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Bernhard Wucherer
Der Geheimbund der 45
Historischer Roman aus dem Allgäu

Zum Buch
Finstere Mächte Isny 1042. Als der Bischof von Konstanz eine geheimnisvolle Münze zur Kirchweihe in das kleine Allgäuer Dorf bringt, ahnt er nicht, dass er damit den Zorn des rücksichtslosen Geheimbundes „Gladius Dei“ weckt. Die Münze zeigt auf der einen Seite eine arithmetische Raffinesse, auf der anderen das Bild eines toten Königs, dem die Organe entnommen wurden. Es handelt sich um das verloren gegangene Machtsymbol der Bruderschaft, die sich den freien Künsten und dem Fortschritt der Wissenschaft verschrieben hat. Die Großmeister des „Gladius Dei“ sind besessen davon, jeden zu töten, der ihr Insigne entweiht. Bereits auf der Kirchweihe kommt es zu einem Mord. Er ist der Auftakt zu einem Konflikt, der die Stadt für fast fünfhundert Jahre in Angst und Schrecken versetzen wird. Trotzdem gelingt es der kleinen Bauernsiedlung unter Führung der umsichtigen Patrizierfamilie Eberz im Laufe der Jahrhunderte zur Freien Reichsstadt aufzusteigen, in der Handel und Gewerbe florieren. Doch 1507 gerät die Familie Eberz selbst ins Visier der Verschwörer …
Bernhard Wucherer war 25 Jahre lang Leiter einer Werbe-, Marketing- und Eventagentur in Oberstaufen im Allgäu. Außerdem hat er sich bei Tätigkeiten als Burgmanager und Museumskurator auf alten Herrschaftssitzen im In- und Ausland das Rüstzeug zum Schreiben authentischer historischer Romane aneignen können. Er ist Autor etlicher Aufsätze, die auch Eingang in die geschichtswissenschaftliche Literatur gefunden haben. „Der Geheimbund der 45“ ist nach der erfolgreichen „Pesttrilogie“ und der bisher zweibändigen „Syld-Marokko-Saga“ sein sechster historischer Roman beim Gmeiner-Verlag.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniel Abt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Isny_1737_img00.jpg
ISBN 978-3-8392-6674-8
Widmung
Für alle Isnyer,
insbesondere auch für diejenigen,
die lieber einen »Heimatroman« im klassischen Sinne
oder ein Geschichtsbuch gehabt hätten.
Die historischen Inspirationsartefakte, um die sich im Roman alles dreht
Das in Isny entdeckte »Magische Amulett«
Das Amulett, um das sich in diesem Roman alles dreht, gibt es wirklich. 2018 wurde ein besonders bedeutungsvolles Exemplar bei Grabungsarbeiten auf dem alten Marktplatz in Isny gefunden, direkt beim dortigen »Prangerstein«, wo es beim großen Stadtbrand von 1631 oder schon zuvor in den Boden gelangte und die Zeiten überdauerte. 2019 wurde von Dr. Matthias Ohm vom Landesmuseum Württemberg bestimmt, dass es sich um einen sogenannten »Rechenpfennig« (auch als »Münzmeisterpfennig« oder in Süddeutschland als »Raitpfennig« bezeichnet) handelt, einen medaillenartigen Platzhalter, der im Mittelalter beim Rechnen auf der Linie (auf Rechenbrettern, -tischen oder -tüchern) verwendet wurde. Rait-, Rechen- oder Münzmeisterpfennige konnten daneben auch politische oder – wie im vorliegenden Fall und im Roman beschrieben – moralische Botschaften transportieren.
Die in Isny ausgegrabene Medaille besteht aus Buntmetall, also einer Kupferlegierung, wahrscheinlich Bronze, was sich allerdings erst bei einer Materialanalyse feststellen ließe. Sie hat einen Durchmesser von zwanzig Millimetern und wurde nachträglich gelocht, damit sie um den Hals getragen werden konnte, vermutlich, ohne dass deren Träger den ursprünglichen Zweck kannten. So entstehen Legenden wie die von »Gladius Dei«, dem »Geheimbund der 45«.
Avers

Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart; Foto: Christoph Schwarzer
Auf der Vorderseite weist das in Isny gefundene Exemplar auf die Vergänglichkeit des Menschen hin (vanitas). Neben einigen Schriftzeichen und anderen noch nicht erkannten Darstellungen ist ein toter Mensch mit einer Krone auf dem Kopf zwischen zwei Leuchtern und insgesamt fünf Sternen zu erkennen. Des Weiteren sieht man zu beiden Seiten des toten Königs innere Organe: Lungenflügel, Nieren und dergleichen. Dies lässt darauf schließen, dass es zur Entstehungszeit der Medaille Kenntnisse über die menschliche Anatomie gegeben hat. Und das, obwohl Leichenöffnungen bei Todesstrafe verboten waren. Die Darstellung der Organe deutet auf eine Entstehung vor der Frühen Neuzeit hin. Sie entspricht einer Anatomie, wie sie in »De Arte Phisicali et de Cirurgia« des englischen Chirurgen Johannes von Arderne (1307–1392 n. Chr.) nach 1412 n. Chr. dargestellt wird. Eine Wende zur Wiedereinführung anatomischer Sektionen an menschlichen Körpern – die von der Kirche abgelehnt wurden – brachten erst das 13. und 14. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang darf der große Leonardo da Vinci (1452–1519 n. Chr.) genannt werden. Der bekannteste Künstler und Wissenschaftler der Renaissance führte selbst anatomische Präparationen durch und zeigte – anders als auf dem Amulett – realistische, detailgenaue und detailreiche anatomische Zeichnungen. Text: HODIE M(ihi) CR(as) TIBI A (bedeutet in etwa soviel wie: »Heute kommt der Tod für mich, morgen für dich«)
Revers

Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart; Foto: Christoph Schwarzer
Das »Magische Quadrat« auf der Rückseite des in Isny gefundenen Exemplars erinnert an unser heutiges »Sudoku«, eine Gattung von Logikrätseln, die aus lateinischen Quadraten entstanden. Das in Isny gefundene »Magische Quadrat« sollte wohl Krankheiten und Tod abwehren. Es zeigt in neun einzelnen Quadraten die arabischen Ziffern 1 bis 9, die in der Summe aller Zeilen, Spalten und der beiden Diagonalen gleich sind. Diese Summe (15) wird als »Magische Zahl« des »Magischen Quadrates« auf dem »Magischen Amulett« bezeichnet. Rechnet man alle Zahlen zusammen, ergibt sich die Zahl 45. Das »Lo Shu« war schon zu Zeiten des legendären mythologischen Kaisers Yu (Regierungszeit von 2205–2147 v. Chr.) in China bekannt (wo es auch im Roman herkommt, weil es in Europa erst im 16. und 17. Jahrhundert beschrieben wird. Dies hat allerdings nichts mit dem in Isny gefundenen Exemplar zu tun). Im Westen hat sich unter anderem Adam Ries (1492 oder 1493–1559 n. Chr.) mit dem »Magischen Quadrat« beschäftigt. In seinem »Rechenbüchlin« gab er auf Seite 71 diese Aufgabe mitsamt der Lösung. Neben zwei Beispielen folgte: »Und darnach verwechsel mit den 8. und 2. also/ so hastu allenthalben 15. Denn alle Summen ergeben die Magische Zahl 15«. Text: »EK« für Egidius Krauwinckel, tätig in Nürnberg.
Die Motive beider Seiten werden im Roman vordergründig thematisiert und formen sich darin zu zwanghaften rituellen Handlungen, die im Codex des Geheimbundes »Gladius Dei« (lateinisch für »Schwert Gottes«) festgehalten sind. Dessen 45 Mitglieder haben sich bei der Gründung ihres mystischen Zirkels Anno Domini 1001 in der späteren Konzilstadt Konstanz aufgrund der Abbildungen auf dem Avers zum Ziel gesetzt, die bei Todesstrafe verbotenen und von der Kirche verfolgten anatomischen Präparationen zum Zwecke der Wissenschaft voranzutreiben. Und was das Revers des »Magischen Amuletts« betrifft, gibt der Codex dieses Bündnisses vor, talentierten, aber mittellosen Knaben aus dem Bereich und dem Umfeld des Bodensees, aus Westschwaben (dem heutigen Oberschwaben) und aus dem Allgäu zu ermöglichen, die Arithmetik oder andere Fächer der »artes liberales«, der »sieben freien Künste«, zu studieren. Grundsätzlich wäre es äußerst lobenswert, dass sich ein elitäres Bündnis von Adeligen, Gelehrten, Kaufleuten und Medizinern dieser Thematik annimmt … wenn es sich nicht selbst barbarischer Praktiken bedienen würde, die seinen hehren Zielen widersprechen.
Der in Isny ausgegrabene »Prangerstein«

Foto: Heinz Bucher, Isny
Der mächtige Prangerstein (1,7 Meter × 1,2 Meter) bot die Grundlage für die räumlichen beziehungsweise geografischen Beschreibungen in diesem Roman. Er stand an der exponiertesten Stelle Isnys, am Marktplatz, direkt am Alten Rathaus, dem früheren Amtshaus. Die ungewöhnliche Form mit den reliefartigen Linien erinnert an die städtebauliche Geometrie der Siedlungsgründung, die damit verbundene Gründungsachse und die Ummauerung, sowie die Handelsstraßen und die wichtigsten Stadttore. Die in den Stein gehauenen Zeichen zeigen links ein nach Norden orientiertes gleichseitiges Dreieck. Die Nordrichtung ist vertieft. Die drei Spitzen sind die Stadttore ohne das Obertor. Der Ausgrabungspunkt ist das Wassertor, rechts als Turm mit Spitzdach erkennbar. Die Nordrichtung ist astronomisch orientiert. Die Seitenlängen betragen jeweils tausend »Isnyer Fuß« (333,33 Meter). Da die Tore noch stehen und mit modernen Mitteln vermessen werden konnten, bestätigen sie den »Vermessungsstein« und den Baubeschluss aus der Klosterchronik. Straßen und Tore wurden von der Gründungsachse aus festgelegt. Sie beginnt am Wassertor (Tordurchgang Mitte, Innenseite Tor) und richtet sich zur gegenüberliegenden Dreiecksseite (Seitenhalbierungspunkt). Das vierte Tor (Obertor) ist vom Marktplatz aus nach der astronomischen Wintersonnenwende (22. bzw. 23. Dezember, kürzester Tag) ausgerichtet. Der »Isnyer Fuß« gibt auch die Länge (33,33 Zentimeter) für die ersten Ziegelsteine (Funde aus der Grabung am Marktplatz) vor. Der Maßstab auf dem interessanten Fundobjekt beträgt 1:500. Wie auch andernorts wurde der Pranger in Isny benutzt und war ein Strafwerkzeug in Form eines Pfahls oder einer Säule, an die Missetäter wegen einer als straf- oder verachtungswürdig empfundenen Tat eine gewisse Zeit lang angebunden oder angekettet stehen mussten und somit allgemeiner Verachtung und Spott ausgesetzt waren. Quelle: Roland Manz, Erhard Bolender, Heinz Bucher, März 2020.
Isny im Allgäu, Hauptort des Geschehens
Als mächtige Gletscher vor zehntausend Jahren das Allgäu bei Isny formen, bildet sich die reizvolle Landschaft aus, wie wir sie heute kennen und lieben. Damals entstehen das heute landschaftsprägende sanfte Gebirge der Adelegg mit Schwarzem Grat, der Eistobel mit Wasserfällen, Strudellöchern und gewaltigen Felswänden, die Moore mit Heideflächen, lichten Waldgebieten, Wiesen und Seen.
Bereits den Römern gefällt dieses Fleckchen Erde so gut, dass sie ein Kastell auf einem Moränenhügel im Tal der Argen unweit der heutigen Stadt Isny bauen. Erstmals urkundlich erwähnt wird Isny im 11. Jahrhundert. Als Freie Reichsstadt entwickelt sich Isny ab dem 14. Jahrhundert zur ersten großen Blüte. Die stattlichen Bürgerhäuser innerhalb des mittelalterlichen Ovals mit Toren und Türmen und die noch weitgehend erhaltene hohe Stadtmauer mit Wehrgang zeugen bis heute vom Reichtum der Stadt. Isny ist eine der ersten Städte, die protestantisch wird, nachdem Martin Luther persönlich den Stadtoberen einen Brief geschrieben hat. Die Besonderheit eines katholischen Klosters in der von evangelischem Bürgertum geprägten Stadt, ist nur einer der vielen Gegensätze und jahrhundertelangen Streitpunkte in der Stadtgeschichte. Bereits 1507 bekommt die Stadt als zweite im Bodenseeraum nach Konstanz das Münzrecht.
1365 wird Isny Freie Reichsstadt und damit nur dem Kaiser untertan. Der freiheitliche Geist bleibt den Isnyern bis heute erhalten. Inzwischen zählt die Stadt mit den vier eingemeindeten Orten Beuren, Großholzleute, Neutrauchburg und Rohrdorf rund vierzehntausend Einwohner. Kunst und Kultur sind in Isny an vielen Ecken zu spüren und zu erleben. Ganz besonders im früheren Kloster und späteren Schloss, das seit Kurzem Kunsthalle, Städtische Galerie und Städtisches Museum unter einem Dach vereint. Aber auch in Isny-Großholzleute, denn dort im historischen Gasthof »Adler« logieren in früheren Zeiten Königinnen, befindet sich eine Station der Thurn-und-Taxis-Post und ist der Gründungsort der ersten Skischule weit und breit. Beim Treffen der »Gruppe 47« mit Preisträger Günter Grass wird dort Literaturgeschichte geschrieben, als Grass zum ersten Mal aus dem Manuskript seiner »Blechtrommel« liest. Besonders herausragend ist die seit Jahrhunderten original erhaltene Prädikantenbibliothek im Turm der Nikolaikirche. Sie enthält wertvolle Handschriften, Inkunabeln (Früh- oder Wiegendrucke) und weitere Kostbarkeiten. Im Rahmen der Stadtsanierung in den letzten Jahren fördern umfangreiche archäologische Ausgrabungen in der Isnyer Altstadt bedeutende Zeugnisse der Geschichte zutage. Neben alten Webstühlen, Tongefäßen und Gläsern sowie sehr mächtigen alten Fundamenten und dem »Prangerstein« wird 2018 auch der »Münzmeisterpfennig« ausgegraben, der in diesem Roman als »Magisches Amulett« die Hauptrolle spielt. Viel Freude beim Lesen dieses herausragend recherchierten historischen Romans!
Die Gründung des
»Gladius Dei« – Geheimbund der 45
Konstanz – Anno Domini 1001
Ein grausamer Codex verbindet fünfundvierzig Verschwörer aus dem gesamten Allgäu, aus Westschwaben und rund um den Bodensee.
Es war eine laue Sommernacht. Der pralle Mond zog einen silbernen Streifen über das Mare Brigantium von Konstanz nach Buchhorn hinüber und von dort aus in gerader Linie weiter bis zu einer kleinen Allgäuer Siedlung, die man bald als villa Ysinensi, dann verkürzt als Ysinensi, später als Isine, Isne und etwa fünf Jahrhunderte darauf als Isny bezeichnen würde.
In Konstanz schien es so, als wenn der Mond vom See aus direkt auf die höchste Erhebung der kleinen Handelsmetropole leuchte und den bedeutendsten Sakralbau im Südwesten der deutschen Lande anstrahle. Trotz der mitternächtlichen Stunde war es fast taghell. So konnte niemand sehen, dass um diese unchristliche Zeit Kerzenlicht aus den Fenstern des Konstanzer Münsters flackerte. Aber auch ohne die Helligkeit hätte niemand etwas davon mitbekommen, was sich im Inneren des neuen Gebäudes abspielte, das anstelle der alten Bischofskirche errichtet worden war. Denn die abergläubischen Bewohner von Konstanz trauten sich nicht, den Mond anzusehen, wenn der sich in voller Pracht entfaltet hatte und ihnen den Schlaf raubte, wenn sie ihn ansahen. Der Anblick konnte großes Unheil über sie, ihre Familien und über ihr Vieh bringen. Deswegen hatten die meisten Menschen bei Vollmond ihre Fenster mit Holzbrettern oder eingefärbten Tierhäuten verdunkelt.
Die Bienenwachskerzen, die im Münster entzündet wurden, waren für einfache Menschen kaum bezahlbar. Aber in dieser Nacht hatten sich keine Männer des gemeinen Volkes zusammengefunden, die weder lesen und schreiben noch rechnen konnten. Vielmehr waren dies durchwegs Privilegierte, die sich das wohlriechende Bienenwachs leisten konnten und nicht den rußigen Gestank von Talgkerzen einatmen mussten. Adelige, Gelehrte, Kaufleute und Mediziner aus allen Landen rund um den See, aus Westschwaben und sogar aus dem oberen Allgäu waren herunter nach Konstanz gekommen, um sich zu verschwören. Zwei Jahre hatte es gedauert, bis sich fünfundvierzig gleichgesinnte Männer zusammengefunden und alles so organisiert hatten, dass sie ihren geheimen Zirkel gründen konnten. Zwei Jahre, in denen der Großmeister, den sie damals im Kanonissenstift in Lindau gewählt hatten, ganze Arbeit geleistet hatte. Damals waren sie nur fünfzehn Männer gewesen.
Beim Betreten des Sakralraumes, noch vor der gegenseitigen zeremoniellen Begrüßung, zeigte jeder von ihnen den anderen mit hocherhobenen Händen die Zahl, die auch in blutroter Farbe auf seinem weißen Kapuzenumhang zu sehen war. Dieser rituelle Zugehörigkeitsbeleg wurde stumm mit einem allseitigen Kopfnicken quittiert. Und gemäß der Zahl, die ein jeder zeigte, fanden sie sich zusammen und teilten sich in neun unterschiedlich große Gruppen auf, die in einem von neun mit Kreide auf den Boden gemalten Quadraten zusammenstanden. Alles zusammen ergab ein großes Quadrat, das außen herum durch genau einhundertfünfzig Kerzen gekennzeichnet war.
Der größte Haufen zählte neun Männer, in der Mehrzahl Kaufleute, deren größte Liebe dem Geld galt, weswegen sie sich der Arithmetik und der gesamten Mathematik verschrieben hatten. Acht Gelehrte befassten sich beruflich mit der Grammatik und anderen Wissenschaften, während die Leidenschaft weiterer sieben Männer vordergründig der Geometrie galt. Sechs Scholaren und Studiosen lagen ganz besonders die Rhetorik und die Schrift am Herzen, was sie mit fünf Klerikern teilten. Vier der allesamt in weißen Kutten steckenden und mit spitzen Hauben vermummten Männern war von den »sieben freien Künsten« die Dialektik am wichtigsten, während drei Mediziner verbotene Leichenöffnungen durchführten und sich nebenbei leidenschaftlich als Astronomen betätigten. Nur zwei Verschwörer befassten sich intensiv mit der Musik. Die Verschwörer waren Teil der geistigen und monetären Elite der Gegenden, aus denen sie stammten. Den fünfundvierzig Männern war gemein, dass ihnen die Vergänglichkeit des Menschen bewusst war und sie Krankheiten und Tod abwehren wollten. Auch wenn sie dies mit Hilfe der Wissenschaft oder für die Wissenschaft zu tun gedachten, waren ihnen doch alle Mittel recht.
Was die fünfundvierzig klugen Köpfe dieser neun Gruppen zudem einte, war die Leidenschaft zur Arithmetik, einem Teilgebiet der Mathematik, das sich mit bestimmten und allgemeinen Zahlen, der Reihentheorie, der Kombinatorik und der Wahrscheinlichkeitsberechnung befasste.
Ebenso hatte es ihnen die Erforschung der Anatomie des menschlichen Körpers angetan. Deswegen unterstützten und förderten sie trotz der drohenden Todesstrafe das Öffnen von Leichen zum Zwecke der Wissenschaft. Um ihr erlangtes Wissen über Jahrhunderte hinweg in die Welt hinaustragen zu können, bedurfte es auch künftig vieler weiterer kluger Köpfe, die dafür sorgten, dass nichts davon verloren ging und sich das einmal erworbene Wissen über Generationen hinweg halten konnte. Es war die Aufgabe des jeweiligen »Großmeisters«, alle Erkenntnisse, die sie beim Öffnen von Leichen erlangen würden, akribisch niederzuschreiben und Zeichnungen anzufertigen oder anfertigen zu lassen. Ihr Ziel war es, eines Tages Bücher daraus zu machen, die nicht nur für Mediziner, sondern auch für Laien hilfreiche Grundlagen zur Erkennung, Behandlung und Heilung von Krankheiten sein würden.
Die Atmosphäre wirkte beängstigend. Die vermummten Gestalten, das gedämpft flackernde Licht der Kerzen, die das äußere Quadrat markierten, und das leise, monotone, wortlose Gemurmel der vierundvierzig Männer, die unruhig auf ihren Großmeister warteten, verstärkte die Wahrnehmung eines jeden Einzelnen von ihnen. Sie alle waren zum Zerreißen angespannt und mochten endlich wissen, was es war, das sich unter dem Tuch abzeichnete, das vor ihnen auf dem Altar lag. Mit Kerzen und einem Kreuz war er so drapiert worden, dass es den Anschein hatte, als wenn jeden Moment eine heilige Messe beginnen würde, was an Blasphemie nicht zu überbieten wäre.
Erst als Schritte durch das Gotteshaus hallten und sich eine weißgewandete Gestalt aus dem Dunkel eines kleinen Raumes schälte, um sich langsam auf das große Quadrat zuzubewegen, verstummte die Menge, während die innere Spannung der Gestalten anstieg.
Zum Zeichen ihrer Legitimation streckten wieder alle die Hände nach oben, um mit den Fingern »ihre« Zahl zu zeigen. Dieses Ritual hatte sich der erste Großmeister dieses geheimen Zirkels ausgedacht, um zu vermeiden, dass sich ein Unwissender in ihre Gemeinschaft einschleichen konnte. Wenn auch niemand etwas von ihrem Geheimbund und ihrem gesetzeswidrigen Treffen wissen konnte, war doch äußerste Vorsicht geboten. Durch diese Geste konnten sie sich gegenseitig kontrollieren, obwohl keiner je in das Gesicht des anderen gesehen, ja nicht einmal dessen Stimme richtig gehört hatte. Sie alle kannten nur die raue Stimme ihres Großmeisters, in dessen Gesicht aber niemand von ihnen je geschaut hatte und von dessen Namen ebenfalls niemand etwas wusste. Er allein war es, der die Herkunft, die Namen, das Alter, die Berufe, die Lebensumstände und die Charaktere all seiner vierundvierzig Mitglieder kannte.
Die Art und Weise, sich gegenseitig die Zugehörigkeit zu diesem namenlosen Zirkel ohne Worte zu zeigen, sollte sich in den folgenden Augenblicken ändern. Denn ohne etwas zu sagen, baute sich der Großmeister auf, nahm seine verschränkten Arme aus den breiten Ärmeln und reckte eine Hand mit gestrecktem Daumen nach oben. Obwohl eine blutrote Eins auf seinem weißen Umhang zu sehen war, konnten die anderen erst jetzt sicher sein, wer vor ihnen stand. Ein allseitiges stummes Kopfnicken, das von einem zufriedenen Grummeln begleitet wurde, bestätigte ihm, dass ihn die vierundvierzig Männer als ihren Großmeister erkannt und akzeptiert hatten.
Er nahm das um seinen Hals hängende Amulett ab und gab es einem Verschwörer mit einer Zwei auf seiner Kutte zur Begutachtung, dieser reichte es anschließend weiter. Einer nach dem anderen nickte und alle warteten auf die Worte ihres Großmeisters.
Der Großmeister setzte an: »Meine Brüder! Die Motive auf diesem Amulett werden uns in unserem Tun leiten! Es handelt sich um ein ›Lo Shu‹, das in einem fernen Land namens China schon seit über drei Jahrtausenden bekannt ist!«
Bevor er zur Erklärung der Motive kam, hielt er für einen bedeutungsvollen Moment inne. Dies sollte die Wichtigkeit dessen unterstreichen, was er nun zu sagen hatte: »Die Vorderseite zeigt neben Schriftzeichen und anderen Darstellungen einen toten Menschen mit einer Krone auf dem knochigen Schädel sowie die wichtigsten inneren Organe des menschlichen Körpers. Sie zeigt den toten Körper eines Königs oder Kaisers aus diesem fernen Land, dem nach dessen Tod die inneren Organe entnommen wurden, um ihn durch Balsamierung für alle Zeiten erhalten zu können. Damit weist sie auf die vanitas, die Vergänglichkeit des Lebens, hin, der wir mit all unserer Kraft, mit unserem Willen und Wissen … und mit unserem Vermögen entgegentreten müssen!«
Von einem zustimmenden Murmeln begleitet, sprach er weiter: »Unsere Bruderschaft hat sich zusammengefunden, um der Wissenschaft zu dienen, indem wir den Kanon der ›artes liberales‹ singen …« Ohne den begonnenen Satz zu unterbrechen, legte er mehr Kraft in seine ohnehin schon feste Stimme: »… und die Erforschung des menschlichen Körpers unterstützen! Wir werden all jenen mit größter Härte und mit dem Schwert Gottes begegnen, die uns daran hindern wollen!«
Weil keiner der vierundvierzig Geheimbündler verstanden hatte, was er mit dem »Schwert Gottes« gemeint haben könnte, brandete nur ein Raunen auf.
Der Großmeister gebot dem – allein schon aus Sicherheitsgründen – sofort Einhalt, indem er die zu allem entschlossenen Männer in strengem Ton daran erinnerte, dass ihre Gemeinschaft von einem gegenseitigen Schweigegelübde begleitet wurde, damit keiner den anderen erkennen und ihm somit schaden konnte.
Bevor das Geflüster lauter wurde, fuhr er fort: »Nun; wie sich die ersten fünfzehn von uns bei der ersten geheimen Zusammenkunft vor zwei Jahren in Lindau geschworen hatten, wird jeder für sich beizeiten einen vertrauenswürdigen Nachfolger suchen, der sich dann bei mir oder nach meinem Tod bei meinem Nachfolger vorstellen wird. Das heißt, dass unsere geheime Bruderschaft die Jahrhunderte ebenso überdauern wird wie jedes einzelne Organ in den Körpern jener Menschen, die nach ihrem Tod der Wissenschaft dienen werden!«
Er trat in das leerstehende Quadrat, das der Eins zugeordnet war, und erklärte den anderen, dass die Rückseite des Amuletts genau ein solches Quadrat darstellen würde wie das, auf dem sie standen. Es sollte Krankheiten und Tod abwehren und die zusammengezählte Summe der Zahlen aller Zeilen, Spalten und Diagonalen in den neun Feldern ergab die magische Zahl Fünfzehn. »Und alle darauf befindlichen Zahlen zusammengezählt ergeben fünfundvierzig! Deswegen sind wir fünfundvierzig Bundesbrüder! Es liegt an uns und unseren Nachfolgern, zu allen Zeiten dafür zu sorgen, dass dieses Amulett in den Händen des jeweiligen Großmeisters bleibt. Sollte es ihm – wie auch immer – abhandenkommen, werden seine Brüder alles dafür tun, um es wieder zurückzubekommen und dem Großmeister zu übergeben! Das heißt, dass es neben unseren eigentlichen Aufgaben unser vornehmliches Ziel ist, dieses ›Magische Amulett‹ mit allen Mitteln vor fremden Zugriffen zu schützen! Habt ihr das verstanden?«
Ein erneutes Kopfnicken zeigte dem charismatischen Mann, dass er weitersprechen konnte. »Dies wird im Laufe der Jahrhunderte nicht immer leicht sein; es wird Kriege geben, Brände, Krankheiten, vor allen Dingen aber immer wiederkehrende Seuchen wie den ›Lungenfraß‹, die Pest oder andere Epidemien, … stets einhergehend mit dem Tod. Dazu Diebstahl, Raub und Fehlgeleitete in unseren eigenen Reihen! Wenn sich jemand anderer dieses Amuletts bemächtigen sollte, wird er – und bei Notwendigkeit die Menschen in seinem Umfeld – ohne Gnade getötet! Der uns selbst auferlegte Codex verpflichtet uns dazu, dafür zu sorgen, dass sich unser Wissen um die Anatomie von hier aus über die ganze zivilisierte Welt verteilt und die ›artes liberales‹ ebenfalls Verbreitung finden! Ich gebiete und prophezeie euch, dass jedes Mal mehr Menschen zur Sühne sterben werden, wenn das Amulett verschwindet und wieder auftaucht! Sollte uns das Amulett abhandenkommen, stirbt eine Person. Sollte es erneut verloren gehen, zwei weitere.«
»… und letztlich so viele, bis die Fünfundvierzig erreicht ist«, unterbrach jemand wie aus dem Nichts heraus den Redner.
Nachdem die Versammelten festgestellt hatten, dass einer aus der Sechsergruppe gesprochen hatte, ging ein ungläubiges Flüstern durch die Reihen.
Anstatt den Zwischenruf einer Antwort zu würdigen, beendete der Großmeister das Thema mit den Worten: »Dieses Amulett darf uns allerhöchstens neunmal abhandenkommen! Ein zehntes Mal wird es nicht geben!« Seine Stimme zitterte. Dennoch fuhr er unbeirrt fort: »Es liegt also an den jeweiligen Großmeistern, auf das Amulett zu achten, und an seinen Mitbrüdern, ihn zu schützen und es wiederzubeschaffen, wenn es ihm abhandenkommen sollte!«
Nach einer kurzen Besinnungspause kam er zum nächsten Punkt, wozu er sein Quadrat mit einem Schritt über die Kerzen wieder verließ, um zum Altar zu gehen. Dort hielt er für einen Moment seine ausgestreckten Arme mit den geöffneten Handflächen so darüber, wie es Priester beim Gebet tun. Dann zog er das Tuch weg und bat einen der beiden Männer, die im Quadrat mit der Zwei standen, zu sich, um ihm in feierlichem Tonfall zu sagen: »Hiermit übergebe ich dir das, auf was wir über zwei Jahre hinweg sehnlichst gewartet haben: das Gladius Dei! Endlich hat uns ein reisender Händler über gute Beziehungen zu anderen Kaufmännern, die mit dem Schiff in die fernsten Länder fahren, fünfundvierzig dieser edlen Schwerter mitgebracht! Dieses sogenannte ›Jiàn‹ ist ein zweischneidiges Schwert aus dem Land, aus dem unser Amulett stammt!« Während er dies sagte, strich er sanft über die elegante Lederscheide. Anschließend hob er die Waffe hoch und warnte seine Brüder: »… wie viele Schwerter unserer Kultur, verbindet das ›Jiàn‹ Eleganz mit tödlicher Gewalt! In China wird dieses Schwert vom Kaiser bis zum ehrbaren Handwerker hinunter geführt, es ist ein Zeichen für den Rang der gesamten stolzen chinesischen Gesellschaft, ein Zeichen der Stärke. Und Stärke ist Leben. Und Schwäche heißt Tod! Fortan soll euch dieses Schwert stärken und auch das äußere Zeichen für unsere Bruderschaft sein, das es ebenso zu schützen gilt wie das ›Magische Amulett‹!«
Weil der Großmeister merkte, dass die Nummer zwei es nicht erwarten konnte, diese edle Waffe in die Hände zu bekommen, kam er zum fulminanten Ende seiner Ausführungen, indem er das Schwert mit gestrecktem Arm nach oben hielt und rief, so laut er konnte: »Dies ist Gladius Dei, das Schwert Gottes! … Es soll die Verbindung zu unserem Amulett sein! Achte gut darauf und gib es beizeiten an deinen Nachfolger weiter oder erkläre ihm ganz genau, wie er nach deinem Tod das Schwert in seine Hände bekommen kann!«
Nachdem der soeben Beschenkte wieder in seinem Quadrat stand und Ruhe eingekehrt war, streckte der Großmeister ein zweites Schwert in die Höhe und rief: »Auch dies hier ist das Schwert Gottes! … Es soll unserem geheimen Bund den Namen geben: ›Gladius Dei‹!«
Er hatte dies kaum ausgesprochen, als ihm auch schon ein vierundvierzigkehliges mehrfaches »Gladius Dei!« entgegenschallte.
Danach trat einer nach dem anderen aus seinem »Magischen Quadrat« und nahm stolz seine Waffe in Empfang. Als derjenige an die Reihe kam, der den Großmeister kurz zuvor unterbrochen hatte, wurde er von ihm aufgefordert, das Schwert aus der Scheide zu ziehen und es ihm zu geben. Kaum dass dies geschehen war, stieß er es ihm, ohne zu zögern, mitten ins Herz. Nun wusste auch der Letzte unter ihnen, was es hieß, eines der fünfundvierzig Mitglieder des Geheimbundes »Gladius Dei« zu sein. Und er würde bald auch wissen, wie nah Gut und Böse beieinanderliegen konnten.
Ein todbringendes Geschenk
Altshausen und villa Ysinensi – Anno Domini 1041 bis 1042
Die magische Zahl I
Kapitel 1
Ein Geräusch zerriss die Stille. Vielleicht ein Flügelschlagen. »Hörst du das auch?«, flüsterte Gerold Eberz, ein Ackerbauer und Sargmacher aus der kleinen Allgäuer Siedlung namens villa Ysinensi, an einem frühen Novembermorgen im Jahre des Herrn 1041 seinem Sohn Michael zu. Aber er bekam keine Antwort. Sein neunjähriger Spross saß ein ganzes Stück vom Vater entfernt auf dem Ast eines Baumes und konzentrierte sich auf das, was gleich direkt unter ihm geschehen würde. Denn während sein Vater am Ufer des kleinen Weihers im Norden ihrer beschaulichen Heimatsiedlung darauf wartete, dass ein Fisch anbiss, lauerte Michael darauf, dass ihm ein Kaninchen in die Drahtfalle ging, die sich jederzeit zusammenziehen konnte. Dabei musste er darauf achten, dass der gefrorene Ast sein Gewicht aushielt.
Während der Vater mit zusammengekniffenen Augen das Dunkel dieses Wintermorgens zu teilen versuchte, zupfte er immer wieder leicht an der Angelschnur, die im klaren Wasser des Weihers hing. Obwohl die Temperaturen hier gerade im Winter streng sein konnten, fror die Aachquelle nie zu. Daran, dass hier jemals ein fließendes Gewässer mit einer Eisschicht bedeckt gewesen war, konnte sich der Vater nicht erinnern, auch in diesem Winter nicht, obwohl es so ausnehmend frostig war, dass die Bevölkerung fror wie selten zuvor. Das Fällen von Bäumen als Brennmaterial war den geplagten Untertanen des Grundherrn, Wolfrad II. Graf von Altshausen, strikt untersagt worden. Lediglich Bruchholz durften sie einsammeln. Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit, eines Tages erwischt zu werden, hatte es die hungernde und verhärmte Bevölkerung über Generationen hinweg riskiert, die Wälder ihrer Herren zu freveln, das Wild daraus zu jagen und in den gräflichen Gewässern zu fischen.
Was dies anbelangte, waren gerade die Menschen von villa Ysinensi im Laufe der Jahre einfallsreich geworden. Sie rotteten sich meist in den späten Herbsttagen zusammen, um in den Besitz von »Bruchholz« zu gelangen. Und dies spielte sich immer auf die gleiche Art ab: Während die Frauen von der Natur gegebenes Bruchholz und herumliegende Äste einsammelten, regelten die Männer den Rest. Ein paar von ihnen waren dafür zuständig, die anderen zu warnen, falls der gräfliche Forstverwalter mit seinen rauen Gehilfen auftauchen würde. Währenddessen schlugen die meisten von ihnen mit ihren Äxten die Stämme der sorgsam ausgewählten Bäume nur so weit an, dass die Zugkraft ihres einzigen Pferdes den Rest des Baumstamms knicken und zum Bersten bringen konnte. Die glatte Hälfte der Baumstümpfe bearbeiteten sie dann so, dass es aussah, als wären die Bäume vom letzten Sturm umgerissen worden. Danach etwas Walderde darübergestrichen und mit Glück ein bisschen Zeit bis zum nächsten Inspektionsrundgang des Forstverwalters gewonnen, so war der Waldfrevel bisher kaum einmal offenkundig geworden. Damit keiner den anderen beim Grafen anzeigen konnte, mussten sich sämtliche Männer der Siedlung daran beteiligen.
»Irgendwann kriegen sie uns!«, hatte Gerold Eberz mehr als einmal gewarnt. Der trotz seines niederen Standes kluge Urenkel eines Ackerbauern, Enkel eines Ackerbauern und Sohn eines Ackerbauern hatte sich in Ravensburg zum Sargtischler ausbilden lassen, weswegen er sich zwar den Ärger seiner Eltern, aber auch den Respekt seiner Mitmenschen und sogar den der Obrigkeit verdient hatte. Denn außer ihm war noch keiner von ihnen aus villa Ysinensi hinausgekommen. Er war von allen Männern der Siedlung derjenige, der am meisten von Holz und dessen Verarbeitung verstand. Deswegen lag es auch Jahr für Jahr an ihm, die Baumstümpfe so zu präparieren, dass sie glaubwürdig danach aussahen, als hätte sie ein Sturm umgerissen und dementsprechend zersplittert. Der gräfliche Forstverwalter war allerdings nicht dumm, weswegen ständig die Gefahr drohte, ihm auf den Leim zu gehen. Dennoch war in all den Jahren fast nichts schiefgelaufen. Nur wenige der Männer waren von den Schergen des Grundbesitzers so hart bestraft worden, dass sie nicht hatten weiterarbeiten können.
Aber Gerold Eberz war wohl bewusst, dass er und sein Sohn an diesem Wintermorgen etwas streng Verbotenes taten, das ihrer beider Leben kosten konnte. Deswegen war der äußerst wachsame Familienvater unruhig geworden. Ohne zu atmen, lauschte er ins morgendliche Halbdunkel hinein. Er konnte sich anstrengen, wie er mochte; das, was er zu hören glaubte, war nicht zu sehen. Und dies beunruhigte den abergläubischen Mann, der zusammen mit seinem Sohn mutig damit beschäftigt war, gleich zweifach gegen das vom Grundherrn herausgegebene »Jagdt- und Fischereyrechtt« zu verstoßen. Darauf stand offiziell die Todesstrafe und weil sich die gesamte Gegend im Besitz des Grafen von Altshausen befand, war dieses elende Gesetz lebensbedrohend – weniger wegen der drohenden Strafe bei Zuwiderhandlung, vielmehr wegen der Hungersnot bei Nichtzuwiderhandlung. Eine Todesstrafe drohte in Wirklichkeit vermutlich nicht, dafür waren die steuerzahlenden Arbeitskräfte zu wertvoll. Aber welchen Grundherrn scherten schon die Vermutungen seiner Untertanen?
Weil Eberz zehn Mäuler zu stopfen hatte, mussten die beiden weitermachen, ohne sich von irgendwelchen Gesetzen beirren zu lassen. Der alte Mann zog unverdrossen weiter an seiner Angelschnur, während sein Sohn ein Kaninchen entdeckte, das seinen Köder gerochen haben musste.
Im vergangenen Jahr war villa Ysinensi noch eine gänzlich schutzlos offene Siedlung gewesen. Seit die Siedler aber unter der fachkundigen Ägide von Gerold Eberz einen einfach geflochtenen Speltenzaun aus Weidenruten und geviertelten Holzstangen errichtet hatten, fühlten sie sich sicherer. Wenn diese primitive Ortsumschließung auch Lücken zwischen den Holzpflöcken aufwies, bot sie doch einen gewissen Schutz vor Wölfen und anderen Wildtieren. Das Wichtigste dabei war aber, dass es allein dieser Zaun vermochte, aus den vierundzwanzig Behausungen der ehemaligen Haufendorfsiedlung ein richtiges kleines Dorf zu machen, in dem zum gegenseitigen Schutz der Zusammenhalt noch mehr heraufbeschworen werden konnte als zuvor. Die ersten Hütten waren auf einer kleinen Erhebung um den Fronhof des Grafen herum errichtet worden, damit die hier lebenden Menschen bei Notwendigkeit auch den Schutz ihres Grundherrn in Anspruch nehmen konnten, aber auch, um ihm jederzeit schnell zur Verfügung zu stehen, falls er sich in villa Ysinensi aufhalten sollte … was allerdings in der Vergangenheit höchstens zweimal im Jahr vorgekommen war. Da hatte sich sein Abgabeneintreiber schon öfter blicken lassen.
Während Michael unbeirrt vom Baum herunter auf die Kaninchenfalle spähte, horchte sein Vater wieder konzentriert ins Nichts des aufziehenden Morgens. »Rabenvögel«, murmelte er seine Wahrnehmung leise in sich hinein. Nach genauerem Hinhören konnte er abschätzen, dass es mindestens ein Dutzend, wenn nicht gar drei Handvoll dieser Unglücksvögel waren, die sich inzwischen auf den umliegenden Bäumen niedergelassen hatten.
»Dreizehn!«, entfuhr es ihm bei diesem Gedanken so laut, dass die Schar erschrocken aufstob und laut krächzend davonflog. »Das ›Dutzend des Teufels‹ hat uns gesehen! Das ist kein gutes Zeichen! Lass uns abbrechen, Michael!«, rief er seinem Sohn zu, während er auch schon seine Angelschnur aus dem Wasser zog und hastig auf einen kurzen Stock rollte. Georg wusste aus trauriger Erfahrung, dass eine solche Menge dieser Vögel drohendes Ungemach ankündigen konnte.
Im Moment allerdings schienen sie zumindest Michael kein Pech gebracht zu haben; denn das Kaninchen war tatsächlich in seine Falle getappt. Trotzdem war der junge Eberz verärgert. »Ist dir klar, Vater, dass das Karnickel abgehauen wäre, wenn es deinen Ausschrei auch nur einen Moment vorher gehört hätte?« Während der im Grunde genommen überglückliche Knabe leise weiterschimpfte, kletterte er behände vom Baum, um nachzusehen, ob er einen Rammler gefangen hatte. »Scheiße, schon wieder eine Häsin!«, fluchte er. »Dann kommst du eben doch in Mutters Kochtopf!«
»Du wirst schon noch ein passendes Karnickel fangen, um mit deiner Zucht beginnen zu können. Deine ›Wuschel‹ muss sich in Gottes Namen noch ein wenig gedulden, um für Nachwuchs zu sorgen. Hauptsache, wir haben etwas zu essen! Ich gratuliere dir, mein Sohn! Ich bin stolz auf dich!«
Auf dem Nachhauseweg lag immer noch ein undurchdringliches Grau über ihnen, das sich bis über die Siedlung am Fuße des Schwarzen Grates zog, in der die beiden mit dem Rest ihrer Familie ein gottgefälliges Leben führten – sah man von dem täglichen Mundraub einmal ab. Michael schien hochzufrieden zu sein, doch fröstelte es seinen Vater. Er hatte das Gefühl, als wenn sich die Natur mit den unheilbringenden Vögeln verbündet hätte und ankündigen wollte, welch unbeschreibliches Elend auf die Bewohner von villa Ysinensi jetzt und in den bevorstehenden Jahrhunderten zukommen würde. Dass sich Gerold Eberz’ Vorahnung schon bald erfüllen würde, konnte er allerdings ebenso wenig wissen, wie er nicht im Entferntesten erahnen konnte, dass das kommende und über ganze fünf Jahrhunderte anhaltende Unheil von einem gut gemeinten Gastgeschenk ausgehen würde.
*
Zur selben Zeit hatte sich die gräfliche Familie in ihrer Residenz im knapp sechzig Meilen entfernten Altshausen mit dem dortigen Pfarrer, dem Beichtvater und Vertrauten der Grafenfamilie, zur ersten Mahlzeit des Tages zusammengefunden. Es war ein ganz besonderer Tag, denn mit am Tisch saß nicht nur Manegold, der leibliche Bruder des Herrn dieser fruchtbaren Gegend, sondern auch sein siebenundzwanzigjähriger Sohn Hermann, den man »den Lahmen« nannte. Wegen einer körperlichen Behinderung und eines Sprachfehlers hatte ihn der Vater bereits mit sieben Jahren dem Kloster Reichenau übergeben. Normalerweise hätte Hermann in diesem zarten Alter damit beginnen müssen, die hohe Schule zum Ritter zu durchlaufen. Hätte der an Muskelschwund erkrankte Knabe dies tun können, wäre er schon vor sechs Jahren in den Ritterstand erhoben worden. Der Vater hatte sich aber frühzeitig eingestehen müssen, dass er aus seinem Sohn keinen streitbaren Recken und schon gar keinen weltlichen Herrscher würde machen können. Stattdessen hatte Abt Berno von Reichenau erkannt, dass der Junge mehr mit geistigen Talenten gesegnet war, die es zu fördern galt. Deswegen hatte der Graf sich schweren Herzens dazu entschlossen, nach seinem viel zu früh verstorbenen zweiten Sohn Luitpold an dessen Stelle seinen leiblichen Bruder Manegold zum Nachfolger zu bestimmen.
Gräfin Hiltrud hatte wie gewohnt auftafeln lassen, was Küche und Keller hergegeben hatten. Während das Volk darben musste, standen schon in aller Herrgottsfrüh auf dem reich gedeckten Tisch ein kunstvoll getöpferter Bartmannskrug mit unverdünntem Bier und eine Glaskaraffe, die aus dem fernen Murano stammte und die dank der guten Handelsbeziehungen Westschwabens aus den italienischen Landen den Weg nach Altshausen gefunden hatte. Das von Meisterhand geschliffene Glas funkelte im Schein der vielen flackernden Holzspäne an den Wänden und der Kerzen auf dem Tisch, der blutrote Wein schimmerte darin und verführte trotz der frühmorgendlichen Stunde zum Trinken.
Zu essen gab es Haferschleim mit Honig vom Mare Brigantium, frisch gebackenes Brot und Gänseschmalz in kleinen Töpfchen, Käse, gebratene Eier, Schweinespeck und einiges mehr.
»Nun sagt mir endlich, was Euch bedrückt, mein Herr!«, eröffnete der dickwanstige Pfarrer das Gespräch, während er schmatzend an einem Hühnerbein herumnagte.
»Das kann ich gerne tun«, antwortete der Graf, während er seinem Sohn lächelnd in die Augen schaute. »Zunächst aber möchten Wir Unserer Freude darüber Ausdruck verleihen, dass sich Unser Sohn Hermann die Ehre gegeben hat, Uns zu besuchen! Seinen weisen Rat werden Wir sicher noch gut gebrauchen können!«
»Um was geht es denn, Vater?«, mochte Hermannus Contractus ebenfalls wissen, wie sich der Altshausener Spross seit seinem Eintritt in den Konvent der Reichenauer Benediktiner nannte.
Der Graf nahm einen kräftigen Schluck, wischte Hermann das Sekret, das ihm aus dem Mund troff, mit dem extra hierzu bereitliegenden Lappen weg und fuhr sich selbst mit dem Handrücken über den Bart. Dann hielt er seinem Mundschenk eines der zur Karaffe passenden Gläser hin.
Bevor er tief durchatmete, bekannte er, »sein Volk« nicht mehr richtig im Griff zu haben. »Die Bauern beginnen zunehmend zu rebellieren, insbesondere im Süden Unseres Herrschaftsgebietes! Außerdem hat Uns der gräfliche Forstverwalter berichtet, dass in den Wäldern um villa Ysinensi herum auffallend viele Holzbrüche zu verzeichnen sind und laut Aussage des dort eingesetzten Mairs eine Seuche viele Fische in den dortigen Teichen und Bächen dahingerafft haben soll. Wegen des ungemein hohen Schnees kann er beidem aber erst im Frühjahr nachgehen.«
Als er dies hörte, murmelte sein Sohn Hermann abschätzig: »Von wegen ›Holzbruch‹ und ›Fischsterben‹! Lasst Euch das von Eurem dortigen Ortsvorsteher ja nicht gefallen!«
»Wie meint Ihr das?«, fragte der Vater irritiert, bekam von Hermann aber lediglich zur Antwort, dass er ihm dies später erklären würde. »Erzählt uns erst weiter von dem, was Euch bedrückt.«
Der Graf nahm erneut einen Schluck, dann sagte er, was ihn schon seit längerer Zeit belastete: »Leider werden Wir nicht umhin kommen, immer strengere Maßnahmen zu ergreifen, um die Bauern zur Räson zu bringen! Wenigstens haben Wir die Handwerker und Kaufleute der größeren Dörfer und der Städte gut unter Kontrolle!«
»Das glauben Wir gerne«, bemerkte Hermann wegen seines Sprachfehlers schwer verständlich und begründete dies damit, dass die Bauern ihren Äckern in diesen kargen Zeiten trotz des guten Bodens zu wenig abzuringen vermochten, um auch noch ordentlich Abgaben zahlen zu können. Den Handwerkern und Kaufleuten hingegen ginge es verhältnismäßig gut.
»Dafür können Wir doch nichts! Das ist von Gott so gewollt«, entgegnete der Vater fast trotzig.
»Aber Ihr seid der Grundherr, mein Gemahl!«, mischte sich nun Hiltrud ins Gespräch, während sie an Hermanns Gewandung herumzupfte. Obwohl sie wissen sollte, dass Frauen zu schweigen hatten, wenn sich Männer unterhielten, wagte sie es ungeniert, sich am Gespräch zu beteiligen. Wegen ihres Sohnes, der in einem eigens für ihn angefertigten Spezialstuhl saß, hatte der Graf es ihr gestattet, bei diesem Gespräch mit dabei zu sein, damit sie sich um ihn kümmern konnte.
»Mutter hat recht!«, pflichtete Hermann ihr bei. »Es liegt allein an Euch, etwas dagegen zu tun!«
Der Graf stöhnte auf. »Aber was? Das ist hier die Frage.«
»Welche Bauern sind denn am aufmüpfigsten?«, interessierte indessen den Priester, während er sich zum dritten Mal Wein in den Becher schütten ließ.
Der Graf brauchte nicht lange zu überlegen, um zu antworten, dass es die ständig nörgelnde Bevölkerung von villa Ysinensi sei, die ihm arg zu schaffen mache. »… aber gleichzeitig sind die Menschen dort auch die gottesfürchtigsten!«
»Das ist gut!«, sprudelte es aus Hermann heraus, während sich auch schon ein breites Grinsen über sein schmales und blasses Gesicht zog.
»Selbstverständlich ist das gut!«, wunderte sich der Altshausener Geistliche über die Feststellung seines klösterlichen Gesinnungsbruders.
Hermann schwieg ein Weilchen, dann bemühte er sich um Worte, die allerdings nur schwerlich über seine Lippen kamen: »Ich wüsste da schon etwas!« Dabei rang er hörbar um einen triumphierend klingenden Tonfall.
Alle horchten auf, selbst der Priester hielt mit seiner ständigen Kauerei inne. Sämtliche Blicke waren auf den weisen Kleriker vom Mare Brigantium gerichtet, der es offenbar genoss, seinem ansonsten »allwissenden« Vater einen guten Rat erteilen zu dürfen.
»Spendiert Euren dortigen Untertanen einfach ein Gotteshaus, das wird ihnen die Münder stopfen und sie aus Dankbarkeit Euch gegenüber wieder gefügiger machen!«
»Eine Kirche?«, wunderte sich Manegold, während sich Wolfrad bereits Sorgen darüber machte, was dies kosten würde.
»Ja!«, antwortete Hermann und ließ auch schon seine weiteren Gedanken hierzu laut werden: »Und wir weihen sie dem heiligen Apostel Jakobus dem Älteren und dem heiligen Märtyrer Georg! Es muss ja nichts Großes sein!« Mühsam sprach er weiter: »Eine kleine Hütte aus gestrickten Balken vielleicht. Wenn Ihr Euch ganz besonders großzügig zeigen wollt, sogar mit einem kleinen Turm, der gleichzeitig als Warnturm dienen könnte. Die Glocke dazu kann ich stiften, weil ich weiß, dass in einem Schopf meines Klosters eine herumliegt, die nicht mehr gebraucht wird, … glaube ich zumindest.«
*
Hermanns Rechnung war aufgegangen: Als sein Vater Wochen später nach mehreren Besichtigungen und Planungsgesprächen mit seinem Baumeister, den Priestern der Umgebung und dem Ortsvorsteher von villa Ysinensi die dortige Bevölkerung zusammenrief, um sie von seinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen, war die Freude übergroß. Um an den Kirchenbau gehen zu können, waren allerdings nicht nur Handlanger, sondern auch fachkundige Arbeiter nötig. Aber die waren in dem kleinen Dorf Mangelware.
»Auf keinen Fall setze ich hier meinen Hofbaumeister und die teuren Handwerker aus Altshausen oder aus Trauchburg ein!«, gab der Graf dem Mair die klare Marschrichtung vor und sollte – wie konnte es anders sein – damit durchkommen.
Weil es in villa Ysinensi keinen einzigen Bauarbeiter gab, der dieses Handwerk richtig gelernt hatte, wurde der Sargtischler Gerold Eberz kurzerhand zum Vorarbeiter über diejenigen Männer gemacht, mit denen er schon den Dorfzaun errichtet und mit zwei Toren versehen hatte.
»Stellt diesem Tischler irgendetwas in Aussicht! Dann wird er schon spuren«, empfahl der Graf seinem Geldverwalter, von dem alle wussten, dass ihm Eigennutz vor Gemeinwohl ging.
Dass der Graf ausgerechnet diesen hinterlistigen Denunzianten auf seine Geldschatulle gesetzt hatte, war kein Zufall gewesen. »Altshausen ist weit weg von villa Ysinensi«, hatte er ihm bereits vor dessen Amtseinführung in verschwörerischem Tonfall gesagt und ergänzt, dass er jemanden bräuchte, der ständig Informationen für ihn einholen würde. Auch wenn der Graf den kleinen dicken Mann nicht mochte, drückte er ihm zu dessen Freude ein paar Münzen in die verschwitzten Hände. Dass Eberz und seine Helfer keinen Pfennig davon zu sehen bekommen würden und sich der Geldverwalter dieses Geld mit dem ebenfalls hinterlistigen Mair von villa Ysinensi teilen würde, war ihm dabei klar. Hauptsache, der Kirchenbau würde so gut vorangehen, dass er das Bistum Konstanz bald über die Fertigstellung informieren konnte.
Es stellte sich rasch heraus, dass die Wahl des Grafen richtig gewesen war; denn Gerold Eberz verstand es offensichtlich nicht nur, meisterlich mit Holz umzugehen, sondern auch Menschen zu führen. Ohne einen Plan lesen zu können, gab er seinen Männern klare Anweisungen in Bezug auf das Fällen und Bearbeiten der von ihm und vom gräflichen Revierförster sorgsam ausgewählten Bäume, die er an den vier Ecken der Kirche so verzapfte, dass das Gebäude mit zunehmender Balkenhöhe stabiler wurde.
Die Arbeit ging gut voran, es hatte keine unangenehmen Vorkommnisse und keinen einzigen nennenswerten Unfall gegeben. Alles lief wie geplant. Es schien fast so, als wenn dieser Kirchenbau unter einem guten Stern stehen würde. Als sich aber eines Tages Rabenvögel auf den umliegenden Bäumen niederließen, um das Geschehen zu beobachten, kam Eberz wieder das »Dutzend des Teufels« in den Sinn. »Heilige Maria Mutter Gottes, erbarm dich unser«, flüsterte er von den anderen unbemerkt in sich hinein, während er hastig das Kreuz schlug. Danach ging ihm die Arbeit wieder ein wenig leichter von der Hand.
Als sie eine gewisse Höhe erreicht hatten, trat Eberz mit seinem Sohn Michael und einem anderen seiner Arbeiter in die Raummitte, streckte beide Arme von sich und sagte: »An diese Stellen hier kommt je ein Fenster, zwei Ellen im Quadrat groß. Dann trat er in den Altarraum vor, den er wie die Apsis einer »richtigen« Kirche etwas schmäler gehalten hatte als den Kirchenraum, der immerhin dreißig Fuß in der Breite maß, während die Länge des Hauptraumes stolze fünfzig Fuß betrug. Das hieß, dass sich zu beiden Seiten eines Mittelgangs jeweils sieben Sitzreihen mit je sieben Plätzen würden einbauen lassen. Dass es genau sieben sein mussten, hatte sich Hermannus Contractus gewünscht, weil dies die heilige Zahl schlechthin war.
»Diesen Teil hier …«, Eberz zeigte auf den festgestampften Lehmboden des Chorraumes, »… erhöhen wir um zwei Treppenstufen! Dann schaut das Ganze imposanter aus und der Pfaffe, der hoffentlich bald kommen wird, kann sich über uns erheben.« Spott schwang in seiner Stimme mit, obwohl er es mit seiner Arbeit im Dienste des Herrn sehr ernst und genau nahm.
Dafür, dass sie das ganze Frühjahr und über den Sommer hinweg bis in den Herbst hinein an der Kirche gefront hatten, waren sie von ihrem Grundherrn außerordentlich gut mit Lebensmitteln für sich selbst und für ihre Familien versorgt worden. Ansonsten hatte der Graf lediglich das Holz für den Kirchenbau gestiftet und sich zwischendurch persönlich nach dem Fortgang der Arbeiten erkundigt. Alles andere war in den Händen von Gerold Eberz und seinen Männern gelegen. Weil sie wussten, dass am Schluss allein der »wohledle« Spender, der Mair und der neue Pfarrer gut dastehen, sie selbst aber keines Lobes gewürdigt würden, gab es immer wieder Situationen, in denen der eine oder andere die Arbeit niederlegen wollte. Aber dem von allen respektierten Vorarbeiter war es immer wieder gelungen, seine maulenden Arbeiter zur Vernunft zu bringen. »Ihr und eure Familien habt doch noch nie so viel zu fressen bekommen wie jetzt, oder?«, hatte er dabei nicht nur einmal als Argument ins Feld geführt und die Männer damit zu Höchstleistungen angetrieben. Geholfen hatte ihm dabei, dass er die Familienväter unter ihnen heimlich auch Holz für ihre eigenen Behausungen hatte schlagen lassen, während er selbst mit dem Abfallholz zufrieden gewesen war. Dabei hatten alle gewusst, dass Eberz damit sein eigenes Todesurteil unterschreiben würde, falls sie denunziert oder beim Holzdiebstahl erwischt würden. Und dies rechneten sie ihrem allseits beliebten Vorarbeiter so hoch an, dass sie ihn auch über den Kirchenbau hinaus niemals im Stich lassen würden.
So war der Rohbau schon bald soweit fertig, dass sie das Dach decken und den Glockenturm errichten konnten.
»Kruzifix! Wo bleibt diese verdammte Glocke, die uns der Graf versprochen hat?«, schimpfte Eberz und handelte sich dadurch eine Rüge des neuen Pfarrers ein, der vor ein paar Tagen wie aus dem Nichts in der Abenddämmerung in villa Ysinensi aufgetaucht war und sich einmal mehr hinter ihn geschlichen hatte, um zu lauschen.
Der Geistliche hatte die gotteslästernde Flucherei mitgehört. »Fünfzehn Vaterunser!«, trug er dem Sargtischler als Sühne auf.
Anstatt darauf einzugehen, blaffte der längst selbstbewusst gewordene Vorarbeiter den Priester in der einfachen Sprache des Volkes an: »Was willst du hier, Pfaffe? Schleich dich und lass uns unsere Arbeit machen!«
»Wahrscheinlich möchte er einen von uns bei der Obrigkeit hinhängen!«, bekam Eberz Schützenhilfe von einem seiner Männer, die allesamt zu lachen begannen.
Der Priester konterte, dass es ihn freuen würde, Eberz und seine Leute bei solch guter Laune vorgefunden zu haben. »Zu eurer und zur Freude Gottes darf ich euch im Auftrag unseres Grundherrn etwas mitteilen!«
Nun war es still und auch die Letzten legten ihre Arbeitsgeräte ab, um nähertreten zu können. Schließlich mochten alle mitbekommen, was ihr noch nicht offiziell eingeführter Pfarrherr zu sagen hatte.
Weil der Pfaffe die Situation und seine vermeintliche Überlegenheit genoss, fuhr er nicht gleich fort.
Gerold Eberz nahm sich wieder das Wort: »Nun sag schon, was gibt es für Neuigkeiten?«
»Du betest deine Vaterunser?« Während er auf Eberz’ Antwort wartete, blitzten die Augen des Pfarrers gefährlich auf. Dann spuckte er eine unverhohlene Drohung aus: »Du weißt, was auf Gotteslästerung steht!«
»Schon gut, nach Feierabend werde ich Zwiesprache mit unserem Herrn halten und das Dreifache der von dir geforderten Gebete sprechen!«, wehrte Eberz mit erhobenen Händen ab. »Aber nun sag schon, was …«
Um coram publico zu demonstrieren, dass sich der studierte Pfarrherr das Wort nicht von einem unbelesenen Sargtischler erteilen lassen musste, unterbrach er dessen Frage und kam endlich zur Sache: »Euer Herr lässt ausrichten, dass … die Glocke noch vor St. Martini hier sein wird!«
Weil er diese frohe Botschaft verkündet hatte, war die kleine Stichelei schlagartig vergessen und es brandete ein solcher Jubel auf, wie es ihn zum letzten Mal in villa Ysinensi gegeben hatte, als die Bevölkerung erfahren hatte, dass ihnen der Graf ein Gotteshaus spendieren würde. Damals hatten die Fronarbeiter ja noch nicht gewusst, dass sie ihre Kirche selbst errichten mussten. Aber das war in diesem Moment des Glücks egal, sie freuten sich derart auf die Glocke, dass es ihnen Antrieb gab, das Gebäude rechtzeitig bis St. Nikolaus fertigzustellen.
Die Zeit drängte, denn über den Kirchenbau hinaus hatte der Graf in Auftrag geben lassen, so viele grob gearbeitete Bänke und Tische herzustellen, dass insgesamt etwa einhundertfünfzig Gäste Platz auf dem Gelände finden konnten, auf dem die Kirchweihe auch weltlich gefeiert werden sollte. »Die könnt ihr dann behalten und von mir aus verfeuern!«, hatte er gleichsam gönnerhaft wie spaßhalber zu Eberz gesagt.
Dabei hatte der Graf offensichtlich gewusst, dass der umsichtig denkende Eberz dafür sorgen würde, die bis dahin bearbeiteten Holzbretter niemals dem Feuer zu übergeben, sondern zum Bau der längst überfälligen Kornscheuer zu verwenden. Schon seit geraumer Zeit besprach der Graf solche Dinge mehr und mehr direkt mit dem Sargtischler, anstatt mit dem Mair, der eigentlich dafür zuständig gewesen wäre. Der Grund mochte wohl darin zu suchen sein, dass Eberz ein ernsthaftes Interesse am Vorwärtskommen seines Dorfes zeigte und die Dinge anpackte, während der Mair bei den meisten anfallenden Arbeiten durch Abwesenheit glänzte und sich mehr für Alkohol als für die Allgemeinheit zu interessieren schien.
Kapitel 2
Es war ein extrem frostiger und deswegen auch ungemütlicher Dezembertag des Jahres 1042. Aber dies hatte den Konstanzer Bischof Eberhard I. nicht davon abgehalten, die schwere Mühsal trotz des schlechten Wetters auf sich zu nehmen, mit großem Gefolge ins noch kältere Allgäu zu reisen, um dort eine wichtige Mission zu erfüllen. Aber kaum in villa Ysinensi angekommen, sollte sein Vorhaben so holprig beginnen, dass er dies sogar als unheilbringendes Omen betrachtete. Denn schon am oberen Tor, durch das er ins Dorf gelangen wollte, musste er aus seiner Kutsche heraus auf ein Pferd steigen – der hölzerne Durchlass war für das breite Gefährt zu schmal gewesen. Wegen seiner durch den Matsch nass gewordenen Beinlinge fluchte der hochrangige Mann Gottes still vor sich hin, anstatt den herzlichen Empfang der hiesigen Bevölkerung zu genießen und ihr würdig zuzuwinken.
»Gott, was sind das nur für einfache Bauern«, grummelte er seinem klugen Adlatus in despektierlichem Tonfall zu.
Der Konstanzer Diakon, der bei Reisen immer an der Seite des Bischofs war, nutzte die Gelegenheit, um seinen Herrn dahingehend aufzuklären, dass er den hiesigen Menschenschlag nicht unterschätzen dürfe. In dieser hügeligen Gegend wuchsen nicht nur Dinkel und Hafer, sondern zudem wurde äußerst erfolgreich Flachs angebaut und verarbeitet, weswegen gerade die Bauern gute Abgabenzahler seien. »Was glaubt Ihr, weswegen deren Grundherr eine Kirche gestiftet hat, obwohl er ein Potentat alter Schule ist?«
»Er wird schon gewusst haben, weshalb er dies getan hat. Wahrscheinlich sind die Abgaben entgegen Eurer Meinung doch nicht so hoch, dass sie ihn zufriedenstellen.«
»Oder die Leute hier begehren gerne auf. Die Allgäuer sind ja bekannt dafür, ein streitbares Völkchen zu sein«, mutmaßte der junge Geistliche, der die braune Kutte der Benediktiner trug.
»Schon gut, mein Freund! Lasst uns lieber dafür sorgen, dass wir uns schnellstens aufwärmen und unseren Hunger stillen können, bevor wir uns zu unseren Schlafstätten begeben. Für die morgige Zeremonie müssen wir ausgeruht sein! Die Reise war lang und anstrengend, außerdem ist es teuflisch kalt!«
»Aber, aber, Euer Exzellenz!«, rügte der treu ergebene Kirchenlehrer, der gleichzeitig auch Domschatzmeister war, den Bischof für das Unwort, das der soeben in den Mund genommen hatte.
*
Die geplante Kirchen- und Glockenweihe hätte eigentlich am Tag des heiligen Nikolaus stattfinden sollen. Aber wegen eines gewaltigen Schneesturms, der über das Mare Brigantium hinweggefegt war, hatte die Delegation des Bischofs von Konstanz ihre Abreise um vier Tage verschieben müssen – für die Bevölkerung von villa Ysinensi eine gefühlte Unendlichkeit. Letztlich waren sie aber froh gewesen, noch etwas Zeit gewonnen zu haben, um ihre Siedlung herausputzen und alles für die Gäste des Grafen vorbereiten zu können. Und dazu hatte gehört, dass über den größten baumlosen Platz der Siedlung Planen gespannt wurden, unter denen die etwa einhundert erwarteten Gäste verköstigt werden konnten. Und für diejenigen, die erst am Tag nach der kirchlichen und weltlichen Feier ihren Rückweg antreten würden, sollte ein Zeltdach zur Verfügung stehen, unter dem sie ihre Häupter niederlegen konnten.
Rundherum hatten reisende Händler aus nah und fern, die im Laufe des Jahres von dieser Kirchenweihe erfahren hatten, ihre rollenden Verkaufsbuden aufgestellt. Weil sich der feierliche Anlass auch unter anderen mehr oder weniger ehrlichen Berufsgruppen herumgesprochen hatte, war neben Gauklern, Komödianten und Musikanten auch ein Heer von Falschspielern und Taschendieben angelockt worden. Sogar ein paar wandernde Gunstgewerblerinnen erhofften sich mit Gottes Hilfe gute Geschäfte, weswegen auch sie dem Tross des Bischofs von Konstanz aus hinterhergereist waren – selbstverständlich in gebührendem Abstand. Um ihrem Gewerbe ungestört nachgehen zu können, hatten sie ihren weich gepolsterten und reichlich mit Schaffellen ausgestatteten Planwagen etwas abseits der anderen Fahrzeuge abgestellt.
So etwas hatten die Einheimischen noch nie miterleben dürfen. Kein Wunder also, dass sie irritiert und völlig aus dem Häuschen waren – insbesondere, weil sich der Himmel gnädig zu zeigen schien und zum ersten Mal seit mehreren Wochen wärmende Sonnenstrahlen durch die sich zunehmend teilende Wolkendecke schickte.
*
Anderntags war es endlich so weit und der kurzerhand zum Mesner bestallte Sargmacher durfte erstmals die von der Insel Reichenau stammende gusseiserne Kirchenglocke läuten, die Hermannus Contractus tatsächlich spendiert hatte. Dass auf der Glocke das Amtswappen des ehemaligen Reichenauer Abtes Pirminius mit eingegossen war, der das Inselkloster vor über dreihundert Jahren gegründet hatte, störte Gerold Eberz nicht im Geringsten. »Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul! Hauptsache, er wiehert gut«, hatte er zufrieden schmunzelnd von sich gegeben, nachdem ihm die Bedeutung dieses Wappens erklärt worden war.
Alles war vorbereitet, die Menschen hatten sich und ihre Siedlung ins bestmögliche Licht gesetzt und waren guter Laune. Sicherheitshalber hatten sie ihre Nutztiere eingesperrt. Damit wollten sie vermeiden, dass bei den auswärtigen Besuchern Begehrlichkeiten geweckt wurden und sie nach dem Ende dieses Spektakels nicht versehentlich eine Ziege mehr im Stall vorfinden würden.
Als der Bischof von Konstanz zusammen mit vierzehn Klerikern des Ordens vom Heiligen Benedikt feierlich in die Kirche einzog, erstrahlte das Gotteshaus in bescheidenem Glanz. achtundneunzig der wichtigsten Männer des Umlandes hatten die Kirchenbänke bis auf den letzten Platz gefüllt. Die allesamt gespannten Ehrengäste waren nicht nur aus den umliegenden Orten Christazhofen, Eisenharz, Engerazhofen, Enkenhofen, Friesenhofen, Leutkirch, Ratpoticella, Rohrdorf, Trauchburg, Urlau und Wangen gekommen, sondern waren auch aus den etwas ferneren Orten Aulendorf, Baienfurt, Ravensburg, Waldsee, Weingarten, Wurzach und natürlich auch aus Altshausen angereist wie Delegationen aus weiten Teilen des Allgäus und aus Lindau. Vom Grafen ausgesandte Boten zu Ross hatten dafür gesorgt, dass alle seiner Einladung Folge leisteten. Dementsprechend voll war die kleine Kirche, die nun ihre Bewährungsprobe bestehen musste.
Die ersten beiden Bankreihen waren dem Grundherrn, Wolfrad II. Graf von Altshausen und Herrn der Burg sowie des Landes Trauchburg, seiner Familie und deren Gefolgschaft vorbehalten. So war seine Gemahlin Hiltrud das einzige weibliche Wesen in der Kirche. Die Frauen der anderen mussten sich – ebenso wie die hiesige Bevölkerung – damit begnügen, sich vor der Kirchentür zu versammeln, die trotz der Kälte geöffnet war. Auf persönlichen Wunsch des Grafen und seiner gnädigen Gemahlin war die Weihe kurzfristig auf den Tag der Gedächtnisfeier zum Tod ihres kleinen Sohnes Luitpold gelegt worden, weswegen die Kirchenstifter der Zeremonie wohl mit gemischten Gefühlen beiwohnen würden.
Rechter Hand vor dem Altarraum hatte der Bischof einen mitgebrachten Katheder aufstellen lassen, wie ihn die Mönche in den Klöstern benutzten, um im Stehen Schriften zu vervielfältigen. Dieses wunderschöne und wertvolle Pult würde er als sein persönliches Geschenk für die Bevölkerung von villa Ysinensi in dem Gotteshaus zurücklassen, damit der hiesige Dorfpfarrer bei den Liturgien an Sonn- und Feiertagen darauf die Missale platzieren und vor der versammelten Kirchengemeinde daraus lesen oder die Manuskripte für seine Predigten drauflegen konnte.
Dieses Stehpult ist ein von meinem Adlatus wohldurchdachtes Geschenk, dachte sich der Bischof, nachdem er festgestellt hatte, dass das aus seiner Sicht primitive Gotteshaus über keine Kanzel verfügte. Allerdings fiel ihm auch auf, dass der Rest des bescheidenen Kircheninventars nicht zu diesem kunstvoll geschnitzten Katheder passte … oder umgekehrt.
Ungeachtet der Gedanken seines Bischofs hatte Pater Bernardus, einer der bischöflichen Kuttenträger, hinter dem Stehpult Aufstellung genommen, um mit frisch gespitztem Federkiel alles fein säuberlich mitschreiben zu können. Mit Bruder Bernardus hatte der Bischof seinen besten Schreiber ausgewählt, von dem er wusste, dass er alles akribisch Wort für Wort für die Ewigkeit festhalten würde. Seine Aufschriebe würden zur Lagerung in verschiedenen kirchlichen Bibliotheken vervielfältigt werden und er würde sie zudem auch noch eigenhändig mit kunstvoll gemalten Initialen verzieren.
Alle Kirchenbesucher einte, dass sie möglichst viel von dem mitbekommen wollten, was gleich passieren würde. So waren es denn verzaubernde Augenblicke, die sich nicht zuletzt auch Dank der aus Konstanz mitgebrachten Kerzen tief in die Herzen der Gläubigen gruben. Die blütenweiß gebleichte Leinendecke auf dem Altar, in die von mehreren Frauen die Symbole der Dreifaltigkeit in blutrotem Garn eingestickt worden waren, schien die Leuchtkraft der Kerzen zu verdoppeln. Ansonsten war das zu beiden Seiten des geschnitzten Herrgotts drapierte Tannenreisig der einzige Schmuck. Aber dies machte nichts; solch einen erhebenden Moment der inneren Einkehr hatte es in dem beschaulichen villa Ysinensi noch nie gegeben – dementsprechend glücklich waren die Bewohner an diesem großen Tag für ihre geliebte Heimat und für sich selbst. Und der Prunk städtischer Kirchen oder einer der Kathedralen, wie es sie auch in Konstanz oder im fernen Aachen gab, war den meisten von ihnen sowieso fremd.
*
Ein eigenartig gewandeter Mann, der in einem gewissen Abstand des Geschehens auf einer Anhöhe im Sattel seines Pferdes saß, betrachtete das Schauspiel mit einem Verlangen in den Augen, das die Mordgelüste in seinem Innersten widerspiegelte. Dass die vermummte Gestalt dem Bischof von Konstanz aus sicherer Entfernung hinter dem Planwagen der Gunstgewerblerinnen bis hierhergefolgt war, hatten nicht einmal die weltlichen Wachen des hochrangigen Klerikers bemerkt. Und weil die unheimliche Gestalt bis jetzt nicht gesehen worden war, konnte auch von niemandem bemerkt worden sein, dass sie nichts Gutes im Schilde führte. Weil alle Blicke in Richtung des neuen Gotteshauses gerichtet waren, nahm niemand Notiz davon, dass ihnen der Mann mit gezogenem Schwert eine zornige Verwünschung zurief, bevor er davonritt und im Nichts dieses Wintertages verschwand.
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Nach dem Schlusssegen der ersten heiligen Messe im neuen Gotteshaus nahm sich der erst vor wenigen Tagen durch den Grafen bestallte neue Mair das Wort. Gerold Eberz war sichtlich stolz darauf, als erste Amtshandlung hier in der neuen Kirche von villa Ysinensi nicht nur zu den Seinen, sondern auch zu den hochrangigsten Leuten im großen Umkreis sprechen zu dürfen. Und dies tat er, ohne sich die innere Unruhe anmerken zu lassen, die ihn auf einen Schlag zu übermannen drohte. Zuerst begrüßte er im Namen der Bevölkerung von villa Ysinensi die Anwesenden, bevor er sich mit etwas zu schmalzig geratenen Worten beim Initiator und Finanzier dieses Kirchenprojektes bedankte.
Nachdem auch der »wohledle« Stifter eine Rede gehalten hatte, die allerdings mehr ein Aufruf an die Bevölkerung von villa Ysinensi gewesen war, auch im tiefsten Winter auf die Gesundheit zu achten, damit »… nach altem Brauch und Herkommen …« im Frühjahr die Arbeit auf den Feldern und an den Webstühlen wieder aufgenommen werden konnte, trat abermals der Bischof vor, um etwas zu sagen:
»Unsere lieben Mitbrüder und -schwestern im Herrn! Trotz der winterlichen Beschwernisse sind Wir im Dezember, der im römischen Kalender der zehnte Monat des Mondkalenders gewesen ist, gerne hierher ins kalte Allgäu und zu euch nach villa Ysinensi gekommen, um eure neue Kirche mitsamt der dazugehörenden Glocke einzuweihen und …«
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Der liturgische Teil war bereits zuvor beendet und die Kirche den Heiligen Georg und Jakobus dem Älteren geweiht worden. Nach der bewegenden Rede des hochrangigen Kirchenmannes trauten sich jetzt die Menschen, ihren Glücksgefühlen freien Lauf zu lassen und sich beim Bischof und beim Grafen mit einem kräftigen Handgeklappere zu bedanken. In ihrer Begeisterung entwich dem einen oder anderen sogar ein lauter Pfiff, während anderen ein paar Tränen des Glücks herunterliefen.
Der Bischof ließ sie so lange gewähren, bis es ihm zu viel wurde und er wieder das Wort an sich zog: »Nun aber, meine lieben Gläubigen im Herrn, möchten Wir, Bischof Eberhard I. von Konstanz und von Gottes Gnaden, dem gottgefälligen Kirchenstifter für seine Großzügigkeit danken und ihm zum ewigen Zeichen unserer Verbundenheit etwas überreichen, das aus fernen Zeiten aus einem fernen Land den Weg nach Konstanz …« Er räusperte sich, bevor er weitersprach: »… und vermutlich nach vielen Irrwegen zu Uns gefunden hat! Tretet vor, edler Wolfrad Graf von Altshausen, und lasst Euch erklären, was Wir für Euch mitgebracht haben!«
Während der großgewachsene Mann mit dem gepflegten Vollbart aufstand und nach vorn ging, durchdrang ein solches Getuschel das Kircheninnere, dass es bis nach draußen zu hören war. Unser Grundherr ist eine imposante Erscheinung, dachte sich der eine oder andere. Insbesondere die schwere silberne Halskette mit dem mehr als handgroßen Familienwappen derer von Veringen vor seiner Brust ließ ihn genauso respekteinflößend aussehen wie das Schwert und der Dolch an seinem breiten Ledergürtel, die ihn ebenfalls als Adeligen auswiesen.
»Wohlan …«, begann der Bischof aufs Neue und hielt etwas in die Höhe, »weil Wir Uns viel mit den Gestirnen und dem Wechsel von dunkelster Nacht auf die heilbringende Helle des Tages befassen, können Wir Euch und allen anderen erklären, was es mit diesem Amulett auf sich hat!«
Als der Bischof das rote Samtkissen mit dem daraufliegenden mattbräunlichen Amulett noch höher hielt und den Gläubigen entgegenstreckte, ging erneut ein Raunen durch die Kirche, was den Laudator allerdings nicht irritierte. Unverdrossen, nunmehr mit einem beschwörend klingenden Tonfall in der Stimme, fuhr er fort: »Auf einer Seite dieses Amuletts befindet sich ein Quadrat, auf dem sich die Summe der Zahlen aller drei Zeilen, aller drei Spalten und auch der beiden Diagonalen gleicht! Stets ist sie fünfzehn.«
Kaum ausgesprochen, bekreuzigten sich die meisten der vor der Kirche ausharrenden Menschen. Denn mit dem, was sie soeben gehört hatten, konnten sie nicht nur nichts anfangen, es ängstigte sie sogar. Rechnen war den meisten von ihnen noch fremder als Lesen und Schreiben.
»Das ist Teufelswerk«, flüsterte einer seinem Nachbarn zu, während ein anderer zu der Feststellung gelangte, dass der Bau dieser Kirche vielleicht doch unter keinem guten Stern stehe.
»Beruhigt euch!«, fuhr der Bischof, der die aufkommende Unruhe außerhalb der Kirche bemerkt hatte, harsch dazwischen. Er wusste, dass lediglich der Graf, dessen Gemahlin und vielleicht ein paar andere hochrangige Gäste etwas von dem verstanden, was er soeben von sich gegeben hatte. Also versuchte er, die beiden Inhalte auf dem Amulett so einfach wie möglich zu erklären: »Es handelt sich nicht um Teufelswerk, sondern um Arithmetik, eine der sieben freien Künste! Die ›artes liberales‹ …« Als er merkte, dass er nun auch noch weltliches Latein zu sprechen begonnen hatte, anstatt die Sache vereinfacht zu haben, hüstelte er verlegen und wechselte zu einer anderen Erklärung über: »Keine Sorge: Die Fünfzehn ist lediglich eine ›Mondzahl‹, die den Tag der vollen Rundungen des Mondes benennt! Diese magische Zahl bekam ihre Bedeutung, weil es sich um eine dreifache Fünf handelt und die Fünf …«, während er fortfuhr, erhob der Bischof Zeigefinger und Stimme, »…. eine heilige Zahl ist, die Zahl der Ischtar und der Venus! Unabhängig dieses ›Magischen Quadrates‹ ergibt die Summe der ersten fünf Zahlen die Zahl Fünfzehn!
Als der Bischof merkte, dass er mit seinen Erklärungsversuchen immer noch auf allseitiges Unverständnis stieß, schlug er mit veränderter Stimmlage eine völlig andere Richtung ein: »Vom Leinengarn her kennt ihr doch die Maßeinheit ›Mandel‹, oder etwa nicht?«
Na also, endlich kann ich mich dem unbelesenen Volk gegenüber verständlich machen, dachte sich der hochrangige kirchliche Würdenträger, nachdem er ein allseitiges Kopfnicken hatte feststellen können. »Auch dabei spielt die Fünfzehn eine maßgebliche Rolle, denn fünfzehn Garben Getreide sind eine ›Mandel‹, … oder? Ihr verkauft sogar die Eier eurer Hühner zu jeweils fünfzehn Stück!« Er hob eine geöffnete Hand in die Höhe und sagte mit den dazugehörenden Fingerbewegungen in beschwörendem Ton: »Drei Hand voll sind eine ›Mandel‹!« Sogar der Rosenkranz umfasst in drei Fünfergruppen fünfzehn Geheimnisse!« Das hatten nun auch die am einfachsten gestrickten unter diesen Menschen verstanden. Endlich hatte er sie bei sich und deswegen auch ihr Interesse geweckt! Also konnte er fortfahren, ohne auf weiteres Unverständnis zu stoßen: »Wie ihr alle wisst, unterscheiden wir den freudenreichen, den glorreichen und den schmerzhaften Rosenkranz! Im ›freudenreichen‹ werden die wichtigsten Stationen im Leben Mariens vergegenwärtigt, im ›schmerzhaften‹ wird die Passion Christi angerufen und im ›glorreichen‹ stellen wir die österlichen Geheimnisse in die Mitte! … Die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes machen uns darauf aufmerksam. Und nun kommen Wir auf das zurück, was Wir zuvor schon angesprochen hatten – dass die Zahlensymbolik der Ischtar und der Venus auf die Marienverehrung übertragen wurden! Ihr braucht also weder Furcht vor der Fünfzehn, noch vor diesem Amulett zu haben! Es sei denn …«
Ohne den Satz beendet zu haben, bekreuzigte sich der Bischof, was ihm die Kirchenbesucher nachmachten, ohne zu wissen, weshalb sie dies taten.
»Sein Wort in Gottes Ohr«, flüsterte die nachdenklich gewordene Gräfin ihrem Banknachbarn Hezelo von Entringen zu, einem Mitglied der Reichenauer Vogtfamilie.
Während der Bischof das Bildnis und die Symbole auf der anderen Seite des Amuletts zu deuten versuchte, dies aber mangels Wissen um die wahren Hintergründe dieses grausigen Motivs nur leidlich hinbekam, wurde es im ohnehin schon stillen Gotteshaus noch stiller. Selbst die Gebildeten unter ihnen wussten mit dem, was ihnen der Bischof mit gestenreich unterstrichenen Worten zu sagen versuchte, nicht umzugehen. Die abschließende Warnung des Bischofs verstanden aber alle: »Deswegen wagt es ja nicht, ins Innere des Menschen einzudringen und ihm die Seele zu nehmen!«
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Nachdem der Graf das eigenartige Geschenk des Bischofs angenommen und sich dafür bedankt hatte, war von ihm die Zeremonie in der Kirche für beendet erklärt worden und alle Gäste schritten zum vorbereiteten Festmahl auf den großen Platz unterhalb des Kirchenhügels.
In der Wahrnehmung der einfachen Bevölkerung war es ein unbeschreiblich grandioses Fest, bei dem zu mitternächtlicher Stunde auch noch eines dieser seltenen Feuerspiele gezündet werden sollte – trotz des Winters ein gefährliches Unterfangen. Die Menschen fürchteten außer bösen Geistern und den winterlichen Dämonen, die Nachts aus den Wäldern kamen, um ihre Kinder zu entführen oder ihr Vieh zu stehlen, nichts so wie eine Feuersbrunst. Wegen der vielen Feuerkörbe, die der Graf aufgrund der Kälte um den überdachten Festplatz herum und sogar unter der Zeltplane hatte aufstellen lassen, war die Gefahr eines Brandes groß, sodass der Mair ein paar Männern aufgetragen hatte, die wärmespendenden Feuerkörbe nicht aus den Augen zu lassen. Auch den vom Grafen eingesetzten Feuerknechten, die für den Holznachschub verantwortlich waren, redete er ins Gewissen. Um sicherzugehen, dass nichts passieren konnte, ließ er abwechselnd vier männliche Dorfbewohner um das Festgelände herum Posten beziehen. »Achtet dabei auch darauf, dass sich keiner unserer Gäste an unserem Eigentum vergreift! Seid in jeder Hinsicht wachsam, hört ihr?«, hatte er die Männer beschworen, bevor er sich wieder zur gut gelaunten Gesellschaft gesellte.
Unter den fröhlichen Klängen von Fidel, Scheitholt und Trommel wurde gezecht, geprasst und gelacht, wie es in dieser harten Zeit nur äußerst selten und in villa Ysinensi noch nie der Fall gewesen war. Während die Musikanten fröhlich aufspielten und die Frauen sich über jeden einzelnen Tanz freuten, schlichen sich nach und nach einige der Männer heimlich davon, um etwas davon zu holen, was sie sich mehr als hart verdient und mühsam beiseitegelegt hatten. Aber so mancher kehrte enttäuscht an seinen Tisch zurück, um sich volllaufen zu lassen. Denn das Geld, das er in seiner Behausung aus dem Versteck geholt hatte, war zu wenig gewesen, um sich zumindest über das Viertel einer Stunde hinweg mit einer der drallen Gunstgewerblerinnen vergnügen zu können.
So wie dies von niemandem bemerkt wurde, fiel im Verlauf der bier- und weinseligen Nacht auch niemandem auf, dass sich mitten unter ihnen ein Fremder so ungeniert bewegte, als wenn er dazugehören würde. Wenn sich der eine oder andere auch über dessen Kapuzengewandung wunderte – die anders aussah als die der Mönche – und über das eigenartige Schwert an seinem Gürtel staunte, dachte sich niemand ernsthaft etwas dabei. Und den Mann anzusprechen, traute sich sowieso niemand, weil ihn allein schon die Tatsache, dass er eine Waffe tragen durfte, als einen Mann von hoher Herkunft auswies – egal woher er gekommen sein mochte. Außerdem waren sich die Wenigsten von ihnen vor diesem Fest persönlich begegnet, also konnte auch kaum jemand beurteilen, wer dazu gehörte und wer nicht. Lediglich die in blutroter Farbe auf den weißen Umhang gestickte Zahl Eins, die von einem ebenfalls roten Quadrat umrandet war, gab Anlass zu tuschelnden Spekulationen verschiedenster Art.
Irgendwann entfalteten die aufpeitschende Kraft der Musik und insbesondere der Alkohol ihre volle Wirkung. Nicht nur die meisten Dorfbewohner waren stark angetrunken, auch dem Bischof und dem Grafen fiel das Sprechen zunehmend schwerer. Bevor er ganz betrunken zu werden drohte, winkte der Herr über villa Ysinensi den neu bestallten Mair zu sich. »In deiner Eigenschaft als erster Mann deines Dorfes vertraue ich dir dieses wertlose Amulett an. Nimm es an dich!«, tuschelte er ihm zu.
»Was … was soll ich damit?«, wunderte sich Gerold Eberz, der bisher noch mit keiner vergleichbaren Aufgabe betraut worden war.
Der Graf winkte ihn jetzt so nahe zu sich, dass der Mair den Alkohol aus dessen Mund riechen konnte. »Dieses Amulett besteht aus minderwertigem Metall und ist für mich nicht von Bedeutung«, flüsterte ihm der Graf vertrauensvoll zu und ergänzte, dass es immerhin ein Geschenk des Bischofs von Konstanz sei und er es deswegen nicht verlieren dürfe. »Gib es mir morgen früh wieder zurück, wenn sich die Geister des Weins verzogen haben! Und jetzt verschwinde!«
Dass das Gespräch von dem Fremden beobachtet worden war, hatten die beiden Männer nicht bemerkt. Dennoch erschien es dem Ortsvorsteher zu viel Verantwortung zu sein, die ihm der Graf aufgebürdet hatte. Als er die Gelegenheit nutzte, um sich die Vorderseite des Amuletts zu betrachten, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er suchte den Pfarrer, um das gute Teil, und somit auch die Zuständigkeit, an ihn weitergeben zu können. Aber er fand ihn einfach nicht.
Durch das Hin und Her des Mairs verlor ihn der Unbekannte kurzzeitig aus den Augen.
»Verdammt; wo hat sich unser Pfaffe nur verkrochen?«, fragte sich Gerold Eberz selbst, während er zur Kirche schlurfte, um dort nachzusehen. Und tatsächlich; der Priester hatte wohl so viel getrunken, dass er auf einer der Kirchenbänke seinen Rausch ausschlafen musste. Weil es keinen Zweck hatte, ihn zu wecken, steckte ihm der Ortsvorsteher kurzerhand das Amulett in eine seiner Jackentaschen. »Ich hole es mir morgen früh wieder!«, sagte er mehr zu sich selbst als zum laut schnarchenden Pfarrer, der vermutlich selig davon träumte, wie er seinen ersten eigenen Gottesdienst in der neuen Kirche gestalten konnte.
Zufrieden mit sich und seinem Gedanken, das Amulett aus genau demselben Grund weitergegeben und somit geschützt zu haben wie der Graf, ging der Mair zielstrebig zum Festplatz zurück, um sich noch ein Bier zu gönnen oder auch zwei.
Am nächsten Morgen fand man Gerold Eberz mit durchgeschnittener Kehle und einer Eins in die Stirn geritzt kopfüber an einem Baum hängen.
»Wo ist mein Amulett?«, interessierte den Grafen offensichtlich mehr als der unnatürliche Tod seines Mairs.
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Anstatt mit Freuden an all das zurückzudenken, was sie gemeinsam geschafft hatten, und sich der gelungenen Feierlichkeiten zu erinnern, befand sich die Bevölkerung von villa Ysinensi noch Wochen später in einer lähmenden Starre. Weil niemand etwas vom wahren Mörder ahnen konnte, verdächtigten sich die Männer so lange gegenseitig des Mordes an ihrem Standesgenossen, bis einer auf den Gedanken gekommen war, dass es der Fremde gewesen sein musste, auf dessen Kutte die gleiche Eins zu sehen gewesen war, wie sie der Mörder in die Stirn des bedauernswerten Mordopfers eingeritzt hatte. Der Grund für die Unruhe im Dorf lag aber auch darin, dass der Graf – allerdings erst, nachdem die Konstanzer Delegation abgereist war – alle Behausungen nach dem Amulett hatte durchsuchen lassen, das fortan mit dem Mord in Verbindung gebracht wurde. Bei der Leibesdurchsuchung war dann einer seiner Wachsoldaten fündig geworden. Der Pfarrer hatte zu diesem Zeitpunkt derart mit seinen Kopfschmerzen zu tun gehabt, dass er nicht darauf gekommen war, die Taschen seiner Jacke selbst abzutasten, bevor dies einer der Soldaten des Grafen tun würde. Somit hatte er immer noch nicht bemerkt, dass er das Amulett bei sich trug.
Seit dem Tod des Dorfvorstehers war in villa Ysinensi nichts mehr wie es gewesen war. Dennoch musste das Leben weitergehen. Dass Gerolds Witwe mit einer aus ihrer Sicht großzügigen Entschädigung für den Tod ihres Gatten bedacht worden war, rechnete sie dem Grafen hoch an, obwohl das Geld ihren Mann nicht zurückbringen würde. Ihr Sohn Michael schwor aus diesem Anlass heraus dem Grafen ewige Treue.
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Aus der ehedem offenen Siedlung war zwar ein mit einem Zaun umfriedetes Dorf mit eigener Kirche entwachsen, weswegen die Bewohner stolz in eine bessere Zukunft gehen konnten. Die Gedanken aber an das »tragische« Amulett, das ausgerechnet hier in villa Ysinensi ein Opfer gefordert hatte, ließ sie nicht mehr los und würde sie wohl auch noch über Generationen hinweg begleiten. Denn dass es nur das tödliche Zahlenwerk und der bekrönte Leichnam auf dem Amulett gewesen sein konnten, weswegen man den Ortsführer ermordet hatte, war für alle eine klare Sache.
»Das nächste Mal gibt es sicher zwei Tote!«, mutmaßte Michael Eberz seiner Mutter gegenüber, als sie eines Abends zur letzten Mahlzeit des Tages zusammensaßen und die Mutter gerade das Tischgebet gesprochen hatte.
»Versündige dich nicht!«, schimpfte die Mutter und bekreuzigte sich.
»Wie meinst du das?«, mochte hingegen Hulda, eine der Schwestern des neuen Familienoberhauptes wissen.
»Na ja«, antwortete ihr ältester Bruder. »Drei, vier, fünf … fünfzehn!«
»Ich habe dir gerade gesagt, dass du dich nicht versündigen sollst!«, schrie ihn die Mutter an und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, bevor sie erneut das Kreuz schlug und aufstand, um vor dem kleinen Hausaltar für das Seelenheil ihres Sohnes und für die anderen Familienmitglieder zu beten.
Trauer in der Burg derer von Veringen
Altshausen – Anno Domini 1065
Die magische Zahl II
Kapitel 3
Das Amulett war im Besitz des Grafen Wolfrad von Altshausen verblieben. Bis zum unseligen Jahr 1065 war es zu einigen familiären Problemen und äußerst merkwürdigen Unglücken gekommen, die im überraschenden Tod des bis dahin vermeintlich kerngesunden Grafen gegipfelt hatten. Zuvor hatte es aber auch noch andere unerklärliche Geschehnisse gegeben. So war bis zum Tod des Grafen gleich mehrmals in der Burg Altshausen eingebrochen und alles durchwühlt worden. Dabei hatte ein Leibdiener des Grafen den Tod gefunden. Weil man ihn mit durchgeschnittener Kehle im Schlafzimmer seines Herrn aufgefunden hatte, waren alle davon ausgegangen, dass er den Grafen hatte schützen wollen und sich todesmutig vor den Einbrecher gestellt hatte.
Bei seinen Einbrüchen war der Täter raffiniert vorgegangen und hatte immer dann zugeschlagen, wenn der nunmehr allein lebende Graf verreist war. Dies hatte vermuten lassen, dass der Einbrecher Kenntnis über die Reisepläne des Adeligen gehabt hatte. Es musste im engsten Umfeld des Grafen einen Verräter geben oder der Einbrecher war einige Zeit am Hof gewesen und hatte das Verhalten des Hausherrn studiert.
Aber auch dies war lediglich reine Spekulation gewesen. Sicher war nur, dass irgendjemand irgendetwas gesucht … und augenscheinlich nicht gefunden hatte. Denn bei sorgfältiger Überprüfung nach jedem Einbruch war stets festgestellt worden, dass rein gar nichts gefehlt hatte; weder das Tafelsilber noch der Schmuck der bereits vor dreizehn Jahren verstorbenen Gräfin, geschweige denn wertvolles Interieur, Kunstwerke oder sonst etwas. Und um die schwere Geldschatulle des Grafen wegzuschleppen, hätte es mehrerer Männer bedurft. Außerdem war diese so gut versteckt, dass sie von niemandem hatte gefunden werden können.
Was also in Herrgotts Namen war für den Einbrecher so wichtig gewesen, dass er einen wehrlosen alten Diener umgebracht und immer wieder das Risiko auf sich genommen hatte, auf frischer Tat ertappt zu werden? Was dies für ihn bedeutet hätte, wäre allen Untertanen des Grafen klar gewesen. Deswegen lag die Vermutung fern, dass es einer der ihren gewesen war. Umso mehr hatte den Burgherrn interessiert, wer die unheimliche Gestalt war, die offensichtlich keinen Respekt vor den hiesigen Gesetzen hatte. Aus diesem Grund, und um den Tod seines Leibdieners zu sühnen, hatte er alles in Bewegung gesetzt, um den Einbrecher auf frischer Tat zu erwischen. Aber trotz der Verdoppelung seiner Wachen und etlicher anderer Vorsichtsmaßnahmen war ihm dies bis zu seinem eigenen Tod nicht gelungen.
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Wegen dieser Vorfälle war die Familie des toten Grafen Wolfrad lange Zeit vor einem Rätsel gestanden. Aber Manegold I., das neue Familienoberhaupt derer von Altshausen, hatte andere Sorgen gehabt; die Beerdigung seines verstorbenen Bruders hatte ebenso vorbereitet werden müssen wie die Neuregelungen der Grafschaft Altshausen-Veringen und der Herrschaft Trauchburg. Bevor Manegold das Erbe seines Bruders ordentlich hatte übernehmen können, hatte Wolfrad sieben Tage lang aufgebahrt werden müssen, was in der Kälte des Winters problemlos ohne allzu große Geruchsentfaltung machbar gewesen war. Während dieser Zeit hatten diejenigen, die ihm am offenen Sarg die letzte Ehre erwiesen hatten, die Gelegenheit gehabt, Einwände gegen die von Wolfrad gewünschte Erbfolge vorzubringen – immerhin war der Erbe kein leiblicher Sohn des Grafen, sondern nur dessen leiblicher Bruder. Da konnten Begehrlichkeiten von Seiten anderer Familienmitglieder aufkommen.
Obwohl solch familiäre Dinge bisher immer friedlich hatten geklärt werden können, war Vorsicht geboten. In der Burg Altshausen war das »Vetorecht« am offenen Sarg eines verstorbenen Herrschers von jeher eine ebenso genau reglementierte Tradition gewesen wie die Art und Weise der Aufbahrung. Zu dieser hatte schon immer gehört, dass der Verstorbene die schwergliedrige Kette mit dem kunstvoll emaillierten Familienwappen um den Hals trug, die er zu Lebzeiten nur bei besonders wichtigen und großen Anlässen präsentiert hatte. Dem verstorbenen Regenten diese Kette umzulegen, war eine der vornehmlichen Aufgaben des designierten Nachfolgers gewesen, ebenso sie ihm kurz vor der Einsargung wieder abzunehmen, um sie für kommende Generationen verwahren und zu gegebener Zeit an sie weitergeben zu können.
»Ach, Bruder!«, hatte Manegold trotz der Freude über das auf ihn zukommende Erbe geseufzt, als er seinem Vorgänger in Amt und Würde die Wappenkette umgelegt hatte. Zuvor hatte er seinem Bruder das Amulett abnehmen müssen, das ihm anlässlich der Kirchenweihe in villa Ysinensi vom Konstanzer Bischof überreicht worden war.
Manegold erinnerte sich noch daran, dass Wolfrad dieses Amulett so lange als wertlos eingestuft hatte, bis ihm sein in Arithmetik und Astronomie erfahrener Sohn Hermann die geheimnisvolle Welt der Zahlen erschlossen hatte, die auf dem Revers des Amuletts zu sehen waren. Und nicht nur das; der kluge und belesene Reichenauer Benediktinermönch hatte auch die Symbolik auf dem Avers des Amuletts zu deuten gewusst. »Laut den Abbildungen und Aufzeichnungen eines alten Buches aus einem fernen Land namens China könnte es sich bei der Darstellung der Leiche in der Mitte des Amuletts um einen verstorbenen ›Huang‹, eine Art ›erhabenen Gottkönig‹ handeln!«, hatte er gesagt und dazu ergänzt, dass die zu beiden Seiten des Toten abgebildeten menschlichen Innereien darauf hindeuten könnten, dass man dem König die lebenswichtigen Organe entnommen hatte, um ihn für die Unendlichkeit einbalsamieren zu können. Nachdem er dies gesagt hatte, waren Manegold und die anderen Zuhörer derart entsetzt gewesen, dass sie allesamt das Kreuz geschlagen hatten und ihm nicht mehr hatten zuhören wollen. Aber Hermann war stur geblieben und hatte das Auditorium, das um ihn herum versammelt gewesen war, weiter aufgeklärt: »In China wurden schon vor dreitausend Jahren Leichenöffnungen vorgenommen, einerseits zum Zwecke der Wissenschaft. Andererseits …«, bevor er weitergesprochen hatte, war von ihm das Amulett so hochgehalten worden, dass es alle hatten sehen können, »… ist dies auch geschehen, um die Erinnerung an bedeutende Menschen für Jahrhunderte oder sogar über Tausende von Jahren hinweg aufrechtzuerhalten. Dabei spielte die Religion schon immer eine wichtige Rolle. Die Abbildungen auf beiden Seiten dieses Amuletts sollen den Betrachtern wohl sagen, dass sie sich ebenfalls der Verbreitung wissenschaftlichen Gedankengutes und dessen Umsetzung zuwenden sollen«
Als wenn es nicht schon still genug im Wappensaal des Altshausener Schlosses gewesen wäre, warnte Hermann seine Zuhörerschaft davor, die Kraft des Amuletts zu unterschätzen. »… denn dort, wo dieses ›Magische Amulett‹ ist, lauert der Tod! Es wird wohl das Beste sein, wenn niemand weiß, wo es sich befindet! Es aber leichtsinnig irgendwo zu vergraben oder auf eine andere Art loszuwerden, würde noch mehr Unheil über den Besitzer und seine Familie bringen!« Er räusperte sich und beendete seinen kurzen Vortrag mit den Worten: »Es ist wie ein böser Fluch!«
Von da an hatten Hermanns Zuhörer gewusst, dass sie ihre Familien auch über die kommenden Generationen hinweg vor diesem Amulett warnen mussten. Wolfrad selbst hatte es bis zu seinem Tod Tag und Nacht an einem Lederriemen um seinen Hals getragen. »Damit es nicht in falsche Hände gerät und somit kein Unheil mehr angerichtet werden kann!«, hatte er in Erinnerung an die grausamen Morde am Ortsvorsteher von villa Ysinensi und an seinem Leibdiener gesagt, bevor er mit einem gequälten Lächeln ergänzt hatte, dass derjenige, der ihm das Amulett abnehmen wolle, ihn umbringen müsse.
Auf Nachfrage hatte Hermann seiner Familie auch die Mythologie und die Symbolik der Zahlen Eins bis Neun, die innerhalb des »Magischen Quadrates« auf der Rückseite zu sehen waren, genau erklären wollen, war aber im Trubel dieser familiären Zusammenkunft nicht damit fertig geworden. So hatte er es zunächst bei der Eins belassen müssen: »Genau so, wie es nicht möglich ist, halbtot zu sein, kann die Zahl Eins nicht geteilt werden. Aber von ihr nimmt jede weitere Zahl ihren Ausgang …«, war alles, an was sich Manegold angesichts seines toten Bruders und dessen ebenfalls toten Leibdieners hatte erinnern können. Was für eine Bedeutung mag dann die Zahl Zwei haben?, hatte er sinniert, während er dem Bruder sanft den Kopf angehoben hatte, um ihm das Amulett abzunehmen und ihm stattdessen das Familienwappen umzulegen.
Schon wenige Tage später sollte er eine zwar nicht ganz zufriedenstellende, aber doch eine Antwort auf seine Frage erhalten. Denn mit Arnulf war ein Neffe nach Altshausen gekommen, der nicht nur Abschied von seinem Oheim nehmen wollte, sondern sich beruflich voll und ganz der Arithmetik verschrieben hatte. Manegold lud Arnulf auf ein persönliches Gespräch zu sich.
»Zwei Dinge – das Gute und das Böse – sind keine gegensätzlichen Pole! Und die Welt ist eine zerrissene Welt! Da wird etwas getrennt, was eigentlich zusammengehört!«, hatte Arnulf ihm gleich zu Beginn dieses Gespräches erklärt.
Das geht ja gut los, dachte sich Manegold. Zum Zeichen dafür, dass er nichts verstanden hatte, zuckte er mit den Schultern und zog die Augenbrauen hoch, während er gleichzeitig die Mundwinkel nach unten schob.
Dann begann sein hochgebildeter Neffe zu dozieren: »Das Bewusste und das Unbewusste, das Harte und das Weiche, das Gerade und das Ungerade, das Offene und das Verborgene, das Hintere und das Vordere, das Oben und das Unten, Licht und Schatten, sowie der rhythmische Wechsel von Tag und Nacht, der mit Helligkeit und Dunkelheit einhergeht, sind Gegensätze, die zwar eine Spannung erzeugen, aber dennoch aufeinander bezogen sind! Das eine kann nicht ohne das andere!«
Bevor der aufmerksame Manegold eine Frage stellen konnte, fuhr Arnulf fort: »Wenn die Zwei aber zu einem Widerspruch führt, dann stehen die soeben genannten Beispiele wie zwei streitbare und unversöhnliche Kontrahenten zueinander! Gerade das Gute und das Böse sind keine Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen!«
»Nein?«, kam es versehentlich aus dem Mund des staunenden Zuhörers.
»Nein!«, bestätigte Arnulf, bevor er fortfuhr: »Sie stellen sich sogar gegenseitig infrage: Das Gute ist doch das, was sein soll, oder?«
Weil er auch dies verstanden hatte, nickte Manegold.
»Und das Böse ist das, was nicht sein darf, … aber allgegenwärtig ist!«
Arnulf hatte zwar gemerkt, dass ihm ein gleichsam fassungsloser wie ratloser Mann gegenübersaß. Trotzdem beendete er seine Ausführungen, obwohl es zur Bedeutung der Zahl Zwei noch viel zu sagen gäbe. Denn er hatte sich gut gemerkt, was er während seines Studiums über die Mythologie und die Symbolik der Zahlenfolgen gelernt hatte. »Langer Rede kurzer Sinn!«, sagte er und kam zum Schluss: »Die Zwei ist Zweifel, Zwist, Zwietracht, Zwiespalt; sie ist eine Zwillingsfrucht am Zweig eines Baumes, gleichsam süß und bitter!« Er schaute seinem Oheim warnend in die Augen, dann sagte er abschließend: »Die Zwei bleibt nie allein!«
»Das … das heißt, mein Bruder und dessen Leibdiener sind nicht die letzten …«
Noch bevor Manegold das Unfassbare ausgesprochen hatte, nickte Arnulf und spreizte den Daumen, den Zeige- und den Mittelfinger seiner rechten Hand, die er seinem Onkel warnend entgegenstreckte.
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Nachdem Gott den Grafen Wolfrad von Altshausen, den gottesfürchtigen Kirchenstifter, in den Himmel abberufen hatte, war laut Erbrecht die um Veringen erweiterte Grafschaft Altshausen mitsamt den Herrschaften Trauchburg und Ysinensi auf seinen Bruder Manegold und seine verwitwete Schwester Irmengard übergegangen. Manegold I. war nun der uneingeschränkte Herr des traditionsreichen Hauses Altshausen, das sich um einiges erweitert hatte.
Dem umsichtigen Grafen gelang es mit dem nötigen Weitblick, das Erbe seines Bruders Wolfrad so erfolgreich fortzusetzen, dass sich sein Herrschaftsgebiet in jeder Hinsicht prächtig entwickelte.
Klosterstiftung bringt Unheil, Dorfentwicklung Fortschritt
Altshausen und Ysinensi – Anno Domini 1090, 1096, 1100 und 1104
Die magische Zahl III
Kapitel 4
Aus Dankbarkeit für seine glückliche Hand und auf Wunsch des längst verstorbenen Benediktinermönchs Hermannus Contractus mochte Manegold zusammen mit seiner Gemahlin Liutphild und mit seiner Schwester Irmengard mit gleich frommem Eifer und mit gleicher Liebe das von Wolfrad begonnene Werk zur Lobpreisung Gottes weiterführen. So sollte Wolfrads Kirchenstiftung in villa Ysinensi durch eine weitere Stiftung und den Bau eines Klosters gekrönt werden. Dazu brauchte es Platz und Geld. Um dies zu bekommen, ließ Graf Manegold seine Schwester und seine beiden Söhne Walther und Wolfrad zu sich kommen. Dazu geladen hatte er den neuen Pfarrer von Altshausen und den Abt des Klosters Hirsau.
*
Wie schon Wolfrads Gemahlin Hiltrud in früheren Zeiten hatte auch Gräfin Liutphild auffahren lassen, was Küche und Keller hergegeben hatten. Im Unterschied zu damals saß allerdings nicht nur der amtierende Altshausener Pfarrer, sondern auch noch ein Abgesandter des Klosters Hirsau aus dem Nordschwarzwald am üppig gedeckten Tisch.
»Ich bitte unseren ehrwürdigen Abt Wilhelm zu entschuldigen und mit meiner Wenigkeit Vorlieb zu nehmen. Aber wegen des großen Zulaufes in unserem Kloster plant er eine Erweiterung von St. Aurelius und ist deswegen unabkömmlich!«, entschuldigte sich der Stellvertreter des Hirsauer Abtes bereits zum zweiten Mal, während er auf die Köstlichkeiten schielte, die auf Veranlassung der Gräfin immer noch aufgetragen wurden.
Das freundliche »Greift bitte zu!« hätte sich der Graf sparen können. Denn so schnell hatten die Bediensteten gar nicht schauen können, wie sich der Hirsauer Mönch die Backen gefüllt hatte.
Als der Pfarrer dies sah, lächelte er verständnisvoll. Dann griff auch er ungeniert zu.
Über dieses unmanierliche Verhalten entsetzt, schauten sich die gräflichen Familienmitglieder an. Um die beiden Kleriker aber nicht zu brüskieren, streckte der Hausherr sein Glas dem Mundschenk entgegen, um es füllen zu lassen. Dann bedeutete er seinen beiden Söhnen, seiner Schwester und seiner Gemahlin, es ihm gleichzutun. Als alle ihre Trinkgefäße gefüllt hatten, stand der Hausherr auf und hielt sein Glas zuerst dem Prior, dann dem Pfarrer und zuletzt seiner Familie entgegen. »Auf gutes Gelingen!«
Das Repetieren seiner Worte durch die anderen ging in den vollen Mündern der beiden Männer Gottes unter. Das wird ja was werden, dachte sich der Graf im Hinblick auf das kommende Gespräch, das wegen der Völlerei seiner Gäste wohl noch eine ganze Weile würde warten müssen. Und genau so war es auch; die beiden Kleriker stopften sich eine geschlagene Stunde lang voll, während derer lediglich Höflichkeiten und ein paar Unwichtigkeiten ausgetauscht werden konnten. Dabei schmatzten sie ungeniert. Etliche Rülpser und Leibeswinde später konnte das Geschirr abgeräumt werden. Die auf dem ganzen Tisch herumliegenden Knöchelchen der in Salzlake gepökelten Schweinefüßchen und der gebratenen, mit Honig überstrichenen Hühnchen nahm eine Dienstmagd mitsamt der total versauten Tischdecke mit.
Als die fünf Männer dann auch noch einen Branntwein vom Bodensee vor sich stehen hatten, konnte Graf Manegold das Wort ergreifen und endlich ernsthaft zum Thema kommen. Also begann er: »Um ein Kloster errichten zu können, bedarf es eines ansehnlichen Grunds und Bodens, den Wir mit Zustimmung Unserer holden Gemahlin Liutphild, Unserer gemeinsamen Söhne Walther und Wolfrad, aber auch mit Einwilligung Unserer hochverehrten Schwester Irmengard und deren Sohn Manegold stiften werden!« Das Gespräch solchermaßen eröffnet schaute er ins Rund, um sich durch das gönnerhafte Kopfnicken seiner Familie das bestätigen zu lassen, was sie bereits hinreichend besprochen hatten. Er fuhr fort: »Mit weiteren, teils beweglichen, teils unbeweglichen Gütern in Form von zwölf der vierundzwanzig bereits bestehenden Höfe nebst anderen Grundstücken, Äckern, Wiesen, Weideplätzen, Waldungen, Wasserstellen, Mühlen und anderen Besitzungen werden Wir den Grundstein für den Bau eines Klosters in Ysinensi legen. Um diesen Kraftakt bewältigen zu können, werden Wir das aufblühende Dorf im Süden Unseres Herrschaftsgebietes in den Mittelpunkt Unseres Tuns rücken müssen! Dazu sind Wir mit der ganzen Macht Unseres Verstandes und Unseres Herzens entschlossen!«
»Hoffentlich auch mit der ganzen Kraft seiner Geldschatulle«, flüsterte der Altshausener Pfarrer dem klösterlichen Abgesandten in einem unbeobachteten Augenblick zu, bekam aber anstatt des erhofft zustimmenden Lächelns nur einen strafenden Blick zurück.
Nachdem der Graf seine weiteren Vorstellungen mitsamt einem Lageplan auf den Tisch gelegt hatte und sich auch seine Familie hinreichend zu Wort gekommen war, übermittelte der Prior die Vorschläge seines Abtes. Dabei war rasch offenkundig geworden, dass Abt Wilhelm auf die Empfehlungen seines Vertrauten Hugo von Cluny gehört und dessen strenge Lebensweise für das Kloster Hirsau übernommen hatte.
»Wenn es in Eurem Sinne ist, dass insbesondere der Tagesablauf, die Liturgie und die Organisation der klösterlichen Gemeinschaft auch in Ysinensi ganz besonders streng geregelt sind, entsendet unser geliebter Abt Wilhelm gerne so viele Mönche, wie benötigt werden, um ein geordnetes Klosterleben zum Wohlgefallen Gottes zu gewährleisten!«
Stundenlang hatten sie sich über viele Details des geplanten Klosterbaus und der späteren Klostergründung unterhalten. Dabei waren sie in medias res gegangen und hatten – sozusagen zur geistigen Erbauung – das »Blut Gottes« getrunken, wie der Prior den köstlichen und von ihm geweihten Wein aus der Mersburger Gegend bezeichnete. Im Verlauf des Gesprächs hatten sie auch allerlei Neuigkeiten ausgetauscht und waren von einem Thema ins andere gerutscht. So waren sie zu vorgerückter Stunde auch noch auf das »Magische Amulett« zu sprechen gekommen, von dem der derzeitige Besitzer berichtete, dass es bereits drei Menschenleben gekostet hatte. »Aber was soll ich tun?«, klagte der Graf. Ohne eine Antwort abzuwarten, die sowieso nicht gekommen wäre, beruhigte er sich selbst, indem er sagte, dass ihm wohl nichts anderes übrig bleiben würde, als es zu behalten und vor fremden Augen zu schützen.
»Ich weiß nicht, ob dies ein guter Gedanke ist«, warf der Prior ein.
»Wie meint Ihr das?«, mochte der Graf sofort wissen.
Der Stellvertreter des Hirsauer Abtes hielt dem Mundschenk sein Glas entgegen. Gleichzeitig umklammerte er mit der anderen Hand das vor seiner Brust hängende Pektorale – gerade so, als wenn er sich damit vor etwas schützen wolle.
»Was ist jetzt?«, drängte der unruhig gewordene Graf.
Der Prior beugte sich seinem Gastgeber verschwörerisch entgegen und flüsterte so leise, dass es die anderen nicht mitbekommen konnten: »Man hört ja so einiges …«
»Nun lasst Euch nicht alles aus der Nase ziehen!«, grummelte der Graf, während er den Mundschenk zu sich beorderte und auf das immer noch leere Glas des Priors zeigte.
Der Hirsauer rückte noch näher an den Grafen heran, bevor er ihm zuflüsterte, über mehrere Ecken gehört zu haben, dass es wohl einen Geheimbund geben müsse, der vor vielen Jahren im Konstanzer Münster gegründet worden sei.
»Was ist mit diesem geheimnisvollen Bund? Und was hat er mit dem Amulett zu tun?«
»Also gut!«, besänftige der Prior die Neugier seines adeligen Gastgebers. »Ich weiß nur so viel, dass sich diese Geheimbündler den Ziffern auf einem Amulett verschrieben haben, das über die Jahrhunderte hinweg immer wieder verloren geht, weswegen …«
»… sie es auch immer wieder suchen und dabei über Leichen gehen, um es zurückzubekommen?«, ergänzte der Graf mit fragendem Blick.
Kaum hatte er dies ausgesprochen, bekreuzigten sich die beiden Kleriker. Weil dem Besitzer des Amuletts das bestätigt worden war, was er schon länger geahnt hatte, wurde ihm schlagartig klar, dass er sich in Lebensgefahr befand, solange das vermaledeite Amulett in seinem Besitz war.
»Dennoch dürft Ihr es nicht weitergeben!«, warnte der Prior, der bemerkt hatte, was in seinem Gastgeber vorging.
Während der Benediktiner dem Grafen in ausladenden Worten alles berichtete, was Kleriker von Konstanz bis nach St. Gallen und zum Schwarzwald unter vorgehaltener Hand über einen grausamen »mehrere Hundert« Mitglieder umfassenden Geheimbund zu wissen glaubten, wurde Manegold immer schweigsamer. Wenn er auch wegen der in ihm hochgestiegenen Panik nichts mehr hören mochte, erklärte ihm der Prior unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass es sich um sogenannte Assassinen handeln solle, eine Meuchelmördersekte aus einem fernen Land namens Syren »… oder so ähnlich!«
Obwohl der schon längst mehr als gut angetrunkene Mönch selbst nicht mehr merkte, was er dem Grafen für einen Mist erzählte, war es ihm gelungen, eine solche Angst in dem Adeligen zu schüren, dass Manegold nur noch kleinlaut über die Lippen kam, dass es »beim nächsten Mal« drei sein würden. »… damit meine ich drei Tote!«
Dies nahm der blitzgescheite und belesene Prior zum Anlass, um dem Grafen etwas darüber zu erzählen: »Tres est numerus perfectus!«, begann er in bestem Latein und meinte damit, dass die Zahl Drei auf Vollkommenheit hinwies. »Denn erst was sich in der Trias fassen lässt, kann getrost in sich ruhen und ist ein abgeschlossenes Ganzes – genau wie unsere göttliche Dreifaltigkeit!« Kaum hatte er dies gesagt und einen weiteren Schluck genommen, fielen ihm die Augen zu.
Zum Zeichen dafür, dass die anderen ihn gewähren lassen und um Gottes willen ja nicht seinen himmlischen Schlaf stören sollten, legte der Graf einen Zeigefinger auf seine Lippen. Zu seiner Erleichterung schlief der Prior tatsächlich noch am Tisch ein. Um nichts mehr über das Amulett und den mutmaßlich damit verbundenen Geheimbund hören zu müssen, bedeutete der Graf den anderen mit einer weiteren Geste, sich leise zu erheben und den Speisesaal zu verlassen. In dieser Nacht würde er selbst wohl keinen Schlaf finden, zu sehr würde ihm die Zahl Drei im Kopf herumschwirren.
*
Die Zeit verging wie im Flug. Bei der Planung zum Bau des Klosters in Ysinensi lief ebenso alles gut wie bei den anderen Vorbereitungen. Deswegen war Manegold I. Graf von Altshausen-Veringen zu beschäftigt, um ständig an das Amulett denken zu können. Nach wie vor trug er es tagtäglich so unter dem Hemd um seinen Hals, dass niemand es sah. Dennoch war ihm nicht wohl in seiner Haut. Gerade nachts hatte er oft das Gefühl, als wenn sich die Konturen des Amuletts in seine Haut brennen würden. Dies hatte meist zur Folge, dass er heftig schnaufend aufwachte und Schmerzen in der gesamten Brustgegend hatte. Oder bildete er sich dies alles nur ein?
Was sollte er tun?
Als es so weit war und in Kürze der Grundstein für das Kloster gelegt werden sollte, hatte er keine Zeit mehr, sich Gedanken um das Amulett zu machen.
*
Für Hannes Eberz, Michael Eberz’ Sohn, sollte der Baubeginn zu einem schmerzlichen Akt geraten, weil ausgerechnet er die Holzkirche abreißen musste, die sein Großvater Gerold vor fünfzig Jahren mit seinen eigenen Händen in Fronarbeit errichtet hatte. Dass genau an diese Stelle der Sakralbau der neuen, wesentlich größeren Kirche kommen sollte, machte die Sache nicht leichter für ihn. Aber der gute Fortgang des Kirchenbaus und der restlichen Klosteranlage versöhnten ihn nach und nach wieder mit Gott und der Welt.
Denn sowohl Graf Manegold als auch der designierte erste Abt gleichen Namens und nicht zuletzt Hannes Eberz selbst, der seinem Großvater etliche Jahre später im Amt gefolgt und vom neuen Grundherrn zum Mair von Ysinensi bestallt worden war, taten alles, um den Klosterbau möglichst rasch voranschreiten zu lassen. Im Gegensatz zum ersten Kirchenbau sorgte nun ein Heer von Baumeistern und Handwerkern aller Gewerke dafür, dass bis zur feierlichen Weihe und zur von Papst Urban II. gesegneten Amtseinführung des Abtes, der für seine Gottesfurcht bekannt war und selbst dem Geschlecht der Grafen von Veringen entstammte, alles nach Plan verlief.
Kapitel 5
Die Gründung und die Einweihung des neuen Benediktinerklosters in Ysinensi waren auf Wunsch des neu eingesetzten Abtes Manegold weitaus bescheidener ausgefallen als die Weihe der ersten Kirche vor nunmehr vierundfünfzig Jahren. Die Übernahme der Klosteranlage durch Benediktinermönche aus Altshausen, vornehmlich aber aus Hirsau, war gemäß den Regeln des kontemplativ ausgerichteten Ordens nach vorne gerichtet und nicht auf eine schnell vergängliche Völlerei reduziert. Denn jeder der Mönche musste im Laufe seines Ordenslebens mit »Ora et labora et lege« drei Gelübde ablegen, an die er sich stets zu halten hatte. Bete und arbeite und lies! Diese drei Vorgaben ließen wenig Zeit für profane Dinge. Anstatt die gelungene Klostergründung und den einzugsfertigen Klosterbau tagelang zu feiern, legten die Mönche innerhalb ihrer Mauern weitläufige Gärten an. Dazu sollte auch ein Kräutergarten nach der »capitularis de villis vel curtis imperii« gehören, der überlieferten »Landgüterverordnung« von Karl dem Großen höchstpersönlich.
Trotz der gottgefälligen Klosterübergabe hatte Manegold I. Graf von Altshausen-Veringen die Gelegenheit genutzt, dem Mair Hannes Eberz in einem eigenen kleinen Festakt den Titel »Herr« zu übertragen. Denn aus dem Sohn des Schwarzfischers und Wilddiebs war längst ein hoch angesehener Mann geworden, der sich durch seine herzliche und verbindende Art sowie durch seine ständig an den Tag gelegte Klugheit und Weitsicht den Respekt seines Grundherrn verdient hatte. Ihm war keine Arbeit zu viel, wenn es um die Belange seines geliebten Heimatdorfes und des Klosters ging. Um Ysinensi in eine gute Zukunft zu bringen, ließ er sich vom Klosterscholaster sogar Schreiben, Lesen und Rechnen beibringen. Außer dem Medicus, den es in Ysinensi mittlerweile gab, und dem Pfarrer war er außerhalb des Klosters der Einzige, der diese Künste bald beherrschen würde.
Der »Herr Dorfvorsteher«, wie Hannes Eberz mehr und mehr bezeichnet wurde, seine Dörfler, Abt Manegold und seine Mönche taten alles, um nicht nur das Kloster, sondern auch das Dorf weiter nach vorne zu bringen – ein fürwahr schwieriges Unterfangen für beide Seiten. Dennoch siedelten sich immer mehr Handwerker an, aber auch neu hinzugezogene Kaufleute sorgten dafür, dass die hier produzierten Waren den Weg in immer fernere Länder fanden. Von dort brachten die Händler orientalische Gewürze, Seidenstoffe und allerlei mehr oder weniger wichtigen Tand mit, um ihn im gesamten Allgäu, in Westschwaben und um das Mare Brigantium herum unter die Leute zu bringen. Die an Ysinensi vorbeiführende Handelsstraße leistete ihren Beitrag dazu, den Ort in jeder Hinsicht für auswärtige Menschen interessanter zu machen – so interessant sogar, dass sich zum Missfallen des Pfarrers inmitten der christlich geprägten Dorfgemeinschaft auch eine Gunstgewerblerin niederließ. Als er ihr einen Platz hinter der Metzig, weit abseits der Dorfmitte zuwies, wurde Hannes Eberz klar, dass er eine klare Struktur in die Gestaltung seines Dorfes bringen musste. Denn genau so, wie sich die Gunstgewerblerin – ohne den Dorfvorsteher zuvor um Genehmigung gefragt zu haben – mitten im Dorf hatte niederlassen wollen, fingen auch andere Siedler an, ihre Zelte einfach dort aufzuschlagen, wo sie es für richtig hielten. Dies ließ Hannes Eberz nicht zu und wies sie in die Schranken, indem er der Länge nach durch ganz Ysinensi im Abstand von zwanzig Fuß Pflöcke in den Boden rammen ließ, die als Markierung für die Hauptstraße dienten, an deren beiden Seiten er Händler mit den dazugehörenden Handwerksbetrieben ansiedeln lassen wollte. »Hinten spinnen, vorne Leinenstoffe unter die Leute bringen! Hinten schlachten, vorne Fleisch verkaufen! Hinten backen, vorne Brot anbieten!«, hatte er dem Grafen vorgeschlagen und dessen Zustimmung umso mehr erlangt, als er empfohlen hatte, dafür einen Bodenzins zu verlangen, von dem die Hälfte an den Grafen gehen sollte. »Die andere Hälfte aber fließt in meine Dorfkasse, damit ich Straßen und Plätze, Brunnen und Wasserläufe innerhalb des Dorfes anlegen lassen kann!«, hatte Hannes Eberz dem Grafen gegenüber mit einem schlitzohrigen Grinsen geäußert, während er ihm die Hand zur Besiegelung gereicht hatte.
Dabei hatte er schon klar im Kopf gehabt, dass hinter den vorderen Häusern Kleinviehzüchter, ein Huf- und Nagelschmied, ein Sattler, Töpfer und ähnliche Berufsgruppen Platz haben könnten. Um dies zu ermöglichen, würde er den dafür fälligen Bodenzins wesentlich niedriger ansetzen als in der vorderen Reihe.
Die Ersten, die von den weitreichenden Gedanken des Dorfvorstehers profitieren sollten, waren die beiden jüdischen Familien Bernstein und Reichmann, die man mit Sack und Pack aus Ulm vertrieben hatte, weil sie wegen ihrer zwar florierenden, aber undurchsichtigen Geldgeschäfte in Ungnade gefallen waren. Im Gegensatz zu vielen andern war es ihnen in der Wahrnehmung ihrer dortigen Mitbürger schlicht und ergreifend »zu gut« gegangen. Obwohl der Ulmer Magistrat die gesamten Besitztümer der Familien beschlagnahmt hatte, war den Bernsteins und den Reichmanns durch das verdiente Geld genug zur Verfügung gestanden, um in einer kleineren Siedlung ein neues Leben beginnen zu können – und dies sollte trotz aller Bescheidenheit ganz sicher nicht in der zweiten Reihe sein! Weil Anhänger des mosaischen Glaubens in Ysinensi bisher nahezu unbekannt gewesen waren, hatte der vorsichtige Dorfvorsteher lange gezögert, die vier Erwachsenen mit ihren insgesamt sieben Kindern in Ysinensi aufzunehmen.
»Wenn die nur keinen Ärger machen!«, hatte Hannes Eberz zwar zu seiner Frau gesagt, den Juden letztlich dennoch für gutes Geld die besten Grundstücke angeboten.
Im weitläufigen hügeligen Gebiet um Ysinensi herum konnte neben Dinkel und Hafer auch vermehrt Flachs angebaut werden. Denn nach der Aussaat der Leinsamen um den einhundertsten Tag des Jahres herum bot das Klima in dieser Ecke des Voralpenlandes die besten Voraussetzungen für eine gute Ernte. Die nicht allzu hohen Temperaturen und der regelmäßige Wechsel von Sonne und Regen ließen die Pflanzen vom Frühjahr an bis über den Sommer hinweg bestens gedeihen. Und die Betriebe, die den Flachs bis zum spinnreifen Garn brachten, waren im wasserreichen Umland untergebracht. Garnaufkäufer brachten den Stoff von den Flachsrifflern, -brechern und -hechlern auf den Markt von Ysinensi. Den Bleichern, Blaufärbern, vor allem aber den Webern würde in der wasserdurchflossenen Nordseite, der sogenannten »Wasservorstadt« von Ysinensi, genügend Platz zur Verfügung stehen, dachte sich Hannes Eberz. Es ärgerte ihn, dass er selbst zu wenig Ahnung von Dorfplanung hatte. »Aber der Anfang ist gemacht!«, hatte er zu seiner Frau Agathe gesagt, nachdem alle Pfähle eingerammt waren und er todmüde und hungrig nach Hause gekommen war. Nachdem sie ihm eine große Schüssel mit kräftigendem Haferschleim hingestellt hatte, war Hannes mit sich und der Welt doch irgendwie zufrieden. Denn in seinem Innersten wusste er, dass er das Richtige tat.
Und genau so war es auch: Gemeinsam mit den anderen alteingesessenen Bewohnern von Ysinensi und den neu Hinzugezogenen galten die Eberz in den Augen der Bevölkerung anderer Dörfer und Städte als Garant dafür, dass der Erfolg und das damit einhergehende pulsierende Leben in diesem Teil des Allgäus auch künftig gedeihen würden.
Um all das besser vor fremden Zugriffen schützen zu können, war der durchlässige Speltenzaun durch eine feste Palisadenumfriedung ersetzt worden, die der Dorfvorsteher zusammen mit einem Holzrücker aus Maierhöfen und dessen beiden Pferden mit schweren Toren bestückt hatte, die er – was es in Ysinensi noch nie gegeben hatte – die Nächte über mit jeweils zwei Wachposten besetzte.
Kapitel 6
All diese gottgefälligen Werke sollten drei weiteren »Männern der ersten Stunde« nicht viel nützen; denn noch während des Klosterbaus war der Bauleiter mitten auf der Baustelle mit einem Stein erschlagen worden. Weil der bullige Mann seine Männer stets mit der Knute angetrieben und kein einziges gutes Wort für sie übrig gehabt hatte, vermuteten die meisten Arbeiter, dass es einer der ihren gewesen sein könnte, dem die Schikanen des brutalen Mannes zu viel geworden waren. Aber weshalb hätte der ihm eine Zahl in die Stirn ritzen sollen? Weil niemand den Bauleiter gemocht hatte, wurde nach dessen Tod nicht viel über den Mord gesprochen. Im Grunde genommen waren alle froh darüber, den brutalen Speichellecker des Grafen ein für alle Mal losgeworden zu sein. Wegen der Begleitumstände vertraten allerdings die meisten Dörfler die These, dass der gemeine Anschlag auf den Bauleiter mit dem Amulett zusammenhängen musste – immerhin schrieben sie den Tod des früheren Mairs von villa Ysinensi, den Tod des Grafen Wolfrad II. von Altshausen und den von dessen Leibdiener ebenfalls diesem verdammten Amulett zu. Warum also sollte dies nicht wieder der Fall gewesen sein? Für diese These gab es nur den kleinen Anhaltspunkt, dass der Bauleiter lauthals geprahlt hatte, das Amulett des Grafen mit dessen Genehmigung schon öfter um seinen Hals getragen zu haben.
*
Vier Jahre nach der Einweihung des Klosters und dessen Übergabe an die Bruderschaft der Benediktiner hatte es einen zweiten unerklärlichen Vorfall gegeben: Manegold, der erste Abt des Klosters St. Georg, war unter äußerst merkwürdigen Umständen zu Tode gekommen: Weil ihn zwei Novizen mit zertrümmertem Schädel und gebrochenen Knochen direkt am linken Turm der Klosterkirche gefunden hatten, waren zunächst alle davon ausgegangen, dass sich der Abt selbst heruntergestürzt hatte. Ernsthaft geglaubt hatte dies allerdings niemand. Denn es hatte nicht das geringste Anzeichen dafür gegeben, dass Abt Manegold seines Lebens überdrüssig geworden war. Im Gegenteil: Unabhängig davon, dass ein Mensch, am allerwenigsten ein Diener Gottes, sich nicht selbst das Leben nehmen durfte, war der früher eher mundfaule und in sich gekehrte Klosterleiter mit dem Aufblühen seines Konvents aufgetaut und redselig geworden.
Normalerweise blieben Ungereimtheiten, merkwürdige Vorkommnisse oder unerklärliche Dinge stets innerhalb der Klostermauern. Weil die Brüder aber unerwartet ohne ihren Abt waren und dementsprechend hilflos um die schrecklich aussehende Leiche herumstanden, hatten sie den Dorfvorsteher informiert und ihn gebeten, die Sache von weltlicher Seite aus zu begutachten.
»Wie ist das passiert?«, interessierte Hannes Eberz als Erstes, während er seinen Blick kurz nach oben gleiten ließ, bevor er sich neben den Toten kniete und auf dessen entblößte Brust zeigte.
Keiner der um den Toten herumstehenden und ständig vor sich hin betenden Mönche hatte eine Antwort parat. Also blieb Eberz nichts anderes übrig, als sich darüber zu wundern, dass die Kutte des Abtes vorne vom Hals ab bis zum Bauch aufgerissen war. »Wo ist sein Brustkreuz? … Es ist nicht da?«, forschte er weiter, ohne nach dem Amulett zu fragen, das möglicherweise ebenfalls um den Hals des charismatischen Leiters des Konvents gehangen hatte.
Nachdem er außer Gebetsmurmeln nichts hörte, schrie er die Mönche an, um sie aus ihrer Starre zu lösen: »Dann sucht es!«
Die Klosterbrüder stoben rasch auseinander, um sich in der Zelle des Abtes und in dessen Arbeitszimmer nach dem Kreuz umzusehen.
Bis auf zwei Novizen, die bei ihrem toten Vorsteher blieben, um weiter für ihn zu beten, waren alle auf der Suche nach dem aus Kirschholz geschnitzten Kreuz.
»Macht weiter!«, trieb Eberz die Glaubensbrüder an, obwohl er wusste, dass er im Grunde genommen nicht dazu berechtigt war, ihnen Anweisungen zu geben. Es hatte nur funktioniert, weil die Mönche durch den grausamen Tod ihres Abtes nicht gewusst hatten, wo ihnen der Kopf gestanden hatte und sie völlig neben sich gewesen waren. Deswegen, und nur deswegen, hatten sie seinen Anweisungen Folge geleistet. Immerhin war er darauf gekommen, dass hier etwas nicht stimmen konnte.
Und tatsächlich; seine Beharrlichkeit sollte sich gelohnt haben: »Hierher!«, rief Matthias, einer der beiden Klosterpförtner, und winkte die anderen aufgeregt zu sich. »Ich habe das Pektorale gefunden!«
Dass das gesuchte Brustkreuz des Abtes etliche Fuß von ihm entfernt am Ast eines Apfelbaums gehangen hatte, wurde von Hannes Eberz so gewertet, dass es der Mörder dem bedauernswerten Opfer seiner Gewalttat aus dem obersten Fenster des linken der beiden kurzen Kirchtürme nachgeworfen haben musste. Wie sonst hätte es auf den Ast eines Baumes gelangen sollen, der in einiger Entfernung des Toten stand?
*
»Ein böses Omen!«, bemerkte der Graf ein paar Tage später, als er mit Hannes Eberz zusammensaß, um sich von ihm den Sachverhalt in allen Details erklären zu lassen.
»Wie meint Ihr das, edler Herr?«
Der Graf räusperte sich, nahm einen kräftigen Schluck aus dem Weinglas und sagte, dass es seiner Meinung nach in Zusammenhang mit der Klostergründung noch einen weiteren Toten geben würde.
»Was sagt Ihr da?« Der Dorfvorsteher war entsetzt. »Wie kommt Ihr denn darauf?«
Weil Hannes Eberz hartnäckig eine Antwort forderte, sah ihn der Graf mit strengem Blick an. Dennoch öffnete er die obersten Schlaufen seines Wamses und seines Armkleides, um das Amulett hervorzuholen, das er dort Tag und Nacht vor den Augen anderer verbarg. Bis dahin war das Amulett in die Obhut des Abtes gelegt worden, der es vor Kurzem zurückgegeben hatte, weil er dieses »Teufelswerk« nicht innerhalb seines Klosters hatte haben wollen.
Als Eberz erkannte, was der Graf wie ein wertvolles Geschmeide in seiner Hand hielt, das es zu schützen galt, bekreuzigte er sich.
»Ich sehe, Ihr erinnert Euch noch daran!« Weil er den Mair von Ysinensi selbst in den Stand eines »Herrn« erhoben hatte, sprach er ihn auch dementsprechend respektvoll an, was für den Sohn einer einfachen Bauernfamilie immer noch ungewohnt war und sich nach wie vor befremdlich anfühlte.
Der Graf grübelte kurz, dann sagte er mit belegter Stimme, dass alles nur ein Trug gewesen war, wenn es keinen weiteren Toten geben würde. »Falls aber doch, wird das Morden so lange weitergehen, bis sich die in dem Amulett schlummernde Prophezeiung gänzlich erfüllt haben wird! … Achtet also gut auf Euch!«
»Und Ihr, gnädiger Herr, solltet ebenfalls gut auf Euch achten!«
*
Seit dem für das Kloster traurige Jahr 1100 und der Bestattung des Abtes Manegold im Kapitelhaus zur rechten Seite unterhalb des Chores waren vier weitere Jahre ins Land gegangen. Weil der Tod des Abtes zweifellos ein Mord gewesen war, die genauen Umstände aber nie richtig hatten aufgeklärt werden können, war die Schuld allein dem Amulett zugeschrieben worden. Zumindest die an fremde Mächte glaubenden Bewohner von Ysinensi und des Umlandes sahen dies so. Die belesenen Mönche von St. Georg hingegen betrachteten den Tod ihres Abtes nach wie vor lieber als Unfall, anstatt sich irgendeiner sowieso undurchschaubaren Wahrheit zu stellen. Dies ließ sie leichter damit umgehen und besser ihrer Arbeit nachgehen.
Landold, der neue Abt des Klosters St. Georg, tat vom ersten Tag seiner Nachfolge Manegolds alles dafür, um die Sache in Vergessenheit geraten zu lassen. Bei seinen Messen an den Tagen des Herrn predigte er unermüdlich gegen den vom Teufel geschickten Aberglauben, der die Seelen der Menschen vergiftete, während der feste Glaube an Gott Heil bringen würde. »Dies hier …«, rief er seinen Schäflein stets in zornigem Ton zu, wenn er sein über der Kasel hängendes Pektorale in die Hand nahm, küsste und ihnen entgegenstreckte, »… ist das Amulett Gottes, das euch dereinst Heil bringen wird!«
*
Weil der allseits beliebte Grundherr von Ysinensi glaubte, dass sich ihm der Inhalt der Ziffern auf dem Amulett erschlossen hatte, bangte er seit dem Tod des Abtes vor vier Jahren um sein eigenes Leben, das er allein schon deswegen gottesfürchtig führte, um das ersehnte Seelenheil zu erlangen. Obwohl er dem Kloster immer wieder Geld für Anbauten oder nötige Reparaturarbeiten stiftete, mochte das klösterliche Leben irgendwie nicht so richtig in Gang kommen, wie dies in anderen Klöstern der Fall war.
»Dies mag möglicherweise damit zu tun haben, dass sich die Lage im Süden meines Herrschaftsgebietes vielleicht doch nicht für einen kleinen Konvent eignet! Außerdem haben es die Klöster innerhalb oder im Umfeld größerer Städte in jeder Hinsicht leichter!«, hatte er anderen gegenüber nicht nur einmal bemerkt.
Dafür konnte Graf Manegold mit dem Dorf, in dem sich das Kloster befand, umso zufriedener sein. Hannes Eberz war es gelungen, das berufliche Erbe seines Großvaters weiter auszubauen und aus der ehemaligen Bauernsiedlung ein Handwerkerdorf zu formen, dessen Bewohner Abgaben entrichten konnten, ohne deswegen allzu sehr darben zu müssen. Zudem war es ihm gelungen, zu beiden Seiten der von ihm angelegten Hauptstraße die ersten Kaufleute anzusiedeln, die so betucht waren, dass sie es sich leisten konnten, ihre Häuser aus Stein zu bauen. Den beiden jüdischen Familien gelang dies ebenfalls.
Zudem hatte Hannes mit Agathe Burgerin ein braves Weib gefunden, das ihm im Laufe der Jahre drei Mädchen und fünf männliche Nachkommen geschenkt hatte, von denen allerdings zwei dem Kindstod erlegen waren. Trotz dieses von Gott gewollten Unglücks waren Hannes und Agathe ein im Grunde genommen glückliches Paar, das sich liebevoll um die Kinder und um die Kaninchenzucht kümmerte, für die bereits Hannes’ Vater in jungen Jahren den Grundstein gelegt hatte. Die Kinder mussten sich nicht nur um die Aufzucht junger Kaninchen kümmern, sondern auch sonst mit anpacken, wo es nötig war. Dennoch konnten sie ein solch schönes Leben führen, wie es sich der Nachwuchs der meisten hart arbeitenden Eltern nur wünschen konnte. Weil dies Agathes und Hannes’ wohlerzogenen Kindern bewusst war, dankten sie es durch unverrückbare Gottesfurcht, sowie durch Respekt ihren Eltern und allen anderen Menschen gegenüber. Gerade der kleine Peter bereitete seinen Eltern stets große Freude. »Aus dir wird dereinst etwas ganz Großes!«, hatte der Vater immer zu ihm gesagt, wenn »Peterle« unter Aufsicht die Einnahmen der Eltern zählen durfte und sich von Mal zu Mal immer weniger verrechnete. Während die anderen Buben handwerkliches Geschick vorweisen konnten, tat sich Peter im Umgang mit der Schrift, vor allen Dingen aber mit der Handhabung von Ziffern und Zahlen hervor.
»Ja!«, bestätigte auch die Mutter das unverkennbare Talent ihres jüngsten Sohnes. »Mit Peterle bekommen wir den ersten richtigen Kaufmann in die Familie!«
Nach einem rechtschaffenen Tagewerk fand Hannes Eberz stets einen liebevoll gedeckten Tisch vor. Wenn es auch nicht zur Prasserei reichte, konnte er seine Familie doch so ernähren, dass keiner von ihnen vom Fleisch zu fallen drohte. Anstatt sich Tag für Tag mit Kaninchenfleisch vollzufressen und dadurch faul und träge zu werden, hielten sie ihren eigenen Verzehr bewusst in Grenzen und verkauften ihre Zuchttiere ebenso wie die von Hannes abgezogenen und von Agathe gegerbten Felle der Tiere. Und damit ihre lieben Mitmenschen nicht auf dumme Gedanken kamen und selbst mit der Züchterei anfingen, verkauften sie die Kaninchen nur geschlachtet und zu bezahlbaren Preisen. Den ärmsten Familien des Dorfes schenkten sie zu Weihnachten und zu anderen kirchlichen Festtagen ein oder sogar zwei ihrer Tiere. »Gott wird es uns danken!«, pflegte Hannes dann immer zu Agathe zu sagen, die sich stolz auf ihren Mann an ihn schmiegte und ihm zuflüsterte, dass sie ihn über alle Maßen liebe.
Zusammen mit seinen Einkünften als Handwerker und seinem Salär als Mair gelang es Hannes, trotz der stetig zunehmenden Abgaben an den Grundherrn Monat für Monat etwas auf die hohe Kante zu legen. Da seine Frau Agathe einer Färberfamilie entstammte, hatten sie zu allem hin damit begonnen, Saat-Lein zur Gewinnung von Leinöl anzubauen. Weil die meisten anderen Ackerbauern von Ysinensi dieses Leingewächs nur wegen dessen Fasern züchteten, um daraus Stoffe zu weben oder weben zu lassen, verfolgten die geschäftstüchtigen Eberz auch diesbezüglich gleich mehrere Ziele: Während die beiden ältesten Söhne Johannes und Elias sich um den Anbau kümmerten, verarbeiteten die beiden ältesten Töchter Maria und Lisa den Flachs gekonnt zu Stoffen, die dann von der Mutter mit Hilfe der kleineren Geschwister gewalkt, gebleicht und kunstvoll gefärbt wurden. Das Familienoberhaupt presste das Öl, füllte es in quartgroße Behälter ab und sorgte für den Vertrieb der gesamten Produktion, die sich – ebenso wie die Kaninchenzucht – weiß Gott sehen lassen konnte. So war es kein Wunder, dass die Interessenten auch aus den umliegenden Siedlungen und Dörfern nach Ysinensi kamen, um bei den Eberz einzukaufen.
Also konnte Hannes zufrieden sein, … sollte man meinen. Aber wie dem Grafen ging ihm die Prophezeiung, dass wegen des Amuletts ein weiterer Mensch sterben musste, nicht aus dem Kopf.
Vier Jahre nach dem Tod des Abts wurde seine Furcht schwächer. Was sollte noch passieren?, dachte er sich inzwischen. Da erfuhr der Familienvater, dass der Graf tot war. Nachdem er gehört hatte, dass das Amulett verschwunden sei, bekreuzigte er sich ein zweites Mal. Dann zog er sich zum Gebet zurück – er musste nachdenken. In der Stille des Gotteshauses kam der umsichtige Dorfvorsteher zu dem Entschluss, nichts über die Umstände, die zum Tod seines geliebten Herrn geführt hatten, wissen zu wollen. Um auch keine neuerliche Unruhe unter die Bevölkerung von Ysinensi zu bringen, ritt er noch am selben Tag auf seinem eigenen Pferd nach Altshausen, um die Hinterbliebenen des Grafen zu bitten, niemandem etwas darüber zu erzählen. Bei dieser Gelegenheit konnte er sein persönliches Bedauern, das Beileid seiner Familie und das der gesamten Bevölkerung von Ysinensi übermitteln. Zwei gute Gründe, um dorthin zu reiten, dachte er sich, als er seinem Rappen die Hacken gab.
Wenngleich Hannes Eberz von nun an zwar kein völlig sorgenfreies, dafür aber ein angstfreies Leben führen konnte, verging kein Tag, an dem er nicht an die verhängnisvolle Zahl Drei dachte.
Marktrecht bringt Aufschwung … und das geheimnisvolle Amulett …
Bis Anno Domini 1171
Die magische Zahl IV
Kapitel 7
Seit dem Tod des ersten Großmeisters des vor einhundertsiebzig Jahren in Konstanz gegründeten Geheimbundes »Gladius Dei« waren es die Mitglieder gewohnt, von Zeit zu Zeit hinter dem Amulett herjagen zu müssen, das – als wenn es der Teufel wollte – immer wieder verschwand, um dann doch wieder irgendwo aufzutauchen. Und jedes Mal, wenn es gefunden worden war, hatte es Tote gegeben. Bisher hatte die Prophezeiung des ersten Großmeisters sechs Opfer gefordert: zum einen Gerold Eberz, den Mair von villa Ysinensi, der das Amulett bei seiner Ermordung aber nicht bei sich getragen hatte, weil er es dem neuen Pfarrer von villa Ysinensi in die Tasche gesteckt hatte. Aber dies hatte der Mörder nicht mitbekommen, obwohl er vor Ort gewesen war. Eberz waren Wolfrad II. Graf von Altshausen und dessen treu ergebener Leibdiener gefolgt. Dann hatte es den Baumeister des Klosters getroffen, weil einer der fünfundvierzig Geheimbündler gehört hatte, dass er das Amulett um den Hals tragen würde, … was aber zumindest zum Zeitpunkt seiner Ermordung nicht der Fall gewesen war.
Weil der Geheimbund erfahren hatte, dass das Amulett vom Grafen Manegold I. zumindest zeitweise an den ersten Abt des Klosters, der ebenfalls Manegold geheißen hatte, weitergereicht worden war, hatte einer der Verschwörer den Klosterleiter sinnlos aus dem obersten Fenster des linken Kirchturms gestoßen. Schließlich war der betreffende Geheimbündler doch noch fündig geworden und hatte dem adeligen Träger das Amulett abgenommen.
Die Verwandten des Grafen hatten die Umstände, die zu Manegolds Tod geführt hatten, nach außen hin geheim gehalten. Dies hätten sie auch ohne den ausdrücklichen Wunsch des Dorfvorstehers von villa Ysinensi getan. Denn wie hätten sie der Öffentlichkeit einigermaßen plausibel erklären sollen, dass man ihrem als gottesfürchtig bekannten Herrn während eines Spaziergangs in seinem eigenen Park mit einem Schwert so fest durchs Herz gestoßen hatte, dass die offensichtlich zweischneidige schmale und lange Klinge hinten ausgetreten war? Aber dies war noch längst nicht alles gewesen; zu allem Übel hin hatte der Mörder – wie zuvor schon den anderen Ermordeten – eine von einem Quadrat umschlossene Zahl in die Stirn des Toten geritzt. Dieses Mal war es die Drei gewesen.
Für die fünfundvierzig »Auserwählten« war es nach siebenundsechzig Jahren des Verschwindens ein unbeschreibliches Glücksgefühl gewesen, das Amulett wieder im Besitz ihres Großmeisters zu wissen. Daraufhin hatte das Amulett über zwei Generationen hinweg den Großmeistern als äußeres Zeichen ihres Bundes gedient und war bei den geheimen Zusammenkünften von jedem einzelnen Mitglied ehrfurchtsvoll geküsst worden – eine Neuerung des vorangegangenen Großmeisters. Immer, wenn es verschwunden und wieder aufgefunden worden war, hatten diejenigen Menschen, die mit ihm zu tun gehabt hatten, dem Tod ins Auge sehen müssen. Das Verschwinden, das Wiederfinden, die Toten und die damit einhergehenden Rituale hatten den ideellen Wert dieses materiell völlig wertlosen Amuletts im Laufe von siebzehn Jahrzehnten immens gesteigert. Jedes Mal hatte sich der aktuelle Großmeister einen neuen Ritus einfallen lassen, um sich hervorzutun und seinen Status als uneingeschränkter Führer dieses radikalen Zirkels zu sichern. Denn der Verlust des Amuletts – und war er auch nur vorübergehend gewesen – hatte stets an der Reputation des jeweiligen Großmeisters genagt. Und weil innerhalb ihres Geheimbundes längst ein versteckter, aber immer wiederkehrender Machtkampf um die Position des Großmeisters begonnen hatte, waren die vierundvierzig gemeinen Mitglieder noch gefährlicher geworden, als sie dies am Tag ihrer ersten Zusammenkunft vor einhundertsiebzig Jahren schon gewesen waren.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Identität eines Großmeisters oder eines seiner vierundvierzig Handlanger bekannt würde. Dies würde gleichzeitig heißen, dass auf einen Schlag neununddreißig weitere unschuldige Männer ihr Leben lassen müssten, damit der Geheimbund korrekt nach den Statuten des ersten Großmeisters aufgelöst werden konnte. Denn erst – so die Prophezeiung des Großmeisters bei der Gründungsversammlung im Konstanzer Dom – wenn so viele Menschen getötet wurden, wie die Addition der neun Zahlen auf dem Amulett ergab, konnte sich der geheime Zirkel ins Nichts auflösen … oder sich ganz neu formieren. Ob dies – wenn es tatsächlich so weit kommen würde – ohne weiteres Aufsehen und möglicherweise sogar ohne das Aufdecken der Identität seiner Mitglieder vonstattengehen würde, stand allerdings in den Sternen.
Kapitel 8
Hannes Eberz war stolz auf seinen jüngsten Sohn Peter gewesen, obwohl der ihm nicht ins Amt des Mairs gefolgt war. Dafür war aus Peter genau das geworden, was seine Eltern schon immer geahnt hatten; ein erfolgreicher Kaufmann!
Hannes hatte den Aufstieg seines Sohnes nicht mehr ganz miterleben dürfen, weil er einem Geschwür im Kopf erlegen war. Bis zu seinem langwierigen und schmerzhaften Tod hatte der alt gewordene Mann tagtäglich die magisch auf ihn wirkende Zahl Drei im Kopf gehabt und nicht mehr herausbekommen, sosehr er dies auch versucht hatte. Dies war sogar so weit gegangen, dass ihn immer stärkere Kopfschmerzen geplagt hatten, die am Schluss überhaupt nicht mehr gewichen waren. Deswegen hatte er den als Schwätzer bekannten Dorfmedicus aufgesucht, den er ansonsten gemieden hatte. Nachdem er dem Arzt auf Nachfrage erzählt hatte, was ihn dermaßen plagte, dass er sich endlich einmal zu ihm getraut hatte, war anstatt eines hilfreichen Rates nur die neunmalkluge Antwort zurückgekommen: »Omne trinum perfectum!«, was nichts anderes geheißen hatte als »Aller guten Dinge sind drei!«
Von diesem Tag an hatte Hannes nur noch schlaflose Nächte und eine solche Heidenangst vor dem Tod gehabt, dass er irgendwann gänzlich der Narretei verfallen war. Ein unrühmliches Ende für einen einst schneidigen und von allen respektierten Mann, der für seine Familie, für das Kloster und für sein Heimatdorf Ysinensi so viel getan hatte wie keiner zuvor. Seine Frau Agathe war zwei Jahre zuvor eines natürlichen Todes gestorben und hatte den Verfall ihres Mannes nicht mehr miterleben müssen. Was aber beide noch mitbekommen und Hannes zumindest in früheren Jahren aktiv vorangetrieben und mitgestaltet hatte, war das systematische Anlegen einer breiten Durchgangsstraße, die sich vom höher gelegenen südlichen Teil in Richtung Norden durch das ganze Dorf hinunterzog und selbst für Ochsenkarren und Kutschen breit genug war. Davon ausgehend – so Hannes’ damalige Gedanken – konnten bei zunehmendem Bedarf an beiden Seiten Gassen angelegt werden, die zwischen den Behausungen zu mehreren Stellen führten, die als Fest- und Versammlungsplätze genutzt werden konnten. Gleichzeitig sollte dort Handel getrieben werden. Die Vision des weitsichtigen Dorfvorstehers war es gewesen, in Ysinensi verschiedene Märkte fest anzusiedeln und das Dorf künftig nicht immer wieder neu einzuteilen.
»Vielleicht wäre eine breite Querstraße in der Mitte des Dorfes gar nicht schlecht?«, hatte Hannes den anderen Männern von Ysinensi gegenüber verlauten lassen, wegen der damit verbundenen zusätzlichen Arbeit aber eine Abfuhr erhalten. Dann in Gottes Namen zu einem späteren Zeitpunkt, hatte er sich gedacht und das Projekt so lange vor sich hergeschoben, bis er es nicht mehr hatte realisieren können.
Dennoch hatte er bis zum Ausbruch seiner schrecklichen Krankheit Nacht für Nacht daran gedacht und davon geträumt, wie schön es doch wäre, wenn es einen eigenen Vieh- und Rossmarkt gäbe, dessen Gestank sich nicht mit dem herbalen Geruch von Gemüse und dem süßen Duft von Obst vermischen musste, während Schmalz, Stoffe, Hausrat und Tand an anderen Stellen feilgeboten wurden.
Unter seiner Ägide war auch die innerdörfliche Wasserversorgung verbessert worden. Hannes’ Visionen waren sogar so weit gegangen, mit dem Bau einer Stadtmauer aus Stein zu beginnen. »Wenn dies vermutlich auch ein Bauwerk über Generationen werden wird, muss einmal damit angefangen werden. Ravensburg, Wangen und andere Dörfer verfügen schon längst über einen steinernen Schutzwall, der ihnen Sicherheit gibt!«, hatte er vor vielen Jahren bei einer Zusammenkunft aller Männer des Dorfes gesagt, sich wegen der bevorstehenden Arbeit aber ebenfalls nur Häme, Pfiffe und sogar persönliche Beleidigungen eingehandelt. Mit dem Bau der ersten Mauer um Ysinensi herum hatte er gegen alle Widerstände hinweg trotzdem beginnen lassen und sich neben seiner eigentlichen Arbeit auch selbst den Rücken für die Allgemeinheit krumm geschuftet. Dennoch waren zu seinem Begräbnis nur wenige Bürger erschienen. Die Menschen hatten Angst vor Geisteskrankheiten und fürchteten sich davor, sich damit anzustecken. Dies hatte ihnen der selbst närrische Dorfmedicus eingeredet, weil er mit dem Mair zeitlebens zu wenig Geschäfte hatte machen können. Hannes Eberz war einfach zu robust gewesen, um wegen jeder Kleinigkeit den Medicus zu bemühen. Dementsprechend hatte er ihn im Laufe seines Lebens nur dreimal aufgesucht.
*
Obwohl im Herzogtum Schwaben ein jahrelanger Krieg zwischen den mächtigen Welfen und den Staufern getobt hatte, entwickelte sich Ysinensi weiterhin prächtig. Dass vor vier Jahren der einzige Sohn des sechsten Welfen beim Machtkampf mit dem Papst in den italienischen Landen an einer Seuche verstorben war, weswegen Welf VI. sein Erbe an seinen Neffen und ehemaligen Gegner Friedrich Barbarossa I. übergeben hatte, war dank der guten Handelsbeziehungen sogar bis ins Allgäu gedrungen. Dass das Welfenerbe als Reichsgut an den Kaiser gegangen war, veränderte so nach und nach das Leben im Herzogtum und im angrenzenden Bayern sowie in Schwaben. So war auch in Ysinensi die Zeit nicht stehen geblieben.
Weil den Verantwortlichen längst klar geworden war, was die Stunde geschlagen hatte, setzten sie sich im Refektorium des Klosters an einen Tisch und beschlossen eine Art Stadtgründung, indem sie den Gepflogenheiten ihrer Zeit folgend nach einem geometrischen Plan vorgehen wollten. Um das bisher Erreichte, im Grunde genommen aber immer nur von Laienhand Gefertigte auf fachkundigere Beine zu stellen, hatte Graf Wolfrad seine besten Baumeister aus Altshausen und Trauchburg sowie einen Mathematiker aus Tettnang zu dieser Besprechung mitgebracht. Um die Wichtigkeit seines Anliegens zu dokumentieren, hatte er sogar einen Astronomen aus Tübingen dazugebeten.
»Seit dreizehn Jahren verfolgt Heinrich der Löwe den Plan, das bayerische Salz aus Reichenhall nach Westen zu exportieren. Er plant eine Salzstraße über Wasserburg, München, Landsberg, Memmingen, Lindau, Schaffhausen und weiter nach Baden, Zürich und vielleicht sogar nach Basel! Und dabei müssen die Salzroder auch an Ysinensi vorbei …«
»Oder besser noch«, begann Marquard, der derzeit amtierende Abt von St. Georg, das, was Graf Wolfrad gesagt hatte, zu ergänzen. Bevor er seinen Satz vervollständigte, lachte er triumphierend auf. »… mitten durch Ysinensi hindurch!«
»Ja!«, bestätigte einer von Hannes Eberz’ Nachfolgern und setzte forsch drauf: »Wir müssen in jeder Hinsicht wachsam sein, um das Stapelrecht zu bekommen!« Der neue Mair von Ysinensi schien wie die meisten seiner Vorgänger ebenfalls ein vernünftiger Mann zu sein.
»Ihr wollt das Stapelrecht für Ysinensi?«, freute sich der Graf und sagte den anderen zu, alles dafür zu tun, um die Salzfuhrwerker zu verpflichten, in Ysinensi Station zu machen. »Weil wir noch kein offizielles Stadtrecht besitzen, kann ich nichts versprechen«, gab er zu bedenken, strahlte aber gleichzeitig die Hoffnung aus, es noch in diesem Jahr irgendwie hinzubekommen, dass Ysinensi von durchziehenden Kaufleuten verlangen dürfe, ihre Waren für einen noch zu bestimmenden Zeitraum auf dem Stapelplatz abzuladen und hier in Ysinensi den Kaufinteressierten anzubieten. »Sie könnten dann durch das Wassertor und das Viehtor zum Marktplatz gelangen!«
Weil seine Zuhörer zwar skeptisch waren, das begehrte »Stapelrecht« tatsächlich zu bekommen, aber dennoch zufrieden mit den Planungen ihres Grundherren, herrschte im Refektorium Aufbruchsstimmung.
*
Wie erfreut wären die Vorgänger des amtierenden Mairs gewesen, wenn sie es hätten miterleben dürfen, dass Ysinensi das begehrte Stapelrecht tatsächlich noch im selben Jahr erhalten hatte. Und wie stolz wären sie erst gewesen, wenn sie mitbekommen hätten, wie die mächtigen Welfen und der bayerische Herzog Heinrich der Löwe Ysinensi auch noch das Marktrecht verliehen hatten. Denn lange bevor Ysinensi diese Privilegien offiziell erhalten hatte, war von ihnen der Grundstein für den weiteren Ausbau zu einem bedeutenden Handelsstützpunkt gelegt worden. Ysinensi, das aufstrebende Allgäuer Dorf am Rande des westlichen Schwabens, hatte nicht nur das Stapelrecht, sondern durfte sich zudem auch noch als Markt bezeichnen. Und damit gingen einige gewinnversprechende Rechte einher, aber auch Verpflichtungen. Eine davon war, bei Wochen- und Jahrmärkten den sogenannten »Königsfrieden« zu wahren. Dabei standen sowohl die Händler als auch die Besucher unter dem Schutz der marktführenden Stadt, also des jeweiligen Mairs. Streitigkeiten wurden stets vor Ort ohne den Formalismus des Landesrechts entschieden. Denn der Marktherr musste die uneingeschränkte Freiheit des Handelsverkehrs sowie die Sicherheit der Straßen und Wege garantieren. Außerdem hatte er dafür zu sorgen, den Handel durch den Umlauf von Münzen zu erleichtern. Dafür durfte er von den Verkäufern einen Marktzoll einfordern. Außerdem hatte der Marktleiter dafür zu sorgen, dass die örtliche Kaufmannschaft vor Konkurrenz geschützt wurde – eine nicht immer leichte Aufgabe, die den künftigen Dorfvorstehern und Bürgermeistern von Ysinensi zunehmend Sorgen bereite würde.
Hannes Eberz hatte auch nicht mehr miterleben dürfen, wie die Dorfkasse durch den zunehmenden Wohlstand der Kaufleute und somit auch der Handwerker und Bauern ebenso gefüllt wurde wie durch Steuern, Ungelder und Zölle, die nun auch von reisenden Händlern entrichtet werden mussten. Wenn auch das meiste davon an den Grundherrn und von dort aus noch weiter geleitet werden musste, blieb für Ysinensi immer noch so viel übrig, dass die Dorfentwicklung weiter vorangetrieben werden konnte. Dennoch ärgerte es die Menschen, dass die Abgaben »nach oben hin« immer höher stiegen.
»Früher hat es geheißen ›Der Graf nimmt’s, der Graf gibt’s‹. Heute nimmt er nur noch!«, schimpften die Leute und hofften inbrünstig, dass sich dies irgendwann ändern würde.
*
Seit dem Tod des Dorfvorstehers Hannes Eberz hatte sich innerhalb der Familie viel verändert. Nicht nur aus seinem Sohn Peter war ein erfolgreicher Kaufmann geworden, auch all dessen Geschwister waren aufgestiegen. Und deren Kinder und Kindeskinder befanden sich ebenfalls schon auf bestem Weg, es zu etwas zu bringen. Insbesondere Peters zweitältester Enkel Godehard bereitete der Familie viel Freude, weil er wie sein Großvater hervorragend mit Zahlen umzugehen wusste. Aber auch Peters ältester Enkel Paul schien ein kluger Knabe zu sein. Allerdings hatte die Art und Weise, wie Paul in seiner Kindheit mit seiner Begabung umgegangen war, die Eltern zutiefst verunsichert. Denn Paul hatte schon als sechsjähriger Knabe Fröschen Strohhalme in den Hintern gesteckt, um sie aufzublasen – damit hatte er sie beileibe nicht quälen, sondern lediglich in Erfahrung bringen wollen, ob mit Luft gefüllte Frösche tauchen konnten. Als er später Ratten gefangen und bereits tote Katzen oder andere Tiere aufgeschnitten hatte, um zu sehen, was sich im Inneren von deren Bäuchen befand, war Pauls Eltern nicht nur einmal übel geworden. Sie hatten sich große Sorgen darüber gemacht, dass ihr Sohn der Narretei verfallen sein könnte, und ihn nach jeder Verfehlung so lange eingesperrt, bis Paul hoch und heilig Besserung gelobt hatte. Aber Pauls Schwüre hatten nie lange gehalten. Beim letzten Mal hatte ihn die Mutter erwischt, wie er den vom Fell befreiten Schädel eines toten Hundes an einen Strick gebunden hatte, um ihn im Stadtbach zu versenken, damit die Fische den Rest erledigen würden. »Ich wollte doch nur sehen, wie Hundekiefer funktionieren, weil die so fest zubeißen können!«, hatte der zu einem beachtlichen Burschen herangereifte Paul zu seiner neuerlichen Entschuldigung gesagt … und war wieder eingesperrt worden.
*
Von alledem hatte Peters Berufskollege und Freund Melchior Habisreitinger nichts gewusst. Er hatte nur mitbekommen, dass Paul ein überaus kluger Knabe war, aus dem unbedingt ein Studiosus werden musste. »… Arithmetik vielleicht?«, hatte Melchior vorgeschlagen und ergänzt, dass Rechnen schließlich die Grundlage für den Erfolg eines guten Kaufmannes sei. »Was würdest du davon halten, wenn ich deinen von Gott gewollt klugen Enkel bei meiner nächsten Handelsreise in die italienischen Lande mitnehme, damit er dort ein Studiosus werden kann?«, hatte Melchior seinen verdutzt dreinschauenden Freund gefragt, weil er dessen Leid nicht mehr hatte mit ansehen können. Peters Frau Elsebeth war vor einem Jahr den Folgen eines Arbeitsunfalles erlegen. Zu allem hin waren kurz darauf auch noch sein Sohn und seine Schwiegertochter an der Roten Ruhr verstorben, einer der vielen unerklärlichen Epidemien, die über das Land hinweggefegt waren wie ein Totenheer und auch in Ysinensi etliche Opfer gefordert hatten.
Um den Kraftakt zu schaffen, die alleinige Erziehung seiner Kinder und seiner Enkelkinder mit dem Geschäft unter einen Hut zu bekommen, hatte der gutmütige und gottesfürchtige Peter eine Haushälterin nehmen müssen, die viel Geld gekostet hatte – von der Amme für seine kleinste Enkeltochter ganz zu schweigen. Er hatte das zweifelhafte Glück gehabt, dass das neugeborene Kind einer Nachbarin dem Kindstod zum Opfer gefallen war, weswegen sie Milch gehabt hatte, die sie Peters kleiner Enkelin gegen gutes Geld hatte zur Verfügung stellen können.
Trotz des schweren Herzens bei dem Gedanken, seinen Enkel Paul vielleicht nie mehr wiederzusehen, hatte der fürsorgliche Großvater erwogen, um des Kindeswohls willen auf Melchiors Vorschlag einzugehen.
»Glaub mir, Peter, das ist das Beste für den Knaben!«, hatte der in Reisen erfahrene Kaufmann mehrmals gesagt und dazu immer wieder bemerkt, dass er freundschaftshalber auf das Kostgeld für Paul während der wochenlangen Reise in die italienischen Lande verzichten würde. »Und du hast dann einen Esser weniger zu Hause!«
Peter hatte die Wangen aufgebläht und fest Luft ausgestoßen, bevor er zustimmend genickt und in resigniertem Ton bemerkt hatte, dass er dann immer noch sechs Mäuler zu stopfen habe.
Ein knappes Jahr später war es dann zum schmerzlichen Abschied gekommen. Während Paul mit »Onkel Melchior« mitgegangen war, ohne eine einzige Träne vergossen zu haben, hatten sich seine Geschwister und der Rest der Familie die Augen ausgeheult.
Kapitel 9
Dass sich der Geheimbund »Gladius Dei« im Laufe der Jahre zunehmend radikalisiert hatte und längst mit sich selbst genauso gnadenlos umging wie mit denjenigen, die mit dem Verschwinden des Amuletts in Zusammenhang gebracht werden konnten, sollte sich an diesem regnerischen Novembertag auf grausame Art und Weise zeigen.
Wie immer bei ihren Zusammenkünften verneigten sich die Mitglieder beim Betreten des sakral wirkenden Raumes vor ihrem Großmeister und küssten das um seinen Hals hängende Amulett. Dann erst durften sie auf das etwa vierundzwanzig Fuß große illuminierte Quadrat inmitten des großen Kreuzgewölberaumes zugehen, dessen äußere Umrandung durch ein Feuerkarree gekennzeichnet war. Bevor sie dann über das nur eine Handbreit hohe Feuer hinweg auf das der inneren neun Quadrate treten durften, auf das sie gemäß der ihnen zugewiesenen Ziffer gehörten, mussten sie traditionsgemäß die Arme nach oben strecken und allen vor ihnen angekommenen Verschwörern mit den Fingern ihre Zahl anzeigen. Erst nach einmütigem Nicken der anderen, das von einem wohlwollenden Grummeln begleitet wurde, war ihnen der Zutritt erlaubt.
Während die neun etwa acht Fuß großen Vierecke innerhalb des großen Quadrates früher mit Kreide auf den Boden gemalt worden waren, weil die Verschwörer ihren Versammlungsraum ständig hatten wechseln müssen, hatte sich dies mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Großmeister Hubertus von Hohenfels geändert. Denn der Ministeriale der Bischöfe von Konstanz hatte die Trennlinien auf dem Steinboden aufwändig mit blutroten Mosaiksteinchen belegen lassen. Als äußere Umrandung diente eine fingerdicke und fast handtiefe Bodenrinne, in die brennbares Öl geschüttet werden konnte.
*
Als die vierundvierzig Verschwörer vollzählig waren und alle in ihren Quadraten standen, wurde es so still, dass nur noch das Quietschen von Ratten und das Tropfen von Schwitzwasser zu hören waren. Die Männer wunderten sich darüber, dass zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu beiden Seiten eines Großmeisters je zwei Gestalten standen, die ebenso gewandet waren wie sie selbst. Denn bisher waren es immer genau vierundvierzig Männer gewesen, die sich zusammengefunden hatten, um in Einzelgesprächen mit dem jeweiligen Großmeister zu klären, was getan werden musste, wie es weiterging und wie sie ihre Ziele, den Fortschritt der Wissenschaften und der Erforschung des menschlichen Inneren, weiter voranbringen konnten.
Aus gegebenem Anlass war die Stimmung an diesem ohnehin tristen Tag so bedrückt wie dies bisher nur selten bei den Versammlungen der Fall gewesen war. Die Verschwörer wussten, dass etwas auf sie zukommen würde. Dabei konnten sie aber nicht im Geringsten erahnen, was gleich passieren würde.
Der neue Großmeister erhob sich aus seinem thronartigen Sessel und ging gemäßigten Schrittes zum Altar ihres neuen Versammlungsraumes, der sich in einem geheimen Kreuzgewölbekeller der Burg Hohenfels auf einer Spornkuppe nordwestlich von Sipplingen befand. Zornig knallte er ein dickes ledergebundenes Buch mit zwei wuchtigen Messingverschlüssen auf den Altar. Dann legte er – was so gar nicht zu dieser bedrückenden, ja sogar beängstigend anmutenden Situation passen mochte – ganz sanft eine Handfläche auf den Einband und begrüßte seine Mitverschwörer, die darauf warteten, was ihnen der von seinem Vorgänger designierte und erst vor Kurzem von ihnen bestätigte Großmeister zu sagen hatte. Es brach mit voller Gewalt über sie herein: »Dies hier ist die Chronik, die unser Gründungs-Großmeister im Jahre des Herrn 1001 angelegt hat, um die Mitglieder unseres geheimen Zirkels über Generationen hinweg wissen zu lassen, was sie erreicht haben und …«, bevor er weitersprach, schüttelte er sein Haupt unter der Kapuze, was dem Auditorium nichts Gutes verhieß, »… wann sie versagt haben!«
Nachdem er dies gesagt hatte, füllte ein dumpfes Gemurmel den Saal.
»Und sie haben versagt! Wir haben versagt!«, schrie er so laut, dass es von den feuchten Wänden zurückhallte, während er gleichzeitig auf das rechte Quadrat in der vorderen Reihe zeigte und damit die vier Männer in Unruhe versetzte, die darin standen.
Der Großmeister ließ ihnen nicht viel Zeit, um sich Gedanken darüber machen zu können, was nun mit ihnen geschehen würde: »Dank des kürzlich verstorbenen Großmeisters hat unser geheimer Bund zum ersten Mal in seiner einhundertsiebzigjährigen Geschichte einen festen Versammlungsraum, von dem außer uns niemand etwas weiß! Dafür kennt ihr jetzt erstmals den Namen eines toten Großmeisters! Dies kann zu einer Katastrophe führen! Denn wenn bekannt werden sollte, dass der verstorbene Burgherr, Hubertus von Hohenfels, der Großmeister unseres geheimen Bundes gewesen ist und dass er uns diesen geheimen Raum – wie er es hier in diesem Buch schriftlich bestätigt hat – ›für alle Zeiten‹ zur Verfügung stellt, sind wir und unser Bund dem Tode geweiht! Denn das was wir tun, ist bei Todesstrafe verboten!«
Er zeigte auf seine Mitverschwörer und sagte in nunmehr leisem Ton: »Ihr alle wisst jetzt davon! Und dass es so weit kommen konnte, haben wir vieren von euch zu verdanken!«
Als sie dies hörten, wurden die vier Männer noch unruhiger, als sie ohnehin schon waren.
»An euch wäre es gelegen, unserem schwerkranken Großmeister das Amulett abzunehmen, bevor dessen Verwandte merken konnten, dass er einem geheimen Zirkel vorstand! Obwohl ihr gewusst habt, dass Hubertus von Hohenfels in absehbarer Zeit sterben wird, habt ihr so lange gesäumt, bis sein Sohn ihm das Amulett abgenommen hat. Ihr alle wisst, dass es gemäß der Prophezeiung unseres ersten Großmeisters bei einem neuerlichen Verschwinden des Amuletts vier Sühnetote geben muss!«
Der Großmeister hielt inne, bevor er die Versager anschrie und ihnen deutlich machte, dass das Amulett als verschwunden gewertet werden musste, weil es nicht mehr im Besitz des Großmeisters gewesen war, … auch wenn es die Burg wahrscheinlich nicht verlassen hatte.
»Nur gut, dass es ein anderer von uns dem jungen Hohenfelser unbemerkt stehlen konnte. Wie ich aber gehört habe, hat der junge Herr die Motive auf dem Amulett abgezeichnet, um sie sich von einem Mystiker deuten zu lassen. Und allein schon deshalb, weil wir diese Zeichnungen nicht gefunden haben, leben wir ab sofort in ständiger Gefahr, enttarnt zu werden! Normalerweise müsste der junge Herr für den kurzzeitigen Besitz des Amuletts sterben. Weil aber sein Vater unser Großmeister gewesen ist und uns diesen wunderschönen Raum zusammen mit dem geheimen Pfad hierher und einem nicht entdeckbaren Einlass geschenkt hat, werden wir ihm nichts antun! … Außerdem dürfen wir kein Aufsehen in der Burg erregen!«
Der Großmeister hielt wieder inne. Dann sagte er, dass der Prophezeiung dennoch Genüge getan werden müsse, was hieß, dass vier Menschen ihr Leben lassen mussten.
Von diesem Moment an war den Männern im rechten vorderen Quadrat klar, dass sie sterben würden.
»Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?«, mochte der Großmeister wissen, um die vier aus der Reserve zu locken und sie zum Sprechen zu bringen. Denn sollten sie dies tun, würden sie zu allem hin auch noch gegen das Schweigegelübde des »Gladius Dei« verstoßen.
Und dies taten sie auch. In ihrer Todesangst sprudelte es aus den Beschuldigten nur so heraus. Mit erhobener Hand gebot der Großmeister den Ausreden der vier Todgeweihten Einhalt, indem er mahnte: »Habt ihr vergessen, dass ihr ein Schweigegelübde abgelegt habt?«
Nun wussten die vier, dass sie auf die Finte des gerissenen Mannes hereingefallen waren und er sie nun mit Recht töten lassen durfte. Da half weder das gotterbärmliche Flehen, noch das Ziehen ihrer Schwerter. Auf Geheiß des Großmeisters traten acht andere Verschwörer aus ihren Quadraten und hielten die vier fest.
»Ich habe hier vier neue Mitglieder, die euch ersetzen werden! Aber seid unbesorgt; nach eurem Tod werdet ihr der Wissenschaft dienen!«
Dann ging alles ganz schnell und die vier lagen tot in ihrem Quadrat.
»Erde, Feuer, Luft und Wasser!«, rief der Großmeister und ergänzte in beschwörendem Ton, dass die Vier ebenso eine zeitliche Orientierungs- und Ordnungszahl sei, wie der Mondlauf aus vier Phasen bestehen würde. »Dem Protokoll ist Genüge getan, also muss die Prophezeiung noch nicht erfüllt werden!«, rief der Großmeister den anderen zu, die zum Zeichen dafür, weiterhin für ihre Sache kämpfen zu wollen, ihre Schwerter zogen und nach oben reckten. »Und nun lasst uns klären, wie wir es endlich fertigbringen, weit mehr Ärzte für Leichenöffnungen zu gewinnen als bisher.«
Das montfortische Burgum »Domum Ulrici«
Anno Domini 1257
Die magische Zahl V
Kapitel 10
Nicht nur bei den Geheimbündlern, sondern auch im gesamten ehemaligen Herrschaftsgebiet derer von Altshausen-Veringen hatte sich viel geändert. So hatte sich auch die Bevölkerung von Isine, wie sich das Dorf inzwischen nannte, bereits seit einiger Zeit an einen zusätzlichen Potentaten gewöhnen müssen. Dem Grafen von Montfort-Bregenz gehörte inzwischen das Gebiet südlich der Stadt – eine mehr als heikle Situation für die Herrscher und ihre Untertanen. Die Bevölkerung von Isine hatte in ihrer wechselhaften Geschichte bereits viel erdulden müssen – dass es aber zu allem hin ausgerechnet ein Bregenzer hatte sein müssen, der in ihrem aufstrebenden Städtchen bei allen Entscheidungen ein Wörtchen mitzusprechen haben würde, war ihnen lange nicht in die Köpfe gegangen. Dementsprechend störrisch hatten sie sich verhalten.
Aber »der Bregenzer« hatte sich von Anfang an in jeder Hinsicht als kluger und umsichtiger Grundherr gezeigt, der sich mit den politisch angespannten Verhältnissen in den deutschen Landen gut zu arrangieren verstand. So hatte er nicht gezögert und gleich nach seinem Amtsantritt damit begonnen, die seinerzeit von Hannes Eberz angelegte Hauptstraße genau vermessen zu lassen, um sie nach dem Vorbild größerer Städte weiter auszubauen und mit einer genauso breiten Querstraße zu versehen.
»Die Straßenführung von Isine sieht dann aus wie das Kreuz unseres Herrgotts«, hatte er lachend gesagt, als er seine Visionen zum ersten Mal öffentlich verkündet hatte.
»Die Leute vom See haben schon einen merkwürdigen Humor«, hatte einer der zu diesem Gespräch geladenen Kaufleute seinem Tischnachbarn zugeflüstert und ein zustimmendes Kopfnicken zurückbekommen.
Während die Arbeiten in vollem Gange sein würden, wollte der hemdsärmelig wirkende Grundherr von Isine auch noch den bestehenden Marktplatz neu gestalten und am südlichen Ende der Straße eine Marktbefestigung errichten. Gleichzeitig hatte er vor, den vor sieben Jahren begonnenen Bau seines Amtshauses endgültig fertigzustellen. Wegen der unsicheren Zeiten hatte der Graf von Montfort vom ersten gesetzten Stein ab großen Wert darauf gelegt, den Gebäudekomplex massiv und verteidigungstauglich auszubauen. »Es soll ein festes Haus am Markt sein!«, hatte er seinem Baumeister Theo Finck eingebläut, weil er ganz genau gewusst hatte, dass es eine raue Zeit war, in der Brandschatzungen, Einbrüche und Überfälle fast an der Tagesordnung waren.
Weil sich sein Amtshaus direkt hinter dem Marktlatz am belebtesten Knotenpunkt des Dorfes befinden würde, war die Gefahr umso größer. Aber dies fürchtete Ulrich von Montfort nicht im Geringsten. Er wusste, wie er sich abzusichern hatte und das Marktgeschehen an sich ziehen konnte, um sich dadurch die herrschaftliche Macht zu sichern. So wusste er auch, dass er mit der Straßenerweiterung noch mehr Menschen ins Dorf würde locken können als bisher. Und das war ganz in seinem Sinne.
»Die bestehenden sechs Magazine am Amtshaus haben sich bisher schon vortrefflich als Leinenlager geeignet und dienen nun auch noch hervorragend als Salzhaus!«, freute er sich seinem Baumeister gegenüber.
Kurz darauf stand der umtriebige Montforter mit Theo Finck an der Stelle, an der er mit der Umsetzung seines Bauvorhabens beginnen wollte.
»Kein Händler soll an Isine vorbeikommen!«, bemerkte er zum Baumeister, den er für dieses Projekt aus Feldkirch hatte kommen lassen, um mit ihm seine Visionen in die Tat umzusetzen. Dass es der Graf ernst meinte, zeigte sich allein schon daran, dass er die Sache trotz strömenden Regens an Ort und Stelle mit dem Meister seines Vertrauens besprach. Er wollte keine Zeit verlieren und die Sache zügig vorantreiben.
Während er einen Arm mit flach ausgestreckter Hand und nach oben gerichtetem Daumen entlang der Straße in Richtung Norden streckte, drückte er ein Auge zu, um das, was er sah, zu fixieren. »Ich möchte, dass der Straßenverlauf von hier aus möglichst gerade angelegt wird, damit der Prangerstein«, er zeigte an die Stelle, die er meinte und formte mit beiden Armen ein großes Dreieck, »den wir hier an der Ecke meines Amtshauses einlassen werden, von allen gut gesehen werden kann!«
»Ihr wollt also genau hier den Pranger aufstellen?«, wunderte sich Finck.
Der Graf nickte. »Ja! Genau dort, wo dieser Vermessungsstein in der Erde steckt! Hier möchte ich den Schandstein haben, denn die Delinquenten sollen nicht nur hier auf dem von Uns noch zu vergrößernden Markt, sondern zur besseren Abschreckung auch möglichst weit die Straße hinunter gesehen werden!«
»Aber die Straße ist nicht bis zum anderen Stadtende hin gerade und macht kurz davor einen leichten Knick!«
»Ich weiß, ich weiß!«, schimpfte der Graf. »Einer der damaligen Dorfvorsteher hat es zugelassen, dass ein paar der Häuser bis in die Straßenführung hinein errichtet wurden!«
»Vielleicht ist dies sogar mit voller Absicht geschehen?«, warf Finck ein, während er nachdenklich die Augen zusammenkniff.
Weil der Regen plötzlich so fest auf die Plane klatschte, die vier Diener des Grafen mit Stangen über ihre Köpfe hielten, hatte der neue Regent von Isine den letzten Satz seines Baumeisters nicht verstanden. Also machte der untersetzte Bauherr gleich munter weiter, indem er dem großgewachsenen und bulligen Baumeister eine große Papierrolle unter die Nase hielt und begeistert dazu erklärte: »Dies hier ist ein Plan, den mir Konrad I., der Abt des Klosters St. Georg, gegeben hat! Er wurde von einem begnadeten Kollegen von Euch gezeichnet und ist Unseres Erachtens nach ein Kunstwerk, mit dessen Umsetzung etwas zu zaghaft begonnen wurde!« Während er dies sagte, wurde seine Stimme immer lauter: »Das, was die damaligen Verantwortlichen von Isine im wahrsten Sinne des Wortes auf den Weg gebracht haben, werden Wir, Ulrich der Erste, Graf von Bregenz und Herr dieses wunderschönen Dorfes, nun zu meisterlicher Reife bringen!«
»Darf ich …« Der Baumeister ließ sich den Plan geben und betrachtete ihn ganz genau. Dann nickte er anerkennend und sagte: »Dieser Plan hier wurde sicherlich an dieser …«, er drehte sich um und zeigte auf den Boden, »… Gründungsachse ausgerichtet. Wahrscheinlich wurde zur Festlegung und Vermessung des Gründungsgrundrisses von Isine genau dieser Stein als örtliche Markierung eingebracht.«
Bevor der Feldkircher Baumeister weiterreden konnte, nahm ihm der Graf die Papierrolle erneut aus der Hand und lachte laut auf. »Ja, glaubt Ihr denn, Wir haben diesen Plan nicht genau studiert, bevor Wir Unseren Bruder Rudolf in Feldkirch gebeten haben, Euch ausleihen zu dürfen, damit Ihr nach Isine kommen konntet? Was glaubt Ihr, weshalb Wir diesen mächtigen Stein ausgerechnet«, nun drehte sich der Graf um, »an dieser Stelle haben möchten?«
Theo Finck verbeugte sich ergebenst und bat den Grafen um Verzeihung.
Der aber winkte nur ab: »Schon gut! Das heißt, dass der Prangerstein diese Markierung ersetzen wird und stattdessen Unser Vermessungsstein sein soll! Wir werden den bestehenden geometrischen Plan weiter verfolgen, das Wassertor und das Viehtor erneuern und auf Grundlage dieses Planes auch die bestehende Graben- und Wallanlage erweitern!«
»Und das Wasser leiten wir von hier aus zu beiden Seiten um das Dorf herum! Bei dieser Gelegenheit können wir auch Wasserleitungen innerhalb von Isine legen, um damit gleich mehrere Brunnen zu speisen!« Theo Finck schien nun Feuer und Flamme für das Projekt zu sein.
Der Graf nickte zufrieden. Dann ergänzte er, dass auch an den Ausbau der bestehenden Holztürme gedacht werden müsse. »Und den primitiven Holzzaun werden Wir irgendwann gänzlich durch eine Steinmauer ersetzen – genau so, wie dort unten vor vielen Jahren damit begonnen wurde, bevor meinem Vorgänger vermutlich das Geld ausgegangen ist!«
»Ihr seid also mit meinen Vor…«
Noch bevor sich Finck die Vorgehensweise bestätigen lassen konnte, fiel ihm der Graf ins Wort: »Ja! Es sind allesamt gute Vorschläge!«, lobte er den Baumeister seines Bruders, der auf der Feldkircher Schattenburg saß. »Aber nicht, dass Uns das Geld ausgeht oder dass Wir sterben, bevor Wir aus Isine eine richtige Stadt gemacht haben!«
Kapitel 11
Auch für die Geheimbündler war das Planen, mehr aber das Leben und Sterben weitergegangen: Nachdem das Amulett fünfundachtzig Jahre nach den Vorkommnissen in der Burg Hohenfels doch noch »richtig« verschwunden war und trotz intensivster Suche über ein ganzes Jahr hinweg nicht hatte gefunden werden können, ordnete der amtierende Großmeister erneut an, in jedem Landstrich, aus dem seine Verbündeten stammten, eine gut getarnte Räumlichkeit zu suchen und zum Zweck eines ihrer beiden Hauptziele einzurichten. Denn in den bis dahin zweihundertsechsundfünfzig Jahren seines Bestehens war es dem Geheimbund immer noch nicht gelungen, genügend mutige Ärzte zu finden, die sich für den Gedanken begeistern konnten, sich der Anatomie des menschlichen Körpers zu widmen – zu tief war die Angst vor der Todesstrafe in ihnen verankert.
Was die Verbreitung der »sieben freien Künste«, insbesondere der Arithmetik, betraf, waren sie wesentlich erfolgreicher gewesen. Nicht nur, dass sie in all den vielen Jahren Tausende talentierte Kinder aus armen Verhältnissen monetär gefördert, sie zu Scholaren und angesehenen Magistern gemacht hatten. Auch die Vermehrung und die damit einhergehende Verbreitung von Schulen war in einem Rahmen unterstützt worden, wie es nur durch den brüderlichen Zusammenhalt dieser fünfundvierzig ausnehmend gut betuchten Männer hatte möglich sein können. Doch beim Verschwinden des Amuletts hatte es eine weitere Radikalisierung gegeben.
»Bringt mir unser Heiligstes zurück!«, hatte der amtierende Großmeister geschrien und mit gesenktem Kopf drohend zur Tür ihres Versammlungsraumes gezeigt.
Vierundvierzig Geheimbündler waren in alle Himmelsrichtungen ausgeschwärmt, um sich rund um den See im Umkreis bis zu etwa einhundert Meilen ins Landesinnere hinein umzuhören und sich überall umzusehen, wo sich viele Menschen auf einem Haufen versammelten.
Und weil das Allgäu, insbesondere Isine, bisher schon eine auffallende Rolle gespielt hatte, sah sich dasjenige Geheimbundmitglied, das aus dieser Ecke stammte, auch dort um. Der stattliche Mann trug die Gewandung eines städtischen Bürgers, die er immer anlegte, weil er wusste, dass es keine bessere Tarnung gab. Wie sollte jemand dahinterkommen, dass hinter der Fassade eines fein gewandeten Mannes das Mitglied eines radikalen Geheimbundes steckte, das zu allem entschlossen war, um ein verloren gegangenes »Magisches Amulett« zurückzubekommen. Dass dieser ehrenwerte Kaufmann sein »Jiàn« unter dem weiten Umhang versteckt hatte, konnte niemand sehen. Und wenn, würde man sich lediglich über die eigene Art der Waffe wundern, nicht aber darüber, dass er sie trug. Einem Mann seines Ranges war es schließlich gestattet, öffentlich einen Dolch und ein Schwert am Körper mit sich zu führen.
Es war ein strahlender Sommertag, weswegen in Isine alles auf den Beinen war, was laufen konnte, oder auch nicht. Kein Wunder, dass Jacob der Bettler die Gunst des Tages nutzen wollte, um an etwas Kleingeld zu kommen – selbst wenn es ihm nicht möglich war zu gehen. Während der Bettler früher die Markttage genutzt hatte, um anderen Leuten die Geldbeutel abzuschneiden, musste er sich seit einem tragischen Fuhrwerksunfall damit begnügen, auf seinem mit kleinen Rollen versehenen Brett zu sitzen und das Erbarmen derjenigen Marktbesucher zu erflehen, die er früher bestohlen hatte. »Habt Gnade, Herr!«, flehte er den Kaufmann, der gerade auf ihn zukam, mit entgegengestreckter Hand und mitleiderregendem Blick an. Der Geheimbündler hatte sich so unters Volk gemischt, als wenn er auf der Suche nach neuer Handelsware wäre.
»Hier!«, sagte der Mann gönnerhaft und warf dem Krüppel so viel Geld zu, dass der sich mit einem solch heftigen Nicken bedankte, dass er kopfüber von seinem Brett purzelte.
»Findet ihr das spaßig?«, knurrte der spendable Mann die Passanten an, die sich vor Lachen krümmten. Als er seinen reich bestickten Umhang etwas beiseiteschob und sie die Waffe sahen, verging ihnen das Lachen.
»Dreißig und keinen Pfennig weniger!«, bestand Godefried, der einzige Sohn von Godehard Eberz, auf seinem Preis. Dabei ging es um einen sechzig Ellen langen gestreiften und einen gleich langen eingefärbten Leinenballen in der üblichen Breite eines Webstuhls.
Aber der seinem Verkaufsstand gegenüberstehende Mann winkte nur dankend ab und ging weiter.
Godefried Eberz und seine Frau Maria, die einem alteingesessenen Kaufmannsgeschlecht aus dem zwölf Meilen entfernten Wangen entstammte und allein schon deswegen bestens zu ihm passte, lachten ihm aber nur nach, anstatt ihn mit einem günstigeren Angebot zur Umkehr zu bewegen.
»Der kommt gleich wieder zurück!«, war sich Maria sicher, während sie die beiden Leinenballen ins Regal zurücksteckte, die sie für den Mann ein Stückchen aufgerollt hatte, damit er die Qualität prüfen konnte.
»Wo ist denn Lukas schon wieder?«, schimpfte der Vater, weil ihm der jüngste seiner drei Söhne an diesem Tag hätte helfen sollen.
»Ich weiß nicht!«, antwortete Cristoff, Godefrieds und Marias ältester Sohn, während er von einem Ballen drei Ellen lange Streifen herunterschnitt, die dann als Tischdecken verkauft werden sollten.
Während sich Cristoff recht gut machte und hoffen ließ, später einmal die Geschäfte des Vaters zu übernehmen, und der mittlere Sohn Friedrik andere Talente hatte, war es hoffnungslos, aus dem jüngsten einen guten Menschen formen zu wollen. Denn der zwölfjährige Lukas ließ lieber den Herrgott einen guten Mann sein, als sich in Disziplin zu üben und den Eltern zur Hand zu gehen. Im Gegenteil: Der Herumtreiber war stets zu allerlei makabren Scherzen aufgelegt, neckte die Mädchen, die er schon mal an einen Baum band und denen er dann die Haare abschnitt. Das Schlimmste aber war, dass er stahl wie eine Elster, und dies als Sohn eines ehrenwerten Kaufmannes. Er war sogar schon einmal in eine fremde Behausung eingebrochen, um dort alles mitzunehmen, was er hatte versilbern können. Da hatten auch die schärfsten Strafen nichts zu ändern vermocht; aus dem jüngsten Spross der Eberz würde wohl nie etwas werden. Und beim nächsten Mal würde dann das Richtschwert oder der Galgen auf ihn warten.
»Ah! Da seid Ihr ja wieder!«, freute sich Godefried Eberz, als der Mann von eben wieder vor seinem Verkaufstisch stand. »Was kann ich jetzt für Euch tun?«
Die feine Gewandung konnte nicht verbergen, dass der kleine Mann bemerkenswert rundlich war. Aber dies war Godefried Eberz egal. Hauptsache, es handelte sich um einen ernst zu nehmenden Interessenten. Der schwitzende Mann rieb sich den Bart und zeigte auf die Stoffballen hinter dem Händler. »Wenn Ihr mir einen vernünftigen Rabatt gebt, kommen wir ins Geschäft!«
Nun lachte Godefried so laut auf, dass auch die anderen Tuchhändler in seiner Nähe aufmerksam wurden.
»Pass auf, vom alten Eberz kannst du was lernen!«, sagte einer der Händler zu seinem Sohn, während er ihm mit seinem Ellenbogen in die Rippen stieß, um dessen Aufmerksamkeit zu bekommen.
Alle waren gespannt, was Eberz dem Mann, der mit einer roten Knollennase gestraft war, zur Antwort geben würde.
Er ließ auch nicht lange auf sich warten: »Wenn Ihr es Euch nicht leisten könnt, müsst Ihr die einfache weiße Leinwand nehmen und sie selber einfärben. Die kostet nur zwölf Pfennige! Oder …«, Godefried Eberz zeigte nach hinten, »Ihr nehmt ein aus Hanf hergestelltes einfaches Segeltuch, für das Ihr nur fünf Pfennige berappen müsst! Und wenn Ihr nicht so viel habt, nehmt Euer Kleingeld und versucht, in der Taverne dort drüben einen Humpen oder wenigstens ein Quart Bier zu bekommen!«
Nachdem er dies gesagt hatte, brandete allgemeines Gelächter auf. Der gewiefte Kaufmann suhlte sich im Handgeklappere seiner Kollegen. Aber das Lachen sollte ihm gleich wieder vergehen, denn der Mann sagte nur: »Schade! Ich bin Wiederverkäufer und bereise die Welt. Sehr gerne hätte ich Euch die gesamte Ware abgenommen, die Ihr liefern könnt!« Dann drehte er sich um und ging.
»Halt! … Äh! … Werter Herr! Kommt zurück!«, rief ihm Godefried Eberz nach, erfolglos.
»Hochmut kommt vor dem Fall! Das hast du nun davon, du eingebildeter Pfeffersack! Lieber eine rote Nase, als sie so hoch zu tragen wie du«, schimpfte seine Frau zur erneuten Belustigung der anderen Marktbeschicker, während der vom Oberen Joch kommende Knopfhändler seinen Sohn am Ohr packte und ihn in seinen Stand zurückzog. »Hast du keine Arbeit, Seppi?«
*
Von alledem hatte der Geheimbündler nichts mitbekommen, weil er sich gerade auf dem Hauptmarkt umsah, dem größten Platz im Zentrum des Dorfes, den man inzwischen mehr oder weniger offiziell als »Großen Marktplatz« bezeichnete. Nachdem er sich die Angebote der anderen Plätze, die »Kornmarkt«, »Rossmarkt«, »Viehmarkt« oder »Schmalzmarkt« genannt wurden, angesehen hatte, ging er in Richtung der Tuchhändler, wo er an einem der Stände etwas in der Sonne blitzen gesehen hatte. Er machte keinen Hehl daraus, gezielt zu suchen. Warum auch? Es war Donnerstag, also einer der Markttage in Isine, der auch dieses Mal Händler und Besucher von weither angelockt hatte. Weil alle, die nicht hinter einem Verkaufstisch standen, etwas suchten, fiel auch dieser Mann nicht auf. Im Grunde genommen hatte er ja nichts Böses vor; er suchte nur etwas, aber etwas ganz Bestimmtes!
An der Ursache des Glitzerns angekommen, zeigte er zum ersten Mal ernsthaftes Interesse am Angebot eines Händlers. Direkt im Anschluss an die Tuchhändler befanden sich die Gemischtwarenhändler, die mit allem schacherten, was man sich nur vorstellen konnte: Hier gab es Töpfe, Pfannen und Geschirr, sogar Werkzeug der verschiedensten Art. Gebrauchte Tabore und Einhandflöten, alte Fahnen verschiedener Kriegsheere vergangener Zeiten waren hier ebenso unter der Hand zu bekommen wie Waffen der verschiedensten Art aus den entferntesten Ländern der bekannten Welt.
»Interessiert Euch etwas, Herr?«, wurde er sofort vom Händler angesprochen, nachdem dieser bemerkt hatte, dass das Augenmerk des Kunden gezielt auf den Kasten mit den vielen kleinen Fächern gerichtet war, in denen sorgsam voneinander getrennt Ketten, Münzen, Perlen und Halbedelsteine lagen. Aber auch fertiger Schmuck wie Anhänger, Anstecker, Armreife und Ringe waren darin zu finden. Dieses Angebot schien den Kunden besonders zu interessieren.
Der Händler taxierte sein Gegenüber und nahm dann seinen schönsten Ring aus einem der Kästchen, den er über den kleinen Finger seiner rechten Hand streifte, um sie dem Kaufinteressenten entgegenzustrecken. »Wäre das nichts für die werte Frau Gemahlin?«
Der Kunde schüttelte nur den Kopf.
»Sucht Ihr etwas Spezielles? Bei mir werdet Ihr sicher fündig! Ich habe alles! Fast alles! Wartet!« Während er einen in Silber gefassten Bergkristall-Anhänger aus einem der hinteren Fächer herausnahm und hastig über eine Kette streifte, rief er sein Weib zu sich: »Rasch, Susanna, dreh dich um!«
Weil die Frau des Händlers augenscheinlich zwar gut gebaut, ansonsten aber keine Schönheit war, bedachte sie der Kunde nur rasch mit einem Blick, bevor er wieder in den Fächern zu kramen begann.
»Seht, Herr! Dies ist sicher etwas für die Frau Eures Herzens, oder?«
Der Kunde schaute eigentlich nur der Höflichkeit halber nochmal zum Halsausschnitt der Händlerfrau, blieb mit seinem Blick dieses Mal aber wie erstarrt daran kleben.
Wenn der Händler zunächst geglaubt hatte, dass er mit seiner Empfehlung einen Volltreffer gelandet hatte, wurde ihm schnell klar, dass der Kunde sich lediglich am prallen Busen seines Weibes ergötzen mochte. Und weil das Geschäft aus seiner Sicht sowieso nicht zustande kommen würde, empörte er sich darüber auf die unflätigste Weise. Er fing sogar damit an, den Kunden lauthals als einen heißen Bock und als treibigen Eber zu bezeichnen. Und weil sich der Kunde nicht gegen die Beleidigungen des Händlers wehrte, fühlte der sich im Recht und schimpfte so lange weiter, bis der Mann vor dem Verkaufsstand fragte, was es kosten würde.
»Was … was meint Ihr?« Der Händler schaute seine verlegene Frau verunsichert an.
»Keine Sorge; nicht was Ihr denkt!«, beruhigte der Kunde die beiden, zu denen sich neben deren Sohn auch seine zwei jüngeren Schwestern gesellt hatten.
Nachdem der Händler den Preis für den Anhänger mitsamt der Silberkette genannt und seinem Weib die Kette wieder abgenommen hatte, um sie dem Käufer zu geben, schüttelte der den Kopf. »Ich meinte nicht diese Kette, sondern den Anhänger, den Euer Weib um den Hals trägt.«
Völlig verunsichert antwortete anstatt des Mannes die Frau, dass dieser Anhänger unverkäuflich sei.
Und weil der Händler glaubte, dass ihn der vermeintliche Kunde lediglich narren mochte, pflichtete er seiner Frau bei.
»Woher habt Ihr ihn?«, wollte der Kaufinteressent wissen, bekam aber von ihrem Mann nur lapidar zur Antwort: »Wir sind Händler!«
»Na also: Dann waltet Eures Amtes!«
Nachdem es auch nichts genützt hatte, den doppelten und sogar den vierfachen Preis von dem anzubieten, was die Silberkette mitsamt dem Anhänger gekostet hätte, hielt sich der Interessent nicht weiter damit auf und wechselte zur Verwunderung des Händlers und dessen Frau das Thema, indem er die beiden fragte, woher sie denn kämen.
»Warum?«, mochte der erneut irritierte Händler wissen.
»Nur so …«
»Aha …«
»Also?«
»Aus Kreuzlingen, überm See!«, antwortete sie.
Nachdem er dies gehört hatte, blitzten die Augen des Mannes gefährlich auf, während sich gleichzeitig ein Grinsen auf seine Mundwinkel legte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ das Marktgelände.
»Arschloch!«, rief ihm der Händler noch nach.
Dies sollte das letzte Schimpfwort gewesen sein, das er in Isine laut hinausgeschrien hatte. Weil sich der Tag sowieso dem Ende neigte und es dunkel zu werden drohte, packte er mit Hilfe seiner Frau und der Kinder seinen Kram zusammen, um das Allgäu in Richtung Meckenbeuren zu verlassen.
*
»Kreizkruzifix! Des glaub i etz it!«, schrie tags darauf ein Mann in breitestem Schwäbisch so laut, dass es durch den Wald hallte.
»Was isch, Hugo?«
»Ha wa! Etz schau d’r amol des ô?«, kam es fassungslos zur Antwort.
»Muinsch du, dass se …«
»Schwätz it, Schorsch! Komm: Mir packet g’schwind elles zam!«
»Schau amol! Denne beude Alte hend se mit’m Mess’r ebbes in’d Schdirn g’ritzt!« Nach genauerer Betrachtung ergänzte er noch, dass es sich um eine Zahl handeln könnte, wie er sie zwar irgendwo schon mal gesehen hatte, aber nicht wisse, um was für eine Zahl es sich handelte.
Für die beiden Strauchdiebe, die ursprünglich aus Stuttgart stammten, schien es ein Glückstag zu sein, den sie wohl bis zu ihrem Lebensende nicht mehr vergessen würden. Denn direkt vor ihnen lagen in einem Hohlweg in der Nähe von Eglofs fünf Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen. Nachdem die verwahrlosten Herumtreiber die augenscheinlich bedauernswerten Opfer einer Gewalttat ganz genau betrachtet hatten, schauten sie sich ängstlich nach allen Seiten um. Dann fackelten sie nicht lange. Anstatt sich um die Toten zu kümmern, nahmen sie deren Ochsengespann mit dem vollbeladenen Planwagen an sich und suchten damit das Weite.
Der Geheimbündler, der gestern noch in Isine auf dem Markt gewesen war, hatte nicht lange gewartet, um der unwürdigen Händlerfrau aus Meckenbeuren das »Magische Amulett« vom Hals zu reißen. Weil ihn auch deren Mann und die drei Kinder gesehen hatten, war er nicht umhin gekommen, auch sie umzubringen. Auch wenn dies nicht unbedingt sein erklärtes Ziel gewesen war, hatte er es doch als Omen angesehen. Denn ihm war von vorneherein klar gewesen, dass er fünf Menschen umbringen musste, falls er das Amulett wiederfinden sollte. Und er hatte es nun ja wiedergefunden! Dabei war ihm etwas davon in den Sinn gekommen, was ihm und seinen Brüdern vom Großmeister zur magischen Zahl Fünf gesagt worden war, bevor er sie auf die Suche geschickt hatte: »Die Zwei kann stets als ›weibliche Zahl‹ empfunden werden! Wenn die Zwei und die Drei aber zusammenfinden, dann entsteht daraus die Zahl Fünf: Es ist die Zahl der Vereinigung von Mann und Frau!«
Zwei Elternteile und drei Kinder, das passt ja, hatte er sich eiskalt gedacht, bevor er den Eltern jeweils eine lateinische Fünf in einem Quadrat in die Stirn geritzt hatte. Wenigstens hatte er die beiden Kinder von diesem menschenverachtenden Akt verschont. Denn der Mann, der Mitleid mit dem Bettler gehabt hatte, war im Grunde seines Herzens kein schlechter Mensch. Aber der Codex sah nun einmal vor, diejenigen Menschen umzubringen und über deren Tod hinaus zu brandmarken, die mit dem Verschwinden des »Magischen Amuletts« zu tun gehabt hatten.
Die Stadtrechtsverleihung
Anno Domini 1281
Die magische Zahl VI
Kapitel 12
Hermann, der inzwischen zwölfte Abt des Klosters St. Georg, war vor zwölf Jahren verstorben, in einer Zeit, in der Kirche und Reich kein Oberhaupt gehabt hatten. Bereits ein Jahr zuvor hatte Truchsess Heinrich von Waldburg durch König Peter von Aragonien die Insignien des Herzogs von Schwaben erhalten, nachdem Konradin der Staufer gefangengenommen und in Neapel enthauptet worden war. Diese Situation hatte die Welt einmal mehr verändert.
Auch im allgäuischen Isine war es zu mehreren gewaltigen Einschnitten gekommen. Obwohl es gerade während der herrscherlosen Zeit ein besonders »ungutes« Leben für Volk und Adel gewesen war, hatte Ulrich Graf von Montfort sein Versprechen wahr gemacht und das inzwischen schmucke Städtchen zu einem Handelsknotenpunkt geformt. Daran hatte sich nichts geändert, als Isine in den Lehens- und Pfandbesitz der Truchsessen von Waldburg gekommen war.
Lediglich die vom Montforter Grafen gewünschte Stadtmauer aus Stein war immer noch nicht richtig verwirklicht worden. Die Grundlagen hierfür hatte er mit seinem strategisch klugen Straßen- und Marktausbau in Isine gelegt … und im Sommer des Jahres 1269 dabei insofern Glück gehabt, dass eine gewaltige Feuersbrunst zwar fast den gesamten Klosterkomplex in Schutt und Asche gelegt, die Stadt selbst aber nicht erfasst hatte. Dies war der Grund gewesen, weswegen es nicht zum Bau der Stadtmauer gekommen war.
Dennoch war die Bevölkerung von Isine mit dem zufrieden, was sich in ihrem Städtchen verbessert hatte. Allerdings schielte sie doch mit einem leichten Gefühl des Neides auf das aufblühende, selbstständige Lindau, dem sie gerne ebenbürtig wäre.
*
Obwohl es in erster Linie die Aufgabe der Mönche gewesen war, das bis auf die Grundmauern niedergebrannte Kloster wieder zu errichten, hatten sich auch die Einwohner von Isine fleißig daran beteiligt. So war trotz seines fortgeschrittenen Alters auch Godefried Eberz dem Ruf der Mönche gefolgt, sich durch das Einbringen seiner Arbeitskraft einen Platz im Himmelreich zu sichern. Wenn er selbst auch nicht daran geglaubt hatte, war es für ihn und seine Familie gleichsam Ehre und Verpflichtung gewesen, beim Klosteraufbau mit dabei zu sein, … auch wenn dies seine morschen Knochen eigentlich nicht mehr zugelassen hatten. »Aber was tut man nicht alles für …«
»Ich dachte, du glaubst nicht daran, dich in den Himmel einkaufen zu können?«, hatte ihn seine Frau Maria nicht nur einmal schmunzelnd unterbrochen und ihm sein heißgeliebtes Pflaumenmus hingestellt, das Godefrieds Meinung nach »gut für den Körper« sein sollte.
Trotz der Beschwerden des Alters waren die beiden ein glückliches und zufriedenes Paar. Lediglich ihr jüngster Sohn Lukas bereitete der Mutter nach wie vor ernsthafte Magenbeschwerden und dem Vater Kopfzerbrechen. »Was haben wir mit der Erziehung nur falsch gemacht? Aus Cristoff und Friedrik ist doch auch etwas geworden!«, klagte Godefried bei der Morgensuppe einmal mehr seiner Frau, weil er es nicht verstehen konnte, dass Lukas ganz aus der Art geschlagen und straffällig geworden war.
»Aber er ist trotzdem unser Sohn!«, versuchte Maria, den mittlerweile stadtbekannten Dieb und Einbrecher in Schutz zu nehmen.
»Dass ein Eberz am Haus des Grafen bereits zum zweiten Mal angekettet für jedermann sichtbar ganze zwei Tage und Nächte lang auf dem Prangerstein stehen musste, ist wohl mehr als unangenehm … und ganz beiläufig gesagt auch geschäftsschädigend«, ärgerte sich das Familienoberhaupt, das Lukas trotz allem immer noch genauso liebte wie seine beiden älteren Brüder.
Und weil Maria dies wusste, legte sie ermutigend ihre Hand auf seine und hauchte ihm ein sanftes »Ich liebe dich, du alter Griesgram!« entgegen.
»Du hast ja recht, Maria! Mir hätte nichts Besseres passieren können, als mit dir Kinder zu bekommen!«, entgegnete er mit dem Blick in den Augen, in den sie sich vor nunmehr fast fünfzig Jahren verliebt hatte.
»Wie es Philip wohl in den südlichen Gefilden ergeht?«, leitete Maria in melancholisch klingendem Tonfall zum Vetter ihres kränkelnden Mannes über, um ihn von seinen trüben Gedanken an Lukas abzulenken. Immer wenn Handelsreisende aus den italienischen Landen zurückgekehrt waren, hatten sie erfahren, dass aus Godefrieds Onkel Paul etwas ganz Besonderes geworden war. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu einem Professore di medicina in Bologna hatte Melchior Habisreitinger den jungen Allgäuer tatsächlich an der dortigen Università unterbringen können, wo er allerdings anstatt die vom Vater gewünschte Arithmetik das Studienfach Medizin belegt hatte.
Und weil es sich um die wohl älteste Universität der Welt handelte – so zumindest behaupteten dies die dortigen Professoren –, hatte diese Universität einen ganz besonders guten Ruf, der ihr schon vorausgeeilt war, als dort die »Schule des Rechts« gegründet worden war. »Wäre dies nicht auch etwas für mich?«, hatte der an allem interessierte junge Mann aus dem fernen Isine damals gefragt und bei seiner Einschreibung zur Antwort bekommen, dass er sein Maul halten und zufrieden sein solle, beim berühmten Professore Rizzardini studieren zu dürfen. Also war aus dem Kaufmannssohn Paul Eberz aus Isine im Allgäu anstatt eines Zahlenkünstlers oder eines Rechtsgelehrten innerhalb weniger Jahre ein Medico und später sogar ein hochreputierter Professore geworden. Und später aus seinem Sohn Philip über die Jahre ebenso.
Als »Professore Philippo«, wie man Philip Eberz in seiner südländischen Wahlheimat allseits genannt hatte, eines Tages klar geworden war, dass er sterbenskrank war, hatte er seine Arbeit niederlegen wollen, um in die Allgäuer Heimat seiner Familie zurückzukehren. Aber dies hatte sich nicht so einfach gestaltet wie er gehofft hatte; denn »Philippo« hatte sich in der norditalienischen Region Emilia-Romagna derart unentbehrlich gemacht, dass man ihn nicht hatte gehen lassen wollen. »Due Semestre!«, hatte der Leiter der Universität seinem besten Professore die Abwesenheit zugebilligt, ihn wegen seiner fortgeschrittenen Krankheit dann aber doch für immer ziehen lassen müssen. Leider war die Reise für den kranken Philip Eberz so anstrengend gewesen, dass er es nicht bis nach Isine geschafft und bei der anstrengenden Überquerung des Brenners verstorben war.
Philip Eberz hatte sich wegen seiner herausragenden Leistungen schon während seines Studiums an der Unversità di Bologna ganz offiziell mit der Anatomie des menschlichen Körpers befassen dürfen. Weil später aus ihm ein Dozent geworden war, der dies seinen Studiosen beibringen mochte, hatte er sogar eine »permesso speciale« zur Begutachtung der inneren Organe erhalten. Obwohl es ihm in Bologna in jeder Hinsicht stets gut ergangen war, hatte ihn die Neugier nach der Heimat seiner Familie, aus der sein Vater vor Jahrzehnten gezogen war, stets begleitet. Und mit zunehmendem Alter war dies immer schlimmer, anstatt besser geworden. Weil er zudem mit argen Schmerzen zu kämpfen gehabt hatte, war ihm schon lange klar geworden, dass er seinen Professorenposten bald würde aufgeben müssen. Also hatte er geplant, baldmöglichst nach Isine zu reisen, um dort in monetär abgesicherten Verhältnissen seinen Lebensabend zu verbringen.
Philip war ganz nach seinem Vater geraten. Während seines gesamten Lebens in Bologna hatte der spröde Mann keine nennenswerten Freundschaften geschlossen und niemanden allzu nahe an sich herangelassen. Lediglich zu Matteo Gallo, einem seiner ehrgeizigsten und besten Studiosen, hatte er Vertrauen gefasst und ihm bei den vielen gemeinsamen Spaziergängen durch Bolognas Straßen und Gassen von der Allgäuer Heimat erzählt und von einem Isine vorgeschwärmt, das er nur aus den Erzählungen seines Vaters gekannt hatte. Die beiden hatte die Leidenschaft zu ihrem Beruf verbunden, insbesondere aber die Besessenheit zur Erforschung des menschlichen Körpers. Um wissenschaftlich vorwärtszukommen, hatten sie neben ihrer offiziell genehmigten Arbeit auch noch heimlich Leichenöffnungen vollzogen. Von Ehrgeiz zerfressen hatten sie sich dazu hingerichtete Verbrecher und verstorbene Landstreicher oder andere Verblichene besorgen lassen, deren Verbleib niemanden interessierte.
Matteo, der junge Medico aus Bologna, hatte aufgrund seiner engen Verbindung zu seinem Mentor Kontakte mit anderen Handelsreisenden nördlich der Alpen. Dies hatte den klugen Kopf dazu ermuntert, seine wegen des Professors sowieso schon guten Deutschkenntnisse zu erweitern.
Nach »Philippos« Tod, hatte er immer wieder etwas aus Isine erfahren, was Wehmut in ihm hatte aufkommen lassen, obwohl er die Heimat seines verstorbenen Freundes nur aus dessen Erzählungen kannte.
*
Wie meistens um diese frühsommerliche Jahreszeit glühte die Sonne über »Bella Italia«. Weil in diesem Jahr ein ganz besonders heißer Sommer herrschte, schwitzten die Menschen jetzt noch mehr als sonst. Deswegen sehnten sich viele von ihnen nach dem Schatten der Pinien und Zypressen. Andere verkrochen sich zu Hause oder suchten Erholung in einer Osteria. Und diejenigen, die es sich leisten konnten, gönnten sich dort ein kaltes Getränk – so auch der stadtbekannte Medico Matteo Gallo, der – wie an fast allen Tagen – nach mehreren Vorlesungen in seine Lieblingsosteria gekommen war, um sich dort zu zerstreuen.
Wie oft war er mit »Philippo« hier gewesen? Er wusste es nicht.
Matteo liebte dieses Lokal an der weitläufigen, von Arkaden gesäumten Piazza Maggiore allein schon wegen der Vielfalt des dortigen Publikums. Hier trafen sich Intellektuelle, Künstler, Kaufleute, Handwerker und Menschen einfacher Berufe aus aller Welt. Und genau dieses Gemisch gefiel dem allseits beliebten Medico, von dem niemand ahnen konnte, was er in aller Heimlichkeit trieb. Bologna war ein bedeutendes Zentrum für Architektur, Kunst und Kultur, aber auch für die Wissenschaft, die hier ganz besonders verwurzelt war. Nicht umsonst wurde die Stadt als »La Dotta«, die Gelehrte, bezeichnet. Weil in Bologna aber auch der Handel eine wichtige Rolle spielte, trafen sich in der »Osteria Maggiore« ebenso Handelsreisende aus allen Ecken der bekannten Welt. Matteo hatte sich gestern anstandshalber die Ware eines lästigen türkischen Teppichhändlers zeigen lassen. Heute unterhielt er sich mit einem ihm bereits bekannten Salzroder aus Hall in Tyrol, der weit herumgekommen war. Und weil auch er den Professore von dieser Osteria her gekannt hatte, berichtete er seinem Gesprächspartner, dass »Philippos« Heimatort Isine das Stadtrecht verliehen werden solle. So ganz nebenbei erwähnte der Salzfuhrwerker, dass er nicht direkt ins Tyrolerische zurückkutschieren würde, weil er zuvor noch in eine andere Richtung müsse. »Ich habe eine Rückfracht nach Memmingen!«, sagte er in einem Ton, als wenn er dies für seinen Zuhörer als unwichtig erachten würde.
Als Matteo aber »Memmingen« hörte, horchte er auf. »Liegt diese Stadt nicht ebenfalls im Allgäu wie Isine?«
Nun wurde der Salzroder stutzig. »Nein! Ich glaube nicht, dass Memmingen noch zum Allgäu gehört! Aber du kennst dich dennoch gut in den deutschen Landen aus?«, wunderte er sich.
»Also bringst du deine Rückfracht bis in die Nähe von Isine?«, drängte der Italiener.
Der bullige Fuhrwerker spuckte aus, bevor er sich mit seiner tellergroßen Hand den Schweiß aus dem Gesicht wischte. Dann nickte er und sagte: »Das nicht gerade. Ich muss zur Äbtissin des dortigen Augustinerinnenklosters! Aber von ›Nähe‹ kann keine Rede sein, denn zwischen Memmingen und Isine dürften etwa fünfundzwanzig Meilen oder mehr liegen!«
»Was hast du denn geladen?«
»Hauptsächlich Knoblauchzehen, Oliven … und einen hervorragenden Rotwein!«
Nun musste Matteo schmunzeln. »Vino rosso? … Jaja, die geistliche Obrigkeit lässt es sich nicht nur in Rom gut gehen!«, rutschte es ihm versehentlich in seiner Muttersprache heraus.
Weil sein Gegenüber nichts verstanden hatte, bemerkte auch Matteo nichts mehr dazu. Stattdessen schenkte er dem offensichtlich durstigen Mann Wein ein und fragte ihn nach seinem Namen.
»Hannß! Warum?«
»Ciao, Hannß! Ich heiße Matteo!«
»Ciao!«, antwortete Hannß.
Weil Matteo ein durchtriebener Mann war, gelang es ihm mühelos, sein Gegenüber weiter erfolgreich auszufragen: »Wann musst du wieder zurück?«, hatte er Hannß Greiter, wie der Mann mit vollem Namen hieß, gefragt und zur Antwort bekommen, dass der noch über Rimini und Arcona bis nach Perugia müsse, um dort seine Rückfracht abzuholen, die er direkt nach Memmingen bringen musste.
»Und dann?«, interessierte Matteo, während er dem herben Mann Wein nachschenkte.
»… muss ich auf direktem Weg wieder zurück nach Hall!«
»Aber du könntest mich bis nach Memmingen mitnehmen?«
Hannß überlegte kurz und nahm einen kräftigen Schluck, bevor er grinsend den Daumen und den Zeigefinger aneinander rieb.
Matteo grinste auch und sagte: »Kein Problem! Wir werden uns sicher handelseinig! Könntest du mich denn auch bis nach Isine bringen?«
Obwohl dies ein großer Umweg wäre, dachte Hannß ernsthaft darüber nach, ob und wie er dies würde bewerkstelligen können. Dann sagte er in verschlagenem Tonfall: »Das wären dann etwa dreißig weitere Meilen!«
»Fünfundfünfzig Meilen!«, entfuhr es Matteo entsetzt. »Fünfundfünfzig Meilen mehr, als wenn wir von Memmingen aus über Leutkirch nach Isine kutschieren würden!«
»Ja!«, bestätigte Hannß, über die Ortskenntnisse des Italieners erstaunt. »Wenn ich schon bis dort runterkutschiere, muss ich zum dortigen Fürstabt Rudolf von Hohenegg, den ich bei dieser Tour eigentlich nicht eingeplant hatte.«
»Das verstehe ich nicht.«
Nun kam die große Stunde des Fuhrwerkers, der gewittert hatte, dass er für seine Dienste wesentlich mehr herausschlagen konnte als bei jeder normalen Fahrt. »Ganz einfach!«, begann Hannß. »Wenn der Fürstabt hinterher erfährt, dass ich im Allgäu war und nicht zu ihm gekommen bin, um ihm ein Fass Rotwein und mindestens eine Mandel Olivenkrüge mitzubringen, wird er so verärgert sein, dass ich mit ihm wohl nie mehr ins Geschäft kommen werde!«
Aber Hannß brauchte seinen Wert gar nicht künstlich zu steigern. Matteo fragte nach dem Preis, den er sofort akzeptierte, während er dem Fuhrwerker die Hand reichte.
»Und das Futter für meine beiden Zugtiere versteht sich von selbst!«, schoss es schnell aus Hannß heraus, der sich darüber ärgerte, nicht noch mehr verlangt zu haben.
»Du schlauer Fuchs!«, lachte Matteo und reichte Hannß nochmals die Hand, damit die Sache endgültig stand und keine weiteren Kosten hinzukamen.
»Also gut …«
»Das passt alles wie für mich gemacht!«, freute sich Matteo. Weil das letzte Semestre vor den großen Sommerferien bevorstand, machte er mit dem Salzroder aus, sich nach dessen Rückkehr aus Perugia in Bologna abholen zu lassen.
»… aber nicht ohne eine Anzahlung!«, hatte das gutmütige Schlitzohr noch gefordert, bevor die beiden ungleichen Männer ihre Abmachung ordentlich begossen hatten.
Kapitel 13
Während Hannß den Verlauf ihrer Reise im Nachhinein als »völlig normal und harmlos« bezeichnete, war es für Matteo eine derartige Schinderei gewesen, dass er völlig erschöpft und abgemagert war, als sie eines Spätnachmittags im sonnendurchfluteten Isine ankamen.
»Was ist denn hier los?«, hatten sich die beiden grundverschiedenen, während der langen Reise aber dennoch zu Freunden gewordenen Männer gefragt, als ihnen die allgemeine Betriebsamkeit der vielen Menschen auffiel, während sie durch das Bergtor die Hauptstraße hinunterkutschierten, um eine Herberge zu suchen.
»Scusi!«, rief Matteo vom Kutschbock herunter und bekam von einer der beiden Frauen, die er angesprochen hatte, ein »Hä?« zurück.
Über diese kurze Antwort erstaunt, schaute er erst die Frau, dann Hannß an, der sofort lauthals zu lachen begann, bevor er seinem Freund erklärte, dass sie ihn nicht verstanden hatte. »Sie kann kein Italienisch! Lass mich mal versuchen, vielleicht versteht die holde Maid ja einen Tyroler!«
Nachdem Hannß in seinem hier zwar nicht unbedingt allseits bekannten, aber dennoch verständlichen Dialekt höflich nach einer Herberge gefragt hatte, zeigte die Frau nach vorne. »Ihr miesset bloß g’rad’aus, nananab durch’s Schdädtle! Dann ab bizzle rechts ’nauf bis zur Kloschd’rmihle! Dô isch dann d’r ›Schwanê‹! Pfiat eich Gott!«
»Danke!«
»Grazie, signora!«
»As sei scho recht!«, sagte die Ältere.
Als der Planwagen an den beiden vorbeizog, kicherte die andere und meinte zu ihrer Freundin: »Hôsch dean schwarze’ Deif’l g’sea? Und hôsch g’sea, wie der mi a’glueget hôt? Der kennt m’r herrgottig g’falle’!«
»Wenn du muisch!«
Damit war die Konversation der beiden Dorfschönheiten beendet.
Die der Kutscher aber nicht: »Hast du ein Wort verstanden?«, mochte Hannß lachend von seinem Freund wissen.
Matteo gab keine Antwort. Stattdessen hatte er sich seitlich so weit vom Bock gelehnt, dass er zurückschauen konnte. Erst als er von Hannß einen Rempler in die Rippen bekam, besann er sich wieder auf ihre Fahrt. »Was hast du gesagt?«
»Sag nicht, dass dir die Kleine mit dem güldenen Haar gefallen hat!« An Matteos Reaktion merkte Hannß, dass er die Gefühle seines Freundes richtig eingeschätzt hatte. »Das glaube ich jetzt nicht!«
Mit sich und der Welt zufrieden fuhren sie an etlichen Betrieben vorbei: einem Becherer, mehreren Lodwebern, einem Schuhmacher, einem Nagler und sogar einem Murator, der den wachsenden Wunsch betuchter Zugereister nach Häusern aus Stein befriedigte.
»Sieh mal, Hannß …« Der gottesfürchtige Italiener bekreuzigte sich, bevor er aufgeregt nach vorne zeigte. »Rechts oben ist ein Kloster!«
»Und wo Klosterbrüder sind, wird auch gesoffen! Da kann eine Schenke nicht weit sein«, war sich der durstige Fuhrwerker sicher und sollte recht behalten. Denn gleich darauf zeigte Matteo zu einem ausladenden Metallschild in Wappenform, das unter dem Giebel eines Hauses hing. Darauf war ein weißer Schwan abgebildet, was auf eine Herberge, zumindest aber auf eine Schankwirtschaft hinweisen könnte. Und tatsächlich: Nach wochenlangen Strapazen waren sie an ihrem Ziel angekommen und schienen auf Anhieb eine Unterkunft gefunden zu haben.
Das Gebäude mitsamt den überdachten Wagenabstellplätzen und der dazugehörenden Landwirtschaft war erst vor Kurzem das Eigentum von Friedrik Eberz geworden. Denn der findungsreiche mittlere Sohn von Godefried und Maria Eberz war kaum erwachsen geworden, als er sich von den Eltern sein Erbteil hatte auszahlen lassen. Damit hatte er den gesamten Wirtshaus- und Beherbergungsbetrieb zu einem Spottpreis kaufen können, weil der Vorbesitzer, der das Gebäude vom Kloster gepachtet hatte, auf die Gant gekommen war. Seither führte einer aus dem alteingesessenen Geschlecht der Eberz die älteste Schenke von Isine, die schon vor einhundertzwölf Jahren in Zusammenhang mit einem Tauschgeschäft zwischen dem Kloster und dem Dorf durch Wolfrad Graf von Altshausen neben einer Mühle an das Kloster übergeben worden war und immer schon Salzrodern, Tuchhändlern und anderen Reisenden als Unterkunft gedient hatte. Und weil Friedriks älterer Bruder Cristoff inzwischen Bürgermeister war, hatte es auch keine Probleme gegeben, das neu zu beantragende »Krugrecht« für die Schankstube »Zum Schwanen« zu erhalten.
*
»Ihr habt Glück, dass ich noch eine Kammer und einen Stellplatz für euer Fuhrwerk frei habe!«, sagte der geschäftstüchtige Wirt, um den Übernachtungspreis anheben zu können. Den Matteo hoch dünkenden Übernachtungszins begründete der Wirt damit, dass Isine in wenigen Tagen das Lindauer Stadtrecht verliehen werden sollte, weswegen »eigentlich« jetzt schon alle Schlafkammern besetzt seien, »… egal, was sie kosten!«
»Schon gut!«, sagte Matteo. Er konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als schon wieder in freier Natur unter dem Planwagen schlafen zu müssen, wie dies während der Reise meistens der Fall gewesen war.
»Also gut! Gebt mir eine Anzahlung und mein Knecht Jockel versorgt eure Tiere und das Fuhrwerk, während ihr euch am Brunnen im Hof waschen könnt, bevor ihr eure Kammer bezieht!«, lockte der Wirt, um schnell mit Matteo handelseinig zu werden.
Obwohl die beiden Fremden todmüde waren, saßen sie eine Stunde später in der Schankstube und ließen sich das Bier schmecken, das ihnen Resi, die dralle Schankmagd, unaufgefordert hingestellt hatte.
»Was für ein Weib!«, stellte Hannß entzückt fest, nachdem er ihr so ungeniert in den offenherzigen Ausschnitt geguckt hatte, dass er von Matteo einen Fußtritt bekommen hatte. Nach wochenlangen Entbehrungen würde es den Fuhrwerker gelüsten, sich endlich wieder einmal so richtig verwöhnen zu lassen.
Weil Matteo die Gedanken seines neuen Freundes lesen konnte und ihn davon weglenken mochte, fuhr er mit einem forschen »Salute!« dazwischen.
»Salute, mein italienischer Freund!«, entgegnete Hannß, während er den Krug hob und Resi sehnsüchtig hinterherschaute.
*
Nach und nach füllte sich die Schankstube, in der dem Anschein nach ausschließlich Bier getrunken wurde, was Matteo Anlass dazu gab, sich zu wundern.
»Bestimmt gibt es hier auch Wein!«, orakelte Hannß, der eigentlich hätte wissen müssen, dass sich das einfache Volk überhaupt keinen Wein leisten konnte. Aber dies machte den beiden nichts aus; Hannß war an Bier gewöhnt und Matteo schmeckte das dunkelbraune Gebräu.
»Weißt du noch, als wir bei der Überquerung der Alpen fast abgestürzt wären, weil eines meiner Rösser wegen einer Kreuzotter gescheut hatte?«, eröffnete Hannß das Gespräch, das sich an diesem Abend hauptsächlich um ihre Reise drehen sollte.
»Ja!«, antwortete Matteo. »Dass du zuvor aber einen Landsmann von mir erwürgt hast, wäre allerdings nicht nötig gewesen, oder?«
»Sag mal, bist du der Narretei verfallen? Diese vier italienischen Straßenräuber wollten uns umbringen und unsere Habe stehlen! Hätte ich mich nicht gewehrt, wären wir jetzt beide nicht mehr am Leben!«
Du hast ja recht, dachte sich Matteo, dem die drei Verletzten und der Tote im Grunde genommen nicht leidtaten. Vielmehr ärgerte es ihn, dass er den Körper des toten Strauchdiebes nicht für seine wissenschaftlichen Untersuchungen hatte verwenden können.
»Noch ein Bier?«, fragte Resi den Salzroder und bedeutete ihm mit einer unverhohlenen Geste, ihm unauffällig nach hinten in den Hof zu folgen. Sie hatte längst bemerkt, dass der kräftig wirkende Mann heiß auf sie war. Und er gefiel ihr.
»Nun geh schon«, flüsterte Matteo seinem Freund in abgehacktem Deutsch zu, bevor er sich mit Händen und Füßen an Resi wandte: »Aber vorher bringst du mir etwas zu essen!«
Inzwischen war es draußen so dunkel geworden, dass der Wirt eiserne Spanhalter mit Holzspänen auf die Tische stellte, die er zuvor in Öl eingelegt hatte, damit sie länger brannten und keine Funken versprühten. »Achtet gut auf das Feuer!«, mahnte er jeden einzelnen der Männer, die an den nunmehr gut beleuchteten Tischen saßen.
Auch darüber wunderte sich Matteo, denn in den italienischen Landen hatte man dafür kleine Tonschälchen, in die Öl gefüllt wurde, das man an einem Docht entzündete, der aus einer kleinen Öffnung herauslugte. Andere Länder, andere Sitten, dachte er über diese Rückständigkeit.
Während der Italiener sich angeregt, wegen des Dialektes aber auch angestrengt mit den Männern unterhielt, die sich in der Abwesenheit seines Freundes zu ihm an den Tisch gesetzt hatten, hörte er den Wirt fluchen: »Wo bleibt dieses faule Luder schon wieder?«
Weil Matteo wusste, weshalb Resi verschwunden war, amüsierte er sich königlich darüber. Aber das Grinsen verging ihm rasch, denn am Nebentisch bahnte sich eine handfeste Rauferei an: Drei Männer gingen schreiend auf einen Kerl los, dessen strohfarbenes Haar zu einem Zopf geflochten war, der ihm fast bis zum Steiß hinunterreichte. Zuerst ergab ein Wort das andere, dann wurde es immer lauter. Schließlich begannen die drei Kontrahenten des langhaarigen Mannes, gemeinsam auf ihn einzuprügeln. Niemand ging dazwischen. Alle schauten nur zu, ohne in den ungleichen Kampf einzugreifen. Also stand Matteo, der zwar gut aussehende, aber nicht gerade überaus kräftig wirkende Italiener, auf und ging zum Nebentisch. »Silenzio! Haltet ein!«, schrie er, so laut er konnte, und fing sich von einem der Männer einen solch harten Faustschlag ins Gesicht ein, dass er besinnungslos zu Boden ging.
»Niemand schlägt meinen Freund ungestraft!«, bellte es plötzlich von hinten, während der erste der drei Männer vom Tisch weggerissen und in eine Ecke des Schankraums geschleudert wurde. Als der zweite aufbegehren wollte, bekam er einen solchen Schlag verpasst, dass er mit seinem Kopf auf die Tischplatte knallte. »Und? Ist noch etwas unklar?«, fragte Hannß, der gerade im rechten Augenblick von seinem Schäferstündchen zurückgekommen war. Dann packte er den dritten Mann am Kragen und schüttelte ihn durch. »Und jetzt raus mit euch! Nimm deine Kameraden mit und verschwinde!«, schrie er noch, bevor er den Langhaarigen fragte, ob alles in Ordnung sei.
Durch die unglaubliche Schnelligkeit, die der eher träge wirkende Salzkutscher gezeigt hatte, war nicht nur das Opfer der drei Männer so verblüfft, dass ihm im Moment nichts einfiel. Erst als die Männer an den anderen Tischen begeistert mit ihren Händen klapperten, merkte der Langhaarige, was eigentlich geschehen war: Ohne das beherzte Einschreiten des schmächtigen Mannes, der immer noch besinnungslos auf dem Boden lag, und das mutige Vorgehen dieses bulligen Kerls, der sich die drei Bier der geflüchteten Männer schnappte, um sie jeweils in einem Zug leer zu trinken, hätte er wohl elende Prügel bezogen.
»Aaah!«, kam es genüsslich aus Hannß heraus. »Nach all der Anstrengung hat das richtig gut getan!« Er beugte sich zu Matteo hinab, um ihn mit Wangentätscheln ins Jetzt zurückzuholen.
Während sich der Langhaarige Hannß gegenüber als Lukas Eberz vorstellte und Matteo sich von dem Faustschlag erholte, setzten sie sich zu dritt an den Tisch, an dem Matteo zuvor mit anderen Männern gesessen hatte. Weil die Feiglinge nicht eingegriffen hatten, waren sie von Hannß kurzerhand vom Tisch gejagt worden.
Als Resi drei Krüge Bier brachte, zwinkerte sie Hannß vertraut zu.
»Wenn du hier bist, gibt es immer Ärger, mein lieber Bruder!«, wurde Lukas Eberz vom Schankwirt gerügt, der mit vier Obstbränden vom Bodensee an den Tisch kam und sich zu ihnen setzte.
»Ihr … ihr seid Brüder?« Hannß konnte es kaum glauben.
»Ja!«, bestätigte der Schankwirt, der sich den Fremden gegenüber als Friedrik Eberz vorgestellt hatte, mit einem betrübten Gesichtsausdruck.
»Wir beide haben noch einen Bruder, der hier Bürgermeister ist!«, legte Lukas mit unverhohlenem Stolz noch eins drauf.
»Aber wir sind alle grundverschieden!«, bestand Friedrik auf dieser nicht immer angenehmen Tatsache. »Und Lukas ist das schwarze Schaf der Familie!«, ergänzte er, bevor er das Thema mit einem »Auf die Gesundheit!« beendete.
Während Resi einen Branntwein und ein Bier nach dem anderen auftrug, erfuhren die beiden Einheimischen, dass Matteo ein Medicus aus den italienischen Landen war, der ihren Vetter Phillip Eberz gut gekannt hatte. Kein Wunder also, dass Friedrik und Lukas alles darüber wissen mochten. Also berichtete Matteo, was es über seine Freundschaft zu »Professore Philippo« zu berichten gab. Als er sich wegen des vielen Alkohols versehentlich verplapperte und auf das Thema »Leichenöffnungen« zu sprechen kam, wich Friedrik entsetzt zurück. Ängstlich schaute er um sich, ob dies sonst jemand gehört hatte.
»Lass ihn doch weitererzählen!«, drängte Lukas, den dieses Thema sehr zu interessieren schien.
Aber Matteo besann sich und wechselte zu einem unverfänglicheren Thema.
Weil sie im Laufe dieses feuchtfröhlichen Abends Freundschaft geschlossen hatten, versprach Friedrik dem Italiener, ihm eine Unterkunft für einen längeren Zeitraum zu besorgen.
Nachdem Friedrik dies seinem interessanten Gast in die Hand hinein versprochen hatte, streckte Hannß zaghaft einen Zeigefinger nach oben.
»Ja, Hannß? Möchtest du etwas loswerden?«
Der Fuhrwerker traute sich kaum zu sagen, dass er ebenfalls auf unbestimmte Zeit eine Lagerstatt in Isine benötigen würde.
Weil Matteo wusste, weshalb dies der Fall war, bat er Friedrik, auch für seinen Tyroler Freund eine Unterkunft zu besorgen. Dann wandte er sich mit einem hintergründigen Grinsen und den Worten »So viel zum Thema ›… auf direktem Weg nach Hause‹!« an Hannß. Dabei schüttelte er kaum merklich sein Haupt.
»Was ist?«, wollte Hannß irritiert wissen, bekam aber nur ein »donnaiolo« zugehaucht, was auf Italienisch so viel hieß wie »Schwerenöter«.
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