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BENJAMIN MARKOVITS

SPIELTAGE

ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch

von Dieter Fuchs

OKTAVEN

Für meinen Vater

Nur hasse ich alles, was komplett erfunden ist – noch das versponnenste Gebilde sollte Fakten als Grundlage haben –, und reine Fiktion können sowieso nur Lügner.

Lord Byron

1

Mein erstes erkennbar sexuelles Erlebnis fand im Kraftraum meiner Junior-Highschool statt, und zwar beim nachmittäglichen Basketballtraining. Ich sage «erkennbar», auch wenn ich nicht weiß, ob ich es schon damals als solches erkannt habe. Wir arbeiteten uns durch diverse Stationen, von denen eine erforderte, dass man sich von zwei Haltegriffen aus nach oben drückt, mit angewinkelten Beinen; und ich weiß noch, wie ich vor Anstrengung die Augen schloss und zwischen meinen Oberschenkeln merkwürdige Empfindungen aufkamen und sich langsam ausbreiteten. Das war nur eine chemische Reaktion, nichts weiter, obwohl ich danach etwas weiche Knie hatte; und vielleicht war es am gleichen Nachmittag oder auch an einem anderen, dass sich ein paar Teamkollegen über meine Beinbehaarung lustig machten.

«Das sind ja richtige Männerbeine», sagte einer, und ich sah an mir hinunter und versuchte zu entscheiden, ob sie zu behaart oder im Gegenteil nicht behaart genug waren. Jedenfalls machten die anderen Jungs gleich mit. Vermutlich war es die Flaumigkeit meiner Härchen, die sie lustig fanden, und es ist wohl typisch für dieses Alter, dass ich nicht recht wusste, ob ich jetzt in ihren Augen eher wie ein Mädchen aussah oder überentwickelt war, und mich für beides schämte.

Gerede über Sex war natürlich etwas, an das man sich in der Umkleidekabine gewöhnen musste. Und auf dem Spielfeld. In der Schule ist das Training die einzige Zeit, in der ein Coach reine Jungsklassen vor sich hat, also ohne Mädchen, auf die man Rücksicht nehmen müsste.

«Hast wohl gestern’n bisschen mit dir selbst gespielt», sagte ein Trainer immer, wenn jemand den Ball durch die Finger gleiten ließ.

Allgemeines Gelächter. Coach Britten nannten wir ihn, obwohl er gleichzeitig stellvertretender Rektor war und vermutlich der erste schwarze Mann, den ich je in einer Machtposition erlebt hatte. Ich fürchtete mich ein wenig vor ihm, vor den peinlichen Dingen, die er mir vorwerfen könnte. Groß gewachsen und mit durchgestrecktem Rücken patrouillierte er in dunklem Anzug und blankpolierten Schuhen die Grund- und Seitenlinien entlang. Manchmal, wenn wir ihn enttäuscht hatten, mussten wir uns an der Wand der Turnhalle aufstellen, während er mit dem Basketball in der Hand im Mittelkreis blieb.

«Stillgestanden», rief er. «Ruhe jetzt.»

Dann zielte er auf einen unserer Köpfe, und derjenige musste ausweichen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals einer getroffen oder gar verletzt wurde, obwohl der Ball mit immenser Wucht gegen die Wand knallte. Aber seine Botschaft kam an. Zwei Botschaften eigentlich: Manchmal müsst ihr auf mich hören, und manchmal müsst ihr eurem Gefühl folgen. Für ihn bestand ein wichtiger Teil seiner Aufgabe darin, uns neben anderen Dingen auch beizubringen, Männer zu sein – auf eine Art und Weise, wie das Lehrer und Eltern nicht konnten oder wollten. Meine Probleme beim Highschool-Sport hatten wohl auch damit zu tun, dass ich das nie gelernt habe.

2

Mein Vater behauptet gern, es sei sein Onkel Joe gewesen – und nicht etwa Kenny Sailors, Bud Palmer oder Belus van Smawley –, der im Jahr 1931 den Jumpshot erfunden hat. Mein Urgroßvater, Ari Markovits, maß zwei Meter acht und wog über hundertzwanzig Kilo, als er mit neunundneunzig Jahren starb, zwei Wochen vor der Bar-Mizwa meines Vaters. «Früher war ich mal groß», war einer der Witze, die er im Alter gern machte. In jungen Jahren muss er also ein Riese gewesen sein, und Onkel Joe verbrachte seine Kindheit damit, über ihn drüber werfen zu wollen.

Meine Familie kam kurz vor dem Ersten Weltkrieg aus Bayern in die Staaten. Basketball ist von jeher ein Ghetto-Spiel, aber in den Anfangstagen waren die Ghettos jüdisch und die Stars eben weitgehend Juden.

Die Markovitse haben sich in der üblichen Manier hochgearbeitet. Mein Großvater wurde in München gezeugt und in der Lower East Side New Yorks geboren. Als junger Mann stieg er in den Lebensmittelhandel seiner Cousins ein und half, ihn zu einem Franchise- Unternehmen auszuweiten. Er zog mit seiner Familie nach Middletown, um dort die neue Zentrale auszubauen, und fuhr drei Abende die Woche ins zwei Stunden entfernte Manhattan, um an der Columbia University Jura zu studieren. Das Haus, in dem mein Vater aufwuchs, war wohlhabend, gehobene Mittelschicht, dennoch brüstete er sich damit, bis zum College außerhalb des Unterrichts nie ein Buch gelesen zu haben: Seine Nachmittage verbrachte er lieber auf dem Sportplatz.

«Markovits», sagte sein Highschool-Trainer einmal zu ihm. «Du bist vielleicht langsam, auf jeden Fall aber schwach.»

Allerdings hatte er ein scharfes Auge und flinke Hände. Dies waren für mich als Kind nur zwei Werkzeuge seiner allumfassenden Autorität. Ich war der Sohn, der seine Leidenschaft für den Sport geerbt hatte, dazu noch etwas von der Größe meines Urgroßvaters und Onkel Joes Körperlichkeit. Wir spielten alles Mögliche zusammen, Basketball, Tennis, Billard – und verbrachten den Großteil meines eher freundelosen ersten Highschool-Jahrs über einen Miniatur-Tischtennistisch gebeugt, der nicht größer als dreißig auf sechzig Zentimeter war. Mein Vater besitzt unendlich viel Geduld, aber er spielt keineswegs, um sich zu entspannen. Als ich zwölf oder dreizehn war, konnten wir uns ohne jede Rücksicht miteinander messen.

Die Familiengeschicke folgten der üblichen Flugbahn. Als Enkel eines Einwanderers und Sohn eines praktizierenden Anwalts war mein Vater Juraprofessor geworden. Sein eigener Sohn wollte Schriftsteller werden. Das Haus, in dem ich aufwuchs, war voller Bücher. Die Sommer verbrachten wir in Deutschland, wo meine Mutter geboren und aufgewachsen war, und jedes Mal schleppte mein Vater Antiquitäten und Teppiche mit zurück, die nach und nach unser sonniges Haus in Texas füllten. Es hatte einen großen Garten, und im hinteren Teil richtete er einen Basketballcourt ein, damit seine Kinder dort spielen konnten.

Vermutlich war ich nirgendwo glücklicher als auf diesem Spielfeld. Aber zwischen meiner und seiner Kindheit war irgendetwas geschehen, und der Unterschied lag nicht nur in dem Geld, mit dem wir jeweils aufwuchsen. Für ihn war Basketball die Entschuldigung gewesen, von zu Hause weg zu können; für mich war es der Grund, daheimzubleiben. Auch das Spiel selbst hatte sich verändert. Es gab keine jüdischen Stars mehr, Schwarze waren auf sie gefolgt, und auch in den Vierteln und auf den Sportplätzen sah man sie. Die Hälfte der Kinder, mit denen ich zur Schule ging, war schwarz, eher weniger in den Vertiefungskursen, deutlich mehr im Basketballteam. Der Sportplatz war einer der wenigen Orte, an denen wir gemeinsam abhingen, doch selbst dort machte sich die vornehme Zurückhaltung meines, nennen wir es: Klassenbewusstseins bemerkbar. Zum Beispiel wäre mir nie in den Sinn gekommen, einen Ball zu dunken.

Basketball tut weh, das ist das Erste, was man lernt, bis die Finger von einer Hornhaut überzogen sind, die in sich nur den ein oder anderen Tropfen Blut trägt. Meine Mutter, eine Sozialistin alter Schule, meinte bei ihrem Anblick: «Mit solchen Händen wirst du die Revolution überleben.»

Nicht dass einem das auf dem Platz viel half. Während meiner Highschool-Jahre folgte mein Vater freitagabends dem Teambus durch ganz Texas, um mich spielen zu sehen. An Orte, die Del Valle oder Copperas Cove hießen und vor deren Sporthallen die Konföderiertenflagge wehte. Er war bei den anderen Vätern auf der Tribüne, während ich auf der Bank auf meinen Händen saß (um sie aufzuwärmen). Ich hatte Angst davor, dass der Trainer mich aufs Feld schickt. Vermutlich haben viele Eltern ein Gespür dafür, wozu ihre Kinder fähig sind, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. In der Welt und in ihrer Liebe müssen wir ganz unterschiedlichen Ansprüchen genügen, und diese Differenz zu beobachten, muss schmerzhaft für sie sein.

«Soll ich mal mit dem Coach reden?», fragte er mich einmal auf dem Heimweg. Manchmal fuhr ich lieber mit ihm als im Mannschaftsbus.

«Bitte nicht», sagte ich.

Aber er ließ nicht locker. «Die hätten dich da draußen gebrauchen können. Ich weiß doch, was du draufhast.»

«Bitte nicht.»

Meine Scheu war Beleg dafür, wie selbstsicher er seit seiner Kindheit in den Straßen von Middletown geworden war.

Aber kurz vor dem College-Abschluss hatte auch ich so meine Erfahrungen gemacht. Und irgendwann in den vier Wanderjahren des Studiums kam ich auf die Idee, professionell Basketball zu spielen – niemand in meinem Bekanntenkreis hatte je vom Schreiben leben können.

Ein Freund filmte mich in der Uni-Sporthalle, wie ich ganz für mich allein Bälle warf und dunkte. Das war die Bewerbung, die ich verschickte, begleitet von der kleinen, aber entscheidenden Information, dass meine Mutter Deutsche war, was mir erlaubte, die europäische Quote für ausländische Spieler zu umgehen. Während meine Kommilitonen sich eifrig für Aufbaustudiengänge bewarben, Jura oder Medizin, und auf ihre Zulassungsbescheide warteten, verließ ich an einem windigen Märztag das Büro des Dekans und hatte die vier dünnen Seiten eines Vertrags in der Hand, den ein Agent gerade durchgefaxt hatte. Und ich zeigte ihn jedem, der in meine Nähe kam. Das hatte so etwas wunderbar Unplausibles. Ich hatte mit siebzehn das letzte Mal ein Trikot getragen, aber trotzdem gab es da jemanden in Ober-Ramstadt, der sich entschieden hatte, mich zu vertreten.

Ich wollte zu irgendetwas zurückkehren, zur Kindheit meines Vaters ebenso sehr wie zu meiner eigenen. Ein zielsicherer Jumpshot und eine gute linke Hand waren ihm viel wichtiger gewesen als Berufsausbildung, Gehalt, Festanstellung oder Hypothek. Ein normales Leben als Erwachsener kam mir vor wie einer dieser gesellschaftlichen Anlässe, zu denen man als Kind mitgeschleppt wird – wo man Anzug und Krawatte trägt, die einem nicht passen, und Sachen sagt, von denen man nicht überzeugt ist. Basketball war meine Entschuldigung, nicht hinzugehen. Außerdem wollte ich endlich die Dinge tun, die ich in der Highschool versäumt hatte.

Zwei Tage nach dem Studienabschluss flog ich nach Hamburg und verbrachte den Sommer damit, von einem Zug zum nächsten und vom Hotel in die Sporthalle zu gehen. Damals hatte ich nicht viel Gepäck, nur meine Sporttasche mit einer Ersatzgarnitur für alles, inklusive Sneakers, sowie dem dicken Ball in der Mitte. Die Klamotten wusch ich in dem Waschbecken, das gerade zur Verfügung stand. Die meisten der großen Städte waren vom Fußball dominiert, nur auf dem Land, in den Dörfern und Marktgemeinden, hatte der Basketball Luft zum Atmen. Ab Ende Juli war ich dann in Landshut, nordöstlich von München, bei einer Zweitligamannschaft unter Vertrag, die in der Gegend als «Yoghurts» bekannt war. Ich hatte einen Monat Zeit und flog nach Hause, um den Sommer wie üblich damit zuzubringen, zwischen der Kälte der Klimaanlage und der grellen, reflektierenden Hitze des väterlichen Basketballcourts zu pendeln. Ende August stieg ich dann in den Flieger nach München, um mein neues Leben zu beginnen.

Mein Vater brachte mich zum Flughafen und blieb bei laufendem Motor eine Minute lang im Auto sitzen. Er legte mir die Hand auf die Schulter; ich wusste, dass er einen Ratschlag vorbereitet hatte. «Tu mir einen Gefallen, ja?», sagte er schließlich. «Mach keinen Quatsch mit diesen Jungs, diesen Spielern.»

«Was meinst du mit Quatsch machen?»

«Du weißt, was ich meine», sagte er. «Zocken oder so. Das sind nicht die Kids, mit denen du aufgewachsen bist. Und wo wir gerade dabei sind: Hüte dich auch vor den Frauen, die um sie herumschwirren.»

Als ich dann die Sicherheitskontrolle, das Einchecken und den langen, fensterlosen Korridor zum Gate hinter mich brachte, spürte ich etwas Seltsames. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Angst vorm Fliegen.

3

Der Club schickte jemanden, der mich am Flughafen in Empfang nahm, einen Amerikaner namens Bo Hadnot, vom Akzent her Südstaatler. Er war so eins sechsundachtzig, eins achtundachtzig groß; vermutlich ein ehemaliger Spieler, dachte ich. Mit großen Zähnen, die seine Lippen ein wenig aufdrückten und ihn durstig aussehen ließen. Und mit kräftigen Händen – er nahm mir die Reisetasche ab. Das schien mir eine eher traurige Aufgabe für einen Expat.

Ich wurde in diesem Sommer öfters «in Empfang genommen», an Flughäfen, Bahnhöfen, Busterminals, von diversen Teamchefs und Clublakaien. Dicke, schlecht gekleidete Männer, deren letzter Rest von Jugend darin bestand, dass sie noch bei ihren Eltern wohnten. Ein Freund aus der Clubleitung hatte ihnen irgendeinen Job verschafft: Übernachtungen und Ablaufpläne organisieren, Spieler vom Hotel zur Halle befördern, danach die Umkleide putzen, Trikots waschen etc. Trotzdem spielten sie sich vor den nervösen Neuankömmlingen auf, vor Typen wie mir. Die meisten wussten gar nicht, wie ich heiße, und Hadnot war da keine Ausnahme. Ihnen genügte, dass ich Basketballspieler war, sie rechneten damit, meinen Kopf schon irgendwie über den anderen erkennen zu können.

Ich war nach dem Flug verschwitzt und verschüchtert und schlief auf der Fahrt schon nach wenigen Minuten ein. Hadnot verfuhr sich auf dem Weg vom Flughafen. Er weckte mich an einer Tankstelle, damit ich nach dem Weg frage, und sagte dabei erst leise, dann immer lauter: «Junge! Junge!» Er hatte mitbekommen, wie ich mit einem der Zollbeamten Deutsch gesprochen hatte. Wieder im Auto fragte ich ihn, wie lange er schon hier sei, und ohne Ironie oder Scham meinte er, fünf Jahre. Was er die ganze Zeit gemacht habe, fragte ich.

«Basketball gespielt.»

Irgendwann überwanden wir das Gitternetz an Autobahnen rund um den Flughafen und fuhren durch eine ländliche Gegend, die einladend und ordentlich bewirtschaftet aussah. Landstraßen, links und rechts von hohem Getreide gerahmt. Und Dörfer, die von Oberüber Mittel- zu Unter- eine ganze Skala von Namen aufwiesen, keines davon größer als eine Kurve und ein paar Bauernhäuser. Die Stadt selbst war recht hübsch und alt. Wir rumpelten ein paar Minuten lang über die Hauptstraße, vorbei an einer Kirche mit Backsteinturm, so nüchtern wie ein Fabrikschlot, bevor wir direkt am Fluss vor einem kleinen italienischen Restaurant namens Sahadi anhielten. Unter einer rotgestreiften Markise hingen Korbflaschen im Fenster. Die meisten Autos, die hier parkten, waren blaue, zweitürige Fiats mit brandneuen Nummernschildern: ein Anzeichen dafür, dass sich das Basketballteam hier versammelt hatte. Hadnot meinte, er müsse noch seine Tochter von ihrer Großmutter abholen, und fuhr los, kaum dass ich die Tür zugeschlagen hatte.

Das Sahadi trug den Namen seines Besitzers, eines Türken, der aus Turin über die Alpen gekommen war, als die Deutschen Ende der Achtzigerjahre die Einwanderungsbestimmungen lockerten. Er war die Sorte Mann, die mein Vater liebt, ein wurzelloser, polyglotter Verkäufertyp – mit Leuten wie ihm hatte ich meinen Dad meine ganze Kindheit über «parlieren» gesehen. Er hielt mich wegen meiner Größe für einen weiteren Spieler und führte mich unter mehreren niedrigen Backsteinbögen durch, allesamt von Weinreben umrankt. Die Bayern, sagte er mir (genau wie mein Vater das getan hätte, überhäufte ich ihn mit Fragen), würden die türkische Küche nicht sonderlich schätzen, weshalb er italienisch kochte, gelegentlich aber versuchte, auch ein paar östliche Elemente einfließen zu lassen. Herr Sahadi schien überglücklich, einen neuen Basketballspieler kennenzulernen. Unter einem der Bögen legte er mir die Hand auf den Arm, damit ich stehen blieb und er seinen Sermon loswerden konnte – die erste Andeutung von Berühmtheit.

Der letzte Raum war kaum mehr als eine Höhle; er enthielt einen niedrigen Tisch sowie ein halbes Dutzend Männer, die um ihn herum saßen und versuchten, irgendwie ihre Knie unterzubringen.

«Wo ist Hadnot?», rief jemand, als ich unter einer eingetopften Weinrebe den Kopf einziehen musste und einen freien Stuhl suchte. Er müsse seine Tochter abholen, sagte ich. «Bist du der Amerikaner?», fragte die gleiche Stimme. «Setz dich her, brother, setz dich her, denn mir beliebt mit dir zu sprechen.»

Die Stimme gehörte einem der beiden schwarzen Männer im Raum. Er machte mir neben sich am Tischende Platz und griff nach einem sauberen Teller, auf den er aus einer von Sprudelflaschen umringten Schüssel Spaghetti häufte. Die meisten anderen hatten schon gegessen. Es war nicht mehr viel übrig, aber er suchte zusammen, was er konnte, und präsentierte es mir: Grissini und Hummus, kalte Calamari, Parmesan, Zitrone, ein bisschen Frascati. Sein Name sei Charlie, sagte er, Charlie Gold, dann stellte er mir den Rest der Mannschaft vor: Olaf Schmidt, Axel Plotzke, Willi Darmstadt, Milo Moritz und Karl.

Charlie bestritt den Großteil des Gesprächs. Er hatte ein eher unmarkantes Gesicht, tiefhängende Augenbrauen und einen zurückweichenden Haaransatz – verschmitzt, aber keineswegs jugendlich. Zum Beispiel hatte er sich nicht die Mühe gemacht, wie bei Leistungssportlern üblich den Wildwuchs an Löckchen um die Ohren, am Hals und im Nacken wegzurasieren. Die Haut seiner Wangen war von Akne zerfurcht. Man hätte daran ein Streichholz entzünden können – ein Bild, das sich aufdrängte, weil so viele am Tisch rauchten.

Die Zigaretten wurden in den Essensresten, den Olivenschälchen und den leeren Kaffeetassen ausgedrückt. Charlie hatte sich nicht daran beteiligt, das roch ich sofort. Ich konnte es auch am Klang seiner Stimme hören, in der, wenn er jemandem zum Anzünden eine Kerze reichte, sowohl Belustigung als auch Missfallen mitschwang. Er war glücklich über dieses Missfallen; es verschaffte ihm die richtige Position. Er sagte zu mir: «Du rauchst aber nicht, oder?», und als ich den Kopf schüttelte, fügte er so laut, dass ihn jeder hörte, hinzu: «Diese Europäer, sie denken, sie sind Künstler. Sie denken, sie sind Rockstars. Direkt vor dem Spiel erzählen sie sich, wie viele Drinks sie am Abend davor gekippt haben. Sie wollen, dass du anständig spielst. Ich geb dir einen Rat, young man. Spiel niemals anständig.»

Daraufhin meinte einer der anderen lachend: «Ja, aber wir sind glücklich.»

«Nein, du bist nicht glücklich, Milo, du bist sicher nicht glücklich, wenn ich mit dir fertig bin.»

Milo hatte das Gesicht eines Boxers, fleischig, mit gebrochenem Nasenbein. Sein Lächeln wirkte wie aufgeklebt. Während ich aß, bahnte sich ein Mann mittleren Alters mit üppigem Schnurrbart einen Weg zwischen den Stühlen hindurch an unser Tischende. Ich muss auf seinem Stuhl gesessen haben, denn er sah mich scharf an, bis Charlie sagte: «Alles in Ordnung, Coach. Der Junge hier war hungrig, also hab ich gesagt, er soll sich zu mir setzen.»

Ich erkannte Herrn Henkel vom Probetraining und stand auf, um ihm die Hand zu geben.

«Wo ist Hadnot?», fragte er mich.

«Er muss seine Tochter abholen.»

«Er holt nie seine Tochter ab», erwiderte Henkel und ließ einen flüchtigen Blick über den Rest der Mannschaft streifen.

Dieser kurze Blick hatte etwas Väterliches, und das Kind und das Heimweh in mir fühlten sich angesprochen. «Wollen Sie sich wieder hierhersetzen, Coach?», fragte ich ihn auf Deutsch, aber er erwiderte in seinem holprigen Englisch: «Man soll nie seine Stellung aufgeben, oder was sagst du, Charlie?» Dann sagte er zu einem der anderen Jungs: «Rutsch mal, Darmstadt.»

Darmstadt war ein Schüler mit herausgewachsener Pilzfrisur. Er schob seinen Stuhl zurück, erhob sich und stand den restlichen Nachmittag an die Wand gelehnt. Niemand sagte etwas. Charlie nutzte die Gelegenheit, um sich ein paar Leute vorzuknöpfen – seine eigene Formulierung. Er hatte etwas Ruheloses an sich, das auf mich schon bei dieser ersten Begegnung wirkte, als sei er nicht wirklich glücklich. Man spürte, dass er sich zu Größerem berufen fühlte und mit der aktuellen Situation nur arrangierte. Zum Ausgleich machte er sich über andere lustig. Der Mann, den er mir als Plotzke vorgestellt hatte, war ein dicker, langarmiger Deutscher mit leichten Merkmalen einer Drüsenfunktionsstörung: ein hängendes, ovales Gesicht; große Kuhaugen. «Wie viel wolltest du im Sommer abnehmen, Axel? Oder hast du am Zunehmen gearbeitet?» Die Sorte von Witz.

«Ja, ja», sagte Axel. Eine wohlerzogene, mürrische Stimme. Aber Charlie schenkte fast jedem am Tisch seine Aufmerksamkeit, nur Darmstadt ließ er in Ruhe, außer er wurde provoziert. Aber es gab noch einen anderen Schüler im Team, und von dem sagte Charlie, er wolle ihn gern «als besten Freund bezeichnen».

Nennen wir ihn einfach Karl. Es gibt zum einen das rechtliche Problem, aber ganz unabhängig davon würde seine heutige Berühmtheit den Charme überlagern, den er damals hatte, in seiner ersten Profisaison, als er noch mehr oder weniger unbekannt war. «Wir zwei haben allerhand zu besprechen», sagte Charlie. Karl ließ dieses Gerede lächelnd über sich ergehen, ohne groß zuzuhören oder sich weiter darum zu kümmern. Er hatte eines dieser riesigen, flachen Gesichter, die Gefühle nur bedingt erkennen lassen. Und er wirkte ungemein deutsch, speziell was seinen Kleidungsstil anging, der fast schon penetrant leger war: braune Jeanshose, Ledersandalen und ein knallgelbes T-Shirt, auf das in verwaschenen Buchstaben die Worte High Anxiety gedruckt waren.

Später, als er sich unter der Toilettentür hindurchduckte, fiel mir erst auf, was an Karl das Faszinierendste war: Er war zwei Meter dreizehn groß und sah völlig normal aus. Es waren wir anderen, die wie geschrumpft oder unproportioniert wirkten.

Da Charlies Sprüche Karl nichts anhaben konnten, richtete er seine Aufmerksamkeit auf Olaf, den anderen dunkelhäutigen Spieler am Tisch. «Immer noch am Essen?», fragte er. «Brauchst wohl ’n bisschen mehr Zeit, wie?» Dann, mit einem gewissen Unterton: «Der Typ ist sogar zu faul zum Fressen.»

Sportmannschaften sind voller Mitläufer – alle fingen an zu lachen. Auch ich musste mir die Faust an die Lippen pressen. Olaf stocherte ungerührt in seinem Teller herum. Er hatte die athletische, seelenruhige Ausstrahlung einer griechischen Skulptur, einer zwei Meter großen, hundertzwanzig Kilo schweren griechischen Skulptur. Seelenruhig war jedoch nicht das Wort, das Charlie für ihn bestimmt hatte. Faul, faul, faul; er sang es geradezu wie einen Choral. Heilig, heilig, heilig. Olaf hob die Hand und senkte den Kopf, eine seiner typischen Gesten.

«Ich verstehe, was du meinst», kommentierte Charlie. «Lass mich in Ruhe. Nur werde ich das nicht.»

Wenn die Deutschen Englisch sprechen, klingen ihre Stimmen oft so süßlich wie schwacher Tee. «Nein, ich sag dir, was ich meine», erwiderte Olaf. «Du kannst mich am Arsch lecken, Kleiner.»

Das verursachte eine kleine Sensation, und zwar der Ruhe, weshalb Charlie umherblickte und fragte: «Was heißt das? Was heißt das?»

Darmstadt, der nach wie vor an der Wand lehnte, fing an zu kichern. «Der Junge lacht wohl über alles», sagte Charlie. «Der lacht auch noch, wenn man ihn von der Brücke wirft.»

Olaf redete weiter auf Deutsch: «Es ist ganz schön daneben, hier anzukommen und auf die Jüngeren loszugehen.»

Charlie drehte sich lächelnd zu mir. «Was hat dieser faule Hurensohn gesagt? Was hat er gesagt?»

Für einen Moment sahen wir uns in die Augen. Milo klatschte in die Hände und rief: «Wir haben einen Dolmetscher! Einen Dolmetscher.» (Ein hässliches deutsches Wort für translator.) Auch Olaf sah jetzt zu uns, und ich erkannte an seinem leicht belämmerten Blick, dass er ein bisschen Angst vor dem hatte, was ihm da über die Lippen gekommen war, ein bisschen Angst vor Charlie.

Ich sah zu Charlie, ich sah zu Olaf, und ich sah zu Herrn Henkel, der mit einem bemühten Lachen sagte: «Immer locker bleiben, Charlie.» Er hatte ein freundliches, einfaches, bayrisches Gesicht: braun gebrannt, würdevoll und kantig. Das Gesicht eines wohlhabenden Bauern. Nur wenn er Witze riss oder lachte, wurde etwas Derberes erkennbar, ein Humor, den er sich im Umkleideraum zugelegt hatte.

«Ich dachte, ich werde genau dafür bezahlt. Für meinen Pre-Season Peptalk.»

Aber Henkel legte dem schwarzen Mann die Hand auf den Kopf. «Nein, nicht dafür bezahlen wir dich. Das gibst du uns als Zugabe.»

«Ich bin eben großzügig», sagte Charlie.

Ein paar Minuten später bat Henkel um Ruhe und begann seinen eigenen «Pre-Season Peptalk». Er erklärte, was er von uns erwartete, was er in diesem Jahr erreichen wollte, und gab einen groben Überblick, wie die kommenden Wochen aussehen würden. Es rührte mich, wie emotional die meisten Männer reagierten, trotz der Streiterei und der peinlichen Stimmung beim Essen. Zum Teil lag das wohl auch daran, dass sie ein wenig betrunken waren. Olaf legte die Wange in seine große Handfläche. Milo drückte, als Henkel aufstand, um einen Toast zu sprechen, schnell die Zigarette aus und schenkte sein Glas voll. Eine krudere Zusammenstellung von Menschen kann man sich gar nicht vorstellen – wie komplett unterschiedliche Stühle in einem Trödelladen. Fast jeder von uns war in irgendeiner Form zu groß, zu dick oder zu dünn. «Aufs Gewinnen», sagte Henkel, «denn Gewinnen ist besser als Verlieren.» Wir jubelten ihm hoffnungsvoll zu.

Es war Charlie, der mich nach dem Essen heimbrachte – also zu meiner neuen Wohnung. Sein Auto war etwas größer als die anderen, ein VW Golf, an dessen Rückspiegel ein Paar Nike-Hightops in Miniaturversion baumelte. Ich fragte mich, ob er damit irgendwelche Ansprüche auf mich geltend machen wollte. Wir fuhren zurück durchs Zentrum und die Hügel hinauf, Hügel, hinter denen das offene Ackerland begann, und kamen unter dem roten Backsteinbogen einer alten Bahnbrücke durch. Die Gleise wurden inzwischen nur noch von Bäumen genutzt.

Zur Rechten thronte ein Pferdehof, dahinter fiel das Gelände in ein bewaldetes Tal ab. Charlie bog nach links, fuhr ein kurzes Stück über eine asphaltierte Zubringerstraße und parkte vor einer Reihe geschlossener Garagen, die sich entlang einer großen violetten Wohnanlage aus den Sechzigerjahren erstreckten. Er stieg nicht aus, um mir mit dem Gepäck zu helfen, aber die Art, wie er dasaß, ließ vermuten, dass er etwas sagen wollte. Also wartete ich einen Moment, bevor ich die Tür aufmachte. Genau wie bei meinem Vater, zwölf Stunden vorher.

«Ich habe große Hoffnungen, young man», sagte er, «dass wir dieses Jahr den Sprung aus der zweiten Liga schaffen. Karl wird nicht lange bleiben, deshalb müssen wir die Zeit nutzen. Aber jeder hat seine Rolle zu spielen. Auch du.» Nach einer Pause sagte er erneut: «Große Hoffnungen» – und mit diesen ließ ich ihn zurück, nahm meine Tasche vom Rücksitz und stieg aus.

Meine Wohnung war eine von denen, die zur Straße zeigten. Die meisten meiner Teamkollegen hatten irgendwann in diesem Komplex gewohnt, aber es gab hier auch Zivilisten, wenn man so sagen will. Und Hinweise auf Familien: kleine Fahrräder, die auf den Fußwegen herumlagen, Gießkannen, Gummistiefel. Die strahlende Vielfalt des Lebens zeigte sich an Wäscheleinen zwischen Badezimmerfenster und Balkongeländer. Herr Henkel hatte mir die Schlüssel gegeben, und mit einem davon mühte ich mich ab, um das fensterlose Treppenhaus betreten zu können. Der Jetlag machte sich langsam bemerkbar. Am Vortag war ich noch in einer anderen Welt gewesen. Endlich allein, dachte ich und war fast schon dankbar für die Dunkelheit, als ich die paar Stufen zu der Tür hinaufstieg, deren Nummer an der Schlüsselkette hing.

Das Zimmer, in das ich eintrat, hatte in der Mitte ein großes Bett; es sah verlockend gemütlich aus in dem schwachen Licht, das durch die zugezogenen Vorhänge des dahinterliegenden Fensters hereinkam. Sie waren schwer und hässlich, und das Erste, was ich machte, war, sie derart gewaltsam herunterzureißen, dass zum einzigen Mal an diesem Tag die Sorglosigkeit sichtbar wurde, die mit der Freude eines jungen Mannes einhergeht. Es war fünf Uhr an einem Sommernachmittag, und der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt – die Sonne schien heller, je mehr sie sich senkte. Das Fenster zeigte auf einen schmutzigen, eingemauerten Balkon, von dem das Wasser schlecht abfloss; stehende Pfützen hatten die Fliesen ausgebleicht. Dahinter lag die Straße, und hinter der Straße kamen der Pferdehof, das Tal und der Wald. Das transparente Licht im Westen verdickte sich zu einem Bronzeton, bevor es schließlich ganz verschwand. In diesem Licht schlief ich ein.

Es war dunkel, als ich aufwachte – auch weil mir kalt war. Außerdem hatte ich Hunger, nur nicht genug Hunger, um mir so spät noch etwas zu essen zu besorgen (es war schon nach zehn), deshalb beschloss ich zu duschen, mir frische Sachen anzuziehen und dann wieder ins Bett zu gehen. Wir wollten am nächsten Tag früh anfangen. Das Training begann um neun, und um elf sollten die Türen für die Presse geöffnet werden. Meine Tasche lag da, wo ich sie fallen gelassen hatte, also auf dem Kissen neben mir. Ich nahm den Basketball heraus und fing an, meine Sachen auszupacken.

Im College hatte ich mich nie für Mode interessiert, wobei ich bezüglich meiner Garderobe doch einen merkwürdigen Ehrgeiz entwickelte, nämlich den, sie auf ein praktisches Minimum zu reduzieren. Wenn ich mir eine Hose kaufte, nahm ich eine, die für eine Interrail-Tour durch Europa ebenso geeignet gewesen wäre wie für ein Begräbnis oder ein Bewerbungsgespräch – eine, die ich bei Hitze oder Kälte anziehen konnte; bei langen Reisen; bei einem Picknick auf einer matschigen Wiese. Sogar meine Sneakers, schwarze Air Jordans, hatte ich einmal zu einer dunklen Hose bei einem College-Ball getragen. Mein Anspruch war nicht, gut auszusehen oder modisch zu sein, sondern ungebunden, leichtfüßig, stets in der Lage einfach abzuhauen. Als ich meine wenigen Sachen in dem großen, alten Schrank verstaute, der neben dem Bett aufragte, hatte ich das Gefühl, dass zumindest eine meiner Eitelkeiten mir doch noch nützlich gewesen war und ihre Existenz rechtfertigte. Dass ich genau so lebte, wie ich es mir erträumt hatte.

Die Wohnung hatte drei Räume: das Schlafzimmer, eine Küche und ein Badezimmer. Nur das Bad ging zum Innenhof. Unter der Decke hatte es ein Fenster, das vermutlich allein dazu da war, bei Bedarf etwas Luft hereinzulassen, aber ich war groß genug, um auch hinaussehen zu können. Die Lichter der Wohnanlage strahlten in unregelmäßigen Quadraten. Am nächsten Morgen konnte ich dann die äußere Form dieser Muster erkennen. Die Gebäude waren alle identisch und in kräftigen, leicht unterschiedlichen Farben gestrichen; außerdem standen sie in einem seltsamen Winkel zueinander. An diesem Abend sah ich allerdings nur ein paar erleuchtete Fenster, und ich betrachtete sie mit dem guten Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem andere Leute bereits (unerklärlicherweise) zu Hause waren.

Nach einer Weile verwandelte sich das Leuchten im nächstgelegenen Fenster zu verschwommenen Umrissen, und aus diesen Umrissen wurde ein Kopf, ein Arm, ein Kleid. Ich merkte, dass ich eine Frau mit langen Haaren betrachtete. Sie bürstete ihr Haar auf eine Art und Weise, die mich vermuten ließ – ich habe drei Schwestern –, hier eines der letzten stillen Rituale mitzuverfolgen, die ein Mädchen vor dem Zubettgehen praktiziert. Ich hatte geradezu Heimweh nach ihr, konnte mich nicht von ihr losreißen. Aber jemand oder etwas rief sie in ein anderes Zimmer, und ich starrte mit klopfendem Herzen weiter auf die leere Stelle, die sie zurückließ (nur eine von Vorhängen eingerahmte Wand), bis ich mit dem Gefühl einer erneuten Einsamkeit das Badezimmerlicht ausmachte und wieder ins Bett kroch.

4

Der Typ, der mich am Flughafen in Empfang genommen hatte, wollte im Auto wissen, warum ich «zum Basketballspielen so weit gereist» sei. Als ob er sich darüber auch schon den Kopf zerbrochen hätte. «War nur so ’ne Schnapsidee», sagte ich, und so kam es mir an diesem windigen, sonnigen Morgen beim Aufwachen auch tatsächlich vor. Es war schon so warm, dass ich auf dem Weg zur Halle ins Schwitzen geriet. Ich ging unter der stillgelegten Brücke durch und sah auf der anderen Seite ein paar Geschäfte, einen Zeitungskiosk, eine Bäckerei und eine kleine Kneipe namens Einhorn. Ein Mann im Overall stand an der Kellerluke und rollte Bierfässer nach unten. Die Dunkelheit der Kneipe war mit grünen Staubflecken durchsetzt; eine Frau mit Schürze nahm die umgedrehten Stühle von den Tischen. Anständige Arbeit, dachte ich, und ging weiter Richtung Fluss.

Er führte, wenn man ihm weit genug folgte, in südwestlicher Richtung nach München, die Stadt, die meine Vorfahren vor fast hundert Jahren verlassen hatten. Das Sportzentrum befand sich auf der anderen Seite, ein flacher, überdimensionierter Funktionsbau, wie ihn Stadtverwaltungen errichten. Zwei große Säulen flankierten den Haupteingang. Sonst deutete nichts auf die Erhabenheit der Wettkämpfe hin, die im Inneren stattgefunden hatten. Aufgeregt war ich nicht zuletzt (und darauf will ich hier hinaus), weil ich gleich herausfinden würde, ob ich auch wirklich gut genug war. Basketball ist natürlich ein Mannschaftssport, aber letztendlich beruht er auf dem einsamen Kampf, durch den man ihn erlernt hat: allein, auf dem Court meines Vaters, in heftigem Regen oder der noch heftigeren Hitze von eintausend texanischen Nachmittagen. Es kam mir vor, als müsste ich jetzt das Vorgestellte am wirklichen Leben messen.

Ein übergewichtiger junger Mann mit breiten Nasenlöchern wies mir den Weg zur Umkleide. Jeder, der schon mal in einer Mannschaft gespielt hat, kennt die Szenerie: dieser besondere Geruch, das kalte, intensive, schattenlose Licht, die Anti-Rutsch-Matten auf den Bodenfliesen und die abgenutzten Holzbänke. Es müffelt nach feuchtem Nylon und Fußpilz, man spürt so etwas wie Frontkameradschaft.

Der junge Darmstadt war schon umgezogen, als ich ankam, und suchte fieberhaft nach Basketbällen; er wollte, dass jemand mit ihm spielte. Aus einer Tasche am Boden quollen Trainingstrikots. Ich nahm eine kurze Hose und ein Oberteil und zog sie schweigend an: zum ersten Mal schlüpfte ich in die Rolle des Profisportlers. Olaf war auch schon da und sagte Darmstadt, er solle seinem eigenen Schweif nachjagen oder etwas in der Art – und ihn in Ruhe lassen. Manche von uns sind noch gar nicht richtig wach, sagte er und sah mich teilnahmsvoll an.

Ich ging los, um das Spielfeld zu suchen, und musste in den unbeleuchteten Gängen mehrmals kehrtmachen. Die Halle selbst war groß und schummrig und sah aus wie ein Flugzeug-Hangar. Der Boden war grün, Licht spiegelte sich ganz schwach darauf, was dem Platz eine beinahe unterirdische Düsterkeit verlieh. Jemand hatte die Basketbälle entdeckt, und das Echo des Aufpralls hallte von den hohen Aluminiumstreben zurück. Milo übte Jumpshots: werfen, einem Fehltreffer nachjagen, abrupt stehen bleiben, erneut werfen. Sein Atem war bereits deutlich zu hören.

«Young man», rief mir jemand zu, «young man.» Charlie wollte ein Eins-gegen-Eins; er warf mir den Ball außerhalb der Dreierlinie zu und nahm eine Verteidigungshaltung ein. «Dann lass mal sehen, was du draufhast», sagte er.

Ich fing entspannt an zu dribbeln, die ballabgewandte Seite zu ihm gedreht. Ich war nicht sicher, wie ernst ich das nehmen sollte, aber er bückte sich und grabschte nach dem Ball, doch seine Handflächen schlugen auf den Boden.

Charlie nahm mich als Rechtshänder, was mir im Grunde auch lieber ist. Die meisten rechtshändigen Spieler sind Linksfüßler – so halten sie beim Springen die Balance. Ich bin da eine Ausnahme. Nach der Schule hatte ich immer stundenlang geübt, an imaginären Gegenspielern vorbeizudribbeln und zu werfen. Ein innerer Kritiker beurteilte mich dabei: war ich schnell genug etc. Aber der eigentliche Punkt war, dass ich mir dabei die Ticks und Marotten eines Autodidakten zulegte. Außerdem noch die eine oder andere falsche Schreibweise, also das sportliche Äquivalent dazu. Jedenfalls ziehe ich gern mit links, deshalb wechselte ich vor ihm die Seite, hielt beim Hochspringen des Balls inne und ging an ihm vorbei.

«Mach das noch mal», sagte er, nachdem der Ball im Korb gelandet war. «Und noch mal», meinte er, als ich den Move wiederholt hatte. Diesmal drehte ich mich aber aus dem Dribbellauf und versenkte einen Fünfmeterwurf, während er noch versuchte, mich einzuholen. Schon ganz außer Atem, die Augen gegen den Schweiß zusammengekniffen, hörte ich mein Herz in den Ohren trommeln. Das war der Rhythmus zu einem stillen Refrain der Selbstbeglückwünschung: du kannst das, du kannst das. «Young man», sagte Charlie und rieb sich die Hände, «jetzt kommen wir langsam zur Sache» – aber Herr Henkel blies in seine Trillerpfeife und rief uns in die Mitte des Spielfelds.

Was folgte, waren eineinhalb Stunden Routine-Übungen. Henkel war ein technikorientierter Trainer. Die Session war bis auf die Minute genau auf einem Klemmbrett notiert, das er mit dem Handgelenk an die Hüfte presste. Nicht dass er etwas gegen eine Abwechslung gehabt hätte. Nach der Hälfte des Trainings ließ er uns bei einer Runde Freiwürfe verschnaufen, nur wurde er nach ein paar müden Airballs sauer und drohte dem gesamten Team für jeden weiteren Fehltreffer Suicides an. Ein Suicide ist wie ein Hundert-Meter-Sprint auf dem Gefängnishof, immer hin und her, deshalb war die Halle erfüllt vom Quietschen überdehnter Sneaker und dem Klatschen von Händen, die auf den Boden schlugen.

Ich warf meine beiden daneben. Das Blut in meinem Kopf hatte begonnen, meinen Blick einzufärben wie eine Quetschung. Charlie warf ebenfalls einen daneben. Er hatte eine merkwürdige Wurftechnik, eine Korkenzieherdrehung, die irgendwo hinter seinem Kopf begann. Zwischen den Grundlinien war er auch nicht gerade der Schnellste (diese Ehre gebührte Milo, der das sehr ernst nahm), und ich fragte mich, ob Charlie wirklich der Mannschaftskapitän war. Um Viertel vor elf öffnete Henkel die Türen, und ein paar beleibte Männer in Krawatten und Freizeithosen strömten lächelnd herein, in der Hand Fotoapparate oder Notizbücher. Mittlerweile konnte ich fast nicht mehr aufrecht stehen.

Der Trainer teilte uns in Fünfergruppen ein. Olaf und ich spielten zusammen mit Plotzke und Darmstadt. Plotzke war ein richtiges Vieh, mit dickem Bauch und den hochgezogenen Schultern eines Buckligen: seine Stimme hingegen war sanft, fast schon weinerlich. Er studiere BWL, pausiere derzeit aber für ein Jahr, erklärte er mir in einer kleinen Unterbrechung. Das hier sei nur eine Art Urlaub, sagte er und lächelte mit hochrotem Kopf. Charlie hatte Karl an der Seite, außerdem Milo und eine lange Bohnenstange mit Bürstenschnitt namens Michel Krahm, der sich wie ein Insekt bewegte und den ganzen Tag noch nichts gesagt hatte. Dabei hatten die meisten von uns etwas gefunden, über das sie sich beschweren konnten.

Gern würde ich sagen, dass wir ihnen halbwegs gewachsen waren. Nur verstand ich jetzt, was Charlie beim gestrigen Mittagessen demonstriert hatte: warum ihn jeder seine Sprüche klopfen ließ. Er dribbelte hoch und wütend (obwohl er der kleinste Spieler auf dem Feld war) und schlug den Ball wie einen Gerichtshammer zu Boden, während er sich über das Feld bewegte. Dabei hatte er die ganze Zeit den Mund auf, schrie herum und sagte den anderen, was sie tun sollten. «Backdoor, backdoor», rief er irgendwann. Milo sah ihn verständnislos an, und Charlie warf einen Pass, der ihn voll im Gesicht erwischte, zog Richtung Korb, griff sich den wegspringenden Ball und versenkte ihn. «Gutes Zuspiel», sagte er dann und rannte zurück in seine Hälfte.

Später, nach einem langen Rebound, schickte Olaf mich auf einen Fast Break. Nur Charlie war zurückgelaufen. Ich hatte ihn ganz für mich allein, direkt an der Freiwurflinie, und spulte den Seitenwechsel ab, mit dem ich ihn vorher ausgetrickst hatte. Nur schnappte er sich diesmal den Ball so schnell, dass ich mich noch in die Bewegung beugte, als er schon längst wieder weg war. «Schön wär’s», rief er mir über die Schulter zu. «Aber nicht mit mir …»

Die eigentliche Offenbarung dieses Trainings war jedoch Karl. Ich weiß nicht, ob er schneller oder stärker war als wir, oder woran es sonst lag. Er schien sich in einer komplett anderen Dimension zu bewegen. Einmal wollte ich ihm den Weg versperren und sah ihn schon einen Moment später, als ich mich noch fragte, wohin er verschwunden war, hinter mir am Rand des Korbs hängen. «Look at the Kid!», rief Charlie. «Look at the Kid!»

Charlies Art, seine Teamkollegen zu loben, hatte etwas Großkotziges, aber der Spitzname blieb haften. Sogar die Lokalzeitungen übernahmen ihn. (Die Deutschen haben eine merkwürdige Vorliebe für englische Bezeichnungen.) Irgendwie überdeckte der Spitzname jedoch die Tatsache, dass Karl tatsächlich noch ein Kid war, ein siebzehnjähriger Junge, der nervös in die Rolle schlüpfte, die ihm sein Talent auferlegt hatte. Er hatte die Angewohnheit, sich bei den Jumpshots nach hinten zu lehnen, geradezu lachhaft bei einem Zwei-Meter-noch-was-Mann; versuchte zu viele Dreier und traf oft nur den vorderen Korbrand; schlief in der Abwehr und fuchtelte dann wild mit den Armen, um den Boden wiedergutzumachen, den seine Füße nicht gewonnen hatten.

Genau deshalb konnten wir sie auch fast besiegen. Karl ließ mich bis an die Dreierlinie vor, und ich konnte die Augen scharf stellen und einen Zweier versenken, bevor er überhaupt reagierte. Beim nächsten Mal zog Charlie ihn von mir ab (gewaltsam, mit beiden Händen) und bedrängte mich, kaum dass ich die Mittellinie überquert hatte. Ich kämpfte mich bis zu den Blocks vor und ging dann wieder leicht zurück. Olaf deckte mich an der Freiwurflinie, und ich drehte mich raus, fing den Pass und ging hoch, um zu werfen. Ich bin fünfzehn Zentimeter größer als Charlie, und er wusste, dass er meine Wurfhand nicht erreichen konnte. Stattdessen boxte er mir den Handballen in den Bauch. Der Ball senkte sich weit vor dem Korb, während ich ein Foul reklamierte. Der Trainer saugte an seiner Pfeife, pfiff aber nicht, und Charlie rief mir augenzwinkernd zu: «Ich dachte, das hier ist ein Sport für Männer.» Karl jagte da bereits über den Flügel nach vorne, und Charlie bekam von hinten den Outlet. Er faltete den Ball aufs Handgelenk wie eine Teppichrolle und schickte einen weiten Bogenpass über das Spielfeld, der Karl mitten im Lauf erreichte. Er dunkte ihn, ohne auch nur abzubremsen, und ließ sich von der Wucht seines Sprints wieder zurücktragen.

Das Spiel war aus. Fotoapparate blitzten, und am nächsten Tag konnte ich in der Zeitung seinen Gesichtsausdruck sehen. Ein barbarischer Aufschrei, würde ich sagen – außer dass seine Augen, die weit aufgerissen waren, eher besorgt als glücklich wirkten. Ich betrachtete das Foto (es gab noch eines, auf das ich gleich zu sprechen komme) am nächsten Morgen mehrere Minuten lang, während ich mein müdes und so gut wie appetitloses Frühstück einnahm. «Riesenschritte» lautete die Bildunterschrift, mir kam jedoch eine ganz andere in den Sinn, die seine Miene viel besser beschrieb: Stilles Gebrüll. Er imitierte die Stars, die er aus dem Fernsehen kannte, die meisten davon schwarz, hatte allerdings noch nicht gelernt, die Wut oder Freude zu empfinden, die sie angesichts ihrer Fähigkeiten verspürten und im Spiel zum Ausdruck brachten. Karl jubelte, weil man das irgendwie von ihm erwartete.

Die Zeitung hieß Bayrisches Bauernblatt. Auflage: zwanzigtausend. Ich war früh aufgestanden, um mir einen Liter Milch zu kaufen, und hatte sie in dem Laden am Fuß des Hügels mit eingepackt. Die meisten Meldungen drehten sich ums Wetter, die Preise für Viehfutter, das Landwirtschaftsministerium etc. Sie wurde hier in der Stadt gedruckt, mit einer altmodischen Presse, direkt in der Redaktion. Diese befand sich im zweiten Stock eines Bürgerhauses aus dem neunzehnten Jahrhundert, das gegenüber dem Theater am anderen Flussufer stand. Im Stockwerk darunter war der hiesige Lokalsender angesiedelt, der sich eine Reihe von Mitarbeitern mit der Zeitung teilte. Die beiden Fotos zierten die Titelseite. Nach dem Frühstück schnitt ich das zweite aus, um es nach Hause zu meinen Eltern zu schicken. Sie bewahrten es auf, steckten es in einen Rahmen und gaben es mir wieder, als ich ein paar Jahre später danach fragte. Ich betrachte das Foto gerade.

Mein jüngeres Ich sieht mich an – auf dem billigen, dünnen Papier zu nichts als einem Umriss verblasst. Ein Tropfen Milch, auf irgendjemandes Schuhe gekleckert, hat sich über die Jahre in ein zartes Violett verwandelt. Es ist ein Mannschaftsbild, zweireihig arrangiert. Die vorderen knien: Charlie Gold, Willi Darmstadt (grinsend wie der Schulbub, der er war), Milo Moritz und Herr Henkel. Die größeren Spieler in der hinteren Reihe stehen Arm in Arm; Karl hat seine Hand auf meiner Schulter. In einem Anflug von Vermessenheit liegt meine Handfläche auf Charlies Kopf, auf dem, was von seiner Lockenpracht noch übrig ist. «Spieltage» lautet die Bildunterschrift.

Die Fotoapparate sorgten für Ausgelassenheit, daran erinnere ich mich. Ich meine damit nicht nur das Bild an sich, sondern die Gegenwart der Fotografen. (Die Presse tauchte nie wieder bei einem Training auf.) Sie verwandelten die düstere Halle am Rand einer bayrischen Kleinstadt in einen Ort mit Bedeutung; sie machten uns zu Basketballspielern. Nur ein paar Zeilen Text haben die Rahmung des Fotos überlebt. Herr Henkel, steht da, hat eine Reihe junger Talente ins Team geholt, um den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Er sagt, Charlie Gold, der Star der letzten Saison, sei genau der Richtige, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Das einzige Fragezeichen ist Hadnots Knie; ob er sich vor Saisonbeginn von seiner Operation erholt. Für den Fall der Fälle wurde ein junger Amerikaner verpflichtet, der ihn ersetzen kann …

5

Die Yoghurts waren eine Abteilung des örtlichen Sportvereins, und bei Weitem nicht die wichtigste. Ein paar der Eishockeyspieler, hieß es, verdienten im sechsstelligen Bereich. Wir dagegen teilten uns die Halle mit einem Dutzend anderer Sportarten und Kurse. Am Mittwochabend etwa fand vor unserem Training Aerobic für Über-Fünfzigjährige statt. Wenn die Glocke bimmelte, ging eine Gruppe grauhaariger Frauen in Gymnastikanzügen vom Feld, um es uns zu überlassen. Oft mussten wir erst noch die Turnmatten aufräumen, bevor wir loslegen konnten.

Herr Henkel hatte große Pläne und war der Überzeugung, sie durch harte Arbeit realisieren zu können. Er wollte zwei Trainingseinheiten pro Tag und bekam sie auch: von zehn bis zwölf am Vormittag und dann abends noch mal von acht bis zehn. Es gab viele Klagen über diese Abendsessions. Man wusste nicht, wann man essen sollte, und wenn wir dann nach Hause kamen, total kaputt und verschwitzt, waren wir meist auch zu aufgedreht zum Schlafen. Außerdem musste ich bis elf warten, bis ich duschen konnte, sonst hätte ich gleich wieder zu schwitzen begonnen. In der Regel schob ich mir danach nur noch einen kleinen Happen rein, meist irgendwas Kaltes, das vom Nachmittag übrig war.

Morgens war es nicht viel anders. So um sieben stopfte ich mir etwas Toast und eine Schüssel Flockenzeug in den Mund und versuchte danach, noch einmal die Augen zuzumachen, bevor ich zur Halle ging. Am merkwürdigsten waren die langen, nutzlosen Nachmittage, die sich von zwölf bis acht erstreckten und nichts anderes zuließen, als dass man Hunger bekam. Ich nahm im ersten Monat fünf Kilo ab. Alles, was ich machen konnte, alles, was ich machen wollte, morgens, mittags oder wenn ich mit ausgedörrter Kehle mitten in der Nacht aufwachte, war trinken.

Andere Clubs trainierten oft nur drei Mal pro Woche. Sie hatten ein paar Vollzeitprofis; der Rest der Spieler organisierte andere Tätigkeiten um die Trainingseinheiten herum. Olaf war es, der mir eines Nachts in meiner Wohnung bei kaltem Brathuhn erzählte, dass Henkel für seine Mannschaft nicht viel hinlegen musste. Für sich selbst dagegen hatte er ein hohes Gehalt heraushandeln können, indem er dem Vereinspräsidenten klarmachte, er werde auch mit mittelmäßigen Spielern Erfolg haben. Olaf sah mich an, als wollte er sagen: Nimm mir das nicht krumm. Erst da verstand ich, was er meinte – ich war einer der Spieler, die billig eingekauft worden waren.

Wir saßen in meiner Küche, die keine Vorhänge hatte. Die dunkle Landschaft draußen ließ die einsame Lampe in den Fensterscheiben erstrahlen. Dicke Pferdebremsen aus den Ställen auf der anderen Straßenseite landeten auf dem Backblech; ab und an verscheuchten wir sie mit der Hand. Olaf war ein Nörgler – das fand ich charmant. Trotz seiner immensen Gemütsruhe; trotz seiner offenbar reichhaltigen körperlichen Vorzüge. Was mir gefiel, war seine Art, ohne viel Nachdruck mit der Welt unzufrieden zu sein. Er fand immer etwas, an dem er herummeckern konnte, ließ sich aber nie davon stressen.

«Ist mir egal, wenn sie knapp bei Kasse sind», sagte er, «aber Henkel sollte nicht damit angeben.» Henkel habe die Besitzerin, eine ältere Dame namens Frau Kolwitz, gefragt, was sie lieber wolle: einen teuren Trainer oder teure Spieler. «Sie antwortet nicht. Er erklärt ihr: ‹Es gibt nur einen Trainer, aber zwölf Spieler. Ich an Ihrer Stelle würde den teuren Trainer einkaufen.›»

«Woher weißt du das?», fragte ich. Es war schon fast Mitternacht, und Olaf hatte sich noch einen Stuhl geholt, um die Füße draufzulegen.

«Weil er es mir erzählt hat! Genau das meine ich ja: Er ist ein Angeber. Er kann einfach nicht anders. Zweimal hat er mir die Story schon erzählt. Mir ist das egal, ist nicht meine Sache, aber wer muss dafür bezahlen? Also unterm Strich? Wir – zweimal täglich, und das im August. In der zweiten Liga des Deutschen Basketballbunds. So was hab ich echt noch nie gehört. Ich sag’s dir, die anderen in der Liga lachen sich kaputt. Die sind jetzt irgendwo am Strand mit ihren Freundinnen: so bereiten sich andere Mannschaften vor. Da muss man Hadnot bewundern. Der macht das clever, verletzt sich immer rechtzeitig zum Saisonende und kann dann den Sommer über pausieren. Henkel ist natürlich sauer deswegen, aber machen kann er letztendlich nichts. Er denkt, dass er dieses Jahr auf ihn verzichten kann, wegen Karl, aber das ist ein Fehler. Karl ist zu jung; ein großes Talent, ja, aber einfach zu jung. Und egal, wie viel wir im August auch rennen, egal wie fit wir werden – wir sind trotzdem nur durchschnittliche, preisgünstige Basketballspieler. Und er ist auch nicht gerade ein Supercoach.»

Olaf hatte allerbeste Laune. So zu reden, baut einen trotz allem irgendwie auf. Was er sagte, war: Auch wenn du nicht besonders gut bist, und sie dich wie einen Köter dressieren, weißt du wenigstens, was Sache ist.

Wobei mir persönlich die Lauferei gar nichts ausmachte. Sie ermüdete die Einsamkeit, die ansonsten meine Tage ausgefüllt hätte. Ich tat nichts außer rumliegen, essen, trinken, duschen und Basketball spielen. Für anderes hatte ich keine Zeit, und obwohl jeder Nachmittag zur freien Verfügung stand, war es nicht nur mein Puls, der langsamer wurde. Ich erwartete von den Tagen etwas weniger als früher. Und am Ende des Monats konnte ich dem Bus nachrennen und für mein Ticket bezahlen, als hätte ich an der Haltestelle gestanden. Ich fing sogar an, anders zu gehen. Ich bin so fit wie noch nie, sagte ich eines Morgens vor dem Training zu Herrn Henkel, aber ich komm fast nicht aus dem Bett, ich kann fast nicht zur Halle gehen. Ja, erwiderte er (er hatte mich verstanden), aber du könntest in einer Minute zur Halle laufen – ist es das, was du meinst? Es ist wunderbar zu wissen, was der eigene Körper vermag. Speziell wenn man jung ist, bevor sich dann alles in Fett verwandelt.

Trotz der Dinge, die Olaf erzählt hatte, gefiel mir Henkel immer besser. Er war etwa so groß wie mein Vater, also rund einen Kopf kleiner als ich, und sein buschiger Schnurrbart erinnerte mich an meine Kindheit – an die Freunde meines Vaters, die am Beginn ihres Familienlebens standen. Ich sah sie immer beim Mitarbeiterpicknick, wo sie Frisbee spielten, oder auf dem Fußballplatz beim Sonntagskick der Jura-Fakultät. Sie rochen nach Aftershave und Schweiß.

Sie gehörten einer anderen Generation an. Ein Kollege meines Vaters, der zufällig auch in der gleichen Fraternity war, hatte ein Basketball-Stipendium an der Cornell University erhalten; in seinem dritten Jahr dort, 1958, erreichte er mit seinem Team das Halbfinale des National Invitation Tournament. Früher habe ich öfters mal gegen ihn gespielt: ein jüdischer Mittelschichts-Typ mit flinken Händen und scharfem Verstand. Jemand wie er würde es heute nicht einmal in ein Highschool-Team schaffen, und trotzdem waren es seine Erfolge, an denen ich mein eigenes Versagen maß, während mein Vater dem Mannschaftsbus durch Texas folgte, um mich auf der Bank sitzen zu sehen. Ich wollte, dass er mir jetzt zusah. Das konnte er natürlich nicht, aber Herr Henkel konnte es und tat es auch, noch dazu auf Profiniveau und mit Gleichgültigkeit auf persönlicher Ebene. Was ich mir von ihm erhoffte, war die Antwort auf die alte Frage: Was denken Sie? Bin ich gut genug?

Nach einer Woche teilte Henkel uns in zwei Mannschaften auf – für Technikdrills und Trainingsspiele. Team 1 und Team A nannte er uns, um seine Präferenz zu verschleiern, nur war die nicht sonderlich schwer zu erkennen. Team 1 bestand aus Karl, Charlie, Olaf, Plotzke und Milo und trug die blauen Trikots, die zu unserer offiziellen Uniform passten.

Milo, der dicklippige Kroate, war die Wahl, die mich schmerzte. In der ersten Woche hatte ich ein paar Mal mit Charlie und Karl gespielt, während Milo bei den Ersatzleuten auf der Drei agierte. Manchmal bewachten wir uns gegenseitig. Eines Abends ging Henkel mit uns die Offensivstrategien durch und Milo hatte den Basketball auf dem Flügel. Ich bedrängte ihn mit vorgestrecktem Bauch und drückte den Unterarm gegen seine Brust. Er hielt den Ball mit beiden Händen an der Hüfte und hob ihn ruckartig hoch, dann schwang er die Ellbogen nach oben und erwischte mich am Kinn.

«Ganz ruhig», sagte er, als ich blind nach hinten taumelte. Er sprach immer mit der entspannten, wachsamen Zuversicht eines Schlägers an der Straßenecke. «Der Coach hat uns nur die Positionen gezeigt. Lass mir ein bisschen Platz.»

Dann absolvierten wir den Spielzug, und Milo bekam innerhalb der Dreierlinie den Ball, stieg sofort hoch und traf. Henkel rief mich zu sich. «Wir proben hier für den Ernstfall», schnauzte er, «und du bist zu dämlich oder zu langsam, um in den Mann reinzugehen?»

Milo sagte nichts, und am nächsten Tag nahm Henkel ihn in die erste Mannschaft. Nach einer Weile gewöhnten wir uns an unsere Aufgaben; meine bestand darin, auf Karl aufzupassen. Henkel hielt sich selbst für einen Exzentriker, einen Innovator. Er wollte dem Kid, zwei Meter dreizehn groß und rund hundertzwanzig Kilo schwer, beibringen, wie man im Backcourt spielt, weshalb er in meiner Verantwortung lag. Karl hat Henkel eine Menge zu verdanken. Wenn er dazu beigetragen hat, die Rolle der Big Men im modernen Basketball zu verändern, dann war es Henkel, sein erster professioneller Trainer, der ihm dabei half, sie überhaupt zu definieren.

Karl war aber ein Problem, und das keineswegs nur für mich. Henkel wollte seine Spitzenspieler in ein und derselben Mannschaft, damit sie ein Gespür füreinander entwickelten, aber sie waren so viel besser als wir anderen, dass die Trainingsspiele kaum echten Wettkampfcharakter hatten. Manchmal gab er uns Karl oder Charlie für einen Abend und schickte dafür Darmstadt oder mich ins erste Team. Aber Darmstadt war noch ein Kind, ein richtiges Kind, ein Schüler mit seidigem Oberlippenflaum und Armen so dünn wie Spaghetti. Er konnte keinen Angriff laufen, was den Sinn der Übung zunichtemachte; und wenn Karl, gegen den niemand eine Chance hatte, die Seiten wechselte, brachte das zwar eine knappere Punktedifferenz, aber wenig Fortschritt. Die Wahrheit war – und Henkel begann sich das einzugestehen –, dass er für seine Spieler zu wenig ausgegeben hatte. Es ist die Aufgabe der Ersatzbankwärmer, der Nummern sieben, acht oder neun des Kaders, im Training Druck zu machen, auch wenn sie im Spiel dann gar nicht eingewechselt werden. Genau das war mein Job, nur erfüllte ich ihn nicht.

Das war nicht mein erster Kontakt mit dem Versagen, dennoch hat mich dieser erste Monat definitiv geprägt. Ich spüre das bis heute. Okay, wir alle ahnten, dass Karl eine andere Hausnummer war, dass er wohl früher oder später berühmt werden würde. Aber damals war er es noch nicht, und immer wenn er gegen mich einen Rebound ergatterte oder mir den Ball wegschnappte oder lässig einen Jumpshot über meine weit nach oben gestreckte Hand schickte, schien er für alle siebzehnjährigen Jungs der Welt zu stehen, die mich ebenfalls nass machen konnten. Es war reiner Zufall gewesen, dass ich in Karls Heimatstadt gelandet war. Aber, dachte ich, in Deutschland gab es vermutlich noch hundert andere Städte, in denen mich der Star des örtlichen Gymnasiums genauso abziehen würde.

Relativität ist einer der Negativaspekte in den unteren Ligen. Wenn du verlierst, ist es nicht nur der direkte Gegner, der dich schlägt, sondern dazu auch noch jede Mannschaft in den Ligen über dir.

Eines Tages führte uns Henkel nach dem Vormittagstraining hinaus auf den Fußballplatz, der von einer Sandbahn umgeben war. Nachts hatte es geregnet und der rote Sand blieb an unseren Schuhen kleben. Henkel teilte uns in Gruppen ein, und wir fingen an, Intervalle zu laufen, erst zwanzig Meter, dann immer mehr bis hin zu hundert, bevor die Distanzen wieder verkürzt wurden. Nachdem wir uns ein bisschen aufgewärmt hatten, schlug er vor, einen Wettkampf daraus zu machen, und stellte sich mit der Pfeife in der Hand ans Ende der Geraden.

Hundert Meter sind ganz schön weit; wie ein Sprint fühlen sie sich nur an, wenn man gewinnt. Ich wurde Fünfter: Karl, Charlie, Milo und Krahm, unser dürrer Ersatz-Power-Forward, hatten mindestens zehn Meter Vorsprung. Olaf hätte mich vermutlich auch geschlagen, wenn er nicht nach zwanzig Schritten schlappgemacht, sich an die Kniesehne gefasst und den Rest der Strecke mit einer grandiosen Darbietung von Schmerzen im Trab zurückgelegt hätte. Hinterher erklärte er mir, sie würden ihm nicht genug bezahlen, als dass er sich hier auf ein Pferderennen einlassen würde. Und genau wie ein Pferderennen fühlte es sich auch an. Basketball ist ein Mannschaftssport, und die feinen Nuancen des Spiels lassen einem genug Raum, die Schuld an dem, was passiert, auf andere zu schieben. Der Sprint bot diesen Raum nicht. Ich fühlte mich danach, als sei mein Körper gewogen und beurteilt worden. Wenn ich hoffte, mir in dieser Liga einen Namen zu machen, hätte ich dafür nur mindere Stärken zur Verfügung.

Aber es gab auch gute Tage, an denen meine Würfe ihr Ziel fanden und Karl zu faul war, mich anzugreifen und sie zu verhindern. Und ich hatte auch noch andere Dinge im Kopf. Manchmal ersparte ich mir das Jungs-Gefrotzel in der Kabine und duschte zu Hause, im Dunkeln den Kopf unter den Wasserstrahl gebeugt. Die Dunkelheit hielt die Blicke anderer Menschen von meinen Gedanken fern. Ich spürte, wie der Tag von mir abgespült wurde; ich schloss die Augen, um mich vor der aufsteigenden Hitze zu schützen. Danach schaute ich gern aus dem kleinen Fenster über dem Waschbecken, auf die Lichter der Wohnanlage – die Punkte in der Nacht bildeten und einem dieser raffinierten, ständig wechselnden Muster folgten, die sowohl menschlich als auch mathematisch zu sein scheinen. Aber in Wahrheit verbrachte ich die meiste Zeit damit, nur ein einziges Fenster zu beobachten. Das Fenster, in dem die langhaarige Frau gestanden hatte.

Immer gegen halb elf zeigte sie ihr Gesicht. Vermutlich war es ihr Schlafzimmerfenster, und sie sah vor dem Zubettgehen noch einmal kurz hinaus: auf den Pferdehof jenseits der Straße und die Felder, die hinter mir in die Dunkelheit der Landschaft abfielen. Vielleicht sah sie auch den einen oder anderen Stern. In Landshut wurde es nachts ziemlich dunkel. Die erleuchtete Quirligkeit Münchens reichte nicht bis hierher.

Wenn sie das Haar offen trug, wirkte ihr Umriss klarer und harmloser. Ich malte mir aus, dass sie es tagsüber hochsteckte und erst abends löste, dass sie beim Schlafen ein Nachthemd trug. Manchmal konnte ich, obwohl das Licht hinter ihr war, ihre Kleidung erkennen: schwarze Strickjacken mit hellen Knöpfen, weit geschnittene Blusen in kräftigen Primärfarben. Sie war sehr schlank. Ihre Taille schien nicht breiter als mein Daumen zu sein. Die Tatsache, dass sie abends immer zur gleichen Zeit bei geöffneten Vorhängen dastand, kam mir fast wie eine intime Konversation vor: ein Ritual, das wir miteinander teilten.

Nicht dass sie immer hinausgeschaut hätte. Manchmal konnte ich auch nur mitverfolgen, wie sie ihren bedächtigen, geräuschlosen Abendroutinen nachging. Wie sie Kleidungsstücke zusammenlegte, Nachtcreme auftrug, ihr Haar kämmte. Vor der Wand konnte ich etwas erkennen, das wie der obere Teil eines Spiegels aussah, gleich über der Fensterbrettkante. Daneben eine niedrige Skyline aus Fläschchen, Gläschen und Schachteln. Ihre Frisierkommode. Hin und wieder wurde sie von etwas oder jemand aus dem Zimmer gerufen. Einem Telefon? Ihrem Freund? Obwohl sie dann die Bühne, für die ihr Schlafzimmerfenster den Rahmen bildete, nach ein paar Minuten immer wieder allein und ohne Telefon betrat.

Bereits damals verriet mein rasender Herzschlag, dass mein Interesse mir nicht unbedingt zuträglich war. Andererseits kam mir die Sehnsucht, die ich nach der Welt in diesen Räumen hatte, diesen durch ihre Anwesenheit gewärmten Räumen, wie eine harmlose und fast schon natürliche Sehnsucht vor – nach einem normalen und weniger einsamen Leben. Und die wenigen Male, bei denen ich sah, wie sie die Jacke aufknöpfte oder die Haare nach vorne warf, um sich die Bluse auszuziehen, wartete ich nie länger als ein paar Sekunden, bevor ich mich wegdrehte und selbst ins Bett ging.

6

Zwei Wochen vor Saisonbeginn tauchte Bo Hadnot beim Training auf. Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn erkannt hätte. Henkel kam ausnahmsweise zu spät, und die meisten Spieler standen am anderen Ende der Halle und sahen Darmstadt beim Quatschmachen zu. Um zehn am Vormittag. Hier zeigte sich offenbar, und das sagte ich auch leise zu Olaf, während wir auf der Bank saßen und unsre Hightops schnürten, was das Profidasein aus uns gemacht hatte: Nach einem Monat Training lungerten wir herum und warteten auf den Trainer, bevor wir einen Basketball anfassten.

Nur Darmstadt, der Schuljunge, war auf dem Feld, im Gesicht das breite, unkontrollierte Grinsen eines Halbwüchsigen, der weiß, dass man ihm zusieht. Er versuchte uns zu beweisen, dass er dunken konnte. Für ihn war das Training nur ein Teil seines Alltags, vielleicht sogar eine Flucht davor. Er war sechzehn Jahre alt und im Begriff, sein Abschlussjahr an der Fachoberschule zu beginnen. Sein Vater war Apotheker, seine Mutter auf einem kleinen Gut außerhalb von Landshut aufgewachsen, wo sie nach wie vor die meiste Zeit verbrachte, um mit Hand anzulegen. Darmstadt war ein Einheimischer, wie er im Buche steht; er dachte nicht einmal im Traum daran, irgendwann von hier wegzugehen. Henkel hatte ihn im Zuge seines Sparprogramms rekrutiert, nachdem er jemandem vom Club in der Jugendliga aufgefallen war und man befand, er könne die Trainingsmannschaft vervollständigen. Für seine Anwesenheit zahlte ihm der Verein monatlich ein paar hundert Mark: für Darmstadt ein Superdeal. Nach dem Vormittagstraining traf er sich immer mit zwei Schulfreunden beim Fahrradständer vor der Halle und ging dann mit ihnen zu McDonald’s Mittagessen. Vermutlich würde ihm das einmal wie der beste Sommer seines Lebens vorkommen.

Nicht dass er nicht spielen konnte. Er war dünn und voller Pickel, mit langen Armen, deren Ellbogen ihm fast an die Hüftknochen stießen. Schuhgröße achtundvierzig steht sicherlich nicht jedem; besonders schlimm wirkt sie aber bei einem Teenager, der seine volle Größe erst noch erreichen wird. Aber er hatte einen schnellen Antritt und zeigte eine erfreuliche Gleichgültigkeit gegenüber allem, was im Spiel nicht unmittelbar den eigenen Wurf betraf. Mit ausreichend Anlauf und ein bisschen Glück gelang es ihm tatsächlich, den Ball gerade so über den Korbrand zu quetschen. Dann johlten wir mit deutlich hörbarer Ironie, die ihn rot werden ließ – vor Freude und Scham zugleich. Jedenfalls motivierte ihn das, es wieder und immer wieder zu probieren.

«Ich werd schon vom Zusehen müde», sagte Olaf.

Währenddessen hatte jemand am anderen Ende des Feldes begonnen sich aufzuwärmen. Er trug ein T-Shirt, eine Jogginghose und weiße Socken, darüber ein Schuhwerk, das (seinem Geschlurfe nach zu urteilen) wohl Loafer waren. Loafer sind etwas, zu dem alte Basketballspieler gern greifen, wenn Rücken und Knie nicht mehr mitmachen, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich dachte, jemand hätte von außen gesehen, dass die Tür offen ist, und würde ein bisschen üben. Er tippte den Ball ein paar Mal auf den Boden und blieb außerhalb der Dreierlinie stehen. Dann warf er, nicht scharf genug, wie ich fand, aber der Ball ging rein. Er wartete, bis der Ball zu ihm zurück hüpfte, dann schlurfte er ein paar Schritte an der Dreierlinie entlang.

Sein nächster Wurf sah irgendwie falsch aus, ging aber ebenfalls rein, und erst als er an der Freiwurflinie war, merkte ich, dass er auf die linke Hand gewechselt hatte. Wenn der Ball danebenging, lief er ihm mit schweren Schritten nach, um an die Stelle zurückzukehren, von wo aus er gerade geworfen hatte, so seelenruhig wie fest entschlossen, den Wurf zu versenken und erst dann weiterzugehen. Ich sah ihm ein paar Minuten lang zu, so gefesselt von dem Anblick, wie wir es eben sind, wenn eine private Aktion in der Öffentlichkeit stattfindet: ein Mann, der sich die Schuhe bindet oder weint; ein Junge und ein Mädchen, die Händchen halten. Dann rief uns Henkel in die Mitte des Spielfeldes, und der fremde Mann nahm widerwillig seinen Ball auf und latschte ebenfalls hin.

Erst jetzt erkannte ich ihn – er war der, der mich vom Flughafen abgeholt hatte. Nur Olaf ging zu ihm, um ihn zu begrüßen, und gab ihm einen neckischen Klaps auf sein Spielpausen-Bäuchlein. Hadnot machte eine Faust. Dann stellte ihn Henkel den neuen Spielern vor, und der fette junge Mann aus der Verwaltung holte ihn ab, damit seine Knöchel bandagiert werden konnten.

Als Bo zurückkam, trug er zwar keine Loafer und auch keine Freizeitklamotten mehr, aber viel besser sah er dadurch nicht aus. Unabhängig davon, ob ihm seine Knie noch immer Probleme machten oder nicht, hatte der Sommer auf der Couch seinem Körper nicht gutgetan. Er hatte sein Trikot nicht in die Hose gestopft, damit sein Bauch Platz hatte, und bewegte sich mit der langsamen Beharrlichkeit eines Mannes, der nach etwas sucht, das er verloren hat. Dann machten wir Technikdrills; zum ersten Mal in der Woche war Henkel gnädig mit uns. Jede Menge Jumpshots, Half-Court-Blocks, Freiwürfe. Es wurde nicht viel geredet, und alles wirkte so, als hätte es einen schlagartigen Wetterwechsel gegeben.

Olaf erzählte mir in einer Trinkpause, dass Charlie und Hadnot sich nicht riechen konnten. In der Halle gab es keine Wasserspender, daher brachten die meisten Spieler ihre eigene Flasche mit, aber wenn die leer war, musste man durch die Eingeweide der Halle wandern und sie in der Umkleide auffüllen. Olaf tat immer eine Magnesiumtablette hinein, die weiß sprudelte und nach Kalk schmeckte, und nutzte diese Pausen bis zum Anschlag aus, wobei er mich manchmal in sein langes Fernbleiben miteinbezog. Basketballer sind Arschkriecher, sagte er. Sie kriechen den Stars hinten rein (so seine Formulierung), und Charlie hätte die Bühne einen Monat lang ganz für sich allein gehabt. Jetzt, mit Hadnot auf dem Platz, stellte sich für jeden die Frage, wer denn nun eigentlich der Chef war. Wundere dich nicht, sagte er, wenn Charlie bei dir angeschleimt kommt. Olaf machte sich lustig darüber; er hatte keinerlei Respekt vor so etwas wie Teamgeist. Und er gefiel sich in seiner nörglerischen Unabhängigkeit, aber das mochte ich an ihm, auch wenn sein Vortrag unsere Freundschaft in ein merkwürdiges Licht rückte.

Fast die ganze zweite Stunde ging Henkel mit uns die Offensivstrategien durch. Infolgedessen war das Training insgesamt so entspannt, dass ich später das Duschen auslassen und gleich an die frische Luft konnte. Es war ein klarer Spätsommertag, so klar wie im Herbst, nur ein paar Grad wärmer, und mit der Sporthalle ging es mir manchmal so wie früher mit der Schule: Sie war ein Fenster, aus dem ich mich hinausbeugte. Deshalb sank meine Stimmung, als Charlie mich bei den Fahrradständern einholte. «Young man», sagte er, «young man, ich würde dich gern zum Essen einladen; mir scheint, du könntest das gebrauchen.» Ich sah Darmstadt mit seinen beiden Freunden weggehen – sechs Hände in sechs Hosentaschen, drei gesenkte Köpfe – und war für einen kurzen Moment neidisch.

7

Charlie führte mich zu seiner Wohnung. Die Sporthalle stand im neueren Teil der Stadt: viel wuchtige Sechzigerjahre-Architektur, Gebäude also, wie sie ein Kind entwerfen würde, nachdem es sein erstes Lineal geschenkt bekommen hat. Rechteckig und quietschbunt. Die neuen Straßen mit Kopfsteinpflaster gingen in alte Straßen mit Kopfsteinpflaster über, je näher wir dem Fluss kamen. Das Gericht und das Theater, direkt am Wasser, waren vom Stil her auch eher einfach gehalten, aber bei Weitem eleganter; hier kam der deutsche Sinn für Ordnung voll zur Geltung.

Landshut erlebte seine Blüte im sechzehnten Jahrhundert, als irgendein bayrischer Prinz die Stadt zu seiner Residenz machte. Es wurde zur Marktgemeinde, in die alle umliegenden Hügel ihre Erträge schütteten. Durch die Isar war die Stadt mit München und dem restlichen Deutschland verbunden, und auch jetzt noch war sie von kaufmännischem Stolz und Wohlstand geprägt, der nur zum Teil vom Tourismus abhing. Stündlich kamen Züge aus München an, und Oktoberfestbesucher überschwemmten die Stadt. Aber auch abseits der Wiesn-Zeit war sie für Amerikaner und Briten so attraktiv, dass entlang der Hauptstraße ein paar kitschige Biergärten betrieben wurden. Neben einem davon wohnte Charlie, im obersten Stockwerk eines zusammengesackten, mittelalterlichen Bürgerhauses, dessen Treppen so schmal waren, dass ich sie nur gebückt und mit den Händen auf den Stufen vor mir erklimmen konnte.

«Seit wann wohnst du hier?», fragte ich, als wir oben ankamen. Die Wohnung war schöner und größer als von mir vermutet, aber praktisch unmöbliert. In einer Ecke des Wohnzimmers stand ein Sessel, direkt gegenüber eines dieser billigen Rollteile aus Holz, auf die man einen Fernseher und einen Videorekorder stellen kann. Ansonsten gab es keine Sitzgelegenheit, nur die zwei Barhocker bei der Anrichte, die Küche und Wohnzimmer voneinander trennte. Dort an der Wand lehnten ein paar Kochbücher aus der Learn to cook-Reihe (italienisch, thailändisch, französisch etc.). Am anderen Ende des Wohnzimmers zeigten französische Fenster auf einen langen, schmalen Balkon voller Blumentöpfe.

«Ich wohne hier nicht, ich arbeite hier», sagte er. Sein Ton war der gleiche, den er auch auf dem Basketballfeld verwendete, wo sein Motto lautete: immer korrekt. Dann fügte er leicht verlegen hinzu: «Seit vier Jahren oder so.»

Wir aßen auf dem Balkon. Charlie hatte das Gericht bereits vor dem Training zubereitet: Nudelsalat mit Chili, Soja und Fisch. Er bot mir ein Bier an, ein einheimisches Pils, das ich annahm, aber kaum zum Mund führte; er nuckelte den ganzen Nachmittag über an seinem. Beim Essen zeigte er mir Fotos von dem Haus, das er außerhalb von Chicago baute. Dort «wohne» er, sagte Charlie, und immer zwischen den Spielzeiten würde er mit ein paar Kumpels daran weiterbauen. Er sei quasi auf Baustellen groß geworden, denn sein Vater habe in der Baubranche gearbeitet. Jetzt gerade würde sein Dad im hinteren Teil des Gartens das Fundament für einen Tennisplatz ausheben.

«Dort kannst du dich zur Ruhe setzen», sagte ich, «wenn du fünfunddreißig bist.»

Er meinte, da werde er wohl länger warten müssen. Sein wahres Gesicht war unter den rauen Aknenarben kaum zu erkennen, dahinter lag so einiges im Verborgenen, wie mir schien. Er sagte: «Ich schätze, du bist nicht länger dabei als ein, zwei Jahre. Du hast andere Pläne.»

«Und die wären?», fragte ich lächelnd.

Aber ich hatte mich wohl im Ton vergriffen, denn er antwortete nicht. Also sagte ich ihm, dass ich Schriftsteller werden wollte und dachte, Basketball sei eine interessante Möglichkeit, ein paar Rechnungen zu bezahlen. Außerdem würde ich über diese Erfahrung vielleicht auch schreiben können.

Charlie nickte. «Ich dachte mir schon, dass dir was anderes vorschwebt.»

«Was meinst du mit ‹was anderes›?»

«Etwas anderes als Basketball.»

Über den ganzen Nachmittag hinweg hatte er sich immer wieder mit seinen Blumentöpfen beschäftigt, also verblühte Rosen abgezwickt, nach Schnecken gesucht etc. Jetzt stand er auf, um an einem Wasserhahn in der Außenwand die Gießkanne zu füllen. «Ich habe schon mit Typen wie dir gespielt», sagte er, «Typen, die in sich gekehrt sind. Du lässt dich von diesen ganzen Rowdys herumschubsen. Ich weiß, ich bin auch einer von ihnen. Aber du musst dich wehren.» Er senkte die Stimme ein wenig und setzte sein wütendes Gesicht auf, seine «schwarze» Sprechweise. «Ich rede von Milo», sagte er. «Lass dir von dem nichts erzählen. Du bist nicht sein Musterschüler. Er ist nicht dein Lehrer. Wenn er dir das nächste Mal sagt, was du tun sollst – egal, was es ist! –, dann machst du ihn kalt.»

Er schlug seine Faust in die andere Hand. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: «Du siehst mich schon wieder so komisch an. Wie wenn du alles nur beobachtest.»

Die Gießkanne war leer, deshalb füllte er sie erneut. Und er fing an, von sich zu erzählen, während er zwischen den Blumen herumging. Er sei jetzt seit zehn Jahren in diesem Land. Sein erster Job sei in Gelsenkirchen gewesen, das ihn an bestimmte Gegenden von Ohio erinnerte, wohlhabend, von Industrie geprägt. Damals spielte der Club dort in der vierten Liga. Sie hatten nicht das Geld, um ihm das volle Gehalt zu bezahlen. Teil dieses Jobs war, behinderte Kinder zu betreuen. Er war zweiundzwanzig Jahre alt und hatte den Mittleren Westen bis dahin kaum verlassen. Das Heimweh war so schlimm wie eine Lungenentzündung; fast wäre er ein Fall fürs Bett geworden. Davor hatte er noch nie mit behinderten Menschen zu tun gehabt, und diese Erfahrung kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Er war jung, kerngesund und von sich überzeugt. Und begann, an sich selbst zu zweifeln – eine schlechte Kombination.

«Ich habe diese Kinder gehasst», sagte er. «Wollte sie gar nicht ansehen. Aber ich bin mit ihnen zum Schwimmen, hab ihnen beim Umziehen geholfen. Hab ihnen die Windeln gewechselt. Manche so vier, fünf Jahre alt. Und die meisten waren glücklicher als ich.»

Er war davon ausgegangen, dass zumindest der Basketball okay sein würde – er würde viel ertragen können, wenn es beim Basketball gut lief. Er hatte gedacht, er könnte den Deutschen beibringen, wie man richtig spielt. Stattdessen musste er feststellen, dass es eine Menge Jungs gab, die besser werfen konnten als er, höher springen konnten als er, schneller rennen konnten als er. Wenn ihn damals jemand gefragt hätte, ob er bis Weihnachten durchhalten würde, hätte er gesagt: Auf keinen Fall.

«Ich habe vor, bis Chanukka durchzuhalten», sagte ich.

Er sah mich an. «Ach was, so schlecht bist du gar nicht», sagte er. «Das beweist nur, dass du Vieles weißt.»

Zu der Einrichtung in Gelsenkirchen gehörte ein Garten, und er half der Betreuerin, die ihn in Schuss halten sollte. Gärtnern wurde als gute Therapie angesehen. Das war eine ihrer Theorien, und es stimmte tatsächlich, die Kinder fanden es fantastisch. Er war in Chicago in einer Wohnung im zehnten Stock aufgewachsen, deren Balkon gerade mal so groß war, dass seine Mutter die Wäsche aufhängen konnte. Er hing immer voller Wäsche; für etwas anderes war kein Platz. Damit wollte er sagen, dass er vor Gelsenkirchen keine Ahnung von Gartenarbeit gehabt hatte; aber das Jahr lief nicht besonders gut für ihn, eines der wenigen Geschenke, die es ihm bescherte, waren ein paar Erdbeeren, die er selbst gepflanzt hatte und die er mitnehmen und essen durfte. Am Ende der Saison stieg Gelsenkirchen in die dritte Liga auf – auch dazu hatte er seinen Anteil beigetragen. Später bekam er dann einen Job in Hamburg bei einem Zweitligaclub; dann in Freiburg, Nürnberg, schließlich Landshut. Und überall, wo er hinging, nahm er seine Blumentöpfe und seinen großen Fernseher mit.

«Du fragst dich wahrscheinlich, worauf ich eigentlich hinauswill», sagte er.

«Du denkst, wenn ich nicht aufpasse, bin ich in zehn Jahren immer noch hier?»

Aber er schüttelte den Kopf. Worauf er eigentlich hinauswollte, war, dass er in seinem ersten Jahr den Meistertitel der Liga geholt hatte. «Basketball ist genau wie alles andere auch. Du kannst aus dir machen, was du aus dir machen willst.»

Es gab einen peinlichen Moment, als ich ging. «Was hast du vor?», fragte er. «Wir haben den ganzen Nachmittag Zeit.» Er wollte ein Video ansehen und sich dann vielleicht ein bisschen hinlegen, aber ich sei herzlich eingeladen, für den Film zu bleiben.

«Du hast doch nur einen Sessel», meinte ich, während ich schon zur Tür ging, und dann stand er im Eingang und sah zu, wie ich mich die schmale Treppe hinuntertastete.

8

Als ich zum Abendtraining kam, waren die meisten schon am Aufwärmen. Im Obergeschoss der Halle gab es ein zweites Spielfeld, das viel schlichter als das untere war. Die Backboards waren nicht aus Glas, sondern aus Holz, und an der Seitenlinie gab es keinen Platz für eine Ersatzbank. Doch Mittwochabends mussten wir damit auskommen; eine Ballettstunde war überbelegt, daher brauchten sie die untere Halle.

Um ehrlich zu sein, mochte ich das zweite Feld mehr: Es war so klein, dass man schon nach wenigen Minuten die Wärme des Spiels riechen konnte. Alle fühlten sich dort besser. Basketball war hier mehr ein Spiel als ein Beruf, was nicht heißen soll, dass wir uns nicht anstrengten. Als ich an diesem Abend eintraf, lag etwas Nervöses, Aufgeheiztes, Verspieltes in der Luft, und ich fragte mich, ob das vielleicht mit der Rückkehr des Amerikaners zu tun hatte.

Nach einem leichten Aufwärmprogramm brachte Henkel die Trainingstrikots aufs Spielfeld. Das erste Team bestand aus Plotzke, Olaf, Milo, Karl und Charlie. Im zweiten waren ich, Darmstadt, Krahm, Hadnot und ein weiterer Neuzugang, ein Trumm von Mann, den Henkel in letzter Minute angeschleppt hatte und dessen Name sehr englisch klang – Thomas Arnold. Arnold war ein groß gewachsener, bleichgesichtiger, blonder und äußerst liebenswerter Kerl, der gerade seine Musikaufnahmeprüfung hinter sich gebracht hatte und Chorgesang studieren wollte. Seine Basketballerfahrung bestand aus nicht mehr als der nützlichen Rolle, die er in seinem Berliner Schulteam gespielt hatte. Um dem Wehrdienst zu entgehen, hatte er sich zum Zivildienst gemeldet, den er jetzt in einem Kinderkrankenhaus hier in der Stadt absolvierte. Er hatte sich bei den Yoghurts gemeldet, weil er niemanden kannte in Bayern, das für ihn ein barbarischer Ort war, voller rückwärtsgewandter Leute, die ein unverständliches Deutsch sprachen.

Mittlerweile sollte klar sein, wie ungerecht wir verteilt waren. Plotzke war die einzige Schwachstelle im ersten Team, aber sogar er hatte schon fast zehn Jahre Basketball auf dem Buckel. Äußerlich betrachtet, war er ungemein hässlich, ständig am Meckern und fast schon bedenklich grobmotorisch, gleichzeitig war er aber, vielleicht aus denselben Gründen, überraschend effektiv. Milo hatte in der zweiten Bundesliga gespielt, Olaf sogar in der ersten. Charlie kam aus der NBA, obwohl er es nie über die Pre-Season-Trainingscamps hinaus geschafft hatte. Und Karl wurde bereits als vielversprechendstes Jungtalent der Liga gehandelt. Auf unserer Seite standen Arnold und Krahm, die im Grunde Studenten waren, die den Sport eher hobbymäßig betrieben. Darmstadt war Schüler, und ich selbst hatte seit der Junior-Highschool nicht mehr zu den Starting Five gehört. So lag es an Hadnot, das Ruder herumzureißen, nur war er übergewichtig, verletzt und nicht in Form. Trotzdem konnte es, wie Krahm beim Überstreifen des Maschentrikots sagte, «nicht schlimmer werden als bisher».

Die zweite Gruppe war nach einem Monat der Niederlagen komplett demoralisiert; jeder von uns hatte gelitten. Wir spulten ein Programm ab, das für die einen Verlieren, für die anderen Gewinnen vorsah. Alle waren ausgepumpt. Verlieren kann etwas Gutes, etwas Angenehmes werden, genau wie jede andere Gewohnheit. Aber Hadnot nahm uns kurz zur Seite, bevor es losging, und sagte ohne jede Einführung zu Arnold und Krahm: «Du und du, ihr macht die Schultern breit und blockt. Aber passt auf: Ich geh hart an der Deckung vorbei.»

Zu Darmstadt sagte er: «Wie heißt du, Kleiner?»

«Willi.»

«Okay, Willi. Ich will den Ball an meiner rechten Hüfte. Der Pass muss zur gleichen Zeit ankommen wie ich. Auf die Sekunde; ich bin alt und langsam. Wer übernimmt Karl?»

Ich hob die Hand. Aber er sagte: «Ich mach das.» Und dann, mit einer fast schon nüchternen Sanftheit: «Er ist faul in der Abwehr, und ich will ein paar Treffer landen. Du passt auf Milo auf. Ist mir egal, ob du das mit dem Knie machst, aber halte ihn von der Grundlinie und vom Korb fern.»

Hadnot hatte uns um sich herum arrangiert. Mir war das egal. Mit seinem Eifer hatte er letztendlich nur darauf hingewiesen, dass dieses Spiel wichtig war, ein Trainingsmatch an einem Mittwochabend vor der Saison, auf einem Feld halber Größe, in einer siebzig Kilometer von München entfernten Kleinstadt, in der die einzigen Sportarten, für die sich irgendjemand interessierte, Eishockey und Fußball waren. «Lasst uns diese Arschgeigen fertigmachen», sagte er. «Ich hasse es zu verlieren.»

Es gibt die Regel, dass man nach einer Verletzung ein gutes Spiel hat, bevor die Beine schlappmachen und man sie wieder neu aufbauen muss. Vielleicht war es für Hadnot genau dieses Spiel. Niemand profitierte mehr von dem kleinen Feld als er. Man konnte schnell nach vorne und nach hinten laufen oder beim Gegenangriff mit zurücksprinten; schwierig war nur, in der Mitte genügend Spielraum zu finden. Das Gewicht, das er mit sich herumtrug, erfüllte dabei einen gewissen Zweck, es beanspruchte Platz. Er hatte uns gewarnt, er würde hart an der Deckung vorbeigehen. Und tatsächlich konnte ich am nächsten Tag kaum meinen rechten Arm bewegen: das war die Schulter, an der er vorbeirammte, wenn er sich vom Block löste. Nach kurzer Zeit machten wir nichts anderes mehr, als ihn freizublocken, um ihm den nötigen Raum zu verschaffen. Er traf von der Grundlinie, von innerhalb der Freiwurflinie, von außerhalb der Freiwurflinie. Er versenkte kurze Dreimeter-Floater, was vielleicht der schwierigste Wurf beim Basketball ist: wenn man aus der Wucht des Laufs einen hohen, langsamen Wurfbogen machen muss. Wenn es der Winkel erforderte, zielte er aufs Board; ansonsten fielen die Würfe durchs Netz, als hätte er über dem Korb gestanden.

Für unerfahrene Augen müssen seine Treffer etwas sehr Elegantes und Weiches an sich gehabt haben. Er schien Selbstbeherrschung zu demonstrieren, so unauffällig schmiegten sich die Würfe in den Korb. Aber mein Gott, war der sauer. Nicht dass er viel sagte. Charlie war auf dem Feld mit allen im Dauergespräch. Hadnot dagegen machte nur den Mund auf, wenn er etwas wollte. «Ball!», rief er, «Ball!», sobald er sich von der Deckung gelöst hatte. Karl musste eine halbe Stunde lang kämpfen, um auch nur einigermaßen mithalten zu können, bis Charlie eine Wechselverteidigung einrichtete. Ab da war Hadnot jedermanns Sache. Sie kamen im Doppelpack auf ihn zu, sie schirmten ihn oben und unten gleichzeitig ab, aber Hadnot hatte eine Möglichkeit entdeckt, wie er trotzdem an ihnen vorbeikam. Er machte Headfakes, um die Hilfsverteidiger in die Luft zu kriegen, und drückte ihnen dann eine Schulter oder den Ellbogen ins Gesicht, um ein Foul zu provozieren. «Foul!», war das Zweite, was er rief, indem er in die Hände klatschte und den Ball forderte. Nachdem er mehrere Ellbogen abbekommen hatte, begann sogar Charlie, nicht mehr ganz so hart ranzugehen, und Hadnot hatte seine paar Zentimeter Platz.

Wir gewannen das erste Spiel, sogar mit Vorsprung – es war das erste Spiel überhaupt, das an uns ging.

Warum er so sauer war, weiß ich nicht. Aber die Wut hatte definitiv ihren Anteil an der Show, die er hinlegte. Es war nicht nur die Tatsache, dass er sich Karl vornahm, um leichter punkten zu können – obwohl er das auch machte. Es war zudem die Art und Weise, wie er hinten spielte. Hadnot war Karl gegenüber mit mehr als zehn Jahren, fünfundzwanzig Zentimetern und fünfundzwanzig Kilo im Nachteil. The Kid hatte außerdem den schnellsten Antritt im Team, und ich hätte nie gedacht, dass Hadnot auch nur die kleinste Chance hatte, vor ihm zu bleiben. Nur tat er genau das. Kaum hatte Karl die Mittellinie überschritten, stemmte Hadnot ihm den Bauch entgegen, und Karl war nicht mehr in der Lage, seine langen Beine einzusetzen. Ein gewisses Maß an Festhalten, Am-Hemd-Ziehen, Knie-Blockieren gehörte mit zum Plan des Amerikaners, und ein strenger Schiedsrichter hätte ihn schon nach zehn Minuten vom Platz gestellt. Aber es gab keinen Schiedsrichter, und Henkel hatte nicht den Mumm, auch nur einen von Hadnots Tricks abzupfeifen. Man hätte alles oder nichts abpfeifen müssen, und alles ist in der Regel zu viel.

Charlie versuchte, das alles auf seine Art wettzumachen. Einmal, beim Gegenangriff, sah er Hadnot rückwärts nach hinten trippeln und schickte Karl mit einem hohen Pass direkt an den Rand des Korbs. Hadnot drückte Karls Beine weg – er landete jenseits der Grundlinie auf dem Hintern – und ging sofort zu ihm, um ihm hochzuhelfen. The Kid war von der Brutalität des Fouls viel zu benommen, um sich zu rächen. Er hatte sich an meine Verteidigungsweise gewöhnt, die mehr oder weniger auf dem Prinzip der Beschwichtigung beruhte: Ich lass dich treffen, wenn du mir nicht wehtust. Vielleicht gefiel es Henkel, dass Karls Konfliktbereitschaft getestet wurde. Nur wich Karl vor körperlicher Gewalt genauso schnell zurück wie ich, wenngleich Hadnots Beispiel jeden von uns zu ein paar übermotivierten, regelwidrigen Aktionen anregte.

Hadnot hatte mir gesagt, ich solle Milo zur Not mit den Knien von der Grundlinie fernhalten, und genau das tat ich. «Junge, Junge», klagte Milo jedes Mal mit theatralischer Miene, als würde er etwas Verdorbenes riechen. Bis ich ihn dann direkt über seinem Knie erwischte, dort, wo die Oberschenkelmuskeln sich verjüngen. Er sackte in sich zusammen, kam humpelnd wieder hoch und streckte die Arme nach meiner Kehle aus. Charlie hatte gemeint, ich solle ihn «kaltmachen». In Wahrheit schloss ich die Augen und hob abwehrend die Hände, nur fanden die sein verschwitztes Gesicht, und ich drückte es weg. Das Ganze dauerte nur eine Sekunde. Wir droschen aufeinander ein; vielleicht kam dabei mein Finger in sein Auge. Zum Glück ging Charlie dazwischen und trennte uns, obwohl Milo sich mit großer Geste widersetzte und von Olaf und Plotzke zurückgehalten werden musste. Den restlichen Abend konnte er nur noch herumhinken und schlechte Würfe abliefern.

Von den ersten vier Spielen gewannen wir drei, obwohl Hadnot in der zweiten Stunde müde wurde und Charlie sich jetzt die Bürde des Punktens auferlegte. Darmstadt schaffte es nicht, ihn außerhalb des Freiwurfraums zu halten. Krahm, der großen Übereifer und spitze Ellbogen besaß, und Arnold, der einfach nur grobschlächtig war, foulten ihn so viel sie konnten, nur reichte das nicht aus. Charlie hatte die Gabe, in einem Wald aus Armen und Beinen unsichtbar zu werden. Der Trick war dabei nicht Geschwindigkeit. Er bewegte sich einfach zwischen den Rhythmen der anderen und erwischte die Abwehr immer auf dem falschen Fuß. Es ist der Ball, der den Pulsschlag des Spiels bestimmt; man wird da ganz leicht zum Sklaven. Einem Schauspieler vergleichbar, der eine Zeile Blankvers ganz normal klingen lassen kann, hatte Charlie die Kunst der Natürlichkeit gemeistert.

Sogar sein Jumpshot, diese merkwürdig irreguläre Erfindung, traf jetzt. «Einer nach dem anderen», sagte er, wenn wieder mal ein Ball reinsegelte. «Das reicht mir völlig: einer nach dem anderen.»

Wenn er nicht selbst punktete, versorgte er Olaf und Plotzke mit Lay-ins und Dunks. «Selbstlos» – noch so etwas, das er rief, nach jedem erfolgreichen Pass. Eine seltsame Art der Bescheidenheit, jedenfalls ein weiterer Seitenhieb. Wir beendeten den Abend mit einem Unentschieden. Hadnot bückte sich und zog sich die Hose über die Knie.

In der Dusche fing Arnold an zu singen. Etwas Italienisches, eine Arie aus einer Eiswerbung, die im deutschen Fernsehen lief. Nackt sah er ganz rosig und drall aus, sehr groß und zur gleichen Zeit sehr jung. Wir machten Witze über seinen Gesang, obwohl er mehr oder weniger das zum Ausdruck brachte, was jeder von uns empfand. Eine Rückkehr der Zuversicht. Hadnot, die Beine nach wie vor bandagiert, stand kerzengerade und mit geschlossenen Augen unter dem Wasserstrahl. Ich konnte sehen, dass er eine Glatze bekam; seine Haare klebten ihm nur vereinzelt auf der Stirn. Krahm fing an, im Takt der Musik zu klatschen. Er hatte lange Arme und lange Finger und sah aus wie eine Marionette; die Knochen seines Gesichts und seines restlichen Körpers besaßen eine hölzern-mechanische Korrektheit. Die vom ersten Team waren schon zum Großteil gegangen. Nur Olaf war noch in der Dusche – um mich zu beschützen, witzelte er, falls Milo noch da war. Als wir uns dann abtrockneten, fragte er mich, ob wir noch was trinken gehen sollten. Er könne nach dem Training nicht gleich schlafen und würde immer viel zu lange wachbleiben, auf dem Bett vor dem Fernseher liegen und sich die Zwei-Uhr-Wiederholungen der Mitternachts- Talkshows ansehen.

«Willst du dich auch anschleimen?», fragte ich, bevor wir zusammen in die kühle, klare Nacht hinausgingen, umgeben vom Leuchten der Straßenlaternen.

9

Eine Woche vor Saisonbeginn gab Henkel uns den Freitagabend frei. Manchmal entließ er uns früher ins Wochenende, wenn wir (wie er sagte) «brav» gewesen waren. In Wahrheit, erzählte mir Olaf einmal, wohnte seine Familie in Regensburg, zwei Autostunden entfernt, und er konnte es selbst kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Er hatte erst vor Kurzem mit dem Spielen aufgehört. Regensburg war in der dritten Liga, deren Vereine sich meist nur ein bis zwei Vollzeitprofis leisten können. In seiner Glanzzeit hatte Henkel in der Bundesliga gespielt; aber mit vierzig merkte er, dass er noch andere Ambitionen hatte, und nahm dort einen Job als Spielertrainer an, um auch im Management-Bereich tätig werden zu können. Landshut war dann der nächste Schritt auf der Leiter – und dazu das erste Jahr, in dem er nicht mehr selbst spielte. Seine Frau und die beiden jungen Töchter blieben zurück, für den Fall, dass die Dinge nicht so klappten wie geplant. Der Verein besorgte ihm eine Wohnung unweit der Halle, in der Neustadt, wie dieses Viertel hieß, und fünf Nächte pro Woche wohnte er dort. Was auch sein Beharren auf dem Abendtraining erklärte: Er hatte sonst nichts zu tun.

Ich nutzte die freien Nachmittage manchmal, um nach München zu fahren. Mit dem Fahrrad brauchte man zehn Minuten bis zum Bahnhof, über den Fluss und durch das Flachland am Stadtrand, wo der Kampf zwischen Bauernhöfen, Vorstadtsiedlungen und Industrieanlagen noch nicht entschieden war. Irgendwann entdeckte ich eine Route, die mich durch Felder mit hochstehendem Getreide führte; mit das Schönste an meinen Ausflügen in die Großstadt war diese kurze Fahrt auf zwei Rädern. Die Straße führte weitgehend bergab, und ich konnte ganz nach Belieben das Zusammenspiel neuer Muskeln in meinen Beinen trainieren oder sie einfach baumeln lassen. Für dieses Jahr meines Lebens besitze ich wenig Nostalgie, aber was davon vorhanden ist, wird meist durch Züge geweckt. Nicht durch ihren Geruch oder ihren Anblick – eher beim dazugehörigen Warten. Ich erinnere mich ganz genau an mein Gefühl, wenn ich damals die Fahrkarte kaufte und am Bahnsteig wartete: einsam, erwartungslos, fröhlich.

Nichts, so dachte ich, könnte mir in München widerfahren, das den stetigen, langsamen Rhythmus meiner Tage verändern würde, wenngleich ich meine Fahrten in die Stadt natürlich in der Hoffnung machte, dem wäre vielleicht doch so.

An diesem Freitag hatte Olaf mich zum Abendessen bei seinen Eltern eingeladen. Er war schon nach dem Morgentraining hingefahren, und ich folgte ein paar Stunden später, nachdem ich etwas zu Mittag gegessen und mich kurz hingelegt hatte. Es hatte die ganze Woche geregnet, warmer Sommerregen, der alles klamm und klebrig werden ließ, aber der Nachmittag war schon trockener und auch ein wenig kühler. Weiße Schwaden hingen über den Bäumen und sahen mehr nach Himmel als nach Wolken aus. Im Fahrradraum stand das Wasser und spiegelte den grauen Tag; ich schloss mein Rad inmitten einer bunten Vielzahl von Speichen ab. Ein Mann mit Schnurrbart und Krawatte stand am gepflasterten Eingang zum Bahnhof und bediente einen langen Schlauch, der das Wasser aus dem Fahrradraum heraus auf die Straße pumpte. Er unterbrach die Tätigkeit kurz, um mich vorbeizulassen.

Der Zug war voller als sonst, aber ich fand einen freien Platz an einem Tisch, entgegen der Fahrtrichtung. Ich wollte nicht über Nacht bleiben und hatte nichts dabei außer mein Buch, ein von Klebeband zusammengehaltenes Exemplar von Three Men on the Bummel aus der Stadtbücherei. Außerdem, zusammengelegt in der Tasche meiner Jeans, eine lederne Kippa.

Bei meinem ersten Ausflug nach München hatte ich mir das Viertel angesehen, aus dem der jüdische Teil meiner Familie stammte: Schwabing, eine Gegend, die mittlerweile sehr angesagt war. Vielleicht war sie das schon immer, wenngleich ich stark bezweifle, dass meine Urgroßeltern zu den progressiven Juden gehörten, deren spirituelle und intellektuelle Experimente dem kulturellen Leben im Deutschland der Jahrhundertwende seine radikale und moderne Note verlieh. Nein, nach dem, was ich von diesem Teil meiner Familie weiß, vermute ich eher, dass sie zwar kritisch, neugierig und unternehmungslustig waren, im Grunde aber stockkonservativ. Die Straßen mit den hohen, stuckverzierten Häusern vermittelten eine entspannte, kosmopolitische Gemütlichkeit: gusseiserne Balkone, auf denen Blumen und Fahrräder standen; dahinter hohe französische Fenster, bei denen ich immer an Frühstück, Zeitunglesen im Morgenrock und vertrödelte Regentage denken muss. Im Erdgeschoss gab es Bäckereien, Schreibwarenhandlungen, Tabakläden und von Topfpflanzen verdunkelte Restaurants.

Mein Vater hatte mir die Adresse genannt, wo seine Großeltern gewohnt haben, und ich verbrachte einen äußerst glücklichen Freitagnachmittag damit, sie zu suchen. Sie lag in einer langen, belaubten, Pflasterstraße. Aber die Hausnummern mussten sich geändert haben; zumindest konnte ich ihre nicht finden.

Was ich aber fand, oder besser: entdeckte, war ein dicker junger Mann mit umgehängter Maschinenpistole, der in einer ruhigen Seitenstraße vor einem ansonsten unscheinbaren Eingang Wache stand. Ich hatte zwei Jahre meiner Kindheit in Berlin verbracht und wusste daher, was das zu bedeuten hatte: es war eine Synagoge.

Meine eigene Verbindung zum Judentum war nie ganz unmittelbar. Meine Mutter ist nicht nur Deutsche, sondern auch Christin. Okay, ich wurde im jüdischen Glauben erzogen und habe auch die Bar-Mizwa mitgemacht (bei einem Rabbi, der sich bei der anschließenden Feier in sein Auto verdrückt hat, um im Radio den Stand des Footballspiels zwischen Texas und Oklahoma zu erfahren), aber meine Kenntnisse des Deutschen und der Kriegsgeschichten, die ich mir zur Schlafenszeit über schlimme Verluste und knappes Entkommen anhören musste, stammten aus der christlichen Hälfte meiner Familie. Als ich aufs College ging, hielt mich meine irgendwie zwiespältige Position gegenüber dem Judentum davon ab, am Freitagabend bei Hillel-Treffen vorbeizuschauen oder an den Feiertagen den Gottesdienst zu besuchen. Viele College-Studenten driften von ihrer Religion weg, genauso viele steuern erst da so richtig auf sie zu. Vermutlich trug ich schon immer die Veranlagung zum Wegdriften in mir, war viel zu sehr Mischling, um aus einem Gemeinschaftsgefühl Trost zu schöpfen. Aber ich erinnere mich an eine Zeit, um meinen fünfzehnten Geburtstag herum, in der ich mir einen solchen Trost gewünscht habe – und meinen Vater am Freitagabend bat, eine Kerze anzuzünden und ein paar Worte in der Sprache zu sagen, die für mich bis heute unverständlich ist.

Es war vermutlich der Sabbat, den sie hier drinnen gerade begingen. An der Tür zur Synagoge fragte mich ein Mann in schwarzem Anzug und Krawatte nach einem Ausweis. Ich holte meinen Führerschein heraus. Ironi-scherweise wird zwar der Name eines Juden, aber nicht unbedingt das Jüdischsein als solches vom Vater an den Sohn weitergegeben. Von meinem hatte ich sowohl den Namen als auch das Gesicht geerbt: schmal, kantig, ein bisschen verhungert aussehend. «Markovits» und eine prägnante Nase reichten aus, um Zugang zu bekommen. Ein anderer junger Mann, diesmal im Tallit- Überwurf, den er auf zärtliche, fast schon feminine Art zusammenhielt, bot mir in einem Weidenkorb einige Kippas zur Auswahl an. Ich nahm eine aus Leder, wegen des Gewichts und weil ich keine Haarklammer hatte, und ging geduckt durch eine niedrige Tür in das rötliche Dämmerlicht der Synagoge.

Alles, was ich im Licht des Buntglasfensters an der Decke sehen konnte, waren alte Männer, und auch davon nicht viele. Links und rechts von einem Mittelgang, der auf den schmucklosen, geöffneten Toraschrein zuführte, standen Holzbänke. Die Männer «schokelten» unermüdlich im Gebet, und die leichte, wiederholte Bewegung ihrer Rücken und Köpfe erinnerte mich irgendwie an eine Aufwärmübung, die Charlie uns immer vor dem Training machen ließ: von den Zehen bis zu den Fersen abrollen, um die Achillessehne zu dehnen und die Waden zu kräftigen. Ich spürte ein Pochen in den Knien und den Knöcheln, als ich mich ihnen anschloss, den Kopf gesenkt und die Hände mit einiger Verlegenheit auf den Bauch gelegt. Ich hatte gehofft, mich einfach hinsetzen zu können.

Es waren ihre Stimmen, die mich bei der Stange hielten, ihr leiser, mehrstimmiger Singsang, der meine eigene Kehle mit schmerzhaftem Mitgefühl belegte. Ihre Gebete waren anders als die, mit denen ich aufgewachsen war, weicher und mit mehr Zischlauten, und die Akzentuierung ihrer Gesänge wirkte älter und weniger musikalisch. Dennoch kam mir die blinde Dringlichkeit ihres Gesangs, der nicht einmal richtiger Gesang war, ziemlich vertraut vor. Die Sonntagsschule, in die ich gegangen bin, bis der Unterricht mit der Footballsaison kollidierte, behandelte das Hebräische wie eine Sprache, die man nachspricht, aber nicht wirklich verstehen muss. Ich hatte keinerlei Zweifel daran, dass die Männer, die da vor und zurück ruckelten, Hebräisch sprechen konnten, nur waren die Wörter, die sie sangen, zu etwas zerfallen, das grundlegender war als die Bedeutung: zu Tönen und Rhythmen.

Damals, am Ende der Pre-Season, tat mir alles weh, auch mein Herz – ich hatte Heimweh und das Gefühl zu versagen. Die Erschöpfung machte mich sentimental, und ich fing an zu weinen.

Niemand bemerkte es. Eine Gemeinde wie diese hatte sicher ausreichend Gründe zu trauern; Tränen waren hier nichts, über das man sich wunderte. Der Holocaust war mir in meiner amerikanischen Kindheit immer wie ein Symbol für etwas Entsetzliches vorgekommen: sowohl für das Böse, zu dem Menschen fähig waren, als auch für das Leid, das andere ertragen konnten. Als Symbol war er schon immer machtvoll gewesen. Doch jetzt nahm ich ihn zum ersten Mal als Tatsache wahr, was ihn noch viel schlimmer werden ließ.

Die Männer vor mir waren zum Großteil Überlebende; am Ende des Zweiten Weltkriegs waren sie ungefähr so alt wie ich jetzt. Ihre Eltern hatten vielleicht meine Urgroßeltern gekannt – hatten ihnen vielleicht abgeraten, nach New York auszuwandern. München hatte früher eine große und sehr aktive jüdische Gemeinde, aber die meisten Synagogen wurden gemeinsam mit den Juden, die darin gebetet hatten, während des Krieges eliminiert. Dieser provisorische Tempel war in der Nachkriegszeit aus einem Wohnblock herausgehauen worden, schnell errichtet in der Lücke, die eine Bombe gerissen hatte, zwischen den höheren, älteren und ansehnlicheren Häusern ringsum. Die erste und zweite Etage waren entfernt worden. Übrig war davon nur eine schmale Galerie, die über drei Wände verlief. Dort beteten die Frauen. Erst als ich mich endlich hinsetzen konnte, bemerkte ich, wie sie sich vorbeugten und hinuntersahen.

Vermutlich waren die Männer genauso unterschiedlich wie in jeder anderen Gruppe alter Männer, aber auf mich wirkten sie fast durchgehend klein und eher dicklich. Es war irgendwie erholsam, nach einer Woche der körperlichen Vervollkommnung ein oder zwei Stunden unter Leuten zu sein, die ihre eigenen Sonderlichkeiten akzeptiert hatten. Davon abgesehen wollte ich die Gebete gar nicht verstehen; die Unverständlichkeit war Teil ihres Charmes. Wir beugten und bückten uns, riefen laut und murmelten vor uns hin. Sport ist die Kunst, im Grunde bedeutungslose, kleine Handlungen durchzuführen: Mir gefiel die Vorstellung von einem Gott, der von seinem Volk etwas Ähnliches forderte.

Es war genau diese Vorstellung eines göttlichen Herrschers über eine aussterbende Gemeinde, die sich bei mir in jedem Gottesdienst herausbildete und mich immer wiederkehren ließ. Er war nicht an Erfolg interessiert. (Es war schwer, ihn sich angesichts der nach oben verbannten Frauen nicht als einen «er» vorzustellen.) Unglück und Verlieren gehörten genauso zu seinen Schöpfungen. Er mischte sich nicht ein. Die Branche, in der ich mich bewegte, basierte auf Prozenten und Wahrscheinlichkeiten, aber noch nie wurde mir wie hier – durch die Männer, die überlebt hatten, um irgendwann diesen Sabbat zu begehen – so lebhaft vor Augen geführt, welch furchtbare Macht der Faktor Zufall ausübt.

Natürlich ist es nur die Einsamkeit, die hier spricht. Einsamkeit neigt zur Theorienbildung. In Wahrheit war dies ein Ort, an den ich gehen konnte, um mich in einer fremden Stadt am Freitagabend zu Menschen zu setzen, die mir vertraut vorkamen und die mich akzeptierten. Ich behielt (oder stahl) die Kippa, die ich bekommen hatte, und nahm mir vor, sie bei der nächsten Zugfahrt nach München einzustecken, für alle Fälle.

Olafs Eltern lebten auch in Schwabing, und jetzt überlegte ich, ob vor dem Abendessen noch Zeit war, den Gottesdienst zu besuchen. Was mich überraschte, war die leichte Enttäuschung, die der Gedanke, ihn auslassen zu müssen, bei mir auslöste. Ich hatte das weiche Lederkäppchen aus der Tasche gezogen und fing an, es in der Hand zu kneten.

Auf der Strecke hielt der Zug an diversen Bahnhöfen: Junge Bauern aus Bruckberg oder Langenbach stiegen ein. Eine Freitagabendmeute war unterwegs in die Stadt, mit sauberen Jeans und zugeknöpften Hemden; ein paar hatten bereits große Bierdosen geöffnet. Ich fühlte mich zunehmend unsicher, unterdrückte aber hartnäckig den Impuls, die Kippa wieder in die Tasche zu stecken. Gut möglich, dass sie den falschen Eindruck erweckte, nämlich den eines Juden, der normalerweise eine aufhatte, nur war nicht das der Gedanke, der mir leichtes Unbehagen bereitete.

Nicht dass ich in Deutschland je Antisemitismus erlebt hätte. Die Deutschen, die ich kannte, waren von der Vergangenheit ihrer Eltern viel zu betroffen, als dass sie Juden auch nur für existent gehalten hätten – ich meine als Gruppe mit besonderen Merkmalen. «Wir sind alle gleich» war die Lektion, die sie pflichtschuldig verinnerlicht hatten. Aber die Deutschen, die ich kannte, stammten alle aus dem Norden und aus der Mittelschicht. Ich war mir also nicht sicher, ob bayrische Bauern da eine größere Neugier an den Tag legen würden. Gleichzeitig kam es mir wie der Maßstab meiner Einsamkeit vor, dass ich auf Fantasien wie diese so viele Gedanken verschwenden konnte. Und nicht einmal nur Gedanken: Ich prüfte mit Blicken, ob vielleicht jemand zu mir hersah.

Natürlich tat das niemand; doch dann schenkte mir eine junge Frau, die in Fahrtrichtung auf der anderen Seite des Gangs saß, ein freundliches Lächeln. Erneut war mein erster Impuls, die Kippa wegzupacken. Nur kam sie mir irgendwie bekannt vor. Sie trug ihren kleinen Kopf sehr selbstbewusst auf einem langen Hals, hatte Sommersprossen, strohblondes Haar und blaue, unerschrockene Augen.

In dem Moment, als ich sie erkannte und vor Verlegenheit rot anlief, beugte sie sich zu mir und fragte: «Kennen wir uns vielleicht? Ich versuche schon seit Gündlkofen, deinen Blick zu ergattern.»

Sie war die Frau im Fenster, und mir wurde ganz heiß bei dem Gedanken, dass sie mein Spionieren womöglich mitbekommen hatte. «Ich glaube nicht, dass wir uns kennen», sagte ich. «Zumindest nicht persönlich.»

Diese Unsicherheit begleitete mich das ganze Gespräch hindurch: ob sie vielleicht wusste, dass ich ihr manchmal beim Zubettgehen zusah. Es gibt Mädchen, die sich durch eine solche Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen, die finden, sie hätten sie verdient. Es lag nicht unbedingt an ihr, dass ich sie für genau so ein Mädchen hielt. Sie wirkte sehr selbstbewusst, auch bezüglich ihres Aussehens, und behandelte mich mit einer ironischen Herablassung, die vermuten ließ, dass sie mein Geheimnis kannte. Aber diesen Eindruck vermitteln schöne Mädchen oft. Es gibt ein Geheimnis, das sie nicht erst groß erraten müssen, dass nämlich junge Männer, wie heimlich auch immer, sie attraktiv finden.

«Heißt das, du bist berühmt?», fragte sie mit einem Lächeln. Neben ihr war ein Platz frei, und auf den klopfte sie jetzt, leicht ungeduldig, wie mir schien. «Willst du mir das sagen? Habe ich dich vielleicht schon mal im Fernsehen gesehen?»

Sie will mich aufziehen, dachte ich, deshalb sagte ich: «Das noch nicht, aber vielleicht in der Zeitung.»

Sie schlug die Hände zusammen. «Meinst du vielleicht das Bauernblatt? Bei denen im Haus arbeite ich.»

«Ja, vermutlich meine ich das.»

«Aber mir scheint, ich kenne dich doch etwas … persönlicher.» Und nach einer kurzen Pause: «Wohnst du im Kardinger Weg, in einem dieser Blocks?» Es war grausam von ihr, mich so zu necken, wenn sie es wusste, aber sie machte weiter. «Das ist es wahrscheinlich. Ich wohne nämlich auch dort. Wir sind Nachbarn.» Etwas linkisch streckte sie mir quer über den Gang die Hand entgegen. «Ich heiße Anke.»

Um sie zu schütteln, musste ich aufstehen, und im Anschluss schien es genauso einfach, mich neben sie zu setzen, wie zurück an meinen Platz zu gehen. Sie hatte die Kippa in meiner anderen Hand bemerkt und nahm sie mir weg, wobei mich diese Aktion erst ärgerte, als sie sie aufsetzte. Die Anmaßung schöner Mädchen kann ziemlich nervtötend sein.

«Auf dem Heimweg funktioniert das sicher besser», sagte sie. «Dann sind meine Haare kürzer. Ich fahre nach München, um zum Friseur zu gehen. In Landshut gibt es niemanden, der meine Haare versteht.»

Gerede wie dieses fiel ihr leicht, selbstironisch und gleichzeitig selbstverliebt. Nach einem Schweigen, das ich nicht brechen wollte, griff sie in ihre Haare und fragte: «Was denkst du – soll ich sie ganz abschneiden?»

«Warum willst du sie überhaupt schneiden lassen?»

«Bist du sehr jüdisch?» Die Beschäftigung mit sich selbst langweilte sie bereits.

«Ich weiß nicht, ob das etwas ist, das man mehr oder weniger sein kann … Nein, nicht sehr.»

«Weil du dieses Ding sonst immer tragen und nicht irgendwelchen Mädchen geben würdest?»

«Aber ich hab’s dir doch gar nicht …»

Der Satz ging weiter; er sieht auf dem Papier noch schlimmer aus, als er im richtigen Leben klang. Abgesehen von der Verlegenheit, die ich empfand – darüber, dass ich am helllichten Tag über ein peinliches Geheimnis gestrauchelt war – und die mich nicht mehr verließ, bis der Zug in München ankam und wir auseinandergingen, konnte ich bei mir eine leichte, wenngleich prickelnde Enttäuschung feststellen. Das ist sie also, dachte ich. Das ist das Leben, an dem ich gern teilhaben wollte.

Sie griff nach meinem Buch und tat eine Minute lang so, als würde sie darin lesen. «Bist du Engländer?», fragte sie. «Ich dachte, du seist vielleicht nur ein bisschen schwer von Begriff.»

Also demonstrierte ich großes Interesse an dem Buch, das aus ihrer knallroten Handtasche ragte: Sofies Welt. Es war der Sommer, in dem quasi jeder Sofies Welt las. Der Roman ging mir langsam auf die Nerven – als Vertreter einer Populärliteratur, die gezielt so gemacht ist, dass sie unserem vermeintlich gehobenen Geschmack genügt. Ich war aber schlau genug, den Mund zu halten. Denn tatsächlich fand ich sie attraktiv, trotz oder gerade wegen ihrer kleinen Anmaßungen. Ein Schweißtropfen lief mir an den Rippen hinunter. Mein Herz schlug schneller als sonst, als wäre ich zum Aufwärmen ein oder zwei Runden gelaufen. Sie war die erste Frau, mit der ich seit zwei Monaten redete.

Nach dem Friseur wollte sie mit einer Freundin etwas trinken gehen; sie nannte mir den Namen der Bar. Ich solle doch nachkommen: Ihre Freundin sei sehr nett, und außerdem hübsch. Und Basketballfan. Ich hatte ihr mittlerweile erzählt, warum ich in Landshut war. Anke hatte das Gesicht verzogen; die Bemerkung über ihre Freundin war eine Art Entschuldigung dafür.

München kam in Sichtweite, die flachen, weißen Gesichter der Vororte. Dahinter, in der Ferne, versprach das Durcheinander niedriger, roter Dächer eine ältere und deutlich schönere Stadt. Als wir die leichte Senkung hinunterfuhren, drehte sie sich mit der Hand auf meinem Ärmel zu mir und sagte hastig, sie würde sich die Haare abschneiden – sie habe eine zweijährige Tochter –, und sie würde ihre Haare abschneiden, weil es ihr auf die Nerven ging, dass sie immer daran zog. Sie dachte, ich würde das früher oder später sowieso herausfinden. «Ich hoffe, du schaffst es später noch», wiederholte sie. «Heute ist mein freier Abend.»

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