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VERMISST

DIE WAHRHEIT IST DER BESTE KRIMI

KLAUS PÜSCHEL/ BETTINA MITTELACHER


Vermisst Ein Mensch verschwindet, und es bleiben nur Fragen

Versenkt in einem Grab aus Stein

Leichenteile im Beton

Jahrzehnte auf der Suche

Suche nach Vermissten oder Toten Der Mordfall Khashoggi oder: Ein sehr böser Rechtsmediziner

Der lebendige Tote

Wasserleichen

Ausgelöscht und abgetaucht

Faszination Spürhunde

Weggespült im Paradies

IDKO – Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts

Der Junge, der unsichtbar wurde

Vermisste Kinder

Der lange Schatten des Krieges

Langzeitvermisste

Verschollen im Totenwald

Identifikation

Nachwort und Danksagung

Impressum

Vermisst Ein Mensch verschwindet, und es bleiben nur Fragen

Da ist ein Kerker, in dem ein Kind eingesperrt ist und verzweifelt weint und nach seinen Eltern ruft. Wir stellen uns einen Wald vor, in dem sich ein Mädchen verirrt hat und völlig erschöpft im Schatten eines Baumes zusammensackt. Oder es stürzt in ein Gewässer und verschwindet darin. Wir sorgen uns um unseren alten, dementen, kranken Verwandten, der vielleicht orientierungslos durch die Gegend irrt. Der nicht nach Hause findet, stürzt, bewusstlos wird und stirbt. Wir sehen vor unserem geistigen Auge einen Pistolenlauf, auf den der Bruder starrt und in Panik die tödliche Kugel erwartet. Wir malen uns einen fensterlosen Raum aus, in dem eine Frau als Geisel gefangen gehalten wird, ohne Essen und Trinken, angekettet.

Unsere Fantasie entwirft die schlimmsten Szenarien, wenn ein geliebter Mensch plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung verschwindet. Wenn wir nicht wissen, was ihm widerfahren ist, ob und wie sehr er leidet. Wenn wir im Ungewissen bleiben, in angespannter, zermürbender Wartestellung, vielleicht über Wochen, Monate, Jahre. Für immer?

Vermisst …

Opfer sind nicht nur die Eingeschlossenen, die Verschollenen oder die Menschen in den Gräbern. Opfer sind auch die anderen, die zurückbleiben und ihre Angehörigen oder Freunde vermissen. Die lange im Unklaren ausharren müssen und vielleicht niemals Gewissheit bekommen. Warten kann zermürben und zerstören. Warten zu müssen kann unerträglich werden, wie ein tiefer, alles verschlingender Abgrund. Wir denken an den letzten Blick, den wir mit diesem Menschen getauscht haben. Die letzten Worte. War der letzte Moment ein Streit? Wie war es genau, bevor plötzlich alles abriss?

Wie in einer Endlosschleife verfolgt uns dieser allerletzte Moment, da wir unseren geliebten Menschen gesehen haben. Haben wir alles richtig gemacht? Waren wir unfreundlich? Haben wir ihn womöglich vertrieben? Sind wir schuld daran, dass er nicht mehr da ist? Haben wir nicht genug aufgepasst?

Es sind diese Fragen, die uns quälen, wenn der Partner, der Angehörige plötzlich verschwunden ist und vermisst wird. Seit Tagen, Monaten oder auch Jahren. Manchmal ist es fast schon eine Ewigkeit her, gefühlt ein ganzes Menschenleben. Aber auch schon wenige Stunden können sich scheinbar unendlich strecken, wenn Angst uns die Kehle zuschnürt.

Vermisst – ein Thema mit vielen Facetten. Manchmal stellt sich alles als völlig banal heraus. Jemand hat vergessen, sich abzumelden, hat den Zug verpasst, hat eine Autopanne, hat vergessen zu telefonieren und taucht nach kurzer Zeit wohlbehalten wieder auf. Manchmal braucht man einfach etwas Geduld. Es gibt viele Erklärungen dafür, dass eine Person irgendwo irgendwie aufgehalten wird und die Zeit vergisst. Dass sie einfach nicht Bescheid sagt.

Manchmal sind die Umstände beunruhigend, mitunter tragisch. Die Person hat einen schweren Unfall gehabt und liegt bewusstlos im Krankenhaus. Sie hatte keine Papiere bei sich, man konnte sie nicht identifizieren.

In anderen Fällen gibt es eine komplizierte Vorgeschichte, einen komplexen Hintergrund. Die Pläne des anderen sind den Angehörigen aber nicht bewusst. Dabei kann es sich um ein absichtliches Wegbleiben handeln, um einen Rückzug aus der gewohnten Umgebung, eine Auszeit, um den Beginn eines „neuen Lebens“ an einem anderen Ort, wobei alle Brücken kommentarlos abgebrochen wurden. Manchmal, findet man später heraus, hat dieser Mensch auch vorher schon ein Doppelleben geführt. Und jetzt lebt er an einem anderen Ort, in einer neuen Umgebung – glücklicher als zuvor? Auch diese Vorstellung zehrt an den Nerven.

Oder der Hintergrund einer Flucht ist kriminell, eine Person ist geflohen, etwa um sich der Strafverfolgung zu entziehen, eventuell auch um sich aus einer belastenden Umgebung mit Ärger, Stress, Schulden und Vorwürfen zurückzuziehen. Es kann sich um einen Versicherungsbetrug handeln, um eine Lebensversicherungssumme zu kassieren, wenn ein Mensch verschwindet und dann für tot erklärt wird.

Es kann aber ebenso eine dramatische Entführung gegeben haben, mit anschließender Erpressung und Lösegeldforderung. Oder es handelt sich um einen Mord, vielleicht auch um einen Mord ohne Leiche, damit es keine Spuren mehr gibt.

Ein weiteres Mal gilt die immer wieder zitierte Erfahrung der Rechtsmedizin: „Es gibt nichts, was es nicht gibt …“

Weil das Phänomen so vielschichtig ist, wird es manchmal überbewertet. Oder umgekehrt werden bedrohliche Umstände und Signale überhaupt nicht wahrgenommen. Manchmal wird die Situation zu Unrecht extrem unterschätzt und zu wenig ernst genommen.

Für die Polizei ist es keine leichte Aufgabe, hier eine angemessen professionelle und im Hinblick auf die betroffenen Angehörigen emotional verständnisvolle Herangehensweise zu praktizieren. Manchmal wird jemand mit großem Aufwand fieberhaft gesucht, er hat sich aber nur gedankenlos nicht ordnungsgemäß verabschiedet und taucht völlig unbehelligt wieder auf. Auf der anderen Seite wartet die Polizei zuweilen sehr lange mit Suchmaßnahmen, wiegelt ab, tut zunächst nichts oder nur wenig, obwohl es um Leben und Tod geht oder ein Tötungsdelikt bereits vollendet ist.

Die Erfahrung mit zahlreichen zum Teil bizarren rechtsmedizinischen Fällen führt zu dem eindringlichen Rat, jede Vermisstensache standardisiert und hoch professionell anzugehen. Dies ist in den neuen Konzepten der Kriminalpolizei auch ausdrücklich so vorgesehen. Selbst wenn man weiß, dass mehr als neunzig Prozent der Vermisstensachen letztlich harmlos ablaufen, eine einfache Erklärung finden und ein glückliches Ende nehmen.

Zur Vorgehensweise bei Vermisstensachen hat die Kriminalpolizei speziell in neuerer Zeit Leitlinien und Standards entwickelt, die bei konsequenter Anwendung eine neue Dimension der Sachbearbeitung erwarten lassen. Der im Folgenden referierte Maßnahmenkatalog lehnt sich speziell auch an Aspekte an, die von der Hamburger Kriminalpolizei ausgearbeitet wurden. Die aufgeführten Maßnahmen sind nicht abschließend zu betrachten; ihre Reihenfolge ist dem gegebenen Sachverhalt anzupassen. Für unseren Zusammenhang werden hier nur besonders herausragende Aspekte dargestellt:

•Verifizierung der Personenbeschreibung (Narben, Tätowierung, Schmuck und so weiter; Biometrie)

•Vernehmung des Anzeigenden sowie von wichtigen Zeugen, zum Beispiel im Hinblick auf besondere Umstände wie finanzielle Situation, Krankheit, eventuell notwendige Medikamente, Drogenabhängigkeit, familiäre Ereignisse, um ein mögliches Motiv für das Verschwinden zu erkennen; bestehen spezielle Hinweise auf Eigen- oder Fremdgefährdung?

•Ermittlung des letzten Standorts der vermissten Person, insbesondere auch im Hinblick auf technische Daten (Handyortung, Telekommunikationsüberwachung, Verbindungsdaten, Funkzellendaten und Ähnliches)

•Aufsuchen der Wohnung der vermissten Person, hierbei Sicherstellung von Proben zur DNA-Untersuchung, Geruchsproben für den Einsatz von Spürhunden; Überprüfen bevorzugter Aufenthaltsorte, Garagen, Lauben, direktes Wohnumfeld

•Gegebenenfalls Öffentlichkeitsfahndung (Printmedien, Radio, Internet), insbesondere wenn Gefahr für Leib und Leben der vermissten Person zu begründen ist

•Überprüfung der finanziellen Situation; Kontoübersicht, Berücksichtigung von EC-Karten, Kreditkarten

•Je nach Ausgangssituation Einsatz eines Hubschraubers, von Tauchern, einer Hundertschaft zum Absuchen größerer, eventuell unübersichtlicher Areale

•Anfragen bei Krankenhäusern, Ärzten eventuell Hotels, Flugplätzen, Taxiunternehmen

•Durchsicht persönlicher Sachen: Aufzeichnungen, Computer, Telefon, PC; Auswertung des Routers

•Sicherung von Fingerabdrücken

•Recherchen in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram; gegebenenfalls Überprüfung von Dienstleistern wie Ebay, PayPal

•Möglicherweise Einschaltung weiterer Polizeidienststellen, der Staatsanwaltschaft und von Gerichten.

Endet die Suche nach einem vermissten Menschen damit, dass er nur noch tot aufgefunden werden kann, so ist die definitive Identifizierung durch Polizei oder Rechtsmedizin jedes Mal als ein absolut erschütternder Moment zu bezeichnen. In einem einzigen Augenblick überlagert sich die Erleichterung darüber, dass die Ungewissheit ein Ende hat, mit dem Schmerz, dass man jede Hoffnung aufgeben muss.

Man kann, was in diesem Augenblick geschieht, nur hilflos umschreiben. Immer wieder fallen Worte und Sätze wie „lähmendes Entsetzen“, „das Schlimmste, was Eltern passieren kann“, „der Schmerz hört nie auf“. Solche Äußerungen lassen den Abgrund an Gefühlen erahnen.

Jeder Betroffene verarbeitet die Situation anders: die Mutter, der Vater, der Ehepartner, die Geschwister, die Familie, die Freunde, das soziale Umfeld. Gleiches gilt für die ermittelnden Polizeibeamten, die Rechtsmediziner, die Journalisten, die über solche Fälle berichten, und für alle auf andere Weise Involvierten.

Für die Polizei bedeutet das Verschwinden eines Menschen Dauerstress. Vieles muss jetzt ganz schnell und gleichzeitig organisiert werden, Spurensuche, Ermittlungen, Suchtrupps, Spürhunde. Am Anfang scheint es ein Wettlauf mit der Zeit zu sein. Später fragt man sich, ob die Zeit Abstand schafft?

Nicht selten werden die betroffenen Angehörigen selbst psychisch krank. Das ist immer wieder zu beobachten. Nahe Angehörige, die in psychiatrischen Kliniken behandelt werden müssen. Die Tochter, die mehr als 3000 Gedichte über ihre verschwundene Mutter schreibt. Angehörige, die sich auf lange Reisen begeben, eventuell auch in andere Länder, wenn sie meinen, es gebe eine neue Spur …

Besonders schlimm: Gar nicht so selten gibt es auch Trittbrettfahrer, die merkwürdige Tipps geben, falsche Versprechungen machen, sich Fantasiegeschichten ausdenken. Auf krankhafte Weise suchen sie die Nähe zum Leid der Angehörigen und unternehmen einiges, um es zu vergrößern.

Eine andere zweifelhafte Personengruppe sind Menschen, die Geld verdienen wollen, indem sie das Leid der anderen ausnutzen: Detektive, Hellseher, Wahrsager, zwielichtige Gestalten, falsche Freunde.

Es kursieren Zahlen, die aufrütteln. Laut Bundeskriminalamt wurden im Jahr 2019 bundesweit 15 395 Kinder als vermisst registriert. 98 Prozent der Fälle konnten geklärt werden. Allein in einer Stadt wie Hamburg werden jährlich etwa 5500 Vermisstenvorgänge bearbeitet, darunter 70 Prozent Jugendliche, 10 Prozent Kinder und 20 Prozent Erwachsene. Meist brechen Jugendliche aus, um vor familiären Problemen zu fliehen. Sie wollen damit ein Zeichen setzen, ein Warnsignal. Manchmal steckt eine Gewalterfahrung außerhalb der Familie dahinter. Auch gibt es einen relativ hohen Anteil mehrfach vermisster Minderjähriger, sogenannte „Streuner“.

Die absolute Zahl spurlos verschwundener Kinder seit 1951 erscheint hoch: 1869 Kinder wurden vermisst gemeldet und sind nie wieder gefunden worden.

Andere Alters- und Gesundheitskonstellationen erfordern eine ähnlich dringliche Aufarbeitung. So gibt es zum Beispiel immer wieder Alte und Kranke, Desorientierte, Demente, die den Weg nach Hause nicht mehr finden und dadurch möglicherweise in Gefahr geraten.

Wir möchten an dieser Stelle in aller Kürze einige Fälle skizzieren, die das breite Spektrum der Vermisstensachen aus Sicht der kriminalistischen und rechtsmedizinischen Praxis deutlich machen.

Ein junger Mann aus Schottland will zusammen mit seinem Bruder dessen Abschied vom Junggesellendasein feiern. Man unternimmt eine Kneipentour in Hamburg, auf der der Mann plötzlich spurlos verschwindet. Mit großem Einsatz wird nach ihm gesucht, mehrfach kommt auch der Bruder erneut nach Hamburg. Die gesamte Familie und die Freunde versuchen, den Verschwundenen zu finden. Erst nach Wochen wird er entdeckt — als Wasserleiche. Es stellt sich heraus: Auf dem Rückweg von der Kneipe ins Hotel war der junge Mann in die Elbe gestürzt und ertrunken.

Besonders dramatisch ist der Fall der verschwundenen Hilal, bis heute. Die Zehnjährige wird am 27. Januar 1999 in Hamburg zuletzt gesehen, als sie sich wegen eines guten Schulzeugnisses Süßigkeiten kaufen darf. Die Polizei leitet bereits wenige Stunden nach dem mysteriösen Verschwinden eine Suche ein. Immer wieder gehen Hinweise ein, unter anderem nachdem die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ über den Fall berichtet hat. Zuletzt suchen Beamte der Ermittlungsgruppe „Cold Cases“ nach Spuren in der Vermisstensache, die bis heute ungeklärt ist.

Im Fall einer Familientragödie aus Wedel bei Hamburg hat die Polizei mehrere Tage nach der Mutter zweier kleiner Kinder gesucht. Der zwei Jahre alte Junge und seine fünfjährige Schwester sind zuvor von den Großeltern tot in ihrem Zuhause aufgefunden worden. Jemand hat sie ertränkt. Kurze Zeit später wird bekannt, dass der Vater sich von einem siebenstöckigen Haus gestürzt hat. Es stellt sich heraus, dass er der Mörder seiner Kinder ist. Drei Tote in einer Familie — ein furchtbares Drama. Aber was ist mit der Mutter der ermordeten Geschwister? Man hofft, dass zumindest die gebürtige Bolivianerin überlebt hat, dass sie einfach verreist ist. Aber würde sie dann über Tage ihr Mobiltelefon ausschalten? Der Verdacht, der mit jedem Tag ohne Lebenszeichen immer wahrscheinlicher wird: Auch die 37-Jährige ist tot. Drei Tage später wird der Leichnam der Vermissten nur wenige Meter vom Haus der Familie entfernt gefunden. Leichenspürhunde haben die Ermittler zu einem schmalen, zugewucherten Streifen neben dem Grundstück der Familie geführt, wo der übel zugerichtete Körper verscharrt war.

Persönlich besonders belastend waren die Versäumnisse von Rechtsmedizin und Polizei im Fall eines jungen Mannes, der nach einem St. Pauli-Besuch nicht mehr nach Hause kam. Die Mutter hat mehr als sieben Jahre nach ihrem Sohn gesucht, überall in Deutschland. Sie hat jede einzelne in den Medien gemeldete Vermisstensache und das Auffinden eines unbekannten Leichnams irgendwo in Deutschland gezielt überprüft, in banger Sorge, ob es sich um ihren Sohn handeln könnte.

Das schwer Bedrückende aus Sicht von Rechtsmedizin und Polizei, ein kaum verzeihlicher Fehler: Bereits sechs Wochen nach dem Verschwinden des jungen Mannes war ein fortgeschritten fäulnisveränderter Leichnam im Institut zu untersuchen. Beim Messen der Körperlänge wurde ein Übertragungsfehler gemacht, sodass die Polizei von einer falschen Körpergröße ausging und einen Zusammenhang mit dem Vermissten zunächst ausschloss. Erst Jahre später wird durch spezielle DNA-Untersuchungen und einen Abgleich in der Kartei des Bundeskriminalamts die wahre Identität des unbekannten Leichnams festgestellt. Man hätte der Mutter Jahre vergeblichen Suchens und Wartens ersparen können.

Alles in allem ist in einem Land wie Deutschland die Erfolgsquote bei der Identifizierung unbekannter Toter in der Rechtsmedizin allerdings vergleichsweise hoch; sie liegt bei über 95 Prozent. Es verbleiben letztlich nur einzelne nicht identifizierbare Leichen, die dann als „unbekannt“ erdbestattet werden.

Erwähnt sei der Reemtsma-Entführer Wolfgang Koszics, der am äußersten westlichen Ende von Europa, in Portugal, starb. Er hat sehr wahrscheinlich selber seinem Leben ein Ende gesetzt, indem er in suizidaler Absicht von einer hohen Klippe sprang. Sein Ziel war es eigentlich, vollständig zu verschwinden, er erwartete, dass der Leichnam auf den Atlantik hinausgetrieben werde. Durch besondere Strömungsverhältnisse landete der Körper allerdings in einer nahe gelegenen Meeresbucht. Immerhin dauerte es fast ein Jahr, bis die Identität des Leichnams festgestellt war.

Ähnliche Fälle gibt es immer wieder. Im Zusammenhang mit einem Suizid suchen die betreffenden Personen mitunter sehr einsame Plätze auf. Möglicherweise springen sie auch von einem Kreuzfahrtschiff in den unendlichen Ozean. Ihr Ziel ist ein Szenarium, bei dem der Leichnam vollständig von dieser Welt verschwindet.

Auch bei spektakulären Kriminalfällen ist nicht selten eine Vermisstensache inkludiert. Beispielsweise waren die vier Opfer des St. Pauli-Mörders Fritz Honka sämtlich ältere Prostituierte, die so isoliert und einsam lebten, dass sie von niemandem vermisst wurden. Ganz anders verhielt es sich bei den beiden Frauen, die der Hamburger Säuremörder getötet und in Fässern vergraben hatte. Jahrelang hatten die Fälle bei der Polizei als nicht weiter relevante Vermisstensache gegolten, weil man die Frauen im Ausland vermutete. Auch die vom sogenannten Maskenmann aus Schullandheimen entführten Kinder wurden zunächst wochenlang vermisst, weil der Mann die Körper der von ihm getöteten Jungen versteckt beziehungsweise vergraben hatte.

Speziell im Zusammenhang mit politisch motivierten Tötungen fehlt manchmal das „Beweismittel Leiche“. Erinnert sei an den Journalisten Jamal Khashoggi aus Saudi-Arabien, dessen Leichnam niemals gefunden wurde. Dennoch wurden mehrere Männer als Mörder verurteilt. Im afrikanischen Benin war im Zusammenhang mit Wahlen ein Oppositionspolitiker wochenlang verschwunden, bevor man seinen Leichnam fand, vergraben hinter der Hütte eines Voodoo-Zauberers.

Entführungen sowie das Verschwindenlassen von Personen nach ihrer Ermordung kennt man insbesondere aus dem Bereich der organisierten Kriminalität. Kriminellen Organisationen wie der Mafia werden spezielle Kenntnisse und Verfahren zugerechnet, mit denen man Tote verschwinden lassen kann. Solche Fälle von „Mord ohne Leiche“ führen häufig dazu, dass die Täter nicht zu überführen sind.

In Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen kommt es in einem großen Ausmaß zu Tötungen, Verschollenheit und Vermisstensachen. Erinnert sei zum Beispiel an die vielen Tausend Toten aus Srebrenica in Bosnien-Herzegowina, deren Körper und Überreste man immer noch sucht, um sie den Angehörigen zurückzugeben. Erinnert sei auch an die vielen Toten und Massengräber vergangener Kriege sowie aktueller kriegerischer Auseinandersetzungen, etwa in Syrien. In Ruanda wurden während des Genozids an den Tutsi eine Million Menschen innerhalb von hundert Tagen getötet. Hamburger Rechtsmediziner haben sich an der Ausgestaltung einer Gedenkstätte in Murambi am Rande des Regenwaldes beteiligt. Dabei ging es ausdrücklich nicht um die Identifikation einzelner Toter, sondern um das Wachhalten der Erinnerung an den Genozid.

Diese traurige und zugleich tröstende Wahrheit betrifft Menschen auf der ganzen Welt: Auch wenn ein geliebter Mensch vermisst bleibt — in unseren Erinnerungen ist er immer bei uns.

Versenkt in einem Grab aus Stein

Es ist tiefe Nacht, als sich eine Gestalt aus dem Dunkel des Hauseingangs schleicht. Der Mann ist schwarz gekleidet, nur seine Silhouette ist gegen den sternenlosen Himmel auszumachen. Er läuft geduckt zu einem Nebengebäude, dabei wuchtet er eine Schubkarre vor sich her. Das Rad quietscht unter dem schweren Gewicht eines massigen Körpers, der hastig und nachlässig in der Karre verstaut worden ist. Zwei Beine eines Menschen hängen schlaff über den hinteren Rand des Gefährts. Und vorne, wo der Kopf zu liegen gekommen ist, tropft unablässig Blut als schmale Spur in den lehmigen Boden des Hofes. Die finstere Gestalt setzt einen Spaten an, um ein Grab zu schaufeln — ein Grab, das niemals jemand finden soll.

Das Böse hat in ein kleines, verschlafenes Dorf Einzug gehalten.

Das Abgründige hat sich an einem Ort eingenistet, in dem bis dahin die ländliche Harmonie herrschte, die Stille. Es ist eine Gegend in Schleswig-Holstein, wo der Blick meilenweit schweifen kann, wo Tiere auf satten Weiden grasen, eine Region, in die Menschen ziehen, die Ruhe suchen. Es ist auch ein Ort, wo ein Lindenblatt ins Wappen aufgenommen wurde, als Symbol für einen Baum, dem von alters her die Kraft zugesprochen wird, das Schicksal „gelinde“ zu stimmen, also milde. Es hat nicht gefruchtet.

Denn hier, in diesem 300-Seelen-Ort in Dithmarschen, hat sich ein Verbrechen abgespielt, das in seiner Brutalität und seiner Abgebrühtheit schockiert. Es ist ein Fall, der schließlich als „Stückel-Mord“ durch die Medien geht. Lange Zeit ist die Tat unentdeckt geblieben. Es hat keine Leiche gegeben, noch nicht einmal einen ernsthaften Verdacht. Bis ein Schüler eines Tages plötzlich mitten im Unterricht aufsteht und wortlos das Klassenzimmer verlässt. Er hat es eilig. Zu lange schon hat sein Gewissen den 17-Jährigen wie eine schwere Last bedrückt. Jetzt geht er zur Polizei. Er hat sich entschlossen, das Unfassbare zu melden.

Knapp zwei Jahre zuvor, im April 2017, macht man sich im Ort noch nicht viele Gedanken, als ein einundvierzig Jahre alter Mann spurlos verschwindet. Es handelt sich um einen Fenster- und Treppenverkäufer, der seit einigen Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin und den beiden gemeinsamen Töchtern auf einem Hof in dem kleinen Ort im Kreis Steinburg lebt. Die vier halten Pferde, Schafe, Hühner und Gänse, es sieht nach dem harmonischen Landleben einer glücklichen Familie aus.

Als die Frau ihren langjährigen Bekannten Yasar S. als neuen Mitarbeiter ein Zimmer auf dem Hof beziehen lässt, ist es jedoch mit der Harmonie vorbei. Die Chefin und der 46-Jährige kennen sich von früher aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, wo sie als Prostituierte gearbeitet hat und er als Aufpasser. Offenbar schweißt die gemeinsame Vergangenheit die beiden mehr zusammen, als es dem Familienleben guttut. Der neue Mitbewohner wird nun zum Störfaktor auf dem Hof; es kommt zu Spannungen zwischen ihm und dem Gutsbesitzer. Wenn der eine der Lebensgefährte der Hausherrin ist, der andere aber nun ihr Liebhaber wird, kann das nicht gutgehen.

Und dann verliert sich Ende April 2017 von dem Familienvater jede Spur. Seine Partnerin Jessica M. bleibt gegenüber ihrem Umfeld bemerkenswert gefasst. Sie erzählt einer Nachbarin, dass ihr Mann, der gebürtige Pole Miroslav P., wohl abgehauen sei, vermutlich in sein Heimatland. Sie habe das Haus verlassen vorgefunden, als sie von einem Ausflug nach Hause gekommen sei. Alle Türen hätten offen gestanden. Etwa eine Woche später meldet die 37-Jährige ihren Lebensgefährten offiziell als vermisst.

Ahnt sie, dass es vermutlich keine aufwendigen, intensiven Suchmaßnahmen geben wird?

Wenn ein Kind oder Jugendlicher vermisst wird, wird bei der Polizei sehr zügig eine Suchaktion in die Wege geleitet, oft mit mehreren Hundertschaften. Je nach Situation werden auch Hunde, Hubschrauber und Wärmebildkameras eingesetzt. Alles wird getan, um das Kind, das vermutlich in Gefahr schwebt, möglichst schnell zu finden. Jede Stunde zählt, vielleicht sogar jede Minute.

Anders ist es bei Menschen im Erwachsenenalter. Hier wird von der Polizei nicht sofort eine Ablaufkette in Gang gesetzt mit dem Ziel, den Verschollenen zu finden. Es ist die Entscheidung eines Erwachsenen, ob er oder sie vielleicht eine Auszeit braucht, für eine Stunde — oder für ein neues Leben. In Deutschland ist es das Recht eines jeden Erwachsenen, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Er braucht diesen Ort auch nicht seinen Angehörigen oder Freunden mitzuteilen. Eine Ausnahme gilt nur dann, wenn die Person nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte ist. Oder wenn es den Verdacht gibt, derjenige könnte in Lebensgefahr sein, sei es durch einen geplanten Suizid oder weil er beispielsweise Opfer eines Unfalls geworden sein könnte.

Oder einer Straftat.

Einen solchen Hinweis, dass Miroslav P. womöglich Opfer eines Verbrechens geworden ist, bekommt die Polizei lange Zeit nicht. Denn die, die etwas darüber wissen könnten, schweigen. Einzig der vierzehn Jahre alten Tochter des vermissten Mannes gelingt es nicht, vollkommen dicht zu halten. Die Schülerin schreibt zur Zeit des Verschwindens ihres Vaters eine verklausulierte Chat-Nachricht an ihren Freund. Sie gibt ihm dabei zu verstehen, er solle jeweils nur das erste Wort in jedem Satz lesen.

Die Wörter ergeben eine verstörende Nachricht: „Heute bringen wir meinen Vater um.“

Ihr Freund hält das zunächst für einen schlechten Scherz. Wahrscheinlich will er einfach glauben, dass nichts wirklich Schlimmes geschehen sei. Weitere Erzählungen seiner Freundin über einen angeblichen Mord und eine Leiche auf dem Reiterhof behält er ebenfalls zunächst für sich. Er hat Sorge, dass er und seine Familie in Gefahr geraten könnten, wenn er seine Vermutungen der Polizei offenbaren würde.

Doch schließlich, fast zwei Jahre später, erdrückt ihn die Last der dunklen Ahnung, dass ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen ist. Sie wiegt so schwer, dass es den Jugendlichen im Schulunterricht nicht mehr auf seinem Stuhl hält, sondern zur Polizei nach Itzehoe treibt. Der Jugendliche wirkt auf die Ermittler aufgewühlt und ängstlich. Er schildert den Beamten, seine Ex-Freundin habe ihm seinerzeit erzählt, dass ihr Vater von dem neuen Liebhaber ihrer Mutter in eine Falle gelockt und getötet wurde. Der Leichnam sei in der Reithalle des Hofes zu finden. Dort soll der Körper mit Chemikalien überschüttet und verscharrt worden sein.

Im Zusammenhang mit der Aussage des Schülers gewinnt bei weiteren Ermittlungen die Beobachtung eines Mitarbeiters in einem Landhandel besondere Bedeutung. Ihm ist es merkwürdig vorgekommen, dass ein Kunde mehrere Säcke Branntkalk gekauft hat, insgesamt sind das 150 Kilo. Für eine Firma wäre das keine ungewöhnlich hohe Menge, für eine Privatperson schon. Branntkalk wird in der Bauindustrie als Beimischung zu Mörtel und Putzen verwendet. Früher nutzte man ihn zur Desinfektion von Begräbnisstätten. Und: Er hat eine geruchsbindende Wirkung.

Wofür also wurde dieser Branntkalk genutzt? Der Mann, der den erstaunlichen Kauf getätigt hat, ist Yasar S., der neue Bewohner auf dem Reiterhof — jener Mann, der vom Mitarbeiter zum engen Vertrauten der Hausherrin avanciert ist.

Die Angaben der Zeugen sorgen dafür, dass die Ermittler Yasar S. intensiver ins Visier nehmen. Am 5. März 2019 rückt die Polizei schließlich mit großer Besetzung in dem Dithmarscher Ort an. Etwa hundert Beamte sind auf dem Reiterhof im Einsatz, um dem Verdacht eines Mordes durch den 46-Jährigen auf den Grund zu gehen. Die Hamburger Rechtsmedizin unterstützt die Hausdurchsuchung vor Ort, weil die Ermittler davon ausgehen, dass wohl ein Leichnam gefunden wird. Die Ausgrabung des Körpers soll von einer Anthropologin professionell begleitet werden.

Die Polizei durchkämmt den gesamten Hof und setzt dabei unter anderem Metallsuchgeräte und speziell ausgebildete Hunde ein. Schließlich wenden sich die Ermittler gezielt einem Komplex zu, bei dem ein Leichenspürhund anschlägt und den der 17-jährige Zeuge bereits in seiner Aussage genannt hat: die Reithalle. Die Ermittler räumen das Gebäude frei, der Boden wird abgezogen und sauber gefegt. Nachdem die Staubschicht beseitigt ist, fällt etwa in der Mitte ein rechteckiger Abschnitt auf, wo der Boden festgestampft wurde. Der Bereich misst zirka zwei mal einen Meter und setzt sich farblich deutlich von der Umgebung ab.

Ein verborgenes Grab?

Zentimeter für Zentimeter wird der Boden, in dem sich große Mengen Branntkalk befinden, abgetragen. In rund 50 Zentimeter Tiefe stoßen die Ermittler auf eine körperähnliche Struktur, die entfernt an einen menschlichen Rumpf erinnert, ohne Kopf, Arme und Beine. Dieses Gebilde, das von Tampen umschnürt ist, wird immer weiter freigelegt und dann aus der Grube herausgehoben. Die Anthropologin erkennt sofort knöcherne Strukturen, vor allem Wirbel und Gelenke, die am oberen und unteren Ende des Bündels abgrenzbar sind. Dieser Befund deutet stark darauf hin, dass es sich um einen menschlichen Torso handelt. Das Gebilde wird unverzüglich nach Hamburg ins Institut für Rechtsmedizin geschafft.

Die gerichtliche Sektion bestätigt die vorläufige Einschätzung unmittelbar nach der Bergung: Es handelt sich um einen menschlichen Rumpf mit abgetrenntem Kopf, ohne Arme und Beine. Reste eines männlichen Geschlechtsteils sind noch abzugrenzen, der Penis selber fehlt; er ist abgeschnitten worden. Der Torso weist vergleichsweise zarte Schlagadern und knorpelige Rippenansätze am Brustbein auf. Anhand dieser Befunde wird das Alter des Mannes auf ungefähr dreißig bis vierzig Jahre geschätzt, was in etwa zu dem vermissten Miroslav P. passt.

Die Leichenliegezeit wird auf ein bis zwei Jahre taxiert, genauer ist das nicht einzugrenzen. Auch diese Daten würden zu dem Verdacht passen, dass es sich um den verschollenen Familienvater handelt.

Nun geht die Polizei einem weiteren Hinweis nach. Es heißt, der mutmaßliche Täter habe den Toten zunächst zwar als Ganzes in der Reithalle vergraben, ihn dann aber nach mehreren Monaten wieder freigelegt und Kopf, Gliedmaßen und Geschlechtsteil abgetrennt. Für Polizei und Rechtsmedizin stellt sich nun die Frage: Wo sind die noch fehlenden Körperteile?

Auf dem Hof ist alles gründlich abgesucht. Also könnten die Leichenteile ebenfalls eingegraben worden sein — oder in einem Gewässer versenkt. Infrage kommt beispielsweise ein Entwässerungsgraben, der hinter dem Reiterhof entlang verläuft. In Dithmarschen bezeichnet man solche Gräben als Wettern. Polizeitaucher werden eingesetzt. Sie entdecken in dem trüben Wasser der Wettern zunächst fünf Maurer-Kübel aus Plastik mit abgehärtetem Mörtel. Jeweils vier Mann sind vonnöten, um die mehr als hundert Kilogramm schweren Blöcke zu bergen.

So massiv der Mörtel auch ist: Die Röntgenstrahlen einer speziellen mobilen Anlage des Hamburger Zolls durchdringen auch die härteste Masse und verraten Verborgenes: Es sind tatsächlich darin einbetonierte Leichenteile zu erkennen.

Die Einsatzkräfte beschließen nach Rücksprache mit der Rechtsmedizin, die Betonblöcke mit schwerem Gerät aufzubrechen. Arme und Beine kommen in mehreren Teilstücken zum Vorschein, aber noch fehlt ein Oberschenkel. Vom Kopf gibt es ebenfalls keine Spur. Ihn zu finden, ist besonders wichtig. Oft lässt sich bei einer rechtsmedizinischen Untersuchung gerade hier die Todesursache feststellen.

Erneut steigen die Polizeitaucher in den Entwässerungsgraben und finden dort die sechste und letzte mit Mörtel ausgefüllte Wanne. Der Inhalt wird durchleuchtet, die Bilder werden dem Leiter der Hamburger Rechtsmedizin gemailt. Er erkennt eindeutig die Strukturen eines menschlichen Oberschenkels sowie eines Kopfes. Und im Schädel stecken zwei metalldichte Fremdkörper, sehr wahrscheinlich sind es Projektile. Diese Erkenntnisse reichen für Haftbefehle gegen den verdächtigen 46-Jährigen sowie gegen die frühere Lebensgefährtin des Opfers.

Auch diesen letzten Betonblock pickert die Polizei nun auf und sichert die restlichen Leichenteile. Alle Partien des Körpers, die jetzt gefunden sind, werden in die Hamburger Rechtsmedizin gebracht und hier einer Sektion unterzogen. Die forensischen Experten stellen fest, dass kein Körperteil mehr fehlt. Alle Abtrennungsstellen lassen sich passgenau zusammenfügen, wie bei einem Puzzle.

Die Untersuchung ergibt, dass einzelne Gliedmaßen mit unterschiedlichen Werkzeugen abgetrennt wurden. Der Täter hat Messer, Beil und Säge für sein mörderisches Handwerk verwendet. Das Geschlechtsteil ist separat glatt abgetrennt worden. Das führt zu der Frage, ob sich daraus ein Hinweis auf die Motivlage ablesen lässt. Doch eine sexuelle Motivation wird später vom mutmaßlichen Täter bestritten. Er behauptet, der Penis sei zufällig isoliert und nebenbei abgeschnitten worden.

Schon während der Obduktion ergeben sich eindeutige Hinweise, dass es sich bei dem Leichnam tatsächlich um den als vermisst gemeldeten 41-Jährigen vom Reiterhof handelt. Den Ausschlag geben sehr spezielle Tätowierungen, die an dem Körper gefunden werden, unter anderem ein Clownsgesicht. Außerdem stimmt der Zahnstatus mit den Daten überein, die von Miroslav P.s Gebiss vorliegen. Ferner kann durch die Sektionstechnik und durch Bildgebungsmaßnahmen mittels Computertomografie an den einzelnen Leichenteilen klar nachgewiesen werden, in welcher Weise die Leiche zerstückelt wurde.

Als Todesursache stellen die Rechtsmediziner zwei Kopfschüsse fest; einer davon traf das Opfer in den Hinterkopf, der andere rechts am Scheitel. Die deformierten Projektile stecken noch im Schädelinneren. Auch die Reihenfolge der Schüsse — zuerst der in den Hinterkopf — können die Experten eindeutig festlegen. Dabei hilft die sogenannte Puppe’sche Regel: Der Schädel wird durch die Deformationswirkung des ersten Projektils sternförmig aufgesprengt. Der zweite Schuss ruft weitere Schädelbruchlinien hervor, die an den zuvor entstandenen Bruchlinien enden.

Solche Erkenntnisse sind wichtig für die Rekonstruktion der Tat. Hier ist davon auszugehen, dass das Opfer aufrecht saß oder stand, als die erste Kugel aus nahezu horizontaler Position von hinten auf den Mann abgefeuert wurde. Das würde für ein heimtückisch begangenes Verbrechen sprechen: Mord. Beim zweiten Schuss, der den 41-Jährigen in die hintere Scheitelregion traf, war er bereits halb zu Boden gesunken. Das Sektionsergebnis belegt, dass jeder der beiden Schüsse für sich genommen tödlich war.

Ein Kapitalverbrechen also, für das die Täter zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Wie hätte sich der Fall aber wohl entwickelt, wenn die Tochter des Opfers sich nicht ihrem Freund offenbart hätte? Wenn dieser nicht später zur Polizei gegangen wäre? Nur routinemäßig durchgeführte, relativ oberflächliche Ermittlungen der Polizei hätten keinen Fingerzeig für einen Mord gegeben. Die Legende, dass der Mann einfach vermisst und spurlos verschwunden sei, wahrscheinlich zurück in sein Heimatland, hätte wohl funktioniert. Die Wahrheit wäre geschickt vertuscht worden.

So aber, mit den Indizien aus dem Bekenntnis der Tochter, der Aussage ihres Freundes sowie aus den weiteren Ermittlungen kann im August 2019 vor dem Landgericht Itzehoe der Mordprozess gegen das verdächtige Paar beginnen. Die Staatsanwaltschaft wirft Yasar S. und seiner Freundin Jessica M. vor, den früheren Lebensgefährten der Frau heimtückisch getötet zu haben. Laut Anklage lockte die 37-Jährige ihren damaligen Partner in ein Kinderzimmer des Reiterhofs. Dort soll Yasar S. das Opfer aus einem Hinterhalt heraus niedergeschossen haben. Um das Verbrechen zu verschleiern, haben die Täter den Toten zerstückelt und die Leichenteile einbetoniert, heißt es in den Vorwürfen weiter.

Der Angeklagte Yasar S. ist ein Mann, der sich sein ganzes Erwachsenenleben über mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hat. Er ist vorbestraft, unter anderem wegen Drogendelikten und gefährlicher Körperverletzung. Neben dem eher fülligen Mann auf der Anklagebank wirkt seine mutmaßliche Komplizin zierlich. Das Haar trägt die Frau schulterlang, ihr Gesicht ist blass. Ebenso wie der männliche Angeklagte schweigt sie zum Prozessauftakt zu den Vorwürfen. Wie mag die 37-Jährige sich fühlen gegenüber ihren beiden Töchtern, die auch die Kinder des Opfers sind? Beide, die mittlerweile 16-Jährige und ihre acht Jahre alte Schwester, sind Nebenklägerinnen in dem Verfahren.

Am zweiten Verhandlungstag sagt jener Schüler als Zeuge aus, dessen Gang zur Polizei zum Initialzünder für die Ermittlungen geworden war. Der Zeuge, so heißt es, habe so lange geschwiegen, um sich und seine Familie nicht zu gefährden — und um seine damalige Freundin nicht zu belasten. Denn auch sie scheint in das Verbrechen verwickelt zu sein. Der junge Mann wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehört. Doch so viel wird hinterher von seiner Aussage berichtet: Seine frühere Freundin habe ihm von dem Verbrechen erzählt. Sie habe geschildert, dass sie zusammen mit der Mutter den Vater in den Raum gelockt habe, wo er dann von Yasar S. erschossen wurde.

Auch weitere Zeugen belasten die beiden Angeklagten zum Teil erheblich. Vor allem für Yasar S. wird es im Laufe der Beweisaufnahme eng. Da ist beispielsweise ein Mann, der mit dem 46-Jährigen gemeinsam in Untersuchungshaft saß und der jetzt als Zeuge schildert, der Angeklagte habe ihm gegenüber den Mord an seinem Nebenbuhler gestanden. Demnach hat Yasar S. zwei Mal aus nächster Nähe auf Miroslav P. geschossen und ihn so getötet. Er habe den Lebensgefährten der 37-Jährigen umgebracht, weil der gewalttätig gegenüber der Frau gewesen sei. Jessica M. habe sich vorher nicht von dem Vater ihrer Töchter trennen wollen. Weder die Mitangeklagte noch die Tochter hätten etwas mit dem Verbrechen zu tun, soll Yasar S. beteuert haben.

Die Leiche habe er vergraben, dann schließlich wieder ausgebuddelt, zerteilt und „stückweise“ einbetoniert. Zu diesem Schritt habe Yasar S. sich entschlossen, weil der Verwesungsgeruch aus der ersten, vorläufigen Grube zu penetrant gewesen sei.

Vielleicht ist es diese belastende Aussage, die den Angeklagten Yasar S. zum Ende des Prozesses im Januar 2020 dazu bringt, nach langem Schweigen doch noch selber das Wort zu ergreifen. Es ist der 19. Verhandlungstag, als er die tödlichen Schüsse auf seinen Nebenbuhler vor Gericht einräumt. Es sei aber kein Mord gewesen, insistiert der Angeklagte. Er will es eher als Notwehrhandlung verstanden wissen. Demnach habe er gemeinsam mit Miroslav P. Drogen konsumiert — es wäre eine seltene und erstaunliche Eintracht der beiden Kontrahenten gewesen. Plötzlich habe die Tochter des Hausherrn sie bei ihrem illegalen Tun überrascht, erzählt der Angeklagte weiter. Nun sei ihr Vater durchgedreht. Miroslav P. soll erst die Tochter, dann auch Yasar S. körperlich angegriffen und zudem eine Pistole gezogen haben. Daraufhin, so der Angeklagte, habe er den 41-Jährigen erschossen.

Mit einer Schubkarre habe er den Toten noch in derselben Nacht in die Reithalle geschafft und den Leichnam zunächst nur notdürftig vergraben. Später habe er den Körper wieder ausgebuddelt, weil „ein unangenehmer Geruch“ aufgestiegen sei. Dass er beim anschließenden Zerteilen des Toten auch dessen Geschlechtsteil abtrennte, sei „versehentlich“ passiert. Seine Freundin, beteuert der frühere Bordellaufpasser, sei insgesamt an der Tat nicht beteiligt. Sie soll noch nicht einmal auf dem Gelände gewesen sein, als der Vater ihrer Kinder starb.

Überzeugend wirkt diese Version jedenfalls nicht auf die Staatsanwaltschaft. Sie beantragt lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mordes — für beide Angeklagten. Für Yasar S. solle das Gericht darüber hinaus die besondere Schwere der Schuld feststellen, fordert der Ankläger. Das würde eine vorzeitige Entlassung nach fünfzehn Jahren, die bei einem Urteil „lebenslänglich“ unter günstigen Umständen möglich wäre, praktisch ausschließen. Die Verteidigung von Yasar S. plädiert dagegen auf Totschlag für ihren Mandanten, auch weil der mittlerweile 47-Jährige zur Tatzeit unter Drogeneinfluss gestanden habe und deshalb vermindert schuldfähig gewesen sei. Die Anwältin der Frau fordert für ihre Mandantin Freispruch. Eine Mitschuld an der Tötung ihres Lebensgefährten sei der Angeklagten nicht nachzuweisen, argumentiert die Verteidigerin.

Das Gericht verurteilt schließlich beide, Yasar S. und seine Freundin Jessica M., wegen Mordes. Das bedeutet lebenslange Haft. Insbesondere für die zweifache Mutter mag die Entscheidung überraschend gewesen sein. Knapp zwei Monate zuvor war noch der Haftbefehl gegen sie aufgehoben und die Frau aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen worden. Jetzt muss sie wieder hinter Gitter. Vor allem aber hat sich durch die Beweisaufnahme die Situation für die ältere Tochter des Opfers erheblich geändert: Nachdem sie über weite Teile der Hauptverhandlung als Nebenklägerin im Prozess gesessen hat, gilt die 16-Jährige mittlerweile als dringend verdächtig, an dem mörderischen Komplott beteiligt gewesen zu sein. Sie muss sich in einem gesonderten Verfahren vor dem Jugendgericht verantworten.

Im Urteil gegen Yasar S. und seine Geliebte sieht das Gericht es als erwiesen an, dass die Angeklagten den Mord an dem Lebensgefährten von Jessica M. gemeinsam geplant haben. Ein entscheidendes Detail der Beweisführung sei der Jugendliche gewesen, der sich der Polizei offenbart und den Fall damit erst ins Rollen gebracht hatte, erklärt die Vorsitzende. Sie lobt die Zivilcourage des Schülers.

Nach Überzeugung der Kammer wurde dem Opfer Miroslav P. die neue Liebesbeziehung seiner Lebensgefährtin zum Verhängnis. Aus der Beweisaufnahme mit allen Zeugenaussagen, mit der Auswertung von Handy-Daten sowie weiterer Indizien fügt sich für das Gericht folgendes Bild zusammen: Die Hausherrin auf dem Resthof ist schon länger mit ihrem Lebensgefährten Miroslav P. unzufrieden gewesen, weil dieser Drogen konsumiert hat und immer mal wieder für Tage ins Hamburger Milieu abgetaucht ist. Außerdem ist der 41-Jährige offenbar zweimal gegenüber seiner Freundin handgreiflich geworden, wobei sie leichte Verletzungen erlitten hat. Darüber hinaus hat es bei dem Paar wiederholt Streit gegeben, wie sich beide ihr zukünftiges Leben vorstellen. Die Mutter geht vollkommen im Landleben auf und will unbedingt in ihrem dörflichen Zuhause bleiben. Miroslav P. dagegen, der den Erwerb des Hofes im Wesentlichen finanziert hatte, hat gedroht, das Anwesen wieder verkaufen zu wollen.

Wegen dieser massiven Differenzen ist die 37-Jährige empfänglich für den Vorschlag ihres Liebhabers Yasar S., ihren lästig gewordenen Lebensgefährten gemeinsam in eine Falle zu locken und zu töten. Ihre ältere Tochter lässt sich offenbar in den Plan einspannen, weil die Jugendliche die Mutter vor etwaigen weiteren Übergriffen durch den Vater schützen wolle, heißt es. Und Yasar S. wiederum ist erpicht darauf, seine Stellung auf dem Hof auszubauen — zum neuen Hausherrn und als offizieller Lebenspartner der Chefin. Deshalb will er Miroslav P. aus dem Weg räumen, endgültig.

Der Familienvater ist vollkommen ahnungslos, als er am Nachmittag des 21. April 2017 in das Kinderzimmer seiner Tochter gerufen wird. Er vermutet nicht, dass jemand in der engen Nische neben dem Schrank versteckt auf ihn wartet, eine Waffe im Anschlag. Der erste Schuss, von hinten in den Kopf, trifft das Opfer gänzlich unvorbereitet. Die zweite Kugel wird unmittelbar danach abgefeuert. Beide Schüsse verursachen tödliche Verletzungen. Noch in der Nacht wird der Leichnam in die Reithalle geschafft und dort vergraben. Damit der Körper möglichst schnell verwest, wird er mit Chemikalien behandelt. Es ist jener Branntkalk, von dem Yasar S. so große Mengen besorgt hatte.

Nachdem die Leiche nun unter der Erde ist, scheint für Yasar S. ein Leben als Gutsbesitzer deutlich näher gerückt zu sein. An seine Mutter schickt er Videos, in denen er mit „unser Hof“ und „unsere Tiere“ prahlt. Im Ort allerdings wollen Jessica M. und ihr Mitbewohner ihre Liaison weiterhin geheim halten. Er nennt sie Bekannten gegenüber „Chefin“, sie spricht von ihrem „Untermieter“. Vor allem die Frau scheint noch lange nach dem „Verschwinden“ des Vaters ihrer Töchter abgeneigt, das Verhältnis publik zu machen. Zwar sei die 37-Jährige ihres Lebensgefährten „überdrüssig“ gewesen, so das Gericht. Sie habe ihn loswerden wollen. Allerdings habe sie in ihrem neuen Liebhaber Yasar S. lediglich „eher eine körperliche Affäre“ gesehen. Ihr neuer Partner habe indes die Rolle des Lebensgefährten übernehmen wollen. „Er wollte quasi in die Existenz des Opfers schlüpfen“, sagt die Richterin.

Vermisst, verschwunden — und irgendwann auch vergessen? Die Rechnung von Yasar S., die Existenz eines lästig gewordenen Menschen auszulöschen, ist nicht aufgegangen. Es braucht mehr als ein paar Chemikalien, ein relativ cleveres Versteck für die Leiche und eine zu allem bereite Komplizin, um mit einem Mord durchzukommen. Das ist eine der Wahrheiten, die dieses Verbrechen zeigt.

Eine andere ist: Dunkle Geheimnisse gibt es auch in einer scheinbaren Idylle. Das Böse — es kann überall lauern.

Leichenteile im Beton

Bei der Suche nach einer vermissten Person beziehungsweise nach Leichenteilen kommt es gelegentlich vor, dass Wände, zugemauerte Bereiche, ein Fundament oder Zementblöcke untersucht werden müssen. Sofern es sich um räumlich begrenzte Strukturen handelt, steht hierfür eine besondere Technik zur Verfügung.

Bei dem ScanVan 8585 handelt es sich um ein mobiles Röntgenprüfsystem auf einem selbst angetriebenen Fahrzeug mit spezieller Innenausstattung. Darin integriert befindet sich das Röntgenprüfsystem HI-SCAN 8585. Ein leistungsstarker Förderer mit Motorantrieb auf der Eingangsseite und ein hochbelastbares Rollenband auf der Ausgangsseite gewährleisten, dass sich die zu prüfenden Objekte schnell und einfach be- und entladen lassen. Mit dem System können Gegenstände mit einer Maximalgröße von 850 x 850 Millimeter und einem Gesamtgewicht von 250 Kilogramm durchleuchtet werden. Das Röntgengerät arbeitet mit 160 Kilowatt. Der Röntgenstrahl ist in der Lage, bis zu 31 Millimeter Stahl zu durchdringen. Derartige Geräte werden beispielsweise für Security Screenings im Arbeitsbereich von Polizei und Zoll verwendet.

Das Gerät misst die Dichte der Objekte, wobei keine Stofferkennung stattfindet. Je nach Dichte werden die Objekte in unterschiedlichen Farben dargestellt, die Rückschlüsse auf das Material zulassen (organische Objekte = orange; anorganische Objekte, zum Beispiel Metalle = blau; Kunststoffe, Knochen, Elfenbein, Glas, Keramik, Lacke, Salze — wie zum Beispiel Pyrotechnik — oder Heroin = grün). Je größer die Dichte eines Objekts, desto intensiver und dunkler die Farbe.

In dem Fall Yasar S. konnten in allen Zementblöcken mittels des Systems röntgendichte Strukturen identifiziert werden. Im zuletzt geborgenen Block ließ sich die Struktur eines menschlichen Schädels erkennen.

Auch dem Hamburger Hauptzollamt steht ein ScanVan 8585 zur Verfügung. Das Fahrzeug wurde in diesem Fall erstmals an einem Fundort außerhalb des Zollgebiets eingesetzt. Das Verfahren hat sich als außerordentlich wertvoll erwiesen, es kommt bei ähnlichen Fragestellungen immer wieder zum Einsatz. Man kann mit dieser Technik eine Reihe von Objekten gut durchleuchten, etwa Fässer, Kisten, Koffer und Ähnliches.

Jahrzehnte auf der Suche

„Mama, ich fahre noch auf einen Sprung weg.“ So ein Satz, fröhlich von der Haustür aus gerufen, kann eine wunderbare Leichtigkeit haben. Die Worte klingen nach Freude, nach Unbeschwertheit. Doch sie können etwas Dunkles bekommen, etwas Zermürbendes, Zerstörerisches – wenn es die letzten Worte sind, die eine Mutter von ihrem Kind hört. Wenn es danach nie wieder ein Lebenszeichen gibt.

Weit mehr als vier Jahrzehnte liegt es nun zurück, dass Inge B. die Stimme ihrer damals 16-jährigen Tochter Anja vernahm. Seit damals sucht die verzweifelte Frau nach ihrer verschollenen Tochter. Es ist ihr Lebensinhalt geworden, bis heute.

Es ist die Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1977, als Anja B. verschwindet, spurlos. Seitdem ist für ihre Familie nichts mehr, wie es war, alles ist überschattet von dem Verlust. Und was fast noch schwerer wiegt, ist die Ungewissheit, was mit der Tochter geschah. Ob sie verschleppt und unter Drogen gesetzt wurde, ob sie irgendwo im Ausland unter Zwang festgehalten wurde? Ob jemand sie getötet und ihren Leichnam irgendwo vergraben oder versenkt hat? Nur eins ist für Inge B. vollkommen sicher: Einfach so wäre ihre Tochter nicht abgehauen und verschwunden. Niemals, das glaubt die Mutter ganz fest, hätte Anja das ihrer Familie angetan.

Wer erleben muss, wie ein geliebter Mensch plötzlich aus seinem Leben gerissen wird, mit ungeklärtem Schicksal, kommt nie mehr wirklich zur Ruhe. Es gibt nichts, womit man sich abfinden und abschließen kann. Wie ein dunkler, alles verschlingender Strudel bleibt die Frage: Was ist passiert, musste die vermisste Tochter, der Bruder, der Ehemann leiden? Es gibt kein Grab, an dem man trauern kann. Und es gibt keinen Abschluss, nie.

Das Verschwinden der 16-jährigen Anja B. ist ein trauriger und dramatischer Schicksalsschlag, der ihre Familie erschüttert. Man kann den Fall als Auftakt zu einer Verbrechensserie werten, die später als „Disco-Morde“ bezeichnet werden wird. Denn Anjas Spur verliert sich, nachdem die Realschülerin, die in einem kleinen Ort bei Cuxhaven lebt, eine Diskothek in der Nähe besuchte. Neun Monate, nachdem die Schülerin zuletzt gesehen wurde, verschwindet eine 18-Jährige, ebenfalls nach einem Discobesuch. Ein Dreivierteljahr später ist eine weitere 18-Jährige unauffindbar, wieder nachdem sie sich in einer Diskothek aufgehalten hat. Es folgen weitere ungeklärte Fälle, alle im Großraum Cuxhaven und Bremen. Erst zehn Jahre später, 1987, reißt die Serie, falls es sich um eine handelt, ab. Das Schicksal der jungen Frauen wird nie geklärt, ein Täter nie gefunden.

Es ist eine dieser Verbrechensserien, die neben den betroffenen Familien auch die Polizei nicht zur Ruhe kommen lassen. Es gibt Ermittler, die sich vor mehr als vierzig Jahren unendlich viele Stunden in den Fall verbissen haben und denen die Geschichte der verschwundenen jungen Frauen nie aus dem Sinn gegangen ist, bis weit über ihre Pensionierung hinaus, bis heute. Und da sind die Polizisten, die jetzt dran sind an dem Fall, die dafür sorgen wollen, dass dieser Cold Case abgeschlossen wird — damit es Gewissheit gibt für die Hinterbliebenen. Vielleicht wird sogar noch ein Täter ermittelt, der dann verurteilt wird. Denn Mord verjährt nie.

Anja B.s Mutter Inge ist heute Anfang achtzig, ein gesegnetes Alter, könnte man meinen. Und wer die Frau in ihrem Zuhause am Rand des kleinen Ortes bei Cuxhaven besucht, erlebt einen Menschen, der so viel jünger wirkt, als es der Personalausweis dokumentiert: aufrechte Haltung, kaum Falten, lebhafte Augen. Das adrette Haus und den üppig bepflanzten Garten versorgt sie noch fast vollständig allein. Ihre Stimme ist fest, die Worte sind klar. Doch wer ihr zuhört, spürt sofort, dass Inge B. auch in ihrem neunten Lebensjahrzehnt nicht zur Ruhe gekommen ist. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Anja denke“, erzählt Inge B. „Einen Abschluss kann ich nie finden. Jeden Abend gehe ich mit dem Gedanken an meine verschwundene Tochter ins Bett.“

Vor einigen Jahren hat sie aufgeschrieben, wie sie die Zeit erlebt hat, nachdem Anja spurlos verschwunden ist. Es ist ein eindringliches Dokument der Erinnerung, in dem aus jeder Zeile Sorge spricht und Kummer. Auf der Titelseite prangt ein Foto von Anja, einer hübschen jungen Frau mit graublauen Augen, die dunklen Haare zum Mittelscheitel frisiert, mit silberner Kette um den Hals und braver weißer Bluse. Den Blick hat Anja auf dem Foto am Betrachter vorbei gerichtet, vielleicht schweift er in die Ferne. Das Bild ist eingerahmt von der Überschrift, die Inge B. ihren Erinnerungen gegeben hat: „Letzte Hoffnung einer verzweifelten Mutter“. Hoffnung — ein Fünkchen davon ist also doch noch da.

Als Inge B. am Morgen des 8. Oktober 1977 feststellt, dass ihre Tochter von ihrem abendlichen Ausflug noch nicht nach Hause zurückgekehrt ist, bekommt sie es mit der Angst zu tun. Anja ist zuverlässig und noch nie weggeblieben, ohne ihre Eltern wissen zu lassen, wo sie sich aufhält. Die Mutter erinnert sich, dass ihre Tochter am Abend zuvor mit einem Schulkameraden verabredet war. Sie will den jungen Mann zur Rede stellen, doch er schweigt ihr gegenüber. Nachdem die Mutter bei der Polizei eine Vermisstenmeldung erstattet hat und Anjas Begleiter von den Beamten befragt wird, erzählt er, er und Anja seien gemeinsam zu einer Diskothek mit Namen „Moustache“ gefahren. Dort hätten sie sich aber nach einer Weile aus den Augen verloren.

Inge B. begibt sich selber auf die Suche. Sie ist eine Frau, die mit ihrer Familie auf einem landwirtschaftlichen Hof am Rande eines Dorfes lebt, mit Nutzvieh und viel Land um sich herum. Der Besuch in der städtischen Diskothek, wo sie nachfragt, muss ihr wie eine Reise in eine andere Welt und eine andere Zeit vorkommen. Die Disco ist ein rauchgeschwängerter, spärlich beleuchteter Schuppen, in dem junge Leute zur Musik von Pink Floyd und den Rolling Stones tanzen. Inge B. hört, so erzählt sie es Jahrzehnte später, dass hier viele Drogensüchtige verkehren sollen. Keiner der anderen Besucher oder vom Personal kann oder will der Mutter auf ihre Nachfragen hin helfen.

Die 37-Jährige sucht mehrere Lokale im Umkreis auf, bekommt einen vagen Hinweis, es in den größeren Nachbarstädten zu versuchen, da gibt es ein paar Kommunen. Inge B. erweitert ihren Radius noch einmal, sie begibt sich in Häuser und Wohnungen mit Bewohnern, die ihr zwielichtig vorkommen. Und hier soll ihre Tochter sein? Die Mutter mag es nicht glauben. Niemand dort ähnelt ihrer Anja.

Die ganze Zeit über, sagt sie später, hätten sie die Gedanken beschäftigt, wo ihre Tochter ist. Ob man sie quält, ob sie Schmerzen hat?

Die Mutter ruht und rastet nicht. Inge B. lässt nun Handzettel drucken und verteilen; sie zeigen die Überschrift: „Wo ist dieses Mädchen?“, darunter das Foto ihrer Tochter. Anjas Konterfei ist jetzt an nahezu jeder Ecke in der Gegend zu sehen. Aber kein Hinweis führt zu einer heißen Spur. Inge B. reist in Norddeutschland herum, immer auf der Suche. Ihr Auto ist längst für längere Touren und etwaige Übernachtungen ausgerüstet. Eine Thermoskanne mit Kaffee, jede Menge Landkarten und Stadtpläne sowie eine Reisetasche mit Waschzeug und Wechselwäsche hat sie stets dabei. Auch Anjas zwei Jahre ältere Schwester beteiligt sich immer wieder an der Suche. Der Vater ist völlig auf dem landwirtschaftlichen Familienbetrieb eingespannt und kann nicht mitkommen, obwohl er es gerne täte. Und der jüngere Bruder muss weiter zu Schule gehen. Es ist Inge B., die nahezu pausenlos Freunde und Bekannte ihrer Tochter abklappert, die alle möglichen Anlaufstellen ausfindig macht. Ihre Gedanken kreisen fast ausschließlich darum, Anja zu finden.

Wegen der Suchmeldungen gehen Hinweise bei der Polizei ein, auch über Radio lässt Inge B. nach ihrer Tochter fahnden. Angebliche Zeugen melden sich, die Anja auf einem Schiff nach Hamburg gesehen haben wollen. Andere behaupten, dass sie in Düsseldorf in einem Krankenhaus liegt, dass sie sie in der Bahn, im Bus oder irgendwo in einem Hafen gesehen haben. Es gehen Hinweise ein, Anja sei in der Türkei oder zumindest „bei Türken“. Und immer wieder wird Hamburg als ihr vermeintlicher Aufenthaltsort genannt. Also fährt Inge B. in die Hansestadt, um dort selbst ihre Handzettel auf unterschiedlichen Polizeiwachen zu verteilen.

Wer sucht, wie Inge B. es tut, fühlt sich oft allein und allein gelassen. Wohin sich wenden? Wo als Nächstes hinfahren? Wen kontaktieren? Die Möglichkeiten scheinen endlos und sind doch begrenzt. Bei aller Liebe kann eine Mutter nicht überall hin, wo die Tochter angeblich gesehen wurde, und am besten sofort.

Es melden sich nun Menschen bei der Familie, die ihre Dienste anbieten, doch sie tun dies nicht aus purer Hilfsbereitschaft, sondern in Erwartung eines Honorars. Es sind vereinzelt Detekteien, es sind aber auch Menschen, die als Hellseher und Wahrsager ihr Geld verdienen. Für Inge B. erscheint die Aussicht, über eine Glaskugel ihre Tochter zu finden, nicht gerade erfolgversprechend. Die Mutter denkt praktisch. Wie kann sie erreichen, dass ihr eine möglichst effiziente, großflächige Verbreitung ihrer Handzettel gelingt? Sie kommt auf die Idee, den Deutschen Raststätten-Verband zu kontaktieren in der Hoffnung, dass an allen deutschen Autobahnraststätten die Suchmeldung ausgehängt werden darf. Dort ist man offen für ihre Nöte und kommt ihrer Bitte nach.

„Der Gedanke, wo ist mein Kind, wie kann ich es finden, bewegte mein Leben. Und er tut es bis heute“, erzählt Inge B. Zuletzt hat sie über mehrere Jahre ihren schwerkranken Mann gepflegt, bis er verstarb. Sie wohnt noch immer auf dem Hof, auf dem damals ihre Tochter ihr Kinderzimmer hatte. Längst aber gibt es hier keine Landwirtschaft mehr, sondern viele der Zimmer und Wohnungen werden an Gäste vermietet. In der Diele von Inge B.s Reich hängt ein großer Rahmen mit Familienfotos, auch von Anja sind welche dabei. „Meine Tochter verloren zu haben und nicht zu wissen, was ihr widerfahren ist, tut immer noch weh“, sagt sie. „Es lässt mich nicht los.“

„Damals, in den Monaten nach Anjas Verschwinden, wurde mir immer wieder bewusst: Wenn ich mein Kind wiederhaben will, dann muss ich mich selbst darum kümmern, sie zu finden.“ Jeder neue Kontakt, den Inge B. in diesen Herbstmonaten 1977 bekommt, nährt die Hoffnung der verzweifelten Mutter. Und genauso oft erlebt sie Enttäuschungen, weil wieder mal ein vermeintlicher Tipp sich als falsche Spur erweist. Und es mehren sich Anrufe, so erinnert sie sich, in denen Unbekannte sich nach Lösegeld erkundigen, während sie von einer Geiselhaft der Tochter schwadronieren. Menschen melden sich, die behaupten, einen Fundort des Leichnams nennen zu wollen. Andere erzählen von finsteren Bordellen im In- und Ausland, in die Anja angeblich verschleppt wurde und wo sie unter Drogen gesetzt wird. Immer öfter wird die Mutter von Albträumen heimgesucht, in denen ihre Tochter ängstlich nach ihr ruft.

Dann kommt das erste Weihnachtsfest ohne Anja, das die Familie als besonders schlimme Prüfung empfindet. Keiner hat Präsente besorgt. Alle hoffen nur auf dieses eine, dieses wichtigste Geschenk: dass sie ihre Tochter, ihre Schwester wieder zurückbekommen und in die Arme nehmen können. Und zugleich werden sie von entsetzlichen Gedanken heimgesucht, welche Qualen Anja vielleicht gerade in diesem Moment durchleiden muss.

In der Folgezeit verfolgt die Mutter aufmerksam die Presseberichterstattung. Jede Meldung über ein Drama oder über einen Leichenfund bringt Inge B. in Aufruhr. Ihr ist klar, dass sie auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen muss: Ist die gerade entdeckte Tote ihre Tochter? Einmal ist es ein zerstückelter Leichnam, ein anderes Mal ein einzelner Fuß, die gefunden werden. Die Mutter kann ein Zittern und ihre Ängste erst wieder bändigen, wenn sie von der Polizei die Bestätigung bekommt, dass die Tote nicht ihre Anja ist. Immer wieder beobachten Ermittler solche und ähnliche Reaktionen bei Betroffenen: Angehörige verfolgen über Jahre und Jahrzehnte Pressemeldungen über unbekannte Tote engmaschig und wenden sich an die entsprechenden Polizeidienststellen, um abzuklären, ob es sich um ihr vermisstes Kind handelt. Inge B. ist mit ihrem Leid und ihren Ängsten nicht allein. Sie hat viele Seelenverwandte in ihrem Kummer.

Anjas Mutter bemüht sich nun, ihren Fall über die Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ vorzustellen. Doch dort kann man ihr zu diesem Zeitpunkt nicht helfen, denn formal handelt es sich bei dem Verschwinden ihrer Tochter um eine Vermisstenmeldung — und um kein Verbrechen, das aufgeklärt werden soll. Sie bekommt den Tipp, ihre Tochter bei einer Sekte zu suchen, und versucht auch das, vergeblich. Und noch etwas macht Inge B. das Leben schwer: Zunehmend, so empfindet sie es, schlägt ihr im Ort selbst Feindseligkeit entgegen. Sie erlebt Mitbürger, die offenbar glauben, Anja müsse weggelaufen sein – und dahinter müssten dann ja wohl unfähige Eltern stecken.

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