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Bettina Reiter
Ein fast perfekter Winter in St. Agnes
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kurze Einführung in den 1. Teil
19. Dezember 1995, London
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
Danksagung
Weitere Veröffentlichungen
Liste der Musiktitel
Zusammenfassung
Impressum neobooks
Vorwort
© Bettina Reiter
Lektorat: Edwin Sametz, Titelbildgestaltung: © Bettina Reiter
Titelbilder: Pixabay: Larisa-K, maciej326, Sangeeth88
Bilder/innen: Fotolia: © marc/Fotolia.com, © ViDi Studio/Fotolia.com
Grafiken/Illustrationen: Pixabay: machiej326, alex80, Janson_G, Clker-Free-Vector-Images,
OpenClipart-Vectors, SilviaP-Design, gamerio, PandraRose, Deedster, Deviser, suju, Chukovskaya, ROverhate
Website der Autorin: www.bettinareiter.at
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
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ist ohne die schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers/Urhebers nicht zulässig und daher strafbar!
♥ Für meine Kinder ♥
Herz und Seele sind der beste Kompass,
Fehler manchmal richtungsweisend. Manche werdet ihr bereuen, aus manchen lernen,
an anderen wachsen und jene in Erinnerung behalten, die es wert waren.
Und vergesst nie: Tut alles auf eure Weise,
denn die Himmelsrichtung eures Lebens bestimmt ihr allein.

Many thanks to Gill (st-agnes.com) for the nice support
and the great Christmas impressions of St. Agnes.
It was wonderful to be there in my thoughts.
Liebe Leserinnen und Leser,
nun ist es soweit und ich reise neuerlich mit Ihnen gemeinsam nach St. Agnes. In dieses wundervolle Küstendorf, dem ein ganz eigener Zauber innewohnt. Ich persönlich habe mich sehr gefreut, mit einer neuen Geschichte an den Ort zurückzukehren, in dem ich mich so wohlfühle.
Wie bereits im ersten Teil „Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes“ sind auch im zweiten Teil alle handelnden Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Bars, Restaurants usw. entstammen wie gehabt meiner Fantasie, allerdings benenne ich auch reale Schauplätze.
Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen schöne Lesestunden und entführe Sie jetzt nach St. Agnes in den Winterurlaub (okay, ein bisschen Frühling, Sommer und Herbst sind auch dabei ;-).
Viel Spaß mit Emma.
Herzlichst, Ihre Bettina Reiter

Kurze Einführung in den 1. Teil
„Ein fast perfekter Sommer in St. Agnes“
Vielleicht ist es schon länger her, dass Sie den ersten Teil gelesen haben. Um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, möchte ich nachfolgend auf einige Personen eingehen, die Ihnen auch in Emmas Geschichte begegnen werden:
Minnie & Duncan: Die beiden sind noch immer glücklich und pflegen ihr Faible für schottische Kleidung. Aber wehe dem, der hinter Minnie steht, wenn sie sich bückt (Sie erinnern sich?). Ihre Outfits sind nach wie vor ziemlich eng bemessen, aber niemand ist perfekt, nicht wahr? Duncan genießt übrigens sein Pensionisten-Dasein und hilft manchmal als Elektriker aus. Ansonsten spielt er wie gehabt ab und zu im Aloha, während Minnie mit Freude ihr kleines Souvenir-Geschäft am Town Hill führt.
Pater Jeremy: Er freut sich sehr, dass seine Nichte Annie mit Jack endlich ihr Glück gefunden hat. Allerdings sieht er die „Wilde Ehe“ der beiden nicht so gerne und wäre froh, wenn sie endlich heiraten würden. Doch diese Mühlen mahlen ziemlich langsam … die beiden denken gar nicht daran, in dieser Sache auf ihn zu hören!
Josie und George: Sie haben sich in St. Agnes gut eingelebt, nachdem sie von Pencanze hergezogen sind. Mittlerweile sind sie Eltern von drei Kindern (die Zwillinge und ihr Mädchen), rollen jeder Nanny den roten Teppich aus und während George weiterhin als Pilot arbeitet, hat Josie einen Job in einem Tourismus-Büro angenommen.
Leni: Bei ihr hat sich wenig geändert. Sie besucht die Schule in Redruth und genießt ihre Liebe zu Harry - dem Sohn des Schuldirektors. Ihre Leidenschaft gehört weiterhin der Schauspielerei und natürlich ihrem Hund Rocky.
Annie und Jack: Sie scheinen das große Glück gepachtet zu haben und lieben sich stärker als je zuvor. Die beiden Herzschlösser haben demnach ihre Zauberkraft nicht verloren und auch Annies Geschäft läuft super. Inzwischen hat sie sich einen guten Namen gemacht und Jack lebt seine Leidenschaft zu Antiquitäten aus. Allerdings befasst er sich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, einem weiteren Geschäftszweig nachzugehen. Ob er Nägel mit Köpfen macht, werden wir sicherlich im Laufe der Geschichte erfahren.
Wem begegnen wir noch? Rose und Annies Dad Joseph, der keinen Tropfen mehr trinkt und Rose manchmal im Geschäft hilft. Auch Trijn und Hermes sind noch zusammen, die jedoch meistens auf Tour sind und ihr Leben in vollen Zügen genießen.
Sally ist mittlerweile die beste Kundschaft im eigenen Tattoo-Geschäft und ein Verkaufs-As im Porzellanladen. Amber und Todd lieben das Aloha heiß und innig, das sie ja von Lance und dessen Frau übernommen haben, die sich auf Mallorca ein neues Leben aufbauen.
Roger und Trish: Die zwei haben nur aufgrund der Unterhaltszahlungen Kontakt miteinander. Sie lebt weiterhin mit seinem Sohn Lucas in Dublin. Allerdings ließ Roger in den letzten zwei Jahren bekanntlich nichts anbrennen und betäubt sich mit Alkohol. Als Chef der Bank nicht unbedingt von Vorteil. Mal sehen, ob er sich besinnt …
Weihnachten bedeutet: nach Hause kommen .
In der Heiligen Nacht tritt man gern einmal aus der Tür
und steht allein unter dem Himmel, nur um zu spüren, wie still es ist,
wie alles den Atem anhält, um auf das Wunder zu warten.
Heinrich Waggerl
19. Dezember 1995, London

Emma konnte die alte Eiche vor ihrem Elternhaus bereits von weitem sehen, als sie die verschneite Straße in Greenwich entlangschritt. Fahles Sonnenlicht fiel auf die knorrig verzweigten Äste und ließ die Schneekristalle schimmern, als hätte jemand einen Eimer voller Glitzer über den Baum gestreut. In Emmas Fantasie hatte die Eiche ohnehin Zauberkräfte und oft stellte sie sich vor, dass Elfen darin wohnten, die jeden Wunsch erfüllen konnten.
Je näher Emma der Eiche kam, desto mehr kribbelte es in ihr. Zu sehr hoffte sie, dass heuer alles anders werden würde. Deshalb nahm sie den Polizeiwagen nur am Rande wahr, der vom Grundstück ihres Elternhauses fuhr.
Viel wichtiger war ihr neunter Geburtstag und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als ein Geschenk von ihren Eltern. So, wie es bei ihren Schwestern Tiffany und Kim der Fall war, deren Geburtstage gefeiert wurden. Sie bekam bisher stets nur den doofen Spruch zu hören: In einigen Tagen ist Weihnachten, da gibt es ohnehin Geschenke.
Aber Emma wollte nicht auf Weihnachten warten, sondern zu ihrem Geburtstag etwas bekommen. Ein Tag, dem sie förmlich entgegenfieberte. Außerdem könnte sie endlich in der Klasse erzählen, was sich ihre Eltern für sie einfallen lassen hatten. So wie es die Schulkameraden oder ihre besten Freunde Linda und Grant taten.
„Du bist spät dran!“, begrüßte die Mutter sie, kaum dass Emma die Küche betrat. „Außerdem hast du noch deine Stiefel an. Zieh sie sofort aus. Ich habe gerade alles durchgewischt.“ Emma zögerte und schaute ihrer Mom dabei zu, wie sie im Topf rührte. Es gab Kartoffelsuppe. Ob die Torte im Kühlschrank war? Für Kim und Tiff gab es immer eine. „Wird’s bald, Emma. Ich habe nicht ewig Zeit und muss in einer Stunde in der Innenstadt sein. Deine Tante Camilla veranstaltet eine Lesung und kann jeden Zuhörer brauchen. Tiff und Kim kommen später mit Dad heim. Bis dahin bist du allein. Also kümmere dich in der Zwischenzeit um die Hausaufgaben und mach niemandem die Tür auf, verstanden?“ Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. „Es schleicht sich allerhand Gesindel in Greenwich herum.“
„War die Polizei deshalb da?“
„Du hast sie gesehen?“ Ihre Mutter wirkte plötzlich hektisch. „Nein“, dementierte sie sogleich. „Das hatte einen anderen Grund. Und jetzt mach was ich dir gesagt habe.“
Emma stand weiterhin wie angenagelt vor ihrer Mutter. Gleich würde sie lachen und sie in die Arme nehmen, um ihr zu gratulieren. Sie konnte unmöglich vergessen haben, wie schlecht es ihr beim letzten Geburtstag gegangen war. Immerhin hatte sie wie ein Schlosshund geweint. Oder war das Geschenk in ihrem Zimmer versteckt?
Flugs eilte Emma zur Schuhanrichte im Gang und schlüpfte aus den Stiefeln. Wenige Sekunden darauf landete der pinke Schulranzen daneben. „Ich gehe auf mein Zimmer“, rief sie der Mutter durch die halboffene Tür zu und war bereits bei der Treppe.
„In fünf Minuten wird gegessen“, kam es zurück. „Ach ja: Happy Birthday.“
Ihre Mom hatte es nicht vergessen!
Übermütig hopste Emma die Treppen hoch und kaum in ihrem kleinen Zimmer angelangt, ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. Die weißen Stores vor dem gekippten Fenster blähten sich. Der Quilt auf dem Bett zeigte keine einzige Falte, die darauf schließen ließ, dass etwas darunter versteckt war. Vielleicht würde sie in den Schubladen fündig? Emma öffnete eine nach der anderen und verdrängte die aufkommende Enttäuschung. Noch hatte sie nicht alles abgesucht!
Aber weder im Kleiderschrank noch unter dem Bett oder hinter ihrem schneeweißen Lieblingsbären fand sie ein Geschenk. Als die Mutter zum Essen rief, trottete Emma hinunter und setzte sich an den großzügigen Tisch in Stein-Optik, der sich neben der offenen Küche befand.
Die Mutter stellte den dampfenden Teller vor Emma hin. „Ich muss mich umziehen. Kann ich mich auf dich verlassen?“
„Ja, Mom.“ Missmutig griff Emma zum Löffel. „Bekomme ich … ähm … nachher mein Geschenk?“ Sie dachte an die Eiche. An die Elfen.
„Ach, Emma, bald ist Weihnachten. Da gibt es genug Geschenke.“
„Ich habe aber heute Geburtstag!“, begehrte Emma auf und ließ den Löffel los, der dumpf auf dem Tisch aufschlug. „Kim und Tiff kriegen jedes Jahr etwas. Warum ich nicht?“
„Du und deine dumme Eifersucht“, fuhr die Mutter auf. „Was ist schon ein Geburtstag? Außerdem gibt es nichts, worüber du dich beklagen könntest. Wir tun alles für euch, also hör auf so undankbar zu sein und nimm dir ein Beispiel an deinen Schwestern. Die dramatisieren nicht laufend jede Kleinigkeit. Vielleicht solltest du deine Nase nicht ständig in Bücher stecken. Das Leben ist nämlich keine deiner Fantasiewelten. Davon abgesehen ist dein Dad ohnehin sauer, dass du mir ständig das Leben schwer machst. Also reiß dich gefälligst zusammen. Es gibt Menschen, die wirkliche Probleme haben.“
Damit ließ die Mutter sie allein. Emma starrte auf die Suppe, in die hin und wieder eine Träne platschte. Sie hasste Kartoffelsuppe. Vor allem hasste sie Weihnachten, weil dieses blöde Fest an allem schuld war. Aber Hauptsache, dieser Jesus wurde von allen gefeiert. Da kamen sogar drei Könige mit Geschenken vorbei. Blöder Geburtstag!
Missmutig trug Emma den vollen Teller in die Küche und sah die Mutter wegfahren. Das Funkeln der Eiche war erloschen. Schiefergrau hing der Himmel über dem Baum. Unzählige Schneeflocken wirbelten herab. Emma wünschte sich eine von ihnen zu sein. Irgendwann tauten sie und verschwanden für immer. Als wären sie nie da gewesen. Genauso fühlte sie sich. Als wäre sie nicht vorhanden. Deshalb würde es keinen interessieren, wenn sie die Hausaufgaben nicht machte. Wieso sollte sie? Trotz guter Noten lobte der Vater ständig ihre Schwestern. Sogar Tiff, die in Mathe eine Niete und in Deutsch eine Doppelniete war. Trotzdem bekam sie vorne und hinten alles hineingestopft. Da musste sogar Kim manchmal zurückstecken, was Emma jedoch nicht leidtat. Wenn es darauf ankam, stand die jüngste der Familie stets auf Tiffs Seite.
„Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“, war das erste, das Emma auch heute von ihrem Dad hörte, als er mit ihren Schwestern zur Tür hereinkam. Tiffs und Kims Wangen waren gerötet. Sie rochen nach frischer Luft und etwas Süßem. Kandierte Äpfel? „Sag schon.“ Er zog sich die Jacke aus und hängte sie an die Garderobe.
„Ja, habe ich“, schwindelte Emma. Die waren garantiert eislaufen gewesen!
„Hol die Schlittschuhe aus dem Auto“, bat der Vater Kim, als hätte er Emmas Gegenwart bereits vergessen, die sich bestätigt fühlte. Verletzt und traurig. Ständig unternahmen sie etwas ohne sie. Nur wenn ihre Mutter dabei war, fuhren sie manchmal mit der ganzen Familie aus.
„Alles Gute zum Geburtstag“, wisperte Kim im Vorbeigehen. So leise, als hätte sie Angst, dass es irgendjemand mitbekommen könnte. Lächelnd schaute Emma ihr nach, bis ihr Blick auf Tiff fiel, die Kim erst aus den Augen ließ, nachdem die Haustür hinter ihr zugefallen war.
„Was hat sie zu dir gesagt?“, wollte Tiff prompt wissen, die einen nagelneuen Wintermantel trug. Himmelblau, mit abgesteppten Nähten und Goldknöpfen. Den hatte Emma vor einiger Zeit auf dem Weg zur Schule in einem Schaufenster gesehen. Leider hatte sie sich förmlich die Nase am Glas plattgedrückt, was Tiff nicht entgangen war. Jetzt lief sie damit herum, während Emma wie üblich in die Röhre schaute.
„Das geht dich nichts an“, antwortete Emma.
„Sag mal, wie redest du mit deiner Schwester?“ Ihr Vater hob drohend den Zeigefinger. „Sie hat dir eine einfache Frage gestellt. Statt höflich zu antworten, fährst du sie an. Du hast eine Woche Hausarrest.“ Triumphierend stand Tiff da, die sich den Mantel aufknöpfte. Emma hätte ihr die Goldknöpfe am liebsten einzeln ausgerissen. Mitsamt ihrem blonden Engelshaar. „Nicht schon wieder!“, schimpfte ihr Dad erneut. Unterschwellig war Musik zu hören. Wie jeden Tag um diese Zeit. Ihre alte Nachbarin Mrs. Bing hörte eine Stunde lang dasselbe Lied. Bei weit geöffnetem Fenster. Sommer wie Winter. „Irgendwann flippe ich aus! Ich kann dieses My Way nicht mehr hören.“ Er ging ins Wohnzimmer.
„Was hast du eigentlich zum Geburtstag bekommen?“ Tiff schälte sich aus ihrem Mantel und grinste. „Oh je, ich habe völlig vergessen, dass du jedes Jahr leer ausgehst.“
Ihr Spott tat weh, obwohl Emma längst daran gewöhnt sein müsste. „Lass mich in Ruhe.“
„Gern. Du bist sowieso eine blöde Kuh. Keiner mag dich. An deiner Stelle würde ich abhauen. Mom und Dad wären bestimmt froh darüber.“
Emma ließ den Kopf hängen. Es war immer dasselbe. Tiff schaffte es, sie zum Weinen zu bringen. Oder so weit, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Im Grunde hatte sie ja recht. Niemandem würde sie fehlen.
Ein Gedanke, der Emma durch ihre gesamte Kindheit begleitete. Sie blieb ein Fremdkörper in dieser Familie und fragte sich mit zunehmendem Alter, ob sie adoptiert worden war. Wer wusste es schon? Doch den Mumm, direkt nachzufragen, hatte sie nicht. Sonst würde es erneut heißen, dass sie aus allem ein Problem machte. Außerdem war ihr Vater mit den Jahren zunehmend weniger zuhause, wodurch sie nicht ständig seiner Nörgelei ausgesetzt war.
Mit einer kleinen Konditorei in London hatte seine kometenhafte Karriere begonnen. Als Emma zwölf war, besaß er bereits zig Filialen in ganz Großbritannien. Wenn er müde heimkam, zog er sich meistens in sein Büro unter dem Dach zurück und wollte nichts von den Problemen hören, mit denen sich die Mutter herumschlagen musste. Selbstredend, dass meistens Emma der Stein des Anstoßes war. Tiff ließ sich nämlich immer wildere Geschichten einfallen, um ihr den schwarzen Peter zuzuschieben. Nicht selten erfand sie sogar Sachen, um sie vor den Eltern in Ungnade fallen zu lassen. Wie unter anderem die dreiste Lüge, dass Emma Drogen nehmen würde. Ihr Vater war außer sich gewesen, der um seinen guten Ruf fürchtete. Nichts hasste er mehr als negative Publicity. Natürlich hatte Emma die haltlose Beschuldigung dementiert. Mit dem Ergebnis, dass ihr Vater sie das schwarze Schaf der Familie nannte. Sie war es wohl auch und wurde allmählich schweigsamer, bis sie sich überhaupt nicht mehr zur Wehr setzte.
Als Jugendliche flüchtete sie sich deshalb oft zu ihrer Tante Camilla, die eine Bücherei besaß. Die Schwester ihres Dads war nett, weshalb Emma mit sechzehn bei ihr im Laden jobbte. Manchmal kam ihre Mutter vorbei, um sich ein Buch zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit erteilte sie der Tante oft Ratschläge. Insbesondere, wie sie sich endlich den Mann fürs Leben angeln oder das Geschäft modernisieren könnte. Dabei war es gerade das altwürdige Ambiente der Bücherei, das Emma über alles liebte. Ihrer Tante ging es scheinbar ähnlich, die nichts Wesentliches änderte und mit einer Engelsgeduld darüber hinweg sah, wenn sich Emmas Mom besonders an Weihnachten über zu viel Dekoration im Buchladen mokierte.
In dieser Angelegenheit waren sich Emma und ihre Mom ausnahmsweise einig. Wer brauchte Weihnachten? Kein Mensch! Selbstredend, dass die Geschichte Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat von Kindesbeinen an zu ihren Lieblingsbüchern gehörte. Oft las sie ihrem Bären namens Grinch daraus vor. Diese Zeiten waren zwar vorbei, die Abneigung blieb. Insbesondere, da es im Buchladen überall glitzerte und funkelte. Wo war eine Müllhalde, wenn man sie brauchte? Und dann dieses Gedudel. Ob beim Einkaufen oder in den Straßen, überall wurde Weihnachten besungen. Kitschiger ging es nicht mehr! Dennoch war ihre Tante mittendrin statt nur dabei. Sie, die ansonsten lieber Bücher für sich sprechen ließ und unter dem Jahr auf jeglichen Ramsch verzichtete.
Gelinde gesagt zeigte sich ihre Tante entsetzt, als sie hinter Emmas Anti-Weihnachts-Haltung kam. Vermutlich drängte sie ihr deswegen eine rote Kugel mit einer Masche auf. Angeblich die erste, die sie sich von ihrem selbstverdienten Geld gekauft hatte. Mit den Worten: „Es kommt der Tag, an dem du den Zauber von Weihnachten fühlen wirst“, überreichte sie Emma das geschmacklose Ding. Nur mit Mühe widerstand diese dem Drang, die Kugel augenblicklich fallen zu lassen. Ob es an Camillas feierlicher Miene lag? Am sentimentalen Ausdruck in ihren Augen? Oder an der Liebe zur Tante? Jedenfalls wäre die Kugel ohne diese Gründe im Nirwana gelandet. So hortete Emma sie jedoch, verabscheute Weihnachten weiterhin mit großer Leidenschaft und zählte mit zunehmendem Alter den Film Der Grinch zu ihren Favoriten. Zumindest die erste Hälfte davon. Dann schaltete sie um. Das Buch hatte sie an ähnlicher Stelle ebenfalls stets weggelegt. Leider ließ sich der sympathische Weihnachtsmuffel in weiterer Folge bekehren. Das würde ihr in diesem Leben sicher nicht passieren!
Abgesehen von solchen Tiefpunkten gab es auch Höhen. Wenigstens durfte Emma den Beruf ergreifen, den sie erlernen wollte und ließ sich zur Konditorin ausbilden. Ein Wunsch, den sie bereits in jungen Jahren gehegt hatte, da der Vater manchmal die ganze Familie mit in den Laden nahm. Während Kim und Tiff im Gastraum herumtobten, verzog sich Emma meistens in die Küche und schaute den Angestellten über die Schulter. Was sie aus einem Klumpen Teig herstellten, faszinierte sie so sehr, dass sie ihnen nacheifern wollte. Vielleicht spielte die Hoffnung mit, dass ihr Vater stolz sein würde auf sie. Immerhin trat sie als Einzige in seine Fußstapfen. Doch vor anderen Leuten hob er stets Kim hervor, die Ärztin werden wollte. Oder Tiff, die sich für Modedesign interessierte. Emma blieb weiterhin unsichtbar. Ganz so, als wäre sie nie geboren worden. Eine Schneeflocke eben …
1. Kapitel
19. Dezember 2017, London, 22 Jahre später

Emma war völlig nassgeschwitzt, obwohl das beschlagene Fenster in der Backstube sperrangelweit offen stand. Hin und wieder verirrten sich Schneeflocken herein und tauten auf dem glänzenden Edelstahl der hypermodernen Gastronomieküche, die mit den besten Geräten ausgestattet war. Allein die Spülmaschine hatte ein Heidengeld gekostet, die just in diesem Augenblick piepste.
Seufzend warf sie den Lappen neben das verkrustete Backblech und öffnete die Maschine. Heißer Dampf quoll ihr entgegen. Ähnlich fühlte sich Emmas Innerstes an, während sie zur alten Bahnhofsuhr blickte, die über der Schwingtür hing. Fast zehn Uhr! Seit knapp vierzehn Stunden arbeitete sie und ein Ende war nicht in Sicht.
Erschöpft stellte sie sich zum Fenster und machte einen tiefen Atemzug. Dabei glaubte sie den Duft von gebrannten Mandeln wahrzunehmen. Hörte lautes Lachen und fröhliche Stimmen durch die Carnaby Street hallen, in der sich die Konditorei befand. Viele Menschen schlenderten an den hellerleuchteten Schaufenstern vorbei. Zur Weihnachtszeit war das Einkaufsviertel ein Besuchermagnet. Vor allem Touristen wurden mit vorweihnachtlichen Rabatten hergelockt. Von der Dekoration ganz zu schweigen. Wie in einem geschmacklosen Film schwebten riesige Leuchttafeln über der schneebedeckten Straße. Joy, Hope, Love …
„Hast du nichts zu tun?“, vernahm sie plötzlich die Stimme ihrer Schwester Tiffany.
Unwillig drehte sich Emma zu ihr um und fror auf einmal. Wie mondän ihre dreiunddreißigjährige Schwester im schwarzen Etuikleid aussah. Als wäre sie einem Filmklassiker entstiegen. Neben ihr konnte man sich nur wie das Aschenputtel fühlen. „Schau dich um und frag mich noch einmal“, piepste Emma. In Tiffs Gegenwart versagte ihr ständig die Stimme. Dabei würde es unheimlich guttun, endlich auf den Tisch zu hauen und ihrer Schwester die Meinung ins perfekt geschminkte Gesicht zu brüllen. Etwas, das sie sich tausendmal vorgestellt und genauso oft verworfen hatte. Im Wissen, dass sie gegen Tiff nur verlieren konnte. „Hast du dir schon Gedanken wegen meiner Arbeitszeit gemacht?“, schob Emma mit dünner Stimme nach. Vor einigen Tagen hatte sie sich nach wochenlangem Anlauf dazu durchgerungen, ihre Schwester um kürzere Arbeitszeiten zu bitten. Sie sah ihren Mann Brandon kaum noch. So konnte es nicht weitergehen, denn ein Privatleben kannte Emma mittlerweile nur vom Hörensagen. „Du weißt schon, wegen Brandon und so.“
„Da er ständig auf Geschäftsreise ist, wird er dich nicht sonderlich vermissen. Deswegen sollten wir dieses Gespräch vertagen. Wenigstens bis nach den Feiertagen. Du siehst ja selbst, was Tag für Tag los ist. Die Leute rennen uns die Bude ein.“ Tiff blickte in den kleinen Spiegel neben der Schwingtür und fuhr sich ordnend über das hochgesteckte blonde Haar. An ihren Ohren glänzten auffallende Strass-Ohrringe - sofern es Strass war. Von solchen Dingen hatte Emma keine Ahnung. „Ich habe ein Date mit einem Wirtschaftsmogul und mache jetzt Feierabend.“ Mit einem zufriedenen Lächeln auf den rotschimmernden Lippen wandte sie sich Emma zu. „Der Typ ist zwar steinalt, doch sein Geld macht ihn um einiges jünger.“
„Aber hier steht jede Menge dreckiges Geschirr.“ Emma blickte sich vielsagend in der Backstube um. „Soll ich das wieder alleine spülen?“
„Die Küche ist dein Ressort“, verkündete Tiff ungerührt und schaute sich auf die rotlackierten spitzen Nägel. Sobald einer abbrach, kreischte sie wie eine Tobsüchtige. Das tat sie ebenso mit den Angestellten und Emma, als wären sie alle reihenweise abgebrochene Nägel. Tiff konnte sich nur schwer beherrschen. Besonders an hektischen Tagen wie diesen. „Allerdings habe ich im Gastraum nicht die ganze Arbeit geschafft. Erledige du den Rest, wenn du schon dabei bist.“ Hoch erhobenen Hauptes eilte Tiff auf ihren schwarzen Stilettos aus der Backstube.
Emma starrte auf die heftig schwingende Tür. Hörte das pfeifende Geräusch, das sie verursachte und sank auf den Hocker vor dem Arbeitstisch, auf dem ein paar misslungene Marzipan-Rosen lagen. Misslungen. Genauso fühlte sich ihr Leben an.
Stillschweigend ließ sie alles über sich ergehen. Ob es tatsächlich das Los des typischen Sandwich-Kindes war, dass man ganz unten auf der Liste stand? Sollte sie sich endlich damit abfinden, dass sich daran nie etwas ändern würde? Sie war einfach zu feige, um sich aufzulehnen und würde bis zum bitteren Ende Emma, das Arbeitstier, bleiben. Emma, die Komplizierte. Emma, die es nie so weit bringen würde wie ihre Schwestern.
Tiff war als Erstgeborene scheinbar etwas Besonderes. Sie führte die Geschäfte, seitdem sich ihr Dad vor einem Jahr zur Ruhe gesetzt hatte. Ausgerechnet ihr vertraute er seine Laden-Kette an. Für Emma unfassbar. All die Jahre hatte sie sich förmlich abgestrampelt und ihr Können unter Beweis gestellt. Aber um den Vater stolz zu machen würden hundert Jahre nicht reichen. Dabei hatte sie im Gegensatz zu Tiff das Geschäft von der Pike auf gelernt. Ihre Schwester war Quereinsteigerin, nachdem sie mit ihrem Haute-Couture Laden in Konkurs ging. Tolle Voraussetzungen, doch der Vater hielt an seiner Entscheidung fest.
Und Kim? Sie war drei Jahre jünger als Emma, somit das Nesthäkchen der Familie. Ebenfalls ein Status, der ihr vieles in die Wiege gelegt hatte. Sicher, im Gegensatz zu Tiff und ihr hatte sie studiert und arbeitete tatsächlich als Ärztin. Dank ihres beeindruckenden IQ’s durfte sie sogar eine Klasse überspringen. Als wäre das nicht genug, hatte sie sich einen der begehrtesten Londoner Junggesellen geangelt und Dylan vor fünf Jahr geheiratet. Von ihrer Traumhochzeit hatten die Leute lange gesprochen. Ganz zu schweigen von der feudalen Villa, die ihnen Emmas Dad finanzierte.
Brandon und sie mussten sich das kleine Häuschen in der Nähe ihres Elternhauses dagegen vom Mund absparen. Zwar hatte ihnen der Vater ein klein wenig unter die Arme gegriffen, aber im Vergleich zu ihren Schwestern war die Summe lachhaft gewesen. Nicht, dass es Emma um Geld ging. Letztendlich ließ sich jedoch selbst damit ermessen, wie viel ein Mensch wert war. Im wahrsten Sinne des Wortes. In ihrem Fall hieß das wenig bis gar nichts. Das galt auch für ihre Hochzeit, die sie zwecks Geldmangels nur im engsten Kreis abhalten konnten. Dass ihr Dad sie nicht wie Kim zum Altar führte, hatte sie am meisten getroffen. Ganz zu schweigen davon, dass er beim legendären Ball der Töchter einige Wochen danach den Tochter-Vater-Tanz nur Kim und Tiff zugestand. Als Emma an der Reihe war, klagte er plötzlich über Schmerzen in den Beinen. Eine lapidare Ausrede, wie es in den letzten Jahren oft der Fall gewesen war.
Mit Tränen in den Augen fuhr sich Emma über die heiße Stirn. Es war verletzend und tat weh. Immer wieder. Wie eine Wunde, die nicht heilen wollte. Leider würden ihre Eltern nie verstehen, wie unfair das war. Wie ungeliebt man sich fühlte, wenn man den Geschwistern dabei zusehen musste, wie sie unterstützt wurden. Egal wobei. Und sei es nur, indem man sie zum Altar führe oder mit ihnen tanzte.
„Happy Birthday, Süße.“
Erschrocken wandte sich Emma zum Fenster. Als sie ihre besten Freunde Linda und Grant erblickte, war es um ihre Fassung geschehen. Sie schluchzte auf, während die beiden wie Diebe in die Backstube kletterten. Ehe sie sich’s versah, wurde sie von ihnen in die Arme genommen und hüllte sich nur zu gern in diese Wärme ein. In ihre Freundschaft, die nichts übertreffen konnte. In das Vertrauen und das Wissen, dass es Menschen gab, die sie so mochten wie sie war.
„Was ist los mit dir?“, fragte Linda sanft, die sich gleichzeitig mit Grant von Emma gelöst hatte und ihr forschend in die Augen blickte. „Deine Eltern?“
„Wer sonst?“, erboste sich Grant, der sich an den Arbeitstisch lehnte und die beschlagene Nickelbrille abnahm. Linda blieb in der Hocke und legte ihre kalten Hände auf Emmas, die untätig im Schoß lagen. „Bei Emma kommt pünktlich an ihrem Geburtstag alles hoch. Haben sich Claire und Ben wenigstens bei dir gemeldet?“
„Meine Eltern scheinen Besseres zu tun zu haben“, erwiderte Emma schniefend. Flugs erhob sich Linda, kramte in ihrer Lederhandtasche und reichte ihr ein Taschentuch. Ihre Freundin war stets für alle Eventualitäten gerüstet. Kein Wunder, in ihrer Tasche sah es aus wie in einem Tante Emma Laden. Sogar Schokolade fand sich manchmal in den Untiefen, seit Jahren abgelaufen. Im Beruf war sie hingegen extrem organisiert und fiel durch ihre schillernde Erscheinung auf. Großgewachsen, grellrotes raspelkurzes Haar, meist androgyn gekleidet mit einer Vorliebe für bunten Nagellack und sie hasste Jeans, womit sie ohnehin durch das allgemeine Raster fiel. „Ich habe sowieso nicht damit gerechnet.“ Schon lange gratulierten ihr die Eltern nicht einmal mehr.
„Und ob du das tust“, widersprach Grant, der Emma kannte wie seine Westentasche. „Alle Jahre wieder wartest du darauf.“ Er kratzte sich an der Glatze am Hinterkopf. Unter dem Haarausfall litt er fast genauso wie unter der Verkrümmung seiner Wirbelsäule, die ihm sowohl schlimme Schmerzen als auch viel Häme einbrachte. Grant scheute dennoch jeden Arzt. Dabei redeten Linda und Emma seit geraumer Zeit mit Engelszungen auf ihn ein. Erfolglos. Leider quälte er sich lieber weiterhin, statt sich behandeln zu lassen. „Tut mir leid für dich, Emma.“ Grant legte die Brille und seinen roten Schal auf den Arbeitstisch. Am Schulterbereich seines kobaltblauen Parkas zeichneten sich dunkle Flecken ab.
„Mir tut es leid, dass ich unfähig bin über den Dingen zu stehen. Ihr Armen müsst euch ständig mein Jammern anhören.“ Herzhaft schnäuzte sich Emma, bevor sie das zerknüllte Tuch in die Tasche ihrer Schürze steckte. „Ich wüsste zu gerne, wieso dieser Unterschied gemacht wird.“ Erneut trieb es ihr die Tränen in die Augen. Beinahe hasste sie sich dafür, dass sie sich ständig mit diesen Gedanken herumschlug. Jede Träne war eine zu viel. Vergeudete Energie. Trotzdem konnte sie nicht anders. Vor allem ihr Geburtstag und Weihnachten waren in dieser Hinsicht äußerst kontraproduktiv. Die Enttäuschung war vorprogrammiert.
„Im Gegensatz zu Tiff bist du grundehrlich, liebenswürdig und hast ein großes Herz“, ergriff Grant Partei für Emma. „Kim kenne ich zu wenig, aber sie kann dir in dieser Hinsicht ebenfalls nicht das Wasser reichen. Demzufolge gibt es einen riesigen Unterschied zwischen euch.“
„Grant hat recht“, sagte Linda und lächelte aufmunternd. „Doch statt Trübsal zu blasen, sollten wir feiern gehen.“ Sie trug eine beige Baskenmütze mit aufgenähten Blumen an der linken Seite und einen dazu passenden Kurzmantel. „Deswegen sind wir schließlich gekommen.“
„Ist Brandon eigentlich von seiner Geschäftsreise zurück?“ Mit gequältem Gesicht streckte sich Grant durch, der plötzlich nervös wirkte.
„Er kommt morgen.“ Emmas Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Tiefer ging es nicht mehr. Seit vier Jahren waren sie ein Ehepaar. Zwischenzeitlich mehr auf dem Papier als in Wirklichkeit. Anfangs hatte Brandon wegen ihres Arbeitspensums oft gemeckert. In den letzten Monaten zeigte er jedoch viel Verständnis. Vermutlich, weil er befördert worden war und daher oft auf Reisen gehen musste. Somit saßen Sie in einem ähnlichen Boot. Umso größer war Emmas Befürchtung, dass sie sich über kurz oder lang auseinanderleben würden. „Ich schätze, wir feiern morgen ein bisschen“, machte sie sich selbst Mut.
„Du schätzt?“, hakte Linda nach. „Hat er sich nicht gemeldet?“
Emma schüttelte den Kopf. „Er wird viel zu tun haben.“
„Und wenn schon. Brandon weiß, wie viel dir der Tag bedeutet.“
„Ich sollte damit aufhören, meinen Geburtstag so wichtig zu nehmen“, ließ Emma verlauten. „Oder mich selbst. Immerhin bin ich einunddreißig und kein kleines Kind mehr.“
„Die Kindheit prägt jeden Menschen“, erwiderte Linda. „Du hast mir oft unsagbar leidgetan.“
Emma schaute zu ihr hoch. „Aber irgendwann muss man darüber hinwegkommen.“
„Ist das deine Meinung oder Brandons?“ Linda strich sich einige Strähnen aus der Stirn. Sie und Emmas Mann hatten nie das beste Verhältnis gehabt. Ihre Freundin hielt ihn für oberflächlich, woraus sie nie einen Hehl gemacht hatte. Dennoch versuchte sie sich mit ihm zu arrangieren, sofern sie aufeinandertrafen.
„Du kennst Brandon nicht so wie ich, Linda.“ Abrupt erhob sich Emma und trat vor den Spiegel. „Außerdem hat er es nicht einfach mit mir …“
„Hör endlich damit auf, dich runterzumachen.“ Linda trat hinter Emma und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Du hast so wenig Selbstbewusstsein, dass es wehtut.“
Eingehend betrachtete sich Emma. Ihr langes schwarzes Haar trug sie wie üblich zu einem Dutt. Sie war ungeschminkt und hatte eine fahle Gesichtsfarbe. Kein Wunder, sie kam kaum an die frische Luft. Infolgedessen nicht zum Shoppen. Das Geld war ohnehin knapp. So knapp wie die Auswahl in ihrem Kleiderschrank. Deshalb trug sie seit Jahren dasselbe: Weite Jeans, weite T-Shirts, noch weitere Pullis und flache Schuhe. Für die Arbeit genau das Richtige wie die Rüschenschürze mit dem Familienemblem auf der Brusttasche. By Eclaires stand in grüner Schrift darauf. Der Vater hatte seine Laden-Kette nach ihrer Mutter Claire benannt. „Ich dachte immer, dass alles gut werden würde, sobald ich verheiratet bin“, bekannte Emma. „Dass ich nur den einen Menschen brauche, der mich liebt, um mit der Vergangenheit abschließen zu können. Dennoch kommt ständig alles wie ein Bumerang zurück. Das ist schwierig für Brandon. Noch dazu bin ich ein Workaholic und sehe dementsprechend aus.“
„Das kannst du jederzeit ändern“, mischte sich Grant ein, dessen Blick Emma im Spiegel auffing. „Nimm deinen Geburtstag zum Anlass und fang ein neues Leben an. Befrei dich von der Sklaverei, die du Arbeit nennst. Kehr allen den Rücken, die dich seit Jahren piesacken und nicht einmal davor zurückschrecken …“ Er brach ab.
Prüfend musterte Emma sein finsteres Gesicht, bevor sie sich umwandte. „Die nicht einmal wovor zurückschrecken, Grant?“ Ihre Freunde senkten beinahe gleichzeitig den Kopf. „Was ist hier los?“
Ein Ruck ging durch Lindas Gestalt, bevor sie den Kopf hob. „Brandon betrügt dich.“
Drei Worte. Nur geflüstert. Trotzdem fühlten sie sich an, als hätte soeben eine Bombe eingeschlagen, die einen tiefen Krater in Emmas Herzen hinterließ. „Spinnst du komplett?“, unterstellte sie ihrer Freundin mit krächzender Stimme. „Wie kommst du auf diesen Blödsinn?“
„Sorry. Ich hätte das nicht sagen sollen.“
„Aber du hast es getan.“ Emma sah ihrer Freundin an der Nasenspitze an, wie entsetzt sie über sich selbst war. „Woher hast du diesen Humbug?“
„Aufgeschnappt“, behauptete Linda mit unsicherem Blick zu Grant.
„Von wem? Tiffany? Oder Kim? Erzählen meine Schwestern diese Lügen herum?“
„Sie tun nichts dergleichen und damit sollten wir das Thema beenden. Vor allem an deinem Geburtstag.“ Linda strich sich glättend über den Mantel. „Himmel, ich könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich damit angefangen habe!“
„Eben. Du hast damit angefangen. Nun solltest du Klartext reden.“ Emma spürte, dass sie zitterte. „Immerhin habe ich ein Recht darauf zu wissen, wer hinter meinem Rücken solche Märchen verbreitet.“
„Emma … ich habe … Brandon selbst gesehen. Er ist in der Stadt.“ Linda hatte Tränen in den Augen. „Vor einigen Stunden machte ich Weihnachtseinkäufe“, fuhr sie fort. „Dabei entdeckte ich ihn. Er kaufte einen Ring bei einem teuren Juwelier.“
„Schön. Ich habe Geburtstag“, warf Emma ein, die sich fragte, woher er das Geld haben sollte. War er hinter ihr Notfallkonto gekommen? Nein, das würde er weder angreifen noch war er berechtigt, etwas abzuheben. Allein aus diesem Grund musste es sich um eine Verwechslung handeln. Oder hatte er sich Geld geliehen? Um ihr heuer eine besondere Überraschung zu bereiten, die so viel Planung erforderte, dass er seine Rückkehr geheim hielt, um in London einiges zu organisieren.
„Hast du in den letzten Monaten Rosen bekommen? Oder einen hübschen roten Kapuzenmantel?“, hielt Linda an ihrer Behauptung fest und die Unsicherheit war plötzlich wie weggeblasen. Übrig blieb eine zutiefst wütende Frau. „Der Typ ist so dämlich und kauft in meinem Viertel ein“, redete sie sich in Rage, als hätte sie monatelang darauf gewartet, sich Luft zu verschaffen. „Obwohl er weiß, dass ich dort lebe und arbeite. Außerdem übernachtet er im nobelsten Hotel. Das weiß ich aus erster Hand, weil ich ihm gefolgt bin und da ich den Concierge kenne, erfuhr ich, dass Brandon wiederholt mit seiner Frau ein Zimmer mietet. Exakt zur selben Zeit, wenn er angeblich auf Geschäftsreise ist.“
„Du musst dich irren.“ Emma zog sich den Hocker heran und setzte sich. Sonst wäre sie umgefallen. „Brandon würde mir das nie antun. Er weiß, wie sehr ich ihn liebe.“
„Bevor Linda ihn zum ersten Mal in der Stadt gesehen hat“, sprang Grant ihrer Freundin zur Seite, „kamen uns Gerüchte zu Ohren. Wir hielten sie für Nonsens. Immerhin wissen wir alle, wie viel aufgebauscht wird. Umso schlimmer ist es, dass die Leute nicht gelogen haben.“
„Stopp!“, rief Emma mit Wut im Bauch aus. „Was reimt ihr euch da zusammen? Es kann jeder gewesen sein, der Brandon ähnlich sieht. Oder hast du ihn zur Rede gestellt, Linda?“ Atemlos starrte sie auf deren blasse Lippen.
„Ich habe ihn nur von weitem beobachtet. Aber da ist die Sache mit dem Hotel …“
„Wofür es sicher eine plausible Erklärung gibt und bevor ich nicht mit Brandon gesprochen habe, glaube ich keinem ein Wort. Selbst euch nicht!“, griff Emma sie an. „Sobald mein Mann sämtliche Vorwürfe aus der Welt geschafft hat, könnt ihr euch übrigens bei uns entschuldigen!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe. Und du weißt, wo du mich findest, wenn du mich brauchst“, blieb Linda uneinsichtig. „Trotz allem bin ich froh, dass es endlich ausgesprochen ist. Ich fühlte mich schäbig, dich im Ungewissen zu lassen.“
„Du fühlst dich schäbig?“, fuhr Emma endgültig aus der Haut. „Was denkst du, wie es mir geht? Ich dumme Kuh habe gedacht, dass ich mich wenigstens auf euch verlassen kann. Doch ihr seid dieselben Lügner wie alle anderen! Vielen Dank auch, dass ihr meinen Geburtstag ruiniert habt.“
„Das wollten wir zuletzt. Aber du hast auf die Wahrheit bestanden“, verteidigte Linda ihre Ehre und blieb bewundernswert ruhig, während Emma sie am liebsten zur Vernunft geschüttelt hätte. „Wir kennen uns jahrzehntelang und waren immer ehrlich zueinander. Natürlich ist der Augenblick denkbar ungünstig, doch gibt es überhaupt den richtigen für eine Nachricht wie diese? Noch dazu hadern Grant und ich eine ganze Weile mit unserem Wissen. Ich persönlich hätte es ohnehin nicht mehr lange geschafft, den Mund zu halten. Dazu bist du mir zu wichtig.“ Grant nickte. „Das mit Brandon ist …“
„Bitte halt den Mund, Linda“, fiel Emma ihr ins Wort, bevor die beiden hinter einem Tränenschleier verschwammen. „Ich will nichts mehr davon hören und jetzt geht bitte. Ich möchte alleine sein.“

Dichtes Schneetreiben fegte über London. Vom Wind getrieben, wirbelten dicke Flocken vor den beleuchteten Fenstern herum, als würden sie zu einer Musik tanzen. Vielleicht zum Lied von Louis Armstrong, das Emma auf dem Weg hierher aus einem der zahlreichen Lokale gehört hatte. What a wonderful world.
Was für ein Hohn! Es war keine wundervolle Welt, obwohl der Platz nicht grandioser sein könnte. Von hier oben hatte man einen beeindruckenden Blick über London. Auf dieser Aussichtsplattform, wie geschaffen für Verliebte. In ihrer Anfangszeit war sie mit Brandon oft hergekommen, wenn er sie nach Dienstschluss abgeholt hatte. Etwas, das er schon lange nicht mehr tat, von anderen Dingen gänzlich abgesehen.
Emmas Blick fiel auf das The Shard. Das EU-Gebäude galt als das höchste Londons und ragte wie eine nach oben schmaler werdende Säule aus Stahl und Glas in den Nachthimmel. Bis zwei Uhr würde die Spitze beleuchtet sein. Eine Tradition während der Weihnachtszeit.
Sie zog den grauen Mantel enger und konnte den Nebel sehen, wenn sie ausatmete. Es war empfindlich kalt im Gegensatz zu ihrer Backstube, die sie eine halbe Stunde nach dem Streit mit Linda und Grant fluchtartig verlassen hatte. Zum ersten Mal unaufgeräumt, weil sie keine Lust verspürte, ständig den Schlussdienst zu übernehmen, während sich ihre Schwester irgendwo amüsierte. Heute mit diesem Mann, morgen mit jenem. Tiff genoss ihr Single-Leben in vollen Zügen. Andererseits war es durchaus vorstellbar, dass sie unzufriedener war, als sie nach außen hin tat. Immerhin war Kim seit kurzem schwanger und Emmas Dad freute sich wie ein Verrückter auf sein erstes Enkelkind. Damit hatte Kim momentan die Nase vorn, was Tiff sicherlich nicht auf sich sitzen lassen würde. Obwohl die Schwestern sonst zusammenhielten, wollten beide das Alpha-Tier der Familie sein. Ein ewiger Konkurrenzkampf, der Emma ermüdete und im Grunde war sie nicht besser. Seit Jahren versuchte sie mit den Schwestern mitzuhalten. Damit musste endlich Schluss sein!
Das hieß jedoch, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Darüber nachzudenken, wie die Zukunft aussehen sollte und vor allem die Sache mit Brandon zu klären, den sie mindestens zwanzig Mal angerufen hatte. Ohne nennenswerten Erfolg und je mehr Zeit verging, desto mehr nagten Lindas und Grants Anschuldigungen wie Ratten an Emmas Gedanken, die sich ständig im Kreis drehten.
Wieso zum Teufel hob ihr Mann nicht ab, damit sie darüber reden konnten? Danach würden sie darüber lachen und Pläne für morgen schmieden. Eine wohltuende Überlegung, die leider gegen das Bild prallte, das Emma ständig vor Augen hatte: Ein riesiges Hotelbett, auf dem sich Brandon mit irgendeiner Frau wälzte …
Verdrossen trank Emma einige Schlucke aus der Sektflasche. Sie hatte sie im Geschäft mitgehen lassen. Einfach so. Ohne jemand zu fragen, wie sie es sonst tat. Wie draufgängerisch! Jedenfalls fühlte es sich besser an als ständig zu kuschen. Emma tu dies, Emma tu das. Und Emma tat es. Sogar die Angestellten gewöhnten es sich an, Arbeiten auf sie abzuwälzen. Allerdings durfte sie keinem böse sein. Sie selbst hatte das all die Jahre mit sich machen lassen.
„Bevor Sie erschrecken: Ich bin kein Serienmörder, kein entlaufener Sträfling oder ein Psychopath, der aus einer Nervenheilanstalt geflohen ist.“
Mit der Flasche in der Hand wirbelte Emma herum und spürte, wie Sekt über ihre Hand rieselte. „Warum sollte ich das denken?“, erkundigte sie sich mutiger als sie war. Im schalen Schein der Außenlampe stand ein Mann, der einen dunklen Mantel trug. Das Haar hatte er zu einem lockeren Dutt zusammengebunden und wirkte eher wie ein Model als ein angsteinflößender Unhold. „Wie es aussieht, haben wir denselben Friseur“, entfuhr es ihr, bevor sie sich beherrschen konnte. Aber ein Witz lockerte die Situation auf. Nebenbei war ihr danach, über die Stränge zu schlagen, aus der eigenen Haut zu schlüpfen und Grenzen niederzutrampeln. Die Sektflasche war ein erster Schritt gewesen, um vom bisherigen Mausloch ins Licht zu treten. Außerdem lockerte der ungewohnte Alkohol ihre Zunge.
„Hauptsache praktisch.“ Ein Lächeln glitt über sein bis dahin ernstes Gesicht. „Man kann nicht ständig wie aus dem Ei gepellt aussehen.“
Prompt überkam Emma wieder das heulende Elend. „Danke für das Kompliment.“ Sie wandte sich der Stadt zu und hörte, dass er näher kam. Vielleicht mit einem Messer in der erhobenen Hand … nun jagte doch ein kalter Schauer über ihren Rücken.
„So war das nicht gemeint“, versicherte er, als er sich in einigem Abstand ans Eisengeländer lehnte. „Äußerlichkeiten sind nicht alles.“
„Und das aus dem Mund eines Mannes.“ Emma genehmigte sich erneut ein paar Schlucke, ehe sie ihm die Flasche hinhielt. „Möchten Sie auch?“
„Nein, danke. Ich bleibe lieber nüchtern.“
Emma riskierte einen längeren Blick zu ihm. „Klingt, als hätten Sie eine harte Zeit hinter sich.“
„Kann man so sagen“, murmelte der Unbekannte. „Ich habe einiges falsch gemacht in meinem Leben. Und gerade, als ich alles richtig machen wollte, hat es mir das Schicksal so richtig gezeigt.“ Er lachte leise. „Hört sich extrem nach Selbstmitleid an, nicht wahr?“
„Manchmal darf man sich selbst bemitleiden, glauben Sie mir.“ Plötzlich läutete ihr Handy. Emma stellte die Flasche ab und zog ihr weißes Mobiltelefon aufgeregt aus der Manteltasche. Auf dem blau leuchtenden Display zeigte sich Brandons Name. Mit zitternden Fingern nahm sie den Anruf entgegen. „Hallo?“
„Hi, ich bin es. Du hast versucht mich zu erreichen. Ist etwas passiert?“
„Ich wollte nur wissen, wann du zurückkommst“, stammelte Emma und verschob ein klärendes Gespräch. Morgen war auch noch ein Tag und sie wollte ihm dabei in die Augen sehen. Außerdem war sie nicht allein. Kurz schielte sie zum Unbekannten und drehte ihm den Rücken zu. „Liebst du mich, Brandon?“, flüsterte sie in das Handy.
„Natürlich, was für eine Frage“, versicherte er zu ihrer Erleichterung. „Leider war ich bis vor zehn Minuten in einem Meeting. Harte Sache, kann ich nur sagen und …“ Brandons Stimme trat auf einmal in den Hintergrund. Dafür schallte die unverkennbare Melodie von Big Ben umso lauter aus dem Hörer und danach folgte der Glockenschlag zur vollen Stunde. Es war ein Uhr nachts, doch Emma fühlte sich, als wäre die Zeit soeben stehengeblieben. Brandon war tatsächlich in London und die harte Sache konnte sie sich lebhaft vorstellen!
„Wo … wo bist du nochmal genau?“, fragte sie mit letzter Kraft.
„In Liverpool, das weißt du doch“, kam es unsicher zurück. Er schien seinen fatalen Fehler selbst bemerkt zu haben! „Leider werde ich es morgen nicht schaffen. Wir haben jede Menge zu tun.“ Wie dreist er weiterlog!
Emma hatte tausend Schimpfwörter auf der Zunge. Statt sie ins Telefon zu brüllen, unterbrach sie die Verbindung und ließ das Handy sinken. Tränen brannten in ihren Augen, als sie auf die Stadt blickte. Dorthin, wo Linda lebte und sich Brandon gerade mit irgendeinem Flittchen amüsierte. Dieser Schweinehund!
„Schlechte Nachrichten?“, brachte sich der Unbekannte in ihr Gedächtnis zurück.
Emma steckte das Handy in die Manteltasche zurück. Dass Brandon nicht einmal zurückrief zeigte ihr, wie fern sie sich bereits waren. „Wenn ein Mann behauptet, er sei geschäftlich in Liverpool und hält sich stattdessen in London auf, welchen Schluss ziehen Sie daraus?“
„Dass er Sie betrügt“, kam die umgehende Antwort.
„Danke für Ihre Ehrlichkeit.“
„Ich zähle nur eins und eins zusammen.“ Er schwieg kurz. „Ihr Freund?“
„Mein Ehemann.“ Emma griff nach der Flasche und trank ausgiebig. Aber um sich zu betäuben, würde sie Hochprozentigeres brauchen. „Sind Sie aus London?“ Fest umklammerte sie die Flasche und unterdrückte ein Rülpsen. Scheiß Kohlensäure. Scheiß Brandon!
„Nein. Ich wollte mir ein paar schöne Tage machen.“
„Hat super geklappt“, zog sie seine Aussage ins Lächerliche, obwohl sie das nicht wollte. „Sie stehen hier oben mit einer Frau, die Lust hat, sich sinnlos zu besaufen. Nebenbei lädt sie ihren ganzen Frust bei Ihnen ab und hat keine Hemmungen, Sie vom Dach zu stoßen, weil sie zu einer Gattung gehören, von der sie die Nase gestrichen voll hat.“
„Tja, insofern haben sich die zwei Richtigen getroffen“, konterte er. „Frauen können mir ebenfalls gestohlen bleiben. Also halten Sie sich gut fest. Womöglich stürzen Sie vor mir in die Tiefe.“
„Darauf trinke ich.“ Emma hob die Flasche in die Höhe, dann rieselte das Kribbelwasser ihre Kehle hinunter. Allmählich spürte sie, wie sich ein warmes Gefühl in ihr ausbreitete und sich die Stadt verzerrte. Vielleicht reichte der Sekt doch? „Sind Sie mit dem Auto da?“, kam ihr plötzlich eine Idee, während sie sich die Flasche an die Brust drückte.
„Ja, warum fragen Sie?“
„Leihen Sie es mir?“, bat Emma.
„Bestimmt nicht. Sie haben getrunken.“
„Dann fahren Sie mich. Ich zahle natürlich.“
Der Unbekannte begradigte sich. „Wollen Sie zu ihm?“
Emma nickte und fuhr sich tastend über den Dutt. „Ich brauche Gewissheit“, flüsterte sie. „Und muss mit eigenen Augen sehen, dass es so ist. Sonst erzählt er mir wer-weiß-was und ich dumme Pute wäre imstande ihm zu glauben. Weil ich leider Gottes so gemacht bin. Bloß keine Konfrontation, immer schön kuschen, um die Harmonie nicht zu zerstören. Dabei sollte ich endlich aufwachen. Immerhin musste ich bisher auf die harte Tour lernen, dass das Gute nicht immer siegt, so wie die Hoffnung manchmal schon gestorben ist, bevor man sie fühlt.“
Er räusperte sich. „Ich will mich nicht in Ihr Leben einmischen, aber gelegentlich sollte man eine Nacht darüber schlafen, um klarer zu sehen.“
„Irrtum. Manches wird selbst nach tausend Stunden Schlaf nicht klarer.“ Emmas Schultern sanken herab. „Wollen oder können Sie mir nicht helfen?“
„Wir kennen uns erst seit zehn Minuten! Haben Sie keine Freunde?“
„Natürlich, aber sehen Sie einen von ihnen?“, keifte Emma. „Momentan sind Sie mein einziger und könnten ruhig für mich da sein.“
Ein genervtes Seufzen war die Antwort. „Wissen Sie denn, wo er ist?“, schob er wenig begeistert nach.
„Ich nicht. Jemand anders schon …“

„Ich fühle mich, als würden wir einen Verbrecher observieren“, offenbarte der Unbekannte, nachdem sie unweit vor dem Noblesse-Hotel geparkt hatten. Die Scheiben seines blauen Hondas waren angelaufen. Dank des Gebläses, das auf Hochtouren lief, hatten sie jedoch bald klare Sicht.
„Das tun wir ja auch“, antwortete Emma abwesend. „Wir observieren meinen zukünftigen Ex-Mann und Verbrecher der übelsten Sorte.“ Sie hielt die inzwischen leere Sektflasche fest, als wäre sie ein Rettungsanker. Der Anruf bei Linda hatte sie jede Menge Mut gekostet. Sie abzuwimmeln noch viel mehr, denn die Freundin wollte sofort zu ihr. Doch Emma brauchte keine Zeugen und keinen, der ihr zu Hilfe eilte. Da musste sie alleine durch. Allerdings war die Theorie ein Ponyhof gegen die praktische Absicht, Brandon stellen zu wollen. Kein Wunder, dass sie die Prickelbrause förmlich in sich hineingeschüttet hatte und sich nun mit den Nebenwirkungen herumplagte. Zuerst hatte sie einen Schluckauf gehabt, jetzt stellte sich leichter Kopfschmerz ein. „Dafür wird er büßen, das schwöre ich Ihnen.“ Zwar zählte der Unbekannte ebenfalls zu einem Zeugen, aber im besten Fall würden sie sich danach nie wiedersehen.
„Noch fehlen Ihnen die Beweise.“ Natürlich half diese Spezies im Notfall zusammen! „Er könnte den Fernseher angehabt haben. Schon mal daran gedacht?“
„Oder er betrügt mich schlicht und ergreifend“, stellte Emma fest und hörte selbst, dass sie ihre Zunge nicht mehr ganz unter Kontrolle hatte. „Heuchelt mir Verständnis für meine Arbeit vor, um freie Bahn zu haben. Von wegen, er hat so viel zu tun und weiß nun, wie es mir geht.“
„Sie sind betrunken und obwohl ich mich ungern wiederhole, rate ich Ihnen lieber ins Bett zu gehen. Morgen sieht die Welt sicher anders aus. Abgesehen von Ihrem Kater.“
„Der ist im Augenblick mein geringstes Problem.“ Emmas Blick heftete sich auf die Leuchtreklame. Das grelle Licht schmerzte in den Augen wie der Gedanke an Brandons möglichen Betrug ihr Herz verletzte. Aber tat sie tatsächlich das Richtige? Hatte der Mann womöglich recht und sie sollte lieber nach Hause fahren? Andererseits hätte sie morgen keinen Mumm mehr, um sich der Situation zu stellen. Weil sie in jeder Lebenslage bevorzugt die Augen verschloss. Konnte es sein, dass sie deshalb viele Zeichen übersehen hatte? Im Grunde lebten Brandon und sie wie Geschwister zusammen, tauschten weder Zärtlichkeiten aus noch hatten sie übermäßig viel Sex. Und wenn, war er vorbei, bevor sie bis drei zählen konnte. Meistens war sie von der Arbeit ohnehin so kaputt, dass sie sogar froh darüber war, wenn er sich danach zur Seite drehte und einschlief.
„Worauf habe ich mich bloß eingelassen“, verschaffte sich ihre neue Bekanntschaft Luft. Dabei rieb er die Hände aneinander, als wäre ihm kalt. „Sollen wir die ganze Nacht warten oder wie haben Sie sich das vorgestellt, Sherlock?“
„Keine Ahnung, Watson.“ Trotz der ernsten Situation musste sie lachen. „Aber ich habe nicht vor, mir in Ihrem Auto den Allerwertesten abzufrieren.“
„Sondern?“
„Ich werde in das Hotel stürmen und nach Brandons Zimmernummer fragen.“ Nur der Gedanke daran verstärkte ihr Kopfweh.
„Die man Ihnen natürlich sofort gibt.“
„Habe ich schon erwähnt, dass ich Sarkasmus hasse?“, ärgerte sie sich. Schon wieder wurde sie von seiner Vernunft gestoppt, obwohl sie erneut Fahrt aufgenommen hatte.
„Und ich hasse Aktionen wie diese. Eigentlich wollte ich in Ruhe über mein Leben nachdenken. Nun befinde ich mich mitten in einem Ehe-Krimi.“
„In London müssen Sie mit allem rechnen und …“ Emma unterbrach sich, weil sie auf ein Pärchen aufmerksam wurde, das Arm in Arm auf den Eingang des Hotels zu schlenderte. Die Frau wurde vom Licht erfasst. Sie trug einen roten Kapuzenmantel! Sofort musste Emma an Lindas Aussage denken und in der nächsten Sekunde mitansehen, wie der Mann die Frau an sich zog und hingebungsvoll küsste. Wie hypnotisiert starrte Emma auf die Liebenden und hatte ein untrügliches Gefühl im Bauch.
Beinahe mechanisch öffnete sie die Tür und stieg aus. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, als sie auf das Pärchen zuging. Die Frau stand mit dem Rücken zu ihr. Der Mann fuhr mit seinen Händen zärtlich über ihre Schultern. Sein Goldring blitzte auf.
„Ich liebe dich“, hörte Emma ihn sagen, als sie sich voneinander lösten. Eine Stimme, die sie unter Tausenden erkannt hätte. Brandons Stimme! Und weil ihn das Licht nun ebenfalls erfasste, bekam sie das Gesicht gratis dazu. „Deshalb werde ich morgen mit Emma reden. Nach unserem Telefonat ist sie ohnehin im Bilde und sogar sie wird kapiert haben, was Sache ist.“
„Wie recht du hast“, entfuhr es Emma, deren Herz raste wie sie am ganzen Körper zitterte. Voller Wut und Enttäuschung über einen Betrug, für den sie keine Worte fand. Obwohl die Zeichen für seine Affäre untrüglich gewesen waren, traf sie seine Aussage dennoch, als wäre sie völlig unvorbereitet. „Was bist du bloß für ein Arschloch!“ Die Frau schien einen Stock verschluckt zu haben und ehe Emma sie aufhalten konnte, hetzte sie auf den Eingang zu. „Wer ist diese feige Schlampe? Und seit wann läuft das schon zwischen euch beiden?“
„Angie ist eine Kollegin“, bekannte er sofort Farbe. „Es ist einfach so passiert.“
„Einfach so?“, wiederholte Emma und begann zu schluchzen, obwohl sie sich vorgenommen hatte, ihm die Stirn zu bieten. „Was habe ich falsch gemacht?“
„Nichts … aber ich … Herrgott, schau dich an, Emma. Du läufst herum wie der letzte Penner. Außerdem müssen wir jeden Cent dreimal umdrehen. Dabei hast du einen stinkreichen Vater. Ich halte dieses ärmliche Leben einfach nicht mehr aus.“
„Vielleicht hätten wir mehr Geld, wenn du nicht alles für dieses Luder verschleudern würdest“, brüllte Emma, weil sie sich nicht mehr im Griff hatte. Sie fühlte sich verraten. So unendlich verraten. „Heute Rosen und morgen ein Ring. Dazu dieses Hotel. Wovon bezahlst du diesen Luxus?“
„Lass das meine Sorge sein und jetzt sollten wir die Unterhaltung beenden. Du wirkst angetrunken. Wir werden morgen darüber reden. In aller Ruhe.“
„Morgen wirst du deine Sachen packen!“, schleuderte Emma ihm entgegen, zog sich den Ehering vom Finger und warf ihn Brandon vor die Füße. Das billige Blech hatte ohnehin keinen Wert. Jetzt noch weniger als zuvor. „Aber nicht in aller Ruhe sondern in Windeseile. Ich will dich nicht mehr im Haus haben.“
„Das wird schwierig.“ Sein überheblicher Blick brachte sie endgültig zur Weißglut. „Oder hast du vergessen, auf wen der Kaufvertrag läuft? Du solltest packen und dir etwas Neues suchen.“
„Dad hat Geld in unser Haus investiert. Ich zahle von Anfang an die Raten. Dein Beitrag beläuft sich damit auf null. Kaufvertrag hin oder her, willst du dich tatsächlich mit uns anlegen?“
„Mit uns?“, stellte er sie bloß. „Wach endlich auf, Emma. Deinem Vater bist du scheißegal!“ Es war, als hätte ihr Brandon einen Fausthieb verpasst. „Und um es mit mir alleine aufzunehmen reicht dein Mut nicht. Das wissen wir beide. Ergo: Du wirst keinen müden Cent sehen, hast du das kapiert?“
„Allmählich regen Sie mich auf“, hörte Emma jemand hinter sich sagen und erinnerte sich wieder an den Unbekannten, der mit wütender Miene an ihre Seite trat. „Haben Sie es so nötig, ihre Frau fertig zu machen? Nach allem, was Sie ihr angetan haben? Davon abgesehen bin ich Zeuge Ihres Seitensprungs und kann das jederzeit beschwören. Vor Gericht stehen Ihre Karten somit schlecht, das prophezeie ich Ihnen.“
„Sagt wer?“ Brandon verengte die Augen. „Etwa Emmas Lover?“, unterstellte er ihnen mit dem nächsten Atemzug. „Demnach sind meine Frau und ich quitt.“
„Gar nichts sind wir“, fauchte Emma. „Ich weiß nicht einmal wie der Typ heißt. Aber er hat mehr Stil als du.“ Wie recht Linda hatte. Brandon war ein Aas!
„Schön.“ Ihr Mann schlug den Jackenkragen hoch. „Dasselbe gilt für Angie. Du reichst nicht im Entferntesten an ihre Klasse heran, Emma. Und jetzt leb wohl.“ Er wollte sich abwenden, doch als wäre ihm etwas eingefallen, wandte er sich zu ihr um. „Ich habe dich gemocht, das ist die Wahrheit“, sagte er und hatte alles Beißende in der Stimme verloren. „Aber Liebe war es nie, sondern nur dein Name. Hätte ich Chancen bei einer deiner Schwestern gehabt, wäre eine von ihnen meine erste Wahl gewesen. Wie Angie sind sie Vollblutweiber, deshalb gebe ich dir einen guten Rat: Blättere hin und wieder in einem Modekatalog. Auf Dauer genügt keinem Mann nur eine nette Frau, die du ohne Zweifel bist.“ Damit drehte er sich um, eilte zum Eingang und hinterließ Fußspuren im Schnee. Wie eine Metapher. Er würde ab jetzt seinen Weg alleine weitergehen. Ohne Emma, die sich haltlos fühlte und gedemütigt bis ins Mark.
„Soll ich Sie nach Hause bringen?“, erkundigte sich der Unbekannte mit sanfter Stimme.
„Ich habe kein Zuhause mehr.“ Emma setzte sich in Bewegung. Ahnungslos darüber, wohin sie gehen sollte. „Danke, dass Sie mich hergebracht haben.“ Auf einmal strauchelte sie und spürte seine kräftigen Arme, die ihre Schultern umfingen. Kurz blickten sie sich an, bevor er sie losließ.
„Mein Magen knurrt“, murmelte er. „Sollen wir etwas essen gehen?“
„Ist das Ihr Ernst?“ Sie betastete unter Tränen ihren Dutt. „Eigentlich müssten Sie froh sein, mich loszuwerden. Ich stehe kurz vor einem Heulkrampf und mitten in den Scherben meines Lebens. Wollen Sie sich das wirklich antun?“
„Wieso nicht? Sie sind momentan genauso einsam wie ich“, erwiderte er. „Deshalb wäre ich ziemlich dumm, wenn ich Sie gehen ließe, Sherlock. Also, sind Sie dabei?“
Kurz danach aßen sie einen Burger bei einem Imbiss-Stand. Einige dunkle Gestalten lungerten unweit davon herum. Alleine hätte sich Emma gefürchtet, doch die Gegenwart des Unbekannten nahm ihr jegliche Angst. Er hatte eine Aura, die beruhigend wie einschüchternd wirkte. Nebenbei verfügte dieser Mann über einen gesegneten Appetit. Nach zwei Minuten war sein Burger Geschichte. Im Gegensatz zu Emmas, die dem Fremden schließlich ihren angebissenen reichte, den er nur zu gerne aß. Nachdem Emma schluchzend ein großes Glas Cola getrunken hatte, fühlte sie sich allmählich ernüchtert - in jeglicher Hinsicht. Leider katapultierte sie das umgehend in eine noch rauere Wirklichkeit zurück, die sich anfühlte, als würde jemand mit kalten Nadeln über ihre Haut fahren. Nun war sie wieder Single und auf sich alleine gestellt. Das machte ihr eine Heidenangst. Von dem Vertrauensbruch ganz zu schweigen und Brandons Feststellung, wie wenig feminin sie wirkte. Sicher, es war nicht ganz aus der Luft gegriffen, trotzdem schmerzte es. Insbesondere die Tatsache, dass sie ständig als letzte Wahl abgestempelt wurde.
Abwesend blickte Emma auf eine Gruppe junger Frauen, die an ihnen vorbeiging. Als eine von ihnen dem Unbekannten verheißungsvolle Blicke zuwarf, konzentrierte sie sich jedoch auf ihr Gegenüber. „Sie erinnern mich an jemand“, stellte Emma bei genauerer Betrachtung fest und wurde sich bewusst, dass er sogar im flackernden Neonlicht ziemlich attraktiv war mit dem blonden Haar, den hellblauen Augen, dem markanten Gesicht und der energischen Nase. Der schätzungsweise Fünftagesbart machte ihn noch männlicher als ohnehin. Allerdings erinnerte er an einen Sonnyboy, an dem sich eine Frau bestimmt die Finger verbrennen würde. Er vernaschte bestimmt eine nach der anderen, wie in einem Selbstbedienungsladen. Aber Emma musste zugeben, dass er eine sehr nette Art hatte.
„Lassen Sie mich raten, an wen ich Sie erinnere“, meinte er mit sauertöpfischer Miene. „Brad Pitt?“ Er wischte sich mit der Serviette über den Mund, nachdem er den Pappteller von sich geschoben hatte, auf dem ausgequetschte Ketchup-Päckchen lagen.
„Normalerweise würde ich Sie spätestens jetzt für ziemlich arrogant halten“, beanstandete Emma, „allerdings ist der Vergleich nicht schlecht. Doch den meine ich nicht.“
„Gut. Bei mir zuhause wird das nämlich ständig behauptet. Ich kann es nicht mehr hören.“
„Fühlen Sie sich etwa nicht geschmeichelt?“
Er zerknüllte die Serviette und warf sie auf den Pappteller. „Sie haben ja keine Ahnung.“ Sein spöttisches Lächeln hatte was. „Also: Sie machen mich neugierig. An wen erinnere ich Sie?“
„Jetzt weiß ich es“, rief Emma aus, „an Rúrik Gíslason.“
„Wer soll das sein?“ Er wirkte nicht gerade glücklich. „Eine Comic-Figur?“
„Ein isländischer Fußballer.“
„Sie interessieren sich für Fußball?“ Wieder dieses spöttische Lächeln!
„So ähnlich“, räumte sie verlegen ein. „Manche Spieler fallen einem regelrecht ins Auge und entgegen Brandons Behauptung nehme ich dann und wann durchaus eine Modezeitschrift in die Hand.“ Nur die Erwähnung seines Namens stieß ihr das Cola sauer auf.
„Sie erinnern mich übrigens auch an jemand“, behauptete der Unbekannte.
„Lassen Sie mich raten“, tat es ihm Emma nach und versuchte ein ähnliches Gesicht zu machen wie er zuvor. Allerdings bedurfte es wenig Mühe, weil sie an Brandons Vorwürfe denken musste. War sie tatsächlich so unsexy? „An die Filmfigur Bridget Jones?“
Sein Lachen hatte etwas Ansteckendes. „Weit daneben. Ich würde sagen …“ Er studierte sie so intensiv, dass ihr heiß wurde. Das war bestimmt die nächste Nachwirkung vom Sekt! „Sandra Bullock. Dieselben rehbraunen Augen, eine ähnliche Haarfarbe und Sie haben dieses verschmitzte Etwas.“
„Damit kann ich gut leben“, stellte Emma erfreut fest. Ob dieser Mann ehrlich war oder nicht, sein Kompliment tat gut. Ebenso wie das anschließende Schlendern durch die Straßen. Sie sprachen kein Wort. Trotzdem war es kein angespanntes Schweigen. Die Stille tat gut wie die frische Luft. Noch dazu waren kaum Menschen unterwegs, obwohl London niemals schlief.
„Möchten Sie eigentlich gar nicht wissen, wie ich heiße?“, fragte er plötzlich, als sie in die Regent Street einbogen und Richtung Piccadilly Circus spazierten.
„Nein“, entschied Emma. „Es ist nett mit Ihnen und scheinbar waren Sie zur rechten Zeit am richtigen Ort. Ein Mann, der aus dem Nichts kam und bald dorthin zurück verschwindet. Ich schätze, wir werden uns nicht wiedersehen.“
„Stimmt. In einigen Stunden breche ich auf.“
Erneut schwiegen sie. Betrachteten die üppige Weihnachtsbeleuchtung, die den Schnee zum Glänzen brachte. Wie eine Sahnehaube lag er auf den Bäumen, Bänken und Zäunen, während der Wind über die Dächer fuhr. Emma hatte das Gefühl, als wären Tage vergangen und nicht wenige Stunden, in denen sich ihre Welt völlig verändert hatte. Als hätte jemand ein T-Shirt umgestülpt und nun musste sie zusehen, wie sie es am besten tragen konnte.
„Haben Sie jemals einer Frau wehgetan?“, erkundigte sich Emma und nagte an ihrer Unterlippe. „Sind Sie verheiratet?“
„Das war ich und ja, es gibt viele, denen ich übel mitgespielt habe.“ Sie ahnte, dass er trotz seiner Aussage an eine bestimmte Frau dachte. „Annie war so eine. Sie ist toll und ich hatte sie gern. Aber das genügt eben nicht auf Dauer.“ Sofort kam ihr Brandon in den Sinn. Nein, gernhaben genügte tatsächlich nicht. „Meine Eltern führten eine ziemlich miese Ehe. Dad hatte ständig andere Frauen, was er gut zu vertuschen wusste. Niemand in unserem kleinen Ort weiß davon und Vater redete mir ständig ein, dass ich lieber mein Leben genießen soll, statt mich zu binden.“ Er seufzte. „Ich ließ es ziemlich krachen, bis ich Annie wiedertraf. Wir wurden ein Paar, doch ich merkte schnell, dass ich für Kompromisse nicht bereit war. Trotz unserer Beziehung zog ich mein Ding durch. Eigentlich ein Indiz dafür, dass es nicht die wahre Liebe ist. Dann begegnete ich Trish und betrog Annie mit ihr.“ Emma empfand sofort Mitleid mit dieser Annie. „Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings sagen, dass ich wirklich in Trish verschossen war. Dennoch machte ich Annie an meinem Junggesellenabend an, weil ich … ach, lassen wir das. Jedenfalls habe ich Trish geheiratet und kurz danach ließen wir uns wieder scheiden. In den folgenden Monaten stürzte ich mich in zahllose Abenteuer und habe sogar bei der Arbeit getrunken. Bis ich vor kurzem eine Abmahnung erhielt. Jemand hat mich angeschwärzt. Anfangs war ich ziemlich sauer. Mittlerweile bin ich froh darüber, weil es wie ein Weckruf war.“
„Wieso ist Ihre Ehe in die Brüche gegangen? Haben Sie Trish ebenfalls betrogen?“
„Ich war nicht immer ein Schwein. Obwohl ich alles dafür getan habe, um dafür gehalten zu werden“, blockte er ihre Frage ab und blieb stehen. Emma tat es ebenso.
Es war seltsam, zu einem beinahe Wildfremden aufzublicken. Mit ihm in der Kälte zu stehen, die nicht spürbar war. In seine Augen zu schauen, die etwas Geheimnisvolles, aber auch etwas Trauriges hatten. Die Gesichtszüge im sanften Licht des Schaufensters zu erkunden, die das Leben gezeichnet hatte. Seinen Atem auf der Haut zu fühlen und ihm in diesem Augenblick näher zu sein als irgendeinem anderen Menschen auf dieser Welt.
Auf einmal berührte seine Hand ihr Kinn. Emma verlor sich in den unergründlichen Augen. Seine Lippen näherten sich und dann küsste er sie. Sanft und zärtlich. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Doch ehe sie reagieren konnte, ließ er sie los und winkte ein Taxi heran, das sofort an den Straßenrand rollte. Zuvorkommend öffnete der Unbekannte die Tür.
„Leben Sie wohl“, raunte er. Mit klopfendem Herzen und leisem Bedauern in sich blickte Emma zu ihm hoch, bevor sie sich ins Taxi setzte. Das Leder knirschte, als sie sich zurücklehnte. „Danke für diesen unvergesslichen Abend, Sherlock.“ Er lächelte.
Die Tür schlug zu. Das Taxi fuhr an. Emma drehte sich um und schaute durch die Heckscheibe. Unbeweglich stand der Mann inmitten des Schneetreibens und sie glaubte, seinen Blick auf sich zu spüren. Kurz erwog sie, den Chauffeur anhalten zu lassen und den Unbekannten nach seinem Namen zu fragen. In der nächsten Sekunde schalt sie sich eine Närrin. Er hatte sie getröstet. Ihr geholfen und sie aus der Laune eines Augenblickes heraus geküsst. Auf den Trümmern ihres Lebens. Die galt es zu beseitigen, statt irgendeinem Zauber hinterherzulaufen, den dieser Abend jedoch zweifelsohne gehabt hatte.
2. Kapitel

„Wie romantisch!“, rief Linda aus, die klirrend ihre Kaffeetasse auf den Unterteller zurückstellte. „Und du hast wirklich keine Ahnung, wer der Typ ist?“
Emma zuckte mit den Achseln. „Nein. Aber dieser Mann ist im Augenblick meine geringste Sorge“, schwindelte sie, obwohl sie ständig an die vergangenen Stunden denken musste. Mitsamt der Frage, ob das tatsächlich passiert war. „Immerhin steht mir eine Scheidung bevor und wenn ich Brandon richtig verstanden habe, gibt es einen Rosenkrieg.“
„Na ja, wie ein Häufchen Elend wirkst du nicht auf mich.“ Linda schob den kleinen runden Spiegel zu sich und griff nach dem Lipgloss neben der Blumenvase mit den Plastikrosen, die ihr Grant vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Die roten Blüten waren vom Sonnenlicht ausgeblichen und staubig wie der Rest ihrer Wohnung. Lindas Perfektion hörte nicht nur am Reißverschluss ihrer Tasche auf, sondern auch an der Türschwelle. Sie war keine geborene Hausfrau und schenkte diesem Teil ihres Lebens nur wenig Aufmerksamkeit. Ganz nach dem Credo: Es wäre schade um die vergeudete Zeit. „Du wirst es schon schaffen.“
„Mir graut bereits jetzt davor“, bekannte Emma. „Allein der Gedanke, dass ich zu einem Anwalt muss. Dabei habe ich mir mein Leben anders vorgestellt.“
„Schätzchen, du hast es dir schöngeredet. Wie so einiges in den vergangenen Jahren.“ Gekonnt zog Linda ihre Lippen nach, die rosafarben schimmerten. Wie die Augenlider und ihre Wangen. Ein hübsches Make-up. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Emma kramte in ihrer Erinnerung, wann sie sich selbst zuletzt geschminkt hatte. Es musste beim Abschlussball gewesen sein. Mit dem Ergebnis, dass sie aussah wie nach einem Verkehrsunfall, weshalb sie sich kurzerhand abgeschminkt hatte. „Du hast dich an Brandon festgekrallt, weil du dich seit deiner Kindheit nach Liebe sehntest. Wenn du ehrlich in dich gehst, wirst du feststellen, dass er nicht das Gelbe vom Ei war. Brandon war weder romantisch noch hat er dich auf Händen getragen.“
„So was erlebt man ohnehin nur als Schauspielerin in schnulzigen Filmen.“ Im Nachhinein betrachtet kam die Begegnung mit dem Unbekannten dem ziemlich nahe …
„Wie gesagt: Im Schönreden bist du einsame Spitze.“ Linda legte den Lipgloss neben den Spiegel und griff erneut zur Tasse mit dem Zwiebelmuster und dem Goldrand. Das edle Porzellan gehörte zu einem Service, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. So wie Linda stets alles bekam, die als Einzelkind aufwachsen durfte. Behütet und umsorgt von ihren Eltern, die am Stadtrand wohnten. „Früher warst du sicher eine Schnecke“, behauptete Linda wenig schmeichelhaft, nippte an der Tasse und stellte sie mit spitzen Fingern wieder zurück. Sie hatte sich gerade die Nägel blau lackiert. „Auch in diesem Leben verziehst du dich meistens in dein Häuschen, aber sobald du dich ungerecht behandelt fühlst, traust du dich kurz heraus. Nur um dich anschließend erneut zu verkriechen und die Scherben mitzunehmen, die du verursacht hast. Im Glauben, dass du wieder einlenken musst. Wie bei deinen Eltern. Harmonie ist aber nicht alles, Emma. Vor allem nicht um jeden Preis. Ein Wunder, dass du nicht schon längst daran kaputtgegangen bist, womit wir wieder bei Brandon wären. Erinnere dich zurück. Damals, als wir jung waren“, stocherte Linda weiter in Emmas Leben herum, „hast du dir oft ausgemalt, wie dein Mann sein müsste. Zärtlich, liebevoll und dass er dir das Gefühl geben sollte, das Wichtigste für ihn zu sein. Was hast du stattdessen gekriegt? Einen Mann, der nach wenigen Monaten auf der Couch herumlungerte und dich nicht einmal mehr vom Dienst abgeholt hat. Kein Hochzeitstag, kein Geburtstagsgeschenk, keine Überraschungen. Du nahmst es hin und hast deine Erwartungen so weit heruntergeschraubt, dass sie mittlerweile irgendwo im Nirgendwo vor sich hinvegetieren.“
Emma zupfte am Croissant herum, das ohnehin krümelte, weil es staubtrocken war. „Brandon hätte sich eine attraktive Frau gewünscht“, ließ sie das Gespräch Revue passieren. „Sexy und verführerisch. Stattdessen hat er Restware bekommen.“
„Brandon hat von Anfang an ein falsches Spiel getrieben“, ließ Linda kein gutes Haar an ihm und innerlich rupfte Emma munter mit, was das Croissant zu spüren bekam. „Wenigstens ist er zum ersten Mal ehrlich gewesen. Allerdings hat er dich nicht im Mindesten verdient, weil Liebe nicht dort aufhört, wo Aussehen und Geld anfangen. Nimm zum Beispiel diesen fremden Typen. Er hat dich geküsst und das bestimmt nicht aus Jux und Tollerei. Es liegt auf der Hand, dass du ihn beeindruckt hast.“
Abrupt verschonte Emma das wehrlose Croissant, fuhr sich durch das offene Haar und schaute an sich herunter. Sie trug immer noch die ausgewaschene Jeans und den weiten grauen Pullover. Der Wintermantel aus grauer Vorzeit hing in Lindas Garderobe, bei der sie um fünf Uhr auf der Matte gestanden hatte. Heulend. „Im Schönreden bist du auch nicht ohne“, meinte Emma und lächelte, was Linda strahlend erwiderte. Eine bessere Freundin als sie gab es nicht. Ohne zu zögern hatte Linda ihr Obdach gegeben, sie in eine warme Decke gehüllt, heiße Schokolade gemacht und nach der ausgiebigen Heul-Arie ein üppiges Frühstück gezaubert. Seit einer Stunde saßen sie nun hier. „Ich habe dich und Grant echt scheiße behandelt“, entschuldigte sich Emma und nahm Lindas Hand, wobei sie darauf achtete, nicht die Nägel zu berühren.
„Das ist längst vergessen.“ Ein sanfter Druck folgte. „War ja auch hart, was ich dir vor die Füße geknallt habe. Allerdings kann ich mich mit dem Ausgang des Abends sehr gut anfreunden. Noch dazu hast du eine Flasche Sekt getrunken. Da fragt man sich schon: Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin getan?“
Emma zog grinsend ihre Hand zurück. „Du tust gerade so, als wäre ich eine Heilige.“
„Na, na, wir wollen nicht übertreiben. Allerdings auch nicht untertreiben.“ Linda schaute auf ihre silberne Armbanduhr. „Ich muss allmählich los. Soll ich dich in die Stadt mitnehmen? Dein Dienst beginnt ja ebenfalls gleich.“
„Schon okay“, sagte Emma. „Ich werde mich krankmelden.“ Zwar fühlte sie sich körperlich fit - weil der erwartete Brummschädel ausblieb - trotzdem brauchte sie Zeit für sich. „Ich denke, nach allem was geschehen ist, kann ich ruhig einen Tag blaumachen. Und da mir Tiff sicher keinen Urlaubstag gewährt, muss ich eben zu dieser List greifen.“
Anerkennend pfiff Linda durch die strahlend weißen Zähne. „Das aus dem Mund der Frau, die freie Tage und Urlaube bisher für Gerüchte hielt. Ich finde es toll, dass du einige Dinge in deinem Leben änderst.“
„Eine Krankmeldung ist keine große Veränderung.“
„In deinem Fall schon.“ Linda zupfte mit Blick in den Spiegel an ein paar Haarsträhnen herum. „Tiff wird im Dreieck springen. Wie bedauerlich, dass ich das nicht live sehen kann! Deine Schwester war früher übrigens auch eine Schnecke, wegen dem Schleim und so.“ Kurz lachte Linda auf, bevor sich neuerlich ein verträumter Ausdruck in ihr Gesicht schlich. „Was für ein Jammer, dass ich diesen Typen nie kennenlernen werde. Er scheint einiges bei dir bewirkt zu haben.“
„Wie kommst du darauf, dass der Fremde irgendeinen Einfluss auf mein Leben hätte?“
„Keine Ahnung, immerhin hast du ihn geküsst.“
„Er hat mich geküsst.“ Emmas Puls beschleunigte sich.
„Wie auch immer, es kam zu einem Kuss. Dabei geht dir nichts über Treue. Geschweige denn, dass jeder Verehrer wochenlang warten musste, bis du dich küssen lassen hast.“
„Brandon hat mit seiner Affäre unsere Ehe beendet. Demnach war ich bei dem Kuss frei wie ein Vogel“, fühlte sich Emma dazu genötigt, sich zu verteidigen. „Aber bin ich wirklich so … so …“ Sie suchte nach dem passenden Wort. „Spießig? Langweilig?“
„Ein romantischer Spaziergang“, Linda schien plötzlich in anderen Sphären zu schweben, „ein Dinner bei der Imbissbude … Schneegestöber … sogar vor Brandon nahm er dich in Schutz. Ich sage nur: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, hauchte sie den Titel ihres gemeinsamen Weihnachts-Lieblingsfilms, den sie sich seit über zehn Jahren inklusive Grant bei Linda anschauten.
„Der Unbekannte ist kein Prinz und ich nicht das Aschenputtel“, saugte Emma jegliche Romantik aus ihrer Unterhaltung. So gradlinig Linda ansonsten war, bei der Liebe setzte regelmäßig ihr Verstand aus.
„Nein, das bist du nicht“, wurde ihre Freundin ernst. „Aber du verhüllst dich, wie du ständig deine Gefühle versteckst. Im Glauben, dass du dieses oder jenes nicht verdienen würdest. Und klar, du hast keine böse Stiefmutter, trotzdem führst du ein ähnliches Schattendasein wie unser allseits geschätztes Aschenputtel. Von der Arbeit ganz zu schweigen, die Tiff dir aufs Auge drückt. Du schuftest tausendmal härter als sie und kriegst einen Hungerlohn. Wie ihr Gehalt aussieht, will ich mir gar nicht vorstellen. Dabei bist du das Zugpferd der Konditorei. Deine Eclairs sind der Hammer und zählen zu Londons Geheimtipp.“
„Jetzt übertreib mal nicht“, wurde Emma verlegen.
„Siehst du?“ Strafend blickte Linda sie an. „Du kannst nicht einmal Komplimente annehmen. Dabei stimmt es. Nicht umsonst nennt man dich die Zauberin der Carnaby Street.“
Natürlich war Emma diese Bezeichnung zu Ohren gekommen und insgeheim schmeichelte sie ihr sehr. Ein schöner Lohn für die harte Arbeit, das ständige Weiterbilden und die Kreativität, fortwährend neue Backrezepte aus dem Hut zu zaubern. „Ich wünschte, Dad könnte das genauso sehen“, beklagte sich Emma, die sich voller Bitterkeit fragte, wie ihr Vater wohl auf die Trennung von Brandon reagieren würde. Vermutlich mit dem Satz, dass er ohnehin immer gewusst hatte, dass diese Ehe nicht lange halten würde. „Genug lamentiert. Jetzt rufe ich im Geschäft an, bevor ich mir einen Anwalt suche.“
„Lieber eine Anwältin“, riet Linda, als sie sich erhob. Der edle Stoff ihres schwarzen Hosenanzuges glänzte im Schein des Tageslichtes, das durch die Panoramafenster fiel. „Frauen kämpfen mit härteren Bandagen, weil sie solidarisch mit uns sind. Also, Süße, mach es dir gemütlich. Du kannst so lange bleiben wie du willst. Wir sehen uns abends.“
Fünf Minuten später war Emma alleine im erlesen eingerichteten Appartement. Linda war Produkt-Managerin und verdiente gut, weswegen sie sich sowohl die Lage an der Themse als auch teure Möbel leisten konnte. Beruflich hatte ihre Freundin alles erreicht, privat fiel das Resümee leider traurig aus. Seit über sechs Jahren war sie Single nach einer überaus glücklichen Ehe, die der Tod von einer Sekunde auf die andere beendet hatte. Ihr Mann Willy starb bei einer Rafting-Tour. Er hatte die Strömung unterschätzt. Es dauerte lange, bis Linda über diesen unfassbaren Schicksalsschlag hinwegkam. Sofern sie das je schaffen würde.
Seufzend erhob sich Emma und räumte den Tisch ab. Nachdem sie die Küche sauber gemacht hatte, wählte sie die offizielle Geschäftsnummer. Wie erhofft hob eine der Servicekräfte ab, die förmlich nach Luft schnappte, als sich Emma krankmeldete. Tiff würde tatsächlich toben, das war so sicher wie das Amen im Gebet. Allerdings öffnete es ihrer Schwester vielleicht die Augen darüber, was sie Tag für Tag leistete.
Nach einer ausgiebigen Dusche schlüpfte Emma in die Jogginghose und das weiße T-Shirt. Linda hatte ihr beides auf die Waschmaschine gelegt. Nach einem kurzen Blick in den beleuchteten Spiegel ging sie ins Wohnzimmer zurück, griff zum Handy und googelte nach einer Anwältin. Eine stach ihr sofort ins Auge: Ruth Hart-Divorce. Ein ziemlich vielversprechender Name. Hastig speicherte sie Namen und Nummer in ihr Handy ein und starrte anschließend auf die Zahlen.
Das war es also mit ihrer Ehe. Vorerst auch mit den Plänen, Kinder zu haben. Eine Familie zu gründen. Nichts hatte sie sich in den letzten Jahren sehnlicher gewünscht. Leider hatte es nicht geklappt - wobei das aufgrund des mangelnden Sexes kein Wunder war. Auf der anderen Seite musste sie nach dem Fiasko mit Brandon froh darüber sein. Bei einer Scheidung wären Kinder die Leidtragenden und so gesehen hatte es das Schicksal schon richtiggemacht. Ihre Zeit würde kommen. Irgendwann. Denn noch hatte sie den Glauben an die wahre Liebe nicht verloren. Vielleicht wäre es so, wenn der Fremde nicht ihren Weg gekreuzt hätte, dessen Kuss sie noch jetzt auf ihren Lippen zu spüren glaubte.

Die Dämmerung brach bereits herein, als Roger seinen Honda über die Küstenstraße lenkte. Fast alle Eigenheime waren weihnachtlich geschmückt. Vor vielen standen die obligatorischen Bäumchen, die jedes Jahr von den freiwilligen Helfern ab November verteilt und aufgestellt wurden. Auch für die bunten Lichter entlang der Hauptstraßen sorgten sie. Bei manchen Häusern wurden sogar alte oder neue Fotos von St. Agnes und der Umgebung festlich in Szene gesetzt. Eines der größten Bilder befand sich auf der Stirnseite des Heimes, das man als Erstes sah, wenn man in St. Agnes ankam.
Ankommen. Ein Wort, das in Roger nachklang. Tat er es denn? Jetzt, da er aus London zurück war, stellte sich die Frage, ob ihn etwas in St. Agnes hielt. Sicher, er hatte einen guten Job und einen netten Freundeskreis. Aber sonst?
Im Grunde ließ es sich hier gut leben. Ein Paradies, in dem andere Menschen Urlaub machten. Von den vielen Touristinnen ganz zu schweigen, die ihm einige angenehme Stunden bereitet hatten. Die Auswahl war so groß wie die Zahl der einsamen Herzen, die es in ihr idyllisches Küstendörfchen verschlug. Doch sich mit Frauen und Alkohol zu betäuben hatte irgendwann seinen Sinn verloren. Bloß weil ihm Trish so übel mitspielte, hätte er beinahe sein Leben weggeworfen. Dabei war es diese Frau nicht im Geringsten wert!
Roger verscheuchte ihr Bild. Die Erinnerung an sie. Stattdessen blickte er zu Annies Schmuckladen, an dem er vorbeifuhr. In den Schaufenstern glitzerte Lametta und einige Kugeln hingen an Schnüren herab. Die versilberten Äpfel auf dem Baum glänzten im Schein der Lichterkette, die sich über die Fassade, um die Äste und den Stamm wand. Wie es Annie wohl ging? Vermutlich tausendmal besser als ihm. Angeblich war sie mit Jack und Leni in New York. Eine Aushilfe kümmerte sich in den Wintermonaten um das Geschäft.
Annie hatte das große Los gezogen und er gönnte es ihr, obwohl sie das sicher nicht glauben würde. Für sie blieb er wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit das Arschloch und zugegeben, er hatte es nicht anders verdient. Trotzdem setzten ihm die Gerüchte zu, die sich um ihn und Trish rankten. Die Leute in St. Agnes hatten ja keine Ahnung!
Zehn Minuten später parkte Roger vor seinem Haus. Es lag völlig im Dunkeln. Keine Beleuchtung, nichts. Selbst das Bäumchen fehlte, weil er sich vehement gegen diesen Brauch sträubte. Weihnachten war ihm seit jeher ein Gräuel. Seine Eltern lagen sich gerade an diesen Feiertagen ständig in den Haaren. Von wegen die Zeit der Liebe und des Friedens. Bei ihnen herrschte regelmäßig kalter Krieg.
Missmutig blickte Roger vor sich hin, bis sein Blick zur Sektflasche auf dem Beifahrersitz glitt. Seit er London verlassen hatte, spukte ihm die fremde Frau ständig im Kopf herum. Dabei war er ungern in die Weltmetropole gefahren, wozu ihn zwei unangenehme Termine zwangen, was er vor der Unbekannten niemals zugegeben hätte.
Zum einen hatte ihn Mister Hall wegen seiner Trinkerei in die Zentrale zitiert und las ihm ordentlich die Leviten. Entgegen Rogers Annahme gab ihm der Geschäftsführer trotzdem eine zweite Chance. Wesentlich unangenehmer gestaltete sich seine Unterredung mit Trish am nächsten Tag, die gründlich in die Hose ging. Deswegen war er durch die Stadt geirrt und hatte sich schließlich auf der Aussichtsplattform wiedergefunden. Und da hatte sie gestanden. Diese Frau, mit der er sofort Mitleid empfand, obwohl er nicht besser war als ihr Brandon.
„Emma.“ Roger ertappte sich dabei, dass er lächelte. Im Gegensatz zu ihr wusste er durch das Gespräch mit diesem Brandon, wie sie hieß. Zumindest kannte er ihren Vornamen. Er passte zu ihr, weil er etwas Unschuldiges hatte. Aber auch etwas, das seinen Beschützerinstinkt weckte und das Verlangen, sie nach der Pleite mit ihrem Mann nicht alleine zu lassen. Wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, genoss er ihre Gesellschaft zu sehr, um den Abend schnell enden zu lassen. Es war schön, an ihrer Seite durch London zu schlendern. Mit ihr zu reden. Ihre bescheidene und fast schüchterne Art berührte ihn auf seltsame Weise, die jedoch in Kratzbürstigkeit und Trotz umschlagen konnte. Launisch wie das Wetter in St. Agnes, das sich ebenfalls von einer Sekunde auf die andere ändern konnte. Doch ob Sturm oder Sonnenschein, in allem lag eine beeindruckende Schönheit und Kraft. Wie in dieser Frau, die er nur ein paar Herzschläge lang küsste. Ihre Lippen waren zart und nachgiebig gewesen und er hätte sich weit mehr vorstellen können, aber er ahnte, dass sie keine für eine Nacht war. Nicht einmal eine, um sie hemmungslos auf der Straße zu küssen. Deshalb riss er sich zusammen, obwohl es ihm schwergefallen war. Eigentlich lachhaft. Außer bei Trish hatte er sich weder vorher noch nachher sonderlich viele Gedanken um die Frauen gemacht. Sogar im Bett ging es immer nur um seine eigenen Bedürfnisse. Sex ohne Gefühle, danach hatte er größtenteils gelebt.
Seufzend nahm er die Sektflasche, bevor er den Schlüssel aus dem Zündschloss zog und ausstieg. Nachdem er das Auto versperrt hatte, betrat er sein Cottage. Er hatte es kurz vor der Hochzeit mit Trish gekauft. Es lag auf einer Anhöhe etwas außerhalb von St. Agnes und war von dichtem Laubwald umgeben. Fast so, als wäre man von der Außenwelt abgeschnitten. Ein kleines Paradies, in dem Kinder toben könnten …
Als Roger die Tür zum Wohnzimmer öffnete, schlug ihm anheimelnde Wärme entgegen. Die gute alte Doris hatte ihn gestern angerufen und gefragt, wann er zurückkäme. Sie besaß einen Zweitschlüssel und behielt sein Haus stets im Auge, wenn er nicht da war. Noch dazu sorgte sie jedes Mal für einen lodernden Kamin. Wie auch jetzt. Die Flammen fraßen sich knisternd durch das Holz, als hätte sie die Scheite gerade erst entfacht. In der Ahnung, dass er später kommen würde. Manchmal war ihm die Achtzigjährige fast unheimlich. Immerhin hatte er sich für den Nachmittag angekündigt, ließ sich jedoch Zeit und nahm einige Umwege, weshalb es bereits acht war, wie ihm ein Blick auf die alte Pendeluhr neben dem schwarzen Ledersofa zeigte.
Roger stellte die Flasche auf den Glastisch und zog sich den Mantel aus. Als er ihn auf die Couch gelegt hatte, klopfte es an der Tür. Eigentlich hatte er keine Lust auf Besuch, weshalb er missmutig die dunkelgrüne Pforte öffnete. „Doris“, begrüßte er seine unmittelbare Nachbarin und lächelte, weil sie einen Topf in den Händen hielt, aus dem es dampfte. „Erstens hast du einen Schlüssel und zweitens musst du nicht ständig für mich kochen. Du hast genug Arbeit.“ Trotz ihres hohen Alters führte sie nach wie vor die kleine Privatpension und war die Einzige, über deren Besuch er sich nun doch freute.
„Da ich dein Lotterleben kenne, habe ich wenig Lust, dich nackt mit irgendeinem Sternchen zu sehen und zum anderen sind die letzten Gäste heute abgefahren. Um wen soll ich mich sonst kümmern? Du kennst mich. Ich hasse Untätigkeit.“ Schon stakste sie auf ihren schwarzen Stöckelschuhen an ihm vorbei. Da Schnee in St. Agnes eine Rarität war, musste sie auch im Winter nicht auf ihre geliebten hohen Schuhe verzichten.
Roger warf die Tür zu und folgte ihr in die Küche, die sich neben dem Wohnzimmer befand. Ein Rundbogen verband die beiden Räume und erst jetzt fiel ihm der Mistelzweig auf, der davon herunterbaumelte.
„Hast du das fabriziert?“ Roger deutete zum Rundbogen.
„Gefällt es dir?“ Umsichtig stellte sie den Topf auf den Gasherd.
„Einen größeren Nagel konntest du wohl nicht finden“, schimpfte er halbherzig, obwohl der Kirschholz-Rahmen kostspielig gewesen war, aus dem ein mindestens zehn Zentimeter langer Nagel ragte, der zu allem Überfluss schief eingeschlagen war. Von den Löchern im direkten Umfeld ganz zu schweigen. Wie es aussah, hatte sie einige Versuche gestartet, um den Mistelzweig aufzuhängen.
„Die Leiter hat gewackelt“, meinte sie lapidar und öffnete die Schublade neben dem Herd, aus der sie die Kelle entnahm. Doris kannte sein Heim in- und auswendig. „Wie war es in London? Konntet ihr euch einigen?“
Roger setzte sich an den Tisch im verglasten Erker. Dabei fiel sein Blick auf Doris’ weiß getünchtes Cottage. Bunte Lichterketten schmückten die Vorderseite des Daches. Hinter den Fenstern leuchteten Sterne, Schneemänner und Engel. Der kleine Baum vor dem Haus blinkte wie eine Discokugel. Ebenso wie der Schlitten und die Rentiere. Selbstredend, dass Doris ebenfalls ein vergrößertes Foto ins rechte Licht rückte. Es zeigte ihre Großeltern, die früher einen Süßwarenladen in St. Agnes betrieben, bevor Doris’ Eltern das Cottage zur Privatpension umfunktionierten. „Nicht so wirklich“, antwortete Roger und fühlte erst jetzt, wie erschöpft er war.
„Ich habe es von Anfang an gewusst“, gab Doris launig von sich. „Trish ist eine falsche Schlange. Aber du wolltest ja nicht hören.“
„Du hast nie etwas gesagt“, erinnerte Roger sie an diese Tatsache.
„Jeder muss eigene Fehler machen, um daraus zu lernen.“ Mit flinken Händen holte sie einen Teller aus dem Schrank über sich und stellte ihn auf die Arbeitsplatte. „Und ganz unter uns: Was hätte mein Einmischen genützt? Du hättest dir nichts sagen lassen. Genauso wenig wie bei deiner Trinkerei. Hätte ich dir ins Gewissen geredet, wärst du rund um die Uhr besoffen gewesen. Du warst ohnehin nahe daran.“ Sie schöpfte Reisauflauf in den Teller, legte die Kelle ab und drehte sich zu ihm um. „Ich habe dich bei der Bank verpfiffen. Die Abmahnung geht demnach auf meine Kappe.“
„Du hast dafür gesorgt?“, entfuhr es Roger, der insgeheim schmunzeln musste. Das schlechte Gewissen stand ihr förmlich ins faltige Gesicht geschrieben.
Sie nickte. „Jetzt kannst du mich erschießen.“
„Wenn wir unter dem Mistelzweig stünden, würde ich dich eher küssen.“
„Du bist nicht böse?“, vergewisserte sie sich und starrte ihn mit ihren großen blauen Augen an, die sie wie üblich mit blauem Lidschatten betonte. Das schwarze Lockenhaar erinnerte an die Wildheit des Meeres. Ihre schmale Gestalt an einen zarten Ast, der jede Sekunde zu zerbrechen drohte. Doch das täuschte. Doris war die stärkste Frau, die er je kennengelernt hatte.
„Anfangs war ich natürlich nicht erfreut, aber mit Abstand betrachtet hast du mir damit einen großen Gefallen getan.“ Roger verließ den Tisch und trat vor Doris hin, die zwei Köpfe kleiner war. „Du hast mich vor einer Riesendummheit bewahrt. Ab jetzt beginnt ein neues Leben und ehrlich gesagt hätte ich dieses Haus bis vor kurzem am liebsten verkauft. Ich bin froh, dass ich es nicht getan und dich weiterhin an der Backe habe. Du bist stur wie ein Esel, neugierig und redest am liebsten den ganzen Tag lang.“ Sie lächelte ihn spitzbübisch an und zeigte ein makelloses drittes Gebiss. Auf ihr Aussehen legte Doris extremen Wert und war früher eine wunderschöne Frau gewesen, wie alte Aufnahmen bewiesen. „Nebenbei liebenswert, mütterlich und eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Jetzt weiß ich auch wieder, was mich in St. Agnes hält. Menschen wie du und wenn du jünger wärst, könnte ich für nichts garantieren“, neckte er sie.
„Ach Roger, für mich wärst du als Toy-Boy viel zu alt.“ Sie lachte schallend. „Und nun lass uns essen“, verkündete sie übermütig, als sie sich beruhigt hatte. „Danach sollten wir über dein Haus sprechen. Ich bin es leid, dieses traurige Etwas ständig vor Augen zu haben.“
„Wir können über vieles reden“, wehrte sich Roger im Wissen, was sie mit ihrer Aussage bezweckte, „aber der Mistelzweig ist für meine Begriffe genug an Weihnachtsdekoration. Ich hasse dieses Fest und bin froh, wenn es vorbei ist.“
„Bei mir ist es genau andersherum“, entgegnete sie mit glänzenden Augen, „Weihnachten hat eine ganz eigene Magie. Vor allem in St. Agnes. Eines Tages wirst du sie auch spüren. Lass mich nur machen, Kleiner.“

„Den zerquetsche ich wie eine Fliege.“ Mrs. Hart-Divorces Faust klatschte gegen die flache Hand, während sie hinter dem Schreibtisch einige Schritte hin und her stapfte. Wiederholt fragte sich Emma, ob sie tatsächlich eine gute Entscheidung getroffen hatte. Diese maskuline Frau im grauen Kostüm mit der riesigen Masche am Hinterkopf - die ihren rattengrauen Pferdeschwanz zusammenhielt - wirkte nicht wie eine Anwältin, sondern wie ein Guerilla-Kämpfer. „Sind Sie dabei, Prinzessin?“
„Äh, meinen Sie mich?“ Emma blickte schnell hinter sich, bevor sie erneut die Anwältin ins Auge fasste, die mittlerweile wie eine Salzsäule vor dem verstaubten Fenster stand. Gurrende Tauben tummelten sich draußen auf dem schmalen Sims. Manche trafen mit dem Schnabel das Glas. Es hörte sich an, als ob sie hereinwollten. Emma hätte die andere Richtung bevorzugt.
„Wen soll ich sonst meinen? Den Grinch?“ Die Anwältin lachte hölzern auf. Immerhin bewies sie einen guten Filmgeschmack. „Grün genug wären Sie ja. Haben Sie Schiss?“ Mit zwei Schritten war sie am Schreibtisch, richtete ihre Hornbrille und stützte sich schließlich mit beiden Händen am blank polierten Holz auf. Bedrohlich beugte sie sich zu Emma, die ihren Kopf einzog. „Oh ja, Sie haben Schiss“, lag diese Verrückte völlig richtig. „Und wie. Aber keine Angst, Täubchen. Den zerreiße ich in der Luft. Zum Schluss werden Sie nicht nur ein Haus haben, sondern ein sattes Sümmchen nebenbei.“ Mrs. Hart-Divorce richtete sich zur vollen Größe auf und stemmte die Hände in die üppigen Hüften. „Wie ich solche Arschgeigen hasse! Wir Frauen sollen rund um die Uhr schön und perfekt sein. Doch wenn sich die Kerle gehen lassen, Speckbäuche ansetzen und regelmäßig Hochzeitstage sowie Geburtstage vergessen oder sogar fremde Namen beim Sex stöhnen, nennen sie das liebenswerte Marotten. Pah, da wird mir speiübel!“
Ohne Zweifel, diese Frau sprach aus eigener Erfahrung.
„Nun ja, mir wäre eine friedliche Trennung am liebsten, Mrs. Hart-Divorce.“
„Friedlich?“, wiederholte die Anwältin in einer Lautstärke, dass sich die Tauben erhoben und mit heftigen Flügelschlägen das Weite suchten. „Glauben Sie, dass ich mir umsonst diesen Künstlernamen zugelegt habe? Er ist Programm, Prinzessin, und ich habe bereits viele Paare geschieden. Meine Wenigkeit eingeschlossen. Alle Frauen waren überaus zufrieden mit dem Ergebnis. Zumindest die, die auf mein Kommando gehört haben. Die anderen Senkrechtstarterinnen landeten schneller auf dem Boden der Tatsachen, als es ihnen lieb war und besitzen nichts mehr. Nichts. Verstehen Sie?“
Emma nickte heftig. „Nun, vielleicht wäre es einen Versuch wert?“, wagte sie selbst einen.
„Dann haben wir bereits verloren, Prinzessin.“ Diese Frau sah aus wie ein Mann und sprach wie ein Mann. „Nur die Harten kommen in den Garten. Wissen Sie, wie der Spruch weitergeht?“
„Äh … das Böse kommt überall hin?“
Erneut stützte sie sich auf dem Schreibtisch auf. „Genau“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und in dem Fall bin ich das Böse.“
„Okay“, erwiderte Emma mit gezwungenem Lächeln und sprang hoch. „Leider muss ich zu meinem nächsten Termin. Ich melde mich bei Ihnen.“
Die Anwältin zog einen Bleistift aus der orangen Stift-Box neben ihrem PC und schob ihn sich hinter das linke Ohr. „Gar nichts werden Sie. Ich kenne diesen Blick. Höre förmlich die Frage, ob ich etwas taugen würde. Eine Frau in einem Männerkörper, mit einer Stimme, als hätte sie morsche Zahnräder im Kehlkopf. Glauben Sie mir, ich bin die Beste. Weil ich ein Gespür dafür habe, mit welchem Ex man sich einigen kann und mit welchem nicht. Dafür muss ich nur die Vorgeschichte hören. Ihre sagt mir, dass der liebe Brandon alles will. Das Betthäschen, ihr gemeinsames Haus und einige Millionen. Notfalls vom Konto Ihres Vaters. Dafür wird er zu Mitteln greifen, die Sie sich nicht einmal in Ihren kühnsten Albträumen ausmalen könnten. Und den Anfang macht er mit dem Unbekannten, mit dem er Ihnen eine Affäre nachsagen wird, die Sie natürlich vor Brandon hatten. Deswegen wird sich dieser so verkaufen, dass er nur aus Verzweiflung über Ihren Betrug mit dieser Angie ins Bett gestiegen ist. Immerhin waren Sie die Liebe seines Lebens.“
Entsetzt starrte Emma sie an. „Das stimmt hinten und vorne nicht!“
Die Anwältin lächelte mitleidig. „Wir zwei wissen das, und ich glaube Ihnen. Doch tun das auch die anderen, wenn es hart auf hart kommen sollte?“
„Ich schicke Ihnen alle erforderlichen Unterlagen“, entschied Emma in derselben Sekunde. „Bitte übernehmen Sie meinen Fall.“
Ein Siegerlächeln wurde ihr zuteil. Allerdings nicht arrogant, sondern eher, als hätten sie einen Geheimbund geschlossen. „Seien Sie versichert, dass ich die Lage genau checken werde. Wenn ich nur den geringsten Anlass sehe, dass wir in Frieden das Schlachtfeld verlassen können, werde ich Ihren Wunsch berücksichtigen. Wenn nicht, kann man Brandons Reste von einer Mauer kratzen. Und noch etwas, Prinzessin: Kleidung macht zwar Leute“, sie deutete allen Ernstes auf sich selbst, „und der erste Eindruck ist entscheidend, allerdings versteht es nicht jeder, seine Vorzüge hervorzuheben, wie ich es zu tun vermag.“
„Aha.“ Von dem Selbstbewusstsein konnte sie sich ein paar Scheiben abschneiden!
„Höre ich ein Aber heraus?“, stellte die Anwältin eine Gegenfrage, als führe sie ein Kreuzverhör. „Obwohl jeder Einwand lächerlich wäre“, sprach sie umgehend weiter. „Jedenfalls will ich damit sagen, dass Sie in Ordnung sind, Emma. Lassen Sie sich von niemand etwas anderes einreden. Ihr Mann hat scheinbar keine Augen im Kopf. Übrigens wäre es gut, wenn Sie den Unbekannten finden würden. Nur für den Fall der Fälle.“
Emmas Herz klopfte hart gegen die Brust. „Haben Sie vergessen, dass ich seinen Namen nicht kenne?“
Eigentümlich blickte die Anwältin sie an. „Schon gut, wir werden auch ohne ihn auskommen.“
„Das müssen wir wohl“, stotterte Emma und wurde von der Anwältin zum Lift begleitet. Fünf Minuten später trat sie ins Freie und atmete tief durch. Dabei ließ sie ihren Blick über den großen Vorplatz schweifen, der von Hochhäusern umringt war. Einige Bäume zauberten etwas Farbe in das triste Bild. Menschen eilten aus allen Richtungen heran. Mit Aktenkoffern in den Händen, dem Handy am Ohr oder mondän gekleidet, als wären sie auf dem Weg in die Oper. So viele verschiedene Leute, die aneinander vorbeiliefen. Deren Leben sich kurz kreuzten, ohne dass sie sich wahrnahmen. Weil sie alle etwas gemeinsam hatten: Sie wirkten gehetzt.
Bis gestern hätte Emma eine von ihnen sein können. Nicht anders war sie zur Arbeit gegangen. Hatte Einkäufe erledigt oder war nach Hause geeilt. Mit dem Handy am Ohr, weil es immer etwas zu besprechen, zu lösen oder zu beantworten gab. War das wirklich alles, was man vom Leben erwarten durfte? Im Laufschritt durch die Kindheit, im Dauerlauf durch das Erwachsenensein, um schließlich atemlos vor dem Tod zu stehen? Mit dem Blick auf alles, das man sich im Laufe der Zeit erarbeitet hatte. Dennoch mit dem Wissen, dass man nichts mitnehmen konnte, außer Erinnerungen. Und nichts anderes ließ man letzten Endes zurück: Erinnerungen an sich selbst. Stellte sich bloß die Frage, wer sich an sie erinnern würde?
Kurzerhand verscheuchte Emma die düsteren Gedanken und beschloss, bei ihrer Tante Camilla vorbeizuschauen. Viel zu lange hatte sie die Buchhandlung nicht mehr aufgesucht.
Emmas Laune hob sich augenblicklich. Bewusst gemächlich spazierte sie über den Vorplatz und die Seitenstraße entlang, wo ihr roter VW-Käfer parkte. Sie hatte ihn vor dem Besuch bei der Anwältin von Zuhause geholt. Gott sei Dank war Brandon nicht dagewesen, weshalb sie Zeit hatte, einige Sachen zu packen, die nun im Käfer lagen, der aus der Menge stach. Weil er anders war, fast lebendig wirkte, obwohl auch er nur aus Blech bestand. Doch Emma kannte jede Schramme, jede Beule und alle Eigenheiten. Er sprang ungern an, wenn ihm zu kalt war und machte ziemlich viel Krach. Das war ihr anfangs äußerst peinlich gewesen. Inzwischen war sie daran gewöhnt und musste oft an die alte Mrs. Bing denken, die ihr Reddy verkauft hatte. Sehr preisgünstig. Kurz danach war ihre ehemalige Nachbarin gestorben, was Emma sehr nahe gegangen war wie die Beisetzung. Nur zwei alte Freundinnen nahmen daran teil. Verwandte hatte sie scheinbar keine gehabt. Als hätte Emma es geahnt, bat sie den Priester einen Tag zuvor, Mrs. Bing zu Ehren My Way zu spielen. Es war berührend gewesen. Vielleicht hatte es die alte Dame gehört und sich über diese Geste gefreut. Emma hoffte es.
Umso mehr hing sie an Reddy, den sie hegte und pflegte. Auch jetzt genoss sie die Fahrt mit ihrem Käfer, obwohl der Verkehr in London mörderisch war. Besonders zur Mittagszeit, wie es gerade der Fall war. Aber sie hatte keine Eile und dieses Gefühl der Muße gefiel ihr zunehmend. Und das inmitten einer hektischen Großstadt wie London. Trotzdem war sie froh, als sie eine Stunde später einen Parkplatz für Reddy gefunden hatte, was oft wie ein Sechser im Lotto war.
Das vertraute Ladenglöckchen verkündete Emmas Eintreten, die sich in der Bücherei umschaute und gleichzeitig die Glastür schloss. Beim Geruch der Bücher fühlte sie sich plötzlich wie das sechzehnjährige Mädchen von früher, das auf leisen Schritten durch die langen Gänge gehuscht war. Das sich manchmal in eine ruhige Nische gesetzt und den Stimmen gelauscht hatte. Dem Flüstern, das von den Seitengängen zu ihr gedrungen war. Oftmals erweckte es den Anschein, als würden die Bücher leise ihre Geschichten erzählen. Spannende, traurige, abenteuerlustige oder welche aus längst vergangener Zeit.
„Hi. Ist Camilla da?“, erkundigte sich Emma, die an den Kassatresen trat. Eine ihr unbekannte junge Frau blickte von ein paar Unterlagen hoch. Sie trug kleine Kristallohrringe, die wie Schneeflocken aussahen, einen roten Pullover und eine Weihnachtsmütze. Eine ähnliche hatte ihr Camilla früher auch aufgeschwatzt. Emma hatte sie mit dem Gefühl getragen, als hätte sie Läuse.
„Eben war die Chefin noch hier.“ Die Frau deutete zur Treppe. „Ich glaube, Camilla wollte nach oben. Eine Kundin hat ihre Tasche vergessen. Soll ich nachschauen, wo Mrs. Porter ist?“
„Nein, danke. Ich werde sie schon finden.“ Emma lächelte. Die Frau lächelte zurück, bevor sie sich wieder auf ihre Arbeit konzentrierte.
Die Buchhandlung verlief über vier Etagen. Mit einem Sortiment, das als das Beste der Stadt galt. Hier betrat man ausschließlich die Welt der Bücher - von Weihnachten natürlich abgesehen - und wurde Teil dieser ganz eigenen Atmosphäre unzähliger Worte, knisternder Seiten und lebendig werdender Protagonisten.
Der Teppichboden schluckte Emmas Schritte. Ob auf der breiten geschwungenen Treppe oder in den Gängen. Das sanfte gelbe Licht strahlte Gemütlichkeit aus und die Ölgemälde alter Meister verliehen den Räumen eine gewisse Erhabenheit. Es hatte sich kaum etwas verändert. Sogar die alten Klassiker befanden sich immer noch im selben Regal.
Allerdings ließ Emmas Kondition zu wünschen übrig. In der vierten Etage schnaufte sie wie nach einem Sprint und überlegte, welchen Gang sie nehmen sollte.
„Emma! Was für eine schöne Überraschung.“ Mit ausgebreiteten Armen eilte Camilla plötzlich auf sie zu und drückte sie im nächsten Moment an ihre Brust. „Wie komme ich zu der Ehre?“
„Ich wollte dich sehen.“ Sie lösten sich voneinander. „Und die Buchhandlung habe ich auch vermisst. Es hat sich nichts verändert.“
„Außer meine Wenigkeit. Leider wird niemand jünger, nicht wahr?“ Lächelnd drehte sich Camilla um die eigene Achse. Die graublauen Augen sprühten wie eh vor Lebenslust und waren in kleine Fältchen gebettet, die davon zeugten, dass sie ein fröhlicher Mensch war. Ihr Gesicht mit den hohen Backenknochen strahlte Würde aus, die schlohweißen kinnlangen Haare verliehen ihr eine gewisse Vornehmheit und verleiteten viele dazu, sie mit der Hollywood-Schauspielerin Helen Mirren zu vergleichen. „Wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben?“ Sie zog den Hosenbund höher. Seit Emma ihre Tante kannte, trug sie ausschließlich Stoffhosen im Marlene-Dietrich-Stil und wie üblich die Lesebrille an einer goldenen Kette.
„Ein Jahr?“, überlegte Emma
„Wir sind eine schlimme Familie.“ Ihre Tante hob tadelnd den Zeigefinger. „Zu viel Arbeit schadet der Gesundheit.“ Das sagte die Richtige! Auch Camilla lebte förmlich für ihren Job und war nie verheiratet gewesen. „Da wir dabei sind: Du siehst nicht gerade wie das blühende Leben aus.“ An ihre direkte Art hatte sich Emma längst gewöhnt. Das war allemal besser, als dass jemand hinter dem Rücken tuschelte. „Wie geht es Brandon? Hast du ihn mitgebracht?“ Suchend blickte sie sich um.
„Ich war gerade bei einer Scheidungsanwältin.“
„Im Ernst?“ Ihre Tante zog sie mit sich in den rechten Gang. An dessen Ende stand ein kleiner Tisch mit verschnörkelten Füßen und Biedermeier-Stühlen vor dem runden Fenster. Während sie darauf zugingen, stahl sich ein Sonnenstrahl herein, der die vielen Staubpartikel glänzen ließ, die in der Luft schwebten. „Erzähl“, bat Camilla, als sie Platz genommen hatten, und schob den roten Teller mit den Zimtkeksen und der Zuckerglasur zu Emma.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Brandon hat eine andere und das schon seit Monaten. Ich bin gestern dahintergekommen.“
„An deinem Geburtstag?“ Die Falte auf ihrer Nasenwurzel vertiefte sich. „Das hätte ich ihm niemals zugetraut. Er wirkte immer so nett.“
„Vielleicht ist es besser so.“ Emma blickte zum Regal, in dem sich Liebesromane aneinanderreihten. „Danke übrigens für deinen Anruf gestern.“
„Gern geschehen. Mein Geschenk bekommst du noch. Leider lässt es auf sich warten.“
Emma war das peinlich. Seitdem sie ihrer Tante als Jugendliche das Herz ausgeschüttet hatte, erhielt sie jährlich eine Aufmerksamkeit. Obwohl Camilla ihr auch sonst bei den wenigen Besuchen im Elternhaus etwas mitgebracht hatte wie den großen schneeweißen Bären. Grinch war mehr als ein Stofftier gewesen. Sie konnte sich an ihn kuscheln, wenn sie sich in den Schlaf weinte und ihm alles erzählen. Bis er eines Tages aufgeschnitten auf dem Bett lag. Angeblich wollte Tiff wissen, womit er gefüllt war. Leider konnte ihr Lieblingsbär nicht mehr gerettet werden, womit sie ihren größten Halt verloren hatte. „Du musst mir nichts schenken.“
„Ich will es aber. Obwohl du immerzu dasselbe bekommst: ein Buch.“
Emma lächelte. „Das stimmt nicht ganz. Jedes Buch ist anders.“
„Wie wahr.“ Camilla lehnte sich zurück und überkreuzte die Beine. Ihr sanft gewelltes Haar leuchtete regelrecht in der Sonne. Seltsam, dass eine Frau wie sie alleinstehend war. Emmas Tante erklärte es regelmäßig damit, dass sie in jungen Jahren keine Fesseln wollte und nunmehr zu alt dafür sei, um Männern ihrer Generation Tabletten in den Mund zu stopfen, zum nächsten Orthopäden zu fahren oder sich um sonstige Wehwehchen zu kümmern. Jüngere seien nicht viel besser, die Camilla gern mit ihrem Hund Barbados verglich. Zu halbstark, zu kostenintensiv, zu oft müsse man mit ihnen vor die Tür. „Und was hast du jetzt vor? Bleibst du im Haus oder wollt ihr es verkaufen?“
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Mrs. Porter, aber ich habe die Tasche gefunden.“ Die junge Frau vom Erdgeschoss kam mit einer schwarzen City-Bag auf sie zugeeilt. „Sie lag unter dem Waschbecken auf der Toilette.“
„Wunderbar. Vielen Dank.“ Camilla nahm die Tasche entgegen und stellte sie neben sich auf den Boden. Die Frau eilte wieder davon. „Jedenfalls, lass dich von der Sache mit Brandon nicht unterkriegen.“
„Ich glaube, unsere Ehe war schon lange vorbei“, bekannte Emma. „Nur wollte ich es nicht wahrhaben, denn ich bin ein Gewohnheitstier. Obwohl ich mich natürlich hintergangen fühle. Das tut weh. Doch meine Tränen sind getrocknet und eigentlich sollte es anders sein.“
„Hinterfrag das nicht. Sei lieber froh darüber.“
„Das bin ich.“ Komisch. Es fühlte sich mit jeder Stunde mehr an, als würde sich ein riesiger Stein von Emmas Brust lösen. „Meine Eltern werden aus allen Wolken fallen.“
„Und wenn schon. Sie führen ihr Leben, du das Deine. Habt ihr übermorgen wieder das traditionelle Weihnachtsessen? Falls ja, serviere ihnen die Neuigkeit zum Nachttisch. Ehe Claire und Ben sie verdaut haben, machst du die Biege.“
„Warum soll ich es ihnen überhaupt auf die Nase binden? Irgendwann werden sie es schon erfahren“, entgegnete Emma. „Außerdem geht der Kelch gottlob an mir vorbei. Mom und Dad wollen über Weihnachten in die Karibik. Das Essen ist abgesagt.“
Camilla tätschelte ihre Hand. „Und bis sie wiederkommen, ist Gras über die Sache gewachsen.“ Sie deutete auf die Tasche. „Die gehört übrigens deiner Mom.“
„Mutter war hier?“
„Wir hatten eine Vormittags-Lesung. Dornenvögel. Du weißt ja, wie sehr Claire die Geschichte liebt.“ Das wusste Emma in der Tat. Wie oft ihre Mom darin gelesen hatte, konnte sie nicht sagen und auch die Verfilmung schaute sie sich mindestens zweimal im Jahr an. Der einzige Anlass, bei dem Emma sie jemals weinen sah. „Oh, da vorne ist eine wichtige Kundin. Ich muss kurz zu ihr und bin gleich zurück.“ Als Camilla aufstand, warf sie die Tasche um. Ein Buch rutschte heraus, der Schlüssel, ein Kamm und anderer Kleinkram. „Bist du so lieb?“, bat ihre Tante, bevor sie der Frau im wollweißen Cape entgegenrauschte.
Emma bückte sich, stellte die Tasche auf und griff nach dem nur allzu bekannten Buch. Auch sie hatte Dornenvögel gelesen und musste zugeben, dass die große Liebe zwischen Meggie und Pater Ralph sehr zu Herzen ging. Vermutlich trug die Mutter den Roman aufgrund der Lesung mit sich herum. Allerdings hatte Emma das Lesezeichen nie gesehen, das herausragte. Es schillerte türkis. Wie ein glasklares Meer. Neugierig zog Emma es heraus. St. Agnes stand in großen Lettern auf der Vorderseite. Handschriftlich war in der unteren Ecke eine Telefonnummer vermerkt. Die geschwungene Schrift stammte allerdings nicht von ihrer Mutter.
Emma drehte das Lesezeichen um. Als sie die wenigen Sätze las, begann ihr Herz zu rasen. Gleichzeitig trocknete ihr Mund aus, während es fieberhaft in ihr arbeitete …

„Bist du sicher, dass die Summe stimmt?“ Roger starrte auf die Unterlagen, die ihm Larissa soeben gebracht hatte.
„Wir haben alles geprüft. Der finanzielle Rahmen ist ausgeschöpft. Doris schreibt laufend rote Zahlen und überzieht ständig ihren Dispo. Leider sind in den letzten Monaten kaum Einkünfte eingegangen. Auch die Einnahmen ihres kleinen Handwerksladens fehlen, seitdem der Mieter gekündigt hat.“
„Über kurz oder lang wird sie bestimmt jemanden finden. Mehr Sorgen mache ich mir wegen der Pension. Sie wirft kaum einen Cent ab. Dabei redet Doris ständig davon, dass sie ausgebucht ist und sich allmählich eine Aushilfe nehmen sollte.“
Die vollbusige blonde Bankangestellte spielte mit dem obersten Knopf ihrer schwarz gepunkteten Seidenbluse. „Kann es sein, dass du ihr nicht zugehört hast? So, wie du das bei keiner Frau tust?“
Rogers Laune sank noch mehr als ohnehin.
Leider hatte er nicht nur Touristinnen abgeschleppt, sondern sogar aus der Bank die eine oder andere mit nach Hause genommen. Ein fataler Fehler, der ihm nun nachhing. „Du bist ein nettes Mädchen, Larissa, und hast einen guten Kerl verdient.“ Zu seinem Unglück verband sie mit ihrer ersten gemeinsamen Nacht mehr als ihm lieb sein konnte und lief ihm seit Monaten nach. Während seiner Trinkerei griff er dummerweise des Öfteren auf sie zurück, sofern er keine andere bei der Hand gehabt hatte. Damit schürte er ihre Hoffnung natürlich, dass sich etwas Festes daraus entwickeln könnte. „Ich bin nicht der Richtige für dich, denn ich werde mich in mancher Hinsicht nie ändern. Vor allem was Frauen betrifft. Allerdings sage ich ab jetzt von vornherein, dass ich keine Beziehung will. Das habe ich in der Vergangenheit nicht getan und es war nicht fair. Vor allem Frauen wie dir gegenüber.“
„Liebe kann wachsen“, blieb sie eisern und setzte ein seliges Lächeln auf.
„Das wird nicht passieren.“ Roger erhob sich und schob die Papiere zusammen. „Für eine Beziehung bin ich nicht gemacht. Frag meine Verflossenen.“ Er hörte, wie hart sie schluckte und blickte hoch. „Du bist fünfundzwanzig, hübsch und intelligent, Larissa. Vergeude nicht deine Zeit mit mir und bitte lass uns den Umgang zukünftig auf das Geschäftliche beschränken.“
Plötzlich schimmerten Tränen in ihren braunen Augen, die etwas heller waren als Emmas. „Alle Welt hat mich vor dir gewarnt“, wütete sie mit bebender Brust. „Du bist tatsächlich ein arroganter selbstverliebter Schnösel und es stimmt: Einer, der seine Frau kurz nach der Hochzeit betrügt und sein Kind im Stich lässt, ist nicht einmal den Dreck unter den Schuhen wert. Du kannst mich mal!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro mit lautem Türknallen.
Roger sank auf seinen Stuhl zurück.
Larissas Szene war vorhersehbar. Trotzdem regte es ihn auf. Vor allem, weil er das selbst verbockt hatte! Hinzu kam die Pleite mit Trish. Im ganzen Dorf wurde hinter seinem Rücken gemauschelt. Ehebrecher! Schäbiger Vater! Betrüger … dabei wusste niemand, was Trish ihm zugemutet hatte!
Schon vor der Hochzeit hatte man ihm gesteckt, dass die Gute nicht von ihm schwanger wäre. Er hielt es für Blödsinn, bis zu seinem Junggesellenabschied. Erneut wurde er mit den Gerüchten konfrontiert. Vermutlich hatte er kalte Füße bekommen und Annie deswegen angemacht. Oder er wollte sich unbedingt etwas beweisen. Vom Alkoholpegel ganz zu schweigen. Doch das Misstrauen trug Früchte. Zwei Tage vor der Trauung hatte er Trish zur Rede gestellt. Sie stritt alles ab und er glaubte ihr nur zu gern. Bis an ihrem Hochzeitstag die Wehen einsetzten. Sie mussten die Feier unterbrechen, worüber Trish mehr als erbost gewesen war. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde sie vollends hysterisch. Als sie erneut stritten, knallte sie ihm die ganze Wahrheit ins Gesicht. Wer immer der Vater des Babys war, Roger kam nicht infrage und würde Trishs Kaltschnäuzigkeit nie vergessen.
Deshalb suchte er das Weite, sobald sie im Krankenhaus versorgt war. Für jeden sah es so aus, als hätte er sie gnadenlos im Stich gelassen. Im Grunde stimmte es ja. Nur hatte keiner die geringste Ahnung, wieso er es tat. Zwar versuchten sie danach einen Neubeginn, aber sie rieben sich nur gegenseitig auf. Sein einziger Lichtblick war Lucas gewesen. Obwohl der Junge nicht sein Sohn war, hatte er ihn von Anfang an ins Herz geschlossen und sich mehr um ihn gekümmert als Trish. Das führte zu weiteren Spannungen und Roger in den plötzlichen Wahn, Annie wiederhaben zu wollen. Er hatte sich regelrecht in die Vorstellung hineingesteigert. Wahrscheinlich, weil sie so anders war als Trish. Aufrichtiger, liebevoller.
Roger wurde beinahe übel beim Gedanken daran, was er in der Vergangenheit alles gesagt und getan hatte. Vieles flog ihm um die Ohren, seitdem er mit sich selbst ins Gericht ging. Mit dem Menschen, der er geworden war. Doris hatte ihm in dieser Zeit am meisten geholfen. Als eine der wenigen trat sie ihm neutral entgegen und wusste inzwischen über alles Bescheid. Auch darüber, dass er unter der Trennung von Lucas litt. Aber mit Trish war nicht zu reden gewesen, als er sie in London um Besuchserlaubnis bat. Nur die Höhe des Unterhalts interessierte sie. Denn ob Lucas sein Sohn war oder nicht, er war während ihrer Ehe geboren worden und somit galt Roger als Vater. Obwohl er nichts von ihm hatte. Vielleicht war das von Anfang an Trishs Plan gewesen. Sie hatte einen Dummen gesucht, der sie versorgte. Gut versorgte, angesichts der horrenden Unterhaltsforderungen.
Doris hatte wie ein Rohrspatz über Trishs Verhalten geschimpft und stand ihm in dieser schwierigen Sache bei. Nun brauchte seine Nachbarin selbst Hilfe und er hatte keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte. Finanziell gab es nichts bei ihm zu holen. Die Raten für das Haus verschlangen sein halbes Gehalt. Allerdings würde Doris sowieso keinen Cent von ihm annehmen. Also musste er andere Wege finden, um ihr zu helfen. Unbemerkt, denn sie hatte einen ausgeprägten Stolz. Obwohl sie ihn sich nicht leisten konnte. Aber die Pension bedeutete ihr alles und war ihr Lebenswerk.
Zuversichtlicher als er war, prüfte Roger neuerlich die Unterlagen. Mit demselben Ergebnis wie Larissa zuvor. Die Pension würde über kurz oder lang Bankrott machen.
Bis zum späten Nachmittag zermarterte er sich den Kopf darüber, was er tun könnte. Erst als er sich nach Dienstschluss im Feinkostladen ein Brötchen holen wollte, kam ihm eine Idee mit Blick zum gegenüberliegenden Tourismus-Büro. Voller Unbehagen schritt er darauf zu. Als er das Gebäude betrat, blickte Josie hinter dem Empfang hoch. Ihr Lächeln verschwand sofort. Übrig blieb eine grimmige Miene.
„Was willst du?“, begrüßte sie ihn und kaute heftig am Kaugummi. Ihr Haar war mittlerweile länger und sie trug einen türkischen azurblauen Seidenkaftan. Da Josie für ihren wechselnden Modestil bekannt war, schien sie geradezu prädestiniert dafür, um hier zu arbeiten und die internationalen Gäste zu empfangen. Außerdem beherrschte sie angeblich fünf Fremdsprachen, da sie seit ihrem Umzug nach St. Agnes laufend Fortbildungskurse in Redruth besuchte.
„Du könntest mir einen großen Gefallen tun.“
„Dir tu ich bestimmt keinen Gefallen“, versprühte Josie weiter ihr Gift.
„Können wir nicht normal miteinander umgehen?“
„Du hast Annie übel mitgespielt. Da sie meine beste Freundin ist, erübrigt sich deine Frage, wie du dir sicher denken kannst. Außerdem fehlt mir jeglicher Respekt vor dir. Du legst alles flach, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.“
„Stimmt“, nahm er ihr den Wind aus den Segeln. „Ich war ein Schwein und Annie hat einen wie mich nicht verdient.“ Allmählich fühlte er sich wie ein Plattenspieler, der ständig dasselbe Lied abspielte. „Aber sie ist jetzt glücklich. Das freut mich. Glaub es oder nicht.“
„Wer soll dir diese Läuterung abnehmen?“ Bei jedem Atemzug glitzerte der breite silberne Rundhalsausschnitt mit den vielen Glitzersteinchen. „Sorry, aber ich bin nicht der Papst. Selbst der hätte seine Zweifel bei deiner Biografie.“
„Hilfst du mir nun oder nicht?“ Josie überhaupt in Betracht gezogen zu haben schien einer seiner dümmsten Einfälle gewesen zu sein.
„Wieso? Soll ich dir Hotels nennen, in denen junge Frauen abgestiegen sind? Findet sich ansonsten keine Touristin für den notgeilen Sanders?“
Die ständigen Spitzen taten allmählich weh. „Es geht um Doris.“
Ihr verkniffenes Gesicht nahm einen erschrockenen Ausdruck an. Immerhin zählte Doris zu den Legenden des Ortes und man ließ die ältere Generation in St. Agnes hochleben. „Was ist mit ihr? Ist sie krank?“
„Das nicht, aber sie kommt finanziell kaum über die Runden. Könntest du ihr vielleicht regelmäßig ein paar Gäste vermitteln?“
„Wie soll das gehen?“ Jetzt hatte ihre Stimme wenigstens einen normalen Ton.
„Na ja, bei dir schneien täglich Touristen herein, um sich nach freien Zimmern zu erkundigen. Du könntest Doris’ Privatpension empfehlen.“
„Dir ist schon klar, dass ihr Haus den heutigen Standards nicht mal im Ansatz entspricht? Weder hat sie Internetanschluss noch TV-Geräte in den Zimmern. Das Klo ist am Gang und es gibt nur eine Gemeinschaftsdusche. Von der alten Einrichtung ganz zu schweigen.“
„Mag sein, dafür ist die Lage ein Traum“, versuchte er ihr die Sache schmackhaft zu machen, obwohl ihm klar war, dass er eine Fachfrau vor sich hatte. „Lass uns Doris helfen.“
Josie kniff die Augen zusammen. „Sieh an, du hast ja doch Gefühle“, murmelte sie. „Gut. Ich werde mein Bestes geben, aber versprechen kann ich nichts.“
3. Kapitel

Emma starrte auf das Lesezeichen vor sich auf dem Tisch und hatte keine Ahnung, wie sie zu Lindas Appartement gekommen war. Weil sie sich wie ferngesteuert fühlte und so viele Fragen hatte, die auf so vieles eine Antwort wären.
„Ich bin zuhause, Liebling“, flötete Linda lachend zur Wohnungstür herein. „Und ich habe jemand mitgebracht.“ Kaum war das letzte Wort verklungen, kam sie mit Grant im Schlepptau ins Wohnzimmer. Beide blieben jäh stehen. „Du liebe Zeit, ist etwas passiert?“
Wortlos schob Emma das Lesezeichen in Lindas Richtung. Mit dem Gefühl, als würde sie heißes Eisen anfassen.
„Was ist das?“, wunderte sich ihre Freundin, schlüpfte aus den beigen High Heels und trat zum Tisch. Grant folgte ihr und beäugte neugierig das Lesezeichen, das Linda in die Hände nahm, die in Angora-Handschuhen steckten. Ihre Freunde hatten gut durchblutete Wangen und dufteten nach frischer Winterluft. „Eine Telefonnummer?“ Auf einmal erhellte sich Lindas Gesicht. „Etwa von Mr. X?“
„Ich denke, sie ist von meinem Dad“, stellte Emma richtig. Unwissend, ob es tatsächlich so war, denn es klang seltsam. Immerhin hatte sie einen Vater. Seit einunddreißig Jahren. Dennoch ließ dieses Lesezeichen einen anderen Schluss zu.
„Und das wirft dich so aus der Bahn?“ Linda setzte sich, während Grant mit beiden Händen die Sessellehne umspannte und Emma mit einem ähnlich fragenden Blick bedachte wie ihre Freundin.
„Lies die Rückseite“, forderte Emma sie auf.
Linda drehte das Lesezeichen um. „Wir finden eine Lösung, Claire“, las sie laut vor. „Besonders für die Kleine. Bitte lass uns darüber reden. Ich werde bei der Wheal Coates Mine auf dich warten. Um zehn Uhr, an Silvester, unserem Tag. Dein R., Dezember 1986.“ Linda schaute vom Lesezeichen zu Emma und wieder zurück. Ihre Lippen bewegten sich, als sie sich erneut in die Zeilen vertiefte.
„Was bedeutet das?“, fasste sich Grant als Erster, der zwischen Emma und Linda Platz nahm. Umständlich wie ein alter Mann. Bei jeder Bewegung hörte man ein Knacken in seinen Knochen. „Woher hast du das Lesezeichen überhaupt?“ Er zog sich die graue Kappe vom Kopf und legte sie auf den Tisch. Die obligatorische Brille fehlte. Hin und wieder griff er zu Linsen, wenngleich ungern. Nicht selten zog er sich eine satte Augenentzündung zu. Da er aber blind wie ein Maulwurf war, konnte er weder auf das eine noch auf das andere verzichten.
„Aus der Tasche meiner Mutter“, erteilte Emma Auskunft.
Abrupt schaute Linda hoch, die allmählich zu begreifen schien, worauf Emma hinauswollte. „Du bist im selben Jahr geboren. Könnte es sein, dass du …“, sie räusperte sich, als hätte sie einen Frosch im Hals, „all die Jahre recht hattest und Ben in Wahrheit nicht dein leiblicher Vater ist?“
„Es würde vieles plausibler machen“, rief Emma aus, die sich völlig überfordert fühlte. „Die Tatsache, dass meine Geschwister mehr gelten als ich. Meine Gefühle, ein Fremdkörper zu sein und das Äußere. Tiff und Kim sind beide blond wie … Dad es früher war.“ Es fiel ihr plötzlich schwer, Ben so zu nennen. „Nur Mom hat schwarze Haare.“
„In der Tat wäre es möglich“, bestätigte Grant ihren Eindruck, der den Reißverschluss seines Parkas öffnete. Das Geräusch war für einen Augenblick das einzige im Raum. „Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass sie das vor dir verheimlichen. So gemein kann kein Mensch sein.“
„Darauf würde ich keine Wette abschließen“, meinte Emma mit einem metallischen Geschmack auf der Zunge.
„Jetzt brauche ich ein Cola-Rum“, ließ Linda verlauten, legte das Lesezeichen auf den Tisch und erhob sich. Im Nu zog sie sich die Handschuhe aus und warf sie achtlos neben die Vase. „Wollt ihr auch eins?“ Grant und Emma nickten. Nur eine Minute darauf standen randvolle Gläser vor ihnen.
Wie die anderen sog Emma kräftig am gelben Strohhalm. Lindas Lieblingsgetränk war ziemlich stark. „Wenn das so weitergeht, werde ich über kurz oder lang an der Flasche hängen“, sagte sie mit Galgenhumor, nachdem sie sich zurückgelehnt hatte und deutlich die starre Sessellehne spürte. Als stünde sie mit dem Rücken zur Wand. Nicht anders war diese Situation zu beschreiben.
„Was mich nicht wundern würde.“ Grant schälte sich aus seinem Parka und hängte ihn über die Stuhllehne. Linda trug nach wie vor ihren beigen Kurzmantel und als würde sie sich erst jetzt darauf besinnen, zog sie sich die Baskenmütze vom Kopf. Schwungvoll landete sie neben dem Lesezeichen, das wie ein Brandmark vor Emma lag. „Wo ist dieses Wheal Coates eigentlich? In St. Agnes?“
Emma nickte. „Ich habe vorhin gegoogelt. Es gehört zu den Wahrzeichen des Ortes und sieht auf den Bildern ziemlich romantisch aus. Eine alte Zinn-Mine, sofern ich richtig gelesen habe.“
„Was willst du jetzt mit den Informationen anfangen?“, erkundigte sich Linda.
„Keine Ahnung.“ Emma schaute auf ihr Handy. Bis zu ihrem Besuch bei Camilla hatte sie es ausgeschaltet, da Tiff in Fünf-Minuten-Abständen anrief. Seitdem sie die Bücherei verlassen hatte, war es wieder in Betrieb. Irrwitzigerweise hoffte sie, dass sich ihre Mutter wegen dem fehlenden Lesezeichen melden würde. Inzwischen müsste sie die Tasche längst haben. Inklusive der Information, dass Emma das Lesezeichen bei ihrem überstürzten Aufbruch in der Hand hielt, was ihrer Tante sicher nicht entgangen war. Doch es war wiederholt Tiff, die anrief. „Es fühlt sich an, als wäre mein bisheriges Leben eine einzige Lüge gewesen“, stieß Emma aus. „Nicht genug, dass sie mir vermutlich den Vater vorenthalten haben, strafen sie mich sogar mit Gleichgültigkeit. Wer weiß, wie anders mein Leben verlaufen wäre, hätte ich ihn gehabt.“
„Das sind reine Spekulationen“, gab Linda sanft zu bedenken. „Vielleicht war er ein ganz mieser Kerl, vor dem sie dich beschützen wollten.“
„Denkst du das wirklich?“ Emma verließ den Tisch, weil sie es nicht mehr aushielt, und stellte sich zum Fenster. Sanft plätscherte die Themse vor sich hin. Über die Jubilee Bridge strömten viele Menschen mit ihren bunten Regenschirmen. Trist und grau zog der Abend heran, gegen den sich allmählich die Lichter der Stadt behaupten würden. Ob auf dem Riesenrad London Eye, hinter den Fenstern des Westminster Palace oder am Big Ben, den man ebenfalls von hier aus sehen konnte. Offiziell der Elisabeth Tower, da nur die schwerste der fünf Glocken Big Ben hieß, aber wie viele Londoner benutzte auch Emma die alte Bezeichnung für den Turm. Manches änderte sich eben nicht aufgrund eines Namens. Manches jedoch schon.
Wie dieser R. wohl aussah? Ob sie ihm ähnlich war? In der Art? Im Äußeren? War er gutmütig? Eigen? Besaß er Humor? Doch in der Tat waren es nur Hypothesen. Vielleicht hatte jemand ein Zitat aus irgendeinem Buch auf das Lesezeichen geschrieben. Mit dem Namen ihrer Mutter. Aus Jux oder Tollerei. Eine von vielen Erklärungen, die sich trotz aller Vernunft nicht richtig anfühlten. Weil Emma etwas Unbeschreibliches empfand. Ein Gefühl, als würde sie nach langem Herumirren in einem Labyrinth zum ersten Mal den Ausgang sehen. „Glaubt ihr, dass ich mich zu sehr hineinsteigere?“ Sie wandte sich zu ihren Freunden um und setzte sich auf die weiche mintgrüne Sitzauflage, die auf der breiten Fensterbank lag.
„Ich kann verstehen, dass dich das stutzig macht“, antwortete Grant, der einen erbsengrünen Pullunder mit V-Ausschnitt über dem weißen Hemd trug, eine graue Fliege und eine schwarze Bundfaltenhose. Sein altmodischer Kleidungsstil hatte schon die Aufmerksamkeit einiger Scouts auf sich gezogen, die Bilder von ihm auf Instagram veröffentlichten. „Wen würde es nicht zum Nachdenken bringen? Sicherheit wirst du jedoch erst haben, wenn du deine Eltern damit konfrontierst. Auch Gesten oder Reaktionen können eine Antwort sein, ohne dass jemand den Mund aufmacht. Verlass dich auf deinen Bauch, Emma. Womöglich hat er dir von Anfang an das Richtige gesagt.“
„Ich muss Grant beipflichten.“ Hastig sog Linda am Strohhalm, deren Glas beinahe leer war. „Du hattest einen Verdacht. Jetzt hat er sich erhärtet. Finde heraus, was es damit auf sich hat. Nur bitte verliebe dich nicht bereits jetzt in den Gedanken, dass du einen anderen Vater hast. Einen, der dich lieben wird. Bei dem du es gutgehabt hättest. Ich weiß, das hast du dir immer gewünscht. Allerdings ist das Leben kein Wunschkonzert und nicht jeder Mann ist automatisch ein guter Dad. Aber wem sage ich das.“
„Keine Sorge, ich mache mir keine Illusionen, denn mir ist bewusst, dass alles möglich sein kann“, versicherte Emma. „Obwohl ich das seltsame Gefühl nicht ignorieren kann.“
„Was ist eigentlich mit der Telefonnummer?“, warf Grant ein.
„Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Es wäre auch zu einfach gewesen.
Die Türglocke setzte ihrem Gespräch ein jähes Ende.
„Das wird der Pizzalieferant sein.“ Linda sprang vom Tisch hoch und knöpfte hastig den Mantel auf. „Ich habe mir am Nachmittag erlaubt, eine Kleinigkeit für uns zu bestellen. Wir haben ja deinen Geburtstag nicht gefeiert und unser Geschenk hast du ebenfalls nicht bekommen. Also lasst uns das Beste aus diesem Abend machen.“ Mit schwingenden Hüften und dem Mantel über dem Unterarm eilte Linda in den Korridor hinaus. „Was willst du denn hier?“, ertönte plötzlich ihre schrille Stimme.
„Ist meine Schwester bei dir?“
Tiff!
Wie von einer Tarantel gestochen stürzte Emma zum Tisch und schnappte sich das Lesezeichen, das sie sich in die Gesäßtasche ihrer Jeans schob. Gerade rechtzeitig, weil Tiff bereits im Türrahmen erschien und sie mit funkelnden Augen anstierte.
„Ich habe dich nicht hereingebeten“, schimpfte Linda, die sich drohend neben Tiff aufbaute.
„Reg dich ab. Ich bin gleich weg. Eigentlich wollte ich nur nach meiner ach so kranken Schwester sehen, die uns heute kläglich im Stich ließ.“
„Mir geht es wirklich nicht gut“, verteidigte sich Emma. Wie armselig. Kaum kreuzte Tiff auf, kuschte sie. Dabei war sie eine erwachsene Frau, keine Leibeigene oder ein kleines Kind.
„Das sehe ich.“ Tiff blickte zum Tisch. „Gibt es etwas zu feiern?“
„Mit Cola?“, machte sich Linda lustig über sie. „Ich bitte dich.“
„Deinem Atem nach ist es mit Rum gestreckt“, konnte sie Tiff nichts vormachen, die wieder umwerfend aussah in ihrem schwarzen Satinmantel mit dem Leopardenmuster auf der Schulter und den kniehohen Lack-Stiefeln, die schmutzige Abdrücke auf dem glänzenden hellbraunen Marmorboden hinterließen. „Warum starrst du mich so an, Emma?“, fragte Tiff schnippisch. „Neidisch, weil ich im Gegensatz zu dir vorzeigbar bin?“
Ihre Annahme war nicht weit hergeholt, denn Brandons Vorwurf hämmerte in Emmas Kopf. Es stimmte, dem Vergleich mit den Schwestern hielt sie niemals stand. Besonders was Tiff betraf.
„Falls du gekommen bist, um Emma zu beleidigen, kannst du gleich wieder gehen“, sprang Linda für sie in die Bresche. Eigentlich hätte Emma etwas in der Art sagen müssen. Um endlich klarzumachen, dass sie sich nichts mehr gefallen lassen wollte.
„Irrtum. Ich bin hier, um sie zur Vernunft zu bringen“, wurde Tiff unwirsch. „Die Belegschaft musste den Gästen laufend erklären, warum es keine frischen Eclairs gibt. Einige haben sogar mit schlechten Kritiken im Internet gedroht. Deshalb will ich wissen, ob ich morgen auf dich zählen kann, Emma.“
„Wir werden sehen“, rang sie sich zu einem halben Widerwort durch und tat nach außen hin cool. Leider wusste Tiff genau, welchen Schalter sie betätigen musste, um ihr ein schlechtes Gewissen zu machen. Zu sehr fühlte sich Emma für die Mitarbeiter verantwortlich.
„Schön“, äußerte sich ihre Schwester mit säuerlicher Miene. „Du musst selber wissen, was du tust. Aber ich könnte nie so egoistisch sein und meine Kollegen mitten im Weihnachtsgeschäft alleinlassen. Nun ja, nicht jeder ist verlässlich. Also amüsiere dich gut. Ich hoffe, du erstickst am Rum.“ Wütend stapfte sie hinaus. Als die Tür ins Schloss fiel, blickten sich Emma, Linda und Grant an.
„Eigentlich haben wir stimmungsmäßig neuerlich keinen Grund zum Feiern“, meldete sich Linda zu Wort, die sich schüttelte, als hätte sie den Leibhaftigen gesehen. Emma ging es ähnlich, nur dass sie das Lesezeichen wie ein Damoklesschwert über sich spürte. „Andererseits ist das der beste Grund, um es erst recht zu tun. Also, Leute, lasst uns heute Abend alles vergessen.“

Es war erst sechs Uhr morgens. Dennoch stand Emma in der Backstube. Ungeachtet der langen Nacht mit ihren Freunden, die ihr einen roten Sitz-Überzug für Reddy geschenkt hatten. Plüsch für die kalten Tage. Die beiden waren grandios.
Doch die Freude darüber konnte ihre innere Rastlosigkeit nicht auf Dauer verdrängen. Stundenlang hatte sie sich im Bett gewälzt und sich gefragt, wie sie die Sache angehen sollte. Denn dass sie dem nachgehen musste, stand fest. Sonst würde sie keine Ruhe finden. Deswegen war Emma unter anderem in die Konditorei gekommen. Beim Backen kamen ihr oft die besten Ideen. Außerdem half ihr diese Tätigkeit, um sich zu entspannen. Ein weiterer Grund waren die Angestellten. Das Weihnachtsgeschäft war tatsächlich jedes Jahr der reinste Horror und die Nerven aller lagen blank. Das musste sie nicht zusätzlich schüren, indem sie fehlte. Für Tiff hätte sie hingegen keinen Finger krummgemacht.
Das Wasser mit der Butter kochte auf. Emma hatte eine Prise Salz und etwas Zucker dazugegeben. Das Mehl stand neben dem Herd wie der kleine Messing-Streuer mit ihrer Geheimwaffe. Ein selbst kreiertes Gewürz, das den Eclairs den unnachahmlichen Geschmack verlieh. Unter anderem bestand es aus der Tonka-Bohne, echtem Süßholz, Kardamon, Chili, Koriander, Bourbon-Vanille und einem Hauch Kalu Namak. Im Winter erweiterte sie das Gewürz gerne mit Anis, Zimt, Pfefferminze oder Nelken. Im Frühjahr und Sommer griff sie zu Rosenblüten, rosa Pfeffer, getrockneten Blumen oder Kräutern. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Allerdings musste man auf die korrekte Dosierung der Zutaten achten, damit sich das Aroma in den Eclairs perfekt entfalten konnte. Natürlich sollte auch die Füllung dazu passen, die eine Kunst für sich war. Diese Arbeit und das Dekorieren liebte sie am meisten.
Mittlerweile kochte es im Topf. Emma reduzierte die Hitze und fügte das Mehl hinzu. Danach rührte sie, bis der Teig glatt wurde und sich vom Boden löste. Als sie mit dem Ergebnis zufrieden war, zog sie den Topf vom Herd, damit die Masse abkühlen konnte.
Diese Zeit nutzte sie, um das übriggebliebene Schwarzgeschirr zu waschen. Vermutlich hatte ihr Vater ausgeholfen - oder zumindest der Mann, den sie bisher dafür hielt.
Emma riss sich sofort zusammen, mit Lindas Ermahnung im Hinterkopf. Es würde sich alles weisen. So oder so. Zuerst musste sie sich um die Arbeit kümmern, denn es sah fast so aus, als hätten gestern alle fluchtartig die Konditorei verlassen. Im Gastraum bot sich kein besseres Bild. Allerdings war sie vor zwei Tagen ebenfalls abgehauen. Deswegen war es nur gerecht, dass sie jetzt den Angestellten hinterher putzte.
Als zumindest die Küche wieder glänzte, widmete sich Emma der inzwischen warmen Masse und bestreute sie mit ihrem Geheimgewürz. Danach rührte sie ein Ei hinein. Nicht mit der Küchenmaschine oder dem Handmixer, wie es die meisten taten. Die Maschinen hatten kein Herz und keine Seele. Mit Liebe zu backen hieß, vieles von Hand zu machen. Auch wenn es anstrengender war. Emma glaubte jedenfalls fest daran, dass man den Unterschied schmecken konnte und arbeitete auf dieselbe Weise die restlichen Eier ein.
Als der Teig eine seidige Konsistenz hatte, füllte sie den Spritzsack damit und schob kurz danach die gefüllten Bleche ins Backrohr. Währenddessen bereitete sie eine weitere Masse vor, da sie auch herzhafte Eclairs anboten, süß-herbe oder anderes. Drei Stunden später stapelten sich die gefüllten Leckereien im Kühlraum. Nach einer Weile gesellten sich auch Cupcakes, zwei Torten und ein Apfelkuchen dazu, den sie nach einem alten Rezept buk, das sie vor Jahren in einer Zeitschrift gefunden hatte. Ohne Brimborium, was ihn gerade deshalb zu etwas Besonderem machte.
Um halb zwölf trudelten schließlich die Servicekräfte ein, denen Emma zur Hand ging, da sie wie jeden Tag um dreizehn Uhr aufsperrten. Früher war das anders gewesen. Der Vater hatte in aller Früh aufgemacht, doch Tiff führte neue Öffnungszeiten ein. Natürlich kam sie auch heute fast pünktlich mit den ersten Gästen zum Dienst und verzog sich sofort in ihr Büro neben dem Eingang.
Emma füllte laufend die Vitrinen mit Eclairs, Kuchen und Torten nach. Dann und wann half sie dem Servicepersonal hinter der Bar und wusch die Gläser ab. Am Nachmittag war die Konditorei brechend voll, trotzdem musste Tiff unbedingt zur Maniküre und blieb drei Stunden weg. Dabei hätten sie jede helfende Hand brauchen können.
„Geht es Ihnen wirklich besser?“, fragte Alice, mit der Emma die Gläser polierte. „Sie sehen etwas blass aus und hätten sich auskurieren sollen, statt zu arbeiten.“
„Es geht schon“, wich Emma aus. „Davon abgesehen kann ich euch nicht im Stich lassen.“ Zumindest das war nicht gelogen.
„So wie es Ihre Schwester laufend tut?“, erkundigte sich die Zwanzigjährige spitz. Alice studierte Psychologie und wohnte in einer WG. Ursprünglich kam sie aus Irland, wo ihre Eltern eine Farm besaßen. „Verzeihen Sie, das hätte ich nicht sagen sollen.“
„Stimmt. Du bist gefeuert, Alice!“, zischte Tiff, die plötzlich hinter ihnen stand.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, ergriff Emma Partei für das Mädchen, das leichenfahl wurde. Alle wussten, wie dringend sie den Job brauchte. London war ein teures Pflaster.
„Im Gegenteil.“ Tiff verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich sortiere aus und du bist die Nächste, wenn du noch einmal so mit mir sprichst, Emma. In der Konditorei bin ich deine Chefin, nicht deine Schwester, weshalb es keinerlei Narrenfreiheit für dich gibt.“
Emmas Herz raste und eine unbändige Wut erfasste sie. Es reichte! Das Fass war übergelaufen. Genau genommen war es das längst. „Narrenfreiheit? Mein Name ist Emma und nicht Tiffany!“ Zornig stellte Emma das Glas auf den Tresen und warf das Tuch daneben hin. Alice stand immer noch reglos da. „Du kommst und gehst, wann es dir passt. Kein Wunder, dass uns das ärgert. Alice hat nur ausgesprochen, was wir alle denken.“
„Du hast keine Ahnung, wie egal mir das ist.“ Allmählich wurden die Gespräche an den Tischen leiser. „Ihre Aussage war respektlos und ein Imperium wie unseres braucht eine harte Hand. Tanzt mir einer auf der Nase herum, tut es der Nächste ebenfalls und meine Arbeitsleistung steht ohnehin nicht zur Debatte. Davon abgesehen ließ Alices Einsatz in den letzten Wochen sehr zu wünschen übrig.“
„Sie ist eine der Fleißigsten!“ Emma bemerkte, dass das Mädchen gegen die Tränen ankämpfte.
„Du solltest jetzt besser den Mund halten“, warnte Tiff sie.
„Sonst was?“, zeigte sich Emma angriffslustig. Tiff hatte sie nicht nur auf dem falschen Fuß erwischt, sondern mit ihrem Verhalten Alice gegenüber eine Schleuse geöffnet. Nebenbei tat die Sache mit dem Lesezeichen ihr Übriges.
„Kannst du dir das nicht denken?“ Tiff zog die Augenbrauen zusammen. „Obwohl das zu viel verlangt wäre. Im Denken warst du nie eine Leuchte. Lieber hast du geheult über dein ach so schlimmes Dasein.“
„Woran du nicht unschuldig bist“, warf Emma ihr vor. „Du egoistische, berechnende und intrigante Schnepfe!“ Nie zuvor hatte sie so mit ihrer Schwester gesprochen oder sich vor den Angestellten mit ihr gestritten, die sie mit offenem Mund anstarrten. Sogar Tiff stand wie vom Donner gerührt da. „Von klein auf hast du ständig versucht, mir alles wegzunehmen, das mir wichtig war. Notfalls mit eiskalten Mitteln. Aber hast du ein schlechtes Gewissen? Nein, du beutest mich ohne mit der Wimper zu zucken aus und ich dämliches Schaf lasse das zu. Doch das hat ein Ende, weil ich nicht mehr für dich arbeiten will, du … du …“ Ihr fiel kein passendes Schimpfwort ein, und jene, die ihr in den Sinn kamen, wollte sie den Anwesenden nicht zumuten. „Ich kündige, und zwar fristlos.“ Tiff schnappte nach Luft. „Such dir eine andere Dumme, die für dich die Drecksarbeit macht. Ich bin raus.“ Emma zog an der Masche ihrer Schürze, zerrte sie sich förmlich vom Körper und schleuderte sie Tiff vor die Füße. Dann eilte sie in die Küche, um ihre Tasche zu holen und das Geheimgewürz einzustecken. Im Gastraum zurück, drängte sie sich an ihrer Schwester vorbei. Als Emmas Blick jedoch auf den roten Kapuzenmantel fiel, der am Haken der Bürotür hing, blieb sie wie gelähmt stehen.
„Gehört der Mantel dir?“ Bleiern wandte sie sich Tiff zu, die sie spöttisch von oben bis unten betrachtete.
„Eifersüchtig auf das Einzelstück?“ Ihr Lachen war widerwärtig.
„Du bist Brandons Affäre?“, flüstere Emma ungläubig. „Mein Mann hat mich mit der eigenen Schwester betrogen?“ Ein entsetztes Raunen ging durch den Raum. „Wie konntest du nur?“
„Du kennst seine Einstellung. Für ihn warst du nur das hässliche kleine Entlein. Welcher Mann gibt sich nicht lieber mit dem schönen Schwan ab? Tja, und Angie ist unser Codewort gewesen, wie meine ständigen Dates nur erfunden waren.“
Alle Blicke waren auf Tiff gerichtet. Entsetzte und angewiderte. Selbst das schien sie nicht zu merken, wie sie nichts mehr um sich herum merkte. Vielmehr fühlte sie sich scheinbar über alles und jeden erhaben. Im Recht. Sogar jetzt noch. „Du widerst mich an, Tiff.“
„Damit kann ich leben.“ Sie lachte gehässig. Doch niemand lachte mit. In der Konditorei blieb es mucksmäuschenstill. Bebend vor Zorn trat Emma vor ihre Schwester hin, die noch immer lachte - bis sie ihr eine schallende Ohrfeige verpasste. Das klatschende Geräusch erfüllte die Luft. Abrupt verstummte Tiff und fuhr sich mit geweiteten Augen an die linke Wange, auf der sich ein dunkler Fleck abzeichnete. „Das wirst du büßen“, zischte sie und schaute sich hastig um, als würde ihr erst in diesem Moment bewusst, dass sie nicht alleine waren.
„Zeig mich an, verklag mich oder mach sonst etwas. Es ist mir egal. Aber wenn du glaubst, dass du dich in meinem Haus breitmachen kannst, hast du dich geschnitten. Brandon kannst du hingegen behalten. Ich schenke ihn dir mit dem größten Vergnügen, weil ich schon lange nicht mehr glücklich bin. Insofern muss ich dir sogar dankbar sein, dass du mir die Augen geöffnet hast.“ Emma wusste, dass sie ihre Schwester damit am meisten traf. „Dein ursprünglicher Plan, mir eins reinzuwürgen, ist somit gescheitert. Aber irgendwann kommt alles zurück.“ Emma beugte sich näher zu Tiff. „So was nennt man Karma“, flüsterte sie. „Viel Glück. Du wirst es brauchen.“

„Die haben applaudiert, als du aus der Konditorei gerannt bist? Ernsthaft?“, vergewisserte sich Grant, mit dem sich Emma am nächsten Tag im Hyde Park verabredet hatte. Als IT-Manager konnte er sich die Zeit frei einteilen und arbeitete meistens im Homeoffice.
„Peinlich, was?“ Trotz ihres schlechten Gewissens, sich vor allen Leuten derart gehen zu lassen, freute sich Emma über den Zuspruch der Gäste und Angestellten, der sie bestärkt hatte. In einem Augenblick, als sie sich unendlich schwach fühlte und gleichzeitig nie stärker gewesen war. „Ich bin immer noch fassungslos“, stieß sie aus. „Brandon und meine Schwester! Wie konnte sie so tief sinken?“ Es war unbegreiflich. Dabei hatte sie gedacht, Tiff hätte sich schon alles geleistet.
„Wenn du mich fragst, passen die zwei ausgezeichnet zusammen.“
„Das ist wahr. Trotzdem finde ich keine Worte dafür.“ Eine Weile schwiegen sie. „Was für eine Wendung! Bis vor kurzem hatte ich einen Ehemann, einen Job und zumindest im Ansatz eine Familie. Jetzt habe ich gar nichts mehr.“ Hinzu kam Emmas Sorge wegen dem Personal. Durch ihre Kündigung hatte sie es ihnen nicht einfacher gemacht. Andererseits wollte sie keinen Tag länger für Tiff arbeiten und für Alice würde sich eine Lösung finden lassen. Linda hatte viele Kontakte. Womöglich konnte der Concierge weiterhelfen.
„Vielleicht musste es so kommen. Damit du das Neue siehst, sobald sich der aufgewirbelte Staub gelegt hat“, philosophierte Grant, dessen Leidenschaft die Oper und alte Literatur war. Deshalb hielt er sich oft stundenlang in Camillas Buchladen auf, die sogar eine Zeit lang geglaubt hatte, er würde auf sie stehen.
„Glaubst du?“ Ein kleiner Lichtblick in dieser Misere wäre zu schön, um wahr zu sein.
„Ich bin sogar felsenfest davon überzeugt, dass es ab heute bergauf gehen wird. Mit freier Fahrt voraus.“ Grant legte den Arm um ihre Schulter und zog sie liebevoll an sich. Wie ein Paar schlenderten sie weiter, obwohl er bestimmt lieber Linda im Arm gehalten hätte. Seit Jahren liebte er ihre Freundin und hatte Emma häufig sein Leid geklagt, die ihm riet, offen mit ihr darüber zu reden. Grants Selbstbewusstsein war leider ähnlich verkümmert wie Emmas. Er traute sich nicht. Aufgrund seiner Krankheit, seines Äußeren und anderen Dingen. Ebenso wenig fruchtete ihr Rat, Abstand zu halten, bis es nicht mehr so wehtat. Das schaffte ihr Freund erst recht nicht und so litt er still vor sich hin. Emma mochte sich kaum ausmalen, wie es ihm gehen würde, sofern sich Linda eines Tages neu verlieben sollte.
„Was hältst du davon, wenn wir morgen gemeinsam zum Arzt gehen?“, schlug Emma vor, da jeder Schritt eine Tortur für Grant war, wie sie seinem schmerzerfüllten Gesicht ablesen konnte. „Zeit genug hätte ich, um dich zu begleiten.“
„Themenwechsel“, zeigte er sich stur. „Ich hasse Ärzte.“
„Aber sie können dir helfen.“
„Meinst du so wie meiner Mom?“ Die Furcht war deutlich zu hören. Grant wuchs mit drei Geschwistern auf. Seine Mutter hatte hart gearbeitet, um die Familie durchzubringen, da sein Vater über Nacht verschwand. Nach drei Jahren heiratete sie erneut. Grant verstand sich blendend mit seinem Stiefvater, der sich rührend um die Mutter kümmerte, die ebenfalls einen weiten Bogen um jeden Arzt machte. Ungeachtet ihrer Schmerzen durch die Verformung der Wirbelsäule und dem Buckel, der sich im Laufe der Jahre entwickelte. Eines Tages hatte Grants Stiefvater sie bewusstlos aufgefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht. Dort stellte man einen sehr schweren Krankheitsverlauf fest, der eine Operation unumgänglich machte. Bedauerlicherweise endete dieser Eingriff damit, dass sie seitdem im Rollstuhl saß. Grants größter Albtraum.
„Natürlich ist es schlimm, was deiner Mutter passiert ist. Doch sogar sie und dein Stiefvater raten dir eine gründliche Untersuchung an. Je eher du etwas dagegen unternimmst, desto besser.“
„Genauso gut könnte ich von dir fordern, sofort zu deinen Eltern zu fahren und die Sache mit dem Lesezeichen zu klären. Tust du es denn? Oder schiebst du es vor dich her?“
„Ich schiebe“, gab Emma zerknirscht zu. Ein gutes Vorbild war sie tatsächlich nicht, obwohl der Vergleich hinkte. Seine Krankheit war um einiges schlimmer. „Leider macht es der Zwischenfall mit Tiff nicht einfacher.“ Innerlich haderte Emma damit, dass der erhoffte Anruf ihrer Mutter ausblieb. Möglicherweise hatte das Lesezeichen keinerlei Bedeutung. „Definitiv muss ich mit ihnen reden. Zumindest mit Mom. Nur wie und wo, das steht in den Sternen. Außerdem läuft mir die Zeit davon. Sie fliegen bald in den Urlaub.“
„Das wird schon. Nur Mut. Immerhin hast du deiner Schwester endlich die Stirn geboten und Brandon darf sich mit dieser Anwältin herumschlagen. Du bist längst nicht mehr das Mäuschen von vor ein paar Tagen.“
„Keiner ändert sich von heute auf morgen und Gewalt ist keine Lösung.“ Die Ohrfeige lag ihr im Magen. Obwohl sie gutgetan hatte. Dennoch hätte sie sich nie dazu hinreißen lassen dürfen.
„Das behauptet niemand. Und Tiff wird es verkraften.“ Er lächelte. Dann genossen sie die Stille im Hyde-Park. Eine riesige Grünfläche im Herzen Londons, die weder Straßenlärm noch Hektik kannte. Nur das Rauschen des Windes war zu hören, Vogelgezwitscher oder übermütige Kinder, die herumtobten.
Emma war immer gern hier gewesen. Leider gehörte der Hyde-Park auch zu den Freizeitbeschäftigungen, die im Laufe der letzten Jahre auf der Strecke blieben. Dabei tat es gut, durch diese Oase zu schlendern. Die frische Luft auf der Haut zu spüren. Sich an der Umgebung zu erfreuen, die wie unter Zuckerguss lag.
Besonders schön war der Park im Frühjahr. Kirschbäume verzauberten die Alleen mit ihren zarten Blüten, die wie ein Dach die Wege beschatteten. Im Sommer blühte es ringsum. Am Serpentine Lake konnte man schwimmen oder rudern. Es gab die Gelegenheit zum Bowlen und den Park mit dem Rad zu erkunden. Vom Rosengarten bis zum Green Park, wo sie oft in der Nähe des Triumphbogens gesessen hatte, um ein Buch zu lesen.
„Wo treffen wir uns eigentlich mit Linda?“, wollte Emma wissen. Grant hatte ihre Freundin vorhin angerufen, während sie Reddy volltankte. Linda versprach nachzukommen. Ein oder zwei Stunden würde sie sich angeblich freischaufeln können. „Beim Café?“ Sie näherten sich dem Speakers Corner. Hier konnte jeder nach Lust und Laune eine öffentliche Rede halten. Egal, über welches Thema. Nur die königliche Familie durfte nicht erwähnt werden. Manchmal waren die Bänke des Cafés und auf dem Gelände bis zum Bersten besetzt. Jeder konnte zuhören oder gegebenenfalls mitdiskutieren. Nicht selten artete es in Streit aus.
Plötzlich stutzte Emma, weil ihr Blick auf eine Frau fiel, die unweit des Cafés unter einem Baum saß. „Das ist ja Mom“, murmelte sie. „Was für ein Zufall.“
„Es ist keiner. In Wahrheit habe ich sie angerufen. Nicht Linda.“ Grant blieb stehen.
„Was soll das?“, wurde Emma sauer.
Sanft umfing Grant sie an den Schultern. „Da ich ahnte, dass du nach der Sache mit Tiff erst recht zögern würdest, habe ich mich dazu entschlossen, dir auf die Sprünge zu helfen. Bis deine Eltern aus der Karibik zurückkommen, wärst du ein Nervenbündel.“
„Das ist nicht in Ordnung, Grant!“
„Mag sein. Nur musst du dich irgendwann sowieso stellen. Wieso nicht jetzt gleich?“ Er ließ sie los. „Ich warte in einiger Entfernung auf dich. Viel Glück.“
Emma blickte ihm grimmig hinterher, bevor sie sich zögernd in Bewegung setzte und ihre Mom in Augenschein nahm, die vor sich hinstarrte. Erst als sie sie beinahe erreicht hatte, hob die Mutter den Kopf. Mit einer Mischung aus Unnahbarkeit und Angst schaute sie ihr entgegen. Doch da lag noch etwas anderes in ihren grün-braunen Augen, das Emma nicht deuten konnte.
„Du wolltest mich sprechen?“, wurde sie kühl von ihrer Mom empfangen, die dennoch zur Seite rückte. Emma ließ sich neben ihr nieder und blickte zum menschenleeren Café. Über ihnen fing das dichte Zweigwerk die Schneeflocken auf. Hin und wieder stahl sich eine hindurch und schwebte wie eine Feder auf sie herunter.
„Grant hat das eingefädelt“, fühlte sich Emma in Erklärungsnot und spürte die kalte Bank trotz ihres warmen Mantels. „Er findet, dass wir reden sollten.“
„Bist du derselben Meinung? Wenn ja, mach es kurz. Dein Vater holt mich gleich ab.“ Der Wind strich über ihren weißen Pelzmantel, der ihre Blässe unterstrich wie die dazu passende Kappe. Im begehbaren Kleiderschrank ihrer Mom fanden sich viele solcher Mäntel und Hauben, die sie zu allem Überfluss mit Stolz trug. Sogar der Umstand, dass zwei Jahre zuvor eine Tierschutzaktivistin vor dem Royal Opera House auf sie losgegangen war, trübte ihre Kauffreude in keiner Weise. „Wir wollen in eine Fotoausstellung“, fuhr die Mutter fort, „Sie zeigen Bilder aus Cornwall und Schottland.
„Cornwall?“ Als wäre es ein Wink mit dem Zaunpfahl! „Ist St. Agnes auch dabei?“, platzte es aus Emma heraus, die ihre Mutter nicht aus den Augen ließ. Um keine Regung zu verpassen. Keine Geste.
„St. Agnes? Was soll das sein? Ein Krankenhaus?“ Sie wich Emmas Blick aus und strich sich fahrig über die Spitzen des dunklen schulterlangen Haares, das sie seit Jahren färbte. Dennoch zeigten sich graue Strähnen. Ihr letzter Friseurbesuch musste eine Weile her sein.
„Wir wissen beide, dass ich das Küstendorf gemeint habe, Mom.“ Unweit von ihnen hopste ein Spatz herum und machte keine Anstalten wegzufliegen. Die Vögel und Eichhörnchen fraßen den Parkbesuchern buchstäblich aus der Hand. Wider jede Natur, so süß der Anblick und diese Zutraulichkeit auch waren.
„Du sprichst in Rätseln“, wurde ihre Mutter unwirsch und kratzte sich an der schmalen Nase. „War’s das?“
„Verdammt, Mutter!“ Emma wurde von der plötzlichen Verzweiflung übermannt, dass sie womöglich nie die Wahrheit erfahren würde. Aber sie hatte ein Recht darauf! „Ist Ben mein leiblicher Vater?“
Ihr Lachen wirkte affektiert. „Wer sollte es sonst sein? Womit dieses lächerliche Gespräch beendet ist.“ Ehe Emma sie zurückhalten konnte, stand sie auf und eilte davon. „Es war ein Fehler herzukommen“, rief sie über die Schulter. „Aus deinem Mund ist nie etwas Sinnvolles gekommen.“
„Aber aus deinem oder was?“, wurde Emma ebenfalls laut und lief ihr nach. Als sie auf gleicher Höhe waren, hielt sie ihre Mutter am Arm zurück, in deren Augen Tränen schwammen. Sofort war Emmas Zorn wie weggewischt, die ihre Mom losließ, obwohl sie sich am liebsten an sie geklammert hätte. Wusste der Teufel wieso. „Ich bitte dich inständig“, verlegte sich Emma aufs Betteln, „gib mir eine Antwort. Bin ich das Kind eines anderen?“
„Ich wollte nie, dass du es erfährst“, gestand ihre Mutter plötzlich mit bebender Stimme. Schneeflocken vermischten sich mit ihren Tränen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie weitersprach: „Weil ich nicht stolz darauf bin, Ben betrogen zu haben. Doch ich kam nicht gegen meine Gefühle an. Er war meine erste große Liebe, bis sich unsere Wege trennten. Dann heiratete ich Ben. Wir bekamen Tiffany und als ich eine schlimme Lungenentzündung hatte, riet mir der Arzt dazu, ans Meer zu fahren. Ich entschied mich für St. Agnes und verbrachte einen Monat dort. Im Wissen, dass ich deinen … Vater vermutlich wiedertreffen würde, da er aus diesem Ort stammt.“ Ihre Miene wurde frostig. „Schließlich erfuhr ich, dass ich schwanger bin. Ben tobte natürlich.“
„Was man ihm nicht verübeln kann“, stellte sich Emma zum ersten Mal auf seine Seite. „Hast du meinen Dad bei der Zinn-Mine getroffen?“
„Das Lesezeichen hat mich zu spät erreicht“, presste sie hervor. „Wie das Buch.“
„Dornenvögel“, kombinierte Emma.
„So ist es. Im Buch wird eine aussichtslose Liebe beschrieben, wie es die unsere war. Aus vielerlei Gründen. Mitsamt der Tatsache, dass wir beide gebunden waren.“ Sie schaute gedankenverloren an Emma vorbei. „Nie wieder habe ich etwas von ihm gehört. Ich will es auch nicht, denn es würde alles an die Oberfläche zerren. Für Ben war es schwierig genug.“
„Nicht nur für ihn, Mom.“
Sie senkte den Blick. „Ich weiß, Emma. Es tut mir leid, dass du das ausbaden musstest. Aber jedes Mal, wenn ich dich ansehe, habe ich ihn vor Augen. Ben geht es vermutlich ähnlich, obwohl wir das Thema bis heute totgeschwiegen haben.“
„Wie heißt mein … Vater?“
Ein flehender Blick richtete sich auf sie. „Lass die Vergangenheit ruhen, Emma. Ich bitte dich von ganzem Herzen.“
„Wie kannst du das von mir verlangen?“, zürnte Emma ihr. „Ist dir eigentlich bewusst, was das für mich bedeutet? Ihr habt mich jahrelang angelogen und mir die Wahrheit vorenthalten. Nun sei wenigstens so fair und nenne mir den Namen meines Vaters!“
„Hast du nicht zugehört?“, geriet ihre Mom außer sich. „Ich möchte es nicht!“
„Was ist hier los?“ Mit zorniger Miene stapfte plötzlich Emmas Dad … Ben … auf sie zu. „Regst du deine Mutter schon wieder auf?“ Als er sich drohend vor Emma aufbaute, richtete er sich die obligatorische Melone, unter der sein dichtes rattengraues Haar hervorquoll. Der exklusive Mohair-Mantel wölbte sich über seinem stattlichen Bauch. Auf den edlen Schuhen glänzten Tropfen und einige abgebrochene Grashalme klebten daran. Unweigerlich musste Emma an die Eiche denken. An ihre Träume. An die vielen Entbehrungen. Sollte ihr erneut alles versagt werden? Etwas, das ihr zustand wie nichts auf der Welt? „Du scheinst in letzter Zeit nicht ganz bei dir zu sein“, ließ Ben seinen Unmut an Emma aus. „Tiffany hat mich angerufen. Hätte sie dich nicht gefeuert, würde ich es veranlassen. Du bist eine Schande für die ganze Familie! Von deiner Ehe mit Brandon will ich erst gar nicht anfangen. Ihm und Tiffany eine Affäre anzudichten ist die Höhe! Wie kann man nur so hinterhältig sein?“
„Frag das deine Tochter“, blieb Emma ruhig. Er konnte sie nicht mehr verletzen. Nie mehr. Weil er nicht ihr Vater war. Nur Ben. „Wie so oft ist die Wahrheit eine völlig andere. Du hinterfragst sie nicht. Das hast du nie getan. Deswegen bin ich heilfroh, dass ich nicht deine Tochter bin.“ Ihre Mom zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Es lag auf der Hand, dass sie lieber weitergemacht hätte wie bisher. Den Gefallen konnte Emma ihr nicht tun. „Sonst wäre ich vermutlich so wie Tiff.“
„Sie weiß es?“, brüllte Ben mit puterrotem Gesicht. Emmas Mom nickte unter Tränen. „Was haben wir vereinbart, Claire? Ich akzeptiere deinen Bastard, aber …“
Bastard!
Emma konnte seinen Anblick nicht länger ertragen. Darum drehte sie sich um und ging. Sie merkten es nicht einmal, sondern stritten weiter. Den Sinn der Worte verstand sie nicht, hörte nur ihren feindseligen Ton. Zwei Menschen, die viel zu lange geschwiegen hatten. Die weiter schweigen würden. Deswegen musste sie sich eigenhändig auf die Suche nach ihrem Dad begeben und sie würde ihn finden. Koste es, was es wolle!
Emma schluckte ihre Tränen hinunter, doch als Grant ihr mit besorgter Miene entgegenkam, warf sie sich an seine Brust und weinte bitterlich. Bastard! Es stimmte nicht ganz. Ben konnte sie sehr wohl verletzen.

„Und wenn du mich noch zehnmal fragst, ich will nicht mit dir zur Bucht hinunter“, wimmelte Roger Doris ab und verkniff sich ein Lachen. Mit einem pinkfarbenen Neoprenanzug und einer Schwimmhaube in derselben Farbe stand sie vor ihm. Fehlte nur ein Surfbrett unter den Achseln.
„Wieso nicht?“ Sie blinzelte gegen die Sonne an, die über die Kälte hinwegtäuschte. Zwar fehlte wie üblich der Schnee, doch winterliche Temperaturen hatten sie auch hier, obwohl sie nie unter den Gefrierpunkt fielen. Die fünf, sechs Grad fühlten sich trotzdem so an. „Ganz St. Agnes trifft sich am Strand. Nur du glänzt erneut mit Abwesenheit.“
„Weil mir nichts an Weihnachten liegt. Schon vergessen?“
„Wie könnte ich?“, höhnte Doris und rollte mit den Augen. „Ich brauche nur rüber zu schauen auf das Elend, das du dein Zuhause nennst.“
„Hast du so viel Zeit, um dir ständig mein Cottage anzusehen? Ich dachte, du könntest dich vor Gästen kaum retten“, stellte er sie auf die Probe. „Komisch, dass nie ein Auto zu sehen ist.“
„Meistens kehren Rucksacktouristen bei mir ein“, behauptete sie und wirkte nicht anders als zuvor. Entweder war sie die beste Lügnerin aller Zeiten oder wurde dement und glaubte selbst daran. „Die haben keine großen Ansprüche und zahlen bar.“
„Aha.“ Mehr fiel Roger nicht mehr dazu ein.
„Tja, ich muss los“, wurde Doris hektisch. „Und was machst du heute am Heiligen Abend? Fährst du zu deinen Eltern?“
„Da war ich bereits. In aller Früh.“ Genauer gesagt um halb sieben. Da keiner aufmachte, hinterließ er einen Zettel. Im Wissen, dass seine Eltern zu den Langschläfern gehörten. Aber die gute Absicht zählte. Sein Soll hatte er somit erfüllt und war dem jährlichen Dilemma durch diese kleine List erfolgreich ausgewichen. „Gegen Abend brutzelt ein saftiges Hähnchen in meinem Backofen, das ich mir mit einem guten Glas Wein schmecken lassen werde.“
„Das ist alles?“, mokierte sie sich. „Keine Gäste? Oder ein Besuch in den Lokalen?“
„Ich bin müde und werde früh schlafen gehen.“
„Irgendjemand von der NASA muss dich vertauscht haben. Das ist kaum auszuhalten. Allmählich wirst du vereinsamen.“
„Die Gefahr besteht mit Sicherheit nicht. Ich möchte nur mein Leben ordnen und genüge mir momentan selbst.“ Diesen Satz hatte er gestern in einer Liebesschnulze aufgeschnappt.
„Jesus Maria, vom Casanova zum Papst! Wie ich sagte: Die NASA ist schuld. Die müssen irgendein schlimmes Experiment mit dir durchgeführt haben. Aber dem kann Abhilfe geschaffen werden. Wann soll ich zum Essen bei dir sein?“
Jetzt wurde Roger einiges klar! Doris hatte die ganze Zeit auf seine Einladung gewartet, weil sie ebenfalls niemanden hatte, mit dem sie feiern konnte. Außer den Hunderten von Verrückten, die in Neoprenanzügen oder hartgesotten mit Badekleidung in der Trevaunance Bucht in die Fluten sprangen. Roger hatte keine Ahnung, warum sie das taten, doch seit Jahrzehnten gehörte dieses gemeinsame Schwimmen am Morgen des Heiligen Abend zu St. Agnes wie das Meer. „Um sechs würde es mir passen.“
„Ich werde sehen, ob ich es einrichten kann“, meinte sie allen Ernstes, als hätte sie sich nicht gerade selbst eingeladen. „Bis dann, Kleiner.“ Mit der Langsamkeit einer alten Frau - die trotz Neopren nicht auf die hohen Schuhe verzichtete - zitterte sie sich zu ihrem Grundstück hinüber. Lächelnd blickte Roger ihr nach, bis sie kurz danach auf ihrem alten Mofa an ihm vorbeirauschte. Diese Frau war wirklich ein Unikum.
Noch immer lächelnd schloss er die Pforte und setzte sich ins Wohnzimmer. Ein Fußballspiel flimmerte über den Bildschirm. Es war eine Wiederholung. Das eigentliche Spiel interessierte ihn wenig, die isländische Mannschaft dafür umso mehr. Nun wusste er wenigstens, wer dieser Rúrik Gíslason war. Geschmack hatte Emma, das musste er ihr lassen. Außerdem schmeichelte es ihm, dass sie ihn mit diesem Mann verglichen hatte. Ohne zu ahnen, dass auch er tätowiert war. Die Muskeln waren zwar weniger geworden, seitdem er nicht mehr regelmäßig trainierte, doch das würde Emma nie feststellen können.
Abwesend schaute er zur Sektflasche auf dem Tisch. Mittlerweile diente sie als Deko-Objekt. Damit hatte er Emma jedoch ständig vor Augen und in den letzten Tagen fragte er sich des Öfteren, ob er nach ihr suchen sollte. Ganz unverbindlich. Nur um zu sehen, ob es ihr besser ging.
„Du Narr!“, schimpfte er sich selbst. Womöglich würde er vor ihr stehen und sich fragen, wieso er sie geküsst hatte. Der Zauber dieser Nacht war eine Sache, am Tag hätte vermutlich alles anders ausgesehen. Deshalb war es besser, Emma zu vergessen. Menschen idealisierten vieles, wenn sie einsam waren.
Entschlossen schaltete Roger den Fernseher aus, schnappte sich die Jeansjacke vom Garderobenhaken und verließ das Haus. Nicht, dass er tatsächlich zum Einsiedler mutierte. Darum wollte er ins Aloha, das über die Feiertage offen hatte.
Eine Stunde später bereute Roger seine Entscheidung zutiefst, weil das anfangs wohltuend verwaiste Aloha mit der Zeit aus allen Nähten platzte. Halb St. Agnes schien sich im Lokal aufzuwärmen. Unter ihnen Minnie und Duncan, die mit Joseph und Rose in Badetücher gehüllt an einem der Tische saßen. Alle sahen geflissentlich über ihn hinweg. Wie Josie, die mit Sally den Nebentisch besetzte. Zumindest Letztere hatte ihn beim Reinkommen gegrüßt. Immerhin gehörte er zu ihrer besten Kundschaft und tauchte regelmäßig in ihrem Tätowier-Studio auf.
Roger, der an der Bar saß, spürte förmlich die vielen bohrenden Blicke auf seinem Rücken. Natürlich hätte er gehen können. Allerdings war er vor allen anderen da gewesen!
„Möchtest du noch etwas trinken?“, fragte Amber und arrangierte die mit Engelshaar verzierten Tannenzweige in der veilchenblauen Vase schräg vor ihm neu. Auf den Tischen standen Weihnachtssterne, deren Blüten mit Glitzer bestreut waren. Von der Decke baumelten goldene Sterne und pausbäckige Engel mit Trompeten oder Harfen in den pummeligen Händen. Eine Weihnachtskrippe stand am Ende der Bar. Wieso liebte die halbe Welt dieses Fest? Das würde er nie verstehen.
„Noch einen Cappuccino, bitte.“
Amber lächelte. „Deine Bestellung kommt sofort.“ Sie huschte zur Kaffeemaschine. Wenigstens eine, die ihn nicht am liebsten erdolchen würde. Sicher auch, weil sie nie etwas miteinander gehabt hatten. Allerdings hätte sie sich wie die anderen solidarisch mit Annie zeigen können. Oder lag es an ihrer Professionalität, Geschäftliches von Privatem zu trennen? Wie auch immer, Roger versuchte sich zu entspannen und blickte vom Spiegel hinter der Bar zur Pinnwand, die sich daneben befand. Bunte Postkarten waren mit Stecknadeln darauf fixiert. Einige Karten stammten aus Mallorca. Vermutlich von Lance und seiner Frau. Andere zeigten die Skyline von New York. Die waren bestimmt von Annie.
Plötzlich erfasste Roger ein Luftzug. Er wandte den Kopf. Eine hübsche Frau im grauen Mantel, einem unförmigen Dutt auf dem Kopf und einem roten Rucksack über der rechten Schulter, schloss die Tür. Sofort schnellte sein Kopf nach vorne. Litt er an Halluzinationen oder hatte tatsächlich Emma gerade das Aloha betreten? Und wenn, was machte sie hier? Suchte sie ihn etwa?
Rogers Herz klopfte schneller, als er ihre Gestalt im Spiegel erfasste. Zweifellos. Sie war es!
„Frohe Weihnachten“, hörte er Emma mit dieser Stimme sagen, die ihm unter die Haut ging. Sie war wie Samt und hatte eine ganz eigene Klangfarbe.
Emmas Gruß wurde allgemein erwidert und Roger bemerkte, dass sie unschlüssig dastand. Beinahe hilflos und auf berührende Weise eingeschüchtert. Ob er sich zu erkennen geben sollte? Damit ihre verzweifelte Suche ein Ende hatte? Aber vor allen Leuten? Die wären imstande und würden auf sie einreden, bis sie St. Agnes postwendend verließ.
„Sie sehen so aus, als würden sie jemand suchen“, drang Minnies freundliche Stimme an sein Ohr, deren feines Näschen für die Wahrheit manchmal verblüffend war. Natürlich suchte Emma jemanden - nämlich ihn! „Können wir Ihnen helfen?“
„Vielleicht“, erwiderte Emma. Roger fragte sich, wie sie ihn beschreiben würde. Als gutaussehend? Männlich? Extrem attraktiv? Wahnsinnig nett? „Ich war vorhin beim Tourismus-Büro. Es ist geschlossen und man schickte mich hierher. Befindet sich eine gewisse Josie Mason unter Ihnen?“
„Ich bin Josie Mason. Worum geht es?“
Wie still es war. Fast so, als wäre Jesus soeben auf einen Kaffee hereingekommen.
Amber servierte Roger den Cappuccino und hätte ihn beinahe neben den Tresen auf Luft gestellt, weil sie die Fremde nicht aus den Augen ließ. Zugegeben, Emma hatte auch bei Tageslicht etwas, dem man sich nicht entziehen konnte. Obwohl ihre rehbraunen Augen trauriger wirkten als zuletzt. Hatte sich ihr Arsch von Mann etwa noch mehr geleistet als ohnehin?
„Ich suche eine Unterkunft“, ließ Emma verlauten.
„Für wie lange?“, erkundigte sich Josie.
Emma zuckte mit den Achseln. „Das kann ich nicht sagen.“ Richtig so! Nur nicht zu viel verraten. Wie hätte sie auch ahnen können, dass das Glück näher war, als sie dachte? Viel näher. Genau genommen saß es an der Bar. „Hätten Sie etwas für mich, Mrs. Mason?“
„Nenn mich Josie“, bot Annies Freundin an. „St. Agnes ist eine große Familie.“
Das wüsste er aber!
„Danke.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich bin Emma Sinclair.“
„Schön, Emma. Wie anspruchsvoll bist du?“
„Ich brauche nicht viel.“
„Kein Internet? Oder einen Fernseher im Zimmer?“ Emma schüttelte den Kopf. „Dass sich die Toilette und die Dusche auf dem Gang befinden, ist ebenfalls kein Problem?“ Das klang ganz nach Doris’ Pension. Josie hielt tatsächlich Wort. „Die Unterkunft ist nicht der letzte Schrei, die Lage jedoch traumhaft.“
„Wie man es nimmt“, mischte sich Minnie ein, die mit gerunzelter Stirn Rogers Blick im Spiegel suchte. „Sind Sie alleine gekommen, Emma? Oder gibt es jemand an Ihrer Seite, der ebenfalls ein Plätzchen bräuchte?“
„Ja, Reddy. Für ihn bräuchte ich auch eins.“
Zufrieden lächelnd zog sich Minnie das Handtuch mit Schottenmuster von der Schulter und zeigte sich im neonpinken Bikini. Schien die neueste Modefarbe zu sein. Allerdings interessierte das Roger im Augenblick am wenigsten. Wer verdammt war Reddy?
Enttäuschung erfasste ihn. Hatte er sich geirrt? War es bloß ein dummer Zufall, dass Emma hier war? Um mit ihrer neuen Flamme Urlaub zu machen? Vor seinen Augen?
Roger zog die Geldtasche aus seiner Jeans und legte ein paar Münzen neben die Tasse. Es war besser, wenn er verschwand.
„Setz dich zu uns, Emma. Dann zeichne ich euch den Weg zu Doris Mitchells Pension auf. Oder soll ich euch hin lotsen? Seid ihr mit dem Auto da?“
Emma wirkte leicht irritiert. „Ja, so ist es. Und danke für das Angebot. Aber Reddy und ich haben bisher überall hingefunden.“
Reddy und ich!
Emma setzte sich zu Josie. Roger starrte auf ihren Rücken. Was war er bloß für ein Idiot! Auch im wahren Leben war es manchmal wie im Internet. Man konnte lügen wie gedruckt oder nur die halbe Wahrheit erzählen. Vermutlich hatte sie ebenfalls einen Lover gehabt und dieser Brandon war der Leidtragende in der ganzen Sache. Von wegen unschuldig. Diese Frau hatte es faustdick hinter den Ohren!

Emma erhaschte gerade noch einen Blick auf den Mann, der beinahe fluchtartig das Lokal verließ. Dabei erfasste sie ein eigentümliches Gefühl, weil er dieselbe Frisur trug wie der Unbekannte in London. Klopfte ihr Herz deswegen so schnell? Oder lag es an der Aufregung und ihrer Angst vor der eigenen Courage? Es hatte sie immense Überwindung gekostet, alleine das Lokal zu betreten, in dem so viele fremde Menschen saßen. Gleichzeitig fragte sie sich, ob sich ihr Vater unter ihnen befand.
„Emma?“, rief sich Josie in ihr Gedächtnis zurück. „Roger Sanders mag zwar gut aussehen, aber der ist nichts für dich. Außerdem hast du ja deinen Reddy, nicht wahr?“
„Wer ist Roger Sanders?“ Emma löste ihren Blick von der Tür.
„Der Mann, dem du nachgestarrt hast wie einer Erscheinung. Sicher, er sieht gut aus, doch wenn Sanders eine Frau wäre, würde man ihn als Flittchen bezeichnen. Der Typ hat mehr Herzen gebrochen, als wir Einwohner haben. Sei also auf der Hut. Ob vergeben oder nicht, der brät jede an.“
„Ach so“, erwiderte Emma. „Keine Sorge, von Männern habe ich die Nase gründlich voll.“ Wieso hörte ihr Herz nicht damit auf, wie verrückt gegen die Brust zu hämmern? Bloß, weil dieser Sanders dem Unbekannten ähnlich sah? Dabei hatte sie andere Probleme.
„Oh je“, bedauerte Josie. „Habt ihr gestritten?“
„Wer?“ Emma erwiderte das Lächeln der älteren Frau, die sich in ihr Badetuch mit dem Schottenmuster hüllte. Sie wirkte sehr nett. Wie alle hier, die munter miteinander plauderten und gemeinsam lachten.
„Na, du und Reddy.“ Josie schien sich zu fragen, ob Emma eins und eins zusammenzählen konnte. „Du hast gesagt, dass du von Männern die Schnauze voll hast. Das kann nur bedeuten, dass ihr Streit habt. Also kein Doppelzimmer? Zumindest vorerst? Andererseits ist heute Weihnachten. Die Zeit der Versöhnung. Ihr solltet essen gehen. Wir haben tolle Lokale in St. Agnes. Ich könnte Reddy ein paar Tipps für einen romantischen Abend geben. Wo ist dein Freund eigentlich?“
Plötzlich musste Emma schmunzeln. Josie hatte sie gründlich missverstanden. „Reddy geht ungern in Lokale und ehrlich gesagt ist es mir ganz recht, wenn er draußen wartet. Würde ich ihn mitnehmen, wäre im Nu die Polizei da.“
Josie musterte sie wie eine Sphinx. Oder so, als säße sie vor einem spannenden Thriller. „Wird er per Haftbefehl gesucht?“ Verschwörerisch beugte sie sich näher. Genau wie ihre Freundin. „Taucht ihr in St. Agnes unter? Gut, wir sind ein ziemlich verschwiegener Haufen, aber ehrliche Leute. Könnte schwierig werden für euch. Auf der anderen Seite wärt ihr bei Doris gut aufgehoben. Zumindest für die nächsten Tage. Ihr Haus liegt ziemlich einsam.“
„Hat sie einen Parkplatz?“ Emma hatte Mühe, nicht laut loszulachen.
„Wegen dem Fluchtauto?“ Josie starrte sie mit großen Augen an.
„Nein, für Reddy“, konnte Emma nicht mehr länger die Unwissende spielen. „So heißt nämlich mein VW-Käfer.“
Mit verengten Augen starrte Josie sie an. Man sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete, bis sie auf einmal zu lachen begann. Schallend wie ihre Freundin. „Das ist ja …“, stammelte sie prustend und wischte sich die Tränen weg, „ein Käfer!“
Auch Emma lachte mit, bis ihr selbst die Tränen kamen. Es tat so gut, fröhlich zu sein. Etwas Positives zu erleben und plötzlich war sie mittendrin in dieser Gemeinschaft, weil Josie lautstark das Missverständnis vor allen wiederholte. Die Menschen bogen sich vor Lachen, während ihr eine heiße Schokolade gebracht wurde, die sie nicht bestellt hatte.
„Lass sie dir schmecken“, rief ihr die ältere Frau zu, als sich alle beruhigt hatten. „Ich bin übrigens Minnie und der Kauz neben mir ist mein Mann Duncan.“ Kurz himmelte sie den Genannten an und zeigte dann auf die zwei, die ihr gegenübersaßen und sich zu Emma umdrehten. „Das sind Rose und Joseph.“
„Hermes und Trijn“, stellte sich ein anderes Paar vor, das eng umschlungen dasaß.
„Ricardo“, rief der südländisch wirkende Mann schräg gegenüber im blauen Neoprenanzug. Emma musterte ihn. Wie jeden Mann, der sich nach ihm mit diesem Anfangsbuchstaben vorstellte.
„Sally“, meldete sich schließlich Josies Freundin zu Wort. Erneut wurde Emma ein Lächeln zuteil, die von der Offenheit dieser Menschen überwältigt war. Leider hielt die Freude nur kurz.
Nach wie vor hatte sie keine Ahnung, wie sie ihren Dad finden sollte. Natürlich könnte sie ihre Geschichte erzählen. Wie im Fernsehen, wenn Menschen nach Angehörigen suchten. Aber mit welchem Ergebnis? Ihre Mom hatte erwähnt, dass ihr Vater gebunden gewesen war. Gut möglich, dass sie mit ihrer Suche eine Ehe zerstörte. Den Kindern ihre bis dahin glückliche Familie nahm, die sie als Halbschwester vermutlich in die Wüste schicken würden. Nein, sie musste auf anderen Wegen seine Identität herausfinden und im besten Fall würde er trotz der vielen Jahre an Silvester bei der Mine sein. Aus sentimentalen Gründen. Oder weil er an sein Kind denken wollte, das ihm dort am nächsten war. Ein irrsinniger Gedanke, trotzdem ließ Emma ihn zu. Obwohl sie Angst vor der Begegnung hatte. Keiner konnte sagen, wie er zu ihr stand. Gut möglich, dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte oder gar nicht mehr lebte. All das schob sie aber vorerst in den hintersten Winkel ihres Herzens. Zunächst musste sie seinen Namen herausfinden. Die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das würde schwierig genug werden.
„Hast du Lust mit uns zu essen?“, erkundigte sich Josie. „Oder wollt ihr alleine sein? Du und Reddy?“ Sie grinste. Eine sympathische Frau, bei der Emma sofort das Gefühl hatte, als würden sie sich schon ewig kennen. Möglicherweise, weil sie Linda in ihrer Art sehr ähnlich war.
„Reddy und ich sind seit unserer Abreise aus London zusammen. Ich denke, fünf Stunden reichen“, ging Emma auf den Spaß ein. „Wenn ich nicht störe, würde ich gern mit euch essen. Ich habe ohnehin Hunger.“ Das anschließende Mittagessen war herrlich. Emma gönnte sich Cornish Pasties. Dazu tranken sie einen leichten Apfelwein aus der Region und waren im Nu in ein Gespräch vertieft. Josie erzählte aus ihrem Leben in Penzance und auf humorvolle Weise von ihrem Mann George und den drei Kindern. Nebenbei sang sie fast eine Lobeshymne auf ihre Nanny und zeigte sich begeistert darüber, dass sie wieder in ihrem Heimatdorf St. Agnes wohnte. Auch der Name Annie fiel einige Male. Josies beste Freundin, der dieser Sanders übel mitgespielt hatte. Seltsam, wie viele Parallelen es zum Unbekannten in London gab.
Sally beteiligte sich ebenfalls an ihrer Unterhaltung, die etwas trockener war als Josie, trotzdem nicht weniger nett. Einzelheiten aus ihrem Leben ratterte sie herunter, als würde sie ein Telefonbuch vorlesen, doch als sie von ihrem Porzellan- und dem Tätowiergeschäft erzählte, begannen ihre Augen zu glänzen. „Wenn du Lust hast, komm vorbei“, bot sie an. „Was hat dich eigentlich nach St. Agnes verschlagen?“
Die Frage kam unvermittelt. Emma rutschte in ihrem Stuhl hin und her. „Ich … ähm … brauche dringend eine Auszeit, weil ich vor einigen Tagen meinen Job verloren habe“, zog sie sich aus der Affäre.
„Das tut mir leid.“ Josie schaute sie bedauernd an. „Vor allem die Tatsache, dass ich nach Hause muss. Ausgerechnet jetzt. Aber melde dich bei mir im Büro, dann ziehen wir Mädels um die Häuser.“
„Gerne“, erwiderte Emma.
„Ich muss ebenfalls los.“ Sally erhob sich. „Meine Eltern warten. Hoffentlich bis bald, Emma.“ Ein letztes Lächeln, bevor die Freundinnen das Lokal verließen, das sich allmählich leerte, bis Emma der einzige Gast war.
Das zarte Klirren von Gläsern ertönte beizeiten, während Amber zusammenräumte. Bald würde sie das Aloha schließen, um ebenfalls zu ihren Liebsten nach Hause zu gehen.
Emma spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen und blickte aus der großen Glasfront. Über St. Agnes lag die Nachmittagssonne, die den Ort regelrecht mit ihrem Licht überflutete und die Weihnachtsdekoration funkeln ließ, die ihr sofort bei der Ankunft aufgefallen war. Nun ja, manchmal musste man Kompromisse in Kauf nehmen. Immerhin wurde sie vom imposanten Anblick der rauen Klippen entschädigt, in die das Dorf idyllisch eingebettet lag. Darüber spannte sich ein graublauer Himmel, wie Emma ihn nie zuvor gesehen hatte. Ohne Sonne hätte er düster gewirkt, so hatte er etwas Mystisches.
Blitzartig schrak Emma aus ihrer Betrachtung hoch, da sich die Tür öffnete. Ein Mann kam mit einem Kind in den Armen herein. Als er Amber erblickte, lächelte er glücklich. Erst recht, als sie ihn übermütig küsste, bevor sie das Kind an sich nahm und es liebevoll festhielt. Ein Bild, das Emma mitten ins Herz schnitt. Weil sie sich nie einsamer gefühlt hatte als in diesem Augenblick. Nie ungeliebter und verlassener.
Umso entschlossener stand sie auf. Sie sollte gehen, bevor sie zu weinen begann. Just in dem Moment stürmte die ältere Frau von vorhin atemlos und mit zerzaustem Haar herein. Minnie, sofern sich Emma richtig entsann.
Als die Ältere sie erblickte, zeigte sie eine erleichterte Miene und eilte auf sie zu. Jetzt trug sie einen Faltenrock mit Schottenmuster und hatte sich ein Tuch um die Schulter geschlungen, das wie eine Decke aussah. In der Hand hielt sie einen Teller. Eingewickelt in Silberfolie. „Gott sei Dank, Sie sind noch da, Emma“, ließ Minnie keuchend verlauten, als sie vor ihr stehen blieb. „Unser Auto springt nicht an. Dabei wollte ich zu Doris. Wissen Sie, ich verteile jedes Jahr Kekse an meine Freunde und bin in den letzten Tagen überall gewesen. Nur nicht bei ihr. Dabei wartet sie bestimmt auf mich. Könnten Sie mich mitnehmen?“
„Natürlich.“ Ein Notfall, der zur rechten Zeit kam. Obwohl Emma ahnte, dass die Einsamkeit zurückkehren würde. „Mein Wagen steht gleich in der Nähe. Soll ich Ihnen den Teller abnehmen?“ Emma schnappte sich den Rucksack, der am Tischbein lehnte.
„Nicht nötig.“ Minnie lächelte zufrieden, als sich Emma aufrichtete. „Danke für Ihre Hilfe. Duncan wird mich in einer Stunde bei Doris abholen.“
„Ich dachte, Ihr Auto streikt?“
„Äh, genau!“ Röte überzog Minnies grobschlächtiges Gesicht, das Emma an die Anwältin erinnerte. Allerdings stand in Minnies mehr Herzenswärme und der Schalk blitzte aus ihren Augen. „Duncan kriegt es sicher flott. Wie immer.“
Emma schmunzelte. „Es ist gar nicht kaputt, oder?“
Minnies Schultern sanken herab. „Stimmt. Als wir gingen … Sie haben so verloren ausgesehen an diesem viel zu großen Tisch. Deshalb dachte ich mir, dass Sie sich vielleicht über etwas Gesellschaft freuen würden. Wenn Sie mögen, können wir bei Doris einen gemütlichen Kaffee trinken und meine Kekse genießen.“
Minnie hatte bestimmt Besseres vor, als sich um sie zu kümmern. „Ein netter Vorschlag, aber heute ist Weihnachten.“
„Eben. Da sollte niemand alleine sein“, erwiderte Minnie voller Wärme. Emma traten Tränen in die Augen. „Erst recht kein Mädchen aus der Stadt, das verloren wie ein aus dem Nest gefallenes Vöglein wirkt.“
4. Kapitel

Stolz blickte Roger auf das Hähnchen in der Glasschüssel. Seit einiger Zeit tobte er sich gerne in der Küche aus und hatte Kochsendungen für sich entdeckt. Die Dosensuppen und Fertigpizzas hingen ihm schon zum Hals heraus. Und seitdem ein bekannter Fernsehkoch vorgestern ein Thai-Hühnchen zubereitet hatte, wollte er das Rezept unbedingt ausprobieren. Obwohl er von der Hälfte der Zutaten nie etwas gehört hatte. Doch der Bioladen im Ort führte sogar diese komische Chili-Art namens Carolina Reaper. Der Fernsehkoch hatte zwar betont, nur eine winzige Menge zu nehmen, aber Roger liebte scharfes Essen. Unter Tränen und mit brennenden Fingern hatte er eine halbe dieser signalroten Schoten kleingehackt und dem Gemüse beigefügt.
Gerade als er das Huhn in das vorgeheizte Rohr schob, hörte er das Zuschlagen der Tür. Den klappernden Schritten zufolge musste es Doris sein. Sonst hatte ohnehin keiner einen Schlüssel.
„Hallo, Roger“, hörte er hinter sich und schloss den Backofen.
„Du bist zu früh.“ Er richtete sich auf. Im Wissen, dass sie ihm absagen würde. Immerhin hatte sie Gäste, die allerdings noch nicht gekommen waren, wenn er sich nicht täuschte. Oder hatte sich Emma umentschieden, weil ihr Reddy eine komfortablere Unterkunft vorzog? Dieser Typ war ihm schon jetzt unsympathisch. „Ich hoffe, du magst Thai-Hühnchen.“
„Leider muss ich darauf verzichten. Josie hat sich gemeldet und für eine Frau ein Zimmer reserviert.“
„Ein Doppelzimmer?“
„Ich habe nur Doppelzimmer“, erinnerte sie ihn an diese Tatsache. „Wie auch immer, für den Fall der Fälle sollte ich zuhause bleiben und eine Kleinigkeit kochen.“
„Wir haben ausgezeichnete Restaurants, Doris. Niemand kann von dir verlangen, dass du am Heiligen Abend für Gäste auftischst, die sich Knall auf Fall angesagt haben.“
„Ich bin froh, wenn ich an den Festtagen nicht alleine bin.“ Sie seufzte und er schluckte seine Bitterkeit hinunter. Doris’ Mann war vor vielen Jahren gestorben und einer ihrer Zwillingssöhne hatte sich das Leben genommen. Angeblich wegen Depressionen. Vor einiger Zeit hatte sie Roger Kinderbilder gezeigt und bei einem Foto fürchterlich geweint. Doris’ zweiter Sohn war nach St. Ives gezogen. Roger hatte ihn nie kennengelernt und sie sprach nicht über ihn. Vielleicht hatten sie sich zerstritten. Insofern war das Schicksal seiner Nachbarin ein Sturm gegen das Lüftchen seiner eigenen Gefühlswelt. Emma konnte tun und lassen, was sie wollte. „Ist nur zu hoffen, dass mein Gast nett ist. Bloß schade, dass ihr Reddy den halben Parkplatz brauchen wird. Deshalb musste ich einiges wegräumen. Ich sag’s ja, Rucksacktouristen sind mir lieber.“
So fett war der? „Hast du diesen Reddy schon gesehen?“, wunderte sich Roger.
„Wie?“ Sie wirkte zerstreut. In der nächsten Sekunde zog sie ein weißes Kuvert aus ihrer nachtblauen Wolljacke, das sie auf den Tisch legte. „Mein Weihnachtsgeschenk für dich.“
„Wir schenken uns nichts“, erinnerte er sie an ihre Abmachung.
„Du Weihnachtsmuffel schenkst mir nichts. Das muss lange nicht für mich gelten.“
Skeptisch schaute Roger auf das Kuvert. „Sieht aus wie ein Geldumschlag. Jedenfalls hoffe ich nicht, dass ich recht habe. In dem Fall kannst du dein Geschenk gleich wieder mitnehmen.“ Fehlte noch, dass sie ihm ihr dringend benötigtes Geld in den Rachen warf!
„Glaubst du im Ernst, dass ich einem Banker Moneten spendiere?“ Sie sandte ihm einen ironischen Blick. „Im Kuvert sind lediglich ein paar Fotos und der Abschlussbericht des Privatdetektives, den ich angeheuert habe.“
„Ein Privatdetektiv? Wofür? Hat er die Gäste aufgespürt, die dich nicht bezahlen?“
„Sehr lustig“, zeigte sie sich unbeeindruckt, während sich Roger an die Arbeitsfläche lehnte und die Arme vor der Brust verschränkte. „Ich habe ihn für dich engagiert, Roger.“
„Wie bitte? Vermutest du, dass ich im Garten irgendwelche Leichen vergraben habe?“, regte er sich auf. „Nun, bisher habe ich davon abgesehen. Aber was nicht ist, könnte durchaus werden. Vor allem was Menschen betrifft, die ihre neugierige Nase ungefragt in mein Leben stecken!“
„Ich meine es nur gut.“ Ihre stoische Ruhe reizte ihn noch mehr. „Und der Detektiv hatte eine andere Zielperson als dich.“
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“
Doris ließ sich auf die Bank nieder. „Du weißt ja, dass mein Sohn Rick in St. Ives wohnt.“
„Davon hast du erzählt, jedoch nicht, warum er …“
„Das tut nichts zur Sache. Jedenfalls kennt er einen Top-Privatdetektiv mit dem klingenden Namen Blue Harry. Da ich meinen Sohn mit viel Liebe großgezogen habe, ist er mir einige Gefallen schuldig. Darauf kam ich vor kurzem zurück und bat ihn, Trish von besagtem Blue Harry beschatten zu lassen.“
„Trish?“ Allmählich wurde die Sache mysteriös.
„Genau die. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas faul ist. Abgesehen davon, dass Lucas nicht dein Sohn ist, machte mich die hohe Unterhaltsforderung stutzig. Und nun rate mal, was Ricks Busenfreund herausgefunden hat.“ Roger zuckte mit den Achseln, allerdings hatte sie jetzt seine volle Aufmerksamkeit. „Trish traf sich nicht nur mit dir in London, sondern mit drei weiteren Kandidaten, die alle glauben, sie wären Lucas’ Vater. Zwei von ihnen zahlen brav, weil sie verheiratet sind. Einer hat sich bisher gedrückt und dich lässt sie nicht vom Haken, indem sie die Scheidung hinauszögert. Doch damit ist endgültig Schluss. Du hast genug Beweise gegen sie in der Hand und sofern sie nicht wegen Erpressung vor Gericht landen möchte, wird sie schneller Geschichte sein, als du bis drei zählen kannst.“ Erwartungsvoll schaute sie ihn an. „Das wäre übrigens der geeignete Zeitpunkt, um dich bei mir zu bedanken.“
„Danke“, erwiderte er beinahe tonlos.
„Bitte nicht so überschwänglich. Das kann ja kein Mensch ertragen.“
„Tut mir leid.“ Roger setzte sich zu ihr und zog das Kuvert zu sich. „Natürlich wäre ich froh, Trish los zu sein. Ich finde bloß den Gedanken schrecklich, dass Lucas einer Mutter ausgeliefert ist, die ihn eiskalt als Druckmittel einsetzt.“
„Na ja, du könntest um ihn kämpfen. Immerhin hättest du alle Trümpfe in der Hand.“
„Du meinst Erpressung? Dann wäre ich nicht besser als Trish. Hat Ricks Freund eigentlich herausgefunden, wer Lucas’ tatsächlicher Vater ist?“
„Er vermutet, dass es Lance ist. Du weißt schon, der aus dem Aloha.“
„Annies ehemaliger Chef, der nach Mallorca gezogen ist?“, entfuhr es Roger.
„Getürmt trifft es wohl eher. Zumindest vermute ich das. Er wollte sicher dem Gerede aus dem Weg gehen. Irgendwann kommt jede Wahrheit ans Licht“, orakelte Doris. „Der Detektiv hat nämlich ein Telefongespräch zwischen Trish und einer gewissen Senta abgehört. Es kann sich nur um die Hexe handeln, die Jack und Annie auseinanderbringen wollte. Jedenfalls prahlte deine Ex damit, dass keiner von euch weiß, dass Lance der Vater ist. Da auch er zu den Zahlenden gehört, muss man kein Detektiv sein, um die einzig richtige Schlussfolgerung daraus zu ziehen.“
„Lance und ich waren nie die dicksten Freunde. Aber dass er …“ Roger öffnete das Kuvert. „Das hätte ich nie von ihm gedacht.“ Er starrte auf das erste Bild. Es zeigte ihn und Trish. Rechts unten standen die Uhrzeit und das Datum. Beides änderte sich, wie die Männer auf den Fotos. Auf dem dritten war Lance abgelichtet. Nur Trish und das Lokal blieben gleich. Scheinbar hatte sie sich an einem Tag mit allen potentiellen Vätern getroffen. Was für eine Schlange! „Wir müssen den anderen Bescheid sagen.“
„Ich habe Rick bereits darum gebeten. Er kommt übrigens Ende Dezember.“
„Das muss er nicht. Die Bilder erklären sich von selbst. Außerdem hast du von Aufzeichnungen gesprochen.“ Er deutete auf den Zettel, der halb aus dem Kuvert ragte.
„Rick kommt nicht deinetwegen, sondern besucht mich. Wie jedes Jahr.“
Roger blickte hoch. „Tatsächlich? Ich habe ihn noch nie gesehen.“
„Ist das ein Wunder? Seitdem du neben mir wohnst, warst du dauerbesoffen. Außerdem verlässt Rick meine Pension kaum und fährt am Silvesterabend wieder nach Hause. Für ihn ist St. Agnes nach wie vor mit dem Tod seines Bruders verbunden, weshalb er nie lange bleibt. Die beiden hatten eine sehr enge Bindung. Leider lässt er mich nicht an sich ran. Es tut weh, ihm nicht helfen zu können.“ Sie lächelte unter Tränen. „Wechseln wir das Thema, ehe ich sentimental werde.“
„Wäre das so schlimm? Du kannst über alles mit mir reden. Ich hoffe, das weißt du.“
Doris wirkte nicht überzeugt. „Fragt sich nur wie lange. Ich muss dir nämlich etwas beichten: Rick hat meine Bitte ein wenig missverstanden oder Blue Harry war so enthusiastisch, dass er dir ebenfalls gefolgt ist. Wer ist denn die hübsche Frau, die du in London mitten auf der Straße geküsst hast?“ Sie machte den Eindruck, als hätte sie alles bisher Gesagte nur darauf aufgebaut, um endlich diese eine Frage stellen zu können. Eine, die Roger völlig aus der Bahn warf, der sich wie vom Schlag getroffen die weiteren Fotos ansah.
Sie zeigten ihn mit Emma in seinem Honda, wie sie auf ihren Mann und die Frau im roten Umhang zuging, den Augenblick, als Roger neben ihr vor Brandon stand, den Imbisswagen, ihren Spaziergang und … den Kuss im dichten Schneegestöber. Das Bild wurde vor Rogers Augen lebendig und er glaubte ihre zarten Lippen zu spüren, ihren warmen Körper. „Das ist Emma“, sagte er abwesend.
„Emma. So, so.“ Doris grinste ihn an. „Sie scheint dich schwer beeindruckt zu haben.“
„Wie kommst du auf diese absurde Idee?“ Als hätte er sich die Finger verbrannt, warf er die Fotos auf das Kuvert.
„Wie komme ich bloß darauf?“, zog sie ihn offensichtlich auf, „vielleicht, weil die Sektflasche auf deinem Tisch steht. Laut den Bildern hat die gute Emma den Inhalt förmlich in sich hineingeschüttet.“
„Sektflaschen gibt es wie Sand am Meer.“
„Auf dem Foto ist die Marke lesbar. Zumindest mit der Lupe. Dieses eingestanzte By Eclaires ist mir nicht geläufig. Die Flasche hat demnach Seltenheitswert.“
Doris war schlimmer wie ein Piranha! Gott sei Dank enthob ihn ein lautes Geräusch von jeder weiteren Erklärung. „Klingt ohrenbetäubend“, stellte Roger fest, obwohl er nur an Emma denken konnte und daran, dass sie in St. Agnes war. Nahe und doch unerreichbar fern. Hatte ihr der Abend denn gar nichts bedeutet? Oder war Reddy nur ein Notnagel?
Das Getöse näherte sich unaufhaltsam. Ein Traktor mit kaputtem Auspuff?
Im nächsten Augenblick rückte ein knallroter VW-Käfer in sein Sichtfeld, der in Doris’ Parkplatz einfuhr. Rogers Puls begann zu rasen, als Emma ausstieg. Komischerweise verließ Minnie auf der Beifahrerseite den Wagen. Dass von diesem Reddy nichts zu sehen war, hob seine Stimmung.
„Du liebe Güte, Minnie!“ Doris klang, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen. Ihre Miene glich sich dem harmonisch an. „Sie bringt mir sicher ihre Weihnachtskekse.“
„Freu dich. Damit gehörst du im Gegensatz zu mir offiziell zu ihren Freunden.“
„Freunde? Da wäre ich mir nicht so sicher. Aber ich bringe dir gerne eine Kostprobe vorbei. Der Begriff Stahlkekse kommt nicht von ungefähr, glaub mir.“

Begeistert blickte Emma auf das heimelige Cottage mit dem Reetdach und der schön gestalteten Firstabdeckung. Der Parkplatz war auf beiden Seiten vom Garten umgeben, in dem allerlei Weihnachtselemente und ein geschmückter Weihnachtsbaum standen. Sogar die alte Traubeneiche mit der weißen Bank davor war mit roten Kugeln behängt, die das schwindende Tageslicht einfingen. Hinter dem Haus sowie weiter vorne erstreckte sich ein Wald und außer einem weiteren Cottage war man hier ganz allein. Josie hatte nicht zu viel versprochen. Die einsame Umgebung war genau das, was Emma suchte.
„Da kommt Doris“, informierte Minnie sie und zeigte zum Nachbarhaus, aus dem eine schmale Frau in einem nachtblauen Kittelkleid trat, wie man es in den Sechzigern getragen hatte. Die Pumps wiesen dieselbe Farbe auf. Allerdings sah diese Doris aus der Ferne jünger aus. Je näher sie kam, desto älter wurde sie.
Ob Emma auf Doris denselben Eindruck machte, die wenige Meter vor ihr stehen blieb und sie anstarrte, als hätte sie einen Geist gesehen?
„Emma?“, fragte sie verdutzt. Wie seltsam sie ihren Namen aussprach.
„Woher wissen Sie, wie ich heiße?“ Nach wie vor ruhte der Blick dieser Frau auf ihr.
„Oh … ähm … Josie hat ihn am Telefon genannt.“ Langsam kam sie näher. „Haben Sie gut hergefunden?“
„Da ich dabei war“, sprang Minnie munter ins Geschehen, „erübrigt sich die Frage.“
„Stimmt. Du bist ja auch noch da.“ Im Vorbeigehen nahm sie Minnie den Teller aus der Hand. „Danke für die Kekse. Ich werde mich revanchieren, sollte mir demnächst beim Kochen etwas anbrennen.“
„Die Kekse sind nicht verbrannt!“
„Dann sind sie aus der vorletzten Saison? Oder schockgefroren?“
„Natürlich. Wie immer, wenn sie dich sehen“ Minnie hob die Folie an. „Schauen Sie, Emma. Sind das nicht Prachtstücke?“ Ein beleidigter Blick traf Doris. „Meiner Freundin fehlt leider das Auge dafür.“
Emma wusste nicht recht, ob sich die beiden mochten oder nicht. Doch wie von Minnie gewünscht trat sie näher und schaute sich die Kekse an, die aufdringlich nach Lakritze rochen. Ansonsten war nichts an ihnen auszusetzen. Sie wirkten wie normale Spekulatius. „Mir fällt nichts Negatives auf“, behielt Emma die Sache mit dem Geruch für sich.
„Das kommt spätestens, sobald Sie die Dinger im Mund haben“, meckerte Doris. „Und jetzt genug geredet. Lassen Sie uns reingehen, damit Sie Ihr Zimmer beziehen können. Du kannst von mir aus ein paar Minuten bleiben, Minnie.“ Als sie voranging, strich sie über Reddys Motorhaube. „Hübsches Auto. So einen fuhr mein Mann früher.“ Ihr Tonfall hatte plötzlich einen traurigen Klang. „Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie gleich Musik hören, Emma. Ich lasse sie immer eingeschaltet. Dann ist es nicht so still, wenn ich nach Hause komme.“ Als sie die dunkelgrüne Pforte mit dem weihnachtlichen Türkranz öffnete, schallte Emma tatsächlich ein Lied entgegen. Ein Evergreen, begleitet vom typischen Knistern, wie man es von früheren Schallplatten kannte. „Dean Martin“, ließ Doris sie wissen, „Die Originalversionen hat mir mein Sohn auf CD gepresst, damit ich sie in Dauerschleife laufen lassen kann.“
Emma ahnte, dass ihre Vermieterin etwas mit dem Sänger verband. Wie jeder eine Geschichte oder Erinnerungen an Musik knüpfte. „Es gefällt mir“, verlieh sie ihrem Gefühl Ausdruck.
Doris’ überraschter Blick streifte sie. „Das freut mich. Die meisten Gäste können wenig damit anfangen und rümpfen schon beim Reingehen die Nase.“
„Aber die Musik passt zu Ihrem Haus“, stellte Emma fest, die sich beinahe ehrfürchtig im Inneren umschaute und sich vorkam, als wäre sie in die Gründerzeit zurückgereist. Eine Holztreppe mit kunstvollen Säulen führte in den ersten Stock hinauf. Daneben erstreckte sich ein langer und dunkler Korridor, in dem ein alter Schrank, ein schmales Tischchen und eine Kommode standen. Alles war vollgestellt mit vielen kleinen Dingen wie Kugelschreibern, Spruchkalendern, Gläsern, Muscheln, Notizzetteln, Schneekugeln und mehr. Es wirkte wie ein völliges Durcheinander und trotzdem hatte es Charme.
„Da ist das Frühstückszimmer“, erklärte Doris und zeigte zur Tür neben der Pforte. „Am Ende des Ganges finden Sie die Küche und hier geht es ins Wohnzimmer. Sie können es gerne mitbenutzen.“ Doris ging voraus.
Eine braune Tapete mit schimmernden Ornamenten schmückte die Mauern wie die vielen alten Aufnahmen in wahllos zusammengewürfelten Rahmen. Ob rund oder eckig, aus Porzellan oder antik - es fand sich jede Variante. Sogar auf dem Klavier in der Ecke standen gerahmte Bilder, ebenso auf den Wandregalen oder dem kleinen runden Tisch, der von zwei fliederfarbenen Armsesseln flankiert wurde. Auf dem Boden lag ein Perserteppich, auf der schmalen sonnengelben Couch neben dem Klavier stapelten sich Zeitschriften, Lesebrillen oder Teile eines Teeservices in einem Plastikbehälter. Und wo noch Platz war, fanden sich verstaubte alte Fransenlampen. Emma wusste kaum, wo sie hinschauen sollte und wurde von der Ahnung erfüllt, dass dieses Haus die Geschichte eines ganzen Lebens beherbergte, wenn nicht sogar mehrerer.
„Ich weiß, es sieht konzeptlos aus, doch alles hat seine Ordnung“, deutete Doris ihren Blick falsch. „Allerdings fehlt mir der Platz für den Weihnachtsbaum, wie man unschwer erkennen kann. Egal, ich habe ohnehin einen vor der Tür.“
„Ich finde Ihr Haus bezaubernd.“
Die Freude über das Kompliment war Doris anzusehen. „Schön. Umso mehr wünsche ich mir, dass Sie sich wie zuhause fühlen. Und nun mache ich mich kurz frisch. Minnie, du kennst dich ja aus. Zeig Emma bitte das Zimmer. Es ist das erste gleich links.“
„Warum gibst du ihr nicht eins zur anderen Seite hin? Dann hätte sie nicht ständig das Nachbarhaus vor Augen.“
„Lass das meine Sorge sein.“ Schon war sie draußen. Emma holte ihren Rucksack und den Koffer aus dem Auto. Beides stellte sie im Zimmer ab, das Minnie ihr zeigte, die wieder nach unten ging.
In den nächsten Tagen würde das also ihr Reich sein. Der Raum war geräumiger als gedacht, mit hübschen weißen Stores und Vorhängen mit pastellfarbenem Blumenmotiv, das sich in der Tapete wiederholte, vor der ein wuchtiger Kleiderschrank stand. Zum dunklen Holzbett mit der hohen Vertäfelung auf der Kopfseite passten die erhabenen Nachtkästchen mit den goldenen Deckchen darauf. Zwei grüne Fransenlampen rundeten das Bild ab wie ein Schreibtisch unter dem Fenster, vor dem ein Schneemann hing. Doris hatte sichtlich Freude an Weihnachten, was sie hinunterschluckte angesichts der günstigen Unterkunft, die sie sich einige Zeit leisten konnte. Emma hatte nämlich keinen blassen Schimmer, wie lange sie sich in St. Agnes aufhalten würde, und musste unvermittelt an die Mutter denken. Seit ihrer Begegnung im Hyde-Park herrschte Funkstille. Nicht zuletzt deswegen, da sie sich mittlerweile in der Karibik sonnte. Mit Sicherheit ohne einen Gedanken an sie zu verschwenden. Von Ben war es nicht anders zu erwarten, aber sie war immerhin das leibliche Kind ihrer Mom. Es tat weh, dass sie ihr sogar in dieser Lage jegliche Unterstützung versagte!
Seufzend verließ Emma das Zimmer und fand Doris alleine vor, die im Armsessel saß und in einem Album blätterte. Als ihre Vermieterin auf sie aufmerksam wurde, schlug sie das Buch zu und legte es auf den Tisch.
„Ist Minnie schon weg?“ Emma zeigte auf den zweiten Sessel. „Darf ich?“
„Natürlich. Und von Minnie soll ich Ihnen schöne Grüße bestellen. Sie musste los, weil es für die Christmette einiges vorzubereiten gibt. Wir schenken immer Tee und Kuchen aus.“ Doris trug inzwischen ein bequemes graues Hauskleid. Eine Perlenkette zierte ihren faltigen Hals und sie hatte blauen Lidschatten nachgelegt. „Bis vor einigen Jahren habe ich mitgeholfen. Bedauerlicherweise lässt mein Alter manches nicht mehr zu.“
„Wenn Sie zur Mette möchten, könnte ich Sie fahren.“
„Das ist nett, Emma. Allerdings bleibe ich lieber bei Ihnen.“
„Keine gute Entscheidung. Ich bin nicht die beste Gesellschaft. Außerdem möchte ich nicht, dass Sie sich zu irgendetwas verpflichtet fühlen.“
„Doris Mitchell hat ihren eigenen Kopf, das könnte Ihnen jeder in St. Agnes bestätigen. Vor allem mein Mann.“ Ihr Blick verlor sich. „Seit vierzig Jahren vermisse ich Clark“, gestand sie, während aus dem Röhrenradio mit Echtholz-Gehäuse der nächste Klassiker erklang. Das neue Gerät wurde scheinbar den alten nachempfunden. Einen CD-Player hatte man jedenfalls früher mit Sicherheit nicht gehabt. „Return to me“, klärte die alte Dame Emma mit einem seligen Lächeln auf. „Clark war ein wundervoller Tänzer, den ich wie andere Bergarbeiter-Frauen viel zu früh verloren habe.“
„Das tut mir sehr leid, Mrs. Mitchell.“
Doris legte ihre von Adern durchfurchte Hand auf Emmas. Die Geste fühlte sich unendlich vertraut an, obwohl es verrückt war. „Nennen Sie mich Doris. Für Förmlichkeiten fühle ich mich zu jung, denn egal wie zerknittert die äußere Hülle ist, das Innere altert nicht.“ Sie lachte auf und löste die Berührung. „Früher hätten Sie mich sehen sollen. Jeder Mann drehte sich nach mir um. Man verglich mich sogar mit Sophia Loren und ich galt als das schönste Mädchen in St. Agnes, was ich nicht zuletzt meiner Mutter zu verdanken hatte. Sie brachte mir bei, immer auf mich zu achten und sagte oft: Selbst wenn Krieg herrscht, soll sich eine Frau Zeit für ihr Äußeres nehmen.“
Bei jedem anderen Menschen hätte sich Emma betroffen gefühlt, denn ihre Kleidung ließ in üblicher Manier zu wünschen übrig. Aber in Doris’ Worten schwangen nur Erinnerungen mit, ohne jegliche Anspielung oder Wertung. „Warum war ihr das so wichtig?“
„Weil sie davon überzeugt war, dass man gerade in schwierigen Zeiten einige Dinge selbst in der Hand behalten soll, und sei es nur das Äußere. Es schenkt Normalität und das Gefühl, dass sich gewisse Dinge nie ändern, auch wenn sich alles um einen herum verändert. Ich beherzige ihren Rat bis heute. Obwohl mir im Spiegel eine alte Frau entgegenblickt, blieb manches seit meiner Jugend gleich. Das ist beruhigend.“ Sie fuhr sich ordnend über das Haar, auf das jede junge Frau neidisch wäre. „Verzeihen Sie, an Weihnachten werde ich schrecklich melancholisch und schwelge gern in früheren Zeiten.“
„Ich höre Ihnen gerne zu“, versicherte Emma. „Insbesondere, da ich meine Großeltern nie kennengelernt habe.“ Die Eltern ihrer Mom starben vor ihrer Geburt. Bens lernte sie nie kennen. Er war als Waisenkind aufgewachsen. Ob die Eltern ihres leiblichen Dads noch lebten? „Wie war das Leben früher?“ Emma machte es sich im Sessel gemütlich.
„Schwierig und schön zugleich.“ Wieder erstrahlte ein Lächeln. Der Trotz eines jungen Mädchens umspielte Doris’ volle Lippen. „Wir gingen auf Bälle, tanzten zu Swing-Musik, lasen mit Herzklopfen Liebesbriefe, warteten voller Aufregung auf den nächsten und vor allem auf den ersten Kuss. Ich bin froh, dass ich im vorigen Jahrhundert geboren bin. Heutzutage ist nichts mehr gut genug und man trifft sich auf diesem Facebook.“ Doris schüttelte den Kopf. „Das wahre Leben spielt sich draußen vor unseren Fenstern und Türen ab, nicht auf Bildschirmen.“ Als ob sie sich selbst zur Raison bringen wollte, klatschte sie in die Hände. „Himmel, ich texte Sie zu, als wären Sie meine Biografin. Haben Sie Lust auf ein Gläschen Sekt? Ich hätte welchen im Kühlschrank.“
Emma sah sich mit der Flasche auf der Dachterrasse stehen und fragte sich, was der Unbekannte heute machte. Feierte er mit seiner Familie? Mit Freunden? Einer Frau? „Ein Glas trinke ich gerne mit Ihnen, obwohl ich Alkohol nicht gewöhnt bin.“
„Tatsächlich?“ Doris’ ungläubiger Augenaufschlag verwirrte Emma. „Oh, wie schön“, rief ihre Vermieterin im nächsten Moment aus. „Everybody loves somebody“, zitierte sie das nächste Lied, erhob sich schwerfällig und schwang die Hüften umso jugendlicher im Takt. Plötzlich streckte sie Emma die Hand entgegen. „Kommen Sie. Lassen Sie uns in die Küche swingen.“
„Ich kann nicht tanzen“, wehrte sich Emma und sank tiefer in den weichen Stuhl.
„Unsinn. Jeder kann tanzen. Vor allem zu einem Evergreen. Da geht es wie von selbst.“
Nach kurzem Zögern nahm Emma die warme Hand und erhob sich. „Aber Sie swingen voraus, damit Sie meine hölzernen Verrenkungen nicht sehen.“
Doris legte den Kopf zurück und lachte lauthals. Gleichzeitig tanzte sie los und war schon halb im Korridor. Emma folgte ihr und versuchte die fließenden Bewegungen zu imitieren. Schnippte mit den Fingern, bewegte die Arme im Einklang mit den Hüften, blieb stehen, schwang vor und zurück, bis sie in der Küche waren. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie ausgesehen haben musste. Allerdings hatte es Spaß gemacht. So sehr, dass sie kurz danach auf dieselbe Weise - diesmal mit einem Glas Sekt in den Händen - den Rückweg antraten. Dabei lachten sie und Emma fühlte sich, als wäre sie tatsächlich in einem anderen Leben. Ergriffen von den Evergreens, die durch die Räume schwebten. Mit einer Frau vor sich, die alte Zeiten in ihren Erzählungen zum Leben erweckte. Und zum ersten Mal mit dem Gefühl, dass der Heilige Abend nicht nur schlechte Seiten hatte.

Roger starrte zu Doris’ Haus hinüber. Hinter den zugezogenen Wohnzimmer-Vorhängen tanzten dunkle Schatten. Bis zu seinem Cottage konnte man Dean Martin hören. Eines dieser Schmachtlieder, bei denen Frauen ihres Alters in Verzückung gerieten und verträumt vor sich hinlächelten. Für Emma galt vermutlich dasselbe, obwohl sie seiner Generation angehörte. Aber wer sonst sollte drüben zu den Liedern herumhopsen?
Entschlossen drehte er sein Radio auf dem Fenstersims lauter. AC/DC - Thunderstruck. Das Gitarrensolo hallte durch die Küche und übertönte Dean Martin. Den Gedanken an Emma in Reddys Armen konnte die Musik zu seinem Leidwesen nicht verscheuchen. Reddy. Was war das überhaupt für ein Name? Und wieso waren nur zwei Schatten zu sehen? Lag Doris bereits im Bett, um das Paar alleine zu lassen? Wie auch immer, sie schienen sich wie zuhause zu fühlen.
Mondlicht fiel in die dunkle Küche, als Roger nach dem Glas Milch griff. Das fünfte, seitdem er einen Bissen seines Thai-Hühnchens probiert hatte. Ihm brannten jetzt noch Kehle, Zunge und Mund. Vom fehlenden Geschmackssinn ganz abgesehen. Nun wusste er zumindest, dass er künftig auf den Rat eines Fernsehkochs hören würde.
AC/DC verklang. Auch drüben war es leiser geworden. Dafür hallten die Kirchenglocken umso deutlicher über die Küste. Genervt schaltete Roger das Radio ab. In knapp zwei Stunden war der Heilige Abend Gott sei Dank vorbei, wie ihm die rote Digitalanzeige auf dem Herd zeigte. Leider waren Menschen wie er dazu verdammt, die Stunden förmlich zu zählen, weil ihnen dieser ach so überirdische Abend nichts gab. Alle scharten sich um kitschig geschmückte Weihnachtsbäume und sangen lächerliche Lieder im Kreis ihrer Familien, um danach über die Geschenke herzufallen. Ähnlich wie bei einer Raubtierfütterung.
Die Bank knarrte, als er sich zurücklehnte und wieder aus dem Fenster blickte. Die Wipfel der Bäume bewegten sich sanft im Meereswind und ragten in den Vollmond. Der Himmel war klar und mit Sternen übersät. Auch heuer würde der Schnee auf sich warten lassen, sofern er überhaupt kam. Im Grunde war es meistens ein kurzes Intermezzo. Ein paar Flocken hier, ein paar Flocken da, als ob der Winter die Menschen auf die Schnelle daran erinnern wollte, dass es ihn gab. Und bevor man sich freuen konnte, zog er weiter.
Grimmig schaute Roger auf das Kuvert, über dem das milchige Mondlicht lag. Gleich morgen würde er Trish anrufen und ihr seine Meinung sagen. Ebenso wie Lance, der zu seinem Sohn stehen sollte, statt sich freizukaufen. Emma hingegen würde er so gut es ging aus dem Weg gehen, bis sie und ihr Reddy wieder abreisten. Obwohl ihm dieser Gedanke auch nicht passte. Was war nur los mit ihm?
Vermutlich war es besser schlafen zu gehen. Bis morgen hatte er diese Frau bestimmt vergessen und würde nicht einmal mehr wissen, wie sie aussah. Oder sich an den Klang ihrer Stimme erinnern. Daran, wie sie lachte und dass sich dabei süße Grübchen an ihren Wangen zeigten. An die Art, wie sie ständig über ihren Dutt tastete, als wollte sie überprüfen, ob er noch da war. Nein, Emma war keine Frau, an die man sich dauerhaft erinnerte. Trotzdem konnte Roger sie weder unter der ausgiebigen Dusche noch beim Einschlafen abschütteln und schaute um drei Uhr morgens zum letzten Mal auf die Uhr.
Umso schneller war er am nächsten Tag hellwach. Weil die Motorsäge - die sich Auto nannte - in aller Herrgottsfrüh an seinem Haus vorbeirauschte. Wütend schlug er die Decke zurück und stieg aus dem Bett. Dabei fragte er sich, ob Emma in den Ort hinuntergefahren oder abgereist war. Das wiederum ärgerte ihn noch mehr.
Hatte er sich nicht vorgenommen, keinen einzigen Gedanken an diese Frau zu verschwenden, die sein Leben durcheinanderbrachte wie ein Hurrikan? Und das nur wegen einer einzigen Begegnung! Gut, genau genommen waren es zwei gewesen. Vernünftig betrachtet trotzdem zu wenig, um sämtliche Synapsen in seinem Gehirn für sich alleine zu beanspruchen. Er hatte weiß Gott andere Dinge zu bedenken. Zum Beispiel die Frage, was er frühstücken sollte!
Zornig über sich selbst schlüpfte Roger in die Jeans und ging nach unten. Ein paar hartgekochte Eier, dann würde die Welt sicher anders aussehen. Doch kaum in der Küche angekommen, klopfte es an der Tür. Das konnte nur Doris sein! Wahrscheinlich wollte sie ihm erzählen, wie sehr sie sich gestern amüsierte. Zu viel des Guten auf nüchternem Magen. War nur zu hoffen, dass sie den Schlüssel vergessen hatte.
Leider ließ die alte Dame nicht locker. Roger warf den Kühlschrank zu und holte einen Topf aus dem Schrank. Während er ihn mit Wasser füllte, klopfte es im Sekundentakt. Fluchend drehte er den Hahn ab, stellte den Topf beiseite, ging zur Pforte und riss sie mit Schwung auf.
Emma zuckte zusammen, während sein Blut durch die Adern jagte, als wäre es auf der Flucht.
„Ach du liebes bisschen …“, entfuhr es Emma, durch deren Körper ein Ruck ging. Der Teller in ihrer Hand zitterte bedenklich. „Watson?“ Ein Lächeln huschte über ihr zartes Gesicht.
„Genau, Sherlock“, fuhr er sie an. Wenigstens klebte der dicke Reddy nicht an ihr. „Sie machen Ihrem Namen alle Ehre. Wie haben Sie mich so schnell gefunden?“
Ihre Miene wurde feindselig. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie gesucht habe?“
„Sie stehen vor meiner Tür. Der Verdacht liegt nahe, finden Sie nicht auch?“ Sie trug wieder den abgetragenen grauen Mantel, eine Jeans und ausgelatschte Turnschuhe. Nur das Haar war diesmal offen. Es stand ihr hervorragend, was seine Wut schürte, weil ihn diese Frau verarscht hatte. Vermutlich lachte sie sich im Nachhinein tot über ihn. Weit entfernt von der hilflosen Emma, die er unter der bezaubernden Hülle vermutet hatte. Damit ließ sich auch erklären, dass sie auf Teufel komm raus wild mit ihm herumgeknutscht hatte. Trotz Ehemann samt Lover!
„Doris hat mich gebeten, ihrem Nachbarn Kekse zu bringen und so lange zu klopfen, bis er … ich hatte keine Ahnung, dass Sie das sind, Mister …“ Sie schaute auf seinen Postkasten in Form eines kleinen Häuschens. „Nirgends steht Ihr Name.“
„Da steht er doch: Post.“ Er zeigte auf die vier goldenen Buchstaben über dem Schlitz, bevor er auf sich deutete. „Aber um Ihre Neugierde zu stillen: Mein Name ist Roger Sanders. Zufrieden?“
„Roger Sanders?“, wiederholte sie schrill, als wäre sie auf Fischabfälle gestiegen.
„Genau der. Haben Sie ein Problem damit?“
„Ich nicht, aber man bezeichnet Sie als …“ Ihr Blick huschte verlegen zu seinem nackten Oberkörper, blieb an seinen Tätowierungen auf den Oberarmen hängen und kehrte zu seinem Gesicht zurück. „Ziemlich attraktiv.“ Ihre Lippen pressten sich aufeinander und sie schaute ihn an, als würde sie hoffen, dass sie das nicht laut gesagt hatte. „Äh, hab ich … aufgeschnappt und so“, fand sie ihre Sprache wieder. „Im Allgemeinen gelten Sie als …“
„Casanova, schon klar“, beendete er ihren Satz. „Und Sie glauben das natürlich.“ Ohne es zu wollen, war er enttäuscht. Natürlich eilte ihm sein Ruf voraus, doch Menschen konnten sich ändern. Wieso sprach sich das nicht endlich im Ort herum?
„Ich habe keinen Grund, es nicht zu tun.“
„Schon mal davon gehört, dass man sich selbst ein Bild über Menschen machen sollte? Oder wirkte ich in London wie einer, der jede Frau abschleppt?“ Gespannt harrte er auf ihre Antwort, die auf sich warten ließ.
„Vermutlich war ich nicht Ihr Typ.“ Ihre Feststellung klang eher wie eine Frage.
„Das wird es wohl gewesen sein“, beließ er es dabei und ignorierte ihr betrübtes Gesicht. Wie jede Frau hatte sie bestimmt mit einer anderen Antwort gerechnet. Darauf konnte sie lange warten. „Ist Ihr Reddy eigentlich mit Vollgas ins Dorf hinuntergefahren?“
„Reddy kann nicht allein …“ Sie stockte, bevor sie trotzig das Kinn reckte. „Doris ist mit Reddy zur Bäckerei gefahren. Die beiden haben sich von Anfang an blendend miteinander verstanden.“
„Schön“, hielt sich Roger knapp. „Sonst noch was?“
Statt einer Antwort hielt sie ihm den Teller unter die Nase. „Die Kekse. Sie schmecken wunderbar. Genießen Sie jeden Bissen. Um sich daran zu erinnern, dass sie besonders bei den Frauen im Ort einen Stein im Brett haben.“
Roger nahm den Teller und schob die Tür weiter zurück. Er brauchte Abkühlung, weil ihm heiß war. Plötzlich stutzte er und starrte perplex auf den scheußlichen Weihnachtskranz, der an einer pinken Wollschnur hing, die haufenweise mit Malerkrepp an seiner Tür klebte. Doris!
„Sie haben ein Händchen fürs Dekorieren“, schien Emma seinem Blick gefolgt zu sein, „die zwei Rollen Malerkrepp bringen den Kranz erst richtig zur Geltung.“
„Habe ich schon erwähnt, dass ich Sarkasmus hasse?“, gab er ihr eine Retourkutsche.
„Dasselbe sagte ich in London zu Ihnen.“ Wie vorwurfsvoll sie klang. Als hätte sie ein Patent auf diesen Satz angemeldet.
„Echt?“, tat er unwissend, „warum beherzigen sie dann nicht Ihre eigenen Worte? Oder haben Sie sie vergessen? Ah, jetzt fällt es mir wieder ein. Sie waren ja sturzbesoffen.“
Binnen Sekunden war ihr Gesicht rot wie eine Tomate. Zugegeben, die Verlegenheit schmeichelte ihr. „Von dem Piccolo-Fläschchen? Das glaube ich kaum.“
„Piccolo? Das war ein ganzer Liter. Wollen Sie es nachprüfen? Nur zu, die Magnum-Flasche steht auf meinem Wohnzimmertisch.“
Ihr rotes Gesicht besaß tatsächlich die Fähigkeit, noch dunkler zu werden. „Sie haben die Flasche nicht weggeworfen?“
Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie das klingen musste! Am Ende dachte sie, dass er die Flasche absichtlich behalten hätte. Wie ein verliebter Trottel, der er nun wirklich nicht war. Sicher, eine gewisse Schwäche für Emma ließ sich nicht leugnen, aber er hatte vieles überbewertet. Immerhin war Weihnachten. Da waren Menschen wie er empfindsamer. Nebenbei befand er sich in seiner schwierigsten Lebensphase. Midlife, ständig nüchtern und enthaltsam. Wer würde da nicht eine simple Flasche vergessen? „Mir fehlte bisher die Zeit, sie zu entsorgen. Also kein Grund, sich etwas darauf einzubilden.“
„Einbildung fällt eher in Ihr Ressort“, fauchte sie ihn an. „Was stresst Sie denn so? Die vielen Frauen, die bei Ihnen ein- und ausgehen?“
„Ihre Kombinationsgabe verblüfft mich immer wieder, Sherlock.“
„Ach, Sie können mich mal.“ Emma wirbelte herum, stapfte davon und schnaufte dabei wie eine Dampflok. „So ein Arsch“, hörte er sie leise fluchen, doch nicht leise genug. „So viel zu meiner Menschenkenntnis, dabei dachte ich …“
Leider wurden die restlichen Worte vom Käfer verschluckt, der mit Doris am Steuer an ihm vorbeifuhr. Lachend winkte sie ihm aus dem heruntergekurbelten Fenster zu. Ihr weißer Seidenschal flatterte, den sie wie ein Kopftuch trug. Die weiße ovale Retro-Brille im Stil der Fünfziger Jahre erinnerte ihn an Katzenaugen. Ihre Vollbremsung neben Emma an eine Massenkarambolage und als diese ins Auto stieg, zweifelte er an seinem Verstand. Nach einem ganzen Meter Fahrt - exakt von der Einfahrt auf den Parkplatz - stieg sie wieder aus und flitzte ins Cottage. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Gegen Mittag duftete es im ganzen Haus nach frischen Backwaren. Emma hatte sich mit Doris’ Erlaubnis in der Küche ausgetobt, die zwar winzig klein war, doch das hemmte sie nicht in ihrem Eifer. Roger hatte ihre Nerven überstrapaziert und das musste sie irgendwie kompensieren. Was bildete sich dieser Mistkerl eigentlich ein? Sie so zu behandeln! Ausgerechnet er, der einen Ruf hatte wie Adonis höchstpersönlich. So fühlte er sich vermutlich auch mit den Lederarmbändern am Handgelenk, seinem Six-Pack, den muskulösen Oberarmen und diesen bescheuerten Tätowierungen, die nach Höhlenmalerei aussahen.
„Denken Sie nicht, dass wir genug Eclairs haben?“, gab Doris zu bedenken, die am weiß lackierten Küchentisch saß und sich ein Glas Rotwein genehmigte. Zur Blutverdünnung, wie sie betonte.
„Es ist die letzte Portion“, versprach Emma, die die Masse mit dem Spritzsack aus der Steinzeit im Eiltempo auf das Backblech beförderte, das exakt so groß war wie der Arbeitstisch. Daneben befanden sich Herd und Backofen. Dahinter die rustikale Wandvertäfelung mit einer breiten Ablage an der Oberseite, auf der sich Gewürze aneinanderreihten. An den langen Nägeln, die kreuz und quer ins Holz geschlagen waren, baumelten Kellen in allen Größen, Pfannenwender und sonstige Küchenutensilien. Auf der Fensterbank stapelte sich Geschirr - das in den zwei Schränken über der Spüle keinen Platz gefunden hatte - nebst Wollresten, Postkarten, Schreibblöcken, Geschenkbändern, gefühlten hundert weiteren Kugelschreibern und einigen Rollen Malerkrepp. Im amerikanischen Kühlschrank hingegen fand man alles, was ein Konditoren-Herz begehrte. Außerdem war er der einzige Ort, der seinem Zweck entsprechend genutzt wurde. „Ich zahle Ihnen die Waren natürlich, Doris.“
„Nicht nötig. Wenn alles fertig ist, können wir ganz St. Agnes damit beliefern. Die werden sich nach Minnies Keksen sicher freuen.“ Doris hievte sich schallend lachend ein Eclair auf den Teller, brach mit der Gabel ein Stück ab und schob sich den Bissen begleitet von einem hingebungsvollen Stöhnen in den Mund. „Köstlich“, hauchte sie kauend. „Nie zuvor habe ich so ausgezeichnete Eclairs gegessen.“
„Das freut mich.“ Emma schob das Blech in den Ofen. Erschöpft lehnte sie sich danach an den Kühlschrank. Vor Doris standen Teller mit Bergen von Eclairs. „Kennen Sie jemand, dem wir damit eine Freude machen könnten?“
„Wie wäre es mit meinem Nachbarn? Sie haben bisher kein Wort darüber verloren, wie Ihre Begegnung war. Er ist nett, oder?“ Ihr erwartungsvoller Blick machte Emma kurz misstrauisch. Wüsste sie es nicht besser, hätte man meinen können, dass sie die Begegnung forcieren wollte. Mitsamt der sinnfremden Anweisung, so lange an seine Tür zu klopfen, bis er aufmachte. Wer tat denn so was? Außer sie, weil sie es gewohnt war, Instruktionen auszuführen. Etwas, woran sie dringend arbeiten musste. „Nun sagen Sie schon. Wie finden Sie Roger?“
„Der Höflichkeit wegen verkneife ich mir eine Antwort.“ Ihre Vermieterin mochte ihn. Allein deshalb hatte sie kein Recht, schlecht über ihn zu reden.
„Roger ist oberflächlich, arrogant, selbstherrlich“, zählte Doris auf, „sarkastisch und ein Frauenheld.“
„Das sind genau die Worte, die mir auf der Zunge lagen“, bekannte Emma überrascht. Sollte sie sich getäuscht haben was Doris und Roger betraf?
„Diese Dinge erzählt man im Ort über ihn und gewiss ist der Junge nicht unschuldig an seinem Ruf. Dennoch mag ich ihn, weil er sich rührend um mich kümmert“, lief Doris zum Feind über. „Außerdem hilft er mir bei Reparaturen, behält meine Finanzen im Auge und kauft einmal die Woche für mich ein. Glauben Sie mir, der selbstverliebte Sonnyboy war einmal. Roger ist erwachsen geworden.“
„Sicher. Den Eindruck hatte ich auch.“ In hundert Jahren würde der nicht erwachsen sein! „Nun, wo sollen wir die Eclairs hinbringen? Ist Ihnen schon etwas eingefallen? Danach könnten wir etwas unternehmen, wenn Sie Lust haben.“ Vielleicht lief ihr ein Mann über den Weg, dem sie frappant ähnlich sah. Am besten wie eine Tochter dem Vater. Nebenbei konnte sie Doris befragen. Aus dem Telefonbuch hatte sie sämtliche Männer mit dem Anfangsbuchstaben R herausgesucht und notiert. Es waren knapp hundert, die sie im Ausschlussverfahren durchackern musste. Zuerst würde sie die unverheirateten von der Liste streichen. Doris kannte bestimmt viele in St. Agnes. Oder sollte sie ihre Vermieterin bitten, ihr alle Single-Männer über fünfzig aufzuzählen? Nein, das war kein guter Plan! „Ich würde mir gerne St. Agnes ansehen, die Bewohner kennenlernen, das Leben hier, die Bräuche …“
„Toll. Dasselbe wollte ich Ihnen gerade vorschlagen und am besten wäre es, wenn wir die Leckereien unserem geschätzten Pater Jeremy vorbeibringen“, ging Doris auf ihr Angebot ein. „Am Weihnachtstag gibt er immer eine Kuchenparty für seine Gläubigen.“
Viele Menschen auf einem Haufen. Das schrie förmlich nach dem Startschuss für ihre Mission. „Oh je, glauben Sie, dass die Menge reichen wird?“
„Dahingehend habe ich keine Bedenken.“
„Super. Bis das letzte Blech fertig ist, lade ich alles ins Auto. Danach können wir losdüsen. Sagen wir in zehn Minuten?“
Doris schob den Stuhl zurück und stand mit einer Miene auf, als hätte sie ihr gerade vorgeschlagen, sämtliche CDs von Dean Martin aus dem Fenster zu werfen. „Schauen Sie mich an“, forderte sie mit frostiger Stimme, „und dann sagen Sie mir noch einmal, dass wir in zehn Minuten fahren.“
Emma war durcheinander. „Tun wir nicht?“
„Meine Haare sehen fürchterlich aus!“
„Ist mir nicht aufgefallen. Nun, wie wäre es in fünfzehn Minuten?“, wagte sie einen weiteren Vorschlag. Sich zu kämmen würde kaum Stunden dauern.
„Machen Sie Witze? Ich trage immer noch das Chanel-Kostüm von heute Morgen.“
„Es ist hübsch und steht Ihnen hervorragend.“ Das war nicht gelogen. Der schmale Rock und das dazu passende gelbe kurze Jäckchen ließen sie um Jahre jünger wirken.
„Darum geht es nicht, Kindchen. Ich kann mich nicht an einem Tag zweimal mit demselben Outfit sehen lassen. Mein Ruf wäre ruiniert.“
„Von wie vielen Stunden reden wir?“, gab sich Emma geschlagen.
„Zwei, eventuell drei. Wie bei den meisten Frauen platzt mein Schrank aus allen Nähten. Das macht die Auswahl schwierig, denn im Grunde habe ich überhaupt nichts anzuziehen.“
„Kann mir nicht passieren. Ich bekomme meine Kleidung locker in zwei Schubladen unter.“
Doris zwängte sich hinter dem Tisch heraus, der viel zu groß für die Puppenküche war, und stand somit automatisch vor Emma. „Gehen Sie denn nie shoppen?“
„Sicher.“ Was war das denn für eine Frage? „Auf Küchenmessen bin ich oft.“
„Küchenmessen?“ Doris lächelte nachsichtig. „Was ist mit Boutiquen?“
„Ich bestelle lieber im Internet.“
„Vermutlich immer beim selben Shop?“
Woher wusste sie das? „Ja, die führen seit Jahren die gleichen Sachen. Da weiß man wenigstens, dass sie passen.“
„Ach, Kindchen. Was ist mit Kino? Sind Sie regelmäßig mit Freunden ausgegangen? Welche Hobbys haben Sie? Schwimmen? Radfahren? Reisen?“
„Dafür blieb neben der Arbeit keine Zeit.“
„Und was ist mit der Liebe? Haben Sie eigentlich je richtig gelebt, Emma?“
„Natürlich, ich habe Brandon geheiratet …“ Emma senkte den Kopf. Selbst ihr wurde klar, dass sie tatsächlich kein Leben hatte. „Wir lassen uns scheiden.“
„Verstehe. Vermutlich einer der Gründe, warum Sie hier sind. Nun, in diesem Fall sollten wir einiges ändern, denn das Leben ist es wert. Es gibt mehr zu entdecken, als Sie glauben. Und nirgends könnte ein Neubeginn besser sein als hier in St. Agnes, weil Gott uns Frauen zu attraktiven Evas geformt und uns zufällig einige hübsche Adams dagelassen hat.“
„Sie meinen Singles?“, nahm Emma sofort die Gelegenheit beim Schopf.
„Genau. Roger ist beispielsweise einer.“
„Äh, der wäre mir zu jung. Ich stehe eher auf ältere Semester.“
Doris hob eine Augenbraue. „Über welches Alter reden wir?“
„Ab fünfzig aufwärts“, preschte Emma weiter vor und ignorierte Doris’ offensichtliches Entsetzen. „Sagen Sie stopp.“
„Stopp“, tat Doris ihr den Gefallen und rechnete vermutlich damit, dass gleich jemand mit einer Zwangsjacke in die Küche kommen würde. Doch das verdrängte Emma. Für die Suche nach ihrem Dad würde sie weit mehr riskieren als nur dumm dazustehen.
„R“, sagte Emma. „Super. Während der Fahrt könnten Sie mir alle Junggesellen aufzählen, deren Name mit einem R beginnt.“
„R wie Roger. Da hätten wir schon einen.“
„R wie raus. Er ist nicht mein Typ.“
„Schade“, stellte Doris fest. „Dann haben Sie nie einen jungen Mann wie Roger geküsst?“
„Natürlich.“ Emma spürte Hitze in sich aufsteigen. „Aber das ist Ewigkeiten her.“
„Ist das so?“ Doris lächelte. „Tja, die liebe Vergangenheit. Hin und wieder scheint einiges Jahrzehnte zurückzuliegen und manches ist gegenwärtig, als wäre es erst vor wenigen Tagen geschehen …“

Zwei Stunden später parkte Emma ihren Käfer vor dem Pfarrhaus. Der einstöckige Steinbau wirkte nüchtern, was man von dem Mann mittleren Alters nicht sagen konnte, der in Pilotenuniform um die Ecke torkelte, als sie mit der großen Silberplatte voller Eclairs in den Händen und Doris hinter sich auf das Gebäude zuging.
„Die feiern im Gartenhäuschen“, informierte der Mann sie lallend und lüftete seine Kappe. Allerdings erst beim dritten Versuch. Die ersten beiden Male hatte er danebengegriffen. „Viel Spaß, die Damen.“ Dass Gott diesen Adam vergessen hatte, wunderte Emma nicht im Geringsten, mit deren Laune es nicht zum Besten stand. Doris hatte während der ganzen Herfahrt mit Minnie telefoniert. So toll Handys waren, jetzt verfluchte Emma die Dinger.
„Den werden wir haben, George Mason. Und nun geh lieber heim zu Josie“, forderte Doris ihn mit einem Lächeln auf. „Für heute hast du genug.“
Das war Josies Mann?
„Ja, Ma’am. Normalerweise trinke ich keinen Tropfen. Aber stellen Sie sich vor: Ich werde schon wieder Vater! Das musste ich mit Jeremy begießen.“
„Meinen Glückwunsch, George. Ist der Pfarrer in ähnlichem Zustand wie Sie?“
„Ich denke schon. Die ganze Truppe hat den Messwein ausgetrunken.“
„Wer ist die ganze Truppe?“, hakte Doris nach.
„Na der Pfarrer und ich.“ Erneut lüftete er die Kappe, bevor er in die Seitengasse bog.
„Wunderbar“, empörte sich Doris. „Wir sollten zusehen, dass wir die Eclairs abliefern und schnellstmöglich verduften.“
„Ganz Ihrer Meinung.“ Emma sah weitere Chancen schwinden. Das hatte sich angehört, als wäre tote Hose auf dieser Party. Frustriert ließ sie Doris vorausgehen, die sich besser auskannte. Schließlich standen sie vor einem Pavillon, den sie durch die windschiefe Holztür betraten, an der ein mit Tannenzweigen geschmücktes Kreuz hing.
Ein korpulenter Mann in Soutane erhob sich von einer Bierbank und wirkte ziemlich mitgenommen - allerdings nüchtern. „Doris, dich schickt der Himmel! Ich befürchtete schon, dass George zurückkommt.“
„Der Gute kann froh sein, wenn er den Weg nach Hause findet“, gab sie trocken von sich und richtete sich den Kragen ihres roten Mantels mit den Schulterpolstern. Dazu trug sie eine schwarze Hose und ein passendes Kopftuch. Soviel zu ihrer Frisur!
„Meine Herren, der Junge hat getankt wie ein Flugzeug. Doch es sei ihm vergönnt.“ Der Pfarrer fuhr sich durch das beinahe ergraute Lockenhaar. „Du bist nicht allein, wie ich sehe.“
„Emma. Sie wohnt zurzeit bei mir.“
„Eigentlich meinte ich das Gebäck.“
Wie nett! Als wäre sie Luft.
„Ach so. Das sind Eclairs. Musst du unbedingt probieren. Stellen Sie bitte alles dorthin, Emma.“ Doris deutete zum Tisch, auf dem einige Kuchen standen. „Wie geht es Annie?“
„Ausgezeichnet. Sie ist glücklicher denn je. Jack tut ihr gut und trägt sie auf Händen.“
Emma stellte das Mitgebrachte wie gewünscht auf den wackeligen Tisch. Viele Gläubige schien der Priester nicht zu haben. Kein Wunder. Wenn er mit all seinen Schäfchen so freundlich umging, dann gute Nacht.
„Dein Coffee-to-go, Jeremy“, hörte Emma plötzlich jemanden sagen und wurde von einer dunklen Ahnung beschlichen. Das klang ganz nach R wie Roger! Schnell sandte sie ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie sich hoffentlich täuschte und wandte sich um. Leider wurde sie nicht erhört. Roger ging mit einem braunen Becher auf den Pfarrer zu und widmete ihr nur einen Seitenblick. Er genügte jedoch, um heiße Wangen zu bekommen. Der Typ regte sie sowas von auf!
„Was machst du denn hier, Roger?“, erkundigte sich Doris lächelnd.
Das fragte sich Emma auch. Ebenso, welchen Typ Frau er bevorzugte. Sie entsprach ihm anscheinend nicht, sonst wäre seine Antwort anders ausgefallen. Das mit der Flasche war ein weiterer Affront gewesen und sie auf ihren Mini-Schwips anzusprechen extrem unter der Gürtellinie. Umso mehr hatte sie seinen Irrtum mit Reddy ausgekostet. Das Gesicht würde sie gerne sehen, wenn er die Wahrheit erfuhr!
„Roger hat ein Spendenkonto für uns eingerichtet.“ Jeremy klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter, bevor er ihm den Becher aus der Hand nahm.
„Ein Spendenkonto? Für wen? Die Kirche?“, wollte Doris pikiert wissen.
„Diesmal nicht“, erwiderte der Pfarrer allen Ernstes.
„Aber beim nächsten Mal, oder wie?“, regte sich Doris weiter auf.
„Du klingst angesäuert. So dick hat es die Kirche auch nicht. Woher glaubst du stammt der Spruch: Arm wie eine Kirchenmaus?“
„Sicher aus euren eigenen Reihen!“
„Da bin ich überfragt. Jedenfalls ist das Spendenkonto für einen anderen Zweck gedacht. Manchmal muss auch die Kirche zum Wohle aller den Gürtel enger schnallen.“ Jeremy deutete sich auf den Wohlstandsbauch. Doris’ Zweideutigkeit musste er auf ganzer Linie überhört haben. „Das Konto ist für das Tierheim. Roger war so nett, mich zu beraten. Obwohl ich ihn bis vor einigen Wochen am liebsten ungespitzt in den Boden gerammt oder am nächsten Galgen aufgehängt hätte. Von den geschliffenen Messern in meiner Küche will ich gar nicht erst anfangen.“
Rogers Gesicht hatte sich zusehends verdüstert.
„Umso erfreulicher, dass du einen Schritt auf ihn zugegangen bist“, lobte Doris den Pfarrer. „Also hat meine Beichte Früchte getragen?“
Jeremy trank einen Schluck Kaffee. „Oh, der Monolog über Roger war eine Beichte? Tja, es ist so“, zog er seine Worte in die Länge, „die Sache mit Trish spricht sich langsam rum.“
Doris griff sich erschrocken an die Brust. „Du liebe Zeit, wie konnte das geschehen? Dabei bist du eklatant verschwiegen.“ Der Pfarrer nickte bedächtig und machte eine zufriedene Miene wie ein Cowboy, der in den Sonnenuntergang ritt.
„Darf man fragen, worüber ihr sprecht?“, wandte sich Roger an sie. „Hast du irgendetwas herumerzählt, Doris?“ Auch der letzte im Raum schien endlich zu kapieren, dass dem so war. Doris hatte geplaudert. Und wie. Allerdings wäre das Worüber noch interessanter gewesen.
„Ich bin nur zur Beichte gegangen“, verteidigte sich Doris halbherzig.
„Und ich verschwiegen, wie du weißt. Beichtgeheimnis. Es muss uns jemand belauscht haben.“ Der Pfarrer - der scheinbar lügen konnte wie gedruckt - hob den Becher in Rogers Richtung. „Du bist in Ordnung, Sanders. Das müssen wir nur den anderen verklickern. Aber das wird dauern. Wieso hast du das mit Trish eigentlich nicht gleich erzählt?“
Roger zögerte. Als kämpfe er mit sich, ob er sauer oder erleichtert sein sollte über Doris’ Einmischen. „Hättet ihr mir denn geglaubt?“
„Natürlich nicht“, antwortete Jeremy und schielte auf die Eclairs.
„Siehst du.“ Rogers Bitterkeit war nicht zu überhören und fast tat er Emma leid. Bis er sie in Augenschein nahm. Mit einem Blick, als hätte der Cowboy soeben umgedreht. Inklusive Colt in der Hand. „Vielen Dank, dass du dir selbst eine Meinung über mich bildest, Jeremy. Es soll ja Menschen geben, die lieber nachplappern was andere sagen.“
Emma tastete sich über den Dutt und kochte innerlich, denn im Gegensatz zum Pfarrer erkannte sie eine Anspielung, wenn ihr eine begegnete. „Wie bitte? Ohne die Fürsprache von Doris - ich sage nur Beichte - würden Sie jetzt tatsächlich am Galgen baumeln.“
„Unser Pfarrer ist keiner von der brutalen Sorte“, ereiferte sich Roger. „Das war lediglich eine Metapher.“
„Die er sicher tausendmal in Gedanken durchgespielt hat.“
„Woher wissen Sie das, Emma?“, war Jeremy baff.
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