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Bernhard Görg:

Dürnsteiner Würfelspiel

Alle Rechte vorbehalten

© 2017 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-90320-012-8

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

2. April, 17:20 Uhr

Das war wieder so ein Moment, in dem er die Wände hätte hochklettern können. Es war später Nachmittag, und seine Frau war noch immer im Schlafrock. Und das an einem Sonntag.

Felix Frisch saß in seinem Fernsehsessel und versuchte mit seinem Daumennagel, die Reste des Mittagessens von seiner Adidas-Trainingshose zu kratzen, deren Farbe in den Kniekehlen blauer war als an den Oberschenkeln. Eine Hose, von der er sich geschworen hatte, sie in Ehren und damit in Schuss zu halten. Nur Blödsinn im Fernsehen!

Seit ihrer Hochzeit vor neunzehn Jahren hatte seine Elfriede fünfzehn Kilo zugenommen und stetig an Attraktivität verloren. Da konnte er ja gar nicht anders, als sich selbst gehen zu lassen.

Was für einen Anreiz hätte ein Ehemann haben sollen, auf sein Gewicht zu achten, wenn die Ehefrau keinen Funken Ehrgeiz zeigte, ihr Hochzeitsgewicht zu halten. Er musste an seinen Kollegen denken, der erst unlängst im Wachzimmer von seiner Frau geschwärmt hatte. Sie würde noch immer ins Verlobungsdirndl passen, hatte er gesagt. Kein Wunder, dass der schon seit drei Jahren Gruppeninspektor war, obwohl er nur ein Dienstjahr mehr vorzuweisen hatte. In der Industrie wurden nicht nur die Chefs, sondern auch die Ehefrauen genau unter die Lupe genommen. Hatte Felix zumindest einmal gelesen. Vielleicht machten sie das bei der Polizei jetzt auch so. Natürlich geheim, weil bei der Polizei wurde immer alles geheim gemacht, Datenschutz und so, da waren jetzt alle ganz versessen darauf. Wenn dem so war, dann konnte er noch lang auf seinen dritten Stern warten.

Er blickte aus dem Fenster. Scheißaussicht. Und das in Krems. Auf dem Balkon keine zehn Meter gegenüber gleich drei Leinen voll mit Unterwäsche. Was hatte er verbrochen, dass er nicht am Wachtberg oder wenigstens am Rosenhügel wohnen konnte?

Beim Gedanken an den mittäglichen Schweinsbraten wurde die Stimmung des Revierinspektors wieder milder. Eines musste er seiner Frau lassen: Beim Kochen machte ihr keine etwas vor. Und beim Fleisch folgte sie genau seinen Anweisungen. Da war er penibel.

Vor zwölf Jahren hatte sie einmal einen Schopfbraten nach Hause gebracht. Kein schlechter Geschmack, aber diese graubraune Farbe! Scheußlich. Möglich, dass die Farbe eines Bratens manche Esser nicht störte. Hauptsache fünf Euro billiger. Aber nicht mit ihm. Er hatte immer auch mit den Augen gegessen. Seit diesem Tag hatte es nur mehr Schweinskarree gegeben. Er bestand auf Fleisch, das beinahe schon weiß war. Nicht eines von der trockenen Sorte, das sie einem in den Supermärkten immer andrehten.

Nein, von einem der wenigen Fleischhauer, die es noch in Krems gab. Das Schwein lieferte exklusiv ein Bauer nördlich von Gföhl. Und das Karree wurde selbstverständlich mit echten Waldviertler Knödeln serviert, mit eigenhändig geriebenen, rohen Erdäpfeln dazu. Nicht diese halb rohe, halb gekochte industrielle Massenware. Die Knödel waren so fantastisch, dass er sich in jungen Ehejahren sogar einmal erbötig gemacht hatte, seiner Elfriede beim Reiben der Erdäpfel zu helfen. Aber der Saft der rohen Erdäpfel hatte der Haut an seinen Händen nicht gutgetan.

Schon nach fünf Minuten verspürte er ein starkes Brennen. Wahrscheinlich Kartoffelsäure oder etwas Ähnliches. Man glaubte gar nicht, was der Saft eines rohen Erdapfels mit einem sensiblen Menschen wie ihm anstellen konnte. Was für ein Glück, dass seine Frau robuster war.

Er saß in seinem dunkelbraunen Sofa und betrachtete sie von der Seite. Er erkannte eine gerade Stirn und eine ebenso gerade, kleine Nase. Wenn nur das Doppelkinn nicht gewesen wäre. Das war seine Elfriede, die dort saß und in die Glotze starrte, in der eine der dümmsten amerikanischen Fernsehserien lief. Er würde nie verstehen, warum sich Millionen von Menschen für diesen Witzbold von einem Detektiv begeisterten. Völlig bescheuert. Natürlich mit Polizisten, die sich noch lachhafter aufführten als dieser Spinner. Total wirklichkeitsfremd. Da würde er für seine amerikanischen Kollegen die Hand ins Feuer legen.

Felix wollte eine Werbeunterbrechung abwarten, um seine Frau anzusprechen. Die Sache, über die er mit ihr sprechen wollte, war ziemlich delikat. Er konnte nur hoffen, dass Elfriede sie nicht in die falsche Kehle kriegen würde. Endlich war sie da, die heiß ersehnte Unterbrechung.

»Ich wollte dir nur sagen, dass wir im Vorstand des Kegelklubs beschlossen haben, einen gemeinsamen Ausflug in die Sauna zu machen. Damit wir noch mehr zusammengeschweißt werden.«

»Wenn du dich deinen Freunden unbedingt im Adamskostüm präsentieren möchtest, viel Vergnügen. Ich hoffe, du versprichst dir davon nicht, dass sie dich zum Adonis des Jahres küren werden.«

Er ahnte, dass der Hinweis auf diesen Adonis, wer immer das sein mochte, eine Spitze sein sollte. Er wusste nur nicht, welche. Normalerweise hätte er reagiert. Aber nicht heute. Dafür war ihm sein Ziel zu wichtig. Felix bemühte sich, seinen Ärger zu unterdrücken und seiner Stimme einen ganz beiläufigen Klang zu geben. »Du bist also einverstanden?«

»Was soll ich gegen eine nackte Runde von Männern haben, die gemeinsam schwitzen, dabei völlig vergeblich ihren Bauch einziehen und sich gegenseitig ihre wenigen Haare auf dem Kopf zählen? Ihr könnt von Glück reden, dass euch dabei keine Frauen zuschauen.«

Der Revierinspektor fühlte, wie ihm das Herz in die Hose sank. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Zur Vorsicht beschloss er, für mindestens zwanzig Sekunden nichts zu sagen. Als im Fernsehen eine Werbeeinschaltung für eine neue Art von Dunstabzugshaube erschien, von der er zu wissen glaubte, dass sie schon rein physikalisch nicht funktionieren konnte, sah er seine Chance gekommen. »Ganz ausschließen kann man das aber nicht. Wir haben im Klub ja auch ein paar weibliche Mitglieder.«

Zunächst glaubte er, seine Frau hätte gar nicht richtig wahrgenommen, was er da eben gesagt hatte.

Was für eine clevere Taktik von ihm.

»Was höre ich da? Das kann doch nicht dein Ernst sein?«

Elfriede hatte ihm jetzt ihr Gesicht zugewandt. Er erkannte die Warnsignale. Die hochgezogenen Augenbrauen und die zwei Stirnfalten hatten ihm in der Vergangenheit zuverlässig kommendes Ungemach angekündigt. In ihrer Stimme lag eine Schärfe, vor der er schon Angst gehabt hatte, als er mit seiner Elfriede noch gar nicht verheiratet gewesen war. »Untersteh dich, dort hinzugehen! Wenn dir mein Busen nicht mehr knackig genug ist, dein Pech. Damit du es nur weißt, an dir ist auch nicht mehr alles knackig, mein Lieber, aber deswegen lüstet es mich noch lange nicht nach frischerem Fleisch. Schlag dir diese Sauna aus dem Kopf!«

Felix spürte, dass er einen roten Kopf bekam. Typisch Elfriede. Angriff als beste Verteidigung.

»Du verstehst das völlig falsch. Glaubst du, ich reiße mich darum? Aber als Rechnungsprüfer des Kegelklubs kann ich mich halt nicht ausschließen. Wie würde denn das ausschauen, wenn ich als Mitglied des engeren Führungskreises kneifen würde. Außerdem sitzen wichtige Leute drinnen, die ein Wörtchen bei einer Beförderung zum Gruppeninspektor mitzureden haben.«

»Dieses Märchen vom Sprung zum Gruppeninspektor, der angeblich unmittelbar bevorsteht, kann ich schon nicht mehr hören.«

Die Tonlage seiner Frau bereitete seinem sensiblen Ohr genauso ein körperliches Unbehagen wie die Kartoffelsäure in seiner Hand.

»Die verwenden dich doch nur als nützlichen Idioten. Und du merkst es nicht einmal. Genauso wie der junge Polizist da im Fernsehen.«

Wie er diese Gabe seiner Frau hasste, im entscheidenden Augenblick immer einen wunden Punkt bei ihm zu finden. Aber der Vergleich mit diesem entsetzlich dummen Polizisten in der Fernsehserie war der Gipfel.

»Fall mir nur in den Rücken! Da warst du ja schon immer groß dabei.«

Felix beschloss, einen möglichst geordneten Rückzug anzutreten. Obwohl er diese junge FPÖ-Gemeinderätin, die seit Kurzem den Posten der Schriftführerin im Klub bekleidete, für sein Leben gern in der Sauna erlebt hätte. Natürlich war die FPÖ irgendwie ein Problem, obwohl er das Problem nicht hätte beschreiben können. Aber eines musste Felix Frisch den Blauen lassen. Sie hatten feschere Frauen als die Roten. Von den Schwarzen gar nicht zu reden.

»Also gut, ich werde meine Teilnahme absagen. Aber beklag dich dann nicht, wenn ich auf meinen dritten Stern noch länger warten muss.«

»Als ob ich mich darüber schon jemals beklagt hätte.«

Als sie ihn anlächelte, kam ihm zum hundertsten Mal die Geschichte vom Schuster in den Sinn, der besser bei seinen Leisten blieb.

Felix Frisch stand auf, strich seiner Frau über den Kopf und hörte sich sagen: »Du bist ja doch die Beste. Magst auch einen Schluck Bier?«

3. April,14:45 Uhr

Gestern hätte sich Anna Nimmervoll noch über das Eichkätzchen gefreut, das gerade den Stamm des Marillenbaums vor ihrem schmalen Fenster hinauflief. Es wollte wohl die weißen Blüten, die den Baum seit drei Tagen über und über bedeckten, ganz aus der Nähe inspizieren. Dieser Marillenbaum vor Annas Fenster war zwar nur ein Baum von insgesamt dreiundfünfzig im elterlichen Garten, aber er war der schönste.

Gestern noch wäre Anna in die Küche gegangen, um ein paar ausgelöste Nüsse zu holen, die ihre Mutter immer im Kühlschrank aufbewahrte. Sie hätte das Fenster geöffnet, die Nüsse in Richtung Stamm geworfen und die Sekunden gezählt, bis sie vom Eichkätzchen entdeckt worden wären. Ihr schien, dass sein dunkelbrauner, fast schwarzer Schwanz, den sie seit letztem Herbst regelmäßig beobachten konnte, über den Winter noch dichter geworden war. Nur heute hatte das kleine Mädchen, deren hellblonde Haare am Hinterkopf durch eine schwarze Schleife zusammengehalten wurden, keinen Blick für das flinke Tier, das sie sonst immer entzückte. Auch nicht für das Radfahrerpaar, das seine Räder am Zaun des Nimmervollschen Gartens abgestellt hatte, um dessen Blütenpracht zu bewundern. Meistens bestaunten die vorbeikommenden Radfahrer auch noch ihr Haus, das Anna jedoch gar nicht gefiel. Sie fand es viel zu alt. Doch heute dachte sie weder an die zu dicken Mauern, noch an die zu kleinen Fenster ihres Elternhauses. Ihre Augen waren voller Tränen, die sie seit heute früh geweint hatte. Der Grund war ihr geliebter Löwenherz, der in der vergangenen Nacht verendet war. Mit dreizehn Jahren war er nur um vier Jahre älter gewesen als sie selbst. Sie musste an den letzten Sonntag denken. Vor einer Woche noch war sie mit ihrem Liebling auf dem Seiberer spazieren gewesen. Sie versuchte, jede freie Minute diesen Spaziergängen zu widmen, oft gemeinsam mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder. Wie oft hatten David und sie Löwenherz mit all der Kraft, die Kinder aufbringen konnten, zurückhalten müssen, wenn der Hund einen Hasen witterte oder gar sah. Löwenherz war ein Whippet. Wie man das schrieb, wusste sie erst seit einem Jahr, aber schon seit vier Jahren wusste sie, dass ein Whippet ein englischer Jagd- und Windhund war. Bis über die kleinen Ohren vollgestopft mit Genen, die ihn besessen machten von der Jagd auf Hasen. Im Hakenschlagen war er noch talentierter als seine Beute.

Letzten Sonntag war ein Hase auf einem Feldweg hundert Meter vor ihnen recht gemächlich vor sich hin gehoppelt, bevor er die Böschung hinaufhüpfte und ihren Blicken entschwand. Aber Löwenherz schien den Hasen gar nicht zu bemerken. Von einem erregten Zittern und einem heftigen Ziehen an der Leine, wie sie es sonst von ihm gewohnt war, auch keine Spur. Das war ihr eigenartig erschienen, aber als Neunjährige hatte sie darin natürlich keine Vorzeichen eines baldigen Todes erkennen können. Hätte sie es gekonnt, so hätte sie dem Hund in den letzten Tagen seines Lebens noch mehr Zuneigung und Liebe geschenkt.

Am liebsten wäre sie heute gar nicht in die Schule gegangen. Aber ihre Eltern hatten darauf bestanden. Auf die war sie seit heute früh ohnehin nicht gut zu sprechen, weil sie ihr verboten hatten, Löwenherz unter dem Marillenbaum vor ihrem Fenster zu bestatten.

Ihre Mutter, die immer ein sehr distanziertes Verhältnis zu dem Hund gehabt hatte, war dem Vater in den Ohren gelegen, den Kadaver zur Tierverwertung nach Krems zu bringen. Der Vater hatte wenigstens einen Funken Einsehen gehabt und ihr erlaubt, das Tier in einem der familieneigenen Weingärten zu vergraben. Er hatte den Hinweis der Mutter, dass so etwas womöglich gar nicht erlaubt war, ignoriert. Einen vom Vater angebotenen Platz in dem Wald, der ihm gehörte, hatte Anna abgelehnt. Sie wollte nicht, dass Ausflügler oder Schwammerlsucher auf ihrem Löwenherz herumtrampelten, selbst wenn er längst tot war.

Ihre Taufpatin hatte ihr den Hund vor vier Jahren überlassen, weil sie aus beruflichen Gründen von Rossatz nach Wien gezogen war. Anna hatte sich auf Anhieb in ihn verliebt und die spontane Entscheidung getroffen, dieser Liebe durch eine entsprechende Namensgebung Ausdruck zu verleihen. Der Name »Tasso«, mit dem ihre Tante den Hund gerufen hatte, schien ihr viel zu gewöhnlich. Für einen Whippet, der noch dazu nach ihren Erkundungen der einzige in ganz Weißenkirchen und Umgebung war, klang er geradezu ordinär. Sie hatte zu dem Zeitpunkt mit ihrer Klasse gerade einen Ausflug zur Ruine Dürnstein gemacht, wo ihre Lehrerin den Kindern die Geschichte vom englischen König Richard Löwenherz erzählt hatte. Anna hatte damals zwar nicht verstanden, wie ein Herzog einen König, der ja viel mächtiger war, einsperren konnte, dennoch war für sie von dem Moment an klar gewesen, dass ihr Liebling nur »Löwenherz« heißen konnte.

Sie hatte heute auf ihr Mittagessen verzichtet und war mit ihrem Rad die einzelnen Weingärten ihres Vaters, die um Weißenkirchen herum verstreut lagen, abgefahren, um einen geeigneten Platz zu suchen. Die Ried Lobenberg schien ihr am geeignetsten. Sie war in maximal zehn Minuten von zu Hause aus zu erreichen, und ab der vierten Terrasse bergaufwärts bot sie einen prachtvollen Blick auf die Ruine Dürnstein. Fünfzig Meter tiefer lag die Trasse der Wachau-Bahn.

Wie gern war doch Löwenherz mit der Bahn gefahren. Viel lieber als mit dem Auto. Einen schöneren und würdigeren Platz für die ewige Ruhe ihres Lieblings hätten sie nicht finden können. Schade nur, dass das sanfte Plätschern der Donauwellen hier oben nicht mehr zu hören war.

Ihr Bruder, der mittlerweile ebenfalls von der Schule nach Hause gekommen war, hatte ihr als zukünftiger Erbe des Weinbaubetriebs versprechen müssen, dieses Stück Weingarten zumindest so lange nicht zu verkaufen, bis sie gestorben war.

Weil der Vater seine Frau nicht noch zusätzlich verärgern wollte, hatte er es abgelehnt, den toten Hund mit seinem Traktor zum Weingarten zu transportieren. So holte ihr Bruder einen kleinen Karren mit zwei Gummirädern aus dem Schuppen und hängte ihn an sein Rad. Sie selbst hatte Löwenherz ganz behutsam auf die Ladefläche gelegt, während David zwei Schaufeln und eine Spitzhacke gebracht hatte. Dann waren sie losgefahren. Sie voraus, er hinterher.

Die letzten zweihundert Meter musste sie den Hund, den die Mutter ganz prosaisch in einen Kartoffelsack gestopft hatte, alleine tragen, weil ihr Bruder mit Spitzhacke und den zwei Schaufeln genug zu schleppen hatte. Ganz schön anstrengend für eine Neunjährige. Als sie die ausgesuchte Stelle auf der Terrasse, ganz nahe einer Steinmauer, erreicht hatte, streifte sie den Sack vorsichtig ab und wickelte ihren Whippet in ihr rosafarbenes Lieblingsnachthemd, das sie heimlich von zu Hause hatte mitgehen lassen.

»Wenn dein Löwenherz vor vier Wochen gestorben wäre, wären wir ganz schön aufgeschmissen gewesen. Da war der Boden noch ganz gefroren.« David ließ die Spitzhacke auf den weichen Boden niedersausen. »Typisch Löwenherz. Nimmt auch noch im Tod Rücksicht auf uns.«

Anna wischte sich eine Träne aus ihrem linken Auge, dem heute all der Glanz fehlte, der in der ganzen Familie berühmt war. »Papa hat gesagt, wir müssen einen Meter tief graben. Damit ihn kein Fuchs oder Dachs ausgräbt.«

»Logisch. Aber in zehn Minuten bin ich mit dem Loch fertig. Du kannst dir solange noch deinen Hund anschauen. Schließlich siehst du ihn nie wieder.«

Anna, die sich von ihrem Bruder mehr Mitgefühl erwartet hatte, zog ihre Jeans aus und schlüpfte in das mitgebrachte Kleid, das sie voriges Jahr beim Begräbnis ihrer Großmutter angehabt hatte. Dann legte sie die Jeans auf die Grasnarbe, von der die Sonne langsam die Spuren des Winterbrauns vertrieb und durch Frühlingsgrün ersetzte, und setzte sich darauf. Sie blickte nicht auf ihren Hund. Sie wollte ihn nicht tot in Erinnerung behalten. Sie stützte ihr Kinn auf ihre rechte Hand und schaute auf das Schleppschiff mit zwei Kähnen, das sich stromaufwärts mühte. Sie glaubte, auf dem Schiff eine Frau und ein halbwüchsiges Mädchen zu erkennen, die gerade dabei waren, Wäsche aufzuhängen. So eine Reise hätte sie auch gern mit ihrem Löwenherz unternommen. Jetzt war es zu spät dafür.

Plötzlich hörte sie ihren Bruder die Spitzhacke wegwerfen und aufgeregt rufen. »Anna, ruf den Papa an! Er muss gleich kommen. Da ist jemand vergraben!«

3. April, 15:00 Uhr

Die Pensionierung ihres Chefs war für Doris Lenhart überraschend gekommen. In den vielen Gesprächen, die sie mit ihm in den letzten eineinhalb Jahren gehabt hatte, war davon nie die Rede gewesen. Zugegeben, er war jetzt fast vierundsechzig, aber sie hätte nie gedacht, dass er mehr als ein ganzes Jahr vor dem Erreichen seines regulären Pensionsantrittsalters aufhören würde. Dazu hatte ihm seine Arbeit noch immer zu viel Spaß gemacht. Sie hatte es allerdings als Auszeichnung befunden, dass sie die Erste gewesen war, die er ins Vertrauen gezogen hatte. Das war bereits Ende Februar der Fall gewesen.

Natürlich war die Pensionierung des langjährigen Landespolizeidirektors seit der offiziellen Bekanntmachung vor zwei Wochen Gesprächsthema Nummer eins im Landeskriminalamt. Einigkeit herrschte darüber, dass der Abschied nicht ganz freiwillig erfolgt sein konnte.

Uneinig waren sich alle in der Frage, ob der Innenminister oder der Landeshauptmann dahinter steckte. Die einen tippten auf den Innenminister, weil sein Nachfolger, der vor vierzehn Tagen ernannt worden war, aus dem Büro des Ministers kam. Die anderen hielten den Landeshauptmann für den Drahtzieher hinter der Neubesetzung. Johann Kainz hatte nämlich in kleinstem Kreis nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mit dem Ehrgeiz seines obersten Polizeibeamten, die Parteipolitik aus der Beamtenschaft herauszuhalten, alles andere als glücklich war. Offiziell hatte er ihn natürlich dabei unterstützt.

Jedenfalls hatten es sich weder der Innenminister noch der Landeshauptmann nehmen lassen, bei der Präsentation des neuen Landespolizeidirektors dabei zu sein. Beide hatten sich bei ihren Begrüßungsansprachen mit Lob für den neuen Chef überboten. Zumindest am Anfang ihrer Rede. Wie Doris, als Leiterin der Mordkommission natürlich aufmerksame Zuhörerin, bemerkte, sprachen die beiden Herren in erster Linie über sich selbst. Ihr Mann hatte ihr noch beim Frühstück gesagt, dass er viel darum geben würde, zwei Alphatiere dieses Kalibers auf engstem Raum beobachten zu können. Er würde sich bestimmt königlich amüsieren.

Der Neue, Dr. Wolfgang Marbolt, hatte gleich bei seiner Einführung angekündigt, dem Besuch aller seiner Dienststellen oberste Priorität einzuräumen. Heute war das Landeskriminalamt an der Reihe. Doris Lenhart begleitete ihn selbstverständlich bei seinem Gang durch ihre Abteilung.

Bei der Vorstellung ihrer Mitarbeiter erwies er sich als gut informiert, interessiert und sogar ab und zu leutselig. Er hatte fast für jede oder jeden von ihnen ein freundliches Wort, und seine Fragen trafen immer einen guten Punkt, wie es der Chefinspektorin schien. Ihr war er dennoch unsympathisch. Er trug zu viel Gel im schwarzen Haar, und der in einem fahlen Grau gehaltene Anzug war viel zu eng geschnitten. Am meisten störte sie allerdings sein permanentes lautes Lachen, das so gar nicht zu seinen kleinen, tief liegenden Augen, die wenig Vertrauen erweckten, passte. Musste er sich von jemandem, der ihm wichtig vorkam, abgeschaut haben. Zu guter Letzt war in ihrem Arbeitszimmer ein abschließendes Gespräch vorgesehen. Es fand unter vier Augen statt. Ihren Vorschlag, auch ihren Stellvertreter hinzuzuziehen, hatte er höflich, aber bestimmt abgelehnt.

Nachdem ihre Sekretärin für sie beide Kaffee gebracht hatte, den er ohne Zucker trank, eröffnete er das Gespräch und fixierte dabei seine Kaffeetasse.

»Man sieht gleich, dass du da eine recht gute Truppe beisammen hast.«

Doris zuckte bei der Beschreibung »recht gute Truppe« innerlich zusammen. Sie blickte ihr Gegenüber mit einem irritierten Gesichtsausdruck an. Ihre Blicke trafen sich.

»Eines will ich gleich klarstellen. Mein Team leistet nicht recht gute, sondern hervorragende Arbeit. Da stelle ich dir gern die Zeitungen der letzten Monate zur Verfügung.«

»Ich bitte dich, sei nicht gleich so empfindlich. Also, ich bin bereit, mit mir verhandeln zu lassen und nehme das ›recht‹ zurück, aber wie du weißt, ist der Bessere immer der Feind des Guten. Soweit ich informiert bin – und ich bin sehr gut informiert, weil ich von Wien aus eure Arbeit immer sehr genau verfolgt habe –, sind es auch nicht so sehr eure, sondern deine Erfolge gewesen. Deinem Stellvertreter sieht man doch zehn Meter gegen den Wind an, dass er schon bessere Zeiten gesehen hat.«

Darum wollte Marbolt Gerhard Malzacher also nicht bei ihrem Gespräch dabeihaben. Doris zog mit beiden Händen den Rock über die Beine und lehnte ihren Oberkörper abrupt nach vorne.

»Seine Zeiten sind meiner Meinung nach noch nie so gut gewesen. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn täte. Ja, es stimmt schon, er kommt ein bisschen abgeschmuddelt daher, aber sein Äußeres täuscht. Ich bin überzeugt, dass er auch dich bald von seinen Qualitäten überzeugen wird. Jeder im Haus wird dir bestätigen, dass er einen sagenhaften Riecher hat.«

Marbolt führte seine Tasse ganz langsam zum Mund. Nachdem er sie ebenso langsam wieder abgestellt hatte, blickte er die Chefinspektorin an.

»Das soll mir recht sein. Da ich aber aus seiner Personalakte weiß, dass er schon knapp neunundfünfzig ist, halte ich es im Sinn einer mittelfristigen Personalplanung für richtig, dass ich mich schon jetzt um einen Nachfolger umsehe. Ich gehe davon aus, dass es dir recht ist, wenn ich dafür keine Frau in Betracht ziehe. Gleich zwei Frauen an der Spitze der Mordkommission wären doch etwas zu viel des Guten.«

Was für ein falsches Lächeln, dachte Doris, als sie ihr neuer Chef mit kühlen Augen und etwas schiefem Mund angrinste.

»Im Übrigen darf ich dir ganz im Vertrauen sagen, dass der Herr Minister sein Auge wohlgefällig auf dich gerichtet hat. Im Bundeskriminalamt wird in spätestens zwei Jahren eine interessante Stelle frei. Da würdest du perfekt hineinpassen. Das ist der Hauptgrund, warum ich mich jetzt schon um einen Nachfolger für deinen Stellvertreter umsehe. Damit wir in der Führung der Abteilung Kontinuität haben.«

Doris hoffte, dass ihr Chef nicht merkte, wie sie die Luft einsog. Ihr war jetzt klar, dass Marbolt ohne lange Umschweife und ohne viel Federlesens seine eigenen Leute an Bord bringen wollte. Schon beim ersten Gespräch mit seinen Absichten rauszurücken, dazu gehörte schon einiges. Ihr würden unruhige Zeiten bevorstehen.

»Ich gehe davon aus, dass ich da selbst auch ein Wörtchen mitzureden habe.«

»Selbstverständlich.«

Was für eine gönnerhafte Selbstverliebtheit, dachte Doris. »Ich will ja nur, dass du es dir beizeiten durch den Kopf gehen lässt. Ich habe dem Herrn Minister versprechen müssen, dass ich ihm innerhalb von sechs Monaten wegen dir Bescheid gebe. Er möchte auch Planungssicherheit haben. Und nimm bitte das Ganze nicht zu tragisch. Es weht eben ein neuer Wind.«

3. April, 15:22 Uhr

Er gab ja zu, dass Krems eine schöne Stadt war. Aber wie hatten die Stadtväter nur so einen idiotischen Architekten beauftragen können? Man konnte doch nicht eine Brücke auf der einen Hälfte mit zwei Bögen und auf der anderen Hälfte in der Form einer Geraden bauen.

Offensichtlich waren die Architekten früher schon genauso blöd gewesen wie heute. Wenn sie ihm den Auftrag gegeben hätten, er hätte eine schönere Brücke gezeichnet, auch wenn er überhaupt nicht vom Fach war.

Es war ihm klar, dass sein Missmut über die Brücke auch mit der Auffahrt von der Mauterner Seite zu tun hatte. Auf der konnte er gar nicht anders, als einen Blick auf die Spitze des Braunsdorfers zu werfen, einem der Hausberge der Kremser. Sie fiel einem geradezu ins Gesicht. Genau dort oben hatte er seiner Elfriede den Heiratsantrag gemacht. Oder besser gesagt, sie ihm. Wenigstens passte der grüne Anstrich der Brücke irgendwie zur Gegend.

Er fuhr heute mit seiner jungen Kollegin Julia Deckert Streife. Passte ihm sehr. Er gönnte sich immer mal wieder einen Seitenblick auf die junge Polizistin. Mindestens so sehr gefiel ihm aber, dass sie begierig war, von seiner langjährigen Erfahrung zu lernen.

Eigentlich hatte er gehofft, bereits in der Stellung des Gruppeninspektors mit seiner Kollegin die erfolgreiche Absolvierung ihrer Zeit als Polizeiaspirantin zu feiern, aber aus der Beförderung war noch nichts geworden. Warum, darüber konnte er nur rätseln.

Julia hatte sich bei der Feier aber auch von ihm als Revierinspektor einen herzhaften Gratulationsschmatz geben lassen. Gestört hatte ihn bei dieser Zeremonie allerdings, dass sie sich gleich nach seinem Kuss die linke Wange mit ihrem rechten Handrücken abgewischt hatte. Zugegebenermaßen war sein Kuss ziemlich feucht gewesen.

Als sie am Ende der Brücke auf den Kreisverkehr kurz vor Mautern fuhren, läutete das Telefon seiner jungen Kollegin. Nachdem sie abgenommen und kurz zugehört hatte, sprach sie nur das Wort »Verstanden« in den Hörer und legte auf.

»Felix, ein Hilferuf aus Weißenkirchen, weil die dortigen Kollegen wegen eines schweren Verkehrsunfalls unabkömmlich sind. In einem Weingarten soll eine Leiche gefunden worden sein. Schon ziemlich verwittert. Alles Weitere erzähle ich dir auf der Fahrt.«

Der Revierinspektor schaltete die Sirene ein und nahm im Kreisverkehr wieder die Ausfahrt Krems. Keine fünf Sekunden später war er erneut auf der Brücke. Diesmal warf er allerdings keinen Blick auf den Braunsdorfer.

Nach nicht einmal sechs Minuten – durch den Dürnsteiner Tunnel war Felix Frisch mit mindestens hundertvierzig Stundenkilometern geprescht – sahen die beiden Beamten kurz vor Weißenkirchen einen Mann, der am Straßenrand winkte. Felix schoss auf den Mann zu und bremste so spät, dass seine Kollegin in ihrem Sitz nach vorn gedrückt wurde.

Der Mann, der ihnen gewunken hatte, stellte sich als Max Nimmervoll vor und erklärte ihnen kurz, was seine beiden Kinder gefunden hatten. »Sie können da noch ein paar Meter hinein fahren. Dann müssen sie noch ein Stück zu Fuß gehen. Über die Bahn. Die da oben winken, das sind meine Kinder.«

»Felix, du kannst allein fahren. Ich begleite Herrn Nimmervoll. Wir sind gleich bei dir.«

Der Revierinspektor, der enttäuscht war, dass seine Kollegin bis jetzt nicht ein Wort über seine Fahrkünste gesagt hatte, stieg mit gesenktem Kopf ins Auto, startete und fuhr mit durchdrehenden Rädern den gesandeten Weg entlang, an dessen Ende man einen parkenden Geländewagen sehen konnte. Dort stieg er aus und nutzte die Gelegenheit, um seine immer dünner werdenden Haare, die ihm viel Kummer bereiteten, zu kämmen.

Auch daran war seine Frau schuld, die ihm immer in den Ohren gelegen hatte, sich täglich die Haare zu waschen. Sonst würden sie immer gleich fettig werden. Woher hätte er wissen sollen, dass man vom häufigen Haarewaschen Haarausfall bekommen konnte?

Als er fertig war, stieg er zusammen mit den beiden Fußgängern, die ihn in der Zwischenzeit erreicht hatten, über die Bahntrasse und dann auf einem schmalen, aber recht bequemen Steig zu den beiden Kindern empor.

Anna und David kamen ihrem Vater und den beiden Polizisten entgegen. Felix Frisch schätzte den Buben auf zwölf und das Mädchen auf zehn Jahre. Der Bub schien recht vergnügt zu sein, während seine Schwester sichtlich verstört war. Was sie aber nicht daran hinderte, zuerst seiner Kollegin und dann ihm die Hand entgegenzustrecken. »Ihr habt also eine Leiche gefunden. Dann zeigt mal her!«

Julia wandte sich an das Mädchen. »Dein Vater hat uns erzählt, dass du deinen geliebten Hund begraben wolltest.«

Das Mädchen nickte verängstigt. »Mama hat es verboten. Hätte ich nur auf sie gehört.«

Julia hatte die Kleine an der Hand genommen. »Wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht hilfst du dabei, ein Verbrechen aufzuklären. Dann wirst du noch berühmt.«

Man konnte sehen, dass dieser Gedanke der Kleinen alles andere als unangenehm war. Ein kurzes Lächeln machte ihr trauriges Gesicht gleich freundlicher.

In der Zwischenzeit hatten sie alle die kleine Grube erreicht. Neben ihr lag ein frischer, etwa siebzig Zentimeter hoher Erdhaufen. Felix Frisch bemerkte auch gleich die beiden Schaufeln und die Spitzhacke, die an einen nahen Weinstock angelehnt waren.

Als sein Blick in die Grube fiel, schien er enttäuscht zu sein. »Das ist keine Leiche. Das ist ein Skelett«, sagte der Revierinspektor im Ton eines Oberlehrers. Er wandte sich an David. »Gibst du mir eine Schaufel her?«

Es dauerte keine Minute, bis er das Skelett zumindest an der Oberseite völlig freigelegt hatte. »Auf die Schnelle würde ich sagen, das Skelett einer Frau. Schmale Schultern, breites Becken. Keine Spuren von Gewaltanwendung.«

»Es gibt hier auch keine Spuren von Kleidung. Jemand muss die Frau hier nackt vergraben haben.« Die Polizistin zupfte nachdenklich mit ihrem rechten Zeigefinger an ihrer Unterlippe.

Felix lächelte wissend. »Gut beobachtet, Julia. Schaut nach Sexualverbrechen aus.«

Julia warf dem Revierinspektor einen kritischen Blick zu. »Eine Frau mit einer künstlichen Hüfte kommt sicher nicht hierher, um sich auszutoben«, antwortete sie knapp.

Felix Frisch war zu überrascht, um das maliziöse Lächeln seiner jungen Kollegin zu bemerken. »Wie kommst du denn darauf, dass die Frau eine künstliche Hüfte hat?«

Julia, die in der Zwischenzeit Latex-Handschuhe übergestreift hatte, beugte sich über die Grube und wischte an der linken Hüfte des Skeletts etwas Erde beiseite. »Da schau. Das Stück da ist viel heller. Und viel weniger verwittert oder zerfressen.«

Felix Frisch, der sich schnell wieder gefasst hatte, wandte sich an den Besitzer des Weingartens. »Da können Sie einmal sehen, was eine junge Polizistin unter der sachkundigen Führung eines alten Hasen wie mir lernt. Ist schon toll, unsere Julia. Und nachdem eine künstliche Hüfte ein klarer Hinweis darauf ist, dass die Frau nicht schon seit hundert Jahren hier liegt, werde ich jetzt unsere Kollegen von der Mordkommission in St. Pölten verständigen.«

3. April, 15:50 Uhr

Die Chefinspektorin saß in ihrem schmucklosen Büro, in das sie heute früh Blumen gebracht hatte, und starrte aus einem der sechs schießschartenartigen Fenster. Sie dachte über das Gespräch mit ihrem neuen Boss nach. Was für ein himmelhoher Unterschied zu seinem Vorgänger. In der Sekunde, in der er sie über seinen Schritt in die Pension informiert hatte, war ihr klar gewesen, dass sie ihn vermissen würde. So klug, kompetent und im persönlichen Umgang angenehm wie er war. Sie hätte sich jedoch nie träumen lassen, dass ihre Sehnsucht nach ihm bereits nach drei Tagen unter neuer Führung so groß sein würde. Schon möglich, dass dem Innenminister ihre gute Arbeit aufgefallen war. Die Morde, die dank ihrer Hilfe im letzten Jahr aufgeklärt worden waren, hatten immerhin auch in den überregionalen Medien viel Staub aufgewirbelt. Aber warum sollte er ihr deswegen einen Schreibtischjob in Wien anbieten wollen? Ihm musste außerdem klar sein, dass sie daran nicht sonderlich viel Interesse hatte. Sie war sicher, dass ihr möglicher Wechsel nach Wien eine Idee ihres neuen Chefs war. Er wollte sie loswerden, damit er sich mit seinen eigenen Leuten umgeben konnte. Und er hatte offensichtlich schon ihren Nachfolger im Auge.

Seine Taktik war ihr klar. Zuerst würde er in der Person ihres Stellvertreters den schwächeren Turm beschießen und, sobald der sturmreif geschossen war, sie selbst als eigentliches Ziel attackieren. Die Adresse des Landeskriminalamts hieß »Schanze 7«, früher hatte ihr Name »Auf der Bauernschanze« gelautet. Wie passend für ein Gefecht. Sie würde die Rolle der Scharfschützin übernehmen. Im Fall des Falles würde sie auch keine Skrupel haben, auf den Kredit zu setzen, den ihr die Zeitungen wegen ihrer spektakulären Erfolge eingeräumt hatten. Ihr kam entgegen, dass der »Niederösterreichische Tag« einen kritischen Kommentar über ihren neuen Vorgesetzten verfasst hatte, in dem es hieß, er verdanke seine Ernennung vor allem parteipolitischem Kalkül.

Ein kurzes Klopfen an ihrer Tür, und schon ging sie auf, ohne dass die eintretende Person auf ein »Herein« gewartet hätte. Obwohl sie ihren Schreibtischsessel so gedreht hatte, dass sie mit dem Gesicht zum Fenster saß, was sie immer tat, wenn sie nachdachte, wusste sie sofort, wer da gleich seinen massigen Körper ins Büro schieben würde.

Es konnte nur Gerhard Malzacher sein, den alle im Büro wegen seiner Ähnlichkeit mit der Filmfigur Bud Spencer »Spencer« nannten. Nur er konnte sich ihr gegenüber Freiheiten herausnehmen, die sie anderen Mitarbeitern nie hätte durchgehen lassen. Doris gab ihrem Drehstuhl mit ihrem rechten Bein einen kleinen Schwung und lächelte ihren Stellvertreter an.»Du willst wohl wissen, wie es mit dem Marbolt gelaufen ist?«

»Auch.« Ohne eine Aufforderung seiner Chefin abzuwarten, fläzte er sich in den Holzsessel, der vor dem Schreibtisch stand.

»Ich bin neugierig, wie lange der Sessel dein Gewicht aushält. Aber sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.«

»Komm, lenk nicht ab. Wie war’s?«

»Was erwartest du denn? Du hast ihn doch beim Rundgang erlebt. Interessiert. Gescheit. Und wirklich sehr freundlich. So war er auch im Gespräch mit mir. Von dir hält er übrigens sehr viel.« Sie bemühte sich, ihren Stellvertreter besonders freundlich anzuschauen, in der Hoffnung, dadurch glaubhaft zu wirken.

»Komm, Doris! Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass du mir einen Scheiß erzählst. Der Mann war schon ein Schleimer, als er noch im Büro unseres hochverehrten Herrn Landeshauptmanns gearbeitet hat. Und glaub mir, in der Schule des Innenministers steht auch nicht ›Charakterbildung‹ als Hauptfach auf dem Stundenplan.«

Malzacher wuchtete seinen Körper von der linken auf die rechte Seite. Der Sessel ächzte und knarzte, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Malzacher schien das nicht im Geringsten zu stören.

»Spencer, du bist wieder einmal völlig auf dem Holzweg. Er mag dich. Und mich mag er auch.«

»Dass er dich mag, überrascht mich nicht einmal. Weil du für seine Karriere nützlicher bist als ich. Aber an deiner Stelle würde ich ihm auch nicht über den Weg trauen. Ich weiß nicht, ob es ein Rasierwasser gibt, das sich ›Falscher Hund‹ nennt. Wenn ja, dann wäre er dafür ein ideales Testimonial oder wie das heißt.«

Malzacher, der die abwehrende Handbewegung seiner Chefin bemerkte, sagte: »Ja, ich bin schon still. Und ich werde ihm selbstverständlich mit aller Loyalität, zu der ich fähig bin, dienen. Aber wegen dem Marbolt allein bin ich gar nicht da. Stell dir vor, wer mich gerade angerufen hat.«

»Keine Ahnung.«

»Dieser Unglücksmensch mit Namen Frisch, der sich als Revierinspektor verkleidet hat.«

»Der hat mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt. Wo drückt ihm denn der Schuh?«

»Er behauptet, in einem Weingarten bei Weißenkirchen zu stehen, in dem Kinder angeblich ein weibliches Skelett gefunden haben.«

»Der lässt auch nichts unversucht, um auf sich aufmerksam zu machen«, sagte Doris mit einem Kopfschütteln.

»Vielleicht macht ihm seine Frau die Hölle heiß, weil er noch nicht Gruppeninspektor ist.«

»Dann muss er entweder gescheiter werden oder sich eine andere Frau suchen. Sag ihm jedenfalls, dass wir für Skelette nicht zuständig sind. Er soll seinen Fund den Archäologen melden. Und du geh nach Hause und mach dir einen schönen Abend.« Sie blickte auf ihre Uhr. »Vielleicht schaffe ich es noch zum Elternsprechtag.« Doris versuchte, ihre Stirnfransen aus dem Gesicht zu blasen, und stand auf. Ihr Stellvertreter blieb sitzen.

»Da gibt es nur einen Haken. Er behauptet, dass das Skelett eine künstliche Hüfte hat. Ich habe noch nie gehört, dass sich Archäologen für Gelenke aus Kunststoff interessieren.«

Die Chefinspektorin setzte sich wieder. »Dieser Frisch kann doch nicht einmal ein Knie von einer Hüfte unterscheiden. Wie will so jemand erkennen, ob ein Knochen aus Kunststoff ist?«

Malzacher feixte. »Vielleicht hat er den Tipp von den Kindern bekommen.« Er stand auf. »Wird mir nichts anderes übrig bleiben, als hinzuschauen. Ich nehme an, dass du keine Lust hast, mich zu begleiten?«

»Diesmal liegst du mit deiner Annahme ausnahmsweise richtig. Wenn das mit der künstlichen Hüfte wirklich stimmt, kann es ja nicht so schwer sein, die Person zu identifizieren. Meines Wissens haben künstliche Gelenke alle eine Kontrollnummer. Wegen eventueller Haftungsfragen.«

»Donnerwetter. Was du alles weißt.«

»Vielleicht kannst du dir bei der Gelegenheit wenigstens einen guten Urgesteinsriesling mitnehmen. Der vom Jamek ist besonders zu empfehlen.«

»Um Himmels willen. Sag das nicht so laut. Und vor allem nicht vor dem Marbolt. Sonst nützt dir dein ganzes Wissen um Kontrollnummern nichts. In deiner Personalakte wird nur stehen, dass du eine Säuferin bist.«

3. April, 16:30 Uhr

Gerhard Malzacher hatte sich entschlossen, zunächst ohne Begleitung durch die Kollegen der Spurensicherung nach Weißenkirchen zu fahren. Auch wenn ihm die Sache mit der künstlichen Hüfte eigenartig vorkam, glaubte er im Moment nicht wirklich an einen Fall für die Mordkommission. Zumal das Skelett auch keine Anzeichen von Gewalt aufwies, wie ihm Felix Frisch versichert hatte.

Dennoch war der Chefinspektor gar nicht unglücklich über seine Fahrt. Er war nicht wie seine Chefin in der Wachau geboren, aber er liebte diese Gegend, seit er in seiner Schulzeit einen Klassenausflug auf die Ruine Aggstein unternommen hatte. Für ihn als gebürtigen Amstettner war das ein Erlebnis gewesen. Wandertag. Zuerst eine Fahrt mit dem Schiff von Melk nach Aggstein und dann ein Fußmarsch hoch zur Ruine. Er erinnerte sich noch, wie er während des Aufstiegs gestöhnt hatte, weil er schon als Dreizehnjähriger zu den Kindern gehörte, bei denen das Essen besonders gut anschlug. Aber kaum oben angekommen, hatte ihn sofort das Gefühl überkommen, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Dabei hätte er gar nicht sagen können, warum.

Sein Klassenvorstand hatte eine Führung durch die Ruine organisiert. Allerdings mit einem Führer, dem auch ein Halbwüchsiger anmerkte, dass er schon zum neunhundertfünfzigsten Mal den gleichen Text in der gleichen Tonlage herunterleierte. Dennoch hatten die Geschichten vom Rosengärtlein, von dem aus so viele Gefangene in den Tod gestürzt waren, und von den Burgherren, die eine Kette über die Donau gespannt und Handelsschiffe ausgeplündert hatten, die sich darin verfingen, ihre Wirkung auf den kleinen Gerhard nicht verfehlt.

Die Zeit der Raubrittergeschichten war für ihn allerdings längst vorbei. Ohne dass seine Faszination für die Wachau darunter gelitten hätte. Er fuhr deshalb nicht auf der neuen Brücke im Ostteil von Krems über die Donau. Er entschied sich, bis Mautern südlich der Donau zu bleiben und über die alte Brücke nach Stein und dann weiter in die Wachau zu fahren. Er mochte diese Brücke. Auch wegen ihrer unharmonischen Form. 1945 war sie von den deutschen Truppen, die sich auf dem Rückzug befanden, gesprengt worden. Das hatte ihm vor vielen Jahren ein Kremser Polizeikommandant erzählt. Glücklicherweise war sie wieder aufgebaut worden. Von ihr genoss man einen sagenhaften Blick auf die stromabwärts liegende, viele Jahrhunderte alte Häuserfront von Stein, die dem Namen der Stadt alle Ehre machte. Gleich vier Kirchtürme sprangen dem Betrachter ins Auge. Heute wurden sie von der untergehenden Sonne im Westen angestrahlt wie durch einen Scheinwerfer. Was für ein prachtvoller Anblick!

Ein paar Minuten später sah er knapp vor Weißenkirchen den Revierinspektor, dem er vor zwanzig Minuten seine ungefähre Ankunftszeit durchgegeben hatte. Er wartete am Straßenrand in Begleitung eines Mannes im Alter von Mitte vierzig. Wahrscheinlich handelte es sich um den Besitzer des Weingartens. Mit einer betont ausladenden Geste bedeutete Frisch dem Chefinspektor, der sich durch seine Lichthupe zu erkennen gegeben hatte, nach rechts einzubiegen. Ohne anzuhalten, fuhr Malzacher bis zum Polizei-Golf, neben dem er einparkte. Er wurde wie ein alter Bekannter von Felix Frisch begrüßt, der ihn dann mit dem Besitzer des Weingartens bekannt machte.

»Die Kinder des Herrn Nimmervoll habe ich nach Hause geschickt. Ich habe mir von ihnen ihre Geschichte genau erzählen lassen. Meine Kollegin Julia, die mich anfänglich begleitet hat, hat sie zu ihrer Mutter gebracht. Zu viele Leute auf einem Fleck stören nur.« Frisch blickte ganz beflissen auf den stellvertretenden Chef der Mordkommission. Malzacher hatte das Gefühl, dass er sich Lob für seine Umsicht erwartete. Den Gefallen wollte er ihm aber nicht tun.

»Hätten mich zwar nicht gestört, aber passt schon. Können wir gleich zur Fundstelle gehen?«

»Selbstverständlich. Wenn es dir recht ist, gehe ich voraus.«

»Jaja, geh nur.« Malzacher wandte sich im Gehen an Max Nimmervoll. »Seit wann haben Sie diesen Weingarten?«

»Soweit ich weiß, hat den mein Vater vor circa fünfundzwanzig Jahren gekauft. Er ist einer der ersten gewesen, die hier nach dem Weinskandal auf Qualität gesetzt haben. Hat sich für unsere Familie schwer ausgezahlt. Von der Riede da stammt unser berühmter Urgesteinsriesling. Achtzig Prozent der Flaschen gehen in den Export.«

Malzacher war nicht sicher, ob die Gesichtsfarbe des Weinbauers auf reichlichen Konsum seines Rieslings zurückzuführen war oder darauf, dass er die letzten Wochen schon viel Zeit im Freien verbracht hatte.

»Dann werden Sie ja wohl keine Flasche für mich übrig haben. Zum Glück, wegen meines Blutdrucks darf ich ohnehin keinen Alkohol trinken.« Er zwinkerte Max Nimmervoll zu. Der zwinkerte zurück.

»Da kennen Sie aber meinen Urgesteinsriesling schlecht, Herr Chefinspektor. Der hat sogar blutdrucksenkende Wirkung.«

Felix Frisch, der schnaufend fünf Meter vor Malzacher ging und sich sichtlich ausgeschlossen fühlte, drehte sich um. »Wir sind gleich da. Noch dreißig Meter.«

»Da bin ich jetzt aber gespannt.«

Keine Minute später standen sie vor der ausgehobenen Grube. Malzacher sah mit einem Blick, dass Frischs Einschätzung richtig war. Es handelte sich offensichtlich um das Skelett einer Frau. Einer ziemlich zierlichen Frau sogar.

»Herr Nimmervoll, Sie sagen, dass sich dieser Weingarten seit fünfundzwanzig Jahren im Familienbesitz befindet. Ist er in diesen fünfundzwanzig Jahren einmal umgegraben worden?«

»Schon, aber nicht hier am Rand. Da müssen wir allein schon wegen der Steinmauer aufpassen, dass sie uns nicht einstürzt.«

Frisch beeilte sich, in das Gespräch einzusteigen. »Als gebürtiger Kremser kenne ich mich beim Terrassenweinbau aus. Da muss man beim Graben wegen der Steinmauern höllisch aufpassen.«

»Das heißt aber, dass die Frau da schon seit hundert Jahren hätte begraben sein können.«

»Habe ich auch gedacht. Bis mir die Sache mit der künstlichen Hüfte aufgefallen ist. Da, schau her.« Der Revierinspektor zeigte mit sichtlichem Stolz auf einen Abschnitt des Skeletts, der weißer war als die angrenzenden Teile und auch weniger verwittert aussah.

Malzacher trat näher. »Schaut tatsächlich so aus. Gratuliere. Wer hat denn so auf die Hüfte da draufgehaut? Schaut ja ganz frisch aus.«

Malzacher merkte, dass Max Nimmervoll einen roten Kopf bekam. »Das ist leider meinem David passiert. Wie er mit der Spitzhacke in den Erdboden geschlagen hat.«

»Kein Grund zur Aufregung. Obwohl es natürlich schöner gewesen wäre, wenn wir das gute Stück völlig intakt in die Hände bekommen hätten. Dann hätten wir nämlich noch die Kontrollnummer der Prothese erkennen können.«

Malzacher ging in die Knie, was ihm wegen seines Gewichts ziemlich schwerfiel, und beugte sich über das Skelett. Dann nahm er eine kleine Bürste aus seiner Sakkotasche und begann, sorgfältig die Knochen der linken Hand zu säubern. »Eigenartig. Der linke Ringfinger fehlt. Ich bin kein Pathologe, aber es schaut mir nicht danach aus, als ob der Finger fachgerecht von einem Chirurgen amputiert worden wäre. Soweit man das überhaupt noch feststellen kann.«

Um aufstehen zu können, war er auf die Hilfe des Revierinspektors angewiesen.

»Danke.« Jetzt schnaufte auch er. Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, sagte er: »Wirklich schlau werde ich aus der Geschichte noch nicht. Ich habe zwar keine Ahnung, wann man zum ersten Mal künstliche Hüften eingesetzt hat, aber allzu lang kann das nicht her sein. Da müssten sich doch noch irgendwelche Reste von Kleidern finden lassen. Gummibänder zum Beispiel. Aber keine Spur davon. Und die Sache mit dem Finger gefällt mir auch nicht. Da könnte ein Ring dran gewesen sein, der sich nicht ohne Gewalt hat entfernen lassen. Ich sage es ungern, aber es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diesen Weingarten vorerst zu einem Tatort zu erklären. Heute können wir hier nichts mehr untersuchen. Dafür wird es bald zu dunkel.«

Der Weingartenbesitzer unterbrach Malzacher aufgeregt. »Sie werden mir doch nicht den ganzen Weingarten umgraben lassen? Wissen Sie, wie lange es braucht, bis ich dann wieder Trauben auf den Stöcken habe?«

Felix Frisch stellte sich in Positur. »Dann hätten Sie den Köter Ihrer Tochter in die Donau schmeißen sollen. Wäre für alle Beteiligten ohnehin das Gescheiteste gewesen.«

Malzacher ertappte sich bei dem Gedanken, dass der Revierinspektor gar nicht so dumm war, wie er immer gedacht hatte, versuchte aber, den Weinbauern zu beruhigen. »Keine Sorge. Mehr als zwei, drei Weinstöcke werden nicht dran glauben müssen. Und ich bin natürlich froh, dass Sie den Hund nicht in der Donau entsorgt haben. Mein Kollege hat nur Spaß gemacht. Das Skelett werde ich abtransportieren lassen. Und morgen schicke ich gleich in der Früh die Spurensicherung. Felix, soll ich mit deinem Chef reden, damit der Fleck über Nacht bewacht wird, oder reicht es, wenn du ihm einen schönen Gruß von mir ausrichtest?«

»Ich werde mich darum kümmern, keine Sorge. Ich werde selbst Wache halten. Da braucht es einen sehr erfahrenen Mann.«

3. April, 18:35 Uhr

Seine Frau hatte ihn schon in der Früh gewarnt, dass sie es wegen des Besuchs ihres neuen Chefs möglicherweise nicht zum Elternsprechtag schaffen würde. Daher hatte sie ihn gefragt, ob er eventuell für sie einspringen könnte.

Erich Lenhart war mit ihr schon zu Beginn der Schulzeit der älteren Tochter übereingekommen, Sprechtage nur im äußersten Notfall zu versäumen, weil deren Besuch auch eine Form der Wertschätzung für die Arbeit der Lehrer war. Er hatte aber Verständnis dafür, dass sie ihren neuen Vorgesetzten nicht gleich am ersten Tag sitzen lassen konnte. Er verschob seine Nachmittagstermine, um selbst in die Schule fahren zu können. Er war daher überrascht über den Anruf seiner Frau, dass sie den Sprechtag doch schaffen würde. Da er selbst schon zur Schule unterwegs war, kam er schnell mit ihr überein, sich die Arbeit zu teilen. Sie würde sich um die Lehrer ihrer Sechzehnjährigen kümmern, er um die ihrer elfjährigen Sophie.

Als er knapp nach halb sieben in die Wohnung gegenüber der Hesser-Kaserne in der St. Pöltner Innenstadt zurückkehrte, war seine Frau noch nicht da. Das war für ihn keine Überraschung. Lehrer hatten in der Regel über Sechzehnjährige mehr zu erzählen als über Elfjährige, und Eltern mussten sich daher länger anstellen, um etwas über die Leistungen ihrer Sprösslinge aus den Oberstufenklassen zu erfahren.

Er wusste, dass Sophie eine problemlose Schülerin war. Intelligent, fleißig und darüber hinaus anpassungsfähig. Zuhause war sie manchmal bockig, wenn sie sich in Konkurrenz zu ihrer Schwester Veronika fühlte, aber insgesamt bereit, einen elterlichen Rat anzunehmen. Es kam daher für ihn nicht unerwartet, dass die Lehrer in den Hauptgegenständen nur Gutes über sie zu berichten hatten.

Aus einer reinen Laune heraus, die er auch mit zwei Stunden Abstand nicht erklären konnte, hatte er sich spontan entschlossen, der Turnlehrerin von Sophie einen Besuch abzustatten. Eigentlich war das völlig unnötig, weil seine Tochter die Sportlichkeit ihrer Mutter geerbt hatte. Alles andere als eine sehr positive Beschreibung durch die Lehrerin wäre für ihn eine Überraschung gewesen.

Als er an der Tür zur 7a des Gymnasiums in der Hainfelderstraße klopfte, in der die Sportlehrerin auf nachfragende Eltern wartete, hörte er sofort ein sehr freundliches »Herein«. Beim Eintritt bot sich ihm ein für einen Elternsprechtag ungewohntes Bild. Eine sehr sympathische, sportliche Frau, die er auf Anfang fünfzig schätzte, lächelte ihn an. Sie hatte eine hellblonde Haarfarbe, bei der er nicht sicher war, ob sie natürlich oder Chemie war. Die Lehrerin saß mutterseelenallein in dem großen Zimmer, nicht etwa am Pult, sondern auf einem Sessel vor der ersten Bankreihe links vom Zwischengang. Das offene Lächeln, das sie ihm zeigte, erweckte den Eindruck, als ob sie nicht nur erfreut, sondern geradezu dankbar über seinen Besuch war.

Nachdem er sich vorgestellt hatte, bat sie ihn mit freundlicher, erstaunlich jugendlich wirkender Stimme, Platz zu nehmen. Gleich darauf erlebte er die nächste Überraschung. Die Lehrerin verzichtete auf einen Blick in ihr Notizbuch, wie es sonst üblich war, sondern begann gleich, über Sophie zu sprechen. In Turnen und Sport konnte sie nur das Beste über sie sagen. Und dann setzte sie etwas hinzu, das ihn gleichzeitig freute und neugierig machte. »Sie können stolz auf ihre Tochter sein. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Sportlerin und, wie ich von meinen Kolleginnen und Kollegen weiß, eine fast perfekte Schülerin, sie hat auch einen sehr guten Charakter.«

Wie konnte man am Reck oder beim Schwimmen den Charakter eines Menschen feststellen?

»Das höre ich natürlich sehr gern, Frau Professor. Aber es macht mich neugierig, wie Sie zu dem Urteil über den Charakter meiner Tochter kommen.«

»Ich habe da eine sehr einfache Methode. Ich beobachte die Kinder beim Völkerball, das wird in der Unterstufe noch immer viel und gern gespielt. Dabei sehe ich drei Typen von Kindern. Die einen, die mit dem Ball auch dann auf ein Kind schießen, wenn es gestürzt ist. Das sind die mit einem Durchschnittscharakter. Dann die zweite Gruppe, die nicht nur auf ein gestürztes Kind schießt, sondern auch bewusst auf dessen Gesicht zielt. Diese Gruppe können Sie charakterlich vergessen. Und dann die dritte – leider die kleinste –, die nie auf ein gestürztes Kind schießen würde. Das sind die besonders anständigen Kinder. Und ihre Sophie zählt zu dieser Gruppe.«

Auch wenn ihm als gelernten Psychologen diese Klassifizierung etwas simpel schien, verstand er doch deren Logik. Jedenfalls freute er sich über das Lob über seine Jüngste. Die Professorin sah ihm offensichtlich die Freude an und beeilte sich hinzuzufügen: »Ist leider gar nicht auf meinen Mist gewachsen. Darauf hat mich als ganz junge Turnlehrerin ein erfahrener Kollege hingewiesen. Er hat seine Theorie vor fast vierzig Jahren an einem seiner Schüler entwickelt, der sich einen geradezu sadistischen Spaß daraus gemacht hat, seinen Kameraden ins Gesicht zu schießen. Mein Kollege hat damals gemeint, dass da ein potentieller Mörder heranwächst. Oder aber ein Mordopfer. Ich gebe aber zu, dass diese Schlussfolgerung selbst mir zu kühn gewesen ist.«

3. April, 19:15 Uhr

Auch am Piaristengymnasium Krems fand heute der Elternsprechtag statt – wie immer kurz vor Verteilung der Osterferien. Auch zu diesem Sprechtag war ein Vater unterwegs. Ein sehr besorgter. Bei diesem Vater handelte es sich um Doktor Christoph Ritzek, Primar der Chirurgischen Abteilung des Landesklinikums Krems.

Im Gegensatz zu Erich Lenhart, dem Personalchef aus St. Pölten, wusste der Arzt aus Krems, dass der Aufstieg zu der Schule, an der er selbst maturiert hatte, für ihn ein schwerer Gang sein würde. Nicht wegen der Steilheit der Frauenbergstiege zum Gymnasium, sondern weil er wusste, dass alle schulischen Signale für seinen Sohn Martin auf Rot standen. Seine Frau, deren erklärter Liebling Martin war, hatte die Lehrer immer in Verdacht gehabt, ihrem Sohn gegenüber voreingenommen zu sein. Dr. Ritzek wusste es besser. Sein Bub, der voriges Jahr die vierte Klasse mit Ach und Krach positiv abgeschlossen hatte, hatte bis jetzt einfach nichts getan, was darauf schließen ließ, dass er dieses Kunststück auch heuer wiederholen konnte. Ritzek hatte sich noch vor fünf Jahren nicht vorstellen können, dass er diese Schule, die erst vor Kurzem mit ihm als Gast der Festveranstaltung ihr Vierhundert-Jahr-Jubiläum gefeiert hatte, je ungern und schweren Herzens betreten würde.

Da er Angst hatte, seine Frau könnte die Nerven verlieren und einem Professor ihren Verdacht direkt ins Gesicht schleudern, war er selbst zu diesem Sprechtag gekommen. Zusätzlich hoffte er insgeheim auf einen kleinen Bonus für seinen Sohn. Immerhin hatte er seinerzeit an eben dieser Schule zu den hervorragendsten Schülern gezählt. Der Mathematik- und der Biologielehrer seines Sohnes würden sich sicher noch daran erinnern, waren sie damals doch seine Klassenkameraden gewesen. Außerdem war er als Primararzt eine bekannte Kremser Persönlichkeit.

Aber auch diese kleine Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Lehrer schienen ihm geradezu gnadenlos. Martin sei ein Träumer, der die Schule mit einer Wärmestube verwechselte. Zwar war er überall beliebt und auch wirklich liebenswert, aber Begriffe wie Logik, Präzision oder Disziplin waren für ihn vollkommene Fremdworte. Als der Mathematiklehrer auch noch mit kumpelhaftem Lächeln anmerkte, dass er manchmal gar nicht glauben könne, dass Martin Christophs Sohn sei, so sehr würden sich die Leistungen des Sohnes von denen des Vaters unterscheiden, war selbst der Herr Primar nahe daran, die Nerven zu verlieren. Natürlich hatte er keinen Zweifel an seiner Vaterschaft, doch diese Bemerkung, die von seinem ehemaligen Klassenkameraden entweder scherzhaft gemeint war oder unterstreichen sollte, wie gut er sich an den Schüler Christoph Ritzek erinnerte, erschien ihm ungehörig distanzlos.

Doch das Schlimmste war, dass diese Einschätzungen zutrafen. Sein Sohn war in seiner derzeitigen Form für kein Gymnasium geeignet.

Wie würde er das nur seiner Frau beibringen können? Weiß der Himmel, was mit seinem Sohn los war. Gott sei Dank hatten ihnen ihre Töchter, die beide die AHS in der Rechten Kremszeile besucht hatten, nie schulische Probleme bereitet. Die Älteste studierte bereits an der Medizinischen Universität in Wien. Und die Jüngere, die auch mit ihren Händen sehr geschickt war, machte gerade eine Ausbildung zur Prothesentechnikerin.

Zunächst hatte er überlegt, seiner Frau gar nicht die ganze Wahrheit zu sagen, um ihr nicht alle Hoffnung zu nehmen. Er hatte aber eingesehen, dass Martins Zeugnis für sie dann bloß ein noch größerer Schock sein würde. Wenn er ihr versprach, ihren Liebling die Klasse notfalls wiederholen zu lassen, würde sie über die schlimme Nachricht schon irgendwie hinwegkommen. Sollte sie auch, denn in vierzehn Tagen würden sie beide den zwanzigsten Hochzeitstag feiern.

Er hatte seine Marlies in Schwarzach/St.Veit kennengelernt, wo er nach seinem Turnus in Krems die Facharztausbildung begonnen hatte. In der Skisaison fast nur Knochenbrüche, viele davon sehr kompliziert. Sie war dort Krankenschwester gewesen. Obwohl er in seiner Studentenzeit und als junger Arzt alles andere als ein Kostverächter gewesen war, hatte er es mit seiner Wahl so ausgezeichnet getroffen, dass er seit der Heirat nie mehr auch nur in Versuchung geraten war. Sie hatte auch jeden seiner berufsbedingten Ortswechsel ohne Murren mitgemacht. Vor neun Jahren war er dann ans Ziel seiner Träume gekommen: das Chirurgie-Primariat in Krems.

Er hatte vorgehabt, seine Frau zum Hochzeitstag ins Danieli nach Venedig einzuladen, aber sie hatte entschieden abgelehnt. Viel zu teuer. Sie wünschte sich zum bevorstehenden Geburtstag ein Abendessen im Landhaus Bacher und zum Hochzeitstag eine Nacht im Schlosshotel Dürnstein, wo sie schon seinerzeit auf Wunsch seiner Marlies die Hochzeitsnacht verbracht hatten. Es musste auch wie damals Zimmer 34 sein, das er schon vor zwei Wochen reserviert hatte.

Eine Hochzeitsreise von Salzburg in die Wachau schien ihm durchaus angebracht. Aber was sollten sie jetzt in einem Hotel, das nur sieben Kilometer von ihrem höchst komfortablen Kremser Haus am Fuß des Rosenhügels entfernt war? Eine verrückte Idee. Doch er hatte gelernt, seiner Frau in gewissen Dingen nicht zu widersprechen.

4. April, 08:35 Uhr

Sie war noch am Vorabend von Spencer telefonisch darüber informiert worden, worauf er in Weißenkirchen gestoßen war. Ein höchst eigenartiger Fund. Wer vergräbt schon eine Frau in einem Weingarten? Noch dazu eine alte Frau, wenn sich die Information über die künstliche Hüfte als den Tatsachen entsprechend herausstellen sollte, woran sie keinen Zweifel hatte. Die Kontrollnummer konnte wahrscheinlich nicht mehr eruiert werden. Das machte die Sache nicht einfacher.

Sie war jetzt seit fast zwei Jahren Leiterin der Mordkommission und hatte es in diesen Jahren mit einer Reihe von spektakulären Mordfällen zu tun gehabt. Einige von ihnen waren ihr zunächst höchst rätselhaft erschienen, aber sie war immer sicher gewesen, die Rätsel letztlich zu lösen. Warum hatte sie seit gestern Abend ein derart ungutes Gefühl? Es war doch nicht einmal sicher, ob es sich um Mord handelte. Wahrscheinlich hatte ihr das Gespräch mit Marbolt mehr zugesetzt, als sie wahrhaben wollte.

Ihr Mann, dem sie von der unerfreulichen Begegnung erzählt hatte, schien die Sache nicht besonders ernst zu nehmen. Er hatte eine verblüffende Argumentation für seine Sorglosigkeit: Weder ein Landeshauptmann noch ein Minister würde eine erfolgreiche und gleichzeitig attraktive Frau gegen ihren Willen von ihrem Posten abziehen können. Das würde sich in der Öffentlichkeit gar nicht gut machen. Da müssten sie schon eine noch erfolgreichere und noch attraktivere Frau im Talon haben.

Beides zusammen ist so gut wie ausgeschlossen, wie er ihr mit dem Lächeln versicherte, mit dem er sie seinerzeit gegen harte Konkurrenz erobert hatte. Seine Worte gefielen ihr durchaus, beruhigten sie aber nicht wirklich. Sie hatte sich allerdings gefreut, als er ihr vor dem Einschlafen von der Turnprofessorin und ihrer Einschätzung von Sophie erzählte. Sie hielt die Geschichte mit dem Völkerball zwar für eine kuriose Methode zur Charakterbestimmung, aber im Fall ihrer Jüngsten lag die Lehrerin bestimmt richtig.

Sie hatte mit ihrem Stellvertreter, der noch am Vorabend das Team der Spurensicherung für den Einsatz heute Vormittag gebrieft hatte, vereinbart, sich um halb neun zur Besprechung der weiteren Vorgangsweise in ihrem Büro zu treffen.

Die Sonne schien, von ein paar dünnen Wolken leicht verschleiert, in ihr Fenster. Ihre schwarzen Haare, die sie heute früh gewaschen hatte, in der Hoffnung, sich damit auch den Frust von der Seele zu spülen, glänzten noch stärker als gewöhnlich. Sie hatte sich sogar ihre Stirnfransen frisch geschnitten, weil einige von ihnen schon an ihre Augenbrauen stießen.

Als Malzacher eintrat, musste sie schmunzeln. Wahrlich kein sehr erhebender Anblick. Der Hemdknopf über dem behaarten Bauchnabel stand wie immer offen. Die Kragenspitzen zerknüllt, als ob er in dem Hemd geschlafen hätte. Und die Kragenweite sicher um zwei Nummern zu klein. Das Hemd hatte er wahrscheinlich schon vor mindestens zehn Jahren gekauft. Seitdem hatte Spencers Hals an Umfang mindestens drei Zentimeter zugelegt.

»Guten Morgen.« Er kam sofort zur Sache. »Gestern habe ich dir am Telefon gesagt, dass mir Übles schwant. Tut es heute noch immer.«

»Guten Morgen. Jetzt setz dich einmal nieder. Magst du einen Kaffee?«

»Nur, wenn du ihn mir höchstpersönlich servierst. Und bitte mindestens auf Augarten. Steht mir zu, wo ich doch bei deinem Chef so hoch im Kurs stehe, findest du nicht?« Er setzte sich wieder auf den Sessel, den er schon gestern Nachmittag mit seinem Gewicht malträtiert hatte. »Vielleicht spendiert er für mich sogar einen neuen Sessel. Den da kann er sich nehmen. Sein Spatzengewicht hält der noch hundert Jahre aus.«

Doris stand auf. »Augarten habe ich nicht. Aber meine Papierbecher sind von Meißen. Wenn du damit vorliebnimmst, kannst du einen Kaffee haben. Ich bringe ihn dir sogar.«

Sie gab ihm einen Klaps auf seinen breiten Rücken.

»Klingt irgendwie preußisch. Aber wenn der Inhalt wenigstens österreichisch stark ist, soll es mir recht sein.«

Nachdem sie mit zwei Bechern dampfenden Kaffees zurückgekommen war und sich wieder gesetzt hatte, kam sie ohne weiteres Herumalbern zur Sache. »Ich habe ehrlich gesagt auch kein gutes Gefühl. Aber das haben wir am Anfang eines Falles noch nie gehabt. Vielleicht ist es auch gar kein Fall, und jemand hat sich einen Spaß erlaubt und eine Leiche gestohlen.«

»Doris, da habe ich von dir schon originellere Erklärungen gehört. Wer soll bitte die Leiche einer unbekleideten alten Frau stehlen und in einem Weingarten vergraben? Der einzige, der mir dazu einfällt, wäre ein sternhagelvoller Prosekturdiener. Aber der wäre dann nicht mehr imstande, ihr einen Finger auszureißen.«

»Du bist sicher, dass er nicht amputiert ist?«

»Ganz sicher bin ich nicht, aber ziemlich. Auf meiner Rückfahrt von Weißenkirchen bin ich gleich in Krems gewesen und habe den Staatsanwalt informiert. Ganz schön fixer Bursche. Hat gleich in meinem Beisein an der Gerichtsmedizin in Wien angerufen und einen Pathologen angefordert. Hat auch gleich einen aufgetrieben, der versprochen hat, heute nach Krems zu kommen und sich das Skelett anzuschauen. Aber keine Ahnung, wann er mit seiner Arbeit fertig sein wird. Von den Wienern sind wir in der Hinsicht ja nicht gerade verwöhnt.«

»Und du hast den Verdacht, dass an dem Finger ein Ring gesteckt hat …«

»… den der Mann nicht gleich vom Finger gekriegt hat. Theoretisch könnte er natürlich am Wert des Ringes interessiert gewesen sein. Aber ich vermute einmal, dass er einfach nicht wollte, dass die Frau über ihren Ring identifiziert werden kann. Nur hat er nichts von der künstlichen Hüfte gewusst.«

»Könnte der Täter keine Frau gewesen sein?«

»Eher unwahrscheinlich. Eine Person, auch wenn sie zierlich ist, zweihundert Meter bergauf zu schleppen, setzt sehr große Kräfte voraus. Statistisch betrachtet ist also ein Mann wahrscheinlicher.«

Die Chefinspektorin nickte zustimmend.

»Leuchtet mir ein. Und was erwartest du dir von der Spurensicherung?«

»Um ehrlich zu sein, kann ich das nicht genau sagen. Sie sollen zumindest einen Teil des Weingartens durchackern. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass sie dort neue Skelette finden, aber vielleicht finden sie den Rest eines Kleidungsstücks oder Ähnliches, das uns weiterhilft. Ich habe nämlich wenig Hoffnung, dass wir mit der Kontrollnummer weiterkommen. Wenn sie tatsächlich den Ring finden, dann war es wirklich ein besoffener Prosekturdiener.«

»Was ist mit dem Besitzer des Weingartens?«

»Den schließe ich mehr oder weniger aus. Der hätte sonst seinen Kindern nicht erlaubt, an dieser Stelle ihren toten Waldi zu begraben.«

4. April, 09:10 Uhr

Keine fünf Minuten nach dem Gespräch mit Spencer läutete das Telefon der Chefinspektorin. Die Sekretärin ihres Chefs, die ebenso neu im Amt war wie er selbst, forderte sie auf, sofort ins Büro des Landespolizeidirektors zu kommen. Dr. Marbolt müsste sie dringend sprechen. Doris war verblüfft. Der neue Kommunikationsstil schlug sich also schon bis zum Sekretariat durch. Diesen Kommandoton hätte sich die Sekretärin ihres früheren Chefs nie erlaubt.

Während der Fahrt von der Schanze ins Regierungsgebäude musste sie sich mehrmals ermahnen, auf die neue Lage gelassen zu reagieren. Sie durfte nicht erwarten, dass der neue Chef eine Kopie des alten sein würde. Vielleicht tat es der Entwicklung ihrer Persönlichkeit sogar gut, sich auf einen anderen Vorgesetzten einstellen zu müssen.

Als sie jedoch das knappe »Guten Morgen« der Sekretärin hörte, gefolgt von der Aufforderung, gleich weiter in Marbolts Büro zu gehen, war ihr Vorsatz, Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, bis auf einen kleinen Rest verflogen. Von diesem kleinen Rest blieb nichts mehr übrig, als sie sein Gesicht sah. Ihr neuer Chef sah aus, als ob eine Katastrophe passiert wäre und sie allein die Schuld daran trug.

Er saß kerzengerade hinter seinem Schreibtisch und las in einer Akte. Mit einer Handbewegung, die an Knappheit nicht zu überbieten war, deutete er ihr, vor ihm Platz zu nehmen. Auch wenn der Blick von Doris in erster Linie auf sein Gesicht konzentriert war, fiel ihr auf, dass er an einem neuen Schreibtisch saß. Auf einem einzigen schlanken Stahlfuß, der sich circa siebzig Zentimeter über dem Boden zu verbreitern begann, lag eine Platte aus Glas in Form eines Ovals. Keine Schreibtischlade. Was für ein Unterschied zum Schreibtisch ihres früheren Chefs. Der war aus einem undefinierbaren Weichholz gewesen, dem man die Zahl der Akten angesehen hatte, die sich dort seit gut fünfundzwanzig Jahren gestapelt hatten.

»Ich nehme an, meine Liebe, du bist an Offenheit interessiert. Aber auch wenn du es nicht sein solltest, so werde ich trotzdem offen zu dir sein.«

»Wenn du mit meinem früheren Chef gesprochen hättest, hätte er dir sicher gesagt, wie sehr ich Offenheit schätze.« Doris war gleichzeitig überrascht und erfreut über ihre Antwort. Gut gebrüllt, Löwin. Sie konnte an seinem Gesicht erkennen, dass er mit dieser Antwort nicht gerechnet hatte. Sie empfand es als kleine Genugtuung, dass er noch gereizter fortfuhr, als er ohnehin schon war.

»Ich schätze es gar nicht, wenn in diesem Raum immer noch alte Zeiten beschworen werden. Ich sage dir das, ohne auf unangebrachte Sentimentalitäten Rücksicht zu nehmen. Das ist auch Teil meiner Offenheit. Haben wir uns verstanden?«

Doris entschied sich, diese Frage nicht zu beantworten. Sie blickte ihrem Chef unverwandt ins Gesicht, wie sie es auch schon in ihrem ersten Gespräch mit ihm getan hatte. »Du wirst mir bestimmt gleich sagen, warum du mich herbestellt hast?«

Marbolt setzte ein überraschtes Gesicht auf. »Jetzt enttäuschst du mich aber. Da wird in meinem Zuständigkeitsbereich eine Leiche gefunden, und ich als oberster Chef erfahre nichts davon. Und du ahnst nicht, warum ich dich gerufen habe?«

»Da muss ich dich leider korrigieren. Wir haben keine Leiche, sondern ein Skelett gefunden. Das ist ein großer Unterschied. Wir wissen noch nicht einmal, ob es da für uns etwas zu untersuchen gibt. Du kannst versichert sein, dass du sehr rasch davon erfährst, sollte die Staatsanwaltschaft eine Morduntersuchung einleiten.«

»Da betreibst du aber eine ganz schöne Haarspalterei.« Wolfgang Marbolt lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Aber vielleicht hat die Leiterin meiner Abteilung ›Leib und Leben‹ trotzdem die Güte, mich über das Skelett zu informieren.«

Doris hatte in dem Moment das Gefühl, zumindest einen kleinen Sieg davongetragen zu haben. Ihre Freude darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Marbolt war besser informiert, als sie ihm zugetraut hatte. In Zukunft musste sie noch vorsichtiger sein.

4. April, 09:50 Uhr

Die Schmidgasse galt nicht gerade als hervorragende Einkaufsstraße. Dazu war die Besucherfrequenz auf den knapp hundertfünfzig Metern zwischen Körnermarkt und Oberer Landstraße einfach zu gering – auch wenn das Steinertor gleich ums Eck stand. Dennoch hatte Hilde Dahlmeyer keine Sekunde gezögert, dort in einem nur dreißig Quadratmeter großen Lokal eine Boutique zu eröffnen.

Das Lokal übernahm sie von ihrer Mutter, die dort vierzig lange Jahre Wachauer Goldhauben gestickt und ausgebessert hatte, bevor sie eine schwere Arthritis dazu zwang, ihren geliebten Beruf aufzugeben. Die letzten fünfzehn dieser vierzig Jahre war die Stickerei ohnehin nur mehr reine Liebhaberei und ein Verlustgeschäft gewesen, weil die Hochzeiten der Wachauer Trachten und der dazugehörigen Hauben längst vorbei waren. Einzig dem Starrsinn ihrer Mutter war es zu verdanken, dass es diese Goldhauben noch immer gab. Hildes Mutter stand zu ihren Überzeugungen, wie falsch sie auch immer sein mochten.

Hilde stand der Sinn nicht mehr nach Goldhauben, seit sie diese als junges Mädchen ihrer Mutter zuliebe bei diversen Dirndlmodeschauen vorgeführt hatte. Natürlich unter größtem Applaus. Sie wäre bei diesen Gelegenheiten lieber im Bikini über den Laufsteg geschritten. Bis heute war sie davon überzeugt, dass sie damit orkanartige Begeisterungsstürme hervorgerufen hätte.

In ihrem Taufschein stand nicht Hilde, sondern Kriemhild. Damit hatte sie es aber noch besser getroffen als ihr vor einigen Jahren tödlich verunglückter Bruder, der den germanischen Edelnamen Giselher trug. Kein Wunder bei ihrer Mutter, die 1934 als Brunhilde Kaltenegger geboren worden war.

Hilde Dahlmeyer schämte sich ihres Vornamens nicht. Dazu liebte sie ihre Mutter zu sehr. Die hatte ohnehin nie viel Glück im Leben gehabt. Der Vater der kleinen Brunhilde war einst einer der ersten Kremser gewesen, die im Zweiten Weltkrieg gefallen waren, und hatte so seine Frau als ganz junge Witwe mit zwei Kindern zurückgelassen. Als späterer Ehefrau war es ihrer Mutter nicht viel besser gegangen. Ihr neuer Ehemann war nicht wie ihr Vater in Polen geblieben, der hatte es nur bis nach Fürstenfeld geschafft. Er war von einer Dienstreise in die Steiermark wegen einer jüngeren Frau nicht mehr zurückgekehrt. Hilde und ihr Bruder hatten ihren Vater nie mehr wiedergesehen.

Auch wenn die Lage der Boutique alles andere als ideal war, brauchte sie ihren Entschluss geschäftlich nie zu bereuen. Es gab in Krems natürlich auch andere, durchaus herzeigbare Modegeschäfte, aber Frau Dahlmeyer war mit ihren jetzt vierundvierzig Jahren eine stadtbekannte Person, was den Nachteil der Lage mehr als wettmachte. Zu dieser Bekanntheit verhalf ihr ihre attraktive Erscheinung, die von einem makellos jung wirkenden Gesicht gekrönt wurde, auf dem ihr sehr intensives Leben nicht die geringsten Spuren hinterlassen hatte. Zur Bekanntheit trug aber mindestens ebenso sehr der Umstand bei, dass sie über Empfehlung ihrer Mutter bei der letzten Gemeinderatswahl für die FPÖ kandidiert und gleich die meisten Vorzugsstimmen unter den Kandidaten aller wahlwerbenden Gruppen erhalten hatte. Es gab sogar schon ein Angebot, die Partei als Spitzenkandidatin in die nächste Wahl zu führen. Aber davor scheute sie sich. Sie wusste selbst, dass sie sich im Grunde genommen für Politik gar nicht interessierte. Das war aber nicht der Hauptgrund für ihr Zögern. Obwohl sie ein sehr kontaktfreudiger Mensch war, hatte sie einfach wenig Lust, sich Abend für Abend auf Veranstaltungen, die sie anödeten, herumzutreiben und auf Dinge zu verzichten, die ihr wirklich wichtig waren.

Außerdem war ihr klar, dass für die erfolgreiche Vorzugsstimmenkampagne außer ihren Kundinnen, von denen sich die meisten neben ihrem entsprechenden finanziellen Background auch durch überdurchschnittlich hohes Selbstbewusstsein auszeichneten, vor allem ihre männlichen Fans verantwortlich waren. Das alleine würde aber für eine erfolgreiche Spitzenkandidatur nicht reichen.

Auch wenn sie wenig Freude mit ihrem offiziellen Vornamen hatte, wusste sie, dass sie mit ihren weizenblonden Haaren der Namensgeberin aus der Nibelungensage optisch alle Ehre machte. So sehr, dass ihr in der zweiten Klasse der Handelsakademie eine Klassenkameradin unter großem Hallo der ganzen Klasse den Vorschlag gemacht hatte, sich unbedingt nur von einem Siegfried entjungfern zu lassen. Ein Siegfried war aber nicht bei der Hand gewesen, und so hatte drei Monate später ein Oliver diese Aufgabe übernommen. Sehr ideologiefest war sie ja im Unterschied zu ihrer Mutter nie gewesen.

Die Boutique sollte laut dem Schild, das an der Innenseite der Eingangstür angebracht worden war, schon seit einer dreiviertel Stunde geöffnet haben. Doch Hilde Dahlmeyer hatte es nicht eilig, als sie von ihrer Wohnung am Dominikanerplatz, gleich neben dem Geburtshaus von Franz Liszts Mutter, in Richtung Schmidgasse ging.

Es war ein Fußmarsch von drei Minuten. Als sie am Körnermarkt beim Haus »Zu den vier Jahreszeiten« vorbeikam, stand gerade eine Touristengruppe davor, die sich von einem Stadtführer die Einzelheiten der prachtvollen Rokokofassade erklären ließ. Die Boutiquenbesitzerin, die trotz eines langen Abends aussah, als hätte sie mindestens neun Stunden tief und unschuldig geschlafen, tat so, als würde sie die Blicke der männlichen Touristen, die sich wie auf Kommando von der mehr als zweihundertfünfzig Jahre alten Fassade ab- und ihr zuwandten, nicht bemerken. Sie übersah jedoch auch die Touristin in ausgelatschten Schuhen nicht, die ihrem Begleiter den Ellbogen heftig in die Seite stieß.

Sie war derartige wortlose Komplimente gewohnt. Dennoch fand sie, dass der Rammstoß ihren Tag schon gerettet hatte, bevor er noch richtig beginnen konnte.

4. April, 11:05 Uhr

Gerhard Malzacher hatte beschlossen, das gefundene Skelett nicht mit besonderer Eile zu behandeln. Die Spurensicherung würde ohnehin mit ihrer gewohnten Mischung aus Schnelligkeit und Genauigkeit arbeiten, ohne dass er ihr im Nacken sitzen musste. Die Herrschaften würden nur bockig werden. Was den Arbeitseifer des Gerichtsmediziners anging, der von Wien nach Krems beordert worden war, und den er nicht persönlich kannte, war er da nicht so sicher. Aber auch das war für Spencer kein Problem. Wenn der sich Zeit lassen wollte, bitte sehr.

Er telefonierte gerade mit dem Chef der Schiedsrichterbesetzungskommission der niederösterreichischen Fußballlandesliga. Bei dem wollte er seinen Wunsch deponieren, nicht gleich wieder als Spielebeobachter bei einem Match hoch im Norden an der tschechischen Grenze eingesetzt zu werden. Als er gerade seine Gründe erklären wollte, steckte einer seiner Mitarbeiter den Kopf zur Tür herein. Spencer, der sich bei dieser Art von Telefonaten besonders ungern unterbrechen ließ, bedeutete dem Mitarbeiter mit einer unmissverständlichen Geste, die Tür gefälligst wieder von außen zu schließen. Das lag nicht daran, dass er vor seinen Mitarbeitern den Inhalt dieser Gespräche geheim halten wollte. Im Gegenteil, die ganze Mordkommission wusste über das Wochenendhobby ihres stellvertretenden Chefs Bescheid. Sie wussten auch, dass er zur Vorbereitung seines Freizeitvergnügens die Dienstzeit und das Diensttelefon benützte. Aber der Chef der Schiedsrichterbesetzungskommission war ein vielbeschäftigter Mann, den man schwer ans Telefon bekam.

Der Mann, der zu einem blitzartigen Rückzug aufgefordert wurde, schien dieses Zeichen entweder nicht bemerkt zu haben oder zu ignorieren. Er blieb nicht nur stehen, sondern bedeutete seinem Chef mit einer Auf- und Abwärtsbewegung der geschlossenen linken Hand, den Hörer aufzulegen. Diese Geste war ebenfalls unmissverständlich.

Spencer entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner mit einem Notfall und versprach, später noch einmal anzurufen. Dann wandte er sich dem Störenfried zu. »Ich kann für dich nur hoffen, dass es wirklich wichtig ist. Sonst kannst du in deinem Heimatkaff wieder Streife schieben.«

Malzacher grinste. »Dann wäre ich dich endlich als Chef los. Aber leider ist es wirklich dringend. Ich habe den Gerichtsmediziner am Apparat. Und er muss in spätestens drei Minuten weg.«

»Warum sagst du mir das nicht gleich? Worauf wartest du noch? Dalli, Dalli. Aber wie der Blitz, wenn ich bitten darf.«

Keine zehn Sekunden später hatte er den Mediziner am Apparat. Mit einer Lautstärke, die vielleicht einem Telefonat von der niederösterreichischen Metropole in die Hauptstadt von Burkina Faso angemessen gewesen wäre, begrüßte er seinen Gesprächspartner in Wien.

»Jetzt sagen Sie bloß, Sie können mir schon etwas über das Skelett erzählen. Dann arbeiten Sie ja schneller, als die Polizei erlaubt.«

»In Wien gibt es bei der Arbeit keine Geschwindigkeitsbeschränkung. Ich habe nicht gewusst, dass das in St. Pölten anders ist.«

Dem Chefinspektor war der ironische Ton natürlich nicht entgangen. »Den Rüffel habe ich verdient. Gefällt mir. Dann schießen Sie bitte los!«

»Sehr viel, das Sie weiterbringen wird, kann ich Ihnen leider nicht bieten. Der Verwesungsprozess der Knochen ist schon stark fortgeschritten. Ich bin allerdings sicher, dass das Skelett von einer Frau über sechzig stammt. Wahrscheinlich deutlich über sechzig. Circa ein Meter sechzig groß und wahrscheinlich eher von der dünnen Sorte. Und sie hatte eine künstliche rechte Hüfte. Gut erkannt. Nur leider wurde sie teilweise zertrümmert. Das kann aber erst vor Kurzem geschehen sein.«

»An der Zertrümmerung ist der Finder des Skeletts schuld. Unfreiwillig. Stimmt es übrigens, dass künstliche Gelenke alle eine Kontrollnummer haben müssen?«

»Prinzipiell schon, die Hüfte hat aber nur mehr Spuren davon. Ich bezweifle, ob Ihnen die Reste weiterhelfen werden.«

»Habe ich mir schon gedacht.« Spencer, der sich Notizen machte, konnte seine Ungeduld nur schwer zügeln. »Haben Sie schon eine Einschätzung, wie lange die Frau unter der Erde gelegen sein könnte?«

»Nachdem es keine Spur von Haaren mehr gibt und von den Zähnen auch nicht mehr viel übrig ist, würde ich sagen mindestens fünfzehn und maximal fünfundzwanzig Jahre. Bei einem reinen Lehmboden könnten es sogar ein bisschen mehr sein.«

»Anzeichen von Gewaltanwendung?«

»Sicher keine Schussverletzung und auch kein Schlag durch einen schweren Gegenstand. Der linke Ringfinger fehlt. Die Knochenfragmente sind an der Stelle sehr ausgefranst. Könnte sein, dass der Finger unsachgemäß entfernt worden ist. Aber viel Geld würde ich darauf nicht setzen. Tut mir leid.«

»Wie heißt es so schön in der Bibel, oder wo immer das steht: Ich bin so klug als wie zuvor. Ich habe nichts anderes erwartet. Die Frau könnte aber erwürgt oder vergiftet worden sein?«

»Die Frage, ob die Frau stranguliert worden ist, wird Ihnen kein Gerichtsmediziner der Welt beantworten können. Beim Gift sieht es anders aus. Ihnen brauche ich ja nicht zu erklären, dass sich einige Gifte in den Knochen eine Ewigkeit lang nachweisen lassen. Ganz nebenbei bemerkt: Das Zitat steht nicht in der Bibel, sondern im ›Faust‹.«

»Danke für den Hinweis. Aber dafür wissen Sie sicher nicht, wie letzten Sonntag der SV Würmla gegen den SC Retz gespielt hat. Man kann eben nicht auf allen Gebieten beschlagen sein.«

»Vielleicht auf mehr, als sie glauben, Herr Chefinspektor.« Malzacher merkte, dass dem Pathologen das Gespräch Spaß machte.

»Also, ob die Frau an Gift gestorben ist, kann ich auf die Schnelle nicht feststellen. Da müsste ich das Skelett nach Wien in die Gerichtsmedizin bringen lassen.«

»Könnte nicht schaden. Nachdem für eine solche Fahrt nach Wien der Amtsschimmel gesattelt werden muss, werde ich das von hier aus übernehmen. Ich werde mit dem Staatsanwalt reden. Eine letzte Frage habe ich noch. Halten Sie es für möglich, dass die Frau über das Hüftgelenk identifizierbar ist?«

»Wenn die Kontrollnummer nichts hergibt, eher chancenlos. Ich kann keinen Kunstfehler erkennen, an den sich ein Operateur erinnern würde. Abgesehen davon, dass er das sowieso nie täte, auch wenn er es könnte. Es sind auch vor fünfundzwanzig Jahren schon viele Hüftgelenke operiert worden. Selbst wenn sie alle Krankenakten über einen Zeitraum von zehn Jahren studieren, werden Sie da nichts finden, was Ihnen weiterhelfen wird. Abgesehen davon, dass die Frau ja nicht nur in Krems, St. Pölten oder Amstetten operiert worden sein könnte. Wien oder Linz wäre genauso denkbar.«

»Herr Doktor, Sie sind mir sehr sympathisch, aber das hilft mir nicht wirklich weiter. Haben Sie nicht wenigstens zumindest eine Kleinigkeit auf Lager, die Balsam für meine Seele sein könnte?«

»Ich glaube, die habe ich.«

Malzacher spürte, dass er den Hörer fast zerdrückte, so angespannt war er plötzlich. Gleichzeitig hörte er sich in einem überraschend sanften Tonfall sagen: »Ich habe doch noch das Gefühl, Sie in mein Abendgebet einschließen zu müssen.«

»Sie haben mich nach dem Resultat SV Würmla gegen SC Retz gefragt. Vier zu zwei. Und wenn Sie sich fragen, woher ich das weiß: Ich war bei der Partie zufällig Schiedsrichter.«

4. April, 11:30 Uhr

Der Chef der Chirurgie hatte von dem Skelettfund gehört. Es war aber nicht das Skelett, sondern vielmehr dessen künstliche Hüfte, die ihn dazu bewog, den Fund zu inspizieren. Rein professionelle Neugierde.

Er wollte einfach sehen, ob es daran Spuren starker Abnützung gab, die einen Hinweis auf die Qualität des verwendeten Materials liefern konnten. Wie oft bekommt man schon eine Prothese zwanzig Jahre nach dem Ableben seiner Trägerin zu Gesicht?

Nachdem man ihm mitgeteilt hatte, dass die Knochen so rasch wie möglich in die Gerichtsmedizin der Med-Uni in Wien zur weiteren Untersuchung gebracht werden sollten, rief er den Haus-Pathologen mit der Bitte, ihm die Knochen kurz zu zeigen, an.

Der Operationsgehilfe, der das in einen weißen Plastiksack gehüllte Skelett aus einer der vierundzwanzig Kühlboxen zog, über die die Prosektur verfügte, legte es vorsichtig vom Transportwägelchen auf einen der beiden schwenkbaren Seziertische. Der Primar öffnete selbst den Plastiksack, setzte eine Brille auf und beugte sich über die kümmerlichen Überreste der Leiche.

»Trotz des Hiebs, den sie abbekommen hat, ist deutlich zu erkennen, dass es sich um eine zementierte Prothese handelt. Der Eingriff ist also bei einer älteren Person vorgenommen worden. Mit schon reduziertem Knochenmaterial in der Pfanne.«

»Würde ich auch sagen. Dass die Frau zumindest bei ihrem Tod schon jenseits der sechzig gewesen sein muss, sieht man auch an anderen Merkmalen.«

»Ich hoffe, Sie wollen jetzt mit mir kein Anatomie-Seminar abhalten.« Ritzek lachte seinen deutlich jüngeren Kollegen an.

»Wie lange schätzen Sie, dass die Frau schon in dem Weingarten gelegen ist?«

»Der Gerichtsmediziner hat gesagt, mindestens fünfzehn Jahre. Eher mehr. Auch zwanzig bis fünfundzwanzig sind möglich.«

»Dann habe ich sie jedenfalls nicht operiert. In meiner Turnuszeit habe ich noch nicht operieren dürfen. Abgesehen davon, dass die Frau auch ganz woanders operiert worden sein könnte. Für die Operation müsste ich mich allerdings gar nicht schämen. Hat der Kollege damals gut gemacht. Und was geschieht jetzt mit den Knochen? Ich höre, Sie wollen sie nach Wien schicken.«

»Nicht ich, sondern die Kriminalpolizei. Wollen wissen, ob es Hinweise auf Gift gibt. Brauchen aber noch das Okay der Staatsanwaltschaft.«

»Verstehe.« Der Primararzt, der in der Zwischenzeit seine Brille wieder in die Tasche seines weißen Mantels gesteckt hatte, rieb sich zweifelnd und nachdenklich die Nase. »Da würde ich an deren Stelle zuerst einmal die Vermisstenmeldungen von damals überprüfen. So viele alte Damen werden in der Wachau in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren nicht verschwinden. Kann natürlich auch sein, dass die Dame ganz woanders vermisst wird. Ist zum Glück nicht unser Bier. Hat der Gerichtsmediziner geschaut, ob zumindest ein Teil der Kontrollnummer noch vorhanden ist?«

»Hat er. Hat nichts Brauchbares gefunden.«

»Kein Wunder, wie die Hüfte da bearbeitet worden ist. Haben Sie eine Lupe?«

4. April, 17:15 Uhr

Er hatte sich schon vor ewigen Zeiten vorgenommen, seinen jährlichen Friedhofsbesuch auf Allerseelen zu verlegen, ohne diesen Plan je zu verwirklichen. Dabei hätte Allerseelen viele Vorteile gehabt. Erstens das Wetter. Ein nasskalter Novembertag passte einfach besser zu einem Gräberbesuch als ein früher Frühlingsabend im April. Er hatte auf dem Friedhof an einem besonders warmen Tag sogar schon einmal einen Allergieanfall erlebt – wegen der vielen Pflanzen und Gräser, die hier wuchsen. Bevor er hierherkam, hatte er immer geglaubt, dass es auf einem Friedhof nur Schnittblumen gab. Jetzt wusste er es besser. Pollenallergie war eine der lästigen Leiden, die ihn seit seiner Kindheit begleiteten.

Zum anderen wäre er als Friedhofsbesucher an einem Allerseelentag nie aufgefallen. Nicht dass er sich deswegen große Sorgen machen musste. Warum sollte ein Mann nicht an einem Grab trauern dürfen? Oder zumindest so tun. Er hatte stets genau darauf geachtet, die vielen Frauen, die ihm meistens mit einer Gießkanne in der Linken und einer Forke in der Rechten entgegenkamen, im Unklaren darüber zu lassen, welches Grab Ziel seiner Visite war. Es war ihm erst im Laufe der Jahre bewusst geworden, dass Friedhofsbesuch und Grabpflege eine reine Frauensache war. Er war also selbst auf dem Friedhof ein Außenseiter. Von der Wiege bis zur Bahre. Um ein Haar hätte er geschmunzelt.

Das Verheimlichen seines Ziels fiel ihm leicht. Fast ein Kinderspiel. Da er nie wirklich trauerte, konnte er sich vor dem Grab darauf konzentrieren, die Umgebung zu beobachten. Sobald jemand in seine Nähe kam, wurde aus der Salzsäule, die vor einem Grab stand und in tiefe Trauer versunken schien, ein langsam dahin schlendernder Flaneur mit einem Faible für Friedhofsatmosphäre. Er hatte einmal davon gelesen, dass ein solches Faible ein Hinweis auf einen nekrophilen Charakter war. Dabei hatte er tatsächlich schmunzeln müssen. Er hatte sich einmal beim Schmunzeln vor dem Spiegel beobachtet. Er war allerdings nicht selbstverliebt genug, um sich dabei sympathisch vorzukommen.

Jetzt war niemand zu sehen. Seit acht Jahren beherbergte das Nachbargrab zur Linken einen Kommerzialrat Ing. Romeo Nowak, wie man auf dem Grabstein lesen konnte. Dafür waren dort weder ein Geburts- noch ein Sterbedatum zu finden. Alles bestand aus grauem Marmor. Ausgestattet mit zwei pompösen Bronzeleuchtern links und rechts.

Hinter dem Grabstein befand sich eine dichte Hecke aus Buchsbaum. Wahrscheinlich, um es gegen die bröckelnde Friedhofsmauer optisch abzuschirmen. Alles stank hier nach Geld. Heute musste er sich einmal mehr fragen, wie Eltern mit dem Namen Nowak nur so grausam sein konnten, ihren Sohn Romeo zu nennen. Schon von Geburt an mit einer Belastung geboren. Damit kannte er sich aus. Interessant, dass der Vorname auf dem Grabstein ausgeschrieben war. Es hätte immerhin auch R. Nowak gereicht. Vielleicht war dieser Herr sogar stolz auf seinen Vornamen gewesen. So wie auf seine Titel. War wahrscheinlich zu seinen Lebzeiten ein unguter Zeitgenosse gewesen.

Auf der anderen Seite des einzigen Grabes, das ihn hier wirklich interessierte, gab es eines, das auf ihn wie ein Kontrastprogramm zur letzten Ruhestätte des Kommerzialrats wirkte. Die einzige Gemeinsamkeit der zwei Gräber waren die Titel. Die Leute wollten nicht ohne Titel in die Grube fallen.

Der Grabstein bestand seiner Einschätzung nach aus Granit. Er war sehr schmalbrüstig und schon ziemlich verwittert, was kein Wunder war, da er seit fast siebzig Jahren an dieser Stelle stehen musste. Johann Töpfl. Amtsoberoffizial i.R. 8. VI. 1879 – 17. IX. 1951. Die goldfarbene Schrift war bereits teilweise abgeblättert, und das Grab selbst war mit Steinen verschiedenster Art eingefasst, die alle recht locker in der Erde steckten. Es sah fast aus wie ein Grab für arme Leute. In der Mitte lauter Vergissmeinnicht, die sogar er erkannte, obwohl er sich für Blumen überhaupt nicht interessierte. Das Erdreich war feucht, so als ob es erst kürzlich gegossen worden wäre. Wahrscheinlich von einer Tochter, die ihrem Vater wohl bald Gesellschaft leisten würde.

Jedenfalls war ihm klar, dass er sich von diesem Apriltermin nie würde trennen können. 5. April. Der Geburtstag seines Peinigers. Heute musste er mit dem Vorabend vorliebnehmen. Trotz größter Bemühungen hatte er seine morgige Dienstreise nicht verschieben können. Doch das war gar nicht so schlimm. Seine Mutter hatte ihm, als er bereits längst von zuhause weg war, auch immer am Vorabend telefonisch zu seinem Geburtstag gratuliert. Sie wollte sicher sein, wie sie ihm einmal erklärt hatte, die erste Gratulantin zu sein. Ihr Grab besuchte er seltener als dieses hier. Er hatte wenig Grund, ihr und seinem Vater dankbar zu sein. In die guten Gene, die er von den Eltern mitbekommen hatte, hatten sich zu viele schlechte gemischt. Deshalb war er sein ganzes Leben lang ängstlich und feig gewesen und unsportlich dazu. Jedenfalls würde er heute die Manie seiner Mama übernehmen und schon am Vorabend des Geburtstags gratulieren. Oder zumindest an das Geburtstagskind denken.

Seine Migräne war seit heute früh noch lästiger als sonst. Sie hatte eigenartigerweise bis jetzt nicht nachgelassen. Das war kein gutes Zeichen. Kommendes Ungemach hatte sich bei ihm immer mit einer besonders heftigen Attacke über seinem rechten Auge angekündigt. Schon seit Mittag war er dabei gewesen, sich den Kopf zu zerbrechen, aus welcher Ecke das Unheil wohl diesmal kommen konnte. Seine Überlegungen waren ohne greifbares Resultat geblieben.

Auch jetzt dachte er angestrengt nach. Dabei hätte er fast die alte Frau übersehen, die nur mehr dreißig Meter von ihm entfernt war und sich mit einer randvollen graugrünen Gießkanne abmühte. Er hatte nicht den Eindruck, dass sie ihm auch nur die geringste Beachtung schenkte. Trotz allem höchste Zeit, die Maske des interessierten Flaneurs aufzusetzen.

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