Читать книгу: «Unser Moritz»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Zitat 3

Der Holzstoß 4

Vorfreude 17

Das neue Zuhause 31

Unser Sorgenkind 55

Freunde ringsumher 70

Spuren im Schnee 82

Der Rhododendron blüht 112

Abschied 143

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-137-9

ISBN e-book: 978-3-99131-138-6

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfoto: Isselee | Dreamstime.com, Bernd Naumann

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

„Wer bist du?“, sagt der kleine Prinz.

„Du bist sehr hübsch …“

„Ich bin ein Fuchs“, sagte der Fuchs.

„Komm und spiel mit mir“, schlug ihm der kleine Prinz vor. „Ich bin so traurig …“

„Ich kann nicht mit dir spielen“, sagte der Fuchs.

„Ich bin noch nicht gezähmt!“

„Ah, Verzeihung!“, sagte der kleine Prinz.

Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:

„Was bedeutet das: ‚zähmen‘?“

„Es bedeutet: sich vertraut machen“, antwortete der Fuchs.

„Vertraut machen?“

„Gewiss“, sagte der Fuchs. „Du bist für mich noch nichts

als ein kleiner Knabe, der hunderttausend

kleinen Knaben völlig gleicht.

Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig.

Ich bin für dich nur ein Fuchs, der

hunderttausend Füchsen gleicht.

Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt.

Ich werde für dich einzig sein in der Welt …“

Aus: „Der kleine Prinz“

von Antoine de Saint-Exupéry

Der Holzstoß

Eingebettet zwischen Bergen und hohen Fichtenwäldern liegt der kleine Ort Erlabrunn. Hinter einer langen Häuserkette der Wohnsiedlung am Fuße des Märzenberges reihen sich die Wäscheplätze, und an der Berührungsstelle zweier solcher Plätze, auf einem Stück der kleinen Böschung, die die unterschiedlichen Höhenlagen überbrückt, befindet sich der Holzstoß.

Mit dem Holzstoß möchte ich beginnen, denn es ist Moritz’ Geburtsort. Von dieser Stelle aus sehe ich das Wohnhaus meiner Eltern. Und das linke Fenster in der ersten Wohnetage ist der Ausblick aus meinem Zimmer über den Wäscheplatz, über die dahinter liegenden kleinen Gärten und zu den steil aufragenden, bewaldeten Berghängen. Längst bin ich aus der Wohnung der Eltern ausgezogen. Aber das Zimmer mit dem schönen Ausblick ist mir geblieben. Und das ist gut so, wenn wir bei den Eltern zu Besuch sind.

Der Holzstoß ist ein großer Stapel aus überlagertem Rundholz, alten Brettern und dicken Fichtenästen. Er begrenzt den zum Haus gehörenden Wäscheplatz auf der linken Seite. Weil das aufgestapelte Holz keine Bodenberührung haben soll, befindet sich unter dem Berg von Stämmen, Brettern und Ästen ein flacher, ausgedehnter Hohlraum. Viele Kätzchen kamen hier zur Welt, denn der Holzstapel ist sozusagen ein kleiner Palast für Katzenfamilien. Darunter sind die Kleinen gut geschützt. Höchstens einem ganz kleinen Hund würde es gelingen, in den flachen Hohlraum einzudringen. Und ein Mensch, der der Katzenmutter ihre Jungen wegnehmen wollte, müsste sich die Mühe machen, einen ganzen Holzstoß abzutragen. Aber diese Mühe macht sich natürlich niemand. Und das wissen die Katzenmütter, denn sie sind schlau.

Wie schlau Katzen sind, habe ich auch von Helga erfahren. Sie hat mir oft von ihren Erlebnissen mit diesen intelligenten und anschmiegsamen Tieren berichtet.

Da drüben die Frau, die gerade in dem winzigen Garten meiner Eltern herumbuddelt – das ist Helga. Seit einem Jahr leben wir zusammen. Unsere Unterkunft ist vorläufig noch die kleine Einraumwohnung im neunten 0bergeschoß eines Neubaublockes. Und das große Neubaugebiet befindet sich 60 Kilometer von hier entfernt in der Bezirkshauptstadt.

An diesem Wochenende im Juli ist wieder unser Besuchstag bei den Eltern. Die Sonne scheint, und sommerliche Wärme macht das Arbeiten draußen angenehm. Ich bin mit dem Auto beschäftigt, und Helga hilft ein bisschen im Garten. Ab und zu sehe ich nach, was sie im Garten so treibt, und ich leiste ihr ein bisschen Gesellschaft. Sie ist sehr fleißig. Sie häckelt und pflanzt und hat kaum Zeit für mich.

Doch plötzlich hält sie inne. „Hörst du?“ „Was?“ „Na, hörst du nicht das winzige Stimmchen?“ Ich höre nichts.

Nach einer Weile fängt Helga wieder an. „Na, hör nur mal!“ Nun vernehme ich auch das schwache piepsende Stimmchen. „Eigenartig, was könnte das sein? Ein Vogel?“

Helga sieht sich um, sucht aufmerksam die Umgebung ab. „Ich glaube, es kommt von dort, von dem Holzstoß … Könnten es nicht Kätzchen sein?“

Sollten das Laute von Katzenjungen sein? „Ich glaube doch eher, es ist ein Vogel.“

Helga will es nun genau wissen und ist nicht mehr zu bremsen. Sie läuft schnell aus dem Garten und nähert sich behutsam dem alten Holzstoß. Da höre ich sie rufen: „Volker –Volker, komm mal her! Es sind Kätzchen – drei ganz kleine süße Kätzchen!“

Die Kätzchen konnten erst vor wenigen Tagen zur Welt gekommen sein. Ich kann sie nur wenige Augenblicke sehen. Sie lugen noch einmal kurz unter dem Holzstoß hervor und verschwinden sogleich wieder.

Unser Interesse für die Kätzchen ist leicht zu erklären. Noch wohnen wir in einem dieser Neubaublöcke der Bezirksstadt. Aber wir haben Pläne und möchten unsere Wohnsituation verändern. Und dabei denken wir an ein kleines Einfamilienhaus. Schon seit Anfang des Jahres bemühen wir uns, und nun sieht es so aus, dass wir unserem Ziel schon ganz nahe sind. Im Mai gab uns Frau Petzold endlich die verbindliche Zusage. Wenn sie ihr Wort hält, ziehen wir schon bald in die kleine Stadt Frankenberg. Als Hausbesitzer würden wir dann am Rande der Stadt über ein Grundstück verfügen, das von seiner Größe her weit über unsere Wünsche hinausgeht. Wir könnten Schafe und Ziegen halten – und natürlich auch einen Hund. Tierliebend sind wir beide. Doch es sind die großen Aufwendungen zu bedenken, auch die Bindungen, die man durch das Halten solcher Tiere eingeht. Und so konnten wir uns bei diesen Überlegungen schnell auf eine Katze einigen – auf eine ganz normale, genügsame Katze, die im Grundstück herumstrolcht, Mäuse fängt und auch allein zurechtkommt, wenn wir am Wochenende einmal nicht zu Hause sind.

Ich gehe mit Helga zurück in den Garten. Helgas Augen verraten Anspannung und Freude. „Mal sehen“, sagt sie, „vielleicht wird eines von den dreien unser Kätzchen!“

Dies ereignete sich im Sommer 1989. Meinem Notizkalender kann ich den genauen Tag entnehmen und daraus auf die Woche schließen, in der unser Moritz unter einem alten Holzstoß zur Welt kam. Es war die zweite Woche des Sommermonats Juli.

Frankenberg, 22. Juli.

Das Haus von Frau Petzold ist schon seit Jahresbeginn unbewohnt. Trotzdem ist unser Vorhaben heute illegal. Es ist nur deshalb möglich, weil uns Frau Petzold den Schlüssel überlassen hat. Sie sieht es gern, wenn sich jemand um ihr Haus und das Grundstück kümmert, denn sie kann es von ihrem neuen Wohnort, dem 150 km entfernten Cottbus, nicht mehr.

Noch immer sind wir ohne Kaufvertrag. Wir müssen Enttäuschungen und Rückschläge in dieser Angelegenheit hinnehmen. Wir ärgern uns über die jetzige Besitzerin des Hauses, über ihre Unschlüssigkeit, das Hinhalten und versuchen, gelegentlich etwas Druck auszuüben. Mit ihrer halben Zustimmung haben wir den ersten Möbeltransport organisiert. Nun steht uns schon ein bewohnbarer Raum zur Verfügung – das Schlafzimmer. Wir nutzen die Gelegenheit für die erste Übernachtung in unserem neuen Heim und hoffen, dabei nicht erwischt zu werden. Wir sitzen mit Sektgläsern im Bett und sind sehr glücklich. Das kühle, sprudelnde Getränk und die Hoffnung, hier bald ganz legal wohnen zu können, bringen uns in die richtige Stimmung. Helga hat schon ganz konkrete Vorstellungen, wie die Wohnung eingerichtet werden soll.

Wir entwerfen die ersten Pläne zur Gestaltung des ausgedehnten Grundstücks. Und bald sind unsere Gedanken wieder bei den Kätzchen, die unter dem alten Holzstoß zu Hause sind. Erwartungsvoll sehen wir unserem nächsten Besuch in Erlabrunn entgegen. Wir beraten den Termin und einigen uns auf das nächste Wochenende.

Das sommerliche Wetter ist seit Wochen beständig. Unter den Strahlen der hoch stehenden Julisonne wirkt die kleine Wohnsiedlung meiner Eltern bei unserer Ankunft einladend und freundlich. Ich steuere den alten dunkelroten Lada um die Hausecke herum und nach hinten auf den Wäscheplatz. Mutti hat uns schon entdeckt und winkt uns vom Fenster aus zu. Wir winken zurück, doch wir haben uns zuerst um eine wichtige Sache zu kümmern. Es sind nur ein paar Schritte von dem am Garten abgestellten Auto bis zu dem alten Holzstapel. An seiner Rückseite entdecken wir Kinder und, halb unter die dicken Knüppel geschoben, einen kleinen Milchnapf. Es ist ein gutes Zeichen. Nur die Kätzchen bekommen wir nicht zu sehen.

„Sind die Kätzchen denn noch da?“, fragt Helga. „Ja“, antwortet ein kleines Mädchen aufgeregt, „sie sind da drunter – aber sie kommen nicht heraus!“ „Wie viele Kätzchen sind es denn?“, setze ich das neugierige Fragen fort. „Zwei. Eins ist gestorben“, erhalten wir als Antwort von einem schon etwas älteren Jungen. Er bückt sich, kriecht an der langen Rückseite des Holzstapels herum, um die beiden ausfindig zu machen. Aber er kann uns nicht helfen. Als nach einigen Minuten von den Kleinen immer noch jede Spur fehlt, brechen wir unsere Erkundung erst einmal ab. Wir nehmen die Taschen wieder auf und machen uns auf den Weg. Die Eltern werden sich gar nicht denken können, wo wir so lange bleiben.

Noch vor dem Kaffeetrinken versuche ich es mit Helga ein zweites Mal. Und diesmal haben wir Glück. Eine kleine Gruppe von Kindern drängt sich um das Mädchen, das uns vorhin so bereitwillig Auskunft gegeben hat. Liebevoll hält sie ein ganz kleines Kätzchen im Arm, und von allen Seiten wird sie bedrängt: „Ah, gib mir es mal!“ „Nein, mir!“ „Mir bitte!“

Helga tritt an die Kindergruppe heran und bittet das arg in Bedrängnis geratene Mädchen sehr freundlich, doch ihr einmal das kleine Kätzchen zu zeigen. Sofort stellen alle ihre Ansprüche zurück, und Helga bekommt das Kätzchen zuerst.

Es ist ein graues Kätzchen, ein ganz liebes kleines Ding. „Sieh mal!“, sagt Helga und weist auf die schwarze Zeichnung im Fell. Ich sehe nun deutlich die feinen schwarzen Linien und verstehe Helgas Freude. Sie hat eine genaue Vorstellung, wie unser Kätzchen aussehen soll. Ein Fell mit solch einer Zeichnung nennt man „grau getigert“. Man muss sich so die Urform unserer Hauskatzen vorstellen. Das Fell dieser Tiere war grau getigert, bevor der Mensch durch Züchtung die Vielfalt der Fellfarben und Zeichnungen hervorbrachte, wie wir sie jetzt kennen. Aber die graue Hauskatze blieb die Häufigste. Hunderttausend solcher Allerweltskatzen rennen herum. Ich hätte mich eher für eine Katze entschieden, die man weniger leicht mit anderen verwechseln kann. Aber es war nun einmal Helgas Herzenswunsch – grau getigert. Und ich war mir sicher, dass man zu guter Letzt ein unauffälliges graues Kätzchen ebenso lieb haben konnte wie ein weißes mit gelben Flecken oder ein schwarzes mit weißen Pfötchen.

Die Kinder müssen warten. Helga übergibt das kleine Ding nun erst einmal mir. Zart und zerbrechlich liegt es in meinem Arm. Es ist so klein, dass ich es gar nicht richtig streicheln kann. „Ein hübsches Gesicht hat das Kleine“, sage ich zu Helga. „Gefällt es dir?“ „Ja, sehr!“

Nun ist aber noch eine Frage zu beantworten: Katzenweibchen oder Kater? Aus Gründen, die leicht einzusehen sind, möchten wir uns einen kleinen Kater zulegen. Ich halte das Kätzchen hoch, und Helga versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. „Was meinst du?“ Aus ihren Worten klingt Unschlüssigkeit. Aber ich kann es nicht besser beurteilen. „Sie sind eben noch zu klein!“ „Na, ich glaube doch, es ist ein Katzenweibchen!“, meint Helga und streichelt liebevoll über den kleinen grauen Kopf.

„Wo ist denn nun eigentlich das zweite Kätzchen?“, frage ich die Kinder. Das freundliche Mädchen bückt sich und fummelt mit einem kleinen Stock unter den alten Rundhölzern herum. „Es ist noch da drunter – es kommt nicht raus!“ Dann schiebt sie den kleinen Milchnapf noch ein Stück weiter unter den Holzstoß.

„Na, vielleicht hat das Kätzchen Angst vor euch!“, spricht Helga in einem Ton, als wäre sie die Lehrerin der kleinen Kinderschar. „Gehen wir doch alle mal ein bisschen weg. Vielleicht kommt es dann!“

Und Helga behält recht. Kaum ist für ein paar Minuten Ruhe vor dem Holzstoß eingezogen, lugt schon das zweite Kätzchen hervor. Ein wenig misstrauisch, aber von Neugier getrieben, bewegt es sich in der Nähe des Milchschälchens und untersucht aufmerksam so ziemlich alles, was in den Weg kommt. Aber nähern wir uns, verschwindet das Kleine sofort wieder unter dem Holzstoß. Das Spielchen wiederholt sich ein paarmal, und wir müssen viel Geduld aufbringen, um das Kätzchen endlich zu erwischen. Behutsam halte ich es in den Händen. Das ganze Ebenbild des Kätzchens, das wir uns eben betrachtet haben. Dass es Geschwister sind, ist nicht zu übersehen. Nur einen winzigen Unterschied bemerken wir. Das graue Köpfchen ist etwas größer. „Ich glaube, das ist ein kleiner Kater!“, sagt Helga. Aber ganz schlüssig sind wir uns wieder nicht. Und es ist auch niemand hier, der sich besser auskennt und es uns sagen könnte.

Das Kätzchen wird unruhig. Ich übergebe es Helga. Sie nimmt es auf ihren Arm, und ich streichle mit zwei Fingern über das graue Köpfchen mit den kleinen spitzen Ohren. Zwischen den Ohren laufen vier dünne schwarze Linien, und auffallend sind die schwarzen Streifen im Fell, die die Beine wie Ringe umschließen.

Zum ersten Mal vernimmt der kleine Kerl unsere Stimme. Er spürt die zärtliche Zuwendung und mustert uns mit seinen gelbgrünen runden Augen. Wir machen uns mit ihm ein wenig vertraut und geben ihn dann an die Kinder zurück. Die Kinder sind glücklich, dass sie nun beide Kätzchen zurückhaben. Besorgt um das Schicksal der Kätzchen, versuche ich auf sie einzureden: „Passt gut auf sie auf, damit ihnen niemand etwas zuleide tut!“ Ich bemerke Resonanz und sehe in ihren Gesichtern, wie ernst sie meine Worte nehmen. Man kann ihnen vertrauen – sie sind wie die meisten Kinder warmherzig und tierlieb.

Nur selten bin ich Kindern begegnet, die für Tiere nichts übrig haben oder gar zur Tierquälerei neigen.

Schlimm ist es, wenn sich junge Menschen schon durch Brutalität und Verrohung „auszeichnen“ und sich mit solch verkümmerten Seelen auch noch als Helden fühlen. Mit Abscheu erinnern sich hier viele noch der Gruppe halbstarker junger Männer, die vor zwei Jahren mit großen Stöcken durch den Ort zogen, um alle jungen Katzen umzubringen. Sie kamen auch hier her, an diesen Holzstoß. Von niemandem dazu beauftragt, erschlugen sie die Kätzchen brutal und richteten zum Entsetzen der Leute, die hier wohnten, ein regelrechtes Blutbad an. Ich wurde selbst nicht Zeuge dieser grausigen Aktion, die Eltern haben mir von dem Vorfall berichtet.

Es ist eine Aufgabe des Menschen, der unkontrollierten Vermehrung dieser Tiere zu begegnen. Erfolgt dieses mit humanen Mitteln und von der Notwendigkeit bestimmt, so handelt es sich um eine andere Sache, als wenn Brutalität und Freude am Töten im Spiel sind. Ich selbst würde es nicht fertig bringen, Katzenjunge zu töten, und Helga würde eine solche Aufgabe erst recht nicht übernehmen. Kater bringen keine Junge zur Welt, und so glauben wir, das Problem auf einfachste Weise gelöst zu haben. Man muss schon über einiges nachdenken, bevor man sich so einen kleinen Freund anschafft.

Wenn ich an den Vorfall denke, der sich hier vor zwei Jahren abgespielt hat, und an andere Gefahren, die auf die Kleinen lauern, so möchte ich unser Kätzchen am liebsten gleich mitnehmen. Aber wir wollen uns erst sicher sein, dass es ein kleiner Kater ist. Zudem sind die Kleinen noch keine drei Wochen alt und werden noch gesäugt. Man kann sie der Katzenmutter so früh nicht wegnehmen.

Weitere drei Wochen sollen vergehen, bis wir die Kleinen wiedersehen. Wir brauchen die Wochenenden, um mit den Arbeiten in unserem zukünftigen Heim vorwärtszukommen. Zimmer für Zimmer ist zu räumen und der Zustand der Räume in Ordnung zu bringen. Auch mit dem Grundstück müssen wir uns beschäftigen. Es wirkt wild und verwahrlost, übermannshohe Brennnesseln haben sich überall breit gemacht, und wir entdecken immer neue Ecken mit Abfällen und Gerümpel. Ein Ende der Arbeiten ist noch nicht abzusehen. Wir räumen allen Unrat beiseite, beginnen zu verändern, was uns nicht gefällt. Es ist noch nicht einmal ganz sicher, dass uns das Haus eines Tages gehören wird. Doch voller Optimismus scheuen wir weder Mühe noch den großen Zeitaufwand, um unserem Ziel ein Stück näherzukommen. Oft zwingt uns erst der Einbruch der Dunkelheit, Schluss zu machen und die Heimfahrt in das fünfzehn Kilometer entfernte Wohngebiet in der Bezirkshauptstadt anzutreten.

Es ist der letzte Besuch bei den Eltern vor unserem Jahresurlaub, den wir für die Zeit von Ende August bis Mitte September geplant haben. Wir nehmen uns diesmal etwas mehr Zeit für den Besuch und fahren schon am Freitagabend. Wie immer stelle ich den alten Lada auf dem Wäscheplatz neben dem Garten meiner Eltern ab. Nun sind wir wirklich gespannt – keine Frage, wo es uns zuerst hinzieht. Wir laufen den kleinen Umweg, der am Holzstoß vorbeiführt. Aber diesmal sind keine Kinder hier. Nur die kleine Milchschale steht etwas verlassen vor dem Holzstoß. Ich muss mich fast auf den Boden legen, um in den kleinen flachen Hohlraum unter den alten Rundhölzern hineinblicken zu können. Nichts zu sehen – niemand da! Aber im Schälchen ist noch ein bisschen Milch. Ein Zeichen dafür, dass die Kätzchen noch nicht weg sind und von den Kindern versorgt werden.

Wir wollen gerade weitergehen, da nähert sich eine ausgewachsene graue Katze vorsichtig dem Holzstoß. Die Ähnlichkeit in der Fellzeichnung ist ganz auffällig. Es besteht für uns kein Zweifel – das ist die Katzenmutter. „Na, wo hast du denn deine Kleinen?“, spricht Helga sie in so freundlichem Ton an, als müssten wir uns mit ihr gut stellen. „Miau“, ist die Antwort der grauen Katzenmutter. Sie bleibt stehen und mustert uns mit großen gelbgrünen Augen. Wir verstehen die Katzensprache nur ungenügend und wissen nun immer noch nicht, wo ihre Kleinen stecken.

Eine Stunde später versuchen wir es ein zweites Mal. Wir gehen auf den Wäscheplatz und erkundigen uns bei ein paar Kindern, die hier spielen, nach dem Verbleib der Kätzchen.

„Sie sind bei Hofmanns im Garten!“ Ein Junge mit dunkelblonden, zerzausten Haaren führt uns einen schmalen Fußweg entlang, der in der Nähe des Holzstoßes beginnt und schräg durch die Gärten in Richtung des angrenzenden Hochwaldes führt. Es ist nur ein kurzes Stück bis Hofmanns Garten. Der Junge bleibt vor uns stehen und schaut zwischen den Zaunlatten hindurch. Und tatsächlich – hier sind die beiden. Und wie groß sie schon geworden sind! Die beiden grauen Kätzchen spielen und tollen im Gras herum. Sie balgen miteinander und drehen vor lauter Übermut Purzelbäume. „Süß sind die beiden!“, sagt Helga. Ich finde auch, dass es zwei ganz hübsche liebe Kätzchen sind.

„Die Katzenmutter gehört wohl Frau Hofmann?“, frage ich den Jungen mit dem dunkelblonden Haarschopf. Seine Antwort kommt ohne Zögern: „Ja!“

Nun ist uns klar, dass wir nicht so ohne Weiteres eines der Katzenjungen mitnehmen können. Frau Hofmann möchten wir schon erst einmal fragen. Und dann müssen wir natürlich auch die grau getigerte Katzenmutter fragen. Es kann kein Fehler sein, wenn wir uns vorher mit ihr ein bisschen anfreunden. Wie sollte sie uns sonst ihr Kleines anvertrauen?

Am nächsten Tag steht eine kleine Ausfahrt mit den Eltern auf dem Programm. Wir nutzen das sommerliche Wetter zum Besuch eines idyllisch gelegenen kleinen Ortes an der Grenze zur Tschechoslowakei. Wir spazieren durch Wälder und zwischen ausgedehnten, blumengeschmückten Wiesen und sind fasziniert von der friedvollen Ruhe dieser in den Wintermonaten oft gänzlich abgeriegelten Ortschaft.

Als wir am Abend zurückkommen, herrscht reger Betrieb am alten Holzstapel. Die Kätzchen sind wieder zu ihrem Wohnort, dem großen Katzenpalast aus dicken Stämmen und alten Brettern, zurückgekehrt. Mir wird klar, welchen Weg sie für ihre ersten kleinen Wanderungen ausgewählt haben. Es ist der schmale, leicht ansteigende Trampelpfad zwischen dem Wäscheplatz und Hofmanns Garten.

Und das ist die Chance der Kinder. Auf diesem Weg kann man die Kätzchen leicht erwischen. Dann werden sie von Hand zu Hand gereicht. Alle wollen die Kleinen mal streicheln und mit ihnen schmusen.

Erwachsene gesellen sich zu den Kindern am Holzstoß. Zwei davon sind Bekannte aus dem Haus meiner Eltern. Günter ist selbst Besitzer eines stattlichen Katers. Nun können wir gemeinsam die strittige Frage klären. Günter schaut sich das etwas kräftiger gebaute Kätzchen genau an. Es ist zweifellos ein Kater. Unsere Entscheidung ist damit gefallen, und wir erläutern allen unser Interesse für die Kätzchen und was wir mit dem kleinen Kerl vorhaben.

Nun ist noch zu klären, von welchem Zeitpunkt an so ein Kätzchen ohne die Katzenmutter auskommt. „So nach acht, neun Wochen könntet ihr es mitnehmen“, meint Günter. Aber er rät uns ab. „Das wird nichts! Sie sind hier unter dem Holzstoß aufgewachsen und unheimlich scheu. Man bekommt so wild aufgewachsene Kätzchen nicht zahm.“ Er macht ein nachdenkliches Gesicht und bekräftigt dann noch einmal seine Auffassung: „Ich glaube nicht, dass man sie jetzt noch woanders eingewöhnen kann!“

Ich rechne die Zeit ein, bis wir von unserem Ostseeurlaub zurück sind. Es wäre dann schon die zehnte Woche! Helga sieht mich an und fühlt, dass ich genauso denke: Wir lassen uns nicht abbringen. Wir nehmen den Kleinen mit zu uns und versuchen es.

Aber nun muss ich erst einmal bei Frau Hofmann vorbeigehen, um sicher zu sein, dass sie nichts dagegen hat. Ich treffe sie auch gleich an.

„Natürlich können sie ihn mitnehmen!“ Sie freut sich, dass jemand das Kätzchen in seine Obhut nehmen will. Ich erkläre Frau Hofmann unser Anliegen ausführlich, dass wir ein großes Grundstück erwerben und dass es der Kleine bestimmt gut bei uns haben wird. Ich teile ihr mit, wann wir aus unserem Urlaub zurückkommen und an welchem Wochenende wir voraussichtlich den kleinen Kater mitnehmen. Es ist auch Frau Hofmann klar, dass es vor dem Urlaub nicht geht. Können wir ihn doch nicht gleich in einer fremden Umgebung vierzehn Tage sich selbst überlassen.

Noch oft schleichen wir an diesem Wochenende an dem Holzstoß vorbei, um nach den beiden Kätzchen zu sehen. Sie halten sich am liebsten dicht neben dem Eingang auf, um schnell unter dem Holz entwischen zu können, falls sich jemand nähert und sie fangen will. In der Nähe des kleinen Milchnapfes spielen sie miteinander, und es macht großen Spaß, ihnen dabei zuzusehen.

Sonntag nach dem Mittagessen bin ich als Erster wieder auf dem Weg in den Garten. Es ist still um den großen Holzstapel geworden. Ich nehme an, dass die Kleinen wieder einmal ausgewandert sind und sich in Hofmanns Garten aufhalten. Aber da entdecke ich, wie an der den Häusern zugewandten Schmalseite des Holzstoßes, an ganz ungewohnter Stelle, so ein graues Kleines herausgekrabbelt kommt. Ich nähere mich behutsam, und siehe da – es ist unser kleiner Kater. Er klettert auf der kurzen steilen Böschung an der Längsseite der Holzstämme herum, beschnuppert da einen Grashalm, da ein Blümchen, und dann interessiert er sich wieder für ein kugeliges Stück Erde, das er mit dem Pfötchen anstößt und ins Rollen bringt.

Plötzlich aber erschlafft seine Tätigkeit. Gähnend zeigt er die kleinen spitzen Zähne. Die Augen verkleinern sich zu Schlitzen, durch die er nur noch ein wenig hindurchblinzelt. Schließlich liegt er ausgestreckt auf der Böschung, um im Schatten des Holzstoßes seinen Mittagsschlaf zu halten.

Es ist noch keine Minute vergangen, dass der kleine Kerl vom Schlaf überwältigt in das spärliche Gras gefallen ist, da krabbelt auch schon das zweite Kätzchen an derselben Stelle unter den Rundhölzern hervor. Es ist auf der Suche nach dem Spielgefährten. Und dieser liegt faul im Gras und schläft. Schade, dass ich keine Filmkamera oder wenigstens einen Fotoapparat bei mir habe. Denn nur selten besteht die Gelegenheit, eine solche Szene, die den liebevollen Umgang zweier Kätzchen in so eindrucksvoller Weise belegt, festzuhalten. Die Kleine läuft geradewegs auf den vermissten Spielgefährten zu, legt sich daneben und kuschelt sich an. Eine Vorderpfote kommt auf den Körper des Brüderchens – wie bei einer Umarmung. So vereint schlafen sie im Schatten der Mittagssonne – am Rande des alten Holzstoßes.

Als ich Helga mein kleines Erlebnis erzähle, errät sie gleich, worauf ich hinaus will. „Meinetwegen“, sagt sie, „nehmen wir beide! Es wäre bestimmt sehr schön … Aber du musst dann mit einem von beiden zum Tierarzt gehen. Du weißt, was passiert, wenn sie größer werden.“ Helga lässt mir Zeit zum Überlegen. „Wenn du das machen willst … Ich mache es nicht!“, sagt sie dann. So liegt die Entscheidung also bei mir, und man kann sich schwer für eine Sache entschließen, die man nicht richtig kennt. Die Unsicherheit macht mich schnell wankelmütig. „Das Beste wird wohl sein, es bleibt dabei. Wir nehmen den kleinen Kater!“

Der milde Abend verlockt zu einem Spaziergang. Durch ein kleines Tal des hier angrenzenden Hochwaldes fließt der Milchbach. Dort könnten wir nach ein paar größeren flachen Steinen für unseren Garten suchen. Wir wählen den Weg über den Wäscheplatz und biegen von da aus auf den schmalen Fußweg ein, der schräg durch die Gärten in den dahinter liegenden Fichtenwald führt. Linker Hand taucht Hofmanns Gartenlaube auf. An der Rückwand sind Bretter zu einem kleinen Stapel aufgeschichtet und mit Dachpappe abgedeckt. Ich schaue beim Vorübergehen über die Zaunlatten hinweg.

„Sieh mal, wer da sitzt!“ Es ist unser kleiner Kater. Auch Helga hat ihn nun auf dem Bretterstapel entdeckt. „Da ist ja unser Kleiner!“ Ich lege meinen Arm über Helgas Schultern, und wir schauen uns den kleinen Kerl noch einmal richtig an. Als wir dicht an den Gartenzaun treten, um in seine Nähe zu kommen, steht er auf, weicht ein paar Schritte zurück und beobachtet uns. „Weißt du denn, dass wir dich mit zu uns nehmen? Weißt du das?“, fragt Helga, als würde sie wirklich eine Antwort von dem Kätzchen erwarten. Der Kleine aber setzt sich wieder und schaut uns mit seinen großen runden Augen ungläubig an.

Man merkt schon deutlich, wie die Tage kürzer werden – in der zweiten Hälfte des Monats August. Als wir uns zum Schlafengehen in mein Zimmer begeben, liegt längst Finsternis über dem alten Holzstoß. Wir kuscheln uns auf der schmalen Couch aneinander wie die beiden Kätzchen.

„Hast du dir denn nun überlegt, wie wir unseren kleinen Kater nennen wollen?“ Schon ein paarmal drängte Helga mit dieser Frage. „Ich habe das Kätzchen aussuchen dürfen, und du bist für den Namen verantwortlich!“ „Charli“, schlägt sie vor. „Das klingt doch sehr lustig!“ Ich bin schon ziemlich müde und möchte das schwierige Problem gern noch einmal verschieben. Aber Helga lässt nicht locker, als wäre es nun unaufschiebbar. Ich will sie nicht verärgern. Wir gehen noch einmal alle Katzennamen durch, die uns gerade so einfallen. Peterle, Purzel, Mingo, Mohrle. „Na, Mohrle passt ja nur zu einem schwarzen Kätzchen.“ Ich überlege: Mohrle? Mohrle?

Über den Anfangsbuchstaben M komme ich schließlich zu dem Namen. „Ja, der Name würde mir gefallen!“ Helga ist auch sofort einverstanden. „Da wird er bestimmt ein ganz Frecher!“ Ich merke, wie sie sich freut, dass das Problem nun endlich gelöst ist. Wir haben den Namen für unseren kleinen Kerl: MORITZ!

Vorfreude

Unserer Fahrt an die Ostsee geht noch ein wichtiges Ereignis voraus. Acht Monate lang haben wir um das Haus gekämpft, uns mit vollem Einsatz in die Arbeit gestürzt, die unschlüssige Haltung der Besitzerin geduldig hinnehmen müssen. Und acht Monate lang wussten wir nicht, ob am Ende nicht doch alles vergeblich war. Aber nun endlich sollte Schluss sein mit dem stets erneuten Infragestellen von Absprachen und verbindlichen Zusagen, mit dem belastenden Hin und Her, das so viel Verdruss und auch so manchen Konflikt zwischen uns und der Besitzerin heraufbeschworen hatte.

Diesmal hält Frau Petzold Wort, und drei Tage vor Antritt unseres Jahresurlaubes sitzen wir zusammen in einem kleinen Zimmer des staatlichen Notariats Hainichen. Herr Nestler verliest noch einmal den gesamten Text des Kaufvertrages, den er mühsam in die alte Schreibmaschine eingetippt hatte.

Dann unterschreiben wir alle drei das mehrfach ausgefertigte Dokument, und der Notar verabschiedet uns mit guten Wünschen. Erleichtert verlassen wir das betagte, ehrwürdige Gebäude. Lange waren wir nicht mehr in einer so guten Stimmung. Helga strahlt und hakt sich bei mir ein. „Endlich!“ Es ist, als hätte sich die Freude auf unseren Urlaub nun verdoppelt. „Wie gut, dass wir es noch geschafft haben!“, sagt Helga. „Wenn wir losfahren, liegt der ganze Ärger hinter uns!“ Ein für uns so wichtiges Problem war gelöst, und die Gewissheit, dass wir unser Ziel erreicht hatten, konnte uns in den Urlaub begleiten.

An einem der letzten Augusttage sind wir mit unserem Auto auf der Strecke. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Die Pappeln am Straßenrand stehen wie Bogenlampen, und das Lenkrad zerrt in den Händen. Ein Wartburg mit Wohnanhänger fährt an die Seite und unterbricht notgedrungen seine Fahrt. Schon bei der Abfahrt bemerkten wir die stürmische Wetterlage, aber nun hat das Unwetter beängstigende Formen angenommen. Dicke abgebrochene Äste liegen auf der Fahrbahn umher. Ich muss die Fahrgeschwindigkeit stark drosseln. Die wilden Kräfte gebärden sich umso bedrohlicher, je weiter wir nach Norden kommen. Unser Zeitplan ist nicht mehr zu halten. Und zu allem Übel wissen wir noch nicht einmal genau, wo unser Urlaubsort zu finden ist. Auf keiner Karte war dieses Beckerwitz auszumachen. Dem Antwortschreiben von Frau Meschke war lediglich zu entnehmen, dass dieser wenig bekannte, unbedeutende Ort in der Nähe von Wismar liegen muss. Ohne auch nur für einen Augenblick der Fahrbahn meine Aufmerksamkeit zu entziehen, bespreche ich mit Helga die weitere Strategie. „Also, auf alle Fälle erst einmal Richtung Wismar! Dann werden wir weitersehen …“

Nach neunstündiger Fahrt passieren wir endlich das Ortseingangsschild dieser kleinen Hafenstadt. Linker Hand kommt bald eine Tankstelle ins Blickfeld. Die Tankfüllung könnte noch reichen, aber wir wissen ja nicht genau, wo die Reise hingehen soll. Es wäre nicht gut, ein Risiko einzugehen, und schließlich können wir die Gelegenheit gleich nutzen und uns vom Tankwart den Weg nach unserem Urlaubsort erklären lassen.

Doch die Überraschung ist groß. „Beckerwitz?“ Der ältere Herr in blauer Uniform grübelt lange. „Kann ich Ihnen wirklich nicht sagen – noch nie gehört!“

Was nun? Ende August sind die Tage schon recht kurz. Der Sturm hat uns daran gehindert, zügig zu fahren, und nun haben wir die nächste Bescherung: Die Dämmerung bricht schon herein. Wir fahren aufs Geratewohl weiter. Die Scheibenwischer sind in Betrieb, denn es regnet nun ununterbrochen. Ab und zu halte ich an, und Helga kurbelt die Scheibe herunter. Niemand kann uns helfen, und immer wieder die gleiche Antwort! „Beckerwitz? Tut mir leid, kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Vielleicht gibt es diesen Ort überhaupt nicht. Vielleicht gibt es kein Beckerwitz und keine Frau Meschke.“ Helga weiß nicht, was sie von meinem Galgenhumor halten soll. Stockfinster ist es mittlerweile geworden, und bei der Auswahl der Strecke könnten wir nun ebenso gut würfeln. Unsere Fahrt geht die Ostseeküste entlang in Richtung Westen. Die Wegweiser zeigen Klütz – Boltenhagen. Nur das gleichmäßige, leise Brummen des Motors und die typischen Rollgeräusche auf einer nassen Fahrbahn sind noch zu vernehmen. Es scheint, dass uns der Gesprächsstoff ausgegangen ist. Wir befinden uns in einer sehr unangenehmen Lage und wissen nicht recht, was werden soll. Auch Ermüdung macht sich bemerkbar. Das Einlegen einer Pause wird wohl das Beste sein, was wir im Moment tun können – ist es doch auch an der Zeit für eine kleine Mahlzeit.

Nur mit Mühe ist durch die nassen Scheiben noch etwas zu erkennen. Gespenstisch tauchen einzelne Gebäude mal links, mal rechts der Fahrbahn im Scheinwerferlicht auf, um dann wieder in Finsternis und Regendunst zu verschwinden.

Helga entdeckt das kleine Gasthaus zuerst. Ich trete etwas zu spät auf die Bremse und muss ein kleines Stück zurückfahren, um parken zu können. Der nur für wenige Fahrzeuge eingerichtete Parkplatz befindet sich gegenüber dem Gasthaus. Erst nach Wechseln der Straßenseite wird die Beschriftung an dem flachen Gebäude lesbar: „Restaurant Störtebeker “.

Wir betreten das kleine Gastzimmer und sind angenehm überrascht: Holzverkleidete Wände mit Fischernetzen behangen und Trophäen aus Störtebekers Zeiten, stilvolle Leuchten über sauberen Tischen und auf jeder Tischplatte eine Vase mit Blumen. Wir finden es hier sehr gemütlich und brauchen auch nicht lange an der Tür zu stehen. Eine freundliche junge Kellnerin weist uns einen Platz am vordersten Tisch zu. Wir überfliegen die Abendkarte – ein gutes Angebot und genau das Richtige für uns beide. Wir können zwischen mehreren warmen Speisen wählen.

Als die Kellnerin wieder an den Tisch kommt, versuchen wir aber erst einmal, unser Problem zu klären.

„Wir suchen den Ort Beckerwitz – können Sie uns da helfen?“ Die junge Frau scheint es zu ahnen, dass wir eine lange Fahrt hinter uns haben und unseren Urlaubsort suchen. „Ja, Sie fahren noch fünf Kilometer in Richtung Boltenhagen – dann rechts abbiegen. Keine zehn Minuten mit dem Auto“, antwortete sie auf sehr höfliche Art.

Sind wir froh über diese Auskunft! Nun können wir uns Zeit lassen. Die Anspannung der letzten Stunden weicht. Wir fühlen uns hier geborgen und genießen die angenehme Wärme und die behagliche Atmosphäre der kleinen Gaststube.

Am folgenden Morgen macht uns lautes Gänsegeschnatter munter. Ein Hahn kräht hin und wieder ganz aus der Nähe. Durch das Fenster sehe ich blauen Himmel und ein Stück Garten. Unsere Betten sind hintereinander aufgestellt. Anders wäre für sie in der kleinen Bodenkammer kein Platz. Bei Finsternis und strömendem Regen waren wir spät abends angekommen. Nun erst ist Gelegenheit, sich umzusehen und uns mit der Unterbringung vertraut zu machen. Ein teurer Urlaubsplatz oder eine Auslandsreise kamen für uns dieses Jahr nicht infrage. Nach dem Kauf unseres Hauses galt es erst einmal, sparsam mit dem verbliebenen Geld umzugehen. Das Privatquartier an der Ostsee war erschwinglich. Freilich, in unserem neuen Heim und dem großen Grundstück wartete ein Berg Arbeit auf uns. Aber war es nicht besser, nach den Belastungen der letzten Monate erst einmal Abstand zu gewinnen, andere Eindrücke aufzunehmen und aus großer Entfernung die Dinge, die wir in Bewegung gebracht hatten, noch einmal in Ruhe zu überdenken? So hatten wir uns doch für eine kleine Erholungspause entschlossen und aus einer Sammlung gut aufbewahrter Zeitungsannoncen ein passendes Angebot herausgesucht.

Wir müssen die steile Holztreppe hinuntersteigen, um dann durch die Küche unserer Wirtsleute in das Bad zu gelangen. Frau Meschke begrüßt uns freundlich: „Na, wie haben Sie geschlafen?“ „Danke, gut. Es ist ja herrlich ruhig hier!“ „Das Wetter scheint sich auch zu bessern – da können Sie sich ja heute schon was vornehmen“, meint Frau Meschke und erklärt uns gleich, auf welchem Weg man am besten zum Strand gelangt. „Zehn bis fünfzehn Minuten sind es zu Fuß, wenn sie in Richtung Wieschendorf gehen.“

„Übrigens können Sie hier in der Küche frühstücken, wenn Sie möchten.“ Frau Meschke zeigt uns, wo sie Teller und Bestecks aufbewahrt und wie die Kaffeemaschine zu bedienen ist. Eine volle Stunde lassen wir uns Zeit für die erste Mahlzeit hier in Meschkes Küche, für das anschließende Aufwaschen des Geschirrs und das Packen unserer Sachen für den Strand. Dann sind wir endlich abmarschbereit.

„Siehst du, wir bekommen wirklich schönes Wetter!“ Ich nehme Helga an die Hand, und Meschkes kleiner Hund trottet uns ein Stück hinterher. „Sie brauchen keine Angst zu haben, er tut Ihnen nichts!“, ruft Frau Meschke uns nach. Auch bei dem Nachbarn entdecken wir eine Hundehütte, und aus fast allen Grundstücken hört man es schnattern und gackern. Enten baden in kleinen Wassertümpeln, und eine Schar Gänse folgt uns aufgeregt am Gartenzaun entlang. Die Gänse strecken ihre Hälse und machen unsertwegen einen ordentlichen Krach. Für die Gegend typische eingeschossige Backsteinhäuser mit Walmdach und kleinen, blumengeschmückten Fenster prägen das Antlitz des kleinen Fischerdorfes. Liebevoll gepflegte Vorgärten schieben sich zwischen rotbraunen Backsteinmauern und dem schmalen unbefestigten Weg, auf dem wir gemächlich dahinschlendern. Es gefällt uns hier – weitab der großen Stadt, aus der wir gekommen sind, in sicherer Entfernung von dem hektischen Treiben, dem nie endenden Straßenlärm und belastenden Abgasen. Immer noch ist es ein bisschen windig, und eine Prise Seeluft weht uns um die Nase. Bis zum Ausgang des Ortes steigt der Weg leicht an. Auf der Anhöhe angekommen, helfe ich Helga in die weiße Strickjacke. Vor unseren Augen liegt eine Landschaft voller Schönheit und innerem Frieden. Eine lange gerade Linie erscheint am Horizont, zwei aufeinander stoßende Flächen scharf voneinander abgrenzend. Die Ostsee liegt ausgestreckt und still wie in einem tiefen Schlaf und spiegelt das Blau des Himmels.

Es ist unser dritter Urlaubstag und der letzte Tag im August. Wir haben die gleiche Stelle am Strand bezogen wie am Tag zuvor. Das Recht zum Ausbreiten unserer Badesachen auf diesem winzigen Stück des Sandstrandes haben wir durch Aufräumarbeiten erst erwerben müssen. Bis zu einem Meter hoch hat der Sturm den Seetang entlang des schmalen Küstenstreifens aufgetürmt. Völlig zertrümmerte Strandkörbe liegen umher, und die Badegäste sind abgezogen, vertrieben worden von der zerstörerischen Gewalt meterhoher Wellen. Nur ein paar wenige irren zwischen Seetang und Strandkorbtrümmern umher, um etwas Platz für ein Sonnenbad zu finden. Völlig ruhig ist die See wieder geworden, und die Sonne scheint seit Tagen ununterbrochen. So hinterlässt uns das gewaltige Unwetter auch einen Vorteil. Das Strandleben ist fast zum Erliegen gekommen, und wer sich nach Abgeschiedenheit und Ruhe sehnt, liegt an dem schmalen Küstenstreifen, versteckt hinter Bergen von Seetang, gerade richtig.

Ohne eine Spur von Zurückhaltung und Respekt vor den Menschen watscheln überall Schwäne umher und kommen in beängstigende Nähe. Sie benehmen sich wie Bettler und erwarten, mit Brotstücken und Keksen gefüttert zu werden. Ich beobachte mit Helga die großen schönen Vögel. Einige schwimmen weit draußen. Wir bemerken, dass es meist Pärchen sind, und mit etwas Geduld gelingt es uns, auch die Partner der allein schwimmenden Schwäne herauszufinden. Manche Pärchen schwimmen getrennt, entfernen sich weit voneinander, und es dauert seine Zeit, bis sie wieder zusammenfinden.

Endlich kommen wir einmal dazu, ein Buch zu lesen und mit großer Gründlichkeit Zeitschriften zu studieren. Dann wandern die Gedanken zu unserem neuen Heim. Wie wird es sein, wenn wir da wohnen und alles nach unseren Wünschen gestalten können? Und womit wollen wir eigentlich nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub beginnen? Was ist das Allerwichtigste?

„Weißt du, was für Arbeit auf uns wartet? Und wir liegen hier faul herum!“, sagt Helga. Die Arbeit wird uns schon nicht davonlaufen, aber wir machen unsere Pläne und freuen uns auf das neue Zuhause, das einige Hundert Kilometer von hier entfernt liegt.

Die Sonne steht nur noch flach über dem Wasser, und es wird langsam kühl. Niemand sehnt sich danach, noch einmal in das Wasser zu springen. Helga hat sich mittlerweile angezogen und wartet schon etwas ungeduldig auf mich. „Komm, mein Bummelfritze!“ Sie drückt mir ein paar Sachen in die Hand, die ich auf dem Rückweg zu tragen habe. „Wir wollen doch heute noch ein bisschen feiern!“

Es ist mir ganz recht, dass mein Geburtstag in die Urlaubszeit fällt, Helga war heute früh die einzige Gratulantin. Nicht mal Frau Meschke weiß von dem Geburtstag ihres Gastes. Mit leicht ermüdeten Beinen erreichen wir das hübsche Wohnhaus unserer Wirtsleute. Eine graue Katze läuft mit gemächlichem Schritt ein Stück vor uns her und verschwindet dann zwischen Zaunlatten in den Garten des Nachbarn.

Am späten Abend steht eine Flasche Apfelkorn auf dem Tisch. Auch in einer kleinen Stube mit ganz bescheidener Ausstattung kann es gemütlich sein. Das Zimmer ist sauber und ordentlich, und wir haben alles, was man für einen Aufenthalt im Urlaub benötigt. Ich kurbel an dem Drehknopf unseres Radiorecorders, bis die richtige Musik ertönt, nehme das mitgebrachte Miniroulette aus dem Plastikbeutel und stelle es auf den Tisch. Helga öffnet eine Tafel Pfefferminzschokolade und zerbricht sie in Stücke. Wir beginnen mit unserer abendlichen Beschäftigung. Der hölzerne Kreisel wirbelt die Stahlkugeln über den schalenförmigen Boden. Nach drei Versuchen wird zusammengerechnet. Der Preis für den Gewinner ist jeweils ein Stück Schokolade. Helga steckt mir die gewonnenen Schokoladestückchen gleich in den Mund und freut sich. Doch dann wendet sich das Blatt, und Helga hat ihre Gewinnsträhne. Ich schiebe ihr die Schokoladestückchen zu. „Na, iss!“ Helga kommt in Verlegenheit. Statt zu essen beginnt sie, die Stücke auf ihrer Tischseite zu stapeln. „Ich weiß schon“, kommentiere ich ihr Verhalten. „Die Figur!“

Helgas alter Reisewecker steht wieder mal, aber unserem Gefühl nach ist es schon nach 24 Uhr. Halb so schlimm, wenn man Urlaub hat und am nächsten Tag ausschlafen kann. Das zweite Bett bleibt heute erst einmal unbenutzt, und wir plaudern noch ein bisschen über den Tag und über unsere Vorhaben nach dem Urlaub. „Wie fühlst du dich denn so – als Hausbesitzer?“, fragt Helga. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Es ist mir irgendwie noch nicht klar geworden, dass es so ist und was es bedeutet.

„Und weißt du, was wir beide mitnehmen, wenn wir das nächste Mal in Erlabrunn sind?“ Ich muss einen Moment überlegen, bis ich darauf komme, was Helga meint.

„Ja, ich weiß – unseren kleinen Kater …“

Viele Wege führen von unserem Beckerwitz an den Strand der Ostsee. Wir versuchen, die reizvolle Umgebung unseres Urlaubsortes aus allen Blickwinkeln kennenzulernen. Heute haben wir uns für den schmalen Sandweg entschieden, der, eingesäumt von verkrüppelten alten Weiden, durch die leicht hügelige Landschaft führt. Ausgedehnte Grasweiden und die gelben Flächen gerodeter Getreidefelder prägen das Bild zu beiden Seiten unseres Weges. Schwarzweiß gescheckte Kühe heben die Köpfe und begrüßen uns mit lautem Gebrüll. Nur vereinzelte Baumgruppen finden sich in dem ausgedehnten Weideland, und ein paar einsame Bauerngehöfte verstecken sich hinter den mächtigen Kronen betagter Laubbäume. Die alten, schilfbedeckten Gebäude ducken sich Tarnung suchend auf den Boden, fügen sich in die Landschaft, als wären sie ihr entwachsen.

Die Sonne steht Anfang September nicht mehr allzu hoch, doch die Sicht ist klar, und das malerische Vorland der Ostsee leuchtet in satten Farben.

„Richtiges Fotowetter!“, sage ich zu Helga begeistert. Wir verlassen den Sandweg und laufen quer über ein Stoppelfeld der blauen See entgegen. Die harten Stoppeln dringen zwischen den Riemchen in Helgas Sandaletten ein und erschweren ihr das Laufen. Sie hält sich bei mir fest und erzählt weiter von ihrem Mephisto.

Mephisto hieß ihr schwarzer Kater in Spremberg, ihrem alten Heimatort. Immer wieder kommt Helga auf das anhängliche Tier zu sprechen.

„Er war sehr scheu und hörte auf niemanden. Nur auf meine Stimme reagierte er. Manchmal sah ich ihn weit draußen im Feld – nur als kleinen unscheinbaren Punkt. Aber hörte er mich rufen, machte er sich gleich auf den Weg, und es dauerte nur wenige Minuten, bis er sich daheim einfand. Mephisto wusste auch genau, zu welcher Zeit ich vom Dienst kam. Er lief mir ein großes Stück entgegen und wartete dann immer an derselben Stelle. Nach freundlicher Begrüßung stieg ich wieder auf das Rad, und Mephisto trottete wie ein kleiner anhänglicher Hund die ganze Strecke bis nach Hause neben dem Fahrrad her.“

Die Katze gehört zu den ältesten Haustieren des Menschen. Wir versuchen uns an all das zu erinnern, was wir darüber schon gehört und gelesen haben. Im alten Ägypten galten Katzen als heilige Tiere und genossen die Hochachtung der Menschen. Keiner hätte es gewagt, solch ein Tier zu quälen oder zu töten. Die Kulthandlungen einer bestimmten Priesterschaft standen sogar in engem Zusammenhang mit der Wertschätzung dieser Tiere.

Wir empfinden unsere Übereinstimmung als glücklichen Umstand. Beide zählen wir zu jenen Menschen, die Katzen bewundern und Zuneigung für diese gewandten, kuscheligen Wesen empfinden.

Meine erste Bekanntschaft mit allerlei Tieren führt in die Kindheit zurück. Gern erzähle ich Helga von den Erlebnissen bei Tante Klara. Der Krieg hatte es mit sich gebracht, dass wir Chemnitz verlassen und einige Zeit bei Tante Klara in dem erzgebirgischen Dorf Sosa leben mussten. Hier waren wir vor den Bombenangriffen geschützt, und die kleine bäuerliche Wirtschaft sicherte uns das Notwendigste zum Leben. Ein mittelgroßer Raum war der Aufenthaltsort von vier Generationen – war Wohnraum und Küche in einem. Und hinter dem großen, gusseisernen Ofen wurde gebadet. Nicht selten rannten auch noch frisch geschlüpfte Küken in dem Zimmer umher, kleine Ziegen wurden aus dem Stall geholt, und selbstverständlich hatte auch eine Katze hier ihr Zuhause. Tante Klara veranstaltete mir zuliebe kleine Zirkusveranstaltungen und führte Kunststücke vor, die sie mit den Tieren eingeübt hatte. Sie war eine sehr tierliebende Frau. Und als die Katze eines Tages humpelnd durch das Fenster in die Wohnstube zurückkehrte, wurde sie behandelt und gepflegt, bis das verletzte Bein wieder in Ordnung war.

Kurz vor meiner Einschulung erhielten die Eltern endlich eine eigene, zumutbare Wohnung. Es bedeutete Umzug nach einem ganz kleinen Ort – wenige Kilometer von Sosa entfernt. Das fast 800 Meter hoch liegende Dorf war bei starkem Schneefall oft von der Umgebung abgeschnitten. Hier lebten vorrangig Bauern mit ihren Familien. Pferde und Kühe, Schafe, Hunde, Gänse und Hühner gehörten zum Alltag des Lebens in dem kleinen Ort.

Zur Anschaffung eines eigenen Hundes oder einer Katze aber waren meine Eltern nicht zu bewegen. Doch bald sammelten sich in unserem Garten herrenlose kleine Kätzchen. Ich versorgte sie regelmäßig mit Milch. Die Aufwendungen zur Versorgung der Kätzchen wurden ständig größer. Ich errichtete schließlich aus Bretterresten ein richtiges Katzenhaus, das ich mit Heu auslegte und über Batterieanschluss sogar mit elektrischem Licht versorgte. Die Kätzchen fühlten sich sehr wohl bei mir. Ich spielte mit ihnen und beobachtete ihr lustiges Treiben. Aber es wurden immer mehr. Ich bekam Ärger mit den Eltern und musste mich schließlich verpflichten, die ganze Einrichtung wieder abzubauen. Meine Sympathie für diese verspielten und freiheitsliebenden Tiere blieb bestehen. Ich bewunderte immer wieder ihre unwahrscheinliche Körperbeherrschung und Gewandtheit, mochte ihr schönes kuscheliges Fell, ihre anschmiegsame, zutrauliche Art und die munteren grünen Augen.

Jahrzehnte vergingen. Wohnheime, Untermiet- und Neubauwohnungen ließen die Erfüllung eines solchen Wunsches nicht zu. Doch nun hat sich die Situation in geradezu unerwarteter Weise geändert. Mit einem Eigenheim und einer tierliebenden Partnerin an meiner Seite sind jetzt alle Voraussetzungen gegeben. Das mit dem Haus erworbene Grundstück mit einer Fläche von fast zweitausend Quadratmetern ist das ideale Zuhause für solch einen kleinen Freund. Die nahezu quadratisch verlaufende Grundstücksgrenze schließt eine große Wiese, ausgewachsene Laub- und Nadelbäume, dichtes Buschwerk und viele Zierpflanzen ein.

An keiner Stelle hat das Gelände Berührung mit einer verkehrsreichen Straße. Es liegt inmitten einer Gartenkolonie. Ein schmaler Weg, der von einem LKW nur mit Mühe passierbar ist, verbindet die Ortsstraße mit dem kleinen Eigenheim.

„Hast du schon mal überlegt, wo wir unseren Kleinen unterbringen wollen?“, fragt Helga. „Mephisto hat sein Quartier im Keller neben der Zentralheizung. Die Tür am Hintereingang ist mit einer kleinen Öffnung versehen, durch die er jederzeit raus und rein kann.“ Aber unser Haus in Frankenberg hat keinen Hintereingang und auch sonst keinen geeigneten Zugang für eine Katze.

„Was ist, wenn wir mal nicht zu Hause sind? In unsere Haustür vorn können wir ja nun wirklich kein Loch hineinsägen!“

Wir finden schnell eine andere Lösung: An die Doppelgarage in unserem Grundstück hatte Frau Petzold noch eine Unterbringung für ihren Schäferhund anbauen lassen. Wir benutzen den kleinen Raum vorläufig zum Abstellen der Gartengeräte. Da könnten wir unserem Moritz eine Schlafstelle einrichten. „Natürlich darf er auch mal zu uns in die Wohnung kommen!“, beruhigt mich Helga. „Aber in dem kleinen Anbau ist dann sozusagen sein Hauptquartier.“

Wir sind am Ende des ausgedehnten Stoppelfeldes angekommen. Die Sicht zum Meer ist uns versperrt. Ein Trampelpfad führt auf die Anhöhe hinauf und dann zwischen immer dichter werdenden Sanddornsträuchern und Kartoffelrosen hindurch. An den engsten Stellen streifen die stachligen Sträucher unsere Kleidung. „Weißt du, dass wir solche Sträucher im Grundstück haben?“, fragt Helga. Ich kann mich nicht erinnern. „Doch, die Bepflanzung auf der kleinen Böschung am Swimmingpool besteht zum Teil aus Sanddornsträuchern und Kartoffelrosen. Du hast es bestimmt übersehen, weil alles mit Gras und Brennnesseln zugewachsen ist.“ „Kann schon sein!“ Ich erinnere mich nur an den alles überragenden Rhododendron, wenige Schritte vor den Stufen, über die man die Plattform am linken Rand des Schwimmbeckens erreicht.

Der für diese Küstenregion so typische Pflanzenwuchs lichtet sich ein wenig. Wir vernehmen leise das Anschlagen der Wellen. Eine glatte blaue Fläche erscheint zwischen den Sträuchern. Ich habe etwas entdeckt, und mein erhobener Arm zeigt Helga die Richtung. Zwei große Frachtschiffe – zwischen den stacheligen Ästen von Kartoffelrosen. Wir befinden uns auf dem Kamm der Steilküste. Der schmale Pfad schlängelt sich, allmählich wieder an Höhe verlierend, unserer Badestelle zu.

Kühleres Wetter ist angesagt. Wir sitzen in unserer Bodenkammer und beraten die Ausflugsziele für den nächsten Tag. Dabei hilft uns eine Karte der westlichen Ostsee, die gar nicht so leicht zu beschaffen war.

Der alte Lada kommt nun wieder zum Einsatz, und das Fahren auf den glatten, unbelebten Straßen macht wenig Mühe. Uns interessieren die bekannten Badeorte an der Wismarer Bucht. Wir kommen nahe an die Grenze zur Bundesrepublik. Wachtürme tauchen auf und zwingen uns zur Umkehr.

An einem anderen Tag besichtigen wir die Altstadt und den Hafen von Wismar. Wir finden Platz in einem Café, betrachten durch kunstvoll gerahmte Fenster den Marktplatz der kleinen Hafenstadt und die historischen Gebäude.

Wismar ist nicht weit und lockt uns immer wieder. Wir schleichen uns in die große Backsteinkirche inmitten der Altstadt und lauschen ohne Eintrittskarten einem Orgelkonzert. Ein anderes Mal erkundigen wir uns im Hafen nach den Abfahrtszeiten und erleben noch am selben Tag eine Schiffsfahrt zur Insel Poel – bei herrlich klarer Sicht und strahlendem Sonnenschein.

Nicht immer sind die Ziele unserer Ausfahrten genau geplant. Das Doberaner Münster wird unsere Entdeckung. Wir sind beeindruckt von der erhabenen Schönheit und der farbenprächtigen Ausgestaltung dieses bedeutenden Bauwerkes, und am Nachmittag ist noch Zeit, den Badeorten Heiligendamm und Kühlungsborn einen kurzen Besuch abzustatten.

Schließlich überlässt uns Herr Meschke seine Fahrräder. Zweimal sind wir auf der Suche nach neuen Badestellen mit den Rädern unterwegs. Es geht über Feldwege und durch die Kiefernwälder der näheren Umgebung unseres Urlaubsortes. An einem vom Sturm weniger verwüstetes Stück Strand in der Nähe von Zirow breiten wir unsere Sachen aus. Bis zum späten Nachmittag liegen wir hier ungestört in dem sauberen hellen Sand, genießen die wärmenden Strahlen der Sonne und müssen uns auf dem unerwartet langen Heimweg schließlich eingestehen, dass wir uns total verfahren haben.

Es ist ein Urlaub ohne Sensationen und große Ereignisse, über die zu berichten wäre. Das Dienstleistungsangebot ist zu Saisonausgang bescheiden, aber wir sind mit dem zufrieden, was noch möglich ist. Wir haben in keinem Restaurant um einen Platz zu kämpfen, bleiben verschont von Ärger und belastenden Problemen. Es sind für uns beide erholsame Tage voller Harmonie. Und die meisten dieser Tage verbringen wir an dem Stück Ostseestrand, das wir zu Fuß erreichen können – auf dem schmalen Sandstreifen bei den Schwänen, die über den angespülten Seetang watscheln und uns Gesellschaft leisten.

Ein Hauch Wehmut liegt über den alten schilfbedeckten Häusern. Es herrscht absolute Windstille, und behagliche Wärme spüren wir an dem Abend vor unserer Abreise. Will uns die Ostsee zum Bleiben verleiten? Wir tragen die Jacken auf dem Arm, schlendern noch einmal durch unser Beckerwitz, vorbei an den hübschen kleinen Vorgärten und den eingezäunten Grundstücken.

Am Haus unserer Wirtsleute bleiben wir stehen und schauen in das gegenüberliegende Gelände. Schafe und Ziegen weiden auf dem vorderen Teil der Wiese. Hinter einer Abzäunung aus Maschendraht schließt sich ein zweiter Abschnitt des Grundstückes an. Und da entdecken wir auch die Katzenjungen wieder, die zwischen aufgeregt gackernden Hühnern herumtollen. Vor ein paar Tagen haben wir die Kleinen bemerkt und dann regelmäßig nach ihnen Ausschau gehalten. Konnten wir sicher sein, dass unser kleiner Kater überhaupt noch da ist, wenn wir nach so vielen Wochen wieder nach Erlabrunn kommen? Und niedlich waren die Kleinen hier auch.

Eine ältere Frau in blauer Wickelschürze taucht in dem aufgewühlten Hühnergelände auf und bemerkt unser Interesse. „Wir beobachten Ihre Kätzchen!“, ruft Helga über den Zaun. „Wir wollen uns nämlich auch eine Katze anschaffen! „

„Ja, gefällt Ihnen eine?“ Das Gesicht der Frau erhellt sich. „Nehmen Sie doch eine mit!“, ruft sie freundlich zurück. Helga sieht mich an. Dann sagt sie laut: „Danke, wir bekommen schon was zu Hause!“

Ich nehme Helga an die Hand, und wir wenden uns dem Eingangstor unserer Wirtsleute zu. Meschkes Hund trottet uns neugierig ein Stück entgegen. Wir haben keine Eile – es ist noch ausreichend Zeit zum Kofferpacken.

„Nicht wahr“, meint Helga, „wir haben es unserem kleinen Kater versprochen, dass wir ihn nehmen.“

„Ja“, erwidere ich, froh darüber, dass es Helga auch so sieht.

„Und ein gegebenes Wort muss man halten!“

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