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Bernhard Wucherer
Goldmadonna
Kriminalroman

Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniel Abt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Christian Müller / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6748-6
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»Weiß Gott, sie war eine schöne Frau!«
Die alte Dame nickte nur stumm. Dann bestätigte sie das, was sie soeben gehört hatte, und fügte hinzu: »Ja … wunderschön!«
Weil der Regen wie entfesselt auf die schützenden Schirme klatschte, die sich deswegen dicht an dicht drückten, machte sie sich erst gar nicht die Mühe nachzusehen, wer ihr diese wichtige Information über das Aussehen der Verblichenen hatte zukommen lassen. Erstens kannte sie die offensichtlich viel zu früh Verstorbene nicht und zweitens wollte sie nicht Gefahr laufen, die hervorragende Position ihres Schirmes zu gefährden. Denn es hatte sie nicht nur ein scheinheiliges Dauerlächeln, sondern auch große Anstrengung gekostet, ihn unauffällig in geschlossenem Zustand zwischen den anderen Schirmen hindurchzuschieben und ihn dann zu öffnen.
Dies war ihr nur gelungen, weil sie es über mehrere Jahrzehnte hinweg wohl an die hundert Mal geübt hatte. Sie war inzwischen eine wahre Meisterin, was Beerdigungen anging. Deswegen hatte es auch dieses Mal auf dem Friedhof im niederländischen Grenzort Vaals geklappt, ohne dass allgemeines Gezeter ausbrach.
Die alte Dame drückte ihre Augen unter dem gehäkelten Schleier vor dem Gesicht zusammen und nickte unmerklich lächelnd vor sich hin. Mit dem bisherigen Verlauf dieser Beerdigung war sie rundum zufrieden. Wenn dies hier alles vorüber war und sich die ineinander verhakten Schirme über ihrem eigenen Regenschutz voneinander gelöst hatten, würde sie den Ehemann der Verstorbenen ansprechen und ihm nach allen Regeln der Kunst kondolieren. Dass dies der große Mann mit den langen blonden Haaren war, der ihr auf der anderen Seite des Grabes gegenüberstand, hatte sie bereits recherchiert, als sich die engsten Verwandten in der Aussegnungshalle zusammengefunden hatten.
Ach, wie sie diese kleinen Unterredungen auf dem Friedhof liebte, die schon oft dazu geführt hatten, dass sie zum Leichenschmaus oder wenigstens zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden war. Für sie gab es nichts Verbindenderes als den gemeinsamen Schmerz um Verstorbene. Da war es egal, ob sie diese gekannt hatte oder nicht. Und auch wenn bei Regenwetter getrauert wurde, war sie überglücklich.
Jetzt aber musste sich die Dame erst einmal auf das Hier und Jetzt konzentrieren, denn gleich würde der Herr Pastor Erde auf den Sarg werfen. Das Geräusch, das die Dreckklumpen verursachten, wenn sie auf das hohl klingende Sargholz knallten, liebte sie fast mehr, als sich eine Einladung zum Leichenschmaus zu erschleichen.
Doch dieses Mal sollte es ihr nicht gegönnt sein, sich auf das sehnlichst erwartete Geräusch zu konzentrieren, denn eine extrem raue Männerstimme riss sie aus ihren Gedanken: »Wie eine Madonna … Sie sah aus wie eine ›Schwarze Madonna‹!«
Die alte Dame stutzte und war drauf und dran, ihren Kopf mitsamt dem Gesichtsschleier zu heben. Das hatte nicht wie eine der üblichen Beerdigungsphrasen geklungen, wie sie begeisterte »Friedhofsgänger« auswendig konnten. Sie kannte den Unterschied. Immerhin ging sie seit ihrem Eintritt in die Frühpension jahrein, jahraus auf jede katholische oder evangelische Beerdigung im Umkreis von 20 Kilometern, falls es von Aachen aus eine Buslinie gab, die in die Nähe des jeweiligen Friedhofes führte. Und weil dieses zwar irgendwie merkwürdige, ja fast schon hämisch klingende »wie eine ›Schwarze Madonna‹« von einem Mann gekommen war, der offensichtlich nicht zur Verwandtschaft gehörte – er stand hier und nicht auf der anderen Seite des Aushubes –, war sie neugieriger geworden, als sie es ohnehin schon gewesen war. Der Ehemann der Frau, die soeben unter die Erde gebracht wurde, stand ihr ja direkt gegenüber. Oder hatte sie sich getäuscht und möglicherweise sogar schlampig recherchiert? Falls dem so wäre, würde sie es der Tatsache zuschreiben, dass der Bus erst angekommen war, als die Zeremonie in der Aussegnungshalle bereits begonnen hatte.
Schwarz, durchfuhr es sie wie einer der Blitze, die diese Beerdigung zu etwas ganz Besonderem für sie machten. Obwohl sie wegen der Schirme keinen einzigen sehen konnte, verliehen die grollenden Donnerschläge der Zeremonie eine außergewöhnliche Atmosphäre. Deswegen habe ich bei den Hinterbliebenen vorhin so viele asiatische Menschen mit dunkler Haut gesehen – ich hatte mich schon darüber gewundert. Die Verblichene war also eine Asiatin und hatte dunkle Haut …
Sie überlegte, was zu tun war. Auf alle Fälle musste sie ihre Contenance bewahren. Schließlich war sie trotz dieses Fauxpas Beerdigungsprofi und hatte bei solch willkommenen Anlässen schon ziemlich alles erlebt, was die Abgründe der menschlichen Seele und das Verhalten von Hinterbliebenen herzugeben vermochten. Sie wurde unruhig. »Verdammt!«, entfuhr es ihr so laut, dass es sogar der Herr Pastor hörte. So viel zur Contenance.
»Anindas Tod ist kein schmerzlicher Verlust und ihr Mann kann sich nun eine ehrenwerte Frau suchen«, flüsterte ihr die Dame zu, die schräg hinter ihr stand. Offenkundig war sie mit den Verhältnissen innerhalb der Familie vertraut. Hochinteressant! Eine Nachbarin vielleicht? Eine enge Verwandte war sie jedenfalls nicht, denn die standen ja alle um den Witwer herum. Aber das war im Moment nicht so wichtig, sie hatte zwei interessante Informationen erhalten, die ihren Zugang zum Leichenschmaus in greifbare Nähe gerückt hatten. Aninda war wohl ein Luder, zumindest aber keine gute Ehefrau gewesen, reimte sie sich hastig zusammen. Wenn sie noch den Namen des Ehemannes erfuhr, wäre das Festmahl gesichert. In gewohnt hinterhältiger Art fragte sie: »Äh … wie heißt er doch gleich wieder mit Vornamen?«
»Wer?«
»Anindas Mann.«
»Louis … Louis van Basten! Ein waschechter Vaalser und dazu ein gottesfürchtiger Mensch! Den kenne ich schon seit seiner Kindheit!«
Die durchtriebene Friedhoftouristin triumphierte innerlich, konnte ihre neuen Erkenntnisse aber nicht weiterverarbeiten, weil ausgerechnet in diesem Augenblick der Witwer ein Zitat aus dem Lukasevangelium loswerden musste. Bevor sich die Trauergäste – falls sie van Bastens Worte wegen des klatschenden Regens überhaupt verstanden hatten – darüber Gedanken machen konnten, knallte auch schon die Erde auf den Sarg, deren Geräusch die Dame so liebte.
Nun war alles wieder in bester Ordnung. Die strafenden Blicke der Trauergemeinde wegen ihres Fluches waren inzwischen an ihr abgeprallt wie der Regen, der die anderen Beerdigungsteilnehmer durchnässte. Dennoch war sie nicht ganz zufrieden. Sie überlegte, wie sie sich dem Mann gegenüber verhalten sollte, der von der »Schwarzen Madonna« gesprochen hatte und von dem sie nur die an den Knien zerrissenen Hosenbeine und die auffällig großen und beinahe leuchtenden Schlangenlederstiefel sah. Als sie sich dazu entschlossen hatte, die hart erkämpfte Position ihres Schirmes vorzeitig aufzugeben, um dem Unbekannten neben ihr ins Gesicht zu schauen, war es zu spät. Sie sah gerade noch, wie der Mann sich zwischen den anderen Beerdigungsbesuchern hindurchquetschte und verschwand. Dabei fielen ihr noch die weißen Streifen an seiner Jeans und ein rotes Emblem an der rechten Gesäßtasche auf. Zu ihrem Entsetzen zeigte es einen aufgerissenen Mund mit herausgestreckter Zunge. Und sein Ausspruch mit der »Schwarzen Madonna« blieb ihr im Ohr. Seine raue Stimme würde sie jederzeit wiedererkennen wie seine auffälligen Cowboystiefel.
Kapitel 1
Limburger nieuws vom 19. Oktober 2021 – Polizeibericht:
Vaals. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde vor dem Restaurant »De Zwarte Madonna« auf dem Eschberg in Vaals eine Madonnenfigur entwendet. Dabei sind der oder die Täter mit großer Raffinesse vorgegangen. Anstatt die schwere Figur gewaltsam aus ihrer Bodenverankerung zu reißen, haben sie mühsam und zweitaufwendig das Sockelfundament ausgegraben und anschließend die Befestigungsschrauben gelöst. Das von einem belgischen Künstler erstellte, aus Blaustein gehauene, modern gestaltete Standbild ist 1,78 Meter hoch und weist erhebliche Zeichen der Verwitterung auf. Dass der oder die Täter nicht in das Restaurant oder in das gegenüberliegende Museum eingebrochen sind, wo über 200 Heiligenstatuen und andere religiöse Kunstgegenstände eine leichtere Beute gewesen wären, könnte ebenso darauf hinweisen, dass es sich nicht um Profis handelt, wie die Tatsache, dass sie eine relativ wertlose Staue gestohlen haben, verglichen mit den anderen Madonnenfiguren im Park, der zum Restaurant gehört. Möglicherweise sind der oder die Sakralschänder unter der Bevölkerung von Vaals und Umgebung zu suchen.
Sachdienliche Hinweise an die Politie Limburg Zuid …
»Oha!«, entfuhr es dem belgischen Kriminalhauptkommissar Frederic Le Maire, als er diese Zeilen las. Er saß gerade vor dem Café »d’r Koffereck« in Vaals und blätterte in der hiesigen Tageszeitung. Obwohl es herbstlich kühl war, hatte er es vorgezogen, draußen auf seine Lebenspartnerin Angelika zu warten, anstatt es sich in der warmen Gaststube des beliebten Lokals gemütlich zu machen.
Es war Dienstag, also Markttag. Und weil der weit über die Landesgrenzen hinweg bekannte Wochenmarkt auf dem nahe gelegenen Koningin Julianaplein beim Rathaus abgehalten wurde, musste er nicht allein der Frische des herbstlichen Vormittags trotzen. Denn während die Frauen eifrig das knackige Obst und Gemüse oder das frische Fleisch und das umfangreiche Fischangebot an den Marktständen prüften, um es nach Beendigung der Corona-Pandemie endlich wieder tütenweise davonschleppen zu können, gönnten sich einige ihrer Männer im »Koffereck« schon mal das erste Bierchen des Tages und andere – wie Le Maire vor dem Café – zusätzlich ein Zigarettchen.
»Fehlt nur ein Schild: ›Wir müssen draußen bleiben‹«, lästerte Peter Schreckmann, einer der Kettenraucher und dienstäglicher Stammgast im »Koffereck«. Wie viele andere kam er mit seiner Frau Lorette jede Woche aus dem wenige Autominuten entfernten ostbelgischen Grenzort Kelmis hierher, um es sich gut gehen zu lassen, während seine ständig vor sich hin schnatternde Gattin saisonale Köstlichkeiten besorgte.
Die anderen Raucher lachten über Schreckmanns mehr als abgedroschenen Witz und Frederic blätterte unbeeindruckt weiter in der Zeitung. Gerade hatte er den Polizeibericht über den Madonnendiebstahl fertig gelesen, als ihm Angelika zurief, er solle ihr beim Tragen der vielen Tüten ins gegenüberliegende Parkhaus helfen.
Weil Angelika eine extrem gut aussehende Frau mit einer Wahnsinnsfigur war, schaute nicht nur ihr Partner auf. Während Frederic Sekunden später über die Straße schlurfte, um ihr zu helfen, genoss er die bewundernden Blicke der anderen in seinem Rücken. Dabei hörte der Mordermittler, wie einer der Männer bemerkte: »Die gehört zu ihm? Unglaublich!«
Wenn man einen Menschen nur auf das Äußere reduzierte, mochte der Mann nicht einmal ganz falschliegen. Denn im Gegensatz zu seiner Angelika war Frederic optisch nicht gerade der Burner. Weil zu den größten Lastern des nur 1,65 Meter großen Mannes neben Selbstgedrehten auch original belgische Fritten und belgisches Bier gehörten, hatte er es im Laufe der Jahre zu einer bemerkenswerten Körperfülle gebracht. Und weil er zudem stets unrasiert war und im Gegensatz zu Angelika keinen allzu großen Wert auf ordentliche, geschweige denn auf modische Kleidung legte, mochten die beiden rein äußerlich überhaupt nicht zusammenpassen. Dennoch liebten sie sich und harmonierten in jeder Hinsicht bestens miteinander – es sei denn, Angelika mäkelte an seiner Kleidung herum und versuchte, ihm Designerklamotten aufzuschwatzen oder ihn in einen dieser schicken »Fresstempel« zu schleppen, die es im Dreiländereck zuhauf gab. Zu Frederics Leidwesen ging meist beides miteinander einher.
Ließ man dies beiseite, konnte man getrost sagen, dass die beiden auch über das Private hinaus ein nahezu perfektes Team waren. Deswegen hatten sie auch eine verzwickte Mordserie der niederländischen »Frittenmafia« gemeinsam lösen und »so ganz nebenbei« auch einen europaweit agierenden Menschenhändlerring ausheben können.
»Zwei Fliegen mit einer Klappe … Das machen wir zwei ab jetzt immer so!«, hatte Frederic Le Maire seinerzeit nach einer Belobigung im Brüsseler Rathaus zu der Aachener Rechtsmedizinerin gesagt.
Damals war er der leitende Kriminalhauptkommissar der Mordkommission Lüttich gewesen. Bei seinem nächsten Fall, bei dem es um raffinierte »Glühweinmorde im Hexenhof« gegangen war, die auf dem Aachener Weihnachtsmarkt ihren Anfang genommen hatten, hatte sich das geändert. Wegen seiner Liebe zu Angelika war er von seiner zentral gelegenen Lütticher Wohnung in der Rue de la Violette an den Ronheider Berg in Aachen gezogen. Seither war er der Leiter der Eupener Kriminalpolizei. Dort war alles etwas gemütlicher als in Lüttich und er hatte es in der »Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens« weniger mit Morden als mit mehr oder minder interessanten Delikten aller Art zu tun. Weil ihn dies bei Weitem nicht ausfüllte, dachte er sogar ernsthaft daran, sich ganz woandershin versetzen zu lassen. Und Le Maire wäre nicht Le Maire, wenn er nicht schon eine Idee im Kopf hätte.
Obwohl Lüttich von Aachen gute 50 Kilometer entfernt lag und eigentlich nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich fiel, durfte er – wie es in einem gesonderten Schreiben hieß, das er vom Polizeipräsidenten aus Brüssel erhalten hatte – »bei zwingender Notwendigkeit« offiziell mit dem Segen von oben über die belgischen Grenzen hinweg auch in Nordrhein-Westfalen und – wenn es unumgänglich war – auch in anderen Teilen Deutschlands sowie in den Niederlanden und sogar in Luxemburg ermitteln. Allerdings musste er in diesem Fall mit den jeweils vor Ort zuständigen Behörden eng zusammenarbeiten und die dortigen Leitstellen informieren. Weil Le Maire ein absonderlicher Einzelgänger war, der sich am ehesten mit seinen eigenen Leuten, vor allen Dingen aber mit der Aachener Rechtsmedizinerin kompatibel zeigte, mochte ihm dieser Zusatz überhaupt nicht gefallen.
Den Grundstein für diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit hatte Le Maire selbst gelegt. Denn nachdem er und sein Team ihren ersten internationalen »Doppelfall« gemeinsam mit ihren deutschen, niederländischen und englischen Kolleginnen und Kollegen spektakulär gelöst hatten, waren die Polizeichefs der Beneluxländer und Nordrhein-Westfalens zusammengekommen und hatten ein Dekret zur Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg unterzeichnet. Nach dem letzten medienwirksamen Erfolg wollte keiner der Polizeichefs riskieren, bei weiteren spektakulären Siegen über das internationale Verbrechen durch Frederic Le Maire nicht mit von der Partie zu sein.
Letztlich aber war dies dem eigenwilligen Ermittler egal; er tat sowieso, was er für richtig hielt, ob dies auswärtigen Kollegen passte oder nicht. Sein eigenbrötlerisches Verhalten konnte er sich nur erlauben, weil seine Erfolgsquote bisher unschlagbar gewesen war und weil er stets mit der toughen Aachener Rechtsmedizinerin zusammengearbeitet hatte.
*
»Nein, nein!«, wehrte Angelika ab, als Frederic Anstalten machte, sich wieder auf seinen Terrassenplatz vor dem »Koffereck« zu setzen, um eine seiner geliebten Selbstgedrehten zu rauchen. »Mir ist es hier etwas zu kühl! Meine Finger sind vom Taschenschleppen klamm geworden. Ich habe mir jetzt ein Gläschen Prickelwasser in einer wohlig warmen Gaststube verdient.«
»Merde«, fluchte Frederic bewusst so leise, dass sie es nicht hören konnte.
Nachdem ihr die Bedienung den Sekt und ihm ein Affligem-Bier gebracht hatte, war für sie die Welt in Ordnung. Lediglich Frederic war wegen des Rauchverbots in geschlossenen Räumen etwas säuerlich, was Angelika amüsierte. Seit sie sich vor vier Jahren kennengelernt hatten, tat sie alles, um ihn vom Rauchen abzubringen. Dies war der eigentliche Grund, weswegen sie im Lokal und nicht auf der Terrasse saßen.
Nachdem sie den ersten Schluck genommen hatte, entfuhr Angelika ein zufriedener Seufzer. »Ist es nicht schön, dass wir beide zur selben Zeit eine Woche freinehmen konnten, um uns ein wenig in der Heimat zu entspannen? Zuerst in ›meinem‹ Nordrhein-Westfalen und dann in ›deinem‹ Belgien. Und jetzt sitzen wir hier im beschaulichen niederländischen Vaals.« Ohne seine Antwort abzuwarten, begann sie, die geplante Freizeitgestaltung an den freien Tagen vor ihm auszubreiten: »Weil du jetzt bei mir in Aachen wohnst, werden wir morgen von dort aus ein wenig durch die deutsche Eifel fahren. Vielleicht besuchen wir die Burg Satzvey und trinken dort …«
»… ein Gläschen Sekt«, ergänzte Frederic mit einem Lächeln. Er kannte seine Partnerin in- und auswendig. Er erinnerte Angelika daran, dass sie schon öfter die Burg besucht, aber er dort nie etwas Ordentliches zu trinken, geschweige denn zu essen bekommen hatte.
Angelika schürzte die Lippen und zuckte keck mit den Schultern. »Warum nicht? Wir können es ja noch einmal versuchen. Vielleicht hat sich das Angebot der Burggastronomie ja ein bisschen verändert, seit die junge Gräfin das Sagen hat.«
»Das glaubst du doch selber nicht«, konterte Frederic, weil er ahnte, dass es dort nach wie vor keine belgischen Fritten und kein belgisches Bier geben würde. Der einzige Maßstab, an dem sich gute Gastronomie in seinen Augen messen ließ.
»Dann fahren wir eben zum berühmten ›Krimihotel‹ nach Hillesheim. Dort gibt es ein Lokal, das dir gefallen wird. Wie das Hotel sind auch die Gasträume voll im ›crime style‹ eingerichtet. ›Themenkneipen‹ sind ja heutzutage voll im Trend!«, schlug Angelika vor.
Weil Frederic wusste, was es für ihn bedeutete, wenn sie beide nicht zur Arbeit mussten, seufzte er. »Hör mal! Als du vorhin auf dem Markt gewesen bist, habe ich mich ein wenig mit der hiesigen Zeitung beschäftigt. Da konnte ich lesen, dass irgendwelche Verrückten eine Madonna gestohlen haben und …«
»Eine Madonna?«, unterbrach ihn Angelika, weil sie glaubte, sich verhört zu haben.
»Ja!«, nickte Frederic. »Hier in Vaals! Es handelt sich um eine wettergegerbte Muttergottesfigur aus Blaustein, die vor dem Lokal ›De Zwarte Madonna‹ gestanden haben soll!«
»Vor der ›Schwarzen Madonna‹ in Vaals steht doch der ganze Park voller Heiligenfiguren. Und im Lokal hängen sie sogar an den Wänden. Da gibt es doch auch dieses ›Sakralmuseum‹«, entgegnete Angelika.
»Halleluja!«, entfuhr es Frederic lachend.
»Warum machst du dich darüber lustig? Ich dachte, dir gefallen themenbezogen eingerichtete Lokale. In diesem Lokal ist alles authentisch, das ganze Café ist christlich dekoriert und eingerichtet. Dort kannst du sogar beichten!«
»Nicht im Ernst, oder?«, wunderte sich Frederic, der im Gegensatz zu Angelika nie dort gewesen war.
»Natürlich nicht! Obwohl im Lokal ein Beichtstuhl steht. Aber sag mal, was kann man mit einer verwitterten Madonnenfigur anfangen? Gibt es in Antwerpen nicht auch ein Touristenlokal, das ebenfalls mit sakralen Statuen vollgestopft ist wie das Café hier in Vaals?«
Frederic nickte. »Ja! Das kenne sogar ich! Du meinst sicher das ›Elfde Gebod‹ neben der Onze-Lieve-Vrouwekathedraal, oder?«
Angelika zuckte wieder mit den Schultern. »Ich glaube schon, dass ich es kenne. Wenn, dann ist es aber sehr lange her, dass ich dort war. Jedenfalls scheint dies wirklich ein Trend geworden zu sein«, fügte sie an und bemerkte, dass es auf der hiesigen ›Mergellandroute‹ etliche Lokale gab, in denen Heiligenfiguren herumstanden.
»Du meinst, dass sich dieser Trend auch bei uns fortsetzen und möglicherweise Erfolg haben wird?«
»Was heißt hier ›bei uns‹? Meinst du ›dein‹ ostbelgisches Eupen oder ›mein‹ nordrhein-westfälisches Aachen? Wenn schon, dann passt eine Kneipe mit Heiligenfiguren in die Kaiserstadt, dort gibt es schließlich einen weltberühmten Dom! Aber wieso interessiert dich das überhaupt? Witterst du schon wieder einen Mord?«, scherzte sie und war dabei stolz darauf, was »ihr« Aachen alles zu bieten hatte.
Frederic lächelte Angelika an und ließ sie weiterreden: »Na ja, meine Freundin Eleonore hat mir erzählt, dass in Aachen, direkt am Dom, ein altes Haus zu einem Speiselokal umgebaut wird, in dem es ›Messwein‹ geben soll.«
»Messwein? Du meinst so einen Wein, wie ihn die Priester während der Messe trinken?«
»Ja, geweihten Wein.« Angelika nickte. »Eleonore ist für die Raumgestaltung und das Interieur zuständig. Auf Wunsch des neuen Besitzers soll das Lokal durch und durch mit sakralen Gegenständen ausstaffiert werden. Dadurch möchte der Wirt, der extrem gläubig sein soll, neben gottesfürchtigen Einheimischen auch Pilger aus aller Herren Länder als Gäste anlocken, beispielsweise auch zur ›Aachener Heiligtumsfahrt‹. Aber erstens ist es nicht so weit, zweitens haben wir nichts damit zu tun und drittens hast du Urlaub. Uuuuurlaub! Verstehst du? Bestell mir lieber noch ein Gläschen Sekt!«
Die »Aachener Heiligtumsfahrt« fand doch alle sieben Jahre statt? Und da möchte der Wirt Umsatz machen?, dachte sich Frederic, während er die Bedienung herbeiwinkte.
*
Der Kriminalhauptkommissar saß knappe 70 Kilometer vom niederländischen Vaals entfernt in seinem Büro im ostbelgischen Provinzhauptstädtchen Eupen. Der Urlaub war – Gott sei’s gejubelt, getrommelt und gepfiffen – endlich vorüber. Voller Tatendrang hatte der Chefermittler sein dreiköpfiges Team mitsamt seiner Sekretärin gleich am Morgen seines ersten Arbeitstages zum Rapport zusammengerufen.
Während einer nach dem anderen in seinem Büro eintrudelte, überlegte der Leiter des Eupener Kriminalkommissariats, weshalb er schlecht gelaunt war. Eigentlich müsste er doch glücklich darüber sein, den gemeinsamen Urlaub mit Angelika einigermaßen unbeschadet hinter sich gebracht zu haben und wieder an seinem geliebten Schreibtisch sitzen zu dürfen. Weiß Gott, er liebte dieses intelligente Vollblutweib, das so viele Vorzüge vorweisen konnte, wie er Mankos und Marotten hatte. Aber musste sie ihn ständig von einem Herrenausstatter zum nächstbesten Schuhladen und von einem Sternelokal in die nächste Champagnerbar schleifen?
Lediglich der von Angelika vorgeschlagene Ausflug nach Hillesheim hatte ihm ohne Punktabzug gefallen; denn das »Krimihotel«, in dem sie übernachtet hatten, war bodenständig gewesen. Zudem hatte sich das angegliederte »Kriminalhaus« mit seinen vielen Ausstellungsstücken und der großen Krimi-Bibliothek als äußerst interessant erwiesen. Und im dazugehörenden »Café Sherlock« hatte es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch feine Bierspezialitäten gegeben, zwar keine belgischen, aber trotzdem gut trinkbare. Die drei Tage in der deutschen Eifel hatten ihm so gutgetan, dass Angelika ihn sogar dazu hatte überreden können, den »Eifelkrimi-Wanderweg« über die gesamte Strecke hinweg mitzugehen und sich am »Krimi-Suchspiel« zu beteiligen.
»Das nenne ich eine gelungene ›Themengastronomie‹«, hatte Le Maire den Inhaber des »Kriminalhauses« gelobt, nachdem er einen Gutschein über eine urige Eifelbrotzeit für zwei Personen in Empfang genommen hatte, weil er beim »Kriminalisieren« von immerhin 18 Teilnehmern der Beste gewesen war. Bescheiden wie er nun einmal war, hatte er sich trotz Angelikas Drängen nicht als »echter« Kriminalbeamter zu erkennen gegeben.
Aber dann war es umso dicker gekommen: Von wegen Ausflüge in seine belgische Heimat! Stattdessen sämtliche Juweliere in Aachen, Boss-Outlet in Köln und der extravagante Philipp-Plein-Shop an der Düsseldorfer »Kö«. Mit Angelikas schickem SLK waren sie sogar zum Nobelschuhgeschäft von John Lobb bis nach Frankfurt hinuntergerauscht. An die sündhaft teure Übernachtung in einem der dortigen Viersternehotels durfte er gar nicht denken. Ja, geht’s noch?, hatte er sich gefragt, Angelika zuliebe aber nichts laut dazu bemerkt. Die kostspieligen »Fresstempel«, in denen die Ober stets distinguiert dreingeschaut hatten, wenn er sich ein frisch gezapftes Bier anstelle des Rotweins zum Rumpsteak bestellt und sich vorsichtig nach Fritten erkundigt hatte? Nein, das war nicht das, was er unter Lifestyle und Dolce Vita verstand! Und es war noch schlimmer gekommen: Anlässlich seines Geburtstages hatte Angelika ihn nach Bochum zum »Starlight Express« gelockt. Allerdings hatte er sich schon während der Vorstellung eingestehen müssen, dass es sich um ein rasantes Musical handelte. Jedenfalls war er – anders, als es bei solchen oder ähnlichen Events bisher eigentlich immer der Fall gewesen war – nicht eingeschlafen. Dennoch mochte er sich »so etwas« nicht mehr antun.
Sehr zum Ärgernis seiner Sekretärin Fabienne Loquie kaute er in Gedanken daran genervt auf einem Bleistift herum. Weil die 29-jährige untersetzte Frau ihren Chef vergötterte, wies sie ihn nicht darauf hin, obwohl sie dafür zuständig war, dass im Eupener Kommissariat mit Bürobedarf sparsam und pfleglich umgegangen wurde.
»Was steht an, Locki?«, bellte der Chef seiner Sekretärin entgegen, deren Wangen sich schlagartig knallrot färbten und deren Augen einen gefährlich wässrigen Glanz bekamen.
»Also …« Nachdem Locki, wie die Sekretärin wegen ihres lockigen Kurzhaarschnittes allseits genannt wurde, abschweifend berichtet hatte, was während seiner Abwesenheit im Kommissariat los gewesen war, kam Le Maire zu dem Schluss, dass sich nichts Interessantes ereignet hatte.
Nach Lockis wenig ergiebigem Vortrag über allerlei Administratives, Telefon- und Posteingänge sowie über pikante Interna aus anderen Abteilungen erhoffte Le Maire sich von seiner Stellvertreterin Agnès Devaux interessantere und wichtigere Informationen. Aber die im Gegensatz zu ihrem Chef übergenaue Kriminaloberkommissarin konnte zu Le Maires Verwunderung auch nicht allzu viel berichten, schon gar nichts von einem aktuellen Mordfall.
»War’s das schon, Devaux?«, fragte er sie nach Beendigung ihres kurzen Vortrages. »Kein einziger Mord? Nicht mal ein kleiner Totschlag? Ihr habt euch nur mit Kinkerlitzchen aus anderen Abteilungen beschäftigt?«
Devaux zog zuerst die Mundwinkel nach unten und die Stirn nach oben, bevor sie abwehrend ihre Hände hochhielt.
»Pierre! Herbert! Habt wenigstens ihr etwas?«
Weil Kriminaloberkommissar Pierre Vonderbank und Polizeihauptmeister Herbert Demonty nur wortlos ihre Köpfe schüttelten, beschloss Le Maire, auf den Balkon zu gehen, um sich eine Zigarette zu drehen. »Und dann bringst du mir einen deiner köstlichen Kaffees, Locki!«
»Ach, Chef! Noch etwas: Sie müssen sich bei Docteur Baguette in Lüttich zurückmelden!«
»Ich weiß, Locki! Danke! Du kannst mich gleich mit ihm verbinden, ich muss ihn sowieso kurz sprechen!«
»Aber erst nach dem Kaffee, oder?«, fragte sie in verführerischem Tonfall, den sie mit einem Augenzwinkern garnierte.
Le Maire nickte zustimmend.
Eine Kaffee- und Zigarettenlänge später hatte Le Maire seinen direkten Vorgesetzten Docteur Etienne Baguette am Telefon. Der hochrangige Beamte war der Chef einer von insgesamt drei Generaldirektionen mit Sitz in Lüttich, also ein »hohes Tier«. Über ihm stand nur das Generalkommissariat in Brüssel. Seine – also auch Le Maires Dienststelle – war Teil der Police Fédérale, der landesweiten Polizei Belgiens, die ihre Fühler in alle Richtungen ausstreckte, wenn es um das Verhindern möglicher Verbrechen oder um die rasche Aufklärung derselben ging.
Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln drang aus dem Telefonhörer Papierrascheln. »Mein guter Le Maire, ich komme gleich zum Punkt: Ich lese hier, dass Sie zu viele Überstunden haben und schleunigst wenigstens einen Teil davon abbauen müssen!«
»Schon wieder Urlaub? Jetzt gleich?«, schoss es entrüstet aus dem besten Mordermittler Belgiens heraus.
»Ja! Jetzt gleich! Das Jahr geht dem Ende entgegen! Weil offensichtlich alle Mörder in Ihrem Zuständigkeitsbereich in die Herbstferien gegangen sind, ist hier seit Wochen tote Hose! Deswegen habe ich sogar unseren neuen Rechtsmediziner kurzfristig auf einen Fortbildungslehrgang nach Brüssel geschickt.« Offenbar um Le Maire dazu zu bewegen, wenigstens ein paar Überstunden abzubauen, schmückte er dieses Argument aus: »Sie haben ja selbst gemerkt, dass der junge Mediziner keine Erfahrung hat und dass derzeit nichts los ist!« Docteur Baguette legte eine kurze Pause ein, bevor er ergänzte: »Fragen Sie mich nicht, warum momentan niemand umgebracht wird. Wie gesagt …«
»Ich weiß, lausige Zeiten für Mordermittler«, murmelte Le Maire.
»Was? … Äh … Sind Sie verrückt geworden, Le Maire?«, rügte Docteur Baguette seinen Hauptkommissar, nachdem er realisiert hatte, was der soeben von sich gegeben hatte. Er räusperte sich fast etwas verlegen und fuhr in gemäßigtem Ton fort: »Jedenfalls ist das die Gelegenheit für Sie, in diesem Jahr ein paar Urlaubstage dranzuhängen. Ich weiß, dass ich anderen Kollegen nicht zumuten kann, im November Urlaub zu machen. Aber Sie fahren ja – wie ich weiß – sowieso nie ins Ausland in die Ferien.«
»Das stimmt nicht, Monsieur Docteur! Ich habe erst jetzt gerade ein paar Tage Urlaub in der Eifel gemacht!« Dass er gerne wieder einmal in sein geliebtes Katalonien oder ins schöne Allgäu fahren würde, verkniff er sich angesichts Baguettes drohendem Vorschlag.
»Jaja. Schon gut! Und jetzt genießen Sie zur Abwechslung einfach einmal unsere Heimat – Belgien ist wunderschön! Fahren Sie zur Küste hoch, oder …«
»Alles klar, Chef«, unterbrach Le Maire wieder. »Ich habe verstanden und beuge mich der Gewalt. Ich arbeite bis zum Wochenende einige Kleinigkeiten auf und lege dann ein paar Tage Urlaub drauf. Ist das für Sie in Ordnung?«
Le Maire bemerkte zwar Docteur Baguettes erleichtertes Ausatmen, der aber nicht Le Maires inneren Fluch.
»Ich wusste, dass Sie vernünftig sind!«, lobte Docteur Baguette, obwohl er sich denken konnte, dass in der Regel genau das Gegenteil der Fall war. Hauptsache, das Thema war für den Chef vom Tisch.
*
Endlich war die ungewöhnlich unaufgeregte Arbeitswoche ohne eine einzige Leiche zu Ende gegangen. Frederic wollte sich zuerst vom Büro zu seiner alten Wohnung in die Rue de la Violette begeben, die mitten im Zentrum von Lüttich lag. Dort würde er seinen Kulturbeutel und ein paar Klamotten in seinen 40 Jahre alten mintfarbigen Citroën packen und dann in die gemeinsame Wohnung nach Aachen zu seiner Angelika fahren. Dabei wusste er jetzt schon, dass er den neuen Designeranzug und die hippen Schuhe, die nach Angelikas Aussage »perfekt« zum Anzug passten, in seiner Lütticher Wohnung geflissentlich vergessen würde.
*
Am Nachmittag des folgenden Tages hatte der beurlaubte Kommissar eine Art Déjà-vu. Wie vor knapp zwei Wochen in Vaals machte Angelika Besorgungen, während er relaxt vor einem Lokal saß. Dieses Mal an einem Samstag und auf der Terrasse des Café-Restaurants »Elisenbrunnen« in seiner neuen Wahlheimat Aachen. Er hatte eine Zigarette im Mundwinkel und blätterte das »Aachener Tagblatt« durch. Dabei stolperte er über den Polizeibericht:
Aachener Tagblatt vom 30. Oktober 2021. – Polizeibericht:
Aus der Nachbarschaft. Wie die Aachener Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen erst heute mitteilt, ist es im niederländischen Grenzort Vaals zu einer Leichenfledderei gekommen. Als am frühen Morgen des 19. Oktobers einer der Friedhofswärter über den Friedhof zur Aussegnungshalle gehen wollte, entdeckte er einen Erdhügel, der dort nicht mehr sein sollte, weil mit dieser Erde tags zuvor ein frisch ausgehobenes Grab zugeschüttet worden war. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass das Grab der am Vortag darin beerdigten Frau wieder ausgehoben und der Inhalt des Sarges verschwunden war. Von Leiche und Leichendieb fehlt bislang jede Spur. Sachdienliche Hinweise …
Schon wieder Vaals? Dort geht es derzeit ja zu wie im Chicago der 1920er-Jahre! Ich glaube, ich lasse mich nach Holland versetzen, dachte Le Maire grinsend, schob den irrsinnigen Gedanken aber sofort wieder beiseite.
Weil die niederländische Provinz Limburg, zu der das ansonsten eher beschauliche Grenzstädtchen zählte, nicht zu seinem Revier gehörte, hatte er dort nichts zu melden. Allerdings scherte sich der belgische Kriminalbeamte normalerweise nie um Grenzen, an denen seine Kompetenzen als »ein im deutschsprachigen Gebiet Belgiens tätiger wallonischer Kriminalhauptkommissar« normalerweise endeten.
Die Sache mit dem Leichendiebstahl in Vaals interessierte ihn brennend. Aber: Es ging ihn wirklich nichts an.
Deswegen schlug er die Zeitung zu und zog nachdenklich ein paar Mal an seiner Zigarette. Schließlich war er für ermordete Menschen und nicht für verschwundene Friedhofsleichen aus dem Ausland zuständig – es sei denn, sie hatten etwas mit einem Mordfall zu tun, den er und sein Team bearbeiteten. Aber derzeit gab es eben nichts zu bearbeiten. »Keine Leiche, keine Arbeit! So einfach ist das«, seufzte er leise in sich hinein.
*
Frederics ganz persönliche »Urlaubswünsche« waren insofern in Erfüllung gegangen, dass Angelika nicht schon wieder freibekommen hatte und er seine Freizeit zumindest tagsüber weitgehend selbst im direkten Umfeld gestalten konnte. So hatte er es gemütlich angehen lassen und Angelika fast täglich zur Arbeit gefahren. Danach war er meist planlos durch Aachen geschlendert, ohne sich um das dortige Geschäftsleben zu kümmern. Manchmal hatte er sich in ein Café gesetzt, um ganz einfach Menschen zu beobachten.
Erst nach Angelikas Feierabend in der Aachener Rechtsmedizin war es für ihn das eine oder andere Mal etwas stressig geworden. Angelika hatte ihn dazu überredet, mit einem oder zwei befreundeten Pärchen ins »Aachener Brauhaus« oder in den »Domkeller« zu gehen, zwei der wenigen verbliebenen urigen Öcher Bierkneipen. Wie immer, wenn sie sich mit Freunden trafen, hatte Angelika sich die eine oder andere neckische Bemerkung wegen ihres Berufes anhören müssen wie beispielsweise: »Hast du dir auch schön die Hände gewaschen?« Weil die coole Leichenbeschauerin diese dummen Sprüche zur Genüge kannte, nahm sie das Ganze stets locker.
Frederic konnte nicht immer alles so leicht nehmen wie seine Partnerin. Denn während Angelikas beste Freundin, die 42-jährige Innenarchitektin Eleonore Olbrich, von ihrem aktuellen Projekt zwischen Münsterplatz und Fischmarkt erzählte und von der ersten Madonnenfigur schwärmte, die dort zur Dekoration eingetroffen war, nervte ihr Mann. Bert Olbrich war ein äußerst geschwätziger Psychologieprofessor der RWTH Aachen, der immer alles besser wusste – sogar besser als Frederic.
Während Frederics »Single-Urlaubs« hatte Angelika sich lediglich zweimal durchsetzen und ihn in die nordrhein-westfälische Spitzengastronomie schleppen können; einmal davon sogar in ein japanisches Edelrestaurant in Köln, in dem das Fleisch vor ihren Augen auf einem »Teppanyaki-Grill« zubereitet wurde.
»Jaja! Dann trinke ich in Gottes Namen eben ein japanisches Bier!«, hatte Frederic sehr zu Angelikas Missfallen geknurrt, nachdem ihn der freundliche Koch gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei. »Asahi-Bier! Wenn ich das schon höre, Asahi! Da lobe ich mir mein belgisches Jupiler«, hatte er gemault und das Getränk mit einer todesverachtenden Mimik in sich hinein- und einen Shōchū hinterhergeschüttet.
Da hatte es auch nichts genützt, dass Angelika ihm erklärt hatte, dass er ein Sapporo- oder ein Yebisu-Bier hätte bestellen können. »Das Asahi …«, hatte sie mit erhobenem Zeigefinger geschulmeistert, »… ist das teuerste japanische Bier, das sie hier haben, also wird es wohl auch das Beste sein. Und jetzt hör endlich mit deiner Motzerei auf!« Sie hatte ihn sogar so laut gerügt, dass der Chefkoch erneut an den Tisch gekommen war, um nochmals nachzufragen, ob alles in Ordnung sei.
»Jaja … Ein Bier, bitte!«
Im »La Bécasse«, einem französischen Nobelrestaurant in Aachen, hatte er sich ein paar Tage später zwar schnell an die landestypische Zubereitung des Steaks mit der leckeren Soße gewöhnt. Allerdings gab es als Beilage keine Fritten, sondern nur Kroketten. Französische Kartoffelstäbchen hätte er – im Gegensatz zu deutschen Pommes frites – seinem Magen sogar angetan, obwohl er normalerweise nur belgische Fritten akzeptierte.
Was die Getränke betraf, so war er wenigstens diesbezüglich etwas zufriedener gewesen. Die Bierqualität war deutsch. Und damit konnte sich das japanische Gebräu trotz aller Bemühung nicht messen.
So waren die Tage vergangen, ohne dass Angelika die Zeit gehabt hatte, mit ihm ausschweifend shoppen zu gehen. Hier und da waren sie zwar in die von Frederic gerne gemiedene »Elisengalerie« oder in den von ihm gehassten Konsumtempel »Aquis Plaza« gehetzt, aber mehr hatte sie ihm nicht zugemutet. Weil Angelika bei den wenigen Einkaufsmöglichkeiten ganz auf sich selbst fixiert gewesen war, hatte sie ihn weitestgehend verschont. Die Camouflage-Jogginghose, die in einer Geschäftsauslage gelegen hatte, hatte sie ihm dann aber doch kaufen müssen.
Ich bin Polizeibeamter und kein Soldat. Nur gut, dass ich die ausschließlich zu Hause tragen muss und mich niemand damit sieht, hatte er sich gedacht, als er das Geschenk mit einem verzerrten Lächeln in Empfang genommen und ihr ein Küsschen gegeben hatte.
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Zur Abwechslung war Frederics Lebensgefährtin übers Wochenende mit ihm nach Lüttich gefahren, wo sie sich erst einmal damit befassen musste, Frederics ehemaligen Erst- und heutigen »Ausweichwohnsitz« auf Vordermann zu bringen.
»Aha. Da also hast du deinen neuen Anzug und die Schuhe versteckt«, hatte Angelika in ruhigem Ton gesagt und die beiden hippen Teile demonstrativ auf dem Bett ausgebreitet. Das Schuhwerk hatte sie ebenfalls gut sichtbar direkt davor auf den Boden gestellt. Frederic war nichts anderes übrig geblieben, als den topaktuellen Anzug mit der, wie er fand, schrecklichen Jacquardmusterung zu loben. Um keinen Streit zu provozieren, hatte er sogar beschlossen, sich kampflos in sein unausweichliches Schicksal zu ergeben. Vielleicht wäre es doch besser, wenn ich Soldat geworden wäre, hatte er sich gedacht und sich gnädig gezeigt: »Weißt du was, Angelika? Zum Dank lade ich dich heute zum Essen ein!«, hatte er an diesem frühen Samstagabend verheißungsvoll getönt und – um seiner Geliebten zu gefallen – den Anzug angezogen, den er ansonsten niemals »freiwillig« tragen würde.
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»Sag mal, spinnst du? Willst du mich natzen!«, schimpfte Angelika, die in ihrem engen Kostümchen eine ganz besonders gute Figur abgab, obwohl ihr die Zornesröte ins Gesicht geschossen war.
»Wieso?«, wunderte Frederic sich allen Ernstes, als sie durch die Tür der »Friterie du Perron« an der Ecke Rue de Rey nahe seiner alten Wohnung spazierten, wo Angelika ungläubig auf die frittierten Kartoffelstäbchen in der Auslage starrte, während er im Geiste bereits genüsslich damit begonnen hatte, sein Menü zusammenzustellen.
Fast angewidert wandte Angelika ihren Blick ab und schaute wehmütig zum Fenster hinaus. Anklagend zeigte sie über die Hauptstraße zum »Place du Marché« hinüber. »Hättest du mich nicht wenigstens ins ›Å Pilori‹ einladen können? Ist das nicht eines deiner beiden Stammlokale gewesen, als du noch in Lüttich gewohnt hast? Weshalb haben wir uns so rausgeputzt? Nur dass du mich in eine gewöhnliche Frittenbude schleppst?«
»Entschuldige, mein Schatz! Weil ich schon lange nicht mehr bei meinem alten Freund ›Fritten Ralf‹ war, dachte ich mir …«
»Was dachtest du dir?«, unterbrach Angelika schroff. »Nichts hast du dir dabei gedacht, als du mich ohne Vorwarnung hierhergebracht hast.« Während Angelika so richtig loslegte, brummte es in Frederics Hosentasche. Egal, wer dran ist, der Anruf kommt genau zur richtigen Zeit, dachte er sich und fischte sich zu Angelikas Erstaunen sein ausnahmsweise einmal betriebsbereites Mobiltelefon aus der Tasche. Dass der Akku seines Handys geladen war, lag nur daran, dass er sehnlichst darauf hoffte, endlich Arbeit zu bekommen, derentwegen er seinen Urlaub würde abbrechen müssen.
Als Angelika weiterschimpfen wollte, sagte er nur: »Entschuldige bitte.«
»Schon gut!«, schnaubte sie, aber ihr Unmut war noch lange nicht verraucht.
»Oh, Locki! Du bist es! Was gibt’s? … Aha! … Schon gut!« Gleich darauf schoss ein erschrocken wirkendes und irgendwie doch zufrieden klingendes »Was?« aus ihm heraus. Nachdem er einige Male still genickt hatte, fragte er seine Sekretärin: »Wo?« Gleich darauf sagte er in versehentlich gut gelaunt klingendem Tonfall: »Ich fahre sofort los. Ruf die uniformierten Kollegen in Clermont an, dass sie alles absperren und nichts berühren oder verändern sollen!«
Angelika hatte sich zwar vorgenommen, umgehend weiterzupoltern, sowie Frederic sein Telefonat beendet haben würde, ahnte aber, um was es darin gegangen war. »Wer war das?«, säuselte sie und spielte dabei die Uninteressierte.
»Das hast du doch gehört, Schatz! Es war Mademoiselle Loquie, meine Sekretärin!«
»Und? Was ist los? Nun sag schon!«
Frederic atmete tief durch, bevor er antwortete: »Es tut mir leid, aber ich muss weg! Wir haben eine Leiche!«
»Wo?«
»Keine 30 Kilometer von hier!«
»Wo?«, wiederholte sie genervt.
»In Clermont!«
»Meinst du Thimister-Clermont in der belgischen Wallonie? Das kenne ich! Ein süßes mittelalterliches Örtchen.«
»Entschuldige bitte, Angelika. Ja! Selbstverständlich meine ich dieses Clermont und nicht das Clermont in Frankreich oder gar in Florida!«
Während Frederic sich insgeheim darauf freute, endlich wieder einen Mordfall lösen zu dürfen, anstatt mit Angelika einen auf fein machen zu müssen, holte sie ihr nagelneues iPhone hervor und versuchte, damit ins Netz zu gelangen.
»Also … Äh … Ich muss jetzt fahren!« Wenn der Kriminalbeamte hoffte, sich so einfach loseisen zu können, irrte er sich gewaltig. Angelika fragte ihn, ob er sie nicht mitnehmen mochte.
Der Mordermittler überlegte einen Moment lang. Dann zuckte er mit den Schultern und sagte, dass er grundsätzlich nichts dagegen habe, es aber nicht ihr Fall sei, weil der Tote, »… wie wir nun ja festgestellt haben«, in der Provinz Lüttich aufgefunden worden sei. Damit – so glaubte er – sei die Sache vom Tisch.
»Da irrt sich der Herr Kriminalhauptkommissar aber gewaltig!«, entgegnete sie selbstbewusst.
»Wie … Wie meinst du das?«, wunderte sich Frederic.
»Sieh selbst!«, sagte sie und hielt ihm triumphierend ihr Smartphone entgegen.
»Ja und? Du hast einen Routenplaner aufgerufen. Was soll das?«
Angelika lachte siegessicher auf, bevor sie ihm erklärte, dass es von Lüttich nach Clermont genau 28,4 Kilometer, von Aachen aus aber nur 23,3 Kilometer waren. »Also liegt Aachen näher am Tatort als Lüttich, oder? Außerdem ist dies sowieso nicht dein Fall, weil du in Eupen und nicht mehr in Lüttich arbeitest! Hast du das vergessen?«
Nun triumphierte Frederic: »Dennoch wurde ich angerufen! Und von Eupen aus sind es nur gute 14 Kilometer!«
Er sah Angelikas fordernden Blick und fluchte still in sich hinein. Er wusste, dass er sagen konnte, was er wollte, er hatte schon verloren. Also gab er sich lieber gleich geschlagen, als sich auf eine lange Diskussion einzulassen, bei der er am Schluss sowieso den Kürzeren ziehen würde. »Von mir aus!«, knurrte er. »Möglicherweise hast du Glück.«
Angelikas Augen weiteten sich erwartungsvoll. »Weshalb?«
»Na ja, ich hatte dir doch davon erzählt, dass der junge Nachfolger von Docteur Brülèe zur Fortbildung in Brüssel ist. Somit ist die Gerichtsmedizin in Lüttich derzeit verwaist.«
Bevor es sich Frederic doch noch überlegte, fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn. »Danke, Lemmi!«
Nun stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht. »Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst! Und nun lass mich in Ruhe mit meinem Chef telefonieren, damit er unserer neuerlichen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zustimmen kann! Das klappt nur, wenn er seinen Segen gegeben hat. Und den bekommen wir nur, wenn es Docteur Baguette gelingt, Oberstaatsanwalt Delieux ebenfalls mit ins Boot zu nehmen.«
»Aber das war doch sicher nicht zufällig, dass sie in Eupen angerufen und dich zu dem Fall gerufen haben, oder?«, wunderte sich Angelika und setzte keck nach: »Dann gibt es sicher auch keine Probleme, wenn ich dich bei der Aufklärung dieses Falls unterstütze.«
Kapitel 2
Und ob der leitende Lütticher Staatsanwalt Martin Delieux zugestimmt hatte. Denn der Mann war wegen eines überaus günstigen Zufalls erst vor einem Jahr zum Oberstaatsanwalt avanciert und musste sich in seiner neuen Position beweisen. Und dies tat er am besten, indem er möglichst viele, vor allen Dingen schnelle Erfolge erzielte. Weil dies ohne Mordfälle aber schwierig war, hatte er Docteur Baguettes Vorschlag zugestimmt, keine Zeit zu verlieren und die deutsche Rechtsmedizinerin mit der Leichensektion zu betrauen. Weil das Dream-Team Le Maire/Dr. Laefers bei den »Frittenmorden« vor zwei Jahren und bei den »Glühweinmorden« im vergangenen Jahr bereits hinreichend bewiesen hatte, dass es gut und erfolgreich zusammenarbeitete, konnte dies einer raschen Aufklärung des aktuellen Falls nur dienlich sein und für Delieux schnelle Ergebnisse zeitigen, mit denen er sich würde schmücken können. Deswegen war der Oberstaatsanwalt über seinen eigenen Schatten gesprungen und hatte seine Ressentiments Le Maire gegenüber beiseitegeschoben – zumindest vorübergehend. Er hatte seinen Eupener Chefermittler sogar persönlich angerufen, um ihm die volle Unterstützung der Staatsanwaltschaft zuzusichern. Dazu war allerdings nötig gewesen, dem Interimsleiter seiner Lütticher Mordkommission klarzumachen, dass dies Le Maires Fall und somit ein Fall der Eupener Kollegen war, die es mit aller zur Verfügung stehenden Lütticher Manpower zu unterstützen galt.
Weil Patrick Miller, der eigentliche Chef der Lütticher Mordkommission, im Urlaub weilte, kam es Delieux entgegen, Le Maire für den Fall abzustellen.
*
»Bonjour, Locki! Was gibt’s?«
»Bonjour, Monsieur le Commissaire! Gut, dass Sie gleich rangehen!«
Le Maire seufzte. »Was gibt es denn Wichtiges?«
»Agnès Devaux ist bereits nach Clermont unterwegs! Den Kollegen Pierre Vonderbank konnte ich leider nicht erreichen. Und Herbert Demonty ist …«
»Na ja, wir haben Wochenende!«, unterbrach Le Maire seine aufgekratzte Sekretärin. Lassen wir es die beiden Kollegen genießen. Eine Unterstützung genügt mir fürs Erste! Ist sonst etwas?«
»Ja! Ich soll Ihnen ausrichten, dass sich Oberstaatsanwalt Delieux gleich morgen früh mit Aachen in Verbindung setzen wird, um die Angelegenheit in Bezug auf Ihre Kompetenz und die Sache mit Frau Dr. Laefers zu klären.«
Als er dies hörte, lachte Le Maire triumphierend auf. »Dass dies mein Fall ist, geht meinen Aachener Kollegen Peter Dohmen zwar nichts an, aber von mir aus. Danke, Locki! Ich bin in etwa 15 Minuten in Clermont und komme dann am Montag ins Büro. Du machst jetzt auch gleich wieder Feierabend, ich brauche dich heute nicht mehr, dafür am Montag umso mehr! Alles klar? Au revoir!«
Enttäuscht legte Fabienne Loquie auf. Weil ihr Freund Hennes auf beruflicher Bustour und sie deswegen allein war, wusste sie mit diesem verregneten Wochenende nichts Besseres anzufangen, als zu arbeiten und ihrem Chef zur Seite zu stehen. Bis vor etwa zwei Jahren hatte sie ihn sogar offen angehimmelt. Seit sie aber während einer Reise nach Brüssel den Aachener Busfahrer Hennes kennen- und lieben gelernt hatte, verehrte sie ihren Chef nur noch, dies aber mit einer fast schon selbstlosen Hingabe, die Le Maire hier und da lästig war.
*
Die auf der Straße herumstehenden Anwohner staunten nicht schlecht, als Angelikas SLK fast etwas zu flott in die kleine Gasse einbog, die Locki ihrem Chef beschrieben hatte. Mehr staunten die Kolleginnen und Kollegen der ebenfalls von Locki informierten Eupener Spurensicherung darüber, dass sie zum Einsatz kamen und dass Le Maire in einem todschicken Anzug vor ihnen stand. Vollends verwundert waren sie, als sie gewahr wurden, dass nicht der junge Rechtsmediziner aus Lüttich, sondern eine ihnen bestens bekannte Rechtsmedizinerin aus dem Ausland die Leichenbeschau vornehmen wollte. Zumindest machte sie den Eindruck, denn die aparte Frau war in einen weißen Schutzanzug geschlüpft, mit ihrem Arztkoffer direkt auf die Leiterin der Spurensicherung zugegangen und hatte selbstbewusst gefragt: »Was haben wir?«
Weil normalerweise der leitende Ermittler diese obligatorische Frage stellte, blieb Le Maire nur ein drängendes »Und?« übrig.
»Der Fundort ist nicht der Tatort!«, verkündete Therese Lambert, die 39-jährige Leiterin der Eupener Spurensicherung, bevor sie beiseiteging und die Rechtsmedizinerin ihre Arbeit tun ließ. Und die würde in dieser Nacht wohl nicht einfach werden.
Vor ihnen war eine Frau mit dunklem Teint so an der oberirdischen Grabkammer der Familie Tomson-Brandebourg hindrapiert worden, als wenn sie ihren Rausch ausschlafen würde. Sitzend lehnte sie mit dem Rücken an der Glastür, die in die Familiengruft führte. Ihr linker Arm war wie schützend auf ihre Scham gelegt worden, der andere fehlte. Sie trug aufreizende Kleidung. Und während stetig Blut vom Armstumpf heruntertropfte, waren ihre Augen starr in Richtung der gegenüberliegenden Kirche Saint Jaques le Majeur gerichtet. Der Mund der Toten war so weit geöffnet, dass es wirkte, als ob sie dem heiligen Jakobus ihren Schmerz entgegenschrie.
Dieses Bild störte die Wahrnehmung der wenigen Menschen am Tatort so stark, dass sie wie erstarrt dastanden, einen Moment lang unfähig, etwas zu tun. Lediglich Le Maire war dazu imstande, die Lage um die Tote herum sofort zu analysieren: »15 Meter …« Damit meinte er den Abstand zwischen der Leiche und dem Gotteshaus, auf das sie starrte und vor dem unzählige, teilweise jahrhundertealte Grabsteine standen oder einfach nur herumlagen. Ob ihm diese Einschätzung etwas nützen würde, wusste er nicht. Aber dies war im Moment nicht wichtig, jetzt ging es erst einmal darum, den Leichenfundort »sauber« zu halten, die Leiche zu identifizieren und die Umstände des Todes an Ort und Stelle wenigstens in etwa zu analysieren.
»Todesursache?«, bellte Le Maire ungeduldig, musste sich mit einer Antwort aber so lange gedulden, bis Dr. Laefers mit ihrer Arbeit so weit war.
Der Mordermittler nützte die Zeit, um mit den wenigen anwesenden Streifenbeamten zu sprechen und sie das Rundbogentor zum Friedhof absperren zu lassen. »… und leuchtet – verdammt noch mal – endlich das Areal aus!«
»Wir haben keine so großen Strahler zur Verfügung«, hielt einer der Beamten in eingeschüchtertem Tonfall entgegen.
»Dann holt ihr eben die Feuerwehr!«, gab Le Maire unwirsch zurück.
Nachdem dies geklärt war, blieb dem Mordermittler nichts anderes übrig, als sich »notgedrungen« eine Zigarette anzuzünden und das Tun seiner Partnerin im Dunkel der Nacht zu betrachten, das nur durch ein paar Taschenlampen erhellt wurde, weswegen die Szenerie umso schauriger wirkte. Davon unbeeindruckt, wartete er darauf, was sie zu berichten hatte. Und das traf ihn mit voller Wucht.
»Also, Herr Hauptkommissar!«, sagte sie, während sie aufstand. »Die Frau ist etwa 25 Jahre alt und keine zwei Stunden tot, weswegen das Blut dort …«
»… nicht ganz eingetrocknet ist«, kam Frederic seiner Partnerin zuvor.
»Die Schleifspuren hier sind frisch und kommen von dort!«, bestätigte Therese Lambert, während sie mit einer Hand zur entgegengesetzten Seite des Friedhofseingangs zeigte. Gleichzeitig drückte sie Le Maire ein Tütchen in die Hände.
»Was ist das? Sieht wie Schuppen eines Reptils aus, vielleicht einer Schlange«, stellte er fest, nachdem er den Inhalt des Tütchens näher betrachtet hatte. »Woher stammt das?«
»Von ihren Fingerspitzen! Diese Schuppen finden sich auch unter ein paar Fingernägeln«, kam es zur Antwort.
»Ist das alles, was ihr bisher gefunden habt?«, knurrte Le Maire.
»Sie sind gut! Bei den Lichtverhältnissen«, kam es ruppig zurück.
»Papiere?«
Die Chefin der Spurensicherer schüttelte wortlos den Kopf.
»Merde!« Weil es dem Ermittler im Moment nicht weiterhalf, gab er das Tütchen an die Spurensicherung zurück und wandte sich wieder Angelika zu. »Und?«
»Schwer zu sagen, mit wem wir es zu tun haben! Die Klamotten sind sehr aufreizend, vielleicht Verbindungen zum Rotlichtmilieu?«
»Und die Todesursache?«, fragte Le Maire noch einmal.
Angelika winkte Frederic näher zu sich, dann beugte sie den Oberkörper der Frau nach vorne. »Sie wurde von hinten erstochen! Alles Weitere …«
»Jaja. Schon gut. Ich weiß … morgen!«, grummelte der Ermittler, während er weiter suchend um sich blickte. »Na, endlich!« Le Maire war erleichtert, als der durch die Polizei angeforderte Gemeindeelektriker mit zwei Flutlichtern auf dem Ladewagen ankam und unverzüglich damit begann, die Beleuchtungskörper so aufzustellen, wie sie die Rechtsmedizinerin und die Spurensicherer haben wollten.
Während die ausfahrbaren Strahler hochgekurbelt und wackelnd in Position gebracht wurden, blitzte das Licht eines Strahlers für den Bruchteil einer Sekunde in Richtung des Kirchenendes, wohin der Ermittlungsleiter zufällig gerade schaute. Weil Le Maire glaubte, einen Kopf mit langen Haaren gesehen zu haben, der hinter der Mauerecke hervorgelugt hatte, eilte er links um die Kirche herum, um die Person zu erwischen. Aber er war zu langsam. Bei der davonrennenden Person konnte er gerade noch feststellen, dass es sich um einen großen Mann handelte, an dessen rechtem Handgelenk etwas zu blitzen schien, als für einen Moment das Licht einer Straßenlaterne darauf schien. Weil der Mann dann aber ganz im Dunkel verschwand, hatte er keine Chance mehr, ihn zu erwischen.
*
»Was tust du denn hier?«, knurrte der belgische Mordermittler, als er anderntags in der Aachener Rechtsmedizin auf seinen Kollegen Peter Dohmen stieß.
»Keine Sorge, Frederic, ich habe es schon gehört, es ist dein Fall! Und da mische ich mich selbstverständlich nicht ein! Allerdings helfe ich dir gerne, wenn …«
Frederic hob abwehrend die Hand. »Dieses Mal nicht, okay?«
»Weil dies hier …«, Peter Dohmen drehte sich mit weit aufgerissenen Armen um die eigene Achse, »… aber die rechtsmedizinische Abteilung ›meines‹ Kommissariats ist, darf ich doch sicher dabei sein, wenn dir Angelika sagt, was sie herausbekommen hat, oder etwa nicht?«
Da war es wieder, dieses ewige Platzhirschgehabe, das der deutsche und der belgische Chefermittler eigentlich nicht mehr an den Tag legen wollten, seit sie zusammen im allgäuischen Oberstaufen gewesen waren, um Gilbert Primat gemeinsam zu verhaften, den damals über sämtliche Landesgrenzen hinweg gesuchten »Glühweinerpresser«. Seither waren sie sogar mehr oder weniger zu Freunden geworden – irgendwie zumindest. Deswegen und weil ihm dieser Fall bereits zugeteilt worden war, zeigte sich der belgische Kommissar großmütig. Er gestattete dem Hausherrn, dabei zu sein, wenn Angelika über die Leiche dozieren würde.
»Jussuf …« Damit meinte sie ihren Assistenten Jussuf Abdalleyah, der sofort verstanden hatte, dass er das Tuch von der Toten nehmen und ihren Oberkörper hochheben sollte.
»Kommen wir also zuerst zur Todesursache: Wie ich bereits am Leichenfundort feststellen konnte, ist sie von hinten erstochen worden! Und zwar …«
»Um Gottes willen! Was ist das denn?«, unterbrach Peter Dohmen die Rechtsmedizinerin, hielt aber sofort inne, als er Frederics genervten Blick sah.
»Darf ich weitermachen?«, hakte sich Angelika gleich wieder ein, um eine unnütze Streiterei der beiden Alphatierchen im Keim zu ersticken. »Also: Die Stichwunde sieht deswegen so schlimm aus, weil der Mörder ein Messer benutzt hat, das einseitig normal geschärft ist und auf der anderen Seite grobe Sägezacken besitzt! Deswegen muss er es ihr mit aller Kraft in den Rücken gerammt haben. Zudem hat er es ein paar Mal in der Wunde gedreht. Die von der Schneideseite her spitz zulaufende Klinge ist am Schaft 40 Millimeter breit und genau 21,5 Zentimeter lang.«
»Gerade so kurz, dass sie vorne nicht herauskam«, resümierte Frederic.
»Kurz?«, entfuhr es Jussuf Abdalleyah verwundert.
Aber weder Frederic noch Angelika gingen darauf ein. Stattdessen gab sie Frederic recht und fuhr unbeirrt fort: »Ja. Der Stich ging von hinten genau in den linken Lungenflügel. Und zwar so, dass sie nicht gleich tot war.«
Frederic überlegte kurz, dann fragte er, wie groß die Frau gewesen sei.
»1,66 Meter!«
»Sie war also recht klein. Das heißt, dass der Mörder – wenn er größer ist – das Messer mit dem Daumen nach vorne – also eher von unten – hineingestoßen haben könnte. Der Stichkanal würde dafürsprechen, oder?« Weil ihm Angelika durch ein Kopfnicken beigepflichtet hatte, fasste Frederic seine Theorie zusammen: »Wenn er das Messer von oben benutzt hat, hätte er es zu hoch angesetzt. Wir können also davon ausgehen, dass der Mörder mindestens 1,80 Meter groß ist, oder?«
»Du fragst mich etwas?«, wunderte sich Peter Dohmen, nickte aber bestätigend.
Während die beiden erfahrenen Ermittler darüber sprachen, gebot die Rechtsmedizinerin ihrem Assistenten, die Tote wieder auf den Rücken zurückzulegen. Dann zeigte sie auf die Hämatome zwischen den Brüsten der Toten.
»Was haben die blauen Flecken zu bedeuten?«, mochte Frederic wissen.
»Ganz einfach!«, antwortete die Ärztin. »Siehst du nicht, dass das die Form eines Schuhabdrucks ist?« Sie zeichnete mit dem Zeigefinger die nicht besonders gut erkennbaren Konturen nach und erklärte den beiden, dass der Mörder mit dem spitz zulaufenden Schuh mit hohen Hacken – »vielleicht ein Stiefel« – mit seinem rechten Fuß auf der Brust der Toten gestanden hatte, als er dem bedauernswerten Opfer den rechten Arm absägte. »Eine saubere Arbeit!«, bescheinigte die Rechtsmedizinerin dem Mörder und bedeutete Jussuf, sich auf den Boden zu legen, um die Situation nachstellen zu können. »Übrigens: Schuhgröße 45!«
Angesichts dieses Schauspiels musste Frederic trotz der traurigen Sachlage und der bedauernswerten Toten für einen Moment belustigt schmunzeln, blieb aber professionell: »War sie da bereits tot?«
Angelika blähte ihre Wangen und stieß Luft aus, bevor sie antwortete. »Ich glaube nicht. Sie war aber sicherlich bewusstlos von den Folgen des Stiches in ihren Rücken, während ihr der Arm abgetrennt wurde. Ich kann auf jeden Fall schon einmal so viel sagen, dass der Arm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit demselben Messer abgetrennt wurde, mit dem auch der Stich in die Lunge erfolgte. Haut und Fleisch wurden akkurat aufgeschnitten, bevor der Os humeri fachgerecht zersägt wurde.«
»Also nicht unbedingt post mortem?«, interessierte Frederic, der sich mit der menschlichen Anatomie bemerkenswert gut auskannte.
Angelika nickte bestätigend.
»Dann kann es sich bei dem Mörder nur um einen ganz besonders perversen Triebtäter handeln!«, konstatierte Peter Dohmen.
»Das müsst ihr herausfinden«, antwortete die Ärztin und rief ihren Assistenten erneut zu sich: »Jussuf, holst du bitte die Wäsche?«
Als er die Reizwäsche sah, war Frederic nicht besonders erstaunt. »Ein Slip ouvert mit Tigermuster und ein BH mit Löchern für die Brustwarzen … Netzstrümpfe und Strapse? Deutet auf Prostitution hin, oder sie war auf dem Weg zu einem Rendezvous.«
»Sieht so aus …«, bestätigte Angelika, »… zumal im rechten Strumpf zwei Präservative und insgesamt 300 Euro steckten. Außerdem war sie extrem auffällig geschminkt.«
»Ihre aufreizende Kleidung habe ich schon beim Auffinden der Leiche bemerkt«, rekapitulierte Le Maire und ergänzte, dass er wegen des bei ihr gefundenen Geldes einen Raubmord grundsätzlich ausschließen würde. »Vielleicht ein abnormal veranlagter Kunde, ein Sadist?«, resümierte er, bevor er die Frage stellte, auf die Angelika gewartet hatte. »Geschlechtsverkehr?«
»Ja. Aber mindestens acht Stunden vor ihrem Tod.«
»Mit Präservativ?«
Angelika nickte.
»Dann wird es wohl schwierig, an die DNA ihres mutmaßlichen Mörders zu kommen«, zeigte Frederic sich enttäuscht.
»Geninformationen bekommen wir sicher. Ob diese aber dem Mörder zuzuordnen sind?« Angelika zuckte mit den Schultern, bevor sie zu bedenken gab, dass der letzte Geschlechtsverkehr weit vor dem Mord stattgefunden hatte.
*
Der erfahrene Mordermittler wusste, dass die ersten 48 Stunden nach der Tat die wichtigsten für die Ergreifung von Tätern waren. Aus diesem Grund und wegen des besonders grausamen Falles wollte er schnellstens mit seinen Leuten reden, weswegen er sie gleich am Montagmorgen zusammenrief.
Locki hatte es bereits geahnt und so wartete der mit einer Leinendecke belegte Besprechungstisch bereits mit einer Kanne Kaffee und Croissants auf die Polizisten. Genau das brauchte der Chef, bevor er mit seinem kleinen Mitarbeiterstab die bisher eher dürftigen Erkenntnisse bündelte. Anstatt selbst etwas zu sagen, ließ er Devaux den Vortritt mit ihrer Ortsanalyse.
»Weil es vom Place de la Halle aus direkt in den Friedhof geht, haben die beiden Kollegen aus Clermont den gesamten Platz unter meiner Aufsicht abgesucht. Aber ebenso wie auf dem Friedhof selbst haben wir dort nichts gefunden. Trotz der Dunkelheit haben wir die Suche in der Nacht bis zum Tor unter dem Rathaus und um die Kirche herum ausgedehnt.«
»Und?«, drängte Le Maire in seiner typisch ungeduldigen Art. Er hatte sich irgendwelche Spuren des Phantoms erhofft, das er in der Tatnacht hinter der Kirche in Clermont gesehen und vergeblich gejagt hatte.
Devaux zuckte resignierend mit den Schultern. »Außer den Schleifspuren, die sich auf dem Asphalt außerhalb des Friedhofes verloren haben, war nichts zu finden.«
»Auch keine Fußabdrücke des Flüchtenden?«
»Nein.«
»Und die Fahndung nach ihm?«
»Die wurde auf Ihre Anordnung hin unverzüglich eingeleitet. Aber …«
»Schon klar!«, unterbrach Le Maire verständnisvoll, weil ihm klar war, dass die Fahndung noch keinen Erfolg zeitigen konnte und weiterhin wohl auch nicht würde, weil der Flüchtende längst über alle Berge war. »Dann veranlasse bitte schnellstens, dass mindestens zehn, besser mehr Beamte das gesamte Dorf auf den Kopf stellen.«
Kapitel 3
Dem Niederländer Louis van Basten war es nach langen Hin und Her gelungen, das Haus am altehrwürdigen Münsterplatz mitten in Aachens Altstadt zu kaufen, in dem vor längerer Zeit mit der »Albrecht-Dürer-Stube« ein Öcher Traditionslokal beherbergt gewesen war. Und weil der Umbau des ehedem beliebten Lokals unweit des Kaiserdoms den Anforderungen des Denkmalamtes unterlag, musste er ständig nervenaufreibende Verhandlungen führen, Kompromisse eingehen … und mehr Geld ausgeben, als er eingeplant hatte. Also war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich schon seit Frühjahr mehr in der nordrhein-westfälischen Kaiserstadt als in seinem niederländischen Heimatort Vaals aufzuhalten. Er musste mit Hand anlegen, wo es nötig war. Aus diesem Grund hatte er sich am frühen Montagabend mit seiner Innenarchitektin verabredet.
Der große und kräftig gebaute Mann mit den zu einem Dutt zusammengebundenen Haaren verließ gerade die Kirche St. Foillan schräg gegenüber dem Dom, als Eleonore Olbrich die Krämerstraße herunterkam und winkend auf ihn zulief.
Der Witwer war an diesem Tag unter anderem nach Aachen gefahren, weil er wieder ein paar Dinge aus seiner alten Wohnung in Vaals in seine neue im oberen Stock seines Restaurants bringen musste. Seinen Umzug hatte er peu à peu organisiert. Den Termin mit der Innenarchitektin hatte er unbedingt einhalten wollen, obwohl es den gottesfürchtigen Mann in die Kirche gezogen hatte, um für seine erst vor Kurzem verstorbene Frau Aninda zu beten. Der gelernte Restaurator und Steinmetzmeister war Gott bedingungslos ergeben, beseelt von seinem Glauben an Jesus Christus und an ein Leben nach dem Tod, entweder im Himmel, im Fegefeuer oder in der Hölle … ein jeder, wo er hingehörte.
»Können Sie bitte kurz Ihre Bluetooth-Knöpfe aus Ihren Ohren nehmen?«, rief die Innenarchitektin und kreiste mit ihrem Zeigefinger vor dem rechten Ohr herum.
»Was? Ach so? Ja, natürlich. Entschuldigung. Jetzt kann ich Sie hören.«
»Mein aufrichtiges Beileid. Wie geht es Ihnen?« Eleonore Olbrich schaute den künftigen Gastwirt besorgt an. »Sie schwitzen ja und wirken abgehetzt. Ist alles in Ordnung?« Die Innenarchitektin hatte erst vor ein paar Tagen erfahren, dass van Bastens Frau Aninda durch einen tragischen Sturz die häusliche Treppe herunter einen Genickbruch erlitten hatte, während ihr Mann in Aachen gewesen sein musste. »Es tut mir leid, dass ich von der Beerdigung nichts erfahren habe. Selbstverständlich wären mein Mann und ich gekommen, um …«
»Schon gut!«, wehrte van Basten ab. »Der Herr behütet alle, die ihn lieben«, ergänzte der einerseits gebrochen, andererseits irgendwie steinern wirkende Mann, der Frauen gegenüber stets versucht hatte, Stärke zu beweisen. Um einen dementsprechenden Eindruck auch bei seiner Architektin zu erwecken, ging er nicht weiter auf das ein, was sie gesagt hatte. Stattdessen kam er gleich zum Geschäft. Dabei schlug er den Weg am Dom vorbei ein, über den Münsterplatz in Richtung des nahen Fischmarktes, vor dem sich sein zukünftiges Lokal befand.
Nachdem sie vor dem alten Kaufmannshaus mit den beiden rundbogigen Glasfronten im Erdgeschoss angekommen waren, zeigte er mit ausgebreiteten Armen zur Beschriftung über der Eingangstür. »Ich hätte dort gerne blattvergoldete Metallbuchstaben in einer breit laufenden Frakturschrift. Geht das?«
Eleonore Olbrich musste nicht überlegen. »Wir haben zwar einen Buchstaben mehr in unserer Firmierung als die bisherige Bezeichnung des Lokals mit 17 Buchstaben und zwei Wortzwischenräumen. Dafür verwendet man bei Frakturschriften Versalbuchstaben nur in Bezug auf die übliche Großschreibung. Somit gewinnen wir in der Breite etwas Platz. Es ist schade, dass im Sturz zwischen dem Erdgeschoss und dem ersten Stockwerk die Höhe zu knapp ist, um größere Lettern anbringen zu können. Deswegen müsste die ›Breite Kanzlei‹ passen und groß genug wirken.«
»Weshalb ausgerechnet diese Schrift?«, mochte van Basten wissen. Wegen seines alten Berufes kannte er diese Fraktur, die durch ihre s-förmigen Schnörkel im Aufstrich verziert ist und allein schon deswegen besticht.
Die Architektin schmunzelte, als sie ihm erklärte, dass dies ihre Lieblingsfraktur sei und die »Breite Kanzlei« im Gegensatz zu anderen Frakturschriften wie zum Beispiel der »Walbaum« schönere Großbuchstaben habe, was sich gerade beim »Z« bei der Bezeichnung »Zur Goldenen Madonna« zeigen würde. »Ich bin zwar keine Grafikdesignerin, weiß aber, dass es auf eine ›Corporate Identity‹ ankommt, die zur Art des Restaurants passt, wenn man Erfolg haben möchte. Und die Authentizität, die Ihr geplantes Speiselokal im Schatten des altehrwürdigen Kaiserdoms ausstrahlen wird, zeigt sich ja jetzt schon am bisher zusammengetragenen Interieur!«
»Sie haben recht«, nahm van Basten den Ball auf. »Das Landesamt für Denkmalpflege verbietet uns ja ein Schild und besteht auf Einzelbuchstaben. Das ist auch gut so. Wir möchten die schöne alte Fassade ja nicht verschandeln, oder? Lassen Sie uns reingehen.«
Wie meistens waren sich der feinsinnige Auftraggeber und die kreative Innenarchitektin einig. Überdies hatten sie sich von Anfang an bestens verstanden, was für eine harmonische und zielführende Zusammenarbeit zum Wohle des Objektes gesorgt hatte. Kein Wunder also, dass die beiden seit Wochen um eine persönlichere Anrede ihres Gegenübers herumeierten. Weil sie mit ihren 42 Jahren zwar fünf Jahre älter, aber eine Frau und zudem die Auftragnehmerin war, er hingegen zwar der Mann in diesem gestalterischen Duo, aber auch der Jüngere war, hatte sich bisher keiner der beiden getraut, dem anderen das »Du« anzubieten.
Im Inneren des schmalen Mittelhauses aus dem 17. Jahrhundert erwartete die beiden eine fast schaurig anmutende Szenerie. Im fahlen Licht, das sich bei tristem Herbstwetter in der bereits einsetzenden Dunkelheit durch die beiden Frontfenster ins Innere mühte, wurden sie von den dunklen Konturen mehrerer Menschen erwartet. Zumindest schien dies so. Eine einsam hängende brennende Glühbirne hellte den Raum nicht merklich auf.
»Waren Sie heute schon einmal hier?«, fragte die Architektin, weil ihr die Funzel aufgefallen war.
»Nein, nein!«, wehrte der Hausherr ab. »Offenbar habe ich gestern versehentlich vergessen, die Birne auszuknipsen!« Nachdem er den Sicherungskasten gefunden und das gesamte zur Verfügung stehende Licht angeschaltet hatte, offenbarte sich ihnen, um was es beim Interieur für dieses Lokal künftig gehen würde: sakrale Gegenstände, Andachtsbilder … und Heiligenfiguren, die hier überall so achtlos herumstanden und herumlagen, als wenn sie nichts wert wären. Neben den Pestheiligen Rochus und Sebastian lehnten ein Wendelin und eine Barbara an der Wand, während mitten im Raum ein übergroßer Johannes auf drei Balken zu ihren Füßen lag. Dazwischen standen etliche andere Kirchenheilige, Herrgottsfiguren, Engel und andere Statuen der verschiedensten Art herum, die alle ebenso ihre Plätze finden sollten wie die alten Kerzenleuchter, Gemälde und kistenweise kleinere Devotionalien.
»Und dies sind bei Weitem nicht alle Statuen!«, versprach der künftige Wirt des Restaurants »Zur Goldenen Madonna«.
»Das muss auch so sein! Denn wenn ich mich hier umsehe, sieht es für mich so aus, dass die Menge der Madonnenfiguren im Vergleich zu den anderen Heiligen etwas zu mager ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir aus der ehemaligen ›Albrecht-Dürer-Stube‹ eine ›Goldene Madonna‹ machen! Allein schon wegen dieses neuen Lokalnamens können wir nicht genug Madonnen haben«, konstatierte die Frau kritisch, lobte ihren Auftraggeber aber gleich darauf: »Wie ich sehe, haben Sie inzwischen einen alten Beichtstuhl aufgetrieben. Respekt!« Nachdem Eleonore Olbrich sich ein Weilchen im Raum umgesehen hatte, erkundigte sie sich nach den neugotischen Kirchenbänken, aus deren Seiten- und Sitzteilen sie von einem Kunstschreiner gemütlich-rustikale Eckbänke machen lassen wollte.
»Die müssen in den nächsten Tagen aus Italien eintreffen, die Kirchenlüster aus Frankreich übrigens auch«, verkündete van Basten mit unverhohlenem Stolz in der Stimme.
»Dann befindet sich ja fast das gesamte Interieur hier, wenn ich aus dem Urlaub zurück bin!«, freute sich die Innenarchitektin. Als sie versehentlich eine der wenigen Madonnenfiguren berührte, hatte sie Farbe an ihrer Hand. »Oh! Die kenne ich ja noch gar nicht! Ist die frisch bemalt worden?«
»Äh … ja!« Van Basten räusperte sich. »Das habe ich gestern gemacht«, kam es eilfertig zur Antwort. »Sie wissen doch, dass ich in meinem früheren Leben Restaurator gewesen bin.«
»Wunderschön! Sie wirkt, als würde sie leben«, bemerkte Eleonore Olbrich. »Man spürt, dass sie ein begnadeter Künstler sind.«
Stolz über das Lob, zog er sie von der materiell wertlosen Gipsfigur weg und erklärte ihr, dass er die Technik des Blattvergoldens perfekt beherrschen würde … auch wenn es lange her sei, dass er sie gelernt habe. »Um meine Figuren selber restaurieren zu können, richte ich mir hier im Keller eine kleine Werkstatt ein«, verkündete er.
»Darf ich die mal sehen?«
»Erst, wenn der Lastenaufzug eingebaut ist und ich meinen Werkraum fertig eingerichtet habe. Im Moment schaut es dort aus wie bei Hempels unterm Sofa.«
Eleonore Olbrich musste lachen. Mit einem lakonischen »Na gut« gab sich die Architektin für den Moment zufrieden.
*
Kurze Zeit später schlurfte die Beerdigungstouristin Marlene Jacobs zielstrebig durch Aachens Innenstadt. Sie wollte rechtzeitig zum Dom gelangen, wo gleich die abendliche Vesper beginnen würde. Als die 78-Jährige an einem Printengeschäft vorbeikam, ließ sie sich für einen Moment aufhalten. Denn vor dem Ladengeschäft bot eine Verkäuferin Printenstückchen zum Verkosten an. Dabei hörte sie unweit neben sich einen Mann mit unangenehm rau klingender Stimme zu einem anderen sagen, dass er jetzt in die Antoniusstraße gehen würde, um dort einer »Schwarzen Nutte« »Manieren beizubringen«.
»Bist du besoffen, Thijs? Lass es lieber! Ab nächster Woche arbeitet Asmara doch wieder in Lüttich und du hast dann deine Ruhe«, empfahl der andere, der seinem Gegenüber irgendwie ähnlich sah, im Gegensatz zu ihm aber eine angenehm weiche Stimme hatte. »Du hast doch schon genug Schaden angerichtet und mich gedemütigt.«
Es war nicht der widerliche Dialog der beiden, weswegen die Frau das soeben erhaltene Printenstückchen wie eine Hostie auf ihre Zunge legte, bevor sie sich hastig bekreuzigte. Ihr war die Reibeisenstimme desjenigen bekannt, der einer Prostituierten Gewalt antun wollte. Als sie den großen Mann betrachtete, fielen ihr dessen Jeans mit den weißen Streifen und dem merkwürdig aussehenden Symbol auf der rechten Gesäßtasche auf. Am meisten aber stachen ihr die Schlangenlederstiefel in die Augen. Weil sie dies alles vom Vaalser Friedhof wiedererkannte, wurde ihr mit einem Schlag mulmig. Weil der andere mit dem Rücken zu ihr stand, sah sie nun auch die kalten blauen Augen desjenigen, dessen Antlitz sie in Vaals nicht gesehen hatte. Und weil er seine Lederjacke links geschultert hatte, konnte sie auch das Löwentattoo auf seinem rechten Oberarm sehen.
Irgendetwas stimmt mit dem nicht, dachte sie.
Nach der Antwort des anderen verabschiedeten sich die beiden. Von einer unbändigen Neugierde getrieben, beschloss die Frau, auf den Kirchgang zu verzichten und stattdessen dem Typen namens Thijs zu folgen. Dies sah sie quasi als »Nachrecherche« auf ihr merkwürdiges Friedhofserlebnis in Vaals an.
Kapitel 4
Mittlerweile war eine knappe Woche vergangen und van Bastens Kellerumbau gut vorangekommen. Er war sogar fast schon beendet, auch der Lastenaufzug war inzwischen eingebaut worden.
»Setzen Sie sich rein, er hält Sie aus!«, hatte der Hausherr seiner Architektin übermütig angeboten und ihr in den Aufzug geholfen, bevor er aufs Knöpfchen gedrückt und sie damit nach unten befördert hatte.
Im Keller angekommen, wunderte Eleonore sich darüber, was hier in dieser einen Woche passiert war, in der sie zusammen mit ihrem Mann Bert im Allgäu Urlaub gemacht hatte: Der Schlaghammer hatte wohl ganze Arbeit geleistet, die Wände waren nicht nur sauber verputzt, sondern bereits in einem dezenten Grau gestrichen. Und zum Heizungskeller war eine ebenso dicke Brandschutztür eingebaut worden wie in dem vor ein paar Wochen vergrößerten Durchlass, der von der Kellertreppe aus direkt ins Lokal führte. Der Boden war frisch gefliest, selbst im Heizraum. Darüber hinaus standen in einem gewissen Abstand von den Wänden Regale, die allerdings erst befestigt werden konnten, wenn das Grau so abgetrocknet war, dass darüber ein flüssigkeitsabweisender Lack gestrichen werden konnte. Eine Wand war mit einer grünen Folie abgedeckt worden, wie man sie ansonsten nur in Gärten benutzte. In der Mitte des größten Lagerraums war ein etwa zwei Meter langer Edelstahltisch aufgestellt worden.
»Wie klein der Keller jetzt wirkt mit all den Möbeln«, bemerkte sie.
»Und nun zeige ich Ihnen mein Heiligtum!«, sagte van Basten und führte Eleonore Olbrich in seine Werkstatt.
»Wow!«, entfuhr es ihr, als sie den perfekt ausgestatteten Raum sah, den sie eher für das Domizil eines Künstlers als das eines Handwerkers gehalten hätte. »Aber was sollen diese beiden Gefriertruhen? Benötigen Sie die trotz des Kühlraumes, den Sie mir gerade gezeigt haben?«, wunderte sich die Innenarchitektin. »Die hier ist ja schon angeschlossen.«
»Oh Gott! Das ist natürlich ein Versehen. Wahrscheinlich hat einer der Handwerker das Teil an den Strom gehängt, weswegen sie jetzt erst eingeschaltet wurde, als ich die Sicherungen reingedreht habe«, klärte der Hausherr das Malheur auf. Er erklärte, dass er diese beiden Gefriertruhen wegen des Kühlraumes und des darin bereits eingebauten Gefrierschrankes nicht mehr benötige und eine davon vom Lieferanten umgehend abholen ließe … sowie er den Inhalt der darauf liegenden Kisten verräumt habe. Während er ihr den Weg in den Lagerraum wies, bekundete er, wie froh er war, dass nicht nur dieser Raum für länger haltbare Waren, sondern auch alles andere fertig sei und nun ausreichend Platz für gefrorenen Fisch, Muscheln, Austern, Geflügel und Fleisch zur Verfügung stünde.
»Immerhin koche ich selbst und verarbeite nur gute Produkte«, hatte er mit erhobenem Zeigefinger gesagt und damit Eleonore Olbrichs Neugierde befriedigt.
»Also müssen Sie keinen Koch einstellen?«
Der Hausherr schüttelte bestätigend den Kopf. »Nein, nur eine Küchenhilfe und einen Spüler.«
Zum Abschluss des kleinen Rundgangs hatte er sie darauf hingewiesen, dass sie sich nun gemeinsam voll und ganz dem eigentlichen Ausbau des Lokals und dessen Einrichtung zuwenden konnten. »Nun sind Sie am Zug!«, hatte er betont und die Frau zur Feier des Tages auf ein paar Bierchen in den nahe gelegenen »Domkeller« eingeladen.
»Aber nur kurz, mein Mann wartet zu Hause auf mich!«, sagte sie, nahm das Angebot jedoch gerne an.
Wie es der Zufall wollte, hatten sie sich in der urigen Kneipe so wohl gefühlt, dass sie nicht bemerkt hatten, wie die Zeit vergangen war. Dementsprechend hatten sie sich gut unterhalten, während sie ein Dom-Kölsch nach dem anderen getrunken hatten. Eleonore Olbrich wollte gerade zwei Bier auf ihren Deckel bestellen, als ihr von hinten die Augen zugehalten wurden.
»Angelika?« Sie vermutete ihre beste Freundin hinter dieser Überraschungsattacke. Aber es war nicht die stadtbekannte Rechtsmedizinerin, sondern Nashwa, eine liebenswerte, junge Ägypterin, die sie kurz darauf herzlich umarmte.
»Ich glaube es nicht! Nashwa, was tust du denn hier? Ich dachte, du bist längst nach Scharm asch-Schaich zurückgekehrt!«
»Ich war auch zu Hause im Sinai. Aber bei den Unruhen in meinem Land? Diese Idioten …«, damit meinte die junge Frau die Terroristen in Ägypten, »… ruinieren dort den ganzen Tourismus! Nein, da habe ich keinen Bock drauf. Ich studiere in Köln Tourismusmanagement«, verkündete sie, bevor sie Eleonores Begleiter einen verächtlichen Blick zuwarf und in schroffem Ton fragte: »Wer ist das?«
Nachdem Eleonore verstanden hatte, weswegen die ansonsten sanftmütige Nashwa sich derart abweisend verhielt, lachte sie herzhaft auf. »Ach, entschuldige bitte. Das ist Herr van Basten, vor dem musst du mich nicht schützen. Keine Sorge, zwischen Bert und mir ist alles in Ordnung! Herr van Basten ist lediglich mein derzeitiger Boss, einer meiner liebsten Auftraggeber.« Die Architektin zwinkerte ihm keck zu. »Er hat die ›Albrecht-Dürer-Stube‹ am Münsterplatz drüben gekauft und ich durfte für ihn den Innenausbau planen.« An den Mann an ihrer Seite gewandt erklärte sie, dass diese bildhübsche junge Dame die 21-jährige Nashwa Al-Thani sei, ein ehemaliges Au-pair-Mädchen, das vor einigen Jahren bei ihr zu Hause gearbeitet hatte. »Sieht sie nicht aus wie eine Madonna?«
Mit ihrer lebhaften Art hatte sie van Basten auf Anhieb in ihren Bann gezogen, und das trotz ihres frechen Auftritts zu Beginn ihres Zusammentreffens. Ihre seidenglänzenden Haare, das wie von Künstlerhand geschaffene Gesicht, die strahlenden braunen Augen und die makellose Figur, die sich unter dem dünnen Kleidchen abzeichnete, ließen wohl die Herzen der Männer höherschlagen, denen sie begegnete. Doch das kecke Aussehen täuschte; denn Nashwa hatte eine gute Erziehung genossen und war überdies stets vernünftig, sie ließ sich selten zu etwas hinreißen, das ihrem guten Ruf schaden könnte. Ihre Eltern in Scharm asch-Schaich wussten, dass sie sich in der Ferne hundertprozentig auf ihre innig geliebte Tochter verlassen konnten.
»Was trinken Sie?«, fragte der große Mann, dem die junge Frau gerade einmal bis zur Schulter reichte.
Er bekam von der Studentin zur Antwort, dass sie nichts trinken wolle, er sie aber gerne duzen dürfe.
»Also dann …«, nutzte die inzwischen ein wenig beschwipste Innenarchitektin beherzt die Gelegenheit und bot ihrem Auftraggeber ebenfalls das »Du« an.
*
Le Maires Ermittlungen waren nur zäh vorangekommen. Der leitende Hauptkommissar hatte seine Leute darauf angesetzt, die umliegenden niederländischen Städte und deren Umfeld auszuhorchen, in denen es Rotlichtbezirke gab.
Während sich Streifenpolizist Herbert Demonty die belgischen und deutschen Grenzorte zu den Niederlanden vorgenommen hatte und Pierre Vonderbank fast bis auf Höhe von Rotterdam gefahren war, hatte sich Agnès Devaux in Maastricht umgehört … und war beim dortigen »Schaufensterstrich« fündig geworden. Nach endlosem Herzeigen eines Fotos der Toten und unzähligen Befragungen in einschlägigen Gegenden hatte sie von einer Prostituierten erfahren, dass sie die junge Frau auf dem Foto zwar nicht besonders gut kennen würde, ihr aber schon einmal begegnet sei. Allerdings hatte die Frau den Namen ihrer Kollegin »vergessen« und auch nicht gewusst, wie alt sie war. Erst nachdem die Kriminalbeamtin mit einem Fünfziger nachgeholfen hatte, war die junge Frau damit herausgerückt.
»Die Frau auf dem Foto ist Sushila, eine Kollegin von mir. Warten Sie kurz; ja, sie heißt Perumal mit Nachnamen und ist 24 Jahre alt. Ich glaube, ihre Familie kam ursprünglich von den Molukken. Mehr weiß ich nicht, weil Sushila immer allein arbeitet. Sie sucht ihre Freier aber nur ›draußen‹. Hier in Maastricht hat sie kein Zimmer.«
»Was heißt das, sie arbeitet ›draußen‹? Geht sie auf den Straßenstrich?«, hatte Devaux nachgefragt und mühsam erfahren, dass dies bei Sushila etwas anders sei als bei ihr selbst, weil das Mordopfer eine Art »Wanderhure« gewesen sei, die nur »auftragsbezogen« mal hier, mal da gearbeitet hatte und nicht ortsgebunden war.
»Keine Verwandten, Freunde, Zuhälter?«
Die Prostituierte kaute gelangweilt auf ihrem Kaugummi herum und schüttelte den Kopf.
»Ich habe doch schon gesagt, dass Sushila ausschließlich allein arbeitet, sie ist glücklich damit!«
»Na ja, glücklich sieht anders aus, oder etwa nicht?«, knurrte Devaux und warf einen kurzen Blick auf das Foto. Weil sie spürte, dass Sushilas ehemalige Kollegin vielleicht doch noch etwas wissen konnte, hakte sie nach: »Wirklich kein Zuhälter oder ein anderer Macker?«
»Ah … ich verstehe!« Nachdem Devaux der breit grinsenden Prostituierten weitere 20 Euro in die Hand gedrückt hatte, bekam sie zur Antwort, dass da »schon mal« ein Mann war, den sie mit Sushila gesehen hatte. Sie konnte allerdings nicht sagen, ob es sich dabei um einen Freier oder um einen Zuhälter gehandelt hatte.
»Wie sah er aus?«, drängte Devaux, bekam aber nur »groß!« zur Antwort.
»Und? Weiter?«
»Ja, nix weiter! Sehr groß! Ich habe den Mann nur ein paarmal aus der Entfernung gesehen!«
Mehr war beim besten Willen nicht aus der jungen Frau herauszubringen. Deswegen zog Devaux ab, um in Maastrichts einschlägigen Gegenden und Kneipen weiterzurecherchieren.
Der Chef selbst indessen verfolgte zusammen mit Locki neben der DNA eine weitere interessante Spur: Während seine Sekretärin mit Unterstützung ihres Computers und mithilfe von Interpol alles tat, um den Gencode einem polizeibekannten Typen zuordnen zu können, kümmerte er sich um die Schlangenlederschuppen, die von der Spurensicherung an der verbliebenen Hand der Toten gefunden worden waren.
»Sie stammen von einem Schuh. Genauer gesagt, von dem rechten Stiefel, mit dem der Mörder auf ihrer Brust gestanden hat«, hatte Angelika ihm erklärt und dabei mit Jussuf Abdalleyahs neuerlicher Hilfe anschaulich demonstriert, wie sich die arme Frau mit ihrer linken Hand nach Leibeskräften gewehrt hatte, indem sie den Stiefel wegzudrücken versuchte. »Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass es sich um einen Stiefel und nicht um einen Schuh handelt, den das bedauernswerte Opfer trotz ihrer Schwäche so umklammert hatte, dass sogar ein paar der angeklebten Fingernägel abgebrochen sind!«
Als Fabienne Loquie ihrem Chef mitteilte, dass die DNA nicht amtsbekannt sei, beauftragte er sie damit, in sämtlichen Schuhläden des Dreiländerecks – beginnend in Maastricht – nach dem Verkauf von Schlangenlederstiefeln zu fragen. »Adressenrecherche übers Internet, Befragung übers Telefon! Größe 45; das kann doch nicht so schwer sein«, hatte er wegen des bisher mäßigen Erfolges geknurrt, bevor er grußlos das Kommissariat verlassen hatte.
Lockis kleine Lästerei – »Und was ist mit Amazon?« – hatte er geflissentlich überhört. Le Maire wusste, dass es, wenn überhaupt jemandem, nur seiner Sekretärin gelingen würde, die Herkunft der Schlangenlederstiefel herauszubekommen. Was täte ich nur ohne Locki?, hatte er sich gedacht und sich dabei trotz seiner miesen Laune ein stilles Lächeln abgerungen.
*
Die Suche nach einem Mann, der Schlangenlederstiefel trug und der vermutlich – so hatte Le Maire es sich aufgrund der Schuhgröße von einem forensischen Sachverständigen der Mordkommission Lüttich statistisch errechnen lassen – wahrscheinlich um die 1,90 Meter groß sein musste, lief auf Hochtouren. Während Locki seit Tagen mit Schuhherstellern landauf und landab sowie mit Schuhgeschäften im Umkreis von 50 Kilometern mailte, skypte, simste und telefonierte, durchforsteten Pierre und Devaux die Datenbanken nach groß gewachsenen Kriminellen, die ins Raster passen könnten. Weil dies bisher zu keinem Erfolg geführt hatte, verlor Le Maire die Geduld und ließ Herbert Demonty die Dateien nach sadistischen Triebtätern durchsuchen.
Weil er selbst diese Art der trockenen Schreibtischarbeit hasste wie die Pest, hatte er sich dazu entschlossen, ›Feldstudien‹ zu betreiben, indem er unter die Leute ging und nach großen Männern mit passendem Schuhwerk Ausschau hielt. Dabei konnte er gut nachdenken. Also meldete er sich für den Rest des Tages ab und fuhr nach Aachen, obwohl ihm klar war, dass der Mörder sicherlich nicht dort zu finden war. Aber wer wusste das schon?, dachte er sich.
Mit einer Zigarette im Mundwinkel und beiden Händen in den Hosentaschen schlenderte er durch die Altstadt seines neuen Wohnortes. Im Geiste ging er durch, was er wusste.
Clermont ist zwar belgisch, die Tote aber eine Niederländerin mit indonesischem Migrationshintergrund, fasste er seine Erkenntnisse in einem Satz zusammen.
Als er gerade die mit Menschenmassen durchzogene Adalbertstraße hinunterlief und über all den Köpfen einen Hinterkopf herausragen sah, riss es ihn. »Nein, das kann nicht sein«, grummelte er, während er versuchte, sich durch die entgegenkommenden Menschen schneller nach vorne zu drücken als diejenigen, die in dieselbe Richtung liefen wie er. Mit seinen 1,65 Meter hatte er es allerdings schwer, sich gegen die vielen Menschen durchzusetzen und den Abstand zu dem großen Mann zu verringern. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als zwischendurch hochzuhüpfen, um zu sehen, wohin der Unbekannte lief. Dabei kam er sich vor wie ein Ausdruckstänzer. »Merde!«, fluchte er und erwog sogar, seinen Dienstausweis zu zücken und »Polizei im Einsatz!« zu rufen, um schneller vorwärtszukommen. Dies erschien ihm dann aber doch etwas zu albern. Als Le Maire am Kugelbrunnen angelangt war, war der große Mann plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, einfach weg. Und weil sich dort die Einkaufsstraße gleich mehrfach teilte, wusste Le Maire nicht weiter. Er hatte im Moment keine Ahnung, was er tun sollte; mithilfe seines Aachener Kollegen Peter Dohmen eine Fahndung nach einem großen Mann herausgeben? So ein Schwachsinn, ich blamiere mich doch nicht ausgerechnet hier in Deutschland, besann er sich, während er verärgert auf dem Platz vor dem »Aquis Plaza« herumirrte. Er musste aufgeben, ob er wollte oder nicht. Obwohl es ihn ärgerte, war ihm klar, dass die Wahrscheinlichkeit winzig war, dass er hier in Aachen denjenigen großen Mann auf Anhieb gefunden hatte, den er und seine Leute mit Hochdruck suchten. Er beruhigte sich rasch wieder. Um ganz runterzukommen, beschloss er, sich erst einmal ein Bierchen zu gönnen. Aber wo, in Gottes Namen, gab es hier in Aachen ein belgisches Bier?
*
Frederic hatte sich tatsächlich bis zum Abend gedulden müssen, um sein geliebtes Jupiler genießen zu können. Er saß mit Angelika im »Sel et Poivre« in Eynatten, einem Geheimtipp im Aachener Umfeld mit einer hervorragenden Küche und fairen Preisen. Trotzdem mochte Frederic solche schicken Speiselokale nicht besonders. Aber wenigstens lag das beliebte Restaurant in Belgien, weswegen es dort belgisches Bier und – so hoffte er trotz des gehobenen Niveaus – auch belgische Fritten gab. Es ärgerte ihn, dass seinem Leibgericht irgendwie immer der Ruf anhaftete, eine hundsgewöhnliche Billigspeise zu sein, die von Ignoranten sogar als Fast Food bezeichnet wurde.
Trotz seiner nachmittäglichen Schlappe und des vermutlich megafeinen Essens, das ihn gleich erwarten würde, fühlte Frederic sich gut. Der Ober hatte ihm versichert, dass er anstatt Kroketten »selbstverständlich« auch Fritten bekommen würde. Dementsprechend gut gelaunt ging er nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Angelika saß allein da und betrachtete die wunderschöne Dekoration der gemütlichen Gaststube. Dabei hörte sie zufällig mit, wie ein Mann am Nebentisch der Frau, die ihm gegenübersaß, mehr oder weniger beiläufig erzählte, dass in Homburg in einem Garten direkt gegenüber der Brasserie »Grain d’Orge« eine Madonnenfigur aus Marmor gestohlen worden sei. Den Brauereigasthof kennen wir auch, dachte Angelika. Homburg lag nur etwa zehn Kilometer von Clermont, dem Fundort der Frauenleiche, entfernt. Angelika lauschte weiter, wie die Frau am Nebentisch über ihren nächsten Urlaub zu sprechen begann, der sie wohl nach Isny im Allgäu und an den Bodensee führen sollte.
»Ach, da bist du ja wieder«, bemerkte sie erfreut, als Frederic an den Tisch zurückkam. »Sag mal, was hältst du davon, wenn wir gelegentlich wieder nach Oberstaufen fahren, um uns dort ein paar Tage zu erholen?«
Frederics Augen begannen zu leuchten. »Eine gute Idee! Wir können dann bei Gustl …«
»Nein! Dieses Mal gehen wir nicht ins ›Hotel Tyrol‹!«, fuhr Angelika sofort dazwischen.
»Weshalb denn nicht?«, wunderte sich Frederic. »War etwas nicht in Ordnung, als wir im letzten Winter mit den Dohmens dort gewesen sind?«
»Im Gegenteil«, wehrte Angelika lachend ab. »Das Hotel ist in jeder Hinsicht top. Aber du versumpfst immer mit Gustls Stammgästen an der Hotelbar und ich kann schauen, wo ich bleibe!« Weil sie wusste, wie sie Frederic packen konnte, schlug sie ihm vor, bald mit Eleonore und Bert Olbrich zum Skilaufen in den etwas mondänen Allgäuer Tourismusort zu fahren. »Die Olbrichs waren gerade dort. Und laut Eleonores Aussage war es fantastisch. Die Wanderwege rund um Oberstaufen müssen grandios sein und …«
»Dann von mir aus lieber ohne die Olbrichs in ein anderes Hotel deiner Wahl!«, wehrte Frederic ab. Er mochte Angelikas Freundin Eleonore, aber Bert konnte er nicht lange ertragen. Der Psychologieprofessor nervte Frederic bei jedem Zusammentreffen von der ersten Sekunde an, weil er ihn und die anderen Leute um sich herum ständig zuschwafelte. Und weil der Schwätzer sich bei seinem Oberstaufen-Aufenthalt sicher ebenfalls mit dem Hotelchef Gustl angefreundet hatte, würden er und Eleonore wahrscheinlich nirgendwo anders absteigen, wenn sie in Oberstaufen wären. Ihnen blieb nichts übrig, als den Olbrichs nichts zu sagen und ein anderes Hotel zu nehmen. »Wir könnten doch zur Abwechslung einmal das Hotel ›Adler‹ buchen«, schlug er deswegen mit einem unverhohlenen Grinsen vor.
»Damit du mit Armin im ›Adlerhorst‹ abstürzen kannst? Meinst du, das ist dann besser für mich?«
Weil Frederic bemerkt hatte, dass er durchschaut worden war, musste er laut lachen. »Warum nicht? Der ›Adlerwirt‹ ist doch ein netter Kerl, oder?«
Das Lachen sollte ihm gleich wieder vergehen, denn Angelikas Handy klingelte. »Mademoiselle Loquie! Was kann ich für Sie tun? … Ja, er sitzt vor mir!« Mit strafendem Blick wandte sie sich an Frederic und rügte ihn, dass er den Akku seines Mobiltelefons nicht geladen hatte, bevor sie ihm ihr Handy über den Tisch reichte.
»Rufumleitung auf dein Handy? … Was? … Wo? … Herbert ist bereits unterwegs? Gut! … Hast du die Spurensicherung ebenfalls informiert? Gut! – Und du gehst jetzt ins Büro? Von mir aus! … Wir sind in einer Stunde vor Ort! … Garçon, la facture s’il vous plaît! … Nein! Nicht du, Locki! … Nein! Damit meinte ich den Ober! Ich sitze gerade mit Frau Dr. Laefers in einem Restaurant in Eynatten. Au revoir!«
»Nicht schon wieder, oder?« Aufgrund der wenigen Wortfetzen konnte Angelika sich zusammenreimen, um was es ging.
Frederic nickte mit zusammengekniffenen Lippen. »Doch. In Burg-Reuland.«
»Aber das liegt …«
»… im äußersten Osten der Provinz Lüttich. Etwa 80 Kilometer von hier! … Herr Ober, bezahlen bitte!«, rief er – da ihn der Kellner offensichtlich nicht verstanden hatte – nun auf Deutsch.
Kapitel 5
»Louis! Louis! Bist du da?« Obwohl sie von ihrem Auftraggeber drei Tage nach ihrem Versacken im »Domkeller« morgens um 9 Uhr herbestellt worden war und pünktlich vor der Tür stand, nützte Eleonores Klopfen und Rufen nichts. Ihr neuer Duzfreund schien nicht da zu sein. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu versuchen, Louis auf dem Handy zu erreichen. Und dies klappte auf Anhieb. »Wo bist du? Wir haben einen Termin! Ich stehe vor dem Lokal, klopfe wie wild und schreie mir die Lunge aus dem Leib!«
»Tut mir leid, ich habe dich nicht gehört. Ich bin hier! Einen Moment bitte.«
Kurz darauf öffnete Eleonores Auftraggeber die Haustür.
»Guten Morgen, Louis!«, rief sie ihm trotz der Warterei gut gelaunt entgegen, als sie den Gastraum betrat. Nach den inzwischen wohl schon obligatorischen Begrüßungsküsschen sagte sie: »Entschuldige bitte, dass ich gestern wegen eines anderen Kunden keine Zeit hatte – ein Notfall! Nun aber stehe ich dir wieder mit ganzer Kraft zur Verfügung! Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich!«
Louis van Basten grummelte ein »Schon in Ordnung« zurück.
»Geht es dir nicht gut? Hast du einen Kater vom Wochenende?«, hakte seine Innenarchitektin scherzend nach. Sie hatte sich schon bei der Begrüßung darüber gewundert, den ansonsten stets gepflegten Mann unrasiert und nicht gerade frisch riechend angetroffen zu haben.
»Alles in Ordnung, ich habe nur die ganze Nacht durchgearbeitet«, wehrte er ab und sagte zu ihr, dass man den Keller bis morgen nicht betreten könne, weil er die Wände gestern mit einem übel riechenden Lack überzogen habe. Dann räusperte er sich und teilte ihr mit, dass die Gefriertruhe auch schon abgeholt worden sei.
»Also brauche ich erst gar nicht in den Keller zu gehen und wir können uns ganz auf die Gestaltung des Lokals konzentrieren«, folgerte Eleonore erfreut, während Louis die Brandschutztür zum Keller abschloss.
Zwei Stunden lang hatten sie sich den Flur, die Küche, den Personalraum und die Toiletten vorgenommen und dabei immer wieder erneut rege diskutiert. Er war mit einem Meterstab bewaffnet, sie hatte ständig ihren Skizzenblock in der Hand, ihn aber lediglich im Flur zum Einsatz gebracht. Für Bleistiftnotizen, Berechnungen und dergleichen mussten die noch nicht neu bemalten Wände herhalten. Nachdem sie mit diesen Räumen fertig waren, ging es ans Eingemachte, die Einrichtung und die farbliche Gestaltung der Gasträume. Dazu hatte Eleonore bereits konkrete Vorstellungen. »Ich müsste allerdings wissen, wie die Mädchen und Jungs aussehen«, hatte sie in den Raum geworfen, weil immer noch nicht alle Heiligenfiguren da waren. Vor allen Dingen fehlten noch ein paar große Madonnen.
»Die zwölf Apostel aus Südtirol kommen dort hin«, sagte van Basten und zeigte zuerst auf die etwa 50 Zentimeter hohen neugotischen Figuren, die eingepackt auf einer Palette lagen. Dann zeigte er zum Wandfries, auf den die Figuren sollten.
»Sehr gut. Und den Fries machen wir dann in einem dunklen Blau und setzen ihn mit Blattgold ab wie die Sterne an der Decke«, legte Eleonore fest, während sie eine der Figuren auspackte, um deren Farben zu sehen. Anschließend bestimmte sie: »Dort kommen die Kirchenbänke hin und dorthin stellen wir den Beichtstuhl.«
»Gut! Und hier steht eine der beiden menschengroßen Madonnenfiguren, die ich gerne hätte«, ergänzte Louis, dem es sichtlich Freude bereitete, zusammen mit der Innenarchitektin kreativ herumzuspinnen.
»Wie viele Madonnenfiguren haben wir bisher?«, mochte Eleonore wissen.
»Zwei«, bekam sie zur Antwort.
»Und wo sind sie?« Die Innenarchitektin schaute sich um, konnte aber außer den bereits bekannten Heiligen und ein paar kleineren Madonnenfiguren keine große Statue finden.
»Die beiden Madonnen, die ich hier habe, sind in meiner Werkstatt, wo ich sie gerade restauriere. Sie sind im nazarenischen Stil bemalt und gut erhalten. Deswegen muss ich sie auch ›nur‹ restaurieren«, antwortete der Hausherr.
Aha, deshalb schaut er heute so verhauen aus, er hat sicher die ganze Nacht hindurch gemalt, dachte sich Eleonore. »Das ist gut. Denn bis auf eine goldene Madonna würden hier nicht viele einfarbige Figuren hereinpassen«, lobte die Innenarchitektin, mochte aber wissen, ob weitere Madonnen dazukämen. »Die schönste und größte Madonnenfigur muss dem Restaurantnamen entsprechend in Vollgold sein!«
»Jaja, ich weiß, die Corporate Identity! Lass dich überraschen!«, lachte der ehemalige Restaurator und Steinmetz, wurde aber schnell wieder ernst: »Lass mir nur ein bisschen Zeit! Okay?«
»Schon gut«, gab Eleonore sich zufrieden. »Im Moment muss ich lediglich wissen, wie viele ich insgesamt einplanen kann und wohin diese Kreuzwegtafeln sollen. Wie viele sind es?«
»Natürlich vollständig!«, antwortete van Basten. »14, wie es sich gehört. Ich würde vorschlagen, sie zu beiden Seiten des Flurs an die Wände zu hängen. Ich habe schon gemessen: Sie würden dort genau hinpassen.«
Eleonore nickte »Gut. Und nun komm mal her.« Sie wischte den Staub von einem der Tische und legte ihr iPad darauf. Auf dem Gerät begann sie, ein Bild nach dem anderen aufzurufen. »Das sind Kirchen und Kapellen im neugotischen Stil. Dazu passt der Nazarenerstil hervorragend. Das ist eine spannende Kunstrichtung, die deutsche Künstler zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und in Rom begründet haben. Die Bezeichnung kommt aus der Bibel. Mit diesem Begriff wurden die Anhänger Jesu nach dessen Kreuztod bezeichnet und …«
»Jetzt halt mal die Luft an!«, bremste Louis die Innenarchitektin aus, bevor sie vollends ins Schwärmen geriet. »Schon vergessen? Ich war mal Restaurator und kenne mich mit Stilrichtungen bestens aus.«
Kapitel 6
Zur selben Stunde saß Frederic Le Maire mit seinen Leuten im Besprechungszimmer des Kommissariats, um die bisherigen Ergebnisse in Bezug auf den neuen Mordfall von gestern Abend zu bündeln. Locki hatte zum obligatorischen Kaffee Croissants auf den Tisch gestellt, die allerdings bisher niemand angerührt hatte. Der gestrige Mord saß allen immer noch in den Knochen.
»Jetzt haben wir einen Serienmörder«, bemerkte Agnès Devaux.
»… der nun auch in Belgien sein Unwesen treibt«, ergänzte Herbert.
»Und es ist ein Beuteschema zu erkennen!«, kam der Chef zum Wesentlichen, nachdem sie alle Erkenntnisse vom Mord an der Frau zusammengefasst hatten, die am gestrigen Abend ein obdachloser älterer Mann an einer Mauer gegenüber der Pfarrkirche der 4.000-Einwohner-Gemeinde Burg-Reuland entdeckt hatte. Dabei war schnell offenkundig geworden, dass es sich um ein- und denselben Mörder handeln musste wie bei der ersten Toten in Clermont. Nicht nur wurde der tödliche Stich mit demselben Sägemesser in den Rücken geführt, ebenso wurde dieses Mal der linke Arm mit derselben Klinge amputiert. Zwischen den beiden Opfern gab es Gemeinsamkeiten. Laut ihrem Ausweis, den der Täter wahrscheinlich nicht gefunden hatte, weil das Dokument in einem ihrer knielangen Lackstiefel versteckt gewesen war, hieß die 21-jährige Tote Nursanti Ohaman. Das deutete auf einen Migrationshintergrund hin, wahrscheinlich aus den ehemaligen Kolonien, vielleicht auch indonesisch. Gemeldet war sie in Kerkrade. Und ihr äußeres Erscheinungsbild legte nahe, dass sie ebenfalls eine Prostituierte gewesen war. Wie bei der ersten Toten war auch ihre verbliebene Handfläche sorgsam auf ihre Scham gelegt, das Opfer war sitzend an die Mauer drapiert worden. Ihre Augen waren weit geöffnet und in Richtung des Kircheneinganges gerichtet. Alles deutete darauf hin, dass Devaux richtiglag und sie es nun mit einem Serienmörder zu tun hatten, und zwar mit einem psychopathischen, was allerdings genauer zu ergründen sein würde. Zunächst aber wollte Le Maire die Leiche sehen und mit Dr. Laefers sprechen.
»Und unser ›Spürhund‹ begibt sich nach Kerkrade, um das Umfeld der zweiten Toten zu ergründen«, warf Le Maire in den Raum.
»Wer, ich?«, fühlte sich Devaux angesprochen.
»Ja, du hast ja bereits die Identität der ersten Toten herausbekommen. Also betraue ich dich jetzt auch mit dieser Aufgabe«, kam es lobend aus dem Mund des knorrigen Einsatzleiters. »Und du, mein Freund Pierre, machst mit deiner Suche nach Neuigkeiten über das erste Mordopfer dort weiter, wo du deine Arbeit wegen der zweiten Toten unterbrochen hast. Herbert, du begibst dich wieder nach Burg-Reuland und schnüffelst dort herum, während ich nach Aachen zur Rechtsmedizin fahre.«
»Und was ist mit mir?« Locki machte auf Le Maire erneut einen beleidigten Eindruck, weswegen er nichts erwiderte. »Nehmen Sie sich wenigstens ein Croissant mit!«
»Also gut, du bleibst an unserem Cowboystiefel tragenden Mordverdächtigen dran, okay?«
*
Eine gute halbe Stunde später traf Le Maire in Aachen ein, wo bereits die Rechtsmedizinerin … und Peter Dohmen auf ihn warteten.
»Was ist mit dir, Peter?« Weil sein deutscher Kollege einen betrübten Eindruck auf ihn machte, klopfte Frederic ihm aufmunternd auf die Schulter.
»Ach!«, winkte Peter ab und zeigte zu den beiden Tischen, auf dem weibliche Leichen lagen. »Als wenn dies hier nicht reichen würde, hatten wir heute Nacht einen Einbruch in Aachen.«
»Bei wem?«
»Bei einem Juwelier am Büchel.«
»Wurde dort nicht schon mehrmals eingebrochen?«, wusste Le Maire, weil dies längst hinter der belgischen Grenze amtsbekannt geworden war.
»Ja«, bestätigte der Aachener Kriminalbeamte. »Unsere Mordkommission hat damit zwar nichts zu tun, musste aber für die Fahndung nach dem oder den Schuldigen ein paar Leute abstellen.«
»Schon komisch, oder?«
»Was meinst du, Frederic?«
»Na ja, dass bei ein und demselben Juwelier gleich mehrmals nacheinander eingebrochen wird.«
Bevor Peter Dohmen seine persönliche Einschätzung zu den Einbrüchen abgeben konnte, unterbrach die Rechtsmedizinerin die Unterhaltung der beiden. »Hallo? Hier spielt die Musik!« Angelika verzichtete auf ein Begrüßungsküsschen und führte den belgischen Mordermittler gleich zu einem von zwei Tischen, auf denen je eine weibliche Leiche lag. »Um es gleich vorab zu sagen: Wie schon bei der ersten Toten glaube ich nicht, dass der Mörder geschlechtliche Nähe zu ihr gesucht hat. Denn der letzte Verkehr liegt bei diesem Opfer mindestens zwölf Stunden zurück.«
»Aber das hat doch nichts zu sagen«, hielt Frederic dagegen, in der Hoffnung, hier möglicherweise DNA des Mörders zu bekommen.
Angelika musste seinen Enthusiasmus bremsen: »In diesem Fall schon. Sie hat sich danach gebadet oder geduscht. Dennoch habe ich Abstriche genommen.«
»Und?«, drängte Frederic.
Angelika schaute ihren Partner mit einem bedauernswerten Blick an, bevor sie ihm mitteilte, dass es sich leider in beiden Fällen um ältere Erbinformationen handelte. »Jedenfalls hatten beide Frauen bei ihren letzten Geschlechtsakten Kondome benutzt.«
»Merde!«
»Bevor du dich aufregst, kann ich dir sagen, dass die Frau nicht durch einen Stich in die Lunge, sondern durch einen tiefer angesetzten Stoß an inneren Blutungen gestorben ist.«
»Und was sagt mir das jetzt? Dass es ein- und derselbe Mann gewesen ist, der beide Frauen mit der gleichen ›Stichtechnik‹ ermordet hat?«
»Ja«, gab die Ärztin ihrem Partner recht und konkretisierte das Ganze: »Das zweite Opfer war größer als das erste. Deswegen hat der Mann in diesem Fall nicht die Lunge, sondern von schräg unten durch die rechte Niere hindurch die Leber durchstoßen. Dass dieser Stich ebenfalls von unten kam, zeigt der Stichkanal. Siehst du?«
»Das heißt, dass der Mörder bei Nursanti Ohaman genau so zugestochen hat, wie bei Sushila Perumal; nämlich mit dem Daumen der messerführenden Hand nach vorn.«
Wie schon beim ersten Mal setzte Dr. Laefers’ Assistent die Leiche auf, damit der Ermittler einen Blick auf deren Rückseite werfen konnte. Als dies erledigt war und der Leichnam wieder auf dem Rücken lag, zog Jussuf Abdalleyah das Laken von der anderen Leiche bis zum Unterleib zurück. Die Ärztin zeigte zuerst auf die Brust der Toten, dann zum Armstumpf, sagte aber nichts. Dies wiederholte sie bei der anderen Leiche.
Frederic betrachtete die schuhförmigen Hämatome und die Armstümpfe beider Leichen ganz genau, bevor er feststellte, dass es sich auf dem Brustkorb der neuen Leiche um einen linken Schuhabdruck handelte, besser ausgeprägt als beim ersten Opfer. »Außerdem sieht es so aus, als wenn der Arm hier nicht ganz so sauber abgetrennt wurde, wie bei der Toten nebenan«, bemerkte er knapp. »Hier musste der Mörder ein wenig über Kreuz arbeiten, weswegen sein Schnitt nicht so gut gelungen ist wie bei Sushila Perumal.« Dann klatschte er sich an die Stirn und verkündete triumphierend, dass der Mörder der beiden Frauen ein Linkshänder war.
Angelika nickte. »Höchstwahrscheinlich, ja.«
Dohmen klopfte ihm auf die Schulter. Le Maire wollte sich gleich mit dem nächsten Punkt befassen und die Psychologie des Mörders ergründen. »Gut ist, dass wir jetzt einen ganzen Schritt weiter sind. Schlecht ist allerdings, dass wir es mit einem gefährlichen Serienkiller zu tun haben«, stellte er abschließend fest, während Jussuf die beiden toten Körper bedeckte und damit begann, die Leiche mit der Zehennummer 2021-15/11 a in Richtung der Kühlfächer zu schieben.
*
»Weißt du was?«, meinte Frederic Angelika gegenüber, nachdem sein Aachener Kollege gegangen war.
Die Rechtsmedizinerin war gerade dabei, sich die Hände zu waschen. »Ich höre.«
»Herbert, mein Streifenpolizist, hat sich in Burg-Reuland mit Einheimischen unterhalten. Dabei hat er von einer Frau etwas Interessantes erfahren. Und das möchte ich mir gerne selber anhören.«
»Ja, und?«, wunderte sich Angelika wegen des euphorisch klingenden Tones.
»Was hältst du davon, mich zu begleiten? Ich lade dich dort ins Restaurant ›Rosen‹ ein, da soll es eine kleine, aber feine Karte geben …«
»… auf der auch Fritten stehen, stimmt’s?«
Ertappt blieb Frederic nichts anderes übrig, als zuzugeben, Locki »rein sicherheitshalber« darum gebeten zu haben, sich übers Internet in diesem Restaurant danach zu erkundigen, ob es dort auch Fritten zu den Speisen geben würde. »Was ist jetzt? Hast du Lust oder soll ich allein fahren?«
Dass Angelika zögerte, wunderte Frederic. Normalerweise war sie es, die ihn in feine Lokale schleppte, und nicht umgekehrt. Deswegen traute sie ihm nicht ganz über den Weg. Aber letztlich ließ sie sich auf das Abenteuer ein. Selbstverständlich nicht einfach so, das wäre auch zu leicht gewesen. »Gut!«, sagte sie. »Wir gehen aber rasch in die Alexanderstraße und kaufen dir einen neuen Mantel!« Immerhin stünde der Winter bevor und ein neuer Mantel sei schon letztes Jahr, im Grunde genommen früher, fällig gewesen. Frederic hatte resigniert genickt. Als wenn dies nicht schon genug wäre, rief ihm Angelika zu: »Ach, noch was!«
Auweia, jetzt kommt’s, befürchtete Frederic nicht zu Unrecht, weil er seine Partnerin allzu gut kannte. Wenn er geglaubt hatte, mit der Essenseinladung ihr einen Gefallen getan zu haben, würde er sich gleich getäuscht sehen, weil sie anderen eine Freude bereiten mochte. »Was ist denn, Schatz?«, antwortete er in schrecklicher Vorahnung kleinlaut.
»Wegen der Aufregung um die neue Leiche hatte ich ganz vergessen, dir zu sagen, dass Bert heute Geburtstag hat und uns …«
»Olbrich?«, schoss es entsetzt aus Frederic heraus.
»Welchen Bert kennst du sonst noch? Natürlich meine ich Eleonores Mann.« Bevor Angelika berichten konnte, dass sie am Abend von Bert zu einem kleinen Umtrunk eingeladen waren, warf Frederic hastig ein, dass er im Restaurant »Rosen« bereits einen Tisch reserviert hatte.
»Gut! Sehr gut sogar!«, kam es zu Frederics Verwunderung sofort zurück. »Dann ruf ich dort an und teil den Wirtsleuten mit, dass wir zu viert sind.« Kaum hatte Angelika dies ausgesprochen, suchte sie auch schon über ihr iPhone die Telefonnummer des Restaurants heraus. »Na also … Bonjour, Madame, hier Dr. Laefers aus Aachen. Auf den Namen Le Maire müssten für heute Abend zwei Plätze reserviert sein! … Ja, ich warte.«
In was habe ich mich da nur wieder reingeritten, seufzte Frederic in sich hinein.
»Was? Es liegt keine Reservierung vor?« Angelika schaute Frederic fragend an, der tat so, als würde er sich wundern. »Haben Sie denn vier Plätze frei? … Ja, ich warte wieder.«
Während die Wirtin gute 90 Kilometer entfernt checkte, ob Plätze zur Verfügung standen, nahm Angelika sich Frederic zur Brust. Sie ahnte, dass es kein Versehen des Lokals war, dass von Frederics Reservierung nichts bekannt war. »Du hast überhaupt keinen Tisch für uns zwei bestellt, stimmt’s?«, schnauzte sie ihn an.
»Aber ich wollte es heute Morgen machen, glaub mir bitte. Allerdings habe ich es dann – wie du Berts Einladung – wegen unseres neuen Falls schlicht und einfach vergessen. Es tut mir …«
»Ja, ich höre«, unterbrach Angelika mit einer erhobenen Hand, weil die Wirtin wieder dran war. »Super! … Was? … Auf den Namen Le Maire, Frederic Le Maire.« Sie schaute den Kommissar streng an, sprach dabei aber ohne Unterbrechung weiter. »Alles klar? … Dann also bis 19 Uhr. Ich danke Ihnen.«
»Da hast du noch mal Glück gehabt, mein Schatz!«, hauchte sie ihm trotz gefährlich blitzender Augen zu und streifte ihren Arztkittel ab. »Ich mache heute etwas früher Feierabend, Jussuf!«, rief sie ihrem Assistenten zu, bevor sie sich bei Frederic einhakte und ihn nach draußen zog.
Was kam, war zumindest aus Frederics Sicht kaum auszuhalten. Anstatt wie gehofft mit Angelika in Berts nagelneuem BMW hinten zu sitzen, musste er neben dem Piloten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Und dies hatte er Angelika zu verdanken, die während der Fahrt neben Eleonore sitzen wollte, damit sie sich mit ihr unterhalten konnte. Zuvor hatte sie sich vehement dagegen gesträubt, in Frederics mintfarbigen Citroën einzusteigen. Weil ihr kleiner Flitzer aber nur für zwei Personen Platz hatte, war Bert in die Bresche gesprungen und hatte angeboten, sein erst eine Woche altes »Wunderwerk der Computertechnik« zur Verfügung zu stellen.
»Mein bayerischer Freund braucht Bewegung!«, hatte er zu Angelika gesagt, nachdem Eleonore das Telefon an ihn weitergereicht hatte.
Berts großzügiges Angebot beinhaltete detailgenaue Erklärungen zu allem, was sein BMW konnte. Und Berts Neuerwerbung konnte weiß Gott viel, zu Frederics Leidwesen sogar zu viel. Dies nervte den Polizisten umso mehr, weil er mit der Computertechnik von Autos nichts am Hut hatte. Doch es nützte nichts; er musste sich die »Vorlesung« des Psychologieprofessors während der gesamten Stunde anhören, die sie von Aachen aus bis nach Burg-Reuland benötigten. Wie gerne hätte Frederic auch etwas von seiner 40 Jahre alten französischen »Göttin« erzählt, anstatt dem selbstgefälligen Geschwafel des allwissenden Angebers zuzuhören. Aber er hatte nicht die geringste Chance, Bert mitzuteilen, wie er an den alten Citroën gekommen war und was der alles konnte.
*
Kaum dass sie das Restaurant »Rosen« betreten und ihre Plätze eingenommen hatten, wurde ihnen von einem freundlichen Ober die Karte in die Hände gedrückt. »Einen Aperitif, die Herrschaften?«
Das geht ja schon wieder gut los, dachte sich Frederic und orderte trotz Angelikas scharfem Blick ein Bier.
Während sich die anderen Entenbrust, Scampi, Steinbutt oder Wachtelschenkel schmecken ließen, mochte es Frederic der Jahreszeit und seinem Naturell entsprechend eher etwas rustikaler. Also bestellte er sich zuvor ein Assortiment (»Wie sich das schon anhört!«) von herbstlichen Waldpilzen in Blätterteig an Kräuter-Knoblauch-Creme und als Hauptgang ein Steak vom Hirsch mit Saisonfrüchten und Wintergemüse. »… aber bitte mit Fritten!«
Angelikas neuerlich tadelnden Blick ignorierte Frederic. Stattdessen tupfte er sich ganz nonchalant den Mund ab und stand auf. »Entschuldigt mich bitte!«
Während sich die Frauen angeregt unterhielten, kam Bert ausnahmsweise einmal nicht zu Wort. Solange Frederic weg war, blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzuhören, wie Eleonore ihrer Freundin vom Restaurantumbau am Münsterplatz berichtete. Als sie Angelika von ihrem »tollen« Auftraggeber vorschwärmte, begann es in Bert zu brodeln. »Stell dir vor, wen ich getroffen habe, als ich mit Louis van Basten im ›Domkeller‹ gewesen bin …«
»Wen? – Nun sag schon«, drängte Angelika.
»Kannst du dich an mein Au-pair-Mädchen erinnern?«
»An Nashwa? Klar kann ich mich an das süße Mädchen erinnern!«
»Ja?« Eleonores Augen strahlten freudig. »Nashwa und ich haben ausgemacht, dass wir uns morgen in aller Ruhe auf ein Schwätzchen treffen. Nur wir zwei!«
Aber anstatt sich über Nashwa zu erkundigen, stockte Angelika. Sie war nervös geworden. Unruhig schaute sie sich um. Sie wunderte sich darüber, dass Frederic so lange auf der Toilette war. Als er nach ein paar weiteren Minuten immer noch nicht zurück war, entschuldigte sie sich bei den Olbrichs und stand auf, um ihn zu suchen. Nachdem sie erfolglos an die Toilettentür geklopft hatte, ging sie nach draußen, wo sich ein paar Raucher um einen Aschenkübel herum zusammengefunden hatten. Frederic war nicht dabei. Nunmehr gänzlich beunruhigt, eilte sie in den Flur zurück. Da hörte sie um die Ecke Stimmen. Das ist er, dachte sie zunächst erleichtert. Und die andere Stimme kenne ich vom Telefon. Aber was hat Frederic mit der Wirtin zu schaffen? Verheimlicht er mir etwas? Derart getrieben, konnte sie es nicht lassen, die beiden zu belauschen. Leider bekam sie nichts mehr vom Gespräch mit, weil ausgerechnet in diesem Augenblick Bert auf sie zukam und wissen mochte, was sie hier im Flur tat und wo Frederic sei.
Kurz darauf hatten sich alle wieder an ihrem Tisch eingefunden. Während Bert das Wort an sich gerissen hatte und auf Frederic einredete, suchten Angelikas Augen den Blick ihres Partners. Die erregte Frau hoffte, etwas daraus lesen zu können. Aber Frederic schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Jedenfalls verhielt er sich wie immer, wenn sie mit den Olbrichs zusammen waren: Er hörte Bert mehr oder weniger geduldig zu.
Eleonore fragte ihre Freundin, ob sie nun von Nashwa weitererzählen dürfe.
»Ja! Selbstverständlich! Was ist aus der kleinen Maus geworden?«
»›Kleine Maus‹? Von wegen …«
Während sich die beiden Damen ein Glas des neu eingetroffenen Vincent Lamboureux gönnten, eines exzellenten Champagner Pinot Noir Blanc de Noirs, blieb Frederic trotz mehrmals hartnäckiger Nachfrage des Obers beim Bier und Bert wegen des Fahrens beim obligatorischen Mineralwasser.
Schon etwas angesäuselt war Eleonore wieder auf ihr aktuelles Einrichtungsobjekt gekommen. In einem wahren Wortschwall erzählte sie derart detailgenau vom künftigen Restaurant »Zur Goldenen Madonna«, dass Frederic und Angelika glaubten, Bert zuzuhören. Dies änderte aber nichts daran, dass die beiden überaus interessant fanden, was Eleonore berichtete. Frederic genoss es, dass ausgerechnet Berts Frau ihrem Mann zumindest für ein Weilchen einen Maulkorb aufgesetzt hatte. Als der Kriminalhauptkommissar hörte, wie das neue Lokal nach dem Umbau heißen und dass es mit unzähligen Heiligenfiguren bestückt werden solle, war er neugierig geworden.
»Wisst ihr, dass im Oktober in Vaals eine Madonnenstatue gestohlen wurde?«
»Ich weiß auch etwas!«, schoss es aus Angelika hervor, der in diesem Moment das Gespräch im »Sel et Poivre« einfiel.
Die Blicke der drei waren voll und ganz auf Angelika gerichtet. Sie berichtete, dass in Homburg vor Kurzem ebenfalls eine Steinmadonna verschwunden war. »Stellt euch vor, direkt gegenüber des ›Grain d’Orge‹!«
»Du meinst den Brauereigasthof, in dem wir schon mal waren?«
»Genau«, entgegnete Angelika.
»Dann sind es ja schon zwei Madonnenfiguren, die in unserem Umfeld gestohlen wurden«, bemerkte Eleonore in Erinnerung daran, dass ihr Auftraggeber bisher zwei Madonnenfiguren besorgt hatte. Um keine unnötige Unruhe aufkommen zu lassen, behielt sie das für sich. Sie fragte nur, wie die Figuren aussahen.
»Unbemalt!«, schoss es fast gleichzeitig aus Frederic und Angelika heraus.
Weil Frederic konkretisierte, dass »seine« Figur aus Blaustein war, setzte auch Angelika nach: »Ich glaube, ›meine‹ Figur war aus Marmor.«
»Hat dein Auftraggeber auch Madonnenfiguren in seinem Lokal?«
Weil Eleonore sicher war, dass van Basten nichts mit den Diebstählen zu tun hatte, bejahte sie und erklärte, dass »ihre« Figuren im nazarenischen Stil bemalt seien.
Die beiden Paare unterhielten sich noch lange über dieses Thema und einige andere Dinge, bevor sie den Abend gemütlich ausklingen ließen.
Kapitel 7
»Kaffee?«, säuselte Locki ihrem Chef betont leise entgegen. Sie hatte bemerkt, dass er einen schweren Kopf hatte.
Was würde ich nur ohne sie machen?, dachte sich Le Maire, während er auf den Besprechungsraum zuging, ohne zuerst sein Büro anzusteuern. Was dies hieß, wussten seine Mitarbeiter: außerordentliche Besprechung!
»Wie sieht es aus?«, knurrte er über den Tisch, während seine Augen erfolglos die Croissant-Schüssel suchten. »Also nichts Neues!«, resümierte er, nachdem seine Leute ihm der Reihe nach berichtet hatten, wie sie bei ihrer Suche nach dem vermeintlichen Mörder vorangekommen waren. »Ist das alles?«
Als sich für einen Moment ein lähmendes Schweigen breitmachte, schnippte Locki mit den Fingern.
»Was ist?« Le Maire war aufgrund des Gehörten ruppiger, als er es beabsichtigt hatte. Gestern hatte er mit Angelika wegen einer Kleinigkeit gestritten, nachdem sie von den Olbrichs nach Hause gebracht worden waren. Das Liegen auf der Couch hatte ihm nicht gerade gefallen. Zuerst war Angelika sauer gewesen, weil sie gedacht hatte, er hätte mit der aparten Wirtin angebandelt. Nachdem Frederic den Grund für das Gespräch im Flur des »Rosen« aufgeklärt hatte, war sie sauer geworden, weil er sie ihrer Meinung nach nur deswegen zum Essen eingeladen hatte, um von der Wirtin in Erfahrung zu bringen, ob sie was zur Lösung des Mordfalles in Burg-Reuland beitragen konnte. Dabei hatte er doch lediglich von ihr selbst hören wollen, was sie bereits Herbert erzählt hatte, und das wusste Angelika auch, schließlich hatte er es ihr gesagt, bevor er sie eingeladen hatte. Jedes Detail des Mannes war wichtig, den die Wirtin in Burg-Reuland um den Friedhof und um die Kirche herumschleichen gesehen hatte, einige Stunden bevor die zweite Leiche gefunden worden war. Da verstehe einer die Frauen, hatte Frederic sich gedacht, als ihm Angelika eine Wolldecke zugeworfen hatte und er damit im Wohnzimmer verschwunden war.
»Also, Locki, was ist nun?«, drängte der Chef, der seine Mitarbeiter über das im »Rosen« erworbene Wissen und über seine neue Ermittlungsstrategie in Kenntnis setzen wollte. Dementsprechend musste er seine eigenen Leute einteilen und zusätzliche Kollegen aus den umliegenden Polizeistationen oder aus Lüttich anfordern.
Anstatt eine Antwort zu geben, ging die Sekretärin wortlos ins Chefbüro und holte die Blätter, die sie ihm gestern kurz vor Feierabend auf den Schreibtisch gelegt hatte.
Le Maire rollte genervt mit den Augen.
»Hier, Chef!«, zischte Locki wegen der mangelnden Wertschätzung ihr gegenüber.
»Was ist das?«
»Das Ergebnis meiner Recherchen!«
Je länger Le Maire die Ausdrucke betrachtete, umso heller wurde seine Miene. »Nicht schlecht.«
Jetzt reichte es Fabienne Loquie. »Nicht schlecht?«, hallte es durch sämtliche Räume des Kommissariats. »Sie haben wohl nicht …«
»Schon gut, Locki!«, besänftigte Le Maire seine Sekretärin, bevor sie richtig loslegen konnte. Er wusste, dass sie jahrein, jahraus alles für ihn und für das Kommissariat tat und immer da war, wenn sie gebraucht wurde. Er wusste aber auch, dass die kleine Frau hochgehen konnte wie eine Rakete, wenn ihre Arbeit nicht genug anerkannt wurde oder zu wenig Wertschätzung fand. Also bat er sie höflich, ihn und die anderen am Ergebnis ihrer Recherchen teilhaben zu lassen.
Nachdem die junge Frau allen Kaffee nachgeschenkt und sich dabei etwas beruhigt hatte, verteilte sie die Ergebnisse an die Polizisten und berichtete, dass im Umkreis von 70 Kilometern in letzter Zeit lediglich fünf paar Schlangenlederstiefel der Größe 45 verkauft worden waren, weil es scheinbar nicht allzu viele Menschen mit großen Füßen gab, die sich ein solch auffälliges Schuhzeug zulegten. »Und ich habe kein einziges Schuhgeschäft ausgelassen … hoffe ich zumindest.«
Nachdem sie fertiggesprochen hatte, gab es den verdienten Beifall des Beamtenkollegiums.
Aufgrund der neuen Erkenntnisse sah Le Maire es als viel versprechend an, sich vordergründig auf den Träger der auffälligen Cowboystiefel zu konzentrieren. Also nahm er Lockis Ausdrucke in die Hände und teilte seine Leute ein: »Devaux! Du fährst nach Bütgenbach zum ›Schuhhaus Lejoly‹! Die Adresse lautet Zur Domäne 29.«
Le Maire erzählte anschließend, was ihm die Chefin des »Rosen« in Burg-Reuland berichtet hatte. Sie sei sicher, dass sie den großen Mann mit dem sonnengebräunten Gesicht, seinem Dreitagebart, den langen blonden Haaren und den auffälligen Stiefeln wiedererkennen würde. Ihr waren sogar die weißen Streifen an dessen Jeans und das rote Emblem auf der rechten Gesäßtasche im Gedächtnis geblieben. Allerdings konnte sie das Motiv nicht beschreiben. »Locki, veranlass bitte, dass der Phantomzeichner umgehend zu ihr fährt.«
Stolz darauf, sich als Teil des Ermittlerteams fühlen zu können und wichtige Beiträge geleistet zu haben, eilte sie zum Telefon.
Weil Bütgenbach so nah am Auffindungsort der zweiten Toten lag, erwog Le Maire für einen kurzen Moment, selbst dort hinzufahren. Als ihm Angelikas Eifersucht in den Sinn kam, verwarf er diesen Gedanken so schnell, wie er gekommen war, und beließ es bei der Einteilung, die er sich vorgenommen hatte.
»Pierre! Du fährst nach Lüttich zum Schuhgeschäft ›Snipes‹! Moment … Boulevard Raymond Poincaré 7.«
»Ist gut, Chef!«
»Und du, mein lieber Herbert, ab nach Kerkrade zum Schuhgeschäft ›Scapino‹! Warte … Die Adresse lautet Hoofdstraat 8. Geh bitte in Zivil. Und ich steuere zuerst Vaals an …« Le Maire musste wieder auf einem der Blätter nachsehen »… und besuche dort ›Stef Shoes‹ in der Tyrellsestraat 7. Danach fahre ich nach Aachen-Brand zum ›Schuhhaus Hermanns‹ in die Trierer Straße 742.«
Nachdem die drei abgezogen waren, ging er ins Sekretariat, um sich bei Locki zu bedanken.
»Schon gut, Chef, alles klar. Ich versuche, den Phantomzeichner in Lüttich zu informieren, und bin dabei den ganzen Tag im Büro erreichbar. Au revoir!«
»Au revoir, Locki!«
*
Im künftigen Restaurant »Zur Goldenen Madonna« in Aachen gingen die Arbeiten zügig voran. Die Leuchtreklamefirma hatte sogar schon die dreidimensionalen Metallbuchstaben für den Fries oberhalb des Restauranteinganges geliefert.
Die Innenarchitektin hatte das Ineinandergreifen der verschiedenen Handwerker wie immer professionell im Griff. Kaum dass ein Klempner oder ein Elektriker die Wände aufgeschlitzt, darin Rohre oder Kabel verlegt hatte, waren sie vom Hausherrn höchstpersönlich sauber verputzt worden. Der Maurer und die Schreiner arbeiteten ebenso Hand in Hand wie Eleonore mit ihrem Auftraggeber, der momentan damit beschäftigt war, Ränder an der Decke und an den Wänden abzukleben. Lediglich die überall herumliegenden und herumstehenden Heiligenfiguren gingen immer wieder im Weg um. Aber auch daraus machte niemand ein wirkliches Problem. Nur Eleonore Olbrich hatte eins. Ihr hatte die Sache, die sie über die gestohlenen Madonnenfiguren gehört hatte, einfach nicht aus dem Kopf gehen wollen. Also überlegte sie, wie sie van Basten unauffällig auf die beiden Skulpturen ansprechen sollte, die er im Keller restaurierte. Da kam ihr die zündende Idee, die Rechnungen dafür einzufordern. Es war schließlich ihre Aufgabe, sämtlichen Schriftverkehr auf inhaltliche Richtigkeit zu kontrollieren und abzuzeichnen. Also nutzte sie die gemeinsame Mittagspause, um ihren Auftraggeber damit zu konfrontieren: »Louis, mir fällt gerade ein, dass mir die Rechnungen der Leuchtreklamefirma, des Kühlhauseinbauers und der beiden Madonnenfiguren fehlen. Hast du auch die Quittungen für Farben, Pinsel und das andere Kleinzeug, das du im Baumarkt geholt hast?«
»Kein Problem, Eleonore«, antwortete Louis. »Ich bin froh, dass ich damit nichts zu tun habe und du die eingehenden Rechnungen kontrollierst. Ich habe alles sorgsam gesammelt und kann sie dir morgen mitbringen. Aber sag mal, du machst irgendwie einen ernsten Eindruck. Ist etwas?«
»Nein, nein, Louis!«, wehrte Eleonore ab, die mit dieser spontanen Antwort mehr als zufrieden war. Ihr bisheriger Gedanke, dass ihr Auftraggeber und nunmehriger Duzfreund Louis van Basten ein Madonnendieb sein könnte, war für sie unerträglich gewesen. Nun konnte sie einigermaßen zufrieden sein. Wenn sie am kommenden Tag die Rechnungen für die beiden Figuren in Händen hielt, wäre die Sache vergessen.
Während sie sich über dies und das unterhielten, blätterte Eleonore nebenbei in der »La Libre Belgique«, die wohl einer der belgischen Handwerker mitgebracht und auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Dabei glaubte sie, ihren Augen nicht zu trauen, als sie eine kleine Notiz sah, in der beschrieben wurde, dass in Antwerpen aus dem Garten eines privaten Anwesens heraus eine Madonnenstatue entwendet worden war. Nachdem sie die kurze Pressenotiz gelesen und dabei festgestellt hatte, dass dies am Samstagabend zwischen 20 und 22 Uhr gewesen war, blähte sie die Wangen und stieß erleichtert Luft aus.
»Ist etwas nicht in Ordnung, Eleonore?«, mochte Louis wissen, dem Eleonores Reaktion nicht entgangen war.
»Nein, nein! Alles bestens!«, tat Eleonore das Gelesene ab. »Was es auf dieser Welt nicht alles gibt!«
»Du musst nicht alles glauben, was in der Zeitung steht«, lachte Louis.
Weil in diesem Moment der Elektriker eine Frage an den Auftraggeber hatte und Louis mit ihm fortging, war es dem Bauherrn nicht möglich nachzuhaken. Eleonore war nicht nur darüber froh. Die aufgewühlte Frau war nun gänzlich erleichtert, dass Louis van Basten keinesfalls der gesuchte Madonnendieb sein konnte, weil er am Samstagabend um die bewusste Zeit mit ihr und ihrem ehemaligen Au-pair-Mädchen Nashwa im »Domkeller« versumpft war. Dabei war Nashwa nur in Eleonores Nähe geblieben, um auf sie achten zu können. Die junge Frau selbst hatte keinen Tropfen Alkohol getrunken.
»Also, wie geht es mit den Sitzecken weiter?«, mochte der an den Tisch zurückgekehrte künftige Wirt nach der Mittagspause von seiner Architektin wissen.
Bevor die Frau antworten konnte, mischte sich der Tischlermeister ein, der mit seinen beiden Leuten ebenfalls gerade die Brotzeit beendete. »Die Seitenteile sind gestern von der Ablaugfirma zurückgekommen und werden bereits in meiner Werkstatt gebeizt, bevor sie glatt geschliffen werden, während andere meiner Mitarbeiter schon damit beschäftigt sind, die Bänke herzustellen und dann mit den Seitenteilen zu verzapfen.«
»Das heißt also, dass sie einbaubereit sind, wenn die Malerarbeiten beendet wurden?«
Der Tischler aus Hergenrath musste lachen. »Wenn ich mich so umsehe, sind die Sitzbänke weit vorher fertig, bevor die Wände Farbe gesehen haben.«
»Nicht so frech, junger Mann!«, scherzte van Basten, der sich selbst eingestand, noch viel Arbeit vor sich zu haben, weswegen er wohl ein paar Nachtschichten würde einlegen müssen. »Ich bekomme das hin!«, versprach er Eleonore, die von Anfang an dafür plädiert hatte, einen örtlichen Anstreicher mit den Malerarbeiten zu beauftragen, um den geplanten Starttermin des Restaurants anlässlich der Eröffnung des Öcher Weihnachtsmarktes nicht zu gefährden. Louis hatte jedoch darauf bestanden, den künstlerischen Part selbst zu übernehmen. Das war von vorneherein klar gewesen – immerhin war er ein begnadeter Handwerker, der sich in früheren Jahren sogar an heikle Stuckarbeiten gewagt hatte.
*
Bevor er nach Vaals fuhr, rief Frederic in der Rechtsmedizin an, weil er mit Angelika gemeinsam die »De Zwarte Madonna« aufsuchen wollte. So ganz waren ihm die Madonnendiebstähle nicht aus dem Kopf gegangen. Während sie sprachen, fiel ihm ein, dass er sich auch die »Goldene Madonna« in Aachen in diesem Zusammenhang einmal ansehen könnte. So bat er Angelika, bei Eleonore anzurufen, um zu erfahren, ob sie auf der Baustelle war und ob sie kurz vorbeikommen dürften. Und dies hatte Angelika allzu gerne getan.
Eine gute halbe Stunde später standen die beiden vor van Bastens Haus, wo sie bereits von Eleonore Olbrich erwartet wurden.
»Entschuldige, meine Liebe! Ich wollte mir einfach mal ansehen, wovon du mir in Burg-Reuland so vorgeschwärmt hast. Du hast mich neugierig gemacht.« Mit dieser Begrüßung hatte Angelika ein eventuelles Misstrauen Frederic gegenüber wegen seines Jobs gar nicht erst aufkommen lassen. Er hatte ihr gesagt, weswegen ihn das neue Lokal interessierte. »Ich hoffe nur, es gefällt dir, wenn es fertig ist und wir dorthin zum Essen gehen können«, hatte Angelika ihm ins Ohr geflüstert.
Nach der unvermeidlichen Bussibegrüßung, die Frederic hasste wie die Pest, bat Eleonore die beiden in die Gaststube, wo sie auf den Hausherrn stießen, der gleich seine Knöpfe aus den Ohren nahm, um die beiden zu begrüßen.
»Das ist mein Auftraggeber Louis van Basten. Und das sind meine besten Freunde, die Le Maires. Angelika ist Rechtsmedizinerin hier in Aachen und Frederic ist belgischer Kriminalpolizist.«
»… der in Deutschland nichts zu sagen hat«, tat Frederic Eleonores Aussage ab und reichte van Basten freundlich lächelnd die Hand. Weil der Mann geschätzte 1,90 Meter groß war, musste der Belgier zum Niederländer hochschauen. »Sie sind also der künftige ›Madonnenwirt‹, von dem uns Eleonore schon so viel erzählt hat.«
»Ich hoffe, nur Gutes!«, scherzte van Basten und streckte einen Arm mit geöffneter Handfläche von sich. Dann räusperte er sich und forderte die anderen auf, ihm zu folgen: »Kommen Sie, ich zeige Ihnen gerne den aktuellen Stand der Renovierung.«
Mit sichtbarer Freude und unverhohlenem Stolz führte der Hausherr die beiden durch das ganze Lokal und erklärte ihnen jeden einzelnen Schritt der Umbaumaßnahmen. Er führte sie sogar in den Keller hinunter, um ihnen seine Werkstatt zu zeigen. »Diese ›Nazarenermadonna‹ hier ist fast fertig restauriert«, erklärte er, während er auf eine buntbemalte Figur zeigte.
»Wahnsinn, wie die Farben strahlen! Ist sie neu bemalt?«, mochte Frederic wissen.
»Nein«, antwortete anstatt des Hausherrn dessen Architektin. »Louis hat sie nur restauriert und den alten Glanz hervorgeholt.«
»Bis auf das Gold. Zerstörtes oder abgeriebenes Gold kann man nicht mehr gut zum Glänzen bringen«, warf van Basten ein und erklärte, dass alles, was im Moment gelb grundiert sei, blattvergoldet werden würde. »Das mache ich, wenn ich diese große Madonna hier komplett vergolde!« Er zeigte zu einer überlebensgroßen Statue, deren Form sich unter einem Leintuch abzeichnete. »Um sie mit Blattgold versehen zu können, muss ich erst den Rest der abblätternden Farbe abschleifen.«
»Mit diesen Flaschenzügen hier können Sie Ihre Statuen bewegen?«, interessierte den Ermittler.
»Ja. Das alles habe ich für sündhaft teures Geld einbauen lassen, weil ich wieder Freude am Restaurieren gefunden habe. Damit kann ich künftig all meine Neuerwerbungen selbst herrichten. Und wenn die Gäste etwas davon interessiert, können sie es mir direkt aus dem Lokal heraus abkaufen … natürlich nicht alle Teile. Meine ›Goldmadonna‹ ist zum Beispiel unverkäuflich!«, verkündete er und zeigte zur Außenwand. »Und mit diesem speziellen Lastenaufzug dort kann ich alles herunter und wieder nach oben befördern.«
»Alles?«, fragte Le Maire.
Obwohl er den Sinn der Frage nicht verstand, nickte van Basten.
Der belgische Schnüffler schaute sich den monströs auf ihn wirkenden Aufzug genauer an. »Darin hat ja ein Elefant Platz«, bemerkte er voller Respekt.
»Ich weiß«, antwortete van Basten mit einem Lächeln auf den Lippen und schilderte, dass er ihn günstig bei einer Firmenauflösung ersteigert hatte. »Der Einbau war teurer als das Teil selbst. So, nun aber genug geschwatzt. Ich lade euch auf einen Kaffee in den ›Elisenbrunnen‹ ein.«
*
»Eleonores Auftraggeber scheint ja ein netter Kerl zu sein«, bemerkte Angelika sichtlich angetan, als sie eine gute Stunde später im Auto saßen und auf dem Weg nach Vaals waren. Das ermittelnde »Dream-Team« hielt direkt auf den Parkplatz des Cafés »De Zwarte Madonna« zu, von wo aus sie gleich ins Lokal gingen. Dort sah es so ähnlich aus, wie in van Bastens »Goldener Madonna«, nur aufgeräumter. Überall befanden sich Heiligenfiguren, -bilder und -devotionalien. Alles war so, wie es Angelika von ihrem letzten Besuch vor ein paar Jahren in Erinnerung hatte. Sogar der Beichtstuhl stand noch da, wo er seinerzeit schon gestanden hatte.
»So ähnlich möchte van Basten sein Restaurant also einrichten«, stellte Frederic fest. Angelika erinnerte ihn, dass Eleonores Auftraggeber seine Inspiration von einem Lokal in Antwerpen hatte.
»Ist das nicht das Gleiche?« Er kannte das »Elfde Gebod« in Antwerpen und sah keine großen Unterschiede zwischen den drei »Madonnenpubs«, wie er es ausdrückte.
Während der belgische Polizist darauf wartete, den Wirt oder die Wirtin sprechen zu können, klopfte er ungeduldig mit einer Handfläche auf die Theke.
»Der Chef ist im Museum drüben«, sagte eine freundliche Bedienung, die sein Begehr zu erahnen schien. Dabei zeigte sie zur ehemaligen Klosterkapelle hinüber.
»Wahnsinn! Hier sind ja mehr Heiligenfiguren als im Lokal!«, stellte Frederic im Devotionalienmuseum fest, während er dem Wirt der »Schwarzen Madonna« seinen Dienstausweis unter die Nase hielt.
»Was möchte ein belgischer Polizist von einem unbescholtenen niederländischen Staatsbürger?«, wunderte sich der Kurator der unzähligen Statuen. Das Opfer des Madonnendiebstahls schien sich nicht sonderlich darüber zu freuen, dass sich die Polizei um die gesetzeswidrige Entwendung auf seinem Gelände kümmerte – im Gegenteil. »Was wollt ihr schon wieder von mir?«, schnarrte es dem Kriminalhauptkommissar in nunmehr genervtem Ton entgegen. »Habt ihr den Dieb endlich gefasst?«
Der Mann führte den Polizisten und dessen Begleiterin in den kleinen Park zwischen dem Café und dem Museum, wo im Oktober die Madonnenfigur gestohlen worden war. »Hier hat sie gestanden!«
Frederic und Angelika schauten sich erstaunt an. »Aber hier steht doch eine Madonna«, wunderte sich der Ermittler und erfuhr, dass die gestohlene Figur schon längst ersetzt war.
»So schnell? Ist es nicht schwierig, an solche Statuen zu kommen?«, wunderte sich Le Maire.
Der Wirt nickte. »Doch schon!«
»Und wo haben Sie dann diese Figur herbekommen?«
Nun musste der Wirt lachen. »Glauben Sie, dass ich Ihnen meine Lieferanten verrate?«
»Dann geben Sie mir bitte ein Foto der gestohlenen Figur …«, knurrte Le Maire.
»Schon wieder? Ihr habt doch bereits eins!«, wunderte sich der Wirt.
Während er auf die Rückkehr des Mannes wartete, sagte Frederic zu Angelika, dass es sich bei dieser Ersatzstatue um eine gestohlene Madonna handeln könnte. »Weißt du was? Ich glaube, das mit den geklauten Madonnen ist mir doch zu dumm!«
»Das sehe ich auch so! Aber du wirst doch wohl noch auf das Foto warten, oder?«
Frederic zündete sich eine Zigarette an und nickte.
Kurz darauf kam der Mann zurück und drückte ihm ein Foto der gestohlenen Madonna in die Hände, das der Ermittler gleich betrachtete. »Aber … Ist das alles? Da kann man ja kaum etwas erkennen! Haben Sie kein besseres Bild?«
Der Mann schüttelte nur den Kopf.
Le Maire verabschiedete sich frustriert.
»Auf Wiedersehen!«, sagte Angelika auf Deutsch, worauf ein »Tot ziens!« vom grinsenden Museumswirt zurückkam.
»Das war nicht sehr ergiebig!«, ärgerte sich Frederic, als sie das Auto in der Tiefgarage unter einem Supermarkt am Prinz Willem Alexanderplein parkten, um von dort aus das Schuhgeschäft aufzusuchen, in dem er sich über den Käufer eines Schlangenlederstiefels erkundigen wollte. »Eine Viertelstunde lang freies Parken«, freute er sich. »Dann lass uns schnell machen!«
*
Zehn Minuten später wusste der Mordermittler, dass er nicht mehr wusste als zuvor. Die Verkäuferin konnte sich immerhin daran erinnern, eines dieser seltenen Teile verkauft zu haben, weil es das einzige Paar dieser Art und Größe gewesen sei, das die Chefin »versehentlich« mitbestellt hatte.
»Wenn Sie sich schon daran erinnern, dass Sie dieses Paar Schlangenlederstiefel verkauft haben, müssen Sie sich doch an den sicherlich auffälligen Käufer erinnern …«
Frederic Le Maire konnte die Verkäuferin fragen, was er mochte, der Mittfünfzigerin war nicht mehr zu entlocken, sie konnte sich an rein gar nichts erinnern.
»Dennoch vielen Dank.« Le Maire seufzte.
»Jetzt fahren wir nach Aachen-Brand!«, kam es Angelika fast im Befehlston entgegen. »Hoffentlich können die im ›Schuhhaus Hermanns‹ uns weiterhelfen.«
Bevor Frederic den Weg zum Parkhaus einschlagen konnte, hakte Angelika sich bei ihm ein und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. »Lass uns zuvor die Straße da hochgehen, dort gibt es ein paar schöne Geschäfte. Dafür bekommst du dann im ›De Fockink‹ ein leckeres Bierchen und ich ein Gläschen Champagner. Regina und Nico freuen sich, wenn sie uns wieder mal sehen. Die beiden Wirtsleute magst du doch auch, oder?«
Derart bestochen, blieb Frederic nichts anders übrig, als zu nicken und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er verkniff sich sogar das Fluchen. »Na gut, dann fahre ich eben gleich morgen früh nach Aachen-Brand. Aber vorher muss ich telefonieren.«
Als Angelika merkte, dass er wieder einmal sein Handy vergessen hatte, gab sie ihm ihres.
»Locki hat …«
»Vergiss es!«, blockte Angelika ab, weil sie keine Ausrede hören mochte.
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