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Bernt Danielsson
Ein Kuß als Belohnung
Aus dem Schwedischen
von Regine Elsässer
Saga
1
Der Stilettpsychopath
Ich hatte keine Chance.
Hätte ich nicht die Kopfhörer vom Walkman aufgehabt und hätte nicht John Vollem mit seiner heiseren Stimme gerade den Song „We’re leaving this place, mate“ gesungen, dann hätte ich natürlich gehört, wie die Schrottschüssel von Lieferwagen aus der Querstraße kam.
Aber dem war, wie gesagt, nicht so.
In der nächsten Sekunde krachte das Vorderrad meines Mopeds in den großen Kotflügel, ich wurde in die Luft geschleudert, machte einen Riesensaltomortale und klatschte ein paar Meter weiter auf den Asphalt.
Ich konnte nichts denken, aber ich war ganz sicher, daß ich sterben würde.
Ich erinnere mich nur noch an die riesige Windschutzscheibe des Lieferwagens, die starken Scheinwerfer und den verdreckten Kühlergrill.
Bei meinem Flug durch die Luft wurden mir die Kopfhörer abgerissen, und John Vollem verstummte abrupt. Ich war plötzlich so hoch, daß ich über eine Hecke in ein Wohnzimmer schauen konnte, wo zwei grauhaarige alte Tanten auf einem Sofa saßen und fernsahen.
Dann kam der Asphalt auf mich zugerast.
Dann kam der Aufprall.
Erst jetzt dachte ich etwas, aber es war mehr wie ein gurgelndes Brüllen, weil es in meinem linken Knie unglaublich weh tat.
Die eine Tür des Lieferwagens wurde aufgestoßen, und ich sah, daß jemand herauskletterte. Obwohl es dunkel und diesig war und obwohl ich einen Tränenschleier vor den Augen hatte, sah ich genug, um zu denken: „Was für eine Type!“
Er hatte einen langen, schmutziggrauen Trenchcoat an, der ihm um die Jeansbeine flatterte. Unter dem orangefarbenen Schein der Straßenlampe sah er aus wie eine Art Musketier. Er stiefelte mit langen Schritten auf mich zu. Er hatte schwarze, wirre Haare und trug eine dunkle Sonnenbrille.
Sonnenbrille? dachte ich. Abends um halb acht? Am fünfzehnten Oktober?
Er stolperte über mein Moped und blieb vor mir stehen. Die schwarze Brille starrte mich an, wie ich da auf dem nassen Asphalt lag und mein Knie mit beiden Händen festhielt. Ich glaube, ich habe mich sogar hin- und hergewiegt. Vielleicht glaubte ich, daß es dann weniger weh täte.
„Kannst du nicht besser aufpassen, du blöder Eimer?!“ Er klang genauso verrückt wie er aussah. „Verdammt!!“ stöhnte er, breitete beide Arme aus und ließ sie laut klatschend wieder an den Körper zurückfallen. „Du hättest ja sterben können, du Trichtertüte!!“
Ich bekam kein Wort heraus. Mein Knie tat wahnsinnig weh, und ich bemühte mich verzweifelt, nicht zu heulen – so kindisch wollte ich mich schließlich auch nicht zeigen.
„Also wirklich, verdammte Scheiße!!“ schimpfte er weiter.
„Verdammte scheisse! Lernt ihr denn heutzutage überhaupt nichts mehr in der Schule?!“ Er holte tief Luft und schaute in den nachtschwarzen Himmel, ehe er sich runterbeugte und mit normaler Stimme sagte: „Ist dir was passiert?“
„Das Knie!“ jammerte ich kleinlaut und spürte, wie die Tränen sich in den Augenwinkeln sammelten. „Das Knie – aua, das Knie! Ich glaub, es ist – aua!“
„Bleib ruhig liegen, ich werde es mir mal anschauen“, sagte er und hockte sich neben mich.
Was für eine Type, dachte ich immer wieder. Er war bestimmt schon über vierzig, aber der Trenchcoat, die Jeans und die wirren, ziemlich langen dunklen Haare ließen ihn etwas jünger aussehen.
Er schob die Brille hoch, so daß sie in seinem lockigen Schopf hängenblieb, und steckte die Hand in die Manteltasche. Er wühlte und wühlte, und trotz der Schmerzen im Knie fragte ich mich, was er wohl vorhatte.
„Ah!“ rief er dann mit einem Seufzer. „Hier ist es!“
Dann schaute er mich an und holte grinsend einen länglichen, schwarzglänzenden Gegenstand hervor.
Ich hatte zwar noch nie ein richtiges Stilett in natura gesehen, aber ich wußte sofort, was es war. Dann versuchte ich, mich zu beruhigen. Mit einer unglaublich gefaßten, ruhigen Gedankenstimme sagte ich mir, daß der Gegenstand natürlich eine Taschenlampe oder ein Feuerzeug oder etwas in dem Stil ist. Sei nicht so blöd und kindisch, sagte ich in Gedanken zu mir selbst, es ist doch klar, das ist kein Stilett.
Es war ein Stilett.
Er grinste mich immer noch an, als das größte Messer, das ich je gesehen habe, mit einem scheußlichen, unangenehmen Geräusch aus dem schwarzen Gegenstand herausschnellte. Es klang ungefähr so:
Plhopp!
Da geriet ich in Panik.
„Aber?! Aber?! W-w-w-as machst –!!!“ schrie ich, ruderte mit den Armen und versuchte aufzustehen. Ich hatte mein zertrümmertes Knie vergessen, ich stand unter Schock und wollte nur eins – weg.
„Immer mit der Ruhe, mein Junge“, murmelte er, beugte sich über mich und drückte mich gleichzeitig mit dem einen Knie auf den Boden. „Immer mit der Ruhe. Ich will dich nur... ich will dich nur untersuchen und eine Diagnose stellen.“
Ich konnte mich nicht befreien. Ich starrte auf meine Beine und sah, wie er den Stoff der Jeans an meinem Knie mit Daumen und Zeigefinder der linken Hand anhob. Und dann – dann sah ich das blitzende Stilett durch die Luft sausen, und dann schnitt er meine Jeans auf.
„A-a-ber!! Das sind meine besten Dobber“, jaulte ich und versuchte verzeifelt, mich zu befreien.
„Reg dich ab, verdammt noch mal. Halt still!!“ Ich verstand überhaupt nicht, warum, aber ich tat, was er sagte – ich hielt still. Ich legte den Kopf auf den naßkalten Asphalt und starrte mit leerem Blick ins Dunkel. Aha, dachte ich, in so jungen Jahren also gerate ich an einen Stilettpsychopathen, der meinem allzu kurzen Leben ein Ende setzt. Genau so, wie man es so viele Male im Kino und im Fernsehen gesehen hat. Verrückte und Psychopathen haben mir schon immer Angst gemacht, eben gerade weil sie verrückt sind. Denen kann doch in den Sinn kommen, irgend jemand ohne jeden Grund abzumurksen. Aber jedesmal, wenn ich so einen Film gesehen hatte, konnte ich mich damit beruhigen, daß so etwas ja nicht in Wirklichkeit passiert – auf jeden Fall nicht hier in Schweden. Aber es passierte in Wirklichkeit.
Ich hob den Kopf und schaute ihn an. Der große schmutzige Trenchcoat lag wie ein Zelt um ihn herum. Er starrte auf mein Knie – oder das, was noch davon übrig ist, dachte ich.
„Hmmm...“ brummte er besorgt und schob die Sonnenbrille runter.
„Was ist denn?!“ krächzte ich. „Muß ich genäht werden?“
„Was? Genäht? Nee, nee...“ murmelte er und schüttelte den Kopf. Er wandte mir seine schwarzglänzende Brille zu und schob die gigantische Messerschneide zurück. „Kein Grund zur Sorge“, sagte er und lächelte. „Du hast dich nur ein bißchen aufgeschürft.“
„Mich ein bißchen aufgeschürft?! Was soll das denn heißen. Ich bin doch mehrere Meter hoch in die Luft geflogen und –“
„Reg dich ab. Ich habe einen Verbandskasten im Auto. Das kriegen wir schon geregelt. Aber steh jetzt auf, du wirst doch ganz naß, wenn du da liegst.“ Er steckte beim Aufstehen das Stilett in die Tasche, drehte sich um und ging zum Lieferwagen. Die Absätze klackerten metallisch auf dem Asphalt.
Absatzeisen, dachte ich, typisch. Das sind bestimmt solche schrägen Cowboystiefel.
Ich setzte mich auf. Ich seufzte und stöhnte und brummte und zog die Nase hoch. Mit halbgeschlossenen Augen schaute ich vorsichtig auf mein Knie. Ich wollte es mir anschauen, aber gleichzeitig absolut nicht sehen. Und in so einer Situation schaut man mit halbgeschlossenen Augen – man macht die Hälfte von beidem, gewissermaßen. Ich war fest davon überzeugt, eine blutige, vermatschte Wurst mit herausragenden Knochensplittern zu sehen.
Ich war sehr erstaunt, als ich sah, daß das Knie immer noch ganz war. Nur viele kleine, rote Punkte auf der Haut. Man konnte nicht einmal behaupten, daß es Blutstropfen waren, es sah eher aus wie Tau – Bluttau. Aber es tat weh. Sehr weh.
Ich kam langsam hoch, setzte den linken Fuß auf und spürte sofort einen Stich im Knie. Ich machte einen Schritt. Das Bein blieb dran. Es tat fürchterlich weh, aber vielleicht, dachte ich, vielleicht komme ich doch um eine Amputation herum, wenn ich ein bißchen Glück habe.
Ich humpelte zum Lieferwagen. Der Irre im Trenchcoat war hinters Steuer geklettert und hatte den Zündschlüssel abgezogen. Er kam wieder heraus und ging mit flatternden Rockschößen zur hinteren Tür.
Ich starrte auf mein gewesenes italienisches Moped. Es lag auf dem regenglatten Asphalt, und der gespenstische organgefarbene Schein der Straßenlampe glitzerte auf dem Metall. Ich hatte es erst seit einem halben Jahr, und jetzt war es ganz kaputto. Finito mopedo. Sempre ruinato. Das Vorderrad sah aus wie eine Acht, und die vordere Radgabel war zu einer Schere zusammengedrückt worden und hatte fast alle Speichen abgeklemmt.
Was wird Mama sagen? dachte ich. Von Papa gar nicht zu reden.
Dann fiel mir ein, daß dieser Stilettpsychopath natürlich alles bezahlen mußte. Natürlich, selbstverständlich. Und das bedeutete, daß ich ein ganz nagelneues Moped bekommen würde.
Das Knie tat gleich ein bißchen weniger weh.
Ich humpelte zur hinteren Tür des Lieferwagens, die jetzt offenstand. Er war hineingeklettert und machte einen schrecklichen Krach da drinnen. Ich konnte nur seinen Mantel erkennen, der wie eine gräuliche Fledermaus im Dunkel herumflatterte.
„Hör mal, du, wie können das ja wohl im guten regeln, oder?“
Er klang genauso zerstreut wie unser Chemielehrer Jansson, wenn er so ein bescheuertes Experiment aufbaut.
„Was?!“ rief ich schockiert.
„Ja, verdammt – das wird doch sonst so kompliziert, und außerdem kann es ziemlich teuer werden für dich.“
„Teuer?!“ brüllte ich.
„Ja, klar... hmmm...“ Es klirrte und polterte da drinnen, klang fast so, als ob er eine Kiste mit Flaschen umgestoßen hätte. Er fluchte und knurrte vor sich hin. „Wo zum Teufel ist er bloß hingekommen? Aber hör mal. Wenn wir so sagen: Du kriegst ’nen Fuffi von mir, dann kannst du dein Moped reparieren, und wir vergessen den Rest. Da hast du ihn!“
Was ist das bloß für ein Vollidiot? dachte ich. Sehe ich vielleicht aus wie zwölf? Macht er sich lustig über mich? Mein Gott, wie lange wird man noch wie Dreck behandelt, nur weil man „jung“ ist? Wenn er glaubt, daß ich so bescheuert bin, dann hat er sich verrechnet, das kann er sich merken, mich behandelt man nicht so, mich nicht, dachte ich.
„Was hast du gesagt?“ schrie ich und versuchte, so richtig außer mir zu klingen, so wie mein Vater manchmal am Telefon. „Du mußt selbstverständlich für alles löhnen, ist doch wohl logo!“
„So, so, und das bildest du dir ein?“ sagte er ruhig, und es klang fast so, als ob er lachen würde.
Plötzlich sprang er heraus und landete direkt neben mir. Er hatte eine viereckige Holzkiste in der Hand, ich sah ein rotes Kreuz auf dem Deckel. Er sagte nichts, schaute mich nur mit einem merkwürdigen Blick und einem etwas schiefen Lächeln an. Dann kratzte er sich mit einem schabenden Geräusch unterm Kinn. Vor einigen Tagen schon hätte er sich rasieren müssen, dachte ich. Sein Blick ließ mich nicht los, und ich spürte, daß ich etwas sagen mußte.
„Aber das ist doch klar“, sagte ich. „Das ist doch eine Einbahnstraße!“
Seine bartstoppelkratzende Hand hielt inne, das Lächeln gefror, und die Mundwinkel rutschten langsam nach unten.
„Einbahnstraße?“ rief er dann aus, und es klang zutiefst erstaunt. „Bist du da ganz sicher?“
„Und ob. Ich wohne schließlich hier. Und außerdem ist die Straße, aus der du gekommen bist, auch Einbahnstraße – in die gleiche Richtung.“ Er starrte mich mit halboffenem Mund an und sah ziemlich bescheuert aus. „Da hinten steht ein Schild“, sagte ich etwas verwirrt und zeigte mit einem steif ausgestreckten Arm in die Richtung. Sein Blick folgte meinem Arm, und die Hand nahm das Kinnkratzen wieder auf.
„Sind das alles beides Einbahnstraßen? Verdammte Scheiße...“
Er dachte einen Moment nach, dann zuckte er mit den Schultern. „Aber – na ist auch egal. Jetzt wollen wir mal sehen!“
Er stellte die Kiste ab, drehte sich und packte mich mit beiden Händen um den Bauch. Bevor ich auch nur blinzeln konnte, hatte er mich hochgehoben und auf die Ladefläche gesetzt (oder wie immer das bei einem Lieferwagen heißt), so daß ich da mit baumelnden Beinen saß.
Ich kam mir total lächerlich vor. Mit einem einzigen Handgriff hatte er mich auf das Niveau eines Kindergartenbabys erniedrigt. Es war schrecklich. Ich merkte, wie mir glühheiß im Gesicht wurde, und ausnahmsweise war ich froh, daß es Oktober und stockdunkel war und die Straßenlampen im Vorort nicht so dicht standen.
„Zieh die Jeans runter“, sagte er ruhig und machte die Verbandskiste auf.
„Aber mein Gott!!“ explodierte ich. „Fahr mich doch nach Hause! Ich wohne nur ein paar Häuser weiter!“
„Nein, nein, nein“, sagte er bestimmt und mit ruhiger Stimme.
„Kommt überhaupt nicht in Frage. Guck mal. Das Verbandspaket aus der Armee! Hier gibt es einen Vorrat, das kann ich dir sagen! Und eine Flasche Jod! Ich muß zuerst den Schaden reparieren, den ich dir zugefügt habe.“
Ich seufzte und verstand nicht, warum ich tat, was er mich geheißen hatte – aber ich tat es. Ich machte den Knopf auf, zog den Reißverschluß runter und dann die Jeans bis unters Knie.
Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte ich. Da sitze ich in der offenen Tür eines schrottigen, alten Dodge-Ram-Lieferwagens mit heruntergelassenen Hosen in nicht allzu sauberen Unterhosen, und das alles an einem diesigen Oktoberabend.
Er schob die Sonnenbrille in die Stirn und inspizierte mein Knie mit gerunzelten Augenbrauen. Dann nahm er einen Wattebausch aus der Kiste, schraubte den Deckel einer braunen Flasche ab, die aussah, als würde sie aus einem Apothekenmuseum stammen. Er legte die Watte über die Öffnung, kippte die Flasche, und dann betupfte er mein blutbesprenkeltes Knie. Ich zuckte unfreiwillig zusammen – nicht weil es weh tat, sondern weil es so kalt war.
„So, so, das ist gar nicht schlimm“, sagte er mit gekünstelter, saudummer Stimme. „Braver Bub.“
Gleich zieh ich ihm eins über die Rübe, dachte ich.
„Wir müssen es ganz gründlich saubermachen“, redete er weiter. „Damit keine Infektionisten reinkommen.“
Infektionisten? Was redet der bloß?
„So... so. Das sieht sehr gut aus“, murmelte er zufrieden. „Kein Grund zur Sorge.“
„Und woher willst du das wissen?“ fragte ich störrisch. „Bist du vielleicht Arzt?“
„Genau“, sagte er, und es klang so ernst und sachlich, daß ich ganz durcheinander kam.
Er nahm noch einen Wattebausch und wiederholte die Prozedur.
„Wie heißt du denn überhaupt?“ fragte er, ohne aufzuschauen.
„Kevin.“
„Kevin? Klingt nicht sonderlich schwedisch.“
„Meine Mutter ist Engländerin.“
„Ah. Old Britain. I see, young man.“
Ich habe zwar schon mal schlechteres Englisch gehört – aber nicht sehr oft.
Mit einem Ritsch riß er die Verpackung des Verbands auf und zog ein dunkelgrünes Stoffteil mit langen, baumelnden Bändern heraus. Die eine Seite war weiß, und die legte er vorsichtig auf mein Knie. Dann wickelte er die Stoffbänder herum und machte eine total alberne Schleife.
„So! Was für ein entzückendes Kniepäckchen. Das solltest du per Express an deine Liebste schicken.“
Ich verstand überhaupt nicht, wovon er redete. So ein peinsamer Vollidiot, dachte. Und doch... Ich fand ihn zwar so daneben, wie ich noch nie jemanden getroffen hatte, gleichzeitig fand ich ihn auch, ja, gar nicht so... daneben. Oder: er war natürlich voll daneben, aber irgendwie anders... Und er hatte was, das ich –
Weiter kam ich nicht in meinen Gedanken.
„Viel besser, als Ohren zu schicken!“ sagte er grinsend und schlug den Deckel des Verbandskastens zu.
„Wie besser als Ohren?“ murmelte ich und zog vorsichtig die Jeans wieder hoch.
„Hast du noch nie was von van Gogh gehört? Vincent?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dem Künstler? Dem mit den Sonnenblumen? Aber du mußt doch schon mal was von Vincent van Gogh gehört haben?“ Als ich wieder den Kopf schüttelte, zuckte er hilflos mit den Schultern. „Unglaublich. Aber wie auch immer, er hat sich mal das eine Ohr abgeschnitten, dann hat er es in ein Päckchen gepackt und an eine Braut geschickt, auf die er scharf war.“
„Und warum?“ fragte ich und zog den Hosenladen zu.
„Gute Frage. Er war vielleicht betrunken und wahnsinnig, ist doch klar.“ Er warf den Verbandskasten achtlos in den Lieferwagen, er polterte umher und stieß klirrend an leere Flaschen. „Verdammt, ich muß sie irgendwann mal abgeben... Wie alt bist du überhaupt?“
„Üchzehn“, sagte ich undeutlich und hoffte, daß er nicht nachfragen, sondern glauben würde, siebzehn, mindestens aber sechzehn gehört zu haben. Ich hatte keinerlei Lust, darüber zu reden. „Und wie heißt du?“ fragte ich schnell und schaute ihn an. Mir wurde eiskalt vor Schreck, weil er wieder in der Manteltasche wühlte, mein Herz schlug die Voodootrommel. Stilett, Stilett!
„Schröder“, sagte er ruhig und bekam mit einiger Mühe seine Hand wieder aus der Tasche. Er nahm eine Zigarette aus einem blauen Paket und steckte sie in den Mundwinkel.
„Schröder?“
„Ja, genau. Schröder“, nickte er und strich ein Streichholz an. Er hielt schützend die Hände um die Flamme und zündete die Zigarette an. Es fing fürchterlich zu stinken an. „Raymond Schröder“, sagte er, machte einen tiefen Zug und warf das Streichholz weg. „Aber du kannst zu mir sagen, was du willst.“
Ich will am liebsten überhaupt nichts zu dir sagen, dachte ich. Ich will nur hier weg.
„Das... das klingt auch nicht sonderlich schwedisch“, sagte ich und rutschte ein Stück von der stinkenden Zigarette weg.
„Doch, sehr sogar“, sagte er mit einem halbunterdrückten Lachen. „Es ist ein richtig ehrbarer, uralter schwedischer Name. Was Schwedischeres als die Einwanderer Schröder aus Deutschland gibt es überhaupt nicht.“
Es klang, als sei er selbst der Meinung, etwas unglaublich Witziges gesagt zu haben.
Dieser Meinung war ich nicht.
Er nahm noch einen tiefen Zug und stieß den Rauch mit einem lauten Geräusch durch Mund und Nase aus – genau mir ins Gesicht. Ich konnte mich gerade noch wegducken.
„Ahh!“ stöhnte er gekünstelt. „There’s nothing like fresh air mixed with tobacco, sagte schon Humpy, bevor er Lungenkrebs bekam und vorzeitig starb.“ Er klappte den Trenchcoatkragen hoch und hob die Schultern, als würde er frieren. „Nein, wir können hier nicht die ganze Nacht rumlümmeln. Wir haben noch was zu tun. Du mußt mir helfen, den Weg zum Skiftesväg zu finden. Du kannst das bestimmt besser als ich. An und für sich wohne ich auch hier in der Gegend, aber ich kann nur den Weg nach Täby Zentrum und in die Stadt – ansonsten bin ich completely lost.“
„Aber – ich muß doch heim“, protestierte ich.
„Papperlapapp!“ schnaubte er. „Es dauert nicht lang, und ich bringe dich dann nach Hause. Los jetzt!“
2
Mit Bogart zum Skiftesväg
Natürlich hätte ich klipp und klar nein sagen und nach Hause humpeln müssen. Ich meine, ich wußte ja überhaupt nicht, was dieser Raymond Schröder für ein Kerl war. Und die Welt ist ja voll von Verrückten, und man kann sich nicht einfach auf die Leute verlassen. Ich wäre auch irgendwie nach Hause gekommen – so hilflos war ich nun auch wieder nicht. Und doch habe ich es nicht gemacht. Das war sehr merkwürdig. Ich war total überzeugt davon, daß ich diesem Irren absolut nicht helfen wollte. Er hatte mich ja fast totgefahren und benahm sich wie der Knallkopp des Jahrhunderts. Und doch – tja...
Was ist man doch komisch, dachte ich.
(Und da hatte ich völlig recht.)
Schröder drehte sich um und flatterte davon.
Die Absätze klackerten auf dem Asphalt, und die Zigarette wippte, wenn er schnaubend daran zog.
Ich kletterte von der Ladefläche und testete mein Knie. Es tat immer noch weh, aber ich mußte doch zugeben, daß es mit seiner Bandage besser war. Es war warm und angenehm. Ich ging um die offene Tür herum, um zu sehen, wo er hingegangen war. Er hatte mein Moped geholt... Mit beiden Armen hoch über dem Kopf trug er es und kam mit riesigen Schritten wieder auf mich zu. Er grinste mich irgendwie komisch an, und dann warf er das Moped einfach hinten in den Wagen. Es krachte, polterte und klirrte.
„O je“, sagte er ruhig, „das war mein wundervoller Sonnenschirm.“
„Was machst du denn!“ schrie ich. „Also jetzt reicht es wirklich!“
„Kevin“, sagte er und seufzte. „Wir haben keine Zeit, hier rumzustehen und zu streiten. Du willst doch so schnell wie möglich nach Hause – und ich werde euch alle nach Hause fahren, dich, dein ramponiertes Knie und dein dahingeschiedenes Moped. Aber zuerst mußt du mir helfen, diesen gottverdammten Skiftesväg zu finden, wie gesagt. Ich bin ein bißchen unruhig, verstehst du, aber jetzt, wo ich dich getroffen habe, bin ich schon viel ruhiger.“
„Ruhiger?!“
„Ja, nicht mehr so einsam und verlassen unterm Sternenzelt. Und zwei sind ja immer besser als einer, nicht?“ Er schlug die hinteren Türen zu und schob mich zur Vordertür. „Ich versprech dir’s. Es dauert nicht lange. Paß auf deinen Hintern auf!“ rief er und schlug die Tür hinter mir zu, lief um die platte Schnauze des Autos herum und kletterte hinter das Steuer.
Ich habe noch nie in meinem Leben in einem so unordentlichen, versifften und stinkenden Auto gesessen. Der Boden sah aus wie eine Zirkusmanege – er war fast völlig von zerkrümelten Kippen bedeckt. Auf der Ablage vorn lagen jede Menge zerknüllte Zigarettenpäckchen von der gleichen Sorte, wie er sie in der Manteltasche gehabt hatte, sie hießen Gitanes. Da lagen außerdem drei leere Coladosen und ein Telefonbuch (Gelbe Seiten, Teil 1). Hinter dem Steuer lag ein Berg mit Zeitungen, gegen das Fenster gestapelt und von einem großen, schwarzen Feldstecher gekrönt. Die Fahrerkabine war von der Ladefläche durch eine Wand abgetrennt, die wie eine grob zugehauene Spanplatte aussah. Was sie auch war...
Schröder drehte den Zündschlüssel, und der Motor sprang mit einem ohrenbetäubenden knatternden Krach an. Ich verstand überhaupt nicht, wie der John-Vollem-Song das hatte übertönen können – es klang wie drei Bagger auf einmal.
„Skiftesväg!“ schrie Schröder und schob die Zigarette zwischen den Zähnen von einem Mundwinkel in den anderen.
„Das ist ein Stück von hier“, sagte ich.
„Was hast du gesagt?!“
„Das ist ein Stück von hier!“
„Na so was aber auch“, sagte er erstaunt. „Ist die Straße denn nicht hier in Täby?“
„Doch, aber am anderen Ende.“
„Ich habe gedacht, das hier ist das andere Ende. Sehr merkwürdig. Ich hatte das Gefühl, immer im Kreis gefahren zu sein und sehr weit.“
„Wo wohnst du denn?“
„Ähm... dort irgendwo“, murmelte er, nahm die Zigarette aus dem Mund und wedelte undeutlich in meine Richtung. Als er das machte, fiel Asche auf den Sitz zwischen uns, und er schaute überrascht die Zigarette an, als ob er vergessen hätte, daß er rauchte. Er kurbelte das Fenster runter und warf die Kippe raus. „Okay, wie soll ich fahren?“
„Zuallererst mußt du wenden“, sagte ich spitz.
„Weil das hier eine Einbahnstraße ist, was?“ sagte er grinsend. Ich nickte und freute mich, denn offenbar hatte er die Spitze verstanden, trotz des knatternden Motors. „Mhm, du hast ja so recht.“ Er nickte. „Aber es war verdammt dunkel und – ich habe fast den Eindruck, als ob es heller geworden wäre.“
„Das ist nur, weil du die Sonnenbrille nicht mehr aufhast“, sagte ich.
„Meinst du? Ach so... ja, ja. Aber ich liebe sie, verstehst du. Die Welt ist irgendwie besser mit Sonnenbrille, viel schönere Farben. Fast wie im Kino – More Feeling. Und außerdem heißt sie Ray Ban, und da mußte ich sie doch haben, verstehst du? Ray Ban Raymond!! Da-da-da-da!!“
Du liebe Zeit, dachte ich, geht’s denn noch peinlicher. Warum habe ich nur nicht nein gesagt? Warum habe ich ihn nicht gezwungen, mich einfach nach Hause zu fahren. Es ist zwar niemand da, meine Eltern würden erst gegen elf wieder nach Hause kommen, aber ich hätte ja bei den Nachbarn klingeln können. Wie kann man bloß so dumm sein.
„Und hier?“
„Links.“
„Yees, boss!“ Er steckte die Hand in die Manteltasche und angelte wieder das Zigarettenpäckchen heraus. Er hat doch gerade eine Kippe rausgeworfen, muß er denn schon wieder eine rauchen? Ich muß gleich kotzen, die stinken ja wie Harri. „Rauchst du?“ fragte er und steckte eine Gitane zwischen die Lippen.
„Nee“, sagte ich und schüttelte voller Abscheu den Kopf.
„Elender Langweiler“, sagte er und wühlte in dem Zeugs auf der Ablage. Schließlich fand er ein weißes Feuerzeug und zündete seine Zigarette an.
„Rauchen ist gefährlich“, sagte ich und drehte demonstrativ das Fenster herunter.
„Natürlich ist es saugefährlich!“ schrie er. „Es ist der totale Wahnsinn! Aber es ist auch gefährlich, auf einem Moped durch die Gegend zu knattern und laute Rockmusik zu hören. Oder etwa nicht?! Verfluchte Hacke. Null Stil haben sie, die jungen Leute heutzutage. Ihr rennt rum und joggt euch den Arsch ab, ihr raucht nicht und trinkt nicht und vögelt nicht, und fluchen tut ihr wahrscheinlich auch nicht. Was macht ihr eigentlich?“
„Ich jogge nicht“, sagte ich achselzuckend.
„Gut!“ Er nickte energisch. „Sehr gut. Joggen kann man immer noch, wenn man alt ist.“
„Ich spiele Handball“, sagte ich trotzig.
„Handball?!“ er schaute mich kurz an. „Groß bist du ja. Was spielst du?“
„Rechts außen.“
„Aha. Tja, mit rechts außen oder irgendwelchen Toren ist es wohl nichts in der nächsten Zeit – mit dem Knie.“
„Genau!“ Ich versuchte, so viel Vorwurf, wie ich nur konnte, in die Stimme zu legen, aber er tat so, als merkte er nichts.
„Aber was soll’s – that’s life!“ Er blies eine Rauchwolke aus, holte tief Luft und sang mir knarzender Stimme: „Ridin’ high in april, shot down in may!“ Er brach plötzlich ab und schaute mich direkt an. „Du hast doch hoffentlich schon mal Sinatra gehört?“
„Bieg da vorne nach links ab“, sagte ich und starrte auf die Straße. „Dann ein Stück geradeaus. Warum mußt du denn zum Skiftesväg?“
„Weil ich jemanden kenne, der da wohnt.“
„Aha. Und?“
„Tja, das werden wir sehen. Sie ist nicht zu Hause, verstehst du?“
„Nee“, sagte ich verwirrt.
„Ja, zum Teufel auch!“ rief er aus und lachte.
„Was für ein Glück, daß du heute abend mit mir zusammengestoßen bist!“
„Zusammengestoßen? Du hast mich fast totgefahren!“
„Na, so schlimm war es auch wieder nicht. Ein Unglück passiert so leicht im Leben. Und wenn du nicht so schrillen Rock‘n Roll gehört hättest, dann hättest du Bogart kommen gehört.“
„Bogart?“
„Ja, er heißt so“, sagte er mit einem breiten Grinsen und gab dem Steuer mit übertriebener Zärtlichkeit einen Klaps. „Der gute alte Humpy Bogart...“
„Es war kein Rock’n Roll“, sagte ich verächtlich. „Es war John Vollem.“
„Nie gehört“, sagte er und schüttelte den Kopf. Er sah so schrecklich überlegen aus, daß ich Lust bekam, ihm die Zigarette in den Mund drücken.
„Wundert mich kein bißchen“, sagte ich sauer.
„Du solltest lieber Sinatra hören.“
„Und du mußt mir eine neues Moped kaufen.“
„Äh, das kriegen wir schon geregelt. Du bist doch hoffentlich versichert?“
„Na klar bin ich versichert.“
„Na also! Dann muß die Versicherung bezahlen! Geschieht ihnen recht! Die haben jede Menge Kohle, und die nehmen so ein Schweinegeld für ihre beschissenen Versicherungen, und dann versuchen sie immer zu kneifen, wenn etwas passiert. Lumpen und Betrüger, das ganze Pack! Das einzige, was sie sich versichern, ist, daß sie eine Menge Geld verdienen.“
„Ja, aber es war doch deine Schuld“, sagte ich und fragte mich, ob er wirklich so dumm war oder sich über mich lustig machte. „Was heißt denn Schuld??? Tja...“ Er zuckte mit den Schultern und drehte das Fenster herunter. „Deine Schuld, meine Schuld – wer weiß das schon?“ sagte er und schnippte die Kippe mit Daumen und Zeigefinger aus dem Fenster. „Vielleicht war ja auch der liebe Gott schuld oder das Straßenbauamt. Der totale Wahnsinn, da Einbahnstraßen –“
„Bieg da vorne nach rechts ab!“ unterbrach ich ihn.
„Yeah! Rait on, man!“
„Was für eine Hausnummer ist es denn?“ fragte ich und versuchte, ein bißchen erwachsen und reif zu sein, nachdem er es offensichtlich nicht war.
„Wie? Was für eine Hausnummer?“ fragte er verblüfft.
„Im Skiftesväg natürlich. Die Adresse. Nummer wieviel?“
„Ach so. Keine Ahnung. Aber es ist eine rotes Haus.“
Ich seufzte tief. Ein rotes Haus? dachte ich. Du liebe Zeit, der Skiftesväg ist eine lange gewundene Straße mit Bäumen und hunderten von Reihenhäusern, die alle gleich aussehen.
„Es gibt mindestens hundert rote Häuser im Skiftesväg“, sagte ich müde und legte mein linkes Bein zurecht. „Auf der einen Straßenseite sind alle Häuser rot, und sie sehen alle genau gleich aus.“
„Na so was?“ sagte er, und es klang erstaunt. „Das hat sie nicht gesagt. Sind es Reihenhäuser?“
„Doppelreihenhäuser.“
„Ist das ein Unterschied?“
„Natürlich“, sagte ich selbstsicher, aber ich merkte, daß ich überhaupt nicht wußte, welcher. Deshalb sagte ich schnell:
„Und der Skiftesväg ist sehr lang und windet sich kreuz und quer durch ganz Ella Park.“
„Ella was?“
„Ella Park.“
„Wer ist das denn?“
„Der Stadtteil heißt so.“
„Ach so. Ja, sie wohnt ganz am Anfang vom Skiftesväg... Es kommt natürlich darauf an, aus welcher Richtung man kommt, aber don’t worry, Junge. Ich bin sicher, daß sie aus dieser Richtung gemeint hat. Wir finden das schon, wirst gleich sehen“, sagte er unbekümmert.
„Und wie, wenn ich fragen darf? Wenn du nicht weißt, welche Hausnummer es ist? Willst du bei jedem Haus anhalten und das Namensschild auf dem Briefkasten lesen?“
„Mußt du immer versuchen, giftig zu sein? Laß es, du schaffst es doch nicht. Aber nur keine Angst, wir finden es schon. Sie ist nämlich nicht zu Hause, verstehst du.“
„Nee. Und?“
„Ich bin überzeugt, daß heute abend im Skiftesväg nicht sehr viele Leute nicht zu Hause sind“, sagte er und kratzte wieder seine Bartstoppeln.
3
Einbruch & Walroß
Unglaublich aber wahr: Schröder hatte tasächlich recht.
Als wir in den Skiftesväg einbogen, waren in jedem Haus, das wir bis zur Biegung sehen konnten, irgendwelche Fenster hell erleuchtet – in allen, außer einem. Und vor dem blieb das Bogartauto mit laut kreischenden Bremsen stehen.
„Verdammt, ich muß mal die Bremsen nachsehen“, sagte er lachend und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Er machte die Tür auf und wollte hinausklettern, hielt aber plötzlich inne und drehte sich um, als er merkte, daß ich mich nicht rührte. „Los, komm schon“, sagte er und schaute mich fragend an.
„Ich warte hier“, sagte ich und setzte mich mit übertriebenen Bewegungen zurecht.
„Quatsch. Ich brauche deine Hilfe. Wirklich.“
„Also, mein Knie –“ fing ich an.
„Nein, das macht mich aber sehr traurig“, seufzte er, und ich glaube, er meinte es wirklich ehrlich – oder er war ein guter Schauspieler. Er schob die Brille in die Stirn und schaute mich mit traurigen Hundeaugen an, die Schultern hingen herab, und es sah fast so aus, als würde seine Unterlippe zittern.
„Komm, stell dich nicht an“, sagte ich. „Los, geh. Ich warte hier.“
„A-a-ber... ich brauche deine Hilfe. I-i-ich schaff das nicht alleine, verstehst du, und ich hatte gedacht, daß wir... ja, daß du und ich, daß wir zusammenhalten –“
Gleich fängt er zu heulen an, dachte ich. „Also gut!“ stöhnte ich und stieß die Tür auf. Ich jammerte und verzerrte das Gesicht beim Rausklettern und dachte, er kann wenigstens ein schlechtes Gewissen bekommen oder wenigstens sagen, daß er dankbar ist, wenn ich mitkomme.
Nichts.
Er kümmerte sich überhaupt nicht um mich, schlug die Tür zu und stiefelte mit großen Schritten zum Briefkasten am Tor und beugte sich runter.
„Doch, stimmt.“ Er nickte zufrieden, nachdem er das kleine Namensschild gelesen hatte, zog seine Sonnenbrille wieder runter, und als ich schließlich zu ihm gehumpelt war, sagte er:
„Geh du klingeln.“
„Ich?! Aber – das kannst du doch...“
„Ich nehme an, auf der Rückseite gibt es so eine minimale Andeutung eines Gartens“, sagte er und zeigte mit einer ausholenden Geste auf die zwei Quadratmeter Rasen. Ich nickte.
„Kommt man da leicht rein?“ fragte er.
„Wie meinst du das?“
„Ich meine, gibt es elektrische Zäune, Schäferhunde mit gefletschten Lefzen und maschinengewehrbewaffnete Wachen?“ Ich schüttelte den Kopf und mußte lächeln. „Gut, dann geh ich hintenrum. See you, Junge!“
Ehe ich auch nur den Mund aufmachen konnte, war er mit langen, irgendwie hüpfenden Schritten davongelaufen und erstaunlich schnell beim letzten Haus der Reihe. Er winkte energisch mit beiden Armen und verschwand um die Ecke.
Ich schaute auf den Briefkasten und konnte in der schwachen Beleuchtung mühsam den Namen „Dahlén“ entziffern.
Die vier schwarzen Fenster des Hauses schauten mich anklagend an. Nicht einmal über dem Eingang brannte eine Lampe. Ich schauderte und spürte, wie mir langsam die Angst den Rükken hochkroch. Wieso war ich hier? dachte ich. Warum bin ich nicht zu Hause geblieben und habe mir die 58. Folge von „Kleinstadt“ angeschaut? Weil sie so unglaublich schlecht ist, antwortete ich, humpelte zur Eingangstür und klingelte. Von drinnen hörte man ein schwaches Surren, aber natürlich kam niemand. Ich klingelte noch einmal. Da glaubte ich auf einmal, zerplitterndes Glas zu hören, ich holte tief Luft und spürte, wie mein Herz wild um sich schlug.
Ich wollte gerade zum Auto zurückgehen, als drinnen eine Lampe anging. Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen.
Schröder starrte mich ganz wütend an.
„Schon wieder die Zeugen Johovas, laßt ihr einen denn überhaupt nie in Ruhe? Wir kaufen hier keinen Gott!“ sprudelte es aus ihm heraus, und gleichzeitig entstand auf seinen Lippen ein immer breiteres Grinsen.
Gar keine Frage, er war total durchgeknallt. Hatte er ein Fenster eingeschlagen? Die Terrassentür? Oder hatte er etwa die ganze Zeit einen Schlüssel?
„Aber komm doch rein“, sagte er und machte die Tür weit auf.
„Aber wie...“
„Wie ich reingekommen bin? Tja... Ich habe einfach die Scheibe der Terrassentür eingeschlagen. Ging ganz leicht. Das ist mein erster Einbruch. Sehr interessant. Obwohl, es zählt vielleicht nicht richtig, wenn man die kennt, die hier wohnt.“
„Sie ist also nicht zu Hause?“
„Nein, genau. Aber steh nicht da mit offenem Mund wie ein Erweckter. Komm rein!“
Ich kam in einen engen Flur mit weißen Wänden. Direkt hinter der Tür hingen Jacken und Mäntel an einer Garderobe, und auf dem Boden standen jede Menge hochhackige und flache Schuhe und ein paar Lederstiefel. An allen Wänden hingen eingerahmte Farbfotos, die sehr merkwürdig aussahen. Schröder bemerkte, daß ich sie anschaute.
„Schau dir mal das an!“ rief er und zeigte auf ein Foto hinter mir. „Echt starkes Bild.“
Der größte Teil des länglichen Fotos war schwarz. In der Mitte verlief ein verschwommenes Band gelber Striche mit ein wenig Rot und Grün quer drüber. Darunter war ein etwas hellerer, beinahe ovaler Fleck, und ganz oben im Schwarz leuchtete ein weißes Dreieck.
Es sah so aus, als ob der Fotograf die Kamera nicht hatte stillhalten können, alles war verschwommen und unscharf. Ich versuchte herauszubekommen, was es vorstellen sollte, aber das ging nicht.
„Komm rein“, sagte er eifrig, „hier herein, komm!“
Ich trat in ein Zimmer mit einer Polstergruppe und einem langen Holztisch an der einen Längswand. Die gegenüberliegende Wand war ganz von Regalen bedeckt. Außer Büchern und Videobändern standen in dem Regal eine Stereoanlage, ein Videorecorder und ein Fernseher. Ganz am Ende des Zimmers führte eine Terrassentür ins Oktoberdunkel hinaus. Sie war angelehnt. Und wirklich, die Scheibe war in der Höhe der Klinke eingeschlagen, auf dem Parkettboden lagen Glassplitter.
„Bist du schon mal hier gewesen?“ flüsterte ich.“
„Nee, never“, sagte er und schüttelte den Kopf. Er ging zum Bücherregal und las die Buchrücken. „Sie wohnt noch nicht sehr lange hier. Sie hat in der Stadt noch eine kleine Einzimmerwohnung, wo sie mindestens schon seit zehn Jahren wohnt, aber dann mußte irgendein Onkel oder eine Tante auschecken, und sie hat die Hütte geerbt.“
„Aber wer“, fing ich an.
„Siehst du, wie ordentlich es hier ist?“ unterbrach er mich.
„Wo?“
„Na im Bücherregal. Abgestaubt und aufgeräumt. Jedes Buch steht an seinem Platz, sogar alphabetisch.“
„Ähm... ja.“
„Sieht verflucht noch mal aus wie im IKEA-Katalog.“
„Sieht aus wie das Bücherregal bei uns zu Hause.
„Nein!“ Er schaute mich besorgt an, als ob ich ihm leid täte.
„Aber schau dir doch mal den Tisch an!“ Er drehte sich um und zeigte mit der Hand drauf.
Es war ein völlig normaler Sofatisch. Er war sauber und ordentlich, die gemaserte Holzoberfläche war abgewischt. Am einen Ende lagen vier Stapel mit dicken Zeitschriften, die Vogue, Photo und Zoom hießen, daneben stand ein leerer schwarzer Aschenbecher und ein Tischfeuerzeug aus Silber.
„Ich versteh dich nicht.“
„Aber schau dir doch nur mal die Zeitschriften an. Jemand muß die mit dem Lineal hingelegt haben. Und der Aschenbecher glänzt ja richtig! Also, du hättest mal sehen sollen, wie es in der Stadt bei ihr ausgesehen hat. Das reine Inferno!“
„Das reine was?“
Er schob die Brille hoch, drehte sich um und schaute mich an.
„Ja, das ist doch meine Rede: Was zum Teufel macht ihr heutzutage bloß den lieben langen Tag in der Schule?“
Ich setzte mich achselzuckend aufs Sofa, um mein linkes Bein auszuruhen. Ich mied seinen Blick und massierte mein verletztes Knie.
„Inferno habe ich gesagt“, sagte er. „Oder anders ausgedrückt: Es sah bei ihr zu Hause immer aus wie Sau. Verstehst du mich vielleicht dann?“ Er schüttelte den Kopf und ließ seinen Blick über das ordentliche Zimmer schweifen. „Verdammt noch mal, allmählich wird das ganze schwedische Volk ein einziger Haufen ungebildeter Dummköpfe“, brummte er leise und ließ die Schultern hängen. Dann las er weiter die Namen und Titel auf den Buchrücken.
„Ich habe dich nur nicht richtig gehört“, sagte ich störrisch.
„Schon gut“, sagte er und schwang seinen einen Arm. „Aber wie auch immer, das war ihr Stil, verstehst du? Unordnung und Chaos. Schiefe Bücherstapel, Zeitungsberge, überall Stoffballen, Mappen und –“
„Stoffballen?“
„Mhm, sie näht auch manchmal. Nähmaschine auf dem Boden, Schreibmaschine auf dem Fernseher, alte Weinkisten mit Manuskripten unter den Tischen und Kram kreuz und quer auf allen Stühlen und so.“
Ich schaute mich vorsichtig um und mußte ihm zustimmen, daß es absolut nicht so aussah. Im Gegenteil. Dieses Zimmer sah eigentlich ganz normal aus – wie Wohnzimmer bei Leuten eben aussehen.
„Sie ist vielleicht genau wie mein Vater“, schlug ich vor.
„Und wie ist der?“
„Also, sein Schreibtisch im Büro und auch zu Hause ist immer total unaufgeräumt, aber er legt größten Wert darauf, daß es sonst zu Hause ordentlich und sauber ist.“
Schröder schüttelte langsam den Kopf, machte einen Schritt und las die Rücken der Videokassetten. „Nein, irgend etwas stimmt hier nicht“, murmelte er, seine Hand verschwand in der Manteltasche und tauchte mit dem Zigarettenpäckchen wieder auf.
„Mußt du schon wieder rauchen?“ fragte ich ärgerlich. „Es stinkt so.“
„Stinkt?!“ keuchte er und wollte offenbar seinen Ohren nicht trauen. Er drehte sich um, schaute erst mich und dann das Päckchen in seiner Hand an. Er steckte es wieder ein. „Nein, verstehst du“, sagte er dann nachdenklich und kratzte sich die Bartstoppeln, „jemand hat hier aufgeräumt, und ganz bestimmt nicht sie.“ Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.
„Ähm, vielleicht ihre Mutter?“ schlug ich vor.
„Sie ist tot. Nein, ich bin ganz sicher, irgend etwas ist hier faul.“
„Faul?“
„Mhmm... Sie ist nämlich verschwunden. So ist es: Sie ist seit drei Wochen spurlos verschwunden.“
„Sie ist vielleicht in Ferien gefahren.“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, dazu hat sie weder Zeit noch Geld. Und wir hatten ausgemacht, daß ich sie anrufe und wir dann hier zusammen essen. Und das war vor drei Wochen. Und obwohl sie ansonsten Chaos um sich verbreitet, was Termine betrifft, da ist sie sehr genau. Beinahe pedantisch. Wenn sie sich verspätet, ruft sie sofort an, auch wenn es nur eine Viertelstunde ist. Und... Tja.“ Er breitete die Arme aus.
„Du?!“ sagte ich ernst. Ich spürte, daß mir das alles zuviel wurde.
„Mhm?Was?“
„Ich möchte jetzt wirklich nach Hause fahren. Mir gefällt das hier nicht.“
„Mir auch nicht. Es sieht aus, als ob jemand das ganze Bücherregal durchforstet hätte, das ganze Zimmer.“
„Wovon redest du eigentlich?“
„Sie haben irgend etwas gesucht, ganz einfach.“
Jetzt reicht es, dachte ich. „Sie ist vielleicht krank?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich habe es überprüft. Ich habe jedes Krankenhaus in der weiteren Umgebung angerufen und mit Unmengen von bescheuerten Krankenschwestern und Ärzten gequatscht. Also, werd bloß nicht krank, Junge, das rate ich dir wirklich – werd nicht krank. Die schwedische Ärzteschaft ist ein übles Pack, alles Stümper, die dich nur mit Chemie vollstopfen wollen und –“ Er unterbrach sich plötzlich und schaute mich mit einem erstaunten, fast blöden Gesichtsausdruck an, als ob er kaum noch wüßte, wer ich bin.
„Und was ist mit ihren Freunden?“ fragte ich.
„Ihren Freunden? Ach so, ihren Freunden. Mhm, sie hat keine.“
„Sie hat keine Freunde?“
„Nein, keinen einzigen.“
„Wie schrecklich“, sagte ich mitleidig.
„Nein, überhaupt nicht. Sie will es nicht anders. Und ich habe alle angerufen, die sie kennt, und die sagen genau das gleiche.“
„Was?“
„Daß das alles sehr merkwürdig ist. Und daß sie – verdammt!“ rief er, lief zum Bücherregal, legte den Kopf schräg und las den Text auf dem Rücken einer Videokassette mit Hilfe des Zeigefingers. „Sie hat ihn!“ murmelte er. „So was aber auch. Den muß ich mir ausleihen...“
Da hörte ich deutlich, wie der Boden im ersten Stock knarrte.
Schröder hörte nichts.
„Du?“ flüsterte ich, meine Stimme zitterte.
„Mhm, was ist?“
„Hast du es nicht gehört?“
„Was gehört?“
„Da oben?“ Ich machte eine Geste zur Decke.
„Was da oben?“
„D-d-da hat hat der Boden geknarrt.“
„Da oben?“
Er zuckte zusammen und erschreckte mich zu Tode. Er drehte sich auf dem Absatz, sein Trenchcoat flatterte wie ein weiter Rock um ihn, als er aus dem Zimmer lief. Ich hörte, wie er mit polternden Schritten die Treppe hochspurtete.
Ich wußte nicht, was ich machen sollte. Mein Gehirn war ein einziges Knäuel von verwirrten Gedanken und Fragezeichen. Mein Herz schlug ein wahnsinniges Drum-Solo, und meine Handflächen wurden ganz feucht.
Ich versuchte, mich zu beruhigen, und dachte mir, noch schlimmer kann man sich gar nicht erschrecken.
Konnte man sehr wohl.
In einem der Nachbarhäuser bellte ein Hund, und mein Herz machte noch einen Satz.
Genau als das Hundegebell aufhörte und ich vor Erleichterung seufzte, hörte ich einen schweren, dumpfen Schlag vor der Terrassentür. Als ich hinschaute, sah ich eine schwarzgekleidete, große Person, die gerade aufstand – und offenbar aus einem Fenster im ersten Stock gesprungen war.
Schröder?! dachte ich erschrocken, aber der Gedanke beruhigte mich auch. Aber wo war sein Mantel? dachte ich. Und warum hat er sich einen Schnurrbart angeklebt? dachte ich dann.
Es war nicht Schröder. Ganz einfach, auch wenn mein Gehirn und mein armes Herz es gar nicht einfach fanden.
Der Schnurrbart hatte sich umgedreht und starrte direkt ins Zimmer. Er stand einfach da und glotzte mich an. Er hatte wohl eine schwarze Strickmütze auf. Sein Gesicht war blaß, fast weiß, es leuchtete richtig scharf, ansonsten wurde er vom Dunkel verschluckt. Es war ein großer Schnurrbart. So ein riesengroßer, Modell Walroß.
Ich war einer Ohnmacht nahe.
Ich stand auf, um seinem starrenden Blick zu entgehen, aber ein Stich fuhr mir ins Knie, das Bein knickte ab, ich stürzte über den Tisch und riß die ganzen Zeitungen mit. Ich stand auf und schaute über die Tischkante zur Terrassentür.
Er stand immer noch da. Und er starrte mich immer noch an.
Ei-einbildung, dachte ich stotternd, es kann nur Einbildung sein.
Ich war zu Tode erschrocken. Richtig zu Tode erschrocken, zum ersten Mal im Leben. Ich versuchte, etwas zu denken, aber es ging nicht. Ich konnte auch nicht mehr richtig sehen, alles verschwamm mir vor den Augen. Ich stolperte zur Eingangstür und versuchte mit zitternden Händen, das Schloß aufzukriegen. Da legte sich eine große, schwere Hand auf meine Schulter.
„Und wohin zum Teufel willst du?!“
4
Ein dreieckiger Mond?
Zum ersten Mal an diesem unglückseligen, schrecklichen Abend freute ich mich wirklich, Raymond Schröders Stimme zu hören.
Ich fuhr herum.
„D-d-da... d-d-da draußen... ist wer...“
Ich schluckte, stotterte und zeigte mit einem steif ausgestreckten Arm ins Wohnzimmer.
„Wo?“ fragte Schröder ruhig und drehte sich um.
Das war eine gute Frage. Denn es stand natürlich überhaupt kein Mann mit Walroßschnurrbart, leichenblassem Gesicht und schwarzer Strickmütze vor der Terrassentür. Nur undurchdringliches Dunkel, und als ich meine Augen wieder umstellte, sah ich statt dessen Schröder und mich draußen im Flur stehen, und ich zeigte auf unser Spiegelbild.
„Er ist abgehauen“, seufzte ich und ließ meinen Arm sinken.
„Wer? Was faselt du denn?“
„Er ist runtergesprungen.“
„Runtergesprungen?“
„Ja, er muß aus dem ersten Stock gesprungen sein, während du da oben warst. Ich hab seine Schritte gehört, als der Boden knarrte. Er hatte einen großen Schnurrbart und –“
„Kevin? Beruhige dich. Da oben war überhaupt niemand. Alle Fenster waren von innen zugemacht, und ich habe nichts gehört oder gesehen.“
„Ein Hund hat gebellt“, sagte ich lahm.
„Doch, ja, den habe ich gehört.“ Schröder nickte. „Ein kleiner lausiger Dackel, glaube ich. Aber der ist doch wohl nicht runtergesprungen?“
„Nein, aber er hat gebellt, als der Schnurrbartkerl runtergesprungen ist.
„Kevin, komm jetzt“, sagte er bestimmt, lotste mich ins Wohnzimmer und zwang mich auf das Sofa. Er ging in die Knie und hob die Zeitungen auf.
„Das war bestimmt reine Einbildung“, sagte er. „Und vielleicht ist es auch meine Schuld, ich habe dich ein bißchen erschreckt, und da kann man sich alles mögliche in der Dunkelheit einbilden. Zum Beispiel schnurrbartgezierte Dackel, die vom Dach springen... Tja, gar nicht so merkwürdig, ich meine, denk doch bloß mal an Chagall und –“
„Es war keine Einbildung“, sagte ich zwischen den Zähnen heraus.
Ich zitterte noch am ganzen Körper. Ich wischte mir die Stirn ab, meine Hand wurde ganz naß.
Schröder unterbrach das Zeitungsaufräumen und schaute mich lange und durchdringend an. Ich rutschte in meine Sofaecke und legte das Bein auf den Sitz.
„O.k.“ sagte er dann. „Dann war es eben so.“
„Was?“
„Daß du jemanden gesehen hast, der vor der Terrassentür runtergesprungen war. Aber dann muß er vom Dach gesprungen sein, denn er war nicht da oben, das schwöre ich.“
„Was weiß denn ich!“
„Nee, nee. Beruhige dich doch, Kevin. Cool it, man.“
Er legte die letzte Zeitung auf den Tisch, ging um das Sofa und setzte sich mit einem tiefen Seufzer in die andere Sofaecke. Er starrte auf das Bücherregal – glaube ich zumindest, denn wegen der Sonnenbrille war es nicht möglich zu sehen, wohin er eigentlich schaute. „Tja, vielleicht hast du recht.“ Er schob ein paarmal die Sonnenbrille hin und her und entschied sich dann, sie in den Locken steckenzulassen. „Ja, verdammt, vielleicht hast du ja recht. Eins ist sicher – es ist jemand hier gewesen, und vielleicht war dein Schnurrbartkerl einer von denen, die hier aufgeräumt haben.“
„Was?“
„Hast du noch nie Krimis oder Agentenfilme gesehen?“
„Was?“
„Im Fernsehen? Oder Kino? Du weißt schon, wenn sie was suchen und Wohnungen durchwühlen und –“
„Aber dann sieht es ja meistens zum Fürchten aus“, unterbrach ich ihn.
„Ja, sicher, aber dieses Mal haben sie halt aufgeräumt, verstehst du? Die haben sich gedacht, niemand soll merken, daß sie hier waren und rumgeschnüffelt haben. Sie haben methodisch jedes einzelne Buch durchgesehen und jede Kassette und alles und die Sachen wieder ordentlich hingestellt. Aber eben zu ordentlich, verstehst du?“
„Klingt sehr unwahrscheinlich“, sagte ich und merkte, daß ich unglaublich müde war.
„Natürlich klingt das unwahrscheinlich. Und ich würde so was auch nicht glauben, wenn sie einfach nur seit drei Wochen weg wäre.“
„Aber das hast du doch vorhin gesagt.“
„Ja, an und für sich schon. Aber beim letzten Mal, als ich mit ihr geredet habe, hat sie mir etwas erzählt, und eben genau das, was sie da gesagt hat, beunruhigt mich. Und deswegen glaube ich, daß jemand da war und herumgeschnüffelt hat. Als sie es mir erzählte, habe ich nicht weiter darüber nachgedacht, eigentlich überhaupt nicht, aber das hätte ich vielleicht tun sollen und –“
„Was hat sie denn gesagt?“
„Was?!“ Er schaute mich an, als ob er von weit her käme. „Ähm, tja, ich weiß nicht so recht. Komm jetzt!“ Er stand plötzlich auf und ging in den Flur.
„Aber du kannst doch die Terrassentür nicht einfach so lassen“, sagte ich. „Da kann ja rein, wer will!“
Er blieb stehen und wandte sich um. „Ja... da hast du vielleicht recht!“
Er lief aus dem Zimmer. Ich hörte, wie er in der Küche Licht machte. Es klang so, als ob er Schranktüren und Schubladen aufmachen würde.
Als er zurückkam, hatte er ein Schneidebrett unter dem Arm und eine Rolle Verpackungsband in der Hand. Er klebte das Brett mit dem Klebeband über dem Loch fest. Er verbrauchte die ganze Rolle, trat dann einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.
„Hervorragend“, murmelte er, „ganz hervorragend.“
Es sah natürlich total bescheuert aus.
„O.k., mein Junge, jetzt fahre ich dich nach Hause!“
Ich stand mit einem Seufzer der Erleichterung auf und humpelte los.
„Wie geht es deinem Knie?“ fragte er, es klang ungewöhnlich fürsorglich. Zum ersten Mal, seit er mich umgefahren hatte.
„Na ja, es geht“, sagte ich. „Es tut natürlich weh, aber ich werd’s überleben.“
„Ja, vielleicht überlebst du’s wirklich“, sagte er grinsend.
„Wenn du dir nicht den Meniskus gerissen hast“, fügte er hinzu und lachte gemein.
Draußen im Flur blieb er stehen und schaute wieder dieses Foto an.
„Echt starkes Bild.“
„Aber was stellt es denn dar?“
„Siehst du das nicht? Das ist das Meer, und da oben ist der Nachthimmel, und die gelben, roten und grünen Lichter sind Häuser und Neonreklamen an der Küste. Es ist von einem Hotelzimmer in Marienlyst, gleich hinter Helsingör, aufgenommen. Das ist also Helsingborg“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf die bunten Punkte.
„Aber es ist doch ganz verschwommen.“
„Verschwommen? Siehst du denn nicht, wie toll es ist? Das soll so sein. Siehst du das nicht? Welche Tiefe, welche Prägnanz!“
„Ähm, tja...“
„Es wäre ein geradezu genialer Umschlag für Celines Reise ans Ende der Nacht.“
„Was?“
„Das ist ein Buch. Ein gutes Buch. Du mußt es mal lesen. Obwohl... übrigens, warte lieber noch ein paar Jahre... Verdammt merkwürdiger Schriftsteller, dieser Celine. Ferdinand Celine. Aber gut.“
„Auf der Handtasche meiner Mutter steht Celine“, sagte ich und kam mir unglaublich dumm und bescheuert vor, ich stand da und glotzte die verschwommenen gelben, grünen und roten Striche an.
„Na, das ist wohl kaum der gleiche. Aber vielleicht ist es ein Verwandter, man kann ja nie wissen. Der Handtaschenmacher geworden ist. Tja, es geht abwärts mit den Familien.“
„Und was ist denn das da?“ fragte ich und zeigte auf den fast dreieckigen Fleck oben auf dem Foto.
„Das ist doch klar, der Mond!“
„Aber er ist ja dreieckig!“
„Hast du noch nie einen dreieckigen Mond gesehen?“
„Nee“, sagte ich bestimmt.
„Ich auch nicht“, sagte er kichernd. „Aber komm jetzt, mein Junge!“
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