelender Streit und als Folge wurde Jorg von Bache mit dem Kirchenbann belegt. Niemand weiß, wo er begraben liegt mit seiner holden Gattin - die Gruft war leer. Jedoch ihre beiden leiblichen Söhne hassten daraufhin die Pfaffen und ließen keine Gelegenheit aus, Reisende, die unter Geleitschutz des Erzbischofs zu Mainz standen, zu berauben. Schließlich wurde die Burg niedergebrannt von einer Abordnung des Erzbischofs Dieter von Erbach. Dies alles kommt mir sehr sonderbar vor und da ich erfahren habe, dass es noch Nachfahren der von Bache gibt, habe ich heimlich Nachforschungen angestellt. Die Söhne ließen sich kaufen vom Grafen zu Wertheim, als die Eltern gestorben waren und das Raubrittertum zum Niederbrennen der kleinen Wasserburg führte. Der eine zog auf die Burg Breuberg als Burgmann, der andere zur Veste Otzberg als pfalzgräflicher Dienstmann. Man munkelt jedoch, es habe noch einen dritten Sohn gegeben, wohl nur ein Ziehsohn, doch den beiden anderen Brüdern gleichgestellt. Dieser ist im Jahr 1441 spurlos verschwunden. Somit konnten Hans und Madern mit der Burg nach ihrem Gutdünken verfahren und der dritte Bruder ging leer aus. Ebenso wie seine Nachfahren, so es welche gibt und die nicht ahnen, dass sie Besitzrechte haben an der Ruine der kleinen Wasserburg und den Ländereien rundherum. Wahrscheinlich jedoch ist, dass der dritte Bruder von den beiden anderen heimtückisch ermordet wurde, wenn es ihnen auch nie nachgewiesen werden konnte. Meiner Meinung nach kommen am ehesten die Familie Faust in Betracht die Nachfahren jenes geheimnisvollen Bruders zu sein, weil ihre Vorfahren von Nuwenstat kommen und im Jahr 1450 nach Momlingen gezogen sind. Sie wohnen in einer kleinen Kate am Südrand von Momlingen und sind sehr arm. Da mir der Pfarrer strengstens untersagt hat, weitere Nachforschungen anzustellen, übergebe ich ihnen diesen Brief zu treuen Händen und hoffe, es wird ein wenig Licht in ihren dunklen Alltag bringen und ihre Armut vielleicht wenden können. Mehr kann ich nicht tun, wenn ich mir nicht selbst schaden möchte.“

Fassungslos ließ Lene das Büchlein sinken. Wie gemein. Dass so etwas überhaupt passieren konnte. Die Menschen von damals waren anscheinend auch nicht besser als die von heute. Sie war überrascht, wie sehr sie das Gelesene aufbrachte. Eine Weile dachte sie noch darüber nach und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf. Sie war in einem dunklen Gang, einer Art Gewölbe und konnte kaum etwas sehen. Unheimlich war es hier. Fieberhaft suchte Lene im Traum ihre Taschenlampe. Am Handy hatte sie doch eine Taschenlampen-App, da müsste sie nur draufdrücken und schon wäre es hell. Aber sie konnte ihr Handy nicht finden und auch eine Taschenlampe war nicht in Sicht. Stattdessen sah sie jetzt einen schwachen Schein, als sich ihre Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie folgte ihm vorsichtig und streckte dabei ihre Hände aus, damit sie nicht irgendwo anstieß. Eine Kurve - es wurde heller, noch ein Stück geradeaus - noch eine Kurve - und nun sah sie Tageslicht herein schimmern, hinter einem Vorhang aus Efeu. Erleichtert atmete sie auf. Doch nun hörte sie ein Geräusch, eine Art Surren, das beängstigender war als die Dunkelheit vorher und es wurde immer lauter. Sie wollte wieder in den Gang rennen, aber sie war wie gelähmt.

Ruckartig wachte sie auf. Was war das denn? Ihr Herz klopfte schnell und sie atmete schwer, als wäre sie wirklich gerannt. Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und die Treppe hinunter in die Küche. Ein Glück, im Kühlschrank stand eine Fruchtschorle. Durstig trank sie ein paar Schlucke und nahm die Flasche mit hoch in ihr Zimmer. Sie stellte sie neben das Bett, legte sich hin und wollte nachdenken über den Traum, schlief jedoch sofort ein und wachte erst am Morgen vom Krähen der Hähne wieder auf.

Kapitel 3
Ausflug zum alten Ort

Morgens hatte Lene noch eine Weile in dem Büchlein gelesen, auch das, was ihre Vorfahren über die Jahre noch beigetragen hatten, aber nichts Weltbewegendes mehr entdeckt. Alte Urkunden wurden immer wieder erwähnt, teils verschollen, teils wiederaufgetaucht aber immer unbeglaubigt - undurchsichtige Besitzverhältnisse, Ungerechtigkeiten, nicht auffindbare Gräber und viel Unerklärliches. Anscheinend hatte sich mancher Vorfahre darin ausgetobt und war so seine Unzufriedenheit mit seinem >langweiligen< Leben, losgeworden. Wenn es ihnen gutgetan hat? Auf jeden Fall, genau das Richtige für mich, dachte Lene lächelnd. Sie erinnerte sich, dass sie bei einem ihrer Ausflüge mit Omas verstorbenen Hund, auf alte Grenzsteine gestoßen war. Diese führten den Berg hinauf, in Richtung Hausen hinter der Sonne, dem verschwundenen Dorf. Vielleicht lag da des Rätsels Lösung. Immerhin war in dem Büchlein immer wieder von dem niedergegangenen Ort Hausen die Rede. Irgendetwas wollte sie tun und so nahm sie sich vor, an diesem Tag noch loszugehen. Sie wollte zu diesen Steinen, um nachzusehen, ob vielleicht noch etwas Lesbares darauf stand und um sie zu fotografieren. Nach dem Frühstück mit Oma, der sie aufgeregt von ihrem Vorhaben erzählt hatte, packte sie einen kleinen Rucksack mit Broten und Wasser, Äpfeln und einer Tafel Schokolade, legte das Büchlein mit hinein und eine Regenjacke für alle Fälle. Der Himmel sah ziemlich düster aus. Man konnte nie wissen, ob man sie brauchte, wenn es so schwülwarm war.

Dann fuhr sie auf den Parkplatz am Buchberg und wanderte los - den Weg nach oben. Sie hielt sich links. Der Neustädter Hof – im Büchlein Nuwenstat genannt - lag in dieser Richtung und die Steine, die nach oben führten, waren auch dort in der Nähe gewesen, als sie sie damals entdeckt hatte. Ziemlich steil hoch war es gegangen. Angestrengt betrachtete sie den Boden, nach einem zugewachsenen Pfad Ausschau haltend, sah suchend in die Höhe, ob nicht Markierungssteine irgendwo zu sehen waren, doch nichts als Hecken, Brombeeren meist, Dornen und Brennnesseln. Halt! Da war doch etwas? Mit einem Ruck blieb sie stehen. Schnell ging sie ein paar Schritte zurück und sah nach oben. Tatsächlich! Einer der Steine war zwischen den Bäumen in einiger Höhe zu erkennen! Er war ziemlich mit Moos überwachsen und daher schwer zu sehen.

Sie trampelte die Brennnesseln etwas beiseite und machte ein Bild davon, dann arbeitete sich langsam nach oben. Immer wenn sie an einem Stein ankam, war der nächste bereits in Sichtweite. Mit der Zeit war sie außer Puste, aber sie hatte ja Zeit. Sie verschnaufte ein wenig und ging langsam weiter. Bei jedem Stein blieb sie stehen und versuchte die Inschrift zu entziffern - oben war ein H -war sie sich sicher – hm, unten ein N und die Zahl 1370 stand darauf. Aha – das könnte ein H für Hausen sein und ein N für Neustadt. Lene machte ein Foto mit ihrem Handy und stieg weiter nach oben. Als sie am höchsten Punkt angekommen war, wollte sie sich kurz ausruhen. Sie blieb stehen und sah ein Stück weiter vorn eine Lichtung. Der Platz in der Mitte sah ganz gut aus, vielleicht fand sich dort sogar ein Baumstumpf oder etwas Ähnliches, um sich darauf zu setzen. Ein schöner Platz und eine ganz besondere Atmosphäre, fand sie - und doch - sie schauderte. Trotz aller Schönheit spürte sie ein unerklärliches Unbehagen. Was war denn das da, am Boden? Sie scharrte mit ihrem Fuß ein paar uralte, morsche Bretter beiseite. Das sah ja komisch aus. Hier sollte ein altes Basaltbergwerk in der Nähe sein. Ob die Bretter wohl dazu gehört hatten?

Kapitel 4
Der Sturz

Aber das hier sah anders aus, nein, das war es ganz sicher nicht. Es sah eher aus, als hätte da jemand eine Falle gebaut. Oder, war es doch eine alte Basaltgrube? Ein Nebeneingang vielleicht? Sie bückte sich, von einem drängenden Gefühl getrieben und löste ein paar Flechten Efeu, die sich darum rankten. Ah, da war eine Latte lose. Vielleicht konnte sie darunter einen Blick hineinwerfen! Mit ganzer Kraft zerrte sie daran, bis sie spürte, dass sie sich löste. Noch einmal fest daran ziehen, dachte sie und tat es – die Latte löste sich und Lene flog mit ihr in der Hand, hintenüber auf ein weiteres, morsches Stück Holz, dann verlor sie den Halt und die Orientierung und rutschte blitzschnell, rückwärts durch ein Loch, in eine Art Schacht. „Au!“ schrie sie erschrocken. „Hilfe!“ Sie war sich nicht sicher, überhaupt nicht sicher, was da passiert war. Schnell bewegte sie Arme und Beine – scheinbar war nichts gebrochen. Außer ein wenig Schmerzen vom Sturz, schien alles unversehrt zu sein. Stockdunkel war es hier drinnen - sie hatte Angst – es gruselte sie. Und es kam ihr irgendwie bekannt vor. Der Traum! Oh je, der Gedanke daran war nicht gerade geeignet ihre Angst zu vertreiben, im Gegenteil! Sie riss sich zusammen und sah sich um. Wer weiß, was noch alles hier unten war. Allerhand Viehzeug, oder Schlimmeres!

Halt! Was war das für ein Geräusch? Das war eindeutig ein Stöhnen! „Ist da jemand?“ flüsterte Lene leise. Irgendwie hatte sie Angst, laut zu fragen. Sie hatte eine Gänsehaut und hoffte im Stillen, sie hätte sich das Stöhnen nur eingebildet. Vorsichtig tastete sie auf dem Boden umher. Da! Da lag jemand! Sie spürte einen groben Stoff und einen warmen Körper. Aber wie sollte jemand hier hineingekommen sein? Sie war doch eben erst durch morsches, aber unversehrtes Holz in dieses Loch gestürzt. Es sei denn, irgendwo führte noch ein Gang seitlich weg. Lene räusperte sich und hob noch einmal an, diesmal etwas lauter und mutiger: „Ist hier jemand?“ Das Stöhnen wurde lauter und dann erklang eine unmutige Stimme heiser: „Frag nicht so dumm Weib, hörtest du mich nicht stöhnen? Ich liege schon seit mindestens zwei Tagen hier drinnen. Seit mich meine Ziehbrüder hierhergeschickt und mir diese Falle gestellt haben, liege ich hier unten schon! Sie wollen mich wohl tot sehen!“ „Dich tot sehen? Bist du denn so wichtig?“ Lene war skeptisch. „Was redest du da, Weib!? Wenn man nichts weiß, sollte man besser ruhig sein und die Gosche halten! Meine Brüder haben sich kaufen lassen, von den Herren von Breuberg. Dafür haben sie meinen Tod und den Verlust unseres Pfaffstangengutes in Kauf genommen“, sagte die Stimme bitter.

„Welches Pfaffstangengut denn?“ erkundigte sich Lene erstaunt. „In Mömlingen?“ „Unsinn!“, tat es der unbekannte Mann entrüstet ab. „Jeder weiß, dass sie das Jagdrecht und die Felder haben wollen. Sie wissen warum. Hier gibt es wunderbares Wild und sogar Bodenschätze!“ Was geht denn mit dem ab? dachte Lene erschrocken. Ich glaube, der hat einen an der Waffel! Nun wurde ihr noch mulmiger zumute und sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. „Wer seid ihr überhaupt und warum sitzt ihr hier in dem Loch?“, traute sie sich schließlich. „Ich bin Wernher von Bache, Ziehsohn von Jorg von Bache und komme aus Nuwenstat und Hausen, wo ich beim Pfaffstangengut mithelfe, welches mein Erbteil ist!“, erklang die Stimme stolz. „Aus Hausen? Aber das ist doch schon ewig ausgestorben“, platzte es aus Lene heraus. „Fast! Ich bin der zweitletzte Einwohner von Hausen“, entgegnete Wernher stolz. „Aha, deswegen sitzt ihr auch hier im Loch!“ konnte sich Lene nicht verkneifen zu sagen. „Hütet eure Zunge Weib! Ich habe alles Recht auf meiner Seite, aber die gräflichen Schurken haben die Kirche und meine schändlichen Brüder gekauft!“

Kapitel 5
Gefangen

„Oh je, ein Verrückter“, ging es Lene durch den Kopf. „Das war einmal“, rief Lene laut. „Inzwischen gibt es so etwas nicht mehr!“ „Wie meinst du das Weib? Natürlich gibt es das, ihr seht mich doch hier sitzen, oder nicht? Ach so nein, natürlich nicht, es ist ja dunkel!“ Das brachte ihr den Rucksack in Erinnerung, mit dem Handy darin und somit einer Lichtquelle. Suchend tastete sie herum, fand jedoch nichts, als den schlechtgelaunten Wernher. „Au, Weib, was fuschelst du herum? Behalte deine Finger bei dir, bei mir gibt es nichts mehr zu holen!“ Lene seufzte ungeduldig und suchte auf der anderen Seite weiter. Nichts! Entweder hatte sie den Rucksack oben bereits abgenommen, oder er war weiter seitlich gefallen bei dem Sturz. Sie überlegte und tastete weiter auf dem Boden herum. Zum Glück war sie nicht verletzt. Ein paar Schrammen würde es geben, aber das war zu verschmerzen. „Da!“ Triumphierend hielt sie ihn in der Hand. Mist! Er war aufgegangen. Sie tastete darin herum und fand einen Apfel und zwei Brote. „Willst du etwas zu essen haben? Hast du Hunger?“

Sie hielt dem mürrischen Wernher ein Brot hin, vergaß dabei jedoch, dass es dunkel war und er nichts sehen konnte. „Hast du denn was?“ brummte Wernher. „Ja, vor deiner Nase, ein Brot - hier!“ Er tastete nun seinerseits herum, bekam das Brot zu fassen, riss es ihr aus der Hand und wickelte es gierig aus. Sie hörte ihn kauen. Von geschlossenem Mund dabei hatte er sicher noch nie gehört. „Schmeckt es?“, fragte sie ihn spitz. „Ja, ganz erstaunlich, das Brot schmeckt wunderbar fein und luftig, der Käse könnte besser sein, aber insgesamt nicht schlecht!“ In Nullkommanichts hatte er anscheinend das Brot verschlungen. „Hast du noch mehr davon?“ „Ja“, stöhnte Lene leise, „aber vielleicht brauche ich ja auch noch etwas. Wer weiß, wann uns jemand findet und wir hier herauskommen!“ „Wir kommen hier nicht mehr heraus“, sagte Wernher mit dumpfer Stimme. „He, sei nicht so miesepetrig, klar kommen wir hier wieder heraus!“ „Miesepetrig?“ Er klang verwirrt. „Ja, mies gelaunt“, schimpfte sie wütend. „Wie bist du eigentlich hier hereingekommen? Der Deckel war zwar morsch, aber ansonsten unversehrt.“ „Morsch?“ rief Wernher entrüstet. „Das gibt es nicht. Sie haben doch den Deckel aus festem Eichenholz erst vor zwei Tagen daraufgelegt. Der kann gar nicht morsch geworden sein in der kurzen Zeit!“ Lene wurde es nun doch mulmig zumute. Das war ganz und gar nicht mehr lustig hier. Irgendetwas stank gewaltig zum Himmel. Sie schüttelte sich unwillig. Wernher sagte leise: „Sie haben mich hier hineingeworfen, damit ich ihnen keine Schwierigkeiten mehr machen kann. Ich bin unbequem für sie. Ohne mich können sie mit der Burg und dem Gut machen, was sie wollen.

Ich bin ein angenommener Sohn von Jorg von Bache, der letztes Jahr, kurz vor meiner Ziehmutter, verstarb. Meine Zieh-Brüder hassen mich und missgönnen mir mein Erbe, das ich von ihren Eltern bekommen habe. Meine Zieheltern vermachten mir den Pfaffstangenhof und den beiden Ziehbrüdern - ihren leiblichen Söhnen - zusammen die Burg Nuwenstat. Das Pfaffstangengut war ein sogenannter Fronhof. Da ich nicht genug erwirtschaften konnte um die Pacht zu bezahlen, wurde er mir abgesprochen. Meine Brüder beschlossen daraufhin wohl, mit den hohen Herren ein Geschäft zu machen und beseitigten mich, indem sie mich in diese Grube stürzten“, sagte Wernher mit bitterer Stimme.

Kapitel 6
Die verschwundene Zeit

„Äh“, meinte Lene vorsichtig. „Welches Jahr meinst du denn?“ „Was meinst du mit welches Jahr, Weib?“ tönte Wernher laut. „Seid ihr nicht bei Sinnen, dass ihr das nicht selber wisst?“ „Doch, meins weiß ich natürlich, aber deines eben nicht!“ Lene klang verzweifelt. Wernher rief nachdrücklich: „Es gibt nur eines, eures und meines sind nicht zwei verschiedene Jahre!“ „Hoffentlich! Bei mir ist es 2017“, sagte Lene leise. „2017? Das kann gar nicht sein - wir haben 1441!“ „Ach du große Scheiße!“, entfuhr es Lene. „Das ist ja furchtbar.“ Entweder war das ein Verrückter, oder etwas war passiert, das es eigentlich gar nicht geben konnte. Was war da nur passiert? Panisch tastete sie jetzt wieder weiter, auf der Suche nach dem Taschenlampenhandy. Sie brauchte unbedingt Licht jetzt, sonst würde sie vor Angst noch verrückt, egal, was sonst noch sonderbar hier war. Gott sei Dank, da lag etwas! Lene zog es zu sich heran und fühlte die vertraute Form ihres Handys. Sie spürte regelrecht, wie ihr Herz einen kleinen Satz machte vor Erleichterung. Mit Licht würde es ihr sicher bessergehen. Sie schaltete es ein und das Display leuchtete schwach auf. „He, was ist denn das für ein Teufelszeug!“ Der Mann wollte ihr das Handy aus der Hand schlagen. Hastig robbte Lene aus seiner Reichweite und schaltete die Taschenlampe an. Ein heller Lichtstrahl zeigte ihr, dass sie mindestens drei Meter tief in einer Art Grube saßen. Erde, Heu, Dreck. So genau wollte sie gar nicht wissen welcher. Und Wernher. Ein gewaltiger, schmutziger Mann mit wahrscheinlich hellen Haaren. Vor lauter Dreck konnte sie die Haarfarbe nicht genau bestimmen. „He, Weib, ihr blendet mich! Was ist das für ein Ding, das ihr da in der Hand habt?“ Der Mann hatte die Augen zugekniffen. „Eine Taschenlampe, an meinem Handy“, erklärte Lene geduldig. „Hä? Ein Händi, mit Taschenlampe?“, ihr sprecht komisch, Frau. Und eure Ausdrucksweise geziemt sich nicht für ein ordentliches Weib! Leuchtet euch mal an. Ich will einmal sehen, mit wem ich es zu tun habe!“ Lene leuchtete sich kurz an, dann schaltete sie aus, der Akku war kostbar. Und sie wollte kein leichtes Ziel sein, falls dieser Wernher sie überwältigen wollte. „Was habt ihr denn da an, Weib? So etwas trägt kein Weib, das etwas auf sich hält. Bauernhosen und nur ein Hemd. So unanständig läuft keine Frau herum, die ich kenne!“ Lene verdrehte genervt die Augen. „Ich sagte doch, ich komme aus dem Jahr 2017 und da laufen alle Frauen so herum.“ Das hatte ihm anscheinend die Sprache verschlagen. Stumm saßen sie da, zu geschockt, um noch etwas zu sagen. Jeder hing fieberhaft seinen Gedanken nach. Das konnte doch nicht so bleiben! Man musste etwas machen! Aber was? Lene beschloss nach gründlichem Nachdenken, in Ermangelung weiterer Alternativen, Wernher zu vertrauen und sagte mit belegter Stimme: „Wernher, ich könnte mit meiner Lampe schauen, ob es nicht doch noch einen Weg nach draußen gibt. Heute Nacht träumte ich von einem ähnlichen Gewölbe und fand einen Weg hinaus. Aber - würdest du bitte mitkommen? Alleine habe ich zu viel Angst und traue mich nicht.“ Eine Weile blieb es still und Lene spürte, dass Wernher nachdachte. Sie fühlte, dass er ihr langsam glaubte, auch wenn es ihm sehr schwerfiel. Kunststück, wem nicht! Lene konnte es ja selbst kaum für möglich halten. Sie kniff sich in den Arm und seufzte. Es fühlte sich an wie ein sonderbarer Traum. Ein Alptraum - nur dass es kein Aufwachen daraus gab, leider. Wernher sagte nun beruhigend: „Ich komme mit euch, Weib und beschütze euch, so gut ich kann, solltet ihr wider Erwarten einen Weg hinausfinden. Angst habe ich auch. Ich verstehe nicht, was hier los ist und das macht mir Angst. Etwas anderes - habt ihr vielleicht auch etwas zu trinken? Ich bin halb verdurstet.“ Er war ja schon zwei Tage länger hier drinnen, fiel es Lene siedend heiß ein, kein Wunder! Sie tastete wieder in ihrer Tasche herum und fand die Flasche mit dem Fruchtschorle. „Hmmm - das schmeckt aber gut“, freute sich Wernher. „Besser als schales Wasser, wie ich es oft bekomme.“ „Schau!“, rief Lene aufgeregt, da ist eine Lücke im Stein - ich glaube, da geht ein Weg hindurch!“

Kapitel 7
Der Weg hinaus

Wernher kroch zu ihr herüber und besah sich die Lücke. „Da könnten wir hindurchkommen. Ihr auf jeden Fall, bei mir müsstet ihr fest ziehen, oder schieben, dann könnte es vielleicht gehen.“ „Los, wir versuchen es!“ Lene wand sich durch die Lücke und stand in einem breiteren Gang. „Seht ihr etwas? Geht es da drüben weiter?“ wollte Wernher ungeduldig wissen. „Ja, ich kann gut stehen hier und breiter ist es auch!“ rief Lene freudig. Wernher schob sich ein Stück durch den Spalt und Lene zerrte und zog so lange an ihm, bis er auch hindurch war. Erleichtert nahm sie seine Hand und führte ihn, mit der Lampe in der Hand, weiter. Eine Kurve, dann wurde der Gang niedriger und sie mussten eine Weile kriechen. Mann, ist das beklemmend, hoffentlich kommen wir bald raus hier, dachte Lene. „Wollt ihr mich nicht vorlassen, Weib? Ich bin der Mann und beschütze euch!“ Er nahm ihr die Lampe aus der Hand und leuchtete. „Das ist ja ein komisches kleines Ding, staunte er. Aber so hell wie das, habe ich noch nichts gesehen, außer der Sonne am Mittag!“ „Warte mal Wernher!“ rief Lene mit erschöpfter Stimme. „Ich kann nicht mehr, ich muss kurz ausruhen und wenn der Traum recht behält, sind wir bald draußen. Aber wo? In deiner oder in meiner Zeit? Das ist die Frage und das macht mir eine Riesenangst!“ „Gut, wir rasten ein wenig“, Wernher ließ sich neben Lene fallen und leuchtete sie an. „Wenn ihr nicht so komische Sachen anhättet, würdet ihr gar nicht so übel aussehen“, meinte er taktvoll. „Du auch nicht!“ rief Lene wütend. „Du siehst in deinen Klamotten, wie ein Hinterwäldler aus!“ „Das bin ich ja auch und stolz darauf!“ Wernher war eingeschnappt. „Ach so, hm.“ Lene betrachtete ihn nachdenklich. Er war mindestens einen Kopf größer als sie mit ihren 165cm und hatte einen Brustkorb wie ein Bodybuilder. Nur, dass der vom Arbeiten kam und nicht von irgendwelchen Fitnessgeräten oder gar Medikamenten. Sicher war er stark wie ein Bulle. Ach ja, die Haare waren wohl wirklich blond, sah sie nun im Lampenschein. Und einen Bart hatte er auch noch. Übel sah er wirklich nicht aus. Vor allem hatte er gute Augen. Lene beschloss, ihm zu vertrauen. Etwas anderes blieb ihr sowieso nicht übrig, wenn sie hier heil wieder herauskommen wollte. Apropos heil heraus. Heraus ja, aber wo? „Was habt ihr denn, Weib? Heult jetzt bloß nicht. Wir werden schon wieder heraus kommen hier!“ Er gab Lene das Handy und sie schaltete das Licht aus. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie einen Lichtschein, es musste hinter der Kurve hereinscheinen – etwa die Sonne? Wie in meinem Traum! schoss es Lene durch den Kopf und sie erinnerte sich an ihr beklemmendes Gefühl darin. So ähnlich fühlte sie sich jetzt auch, nur dass sie nicht allein war. Wernher war bei ihr und das war besser, als in ihrem Traum. Es gab ihr ein beruhigendes Gefühl, dass er bei ihr war. Und das beklemmende Surrren aus ihrem Traum fehlte zum Glück auch. Wernher nahm sie an der Hand und zog sie weiter. „Kommt Weib!“ flüsterte er jetzt. „Wir sind bald draußen. Ich schaue erst einmal nach, wo wir sind. Ihr wartet!“ Lene schob wie in ihrem Traum einige Efeuflechten auseinander und Wernher arbeitete sich durch die Lücke hinaus. „Geh nicht weg!“ rief Lene ängstlich, aber leise.“ „Nein, ich bin doch da!“ beruhigte Wernher sie. Ich bleibe bei euch, keine Angst. Kurz darauf rief er: „Kommt heraus, Weib, ich weiß jetzt, wo wir sind!“ „Lene heiß ich, nicht Weib“, sagte Lene ruhig. „Lene ist ein guter Name. Kommt, gebt mir eure Hand!“ Wernher zog sie aus der Lücke nach draußen und Lene sah, dass sie auf einer großen Wiese standen, einer Lichtung. Sie kam ihr vage bekannt vor. Hier war sie schon gewesen! Das Kraftfeld, nannten sie es heute. Manche Menschen stellten sich an bestimmte Stellen dort und ließen sich bestrahlen – sie meinten, die heilenden Erdkräfte würden an verschiedenen Stellen der Lichtung ihre Krankheiten heilen. Es gab ein regelrechtes Raster mit Einzeichnungen, welche Stelle für welche Krankheit heilsam sein würde. Lene sah sich erstaunt um. Der Anblick war ihr vertraut und doch wieder nicht. „Wernher, ich kenne dieses Feld, aber es sieht so anders aus!“ Wernher drehte sich um. „Wie meint ihr das?“ Lene kniff die Augen zusammen: „Na, ich kenne es, aber es sah gestern noch anders aus als jetzt zum Beispiel.“ „Na, ja“ schüttelte Wernher, mit ungläubigen Augen, bedächtig den Kopf. „Anscheinend ist es wohl wirklich so, dass ihr durch irgendein Wunder aus der Zukunft in meine Zeit gekommen seid und deswegen kennt ihr zwar die Gegend hier, aber sie sieht eben ein wenig anders aus, als bei euch.“ Lene schossen vor Anspannung, die Tränen in die Augen. „Oh!“ Mehr brachte sie nicht heraus. Sie konnte nichts mehr sehen vor lauter Tränen und Angst. Was sollte denn nun werden? Sie fühlte sich völlig hilflos. Wernher sah sie an und erkannte sogleich ihren Zustand. Fest nahm er sie in die Arme. „Kommt Lene, ich bin doch da, ihr seid nicht allein. Ich helfe euch. Zusammen werden wir es schaffen, dass ihr wieder in eure Zeit zurückkommen könnt.“ Lene dachte zwar – Wie soll das denn gehen? Es fühlte sich dennoch beruhigend an, fest im Arm gehalten zu werden. Es vermittelte ihr die Sicherheit, die sie gerade dringend benötigte, um bei klarem Verstand zu bleiben und nicht in Panik auszubrechen. „Kommt Lene, ich bringe euch zu meinem Unterschlupf und wir suchen uns erst einmal Speis und Trank. Danach werden wir wieder besser denken können und eine Lösung finden. Lene drückte ihn dankbar und ließ sich auf die Füße ziehen. Vorsichtig um sich schauend, setzten sie ihren Weg fort, weiter nach oben. „Wo gehen wir denn hin?“ Lene konnte kaum folgen, so ein Tempo legte Wernher vor. „Ich weiß einen Brunnen in der Nähe, wo wir frisches Wasser finden und eine kleine verlassene Hütte im Wald, in der früher ein Einsiedler wohnte. Dort können wir uns verstecken heute Nacht. Morgen oder übermorgen suchen wir dann eine Höhle auf, die ich auf meinen Streifzügen fand. Dort sind wir sicherer. Kommt!“ Wernher zog Lene weiter. Sie machten sicher ganz schön Krach, so ungeschickt wie sie sich anstellte. Stolpernd versuchte sie, mit Wernher Schritt zu halten. „Pst!“ Wernher bedeutete ihr, leise zu sein. Ein Pferdefuhrwerk mit Holzladung fuhr den Weg entlang. Die armen Pferde, dachte Lene. Der Wagen war ganz schön voll und sah schwer aus. Als das Fuhrwerk vorbei war, gingen sie weiter. Nicht auf dem Weg, sondern querfeldein, noch weiter hinauf. Konnte denn gar nichts eben sein hier, dachte Lene missmutig.

Kapitel 8
In der Hütte

Als sie schon langsam müde wurde, kamen sie endlich an der Hütte an. Hütte war eigentlich übertrieben, es war eher ein Schuppen. Nicht einmal gut genug, um ein Fahrrad unterzustellen, befand Lene, aber besser als nichts. Wernher öffnete die Tür und bedeutete ihr, erst einmal draußen zu warten. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es sicher war, zog er Lene zu sich hinein. „Feuer kann ich leider keines machen, aber ich habe ein paar Lebensmittel in der Nähe und etwas zu trinken, sowie eine Decke. Das muss erst einmal genügen!“, beschied ihr Wernher und Lene schloss resigniert die Augen. Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum - die Möbel aus einem Strohhaufen in der Ecke, vermutlich das Bett (sie schüttelte sich schon beim Gedanken daran, dort schlafen zu müssen), eine alte Holzkiste und eine Feuerstelle. Sonst gab es nichts. „Äh, Wernher?“ „Ja Lene, was ist?“ „Ich müsste mal aufs Klo.“ sagte Lene mit gesenktem Kopf. „Aufs Klo? Was ist das?“ „Die Toilette, der Abort.“ „Ah, der Abtritt!“ Abtritt? Ieh! Das klang nicht gut, fand Lene. „Ja, ich glaube, so nannte man das früher.“ „Kommt mit, Mädel. Hier ist ein Loch hinter dem Haus, da könnt ihr euer Geschäft hineinmachen und mit der Schaufel, die danebenliegt, Erde darüber häufen.“ „Gibt es keine Wasserspülung?“ „Wasserspülung? Was soll denn das sein? Wenn ihr mögt, könnt ihr euch auch in einen Bach erleichtern, dann habt ihr Wasserspülung, so viel ihr wollt!“ Lene ging seufzend nach draußen und verschwand hinter der Hütte. Sie tat alles wie geheißen und war froh, dass der Druck erst einmal weg war. Zurück in der Hütte, fiel ihr plötzlich etwas ein. „Wernher, ich könnte mit meinem Handy versuchen, meine Oma anzurufen.“ „Hä?“ Er stand sichtlich auf dem Schlauch. „Na, mit dem Ding das leuchtet. Das ist gleichzeitig ein Telefon. Mit einem Telefon kann man Leute, die weit weg sind, anrufen und mit ihnen reden, auch wenn man sie nicht sieht.“ „So einen Blödsinn habe ich mein Lebtag noch nicht gehört! Dann versucht es halt, wenn ihr meint, dass das funktioniert?“ Seiner abwertenden Bemerkung zum Trotz beäugte er das Handy mit Interesse. „Ich stelle es laut, dann hörst du was ich sage und was Oma antwortet, ebenso.“ Lene schaltete das Handy ein. Sie hatte es heruntergefahren, damit der Akku nicht so schnell alle würde, es war jetzt schon nur noch auf 41 Prozent.

Kapitel 9
Stimme aus einer anderen Zeit

Sie wählte Omas Nummer und hörte es tuten. Tatsächlich – es klingelte! Lene war ganz aufgeregt und konnte kaum noch stillsitzen. „Hörst du es? Es klingelt bei Oma!“ „Tuuut -tuuuut – tuuuut“, dann hörte man, wie jemand abhob. „Faust Helga - Lenchen bist du es? Melde dich doch, sag etwas, ich habe solche Angst um dich“, sprudelte Oma aufgeregt hervor. „Ja, Oma, ich bin es, Lene.“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen ungehindert hinunterliefen. „Oma, ich bin in einer anderen Zeit gelandet, bitte hilf mir!“ „Lene, ich höre nur Rauschen und ganz weit weg, das könnte deine Stimme sein. Sprich doch lauter, mein Kind!“ Lene brüllte, so laut sie konnte, ins Telefon, aber es war sinnlos, die Oma verstand sie nicht. Es tat so weh, ihre Stimme zu hören und fast mit ihr reden zu können – fast! Lene schluchzte hemmungslos. Wie konnte das nur sein? Wie?! Sie verstand gar nichts mehr und weinte, bis sie nicht mehr konnte. Wernher hielt sie die ganze Zeit im Arm und tröstete sie. Lene war froh über seine tröstliche Gegenwart. Er streichelte ihr unbeholfen über den Rücken und klopfte ihr ein wenig auf die Schulter. „Ach Wernher, was soll ich denn jetzt machen? Ich kann nicht heim und Oma ist so nah und doch ganz weit weg.“ Er sah sie ratlos an und es fiel ihm nichts anderes ein, als ihr weiter übers Haar zu streichen und sie wieder in den Arm zu nehmen. Lene richtete sich auf und streichelte ihm nun ihrerseits übers Haar. Er war ja auch arm dran. Immerhin wollte ihn jemand umbringen und scheute nicht vor üblen Methoden und sogar Mord nicht zurück - ihr schauderte. Eigentlich fühlte sich sein Haar gar nicht so schmutzig an, wie es aussah. Schön weich war es. Sie streichelte ihn weiter und Wernher nahm ihren Kopf und drückte ihn an seine Brust. „Wir müssen nur fest zusammenhalten, dann werden wir sicher eine Lösung finden aus dieser Not“, murmelte er beruhigend in ihr Haar. Lene legte ihm den Arm um den Hals und zog sich auf seinen Schoß. Das tat gut. Sie fühlte sich richtig wohl und geborgen. Sie kuschelte sich so nah es ging an ihn und hörte seinen Herzschlag - das klang wunderbar beruhigend. Wohlig lächelnd schlief sie ein. Wernher sah auf sie hinunter und machte sich seine Gedanken. Was sollte er nur mit diesem seltsamen Geschöpf anfangen? Er betrachtete ihre langen Wimpern, den wilden ungebändigten, braunen Haarschopf, von einer Art Band zusammengehalten. Vertrauensvoll lag sie lächelnd an seiner Brust und er nahm sie gerührt noch fester in die Arme. Oh je, das waren nicht nur väterliche Gefühle, die er da verspürte, aber er bezähmte sich. Sie vertraute ihm und er hatte nicht vor, ihr Vertrauen zu missbrauchen. Vorsichtig stand er mit ihr auf und trug sie zu dem Haufen Stroh in der Ecke. Er hatte die Decke darübergelegt und bettete nun Lene darauf, klappte die Decke zu, so dass sie hineingerollt dalag. Zärtlich strich er ihr übers Haar, dann machte er sich daran, etwas Essbares zu besorgen. Er wusste eine Stelle im Wald, wo wilde Möhren wuchsen und in der Nähe von Hausen, hatte er auf einer kleinen versteckten Lichtung ein paar Kartoffeln und etwas Mais angebaut. Gut versteckt hinter Brennnesseln, damit sie niemand fände. Sorgfältig schloss er die Tür mit einem zweifelnden Blick auf Lene, hoffend, dass diese nicht auf dumme Gedanken kommen würde und ging schnell los. Er wollte so schnell wie möglich wieder bei ihr sein. Eine Stunde höchstens, würde es dauern, schätzte er. Vorsichtig lief er den Berg weiter hinauf, sich immer hinter den Bäumen haltend. Man konnte nie wissen, wen die feinen Herren Brüder noch auf ihre Seite gebracht hatten. Für Geld taten manche Menschen alles und neuerdings standen überall diese Hochsitze, die man nicht sofort sehen konnte und von denen aus sie einen wunderbaren Ausblick hatten. Er musste aufpassen und trotzdem schnell sein. Da, hinter der Eiche, begann das Dickicht, da ging keiner freiwillig hinein und ließ sich Gesicht, Arme und Beine zerkratzen. Er legte sich auf den Bauch und robbte vorwärts, wobei er mit den Ellbogen sein Gesicht schützte. Hinter den Brennnesseln sah er bereits seine kleine, geheime Pflanzung. Die Schnecken hatten auch schon mit am Mahl teilgenommen, ohne Einladung, versteht sich und sicher hatte auch das eine oder andere Reh daran geknabbert, aber es war noch genug da, für sie beide. Hm, ein paar Maiskolben, ziemlich klein, aber immerhin - die gaben Kraft. Er brach sie vorsichtig ab, ohne die Pflanze zu beschädigen, denn sie trug noch ein paar weitere Maiskölbchen. Dahinter wuchsen die wilden Möhren. Er zog vorsichtig ein paar heraus. Da es vor kurzem geregnet hatte, ging das relativ leicht, ohne dass die Rüben abbrachen. Hatte er nicht irgendwo noch ein paar Radieschen gesät? Ah, da - die waren auch gewachsen. Er erntete vier Radieschen und legte alles zusammen in ein Sacktuch, das er in seinen Säckel steckte. Dann robbte er wieder durch das Dickicht und lief vorsichtig den Berg hinunter, bis zur Hütte. Ein Glück, Lene schlief noch. Als er seine Ernte auf die Kiste legte, die als Tisch diente, räkelte sie sich, leise stöhnend.

Kapitel 10
Ein Festmahl

„Ich habe euch etwas mitgebracht!“ Stolz präsentierte er Lene seine Ausbeute. „Die sind aber klein!“ wunderte sich Lene. „In meiner Zeit ist alles größer. Gedüngt bis zum Gehtnichtmehr und hochgezüchtet.“ Wernher schüttelte missbilligend den Kopf und putzte eine Rübe mit der Hand notdürftig ab und reichte sie Lene, die heißhungrig hineinbiss. Hm, so süß schmeckten die heutzutage nicht mehr. „Schmeckt die aber gut!“ Wernher freute sich und bot ihr nun auch die Maiskölbchen und Radieschen an. Sie wollte jedoch nur weiteressen, wenn er auch etwas äße. Er brauchte seine Kraft. „Was machen wir denn jetzt? Hast du eine Idee, Wernher?“ Wernher kaute bedächtig und holte dann tief Luft. „Ich habe nachgedacht, als ich vorhin unterwegs war, zu meinem geheimen Garten und ihr geschlafen habt. Es kann jederzeit passieren, dass mich meine Häscher erwischen und mir endgültig den Garaus machen. Was wird dann aus euch? Das darf nicht passieren. Ich habe Freunde in Erlenbach. Weitläufige Verwandte. Die bitten wir um Hilfe und Geleitschutz. Mit ihrer Hilfe kehren wir hierher zurück und versuchen, das Loch wieder zu finden, um hineinzuklettern. Vielleicht kommt ihr dann auf diese Weise wieder zurück. Genauso, wie ihr herkamt. Was meint ihr?“ „Klingt gut“, meinte Lene und kaute begeistert an ihrem Radieschen. „Du bist ein guter Gärtner, hm!“ Sie verdrehte verzückt die Augen. „Wenn man Hunger hat, schmeckt alles gut“, meinte er. „Hast du auch etwas zu trinken, Wernher?“ „Dazu müssten wir zum Brunnen gehen, oder an den Bach. Ich habe gedacht, wir trinken später etwas, wenn wir daran vorbeikommen, denn wir müssen, auf dem Weg zu meinen Verwandten, sowieso in diese Richtung.“ „Gute Idee“, meinte Lene und dachte nach. „Moment mal, liegt mein Rucksack irgendwo?“ „Meinst du das blaue Ding da?“ Wernher reichte ihn ihr ihren hinüber. „Ja, genau der!“ Lene öffnete den Reißverschluss, während Wernher ihr gebannt zusah. „Das ist ja schön, zeigt mal dieses Ding – funktioniert das ganz ohne Knöpfe?“ Lene ließ ihn ein paarmal den Reißverschluss auf- und zuziehen, bevor sie ihm den Rucksack aus der Hand nahm. „Sieh mal, ich habe da noch etwas.“ Sie nahm die Flasche Fruchtschorle heraus und reichte sie ihm zum Trinken zu. „Ein Schraubverschluss ist das!“ „Aha.“ Wernher schraubte sie mühelos auf und hielt bewundernd den Deckel in der Hand. Im Dunkeln hatte er gar nicht darauf geachtet. „Trink!“ Er setzte die Flasche an die Lippen und trank ungefähr die Hälfte, bevor er sie Lene zurückreichte. „Ihr auch!“ Lene trank ganz bewusst, mit geschlossenen Augen und schloss den Deckel. Wer weiß, wann sie wieder etwas aus ihrer Zeit trinken konnte. „Wir können die Flasche am Brunnen füllen und mitnehmen, damit wir unterwegs etwas zum Trinken haben.“ „Gute Idee“, meinte Wernher lächelnd. „Ihr seid praktisch veranlagt, Lene!“ Stolz öffnete sie den Rucksack, verstaute die Flasche und nahm eine Tafel Schokolade heraus, die sie in einem Seitenfach als Notration fast immer dabeihatte. Endlich wurde sie auch wirklich in einer Notsituation gebraucht, dachte Lene. Sie brach eine Reihe ab und reichte sie Wernher zu. „Was ist das?“ fragte er sie mit großen Augen. „Schokolade mit Nüssen.“ „Hm“, begeistert schloss er die Augen und ließ ein Stück auf seiner Zunge zergehen. „Ist das gut!“, so etwas Gutes habe ich noch nie gegessen!“ Lene lächelte glücklich und freute sich, dass es ihm schmeckte. „Aber wir müssen langsam los, oder?“ Lene sah ihn fragend an. Er legte die Stirn in Falten und antwortete zögernd. „Eigentlich wäre es sicherer, im Dunkeln zu gehen, damit uns niemand sieht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn wir entdeckt werden. Immerhin haben sie meinen Tod in Kauf genommen als sie mich in das Loch warfen und eure Geschichte wird auch niemand glauben, ihr würdet höchstens noch der Hexerei verdächtigt werden.“ „Stimmt, du hast recht, Wernher!“ Bedrückt ließ sich Lene zurück auf ihr Lager fallen. „Was machen wir jetzt?“ Er setzte sich zu ihr und legte sich seinerseits zurück. „Wir versuchen zu schlafen. Die Hütte ist gut getarnt und niemand hat Grund, uns zu suchen. Keiner weiß, dass ich noch lebe und dass ihr hier seid, weiß auch Niemand.“ Lene antwortete nachdenklich. „Gut, ich denke, du hast recht. Du kennst dich hier aus und kannst eher beurteilen, was am besten ist. Versuchen wir zu schlafen. Ich glaube zwar nicht, dass ich es kann, aber ausruhen ist auch viel wert. Schläft mer nit, so ruht mer doch, sagte schon meine Oma immer.“ Wernher lächelte zufrieden, zog sie in seine Arme und legte sich gemütlich hin. Lene ließ es ganz selbstverständlich geschehen und ruckelte sich zurecht, bis sie bequem an ihn gekuschelt lag.

Kapitel 11
Schöne Nähe

In Gedanken versuchte sie, sich ein Bild von der Situation zu machen - dachte an das Loch, den sonderbaren Traum, das Geräusch, an Wernher. Hm, Wernher - sie lächelte verträumt - der fühlte sich gut an, wie er so nah bei ihr lag. Er roch ganz angenehm und war schön warm und kuschelig. Sie fühlte sich sicher und langsam driftete sie in den Schlaf. Sie erwachte von einem lauten Schrei und wollte schnell aufspringen. Eben dies ging jedoch nicht, weil etwas Schweres halb auf ihr lag. Wild sah sie sich in der inzwischen einsetzenden Dämmerung um und erkannte, dass es Wernhers Bein war, das so schwer auf ihr lastete. Wernher selbst atmete heftig und fuchtelte mit einer Hand herum. „Hinweg, sage ich euch, verschwindet!“, brüllte er wie von Sinnen. Lene sah aufgeregt um sich. Wer denn?! Da war doch niemand! Offenbar hatte er einen Albtraum. „Schhhhhh“, machte sie vorsichtig. Nicht, dass er sie für einen Feind aus seinem Traum hielt und ihr den Garaus machte. „Wernher, alles ist gut, ich bin ja da.“ Tröstend strich sie über seinen Rücken und streichelte ihm über die Haare. Mit einem Ruck setzte er sich auf und drehte sich zu ihr herum, ein Messer in der Hand. Langsam kehrte das Verständnis in seine Augen zurück. „Ach so, ihr seid es!“ er legte das Messer zur Seite und Lene schluckte erleichtert. Er hatte ganz schön bedrohlich ausgesehen. Zum Glück hatte er sie erkannt und nicht gleich zugestochen. Er legte sich wieder hin und schloss die Augen, wobei er Lene fest an sich zog und ihr über die Wange streichelte. „Ihr seid ein schönes Weib und lieb dazu. Wie kommt es, dass ihr noch keinen Mann habt. Oder habt ihr einen, Weib?“ „Ich heiße Lene“, meinte sie erbost und ich habe keinen Mann, weil ich noch keinen wollte!“ „Vielleicht hast du ja auch auf mich gewartet“, meinte Wernher selbstgefällig. „Oh ja, ganz sicher habe ich auf einen schmutzigen, stinkenden Mann aus der Vergangenheit gewartet, der mich glücklich macht!“, meinte Lene zornig. „Das war nicht nett von euch. Wartet nur bis morgen, dann werdet ihr genauso stinken wie ich, oder habt ihr etwa Seife und Wasser dabei?“ Kleinlaut sah ihn Lene an und schämte sich, dass die Wut mit ihr durchgegangen und sie gemein zu ihm gewesen war. „Es tut mir leid, du hast recht. Es war nicht nett, das zu sagen.“ Wernher war zum Glück nicht nachtragend und nahm sie wieder in die Arme. Das tat so gut, da konnte sie sich direkt daran gewöhnen. Sie sah in sein inzwischen vertrautes Gesicht. Die Augen hatten sich bereits an das Dämmerlicht gewöhnt und sie sah, dass seine blauen Augen voller Freundlichkeit und einem anderen, undefinierbaren Ausdruck auf ihr ruhten. Sie schaute ihn forschend an. Er sah so liebevoll und gleichzeitig so, hm – lustvoll – aus? Oh je! Sie spürte, wie ihre Beine weich wurden und sich im Bauch ein flaues Gefühl ausbreitete. Was war das denn? Seine Augen kamen immer näher. Gebannt sah sie hinein und dann auf seinen Mund, soweit er in diesem Bartgestrüpp zu erkennen war. Nicht übel sah er aus! Ob das kitzelte? Er legte seine Lippen auf die ihren und sie ließ es aufgeregt geschehen. Nein, es kitzelte nicht. Sie lächelte glücklich. Zärtlich spielten ihre Zungen miteinander und es war, als ob sie sich schon ewig auf diese Weise nahe wären. Vertraut - und doch aufregend - und einfach wunderschön. Lene war ganz überrascht von ihrer Reaktion. Nie und nimmer hätte sie gedacht, dass sie sich so schnell auf einen Mann einlassen würde, aber es war ja nicht irgendein Mann, es war Wernher, ein ganz und gar besonderer Mann und es war eine außergewöhnliche Situation. Wer weiß, was noch alles passieren konnte, oder würde! Sie lächelte zufrieden. Es war wie ein Traum. Sie lebte einfach, so gut sie konnte und dazu gehörte alles, anscheinend auch die Liebe. Lene spürte seine Hand auf ihren Brüsten und es fühlte sich wunderbar und vollkommen richtig an. Ihr ganzer Körper kribbelte und sie legte nun ihrerseits mutig die Hand in seinen Schritt. Eine imposante Wölbung erwartete sie dort und nun gab es kein Halten mehr. Mit Ziehen und Zerren wurden sämtliche hinderlichen Kleidungsstücke entfernt und mit einem tiefen Stöhnen drang er in sie ein. Ah, war das schön und kein bisschen komisch, sondern einfach vollkommen, gut und richtig! Lene stöhnte wohlig lächelnd und genoss in vollen Zügen, ihm nahe zu sein. Komisch, wie konnte das so schön sein, ein fremder Mann in einer anderen Zeit. Wie, sich so vertraut anfühlen? Lene küsste ihn und bewegte sich dabei in müheloser Choreografie mit ihm. Als hätten ihre beiden Körper ein Eigenleben und würden sich schon ewig auf diese Weise kennen. Danach lagen sie da, streichelten und küssten sich und sprachen leise miteinander. Erzählten sich gegenseitig kleine Geschichten aus ihrem Leben von den Menschen, die sie liebten und die ihnen nahestanden. Wernher hatte eine Ziehmutter gehabt, weil seine eigene Mutter früh verstarb, wie ihm seine Ziehmutter erzählt hatte, als er erst acht Jahre alt gewesen war. Die Ziehmutter war gut zu ihm gewesen, er hatte Glück gehabt und so war er zu diesem Pfaffstangengut in Hausen gekommen. Seine Zieheltern wollten ihn nicht mittellos zurücklassen, sollten sie sterben. Sie kannten ihre Söhne und deren Habgier zu gut. Der Ziehvater war jedoch in Ungnade gefallen, bei der Obrigkeit und die hohen Herren weigerten sich, nach dessen Tod das Pfaffstangengut als Wernhers Erbe und Besitz anzuerkennen. Der Ziehvater hatte seinerzeit nicht die vollständige Pacht bezahlen können und so betrachteten sie es inzwischen als Besitz des Aschaffenburger Stifts und sich als die Weisungsbeauftragten, da sie alle Güter in der Gegend, die etwas wert waren, verwalteten. Es tat ihm gut, sich alles einmal von der Seele reden zu können.

Kapitel 12
Rückblende

Wernher -12. Juli 1441

„Wernher!“ erscholl ein lauter Ruf. Wernher war gerade dabei gewesen, die alte Stute zu füttern, die im kleinen Stall neben der zerstörten kleinen Wasserburg Nuwenstat stand. Dort hauste er mit seinen Ziehbrüdern Hans und Madern Bache von Nuwenstat, im Keller der zerstörten Burg, der noch einigermaßen gut erhalten war. Von den Stallungen daneben war nichts mehr übrig, bis auf eine Box, in der die alte Stute Rosalinde stand. „Was ist denn?“ Wernher nahm den Eimer, in dem er Rosalinde Hafer gebracht hatte und trat zu Hans. „Wernher, wir bräuchten dich morgen!“ Die Brüder ließen Wernher spüren, dass er als Ziehbruder in ihrem verarmten Zuhause nur noch geduldet war. Sie hatten einen Groll auf ihn, weil ihre Mutter stets freundlich zu ihm gewesen war, genau wie ihr Vater Jorg, der diese Wasserburg 1403 erbaut hatte. Als ihr Vater einmal zu viel getrunken hatte, rutschte ihm heraus, dass er die Burg in den letzten 20 Jahren nur erhalten konnte, weil er Wernher damals als seinen Ziehsohn aufnahm, als dieser mit seinen Eltern verfolgt wurde und in Gefahr geriet. Die Eltern von Wernher mussten reiche Leute in Not gewesen sein und so konnten sie Jorg, als Lohn für seine Hilfe ermöglichen, die Wasserburg zu erhalten und instand zu halten. Er nahm Wernher dankbar auf und behandelte ihn fast wie seine eigenen Kinder, die darauf nicht freundlich reagierten, waren sie doch 6 und 8 Jahre älter als Wernher, der als Sechsjähriger in den Haushalt kam. Es kam ihnen gar nicht zupass, die Zuneigung und das Gut der Eltern mit diesem dahergelaufenen Balg teilen zu müssen. Doch der Burg war kein Glück beschieden. Als Vater Jorg starb, der zuvor wegen Händel mit der Kirche von den Aschaffenburgern mit dem Kirchenbann belegt wurde, war die Burg verarmt. Die Mutter folgte dem Vater kurze Zeit später und beide wurden in einem unbekannten Grab beerdigt. Vater Jorg hatte sein Leben lang versucht, die Burg zu halten, aber die Zeiten waren hart. Der lange Krieg hatte ihn ausgeblutet, wie viele Menschen damals. Die Brüder Madern und Hans jedoch raubten nach dem Tod der Eltern Reisende aus, besonders solche, die unter dem Schutz des Erzbischofs standen. Zu groß war ihr Zorn auf die Kirchenmänner. Nun hatte Wernher keine Beschützer mehr, die ihn gernhatten und seine beiden Ziehbrüder sannen nur darauf, wie sie ihn loswerden konnten. Wernher spürte zwar ihren Groll, konnte sich aber keinen Reim darauf machen und wollte nur Ruhe und Frieden. „Ich helfe euch gerne, Madern“, antwortete er daher bereitwillig. „Gut, dann bringe morgen Rosalinde nach Hausen hinter der Sonne, auf das Pfaffstangengut. Der dortige Lehensmann braucht sie dort zum Pflügen.“ „Zum Pflügen? Um diese Jahreszeit?“ „Ja, zum Pflügen“, ärgerte sich Madern, dass es Widerworte gab. „Es kann dir egal sein, welche Jahreszeit es ist. Du tust was dir gesagt wird, und basta!“ „Gut, ich mache es ja, reg dich nicht auf, wann soll ich dort sein? „Geh los, wenn die Sonne aufgeht, dann bist du rechtzeitig da!“ Wernher war es recht. Einen Tag weniger die Launen der Brüder ertragen zu müssen, freute ihn und würde ihm guttun. Den Weg scheute er nicht. Dann hatte er seine Ruhe, das war nicht zu verachten. In letzter Zeit waren Hans und Madern immer gemeiner und unleidlicher ihm gegenüber geworden. Bei der Raubritterei hatte er nie mitgemacht. Er hatte sich lieber in die Arbeit geflüchtet. Es gab immer genug zu tun, auch wenn sie außer Rosalinde nur noch vier Hühner hatten. Die Brüder rührten keinen Finger daheim und hatten außer ihren Händeleien nicht viel im Sinn. So kümmerte sich Wernher um die Tiere, und dass etwas zu essen auf dem Tisch stand. Er machte den Hühnerstall zu und ging zu Bett. Als er sich hinlegte, hörte er seine Ziehbrüder noch dispunieren, aber verstand nicht, was sie sagten und es interessierte ihn auch nicht. Das war ein Fehler, den er kurz darauf bereute, denn sie planten sein Verderben. Die beiden hatten nämlich Arbeit angeboten bekommen vom Grafen von Wertheim. Hans als Burgmann auf der Breuburg und sein Bruder Madern als pfalzgräflicher Dienstmann auf der Feste Otzberg. Dann hätte die Not ein Ende und sie könnten friedlich leben und sich endlich verheiraten. Nur Wernher war ihnen noch im Wege und da sie ihn lange genug geduldet hatten, war der Hass immer weitergewachsen, ohne dass dieser es ahnte. Der Weg ins Pfaffstangengut war eine Falle. Sie wollten sich des ungeliebten Ziehbruders endlich ein für alle Mal entledigen. Als sich Wernher deshalb am nächsten Morgen auf den Weg machte, waren die Brüder schon längst im Pfaffstangengut angekommen. Sie erklärten dem Lehnsmann, er solle Rosalinde von Wernher in Empfang nehmen und dann Augen und Ohren verschließen. Auf dem Rückweg hatten sie eine Falle vorbereitet. Sie wollten eine tiefe Grube, die sonst mit einem schweren Eichenholzdeckel verschlossen war, öffnen und Wernher hineinstürzen lassen. Dann wäre er entweder gleich tot, oder zumindest schwer verletzt und würde in ein paar Tagen vom Erdboden verschluckt sein, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie selbst hätten sich nicht einmal die Hände schmutzig gemacht. Wenn man dann seine Leiche irgendwann entdeckte, wäre es tragischer Unglücksfall gewesen. Sie grinsten voller Vorfreude. Es geschah genau wie geplant und als Wernher kopfüber in das Loch gestürzt war, erschienen die Gesichter seiner zwei Brüder über dem Rand. Sie sahen ihn anscheinend bewusstlos daliegen und beeilten sich, das Loch schnell wieder zu verschließen. Wernher jedoch hatte sie gesehen, als er hinunterstürzte und tat nur so, als sei er bewusstlos. Indes nutzte es ihm nichts, er war dem Verderben anheim geliefert. So fand ihn Lene.

Kapitel 13
Ungerechtigkeit

Wernher und Lene

Als Lene seine Geschichte hörte, spürte sie, wie eine unbändige Wut in ihr hochkroch. „Wie gemein, von deinen Ziehbrüdern! Mit denen müsste grad das Gleiche gemacht werden, damit sie wüssten, wie das ist, was sie dir antaten!“ Wernher zuckte gleichmütig die Achseln. „Diese Welt ist ungerecht und nur die Reichen haben alle Rechte. Die Armen sind Habenichtse und müssen sich den Reichen fügen im Leben. Damit muss man sich abfinden. Sie wollen nur ein Stück vom Kuchen!“ Lene konnte seine Gleichmütigkeit nicht verstehen, es brachte sie nur noch mehr auf. „Du musst dich wehren, Wernher!“ „Wehren? Wie denn? Ich habe keine Möglichkeit.“ „Wir werden Nachforschungen anstellen, wie du zu deinem Recht kommen kannst“, rief Lene leidenschaftlich aus. „Ach du, meine wilde Rose“, lächelte Wernher glücklich. „Jetzt sehen wir erst einmal zu, dass wir dir helfen, bevor wir bei mir weitermachen. „Oma fehlt mir sehr“, murmelte Lene nun mit gesenktem Kopf. „Können wir einmal ins Ort gehen und schauen wo ihr Haus heute steht? Vielleicht ist da ja schon ein Haus.“ Wernher sah sie mitleidig an. Er konnte sich vorstellen, dass es für Lene schlimm war in dieser für sie fremden Zeit zu sein und sich zurechtfinden zu müssen. Dass sie da ihre liebe Großmutter vermisste, war ganz normal. „Also gut“, erklärte er sich einverstanden. „Wir gehen los, wenn es noch dunkel ist und halten uns in den Maisfeldern auf. Momentan steht der Mais hoch, das ist gut für uns.“ Sicher machte sich Oma große Sorgen. Sie war Lenes wichtigster Mensch im Leben geworden, seit sie ihre Eltern mit 12 Jahren bei einem Autounfall verloren hatte. Lene war auch im Fahrzeug gewesen und dabei schwer verletzt worden. Die Oma hatte ihr geholfen, wieder ganz gesund zu werden und mit ihr geübt und trainiert, bis sie ihre Beine wieder kontrollieren konnte. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass sie auch glücklich war. Sie war glücklich, obwohl sie Heimweh nach ihrer Oma hatte und sich Sorgen um sie machte. Hin und hergerissen fühlte sie sich. Dieser Mann weckte die merkwürdigsten Gefühle in ihr, wie sie bisher noch keine gefühlt hatte. „Also, werte Dame“, lächelte er ihr zu, um sie auf andere Gedanken zu bringen: „Was ist euer Begehr, womit kann ich euch glücklich machen?“ Wernher lächelte sie anzüglich an und Lene schaute frech zurück und zeigte mit ihrem Kopf auf ein gewisses Körperteil. „Was, schon wieder?“ Er lächelte glücklich und selbstgefällig. „Gell, in eurer Zeit gibt es nicht mehr so gute Männer wie mich.“ „Weiß ich nicht, ich habe noch keinen es wert gefunden, mit ihm meine Zeit zu verbringen.“ Lene brummte zufrieden, als Wernher zart an ihrer Schulter knabberte. Versunken sahen sie sich in die Augen und Wernher zog Lene zurück auf seinen Bauch und sie liebten sich mit so viel Gefühl und Glück, dass es ihr ganz schummrig wurde. Wie war das nur möglich? Sie dachten nicht länger nach, sondern genossen, das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Da, wo sie schon immer hingewollt hatten, ohne es zu wissen. Ganz unverhofft hatten sie nun das Glück gefunden und waren beide ganz erstaunt darüber. Ein Geschenk des Lebens, einfach so – kaum zu glauben. „Was möchtest du heute tun, mein Lieb?“ fragte Wernher liebevoll. „Ich würde gern sehen, wie es in Mömlingen aussieht, Ob da ein Haus steht, wo in meiner Zeit Omas Haus ist.“ „Ah, das kann ich verstehen. Die Heimat fehlt dir sehr, gell?“ Wernher nickte verständnisvoll. „Ja, hauptsächlich meine Oma, vielleicht spüre ich von ihr dort etwas, auch wenn sie nicht da ist.“ „Gut, wenn wir gegessen haben, laufen wir los. Unterwegs kommen wir an meiner Waschstelle vorbei, da können wir uns ein wenig pflegen und dann gestärkt, den Ort besuchen.“ „Bist du da nicht in Gefahr?“ Lene wollte nicht ängstlich erscheinen, andererseits aber wollte sie keinesfalls, dass Wernher durch sie in Gefahr geriete. Wernher sah sie freundlich an. „Doch mein Schatz, aber ich werde aufpassen und wir werden uns nicht auf freiem Feld sehen lassen. Das ganze Dorf ist momentan von Mais und Frucht umgeben - der Mais steht fast mannshoch und wir können uns gut darin verbergen.“ „Einverstanden“, Lene war es zufrieden und so machten sie sich daran, die Vorräte von gestern zu verzehren. Gelberüben machten zwar nicht direkt satt, aber sie füllten den Magen und waren gesund. Nun werde ich ganz ohne Mühe abnehmen, dachte Lene zufrieden. Es gab ja nichts das dick machen könnte.

Kapitel 14
An der Mümling

Einträchtig wanderten sie kurz darauf los. „Wo ist denn dein Bach?“ Lene konnte es wieder einmal nicht abwarten und Wernher zog eine Augenbraue hoch. „Geduld, Geduld, mein Lieb. Weiter unten im Tal ist das Flüsschen. Mal sehen, ob du es kennst!“ Es ging ganz schön steil abwärts, über die Wiesen und durch Hecken, und an Bäumen vorbei. „Vorsicht“, rief Wernher, das sind Brombeerranken. Die können ganz schön verletzen und richtige Hautfetzen rausreißen!“ Lene ließ sich dankbar an die Hand nehmen und Wernher half ihr, so gut es ging, hinunter. „Au, meine Knie tun schon weh!“ Lene schnaufte laut. „Gleich sind wir unten, mein Lieb“, beschwichtigte Wernher und fing sie auf, als sie stolperte. „Hoppla! Sieh, schon sind wir unten! Da ist das Flüsschen, wenn wir ein Stück rechts gehen, hinter diesen Hecken, da sieht uns keiner und es gibt eine kleine Sandbank, wo wir ins seichte Wasser waten und uns waschen können.“ „Schön!“ strahlte Lene und folgte Wernher voll Vertrauen. Sie arbeiteten sich durch eine verwachsene Hecke auf einen kaum sichtbaren Pfad, bis sie ans Ufer der Mümling gelangten. „Die Mümling - wie schön!“ rief Lene. „Sieht sie noch so aus, wie in deiner Zeit?“ wollte Wernher neugierig wissen. „Fast!“ rief Lene verhalten. „In der heutigen Zeit ist alles ein bisschen gerader, aber sie ist noch so tief und so breit wie hier und mir gefällt sie so, wie sie von Natur aus ist, am besten.“ meinte Lene und fing schon an, sich auszuziehen. Hand in Hand gingen sie vorsichtig ins Wasser. „Ist es auch nicht so tief?“ Lene war ängstlich. „Nein, es ist nicht sehr tief und die Strömung ist zwar da, aber nicht zu stark. Ich halte dich, dann wird dir nichts passieren.“ „Schade, dass wir keine Seife haben“, meinte Lene. „Aber wir haben doch welche!“ rief Wernher belustigt und zog ein Stück Kernseife aus der Hosentasche. Aha, deshalb war sein Haar so weich und deshalb roch Wernher so angenehm, obwohl er so primitiv lebte. Er seifte Lene ein, von Kopf bis Fuß, auch die Haare vergaß er nicht einzuschäumen und danach nahm ihm Lene das Seifenstück aus der Hand und tat bei ihm das gleiche. Schön seifig sahen sie aus und kicherten wie kleine Kinder. Hand in Hand tauchten sie immer wieder unter, wo das Wasser tief genug dafür war. Das tat gut, wenn das Wasser auch eiskalt war. „Weißt du, dass später einmal genau hier ein Stadion stehen wird?“ rief Lene lachend aus. “Ein Stadion? Was ist denn das?“ Wernher sah sie neugierig an. „Ein Stadion ist ein großer Platz, der oval angelegt ist, für den Sport. Außen herum geht eine Laufbahn, die Aschebahn, da laufen die Kinder um die Wette gegeneinander, um fit zu bleiben. Sie haben Sport als Schulfach im Unterricht.“ „Sport? Schulfach? Unterricht? Ich hatte nicht viel Unterricht. Nur ein paar Stunden im Winter, bei einem alten Pfarrer und bei meiner Ziehmutter. Die war sehr belesen und wusste vieles, aber Sport hatten wir nicht. Was ist das eigentlich?“ wollte er wissen. „Sport ist nichts anderes, als Bewegung. Die Kinder lernen Bewegungsübungen, sie rennen und springen, um ihre Muskeln zu trainieren und den Körper zu ertüchtigen.“ Wernher sah sie verständnislos an: „Wir hatten genug Bewegung bei der Arbeit und beim Laufen! Ich denke, mehr brauchten wir nicht.“ „Das ist wahr“, grinste Lene. „Aber heute haben die Kinder kaum Bewegung, sie sitzen viel und das ist nicht gut.“ „Das verstehe ich nicht. Haben die Eltern nicht so viel Arbeit, dass die Kinder mithelfen müssen? Ich kann mir das nicht vorstellen“, meinte Wernher erstaunt. „Das glaub ich dir gerne“, verstand Lene ihn, „weißt Du, heutzutage hat kaum noch jemand Landwirtschaft, bei der die Kinder helfen könnten.“ Das konnte sich Wernher nun überhaupt nicht vorstellen, sah ihm Lene an und lächelte in sich hinein. „Hinter der Kurve ist eine kleine Mühle“, murmelte Wernher leise. „Brunnenmühle heißt sie. „Zeigst du sie mir später?“ Lene sah ihn fragend an. „Von weitem, es ist zu gefährlich“, erklärte Wernher. Dann legten sie sich ein wenig in die Sonne auf die Sandbank und waren nach kurzer Zeit trocken. Außer Lenes Haaren versteht sich, die brauchten immer lange. Aber das war nicht schlimm, es war ja warm. Sie zogen sich an und liefen weiter. „Siehst du, hier!“, deutete Wernher nach links, „dort liegt Momlingen! Wir werden uns vorsichtig durch den Mais arbeiten. Das merkt niemand, wenn wir leise sind und nicht zu sehr an die Stängel geraten, damit sie nicht wackeln!“ „Gut, Wernher!“ Lene folgte ihm im Gänsemarsch und sie liefen vorsichtig von einem Maisfeld ins andere. Es waren viele kleine Felder, nicht nur ein paar riesige Äcker, wie es Lene kannte. Die Flurbereinigung lag noch in weiter Ferne. Gott sei Dank, fand sie. Aber das war trotzdem kein Problem, die Äcker lagen rings um den Ort und so liefen sie vorsichtig von einem in den anderen, wenn einer zu Ende war - nicht ohne sich vorher sorgsam umzuschauen. Wernher nannte ihr alle Flurnamen, aber Lene konnte sich nicht alle merken, es schwirrte ihr der Kopf. Dennoch bemerkts sie erstaunt, dass sich einige der alten Namen, fast unverändert, bis in ihre Zeit gehalten hatten.

Kapitel 15
In Mömlingen

„Schau“, flüsterte Lene. „Da ist die Stelle, glaube ich, wo heutzutage ein Kreisel ist.“ „Ein Kreisel?“ verwunderte sich Wernher. „Ja, da fahren die Autos im Kreis hintereinander in rechter Richtung und biegen da ab, wo sie hinwollen. Entweder zum Königswald hoch, nach Mömlingen hinein, in den Odenwald oder nach Eisenbach.“ „Das gibt es noch?“ Wernher war froh, dass nicht alles anders war in Lenes Zeit. „Ja, das gibt es alles noch.“ „Aber was sind Autos?“ Wernher sah sie verwirrt an. „Autos? „Das sind Kutschen ohne Pferde, die von einem Motor betrieben werden, mit Benzin als Treibstoff.“ Auf Lenes Erklärung hin, sah er nur noch verwirrter aus. Lene lächelte, nahm seine Hand und sagte: „Das erkläre ich dir ein anderes Mal, wenn wir mehr Ruhe dafür haben.“ Jetzt stand hier anstelle des Kreisels eine winzige, offene Kapelle. „Ist das schon die Wendelinuskapelle? Ich kannte nämlich noch eine Kapelle, die früher hier stand, als ich ein Kind war - die Wendelinuskapelle. Jetzt steht sie auf dem Berg, über der Schule.“ Lene sah ihn fragend an. Wernher betrachtete das Kapellchen nachdenklich. „Das ist das Wendelshäuschen. Hier beten die Menschen für eine gute Ernte und gesundes Vieh. Der Wendel ist ein guter Heiliger, ein Hirte, der die Tiere geliebt hat. Darum habe ich ihn auch gern“, antwortete Wernher. „Komm, wir gehen Richtung Ort.“ Lene lächelte, weil sie sich freute, in dem Häuschen ein kleines Stück Vertrautheit gefunden zu haben. „Da vorne wohnt meine Oma!“ rief Lene aufgeregt und deutete auf eine alte Scheune. „Ganz am Ortsrand?“ Wernher deutete in Richtung heutige Hauptstraße. „Ja“, Lene zog ihn voran. „Da, am Amorbach. Er fließt ja mitten durch den Ort. Heute sieht man ihn leider nur noch teilweise, weil das größte Bachstück unterirdisch gelegt wurde - also unter der Straße fließt.“ „Das geht?“ Wernher war ganz erstaunt. „Ich möchte nur wissen, wofür das gut sein soll. So ist es doch viel einfacher, man hat immer das Wasser parat, wenn man es braucht und die Tiere können direkt daraus saufen.“ Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Dann wollen wir mal, komm!“ Auch hier fanden sie ein Maisfeld als Unterschlupf und vorsichtig setzten sie ihren Weg fort, bis Lene abrupt stehen blieb. „Hier ist es!“ „Was?“ meinte Wernher erschrocken. „Na, Omas Haus!“ Da war jedoch nur die Scheune, die sie von weitem gesehen hatten. Gegenüber erhob sich eine Ziegelei. „Das wird wohl erst noch gebaut.“ meinte Wernher trocken. „Oh je“, - Lene traten die Tränen in die Augen. „Es sieht alles so fremd aus. Gar nicht, wie ich es kenne und es gefällt mir kein bisschen so. Zum Beispiel diese Ziegelei, die steht heute gar nicht mehr, dafür steht dort das Haus meiner Freundin Jo.“ Sie schluchzte leise auf. „Dann komm!“ Sanft nahm Wernher ihre Hand und zog sie den Hang hoch, zum Kühtrieb hinauf. „Hier sind wir schneller!“ Flink huschten sie den Weg zwischen hohen Hecken hoch. Hier konnte sie niemand von der Seite aus sehen, es sei denn, jemand kam ihnen des Wegs entgegen. Lautes Muhen machte dem Kühtrieb-Weg alle Ehre und sie sahen den Hirten vor sich laufen, der ein paar Kühe und Rinder den Weg hochtrieb. „Da oben weiden die Kühe immer?“ Fragend sah Lene Wernher an. „Ja, die Kühe grasen da oben, begleitet von Kuhhirten, meist sind es ein oder zwei Kinder. Die Schweine werden an einem anderen Ort gehütet. Es gibt dafür einen extra Sauhirten. Er führt die Schweine in den Wald, wo sie Eicheln fressen und noch so einiges, was sie finden und mögen. Die Leute sind arm und könnten die Schweine sonst nicht mästen.“ „Das verstehe ich“, nickte Lene. „Und die Gänse und Hühner?“ „Die laufen überall frei herum“, sagte Wernher. „Sie wissen ganz genau wohin sie gehören. Sie sind nicht dumm. Besonders Gänse sind sehr intelligent. Sie sind sogar besser als jeder Hofhund, weil sie fremde Leute vertreiben, indem sie zischen und ihnen in die Beine zwicken. Das tut ganz schön weh - kann ich dir aus Erfahrung sagen.“ Lene grinste, das konnte sie sich lebhaft vorstellen. Trotzdem war sie nicht scharf darauf, mit einem Gänseschnabel Bekanntschaft zu machen. Sie erzählte Wernher von ihrem Vater, der aus Aschaffenburg stammte und dort als Kind die Gänse gehütet hatte und sogar mit ihnen im Main geschwommen war. Wernher war gehörig beeindruckt und Lene freute sich darüber. Mit dem Erzählen verging die Zeit wie im Flug und ehe sie sich versahen, waren sie oben angekommen und sahen unter sich, auf der anderen Seite, den Buchberg vor sich liegen. Übermütig spielten sie Fangen und waren schnell unten angekommen. „Halte dich dicht hinter mir“, bestimmte Wernher und zog Lene hinter sich über den schmalen Holzsteg, der die Mümling überspannte. Nun waren sie bald bei der Hütte angekommen und rechtschaffen müde. In der vorigen Nacht hatten sie alles, außer Schlafen im Sinn gehabt, aber nun waren sie erschöpft. Hungrig waren sie auch geworden und hatten sich daher ein paar Maiskolben abgemacht, die sie nun hungrig verzehrten und Wasser dazu tranken. „Wenn man richtig Hunger hat, schmeckt alles gut!“ lächelte Lene zufrieden, während Wernher sie glücklich betrachtete.

Kapitel 16
Auf der Suche nach Hilfe

Begierig hörte Wernher die Geschichten aus der Zukunft, von den Fahrzeugen ohne Pferde, die so schnell fahren konnten, wie der Wind und so viel Kraft hatten wie 80 Pferde, oder sogar noch mehr. Er konnte sich das nicht vorstellen, wollte aber alles wissen. Lene zeigte ihm ihr Handy, die Bilder darauf und ihr Auto, das sie zufällig einmal fotografiert hatte - einen Opel. Wernher konnte nicht genug davon bekommen. Aber Lene schaltete es wieder aus. Wenn der Akku leer wäre, könnte sie es nicht mehr anschalten, sie hatte kein Ladegerät dabei. Wernher ließ sich neugierig erklären, was es damit auf sich hatte. Unverständlich eigentlich für einen Menschen seiner Zeit, war er doch wissbegierig und hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Lene hatte das Gefühl, dass er mehr verstand, als sie anfangs gedacht hatte. Sie waren beide sehr glücklich, wussten aber, dass es so kein bleibender Zustand sein konnte. Sie mussten etwas tun. Sie konnten sich nicht für alle Zeit in der Hütte verstecken. Spätestens wenn der Winter kam, mussten sie woanders hin, sonst würden sie erfrieren. Sie beratschlagten den ganzen nächsten Tag und kamen beide zu der Ansicht, so bald wie möglich Hilfe suchen zu müssen. Wernher wollte als erstes seine Verwandten aus Erlenbach - eigentlich waren es die Verwandten seiner Ziehmutter, um Hilfe bitten. Langsam packten sie ihre wenigen Habseligkeiten in den Rucksack und schlossen die Tür hinter sich. Lene sah sich wehmütig um. Hier waren sie so glücklich gewesen, obwohl sie nur sich gehabt hatten, aber genau das war es! Noch nie hatte sie so empfunden. Mit keinem Menschen bisher dieses tiefe, reine Gefühl erlebt und noch nie, war sie so von Herzen glücklich gewesen. Wernher nahm ihre Hand und sie liefen los. „Vorsicht Lene, hier gibt es viele Dornen!“ Sie setzte ihre Füße vorsichtig und folgte ihm mit schnellen, aber nicht zu hastigen Schritten. Als sie eine halbe Stunde so gegangen waren, kamen sie an den versprochenen Brunnen. Sie glaubte, sich dunkel an den Bubenbrunnen zu erinnern. In der späteren Zeit würde daran eine Tafel angebracht sein und der Brunnen schön in Sandstein gefasst. Der Wald war hier sehr dicht und der Brunnen nicht einsehbar aus der Ferne. Man musste schon nahe herankommen, um sie dort sehen zu können. Das Wasser schmeckte köstlich und sie füllten die Flasche, nachdem sie ihren Durst gelöscht hatten. „Komm Lene, hier geht es lang!“ Wernher nahm wieder wie selbstverständlich ihre Hand und Lene ließ sich bereitwillig von ihm führen, über Stock und Stein, nach Erlenbach, welches sie gut kannte. Aber wie würde es in dieser Zeit aussehen? Sie beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken und folgte Wernher vertrauensvoll.

Kapitel 17
Fremde Welt

Nach einer Stunde hatten sie den Main erreicht. Vertraute Gegend und doch ganz fremd. Ein Glück, dass Wernher dabei war. Wo war denn die Brücke? Lene sah mit panischem Blick nach links und rechts, vergeblich. Es gab keine Brücke über den Main. Wie sollten sie dann hinüberkommen? Erlenbach lag auf der anderen Mainseite! „Wernher, wie kommen wir da hinüber, es gibt ja gar keine Brücke hier?“ Wernher strich ihr beruhigend über den Handrücken. „Natürlich nicht. Es gab hier noch nie eine. Wir fahren mit der Fähre!“ „Mit der Fähre? Hast du denn Geld?“ „Nein, das habe ich nicht, aber der Fährmann ist mir noch etwas schuldig. Ich habe ihm letztes Jahr geholfen, als er nichts mehr zu essen hatte für seine Kinder, er wird uns sicher umsonst hinüberbringen.“ „Also gut.“ Lene folgte Wernher bis ans Mainufer, wo die lidschäftig aussehende Fähre an einem Strick am Ufer lag. „Oh je, sieht die wacklig aus!“ „Keine Angst!“ Wernher schob die widerstrebende Lene auf die Fähre und folgte ihr auf dem Fuße. „Wir werden sicher auf der anderen Seite ankommen, du wirst sehen!“ Der Fährmann hatte gedöst, schrak jedoch hoch beim Klang ihrer Stimmen und beim Schwanken der Fähre. „Wer seid ihr und was ist euer Begehr?“ „Ludwig, ich bin es, der Fronhof-Wernher“ „Ach du bist es!“ beruhigt sank der Fährmann zurück auf die Sitzbank. „Bitte seid so gut, bringt uns und auf die andere Seite hinüber, Ludwig.“ Dieser kratzte sich am Bart, legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen. „Und was bekomme ich dafür? Suchen sie dich etwa? Nicht, dass ich Schwierigkeiten bekomme!“ „Sie denken ich sei tot, Ludwig.“ Wernher klang bitter. „In ein Loch haben mich meine sauberen Brüder geworfen und meinem Schicksal überlassen. Dieses Mannsbild hat mich gerettet!“ Wernher hatte Lene eingeschärft, ihr Haar zu verstecken und hatte ihr seine Kappe zu tragen gegeben. Mit den Hosen würde sie jeder für ein Mannsbild halten. Es war sicherer so. Einem Weibsbild konnte alles Mögliche passieren. Als Mann war sie (hoffentlich) sicherer. Ludwig sah die beiden nachdenklich an. „Gut Wernher, weil du es bist. Du hast noch etwas gut bei mir. Wärst du nicht gewesen, hätte ich nun keine Frau und Kinder mehr. Sie wären elendiglich verhungert.“ Der Fährmann fing an, die Fähre vom Ufer los zu staken. Lene machte ängstlich die Augen zu. Da spürte sie, wie Wernher verstohlen nach ihrer Hand griff und sie beruhigend drückte. Sogleich fühlte sie sich sicherer und öffnete die Augen wieder. Der Fährmann sah arm aus, fand sie. Sein Hemd war vielmals geflickt, das sah sie sogar im Dunkeln und er war sehr dünn. Impulsiv nahm sie die Tafel Schokolade aus dem Rucksack und brach ihm eine kostbare Reihe davon ab. „Hier, Fährmann, habt ihr etwas für euere Kinder. Viel ist es nicht, aber ein wenig und besser als nichts. Sicher wird es ihnen schmecken.“ Neugierig leckte der Fährmann daran, bevor er die Reihe in seinem Säckel verschwinden ließ. Verzückt lächelte er Lene an. „Danke mein junger Herr! Meine Frau und die Kinder werden sich freuen und Gott wird es dir lohnen in der anderen Welt.“ Wie leicht man jemanden glücklich machen kann, dachte Lene verwundert. Und bei uns hat jeder so viel Schokolade wie er will, zu viel sogar, so dass wir krank davon werden können und dieser arme Mann hier ist halb verhungert und überglücklich, seinen Kindern und seiner Frau eine winzige Kleinigkeit schenken zu können. „Soll ich noch eine Reihe?“ flüsterte Lene. Wernher sah sie bedauernd an. „Lieber nicht, wer weiß, wann wir etwas zu essen bekommen. Die Schokolade wird uns bei Kräften halten, wenn wir nichts finden sollten.“ Das sah Lene ein. Ohne dass sie es bemerkt hatte, waren sie schon auf der anderen Seite angekommen und stiegen vorsichtig aus. „Man könnte meinen, der junge Herr sei ein Weib, so ängstlich ist er“, brummelte der Alte. „Er hat noch nie einen so breiten Fluss gesehen Ludwig und deshalb gesunden Respekt davor“, rief Wernher und die beiden Männer lachten grölend. Ludwig war stolz auf „seinen“ Fluss und glaubte unbesehen, dass es Menschen gab, die noch nie einen solch breiten und prachtvollen Fluss gesehen hatten. Wernher zog Lene die Böschung hinauf und sie waren bald hinter den Büschen verschwunden, die den Flussrand säumten. „Komm Lene, es ist nicht mehr weit. In einer Stunde haben wir es geschafft.“ „Eine Stunde nur? Im Dunkeln? Das glaube ich nicht“, knotterte Lene. Doch Wernher gab nicht nach und zerrte sie weiter. Der Weg wurde breiter und man konnte durch den Vollmond einigermaßen sehen, wohin man trat. Sie kamen gut vorwärts. Wernher hatte recht gehabt. In der Ferne sah man bereits Erlenbach liegen. „Wir werden nicht gleich ins Ort gehen. Es wird schon hell. Ich kenne eine kleine Höhle, dort werden wir rasten. Ich werde später erst einmal alleine zu meinen Verwandten gehen und du bleibst in der Höhle versteckt.“ Lene nickte, was Wernher zwar nicht sehen, aber am Luftzug spüren konnte. So wanderten sie einträchtig weiter. In ruhigem Tempo, aber gleichmäßig, so dass sie gut vorankamen. Als sie fast dort waren, wollte Lene wissen, wo die Höhle sei und Wernher führte sie in einen kleinen Steinbruch. „Hier haben früher schon die Römer Steine geschlagen. Da hinten im Wald, ist unser Versteck, komm!“ „Ja, ich komme ja schon!“ Lene trottete weiter an Wernhers Hand hinter ihm her. Ihre Füße mochte sie gar nicht sehen. Die sahen sicher lustig aus. Mit Blasen und Schwielen vielleicht sogar schon. Hinkend ging sie weiter, sie konnte kaum noch laufen. Wernher nahm es gar nicht zur Kenntnis und zog sie in ein Dickicht, das auf den ersten Blick undurchdringlich wirkte. „Au, da sind Stacheln!“ schimpfte Lene leise. Wernher kam zu ihr, befreite Lene aus der Brombeerranke und zog sie vorsichtig um eine kleine Kurve. Schon standen sie auf einer kleinen Lichtung und sie sah, dass der Eingang der versprochenen Höhle direkt vor ihnen lag. „Ist da auch kein Viehzeug drin?“ wollte Lene mit ängstlichem Gesicht wissen. „Nein, es gibt keine Bären hier und Wölfe hat man auch schon länger keine mehr bei uns gesehen“, antwortete Wernher. „Was?“ Ich meinte doch Spinnen und Käfer! Gibt es hier etwa auch große, gefährliche Tiere? Dann gehe ich nicht hinein!“ „Wo willst du denn dann hin, Weib?“ Wernher war leicht ungeduldig. „Es gibt sonst nichts hier, wo du nur halbwegs sicher wärest, außer dieser Höhle und du wirst jetzt dort hineingehen und wenn ich dich hineintragen muss!“ Das wollte Lene nun überhaupt nicht, dass er sich auch noch mit ihrem Gewicht plagen müsste, wo er schon so weit gelaufen war mit ihr und morgen wieder weiterlaufen musste. Also trippelte sie gehorsam hinter ihm her, als er sie weiter voran zog, bis in die Höhle hinein. Vorsichtig sah sie sich um, die Arme ausgestreckt, um nicht in ein Spinnennetz zu laufen. Aber es war alles sauber. Sicher wurde diese Höhle öfter als Unterschlupf benutzt. Sie schüttelte sich - nur hoffentlich nicht heute Nacht und erst recht nicht von Räubern oder dergleichen Gesindel. Wernher öffnete den Rucksack und nahm die Decke heraus, die er am hinteren Rand ausbreitete. Dieser lag um eine kleine Biegung, so dass von draußen nichts zu sehen war. Sehr praktisch, dachte Lene und ließ sich sogleich darauf nieder. Wernher tat es ihr nach und stellte den Rucksack ab. Sie nahm die Flasche Wasser heraus und beide tranken nacheinander, mit durstigen Schlucken. Dann kramte sie im Rucksack herum und hielt kurz darauf die Schokolade in der Hand. „Wollen wir jeder ein Rippchen essen?“ Sie hielt Wernher eines hin. „Ja, eins für die Nacht, dass der Magen nicht so laut knurrt!“ Wernher ließ das Rippchen im Mund zergehen und Lene tat es ihm nach. Wortlos genossen sie die Süße und ließen sie noch, so lange es ging, nachwirken. Dann tranken sie noch einen Schluck Wasser und legten sich nieder. Ihre Notdurft hatten sie bereits draußen erledigt. Lene kuschelte sich wohlig brummend in Wernhers Arme und dieser meinte belustigt: „Ich glaube ich werde dich mein Kätzchen nennen, so wie du dich schnurrend in meine Arme schmiegst!“ „Von mir aus“, meinte Lene schläfrig und war auch schon eingeschlafen. „Nun denn“, meinte Wernher und suchte sich eine bequeme Lage. Lene hatte ihr Bein über seine Hüfte gelegt und er registrierte im Halbschlaf, dass es sich gar nicht schlecht anfühlte. Ein Gefühl, an das er sich glatt gewöhnen konnte. Eng umschlungen schliefen sie ein und erwachten erst, als ein Vogel genau vor der Höhle sein Morgenlied anstimmte. Schön, aber laut! Sicher eine Amsel. Die konnten sehr laut singen. Lene sah Wernhers Gesicht direkt vor sich und seine geschlossenen Augen, die entspannten Gesichtszüge. Er gefiel ihr immer besser. Sein Gesicht war ihr inzwischen fast so vertraut wie ihr eigenes. Sie folgte zärtlich mit ihrem Finger den Konturen seiner Nase, seiner Augen und der Lippen und hörte ihn müde murmeln: „Was ist, mein Kätzchen? Schlaf doch noch ein wenig, es ist noch früh und ich bin müde.“ „Ja, Wernher, ich versuche es.“ Lene legte sich bequemer hin, doch sie spürte, dass sie nicht mehr würde schlafen können. Egal, dann würde sie eben ruhig liegen bleiben. Das war so eine Sache bei ihr. Wenn sie ruhig liegen bleiben wollte, strengte sie sich so an, ruhig zu liegen, dass alles an ihr angespannt war. „Was ist los Weib?“, brummte Wernher schläfrig. „Du bist so steif wie ein Stecken, wie soll ich da schlafen? Oder soll ich etwa nicht schlafen und du möchtest etwas anderes?“ Prüfend fuhr seine Hand über ihre Brust und zwischen ihre Schenkel. „Ah, mein Täubchen, das ist noch besser als schlafen“ und schon konnten die beiden wieder die Hände nicht voneinander lassen, genossen die gegenseitige Nähe und liebten sich mit vollem Herzen. Danach sah Lene ihn liebevoll an. „Dass ich dich gefunden habe! Dafür musste ich durch Raum und Zeit reisen, ich habe keine Mühen gescheut - aber ich habe dich gefunden!“ Wernher grinste selbstgefällig. „Ja so etwas wie mich findest du nicht an jeder Ecke und erst recht nicht bei euch in der Zukunft.“ Lachend kuschelten sie sich wieder aneinander und kitzelten sich gegenseitig, bis sie es nicht mehr aushielten. „Jetzt habe ich einen Bärenhunger“, rief Lene erstaunt. „Ach, du auch?“ Wernher strich über seinen knurrenden Bauch. „Ich könnte einen ganzen Ochsen vertilgen!“ „Der arme Ochse. Ich habe noch einen Apfel gefunden. Tut er es auch?“ Lene zog den Apfel aus dem Rucksack und sie aßen ihn brüderlich teilend bis zum Stiel auf. So schön saftig und süß, er machte Lust auf mehr. „Gibt es hier irgendwo Apfelbäume?“ Lene sah Wernher hungrig an. „Es gibt schon welche, aber stehlen ist streng verboten und außerdem sind sie noch nicht reif. Es ist noch zu früh. Und meine Hand möchte ich eigentlich auch nicht so gern hergeben. Auf Stehlen steht Hand abhacken oder Kopf, wenn sie schlecht gelaunt sind.“ „Was?“ entsetzte Lene sich. „Dann will ich lieber keine Äpfel!“

Kapitel 18
Besuch bei Verwandten

Wernher brach kurz darauf auf, um seine Verwandten, um Hilfe zu bitten. „Bleib schön in der Höhle, bis ich wiederkomme, hörst du, meine Mäd?“ „Was - Mäd? Den Ausdruck kenne ich noch von meinem Opa!“„Ja, ein Kosewort“, wand sich Wernher verlegen. Er strich ihr noch einmal übers Haar, woraufhin sie sich stürmisch in seine Arme warf, ihn festhielt, und dabei über seine Wange streichelte. „Komm ja gesund wieder, mein Lieber, gell!“ Lene schniefte. „Klar komm ich wieder, ich lass dich doch nicht allein!“ Wernher wirkte sehr überzeugend, wie er so den Brustkorb herausstreckte und Lene wurde etwas ruhiger zumute. Dann brach er endlich auf. Um nicht zu viel zu denken, ging Lene daran, ihren Rucksack in Ruhe auszuräumen und alles ordentlich wieder einzuräumen, anstatt es nur hineinzuwerfen, wie zuvor. Sie legte die Decke glatt und schüttete den ganzen Inhalt auf einmal darauf. Da kam noch so einiges zum Vorschein, was sich als nützlich erweisen konnte. Das Büchlein war auch noch drinnen gewesen! Das hatte sie ganz vergessen. Da konnten sie nachlesen, was heutzutage von früher bekannt und erforscht worden war. Lene nahm es nachdenklich in die Hand und blätterte es schnell durch. Wenn Wernher wiederkam, würde sie es ihn lesen lassen, oder ihm daraus vorlesen. Konnte er Druckschrift lesen? Konnte er überhaupt lesen? Lene hatte keine Ahnung. Ah! Der Kugelschreiber klemmte auch an der letzten Seite. Sie hatte vorgehabt, etwas hineinzuschreiben nach ihrem Erkundungsgang, doch bisher war sie noch nicht dazu gekommen. Sozusagen waren die Ereignisse über sie hereingebrochen und hatten ihr Leben, so wie sie es gekannt hatte, auf den Kopf gestellt. Außerdem war alles so unglaublich, was sie hier erlebt hatte, dass sie es erst noch im Kopf sortieren und dann ganz in Ruhe niederschreiben wollte. Doch dafür hatte sie bisher noch keine Zeit gefunden. Sie musste erst einmal zu sich kommen. Das würde sie alles später nachholen, es war jetzt nicht wichtig. Im Seitenfach links, steckte noch ein Beutelchen Studentenfutter. Wunderbar für den Hunger. Die Rosinen, hm -ihr lief schon beim Gedanken daran, das Wasser schier im Munde zusammen - aber nein, sie wollte es zusammen mit Wernher genießen und beherrschte sich. Ein Päckchen Tempos war auch dabei, schade, dass es nicht mehr waren. Die konnte man für vieles gebrauchen. Angefangen von Wundauflagen, bis hin zu Klopapier war alles Mögliche dabei. Sie lächelte zufrieden in sich hinein. Ein Haargummi, ein Haarspängelchen, das war auch nicht zu verachten. Und ein Halstuch, das Beste von allem. Sie legte es sich um und sogleich fühlte sie sich getröstet und wunderbar warm. Sie räumte die Höhle ein wenig auf, schüttelte die Decke aus und setzte sich dann in die Ecke, um zu lesen. Bis zum Nachmittag hatte sie das Büchlein ausgelesen. Die Oma hatte auch etwas hineingeschrieben. Sie (die Oma) wäre vermutlich verwandt mit den Erlebachern und deswegen das Bach im Namen ihres Urgroßvaters mütterlicherseits, der mit Namen Erlebach hieß. Aha, dann war sie, Lene ja auch verwandt mit jenen Erlebachern zu denen Wernher gerade unterwegs war? Hoffentlich nahmen sie ihn freundlich auf und halfen ihm. Sie machte sich Sorgen. Wer weiß, was für ein Gesocks überall hier herumlief. Ohne Wernher fühlte sie sich nirgends sicher und hatte große Angst, dass ihm etwas passieren könnte und sie hier sitzen und es nicht einmal wissen würde. Bis sie verschimmelt wäre. Ihr dröhnte der Kopf. Nein, rief sie sich zur Ordnung. Du lässt solche schlechten Gedanken erst gar nicht zu. Sie nahm wieder das Büchlein in die Hand und fing an zu schreiben, wie sie ins das Loch gefallen war und was sie seitdem erlebt hatte. Das würde ihr kein Mensch glauben. Sie würden sie umgehend in die Klapse stecken. Wenn ihr jemand so eine phantastische Story erzählen würde, würde sie auch denken, derjenige habe eine Meise, milde ausgedrückt. Hoffentlich würde Wernher bald zurückkommen. Lenes Angst wuchs, dass ihm etwas passiert sein könnte. Lange würde sie es in dieser Höhle alleine nicht mehr aushalten!

Kapitel 19
Oma macht sich Sorgen

Frau Faust lief von einem Zimmer ins nächste und wieder zurück. Zum gefühlt hundertsten Mal durchsuchte sie Lenes Zimmer - nichts – Mist! Wo konnte sie nur sein? Sie war nun schon seit drei Tagen verschwunden. Helga Faust wusste nur, dass sie sich für das Büchlein interessiert hatte und die Gegend erkunden wollte - Moment mal, das Büchlein! Schnell lief Helga zum Bücherregal – das Büchlein! Es war weg! Stimmt, Lene hatte gefragt, ob sie es eine Weile haben könnte, erinnerte sie sich wieder und in Lenes Zimmer hatte sie es auch nicht gefunden. Also hatte sie recht und das Büchlein spielte eine Rolle. Fieberhaft überlegte sie, worum es genau darin ging. Hm, um irgendeine Urkunde über ein Gebiet in der Nähe des Buchberges, fiel ihr ein. Lene hatte davon gesprochen, es sich genauer anzusehen. Sofort rief Frau Faust die Polizei an, bei der sie am Tag zuvor schon ihre Enkelin als vermisst gemeldet hatte: „Herr Dietz, ich weiß jetzt, wohin meine Enkelin gegangen sein könnte!“ „Wohin denn, Frau Faust?“ Der junge Herr Dietz hatte wenig Geduld. Sicher hielt er sie für verrückt. Aber sie musste es ihm sagen. „Ich habe daheim im Regal ein Büchlein über alte Urkunden stehen. Das hat meine Enkelin gestern gelesen und eine Bemerkung gemacht, als ob sie in der Gegend etwas nachsehen wollte, die alten Urkunden betreffend. Ich vermute mal, sie ist wirklich dorthin gefahren und ihr ist dort unterwegs etwas zugestoßen!“ Frau Faust fing an zu schluchzen. Deutlich war zu spüren, dass Herrn Dietz das sehr peinlich war. Als neuer Kommissar und frisch zugezogen, hatte er noch nicht so viel Erfahrung, wie er mit emotionalen Angehörigen vermisster Personen umgehen sollte. „Beruhigen sie sich, Frau Faust, das kriegen wir schon hin. Ich werde gleich selbst bei ihnen vorbeikommen. Dann können sie mir die Gegend zeigen, von der sie sprechen!“ Erleichtert brachte Frau Faust nur ein „Danke“ heraus. Seit sie dem jungen Kommissar gestern von dem Anruf ihrer Enkelin erzählt hatte, hielt er sie wahrscheinlich für bekloppt und nun noch die Sache mit der alten Urkunde. Das fehlte noch, um sein Bild von ihr als hysterische alter Frau abzurunden. Aber Frau Faust spürte genau, dass es damit zusammenhing.

Kapitel 20
Allein in der Höhle

Lene hatte sich ein wenig hingelegt und einen Schluck Wasser getrunken. Viel wollte sie nicht trinken, denn wenn sie zur Toilette müsste, hätte sie ein Problem in der Höhle. Es war nicht gerade das Holiday Inn hier, mit seinen prachtvollen Badezimmern! Wo blieb er nur, so langsam müsste Wernher doch wieder zurückkommen! Ihr war ganz weinerlich zumute. Was, wenn er gar nicht mehr zurückkam, wenn ihm etwas zugestoßen war? Er hatte Feinde, mächtige Feinde sogar. Sie drehte sich herum und stand auf. Drei Schritte in der Breite und sechs in der Länge. Größer war die Höhle nicht. Es war zum Verrücktwerden! Sollte sie noch einmal versuchen, Oma anzurufen? Aber in der Höhle hatte sie sicher noch weniger Chancen auf Empfang. Nein, dazu musste sie heraus aus der Höhle. Wenn sie nur ganz kurz hinausginge und versuchen würde zu telefonieren, könnte doch nichts passieren, oder? Sie machte sich selber Mut. Dann fiel ihr wieder ein, was Wernher gesagt hatte. Er hatte ihr fest eingebläut, in der Höhle zu bleiben, egal wie lange er weg wäre. Ja, klar, aber er musste das ja auch nicht aushalten. Er war schon stundenlang weg! Das konnte doch kein normaler Mensch aushalten! Sie ging jetzt hinaus, koste es, was es wolle! Langsam stand sie auf und nahm das Handy in die Hand. Den Rucksack ließ sie lieber hier. Sie versteckte ihn unter der Decke und ging langsam zum Ausgang. Vorsichtig lugte sie um die Ecke – nichts! Noch ein Stück vor, ganz leise. Oh! Die Sonne schien – wie schön! Sie lächelte. Noch ein Schritt nach draußen. Alles friedlich, keiner da. Na also! Lene schaltete das Handy ein und ging ein Stück, bis zu den Bäumen. Es war ein Balken zu sehen. Oder eher ein halber, denn er war dauernd wieder weg. Sie wählte aufgeregt Omas Nummer. Es tutete, sie hörte es genau. Vor Aufregung kniff sie die Augen zusammen und lauschte angestrengt. Mist, der Anrufbeantworter! „Oma, ich bin in eine andere Zeit geraten, oben auf dem Buchberg. Bitte hilf mir! Ich hab dich lieb!“

Kapitel 21
Gefangen!

„Halt stehenbleiben!“ vernahm sie plötzlich eine laute Stimme. Oh je, jemand hatte sie wohl reden gehört! Erschrocken schaltete sie sofort das Handy aus und warf es unauffällig hinter ihrem Rücken ins Gebüsch. Wenn das einer sah, wer weiß was sie mit ihr machen würden! Sie würden sie für eine Hexe oder Zauberin halten und damals gab es kein Erbarmen. Zu eindringlich war ihr noch der Besuch, mit der Schule, im Rothenburger Kriminalmuseum in Erinnerung, mit all den mittelalterlichen Folterwerkzeugen, die sie bei den armen Frauen damals angewendet hatten. Deshalb senkte sie demütig den Kopf und sagte leise: „Guten Tag, werter Herr, ich bin nur ein Wanderer und auf der Suche nach Pilzen und Heidelbeeren.“. Schwere Schritte erklangen auf dem federnden Waldboden und ein Mann in Uniform kam hinter den Bäumen hervor. „Wen haben wir denn da?“ rief er drohend und sah sie misstrauisch an. Lene rutschte das Herz in die Hose. Was sollte sie nur sagen? „Ich bin ein junger Wanderbursche!“ rief sie mit zitternder Stimme. Das war das Erste, das ihr in den Sinn gekommen war. „Aha, ein Wanderbursche.“ Der uniformierte Mann zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. Lene beschloss sofort, dass er ihr unsympathisch war. „Und was tust du bei uns hier?“ Der Buschbrauenmann stand nun ganz nah bei ihr und sah ihr streng ins Gesicht. „Äh, wie gesagt, ich suche Heidelbeeren und Pilze!“ Lene fuhr sich nervös durch die Haare. Mist, sie hatte keine Mütze auf! „So, so, Pilze und Beeren! Schon etwas gefunden?“ bellte er unfreundlich. „Ja, aber schon alle aufgegessen“, brachte Lene ängstlich hervor. Nur nichts anmerken lassen, beschwor sie sich fieberhaft. „Aha, wer weiß, das kann ja jeder sagen!“ Er glaubte ihr anscheinend nicht. „Na, ich nehme dich erst einmal mit, zu unserem Amt. Wie ein Wanderbursche siehst du mir nicht gerade aus. Eher wie ein grünes Bürschchen, kaum der Mutterbrust entwöhnt. Ein Milchbubi!“ Er lachte dröhnend. Eine Gänsehaut überlief Lene. Ihr war es egal wofür er sie halten mochte, so lange er ihr nichts antat. Sie hoffte, dass er nichts Schlimmes mit ihr vorhatte. Schließlich hatte sie keine Ahnung von seinem „Amt“ und so richtig geheuer, war er ihr auch nicht. Er packte sie grob am Arm und zerrte sie durch das Dickicht zur Straße, oder besser ausgedrückt - einem befestigten Weg. Nun sah er Lene deutlicher und stieß erstaunt heraus: „Was hast du denn da an? Sind das neue Beinkleider? So welche habe ich ja noch nie gesehen!“ „Ja, die sind neu“, meinte Lene zaghaft. „Die habe ich von einem Verwandten aus Frankreich bekommen. Dort tragen sie nur solche Hosen jetzt.“ „Aha, nur solche Hosen sagst du? Ich habe noch keinen Franzosen mit den Dingern gesehen, obwohl ich in meinem Leben schon einige Franzmänner gesehen habe!“ „Na, ja in der dortigen Gegend aber schon, meinte Lene lauter. Dort braucht man sehr stabilen Stoff, so wie der, den ich anhabe.“ „Aha“, nickte der Mann mit skeptischem Blick. „So will ich dir glauben. Also los, ein bisschen schneller, wenn ich bitten darf du lahme Ente! Ich will heute noch ankommen!“ Der Mann zerrte Lene grob hinter sich her, bis zu einem Pferd mit Wagen. Dort warf er sie ohne Federlesens hinauf und band sie am Wagenrand fest, damit sie nicht fliehen konnte. „So ein Mist aber auch“, durchfuhr es Lene verzweifelt. Was würde Wernher nur denken, wenn sie nicht mehr da war, wenn er zurückkam? Fast hätte sie geheult, aber sie bezwang sich. Das konnte sie sich jetzt nicht leisten. Sie musste sehen, wohin sie fuhren, damit sie wieder zurückfinden würde, falls sie fliehen konnte. Falls! Sie seufzte laut. „Was seufzt du denn wie ein altes Waschweib, Bursche? Wir werden dir schon Mores beibringen. Ich kann einen Burschen brauchen, der mir die Schuhe putzt und die Kleidung in Ordnung hält. Meine Frau ist schon wieder guter Hoffnung. Wenn sie noch eine Weile so weiter hofft, platzt unser Häuschen aus allen Nähten!“ „Daran seid ihr aber auch nicht ganz unschuldig, Herr Wachtmeister!“ Lenes Mund war wieder einmal schneller als ihr Hirn. „Auch noch frech der Herr, wie? Das wird dir schon noch vergehen. Wenn du erst ein paarmal die Peitsche geschmeckt hast, wirst du schon parieren!“ Der Wachtmeister fitzte mit seiner Peitsche nach hinten, dass das Pferd erschrak und einen Satz machte. Lene beschloss bestürzt, sich ganz ruhig zu verhalten um den Wachtmeister nicht weiter zu reizen.

Kapitel 22
Im Gefängnis

Nun rumpelten sie über Waldwege und Kopfsteinpflaster in ein Dorf hinein. Ein paar Häuser - Bäcker und Metzger gab es anscheinend auch, ein Gefängnis, eine Kirche - das wars. Oh je, Lene hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe. Der Karren hielt vor dem Gefängnis, was Lene nur unschwer an der Gittertür erkennen konnte und der ungeschlachte Wachtmeister warf Lene hinunter in den Dreck. Den Strick der an ihrem Handgelenk befestigt war, hielt er fest in der Hand, so dass sie nicht weglaufen konnte. Ihr Arm war schon ganz aufgeschürft und blutete. Er zog sie hinter sich her ins Gefängnis, das nur aus einem Raum bestand, abgeteilt durch ein Gitter. „Wenn du vernünftig geworden bist, lasse ich dich heraus, dann kannst du dich nützlich machen!“ Er lachte polternd. „Wollen doch mal sehen ob du nicht zu etwas gut bist!“ Er gab ihr einen heftigen Stoß, woraufhin Lene auf einen Haufen Stroh in der Ecke fiel, das einen sehr zweifelhaften Geruch ausströmte. Iiiieeeh! Aber sie war jetzt so fertig, dass sie nicht lange darüber nachdenken konnte und sich einfach auf der Erde niederließ. Was sollte Wernher nur denken, wenn er sie nicht mehr vorfand in der Höhle. Hoffentlich hob er die Decke und sah den Rucksack. Und das Handy? Wenn das verloren ging, war ihre letzte Verbindung in ihre eigene Zeit abgerissen. Lene weinte bitterlich. „Was heulst du, du Memme! Bist du ein Mann oder ein Waschweib?“ Der Wachtmeister baute sich grinsend vor ihr auf. „Ich glaube ich werde mal ein paar Gassenjungen zu dir hineinschicken. Die werden dich etwas aufpolieren. Dann hast du eher Grund zum Heulen!“ Lene musste nur noch mehr heulen. Nein, was für ein erbarmungsloser Grobian. Ihr Wernher war so lieb, obwohl er aus dieser Zeit kam, doch dieses Subjekt hier, war kaum noch als Mensch zu bezeichnen! Der Wachtmeister ging vor die Tür und ließ einen gellenden Pfiff ertönen. „Gassenjungen, wollte ihr ein bisschen Spaß haben?“ Eilig rannten ein paar verdreckte, zerlumpte Jungen herbei. Sie waren etwa so groß wie Lene, wenn nicht größer. „Da drinnen liegt ein feiger Wanderbursche. Der heult nach seiner Mama. Dem könnt ihr ein bisschen zeigen was Heimweh ist. Wollt ihr? Ihr bekommt auch ein Stück Brot von mir!“ Eifrig nickten die Jungen und Lene wurde ganz übel, als sie das sah.

Kapitel 23
Wo ist Lene?

Als Wernher zurückkam zu ihrer Höhle, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war nur ein Gefühl, doch die trogen ihn fast nie. Er besaß einen sechsten Sinn für Gefahr, der selten versagte. Vorsichtig schlich er sich hinter den umstehenden Bäumen heran. Alles war ruhig - zu ruhig! Er fühlte genau, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Sicherheitshalber warf er einen Stein vor die Höhle. Wenn jemand da wäre, würde er sich daraufhin sicher rühren - jedoch – nichts! Er hatte es gewusst! Dieses leichtsinnige Weibsbild! Zornig vergaß er nun jede Vorsicht und rannte hinein. Wie erwartet fand er sie verlassen vor. Lenes Gegenwart war noch flüchtig zu spüren, aber sie war fort. Wernher hockte sich vor die Decke und nahm sie auf, schüttelte sie aus und legte sie zusammen. Er konnte sich nicht ausruhen, er musste sie suchen, sie war in Gefahr in dieser Zeit, die nicht die Ihre war. Sie kannte sich in den Sitten und Gebräuchen seiner Zeit nicht aus und konnte daher auch Gefahren nicht richtig einschätzen. Er legte die Decke zusammen und sah den Rucksack im Stroh liegen. Wenn sie freiwillig gegangen wäre, hätte sie ihn ganz bestimmt mitgenommen. Schnell hob er ihn auf und durchsuchte ihn. Lene hatte tatsächlich noch etwas zu Essen gefunden, sah er. Aber wie er sie kannte, wollte sie ihm die Hälfte davon geben und hatte sicher noch nichts davon verspeist. Wie sollte sie da genug Kraft haben, um sich retten zu können! Seine Sorgen wuchsen immer mehr. Gedankenabwesend tastete er im Rucksack herum, da fühlte er etwas Festes und zog es heraus. Ein Büchlein! Er schlug es schnell auf und begann aufgeregt zu lesen. Die Schrift war zwar etwas anders als er es gewohnt war, aber eher einfacher gehalten, als in seiner Zeit und was er nicht kannte, wurde durch den Sinn deutlich, den das Gelesene ergab. Fasziniert las er die erste Seite, das Geschriebene handelte sogar von seiner Zeit! Doch dann legte er es entschlossen zur Seite - Lene war jetzt wichtiger - das Büchlein konnte er auch später noch lesen. Er verstaute es wieder im Rucksack und machte sich auf den Weg. Vor der Höhle sah er sich vorsichtig um – es war nichts zu sehen und alles ruhig. Er ließ sich langsam nieder und robbte durch ein Gebüsch, als er weiter vorne etwas in der Sonne glitzern sah. Was war denn das? Ein Stein? Er fasste vorsichtig danach und hielt Lenes Handy, wie sie das komische Ding immer nannte, in der Hand! Aufgebracht schüttelte er den Kopf - jetzt konnte er sich denken, was passiert war! Sie hatte wohl mit dem Ding hier gestanden und versucht, ihre Oma anzurufen. Wenn sie diesmal auch so laut gebrüllt hatte, wie letztes Mal, als sie mit ihrer Oma gesprochen hatte, war es kein Wunder, dass sie jemand gehört und entdeckt hatte. Verzweifelt steckte Wernher das Handy in den Rucksack und lief weiter. Er sah das niedergedrückte Gras und folgte den Spuren bis zum befestigten Weg. Dort waren frische Rillen in der Erde zu erkennen, von einem Pferdefuhrwerk, die in Richtung Elsaffen (heutiges Elsenfeld) führten. Sorgenvoll die Stirn runzelnd, folgte er den Spuren. Hoffentlich kam er noch rechtzeitig, um Lene zu beschützen und Schlimmeres zu verhüten! Seine arme Lene, sie kannte sich doch mit den Gepflogenheiten in seiner Zeit noch nicht aus, was sehr gefährlich sein konnte – sogar lebensgefährlich! Besorgt lief er schneller und versuchte die schlimmsten Gedanken zu verdrängen. Er musste seinen Kopf gebrauchen, sonst hatten sie keine Chance.

Kapitel 24
Der Buchberg

Frau Faust stieg zu dem jungen Kommissar ins Auto und sie fuhren langsam los. „Sie müssen da vorne drehen, junger Mann!“ Oma wies ihm ungeduldig den Weg. „Richtung Hainstadt geht es zum Buchberg!“ Der Kommissar sah Frau Faust unfreundlich an, bevor er ihren Anweisungen folgte. „Da vorne links und weiter über die Mümlingbrücke, sehen sie es?“ Lenes Oma deutete zappelig mit der ganzen Hand geradeaus. „Da ist gleich ein Parkplatz, aber es ist noch ein großes Stück zu laufen. Können wir nicht noch ein Stück fahren? Sie sind doch das Gesetz!“ Der Kommissar raufte sich genervt die Haare, dann fuhr er vorsichtig über die alte Brücke. „Halt! Ach du lieber Gott! Da steht Lenes Auto!“ Frau Faust wies aufgeregt, auf den silbernen Opel, der einsam an der Böschung, direkt neben den beiden Ruhebänken stand. Sie stiegen schnell aus und Frau Faust zerrte wild an der Tür, die natürlich nicht aufging. Durch die Fenster konnte man auch nichts erkennen. „Es hat keinen Sinn, Frau Faust, wir müssen ein Stück weiter hoch und den Berg hinauf. Vielleicht finden wir dort etwas. Wenn sie hier in der Nähe in Schwierigkeiten wäre, hätte uns bestimmt schon jemand benachrichtigt!“ „In Schwierigkeiten? Was denn für Schwierigkeiten?“ Frau Faust begann zu zittern und bekam es mit der Angst zu tun. Der Kommissar, der sich über seine Taktlosigkeit selbst ärgerte, legte ihr begütigend die Hand auf den Arm und fuhr nach Omas Anweisungen erst ein gutes Stück hoch und dann nach links. „Sie meinte, sie hätte dort vor ein paar Jahren Markierungssteine gesehen, die einen Weg nach oben kennzeichnen würden. Dort oben war nämlich einmal ein Dorf, das verlassen wurde im 15. Jahrhundert, mit dem Ortsnamen, Hausen hinter der Sonne.“ Der Oma tat es gut, über die Umgebung zu sprechen, es verhinderte, dass sie in Panik verfiel. Herr Dietz hielt am Weg, der hier breit genug war, rechts an und folgte der Oma, die bereits den Weg, der steil nach oben führte, erklomm. „Wo soll denn das sein?“ Herr Dietz schwitzte jetzt schon. So oft war er nicht an der frischen Luft und seine Kondition ließ sehr zu wünschen übrig, wie er missmutig bemerkte. „Da!“, rief Oma aufgeregt, „da oben ist ein Stein.“ Mürrisch betrachtete der Kommissar das bezeichnete Objekt. „Das ist aber noch sehr weit oben. Wie kommen wir denn da hin?“ „Laufen!“ erklärte Lenes Oma kategorisch. „Immer geradezu, junger Mann, bis ganz nach oben. Dort werden wir hoffentlich bald mehr wissen!“ Keuchend arbeiteten sich die beiden weiter hinauf, bis sie endlich kurz darauf am ersten Stein anlangten. „Sehen sie? Es steht ein „H“ drauf wie Hausen und unten ein „M“ wie Mömlingen, oder ist es ein N? Wie Neustädter Hof? Na egal, es ist jedenfalls richtig, denn sie hat mir gesagt, dass die Steine nach oben führen würden, einen Weg entlang sozusagen - und ich sehe auch schon den nächsten Stein, dort weiter vorn!“ „Weiter oben meinen sie wohl!“ brummte Herr Dietz missgelaunt. Warum hatte er das nur nicht seine Kollegen machen lassen. Die hätten sich ruhig auch einmal bewegen können, bevor sie noch am Schreibtischstuhl festwuchsen und immer fetter werden würden! Es folgten noch fünf ähnliche Steine, immer der nächste in Sichtabstand vom vorherigen und sie waren nun fast ganz oben angelangt. Keine Spur von Lene. „Lene!“ rief Oma laut und verzweifelt. „Leeeneee!“ Nichts. Das konnte doch nicht wahr sein! „Wir suchen das Gelände ab“, bestimmte Oma, ganz so, als wäre sie die Chefin von Herrn Dietz. „Da vorne ist eine Lichtung. Ich meine, Lene hätte etwas von einer Lichtung erzählt!“ Die Oma eilte aufgeregt weiter, bis fast zur Mitte der Waldwiese. „Da ist etwas!“ Sie wies auf die hölzerne Abdeckung eines Schachtes und sah, dass ein Holz zerbrochen war. „Sehen sie, da könnte sie hindurchgefallen sein!“ Herr Dietz bückte sich und lugte durch die Lücke in die Grube hinunter. „Moment mal!“ Er zog sein Handy aus der Tasche und schaltete die Taschenlampe an. Bedauernd wandte er sich zu Frau Faust um. „Nichts zu sehen, dort unten!“ „Das kann nicht sein! Ich spüre, dass da etwas sein muss. Sie war dort unten, das weiß ich genau!“ Frau Faust schluchzte fast. „Frau Faust steigern sie sich da nicht in etwas hinein. Das wäre fatal und gar nicht gut, denn wenn wir Lene finden, braucht sie ihre Oma bei Kräften!“ Frau Faust riss dem überraschten Kommissar das Handy aus der Hand und leuchtete selbst hinunter. „Sehen Sie! Das sieht aus, als hätte da jemand dort unten gelegen, alles ist ganz plattgewalzt und zerwühlt!“ „Das kann schon sein, Frau Faust, aber wo ist sie dann hin? Es könnte auch ein Tier gewesen sein, ein Eichhörnchen oder irgendeines, das klettern kann.“ Die Oma sah ihn aufgebracht an. „Hören sie endlich auf mit ihrem blöden Frau Faust! Sagen sie Helga, das klingt viel normaler und menschlicher! Ich brauche jetzt einen mitfühlenden Menschen, der mir hilft und keinen besserwisserischen Bürokraten!“ „Gut Helga, aber es ist trotzdem nichts zu sehen.“ Der Kommissar stand seufzend auf. „Können wir nicht morgen noch einmal herkommen, mit einer Leiter, Herr Dietz?“ „Sagen Sie Armin, das klingt menschlicher.“ Herr Dietz lächelte sie freundlich an. „Gut Armin, aber bitte, können wir nochmal schauen mit einer Leiter? Bitte!“ Herr Dietz schüttelte brummend den Kopf. „Also gut, Helga, sie geben ja doch keine Ruhe, dann aber bitte morgen. Heute schaffe ich so eine Gewalttour nicht noch einmal.“ Er sah sie fragend an. „Morgen um 10 Uhr, einverstanden?“ „Einverstanden Armin, morgen um 10 Uhr. Ich stehe pünktlich, in Fahrtrichtung zum Buchberg, am Straßenrand!“ „Hand drauf!“ Helga schüttelte ihm kräftig die Hand und dann machten sich die beiden erschöpft an den Abstieg und rutschten und schlidderten mehr schlecht, als recht, den Hang hinunter. „Morgen bringe ich eine Leiter mit und eine gute Taschenlampe, damit wir auch etwas sehen!“ Lenes Oma sah ihn bewundernd an und war ihm so dankbar, dass sie ihn hätte umarmen können. Ach, dachte sie kurz entschlossen - was solls, und drückte den Kommissar kurz liebevoll an sich.

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