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Bettina Gugger

Magnetfeld der Tauben

short cuts

Impressum

© 2020 boox-verlag, Urnäsch

Alle Rechte vorbehalten

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Coverbild: Janet Müller, «Faces» (2018, Tusche auf Japanpapier), www.muellerjanet.com

Covergestaltung: Remo Gmünder

Porträtfoto: Marius Stalder

Lektorat: Tanja Steinlechner

Korrektorat: Beat Zaugg

ISBN

978-3-906037-59-2 (Hardcover)

978-3-906037-61-5 (ebook)

Mit 1% seiner Einnahmen unterstützt der Verlag eine Umweltschutzorganisation.

Dieses Label bürgt nachprüfbar für zusammengefassten Umweltschutz im Buchprodukt.

Autorin


Bettina Gugger wurde 1983 in Thun geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft in Bern und literarisches Schreiben in Biel.

Für ihren Erzählband «Ministerium der Liebe» erhielt sie 2018 den Literaturpreis des Kantons Bern.

Die vorliegenden «short cuts» entstanden während ihres zweijährigen Aufenthalts im Engadin.

Ihre aktuellen Kolumnen und Reportagen finden sich auf www.bettinagugger.ch.

Die Autorin lebt und arbeitet seit Kurzem in Burgdorf (Kanton Bern).

short cuts

Arvenfee

Im Windschatten

Schönster Tag

Sweet Potato

Emma

Love or Run

Sprungturm

Museum der Liebe

Brombeerlimonade

Andri

Eröffnungsfeier

After hour

Süsom Givè

Arvenfee

Sarah schreitet die Felder ab, als würde sie sie vermessen. Das letzte Heu wurde erst vor ein paar Tagen eingebracht. Die Lärchen leuchten gelb.

Ihr Gang hat etwas Gebieterisches. Ihre Kraft hat Pascal vom ersten Augenblick an gefesselt. In gleichem Masse wie sie ihn anzog, ängstigte sie ihn. Sarah weiss das aber nicht. Dass er sich insgeheim vor ihr fürchtet. Sie sucht in den Feldern nach Käfern, Grillen und Gräsern, die sie von zu Hause kennt. Rumänische Geziefersuche, wie Pascal es nennt. Sarah mag das Wort «Geziefer», es klingt irgendwie nach einem wohligen Seufzen, nach Behaglichkeit und nicht nach «Schädling». Die Videoaufnahmen der Käfer schneidet sie zusammen und unterlegt sie mit einer Tonspur aus lokalen Gedichten, vorgetragen von Bauern, Lehrern oder Kindern. Er hingegen fotografiert Turnhallen und Lagerräume bei Nacht. Pascal verabscheut Neonlicht, und dennoch flattert er mit seiner Linse wie eine Motte um die Leuchtkörper herum, nicht wissend, was er eigentlich sucht.

«Was suchst du denn bloss in deinen Nachtlagern?», hatte sie ihn anfangs gefragt.

Damals dachte sie noch, dass er vielleicht irgendwelche geheimen Praktiken pflegte, dass ihn diese Orte irgendwie sexuell erregten. Man weiss ja nie. Manchmal stellt sich dieses seltsame Gefühl bei ihr wieder ein, wenn er nachts seinen Rucksack packt und mit seiner hautengen Trainingshose auf sein Rad steigt. Sarah fragt sich, ob es irgendein Mittel gibt, das einen davor bewahrt, die ewig gleichen Gewohnheiten des Partners irgendwann zu verurteilen. Selber kommt man natürlich nie auf den Gedanken, das eigene Schnäuzen oder Niessen als lästig zu empfinden. Also muss es eine Art Schutzmechanismus geben, der einen vor der Verschmelzung mit dem Partner warnt. Befremden als fortgeschrittene Liebe.

In solchen Phasen versucht sie sich für Pascals Arbeit zu interessieren. Meist hilft das, und ein Barren oder ein Pferd wecken auch in ihr Kindheitserinnerungen, wenn auch nicht sehr romantische, da sie ein rundliches, ungeschicktes Kind war, das auf Gymnastikgeräten keine gute Figur machte.

Nun geniessen sie nach siebenjähriger Beziehung zusammen einen Stipendienaufenthalt in den Schweizer Bergen, «am Arsch von Nirgendwo», wie es Sarah ausdrückt.

«Im Engadin, da wo Segantini das Licht neu erfunden hat und der Armut Anmut verlieh», pflegte hingegen Pascal zu Hause ihren amerikanischen Freunden zu erklären.

Jedenfalls erfährt ihre Beziehung gerade eine neue Feuerprobe.

«Eine Feuerprobe erfährt man nicht», sagt Pascal genervt, «man durchläuft sie.»

Es ist nicht leicht, Tag und Nacht zusammen zu sein. Zu Hause hat wenigstens jeder sein Zimmer, seine Verpflichtungen, seine Freunde. Dazu kommt, dass ihre Beziehung hier plötzlich im Fokus steht, ausgeleuchtet von den anderen Künstlern.

«Das bildest du dir nur ein!», sagt Pascal.

«Natürlich bilde ich mir das nicht nur ein!», protestiert Sarah. «Sie beobachten uns. Wir beobachten sie ja auch.»

«Ja und?», fragt Pascal genervt.

Jetzt könnte sie einen Streit vom Zaun brechen. Dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob er sie zu Hause anschnauzt oder vor Publikum. Dass er sich durch sein Verhalten selber in ein schlechtes Licht rückt und dass sie das belastet, seine Gereiztheit. Sie überlegt.

«Ich habe den Eindruck, dir geht’s nicht so gut hier.» Jetzt hat sie sich wieder missverständlich ausgedrückt. Es klang vorwurfsvoll.

Pascal lacht überspannt. «Mach dir um mich mal keine Sorgen». – «Wir sollten uns mehr in der Gruppe einbringen», sagt Sarah. «Wir kommen immer zu spät zum Essen und helfen nicht gerade oft beim Abwasch. Das kommt bei den anderen nicht gut an. Ausserdem haben wir schon lange nicht mehr gekocht.» – «Wenn der Kochplan voll ist, kann man sich ja nicht mehr eintragen. Sollen die kochen, die’s gerne machen. Ich bin genügend ausgelastet mit meiner Arbeit», sagt Pascal.

Die Hausordnung des Künstlerhauses, das zehn Atelierplätze Künstlern aus aller Welt zur Verfügung stellt, sieht vor, dass sich die Gruppe zum allabendlichen Essen trifft, um sich auszutauschen. Gekocht wird abwechselnd, wobei mittlerweile ein richtiger Wettbewerb um den besten Koch entbrannt ist.

«Siehst du, das mein ich. Du bist nicht der Einzige, der konzentriert seine Arbeit verfolgt. Wir sollten der Gruppe mehr Interesse entgegenbringen. Mich belastet es, wenn uns die anderen mit Schweigen abstrafen. Irgendwann hat man einfach keine Lust mehr, auf jemanden zuzugehen, der einem die kalte Schulter zeigt.»

Pascal streicht Sarah über die Wange.

«Nun gut, dann wollen wir morgen Abend das Kochen übernehmen. Wollen wir Fleisch kaufen?»

Sarah überlegt. «Die Hälfte der Gruppe isst doch vegetarisch», wendet sie ein.

«Ich habe trotzdem Lust auf Fleisch», sagt Pascal.

«Fünf Kalbsfilet-Stücke dürften drin liegen. Ich kümmere mich drum», sagt Sarah. «Und was gibt’s dazu? Polenta?»

«Risotto», schlägt Pascal vor, «dann brauchen wir nicht noch eine zusätzliche Beilage.»

«Minimalist!», stöhnt Sarah.

«Ach komm! Ich rühr dafür den Risotto! Du kannst ja noch einen Salat machen.»

So schlafen sie aneinander gekuschelt ein, das heisst, sie schläft. Er versucht gedanklich dem lauten Rauschen des Flusses zu entfliehen. Es dringt in ihn ein. In jede seiner Zellen. Sein ganzer Körper rauscht. Am nächsten Morgen hat er das Gefühl, dass seine Hirnmasse zur Hälfte geschrumpft ist, weggespült vom zielstrebigen Fluss, der den Südtirolern die besten Marillen Europas beschert. Der Ort erlangte Anfang des 20. Jahrhunderts wegen seiner über zwanzig Mineralquellen den Status des vornehmen Kurortes, bekannt für seine Trinkkuren, mit denen sogar die Syphilis bekämpft wurde. Und heute logieren sie als Künstler im ehemaligen Badehaus neben der verwitterten Trinkhalle, aus der immer noch die drei Quellen Lucius, Bonifacius und Emerita sprudeln.

Die Frauen des Ortes gehen gerne zum Metzger. Er ist grossgewachsen. Sein rotblondes, kräftiges Haar trägt er nach hinten gekämmt. Ein gepflegter Dreitagebart unterstreicht seinen breiten Unterkiefer, und in seinen Mund sind strahlendweisse Zähne gebettet. Wenn er lächelt, meint man für einen Moment, den Moderator einer Talkshow vor sich zu haben, einer, der nicht nur charmant ist, sondern auch immer das Richtige sagt, und vor allem weiss, was das Richtige ist. Seit seiner Scheidung vor zehn Jahren ist er alleine geblieben, was niemand so recht verstehen kann. Offerten bekommt er genügend. Nicht mal seine drei erwachsenen Kinder können seine Zurückhaltung verstehen.

In seinem Laden präsentiert er das Fleisch wie Kosmetikprodukte. Der dreieckige Speck und die zylinderförmige Salami sind kunstvoll in Plastik verschweisst, so als seien sie nicht dazu da, gegessen zu werden, sondern um sie zu Hause auf dem Kaminsims zu präsentieren. An den blütenweissen Wänden hängen Ölbilder von blutigen Entrecôtes und knusprigen Hähnchenkeulen. Die beiden Lehrlinge tragen weisse Hemden, bis oben zugeknöpft, darüber eine schwarze Schürze. Auch sie sind hübsch anzuschauen.

Sarah kommt sich in diesem Ambiente ein bisschen schmuddelig vor. Sie sollte ihren Damenbart rasieren. Aber während Stipendienaufenthalten leidet manchmal das äussere Erscheinungsbild. Sie kann nicht gleichzeitig Kunst machen und dabei schön aussehen. Wenn sie Kunst macht, fliesst der ganze Sinn für Ästhetik in diesen einen Kanal. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, ob sie Pascal in einer Kunstphase oder während einer Kunstpause kennengelernt hat. Na ja, egal. Sie bestellt fünf Kalbsfilet-Stücke. Der Metzger lächelt. «Eine gute Wahl! Mit Kalbsfilet liegen Sie nie falsch!»

«Ab und zu braucht der Mensch einfach ein Stück zartes Fleisch zwischen die Zähne», lacht Sarah.

«Die Kälber kamen erst gestern von der Alp.»

Sarah verzieht das Gesicht.

«Das Fleisch könnte frischer und lokaler nicht sein», fährt der Metzger seriös fort. «Am besten braten Sie es nur ganz kurz an. Es darf ruhig noch ein bisschen bluten.» Dabei schaut er ihr in die Augen.

Sie ist verwirrt. Das Funkeln in seinen grünen Augen macht sie neugierig. Nicht, dass solche Maschen bei ihr noch ziehen würden, immerhin ist sie dieses Jahr vierzig geworden, mag sie auch jünger aussehen. Die Erfahrung schleckt keine Geiss weg.

«Was soll denn dazu serviert werden?», fragt der Metzger.

«Risotto», antwortet Sarah.

«Mach zu den Filets eine Balsamico-Sauce, etwas Raffiniertes», sagt er.

Es klingt wie ein Befehl, was nicht nur am plötzlichen Du liegt, mit dem er sie anspricht. Aber anscheinend duzt man sich im Dorf. Wieder schaut er sie eine Spur zu lange an.

«Und wie bereite ich die Sauce zu?», fragt Sarah, um einen neutralen Tonfall bemüht.

«Ich schreib‘s dir auf», zwinkert er ihr zu.

«Sie haben wirklich eine sehr schöne Metzgerei», sagt Sarah.

«Dankeschön!», lächelt er. «Egal was man macht, man sollte es gut machen, das ist meine Devise.»

Sie bezahlt ein halbes Vermögen für das Fleisch. Wieder auf der Strasse, versucht sie Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Aus dem Kartontäschchen, das an einen Designerladen erinnert, zieht sie sein Rezept heraus. Sie benötigt also noch Rotwein und Stangensellerie. Sie wendet die Karte. Auf der Rückseite steht seine Nummer.

«Sag mir, wie‘s geschmeckt hat. ;-)Cla.»

Was für ein frecher Kerl! Was sagt man auf Deutsch: «Frechdachs» oder «Lustmolch?»

Beschwingten Schrittes marschiert sie zur Kreativstätte zurück. Sie fühlt sich, als ob etwas, das lange in ihr geschlummert hat, endlich wiedererwachen würde. Sie betrachtet die bunten Blätter der Buchen und Ahornbäume, die in der Schlucht pinkfarben leuchten. Das Wasser des Flusses ist glasklar. Sie stimmt ein rumänisches Volkslied an. Gibt es etwas Schöneres, als auf verführerische Weise in eine fremde Welt gelockt zu werden? Das Aufflackern einer möglichen gemeinsamen Zukunft, die vielleicht auch nur in einer weiteren gemeinsam geteilten Sekunde liegt, kann urplötzlich eine Kraft entfalten, die mächtiger ist als eine jahrelange Analyse der eigenen Lebensdaten. Ein einziger Blick kann mehr Wahrheit enthalten als hundert Bücher oder zehn gelebte Jahre …

Für die Vegetarier brät Sarah Sellerieplätzchen, die vorzüglich zur Balsamico-Sauce passen, während Pascal im Risotto rührt. In Windeseile zaubert sie ausserdem einen Salat herbei. Dazu hören sie Nouvelle Vague, eine französische Band, die Klassiker der 80er Jahre covert.

Das Essen wird zum vollen Erfolg, sodass alle noch länger sitzen bleiben und, unterstützt vom Rotwein, lachen und scherzen. Da ist Emily, die gesteht, dass ihr die meiste Zeit die Kunst überhaupt keinen Spass macht. Tamara versucht sich an einer Analyse, warum die einen Künstler etwas vertiefen, während andere von einer Blüte zur nächsten springen. Sie sieht darin ein geschlechtsspezifisches Verhalten, dass Männer eher tief in die Materie eindringen, während Frauen dazu neigen, viele Dinge gleichzeitig zu tun, was vom Stillen herrühre. Sogar Pascal hat auf einmal nicht das Gefühl, Zeit zu verlieren. Verstohlen beobachtet er Sarah, und eine Welle der Liebe durchströmt ihn. Er ist stolz auf sie, geniesst ihre Tatkraft, mit der sie immer wieder das Ruder rumreisst, wenn Situationen eng zu werden drohen. Sie ist seine Wundertüte, seine Tischbombe, sein grosses Los. Sie kann pampig sein wie er, zuweilen überheblich und rechthaberisch, aber wenn’s drauf ankommt, ihr Herz öffnen.

Sie wendet die Karte zwischen ihren Fingern. Cla heisst er also. Soll sie ihn anrufen? Es gibt kein vernünftiges Argument, den Freund zu hintergehen. Jemanden zu hintergehen, ist per definitionem moralisch verwerflich. Aber was ist mit ihr? Wer sagt denn, dass sie Pascal gehört und er den alleinigen Anspruch auf sie hat?

Sie tippt Clas Nummer in ihr steinzeitliches Samsung, das zwar deutlich kleiner ist als ein Funkgerät, aber immer noch daran erinnert. Ihr Herz schlägt heftig, als sie seine geschäftige Stimme hört. Am Telefon fühlt sie sich stets wie ein sechzehnjähriges Mädchen, das den Tonfall der Erwachsenen noch üben muss. Vermutlich ruft sie in einem total unpassenden Moment an. Sie überlegt kurz, wieder aufzuhängen. Stattdessen stammelt sie: «Die Sauce war sehr lecker.»

«Entschuldigung, ich verstehe Sie schlecht. Wer ist am Apparat?»

Sarah verhaspelt sich. «Ich habe gestern bei Ihnen Fleisch gekauft und wollte mich für das Balsamico-Rezept bedanken.» Puh, hat sie sich noch einmal retten können.

«Ah, ich erinnere mich! Das freut mich, dass das Rezept gelungen ist! Hör mal, ich fahr gleich zum Gestüt hoch. Warst du schon mal in San Palü oben? Du bist ja nicht von hier, richtig? Vielleicht hast du Lust mitzukommen?»

«Gleich jetzt?»

«In einer Stunde fahre ich los. Ich kann dich in der Fundaziun abholen.»

«Woher weisst du, dass ich zur Fundaziun gehöre?», fragt Sarah.

«Geraten», lacht er.

Clas lässige Zielstrebigkeit fasziniert sie.

«Der Ort ist ziemlich klein, und Ihr Künstler bewegt euch halt etwas anders als die anderen.» Er lacht.

«Also gerne! Ich bin dabei!» Sarah legt auf.

Pascal ist vor einer Stunde aus dem Haus gegangen. Hoffentlich kommt er nicht mittags zurück, um sich was zu kochen. Sie könnte immer noch sagen, Cla spreche für sie ein Gedicht ein. In der Regel sind ihre Sprecher aber keine gutaussehenden Männer. Und schon gar keine Metzger. Man sagt doch den Metzgern eine gewisse Grobschlächtigkeit nach?

«Ich habe ein paar Pferde in San Palü», erklärt Cla, während er die Kupplung drückt. «Das ist mein Ausgleich, die esse ich dann auch nicht», lacht er.

«Deine Reitpferde», hakt Sarah nach.

«Genau, mit dem Domenico reit‘ ich Turniere, die anderen drei sind gemütliche Wanderstuten. Pferdefleisch zu verkaufen, ist schwierig, fast schon eine religiöse Frage. Und wir Metzger sind ja keine Tierhasser, auch wenn mancher Vegetarier das vielleicht so sieht.»

«Ich mag Pferde», lächelt Sarah. «Aber ich hatte bis anhin nicht das Glück, Pferdefreunde zu haben. Das Pferd ist heute ja beinahe etwas Elitäres.»

«Das stimmt. Ein Normalverdiener kann sich kaum ein Pferd leisten. Alleine die Stallmiete verschlingt Summen, hinzu kommen Tierarztrechnungen, Impfungen, alle acht Wochen der Hufschmid, Futter, ein schöner Sattel und die Zeit, die man benötigt, das Tier zu reiten.»

«Komme ich in den Genuss einer Reitstunde?», fragt Sarah.

«Klar», antwortet Cla. «Wenn dich das Pferd nicht gleich abwirft.» Er lacht.

Was für ein Glückspilz bin ich doch, denkt Sarah. Feldabmessung zu Pferd! Warum bin ich nicht früher draufgekommen. Der Geländewagen schlängelt sich die kurvige Strasse hoch, geschickt dem Postauto ausweichend, das sich durch sein lautes Tatütato ankündigt.

Sie geniesst den Stallduft. Warum gibt es eigentlich keinen Pferderaumspray, wenn dieser Geruch die Menschen so sehr besänftigt? Cla zeigt ihr, wie sie das Pferd striegeln muss. Seraina hat er ihr anvertraut, «ein Apfelschimmel», erklärt Cla. Sarah streichelt das Tier, das zutraulich an ihr schnuppert. Sogar das Hufe-Auskratzen meistert sie mit Bravour, sodass Cla sie lobt: «Dich kann man gebrauchen!» Er zeigt ihr, wie sie das Zaumzeug anlegen muss, gefolgt vom Sattel, und schon schreitet sie mit dem ausreitfreudigen Pferd aus dem Stall hinaus.

Cla hilft ihr in den Sattel. Das Pferd setzt sich in Bewegung, seinem Herrn folgend. Tautropfen glänzen auf den bunten Blättern am Boden. Sie reiten über eine Koppel, die gelben Lärchen wiegen sich sanft im Wind. Das Licht ist mild. So reiten sie schweigend nebeneinander her. Ab und zu gibt Cla ihr kurze Anweisungen: «Halt deinen Rücken gerade!» oder «Atme in den Bauch, entspann‘ dein Becken.»

Bei einer Feuerstelle kommen sie schliesslich zum Stehen. Er hilft ihr vom Pferd herunter. Dabei macht er einen Ausfallschritt nach hinten und stolpert. Sarah greift nach seinem Arm und er packt ihre Schulter, um nicht hinzufallen. Ihre Gesichter sind sich ganz nah.

«Ich will dich nicht anbaggern, aber du hast einfach etwas, das mir gefällt», sagt er.

Ihre Augen leuchten.

«Und was ist dieses Etwas?», will sie wissen.

«Einen Willen», sagt er nachdenklich. «Und Feuer im Bauch.» Er zeichnet mit seinen kräftigen Fingern ihre Lippen nach. «Die meisten können nicht begehrt werden, weil sie es schlicht nicht geniessen. Man muss jemanden locken können, sich auf den Sattel schwingen und tragen lassen, darauf vertrauen, dass der andere folgt.» Er wendet sich ab, um die Pferde festzubinden.

«Wie kommt es, dass du so poetisch bist?», lacht Sarah.

«Ich lese viel», sagt Cla. «Und ich glaube, dass der Mensch immer nur nach dem einen sucht, nach der Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Diese Verschmelzung drückt sich in der Poesie aus, in der Musik, und ja, auch in der Jagd. Ich töte nicht gerne, und doch kenne ich keinen feierlicheren Moment als den, wenn das Tier seinen letzten Atemzug ausstösst. In diesem Augenblick liegt die vollkommene Ruhe, die Versöhnung mit dem Tod. Das Tier kämpft nicht mehr, es gibt sich vollkommen dem Sterben hin.» Sarah läuft ein leichter Schauer den Rücken hinunter. Ein Reh verschwindet kaum hundert Meter von ihnen entfernt im Wald.

Zurück in der Fundaziun kann sie nur mit Mühe ihre Verwirrung verbergen. Warum hat er sie nicht geküsst? Pascal ist bereits zurück in ihrem Atelier. Er sitzt am Schreibtisch und blickt flüchtig zu ihr hoch.

«Du riechst nach Pferdestall», sagt er.

«Ja, ich war reiten. Ein Bauer, der mir mit einem Gedicht geholfen hat, hat mich spontan zu einem Ausritt eingeladen.» Pascal legt seinen Stift hin und betrachtet Sarah.

«Das nächste Mal will ich aber mitkommen, wenn reiten so glücklich macht!»

«Ja», lächelt Sarah gezwungen.

Dann verabschiedet sie sich schnell unter die Dusche.

Im Badezimmer kramt sie ihr Handy hervor. Sie schreibt eine SMS: «Herzlichen Dank für den schönen Nachmittag! Warum hast du mich nicht geküsst?»

Mit klopfendem Herzen drückt sie auf Senden. Ein paar Sekunden später erreicht sie die Antwort: «Ich wollte, dass du danach fragst.»

«Ich möchte dich wiedersehen», tippt sie in ihr Handy.

«Morgen gleiche Uhrzeit? Es ist der letzte schöne Tag – nutzen wir ihn ;-).«

Sarahs Herz hüpft.

Der Mond scheint ins Zimmer. Das Atelier hat keine Vorhänge, was Pascal anfangs irritiert hat, nachts ausgeleuchtet zu sein, wenn Sarah und er nach dem Essen noch ein bisschen arbeiten oder später in den Schlafanzug schlüpfen. «Da draussen ist doch keiner, der uns beobachten könnte!», hatte Sarah gelacht. «Nur wilde Tiere, und denen sind wir weiss Gott egal.» Ihm sind die natürlichen Bewegungen einer Person, die sich unbeobachtet fühlt, unangenehm. Der Gedanke, jemand könnte seinen unbewussten Schritten und Gesten folgen, graut ihm. Pascal schmiegt sich an Sarahs runden Körper. Sie seufzt.

«Ich bin müde», raunt sie, lässt ihn aber gewähren.

Nach ein paar Minuten gibt ihr Körper nach, räkelt und streckt sich, um sich ihm zu öffnen.

Die Nacht ist hell und im Halbschlaf sieht sie Elfen im Zimmer tanzen. Kleine fragile Wesen, die türkis-violett leuchten. Sie lauscht ihrem Kichern, den verführerischen Stimmen, die sie wohlig einhüllen. Dann wiederum dringt das Rauschen des Flusses überdeutlich an ihr Ohr. «Pass auf! Pass auf!», sagt er. «Das Glück ist fragil. Alles fliesst. Nichts bleibt.»

Warum weiss ich die Sicherheit nicht zu schätzen?, fragt sie sich. Welcher dunkle Fleck in meiner Seele sucht das Unbekannte? Pass, denkt sie. Ist das nicht ein seltsames Wort? Es steht für aufpassen, für den gangbaren Punkt zweier Bergketten und schliesslich für ein Dokument, welches die eigene Identität beweist, ein Papier, das darüber entscheidet, ob man sich in einem Land aufhalten darf oder nicht. Manche Menschen haben Glück und verfügen über Pässe, mit denen sie sich überall aufhalten dürfen. Andere müssen ihre Pässe verbrennen, da sie eine niedere Herkunft bezeugen, wirtschaftlich gesprochen, geografisch den unteren Teil der Weltkarte markieren. Andere Organisationen wie Geheimdienste wiederum produzieren Pässe, um Menschen mit mehreren Identitäten auszustatten, damit sie ungestraft böse Dinge tun können. Für die Reichen wiederum spielen die geografische Herkunft und die Farbe ihres Passes keine Rolle, die können auch aus einem Land unterhalb des Äquators kommen, wenn sie Geld mitbringen und ihr Land weit öffnen, um die Bodenschätze den Fremden anzubieten, die dafür Kredite verteilen.

Irgendwann schläft sie ein. Vor ihrem inneren Auge flackert Clas Antlitz auf, in dem Moment, als er ihre Lippen nachzeichnet und sagt: «Du hast einen Willen.» Was für einen Willen?, denkt sie noch.

Die morgendliche Frische breitet sich angenehm im Zimmer aus. Pascal ist bereits dabei, seinen Rucksack zu packen, während Sarah sich noch wohlig in die Decke kuschelt.

«Wohin gehst du heute?», fragt sie.

«Ich hab’ da einen Bunker entdeckt. Eine militärische Anlage mit Notfallbetten. Die kann ich heute fotografieren.»

«Hmm», macht sie. «Was fasziniert dich daran?»

Pascal überlegt.

«Die Abwesenheit des Menschlichen. Das rein Funktionale, das auf Menschliches wartet. Ein System, welches das Leben selbst verleugnet oder, anders ausgedrückt, erst im Überlebenskampf zum Leben erweckt wird. Ein Paradox.» Er küsst sie zum Abschied.

«Die Menschen sind schon sehr seltsam», sagt sie noch.

In schlafwandlerischem Zustand steht sie auf, stellt sich unter die Dusche, betrachtet schliesslich ihren Körper vor dem Spiegel, diese rätselhafte Verknüpfung von Körperhaben und Körpersein. Schon seltsam, denkt sie, dass man nie weiss, wie sich der andere in seinem Körper fühlt, dass man möglicherweise eine ganz und gar gegenteilige Körpererfahrung macht. Ellie beispielsweise ist sehr filigran. Sie düst wie ein aufziehbares Kinderspielzeug im Haus herum. Nichts scheint sie auf der Erde zu halten, und wenn man mit ihr spricht, ist man nie sicher, ob sie einen überhaupt wahrnimmt. Ihre Gefühle scheint sie in jeder Sekunde materialisieren zu müssen, da sie in ihrem zierlichen Körper keinen Platz haben. Dies führt auch in ihrem Gehirn manchmal zu einem Stau, und eine plötzliche Migräne befällt sie.

Auch Pascal muss sich immerzu bewegen, als ob er seine Gefühle abschütteln müsste. Dabei liebt sie gerade sein Staunen, seine Versenkung, seine Überraschung, wenn es ihm eben nicht gelingt, seine Gefühle wegzudrücken.

Und Cla. Er ist eins mit seinem Körper, füllt ihn mit seinen Gedanken und Gefühlen aus. Da gibt es nichts Verborgenes, was er zurückhält. Ein perfekter Organismus, der ständig neue Bilder kreiert, in Harmonie mit seiner Umwelt, obwohl er vom Tod lebt. Das versteht sie nicht.

Wieder fahren sie die enge Strasse hoch ins Val Inez. Das Tal wurde vor ein paar Wochen von schweren Erdrutschen heimgesucht. «Das Tal ist schön, aber wenn es wüst kommt, dann richtig», hatte der Postautochauffeur ihr bei ihrem ersten Besuch erklärt. Noch immer türmt sich der Schutt zwanzig Meter hoch. Bagger sind damit beschäftigt, das Geröll abzutragen. Sie fühlt die Energie, die von den Gesteinsmassen ausgeht. Das Tal ist wie elektrisiert von der Naturgewalt. Ihr ist, als ob hier andere Naturgesetze gelten. Sie betrachtet Cla von der Seite. «Wir leben hier mit der Unberechenbarkeit der Natur», sagt er. «Es klingt nach einem Klischee, aber das prägt einen. Man gibt nicht so viel Wert auf die flüchtigen Dinge wie Reichtum und Ansehen. Ich habe ein florierendes Geschäft, natürlich geniess ich das. Aber das entstand hauptsächlich aus der Verbundenheit mit der Familiengeschichte und Tradition, bereits mein Urgrossvater war Metzger, und nicht aus der Motivation heraus, viel Geld zu verdienen.» «Das spürt man», sagt Sarah und ist sich nicht ganz sicher, ob sie Cla seine Bescheidenheit wirklich abnimmt.

Wenn die Menschen erst etwas haben, geben sie es nicht mehr so gerne wieder her.

«Erzähl mir von deiner Kunst», fordert Cla sie auf.

Sarah lacht.

«Das Schlimmste an der eigenen Kunst ist, über sie zu reden. Man fragt sich ständig, ob das überhaupt Kunst ist, was man macht. Man macht etwas, wonach niemand fragt. Es ist wie eine Manie, die einen antreibt, und ständig schwankt man zwischen Euphorie, wenn einem etwas gelingt, und Rechtfertigungsdruck. Zuweilen schäme ich mich für meine Kunst. Gerade Phasen, in denen man keine Ausstellung hat und nichts verkauft, zerren an den Nerven. Wie kann man etwas offensichtlich Sinnloses machen? Was ist der Sinn hinter der Sinnlosigkeit? Andere machen eine Psychotherapie.»

«Es braucht immer Menschen, die Gewohnheiten hinterfragen», lacht Cla.

«Ich sollte Pfeiler haben, auf denen ich meine Kunst errichte, Werte, eine Botschaft. Aber irgendwie suche ich noch danach.»

«Du bist ehrlich», sagt Cla. «Das ist doch schon mal ein ziemlich guter Anfang.»

In Inez angekommen, marschieren sie los Richtung Arvenwald.

«Ich gehe mit einem fremden Mann spazieren», sagt Sarah.

«Sieh es mal so, wir teilen gerade einen Traum. Wir assistieren einander.»

«Was fehlt dir?», fragt Sarah.

«Für die Diagnose scheine ich dich zu brauchen», sagt er.

«Was soll ich tun?», fragt sie.

«Mich ohne Geschichte wahrnehmen. So wie ich jetzt bin.»

«Ok», sagt sie.

«Weisst du denn, was du brauchst?», fragt er.

«Nein», sagt sie. «Ich dachte, ich wüsste es. Bis vorgestern wusste ich es noch.»

«Ich soll dich also vom Weg abbringen?», grinst Cla.

«Ja, bitte», lacht Sarah.

Sie gehen schweigend nebeneinander her.

Er sagt: «Es tut mir leid, aber wenn wir vom Weg abgehen, landen wir höchstens bei den weidenden Kälbern.»

Sie lachen.

Nach einer Stunde erreichen sie die Alp, die schon eingewintert wurde. Hinter einem geschlossenen Fensterladen kramt Cla einen Schlüssel hervor.

«Kaffee ist immer da», sagt er. «Instantkaffee, aber immerhin!» Sie betreten die dunkle Stube. Cla betätigt rechts von der Türe den Sicherungskasten, um die Hütte wieder mit Strom zu versorgen.

«Lass die Läden geschlossen, wenn du keine Lust hast, Leute zu bewirten», scherzt er. «Ich bin öfters hier im Herbst, und wenn du nicht aufpasst, hast du plötzlich zehn Wanderer vor der Türe, die einen Aufstand machen, wenn sie keinen Kaffee bekommen. Wir Jäger haben uns untereinander arrangiert, aber der Alpbesitzer ist etwas kompliziert, ein Arzt aus St. Moritz. Er verpachtet die Alp, will aber stets über alles auf dem Laufenden gehalten werden.»

«Mit anderen Worten ausgedrückt, begehen wir sozusagen gerade Hausfriedensbruch», sagt Sarah.

«Na, so drastisch würde ich das jetzt nicht ausdrücken», schmunzelt Cla.

Er holt Wasser vom Brunnen, steckt das Kabel vom Wasserkocher ein und stellt zwei Tassen auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes steht. Er gibt Kaffeepulver in die Tassen. Das Wasser kocht. «Ich möchte dich anschauen», sagt er mit veränderter Stimme.

Sie zieht sich wortlos aus und schaut ihn dabei an, angetrieben von einem unerklärlichen Impuls. Seine Augen funkeln wie die eines Raubtiers. Sie weiss nicht, was sie denken, was sie sagen soll. Sie fühlt sich wie mit zwölf Jahren zum ersten Mal auf dem 10-Meter-Sprungturm. Sie versucht regelmässig zu atmen und verschluckt sich dabei. «Das Wasser kocht», sagt sie.

Sie geniesst plötzlich die eigene Überraschung, nicht zu wissen, was zu tun ist, nackt zu sein. Zu warten. Er giesst das Wasser in die Tassen.

«Es ist seltsam», sagt er. «Ich möchte dich berühren, die Lust ist schon fast schmerzhaft, und gleichzeitig fühle ich bereits die Traurigkeit, dich wieder gehen lassen zu müssen.»

«Wir können uns in den Brunnen legen», schlägt Sarah vor.

«Das ist eine vernünftige Idee», lacht Cla.

Auch er zieht sich aus. Sie betrachten einander schweigend. Clas Körper ist muskulös und kräftig, kein Alter verratend. Dann springen sie hinaus und steigen in den Brunnentrog. Sie kreischen. Das Herbstlicht versprüht eine milchige Wärme. Auf den Zweitausendern liegt über der Baumgrenze bereits der erste Schnee. Grillen zirpen, gedämpftes Vogelgezwitscher dringt an ihr Ohr. Die Luft riecht nach überreifen Zwetschgen. Es gärt in den Speichern des Sommergedächtnisses. Die Erinnerungen warten darauf, getrunken zu werden, und dieser Tag soll den süssen Saft vergolden. Die Wolken erinnern an chinesische Schriftzeichen. «Noch nicht» und «Nichts» steht am Himmel. Sie kreischen und prusten. Der Kälteschock jagt Adrenalin durch ihre Körper. Jauchzend springen sie vor der Hütte auf und ab. Cla holt von drinnen eine Decke. So lassen sie sich Seite an Seite von der Sonne trocknen. Eine Libelle tanzt in der Luft.

«Du hast gefragt, worin der Sinn besteht, etwas Sinnloses zu tun», sagt Cla. «Was, wenn es gar nicht um den Sinn geht, sondern einzig um die Schönheit?»

Sie lächelt.

«Du meinst, wir können stets nur das Schöne erkennen, nicht aber den Sinn?»

«Das Schöne ist vielleicht der Sinn», lächelt Cla.

«Es ist manchmal so schwer zu ertragen!», stöhnt Sarah.

Cla greift nach ihrer Hand. Sein Pulsschlag geht über in ihren.

Sie spazieren durch den Arvenwald zurück. Viele Mythen kreisen um dieses Wäldchen. Hier wachsen die höchst gelegenen Arven, deren Holz die Seele besänftigt. «Nichts», denkt sie. Sarah fühlt sich frisch und gereinigt.

«Hier soll eine Waldfee wirken, welche den Spaziergängern ihre Lebensaufgabe offenbart. Man muss ganz still sein, damit sie sich mitteilen kann. Manchmal spricht sie in Sätzen, manchmal in Bildern. Es gibt Menschen, die sie sogar sehen können.»

«Und wie rufe ich sie?», fragt Sarah.

«Es reicht, wenn du gedanklich das Wort an sie richtest. Aber Vorsicht! Wer sich gegen seine Aufgabe stemmt, dem droht Ungemach. Man darf die Frage nicht vor dem dreissigsten Lebensjahr stellen, so der Volksglaube.»

«Lebensaufgabe», sinniert Sarah. «Während meiner Kindheit und Jugend in Rumänien war irgendwie klar, worin die Lebensaufgabe bestand: Den Kindern sollte es einmal besser gehen als den Eltern. Sie sollten eine gute Bildung bekommen, vielleicht ihr Glück im Ausland versuchen. Und jede Familie hatte ihre Mantren, welche die Grosseltern den Enkeln weitergaben, kleine Weisheiten, die einen durchs Leben brachten. Während meiner Studienzeit in Deutschland stürzte ich mich auf deutschsprachige Sinnsprüche. Ich lernte Goethe auswendig: ‹Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.› Ich war wahnsinnig stolz auf meine Fortschritte, auf mein Verständnis für die Tiefe der Seele. In der deutschen Sprache sah ich beides vereint, Logik und Seelentiefe. Dann merkte ich bald, dass diese Werte nichts mehr zählen sollten. Niemand sprach mehr über Goethe oder Hölderlin. An der Uni lasen wir sogenannte postdramatische Texte, die so viel besagten wie: Es gibt keine Geschichten mehr, keine Wahrheiten, nur noch Diskurse!»

Cla lacht.

«Und dann kommst du in die Natur, und sie beginnt dir unweigerlich Geschichten zu erzählen. Es vergeht kein Tag, an dem sie mich nicht irgendwas lehrt.» Sie atmet den Duft des Waldes ein. «Heil den unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch! Sein Beispiel lehr‘ uns jene glauben.» Zum ersten Mal versteht sie diese zweite Strophe von Goethes Gedicht «Das Göttliche». Der tugendhafte Mensch soll den anderen durch sein Vorbild das Göttliche näherbringen, denn das Göttliche wird erst durch den Menschen sichtbar. «Denn unfühlend ist die Natur: Es leuchtet die Sonne, über Bös‘ und Gute, und dem Verbrecher glänzen, wie dem Besten, der Mond und die Sterne.»

Die Sonne taucht die Berge in rosa Licht. Die rot-gelben Blätter rascheln im Wind. Sarah berührt sanft Clas Arm. «Ich danke dir für diesen herrlichen Tag!»

Das Restaurant Inez liegt bereits im Schatten, davor steht neben Clas Geländewagen ein roter Peugeot.

In dem Moment taucht in Sarahs Augenwinkel Pascal auf. Er steuert auf sie zu.

«Pascal!», ruft sie entgeistert.

Er blickt sie wütend an, so wie nur der Liebste blickt, wenn er verletzt wurde. Ein angeschossenes Tier.

«Das ist Cla», sagt sie. «Er hat mir mit den Gedichten geholfen.» – «Mein Freund», sagt sie zu Cla.

«Schön dich kennenzulernen», sagt dieser ruhig.

«Wir sehen uns unten!», sagt Pascal trocken.

«Ich hoffe, du bekommst jetzt keine Probleme wegen mir», sagt Cla.

«Wir haben nichts zu bereuen, oder?», fragt Sarah.

Keiner von ihnen spricht mehr ein Wort. Die Gesteinsmassen drücken. Pascals Eifersucht mischt sich mit ihrem schlechten Gewissen. Sie versucht, die Gefühle auseinanderzudröseln.

Cla streicht ihr ein letztes Mal über die Wange. «Du hast nicht gefragt», sagt er.

Sie lächelt traurig.

Mit hängenden Schultern betritt sie das Haus.

Sie geht die Stufen hoch in ihr Atelier. Wird Pascal gleich mit dem Rad heimkommen? Wird er draussen auf die Nacht warten oder irgendwo ein Bier trinken? Auf dem Schreibtisch liegen Abzüge von Pascals neuster Arbeit. Daneben eine Lupe. Sie lässt sich auf den Stuhl fallen, betrachtet die Bilder des Geräteraumes der Sekundarschule und den Maschinenraum der Bergbahnen. Sie nimmt die Lupe zur Hand. Sie erkennt auf dem Gymnastikpferd ein eingeritztes Herz, darin eingraviert ein Schriftzug: «Sarah». Sie untersucht den Maschinenraum. Dort ist auf einer Schneekanone zu entziffern «I love Sarah».

Sie freut sich auf den ersten Schnee.

Im Windschatten

Sie sitzt gerne auf einer Bank, obwohl das heutzutage niemand mehr tut, der nicht seinen Überfluss an Zeit zur Schau stellen will. Es wäre ja auch etwas unverschämt, über zu viel Zeit zu verfügen. Henriette sinniert gerne. Was das Parkbanksitzen in New York vom Parkbanksitzen in Rucol unterscheidet. Abgesehen von der Natur, um die man im Engadin schlecht herumkommt, es sei denn, man fände einen Reduiteingang, verbrächte die Tage im Stollen, und ignorierte fortan die Tatsache, im Berg zu wohnen, wie die Höhlenmenschen in Platons Gleichnis. In New York geniesst man die Natur im Park und verwechselt den Park mit der Natur. Die Pischana, der stattliche Hausberg Rucols, das ist Natur, aber so ein Central Park? Werden da nicht regelmässig Bomben deponiert?

Henriette besitzt die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Nicht dass sie sich in Luft auflösen könnte, nein, nein. Vielmehr scheint sie alle von ihr ausgehenden Signale ausschalten zu können, um so chamäleongleich mit der Umgebung zu verschmelzen.

Als sie nach und nach ihrem Rätsel auf die Spur kam, dass die Menschen sie nicht ignorierten, sondern sie oft schlichtweg nicht wahrnahmen, begann sie mit ihrer Gabe zu arbeiten. Sie verschaffte sich Zutritt in Regierungsgebäude und drang immer weiter in sensible Bereiche vor. Wurde sie aufgehalten, raunte sie dem Sicherheitspersonal «Passt schon» zu. So war sie jedes Jahr unsichtbarer Gast am Weltwirtschaftsvotum in Savon, wo sie Regierungs- und Konzernchefs bei der Völlerei beobachtete. Ihr Material verkaufte sie an Journalisten, bis sie irgendwann dazu überging, ihre Recherchen selber auf Youtube zu verbreiten. So wurde sie Journalistin wider Willen, da ihre Kollegen sie als Informantin schlecht bezahlten und obendrauf ihr Material als eigenes ausgaben. Alles muss man sich ja auch als Unsichtbare nicht gefallen lassen!

Henriette entwickelte sich über die Jahre hinweg allmählich zum Vollprofi und bietet heute Kurse in Unsichtbarwerdung an.

Die meisten wollen unsichtbar werden, weil sie sich dadurch erhoffen, der Realität entfliehen zu können. Diesen Kandidaten erteilt Henriette eine Absage. Unsichtbar zu sein, erfordert ein Höchstmass an Konzentration und ein reines Herz, um die Macht nicht zu missbrauchen. Bis heute weiss sie nicht, wie viele Agenten fremder Dienste sie ausgebildet hat, sie hofft natürlich keine, aber eine hundertprozentige Garantie hat sie schliesslich nie. Deshalb arbeitet sie am liebsten mit Kindern und Jugendlichen.

Ihre beste Auszubildende ist Louisa. Sie besucht die Sekunda am Hochalpinen Institut in Rtan. Kennengelernt haben sie sich auf der Parkbank beim Schwimmbad Badras. Es scheint einen Code zu geben, der Parkbanksitzende miteinander verbindet.

In der Garage, die Henriette als Seminarraum dient, üben sie heute das Teetrinken; wie man Kekse isst, um die Aufmerksamkeit des Gegenübers ganz auf den Keks zu lenken. Louisa versteht es, den Gesprächspartner alleine durch ihr Fingerspiel zu hypnotisieren.

In wohldosierten Abständen hält Henriette Louisa Bücher zu: «Schuld und Sühne», «Anna Karenina», «Der Postmeister» und andere Schätze der Weltliteratur oder «antiquarische Zen-Übungen», wie Louisa meint. Die altmodische Sprache bereitet ihr noch Mühe. Oft notiert sie sich Ausdrücke in ein Notizheft, um ihre Bedeutung später zu ergoogeln.

Noch ist Louisa nicht klar, dass Lesen den Geist weitet. Um in der Kunst des Unsichtbarseins zu brillieren, benötigt man ein waches Bewusstsein, was die Voraussetzung für die Bewusstseinserweiterung ist. Es genügt nicht, in Phantasie- und Parallelwelten einzutauchen und sie beschreiben zu können. Man muss sie auch miteinander in Verbindung setzen. Seinen Nutzen daraus ziehen. Sich seine eigene Hirnstruktur erschaffen, so wie ein Architekt ein Haus plant. «Und wir wollen ja nicht nur ein Haus, wir wollen einen Palazzo! Stell dir vor, du kommst als reiche Zuckerbäckerin von Italien zurück nach Rucol. Was für einen Tempel errichtest du dir? Du willst doch deine alten Schulfreunde beeindrucken!», lacht Henriette.

Wenn Louisa schlechte Laune hat, gelingt es Henriette oft, ihre Schülerin mit ihren schlichten Anweisungen aus dem Schneckenhaus hervorzulocken. «Wo befindest du dich gerade? Im Keller oder in der Abstellkammer? Wenn ich dir einen Tipp geben darf: Nimm den Staubsauger aus der Abstellkammer und saug mal dein Kellerabteil. Ich bin sicher, wir werden dabei den einen oder anderen Juwel entdecken.» Wenn Louisa lacht, folgt meist eine Quintessenz wie: «Merk dir eins, meine Liebe: Egal wie schlecht es dir geht, sei aufmerksam.»

In der zweiten Lektion betrachten sie jeweils grosse Werke der Kunstgeschichte, um zu verstehen, wie grosse Geister beobachten, auf was sie den Fokus legen und wie sie den Blick des Betrachters lenken. Die Übung dient dem Erkennen grosser Geister. Aber dafür besitzen sensible Menschen wie Louisa bereits in ganz jungen Jahren ein Gespür. «Du musst die blinden Flecken des Gegenübers kennen», erklärt Henriette. «In diesem Windschatten kannst du dich ohne grosse Anstrengung gut aufhalten. Es gibt aber eine einfache Grundregel: Um unsichtbar zu sein, muss deine Energie höher schwingen als die Energie des Gegenübers, das dich nicht entdecken soll.»

Louisa macht sich während solcher Sitzungen jeweils fleissig Notizen, um dann wieder bei null anzufangen, so kommt es ihr oft vor. «Wie erhöhe ich denn meine Schwingung?», fragt sie leicht genervt.

«Zum Beispiel mit Dostojewski», lacht Henriette. «Aber mach dir keine Sorgen. Ich habe das alles mit siebzehn auch noch nicht verstanden. Ich habe versucht, meine Jugend zu geniessen, und dabei viele Dummheiten gemacht. Nun bin ich zur Auffassung gelangt, dass nicht jede Dummheit zur Entwicklung gereicht. Also mögen meine Unterweisungen dazu dienen, deine Entwicklung auf dem einen oder anderen Gebiet ein bisschen zu beschleunigen. Aber die Schwingungserhöhung erfolgt ganz natürlich, wenn du das machst, was dir Spass macht, und die nötige Disziplin aufbringst, Hindernisse zu überwinden.»

Louisa schaut Henriette neugierig an. «Was war denn deine grösste Dummheit?»

Henriette überlegt lange.

«Ich habe zu wenig gelesen», lacht Henriette. «Meine Zwanziger habe ich mit Alkohol und Männern verbracht.» Louisa schaut sie skeptisch an: «Wirklich?»

«Ja, so was Dummes hättest du nicht erwartet, oder? Aber das ist auch eine Binsenwahrheit: Oft ist die abwegigste Annahme die Zutreffendste.»

Louisa denkt nach. «Du meinst, dass beispielsweise meine Französischlehrerin eigentlich die französische Sprache hasst, so was?»

«Ja, genau!», sagt Henriette. «Alleine, dass dir spontan dieser Gedanke kommt, ist ein Hinweis auf eine Diskrepanz, welche deine Lehrerin offenbar ausstrahlt. Möglicherweise ist deine Schlussfolgerung nicht ganz richtig, und sie hat einfach keinen Spass mehr am Unterrichten.»

Louisa lacht: «Was ja auch durchaus nachvollziehbar ist.»

«Nein», protestiert Henriette, «weisst du, wir dürfen es nicht gutheissen, wenn Leute Dinge tun, die ihnen keinen Spass mehr machen. Damit akzeptieren wir die Kakophonie! Und wenn du einen Auftrag zu erfüllen hast, Louisa, dann ist es der, gegen die Kakophonie vorzugehen!»

Louisa notiert sich das Wort «Kakophonie.»

«Komm», sagt Henriette, «für heute wollen wir Schluss machen.» Louisa streckt sich erleichtert. «Das Museum der Liebe eröffnet heute seine Tore. Lass uns dort hingehen.»

«Super», klatscht Louisa begeistert. «Darf ich auch sichtbar sein?»

Schönster Tag

Er streut Futter in das Aquarium. Die Fische sind seine grosse Schwäche. Anstatt die Weite des Meeres zu geniessen, schwimmen sie ständig gegen das Glas. Ahnen sie etwas vom Ozean? Eine zweite Schwäche hat er auch: den Luxus ganz allgemein. Seit Dariusz vor fünf Jahren in die grosszügige Maisonette-Wohnung eingezogen ist, kann er sich nicht mehr vorstellen, bescheidener zu leben. Eine Glasfront holt den Garten mit dem alten Kirschbaum, dem Flieder und den wilden Rosen in sein Wohnzimmer. Oft sitzt er hier auf seinem Wohnsofa, um seine E-Mails zu beantworten, während sein Blick den Garten nach Inspiration absucht, einer Amselmutter beispielsweise, die ihren Jungen eifrig Würmer in die Schnäbel schiebt.

In seiner modern ausgestatteten Küche bereitet er sich jeweils Smoothies und kleine gesunde Snacks zu – Porridge, einen Salat oder ein Avocadobrötchen. Über der Spüle hängt ein Monatskalender mit eingeölten Strandnixen in winzigen Bikinis. Müsste er nicht auf seine Figur achten, würde er wohl nur Pizza essen. Seine Pin-up-Girls ermahnen ihn zur Disziplin. Diesen Monat ist die Reihe an Anke. So nennt er sie. Anke. Ein bisschen spröde. Nach seinem Geschmack etwas zu dünn.

Eine Wendeltreppe führt zu seinem Schlafzimmer hoch. Die Wände hat er mit einer Fototapete ausgekleidet. Sie zeigt eine Sandwüste. Eine Glaskuppel holt nachts die Sterne in seine Träume. Auf dem Balkon sonnt sich sein rothaariger Kater Rocky auf einem der Rattanstühle. Seine Freundin Laila ist oft bei ihm. Einen Toilettenbeutel mit Zahnbürste, Zahnpasta, Cremes und Schminkutensilien hat sie bereits fest im Bad stationiert, wobei sich der Inhalt des Beutels meist nicht im Beutel befindet. Laila studiert Kommunikationswissenschaft und ist, was ihre Schlampigkeit anbelangt, untherapierbar. Dariusz ist Hypnosetherapeut.

Jeden Morgen um sieben schlüpft er in seine Lederjacke und macht sich auf den Weg zum Bäcker.

Er lauscht dem kräftigen Glockenschlag der romanischen Kirche, saugt die frische Bergluft, die in dieser Jahreszeit nach Heu und Honig riecht, ein und denkt: «Ich bin glücklich.» Dann hält er kurz inne und fragt sich, ob er wirklich glücklich sein kann, wenn das Glück zuerst in seinem Geist ist und sich erst danach wohlig in seinem Körper ausdehnt.

«Aber es war doch gar nicht zuerst in meinem Geist», schimpft er vor sich hin. «Meine Ohren haben das Bimmeln der Kirchenglocken wahrgenommen, meine Lungenflügel die frische Luft, mein Geist hat nur interpretiert, was mein Körper fühlte.» Dariusz nimmt drei tiefe Atemzüge. «Wie dem auch sei: Ich bin glücklich!»

Als er die Ladentüre aufstösst, bimmelt erneut ein Glöckchen, das der Bäckerin Kundschaft signalisiert. Bis neun Uhr steht Svetlana selber hinter dem Verkaufstresen. Mit ihrer weissen Bäckerbluse, der Schürze und einem weissen Mehlschnäuzchen über der Oberlippe.

«Du, Svetlana», sagt er, «heute bin ich noch so benommen von meinen Träumen, ich möchte in einem warmen Brot weiterschlummern und mich im Halbschlaf durch die kuschelige Hefedecke essen.»

Svetlana lacht schallend und gibt den Blick auf ihr imposantes Gebiss frei.

«Der Butterzopf hat die feinste Textur», sagt sie. «An dem Nussbrot würdest du dich heute nur verschlucken.»

«Also gerne ein Zopf», gibt sich Dariusz geschlagen, «und eine Semmel und ein Croissant.»

Svetlana legt kaum merklich sichtbar ihre Stirn in Falten. Sie malt sich gerade aus, wie viele Mäuler heute an Dariusz‘ Frühstückstisch sitzen mögen. Sein Einkauf ergibt wenig Sinn. Sie greift mit ihrer ruhigen, kräftigen Hand nach der Zange und packt Croissant und Semmel in eine Tüte. Dariusz starrt gebannt auf ihre Hände, die schliesslich flink den Warenwert in die Kasse eintippen.

«Darf‘s sonst noch etwas sein?»

Dariusz schreckt aus seiner Sekundentrance hoch: «Nein, alles gut, danke.»

Hinter der Kirche wartet bereits Roger. Er erweckt nie den Anschein, als würde er tatsächlich auf Dariusz warten. Manchmal summt er eine Melodie vor sich hin oder er zeichnet mit einem Ästchen irgendwelche Landkarten auf den Boden. «Mesopotamien», sagt er dann zu Dariusz. «Warst du Sumerer, Akkader oder Babylonier?», fragt Roger. Dariusz zuckt mit den Schultern.

«Bestimmt ein Gott», sagt er schliesslich und reicht Roger die Tüte mit dem Croissant und der Semmel.

«Übertreib mal nicht, mein Engel!», sagt Roger und schlägt sich mit der Hand auf die Schenkel. «Willst du mich mästen?»

«Sobald sich unter deinem Pullover Speckrollen abzeichnen, bring ich dir nur noch Äpfel!»

Roger schaut ihn panisch an. «Bloss nicht! Ich habe Eva schon alle Äpfel weggefressen. Was glaubst du, warum ich hier täglich rumsitze, um in die Uhrwerke hineinzuschauen? Was Zeit ist, mein Lieber, das begreift man erst, wenn man nichts mehr ausser ihr hat. So sehr man sie auch verlieren will, es gelingt nicht. Ich kann einzig versuchen, Raum und Zeit übereinanderzulegen und durch das Wurmloch aufzusteigen.» Rogers Arm vollzieht eine Bewegung Richtung Himmel.

«Ich verstehe», sagt Dariusz. «Aber», wendet er ein, «ist es nicht umgekehrt, sickert die Erkenntnis nicht durch das Wurmloch zu dir hindurch, in dich hinein?»

«Du weisst einfach nicht, was ein Wurmloch ist!», sagt Roger ärgerlich.

«Tut mir leid, ich werde es recherchieren. Bis dann!»

«Bis dann, Dariusz, sei gesegnet. Gott des Getreides und der Gedärme.»

In der Küche schneidet er sich zwei Scheiben vom Zopf ab. Den Anschnitt wirft er in eine Tüte, um daraus Paniermehl zu machen, so wie er es von seiner Grossmutter gelernt hat.

Svetlanas Hände bewegen sich synchron zum Weltgeschehen, denkt er, ohne zu wissen, was der Satz bedeuten soll. Während er seinen Geist im Griff hat oder zumindest meint, ihn im Griff zu haben, schliesslich ist er nicht grössenwahnsinnig, ist sein Körper oft ein bisschen schwerfällig. Er ist ein Schussel, denkt Dariusz, und wirft mit einer ungeschickten Handbewegung das bis zum Rand gefüllte Milchglas um. Ehe er sich versieht, springt Rocky auf die Spüle und beginnt die Milch zu lappen.

«Mein lieber Kerl, du solltest doch keine Milch saufen – davon bekommst du wieder Bauchweh.»

Bei den entscheidenden Informationen kappt sein samtpfotiger Freund ihre telepathische Verbindung. Erwachsene Katzen stellen keine Laktase, die den Milchzucker spaltet, her, und können daher die Milch nicht verdauen. «Ich sollte ja auch keine Milch trinken», seufzt Dariusz. «Da kann ich dir noch lange predigen, wenn ich mich selbst nicht an meine Empfehlungen halte.»

Rocky schaut zu ihm hoch, während er sich mit der Zunge über das Mäulchen schleckt.

Widerwillig macht sich Dariusz an sein Manuskript. «In dreissig Tagen zum Erfolg» lautet sein Arbeitstitel. Eigentlich sollte das Buch heissen: «In dreissig Tagen wissen, was du willst». Aber die meisten Leute meinen zu wissen, was sie wollen. Bis sie gefragt werden. Bis ihnen jemand sagt, dass ihr Leben auch besser verlaufen könnte. Wem als Kind ständig eingetrichtert wurde, dass das Leben keine Festhütte sei, glaubt es später und knechtet sich freiwillig. Noch plagt Dariusz die Angst vor dem täglichen Wiederaufnehmen des Schreibens, als ob zwischen dem Manuskript und ihm ein Abgrund klaffen würde und der Weg zu seinem Text nur über einen ganz schmalen Weg führte. Der Weg der richtigen Sätze. Ein falscher Satz, und er fällt. Daher hat er sich angewöhnt, zu Beginn der Schreibarbeit demonstrativ ein paar ganz dumme Sätze zu formulieren. Sätze, die er in den Abgrund hinunterwirft. Nicht er fällt, sondern die krummen Gedankengänge. Die syntaktischen Böcke, die holprigen Formulierungen und grammatikalischen Schamleistungen. Er schreibt: «Umarme dein Unterbewusstsein, lass es für dich arbeiten, und werde endlich zu dem intelligenten Menschen, der du immer sein wolltest.» Dariusz legt seine Stirn in Falten. Gar nicht so schlecht. Aber das Unterbewusstsein für sich arbeiten zu lassen, klingt das nicht seltsam? Er googelt den Satz und stellt fest, dass es ihn bereits gibt. So schreitet er eine Weile mutig voran, als ob er einen unbekannten Waldweg passierte, ständig mit der Frage konfrontiert, welchem Weg er folgen sollte. «Vertrauen» heisst das Zauberwort. «Vertrauen». Mitten in seiner kleinen hypnotischen Trance klingelt sein Telefon. Es ist Laila, die ihm ihren Traum von letzter Nacht erzählen will.

«Laila», sagt er, «ich schreibe grad.»

«Es dauert nicht lange. Also, pass auf.»

Er hört nur mit einem Ohr zu. Laila besucht ein Seminar, in dem alle Alkohol trinken. Eine Seminarteilnehmerin sagt zu ihr, niemand würde etwas sagen, sofern eben alle dichthielten.

«Wie kann man dichthalten, wenn man nicht ganz dicht ist?»

«Hast du das so wortwörtlich geträumt?»

«Nein, ich träum nicht so eloquent.»

«Du willst einfach deinen Weg gehen», sagt Dariusz.

«Wie meinst du das?», fragt Laila.

«Das musst du schon selber wissen», sagt Dariusz etwas genervt. «Entschuldige, aber wir reden jetzt seit einem Monat darüber, dass du die Uni eigentlich hinschmeissen willst. Vielleicht will dir der Traum ja auch sagen, dass du dich regelmässig besaufen sollst, um das Studium hinter dich zu bringen.»

Laila lacht.

«Das ist eine sehr gute Idee! Ich bin um acht bei dir!»

«Laila», sagt Dariusz noch, aber seine Freundin hat bereits aufgelegt.

Er ist doppelt ärgerlich. Zum einen, weil er seine Spur wieder suchen muss, zum anderen fühlt er sich in seiner Autonomie verletzt. «Autonomie», denkt er, das ist ein gutes Kapitel.

Laila schmiegt sich wie eine Katze an seine Wange und schnurrt in sein Ohr.

«Hast du dich entschieden?», fragt Dariusz.

«Ja!», lacht Laila. «Du hast mir die Antwort geliefert. Feiern! Ich werde feiern.»

«Und das Studium?», fragt Dariusz.

«Das werde ich nebenbei abschliessen. Ich werde ein Buch schreiben: ‹Feiernd zum Erfolg!›.»

Sie holt eine Flasche Prosecco aus ihrer Tasche.

«Du hast dich einfach zu stark mit der Uni identifiziert.»

«Genau!», lacht Laila. «Weisst du, die Frauen in meinem Studiengang sind alle so adjustiert. Hochqualifizierte Sekretärinnen, die später irgendwelche Projekte managen, die von irgendwelchen Think Tanks zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung ausgedacht wurden. Dabei werden all diese Post-Stepford-Wives das Gefühl haben, einen wirklich verantwortungsvollen Job zu machen.»

«Während die wirkliche Welt mit all ihren tausend Facetten und Möglichkeiten um sie herum immer kleiner wird», fügt Dariusz hinzu. Laila starrt nachdenklich in eine Ecke. «Na ja, ich brauch ja auch noch Kundschaft», lacht Dariusz.

Es scheint diese unsichtbare Wand zu geben, die Menschen nach dem dreissigsten Lebensjahr entweder träger oder weiser macht. Auch wenn Dariusz selbst die dreissig erst knapp überschritten hat, konnte er unzählige Male beobachten, wie Menschen, die Mitte dreissig nichts von ihrem Gelernten umsetzten und stattdessen ständig nach neuen Optionen Ausschau hielten, viel unglücklicher waren als Menschen, die aus ihrem Erfahrungsschatz schöpften und ihr Lernpotenzial dazu nutzten, um differenziertere Einsichten zu erlangen. Er rät daher in den meisten Fällen nicht zu radikalen Lösungen, sondern zu kleinen Schritten im Alltag, die den Menschen von innen heraus verändern.

«Weisst du was», sagt Dariusz, «ich mach dir einfach ein Kind, und du bist all diese lästigen Entscheidungen für einen Moment los.»

Er lacht spitzbübisch, als ob er gerade einen preiswürdigen Vorschlag vorgebracht hätte.

Laila strahlt so unerwartet frisch über beide Backen, dass es Dariusz fast ein bisschen klamm wird, und gleichzeitig tanzt ein kleiner Stern in seinem Herzen und explodiert in tausend Stücke.

Sie schälen sich aus ihren Panzerungen, bis sie nur noch Haut und Haar sind, bereit, die Grenze, die sie voneinander trennt, zu überschreiten.

Der Gedanke, Lailas Körper einmal nicht mehr berühren zu dürfen, lässt ihn rotsehen. Er bäumt sich innerlich auf wie ein Bär und brüllt. Wäre der Grund des Verzichtes ein anderer Mann, würde er ihn in tausend Fetzen reissen. Und würde es Laila einfallen, vor ihm zu sterben, würde er sich wie Kokoschka eine Laila-Puppe anfertigen lassen. Mit keiner richtigen Frau würde er noch zusammenleben wollen.

Er will gar nicht weniger eifersüchtig sein, gar nicht weniger von diesem süssen Gift kosten, das durch seinen Körper schiesst, wenn ein anderer Mann sich auch nur getraut, Laila anzuschauen. Er will sie nicht nur zärtlich lieben, er will sie auch mit Wut begehren. Sie soll seine tiefsten Gefühle zu Tage fördern, sie, die unschuldige Maid, die am Brunnen Wasser schöpft. Natürlich ist Laila nicht unschuldig. Alleine ein paar Kindheitsepisoden einer wilden Mädchenbande genügten ihm, zu erahnen, dass in Laila Kräfte jenseits von Gut und Böse schlummern. Im Lügen zum Beispiel sind sie sich ähnlich. Nicht dass sie oft lügt, aber wenn sie doch dabei ertappt wird, weil sie sich beispielsweise ein Kleid gekauft hat, dass sie sich eigentlich nicht leisten kann, da sie für ihren gemeinsamen Urlaub sparen sollte, packt sie sich seine Schwäche, um diese als Ursache ihrer Flunkerei hinzustellen, anstatt einfach auf ihrem Recht zu beharren, ihr Geld nach ihrem Gutdünken auszugeben. In einer solchen Auseinandersetzung ist er in ihren Augen der Schuldige, da er ihr das Kleid hätte kaufen sollen. Das spricht sie natürlich nicht offen aus. Sie arbeitet suggestiv, dass sie vor seinen Freunden ja nicht wie ein Kartoffelsack auftreten könne etc.

Dariusz öffnet den Reisverschluss ihres neuen Sommerkleides und freut sich, dass seine Freundin über einen solch exquisiten Geschmack verfügt.

Am nächsten Morgen schält sich Dariusz wie gewohnt früh aus den Laken, während Laila noch tief schlummert. Sie liegt quer im Bett, ihre Haare sind zerzaust. Die Decke hat sie im Schlaf weggestrampelt, ihr Shirt ist nach oben gerutscht und gibt neckisch ihre rechte Brustwarze frei. Eine Welle der Zärtlichkeit überkommt ihn.

Dariusz fröstelt leicht. Obwohl es bereits Juli ist, zeigt das Thermometer morgens nur acht Grad an. Dennoch bereut er den Entschluss, in die Berge gezogen zu sein, keine Sekunde. Wie teuer sind ihm die ersten Morgenstunden geworden, wenn der Nebel noch wie Watte an den Gipfeln klebt und die Schwalben schlaftrunken über den Dächern segeln, auf der Jagd nach ihrem Frühstück.

Svetlana glänzt heute wie ein polierter Edelstein. Manchmal hat er seltsame Assoziationen, schliesslich kommt Svetlana nicht aus dem Stein. Svetlana kommt aus der Erde. Aus Lava geworden, voilà, die Kombination von Stein und Erde! Warum ist er noch nicht früher darauf gekommen! «Guten Morgen, Svetlava!», grüsst er übermütig.

«Dass du jetzt erst darauf kommst», lacht sie. «Was darf’s denn heute sein?» Er lässt sich jeweils zwei Roggen- und zwei Dinkelbrötchen einpacken. Für Roger kauft er einen Spinatstrudel und ein Stück Nusstorte. Svetlana hat es aufgegeben, in Dariusz‘ Kaufverhalten eine Logik zu erkennen.

«Jeden Tag was Neues», lacht sie.

«Ja», klärt sie Dariusz auf. «Ich verrat dir was: Wenn du in deinem Alltag möglichst viele neue Dinge tust, stimmst du dein Unterbewusstsein darauf ein, neue Ideen zu entwickeln. Wer also etwas in seinem Leben verändern will, sollte damit anfangen, anstatt Croissant Brötchen zu essen, Tee anstelle Kaffee zu trinken, was auch immer!»

Svetlana runzelt die Stirn, während sie ruhig den Strudel in eine Tüte packt. Dariusz starrt gebannt auf ihre Hände. «Was soll ich denn in meinem Leben verändern?», lacht Svetlana.

Der Satz streichelt seine Wangen wie ein kühler Lufthauch oben auf der Alp Radla. In seinem Innern erklingt «Wild is the wind» von David Bowie.

«Dariusz?», fragt Svetlana.

«Wie viel schuld ich dir?», fragt er und er fügt hinzu: «Nichts. Verändere gar nichts.»

Svetlana schaut ihm verwirrt hinterher.

Ein seltsamer Kauz, dieser Dariusz. Ihre Grossmutter sagt, er würde Hokuspokus betreiben – um die Weiber rumzukriegen. «Aber Grossmama», sagt dann Svetlana, «nicht alle Männer wollen immer nur mit Frauen ins Bett gehen. Ich meine, das wird doch irgendwann auch langweilig, und so langweilig kann doch kein Mann sein, immer nur das eine zu tun, da hätte sich doch Gott gewaltig vertan.» Dann lacht Grossmama, und sagt: «Meine Güte, wie kann man gleichzeitig klug und so unglaublich naiv sein, das bringt auch nur meine Svetlana zustande.» Dann schüttelt sie den Kopf und fügt hinzu: «Und unschuldig bist du auch nicht!»

«Na ja», spinnt dann Svetlana den Gedanken für sich weiter, «wenn der Mann tatsächlich planlos schöpft, dann ist das Nähren doch eigentlich die viel spannendere Aufgabe.» So verbringt sie Stunden mit der Schöpfungsgeschichte und der Interpretationen ihrer Aufgabe darin, während sie den weichen Teig zu Brötchen formt oder die süsse Honigmasse in die mit Nüssen ausgelegten Blechformen giesst.

Roger schaut Dariusz skeptisch an. «Jetzt übertreibst du es aber!»

«Das ist doch nicht der Rede wert», beschwichtigt ihn Dariusz. Dann zaubert er eine Dose Vitamintabletten aus seiner Jackentasche.

«Ich weiss, dass du darauf vermutlich nicht so stehst, aber wenn dir die Zähne ausfallen, kann ich dir nur noch Suppe bringen, und da stehst du glaub noch weniger drauf.» Roger wackelt mit dem Kopf. «Da könntest du recht haben, mein Bruder! Das nenn ich doch einen zivilisatorischen Fortschritt, wenn sogar die Obdachlosen Vitamintabletten bekommen!» Roger inspiziert die Dose.

«Und nächste Woche statten wir dem Zahnarzt einen Besuch ab, was meinst du? Er soll tolle Fotografien in seiner Praxis hängen haben.»

«Nackte Weiber?», fragt Roger, «du weisst doch, dass mich das Fleisch nicht mehr lockt – im Austausch gegen meine fauligen Zahnwurzeln!»

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