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Bernt Danielsson

In irrer Mission

Kevin & Schröder

Übersezt von Regine Elsässer

Saga

In irrer Mission

Übersezt von Regine Elsässer

Titel der Originalausgabe: In irrer Mission

Originalsprache: Schwedischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1997, 2021 Bernt Danielsson und SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726922110

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

www.sagaegmont.com

Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

1

Adelante

In dem Moment, als Philip Marlowe sich in einer dunklen Nacht bei strömendem Regen hinter ein Auto duckte, das im Leerlauf lief, und Silver-Wig schrie:

„I can see him! Through the window. Behind the wheel, Lash!“, klingelte es an der Tür.

Ich hatte gerade die letzte Zimtschnecke in den Mund gesteckt und meine Kiefer unterbrachen erschrocken ihr lustvolles Kauen.

Mein rechter Zeigefinger, der beim Lesen zerstreut an einem der drei Pickel, die ganz plötzlich vor einigen Tagen auf dem Kinn aufgetaucht waren, herumgefingert hatte, rutschte aus, und ich schnitt mich mit dem Nagel – es tat furchtbar weh, aber ich konnte den Schrei gerade noch unterdrücken.

Ich setzte mich mit einem Ruck auf und schaute auf die grün leuchtenden Zahlen der Videoanzeige: 23. 28. Konnte es schon so spät sein? Und – Moment mal, habe ich gesagt, es klingelte an der Tür?

Kurz vor halb zwölf an einem Donnerstagabend im Juni? Wer konnte das sein?

Ich versuchte cool zu bleiben und war es natürlich nicht.

Ich spülte die Zimtschnecke mit einem großen Schluck Himbeersaft runter.

Das gefiel mir überhaupt nicht. Vor allem deshalb nicht, weil ich allein zu Hause war. Meine Eltern waren unten bei den Großeltern in Västervik und würden erst am Montag zurückkommen. Ich war eigentlich nie sehr gern allein gewesen, vor allem nicht abends, aber im letzten halben Jahr war es immer schlimmer geworden. Ich regte mich fürchterlich leicht auf und konnte mir alle nur denkbaren, widerwärtigen Scheußlichkeiten vorstellen.

Dabei war es bestimmt nur ein Betrunkener, der die Bushaltestelle suchte.

Es klingelte wieder an der Tür.

Was sollte ich tun? Nicht aufmachen?

Ziemlich bescheuert, denn wer auch immer es war, sah, dass es hell in der Hütte war.

Waren die Nachbarn zu Hause?

Ich legte das Buch beiseite, stand vom Sofa auf und schaute aus dem Wohnzimmerfenster, das zu den Nachbarn ging. Wenn sie zu Hause waren, dann waren sie auf jeden Fall nicht mehr wach, stellte ich fest. Ihre Haus lag völlig im Dunkeln und wenn ich nicht gewusst hätte, dass es da war, hätte ich es nicht gesehen.

Ich schlich so leise wie möglich in die Küche, stellte mich ans Fenster und schaute hinaus. Ich sah nicht sehr viel. Für die erste Woche im Juni war es außergewöhnlich dunkel. Und ich hatte die Außenlampe vor ungefähr einer halben Stunde ausgemacht. Und die Lampe unten am Tor war kaputt. Es regnete nicht mehr, aber Dunstschleier flatterten noch in der Luft, der Himmel war so dunkel wie die Nacht.

Ein weiteres, kurzes, wütendes Doppelklingeln an der Tür.

Ich holte tief Luft und ging dann mit übertrieben polternden Schritten in den Flur.

„Platz, Chandler! Platz!“, rief ich und versuchte so zu klingen, als ob ich das Herrchen eines muskulösen Wachhundes sei, der mit sabbernden Lefzen seine Zähne fletschte und bereit war, dem Eindringling mit einem tödlichen Sprung an die Gurgel zu gehen. Die Idee hatte ich aus einem Buch, das ich vor ein paar Jahren gelesen hatte.

Bevor ich im Flur war, polterte es an die Tür und eine raue Stimme brüllte etwas, das klang wie „Erschieß den Satansbraten!“ Aber ich musste mich verhört haben.

Was zum Teufel soll ich bloß machen?, dachte ich erschrocken, aber ich war mit meinem Gedanken noch nicht beim Fragezeichen angelangt, da wusste ich, wer es war.

Natürlich ...

Wer sonst konnte es sein? Wer sonst würde brüllen: „Erschieß den Satansbraten!“, und das in einem dicht besiedelten Vorort nachts um halb zwölf?

Ich machte die Tür auf und stellte zu meiner großen Erleichterung fest, dass ich völlig Recht hatte.

„Buenas noches, Kevin! Ich habe gar nicht gewusst, dass Chandler hier seine ewigen Jagdgründe gefunden hat!“

Natürlich was es Raymond Schröder, natürlich grinste er spöttisch und riss sich die Ray-Ban-Sonnenbrille runter, kaute auf einem Bügel und blinzelte mich erwartungsvoll an. Er hatte seinen obligatorischen, alten, schmutzig weißen, langen Trenchcoat an, aber ansonsten sah er etwas anders aus. Irgendwie ordentlicher. Khakifarbene Hosen, die aussahen, als seien sie sogar gebügelt worden – zumindest vor ein paar Wochen, ein blaues Hemd, das auch frisch gebügelt aussah, ein schwarzer Schlips aus so einem groben Stoff, er hatte ihn lässig gebunden und den obersten Hemdenknopf geöffnet, und unter dem Mantel ahnte ich den Aufschlag eines braunen Jacketts.

„Jetzt hast du Angst gekriegt, was? Hast gedacht, das ist so ein Psychosomatpsychopath, der dir den Schwanz abschneiden will. Cómo estas mit umgedrehtem Fragezeichen!“

„Was?“

„Cómo estas. ,Wie geht es‘ auf Spanisch natürlich. Und da verwendet man umgedrehte Fragezeichen, hast du das nicht gewusst? Vermutlich wegen zu viel billigem Rioja Tinto ... Aber was zum Teufel hast du denn gemacht?“ Ich schaute ihn verständnislos und fragend an. „Im Gesicht. Du blutest ja, verdammt! Und auf den Lippen hast du weiße Bläschen ...“

„Wirklich“, murmelte ich und tastete mit dem Zeigefinger am Kinn. Klar, der eine Pickel war ganz zerdrückt worden. „Ähm ... bloß ein Pickel. Nicht so schlimm.“ Und mit dem Handrücken wischte ich den Hagelzucker von der Zimtschnecke vom Mund.

„Ja, das seh ich. Hab gedacht, du hättest das pubertale Pickelstadium allmählich hinter dir. Hast du es mal mit Clerasil probiert?“ Er beugte sich vor und starrte mein Kinn an. „Obwohl, gegen solche Kaventsmänner hilft das auch nicht. Du kannst dankbar sein, dass er nicht mitten auf der Nase ist. Jetzt müsstest du eigentlich ,Adelante!‘ sagen und freudig überrascht aussehen, und nicht so säuerlich dreinschauen.“

„Adelante?“

„Genau. Vielen Dank. Das ist nicht besonders herzlich, aber immerhin. Dann mach ich es eben.“

Er trat ein und schloss schnell die Tür hinter sich.

Er sah wirklich ganz anders aus, stellte ich fest, aber es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass es nicht bloß die Kleidung war – er hatte auch die Haare geschnitten. Richtig kurz, und sie schienen auch nicht mehr lockig zu sein. Aber den Stoppelbart hatte er noch. Ich kreuzte die Arme und lehnte mich an den Rahmen der Küchentür.

„Da du nach einem nicht vorhandenen Chandler gerufen und so übertrieben mit den Pantoffeln gepoltert hast, nehme ich an, dass du allein bist. Que?“ Er hob fragend die eine Augenbraue. Ich nickte kurz. „Gut. Aber – du bist ja gar nicht im Schlafanzug. Hat der kleine Kevin denn noch nicht geschlummert?“ Er schloss die Tür zur Diele und sein Blick traf meinen. „Okay, okay, mein Kleiner. Only kidding. Ich weiss, dass es spät ist, aber es ist verdammt noch mal nicht meine Schuld.“

Ich machte die Tür zur Gästetoilette auf und riss ein Stück Klopapier ab und drückte es auf den zerquetschen Pickel auf meinem Kinn.

„Ich würde Pflaster an Stelle von Klopapier empfehlen“, sagte er besorgt. „Also, ich saß zu Hause und feilte an meiner Gedichtsammlung, die ...“

„Gedichtsammlung?“

„Na klar.“

„Malst du denn nicht mehr?“

„Das geht dich einen Scheißdreck an. Die Gedichtsammlung wird heißen ,Este tien una falta‘, habe ich mir gedacht – das ist doch gut, oder?“

„Und was bedeutet es?“

„Das sag ich dir später. Aber es klingt doch richtig kontinental, oder? Sie wird zwar abgelehnt werden. Aber so ist es eben ...“

„Was?“

„Wenn man so unglaublich schlau ist wie ich. They hate you if you’re clever, um einen alten Freund zu zitieren. Tja, ich sitze also da und bewundere meine unglaubliche Genialität, da ruft Lena ganz out of the schöne blaue Donau an und ...“

„Was sagst du da?“

„Ha, du hast dich überhaupt nicht verändert. Du bist immer noch so!“ Er fasste sich an die Stirn und lehnte sich mit einem affigen Stöhnen gegen die Tür.

„Wie ,so‘?“

Er wedelte mit den Armen. „Hörst nicht zu. Stehst da und pulst an einem blöden, kleinen, blutenden Pickel. So selbstvergessen, dass dir die Watte zu den Ohren rauskommt. Also, ich sagte, ich saß zu Hause und ...“

„Ja, das habe ich verstanden und Lena rief an, aber ...“

„Beeindruckend! Dann habe ich nichts mehr gesagt. Wie dem auch sei: Sie rief an, diesmal aus Kopenhagen, oder zumindest ganz in der Nähe, von einem Ort der Birkerød heißt, glaub ich wenigstens. Weißt du, wen sie da kennt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht ...“ Er schabte sich nachdenklich das Kinn. „Auf jeden Fall war es schrecklich wichtig. Wie immer.“ Er verdrehte die Augen und kicherte albern. „Ich dachte, sie ruft an, um mich nach der Kontonummer zu fragen ...“

„Was?“

„Ja, um endlich die Kohle für meine Mountaineer-Treter zu überweisen. Die Rashmal geklaut hat. Sie versucht jetzt seit einem halben Jahr, sich davor zu drücken. Aber nein. Sie habe es schrecklich eilig, sagte sie, und dann sagte sie etwas so unglaublich Merkwürdiges, dass ich mich gefragt habe, ob es ihr noch ganz gut geht.“

„Wie meinst du das?“

Ohne es zu wollen, seufzte ich tief und setzte mich auf den kleinen Hocker am Spiegel unter der Kommode. Ich hatte Raymond Schröder ziemlich genau ein halbes Jahr lang nicht gesehen, aber es war mir schon gleich wieder zu viel. Viel zu viel. Ich bin ihn eben nicht mehr gewöhnt, dachte ich, faltete das Klopapier und drückte es wieder aufs Kinn.

„Was hat sie denn gesagt?“

„Also, sie sagte: Flitz sofort zu Kevin rüber und grüß ihn dreimal von mir. Das mit dem dreimal war offenbar sehr wichtig. Das ist doch bescheuert. Verstehst du das?“

Ich verstand es.

Ich stand mit einem Ruck auf, zog meine Nikes an, lief in die Küche und holte eine Taschenlampe. Ich warf das Klopapier, das inzwischen dunkelrot war, in den Ausguss. Im Flur stellte ich die Taschenlampe auf die Kommode und zog meine Jeansjacke an. „Nimm die Lampe und komm. Ich erzähl dir alles“, sagte ich bestimmt und machte eine Geste, dass er sich bewegen solle. Er trat erstaunt ein paar Schritte zur Seite und ich machte die Tür auf.

„Du hast nicht mal gemerkt, dass ich die Haare geschnitten habe“, sagte er enttäuscht, aber da war ich schon draußen.

2

El Apparillo

Ich holte einen Spaten, der an der Garagenwand lehnte und nahm die zerschlissenen Gartenhandschuhe, die auf dem Griff lagen. Ich klemmte den Spaten unter den Arm, zog die Handschuhe an und lief zum Blumenbeet unten am Zaun zum Nachbargrundstück, direkt hinter dem größten Apfelbaum.

Im Dunkeln konnte ich die Blumen zwar nicht sehen, aber ich hörte deutlich, dass ich sie niedertrampelte, als ich über die kleine, sorgfältig angelegte Kieselsteinmauer rund um das Blumenbeet stieg. Ich stieß den Spaten brutal in die Erde und fing an zu graben.

Schröder kam angerannt. „Wo zum Teufel bist du denn?“, murmelte er und fluchte, als ihm ein paar Apfelbaumzweige ins Gesicht schlugen.

„Hier.“

„Vielen Dank für die äußerst brauchbare Information, vielen Dank. Sie ist in dieser Stockdunkelheit von großer Hilfe. Ihr müsst diesen verdammten Apfelbaum beschneiden. Oder am besten gleich umsägen. Wie kann man das bloß die helle Jahreszeit nennen? Es ist ja so dunkel wie im Dezember, verdammt. Und auch nicht sehr warm, aber trotzdem irgendwie drückend. Es würde mich nicht wundern, wenn es heute Nacht noch ein Gewitter gäbe. Verdammt.“

Plötzlich stand er direkt neben mir.

„Aber was zum Teufel hast du denn vor, Kevin?“

Das war eine gute Frage. Es war eine sehr gute Frage: Was hatte ich eigentlich vor?

Ich schaute hoch und sah mich um, aber es war wirklich nicht sehr viel zu sehen. Ich konnte nicht mal Schröder sehen, obwohl ich wusste, dass er direkt neben mir stand. Aber ich hörte ihn:

„Hast du mich gehört? Was machst du hier eigentlich?!“

„Ich grabe.“

„Grabe? Wie, du gräbst? Willst du ausgerechnet jetzt Kartoffeln ausbuddeln? Mitten in der Nacht? Denkst du immer nur ans Essen? Und es ist auch noch nicht Mittsommer, sie sind bestimmt noch winzig klein, die Kartoffeln, fürchte ich. Das reicht wohl kaum für Bratkartoffeln für uns beide ... Du kannst doch nicht einfach so ohne ein Wort abhauen.“

„Ich werde es dir schon erklären, und das habe ich dir auch gesagt.“

„Hast du nicht. Du hast nur gesagt, dass ich die Taschenlampe nehmen soll, dann bist du abgehauen wie eine gesengte Sau. Völlig durchgedreht.“

„Wo ist die Taschenlampe?“

„Ich hab keine gefunden.“

Da stöhnte ich. Wie ich immer stöhne. Und dann grub ich weiter. Währenddessen war mein Gehirn damit beschäftigt, die Frage zu diskutieren, was ich eigentlich vorhatte. Eine gute Frage.

Ich kniete in einer ungewöhnlich dunklen Juninacht in unserem Garten und grub eins der umhegten Blumenbeete meines Vaters um. Er würde natürlich total ausrasten. Aber als ich im März an einem feuchtkalten Abend das Paket einbuddelte, hatte ich keinem Gedanken an seine Blumen verschwendet. Die Blumenzwiebeln waren inzwischen natürlich gewachsen, hatten ihre Stängel und Blüten nach oben geschickt, und es war noch keine Woche her, dass sie aufgeblüht waren. Es war völlig unmöglich, sie nicht kaputtzumachen, vor allem, weil ich blind buddelte.

„Sie stand auf der Kommode im Flur“, sagte ich sauer.

„Wer stand auf der Kommode?“

„Die Taschenlampe.“

„Willst du damit sagen, dass ich sie holen soll?“

Ich schüttelte den Kopf und steckte beide Hände in die regennasse Erde und suchte.

„Hast du gehört?“

„Was?“

„Ob ich sie holen soll?“

„Was denn?“

„Aber verdammt noch mal, Junge! El Torcho natürlich!“

„Was für’n Ding?“

„Die Scheißlampe!“

Die Feuchtigkeit drang durch die Handschuhe, und auch wenn es Juni war, so wurden meine Hände schnell eiskalt.

„Nein. Nicht nötig. Ich glaube, ich – wart mal ...“

Er schnüffelte misstrauisch. „Verdammt, es riecht so verbrannt, riechst du es auch? Brennt es irgendwo?“

„Es riecht nach Gegrilltem“, sagte ich, trat einen Schritt beiseite, steckte den Spaten in die Erde und zerstörte ein weiteres Stück Blumenbeet.

„Stimmt. Das ganze verfluchte Täby stinkt nach verbranntem Schweinefleisch und Grillfett. Sobald im Kalender steht, dass Sommer ist, rollen die Deppen ihre fahrbaren Schweinekrematorien raus. Die Leute spinnen einfach. Bist du bald fertig?“

„Ja, ich hab es.“

Ich suchte mit den Fingern, fand eine Ecke, schob die Hand drunter und hob es an. Ich konnte richtig hören, wie die aus Holland importierten Blumenzwiebeln meines Vaters mit einen spröden, knirschenden Geräusch zerdrückt wurden, als ich das Paket herauszog.

Ich bürstete die Erde ab und stand auf.

„Komm“, sagte ich und trat auf den Kiesweg.

„Komm, komm“, murmelte Schröder, und ich hörte, wie er fluchte, wahrscheinlich war er genau in das von mir gegrabene Loch getreten.

„Nimm den Spaten mit“, sagte ich.

„Wo hast du den bloß gelassen?“

Ich antwortete gar nicht erst, lief die Schiefertreppe zur Haustür hoch und trat in den Flur. Ich stellte den Karton auf die Fußmatte und zog die lehmverschmierten Gartenhandschuhe aus. Ich sah mich um und wusste nicht, wo ich sie hinlegen sollte, ohne allzu viel schmutzig zu machen. Ehe ich einen Entschluss fassen konnte, wurde die Tür aufgerissen und Schröder trat ein.

„Ich habe keinen verdammten Spaten gefunden. Wir müssen ihn morgen früh holen. Und was ist das? Ein Buch?“

Ich zuckte mit den Schultern und zog die Schuhe aus.

„Kevin, bitte, sei so lieb. Kannst du mir erklären, warum – Ich meine, ich komme her und besuche dich und erzähle, dass Lena angerufen hat und das ich dich ,dreimal‘ grüßen soll und ...“ Er unterbrach sich und machte mit beiden Armen eine resignierte Geste. „Jesses, was seid ihr blöd! Grüß den kleinen Kevin dreimal von mir!“

„So hat sie es bestimmt nicht gesagt!“

„Ha! Jetzt hab ich dich erwischt, was?“

„Zieh die Boots aus.“

„Ja, ja, ist schon gut. Natürlich verstehe ich, dass das etwas bedeuten soll, irgendein Code oder was ihr euch ausgedacht habt. Es sei ganz verdammt wichtig, sagte sie.“ Er lehnte sich an die Wand und hob das linke Bein, legte es auf den rechten Oberschenkel und zog mit beiden Händen und unter großem Stöhnen einen Cowboystiefel aus. „Und dann drehst du total durch. Ich kann kaum Guten Tag sagen und erzählen, wie es mir geht, da hast du schon die Gartenhandschuhe an und stürzt dich hinaus in die Nacht und fängst an zu buddeln wie der Totengräber aus Hamlet.“

Er wechselte den Fuß, blieb aber nicht stehen, sondern hüpfte auf einem bestrumpften Fuß umher und schaffte es schließlich unter lauten Gestöhn, auch den anderen Stiefel auszuziehen. Mit besorgter Miene inspizierte er die Zehenspitze des Lederstiefels. „Verdammt, jetzt ist die Sohle schon wieder abgegangen, nur weil ich in eurem matschigen Garten herumstiefeln musste. Das ist doch lächerlich und außer ...“ Er verstummte, als sein Blick plötzlich die Bilder an den Wänden entdeckte. „Und sieh mal, die verdammten Bilder hängen immer noch an der Wand!“

Während Schröder weitermachte wie immer, ging ich in die Küche, legte die Handschuhe in den Ausguss und stellte den Karton auf das Abtropfbrett. Irgendwie hatte er ja Recht, es war schon ein ziemlich bescheuert. Aber als Lena damals sagte, an dem Tag, an dem ich einen Gruß von ihr bekommen würde, der lautete „dreimal“, sollte ich sofort den Apparillo holen und ihn so schnell wie möglich einschalten, da klang es überhaupt nicht lächerlich. Im Gegenteil.

Ich kam an mein Kinn und hatte wieder Blut an der Hand. Blöder Pickel, dachte ich und wischte es mit Haushaltspapier ab.

„Tja, verdammt, hier hat sich auch nichts verändert seit dem letzten Mal“, sagte Schröder, als ich mir gerade die Hände wusch. „Das Leben wichtelt weiter so vor sich hin in der blitzeblanken Küche von familio El Karlsson.“ Er kicherte, unterbrach sich dann und wurde plötzlich ernst. „Hast du mal darüber nachgedacht? Wie viele Menschen denken, dass Geborgenheit das Gleiche wie Glück ist, wo doch eigentlich nur das seltene Glück an sich wirklich Geborgenheit geben kann.“ Er schaute mich mit so einem erwartungsvollen Blick an, der jedoch schnell in deutliche Enttäuschung überging.

„Und was hat unsere Küche damit zu tun?“, fragte ich, machte den Putzschrank auf und trocknete mich an einem Geschirrhandtuch ab.

„Eine ganze Menge, mein Junge, mehr als du denkst. Aber ich merke, dass du heute Abend nicht zu tiefsinnigen Gesprächen aufgelegt bist. Du hast ja viel wichtigere Dinge vor, wie zum Beispiel Bücherpakete aus den Blumenbeeten auszugraben. Es ist ja ein gottverdammtes Glück, dass deine Eltern heute nicht zu Hause sind. Ich muss zugeben, ich habe mir auf dem Weg hierher ein wenig Sorgen gemacht. Dank für die gütige Nichtfrage, mir geht es, den Umständen entsprechend, ganz gut. Tatsächlich muy bien, auch wenn dir das scheißegal ist.“

„Ist es nicht, aber Lena sagte, dass ...“

„Wann hast du sie eigentlich getroffen? Habt ihr denn kein Pflaster im Haus?“

„Doch, oben. Aber es ist fast alle. Irgendwann im Frühjahr.“

„Was?“

„Lena. Ich habe Lena irgendwann im Frühjahr getroffen“, sagte ich. „Sie rief an, und dann kam sie und ...“

„Sie war hier?!“ Er wühlte energisch in den Innentaschen seines Mantel und brachte eine zerschlissene Lederbrieftasche zum Vorschein. „Willst du damit sagen, dass sie hier war und nicht mal bei mir angeklingelt hat?!“ Er blätterte durch mehrere zum Platzen volle Fächer und hielt dann mit einem triumphierenden Grinsen ein altes Pflaster hoch.

Ich nahm es, zog das Schutzpapier ab und klebte es irgendwie auf mein Kinn.

„Nicht besonders hübsch. Und du hättest in den Spiegel schauen können. Aber zweckdienlich.“

„Was?“

„Das Pflaster. Es sitzt nicht sonderlich elegant. Was zum Teufel ist nur mit Lena los?“ Er seufzte tief, zog einen der Küchenstühle raus und setzte sich. „Und jetzt ruft sie also an, bittet mich, hierher zu flitzen und dich dreimal zu grüßen. Warum zum Teufel hat sie nicht selbst hier angerufen!?“

„Weil ihr Telefon natürlich verwanzt ist.“

„Verwanzt? Hat sie Ungeziefer im Telefon? Aber wie hat sie dann ...“

„Abgehört wird“, unterbrach ich ihn ungeduldig und riss das Verpackungsband auf.

„Aha, also wieder so was. Du, pleasch, wie der Bramaputrawichtel Rashmal zu sagen pflegte, könntest du mir das ein bisschen genauer erklären?“

Ich zuckte mit den Schultern. Innerhalb einer Nanosekunde blätterte das Gedächtnis ein halbes Jahr durch. Mir wurde fast schwindlig, so schnell ging das.

Eigentlich war nach dem großen Durcheinander am Rösjö im letzten Winter nicht sehr viel passiert, falls ihr euch daran erinnert. 1 „Das fehlende Glied“, wie Lena und ihr Vater Adler den Kerl nannten, den sie mit Hilfe der gefälschten Diskette nach Schweden gelockt hatten, und den ich mit Adlers Infrarot-Polaroidkamera auf die Platte bekommen hatte. Er war irgendein schwedischer Bigshot und steckte bis zu den Knöcheln in der mafiaähnlichen Organisation namens BEDA.

Wenn man bedenkt, wie aufgeregt Adler und seine Helfer wurden, als sie sahen, wer da auf dem Foto war, hatte ich erwartet, eine Menge darüber in der Zeitung zu lesen. Wochenlang las ich deshalb jeden Artikel auf der Nachrichtenseite, zum großen Erstaunen meiner Eltern.

Es stand nie etwas drin, keine Zeile. Und dabei hatte Adler zu Schröder gesagt, dass die Affäre große innenpolitische Konsequenzen haben würde und die Regierung vermutlich zurücktreten müsse. Was sie nicht tat. Der Außenminister trat zwar ungefähr einen Monat später aus gesundheitlichen Gründen zurück, was wahrscheinlich sogar stimmte, er sah ziemlich krank aus. Ich fand es einigermaßen unwahrscheinlich, dass es etwas mit der Diskette und Adler zu tun hatte.

Dann kam Mitte Februar der Finanzminister bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die Kommission, die den Absturz untersuchte, kam zu dem Schluss, dass die eine Tragfläche des kleinen Flugzeugs vereist war. Der Gedanke, dass das Unglück etwas mit BEDA zu tun haben könnte, kam mir zwar, aber ich verwarf ihn wieder.

Inzwischen hatte ich fast vergessen, was mit dieser Diskette und draußen am Rösjö und im VIP-Raum am Arlanda-Flughafen passiert war und auch Beppo, die Morchel, und Rashmal. Oder: ich versuchte es zumindest. Aber immer wieder, kurz vor dem Einschlafen, liefen dann die Erinnerungsvideos und die waren jedes Mal anders. Schließlich wusste ich nicht mehr, was ich wirklich erlebt hatte und was meine Erinnerung hinterher erfunden hatte. Schließlich hatte ich das Gefühl, dass es bloß ein Buch war – verdammt gut, aber immerhin bloß ein Buch, das ich gelesen hatte.

Stattdessen versuchte ich mich aufs Lernen zu konzentrieren, was mir nicht besonders gut gelang. Ich dachte über die berühmte Zukunft nach und was ich werden sollte, wo ich doch nicht mal wusste, was ich werden wollte. Meine Eltern maulten oft, dass ich mir gar nicht mehr ähnlich war, und das stimmte auch. Ich war total verwirrt, in jeder Beziehung.

Diese Erinnerungsbilder, die kamen, bevor ich einschlief, handelten nämlich meistens von Lena Dahlén. Ich kam einfach nicht von ihr los. Wie sehr ich es auch versuchte. Natürlich rannte ich auf jede Menge Feste und natürlich machte ich auch mit allen möglichen Bräuten rum, aber ich merkte immer wieder, dass ich ständig an Lena dachte. Und ich verglich die anderen Mädchen mit ihr. Und da hatten die natürlich keine Chance.

Das war doch lächerlich. Sie war ja mindestens fünfunddreißig, vielleicht sogar so alt wie meine Mutter (Jesses!). Ich verstand nicht, wieso ich so fixiert auf sie war. Ich versuchte, das alles irgendwie klar zu kriegen, und habe doch tatsächlich angefangen so eine Art Tagebuch zu schreiben. Ich versuchte aufzuschreiben, was für Gefühle ich hatte. Das ging natürlich nicht.

Plötzlich, eines Morgens Ende Januar stand ein neu glänzendes, schwarzes Piaggio-Moped an unserem Gartentor, ein riesiges, rosa Seidenband war darumgeschlungen und zu einer gigantischen Schleife gebunden, mit einem Schild, auf dem stand: „Für Kevin, von Raymond & Lena.“

Es war ziemlich schwierig, meinen Eltern das Ganze zu erklären. Fast so schwierig, wie zu erklären, warum mein altes Piaggio gestohlen worden war, warum die Garagentür kaputt oder „verwüstet“ war, wie mein Vater es nannte, warum seine Diskettenbox aufgebrochen war, wo sein unglaublich wichtiger Entwurf für die Jahressteuer seines größten Kunden hingekommen war, und wie es kam, dass zwei seiner teuersten Flaschen Rotwein verschwunden waren usw. usw.

Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, alles zu erklären, ohne zu erzählen, was wirklich passiert war. Es hätte auch keinen Sinn gehabt. Sie hätten mir doch nicht geglaubt. Außerdem durfte ich auch nichts erzählen. Aber sowohl meine Mutter als auch mein Vater wollten unbedingt meinen „neuen Freund“, diesen Raymond Schröder kennen lernen. Aber zum Glück vergaßen sie es irgendwann wieder. Sie hatten genug andere Probleme, die Firma meines Vaters ging mehrmals beinahe in Konkurs und meine Mutter hatte jede Menge Sorgen in der Schule mit Kürzungen, unmöglichen Einsparungen und hoffnungslos verwässerten Lehrplänen, wie sie sich ausdrückte.

Und dann klingelte eines Abends im April das Telefon. Glücklicherweise war ich allein zu Hause, Mutter war bei einem Kurs und Vater arbeitete mal wieder länger.

„Hallo, Kevin, ich bin’s ...“

Und es gab überhaupt keinen Zweifel, wer ich war.

Das Gespräch verlief genau wie alle Gespräche, die ich mit Lena am Telefon führte. Wenn ihre Stimme so nah war und sich direkt in mein Ohr schlich, war es, als ob sie ganz in mich hineinkriechen würde, und da kam ich ganz durcheinander, fing an zu stottern, wurde rot, verhaspelte mich und bekam Frösche in den Hals und einen leicht surrenden Schwindel. Und alles zusammen führte dazu, dass ich nicht richtig hörte, was sie sagte, ich begriff den Zusammenhang irgendwie nicht, oder wie man das ausdrücken soll.

Sie sei in der Nähe, sagte sie, und sie brauche Hilfe. Ich müsse etwas für sie aufbewahren und verstecken. Als ich sagte, ich sei allein zu Hause und Mama und Pa ... ähm ... meine Eltern kämen erst in einigen Stunden, hatte ich fast noch nicht den Hörer aufgelegt, als ich auch schon ein Auto unten auf der Straße halten hörte. Ich stieg in die Schuhe und erwartete einen weißen Porsche. Seit jenem regnerischen Herbstabend im letzten Jahr hatten weiße Porsches für mich eine besondere Bedeutung, und wenn ich einen sah, spürte ich (es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber gut), spürte ich Lena Dahléns Lippen auf meinen (doch, das stimmt).

Da unten stand überhaupt kein weißer Porsche. Stattdessen stieg sie aus einem knallgelben, rostigen Citroën 2CV, ihr wisst schon, so eine französische Blechbüchse, die schon lange nicht mehr gebaut wird. Als ich zum Gartentor kam, stand sie da und lächelte.

„Noch mal hallo, Kevin.“

Sie sah aus wie immer. Mir kam sofort die alte Songzeile in den Sinn: I grow weak in the presence of beauty.

Sie reichte mir ein Paket, das in ganz normales, braunes Packpapier eingeschlagen war, vielleicht ein bisschen größer als ein Taschenbuch, nicht dicker als Chandlers „The Big Sleep“.

„Kannst du das für mich verstecken?“

Es war wichtig und natürlich fürchterlich geheim. Sie erklärte, es sei ein Gerät, das an ein Telefon angeschlossen wurde.

„Ein Fax, meinst du?“, fragte ich erstaunt.

„Nein, kein Fax, aber etwas Ähnliches“.

Dann erklärte sie mir, wie es funktionierte, aber ich verstand es nicht richtig. Denn wenn sie vor mir stand, war ich total verwirrt und kindisch.

Sie meinte, dass ich vermutlich nichts machen müsse, aber: „Sobald jemand dich anruft oder zu dir nach Hause kommt und dich dreimal von mir grüßt – merk dir das: nicht nur grüßt, sondern dreimal von mir grüßt“, dann sollte ich das Gerät anschließen, sobald ich allein war.

„Es ist ganz einfach, ich habe ein paar Hinweise aufgeschrieben, sie liegen in der Schachtel, und da steht auch, was du dann machen musst.“ Es war also sehr wichtig, dass ich es wirklich versteckte, sie hätte mich lieber nicht schon wieder in etwas verwickelt, aber sie kannte sonst niemanden, bei dem es keine Verbindungen zwischen ihr und BEDA gab.

„Wie ist es denn mit denen weitergegangen?“, fragte ich und nahm das Paket.

„Es ist noch nicht zu Ende“, sagte sie und folgte mir zum Haus.

„Du hast vielleicht von diesem Flugzeugabsturz gehört.“

„Waren das ...“

„Ja. Deswegen muss ich es so machen. Alles ist so schrecklich verwickelt, ich traue inzwischen niemandem mehr, deshalb muss ich ... Und du, Kevin – kein Wort, vergiss das nicht.“

„Willst du nicht einen Kaffee oder so?“, fragte ich und kam mir schon wieder so superalbern und megakindisch vor. Ich war dankbar, dass die Außenlampe nicht so hell war. Und trotzdem hoffte ich innerlich, dass sie Ja sagen würde. Ich würde ihr Kaffee machen, in der Mikrowelle tiefgekühlte Zimtschnecken auftauen, ihr am Küchentisch gegenübersitzen, ihr in die Augen schauen, ihre Stimme hören und –

„Hab keine Zeit, Kevin. Ein andermal. Hast du in letzter Zeit mir Raymond gesprochen?“ Ich schüttelte den Kopf und versuchte über die Enttäuschung hinwegzukommen, die wie ein großer, grober Stein in meinen Körper sank. „Ich auch eine ganze Weile nicht“, sagte sie mit so einem Lächeln, von denen meine Erinnerungsabteilung eine sorgfältig gepflegte und hoch geschätzte Sammlung besaß. „Wenn du ihn sprichst, grüß ihn.“

„War das alles? Grüßen? Hat sie sonst nichts gesagt? Und dann ging sie einfach wieder?“

Ich nickte, aber das stimmte nicht ganz. Ich erzählte nicht, dass sie mir noch so ein Lächeln schenkte, und dass sie sich dann vorbeugte und mich rasch in eine Umarmung einschloss, die ich immer noch als deutlichen Abdruck auf dem ganzen Körper spüre.

„Als ob ich der Cousin der Schwägerin ihrer Mutter wäre“, brummte Schröder.

Ich machte den Pappkarton auf und holte eine blau-schwarze Plastikschachtel heraus, die aussah wie ein übergroßer Walkman. Sie war ungefähr so dick wie Chandlers „The Big Sleep“. Ganz unten lag ein gefaltetes A4-Papier mit den Instruktionen, von denen Lena gesprochen hatte. Sie waren auf einem Computer geschrieben und mit einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt worden, der bald eine neue Tintenpatrone brauchen würde, vermutete ich.

Für Kevin stand ganz oben in Kursivschrift.

„Verdammt, Kaffee, Kevin. Kaffee.“

Ich zeigte gedankenverloren Richtung Küchenschrank, ohne meine Lektüre zu unterbrechen.

Er machte zwei große Schritte und riss die Schranktür auf. „Löfbergs Lila?! Aber was ist denn das, Kevin? Was? Hat dein Alter Steuern nachzahlen müssen? Kein Segafredo? Kein Kimbo? Nicht mal Lavazza?“

„Hmm ...“, brummte ich.

„Ich hab was gefragt!!“

„Was?“

„Habt ihr keinen richtigen Kaffee im Haus?“

„Nicht?“ Ich zog den Stecker des Küchentelefons aus der Buchse und drückte ihn an der einen Seite in den Apparillo, dann steckte ich den Stecker vom Apparillo in unsere Buchse.

„Ein Anrufbeantworter?“, fragte Schröder erstaunt und hörte mit seinem Kaffeegemaule auf. Er machte nicht einmal die Schranktür zu, sondern kam zu mir und starrte die schwarze Schachtel an. „Warum habt ihr den Anrufbeantworter im Blumenbeet vergraben? Wozu soll das gut sein? Das hab ich mit meinem noch nicht versucht ...“

Ich warf ihm einen müden und hoffentlich strafenden Blick zu, während ich den Stromstecker vom Apparillo in die Steckdose steckte. Ich drückte auf einen roten Knopf und eine kleine rote Lampe ging an.

„Mit eingebauter Lampe und allem“, sagte Schröder. „Ich bin wirklich beeindruckt, Kevin. Aber was soll jetzt passieren? Spielt der gleich ein Liedchen. Vielleicht Mozarts Flötenkonzert in E-Dur? Und was ist das überhaupt für ein verdammter Apparillo?“

„Ich weiß es auch nicht genau“, sagte ich und war etwas erstaunt.

Der Apparillo schaltete ein paar Mal und nach einer kurzen Pause begann er leise zu surren. Schröder legte eine Hand hinters Ohr und beugte sich runter.

„Nein, absolut kein Mozart. Möglicherweise eine moderne Interpretation des Brausens der Wasserfälle von Avesta, aber das klingt mehr wie mein neuer Kühlschrank.“

Er verschränkte die Arme und lehnte sich an die Spüle, nahm den Zettel und las die erste Zeile. „An der Überschrift hat sie lange gefeilt ...“ Er lehnte sich noch weiter zurück und begann zu lesen. Nach einer Weile schaute er den Apparillo an, dann unser Telefon und schließlich starrte er intensiv die Buchse an der Wand an.

„Punkt für Punkt galant ausgeführt, Kevin“, sagte er säuerlich.

„Ich bin ja so stolz auf dich.“

„Hör auf. Lies weiter“, sagte ich und verschränkte meinerseits die Arme.

Er zuckte mit den Schultern und nahm wieder den Zettel. Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Wir zuckten beide zusammen und schauten uns an.

Schröder nahm den Hörer ab.

„Nein!“, schrie ich und stürzte mich auf ihn. „Verdammt, kannst du nicht lesen?!“ Ich riss ihm den Hörer aus der Hand und legte wieder auf.

„Ich bin noch nicht fertig ...“

Ich zeigte mit einem wütend zitternden Zeigefinger weiter unten auf das Blatt, wo stand, dass ich

absolut nicht

abnehmen sollte, wenn das Telefon während der fünfundzwanzig Minuten, in denen es angeschlossen war, klingelte.

„Verdammt ...“ Er kratzte sich mit schabendem Geräusch unter dem Kinn. „Aber ich habe wenigstens nichts gesagt.“

„Das nützt vielleicht nichts“, sagte ich und spürte wie sich ätzende Panik irgendwo in der Magengegend breit machte. Ich hatte das seit einem halben Jahr nicht mehr gespürt und vergessen, wie widerwärtig es sein konnte. Es war, als ob ein scharf geschliffenes Pendel da drinnen hin- und herschwingen würde.

„Wie, nützt nichts?“

„Der Grund, warum er hier installiert ist, ist natürlich der, dass niemand diese Nummer kennt, und darum können sie auch die Funktionen nicht aufspüren.“

„Was zum Teufel fantasierst du da?“

„Dieser Apparillo ist gerade damit beschäftigt, die kompletten Informationen aus einer gigantischen Datenbank abzuziehen. Aber wenn sie die Nummer aufspüren, können sie auch den Prozess stoppen und vor allem können sie ihn bis hierher verfolgen. Und deswegen sollte ich es machen.“

„Damit sie ihn bis hierher verfolgen können?“

„Damit sie es nicht können, selbstverständlich!“

„Oh! Lena und ihre verfluchten Computerapparillos, also wirklich! Und muss sie ständig dich da hineinziehen? Sie hätte doch mich bitten können, es zu machen.“

„Dich kennen sie, sagte sie, das sei genauso schlimm.“

„Mich kennen sie?! Zum Teufel aber auch. Wie ausgesprochen unangenehm.“

Ich zuckte mit den Schultern und spürte, wie eine sogartige Unruhe sich vom Bauch aus spiralförmig nach oben drängte. Wenn sie die Nummer bis hierher verfolgen können? Und was, wenn Schröder alles kaputtgemacht hatte? Was würde dann passieren?

3

Espresso Aschico &

Americanos Expressos

„Ach was, die haben das nicht hierher verfolgen können, Kevin. Reg dich ab. Das war bestimmt bloß ein Kontrollanruf von deiner Mami, ob du schon schläfst ...“ Schröder grinste kurz und las weiter und drehte dann das Blatt um. „Aha. Und ich soll auch alles Mögliche erledigen, sehe ich. Ich habe sie so satt, diese Lena!“

„Zeig her“, sagte ich und riss wütend das A4-Blatt an mich.

Doch, er hatte Recht. Auf der Rückseite stand, ich solle den Apparillo Schröder übergeben. Davon hatte Lena nichts gesagt. Aber klar, sie hoffte ja, dass es nicht nötig sein würde, damals, als ich ihn bekam. Aber ich war irgendwie doch enttäuscht, und dieses Gefühl verstärkte sich noch, als ich sah, dass da auch ein Umschlag festgeklebt war, auf dem einfach Für Raymond stand. Ich riss ihn ab und reichte ihn Schröder rüber und sah vermutlich ziemlich verbiestert aus.

„Danke. So freundliche Briefträger trifft man nicht alle Tage.“

Er schaute den Umschlag zerstreut an und steckte ihn dann in die Jackentasche. „Aber was zum Teufel ist nun mit dem Kaffee, habt ihr nichts Trinkbares im Haus?“

Ich schloss die Schranktür, die er aufgemacht hatte, öffnete die daneben und streckte mich nach einem Glas Lavazza Espresso Italiana Schnellkaffee. Warum bin ich bloß so sauer?, dachte ich. Als Schröder das Glas sah, erhellte sich sein Gesicht. Er drehte sich herum, nahm den erstbesten Topf, füllte ihn mit Wasser und machte die Schnellkochplatte an.

„Wie wär’s, wenn du mir jetzt mal etwas genauer erklären würdest, was das Ganze soll.“

„Ich weiß nicht viel mehr, als ich erzählt habe“, sagte ich.

„Unglaublich“, stöhnte er und schälte sich aus seinem alten, langen Mantel, mit den gleichen übertriebenen, windmühlenartigen Bewegungen wie immer. Es gelang ihm wenigstens, nichts runterzufegen. Er knäulte ihn zusammen und warf ihn in Richtung einer der Küchenstühle, auf dem er auch perfekt landete. „Kannst du mal sehen, du alter, abgedankter Handballer.“ Er richtete das braune, einreihige Jackett und bürstete den Aufschlag mit den Hand ab. „Hundert Prozent reine Kaschmirwolle. Schick, nicht wahr? Wie sieht’s aus, spielst du immer noch Handball?“

„Nicht mehr so oft“, sagte ich und zuckte mit den Schultern.

„Das ist gut“, sagte er und setzte sich. „Wenn man was im Kopf hat, dann sieht man irgendwann ein, dass man nicht sein Leben lang mit Bällen herumtollen kann, oder?“ Er steckte die Hand in die Jackentasche und holte seine unvermeidlichen Gitanes heraus. „Dazu ist das Leben viel zu kurz, wir müssen es veredeln, damit es schön und reich wird, um Schopenhauer zu zitieren.“

„Schopenwas?“

„Schopenhauer, der alte Spaßvogel. Hast du nie von ihm gehört? Du kannst mal ein Buch von mir geliehen bekommen, damit du dich ein bisschen bilden kannst. Es wird langsam Zeit, dass du etwas anderes liest als die alten Comics von deinem Vater. Und dann können wir vielleicht grundsätzliche, philosophische Gespräche führen.“

Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel und roch daran, genau wie alte Männer an teuren Zigarren riechen. Außerdem fischte er ein billiges Wegwerffeuerzeug aus der anderen Jackentasche. Ich konnte gerade noch darüber nachdenken, ob ich wieder übers Rauchen meckern sollte, hatte aber einfach keine Lust und holte deshalb eine von Mutters kostbaren Kristallschalen, die er auch das letzte Mal, als er hier gesessen hatte, als Aschenbecher benutzt hatte. Das war ein halbes Jahr her.

Und wenn ich ehrlich sein soll, fand ich auch nicht mehr, dass es so schlecht roch, wenn er rauchte. Ich hatte mich wohl daran gewöhnt. Genau wie ich mich an Schröder gewöhnt hatte. Vielleicht hatte mir sogar der Zigarettengeruch und Schröder im letzten halben Jahr gefehlt, aber es war vor allem Lena. Oder nicht? Vermutlich war es so, dass der Geruch von Gitanes und Schröder mich an Lena erinnerten, und nach der sehnte ich mich wirklich. Wie sollte man sich auch nach Schröder sehnen?

„Willst du den Brief nicht lesen?“, fragte ich.

„Brief? Welchen Brief? Hast du mir geschrieben?“

„Den von Lena natürlich.“

„Ach so. Klar, du hast Recht.“ Er steckte die Zigarette in den Mundwinkel, holte den Umschlag aus der Jackentasche und riss ihn auf. Er zog ein Blatt Papier heraus und fing an zu lesen. Erst sah er noch so verwirrt und zerstreut aus wie immer, aber dann versteifte sich sein ganzer Körper. Das sah sehr merkwürdig aus. Er nahm gewissermaßen Haltung an, strich sich über die kurz geschnittenen Haare, streckte den Rücken und schien sehr konzentriert.

„Was ist denn?“

Er hörte mich nicht und las weiter.

„Du musst aschen“, sagte ich.

Er schaute hoch und sah erstaunt fragend aus.

„Aschen“, sagte ich und zeigte auf die Zigarette. „Die Kippe.“

Er führte die rechte Hand zur Zigarette im Mundwinkel, aber gerade, als er sie nehmen wollte, fiel die Aschesäule runter und landete auf seinem Schoß. Er zuckte zusammen, ließ den Brief fallen, stand mit einem Ruck auf, so dass der Stuhl mit einem Poltern nach hinten umfiel, was ihn erschreckte. „Verdammt!“ Er bürstete wie ein Wahnsinniger seine Hose ab, aber der Aschefleck wurde natürlich immer größer.

„Jetzt bist du über-ascht worden, was“, sagte ich und versuchte, richtig cool zu klingen, bückte mich, hob den Brief und legte ihn auf den Tisch.

„Meine neuen Marlboro“, murmelte er bekümmert und rieb immer noch den Hosenstoff. Er hatte mich natürlich nicht gehört.

„Ich dachte, das sind Gitanes“, sagte ich.

„Ha! Jetzt warst du aber witzig. Zweimal sogar! Bist du vielleicht Groucho Marx?“ Er stellte den Stuhl wieder hin und setzte sich.

Das Wasser kochte, ich holte einen Becher aus dem Regal und stellte ihn zusammen mit dem Lavazzaglas und einem Löffel auf den Tisch. Schröder schaufelte drei gehäufte Löffel in den Becher und nickte zufrieden. „Right Kevin, her mit la acqua, per favore!“

„Was schreibt sie?“, fragte ich und goss Wasser in den Becher.

Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, verkeilte sie ganz unten zwischen Zeige- und Mittelfinger und rührte mit dem Löffel im Becher.

„Das wüsstest du wohl gerne, du liebeskranker pickeliger Pubertätsschlingel?“

„Na klar.“ Ich seufzte und spürte, dass ich dummerweise heiße Wangen bekam und dass ich ebenso dummerweise ganz tief innen unglaublich getroffen war. Ich stellte den Topf wieder auf den Herd und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch.

„Na klar“, sagte er und äffte mich auf seine übertriebene Art nach, die eines Tages einen richtigen Wutausbruch bei mir auslösen könnte. Er führte den Becher zum Mund ohne den Blick vom Brief zu nehmen. Instinktiv wollte ich ihn warnen, konnte es aber gerade noch bleiben lassen.

Natürlich war der Kaffee kein bisschen abgekühlt, er war bestimmt noch kochend heiß. Ein halb unterdrückter Schrei explodierte förmlich aus ihm heraus und er spritzte eine Kaskade heißen Kaffees über den Blumenstrauß auf dem Tisch. Ich konnte mich gerade noch zur Seite bücken und bekam keinen Tropfen ab.

Ich sagte nichts, setzte mich nur hin und sah ihn an. Er schaute mich mit fragendem Gesichtsausdruck an. „Was glotzt du denn?“, fragte er. „So macht man es immer in Italien mit dem ersten Schluck Express-Espresso, hast du das nicht gewusst? So vermeidet man die Nebenwirkungen der Gefriertrocknung.“

Ich versuchte nicht zu lachen, es gelang jedoch nicht.

Da lächelte er, schien fast den Tränen nahe und sagte: „Jetzt erkenne ich dich endlich wieder. Obwohl das Pflaster ein bisschen groß ist für dein kleines Kinn. Du hast es übrigens genau über den anderen Pickel geklebt, du wirst ihn wahrscheinlich aufreißen, wenn du das Pflaster abmachst. Was meinst du, wie heißen Pickel wohl in Spanien?“

„Mixed Pickles?“, schlug ich vor.

„Verdammt, jetzt warst du schon wieder witzig. Wie soll das nur enden. Junge, Junge. Hast du nicht auch so ein Déjà-vu-Gefühl?“

„Was?“

„Déjà-vu. Das ist Französisch. Es bedeutet ,Das war damals‘.“

„Tsss ...“

„Doch, ganz bestimmt. Déjà bedeutet ,das war‘ und vu bedeutet ,damals‘. Aber sag, hast du es nicht?“

„Was denn?“, fragte ich, stand auf und holte Haushaltspapier, um den Tisch abzuwischen.

„Das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben?“ Ich wischte die Blumenvase ab und schaute die Blumen an. „Die mussten gegossen werden“, sagte er zufrieden. „Und Koffein belebt sie, die Farben werden kräftiger ... Genau jetzt, hast du nicht auch das Gefühl, das alles irgendwie schon einmal erlebt zu haben. Ich meine, genau jetzt, wie wir hier sitzen, du und ich? Oder, um genau zu sein, ich sitze hier und du wischst den Löwenzahn ab.“

„Die Nelken.“

„Nelken sind doch rot.“

„Es gibt sie in allen Farben.“

„Wirklich? ,Gelbe Nelken‘ klingt aber nicht so gut ...“

„Schon gar nicht in der Übersetzung“, sagte ich mit einem Grinsen.

„Was?“

„Yellow Pimpernell.“

„Das klingt doch nicht so dumm.“

„Yellow? Weißt du nicht, dass das auch feige bedeutet?“

„Natürlich weiß ich das, du blöder Oberlehrer, aber ich fand es nicht wahnsinnig witzig. Und gelb oder rot, kommt wohl nicht drauf an. Blumen sind Blumen. Ist egal, welche Sorte, Hauptsache sie schmücken und erfüllen ihre Aufgabe. Und verwelken müssen sie am Ende doch alle, genau wie alles andere hier auf der Welt. Das Leben, zum Beispiel ... Ach ja“, seufzte er und schaute gedankenverloren zur Decke, bevor er kräftig an seiner Zigarette zog. „Aber trotz allem: Déjà-vu, mon ami. Und Lena, die natürlich mal wieder abwesend, aber dennoch gegenwärtig ist und beginnt, an uns zu ziehen. Als ob wir ihre Marionetten wären ... Nicht wahr?“ Er dachte eine Weile nach, dann verfinsterte sich sein Blick, er schaute auf den Brief, las noch einige Zeilen, zog dann die Augenbrauen zusammen und brüllte aus vollem Hals:

„Und schon wieder diese verfluchte verdammte stinkende alte Scheiße! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

Er donnerte die Faust auf den Tisch, eine weitere Aschesäule löste sich von der Zigarette. Dieses Mal machte sie einen großen Bogen durch die Luft unter der Lampe durch und fiel genau in seinen Kaffeebecher. Das brachte ihn aus dem Konzept, er starrte erstaunt in den Becher und bewegte den Blick dann langsam zu seiner Hand, die ganz ruhig auf dem Tisch lag. Und dann schaute er mich mit einem breiten Grinsen an.

„Was für ein Volltreffer! Hast du das gesehen?! Gibt ein ausgezeichnetes Aroma, verstehst du ... Espresso Aschico ... Ähm, was wollte ich sagen. Das ist doch genau das Gefühl wie schon einmal? Aber ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt. Nein, ich weiß wirklich nicht, ob ich Lust habe mich schon wieder um Lenas verfluchte, schmutzige Wäsche zu kümmern, außerdem bin ich im Moment vollauf beschäftigt. Vollauf damit beschäftigt, es mir gut gehen zu lassen.“

„Gut gehen zu lassen?“

„Ja, genau. Das ist eine Vollzeitbeschäftigung. Ein ständiger Kampf. Besonders, wenn man solche Leute wie Lena kennt, die nichts anderes im Sinn haben, als das Leben kompliziert zu machen – und nicht nur ihr eigenes, nein, sie reißen alle mit, die in ihrer Nähe sind. Wie Lawinen. Ist doch wahr, da hat man endlich ein bisschen Ruhe, Zeit zum Nachdenken, kann gut essen und Siesta halten, trinkt jeden Abend seinen Wein und pusselt ein bisschen herum, die Gedichtsammlung ist fast fertig und ...“

„Die wird doch sowieso nicht angenommen, hast du gesagt.“

„Natürlich wird sie nicht angenommen, aber das hat doch damit nichts zu tun. Von solchen Petitessen kann man sich doch nicht den Weg zur Genialität verbauen lassen. Und eigentlich ist das ein Beweis dafür, wie gut sie ist.“

„Wenn sie abgelehnt wird?“

„Natürlich. Hast du nicht gewusst, dass Beckett von sämtlichen Verlagen, sowohl in England als auch im Amerika abgelehnt wurde?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste kaum, wer Beckett war, aber ich glaube, er schrieb Theaterstücke. „Schrieb er nicht Theaterstücke?“

Schröder starrte mich an. „Du lieber Gott. Junge! Was zum Teufel macht ihr denn heutzutage in der Schule? Im Internet herumalbern?“

„Aber stimmt es denn nicht?“

„Doch, aber er hat auch Romane geschrieben, weißt du das nicht? Die besten Romane, die je geschrieben wurden, abgesehen von meinen eigenen. Und am Anfang wurden sie von allen Verlagen abgelehnt! Doch. Alle. Und das sag ich doch immer – um Genialität zu bemerken, muss man ziemlich begabt sein, und das sind nicht viele, hier auf dieser Welt und ...“

„Aber was schreibt sie denn?“, unterbrach ich ihn.

„Was? Den gleichen Scheiß wie immer. Letztes Mal war es eine verdammte Diskette und jetzt ist es so ein verfluchtes Anrufbeantworterfax. Wie soll das denn weitergehen? Ist es das nächste Mal eine ganze Computeranlage? Muss mir wohl bald einen Umzugswagen mieten. Warum sollen wir immer ihre verfluchten Probleme lösen. Und keinen Pfennig haben wir gesehen. Hast du mal darüber nachgedacht? Ich meine, was haben wir nicht für einen Einsatz geliefert, du und ich. Leib und Leben riskiert, sind misshandelt und verprügelt worden, von Indianern, Kanaken, dem Teufel und seinen Cousins gejagt worden. Und was haben wir dafür bekommen? Nicht einen Furz. Nee, nee, diesmal muss sie verdammt noch mal allein zurechtkommen. Genau!“

„Dann muss ich es wohl für sie erledigen ...“

„Du? Ganz allein? Wie soll das denn gehen? Mach dich nicht lächerlich, Junge. So was kann man nicht mit Pickeln auf dem Kinn erledigen, ist doch wohl klar.“

Er rührte mit dem Löffel im Becher und las schweigend weiter. Ich warf das Haushaltspapier weg, nahm ein Glas aus dem Abtropfgestell und goss mir einen Orangen-Aprikosensaft ein.

„Hmm, immerhin“, murmelte er. „Doch, die Schraube hat gefasst.“

„Schraube?“

„Oder der Nagel, wenn dir das lieber ist.“

„Wovon redest du?“

„Also, ich habe doch angerufen und mich beschwert, dass ich nie einen Ersatz für meine Mountaineer-Schuhe bekommen habe, die Rashmal gemopst hat. Und deswegen hat sie sich auch nicht bei mir gemeldet, als sie hier war. Aber dieses Mal hat sie sich gebessert.“

„Wie, sich gebessert?“

Er streckte sich nach dem Umschlag, schaute hinein und zog eine Kreditkarte heraus und wedelte energisch damit.

„Americanos Expressos. Das ist was. Auf meinen Namen ausgestellt, mind you.“

„Aber sie hat den Brief doch geschrieben, als sie hier war.“

„Was?“

„Den Brief. Der war doch schon geschrieben, als ich den Apparillo bekam.“

„Meinst du?“

„Er lag doch in der Schachtel.“

„Ähm ... Stimmt. Da hast du Recht. Aber sie haben meinen Namen falsch geschrieben, verdammt! Schau mal!“

Auf der Karte stand Schroeder Raymond. „Die ist in England ausgestellt, da haben die keine Ös“, sagte ich und zeigte ganz unten in die rechte Ecke, wo die Adresse des American-Express-Büros stand, das die Karte ausgestellt hatte.

„Ha! Das kann doch nicht so verdammt schwer sein, da zwei Tüpfelchen hin zu machen? Mit dem heutigen IT-Scheiß und Computern und Ödem und allem.“

„Modem.“

„Ja, ja, gib mir einen Stift, damit ich meine unsterbliche Unterschrift darunter setzen kann.“

„Aber warum?“, fragte ich und holte einen Filzschreiber aus der großen Keramikschale auf der Ablage. Das ist so eine Kramschale, in der es alles gab, Stifte, Gummis, Pastillenschachteln, Rabattmarkenheftchen, Ansichtskarten mit Kirchen auf Gotland, die Mama nach Hause geschickt hatte, als wir im Mai eine Woche dort waren, Büroklammern und Sicherheitsnadeln, Bleistifte und Kulis und ganz unten Pencemünzen von der letzten Reise nach England.

„Sonst kann man sie doch nicht verwenden, du Knallkopp.“ Er nahm ärgerlich den Stift und schaute ihn an. „Habt ihr keinen Füllfederhalter“, fragte er mit übertrieben arroganter Aussprache.

Ich schüttelte den Kopf.

„Das hier ist so ein Wasserfarbenstift aus dem Kindergarten, verdammt. Damit kann man doch keine Kreditkarte unterschreiben, das siehst du doch ein.“

„Es ist ein Filzstift. Außerdem waterproof. Steht drauf.“

Er hielt den Stift unter die Küchenlampe und blinzelte. „Japanisch! Wasserfestival!“

„Was?“

„Da steht ,Wasserfest‘, das bedeutet im Leben nicht waterproof. Das haben die kleinen Gelben falsch verstanden. Sie haben ein bisschen Probleme mit Fremdsprachen, die Ärmsten, aber das kann man ja verstehen.“

„Wie verstehen?“

„Na, wenn man sie reden hört. Das muss natürlich wasserbeständig heißen. Wie kriegt man die Kappe ab?“

„Was?“

„Die Kappe. Muss man bloß ziehen, oder was?“

„Ich nehme es an“, sagte ich und versuchte ein Lachen zurückzuhalten. Hatte er noch nie einen Filzstift gesehen?

Mit misstrauischem Blick und herausgestreckter Zungenspitze zog er den Stift auseinander und machte ein Gesicht, als ob er ein Knallbonbon oder so was erwarten würde.

Ich wollte natürlich wissen, warum sie eine Karte für ihn besorgt hatte und setzte mich.

„Für die Reisekosten, verstehst du.“ Er zielte genau und schrieb dann in einer Art Anfall seinen Namen. „So, ja! Meine allererste carto plastico! Aber was zum Teufel ... Schau mal. Was habt ihr bloß für Stifte?“

Er hielt die Karte hoch und zeigte sie mir. Ich wusste nicht wohin, mein ganzer Bauch verkrampfte sich bei dem prustenden Lachanfall. Es war ihm gelungen, seinen Namen so zu schreiben, das er fast die ganze Rückseite der Karte bedeckte, weit über den dafür vorgesehenen Streifen hinaus, die Buchstaben reichten sogar in das schwarze Magnetfeld.

Er starrte mich sauer an. „Du bist schuld. So einen breiten Stift hab ich im Leben noch nie gesehen. Und mit dem Tintendruck stimmt auch etwas nicht.“ Er setzte die Kappe wieder drauf und knallte den Stift auf den Tisch. „Mit dem ganzen Stift stimmt was nicht, ihr solltet ihn zurückgeben. Wasserfestivalstift! Pah!“ Er zuckte mit den Schultern und lehnte die Karte gegen die Blumenvase. „Wann kommen deine Eltern zurück?“

„Am Montag.“

„Right, Kiddo. Pack the bags. We is going places!“

„We are“, korrigierte ich ihn automatisch und bekam ein höhnisches Grinsen als Antwort. „Was sabbelst du da?“, fügte ich deshalb schnell hinzu.

„Willst du mich damit vielleicht hochnäsigerweise darauf aufmerksam machen, dass deine Mutter Engländerin ist? Machst du doch sonst immer? Und das deine Englischkenntnisse deshalb ... nachgerade verblüffend sind. Was? Dann hätten wir das hinter uns, gewissermaßen? Nein? Dann eben nicht. Also, wenn dieser Apparillo ,bleep!‘ macht, fahren wir aux Londres, mon ami!“

„Ich fahr überhaupt nirgendwohin.“

„Und ob du fahren wirst.“

Ich dachte natürlich, er macht Spaß, aber ich hätte wissen müssen, dass dem nicht so war. Lena hatte zwar geschrieben, dass er nach London fahren solle, „aber zum Teufel, man braucht schließlich einen Dolmetscher und Lakai, wenn man in die große weite Welt hinausfährt, mein allereigenster Passepartout Karlsson. Wenn du überhaupt weißt, wer Passepartout ist.“

„Na klar weiß ich, wer das ist, Monsieur Raymond Fogg“, sagte ich und Schröder hob die eine Augenbraue und machte eine kleine Grimasse.

„Zum Teufel auch. Richtig belesen, der Junge.“

Ich sagte natürlich nicht, dass ich „Reise um die Welt in achtzig Tagen“ nur als Fernsehserie gesehen hatte und nie Jules Vernes gleichnamiges Buch gelesen hatte.

Ich war darauf eingestellt, mit Schröder absolut nirgendwohin zu fahren – und schon gar nicht nach London. Was für ein Gedanke. Außerdem war ich enttäuscht und sauer auf Lena, die mich in dem Brief nicht einmal erwähnt hatte. Nicht das kleinste Dankeschön für meine Hilfe. Und noch saurer wurde ich, als mir klar wurde, dass sie von vornherein nicht vorhatte, dass ich das mit dem Apparillo machen sollte, sie hatte mich erst angerufen, als es „Probleme gab“, wie sie sich ausdrückte. Als allerletzten Ausweg gewissermaßen. Und dann hatte sie schnell meinen Namen auf den Zettel geschrieben, ehe sie die Schachtel zuklebte. Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich fühlte mich ganz einfach angeschmiert – ich war monatelang mit dem Gefühl herumgelaufen, dass sie speziell mich ausgewählt hatte, weil sie ... weil sie mich mochte und mir vertraute und so ...

Und dann war es doch wieder wie immer: Schröder überredete mich.

Es war nicht mal schwer.

El Apparillo sollte offenbar einem Professor übergeben werden, der Henri Robinson hieß. Schröder sprach den Vornamen französisch aus.

„Was ist das denn für ein Professor?“

„Keine Ahnung. Sehr merkwürdiger Name.“

„Henri Robinson?“

„Genau.“

„Das ist doch nicht besonders merkwürdig.“

Er schaute von seiner Lektüre auf. „Nee, nee, ja, ja. Dann eben nicht, du elender Besserwisser.“ Er las weiter, ich beugte mich vor, um auch sehen zu können, was da stand. Da zog er den Brief weg und richtete sich auf. „Dieser Brief ist an mich, du neugieriges kleines Hundebaby!“ Ich hob entschuldigend die Arme und lehnte mich zurück. Schröder las weiter. „Er ist auf jeden Fall irgendein verdammter Importante-Typ und soll dafür sorgen, dass der Apparillo in die richtigen Hände kommt. Und bla bla bla ... ja, ja. Du weißt schon. Blaha, blaho. Same old, same old, gewissermaßen. Von wegen déjà-vu! Aber – okay.“ Er schlug mit den Handflächen auf den Tisch. „Dann hauen wir also ab nach London. Los!“

Ganz so einfach, wie Schröder es sich vorstellte, war es natürlich nicht. (Wie könnte es auch?) Ich meine, man kann nicht einfach zum Flughafen rausfahren und mitten in der Nacht in ein Flugzeug steigen.

„Und warum nicht?“

Vor allem, weil nachts keine Flugzeuge nach London fliegen.

„Meinst du nicht? Da gehen keine night-flights?! Da müssen welche gehen. Her mit El Telefonobookos!“

Der Apparillo gab einen Laut von sich, der der Schröderschen Bleep-Imitation erstaunlich ähnlich war. Ich zog ihn raus und stöpselte unser Telefon wieder ein, während Schröder die Telefonnummer von British Airways suchte.

Da war natürlich nur ein automatischer Anrufbeantworter dran.

„Bürozeiten! Was ist das bloß für eine Dritte-Welt-Kloake?! Wir versuchen’s dann eben beim Arlanda International Airport. Bei einem solchen Namen muss doch rund um die Uhr das Leben pulsieren.“

Schröder wählte wieder. Auch da war natürlich bloß ein Anrufbeantworter. „Man kann wahrscheinlich froh sein, wenn wenigstens die Anrufbeantworter keine Bürozeiten haben. Aber! Warte...“

Er fand die Nummer von einem Büro in London und von dort wurde das Gespräch direkt nach New York weiterverbunden. Das machte ihn etwas fröhlicher. „Was für international connections! New York!“ Er holte tief Luft, wedelte mit den Armen und grölte eine Melodie, die ich zu kennen glaubte: „And if I make it there, I’ll make it any …“

Er unterbrach sich erschrocken. „Ähm ... Hallo?“

Mit seinem merkwürdigen spanischen Akzent versuchte Schröder zu erklären, was er wollte. „Viertel vor acht am Morgen? Gibt es keine zivilisiertere Fluggesellschaft, die – Entschuldigung? ja, ja, – Si, comprende. Aber wann geht das letzte noches-Flugzeug? Viertel nach sechs?! Am Nachmittag? Inkredibel. Ja, ja.“

Schließlich beruhigte er sich, buchte zwei Plätze für den Morgenflug, es gab natürlich nur welche im Club Europe, das war bei der British Airways die Entsprechung zur Euro Class. „Pfui Diabolo! Wie viel ist das in Swedish Piasters, können Sie das sehen? Okay, okay. Reinste Erpressung. Gib den Plastikexpress her, Kevin!“ Ich gab ihm die Karte und er las langsam die lange Nummer vor. „Que? Right, right.“

Er wedelte mit den Armen und machte ein paar übertriebene Gesten, die bedeuten sollten, dass er etwas zum Schreiben brauchte. Ich holte den kleinen Spiralblock aus der Schale und nahm sicherheitshalber einen anderen Stift, es war ein Kuli, auf dem „Eigentum der Finanzverwaltung“ stand.

Schröder kritzelte Flugnummer und Abflugzeit auf dem Block.

„Japp. Tank you. Tank you.“

Er verbeugte sich tief und legte auf.

„Es heißt thank you.“

„Ich habe es auf Irisch gesagt, hast du das noch nicht gehört?“

„Gälisch, meinst du?“

„Sei kein solcher Bessermeister, Kevin. Glaub bloß nicht, dass du alles weißt. Sei nicht so wie die stupiden Popgrößen, die man ständig im Fernsehen sieht. Es war irisches Englisch, ganz einfach.“

„Tsss.“

„Doch, das stimmt. Es kommt oft vor, dass die Probleme mit dem th-Laut haben, weißt du? Nicht alle Iren natürlich, aber viele.“

„Tsss.“

„Wollen wir schon wieder damit anfangen? Ich meine, diesen Dialog schon mal gehört zu haben. Wenn du dich so elegant ausdrückst. Na, auch egal.“ Er schaute den Kuli an. „Diebesgut. So so.“

„Pah.“

„Was heißt hier ,pah‘? Den hat bestimmt dein Alter geklaut. Aber ich wette drauf, er richtet sich zu seiner ganzen Länge auf und haut mit der Faust auf die Schwelle, wenn er in der Zeitung liest, dass Politiker ihre Kreditkarten missbrauchen. Und selbst ist er um kein Jota besser.“

„Das kann man doch nicht vergleichen ...“

„Und ob man das kann. Heute ein Kuli, morgen eine Reise nach Hawaii.“

Er holte seinen Mantel und zog ihn mit seinen fuchtelnden, windmühlenartigen Bewegungen an. „Dass es doch noch geklappt hat, was?“ Er hüpfte ein paar Mal mit beiden Beinen, während er die Arme vom Körper wegstreckte. „So, jetzt sitzt er gut.“ Er ging in die Diele und zog seine Cowboystiefel an. „Man ist schon ziemlich unglaublich ... Ich bin von Tag zu Tag mehr beeindruckt. Ich muss jetzt zu Hause vorbei. Ich nehme El Apparillo mit und verpacke ihn ordentlich. Und dann rufe ich Americanos Expressos an und frage, was die Karte für einen Kreditrahmen hat. Da gibt es doch eine Grenze, nicht wahr. Und da Lena meistens geizig ist, ist der Kredit bestimmt schon finito. Ticketpreise haben die! Du kannst noch ...“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „... genau drei Stunden und dreiundzwanzig Minuten schlafen. Buenas noches, amigo!“

Ich schlief tatsächlich fast noch zwei Stunden.

Immerhin.

Als Schröder gegangen war, erwartete ich, Bogarts dröhnendes Motorengeräusch zu hören, aber es kam nicht. Ich schaute hinaus. Es war noch sehr dunkel, aber ich sah immerhin, dass das Gartentor geschlossen und die Straße leer war. Er ist wohl gegangen, dachte ich und beschloss zu packen, ehe ich mich hinlegte.

Während ich das tat, fragte ich mich wieder, wie es eigentlich um mich bestellt war und warum es immer lief, wie es lief, sobald ich Schröder traf. Ich hatte schon öfter Veranlassung gehabt, darüber nachzudenken, war aber nie zu einem Ergebnis gekommen. Einmal, vor langer Zeit (es kam mir vor, als sei es fünfzig Jahre her, mindestens), hatte ich begriffen, dass man bei Schröder einsehen musste, nichts machen zu können und sich deshalb von ihm fernzuhalten hatte.

Und doch, kaum tauchte er auf, war es, als ob ich gleichzeitig größer und kleiner wurde, wenn ihr versteht, was ich meine. Wenn ich ehrlich sein soll, ich bin selbst nicht so sicher. Was ich meine? Also: Ich sage erst Nein und mache dann doch, was er sagt, und gleichzeitig war da so ein Gefühl, dass er mich irgendwie brauchte, dass ich mich quasi um ihn kümmern müsste. Das war vielleicht ein bisschen überheblich von mir, aber so ein Gefühl hatte ich.

Gerade als ich einschlafen wollte, fiel mir wieder ein, dass Schröder den Hörer abgenommen hatte. War es möglich, den Anschluss zurückzuverfolgen? In so kurzer Zeit? Im Kino brauchen sie meistens viel Zeit auf den Polizeistationen, wenn sie Gespräche zurückverfolgten. Es kann also gar nicht funktionieren, beruhigte ich mich und wanderte in den Schlaf.

Sehr lange konnte ich dort nicht umherspazieren.

4

Broosh-Schuhe & Dänische Elefanten

Plötzlich war ich hellwach, starrte mit weit aufgerissenen Augen ins Dunkel und war sicher, dass ich ein Poltern gehört hatte, oder hatte ich nur geträumt? Mein Herz schlug wilde Rhythmen.

Dann kam noch ein Poltern und ich bekam eine Kombination aus Hirnblutung und Herzinfarkt, und es war ein Wunder, dass ich überlebte.

Oder was heißt Poltern, es war irgendwie ein Knall. Ich versuchte herauszubekommen, was für eine Art von Knall es war, und kam zu dem Ergebnis, es könnte die Haustür sein, die zugeschlagen wurde, ein Fenster, das eingeschlagen oder ein Stuhl, der umgeworfen wurde ...

Mein Rücken verkrampfte sich vor Schreck, mir wurde brennend heiß und im nächsten Moment eiskalt.

Was sollte ich machen?

Ich warf die Decke ab und stand so leise es ging auf. Ich zog die Jeans über die Schlafanzugshorts. Frag mich nicht warum, aber irgendwie beruhigte mich das, ich fühlte mich geschützter.

Ich schlich in den Flur und ging ins das Arbeitszimmer meines Vaters, zog die Tür hinter mir zu und lief zum Telefon.

Mit zitterndem Zeigefinger drückte ich Schröders Nummer. Es klingelte zweimal, dann klickte es, und gerade, als ich flüsternd lossprudeln wollte, dass es ihnen gelungen war, den Apparillo aufzuspüren und jemand eingebrochen war, hörte ich den Anrufbeantworter mit Chandlers fröhlichem Bellen und dann Schröder, der mit gekünstelt dumpfer Stimme sagte:

„Wenn ihr meint, dass das gemütlich klingt, dann will ich euch bloß sagen, dass es mein sabbernder Killer Rottweilerbulldog Foxtrott Tango und ...“

Shit!, dachte ich, legte auf und hörte im Erdgeschoss wieder ein Poltern.

Ich wurde immer aufgeregter, überlegte, womit ich mich bewaffnen könnte, und versuchte gleichzeitig mich an die Nummer der Polizei zu erinnern, aber dann wurde mir klar, dass ich sie noch nie gewusst hatte, es also auch kein Wunder war, dass ich mich nicht erinnerte.

Als noch ein polterndes Geräusch von unten kam, nahm ich den großen Locher meines Vaters, er hatte ihn aus dem Büro mit nach Hause genommen, und schlich die Treppe hinunter.

Auf halbem Weg erhellte ein Blitz das ganze Treppenhaus, blitzschnell(!), gefolgt von einem grollenden Donner, der das ganze Haus zum Vibrieren brachte. Hätte ich nicht schon einen Hirninfarkt gehabt, ich hätte einen bekommen. Jetzt hörte ich auch, wie der Regen auf das Vordach prasselte, und ein wütender Sturm an den Zweigen und Laubkronen der Bäume zerrte.

Ich ging weiter hinunter, Stufe für Stufe. Es polterte wieder. Ich versuchte zu lokalisieren, woher es kam. Die Ohren tippten auf die Küche, aber ich meinte, es hätte auch das Wohnzimmer sein können.

Es kann ein ganz normaler Einbrecher sein, dachte das Gehirn.

Sehr beruhigend ...

Ich wog den Locher in der rechten Hand, er war wirklich sehr schwer. Ich hob den Arm, bereit zuzuschlagen.

Ich schlich vorsichtig durch den Flur, als ein weiterer Knall kam, und da konnte das Gehirn das Geräusch identifizieren: Es ist ein offenes Fenster, das schlägt, dachte es.

Aber ich habe doch alles abgeschlossen und die Fenster kontrolliert ...

Du hast vergessen, das Küchenfenster zuzumachen, nachdem du wegen Schröders Zigarettenrauch gelüftet hast, wurde mir mitgeteilt.

Ein weiterer Blitz erhellte die Küche, und ich sah, dass die Gedanken Recht gehabt hatten – das Küchenfenster schlug im Sturmwind.

Ich atmete aus, stellte den Locher auf die Ablage und machte das Fenster zu. Als ich das machte, war mir, als ob das Gartentor offen stand, außerdem sah ich das Rücklicht eines Fahrrads, das gerade hinter den Fliederbüschen verschwand.

Das reichte – die stachelige Panik kam wieder hervor und zeigte mir alle gemeinen Videos. Aber ein Fahrrad? Wenn sie wirklich herausgefunden haben, wo der Apparillo angeschlossen war, dann würden sie wohl kaum mit dem Fahrrad kommen.

Wie soll ich bloß wieder einschlafen, dachte ich ärgerlich und zuckte zusammen, als ein weiterer Blitz das Dunkel zerriss.

Dieses Mal dauerte es eine Weile, bis das Grollen kam. Das Gewitter entfernte sich.

War es ihnen gelungen, den Apparillo aufzuspüren? Ich dachte an die ganzen supermodernen Computeranlagen, die ich in Adlers Zimmer in der Kungsgatan gesehen hatte, als er etwas mit der Diskette gemacht hatte. Und die Entwicklung rast ja ...

Ich lege mich aufs Sofa, dachte ich. Da bin ich wenigstens schnell draußen ...

Kaum zu glauben, aber ich schlief sofort ein und hatte auch keine Albträume. Um halb sieben hatte ich schon geduscht, mich angezogen und die Großeltern in Västervik angerufen. Ich war ziemlich sicher, dass ich sie nicht wecken würde, hoffte allerdings, dass meine Eltern noch schlafen würden.

Was sie natürlich nicht taten. Es wurde ein ziemlich wirres Telefongespräch, weil ich mir nicht richtig überlegt hatte, was ich sagen sollte. Zu sagen, ich fliege mit Raymond Schröder nach London, das war gewissermaßen ausgeschlossen. Benga musste also wieder herhalten, ich würde mit ihm und seinen Eltern in ihr Sommerhaus fahren und blabla ...

Mama schluckte es natürlich. Ich hatte schon richtig Übung im Erfinden von solchen Geschichten, und meine Mutter glaubte sie, obwohl sie sie nicht glaubte. Sie glaubte sie, weil sie mir glauben wollte, ganz einfach.

Während ich redete, stellte ich fest, dass die Blumenvase auf dem Küchentisch umgekippt war. Das Tischtuch hatte einen Teil des Wassers aufgesaugt, aber das meiste war auf den Boden gelaufen. Aber wo waren die Blumen? Ich bückte mich und ließ den Blick über den Boden schweifen, sah sie aber nicht.

Dann entdeckte ich sie. Auf der Spüle. Mehrere Meter weit weg. Wie war das zugegangen? Die Blumenvase konnte schon vom Wind heute Nacht umgeblasen worden sein, aber ich hatte sie doch nicht aufgehoben? Ich hatte nicht mal gemerkt, dass sie umgefallen war. Oder doch? Oder ... War doch jemand hier gewesen? Die immer entsetzteren Gedanken ließen das Ende des Telefongesprächs noch wirrer werden.

Ich hatte kaum aufgelegt, nach wiederholten Ermahnungen, den Herd zu kontrollieren, die Blumen zu gießen und ordentlich abzuschließen und zu schauen, dass auch die Fenster richtig zu waren, als ein weißer Volvo mit einem Taxischild auf dem Dach in die Einfahrt fuhr. Die Sonne stürzte sich sofort darauf, Zierleisten und Radkapseln begannen zu glitzern und zu blinken. Ich hatte natürlich erwartet, Schröders Bogartauto wieder zu sehen, aber dann fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, ob er eigentlich ganz hinüber war, nachdem wir damals Beppo, die Morchel, gejagt hatten – oder wie immer es auch gewesen war.

Ich trug meine Reisetasche hinaus, machte die Haustür auf, zog meine Dexter-Loafers an und nahm meine Jacke, die passenderweise den Modellnamen „The Aviator“ hatte.

Die hereinströmende Luft war kühl und frisch nach der nächtlichen Entladung, sie war eigentlich herbstlich kühl, brachte aber auch laues Sommerfeeling mit sich. Unten im Jasminbusch, der bald aufblühen würde, zwitscherten ununterbrochen ein paar Vögel. Mein Vater meinte, eine Laubsängerfamilie hätte sich da eingenistet.

„Buenos dias, muy pequeño Señor! Und was für ein bello mañana es ist, nicht wahr. Hörst du, wie die Lerche vor Lebensfreude zwitschert?“

„Das ist ein Laubsänger.“

„Nix. Typisch Lerche. Und wenn schon. Vogel bleibt Vogel. Zwitschern tut er auf jeden Fall. Und wir auch! Zwitschern und leben! Trotz des nächtlichen Grauens! Das Pflaster sieht erheblich besser aus. Cómo estas, por favor?“

„Ich dachte, wir fahren nach England.“ Sollte ich was sagen? Wegen heute Nacht? Und was meinte er mit nächtlichem Grauen?

„Tja, verdammt, die werden dort wohl auch Spanisch reden ...“

Ich schaute und zuckte zusammen, ohne richtig zu verstehen warum. Aber dann sah ich es: Schröder war frisch rasiert. Und da merkte ich, dass ich ihn noch nie ohne Stoppelbart gesehen hatte. Jetzt war auf seinem Kinn nicht einmal die Andeutung von Stoppeln und zusammen mit den kurz geschnittenen Haaren war er fast nicht wieder zu erkennen. Und er hatte auch nicht die Ray-Ban-Brille auf. Außerdem trug er einen Anzug mit Weste. Der Anzug war gut gebügelt und gut geschnitten. Dazu hatte er ein weißes Hemd mit Button-down-Kragen an und einen schwarzen Schlips. Und als i-Tüpfelchen steckte eine gelbe Blume im Knopfloch des Aufschlags. Eine Nelke. Hatte er die mitgenommen, als er gegangen war? Es war, als sähe ich einen anderen Menschen.

„Was zum Teufel ist denn mit dir los? Hast du Meglomanie bekommen?“

„Was?“

„Die Glotzkrankheit, natürlich.“

„Woher hast du die Nelke?“

„Nelke? Soll das eine Nelke sein?“

Er klappte den Jackenkragen hoch und schaute. „In diesem Fall ist mein verwilderter Garten ein sowohl pflanzologisches wie klimatologisches Wunder. Aber das würde mich auch nicht wundern ...“

„Wie meinst du das?“

„Ich meine, dass ich die Blume im Vorbeigehen zu Hause auf meinen Grundstück abgerissen habe, als das Taxi kam. Und wenn das unten bei der Mülltonne Nelken sind ...“

„Ach so“, sagte ich, fand aber doch, dass es wie eine Nelke aussah. „Du siehst aus wie ein Börsenmakler“, sagte ich und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Börsenmakler? Beleidige mich nicht, Junge. Sitzt der Anzug so schlecht?“

Ganz und gar nicht. Irgendwie hatte ich gehofft, er würde wenigstens seine Cowboystiefel anhaben, hatte er aber nicht, sondern er trug ein Paar glänzend neue, dunkle rot-braune Schuhe mit solchen Schlangenmustern aus Löchern seitlich und vorne an der Zehenkappe, aber an der Oberseite war das Leder geflochten. Diese Kombination hatte ich allerdings noch nie gesehen.

„Schick, nicht? Und nagelneu. Das sind ein Paar Broosh-Schuhe, denk mal drüber nach ...“

„Broosh?“

„Genau. Schreibt sich b-r-o-g-u-e.“

„Dann spricht man es aber nicht so wie du aus.“

„Nicht?“

„Wenn es brogue geschrieben wird, dann spricht man brog, mit Betonung auf dem o.“

„Und du bist ganz sicher, dass es nicht broosh heißt?“

„Dann würde man es doch b-r-o-u-g-e schreiben.“

„Aha. So, so, du musst einem immer den Spaß verderben. Aber okay. Ich habe auf jeden Fall gerade ein Paar Brogue-Schuhe gekauft, und das ist wirklich ziemlich lustig.“

„Wieso?“

„Na ja, vergiss es nicht. Komm jetzt, the taxi’s waiting.“

„He’s blowing his horn“, sagte ich.

Schröder blieb stehen und schaute mich an. „Was du nicht alles weißt. Hab nicht gedacht, dass du so bewandert in klassischer Musik bist.“

„Lieblingslied meiner Eltern. Sie haben es ständig gespielt, als sie sich kennen lernten, und ich kriege es einmal im Jahr an ihrem Hochzeitstag zu hören.“

„Aha, aha, so ein Schmonzes. Überhaupt, sind sie noch so jung?“

„Jung?“

„Los jetzt, Junge, komm.“ Er sah meine Reisetasche. „Meinst du, wir fahren nach Australien?“

„Wir haben keine kleinere.“

„Habt ihr denn auch keine größere?“

„Was?“

„Und was ist damit?“, sagte er und zeigte auf meine schwarze Schultertasche, die neben der Reisetasche stand. „Willst du die etwa auch mitnehmen?“

Ich nickte.

„Willst du nicht auch das Bett mitnehmen? Nicht zu reden von der Kaffeemaschine und der Tiefkühle mit den Zimtschnecken, was?! Und die Comicsammlung von deinem Vater und vielleicht auch eins von den wunderbaren Bildern im Flur, damit du dich richtig zu Hause fühlst, auch wenn wir weit weg sind ...“

Ich verdrehte übertrieben die Augen, trat aus dem Haus und wollte schon die Tür zuschließen.

„Hast du den Herd kontrolliert?“

„Mehrmals. Du klingst wie meine Mutter.“

„Pah, mein Junge! Hast du auch das Küchenfenster zugemacht?“ Woher wusste er –? „Hast du auch den Stecker vom Fernseher und vom Computer rausgezogen?“, fuhr er so schnell fort, dass ich das mit dem Küchenfenster vergaß.

„Warum denn das?“

„Warum denn das? Aber du liebe Zeit, hast du noch nie was von Gewitter gehört? Hast du es heute Nacht nicht gehört? Hast du keinen Respekt vor den Naturgewalten? Den spektakulären Beweisen des Höheren für unsere Erbärmlichkeit? Ja, es ist unglaublich, es soll heutzutage ja Idioten geben, die telefonieren, wenn es gewittert ... Verdammt, du musst einen Schlaf haben wie meine Mutter.“

„Deine Mutter?“

„Ja, wie meine Mutter. Sie ist tot. Aber klar, Wenn du willst, dass die Hütte abbrennt, bitteschön. Ist mir doch egal.“

„Okay“, seufzte ich, stellte die Tasche ab, lief hinein und zog das Antennenkabel raus.

„Hast du Reservepflaster eingepackt? Der eine von den anderen Pickeln sieht aus, als würde er bald aufplatzen!“, brüllte er, als ich die Treppe hochlief, um das Computerkabel rauszuziehen.

Als ich wieder runterkam, stand Schröder vor dem Flurspiegel und kämmte sich.

„Börsenmakler!!“, schnaubte er verächtlich.

Auf dem Weg zum Flughafen wurde er immer schweigsamer. Er starrte aus dem Fenster und trommelte mit den Fingern auf einer alten, abgetragenen Aktentasche herum, die ich wieder zu erkennen meinte, aber es dauerte eine Weile, bis mir einfiel, dass er mal behauptet hatte, sie hätte einem Künstler gehört. Aber welchem?

„Klee!“, zischte er als Antwort, und setzte sich demonstrativ weiter von mir weg.

„Wie steht es denn mit Bogart?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf und schien zu meinen, dass das als Antwort reichte.

„Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, dass Bogart nicht mehr ist.“

„Hast du dir einen neuen zugelegt?“

„Nee. Ich habe ein Fahrrad gekauft. Wenn du nun unbedingt die Art meiner Fortbewegungsmittel wissen willst.“

Ich sagte nichts und auch er starrte weiter schweigend aus dem Fenster.

Als wir ankamen, bezahlte er und bat um eine Quittung, die er sorgfältig in ein spezielles Fach seiner zerschlissenen, knallvollen Brieftasche steckte.

Die Auslandshalle war fast menschenleer. Der Boden war frisch gebohnert und glänzte wie ein Spiegel. An einigen Eincheckschaltern standen ein paar Reihen Männer in grauen Anzügen und mit Aktenkoffern, das war alles.

„Was für ein Unterschied! Verglichen mit dem letzten Mal, wo wir hier waren, meine ich“, sagte Schröder und schaute sich um. „Weißt du noch?“

Ob ich das noch wusste? Wie sollte ich das jemals vergessen können!

„Wo zum Teufel ist denn der Schalter von British Airways?“

„Da drüben.“

„Okay, nimm Klee und geh rüber und stell dich beim Einchecken an, dann hole ich the tickets from the metropolis.“ Er reichte mir die Aktentasche.

Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, warum ich nicht mitkommen konnte, bei British Airways war nämlich gar keine Schlange. Aber ich widersprach ihm nicht.

„Übrigens, nimm auch meinen Mantel.“ Er drapierte ihn über meiner Schulter und ging mit langen Schritten davon.

Er blieb so lange weg, dass ich mich allmählich fragte, ob es wohl Probleme gab mit den Tickets. Wundern würde mich das nicht. Ich sah, wie er an einem Schalter lehnte und mit einer Frau in einer blauen Uniform und einem albernen kleinen Hütchen sprach. Kurz darauf beugte er sich über den Schalter und telefonierte. Er drehte sich um, unsere Blicke trafen sich und er machte eine Geste, die besagen sollte, dass es keinerlei Probleme gab.

Schröder auf einem Fahrrad, dachte ich und musste lachen. Und dann fiel mir wieder die letzte Nacht ein, als mir war, als hätte ich ein Fahrrad aus dem Garten fahren sehen. Und woher hatte er gewusst, dass das Küchenfenster offen war? Und natürlich hatte er eine Nelke im Knopfloch. Aber warum sollte er ... Meine Überlegungen wurden unterbrochen, weil Schröder mit den Tickets winkend angaloppiert kam. „Checking in for checking out“, murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen und winkte mir mitzukommen.

„Das hat aber lange gedauert.“

„Findest du? Ich fand, es ging schnell wie der Blitz. Aber – Zeit ist relativ ... Wir haben reichlich Relativität.“

„Kannst du deinen Mantel nicht selbst nehmen?“

„Was für ein Gemecker!“ Er schnappte sich den Mantel, die Aktentasche durfte ich tragen.

Danach verlief alles erstaunlich reibungslos. Schröder hatte keinen einzigen Ausbruch, obwohl die Frau beim Einchecken offenbar Engländerin war und seinen Namen mal wieder wie Skröder aussprach. Nicht einmal das brachte ihn zum Explodieren, er seufzte nur und korrigierte sie freundlich.

Was ist bloß los mit ihm, dachte ich. So habe ich ihn noch nie gesehen. Wirklich noch nie.

Im Duty-free-Shop schnaubte er jedenfalls nachdrücklich, als es keine Gitanes gab. „So was von kleinkariert“, stöhnte er, was mich freute, denn so war er allmählich wieder der Alte.

Bei den Weinregalen wählte er lange und entschied sich schließlich für zwei Flaschen. „Mhmm ... Château Mouton Rothschild 1990. Nicht schlecht. Sind ja nicht gerade billig, aber was soll’s ...“

Nicht gerade billig? Ich dachte, die Kasse funktioniert nicht, als ich die grün leuchtenden Zahlen las. Hatte sie den Preis in Lire umgerechnet? Zwei Flaschen Wein können doch wohl nicht ein paar tausend Kronen kosten, oder?

„Es kommt auf den Wein an, mein Junge. Und das hier ist was anderes als der Landweinessig, den dein Vater zu Hause hat.“ Er reichte der Kassiererin stolz seine American Express Karte, sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als sie seine Unterschrift sah.

„Bist du da sicher?“

„Na klar. Wir haben noch fünfzehn Minuten Zeit. Komm.“

Er ging zur Bar. „Willst du was trinken?“ Ich schüttelte den Kopf. Er nahm ein Tablett, stellte ein Glas darauf und streckte sich nach einer Flasche Tuborg Export. Als wir zur Kasse kamen, schaute er zerstreut aufs Etikett. „Zum Teufel auch, das ist ja in Schweden gebraut!“ Der dunkelhäutige Kassierer zuckte zusammen und schaute ihn verständnislos an. „Wenn ich ein Tuborg trinke, dann soll es verdammt noch mal dänisch sein!“ Der Kassierer sah erschrocken aus und warf mir einen Hilfe suchenden Blick zu. Ich schüttelte den Kopf und machte eine Handbewegung, die „halb so wild“ bedeuten sollte. Schröder nahm die Flasche, lief davon und kam gleich mit einer Dose Carlsberg Elefant wieder. Der Kassierer stöhnte und wusste nicht, was er machen sollte. „Um Himmels willen, du wirst doch wohl, zum Teufel, eine Korrekturtaste haben?!“

„Ist das denn nicht sehr stark?“, fragte ich, um einen längeren Wortwechsel zu vermeiden.

„Tsss ...“ Er bezahlte und setzte sich an den nächsten Tisch. Warf den Mantel über einen Stuhl, zündete eine Gitanes an und schenkte sich Bier ein.

„Ja, verdammt ...“, sagte er betrübt und seufzte tief.

„Du wirkst ein bisschen niedergeschlagen“, sagte ich vorsichtig.

„Niedergeschlagen? Nicht so schlimm. Ich verspüre nur eine wahnsinnig hoch und frei fliegende Furcht gewissermaßen ... Aber es ist doch klar, dass man ein bisschen nachdenklich wird, wenn man sterben muss.“

„Wie? Wieso sterben?“

„Sterben, Abnibbeln. Dahinscheiden. Morire.“

„Warum solltest du sterben?“

„Ich bin überzeugt davon, ganz einfach. Wenn du weiterleben willst, solltest du nicht mitkommen.“

„Aber warum denn – ich meine …“

„Doch. Es ist unausweichlich. Und da wird man eben, wie ich sagte, ein wenig nachdenklich. Man wird sich seiner“, er holte tief Luft und hob die Stimme, „seiner Nichtigkeit, seiner Einsamkeit, seiner Unzulänglichkeit, seiner Abhängigkeit, seiner Ohnmacht und Leere bewusst!“

Er schaute mich erstaunt an. „Hast du das gehört? Wie brillant formuliert. Tja, man fragt sich, was man eigentlich mit seinem Leben gemacht hat. Denkt an alles, was man versäumt hat, was man hätte machen sollen und an all die Pippifaxprobleme, mit denen man so viele unwiederbringliche Stunden verplempert hat ... Tja ... Aber, aber ... That’s life, wie schon der alte Frank sagte, nicht wahr?“

„Du hast Angst vorm Fliegen“, und erst in der Sekunde, als ich es aussprach, wurde mir klar, dass ich Recht hatte. Und dass er deshalb den ganzen Morgen so anders gewesen war.

„Überhaupt nicht. Wirklich. Ich bin nur überzeugt davon, dass wir sterben werden. Das ist etwas ganz anderes. Du auch. Und das ist kein gutes Gefühl, weil ich ja schließlich – aber wart mal – in Wirklichkeit hat Lena dich auf die Reise gelockt. Nicht ich. Puh, das erleichtert mich. Nicht ich werde also Schuld an deinem Tod sein, sondern sie. Wunderbar. Prost!“

„Du, wir müssen jetzt zum Gate.“

„Ich brauch noch ein Bierchen.“

„Aber ...“

„Kein Aber!“ Er stand auf und holte sich noch ein Carlsberg Elefant.

„Du bist gleich voll“, sagte ich sauer, als er zurückkam.

„Ich? Von zwei Bierchen? Pah!“ Er trank sein Glas in einem Zug aus und schenkte nach. „Außerdem bin ich nie voll. Nie und nimmer. Merk dir das. Betrunken, das schon, aber das ist etwas ganz anderes. Merk dir das.“ Er machte schon wieder die Gitanesschachtel auf.

„Könntest du die vielleicht überspringen?“

„Was zum Teufel ist denn mit dir los?“, sagte er und zündete sie schnell mit einem gelben Einwegfeuerzeug an. „Hast du Reisefieber? Vielleicht Angst vorm Fliegen?“

„Du hast Angst.“

„Ja, ja, wenn du meinst.“

„Aber du bist doch schon geflogen?“

„Na klar. Aber was hat das damit zu tun?“

„Warst du da auch sicher, dass du sterben würdest?“

„Sicher.“

„Ja, aber ...“

„Aber das war ein Unterschied.“

„Was für ein Unterschied?“

„Damals flog ich nach Japan.“

„Und?“

Er zuckte mit den Schultern und schenkte Bier nach.

„Fliegen ist sicherer als Auto fahren“, sagte ich.

„Ha! Wer hat das behauptet? Irgend so ein Direktor von der SAS, den dein Vater kennt, was?“

„Ich weiß nicht mehr. Ich habe es irgendwo gelesen.“

„Ja, ja, bestimmt in so einem Revolverblatt. Wer das sagt, muss sturzbetrunken sein. Ha, sturz – hast du gehört. Genau ... Sturzflughafen müsste es heißen ...“

Er trank sein Glas aus, stand schnell auf, blieb dann stehen und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Verdammt!“

„Was ist denn?“

„Du hattest Recht. Die Elefanten.“

„Die Elefanten?“

„Mhmm ... Die dänischen Elefanten. ... Jesses. Das hätte ich nicht gedacht. Aber ich trinke ja sonst nie Bier, deswegen ...“

Er nahm seinen Trenchcoat vom Stuhl, machte einen Ausfallschritt, konnte ihn jedoch parieren, indem er sich auf den Stuhl am Nebentisch stützte. Er ließ vorsichtig los und testete gewissermaßen, wie sicher er stand, ehe er losging.

„Die Tasche“, sagte ich ruhig, stand auf und hängte meine Schultertasche um.

„Ja, verdammt! Oh ... das wär’s gewesen, was?“ Er drehte sich um und nahm die Aktentasche. „Los Apparillos auf dem Flugplatz stehen lassen. Kannst du dir vorstellen, was Lena sagen würde ... Was für ein Glück, dass du dabei bist ... In welche Richtung müssen wir?“

„Dorthin.“

„Vorwärts, mein bester Kamikaze-Passepartout, vorwärts!“

Am Gate saßen die British-Airways-Passagiere und warteten. Unruhig schaute ich sie an und erwartete fast, das zerknitterte Gesicht von Beppo, der Morchel, zu sehen.

Ich hatte sie nicht mehr alle, diese BEDA-Typen waren mir zu Kopf gestiegen, dachte ich. Auch wenn es ihnen gelungen war – wie unwahrscheinlich es auch schien – die Nummer zurückzuverfolgen, weil Schröder den Hörer abgenommen hatte, so würde es doch einige Zeit dauern, bis sie eine Adresse herausbekamen. Oder nicht? Und auch wenn sie das wider alle Erwartungen mitten in der Nacht geschafft haben sollten, so konnten sie doch wohl kaum wissen, dass wir ausgerechnet mit diesem Flug flogen. Wenn sie nicht ... Mir wurde wieder heiß & kalt. Wo hatte Schröder den Notizblock hingelegt? Nachdem er die Abflugzeit und die Flugnummer aufgeschrieben hatte? Hatte er den Zettel mitgenommen? Ja? Und wenn wirklich jemand in der Küche gewesen war?

Sie hätten ja dem Taxi folgen können ...

Keiner der wartenden Passagiere sah besonders verdächtig aus. Was heißt verdächtig – tja, ihr wisst, was ich meine. Typig eben. Überhaupt nicht.

Ich hatte Gelegenheit, sie mir noch mal genau anzuschauen, als alle aufstanden und sich zum An-Bord-Gehen anstellten. Die Euro-Class-Passagiere (wir waren zu viert) blieben natürlich sitzen und gingen zuletzt an Bord.

Ich konnte nichts Verdächtiges feststellen und beschloss zu versuchen, ein bisschen erwachsen zu sein und die Fantasie nicht ständig mit mir durchgehen zu lassen.

Schröder mit Flugangst gefiel mir richtig gut, er war ungewöhnlich still – trotz der dänischen Elefanten. Oder vielleicht dank ihrer. Sobald wir uns gesetzt hatten, holte er seine Ray-Ban-Brille heraus und setzte sie mit einem etwas merkwürdigen, entschuldigenden Lächeln auf. Er wollte, dass ich die ganze Zeit redete, besonders als das Flugzeug in Startposition fuhr und einen Moment stehen blieb, bevor es Tempo machte.

Als der Pilot Gas gab und dieses Ziehen im Bauch kam, sah ich, wie Schröders Handgelenke weiß wurden, so fest hielt er sich an der Armlehne fest. Er starrte bewegungslos auf den Stuhl vor sich. Als wir oben waren und die Stewardessen sich in den Gängen bewegten, bestand er darauf, Champagner zu bekommen und bekam ihn auch. Danach wurde er wieder gesprächiger und schien sehr erleichtert.

„Das wir wieder mal nicht runtergefallen sind ... Die Zeit der Wunder ist noch nicht vorbei. Hast du übrigens gesehen, wie der Typ heißt?“

„Was?“

„Der El Apparillo bekommen soll.“

„Ich habe den Brief überhaupt nicht anschauen dürfen.“

„Ojojoj, du Ärmster.“ Er holte den Umschlag aus der Innentasche. „Dann schau halt. Was für ein Name.“

Er deutete auf den Brief und mitten auf der Seite stand:

ANNRAOI ROBINSON.

„Annraoi?“

„Das muss man Henri aussprechen, auf Französisch, behauptet Lena jedenfalls, aber weiß der Teufel. Warum buchstabiert man es nicht, wie man soll, oder können die Iren nicht buchstabieren?“

„Die Iren?“

„Ja, er ist Ire.“

„Woher weißt du das? Schreibt sie das?“, fragte ich und machte eine Andeutung, dass ich ihm den Brief aus der Hand nehmen wollte.

Er schlug mir mit dem Brief auf die Hand und steckte ihn schnell wieder in den Umschlag.

„Es ist besser, wenn du nicht zu viel weißt, Kevin, mein Kleiner.“

„Stell dich nicht an.“

„Ich stell mich überhaupt nicht an. Hab ich übrigens erzählt, dass Chandler ausgecheckt ist?“

„Was? Wo denn?“

„Wo? Ja, gute Frage. Eine verdammt gute Frage!“

„Wie meinst du das?“

„Er ist tot. Il moerte. Dahingeschieden. Kaputt. Finito.“

„Hör auf.“

„Nein, das stimmt.“

„Aber wie ... ich meine …“

„Hatte wohl genug.“

„Und wann?“

„Also, genug hatte er wohl schon vor ein paar Jahren, er war ja schon ein bisschen klapprig, als ich ihn aufgenommen habe. Und dann bekam er auch noch Hundekrebs im Kopf.“

„Hundekrebs?“

„Genau.“

„Es gibt doch wohl keine Unterschiede bei Krebs.“

„Und woher willst du das wissen? Wer ist denn hier der Doktor?“

„Aber Krebs ist doch Krebs, auch wenn ein Hund ihn bekommt, oder?“

„Willst du dich noch länger darüber streiten? Bis wir abstürzen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Er bekam also Hundekrebs und dann ... Tja, eines Morgens im April, als ich versuchte ihn zu wecken, reagierte er überhaupt nicht auf die Tritte.“

„Die Tritte?“

„Ich habe ihn morgens immer getreten. Er hatte so einen tiefen Schlaf.“

Ich war immer noch nicht sicher, ob er die Wahrheit sagte und versuchte seinen Gesichtsausdruck zu deuten, aber das ging nicht. Er sagte es irgendwie so emotionslos, dass ich es fast nicht glauben konnte, aber gerade das sprach dafür, dass er die Wahrheit sagte.

„Ähm ... wie ... traurig“, sagte ich schließlich unsicher, nahm ein paar Erdnüsse und trank einen Schluck Coca-Cola.

„Das weißt du doch gar nicht. Es geht ihm vielleicht supergut. Im Hundehimmel. Prost Chandler!“, sagte er und hob das Glas und schaute nach oben. „Na klar. In dieser Höhe braucht man vielleicht nur aus dem Fenster zu schauen.“ Er beugte sich über mich und schaute über die weiße, sonnenbeschienene Berglandschaft aus Wolken. „Ich komme bald, Chandler, mein Guter!“

Ich schaute mich um und war dankbar, dass nur noch zwei andere Passagiere in der Euro-Class-Abteilung saßen. Es waren gestriegelte und blank geputzte Japaner, die in eine leise geführte Diskussion vertieft waren.

„Und der Tod kommt selten allein ...“, murmelte Schröder.

„Was?“

„Der Tod. Der Tod kommt nie allein. Erst Chandler, dann meine Mutter und jetzt du und ich. Das reinste Domino.“

„Deine Mutter?“

„Ja, das habe ich doch erzählt, dass auch meine Mutter davongeflattert ist. In die ewigen Tantengründe.“

„Wie ... Ich meine ...“

„Du klingst so komisch.“

„Ja?“ Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, was ich sagen sollte. Was sagt man denn? Ich kannte nur einen, der gestorben war, und das war ein Onkel in Göteborg, den ich nie kennen gelernt hatte.

„Ja, merkwürdig. Und du siehst auch merkwürdig aus.“

„Ja, ich kenne halt niemanden, der gestorben ist und ...“

„Das wird sich bald ändern.“

„Also, ich meine nur ...“

„Du meinst zu viel.“ Er trank sein Sektglas aus und ich sah ein, dass es besser war, nicht näher darauf einzugehen, aber irgendwie überlegte ich mir doch, ob er trauerte – sowohl um Chandler als auch um seine Mutter. Wenn es denn stimmte. Es gab mir schon einen Stich, als ich daran dachte, dass ich Chandlers wuscheliges Gesicht nie wieder sehen würde.

„Der Tod ist ein Zustand, über den ich mir noch kein klares Bild machen konnte und der also in der Bilanz von Gut und Böse nicht einbezogen werden kann“, deklamierte er plötzlich und lächelte mich an. „Beckett“, sagte er mit einem zufriedenen Nicken.

Je näher wir London kamen, desto mehr wurde Schröder wieder er selbst. Und als wir in London gelandet waren, wollte er die Zollbeamten daran hindern, seine Aktentasche zu durchleuchten. Ohne Erfolg natürlich.

„Ich bin sicher, die werden Ärger machen.“

„Ach was, es sieht doch aus wie ein normaler Walkman. Und in Stockholm haben die ja auch nichts gesagt“, sagte ich, wurde aber auch ein bisschen nervös.

„Stell dir vor, wir leben!“ Es klang richtig erstaunt. „Halleluja!“ Er schaute sich um. „Verdammt, ich habe das Gefühl, mich hier auszukennen ...“

„Bist du noch nie in Heathrow gewesen?“

„Ich? Never.“

„Aber Flughäfen sehen ja ziemlich gleich aus“, sagte ich.

„Da hast du Recht. Okay, da kommt sie.“ Er griff nach seiner Aktentasche. Ich nahm meine Schultertasche und dann gingen wir in die Ankunftshalle und suchten das Gepäckband.

„Verdammt, warum stehen wir eigentlich hier rum?!“

„Wir warten auf das Gepäck, ist doch klar.“

„Ach so. Dein blöder Überseekoffer. Hahaha. Na, wenigstens darf man hier rauchen.“

„Nein, darf man nicht.“

„Was?“

Ich deutete auf ein Schild direkt über uns.

Schröder schaute es an, hob dann seine rechte Hand und zeigte in eine andere Richtung. Ich schaute. Ein Stück weiter stand eine Art großer Gepäckwagen mit Motor, auf dem Führersitz saßen zwei uniformierte Typen und redeten miteinander – beide hatten eine Zigarette im Mund. „Geht hier ja richtig zivilisiert zu.“ Schröder grinste zufrieden und machte sich eine Gitanes an.

Die Tasche kam recht bald und wir nahmen den EU-Ausgang.

In der Ankunftshalle war viel los, die Luft vibrierte von einem erwartungsvollen Brausen von all den Menschen, die sich in einem Halbkreis vor der Absperrung am Ausgang drängten. Schröder blieb stehen und schaute sich um.

„Die U-Bahn ist da drüben“, sagte ich und wollte losgehen.

„Immer mit der Ruhe, mein Passepartout“, sagte er und legte die Hand auf meine Schulter. „Wir werden uns doch nicht wie die Kühe in einer ordinären U-Bahn drängeln.“ Er ließ seinen Blick über das lärmende Menschenmeer schweifen. Dann lächelte er befriedigt und zeigte mir etwas: „Schau mal: Schick, was?“

Mitten in der Menschenmenge entdeckte ich einen Mann in hellgrauer Uniform und passender Schirmmütze mit goldglänzendem Band als Verzierung oberhalb des schwarzen Schirms. Er stand lässig gegen die Absperrung gelehnt und hielt ein Schild hoch, auf dem etwas schlampig geschrieben stand: „Kevin and Schröder Ltd.“

„Aber was ...“

„Nicht schlecht. Was? Und sogar richtig geschrieben, sie haben also doch ö-Tüpfelchen, wenn sie wollen.“ Schröder nickte.

„Komm jetzt. Du musst dolmetschen, vergiss das nicht.“

5

Jaguar Sovereign, Savoy & Mad Pigs

„Hier entlang, Sir“, sagte der Chauffeur, als Schröder bei ihm ankam. „Let me take those for you, Sir“, sagte er und nahm meine Reisetasche und Schröders Aktentasche und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

„Wer ist das?“, flüsterte ich.

„Wer ist das? Hast du noch nie einen richtigen Chauffeur gesehen?“

„Doch, aber ich meine, wie ...“

„Nemas problemas, kiddo. Gut, das mit Kevin und Schröder Limitated, was?“ Er warf den Trenchcoat über die Schulter. „Limited“, korrigierte ich ihn.

„Verdammt, musst du denn immer so kleinlich sein?“

„Also hast du nicht geglaubt, dass du sterben würdest“, sagte ich.

„Was?“

„Wenn du angerufen und ein Auto besorgt hast und alles, meine ich.“

„Doch, verdammt. Total. Deshalb habe ich Kevin hinzugefügt, falls du überlebt hättest, meine ich.“

„Du spinnst.“ Ich grinste.

„Mir ist, als hätte ich das schon mal gehört. Genau wie ich das Gefühl habe, schon mal hier gewesen zu sein.“

„Parkplätze auf Flughäfen sind auf der ganzen Welt ziemlich gleich.“

„So, so, wie du meinst, mein stolzer Globetrotter. Ja, ja.“

Der Fahrer entschuldigte sich, dass es ein Stück zu gehen war, aber er habe Probleme mit dem Parken gehabt, sagte er. Er wandte sich immer an Schröder, obwohl ich ihm antwortete.

Ich fragte mich, ob er das mit dem Auto am British-Airways-Schalter organisiert und ob es deshalb so lange gedauert hatte.

Erstaunt sah ich, dass der Fahrer auf einen blitzsauberen, glänzenden Jaguar Sovereign zuging. Er machte den Kofferraum auf, legte meine Tasche und Schröders Aktentasche hinein, schloss den Deckel schnell wieder und machte die hintere Tür genau in dem Moment auf, als wir ankamen. Ob er sich am Ende wohl beeilt hatte, um so ein perfektes Timing hinzukriegen? Ich war einen Schritt vor Schröder, aber er drängte sich mit einem Knuff an mir vorbei, stieg ein und setzte sich. Ich machte selbst die andere Tür auf und setzte mich neben ihn.

„Danke.“

„Ja zum Teufel, schließlich habe ich den Jaguar organisiert.“ Er grinste, rollte den Trenchcoat zusammen und legte ihn zwischen uns. „Und ich habe die Plastikkohle, vergiss das nicht.“

„Ja, genau. Wie viel Kredit ist denn eigentlich drauf?“

„Gar keiner.“

„Wie, gar keiner?“

„Also, americanos expressos ist keine Kreditkarte. Es ist eine Bezahlkarte. Und das ist ein Riesenunterschied, verstehst du?“

„Was für einer?“

„Wenn man einen Kredit hat, dann bezahlt man nicht, aber mit der hier bezahlt man.“

Mir schien das keine befriedigende Erklärung zu sein, und ich glaube, dass er es nicht richtig verstanden hatte. Ich fragte mich, ob er wusste, dass er, wenn die Karte auf seinen Namen ausgestellt war, auch die Rechnung bekommen würde. Ich wollte es ihm sagen, entschied mich dann dagegen, es war vielleicht besser, es nicht zu tun.

Der Fahrer wollte Schröder in ein Gespräch verwickeln, aber der saß schweigend da und starrte in den dichten Verkehr, der sich langsam vorwärts bewegte. Die Sonne brach durch die dünne Wolkendecke, glitzerte auf dem Lack der Autos und erhellte die großen, grellbunten Werbeschilder am Straßenrand. Freundlich aber bestimmt gelang es mir, dem Fahrer klar zu machen, dass wir nicht von der gesprächigen Sorte waren. Dann sank ich in die Polster und genoss das Auto.

Ich war noch nie in einem Jaguar Sovereign gefahren. Man spürte sofort, dass es nicht irgendeine Schrottschüssel war. Der Motor schnurrte wie eine Katze, man saß unglaublich bequem in den tiefen Ledersitzen und spürte kaum, dass man fuhr. Es roch nach neuem Leder, Möbelpolitur und – Gitanes ...

„Verdammt, mir kommt das alles so bekannt vor.“ Schröder paffte intensiv an einer Zigarette.

„Was hast du gesagt?“

„Verdammt, mir kommt das alles so bekannt vor, habe ich gesagt.“

„Aber du bist doch noch nie hier gewesen.“

„Nein, aber ich weiß genau, wo wir sind. Sehr merkwürdig. Déjà-vu, mon ami, déjà-vu.“

„Was bedeutet das eigentlich?“

„Das einem etwas bekannt vorkommt, natürlich. Genau wie ich gesagt habe.“

„Ja, aber ich meine die Wörter. Du hast gesagt, es bedeutet ,das war damals‘. Was bedeuten die Wörter?“

Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, wenn ich ehrlich sein soll. Hauptsache ist, man weiß, was es bedeutet, nicht wahr?“ Er schaute wieder zum Fenster hinaus.

Der Jaguar glitt geschmeidig durch den dichten und stockenden Verkehr. Als wir schließlich im Zentrum waren, sagte der Fahrer, er würde einen kleinen Umweg machen, in der Hoffnung, dass es ein bisschen schneller gehen würde. Wir fuhren am Buckingham Palace vorbei, wo sich Trauben von Touristen vor den Toren drängten. Sie waren mit Foto- und Videoapparaten ausgerüstet, hingen an den gusseisernen Gitterstäben und hofften einen Blick auf irgendwelche Hoheiten zu erhaschen.

„Was für Dummköpfe …“, brummte Schröder. „Und dann rennen sie in ihren verdammten Jogginganzügen herum! Hast du das gesehen? Und mit ihren saublöden Baseballmützen! Japaner, Neger, Nordländer, ganz egal. Es ist unglaublich, die ganze Weltbevölkerung verschlampt, verludert, verdummt und alle laufen herum wie zerknitterte Bauarbeiterzelte! Und immer fetter werden sie auch.“

Wir kamen an der Westminster Cathedral vorbei und fuhren hinunter Richtung Victoria Embankment.

„Unglaublich ...“, murmelte Schröder.

„Was denn?“, sagte ich und fragte mich, wohin wir wohl fuhren.

„Das mir alles bekannt vorkommt. Buckingham Palace, Westminster Cathedral ...“

„Das ist nicht die Cathedral, das ist Westminster Abbey.“

„Das ist doch wohl das Gleiche.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Wie auch immer, es kommt mir bekannt vor. Und das ist auf jeden Fall Big Ben.“

„Es kann doch sein, dass du das alles oft im Fernsehen und im Kino gesehen hast …“

„Nee, nee, mein Junge, das ist etwas anderes. Ich bin schon mal hier gewesen. Da gibt es keinen Zweifel. Obwohl ich noch nie hier gewesen bin.“

„Du?“, sagte ich und dachte, es wäre vielleicht besser, über etwas anderes zu sprechen.

„Hmm?“

„Wohin fahren wir eigentlich?“

„The Savoy.“

„Savoy?“

„Genau, Kiddo. The Savoy.“

„Aha“, sagte ich und sank in die Polster. Irgendwo in meinem Gehirn suchten sie fieberhaft, denn ich hatte den Namen bestimmt schon mal gehört, aber sie hatten keinen Erfolg. „Ich nehme an, das ist ein Hotel, ja?“

„Also manchmal bist du wirklich verblüffend! Was für ein Kombinationsvermögen! Wow!“

„Hab dich nicht so.“

„Aber The Savoy sollte man doch wenigstens kennen. Ich sag’s ja. Die heutige Jugend zeigt verblüffende Bildungslücken, verdammt große schwarze Löcher, wirklich. Aber es ist ja kein Wunder, wenn ihr den ganzen Tag vor Computerspielen sitzt.“

„Ja, ja, reg dich ab. Du weißt bestimmt nicht, wer John Vollem ist, und den sollte man meiner Meinung nach kennen.“

„Nee, aber er weiß bestimmt, was The Savoy ist.“

Darauf gab es nichts zu antworten, weil er in diesem Punkt vermutlich Recht hatte. Also schwieg ich und schaute auf das Wasser der Themse, von dem man nicht gerade behaupten konnte, dass es blau war, es hatte eher eine Art grau-schwarz-schmutz-blaue Färbung. Trotzdem gelang es der Sonne, sommerlich darin zu glitzern.

Der Jaguar bog vom Victoria Embankment ab. Nach einem kleineren Park kamen wir in eine schmale, steil ansteigende Straße, die zwischen rußigen Backsteinfassaden eingeklemmt war. An einer Kreuzung blieben wir bei Rot stehen, bogen dann nach links ab und sofort danach wieder nach links und glitten in ein kurzes, überbautes Straßenstück, das sich vor einem protzigen Eingang mit Dreh- und Pendeltüren zu einem Wendeplatz verbreiterte. Überdacht und gekrönt wurde das Ganze von einem baldachinähnlichen Teil aus glänzendem Metall. Eine Statue, die mit Schild und einer Art Speer bewaffnet war, thronte über dem Namen SAVOY in großen Buchstaben.

Draußen auf dem Bürgersteig stand ein Mann in schwarzer Livree mit Axelklappen und goldglänzenden Knöpfen. Es sah unerträglich heiß aus. Er hatte die Hände auf dem Rücken und wiegte sich vor und zurück, federte auf den Zehenspitzen. Es sah fast aus, als würde er eine Art Gymanstikübungen machen. Als der Jaguar mit weich schnurrendem Ton heranglitt und stehen blieb, nahm er Haltung an und machte die hintere Tür auf. Dieses Mal war es auf meiner Seite. Schröder schnaubte natürlich, aber er machte seine Tür nicht auf, er blieb einfach sitzen. Ich wollte gerade etwas sagen, als unser Chauffeur ausstieg und auf Schröders Seite die Tür öffnete. Da stieg er aus, streckte sich und schaute mit zustimmendem Gesichtsausdruck umher.

„Geradeaus und dann die zweite Theke rechts, Sir.“

„Aber, die Ta...“, fing ich an.

„Wir kümmern uns um Ihr Gepäck, Sir. Soll ich Ihre Tasche auch nehmen?“

Ich schüttelte den Kopf. Schröder faltete seinen zerknitterten Trenchcoat auseinander und reichte ihn dem Portier, der ihn mit misstrauischer Miene entgegennahm, als ob er abfärben könnte.

„Komm jetzt, Kevin, sei nicht so trampelig schwedisch. Meinst du, die würden in The Savoy was klauen?“

Ich war etwas verwirrt, merkte aber trotzdem, dass noch etwas mit Schröder passiert war. Sonst fand ich immer, dass er eigentlich nirgendwo hinzupassen schien. Ganz bestimmt nicht zu uns nach Hause, zum Beispiel. Nur das eine Mal, wo wir zu Hause bei Lenas Onkel Norling waren und in seinem großen Atelier saßen, da hatte Schröder „hingepasst“ oder wie ich das ausdrücken soll. Und so war es jetzt auch. Plötzlich sah er nicht mehr so auffallend anders aus.

Er ging durch die Drehtür, nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie in die Brusttasche. Dann steuerte er auf die richtige Stelle zu. Als ob er schon mal hier gewesen wäre. Zu meiner großen Verwunderung sagte er:

„Kevin and Schröder Limited, I believe there is a reservation made for us“, ohne im Mindesten zu stottern und auch ohne diesen komischen spanischen Akzent, den er sonst immer hatte.

Der Portier lächelte, schaute nach, nickte. Schröder schrieb uns ein und plauderte und ich stand da und kam mir leicht überflüssig vor.

Angeschmiert irgendwie.

Von Schröder, meine ich.

Ich dachte an das, worüber ich schon mal nachgedacht hatte: Dass ich das Gefühl hatte, mich irgendwie um ihn kümmern zu müssen hier in London, wo ich schon so oft bei meinen Großeltern war. Und jetzt stand er da und schien mich überhaupt nicht zu brauchen ...

„I’m very sorry, but the room isn’t quite ready yet, Sir. The earlier guests had a late check-out, but if you just ...“

Schröder unterbrach ihn und sagte, das sei ganz okay, wir hätten sowieso „some business to attend to“ und würden erst am Nachmittag zurück sein.

Ach so, very good, Sir.

Ich war etwas enttäuscht, dass wir gleich wieder gehen wollten, die Lobby sah sehr vornehm aus. Genau wie Hotellobbys im Kino aussehen, aber wie man sie noch nie in Wirklichkeit gesehen hat.

Geradeaus, wenn man hereinkam, führte eine kurze Treppe zu einem Raum, der ein Restaurant zu sein schien. Weiter hinten machte ich einen weißen Flügel aus, er stand in einer Art Freiluftrotunde, wo vor vielleicht hundert Jahren Militärkapellen zackige Märsche gespielt hatten. Die Marmorwände glänzten im Schein der Kronleuchter, die Treppengeländer waren lederbezogen und ihre verschnörkelten Gusseisenstäbe waren frisch geputzt. Die Teppiche waren weich und dezent hellgrau-braun, alles unaufdringlich und irgendwie elegant. Und leise war es, als ob alle auf Zehenspitzen gingen. Ein Stück weiter saß ein Paar und trank Tee an einem Tisch mit einem imponierenden Blumenarrangement in einer ebenso imponierenden Vase. Das diskrete Personal, vorwiegend männlich, trug Cut (oder heißt es Gehrock?) und glänzende, schwarze Lackschuhe, und sie sahen alle miteinander frisch rasiert und frisch frisiert aus.

Es roch auch gut, obwohl schwer zu sagen war, wonach. Vielleicht eine Mischung aus Parfum, Sauberkeit, Rasierwasser und Kristall? Wie in einer Textzeile aus einem Lied von John Vollem, die ich nie verstanden hatte.

Mir gefiel die Stimmung, irgendwie geborgen und ruhig, und ich wäre gern dageblieben anstatt sofort wieder abzuhauen und diesen Professor zu suchen, der Lenas Apparillo bekommen sollte.

„Du, wollen wir ihn denn nicht mitnehmen?“

„Was?“

„Den Apparillo natürlich. Wir sollen ihn doch schließlich abgeben ...“

„Der liegt hier sicher.“

„Aber, du kannst doch nicht ... Wir müssen doch ...“

„Beruhige dich, Kevin. Was ist denn? Hast du schon wieder Hypertonie?“

„Was?“

„Hypertonie, habe ich gesagt. Isst du denn nicht einen Stängel Bleichsellerie am Tag, wie ich es dir verschrieben habe um den Blutdruck unten zu halten? Ja, ja, guck nicht so zerknautscht ... Jetzt bestimme ich und wir nehmen El Apparillo NICHT mit. Der blöde Professor kann mit uns herkommen und ihn abholen.“

Das gefiel mir nicht.

„Aber, ich kann ihn doch in meine Tasche nehmen und ...“

„Kommt nicht in Frage.“

Schröder bat an der Rezeption um einen Stadtplan und dann gingen wir hinaus auf das kurze, überbaute Straßenstück, das einfach Savoy Court hieß.

Der Savoy Court mündete auf eine breite Straße, The Strand, wo der Verkehr nur stoßweise vorankam.

An der nächsten Straßenecke blieb Schröder in der juniheißen Sommerluft stehen und setzte die Sonnenbrille auf.

„Right. Jetzt wollen wir mal sehen. Wir stellen uns da drüben in den Schatten, das ist ja die reinste Tropenhitze. Vielleicht weißt du ja, wo ...“

Er holte den Umschlag aus der Tasche, zog das Papier heraus und las ein paar Zeilen. „Ah, da ist es ... wo Stevenage Road liegt.“

„Keine Ahnung“, sagte ich. Ich war immer noch sauer, dass er den Apparillo nicht mitgenommen hatte. Wir würden nur einen Haufen Zeit verlieren. Schröder faltete die Karte auseinander und las das Straßenverzeichnis.

„Zum Teufel auch!“

„Was ist denn?“

„Es gibt keine verdammte Straße, die so heißt.“

„Zeig her“, sagte ich und riss ihm die Karte aus der Hand. Er hatte Recht. „Steck diese Touri-Broschüre ein“, sagte ich und war ziemlich stolz. Ich stellte meine Tasche auf den Bürgersteig, machte ein Seitenfach auf und holte unser abgegriffenes, altes „A to Z – A Premier Street Map of London“ heraus.

„Du liebe Zeit, was für ein Laken“, sagte Schröder, als ich die Karte auseinander faltete. „Hatten sie nicht noch eine größere?“

Ich suchte S im Straßenverzeichnis, einem 95-seitigen ExtraHeft, das an die eigentliche Karte drangeheftet ist. Ich deutete drauf. „Da ist die Stevenage Road.“

„Prima, Passepartout. Wenn wir dich nicht hätten ...“

„Hättest du dich bestimmt verlaufen.“

„Naja, ich hätte den Portier im Savoy gefragt ...“

„Siebenundvierzig, C-zwei, achtzig“, sagte ich schmollend.

„Was sagst du da? Ist das eine Art Geheimcode oder was?“

Ich faltete den Plan auseinander, knickte ihn und suchte mit dem Zeigefinger.

„Da.“

„Okay. Und wo sind wir?“

Ich musste die Karte wieder anders falten. „Da.“

„Siehst nicht besonders weit aus. Wir können doch einen Spaziergang durch den Jekyll-and-Hyde-Park machen.“

„Es ist weit.“

„Meinst du wirklich?“ Er sah sich spähend um.

„Ich weiß es. Meine Großmutter wohnt jenseits der Putney Bridge, da drüben“, sagte ich und zeigte in die Richtung, aber er schaute in die andere.

„Ja, ja, ich bin auch schon hier gewesen. Aber vielleicht war ich doch nicht in der Gegend.“

„Ich bin von da schon gelaufen – es ist weit. Besonders bei dieser Hitze.“

„Ist es kürzer, wenn es kalt ist? – Okay, okay. Ich glaube dir, ich glaube dir. Aber trotzdem ... Er schaute sich wieder um, rückte den Schlips mit der rechten Hand zurecht.

„Was ist denn mit dir?“

„Que? Mit mir? Nichts.“

„Was suchst du denn? Du schaust überallhin, bloß nicht auf die Karte.“

„Ja? Aha ... ähm ... Doch, also, ich habe Hunger, verstehst du. Um genau zu sein, ich bin am Verhungern. Wir müssen was essen, meinst du nicht? Und dann muss ich meine Füße ein wenig ausruhen, sie sind irgendwie noch steif und neu, du weißt schon ...“, sagte er und hob seinen rechten Schuh und wackelte demonstrativ damit.

„Aber wollen wir nicht erst zur Stevenage Road?“

„Du hast doch gesagt, dass es so weit ist. Sonst bist du doch immer hungrig. Ah! Guck mal, da unten!“ Er zeigte auf eine Straße, die steil zur U-Bahn-Station von Charing Cross runterführte. Ich schaute auf die Schilder vor den Geschäften und sah eines, auf dem „Sizzling Sausages“ stand.

„Eine Würstchenbude?“

„Red nicht so abfällig, du stopfst doch sonst ständig Würstchen und Burger und so Zeug in dich rein, wenn ich mich recht erinnere.“

„Schon, aber englische Würstchen. Jetzt? Bei dieser Hitze? Und wir haben doch im Flugzeug gefrühstückt.“

„Ja, gefrühstückt, aber jetzt ist Lunch-time. Und eins will ich dir sagen, englische Würstchen sind etwas ganz anderes als dieser schwedische Scheiß.“

„Woher weißt du das?“

„Déjà-vu, amigo, déjà-vu ... Außerdem hat man eine gewisse Allgemeinbildung. Im Unterschied zu bestimmten anderen Herrschaften, ich nenne keine Namen. Komm jetzt. Sizzling Sausage klingt delicious.“

„Aber denk doch an den Rinderwahnsinn und …“

„Ich will doch keine Rinderwurst. Du kannst von mir aus so was essen. Und von mad pigs habe ich bisher noch nichts gehört, aber man kann ja nie wissen. Und sterben muss man sowieso, Rinder und Schweine und Hunde und Autos und Mütter und Väter und du und ich ... Aber man sollte nicht auf nüchternen Magen sterben. Verdammt, bin ich hungrig. Erst eine sizzling sausage, und dann essen wir ein bun.“

„Ein was?“

„Ein bun. Ein englisches Hefeteilchen, natürlich. Komm jetzt.“

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