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Benjamin Balint
Kafkas letzter Prozess
Aus dem Englischen von Anne Emmert

Für Karina
1Das letzte Rechtsmittel
2»Fanatische Verehrung«: Der Erste, der Kafkas Faszination erlag
3Der erste Prozess
4Flirt mit dem Gelobten Land
5Erstes und zweites Urteil
6Letzter Sohn der Diaspora: Kafkas jüdisches Nachleben
7Die letzte Einsammlung: Kafka in Israel
8Kafkas letzter Wunsch, Brods erster Verrat
9Kafkas Schöpfer
10Der letzte Zug: Von Prag nach Palästina
11Der letzte Seiltänzer: Kafka in Deutschland
12Laurel und Hardy
13Brods letzte Liebe
14Die letzte Erbin: Ausverkauf Kafkas
15Das letzte Urteil
Epilog
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Danksagung
Über den Autor
1
Das letzte Rechtsmittel
Oberster Gerichtshof Israels, Schaarei-Mischpat-Straße 1, Jerusalem, 27. Juni 2016
Das Wort »sein« bedeutet im Deutschen beides: Da-sein und Ihm-gehören.
FRANZ KAFKA, »Zürauer Aphorismen«1
An einem Sommermorgen saß Eva Hoffe, 82, in der hohen Eingangshalle des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem auf einer blitzblank polierten geschwungenen Holzbank, die Hände im Schoß gefaltet. Eine der Freundinnen, die zu ihrer Unterstützung mitgekommen waren, vertrieb sich die Zeit bis zur mündlichen Verhandlung mit der Lektüre der Tageszeitung Ma’ariv. Evas Verhältnis zur Presse war eher distanziert; sie hasste die »Lügenmärchen« der Journalisten, die sie gern als exzentrische Katzenfrau und als Opportunistin darstellten und behaupteten, sie wolle mit wertvollen Kulturschätzen, die gar nicht in private Hände gehörten, schnelles Geld machen. Auf der Titelseite fiel Eva eine Schlagzeile in roten Großbuchstaben ins Auge. »Jetzt versteigern die sogar eine Haarlocke von David Bowie«, empörte sie sich. »Ja, als wäre es eine religiöse Reliquie«, erwiderte die Freundin.
An diesem Tag sollte über Kultgegenstände völlig anderer Art verhandelt werden. Drei Monate zuvor, am 30. März 2016, hatte Eva erfahren, dass das Oberste Gericht ihren Fall »aufgrund des großen öffentlichen Interesses« verhandeln wolle. Merkwürdigerweise fehlte die Sitzung auf der Liste der Gerichtstermine für diesen Tag. Auf der digitalen Anzeigentafel in der Eingangshalle stand nur »Anonym gegen Anonym«.
Eva war eine knappe Stunde zu früh gekommen; vielleicht hatte sie die Anzeigentafel gar nicht gesehen. Den Schutz der Anonymität mochte sie sich sogar wünschen, doch an diesem Tag blieb er ihr versagt. Ein bald neun Jahre währender Nachlassstreit näherte sich seinem Höhepunkt. Über die vorangegangenen Etappen des Prozesses, der mit juristischen, ethischen und politischen Problemen nur so gespickt war – die Verhandlungen vor dem Familiengericht Tel Aviv (September 2007 bis Oktober 2012) und vor dem Bezirksgericht Tel Aviv (November 2012 bis Juni 2015) –, hatte die israelische und internationale Presse ausgiebig berichtet. Von Anfang an war es in dem Disput um die Abwägung zwischen Eigentumsrechten und dem öffentlichen Interesse zweier Länder gegangen: Gehört der Nachlass des deutschsprachigen Prager Schriftstellers Max Brod Eva Hoffe oder der Israelischen Nationalbibliothek, oder wäre er am besten im Deutschen Literaturarchiv in Marbach untergebracht? Allerdings stand mehr auf dem Spiel als der Nachlass Max Brods, einer einstmals berühmten Gestalt der mitteleuropäischen Kultur. Denn Brod war Freund, Herausgeber und literarischer Nachlassverwalter eines anderen Prager Schriftstellers, dessen Name für die moderne Literatur schlechthin steht: Franz Kafka.
Brods Nachlass enthielt nicht nur seine eigenen Manuskripte, sondern auch Papiere Kafkas, einige empfindlich wie Herbstlaub. Dessen große Manuskripte, Briefe und Tagebücher waren zu diesem Zeitpunkt natürlich längst publiziert – laut Stefan Litt, dem Leiter des deutschsprachigen Archivs der Nationalbibliothek, gebe es »nichts von Kafka, das noch unveröffentlicht sei«. Doch waren noch nicht sämtliche Handschriften, Postkarten, Kritzeleien und ähnliche Originale in Archiven zugänglich. Das Besondere an diesen Papieren sei, so Litt, »die ›Aura‹ des Handschriftlichen«.2 Von Max Brods eigenen Aufzeichnungen allerdings – darunter seine frühen Tagebücher – versprachen sich Fachleute 92 Jahre nach Kafkas Tod neue Einblicke in die erstaunliche Welt des Schriftstellers, der einen unnachahmlichen, unverwechselbaren surreal-realistischen Stil entwickelt und für das 20. Jahrhundert prägende Texte über Orientierungslosigkeit, Absurdität und gesichtslose Tyrannei geschaffen hatte; der außergewöhnliche Fall eines Autors, aus dessen Namen ein Adjektiv abgeleitet wurde. Die unwahrscheinliche Geschichte, wie Kafkas Manuskripte in die Hände der Familie Hoffe gelangt waren, erzählt von einem noch unbekannten, aber genialen Schriftsteller, über dessen letzten Wunsch sich sein bester Freund hinwegsetzte; von dessen Flucht vor den nationalsozialistischen Besatzern, kurz bevor sich die Tore Europas schlossen; von der Liebe zweier Exilanten, die in Tel Aviv gestrandet waren; von zwei Ländern, deren wie besessen betriebene Vergangenheitsbewältigung an diesem Tag vor dem Obersten Gericht offen zutage trat. Der Prozess warf aber vor allem eine hochbrisante Frage auf: Wem gehört Kafka?
Eva, die sich nun also im Auge des Sturms wiederfand, war am 30. April 1934 in Prag zur Welt gekommen, ein Jahrzehnt nachdem Kafka auf dem Neuen Jüdischen Friedhof der Stadt beigesetzt worden war. Als sie mit ihren Eltern Ester (Ilse) und Otto Hoffe und ihrer älteren Schwester Ruth aus dem besetzten Prag floh, war sie fünf Jahre alt. Sie zeigte mir Fotografien ihrer Mutter als junger Schönheit in Prag mit ihrer Deutschen Dogge Tasso, benannt nach dem italienischen Dichter des 16. Jahrhunderts, der das berühmte Versepos La Gerusalemme liberata (Befreites Jerusalem) geschrieben hatte. »Eine meiner Katzen habe ich auch Tasso genannt«, sagte Eva Hoffe.
Nach ihrer Ankunft in Palästina besuchte Eva zunächst die Schule in Gan Schmuel, einem Kibbuz im Norden des Landes nahe der Stadt Chadera, und anschließend das landwirtschaftliche Internat im zentralisraelischen Jugenddorf Ben Schemen. Dort nahm ihre Lieblingslehrerin, die Künstlerin Naomi Smilansky, das Mädchen unter ihre Fittiche. Doch Evas Zeit in Ben Schemen war von Einsamkeit überschattet. »Ich litt unter schrecklichem Heimweh und weinte fast jede Nacht«, sagte sie. Als 1948 nach dem Ausbruch des Israelischen Unabhängigkeitskriegs Truppen der Arabischen Legion Ben Schemen belagerten, wurden die Schüler in gepanzerten Bussen evakuiert. Eva Hoffe schloss später ihre schulische Ausbildung in der progressiven Tel Aviver Eliteschule Tichon Hadasch ab. Dort förderte sie Rektor Toni Halle, ein gebürtiger Deutscher, der seit seiner Studienzeit mit Gershom Scholem befreundet war. Eva flüchtete sich damals gern in Bücher. Ihre Mutter schrieb im Juni 1950, als Eva sechzehn Jahre alt war, an Dora Diamant: »Sie liest in jeder freien Minute und wird sich gewiss in den Ferien hauptsächlich von Buchfutter ernähren.«3
Nach dem Krieg trat Eva Hoffe in eine Nachal-Truppe der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte ein. (Solche Einheiten unter dem Kommando des Bildungs- und Jugendcorps verbinden ehrenamtliches soziales Engagement, gemeinnützige oder landwirtschaftliche Arbeit und Militärdienst.) Anschließend nahm sie ein musikwissenschaftliches Studium in Zürich auf. Noch vor dem Abschluss kehrte sie jedoch 1966 nach Tel Aviv zurück, auch, um beruhigend auf ihren Vater Otto einzuwirken, den der Gedanke an mögliche Kampfhandlungen zwischen Israel und den benachbarten arabischen Staaten quälte. »Er litt unter schrecklicher Kriegsangst«, erzählte sie. »Er fürchtete, sie würden uns abschlachten.«
Im Sommer 1967 kam es zum Sechstagekrieg. An jedem dieser sechs Tage ging Eva ins Café Kassit in der Dizengoff-Straße, setzte sich an einen der winzigen Tische auf dem Gehweg und trank einen Espresso, über sich die sechs Wandbilder mit marionettenartigen Harlekinen und Musikern, die Jossel Bergner auf die Straßenfassade des Cafés gemalt hatte. Im Kassit tauschten langhaarige Künstler, ungepflegte Intellektuelle, Straßenhändler und hohe Militärs wie Mosche Dajan die neusten Gerüchte aus. (Major Ariel Scharon, der spätere Ministerpräsident, wies einmal einen Unteroffizier mit den Worten zurecht: »Ihr sitzt da im Kassit und quatscht mit Journalisten der Haolam Haseh über unsere Operationen.«) Alles, was Rang und Namen hatte, steckte in dem Café »die Köpfe zusammen; und schon Reibung allein erzeugt Inspiration«, erzählte später der Stammgast Uri Avnery, damals Herausgeber der Haolam Haseh. Jeden Tag brachte Eva aufgeschnappte Gesprächsfetzen, Neuigkeiten vom Kriegsverlauf, mit nach Hause. Ihr Vater quittierte ihre Berichte über israelische Siege mit Unglauben.4
Nach dem Sechstagekrieg gab Eva Erst- und Zweitklässlern Musikunterricht und fand große Freude an den Improvisationen der Kinder. Im folgenden Jahr jedoch erlitt sie einen doppelten Verlust: Innerhalb von fünf Monaten starben ihr Vater und der Schriftsteller Max Brod, Emigrant aus Prag und für sie eine Vaterfigur. Das Musizieren und der Unterricht machten ihr fortan keinen Spaß mehr.
Während Eva Hoffe noch trauerte, empfahl sie der israelische Dichter und Liedermacher Chaim Chefer, ebenfalls Stammgast im Café Kassit, für eine Anstellung bei der israelischen Fluggesellschaft El Al. Drei Jahrzehnte lang gehörte sie dem Bodenpersonal an. »Flugbegleiterin wollte ich nicht werden«, erzählte sie, »weil ich bei meiner Mutter sein wollte.« Stattdessen lauschte sie mit fast kindlicher Begeisterung dem Brüllen der Flugzeugtriebwerke und sah den Bodenlotsen mit ihren reflektierenden Sicherheitswesten, dem Gehörschutz und den Leuchtkellen beim Einweisen der Flugzeuge zu. 1999 trat sie mit 65 Jahren in den Ruhestand.
In all den Jahren bei der El Al verspürte Eva nie das Verlangen, nach Deutschland zu fliegen. »Ich konnte nicht vergeben«, sagte sie. Auch eine Heirat kam nicht infrage. »Als ich mitbekam, wie beleidigend Felix Weltsch [ein Freund Kafkas, der mit Max Brod von Prag nach Palästina geflohen war] über seine Frau Irma sprach, wusste ich, dass ich nicht heiraten wollte.« Lieber lebte sie in einer engen Wohnung in der Spinoza-Straße mit ihrer Mutter Ester und ihren Katzen in einer Art Symbiose.
Eva Hoffe bewegte sich zwar in den intellektuellen Kreisen von Tel Aviv, in denen auch ihre Freunde verkehrten, der in Berlin geborene hebräische Dichter Natan Sach und der Künstler Menashe Kadishman, sah sich aber nie als Intellektuelle. Mir gestand sie, dass sie nicht viele von Brods Büchern gelesen habe. Eva Hoffe hatte keine Kinder. Menschliche Nähe fand sie in einem Kreis ergebener Freundinnen, die sie vergötterten. Drei von ihnen leisteten ihr nun im Obersten Gerichtshof in einer Nische der Eingangshalle vor Beginn der Verhandlung Gesellschaft. »Egal, was passiert«, warnte sie die Freundin mit der Zeitung, »sag kein Wort; keine Ausbrüche.« Eva nickte und kleidete ihren Missmut in die Worte eines anderen. »Wenn Max Brod noch lebte, würde er vor Gericht treten und sagen: ›Jetzt Schluss damit!‹«, zitierte sie ihn auf Deutsch.
Eine israelische Romanautorin vertraute mir einmal an, für sie sei Eva Hoffe die »Witwe von Kafkas Gespenst«. Eva, verfolgt von der Angst vor Enterbung, hatte dessen Verzweiflung über die Undurchsichtigkeit der Justiz übernommen. In Kafkas unvollendetem Roman Der Prozess, nach seinem Tod von Max Brod bearbeitet und herausgegeben, sagt der Onkel zu Josef K.: »Wenn man dich ansieht möchte man fast dem Sprichwort glauben: ›Einen solchen Prozeß haben, heißt ihn schon verloren haben‹.«5 Ähnlich verzweifelt war Eva. »Wenn das ein Tauziehen wäre, hätte ich keine Chance«, sagte sie. »Ich kämpfe gegen ungeheuer mächtige Gegner, ungeheuer mächtig.« Sie meinte den Staat Israel, der geltend machte, die Dokumente, die ihre Mutter von Kafkas bestem Freund geerbt hatte, gehörten nicht ihr, sondern der Nationalbibliothek in Jerusalem. Und nicht nur um die eigentliche Erbschaft ging es hier. Noch zu Lebzeiten hatte Max Brod Ester Hoffe einige Kafka-Manuskripte geschenkt, die sie wiederum an ihre Töchter weitergegeben hatte. Jahrzehnte nach Brods Tod wurde nun über die Rechtmäßigkeit sowohl der Erbschaft als auch der Schenkung entschieden.
Die Stimmen der Beteiligten aus der vorangegangenen Verhandlung verhallten. Eva machte sich mit bleichem Gesicht, aber wachen Auges auf den Weg in den Gerichtssaal. »Wenn Sie mich fragen«, sagte sie, während sie die schwere Tür zum Saal aufdrückte, »sind die Wörter Gerechtigkeit und Anstand aus dem Wörterbuch gestrichen.«
In Der Prozess sind die Gerichtssäle nur schwach beleuchtet. Der Raum in Jerusalem dagegen erinnert an eine hohe Kapelle, deren schmucklose weiße Wände im Tageslicht erstrahlen. Glanz und Pomp sucht man hier vergebens. Das rechteckige Gebäude des Obersten Gerichtshofs, dessen Bau von der Londoner Philanthropin Dorothy de Rothschild beauftragt wurde, ist mit Jerusalem-Stein verkleidet. Auf dem Dach erhebt sich eine kupferverkleidete Pyramide, inspiriert vom vorzeitlichen Grab des Propheten Zacharias, das östlich von Jerusalem aus dem Felsgestein des Kidrontals gehauen wurde.
An einem halbrunden Tisch saßen neun Anwälte in schwarzer Robe. Sie sollten den drei nicht unbedingt gleich starken Parteien in diesem Rechtsstreit eine Stimme geben: der Israelischen Nationalbibliothek (die den Prozess ins Rollen gebracht hatte und nun die Interessen des Staates Israel vertrat – sozusagen mit Heimvorteil, weil das Verfahren auf israelischem Boden stattfand), dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach (das vor Gericht das Recht erwirken wollte, Eva Hoffe ein Kaufangebot für die Manuskripte zu unterbreiten, und das gegenüber den anderen beiden Parteien den Vorteil bedeutenderer finanzieller Mittel genoss) und Eva Hoffe (in deren physischem Besitz sich die von den anderen begehrten Güter zumindest vorläufig noch befanden). Jede der Parteien beteiligte sich mit rechtlichen Mitteln am Disput, und jede Partei (wie auch die Richter) wechselte zwischen zwei rhetorischen Ebenen hin und her: der rechtlichen und der symbolischen. Juristisch versprach das Verfahren, Fragen zu erhellen, die für Israel, Deutschland und das nach wie vor belastete Verhältnis zwischen beiden Ländern von anhaltender Bedeutung waren. Das Marbacher Archiv und die Nationalbibliothek brachten ihre jeweilige nationale Vergangenheit im Gerichtssaal zur Sprache (wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise); beide wollten mit Kafka als Trophäe diese Vergangenheit würdigen, gerade so, als lasse sich der Schriftsteller in den Dienst des Nationalprestiges stellen.
Die Anwälte saßen mit dem Rücken zu den Zuschauern den drei Richtern auf dem erhöhten Podium gegenüber: Joram Danziger (ehemals Spitzenanwalt für die Wirtschaft) saß links, Eljakim Rubinstein (ehemals Generalstaatsanwalt) in der Mitte und Zwi Zylbertal (ehemals Richter am Bezirksgericht Jerusalem) rechts. Diesen Männern fiel die Aufgabe zu, die Rechtmäßigkeit der jeweiligen Ansprüche gegen die Grenzen dieser Rechtmäßigkeit abzuwägen.
Eva Hoffe setzte sich allein in die erste Reihe. Monate zuvor war ich ihr zufällig in Tel Aviv in der Ibn-Gwirol-Straße unweit ihrer Wohnung begegnet; damals wirkte sie verloren, schien einsam umherzuirren. Heute lag ein Ausdruck ungeteilter Aufmerksamkeit und Klarheit auf dem Gesicht mit den vielen dunklen Pigmentflecken. Sie setzte sich hinter ihren Rechtsvertreter Eli Sohar, einen Staranwalt mit besten Verbindungen, der Wirtschaftsbosse, hochrangige israelische Armeeoffiziere, Spitzenkräfte der israelischen Militärindustrie und des Inlandsgeheimdienstes Schabak ebenso vertreten hatte wie, wenn auch weniger erfolgreich, den früheren israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. (Olmert, der 2012 wegen Untreue und 2014 wegen Korruption schuldig gesprochen worden war, musste im Februar 2016 eine neunzehnmonatige Gefängnisstrafe antreten.) Eva Hoffe hatte in den acht Jahren zuvor mehrmals den Anwalt gewechselt: Ehe sie sich auf Sohar verlegte, war sie von Jeschajahu Etgar, Oded Cohen und Uri Zfat vertreten worden. Sie erzählte mir, sie habe zu Sohars Gunsten eine Pfandverschreibung für ihre Wohnung unterzeichnet, damit der Anwalt, falls sie vor Abschluss des Verfahrens sterben sollte, auch sein Honorar erhielt.
Eli Sohar, das dünne Haar auf eine Seite gekämmt, die schwarze Robe lotrecht zum gebohnerten Parkett, räusperte sich und sprach mit distanzierter Höflichkeit und ohne viel Pomp. In seinem kraftvollen Bariton begann er mit der Feststellung, das Gericht habe gar keine Entscheidung zu fällen. Das Urteil sei faktisch schon vier Jahrzehnte zuvor gefallen. Als Franz Kafka 1924 einen Monat vor seinem 41. Geburtstag an Tuberkulose starb, habe sich sein enger Freund und Gefährte Max Brod – selbst ein produktiver und angesehener Autor – über Kafkas letzte Anweisung hinweggesetzt, die verbliebenen Manuskripte, Tagebücher und Briefe ungelesen zu verbrennen. Stattdessen habe Brod die Manuskripte gerettet und den Rest seines Lebens der Aufgabe gewidmet, Kafka als prophetischstem und verstörendstem Chronisten des 20. Jahrhunderts Eingang in den Literaturkanon zu verschaffen. Nachdem Brod 1968 in Tel Aviv gestorben sei, sei [die Verfügungsgewalt über] dieses Konvolut auf seine Sekretärin und Vertraute Ester Hoffe, Evas Mutter, übergegangen.
Fünf Jahre nach Brods Tod, 1973, fuhr Sohar fort, habe der Staat Israel Ester Hoffe wegen des Besitzes der Manuskripte verklagt. Den Fall habe Richter Jitzchak Schilo am Bezirksgericht Tel Aviv verhandelt. Im Januar 1974 habe Richter Schilo geurteilt, dass Brods Letzter Wille »Frau Hoffe erlaubt, zu Lebzeiten nach Belieben über den Nachlass zu verfügen«.
Mit Verweis auf dieses Präjudiz erklärte Sohar, das derzeitige Verfahren sei bei allem gebotenem Respekt unnötig. Es gebe keinen Anlass, einen Fall neu zu verhandeln, in dem Ester Hoffe das Anrecht auf die in ihrem Besitz befindlichen Papiere bereits zugesprochen worden sei.
Dieses Argument machte bei Richter Rubinstein wenig Eindruck. Schulmeisterlich und mit dem Anstrich der Allwissenheit fertigte er Sohar ab. »Der Herr Anwalt möge bitte auf den Punkt kommen. Wir können nicht allzu viel Zeit auf Richter Schilos Urteil verwenden, das wir gelesen haben. Der Herr Anwalt möge fortfahren.«
Unbeeindruckt versuchte es Sohar mit einem anderen Kurs: Warum, fragte er, sollten die Nachlässe von Kafka und Brod in die Israelische Nationalbibliothek überführt werden, eine Institution, der es doch offensichtlich an Fachleuten für deutsche Literatur mangele?
Es sei aber doch nicht so sehr die Frage, warf Richter Zylbertal von der rechten Seite der Empore ein, ob die Bibliothek Fachleute vorweisen könne, sondern ob sie das Material aufnehmen und Wissenschaftlern, die es konsultieren wollten, zugänglich machen könne.
Nun erhob sich Anwalt Jossi Aschkenasi, gerichtlich bestellter stellvertretender Verwalter des Brod-Nachlasses. Er war jünger als Sohar, trat nicht so geschmeidig auf und sprach auch weniger gedrechselt. Brod habe zwar Ester Hoffe die Entscheidung überlassen, wie und wem sie die Manuskripte übergebe, erklärte er, nicht aber das Recht, diese Entscheidung an ihre Erben weiterzugeben. Brod »wollte nicht, dass sich ihre Töchter darum kümmern«.
Eva Hoffe senkte die blauen Augen und schüttelte heftig den Kopf mit den halblangen Haaren. Doch sie unterließ jeden weiteren Ausdruck ihres Missmutes.
Nun rückte von rechts der kugelrunde Kahlkopf von Anwalt Meir Heller ins Blickfeld. Heller, der schon über die gesamten acht Jahre des Rechtsstreits die Israelische Nationalbibliothek vertreten hatte, hob schwungvoll zur Rede an. Er warf Ester Hoffe vor, die Manuskripte jahrzehntelang weggeschlossen und Wissenschaftlern die Einsicht verweigert zu haben, und empfahl dem Gericht, dieser unhaltbaren Situation ein Ende zu bereiten. Hunderte von Wissenschaftlern besuchten jedes Jahr die Nationalbibliothek, um in den tausend dort eingelagerten persönlichen Archiven jüdischer Schriftsteller zu forschen, so Heller, und man könne nur hoffen, dass auch die von Brod geretteten Papiere Kafkas bald ihren rechtmäßigen Platz dort finden würden. Der Unterton seiner Argumentation war unmissverständlich: Kafka, Verfasser jüdischer Literatur in einer nichtjüdischen Sprache, gehört in den jüdischen Staat.
»Kafka als jüdischen Schriftsteller darzustellen ist einfach lächerlich«, hatte Eva Hoffe einmal zu mir gesagt. »Er war nicht gern Jude. Er schrieb aus dem Herzen. Er stand nicht im Dialog mit Gott.« Aber selbst wer ihn als jüdischen Schriftsteller einordne, könne daraus nicht »die richtige Heimat« für seinen literarischen Nachlass ableiten. »Nathan Altermans Nachlass ist in London, Jehuda Amichais in New Haven«, sagte sie in Bezug auf zwei der beliebtesten Dichter Israels. »Welches Gesetz schreibt vor, dass das Archiv eines jüdischen Schriftstellers in Israel bleiben muss?«6
Amichai war in der luxuriösen Lage, noch zu Lebzeiten darüber zu entscheiden, wo seine Papiere hingehen sollten; Brod kann uns über seine Wünsche nichts mehr sagen. Der postume Umgang mit literarischen Nachlässen ist etwas völlig anderes als der Erwerb von Vorlässen, Materialien lebender Autoren. Doch für Eva Hoffes Argument gab es auch noch andere Beispiele. So konnte etwa der britische Romancier Kingsley Amis der Ansicht, dass Manuskripte britischer Autoren in Großbritannien bleiben sollten, nichts abgewinnen. Er habe keinerlei Gewissensbisse, seine Papiere ins Ausland zu geben:
Ich würde jedes meiner Manuskripte dem Meistbietenden verkaufen, vorausgesetzt, er hat einen ordentlichen Leumund; die Herkunft dieses Bieters ist mir völlig egal. Ich finde, es ist nicht unpassender, wenn die Tate Gallery, sagen wir, eine große Sammlung von Monets hat, als wenn die Buffalo University, sagen wir, eine Manuskriptsammlung von [dem englischen Dichter und Romancier] Robert Graves besitzt.7
Im Jahr 1969 verkaufte Amis eineinhalb Kartons mit Manuskripten an das Harry Ransom Humanities Center in Texas.8 Fünfzehn Jahre später veräußerte er die übrigen Materialien und die Rechte auf alle künftigen Papiere an die Huntington Library in San Marino, Kalifornien (die auch eine der weltweit exklusivsten Sammlungen früher Ausgaben eines anderen englischen Schriftstellers beherbergt: William Shakespeare).
Vier Tage vor der Verhandlung vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem stellte der Deutsche Bundestag in Berlin unter Beweis, mit welchem Nachdruck europäische Länder solche Verkäufe zu unterbinden versuchen. Am 23. Juni 2016 beschloss der Bundestag das umstrittene neue Kulturgutschutzgesetz. Es soll sicherstellen, dass Werke, die als »national wertvolles Kulturgut« gelten (und als »identitätsstiftend für die Kultur Deutschlands«, weshalb ihre »Abwanderung einen wesentlichen Verlust« darstellen würde), in Deutschland bleiben. »Die Kulturnation Deutschland«, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters, »muss weiterhin die Möglichkeit haben, national wertvolles Kulturgut mit einer herausragenden und identitätsstiftenden Bedeutung zu bewahren.« Grütters zerstreute allerdings Bedenken, über das Gesetz könnten deutsche Kunst und Kunstwerke, die sich in Privatbesitz befinden, verstaatlicht werden. »Schutz heißt in meinen Augen nicht Enteignung.«9
Im Jerusalemer Gerichtssaal machte die Anwaltsdebatte darüber, wo Schutz aufhört und Enteignung anfängt, deutlich, dass der Anspruch des jüdischen Staates auf Kafka nicht nur von dessen Bekenntnis zum Judentum abhing, sondern dass Israel ihn auch darüber definieren musste, was Kafka nicht sei, nämlich deutsches Kulturgut.
Meir Heller setzte sich, und Anwalt Sa’ar Plinner wandte sich in knappen Sätzen an das Gericht. Sein Klient, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach unter Ulrich Raulffs Leitung, wolle die Papiere Kafkas und Brods in ihre weltweit angesehene Sammlung literarischer Nachlässe berühmter Schriftsteller einreihen. Wie Plinner mir später erzählte, hatte er von Raulff klare Vorgaben, was er sagen durfte und was nicht, und konnte daher nur mit Einschränkungen für Eva Hoffes Recht auf einen Verkauf des Nachlasses nach Deutschland plädieren. Das Deutsche Literaturarchiv hatte stets durchblicken lassen, dass Kafka in Deutschland universell rezipiert werde (mit einem objektiven »Blick von nirgendwo«, sofern es einen solchen überhaupt geben könnte), wohingegen in Israel Kafka bisweilen auf sein Jüdischsein reduziert werde und die Rezeption daher enger und spezifischer ausfalle.
Im Bewusstsein, sich in früheren Stadien des Prozesses hier und da taktlos verhalten zu haben, wollte sich die Marbacher Leitung im entscheidenden Moment nun lieber zurückhalten und nicht zu offensiv auftreten. Daher erwähnte Plinner wie beauftragt lediglich, dass frühere Versuche, Max Brods Nachlass zu inventarisieren, wegen der Fülle des Materials unvollständig geblieben seien. »Im Moment bezweifle ich, dass jemand weiß, was eigentlich alles da ist«, sagte er.
Nach einer knappen Stunde schloss Richter Rubinstein die Verhandlung und zog sich mit seinen beiden Kollegen ins Richterzimmer zurück. Eva und ihre Freundinnen wanderten sorgenvoll in der Eingangshalle auf und ab. »Wann wohl das Urteil kommt?«, fragte eine. Ein Anwaltsgehilfe Eli Sohars antwortete mit Worten des mittelalterlichen jüdischen Bibelexegeten Raschi, einem Kommentar des Bibelverses »Und wenn dich morgen dein Sohn fragen wird …« (2. Mose, 13:14): »Es gibt ein Morgen, das gleich ist, und ein Morgen, das erst später ist.«10
Eva Hoffe, die nur selten ein Blatt vor den Mund nahm, beklagte sich, dass Eli Sohar offenbar an einer Sommergrippe leide. »Er war nicht gerade in Bestform«, sagte sie. Doch sie gab sich taff. Bevor sie sich auf den Weg zur Fußgängerbrücke machte, die den Gebäudekomplex des Obersten Gerichts mit dem protzigen Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite verband, sagte sie noch: »Ich verliere trotzdem nicht die Hoffnung. Ich heiße nicht umsonst Hoffe.«
Als ich ihr so hinterhersah, fiel mir Kafkas Umdeutung des alten lateinischen Mottos dum spiro spero ein, »Solange ich atme, hoffe ich«. In seiner Kafka-Biografie erzählt Max Brod von einem Gespräch, in dem Kafka die Meinung äußerte, die Menschen seien womöglich nur »nihilistische Gedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen«. Ob es dann überhaupt Hoffnung gebe?, fragte Brod. »Viel Hoffnung – für Gott«, erwiderte Kafka, »unendlich viel Hoffnung –, nur nicht für uns.« Und als Eva Hoffes kleine Gestalt verschwand, überlegte ich, dass Kafka mit seiner »Passion der Selbstverkleinerung«, wie Elias Canetti es formulierte, die Besitzansprüche, die in diesem Prozess ans Licht kamen, bestimmt ein Graus gewesen wären. Sicher würde er uns in Erinnerung rufen, dass man sich berauschen kann an dem, was man besitzt, noch mehr aber an dem, was man nicht besitzt.11
2
»Fanatische Verehrung«: Der Erste, der Kafkas Faszination erlag
Karls-Universität Prag, 23. Oktober 1902
Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
FRANZ KAFKA, 19041
Hat man den Glauben nicht, dann zieht ja vielleicht alles kahl und kalt vorbei.
MAX BROD, 19202
Der achtzehnjährige Max Brod, Erstsemester an der juristischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, hielt in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in der Ferdinandstraße einen Vortrag über den Philosophen Arthur Schopenhauer, mit dem er seine Kommilitonen zu beeindrucken hoffte. Auf der Anrichte neben den schweren Vorhängen warteten neben den Tageszeitungen aus ganz Europa bereits Platten mit Butterbroten. Zwei Jahre lang hatte sich Brod intensiv mit Schopenhauers Werken auseinandergesetzt. Ganze Passagen konnte er auswendig. »War ich mit dem sechsten Band der Grisebachschen Schopenhauer-Edition in den hübschen, dunkelbraun gebundenen Reclam-Bändchen fertig«, schrieb er in seiner Autobiografie, »so begann ich gleich wieder mit dem ersten.«3
Hinter dem Pult wirkte Brods Kopf auf dem gedrungenen Oberkörper unverhältnismäßig groß. Man sah ihm nicht mehr an, dass ihn eine Rückgratverkrümmung (Kyphose), die im Alter von vier Jahren diagnostiziert worden war, jahrelang gezwungen hatte, Eisenkorsett und Halsstütze zu tragen.
Max Brod war 1884 als ältestes von drei Kindern in einer bürgerlichen jüdischen Familie zur Welt gekommen, deren Vorfahren seit dem 17. Jahrhundert in Prag lebten. Als Kleinkind erkrankte er an Masern und Scharlach und starb fast an Diphtherie. Max’ Vater Adolf, stellvertretender Direktor der Böhmischen Unionbank, war ein bedachter, umgänglicher und weltgewandter Mann, seine Mutter Fanny (geborene Rosenfeld) glich dagegen eher einem Vulkan aus unbändigen Gefühlen. In seiner weitschweifigen Autobiografie Streitbares Leben schreibt Brod: »Zwei ganz verschieden geartete Familien waren in meinen Eltern zusammengetroffen; man könnte sagen: feindlich geartete Familien.«4
Brods Geselligkeit stand nur scheinbar im Widerspruch zu seiner kleinen Statur, und wer sich mit ihm unterhielt, achtete bald nicht mehr auf seine Körperproportionen. Stefan Zweig schreibt über seinen Freund Max Brod als Student: »Noch sehe ich ihn, wie ich ihn das erste Mal sah, einen Zwanzigjährigen, klein, schmächtig und von unendlicher Bescheidenheit. […] So war er damals, dieser junge Dichter, vollkommen hingegeben an alles, was ihm groß schien, an das Fremde, Erhabene und Wunderbare in jeder Form und Gestalt«.5
Nach dem Vortrag löste sich das Publikum langsam auf, und ein schlaksiger, adrett gekleideter Student näherte sich mit ausgreifenden Schritten dem Rednerpult. Er war ein Jahr älter als Brod, 1,82 Meter groß, leicht abstehende Ohren, die Krawatte akkurat gebunden. Brod hatte ihn noch nie gesehen. Er stellte sich als Franz Kafka vor und erbot sich, Brod nach Hause zu begleiten. »[S]ogar seine eleganten, meist dunkelblauen Anzüge waren unauffällig und zurückhaltend wie er«, schrieb Brod später in seiner Kafka-Biografie. »Damals aber scheint ihn etwas an mir angezogen zu haben, er war aufgeschlossener als sonst, allerdings fing das endlose Heim-Begleitgespräch mit starkem Widerspruch gegen meine allzu groben Formulierungen an.«6 Als sie vor dem Haus in der Schallengasse 1 ankamen, in der Brod mit seinen Eltern lebte, war die Unterhaltung noch immer in vollem Gange. So gingen sie weiter zur Zeltnergasse, wo Kafka mit Eltern und Schwestern wohnte, und dann wieder zurück; Brod hatte Mühe, mit Kafka Schritt zu halten. Unterwegs sprachen die beiden Studenten über Nietzsches Angriffe gegen Schopenhauer, Schopenhauers Ideal der Selbstentsagung und seine Definition des Genies. Genialität, so der Philosoph, sei »die Fähigkeit, sich rein anschauend zu verhalten […] d. h. sein Interesse, sein Wollen, seine Zwecke, ganz aus den Augen zu lassen, sonach seiner Persönlichkeit sich auf eine Zeit völlig zu entäußern, um als rein erkennendes Subjekt, klares Weltauge, übrig zu bleiben«. (Brod fielen Kafkas Augen auf, »kühn, blitzendgrau«.) Da Kafka jedoch für abstraktes Philosophieren weder geeignet noch empfänglich war, nahm die Unterhaltung bald eine literarische Wendung. Mit entwaffnender Geradlinigkeit brachte Kafka die Rede auf den österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, der zehn Jahre älter war als die beiden. (Eines der ersten Geschenke Kafkas an Brod war eine Sonderausgabe von Hofmannsthals Das Kleine Welttheater (1897) mit goldgeprägtem Pergamenteinband.)7
Die beiden trafen sich einmal, manchmal zweimal am Tag. Brod gefiel Kafkas sanfter Gleichmut. Eine »süße Sicherheit«, »etwas ganz ungewöhnlich Starkes« sei von ihm ausgegangen, so Brod, auf den Kafka gleichermaßen klug und kindlich wirkte. In seiner Autobiografie sprach Brod später von einem »Zusammenprall der beiden Seelen«, als sie gemeinsam Platos Protagoras auf Griechisch und Flauberts Erziehung des Herzens (1869) und Die Versuchung des Heiligen Antonius (1874) auf Französisch lasen. (Kafka schenkte Brod unter anderem ein Buch von René Dumesnil über Flaubert.) »Das Schöne und Einzigartige der gegenseitigen Beziehung lag darin«, schrieb Brod, »daß wir einander ergänzten und einander […] viel zu geben hatten«. Die Unterstützung reichte bis in die mündlichen Jura-Prüfungen. »Nur die Zettelchen haben mich gerettet«, dankte Kafka anschließend seinem Freund.8
Die jungen Männer verbrachten auch den einen oder anderen Abend im Kino oder im Kabarett Chat Noir. Ihre Gespräche führten sie auf Deutsch, amüsierten sich aber über tschechische Wendungen wie člobrdo (»Du armes, klappriges, verdammtes Menschlein«). Sie begeisterten sich für die neuen stereoskopischen Bildfolgen, sogenannte Kaiserpanoramen, die damals in Mode waren. Sonntags gingen sie oft wandern oder unternahmen Tagesausflüge zur Burg Karlštejn, einer gotischen Höhenburg südwestlich von Prag, in der einst die tschechischen Reichskleinodien, eine Reliquiensammlung und wertvolle Dokumente des Staatsarchivs gelagert hatten. Oder sie spazierten, vertieft in eine Diskussion über die Unterschiede zwischen Roman und Drama, zwischen lustwandelnden Paaren durch die Alleen des Baumgartens, der als »Prater von Prag« bekannt war. Kafka unterhielt Brod, indem er andere Flaneure mit ihren Spazierstöcken nachahmte. Sie badeten in der Moldau oder faulenzten nach dem Schwimmen im Prager Freibad unter Kastanienbäumen. »Kafka und ich lebten damals des seltsamen Glaubens, daß man von einer Landschaft nicht Besitz ergriffen habe, solange nicht durch Baden in ihren lebendig strömenden Gewässern die Verbindung geradezu physisch vollzogen worden sei«, schrieb Brod später.9
Auch ihren Urlaub am Lago Maggiore begannen sie mit einem Bad im See, und als sie im Wasser standen, umarmten sie einander – »ein Anblick, der allein schon wegen des Größenunterschieds recht befremdlich gewesen sein muss«, kommentiert der Kafka-Biograf Reiner Stach. Die beiden reisten nach Riva am Gardasee, besuchten das Goethe-Haus in Weimar und stiegen im Hotel Belvédère am Luganersee ab. 1909 besuchten sie die Flugschau von Brescia-Montichiari in Norditalien. Sie tauschten ihre Reisetagebücher aus. Zweimal fuhren sie zusammen nach Paris: im Oktober 1910 und erneut am Ende einer ausgedehnten Reise im Sommer 1911. In diesem Urlaub ersannen Kafka und Brod auch einen neuen Typ von Reiseführer. »Er sollte ›Billig‹ heißen«, so Brod. »Franz war unermüdlich und hatte eine kindische Freude daran, die Prinzipien dieses Typs, der uns zu Millionären machen und vor allem der scheußlichen Amtsarbeit entreißen sollte, bis in alle Feinheiten auszubauen.« Das Motto für die neue Reihe: Nur Mut.10
Brod war überaus fürsorglich, litt aber auch unter »Kafkas Hoffnungslosigkeit«. »Es ist mir ziemlich klar, daß […] Kafka an Zwangsneurose leidet«, schrieb er am 18. Juni 1911 in sein Tagebuch. Solche Vorbehalte taten Brods wachsender Bewunderung indes keinen Abbruch. »Nie im Leben bin ich je wieder so ausgeglichen heiter gewesen«, schrieb er, »wie in den mit Kafka verbrachten Reisewochen. Alle Sorgen, alle Verdrießlichkeiten blieben in Prag zurück. Wir wurden zu fröhlichen Kindern, wir kamen auf die absonderlichsten hübschesten Witze, – es war ein großes Glück, in Kafkas Nähe zu leben und seine lebhaft hervorsprudelnden Gedanken (selbst seine Hypochondrie noch war einfallsreich und unterhaltend) aus erster Hand zu genießen.«11
Sogar wenn sie getrennt waren, wusste Brod »genau, was er in dieser oder jener Situation gesagt […] hätte«. Verreiste Brod ohne seinen Freund, schrieb er ihm Postkarten. So schickte er ihm aus Venedig einmal eine Karte mit Bellinis Liebesgöttin Venus. Kurzzeitig, so Stach, dachte Kafka »sogar daran, ein neues privates Heft anzulegen, das er ausschließlich der Beziehung zu Brod widmen wollte«.12
Dennoch waren die Gegensätze zwischen den beiden jungen Männern unübersehbar: der eine quirlig und extrovertiert, der andere in sich gekehrt. Brod strahlte mit seinem Temperament und seiner unbändigen Energie eine Verve, Vitalität und Lebenszugewandtheit aus, die Kafka fremd waren. Da Brod ein sonniges Gemüt hatte und nicht so streng mit sich ins Gericht ging, wurde er nicht von Selbstzweifeln gequält, die bei Kafka mit erbarmungsloser Selbstkritik einhergingen. Während Kafka an weltlichem Erfolg nicht viel lag, war Brod nach Arthur Schnitzlers gnadenlosem Urteil ein »ehrgeizverzehrter, sich, da es sich eben so traf, als Enthusiast aufspielender, bei allen Aussichten und Fähigkeiten doch hoffnungsloser Kumpan«.13
Kafka richtete seine Energie eher nach innen. Völlig auf das Schreiben fixiert, neigte er, anders als Brod, zur Askese: »Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten«, schrieb er 1912 in sein Tagebuch und beklagte später: »Der Sinn für die Darstellung meines traumhaften innern Lebens hat alles andere ins Nebensächliche gerückt und es ist in einer schrecklichen Weise verkümmert und hört nicht auf zu verkümmern.« An seine Verlobte Felice Bauer schrieb er: »Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.«14
Die beiden waren auch in anderen Punkten sehr unterschiedlich. Brod, ein versierter Komponist und Pianist, verfügte in Fragen der Musik über eine fundierte Urteilskraft und einen feinen Geschmack. Er vertonte Texte von Heine, Schiller, Flaubert und Goethe. (Brod hatte bei Adolf Schreiber, einem Schüler Antonín Dvořáks, Komposition studiert und war stolz auf seine entfernte Verwandtschaft mit dem berühmten französischen Oboisten Henri Brod.) »Seine schmalen mädchenhaften Hände, sie gehen weich über ein Klavier«, erinnerte sich Stefan Zweig später. Im Jahr 1912, als Albert Einstein an der Universität Prag lehrte, spielte der Physiker eines Abends eine Violinsonate, begleitet von Max Brod am Klavier. Leon Botstein, amerikanischer Dirigent und Präsident des Bard College, mutmaßte, dass für Brod »die Musik möglich machte, was in der Politik unmöglich schien: die Herstellung einer Kommunikation zwischen dem Tschechischen und dem Deutschen«.15
Kafka dagegen konnte »Musik nicht zusammenhängend genießen«, hatte für Oper oder klassische Konzerte nicht viel übrig.16 Brod gegenüber räumte er ein, er könne eine Operette Franz Lehárs nicht von einer Oper Richard Wagners unterscheiden. (Brod bewunderte die Musik Wagners, dessen antisemitische Tiraden er, wie er bekundete, nie gelesen habe.)
Dabei spielt Musik in Kafkas Werken durchaus eine Rolle. In seiner Erzählung »Die Verwandlung« etwa folgt Gregor Samsa in seiner Gestalt als abstoßendes Ungeziefer dem Violinspiel seiner Schwester Grete. »War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen, denn niemand lohnte hier das Spiel so, wie er es lohnen wollte.«17 In seinem ersten Roman Der Verschollene packt Karl sein Heimweh in ein stümperhaft intoniertes Soldatenlied aus der alten Heimat. In der Erzählung »Forschungen eines Hundes« widmet der Hundeerzähler sein Leben einer wissenschaftlichen Studie über das Rätsel sieben tanzender »Musikerhunde«, deren Melodien ihn tief beeindrucken und am Ende in die Hundegesellschaft zurückführen.
Doch Gustav Janouch zufolge bekannte der Schöpfer Gregor Samsas in einem Gespräch: »Wenn ich daran denke, daß ich von der Liebe meiner besten Freunde, von der Musik nichts verstehe, so ergreift mich immer eine Art leiser, bittersüßer Trauer.« Ein andermal habe er gesagt: »Die Musik ist für mich so etwas wie das Meer. […] Ich bin überwältigt, hingerissen zur Bewunderung, begeistert und doch so ängstlich, so schrecklich ängstlich vor der Unendlichkeit. Ich bin eben ein schlechter Seemann. Max Brod ist ganz anders. Der stürzt sich kopfüber in die tönende Flut. Das ist ein Preisschwimmer.«18
Auch die erotischen Leidenschaften, denen Brod im Leben und in der Literatur gleichermaßen frönte, blieben Kafka eher fremd. Die beiden besuchten Bordelle in Prag, Mailand, Leipzig und Paris. Brod, der regelmäßig in gehobenen Etablissements wie dem Salon Goldschmied in Prag verkehrte, konnte sich »im Tagebuch an den aufrechten Brüsten einer jungen Dirne berauschen«, so Reiner Stach. Ganz anders Kafka, der nach dem Besuch eines der 35 Prager Bordelle notierte, er habe »dringend jemanden suchen [müssen], der mich nur freundlich berührt«. Brod, der sich als Charmeur und glühender Verehrer des anderen Geschlechts verstand, bekannte seinem Freund seine »auf die Frau eingestellte, ihr völlig verfallene Naturanlage«. Gern ging er ins Café Arco und schwelgte in den erotischen Illustrationen Aubrey Beardsleys, und er las »mit großer Begeisterung« Casanovas Liebesabenteuer (die Kafka laut Brod »langweilig« fand). »Die Welt bedeutet mir nur durch das Medium einer Frau irgendetwas«, schrieb er an Kafka. Kafka mochte an Brod gedacht haben, als er einmal anmerkte, dass »sich die Rettung-Suchenden immer auf die Frauen werfen«.19
Für Brod war die Sexualität – und die rettende Macht der Frauen – allerdings eine durchaus ernsthafte Angelegenheit. »Von allen Boten Gottes«, schrieb er, »spricht Eros am eindringlichsten.« Im Gegensatz zum Christentum, das allem Fleischlichen abgeneigt sei, mache sich das Judentum seine Macht zu Nutze. »Es ist die ungeheure, die Jahrtausende durchstrahlende Tat des Judentums, in der Liebe, und zwar nicht in irgendeiner ihrer spiritualen Verdünnungen, sondern im direkten erotischen Ergriffensein von Mann und Frau das Diesseitswunder, die reinste Form dieser Gottesgnade, ›Die Flamme Gottes‹, erkannt zu haben«, schreibt Brod in seiner fast 700 Seiten starken zweibändigen Abhandlung Heidentum, Christentum, Judentum (1921).20
Auch in Brods überfrachteter Prosa dreht sich oft alles um den Eros. Sein Roman Ein tschechisches Dienstmädchen (1909) handelt von dem gebürtigen Wiener William Schurhaft, einer »symbolischen Figur des jüdischen Intellektuellen aus der Prager Bourgeoisie«, so der in Prag geborene Linguist Pavel Eisner. William verliebt sich in eine verheiratete tschechische Frau vom Land, die als Dienstmädchen in seinem Hotel arbeitet und ihm existenzielles Glück vermittelt. In Brods Autobiografie ist nachzulesen, dass der Literaturkritiker Leo Hermann, damals Vorsitzender des Prager Bar-Kochba-Vereins, über das Buch schrieb: »Der junge Autor scheint zu glauben, daß nationale Fragen im Bett entschieden werden können.« (Brod »fuhr entrüstet auf«, als er diese Worte las). Der Wiener Autor Leopold Lieger warf Brod 1913 vor, seine Liebesgedichte im Bett zu verfassen.21
In Brods Roman Die Frau, nach der man sich sehnt (1927) klingt die tragische Beziehung zwischen Kafka und Milena Jesenská an, seiner verheirateten tschechischen Übersetzerin und Geliebten, die geprägt war von ihrer Treue zu Kafkas Prosa und der Untreue ihres Mannes zu ihr. Brods Erzähler findet in Stascha die ersehnte Erfüllung, doch wie Milena kann und will Stascha ihren Ehemann trotz seiner Affären nicht verlassen. (Brod kannte Milenas Mann Ernst Pollack aus der Prager Literaturszene. Den Namen seiner Figur könnte er einer von Milenas besten Freundinnen entlehnt haben, der Übersetzerin Staša Jílovská.) Der Roman diente 1929 als Vorlage für einen Stummfilm mit Marlene Dietrich als Stascha.
Ganz anders als Brod fragte sich Kafka 1922 in seinem Tagebuch: »Was hast Du mit dem Geschenk des Geschlechtes getan? Es ist mißlungen, wird man schließlich sagen, das wird alles sein.« Viele der von ihm besonders bewunderten literarischen Vorbilder – Kleist, Kierkegaard, Flaubert – seien ihr Leben lang Junggesellen gewesen, so Kafka. »[D]u weichst den Frauen aus«, warf Brod ihm vor. »Du versuchst, ganz ohne sie zu leben. Und das geht nicht.« (Dieselbe Kritik übte er an einigen von Kafkas fiktionalen Schöpfungen. So beschuldigte er Josef K. in Der Prozess der Lieblosigkeit.)22
Trotzdem holte Brod häufig Kafkas Rat ein, wenn er unter den Wechselfällen junger Liebe litt. Im Jahr 1913 verlobte er sich mit Elsa Taussig, die später aus dem Russischen und Tschechischen ins Deutsche übersetzte. Kafka schrieb an Felice Bauer, er habe »zu Maxens Verlobung sehr und vielleicht ein wenig mitentscheidend geraten«. Doch unmittelbar nach dem Fest hatte er noch geklagt: »Schließlich wird er mir doch wegverlobt.«23
Das war nicht nur eine Freundschaft, sondern die literarische Verstrickung zweier sehr unterschiedlicher Charaktere: eines genialen Schriftstellers und eines geschmackvollen Schriftstellers, der das Genie erkannte, ihm aber nicht das Wasser reichen konnte. Diese Verstrickung warf eine Reihe von Fragen auf: Welche Rolle spielte Kafka in Brods Prosa? Und war Brod nur zufällig ein Weggefährte des schreibenden Kafka, oder war er tiefer in sein Schaffen verwoben?
Max Brod betrachtete sich in mehrfacher Hinsicht als »Zwischenmensch«, zwischen der deutschen, tschechischen und jüdischen Kultur schwankend und somit auf alle drei eingestimmt. In Prag standen, so Brod, »drei Nationen im Kampf gegeneinander«, eine Situation, der Brods junge Generation mit einem »altklugen Realismus« begegnete. Zu einer Zeit, in der, wie Anthony Grafton es formulierte, Prag die europäische »Hauptstadt kosmopolitischer Träume« war, sicherte sich Brod einen Platz als littérateur in der als Prager Kreis bekannten kulturellen Enklave. (In Prag kämen, so der dort geborene Kulturkritiker Emil Faktor, »auf zehn Deutsche zwölf literarische Talente«.)24 Das Wunderkind Brod, das schon als Teenager seine ersten Veröffentlichungen hatte, erwarb sich früh den Ruf eines wandlungsfähigen Dichters, Romanciers und Kritikers – von seiner Tätigkeit als geschäftstüchtiger Netzwerker einmal zu schweigen – und galt als erfolgreichster Prager Schriftsteller seiner Generation. Mit 25 Jahren korrespondierte Brod mit Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke und anderen renommierten Literaten der Zeit. Der Prager Journalist Egon Erwin Kisch besuchte 1912 ein Café im Londoner East End, in dem jiddische Muttersprachler verkehrten:
Ein neunzehnjähriger Junge ist durchgebrannt vom Lodzer Seminar – er will nicht Bocher [rabbinischer Schüler] sein und nicht Rabbiner werden, er will dichten, die Welt erobern, Bücher schreiben, »ein zweiter Max Brod werden«.25
Anders als Kafka schuf Brod ein umfangreiches Werk (man kann schon fast von Schreibsucht sprechen). Veröffentlicht wurden fast neunzig Titel: zwanzig Romane, Gedichtsammlungen, religiöse Abhandlungen, polemische Einblattdrucke (Brod bezeichnete sich als »Polemiker wider Willen«), Dramen (unter anderem über biblische Gestalten wie Königin Ester und König Saul), Aufsätze, Übersetzungen, Libretti, Klavierkompositionen und Biografien.26
Brod, der dazu neigte, in anderen Größe zu suchen, erlag als Erster der Faszination von Kafkas eigenwilliger Prosa, erkannte als Erster die große Bandbreite und Vielfalt seines Schaffens. Als Kafka ihm aus seinen frühen Erzählungen »Beschreibung eines Kampfes« und »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande« vorlas, hatte er »sofort den Eindruck, daß hier keine gewöhnliche Begabung, sondern ein Genie sprach«. (Voll Ehrfurcht las er auch seiner künftigen Frau Elsa einen Entwurf der »Hochzeitsvorbereitungen« vor.) Im April 1915 trug ihm Kafka den Entwurf zweier Kapitel seines in Arbeit befindlichen Romans Der Prozess vor; Brod notierte begeistert in seinem Tagebuch: »Er ist der größte Dichter unserer Zeit.« Bei der Lektüre von Kafkas Entwürfen hatte Brod nicht etwa das Gefühl, einer völlig neuen Literatur zu begegnen, sondern sie gewissermaßen schon immer gekannt zu haben. Er imitierte Kafkas Werke nicht, doch sie veränderten ihn. Von nun an brachte Brod Kafka eine, wie er selbst einräumte, »fanatische Verehrung« entgegen. Darüber hinaus sei ihm Kafka sein »Gewissensrat«, ein Freund, »der immer in allen schwierigen Lebensfragen maßgebend war und hilfreich zur Seite trat«.27
Kafka war auch Brods erstes Publikum und fand oft in seinen Werken Trost. Im Jahr 1908 las er Brods erstes umfangreiches Werk, den Avantgarde-Roman Schloss Nornepygge. »[N]ur Dein Buch, das ich jetzt endlich geradenwegs lese, tut mir gut«, schrieb der niedergeschlagene Kafka seinem Freund.28 Ein paar Jahre später gab Brod Kafka einen Entwurf seiner Gedichte zur Prüfung, die 1910 unter dem Titel Tagebuch in Versen erschienen. Kafka empfahl, etwa sechzig Gedichte zu streichen.
Kafkas Bewunderung für Brods Tatkraft und Unternehmungsgeist wuchs im gleichen Maße wie die Unzufriedenheit mit sich selbst. Nehmen wir den Tagebucheintrag, den Kafka, damals 27 Jahre alt, am 17. Januar 1911 verfasste:
Max hat mir den ersten Akt des »Abschiedes von der Jugend« vorgelesen. Wie kann ich so, wie ich heute bin, diesem beikommen; ein Jahr müßte ich suchen, ehe ich ein wahres Gefühl in mir fände […].29
In jenem Herbst begannen Kafka und Brod mit der Arbeit an einem gemeinsamen Roman, der den Titel Richard und Samuel erhalten sollte.30 Sie veröffentlichten das erste Kapitel in der von ihrem Freund Willy Haas herausgegebenen Prager Zeitschrift Herder-Blätter, gaben das Projekt dann aber auf. »Ich und Max müssen doch grundverschieden sein«, notierte Kafka in seinem Tagebuch. »So sehr ich seine Schriften bewundere […], so ist doch jeder Satz, den er für Richard und Samuel schreibt, mit einer widerwilligen Koncession von meiner Seite verbunden, die ich schmerzlich bis in meine Tiefe spüre.« Drei Jahre später beklagte er: »Ich bin Max unklar und wo ich ihm klar bin, irrt er sich.«31
Wünschte sich Brod, wenn er einen von Kafkas Entwürfen las, der Autor zu sein? Ungeachtet seines umfangreichen Schaffens wusste Brod wohl insgeheim, dass ihm zwar Geschmack und Urteilsvermögen gegeben waren, nicht aber das Talent, ein wahrhaft originelles Kunstwerk zu erschaffen. Als Beobachter von Kafkas Genialität musste er sich auf etwas verlassen, das außerhalb seiner selbst lag.32
Menschen, die keine Künstler sind, mögen versuchen, Kunstwerke, die sie nicht wirklich ihr Eigen nennen können, zumindest materiell in ihren Besitz zu bekommen. Brod sammelte, wie wir noch sehen werden, geradezu zwanghaft alles, an das Kafka Hand gelegt hatte. Kafka wiederum hatte den Impuls, alles abzustoßen. »[E]r war kein Sammler, viel Raum beanspruchte er nicht«, so Reiner Stach.33
Bald schon begann Brod, seine Freundschaft mit Kafka literarisch zu verarbeiten. Die Hauptfigur seines Romans Arnold Beer aus dem Jahr 1912 ist ein Dilettant, der seine Freunde in demselben Ton zum Schreiben drängt, den Brod auch Kafka gegenüber anschlug. »Arnold verlangte einfach, daß rings um ihn geleistet wurde; als hätte er selbst das dunkle Gefühl, daß er für seine Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen.« Nach der Lektüre des Romans schrieb Kafka an Brod: »Ich habe eine solche Freude von Deinem Buch gehabt« und verabschiedete sich mit den Worten: »Ich küsse dich.«34
In seinem bekanntesten Roman Tycho Brahes Weg zu Gott (erschienen 1915 bei Kurt Wolff und jahrelang ein Bestseller) beleuchtet Brod das Verhältnis zwischen dem großen dänischen Astronomen Tycho Brahe und dem ihm intellektuell überlegenen deutschen Astronomen Johannes Kepler. Kepler, der die Gesetze der Planetenbewegungen erforscht, weigert sich, irgendwelche Erkenntnisse öffentlich zu machen, solange sie nicht perfekt sind. Der fiktive Tycho beschreibt Kepler als rätselhaften Menschen, der beharrlich »makellose Reinheit« anstrebt. Der wendigere Brahe, der im Prager Exil lebt, kann mit Keplers Selbstzweifeln und seiner Abneigung gegen das Publizieren ebenso wenig anfangen wie mit dessen Beteuerung: »Nein, ich bin nicht glücklich und bin nie glücklich gewesen […]. Und ich will auch gar nicht glücklich sein.« Keplers Entdeckungen machen Brahes Erkenntnisse überflüssig. Trotzdem überwindet Brahe selbstlos seine Eitelkeit und stellt seine Arbeit hintan. Brod widmete das Buch Kafka, der ihm im Vorwege dazu schrieb: »Weißt Du was eine solche Widmung bedeutet? Daß ich […] hinaufgezogen und dem ›Tycho‹, der um so viel lebendiger ist als ich, beigefügt werde. Wie klein werde ich diese Geschichte umlaufen! Aber wie werde ich sie als mein scheinbares Eigentum lieb haben! Du tust mir unverdient Gutes, Max, wie immer.«35
Da Brod wusste, dass Kafka des Selbstlobs völlig unfähig war, nutzte er seine guten Beziehungen und wurde zum Fürsprecher, Vertreter und Literaturagenten seines Freundes. »[Ich] wollte ihm beweisen, daß seine literarischen Unfruchtbarkeits-Befürchtungen keinen Grund hätten«, schrieb Brod in seiner Kafka-Biografie.36 So erwähnte er Kafka wohlwollend in der Berliner Wochenzeitung Die Gegenwart, ehe diese auch nur eine einzige Zeile von ihm veröffentlicht hatte.
Kafkas Minderwertigkeitskomplexe machten Brod schwer zu schaffen. »Ich kann nicht schreiben«, gestand Kafka seinem Freund 1910, »ich habe keine Zeile gemacht, die ich anerkenne, dagegen habe ich alles weggestrichen, was ich nach Paris – und das war nicht viel – geschrieben habe. Mein ganzer Körper warnt mich vor jedem Wort; jedes Wort, ehe es sich von mir niederschreiben läßt, schaut sich zuerst nach allen Seiten um; die Sätze zerbrechen mir förmlich, ich sehe ihr Inneres und muß dann rasch aufhören.«37
In einem Brief an Oskar Baum sprach Kafka von der »Angst, die Götter auf mich aufmerksam zu machen«. Unverdrossen und völlig frei von Neid legte Brod bei Lektoren und Verlegern ein Wort für Kafka ein. Er vermittelte zwischen Kafka und der von Franz Blei herausgegebenen Zeitschrift Hyperion, in der Kafkas erster Text erschien. Im Jahr 1916 schrieb Brod an Martin Buber: »Ach kennten Sie doch seine umfangreichen, leider unvollendeten Romane, die er mir manchmal, in seltenen Stunden vorliest. Was würde ich nicht tun, um ihn mobiler zu machen!«38
Im Sommer 1912 fuhr Brod mit Kafka nach Leipzig, damals ein Zentrum der deutschen Verlagslandschaft, und stellte ihn dem jungen Verleger Kurt Wolff vor. »[Ich] habe im ersten Augenblick den nie auslöschbaren Eindruck gehabt: der Impresario präsentiert den von ihm entdeckten Star.« Ende desselben Jahres kümmerten sich Brod und Wolff um die Veröffentlichung von Kafkas erstem Buch im Rowohlt Verlag mit einer Auflage von achthundert Exemplaren. Das 93 Seiten starke Bändchen mit dem Titel Betrachtung versammelte achtzehn Prosaminiaturen. In einer Anzeige hieß es, Kafkas »Eigenart, die ihn dichterische Arbeiten immer und immer durchzufeilen zwingt, hielt ihn bisher von der Herausgabe von Büchern ab«.39 Kafka widmete das Buch Brod, der sich mit einer überschwänglichen Rezension in der Münchner Zeitschrift März revanchierte:
Ich könnte mir sehr gut einen denken, dem dieses Buch in die Hand fällt […] und der von Stund an sein ganzes Leben ändert, ein neuer Mensch wird. Eine solche Unbedingtheit und süße Kraft dringt aus diesen wenigen kurzen Prosastücken. […] Es ist die Liebe zum Göttlichen, zum Absoluten, die aus jeder Zeile spricht. Und mit einer solchen Selbstverständlichkeit, daß an diese grundlegende Moral gar kein Wort mehr verschwendet wird […].40
Kafka war beschämt. »Heute mittag hätte ich ein Loch gebraucht, um mich darin zu verstecken«, schrieb er seiner Verlobten Felice Bauer und fuhr fort:
Weil eben die Freundschaft die er für mich fühlt im Menschlichsten, noch weit unter dem Beginn der Litteratur, ihre Wurzel hat und daher schon mächtig ist, ehe die Litteratur nur zu Athem kommt, überschätzt er mich in einer solchen Weise, die mich beschämt und eitel und hochmütig macht […]. Wenn ich selbst arbeiten würde, im Fluß der Arbeit wäre und von ihr getragen, ich müßte mir über die Besprechung keine Gedanken machen, ich könnte Max in Gedanken für seine Liebe küssen und die Besprechung selbst würde mich gar nicht berühren. So aber –41
»Die Verwandlung«, die Kafka zum Durchbruch verhalf, veröffentlichte Brod 1913 in seiner Anthologie Arkadia.42 (Kafka hatte nach eigener Aussage in der »Felice B.« gewidmeten Erzählung Motive aus Brods Roman Arnold Beer aus dem Jahr 1912 verarbeitet.) Und 1921 lobte Brod seinen Freund in seinem langen Aufsatz »Der Dichter Franz Kafka«, der in Die neue Rundschau erschien, in den Himmel.43
Alle Kafka-Texte, die Brod veröffentlichte, habe er seinem Freund mit gutem Zureden, List und Tücke abtrotzen müssen, so Brod später.
Manchmal war ich wie eine Zuchtrute über ihm, trieb und drängte, natürlich nicht direkt, sondern immer wieder durch neue Mittel und auf Schleichwegen […]. Es gab Zeiten, in denen er mir dafür dankte. Oft aber war ich ihm mit meinem Anfeuern auch lästig, er wünschte es zum Teufel, sein Tagebuch gibt Kunde davon. Ich spürte das auch, es lag mir aber nichts daran. Mir ging es um die Sache, um einen Hilfsdienst, allenfalls auch gegen den Willen des Freundes.44
3
Der erste Prozess
Tel Aviv, Familiengericht, Ben-Gurion-Boulevard 38, Ramat Gan, September 2007
Was tätig zerstört werden soll, muß vorher ganz fest gehalten worden sein […].
FRANZ KAFKA, »Zürauer Aphorismen«1
Nachdem Eva Hoffe und ihre Schwester im September 2007 mit dem Testament ihrer Mutter einen Erbschein beantragt hatten, wurden sie unsanft aus ihrer Trauer gerissen.
Nach Ester Hoffes Tod suchte Evas Schwester Ruth die nötigen Unterlagen zusammen und brachte sie persönlich zum Nachlassgericht in der Ha’Arbaa-Straße in Tel Aviv. Eva Hoffe bezweifelte, dass die Sache reibungslos über die Bühne gehen würde, denn das Testament ihrer Mutter gleiche einem »Buschfeuer in einer Dornenhecke«. Doch sie fügte sich ihrer älteren Schwester.
Nach dem israelischen Erbschaftsgesetz von 1965 kann ein Testament nur vollstreckt werden, wenn das israelische Nachlassgericht dessen Gültigkeit bestätigt. Für den entsprechenden Antrag muss eine vom Antragsteller unterzeichnete, notariell beglaubigte eidesstattliche Erklärung eingereicht werden, außerdem die Sterbeurkunde, das Originaltestament und Angaben zu anderen Erben oder Nutznießern. (Israel erhebt keine Erbschaftsteuer.) Damit Widerspruch gegen das Testament möglich ist, wird der Antrag veröffentlicht, meist in Form einer Zeitungsanzeige. Das Amt reicht den Antrag in Kopie an das Justizministerium weiter, das nach eigenem Ermessen einschreiten kann, sofern ein öffentliches Interesse vorliegt. Die offizielle Bestätigung des Testaments ist rechtlich bindend wie ein Gerichtsurteil.
»Mein [Kanzlei-]Partner ging eines Tages zufällig durch die Bibliothek, als ihm ein älterer Herr einen Stoß Unterlagen in die Hand drückte«, sagte Meir Heller, der Anwalt der Nationalbibliothek, gegenüber der Sunday Times. »Und in diesem Stoß befand sich Max Brods Testament. Wie mir beim Lesen gleich klar wurde, sollte Ester Hoffe die Papiere nach Brods Willen zu seinen Lebzeiten verwahren. Nach seinem Tod sollten sie an ein öffentliches Archiv gehen. Im Internet sah ich, dass die Gerichtsanhörung über die Bestätigung von Ester Hoffes Testament zwei Tage später stattfinden sollte.« Weniger als 48 Stunden darauf hatte Heller seinen dramatischen Auftritt. »Ich stürmte in das Gericht und rief: ›Halt! Es gibt noch ein anderes Testament – das Testament von Max Brod!‹«
Das Familiengericht belegt mehrere Stockwerke eines grauen Bürogebäudes an der Hauptstraße der Stadt Ramat Gan in der Nähe von Tel Aviv. Der zurückgesetzte Eingang ist von rot gefliesten Säulen gerahmt. Rechts daneben saßen vor einem Kiosk Anwälte und ihre Klienten auf orangefarbenen Plastikstühlen bei Sandwich, Falafel oder Schakschuka. Eva Hoffe und ihre Schwester Ruth kamen an jenem Morgen im September 2007 allein; Ruth war davon ausgegangen, dass es keinen Anlass zur Sorge gebe und kein Anwalt nötig sei. Als Heller auftauchte, war das ein Schock für die beiden, plötzlich standen sie der eisernen Maschinerie des staatlichen Rechtsapparates gegenüber. »Das war ein Hinterhalt«, sagte Eva Hoffe. »Man hatte uns getäuscht.«
Hellers Intervention führte dazu, dass der Staat Israel – vor dem Familiengericht vertreten durch den staatlichen Treuhänder (apotropos), die Nationalbibliothek und den gerichtlich bestellten Verwalter für Brods Nachlass – die Bestätigung des Testaments verweigerte und Ester Hoffes Testament anfocht. In den folgenden fünf Jahren, bis zum Urteil im Oktober 2012, wurde der Fall in einem engen Raum des Familiengerichts von Richterin Talia Kopelman Pardo verhandelt, die auf Erbrecht spezialisiert war.
Heller argumentierte, Brod habe Ester Hoffe die Kafka-Papiere nicht als Nutznießerin überlassen, sondern als Nachlassverwalterin. Da ihr die Manuskripte nie gehört hätten, könne sie sie auch nicht an ihre Töchter Eva und Ruth vererben. Ester Hoffe habe Brods Letzten Willen missachtet, behauptete Heller, genauso, wie Brod Kafkas Letzten Willen missachtet habe.
Nach Ester Hoffes Tod seien Kafkas Manuskripte wieder dem Brod-Nachlass zuzuordnen, der laut seinem Testament aus dem Jahr 1961 nun der Israelischen Nationalbibliothek nicht verkauft, sondern vermacht werden müsse, ohne dass den Hoffes dafür eine finanzielle Entschädigung zustehe. Brod habe in seinem Testament verfügt, dass Ester Hoffe seinen literarischen Nachlass nach ihrem Ermessen »der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem [mittlerweile die Israelische Nationalbibliothek] oder der Städtischen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im Inland oder Ausland zur Aufbewahrung« übergeben solle.2 Die Nationalbibliothek brannte darauf, die Kafka-Sammlung in den großen Bestand der dort bereits befindlichen Papiere deutsch-jüdischer Schriftsteller einzureihen, unter ihnen auch Dichter aus dem Prager Kreis.
Meir Heller präsentierte Richterin Kopelman Pardo die Aussage seiner wichtigsten Zeugin Margot Cohn. Cohn, 1922 im Elsass geboren, wurde mit der Tapferkeitsmedaille der französischen Fremdenlegion ausgezeichnet, weil sie im Holocaust über ein geheimes Netzwerk unter Leitung von Georges Garel jüdische Kinder gerettet hatte. Sie emigrierte 1952 nach Israel, war von 1958 bis zu dessem Tod 1965 Sekretärin des Philosophen Martin Buber und arbeitete anschließend als Archivarin seines Nachlasses in der Nationalbibliothek in Jerusalem.
Cohn zufolge hatte Brod 1968 wenige Monate vor seinem Tod gemeinsam mit Ester Hoffe die Nationalbibliothek besucht. »Brod hatte zuvörderst die Absicht, das Archiv in der Jerusalemer Bibliothek unterzubringen, wo sich auch die Archive seiner besten Freunde befinden«, erklärte sie. »Aus meinem Gespräch mit Brod ging für mich eindeutig hervor, dass er schon beschlossen hatte, sein Archiv der Bibliothek zu übergeben. […] Bei seinem Besuch in der Abteilung sollten die fachlichen Details für die korrekte Übergabe des Archivs geklärt werden.« Später ergänzte Cohn im Gespräch mit dem israelischen Journalisten Zwi Harel: »Während seines Besuchs bei uns [in der Nationalbibliothek] wich Frau Hoffe keine Sekunde von seiner Seite. Ich versuchte Brod zu erklären, wie ich Bubers Archiv verwalte. Sie ließ Brod nicht zu Wort kommen.« Auf Harels Frage, warum Brod in seinem Testament verfügt habe, sein literarischer Nachlass solle an Ester Hoffe gehen, äußerte Cohn die Vermutung, es könne daran gelegen haben, dass Brod »Frauen gegenüber sehr schwach war. Das war seine Schwäche.«
Nach Brods Tod hatte die Nationalbibliothek Verhandlungen mit Ester Hoffe aufgenommen. Im Gegenzug für die Übergabe des Brod-Nachlasses und der Kafka-Manuskripte wollte sie sich verpflichten, die Brod-Forschung finanziell zu unterstützen, 1984 eine Ausstellung zu Brods 100. Geburtstag zu zeigen und ein internationales Symposium zu seinem Werk auszurichten. Doch Hoffe blieb unkooperativ.
In einem letzten Versuch schickte die Nationalbibliothek 1982 den Leiter der Manuskript- und Archivabteilung Mordechai Nadav und seine Assistentin Margot Cohn erneut zu Ester Hoffe. Sie besuchten sie in ihrer Erdgeschosswohnung in einem kastigen rosa Wohnblock in der Spinoza-Straße 20. »Wir betonten, wie wichtig es sei, Brods und Kafkas Manuskripte der Bibliothek zu überlassen«, erzählte Cohn. »Wir versprachen, sie würden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, damit das intellektuelle Wirken Brods und seiner Prager Freunde eine Fortsetzung finden konnte.«
Cohn beschrieb vor Gericht die Unordnung in der Wohnung, die Ester Hoffe mit Eva teilte. »Mit Erstaunen sah ich, dass sich in der Wohnung Papiere und Aktenordner stapelten«, erzählte sie von dem Besuch 1982. »Auf fast jedem Stoß saß eine der vielen Katzen, die durch die Wohnung streiften. Man konnte sich nirgends hinsetzen, und wir bekamen kaum Luft. Ich hatte den Eindruck, dass Frau Hoffe nicht daran interessiert war, das Archiv der Bibliothek zu übergeben, und am Ende gab sie die Schriften auch nicht her […] und ließ Brods Wunsch unerfüllt.«
Hier widersprach Eva Hoffe, Margot Cohn habe gar keine Katzen über die Manuskripte klettern sehen können, weil ihre Katzen nicht in das Zimmer ihrer Mutter durften, wo die Papiere aufbewahrt wurden.
In einer Gerichtsverhandlung im Februar 2011 unter Vorsitz von Richterin Kopelman Pardo nahm Hoffes Anwalt Margot Cohn ins Kreuzverhör. Er fragte, ob sie sich an die Farbe des Bücherregals in der Wohnung der Hoffes in der Spinoza-Straße erinnern könne.
»Nein.«
Wenn sie sich nicht an die Farbe des Bücherregals erinnere, hakte er nach, warum könne sie sich dann so lebhaft an die Unordnung und die Katzen erinnern?
Ein Regal, erwiderte sie, »ist unter Jeckes [Juden deutscher Herkunft] normal und fiel mir nicht weiter auf. Aber Katzen und stapelweise Papier fand ich ungewöhnlich.«
Einen Monat später wurde Cohn erneut vorgeladen, um sich zu der Frage zu äußern, ob Brod seine Kafka-Manuskripte an Hoffe übergeben habe.
Cohn: »Dass er ihr Geschenke machte, wusste ich. Das war kein Geheimnis.«
Richterin Kopelman Pardo: »Er machte ihr Geschenke?«
Cohn: »Er schenkte ihr Bücher, Manuskripte.«
Schmulik Cassouto, gerichtlich bestellter Verwalter für Ester Hoffes Nachlass, hielt dagegen, Margot Cohn hätte damals eine gerichtliche Anordnung für die Herausgabe der für die Bibliothek vorgesehenen Materialien erwirken können, wenn sich die Nationalbibliothek wirklich als Erbe der vernachlässigten Manuskriptstapel betrachtet hätte. Er rief dem Gericht zudem in Erinnerung, dass sich Cohn, die Brod nur einmal begegnet war, wohl kaum in der Position befand, etwas über seine Wünsche auszusagen. Man habe Cohn unbeabsichtigt »in eine unangenehme Lage gebracht, indem man sie als (ungeeignetes) Werkzeug für die Revision von Dr. Brods Testament missbrauchte«, so Cassouto. »Es gibt ein neues Deutschland, und Max Brod gehörte zu den Ersten, die das erkannten«, so der Anwalt. »Es gibt in der Tat ein neues Deutschland«, erwiderte Cohn mit einer gewissen Schärfe, »aber das heißt nicht, dass Brod erwogen hätte, sein Archiv dort unterzubringen.«
Im Juni 1983 waren die langwierigen Gespräche zwischen Ester Hoffe und der Nationalbibliothek endgültig gescheitert. Der deutsche Literaturwissenschaftler Paul Raabe, ehemaliger Bibliotheksdirektor des Marbacher Literaturarchivs und Leiter der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der Brod persönlich gekannt hatte, schrieb damals verärgert an Ester Hoffe:
Es scheint wohl so zu sein, wie ich befürchtete: Sie können sich nicht entschließen, für Max Brod das zu tun, was nicht nur seine Freunde erwarten, sondern was Ihnen auch selbstverständlich sein sollte.
Wenn es jetzt nicht zu einem Abkommen mit der Nationalbibliothek über den Nachlaß von Max Brod kommt, wird sein hundertster Geburtstag vorbeigehen, und damit werden Sie Max Brod den schlechtesten Dienst erweisen, dem [sic] Sie diesem gütigen Menschen erweisen können. So sehr ich verstehe, daß Sie tausend Zweifel und Bedenken haben, so möchte ich Ihnen doch sagen, daß Sie diese im Interesse Max Brods zurückstellen müssen. […]
Es hat uns [Raabe und seine Frau] sehr bewegt, Sie in Tel-Aviv wiederzusehen. Ich habe auch Ihre Hilflosigkeit gefühlt, ich hatte Ihnen deshalb spontan meine Dienste angeboten. […] Wie gerne hätte ich mit Ihnen wieder zusammengearbeitet, und wie gern hätte ich Ihnen bei all Ihren Problemen zur Seite gestanden. Aber wenn Sie alle Welt verärgern, werden Sie in Kürze ganz allein dastehen. Das ist nicht nur für Sie schlimm, sondern auch für das Andenken an Max Brod und an Kafka katastrophal.
Es tut mir leid, daß ich Ihnen so offen schreibe und schreiben muß, doch sie sollten meine Enttäuschung wissen, da ich zu Max Brods Verehrern gehöre und wir, liebe Frau Hoffe, immer in einer engen persönlichen Beziehung gestanden haben.
In einem zweiten Brief fügte Raabe etwas später hinzu:
Nun sehe ich, daß die Verhandlungen gescheitert sind, und ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich darüber sehr traurig bin. Sie haben damit wohl die letzte Gelegenheit vertan, zu Ihren Lebzeiten die Papiere von Max Brod so unterzubringen, wie er es sich sicherlich in seinem Leben gewünscht hat, aber ja leider in seinem Testament nicht eindeutig verfügte. Nun werden auch diese Papiere eines Tages sowie die Papiere von Franz Kafka zum Spielball persönlicher Interessen, und dies hat Ihr guter Max Brod nicht verdient.3
Es sei durchaus keine Seltenheit, schrieb Henry James 1914 an seinen Neffen, dass der Verwalter eines literarischen Nachlasses dessen Nutzung ganz und gar vereitele. In Raabes Augen hatte auch Ester Hoffe ihre Pflicht als Hüterin des Andenkens und der Arbeit von Max Brod verletzt. Wie T. S. Eliots Witwe Valerie, die vor ihrer Heirat acht Jahre lang Sekretärin des Dichters gewesen war, und wie Ted Hughes, Nachlassverwalter für das literarische Werk von Sylvia Plath nach ihrem Selbstmord 1963, hatte auch Ester Hoffe ihr Vetorecht missbraucht und Biografen und Forscher abgewimmelt. Aus lauter Besitzgier und Eifersucht drohte sie genau das Andenken zu beschädigen, dessen Schutz ihr anvertraut worden war. So zumindest sah es Raabe.
Aber stimmte das auch? Behinderte Ester Hoffe in ihrer Habsucht die Forschung? Eva Hoffe betont, dass ihre Mutter Ende der siebziger und in den achtziger Jahren angesehenen Kafka-Forschern sehr wohl erlaubt habe, die Papiere einzusehen. »Dass wir Forschern den Zugang zu dem Material verweigert haben, ist eine Lüge«, sagte sie im Gespräch mit mir. Es ist wahr, dass Ester Hoffe dem Patriarchen des Suhrkamp Verlags, Siegfried Unseld, das Manuskript von Kafkas »Beschreibung eines Kampfes« verkaufte.4 Auch übertrug sie dem S. Fischer Verlag das Recht, Fotokopien von Der Prozess, Kafkas Briefen an Brod und den Reisetagebüchern Kafkas und Brods für die Kritische Ausgabe zu verwenden, an der Malcolm Pasley von der Universität Oxford damals arbeitete. Für diese Rechte erhielt Ester Hoffe 100.000 Schweizer Franken und aus der Startauflage fünf Exemplare jedes Bandes. Sie muss auch den deutschen Herausgebern von Walter Benjamins Gesammelten Werken Einblick gewährt haben; die Originale einiger Briefe Benjamins an Brod, die dort abgedruckt sind, wurden später in Ester Hoffes Nachlass gefunden.
Wie vor ihm Raabe äußert auch Reiner Stach in seiner maßgeblichen dreibändigen Kafka-Biografie seinen Missmut: »Diese unbefriedigende Situation würde sich zweifellos entscheidend bessern, wenn mit dem Nachlass des langjährigen Freundes Max Brod eine literaturhistorisch erstrangige und keineswegs nur im Zusammenhang mit Kafka bedeutsame Quelle endlich der Forschung zugänglich würde.«5 Ich bat Stach, dies näher zu erläutern.
In den 1970er Jahren machte Ester Hoffe die Papiere in ihrer Wohnung einigen Forschern zugänglich, unter ihnen Margarita Pazi [die sich mit deutsch-jüdischer Literatur und auch mit Brod befasste] und Paul Raabe; sie erhielten aber nicht die Gelegenheit, »systematisch« damit zu arbeiten. Deshalb zitierten sie in ihren Aufsätzen und Büchern auch nie daraus. Die einzige Ausnahme war (soweit ich weiß) Joachim Unseld [Siegfried Unselds Sohn]: Er kaufte ein Kafka-Manuskript und erhielt anschließend die Erlaubnis, einige Briefe Max Brods zu kopieren.
Malcolm Pasley erhielt Zugang zu den Safes, weil der S. Fischer Verlag viel Geld für Kopien der Kafka-Manuskripte zahlte, die er für die Kritische Ausgabe brauchte. Er erhielt keinen Zugang zu den Papieren in der Wohnung, obwohl das für den Kommentar sehr wichtig gewesen wäre.
Hans-Gerd Koch, der seit etwa 1990 am Kommentar arbeitet, erhielt nie Einsicht in die Papiere in der Wohnung, obwohl es auch für ihn und die Ausgabe sehr wichtig gewesen wäre.6
Aus eben diesem Grund schrieb Stach den chronologisch ersten Band über Kafkas frühe Jahre als letzten. Seine amerikanische Übersetzerin Shelley Frisch erklärt in ihrem Vorwort zur englischen Ausgabe:
Diese Reihenfolge, die auf den ersten Blick abwegig, ja geradezu »kafkaesk« anmutet, wurde von der gerichtlichen Auseinandersetzung um Max Brods literarischen Nachlass in Israel erzwungen; in dieser Zeit erhielten Forscher keinen Einblick in die Materialien, von denen sich viele unmittelbar auf Kafkas Entwicklungsjahre bezogen.
Als Stach 2013 für seinen Band Kafka: Die frühen Jahre recherchierte, bat er nach eigener Aussage »Eva Hoffe in einem ausführlichen Brief, mir nur einige von Brods frühen Tagebüchern zu zeigen«. Sie lehnte ab. Eva Hoffe bestätigte mir das. »Ich erklärte ihm, dass mir die Hände gebunden seien«, sagte sie, »und dass ich die Schlüssel zu den Schließfächern nicht mehr hätte.«
Meir Heller vermischte vor Gericht von Anfang an juristische Argumente und ideologische Erwägungen, unterstützt von einem Chor israelischer Beobachter, die Kafkas rechtmäßigen Platz in einer israelischen Einrichtung sahen. So erklärte der Kafka-Forscher Mark Gelber, Professor an der Ben-Gurion-Universität, gegenüber der New York Times, Kafkas »enges Verhältnis zum Zionismus und den Juden« untermauere den Anspruch, seine lange verschollenen Schriften in Israel zu belassen.
Die Entscheidung, Ester Hoffes Testament anzufechten, machte Beobachter in Deutschland ebenso fassungslos wie Eva Hoffe. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hatte mit ihr darüber verhandelt, den Brod-Nachlass einschließlich Kafkas Schriften zu erwerben. Das Literaturarchiv meldete sich als interessierte Partei beim Gericht und bekräftigte Eva Hoffes Anrecht auf die Manuskripte. Das Marbacher Literaturarchiv, das weltweit größte für moderne deutsche Literatur, ist für Deutschland mehr oder weniger, was die Nationalbibliothek für Israel darstellt. Finanziert wird es vom Land Baden-Württemberg, vom Bund und von Drittmitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (deren Gelder wiederum überwiegend vom Bund kommen).
Anders als die Israelische Nationalbibliothek erhob Marbach keinen Anspruch auf die Manuskripte; man wollte lediglich das Recht erhalten, dafür zu bieten. Die Forderung Israels wirkte auf die Marbacher daher wie ein verzweifeltes, wenn auch cleveres Manöver. Wenn man dem Markt freien Lauf ließe, so argumentierten sie, würde Hoffe die Manuskripte nach Deutschland verkaufen.
Als die Spannungen zunahmen, bestätigte der Direktor des Deutschen Literaturarchivs Ulrich Raulff Eva Hoffe brieflich, ihre Mutter Ester habe »mehrfach die Absicht geäußert, den Nachlass von Max Brod nach Marbach zu geben«. Raulff lobte die »modernsten Möglichkeiten der fachgerechten Lagerung und Verzeichnung« wie auch das Fachpersonal für Konservierung, Restaurierung, Entsäuerung und Digitalisierung und brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, Kafkas Manuskripte in die Nachlässe der mehr als 1400 Schriftsteller im Marbacher Archiv einzureihen, die in speziellen Lagerräumen bei konstant 18 bis 19 Grad Celsius und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 bis 55 Prozent aufbewahrt würden.7 Unter anderem lagerten dort das Helen und Kurt Wolff-Archiv mit den Nachlässen von mehr als zweihundert Schriftstellern und Gelehrten, die vom NS-Regime verfolgt worden und ins Exil gegangen waren.8 Raulff fügte hinzu, dass Marbach bereits die nach Oxford weltweit zweitgrößte Sammlung von Kafka-Manuskripten beherberge.9
»Die Israelis sind anscheinend verrückt geworden«, kommentierte der Kafka-Experte Klaus Wagenbach (dessen Papiere ebenfalls in Marbach archiviert werden), als die Anfechtung von Ester Hoffes Testament bekannt wurde.10 Doch im Lauf der Verhandlung unter Richterin Kopelman Pardo rückte das Literaturarchiv von seiner konfrontativen Haltung ab und betonte, eine Schlacht um Kafka mit nur einem Sieger lasse sich durchaus vermeiden. Marcel Lepper, der damalige Leiter des Forschungsprogramms in Marbach, verwies darauf, dass das Deutsche Literaturarchiv im Jahr 2012, finanziell unterstützt vom Auswärtigen Amt, mit dem Franz Rosenzweig Minerva Research Center und der Hebräischen Universität Jerusalem ein Forschungsprojekt begonnen habe, bei dem es um die Bewahrung deutsch-jüdischer Sammlungen in israelischen Archiven gehe. »Kooperative, dezentrale Projekte sind im Kontext der deutschisraelischen Beziehungen besser mit der besonderen deutschen Verantwortung vereinbar.«11
Eva Hoffe hatte dazu eine dezidierte Meinung. »Marbach traut sich nicht, den israelischen Behauptungen offen zu widersprechen«, wird sie im November 2009 in der Wochenzeitung Die Zeit zitiert. »Da ist immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Krieges und des Holocaust.«12 Mir gegenüber sagte sie, »Deutschland und Israel, die deutsche und die levantinische Kultur«, seien eben »einfach unvereinbar«.
Das Archiv verpflichtete den israelischen Urheberrechtsexperten Sa’ar Plinner, die Marbacher Interessen im Fall Hoffe zu vertreten. Plinner legte dem Gericht eine Aussage des Archivleiters Ulrich von Bülow vor, der zufolge Brod in den 1960er Jahren das Archiv besucht und explizit den Wunsch geäußert habe, dass sein Nachlass nach Marbach gehen solle. Das Verfahren diene dem israelischen Staat lediglich als Vorwand, Privateigentum an sich zu reißen, so Plinner. Der ursprünglich private Austausch zwischen Kafka und Brod sei zunächst in Brods Besitz übergegangen, dann in den weiteren Kreis der Familie Hoffe, und nun falle er womöglich sogar an den Staat.
In einer späteren Verhandlung verwies Plinner erneut auf die persönliche Beziehung, die am Beginn dieses Falls stehe: die Freundschaft zwischen Kafka und Brod. Das Gericht möge doch bitte unterscheiden zwischen den Manuskripten, die Kafka Brod geschenkt, und denen, die Brod nach Kafkas Tod aus dessen Schreibtisch geholt hatte. Letztere, so Plinner, gehörten rechtmäßig weder der Familie Hoffe noch der Nationalbibliothek, sondern höchstens Kafkas einzigem lebenden Erben, Michael Steiner in London.
Doch auch Brods Anrecht auf die Geschenke, die er direkt von Kafka erhielt, ist durchaus umstritten. Kafka-Biograf Reiner Stach etwa schreibt, dass Brod zwar behauptete, Kafka habe ihm mehrere unvollendete Manuskripte geschenkt, doch tatsächlich habe Kafka sie Brod nur als eine Art »Dauerleihgabe« überlassen und ihn später ausdrücklich darum gebeten, sie zu verbrennen. Wegen seiner Verdienste um Kafkas literarisches Vermächtnis stellte allerdings kaum jemand Brods Behauptung infrage. Michael Steiner schrieb mir dazu:
Den Kafka Estate interessierte in dieser Angelegenheit, ob Franz Kafka einige der Manuskripte, um die es in der Streitsache ging, Max Brod womöglich nie geschenkt hat und sie daher zum Kafka-Nachlass gehören. Wir brauchten viele Jahre, um eine Inventarliste zu bekommen, und da diese Liste nicht von einem Wissenschaftler erstellt worden war, bleiben bis heute Zweifel, ob bestimmte Manuskripte je als Schenkung an Brod gingen. Sämtliche Richter haben über die Jahre betont, dass sie sich mit dieser Frage nicht befasst hätten, sondern nur damit, wer der rechtmäßige Eigentümer der Manuskripte war, die laut Brods Letztem Willen ihm gehörten oder ihm zu Lebzeiten möglicherweise geschenkt worden waren.13
Die Auseinandersetzungen vor Richterin Kopelman Pardo fanden auch außerhalb des Gerichtssaals Widerhall. Im Januar 2010 bezog Reiner Stach im Berliner Tagesspiegel Stellung:
Marbach wäre sicher der richtige Ort für den Brod-Nachlass, weil man dort die Wissenschaftler und die Erfahrung hat im Umgang mit Kafka, Brod und der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte. Dass die Hoffe-Töchter mit Marbach jetzt ernsthaft verhandeln, hat im Israelischen Nationalarchiv [sic] irgendwelche Ressentiments oder Begehrlichkeiten geweckt. Dort jedoch fehlen für diese deutschsprachigen Texte aus dem einstigen Kulturraum zwischen Wien, Prag und Berlin die sprach- und milieukundigen Leute. Brod hatte ja schon als junger Mann zahllose Kontakte geknüpft, zu Heinrich Mann, zu Rilke, Schnitzler, Karl Kraus, Wedekind oder zu Komponisten wie Janacek [sic], und er besprach diese Korrespondenzen mit Kafka. Aber das war Jahrzehnte, ehe er nach Palästina kam – hier von israelischem Kulturgut zu sprechen, erscheint mir ganz abwegig. In Israel gibt es heute weder eine Kafka-Gesamtausgabe noch eine einzige Straße, die nach Kafka benannt wäre. Und suchen Sie Brod auf Hebräisch, müssen Sie ins Antiquariat gehen.14
Tatsächlich begann Mordechai Nadav erst 1966 mit dem Aufbau der Archivabteilung der Nationalbibliothek, als die literarischen Nachlässe von Martin Buber und dem israelischen Nobelpreisträger S. J. Agnon an die Bibliothek gingen. Und erst 2007 richtete sie eine gesonderte Abteilung für Handschriften und Nachlässe ein.15 Doch einige Israelis wehren sich gegen die Behauptung, Israel mangele es an Wissen und Ressourcen für die Aufbewahrung von Brods Manuskripten. Professor Otto Dov Kulka erklärte gegenüber der israelischen Zeitung Ha’aretz: »Als gebürtiger Prager, der an der Hebräischen Universität mit israelischen und ausländischen Kollegen die jüdische Kultur und Geschichte sämtlicher Epochen erforscht – in ihren Sprachen Hebräisch, Deutsch und Tschechisch –, verwahre ich mich entschieden gegen die verlogenen und ungeheuerlichen Behauptungen, die unsere Legitimität für die Durchführung dieser Forschungen und einen wissenschaftlich angemessenen Umgang mit diesen Primärquellen im Allgemeinen und mit Kafka und Brod im Besonderen infrage stellen.« Der New York Times sagte Kulka 2010: »Es heißt, die Papiere seien in Deutschland sicherer. Die Deutschen würden sich gut darum kümmern. Die Deutschen haben sich aber im Lauf der Geschichte nicht sonderlich gut um Kafkas Sachen gekümmert. Sie haben sich nicht gut um seine Schwestern gekümmert [die im Holocaust umkamen].«16
Im Februar 2010 verfasste Kulka mit zwei Dutzend renommierten israelischen Wissenschaftlern einen offenen Brief auf Hebräisch, der auch auf Deutsch erschien (einem nicht ganz perfekten und etwas altmodischen Deutsch): »Wir, die Unterzeichneten, israelische Akademiker und Forscher die sich mit der deutsch-judischen Geschichte befassen, sind entsetzt über die Art wie die israelische Akademia in der deutschen Presse dargestellt wird, als ob wir weder Interesse, noch das historische Wissen und sprachliches Können hätten, um das Max Brod Archiv zu erforschen. Max Brod ist ein Teil der Geschichte des Staates Israel, ein Schriftsteller und Philosoph, der unzahlige Artikel über den Zionismus geschrieben hat und der sich, nach seiner Flucht vor den Nazis aus Prag, in Israel (damals Palaestina) niederliess und hier uber dreissig Jahre bis zu seinem Tod lebte.«17
Nurit Pagi, die an der Universität Haifa über Brod promovierte, war die treibende Kraft hinter dem offenen Brief. Der Zeitung Ha’aretz sagte Pagi: »Brods breit gefächertes Werk hat unter anderem deshalb nicht die verdiente Anerkennung erhalten, weil sein Archiv – das 20.000 Seiten umfasst – seit seinem Tod 1968 Wissenschaftlern nicht zugänglich war, obwohl er darum gebeten hatte, dass es an die Nationalbibliothek gehen solle. Nun besteht die einzigartige Chance, diese Ungerechtigkeit, die ihm seit vielen Jahren widerfährt, zu korrigieren und Forschern aus Israel und anderen Ländern die Möglichkeit zu geben, neues Licht auf sein Werk und sein Erbe zu werfen.«
Pagi erzählte mir, ihre Mutter und Eva Hoffe hätten in dem Jugenddorf Ben Schemen zusammen die Schule besucht, das 1927 gegründete landwirtschaftliche Internat. Pagi stieß in den 1960er Jahren in einer öffentlichen Bücherei in Haifa zum ersten Mal auf Brods Romane und erkannte mit wachsender Faszination, dass Brod parallel zu seiner Hinwendung zum Zionismus literarisch einen realistischeren Stil und Wortschatz entwickelt hatte. Für sie war Brod der Beweis für eine allgemeinere Weisheit: »Der Zionismus wurde auf Deutsch verfasst.« Pagi bezog sich auf die tiefe Verwurzelung der zionistischen Bewegung in der deutschsprachigen Kultur, angefangen mit den Schriften des Wiener Journalisten Theodor Herzl, den ersten Zionistenkongressen in Basel und zionistischen Zeitungen wie der Jüdischen Rundschau von Robert Weltsch, einem Cousin Felix Weltschs.
Vor einigen Jahren erfuhr Pagi, dass der Sohn einer der bedeutendsten israelischen Dichterinnen zögerte, den literarischen Nachlass seiner Mutter in Israel zu belassen, weil »wir hier keine Zukunft haben«, wie er sagte. »Der Verbleib des Brod-Archivs in Israel könnte beweisen, dass wir an unsere Existenz und unsere Zukunft hier im Land glauben«, so Pagi. »Dass wir wissen, die zionistische Bewegung hat sich noch lange nicht verwirklicht und dem Erbe des mitteleuropäischen Judentums fällt bei dieser Verwirklichung eine wichtige Aufgabe zu. In der Tat, auch der Kampf um den Verbleib des Archivs von Max Brod in Israel ist einer der wichtigen Kämpfe, die wir für unsere Zukunft in unserem Land austragen.«18 Andreas Kilcher aus Zürich, renommierter Experte für Kafka und deutsch-jüdische Literatur, zitierte Pagis Worte als ein Beispiel für den »kulturkämpferischen Gestus« und die »bellikose Rhetorik« rund um den Prozess.19
Die Wortwahl der Wissenschaftler auf beiden Seiten – »Ressentiments«, »ungeheuerliche Behauptungen«, »kulturkämpferisch« – spiegelt jedenfalls deutlich den Streit von Deutschen und Israelis um das gemeinsame literarische Erbe wider.
Bei der nächsten Sitzung des Familiengerichts von Tel Aviv, kurz nach Margot Cohns Kreuzverhör, machte auch Eva Hoffe ihre Aussage. Nach dem »Hinterhalt« beim ersten Gerichtstermin hatten sich ihre Schwester Ruth und sie zunächst an Arnan Gabrieli gewandt, einen der angesehensten Anwälte für Urheberrecht in Israel. Gabrieli hatte ihre Mutter Ester vertreten und auch die Verhandlungen für den umstrittenen Verkauf der Sammlung des Jerusalemer Dichters Jehuda Amichai an die Yale University geführt. Doch Eva Hoffe zufolge belästigte ihre Schwester Gabrieli dermaßen – unter anderem rief sie wiederholt bei ihm zu Hause an –, dass er den Fall ablehnte. Stattdessen engagierten die Schwestern die Anwälte Uri Zfat und Jeschajahu Etgar. (Zfat hatte 1975 im Alter von 24 Jahren als Jurastudent an der Bar-Ilan-Universität Büroarbeiten für Richter Schilo erledigt.)
Von Anfang an stellten die beiden Anwälte die Position der Nationalbibliothek als Versuch dar, Privateigentum zu verstaatlichen. Das Urteil von Richter Schilo aus dem Jahr 1974, mit dem der Vorstoß des Staates, sich die Kafka-Manuskripte anzueignen, abgewehrt wurde, solle Bestand haben, argumentierten sie und riefen Richterin Kopelman Pardo in Erinnerung, dass Schilo im damaligen Verfahren, anders als im gegenwärtigen, Ester Hoffes Aussage selbst hatte hören können. »Die Ansprüche der Bibliothek waren bereits Gegenstand eines Verfahrens […] und wurden in einer Weise entschieden, die für eine erneute Verhandlung keinen Raum lässt.«
Ohnehin dürfe man die Kafka-Papiere nicht als Teil von Brods Nachlass betrachten, so Uri Zfat. Da Brod in seinem Testament Kafkas Papiere nicht gesondert erwähnt habe, sei er sich durchaus bewusst gewesen, dass sie nicht mehr zu seinem Nachlass gehörten; er hatte sie Ester Hoffe ja bereits geschenkt. Und schließlich habe die Nationalbibliothek in den Jahren, in denen sie mit Ester Hoffe über die Kafka-Schriften verhandelt habe, nie auch nur angedeutet, dass sie sich selbst als rechtmäßige Erbin verstanden hätte.
Schmulik Cassouto, Ester Hoffes Nachlassverwalter, fügte hinzu, der Vorstoß des Staates, die Manuskripte an sich zu reißen, komme »offener Bevormundung« gleich und sei »eines demokratischen Staates, als der sich Israel präsentiert, unwürdig«. Cassouto fuhr fort: »Es ist nicht an uns zu entscheiden, ob Brod seinen Nachlass der Person hinterlassen hat, die dafür am besten ›geeignet‹ war. Auch steht es uns nicht zu, in Zweifel zu ziehen, was ihm am meisten am Herzen lag. Der Staat mag Recht haben mit der Behauptung, dass es für Brod besser gewesen wäre, wenn er Frau Hoffe nicht so nahe gestanden hätte, oder dass er seinen ›Schatz‹ besser einem passenderen Erben vermacht hätte – und einen passenderen Erben als den Staat Israel gibt es nicht. Aber Brod hat Frau Hoffe eben nahegestanden. Für ihn war sie die einzige verbleibende Familie, und ihr wollte er alles geben, was er besaß. Dieser Wille muss respektiert werden.«
Da Brod die Kafka-Manuskripte zu Lebzeiten als Schenkung an Ester Hoffe gegeben habe, so Cassouto, seien diese Manuskripte de facto und de jure nicht Teil des Brod-Nachlasses und somit nicht Gegenstand der Testamentsauslegung. Was Brods eigenen Nachlass angehe, habe er Ester Hoffe testamentarisch eindeutig das Recht übertragen, zu entscheiden, wo sie ihn hingebe und unter welchen Bedingungen. Wenn die Nationalbibliothek Anstand beweisen wolle, fuhr er fort, würde sie mit Eva Hoffe über den Erwerb der Manuskripte verhandeln, statt sie dermaßen unter Druck zu setzen. Dass die Nationalbibliothek die Manuskripte erhalten könnte, ohne Eva Hoffe dafür zu entschädigen, bezeichnete er als »absurd«.
Abgesehen von solchen juristischen Feinheiten waren die Sitzungen vor dem Familiengericht von Tel Aviv jedoch von allgemeineren Überlegungen darüber beherrscht, wo Kafkas und Brods Erbe nun eigentlich hingehöre. »Wie bei vielen anderen Juden, die ihren Beitrag zur westlichen Zivilisation geleistet haben«, sagte Meir Heller über Kafka, »sollten sein Erbe [und] seine Manuskripte unserer Ansicht nach hier im jüdischen Staat verbleiben.« Auch Ehud Sol (von der angesehenen israelischen Anwaltskanzlei Herzog, Fox und Neeman), gerichtlich bestellter Verwalter des Brod-Nachlasses, argumentierte, das Gericht müsse, wenn es zwischen Marbach und der Nationalbibliothek entscheide, auch Kafkas und Brods Haltung »zur jüdischen Welt und zum Land Israel« berücksichtigen, ebenso wie Brods Haltung zu Deutschland nach der Schoah. Die Frage, wie wichtig Brod und Kafka das jüdische Volk und seine politischen Ziele waren, sollte sich für den Prozess – und für die Urteile der Richter – als entscheidend erweisen.
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Flirt mit dem Gelobten Land
Festsaal im Hotel Central, Prag, 20. Januar 1909
[Ich wäre], wenn schon nicht nach Palästina übersiedelt, doch mit dem Finger auf der Landkarte hingefahren.
FRANZ KAFKA, 19181
Der Theologe Martin Buber, Apostel eines neuen, geistig dynamischen Judentums, hielt einen Vortrag im Prager Hotel Central. Eingeladen hatte der zionistische Studentenverein Bar Kochba, der von Hugo Bergmann geleitet wurde. Bergmann hatte, ebenso wie Felix Weltsch und Hans Kohn, mit Kafka die erste bis zwölfte Klasse besucht.2 Für Buber, Herausgeber von beliebten Anthologien traditioneller chassidischer Erzählungen aus dem 18. Jahrhundert, war es der erste von drei Vorträgen (im Januar 1909 und im April und Dezember 1910) über die Wiederbelebung des Judentums.3 Es war nicht die erste Begegnung zwischen den Prager Zionisten und Buber, der Prag bereits 1903 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Bar-Kochba-Vereins besucht hatte, wohl aber der bedeutsamste.
Max Brod, damals 25, hatte in dem vollbesetzten Festsaal bereits dem Vorprogramm beigewohnt: Die sechzehnjährige Schauspielerin Lia Rosen rezitierte mit verführerischer Stimme Gedichte Hugo von Hofmannsthals (mit dem Rainer Maria Rilke sie im November 1907 in Wien bekannt gemacht hatte).4 Auch sang sie Richard Beer-Hofmanns »Schlaflied für Mirjam« mit den Zeilen:
Was ich gewonnen, gräbt man mit mir ein.
Keiner kann keinem ein Erbe hier sein.
Als Buber die Bühne betrat, war Brod beeindruckt von der wachen Intelligenz, die in seinen Augen loderte. Ihn begeisterten die ausgefeilten Sätze zur jüdischen Selbstbestimmung, die wortgewaltigen Ausführungen über die geistige Erneuerung. »Warum nennen wir uns Juden?«, fragte Buber. »Weil wir es sind? Was bedeutet das, daß wir es sind?« Er frage nicht nach den »Formationen des äußeren Lebens, sondern nach der inneren Wirklichkeit«.5
In seiner Autobiografie schrieb Brod, er habe bis dahin dem jüdischen Studentenverein als »Gast und Opponent« angehört, sei jedoch als Zionist aus Bubers Vorträgen herausgekommen. Zuvor habe er keinerlei jüdischen Selbsthass in sich gespürt, aber auch keinen besonderen jüdischen Stolz. Die Begegnung mit Buber veränderte Brods Haltung zum jüdischen Leben und in der Folge auch seine Haltung zu Kafka und zu Kafkas Literatur. Hier habe sein Kampf für, ja sein »Kampf um das Judentum« begonnen, wie der Titel eines seiner Bücher lautete. Bubers Vorträge spornten Brod an, etwas zu artikulieren, das er und viele andere deutschsprachigen Juden bis dahin nur vage gespürt hatten: Der Versuch, sich mit dem »deutschen Geist« zu identifizieren, war gescheitert. Diesem Scheitern folgte eine intensive Auseinandersetzung mit der »persönlichen Judenfrage«, wie Robert Weltsch es später formulierte. Brod sei von der fast ausschließlichen und bewussten Beschäftigung mit ästhetischen Aspekten zu einer vollständigen Identifizierung mit dem jüdischen Volk gelangt, so Weltsch.6
Ausgangspunkt für diese Auseinandersetzung war das Gefühl der Fremde. »Der deutsche Jude im tschechischen Prag verkörperte sozusagen das Fremde und das bewusste Fremdsein«, schreibt Pavel Eisner. »Er war ein Volksfeind ohne eigenes Volk.«7 Einige Prager Juden entkamen dieser Fremdheit durch Flucht in die Ferne, weil sie hofften, dort ihren Schwebezustand zu überwinden: nach Wien (Franz Werfel), Berlin (Willy Haas) oder nach Amerika (wie die Eltern von Louis D. Brandeis). Manche wandten sich dem radikalen Sozialismus zu (so Egon Erwin Kisch) oder ließen sich christlich taufen. Einige Prager Juden – Gershom Scholem verspottete sie als Hatschi-Zionisten – betrieben eine Art Mode-Zionismus. Wieder andere, wie Max Brod, wandten sich dem Zionismus mit großer Ernsthaftigkeit zu.8
Prags bekanntermaßen winzige zionistische Zirkel kreisten um den Studentenverein Bar Kochba, der nach dem Anführer des letzten Judenaufstands gegen die Römer benannt war. Wenn in einem bestimmten Café die Decke einbräche, so erzählte man sich scherzhaft, wäre die gesamte zionistische Bewegung Prags mit einem Schlag ausgelöscht. So klein die Bewegung zahlenmäßig auch gewesen sein mag, hatte sie mit ihrer Mischung aus Zionismus und Sozialismus dennoch eine solche Sogwirkung, dass die Zionisten nach 1918 sogar zwei Sitze im Prager Stadtrat eroberten. Brod erklärt das so:
Dazu kam aber als fester Tatbestand etwas sehr Eigentümliches, Seltenes: das Faktum, daß sich als Anreger und Hauptorganisatoren der zionistischen Strömung junge Männer von einzigartiger Reinheit des Charakters und von intensivster Geistigkeit zusammengefunden hatten, eine Gruppe von leuchtender Vorbildlichkeit, wie ich sie in meinem weiteren Leben nie wieder angetroffen habe – nur eben im Prag jener stürmischen und erwartungsvollen Jahre. Der Studentenverein Bar-Kochba war die Kristallisationsmitte. […] Viele unter uns waren Sozialisten. Andere übten Buße und Umkehr in einsamen Zonen. Doch was uns alle einte, war die Überzeugung, daß unsere Arbeit durch persönliche Opfer und Taten, durch ein von Grund auf verändertes Leben jedes einzelnen geschehen müsse. Nicht durch Leitartikel, nicht durch Agitationsreden, sondern in stillem Bemühen, im engsten Kreise des Volkes. Also in erster Linie auf eine Versittlichung der erniedrigten, gelästerten, durch die Diaspora auch in der Tat vielfach verderbten jüdischen Gemeinschaft hinzielend – und daher auch universal-sittlich in der Tendenz, der ganzen Menschheit zum Heile gereichend, eine echte Brüderschaft, die zwischen den entsühnten Völkern zu stiften war. – Der jüdische Staat, den wir »drüben«, in Palästina, vorbereiteten, sollte auf Gerechtigkeit und selbstloser Liebe jedes einzelnen zu jedem einzelnen begründet sein und selbstverständlich unseren nächsten Nachbarn, den Arabern, Freundschaft und Hilfe bringen, Rettung aus ihrer demütigenden materiellen Not.9
Vor 1909 hatte sich Brod nicht weiter für die zionistische Begeisterung des Bar-Kochba-Vereins interessiert. Bis 1905 hatte er nach eigener Aussage noch nie von Theodor Herzl gehört, dem Gründervater des politischen Zionismus; als er Herzls Porträt an der Wand von Hugo Bergmanns Wohnzimmer im Prager Vorort Podbaba zum ersten Mal sah, fragte er: »Wer ist denn das?«10
Doch im Jahr 1909 begann er, der Bedeutung der jüdischen Identität und den damit einhergehenden moralischen Verpflichtungen auf den Grund zu gehen. Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie und der Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 wurde Brod Ehrenmitglied (»Alter Herr«) des Bar-Kochba-Vereins und Zweiter Vorsitzender des Jüdischen Nationalrats. In der neu ausgerufenen Republik entwickelte er sich zu einem wichtigen Sprachrohr der tschechischen Juden und trug in Verhandlungen entscheidend zu den beträchtlichen Autonomiezugeständnissen Präsident Masaryks bei. Befeuert habe seinen selbstlosen Einsatz für den Zionismus, so Brod, ein Satz aus Kafkas Kurzgeschichte »Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse«:
[A]ber das Volk, ruhig, ohne sichtbare Enttäuschung, herrisch, eine in sich ruhende Masse, die förmlich, auch wenn der Anschein dagegen spricht, Geschenke nur geben, niemals empfangen kann, auch von Josefine nicht, dieses Volk zieht weiter seines Weges.11
Kafkas Erzähler zufolge ist Josefine »eine kleine Episode in der ewigen Geschichte unseres Volkes«. Und er fügt hinzu, dass das Volk der Mäuse »sich noch immer irgendwie selbst gerettet hat, sei es auch unter Opfern, über die der Geschichtsforscher […] vor Schrecken erstarrt«.
Mit seiner Hinwendung zum Kulturzionismus wollte Brod nicht nur ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk entwickeln. Er kritisierte auch, dass die neuen Nationalstaaten die kollektive Identität von Minderheiten aushöhlten. »Für mich«, schrieb er in der zionistischen Wochenzeitung Selbstwehr, »unterliegt es keinem Zweifel, dass ein ›Jüdisch-Nationaler‹ kein ›Nationaler‹ im heute üblichen Sinne des Wortes sein darf. Es ist die Sendung der jüdischen Nationalbewegung, des Zionismus, dem Worte ›Nation‹ einen neuen Sinn zu geben.«12 Die Erneuerung des Judentums – und die Wiederbelebung der hebräischen Sprache – könne nur gelingen, wenn sie im Land Israel verwurzelt sei. 1924 schrieb Brod an die in Prag geborene Schriftstellerin Auguste Hauschner: »Vor allem das eine: Der jüdische Nationalismus darf nicht eine neue chauvinistische Nation schaffen, sondern soll nur der versöhnenden, allmenschlichen, heute degenerierten Genialität des Juden eine Gesundung, der messianischen Richtung eine reale Unterlage schaffen.«13
Der mit dem Zerfall der Habsburger Dynastie aufkommende Nationalismus gab Brods Mission eine neue Dringlichkeit. »Der Jude, der es mit dem nationalen Problem ernst meint, bewegt sich heute in folgendem Paradox«, so Brod. »Er muß den Nationalismus bekämpfen zu Gunsten einer allmenschlichen Verbrüderung […] und er muß zugleich mitten in der jungen jüdischen Nationalbewegung stehen.«14
Während des Ersten Weltkriegs gab Brod Kurse zur Weltliteratur für junge Jüdinnen, die vor dem Krieg aus Osteuropa geflohen waren. Die Tätigkeit sei sein »einziger Trost in dieser entgeistigten Zeit«, schreibt er 1916 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Der Jude. »Eine bezaubernde Frische und Naivität geht von den Mädchen aus. Und dennoch sind sie durchaus geistig«, urteilte er. Einen Monat später verglich er in einem weiteren Aufsatz seine Studentinnen mit den oberflächlicheren »Westjüdinnen« und kam zu dem Schluss, »daß die galizischen Mädchen in ihrer Gesamtheit um so viel frischer und im Geiste wesenhafter, gesünder sind als unsere Mädchen«.15
Die wachsende Bedeutung des Judentums in seinem Leben rechtfertigte Brod 1921 in seiner Abhandlung Heidentum, Christentum, Judentum. In seinem Opus – ob nun magnum oder nicht – unterscheidet er zwischen drei Haltungen zum Diesseits: die Diesseitsbejahung (Heidentum), die Ablehnung der sündigen Welt zugunsten des »Jenseits« (das Christentum mit dem Grundsatz »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«) und schließlich die Überzeugung, dass diese unvollkommene Welt Erlösung finden kann (Judentum). Diese dritte Haltung bezeichnet Brod als »Diesseitswunder«. Robert Weltsch resümiert später, für Max Brod sei »das Heidentum die Religion des Diesseits, des menschlichen Lebens in dieser Welt, das alles ignoriert, was die sinnliche Erfahrung übersteigt. Das Christentum ist die Religion des Jenseits. Das Judentum […] ist die Religion, die beide Welten berücksichtigt und an die Gleichzeitigkeit von Gnade und Freiheit glaubt.«16
Brod, den Sinnlichkeit und Spiritualität gleichermaßen anzogen, wählte das Judentum. Und diese Wahl umfasste auch den Zionismus. »Der Zionismus baut der jüdischen Religiosität ihren Körper, den sie verloren hatte«, schrieb Brod auf den letzten Seiten von Heidentum, Christentum, Judentum. Der Zionismus bot ihm einen Rückzugsort vor dem Neuheidentum, das Europa zu verschlingen drohte – »der Triumph der heidnischen Bestie« –, und sollte ihm später das Leben retten.17
Am 13. August 1912 kam Kafka eine Stunde später als verabredet in Brods Wohnung in der Skořepka-Straße. Brod wollte für seine erste Veröffentlichung Betrachtungen die endgültige Reihenfolge der Texte mit ihm besprechen. Kaum hatte Kafka die Wohnung betreten, fiel sein Blick auf eine Vierundzwanzigjährige, eine entfernte Verwandte Brods, die bei ihm am Tisch saß. »Freier Hals. Übergeworfene Bluse«, notierte er in sein Tagebuch. »Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremde ihr ein wenig dadurch, daß ich ihr so nahe an den Leib gehe. […]) Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil.«18
Die beiden kamen ins Gespräch, und die junge Frau erzählte, sie arbeite in der Berliner Firma Carl Lindström AG, deren neuartiges Diktiergerät sie vermarktete. Außerdem erwähnte sie, dass sie Hebräisch lerne. »Nun hatte sich also auch herausgestellt, daß Sie Zionistin wären und das war mir sehr recht«, schrieb ihr Kafka später.19 Er war so frei, für den folgenden Sommer eine gemeinsame Palästinareise vorzuschlagen. Sie willigte ein und gab ihm die Hand darauf. In der Jackentasche hatte Kafka an jenem Abend die August-Ausgabe der Zeitschrift Palästina, die in deutscher Übersetzung einen Aufsatz des Kulturzionisten Achad Ha’am über seinen jüngsten Besuch in Palästina enthielt. Kafka notierte die Berliner Adresse der jungen Frau auf der Titelseite, ehe er sie in ihr Hotel Zum blauen Stern begleitete (dasselbe, in dem Bismarck 1866 den Friedensvertrag zwischen dem Königreich Preußen und dem Kaisertum Österreich unterzeichnet hatte).
Felice Bauer ist die Frau, die Kafka nie heiraten wird. In Hunderten von stürmischen Briefen (Kafka zitierte in Briefen an Brod manchmal aus seiner Korrespondenz mit Felice und umgekehrt) wirbt Kafka in den folgenden fünf Jahren um Felices Liebe, die ihn dann aber dermaßen erdrückt, dass er sich zurückzieht. Er liebt sie und er flieht sie. Getrennt durch eine sechsstündige Zugfahrt zwischen Prag und Berlin, verloben sich die beiden zweimal und trennen sich zweimal.
Kafkas ambivalente Haltung zum Zionismus lässt sich als Subtext seiner Ambivalenz gegenüber Felice – und anderen Frauen, die er aus der Distanz liebt – lesen; als seien Zionismus und Ehe für ihn, der an einer lähmenden »Wir-Schwäche« litt, zwei Aspekte eines Gedankens, zwei Ausdrucksformen des »Wir«. Als hätte er diesen Subtext gespürt, schenkte Brod Kafka und Felice Bauer anlässlich ihrer ersten Verlobung Richard Lichtheims Buch Das Programm des Zionismus (1911).20 Doch Kafkas Ambivalenz verstärkte sich mit der Zeit nur. In einem Brief an Felices gute Freundin Grete Bloch gestand er 1914, »ich bewundere den Zionismus und ekle mich vor ihm«.21
Kafka setzte nie einen Fuß auf palästinensischen Boden, doch in seinem ersten Brief an Felice, drei Wochen nach ihrer ersten Begegnung in Brods Wohnung, griff er für seinen Annäherungsversuch auf die Palästina-Fantasie zurück:
Für den leicht möglichen Fall, daß Sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern können, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka und bin der Mensch, der Sie zum erstenmal am Abend beim Herrn Direktor Brod in Prag begrüßte, Ihnen dann über den Tisch Photographien von einer Thaliareise, eine nach der andern, reichte und der schließlich in dieser Hand, mit der er jetzt die Tasten schlägt, Ihre Hand hielt, mit der Sie das Versprechen bekräftigten, im nächsten Jahr eine Palästinareise mit ihm machen zu wollen.22
Dieses Versprechen setzte in Kafka etwas frei. In der Nacht zum Jom-Kippur-Fest, zwei Tage nach dem Brief an Felice, schrieb er in einem ekstatischen Lauf von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens die Erzählung »Das Urteil«, die den eigentlichen Beginn seines Schriftstellerdaseins markiert. Er widmete die Erzählung Felice.
Für Kafka sei Palästina »das bildliche Anderswo, wo Liebende hingehen, eine offene Zukunft, der Name für ein unbekanntes Ziel«, so Judith Butler, Professorin an der University of California in Berkeley. In ihrer Korrespondenz setzte Kafka Felice innerlich mit diesem Anderswo gleich. Im Februar 1913 schrieb er ihr, er habe zufällig einen Bekannten getroffen, einen jungen Zionisten, der ihn zu einer wichtigen zionistischen Zusammenkunft einlud. »[M]eine Gleichgültigkeit hinsichtlich seiner Person und jeden Zionismus war in dem Augenblick grenzenlos und unausdrückbar, aber ich fand […] keine gesellschaftlich durchführbare Möglichkeit des Abschieds […] und bot mich nur aus diesem Grunde an, ihn zu begleiten und begleitete ihn tatsächlich bis zur Tür jenes Kaffeehauses«, schrieb er. »Hineinziehen ließ ich mich aber nicht mehr«. Es war, als verharre Kafka in seinem Verhältnis zu Felice wie auch zum jüdischen Nationalbestreben – und zu seinem eigenen Schreiben – auf der Schwelle zur Vollendung.23
Besonders drastisch kommt dies in Kafkas später, nicht abgeschlossener Erzählung »Der Bau« zum Ausdruck (der Titel stammt von Brod), die er im Winter 1923 verfasste. Darin widmet ein einsames dachsähnliches Tier sein Leben dem Bau einer ausgeklügelten unterirdischen Festung, mit der es sich vollständig identifiziert: »[D]ie Empfindlichkeit des Baues hat mich empfindlich gemacht«, erklärt das Tier.24 Doch es bewohnt sein gut geschütztes Refugium gar nicht, sondern hält draußen vor dem Bau Wache:
Es ging so weit, daß ich manchmal den kindischen Wunsch bekam überhaupt nicht mehr in den Bau zurückzukehren sondern hier in der Nähe des Eingangs mich einzurichten, mein Leben in der Beobachtung des Eingangs zu verbringen und immerfort mir vor Augen zu halten und darin mein Glück zu finden, wie fest mich der Bau, wäre ich darin, zu sichern imstande wäre.25
Nachdem er seine Verlobung mit Felice zum zweiten Mal gelöst hatte, verknüpfte Kafka dieses Bild – »in der Nähe des Eingangs« zum Zionismus – auch mit späteren Geliebten. Im Jahr 1919 lernte er Julie Wohryzek kennen, mit der er sich kurz darauf verlobte. Julie war die einfache Tochter eines verarmten Schusters und Synagogendieners. In einem Brief an Brod bezeichnete Kafka sie als »Besitzerin einer unerschöpflichen und unaufhaltbaren Menge der frechsten Jargonausdrücke«. (Weder ihre Herkunft noch ihr Jiddisch sagten Kafkas Vater zu, der sie als déclassé ablehnte.) Julie, deren erster Verlobter, ein junger Zionist, in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs gefallen war, hatte Brods Vorträge über den Zionismus besucht. Kurz nachdem Kafka Julie kennengelernt hatte, bat er Brod, ihr seinen Aufsatz »Die dritte Phase des Zionismus« aus dem Jahr 1917 zuzuschicken.26
Dank Brod war Kafka, schon bevor er Felice kennenlernte, zumindest flüchtig mit zionistischen Kreisen in Berührung gekommen. Im Jahr 1910 besuchte er mit Brod zum ersten Mal Zusammenkünfte und Vorträge im Studentenverein Bar Kochba. Anders als Theodor Herzl interessierte man sich bei Bar Kochba mehr für eine Wiederbelebung der jüdischen Kultur als für die politische Verwirklichung eines jüdischen Staates. Die Mitglieder verstanden den Zionismus nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel für eine geistige Erneuerung. Darauf bezieht sich Kafka im August 1916, als er auf einer Postkarte an Felice vermerkt: »Der Zionismus, wenigstens in einem äußern Zipfel, den meisten lebenden Juden erreichbar, ist nur der Eingang zu dem Wichtigern.«27
Kafkas Auseinandersetzung mit dem Thema hatte jedoch schon Jahre zuvor mit seinem Freund Hugo Bergmann begonnen, der 1899 sechzehnjährig dem Bar-Kochba-Verein beigetreten und mit achtzehn zu dessen Vorsitzendem gewählt worden war. Im Jahr 1902 brachte der neunzehnjährige Kafka sein Befremden über das Engagement seines Freundes für den Zionismus zum Ausdruck. Bergmann erwiderte:
In deinem Brief fehlt natürlich wieder nicht der obligate Spott über meinen Zionismus. Fast sollte ich schon aufhören, mich darüber zu wundern. Und doch immer und immer wieder muß ich mich darüber wundern, warum Du, der Du, wenn nicht mehr, doch solange mein Schulkamerad warst, meinen Zionismus nicht verstehst. Wenn ich einen Irren vor mir sähe, und er hätte eine fixe Idee, ich würde nicht lachen über ihn, denn ihm ist seine Idee ein Stück Leben. Mein Zionismus ist für dich auch nur eine »fixe Idee« von mir. [A]llein wie Du zu stehen, dazu hatte ich die Kraft nicht.28
Bergmann siedelte 1920 nach Palästina über, wo er die Leitung der Hebräischen Nationalbibliothek in Jerusalem übernahm. Unter seiner Ägide wurde aus der Institution laut Brod »die größte und reichhaltigste, modernste Bibliothek des Mittelostens«. Später wurde Bergmann Rektor der Hebräischen Universität in Jerusalem. Kafka verfolgte seine Karriere mit großem Interesse. Als Bergmann 1923 nach Prag zurückkehrte, um im zionistischen Club Keren Hajessod einen Vortrag zu halten, sagte Kafka, wie Brod später berichtete, nach der Veranstaltung zu Bergmann: »Diesen Vortrag hast du nur für mich gehalten.«29
Wir können davon ausgehen, dass Bergmann Kafka von den Ursprüngen der Jerusalemer Bibliothek erzählte. Im Jahr 1872 hatte ein gewisser Rabbi Joshua Heschel Lewin aus Waloschyn in der ersten hebräischen Wochenzeitung Jerusalems Ha-Chawazelet gefordert, »eine Bibliothek zu gründen, die ein Zentrum werden soll und in der die Bücher unseres Volkes gesammelt werden – nicht eines darf fehlen«. Mit Unterstützung des britischen Mäzens und Philanthropen Sir Moses Montefiore wurden Spenden gesammelt und Vorstandsmitglieder verpflichtet, unter ihnen Elieser Ben-Jehuda, Vater der modernen hebräischen Sprache. Im Jahr 1905 kam die Bibliothek unter die Schirmherrschaft des Zionistischen Kongresses in Basel. Doch die Zeit war noch nicht reif: Eine Nationalbibliothek braucht per definitionem eine Nation mit einem Land und einer Sprache.
Im Studentenverein Bar Kochba hörte Kafka im Januar 1912 auch einen Vortrag Nathan Birnbaums über jiddische Volkslieder; der Wiener Schriftsteller, damals 47 Jahre alt, hatte den Begriff »Zionismus« zwanzig Jahre zuvor geprägt. Kafka lauschte »Birnbaums Vortrag mit größter Spannung«, so Reiner Stach.30 Unter den Zionisten, deren Vorträge er beim Bar-Kochba-Verein besuchte, waren Felix Salten (der später das Kinderbuch Bambi verfasste), der Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes Kurt Blumenfeld und der einflussreiche Kulturzionist Davis Trietsch, Mitbegründer des Jüdischen Verlags und Herausgeber der Zeitschrift Palästina, der über jüdische Kolonien im Land referierte.
Im September 1913 befand sich Kafka unter den rund zehntausend Besuchern des elften Zionistischen Weltkongresses in Wien, an dem auch sein späterer Verleger Salman Schocken und der erste Ministerpräsident des späteren Staates Israel David Ben-Gurion teilnahmen. (Anlass für die Wien-Reise war allerdings Kafkas Arbeit gewesen, nämlich der zweite Internationale Kongress für Rettungswesen und Unfallverhütung). Auf dem Zionistenkongress hörte er Reden von Nahum Sokolow, Menachem Ussischkin, Arthur Ruppin und anderen einflussreichen Zionisten. Die Delegierten erlebten zudem die Premiere eines 78 Minuten langen Stummfilms des Regisseurs Noah Sokolowsky, der Panoramaansichten der neuen Stadt Tel Aviv, die Wahrzeichen von Jerusalem und die jüdischen Agrarsiedlungen in Judäa, am Karmel und in Galiläa zeigte.31
Der Trubel ließ Kafka kalt. »Im Zionistischen Kongreß bin ich wie bei einer gänzlich fremden Veranstaltung dagesessen, allerdings war ich durch manches beengt und zerstreut gewesen«, bemerkte er in einem Brief an Brod. »[E]twas Nutzloseres als ein solcher Kongreß lässt sich schwer ausdenken«. Und in seinem Tagebuch mokierte er sich über »Palästinafahrer«, die »immerfort die Makkabäer im Munde haben und ihnen nachgeraten wollen«.32
Inmitten der gegensätzlichen kulturellen Strömungen Prags war Kafka wie Brod und seine zionistischen Freunde ständig auf der Hut vor dem allgegenwärtigen Antisemitismus. Sie alle wussten nur zu gut, dass Juden von den Tschechen als Deutsche und von den Deutschen als Juden betrachtet wurden. »Was hatten sie denn getan«, so Theodor Herzl schon 1897, »die kleinen Juden von Prag, die braven Kaufleute des Mittelstandes, die Friedlichen aller friedlichen Bürger? […] Es gab welche, die sich tschechisch zu sein bemühten; da bekamen sie es von den Deutschen. Es gab welche, die deutsch sein wollten, da fielen die Tschechen über sie her – und Deutsche auch.«33
Brod und Kafka lasen die hasserfüllten judenfeindlichen Artikel in der tschechischen Zeitung Venkov und waren mit den alltäglichen Beleidigungen gegenüber Juden nur allzu vertraut. Als Kafka einmal im Salon Emilie Marschners zu Gast war, der Ehefrau seines Vorgesetzten, bemerkte eine der Damen abschätzig: »Da haben Sie ja auch einen Herrn Juden eingeladen.«34
Die beiden Prager Schriftsteller unterschieden sich in Temperament und Schicksal, teilten aber die lästige Erfahrung, einer jüdischen Minderheit innerhalb einer deutschsprachigen Minderheit innerhalb einer tschechischen Minderheit innerhalb eines heterogenen österreichisch-ungarischen Kaiserreichs anzugehören, an dem bereits die Zentrifugalkräfte rivalisierender Nationalismen zerrten. Beide bekamen den wachsenden völkischen Antisemitismus, der mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie einherging, am eigenen Leib zu spüren.
Ende 1897 erlebten Kafka und Brod im Alter von vierzehn Jahren den sogenannten Dezembersturm. Drei Tage lang verwüsteten marodierende Banden Synagogen, plünderten jüdische Geschäfte und überfielen Juden in ihren Häusern. »Auch in meinem Elternhaus splitterten nachts die Scheiben«, schrieb Brod später, »bebend flüchteten wir aus dem gassenwärts gelegenen Kinderzimmer ins Schlafzimmer der Eltern. Ich sehe noch, wie mein Vater die kleine Schwester aus dem Bett hebt – und am Morgen lag wirklich im Bett ein großer Pflasterstein.«35
Zwei Jahre später, 1899, verfolgte Kafka in der Presse den Fall Leopold Hilsners, eines jungen Juden aus einer böhmischen Kleinstadt, dem der Ritualmord an einem tschechischen Mädchen katholischen Glaubens vorgeworfen wurde. Er las den Augenzeugenbericht seines Freundes Abraham Grünberg von einem Pogrom im Jahr 1906. Und er las in der zionistischen Wochenzeitung Selbstwehr Berichte über die Beilis-Affäre in Kiew und schrieb, so berichtet Brod, auch eine Erzählung über den berühmt-berüchtigten Blutmordprozess (Kafkas letzte Geliebte Dora Diamant verbrannte den Text auf sein Geheiß). Er war ergriffen von Arnold Zweigs Theaterstück Ritualmord in Ungarn (1914) über die Blutanklage, die als Affäre von Tiszaeszlár bekannt wurde. »Bei einer Stelle mußte ich zu lesen aufhören und mich auf das Kanapee setzen und laut weinen«, schrieb Kafka an Felice Bauer. »Ich habe schon seit Jahren nicht geweint.«36
In Kafkas unmittelbarer Umgebung probten 1922 Studenten der Deutschen Universität in Prag den Aufstand, als sie ihre Diplome von einem jüdischen Rektor entgegennehmen sollten. Im gleichen Jahr scheiterte Kafka an dem Versuch, eine Rezension der antisemitischen Schrift Secessio Judaica zu verfassen, deren Autor Hans Blüher die »jüdische Mimikry« verurteilte und empfahl, Juden von Deutschen abzusondern.37 Kafka beobachtete den fanatischen Hass und gab sich keinen Illusionen hin. Als etwa der deutsche Außenminister Walther Rathenau, ein Jude, 1922 ermordet wurde, kommentierte Kafka in einem Brief an Brod: »Unbegreiflich, daß man ihn so lange leben ließ«.38
Während Kafka also den aufwallenden Antisemitismus wachsam beobachtete, führte er mit Bergmann und Brod einen ständigen Dialog über die prekäre Stellung der Juden in Europa. Im Jahr 1920 las er Brods Studie Sozialismus im Zionismus. Anders als seine beiden Freunde suchte Kafka die Lösung dieser Problematik allerdings nicht in der zionistischen Ideologie. »Die ganzen Nachmittage bin ich jetzt auf den Gassen und bade im Judenhaß«, schrieb der sechsunddreißigjährige Kafka während eines Pogroms im April 1920 in Prag. »›Prašivé plemeno‹ [räudige Brut] habe ich jetzt einmal die Juden nennen hören. Ist es nicht das Selbstverständliche, daß man von dort weggeht, wo man so gehaßt wird (Zionismus oder Volksgefühl ist dafür gar nicht nötig)? Das Heldentum, das darin besteht doch zu bleiben, ist jenes der Schaben, die auch nicht aus dem Badezimmer auszurotten sind.«39
Im September 1916 schrieb Kafka auf einer Postkarte an Felice vom »dunklen Komplex des allgemeinen Judentums, der so vielerlei Undurchdringliches enthält«. Um dieses Undurchdringliche doch zu durchdringen und die Grammatik zu verstehen, in der es formuliert wird, begann Kafka im Jahr 1917 ernsthaft, Hebräisch zu lernen. Wer das jüdische Volk kennenlernen wolle, so hatte auch Hugo Bergmann schon 1904 erklärt, müsse zuallererst seine Sprache lernen.40
Für seine Hebräischstudien verwendete Kafka ein damals beliebtes Lehrbuch von Moses Rath; außerdem nahm er Konversationsstunden bei seinen Freunden Friedrich Thieberger und Georg (Jiří) Mordechai Langer.41 Langer hatte Kafka 1915 über den gemeinsamen Freund Max Brod kennengelernt. Der homosexuelle Langer hatte im Alter von 19 Jahren seine Familie und damit die Bourgeoisie verlassen und sich einem chassidischen Rebbe angeschlossen. Er verfasste das Buch Die Erotik der Kabbala (1923), das Brod herausgab (und begeistert rezensierte). 1929 schrieb er auf Hebräisch eine Elegie für Kafka. 1941, zwei Jahre vor seinem frühzeitigen Tod, beschrieb Langer, der in der Nähe Brods in Tel Aviv wohnte, die Freude seines Schülers Kafka an der hebräischen Sprache:
Ja. Kafka sprach Ivrith. In seinen letzten Jahren haben wir die ganze Zeit Ivrith gesprochen. Er, der immer wieder beteuerte, er sei kein Zionist, hat unsere Sprache in erwachsenem Alter und mit großem Fleiß gelernt. Und anders als die Prager Zionisten, sprach er fließend Hebräisch, was ihm eine besondere Befriedigung bereitete, und ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß er insgeheim stolz darauf war.
Zum Beispiel einmal, als wir in der Straßenbahn fuhren und uns über die Flugzeuge unterhielten, die in diesem Moment über uns am Himmel Prags kreisten, da fragten uns die Tschechen, die mit uns fuhren, als sie die Klänge unserer Sprache hörten, die sie wohl als wohlklingend empfanden, was für eine Sprache wir denn sprechen würden. Und als wir ihnen antworteten, welche Sprache das sei und worüber wir gerade geredet hätten, staunten sie sehr, daß man auf Ivrith sogar über Flugzeuge sprechen könne. […] Wie sehr leuchtete da Kafkas Gesicht vor Freude und Stolz!
»Kafka war kein Zionist«, fügte Langer hinzu, »aber er beneidete zutiefst jene, die den großen Grundsatz des Zionismus selbst verwirklichten, was schlicht bedeutet, nach Erez Israel einzuwandern. Er war kein Zionist, aber alles, was in unserem Land passierte, bewegte ihn sehr.«42
Im Jahr 1918 schlug Kafka Brod vor, auf Hebräisch zu korrespondieren. Auch Brod hatte sporadisch versucht, die Sprache zu erlernen. In seiner Autobiografie schreibt er später: »Als braver Zionist habe ich im Ausland immer wieder angefangen, Hebräisch zu lernen. Jahr für Jahr. Immer von vorn. Ich bin aber immer wieder steckengeblieben, bin nur bis zum Hifil gekommen.«43 (Der »Hifil« ist die kausative Verbform im Hebräischen.) Sein Lyrikband Das gelobte Land aus dem Jahr 1917 enthält auch ein Gedicht mit dem Titel »Hebräische Lektion«. Es beginnt mit den Versen:
Dreißig Jahre alt bin ich geworden,
Eh ich begann, die Sprache meines Volks zu lernen.
Da war es mir, als sei ich dreißig Jahre taub gewesen.44
Kafka habe die Sprache mit »besonderem Eifer« gelernt, so Brod, und »schließlich hat er mich durch Vertiefung in die hebräische Sprache auch auf diesem Gebiet weit überholt«.45
Trotz seines schlechten Gesundheitszustands nahm Kafka im Herbst 1922 zweimal wöchentlich Hebräischunterricht bei einer neunzehnjährigen Studentin aus Jerusalem. Puah Ben-Tovim – »die kleine Palästinenserin«, wie er sie nannte – wohnte in Prag bei Hugo Bergmanns Mutter zur Untermiete.46 Puahs Eltern waren in den 1880er Jahren mit der Immigrantenwelle aus Russland nach Palästina gekommen. Zehn Jahre lang hatte sie ihrem Vater, einem renommierten Hebraisten, geholfen, den Schülern der ersten Blindenschule Jerusalems vorzulesen. Nach dem Ersten Weltkrieg besuchte sie die erste Abschlussklasse des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem. Noch als Schülerin half sie in ihrer Freizeit Hugo Bergmann in der Nationalbibliothek bei der Katalogisierung der deutschen Bücher.
»Manchmal hatte er während einer Stunde einen schmerzhaften Hustenanfall, so daß ich den Unterricht abbrechen wollte«, erzählte Puah Ben-Tovim später. »Dann schaute er mich an, er konnte nicht sprechen, flehte mich aber mit seinen großen dunklen Augen an, zu bleiben und ihm noch ein Wort zu sagen, und dann noch eins und noch eins. Es war beinahe so, als ob er sich von dem Unterricht eine Art Wunderheilung erwartete.«47
Mit Puahs Hilfe füllte Kafka in einer geschwungenen kindlichen Schrift Vokabelhefte mit hebräischen Wörtern und ihren deutschen Entsprechungen: faschistische Bewegung, Tuberkulose, Heiligkeit, Sieg, Genie. Er hielt auch hebräische Redewendungen fest. (Ich konnte mir in der Nationalbibliothek in Jerusalem ein 18 Seiten starkes Heft ansehen, dem früheren Direktor des Handschriften- und Archivabteilung Raphael Weiser zufolge ein Geschenk der Familie Schocken.)
»Er fühlte sich unstreitig von mir angezogen, aber eher von einem Ideal als von dem realen Mädchen, das ich war, und zwar von dem Bild des fernen Jerusalem, über das er mich unentwegt ausfragte und wohin er mich bei meiner Rückkehr begleiten wollte. Er hing an mir, weil ich der erste ›hebräisch sprechende Vogel‹ war, der aus Palästina kam, weil ich eine Vertreterin jener Juden war, die nicht in Angst vor Pogromen und Demütigungen leben mußten. […] Der Wunsch, mit mir nach Jerusalem zurückzukehren, bestand trotz der Schwere seines Leidens noch immer«, so Puah Ben-Tovim. »Mir wurde schnell klar, daß er sich emotionell in der Lage eines Ertrinkenden befand, der wild um sich schlägt und sich an alles festklammert, was in seine Nähe kommt.«48
Doch Kafka, für den das Fremdsein an der Wurzel seines Schaffens stand, entzog sich allen Angeboten einer kollektiven Zugehörigkeit. »Zum Zionismus hingezogen fühlte er sich wegen seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und nach Selbstsicherheit, die mit einer solchen Zugehörigkeit einhergeht«, so Vivian Liska, Professorin für deutsche Literatur und Direktorin des Instituts für Jüdische Studien an der Universität Antwerpen. »Doch seine Angst vor der Auflösung des Ich in der Gruppe verhinderte, dass er sich vollständig an sie band.« Der Kafka-Experte Hans Dieter Zimmermann formuliert knapp und deutlich, Kafka sei jedenfalls »nicht Zionist« gewesen, sondern »›zügelloser‹ Individualist, wie er einmal schreibt.«49
Im Jahr 1922 schlug Brod Kafka vor, als Redakteur der zionistischen Monatszeitschrift Der Jude anzufangen, die Martin Buber herausgab und Salman Schocken finanzierte und in der Kafka fünf Jahre zuvor die Erzählungen »Ein Bericht für eine Akademie« und »Schakale und Araber« veröffentlicht hatte. (Im Juni 1916 hatte Brod an Buber geschrieben, Kafka sei aufgrund seiner tiefen Sehnsucht nach Gemeinschaft, seinem Wunsch, der tiefen Einsamkeit zu entfliehen, der »jüdischeste« Dichter von allen.50)
Kafka lehnte das Angebot ab, allerdings nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, aus gesundheitlichen Gründen. »Wie dürfte ich bei meiner grenzenlosen Unkenntnis der Dinge, völligen Beziehungslosigkeit zu Menschen, bei dem Mangel jedes festen jüdischen Bodens unter den Füßen an etwas derartiges denken?«, schrieb er zurück. »Nein, nein.«51
Das Gelobte Land und die gelobte Gemeinschaft lagen in gleichermaßen unerreichbarer Ferne. Was sei das Hebräische anderes, schrieb Kafka seinem tuberkulosekranken Mitpatienten Robert Klopstock 1923, als »Nachrichten aus der Ferne«?52
In seinem letzten Lebensjahr zog Kafka endlich aus der Wohnung seiner Eltern aus und entfloh ihrem Einfluss. Von September 1923 bis März 1924 wohnte er »halb ländlich«, wie er an Brod schrieb, in Steglitz am Stadtrand von Berlin. Er lebte mit Dora Diamant zusammen, die fünfzehn Jahre jünger war als er und mit der orthodoxen Religion ihrer streng chassidischen Familie gebrochen hatte. »Der reiche Schatz ostjüdischer religiöser Tradition, über den Dora verfügte, war für Franz eine stete Quelle des Entzückens«, schreibt Brod in seiner Kafka-Biografie. Bis zum Januar 1924, als sich Kafkas Gesundheitszustand verschlechterte, besuchten Dora und Kafka Talmudkurse an der Hochschule für jüdische Wissenschaft in der Artilleriestraße (heute Leo-Baeck-Haus); Kafka nannte die Hochschule einen »Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern«.53
Dora las mit Kafka auch die ersten drei Kapitel von Josef Chaim Brenners düsterem letzten, nicht auf Deutsch erschienenen Roman Zerfall und Verlust im hebräischen Original, immer eine Seite am Tag. Das war eine bemerkenswerte Lektüreentscheidung, immerhin wurde dieser Roman einmal als »brutalste Selbstkasteiung der hebräischen Literatur« bezeichnet. Brenner, dem tragischen Rationalisten der hebräischen Literatur zufolge war das Exil (Galut) überall und auch das Land Israel nur wieder eine Diaspora. »Als Roman freut mich übrigens das Buch nicht sehr«, kommentierte Kafka in einem Brief an Brod.54
Dora Diamant habe ihm von Kafkas Absicht erzählt, »nach Palästina zu übersiedeln, wenn er gesund würde«, schreibt Brod in seiner Kafka-Biografie.55 Das Paar malte sich aus, in Tel Aviv ein Restaurant zu eröffnen. Dora sollte kochen, Kafka bedienen; so konnte er Menschen beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. (In dem achtzehnseitigen handschriftlichen Vokabelheft führt er auch das hebräische Wort für Ober auf, meltzar.) Doch der Traum von Zion blieb unerfüllt. Den Gedanken an eine Übersiedelung nach Palästina ließ Kafka erst zu, als seine fortgeschrittene Krankheit sie unmöglich machte.
Im Juli 1923 appellierten Hugo Bergmann und seine Frau Else ein letztes Mal an Kafka, mit ihnen nach Jerusalem zu kommen. »Und wieder fängt die Lockung an und wieder antwortet die absolute Unmöglichkeit«, schrieb Kafka an Else Bergmann.56 So verließen die Bergmanns Prag lediglich mit einem Porträt Kafkas, das sie nach ihrer Rückkehr nach Jerusalem in ihrem Salon aufs Klavier stellten.
Als sich die Tuberkulose verschlimmerte und Kafkas Kräfte schwanden, grübelte er über die vielen Anfänge in seinem Leben nach, die nun unvollendet bleiben sollten. »Es war nicht die geringste sich irgendwie bewährende Lebensführung von meiner Seite da«, notierte er in seinem Tagebuch. »Statt dessen habe ich immerfort einen Anlauf zum Radius genommen, aber immer wieder gleich ihn abbrechen müssen (Beispiel: Klavier, Violine, Sprachen, Germanistik, Antizionismus, Zionismus, Hebräisch, Gärtnerei, Tischlerei, Litteratur, Heiratsversuche, eigene Wohnung.«)Felice, Julie, Milena und in gewisser Weise selbst Dora hatte Kafka aus Furcht vor dem Ehestand aus der Ferne geliebt. In einem Brief an Brod räumte er 1921 ein: »Ich kann offenbar […] nur das lieben, was ich so hoch über mich stellen kann, daß es mir unerreichbar wird.« Auch Palästina und die hebräische Sprache, die dort wiederbelebt wurde, blieben für ihn in unerreichbarer Ferne. Die Ehe und das Gelobte Land: zwei Formen des Glücks, verschoben, ersehnt, aber nie erlangt.57
Eva Hoffe meinte, es sei so vielleicht am besten gewesen. In der drückenden Schwüle eines Sommernachmittags in Tel Aviv spazierten wir durch die Dubnow-Straße. Sie trug ein T-Shirt, das mit einem bunten Porträt Marilyn Monroes bedruckt war, und einen weiten Rock. In drei Plastiktüten hatte sie Fotos und Dokumente bei sich, die sie mir zeigen wollte, unter anderem ihre Geburtsurkunde und ihren tschechischen Pass. »Ich bin zwar Israeli und Jüdin«, sagte sie, »aber ich kann nicht behaupten, dass ich dieses Land liebe.«
Ich erwähnte, was Brod in einem Interview mit der israelischen Zeitung Ma’ariv im Oktober 1960 gesagt hatte: »Wäre Kafka in das Land Israel gelangt, so hätte er geniale Werke auf Hebräisch geschaffen!« Die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss, fügte ich hinzu, habe in ihrem Roman Waldes Dunkel eine Art Gegenleben für Franz Kafka entworfen, ein »Was wäre, wenn«: Sie lässt einen greisen Literaturwissenschaftler behaupten, Kafka sei zwischen den Weltkriegen nach Palästina ausgewandert und habe dort unbemerkt unter dem hebräischen Vornamen Amschel gelebt (so hieß Kafkas Großvater mütterlicherseits).58
Obwohl Eva Hoffe Kafka nie kennengelernt hatte, reagierte sie mit bissiger Skepsis. »Kafka würde es hier keinen Tag aushalten«, sagte sie. Sie schritt energisch aus, und der Saum ihres fadenscheinigen Rocks schlug ihr gegen das Schienbein.
5
Erstes und zweites Urteil
Familiengericht Tel Aviv, Ben-Gurion-Boulevard 38, Ramat Gan, Oktober 2012
Kafka ist für die jüdische Literatur, was Dante für den Katholizismus oder John Milton für den Protestantismus ist: der Archetypus des Dichters.
HAROLD BLOOM, 20141
Im Verlauf des langwierigen Prozesses vor dem Familiengericht von Tel Aviv wurden weiter munter Kafka-Manuskripte aus Israel verkauft. Zum Entsetzen der israelischen Behörden kamen 2009 zwei Handschriften Kafkas in der Schweiz zur Versteigerung. Beide hatten sich zeitweise in Ester Hoffes Besitz befunden. Eine war ein achtseitiger Brief Kafkas an Brod aus dem September 1922 (verkauft für 125.000 Schweizer Franken): »Und ich kenne andeutungsweise die Schrecken der Einsamkeit«, schreibt Kafka dort, »nicht so sehr der einsamen Einsamkeit, als der Einsamkeit unter Menschen«.2 In den zehn Jahren ab 1978, in denen Ester Hoffe Kafka-Handschriften verkauft hatte, war von der Nationalbibliothek nie Einspruch erhoben worden. Nun versuchte sie vergeblich, den Verkauf zu verhindern.
Nicht einmal im Prozess konnte geklärt werden, welche Schriftstücke Eva Hoffe in ihrer Wohnung in der Spinoza-Straße und welche sie in Bankschließfächern aufbewahrte. In einer eidesstattlichen Erklärung versicherte sie, dass sich in ihrer Wohnung keine Kafka-Papiere mehr befanden. Die Sorge um das Schicksal dieser Schriftstücke schürte sie selbst, als sie während des Prozesses behauptete, Einbrecher hätte sich Zugang zu ihrer Wohnung in Tel Aviv verschafft. Bis heute ist nicht geklärt, ob etwas entwendet wurde und wenn ja, was.
Dabei hatte es durchaus den Versuch einer Katalogisierung gegeben. In den 1980er Jahren beauftragte Ester Hoffe den Schweizer Philologen Bernhard Echte, damals Direktor des Robert-Walser-Archivs in Zürich, die Schriftstücke, die sich in ihrem Besitz befanden, zu inventarisieren. Die mehr als 140 Seiten lange Liste verzeichnet 20.000 Seiten Material. Bis heute jedoch ist Echtes Inventarliste ein streng gehütetes Geheimnis und wurde auch dem Gericht nicht vorgelegt.
Richterin Kopelman Pardo ordnete 2010 an, die Bankschließfächer der Familie Hoffe zu öffnen, vier in einer Zürcher Bank und sechs weitere in Tel Aviv (in der Leumi-Bank in der Jehuda-Halewi-Straße). Eva Hoffe durfte weder in Zürich noch in Tel Aviv zugegen sein. In Tel Aviv versuchte sie, rasend vor Wut, in den Tresorraum vorzudringen. »Das sind meine, das sind meine!«, schrie sie. »Ich habe getobt wie ein wildes Tier«, erzählte sie mir später.
Die Hoffe-Schließfächer der Zürcher UBS-Bank in der Bahnhofstraße wurden am 19. Juli 2010 geöffnet. Jemima Rosenthal vom Israelischen Staatsarchiv hatte Professorin Itta Schedletzky gebeten, mit einer gerichtlich bestellten Arbeitsgruppe das Material in den Schweizer Schließfächern zu sichten und bei der Inventarisierung des Inhalts zu helfen. Das Honorar für die Arbeiten sollte das Justizministerium übernehmen. Schedletzky, renommierte Germanistin an der Hebräischen Universität, hat unter anderem Gershom Scholems Briefe herausgegeben und ist Mitherausgeberin der Kritischen Ausgabe von Else Lasker-Schülers Werken und Briefen. Mir erzählte sie, als junges Mädchen habe sie Brods Armer Cicero (1955) als Fortsetzungsroman in der Neuen Zürcher Zeitung gelesen. Für die 1943 in Zürich geborene Schedletzky war die Aktion in Zürich mit einer merkwürdigen Heimkehr verbunden, fand sie sich doch in der Stadt ihrer Kindheit in eben der Straße wieder, in der sie als Kind mit ihrer Mutter oft einen Schaufensterbummel gemacht hatte.
Auch hier tauchte Eva Hoffe ungebeten auf und versuchte, sich Zugang zum Tresorraum zu verschaffen. Sie mutmaßte, dass die Anwälte nach einem »versteckten« Testament Brods suchten (das zeitlich nach der Version von 1961 entstanden war), und fürchtete, einer der Anwälte könnte Manuskripte mitgehen lassen. Der Filialleiter drohte, die Polizei zu rufen, wenn sie die Bank nicht freiwillig verlasse. Sie weigerte sich hartnäckig. »Ich zitterte innerlich«, berichtete mir Eva Hoffe später, »aber ich ließ mir meine Angst nicht anmerken.« Schedletzky nahm sie zur Seite und konnte sie beruhigen. »Ehud Sol sah mich an, als hätte ich eine Löwin gezähmt«, erzählte die Professorin.
Ehud Sol, Verwalter des Brod-Nachlasses, konnte sich später noch gut an den Vorfall erinnern. »In der Schweiz führte man uns in riesige Tresorräume, wo der Filialleiter und mehrere Bankangestellte schon auf uns warteten, weil sie um die historische Bedeutung des Ereignisses wussten. Als wir die Schließfächer öffneten, hatten wir – und das geziemt sich für einen Anwalt eigentlich nicht – Tränen in den Augen«, wird er in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz zitiert. Angesichts Sols Ruf als erbarmungsloser Prozessanwalt belegt diese Aussage eindrücklich, wie denkwürdig das Ereignis war. (Schedletzky bezeichnet seine Darstellung allerdings als »Unsinn«.)
Vier Schließfächer enthielten Manuskripte, die Brod in den 1950er Jahren in der Bank deponiert hatte. Schon auf den ersten Blick waren sie verführerisch: In Schließfach S6588 hatte Brod in einem braunen Umschlag eine Notiz mit Datum 1947 deponiert, in der er erklärte, dass die drei Hefte mit Kafkas Pariser Reisetagebüchern Ester Hoffe gehörten.
In Schließfach S6577 fand man unter anderem eine braune Mappe, auf der Brod mit schwarzer Tinte vermerkt hatte: »Kafkas Brief an den Vater, Original (Eigentum von Frau Esther Hoffe.)« Darunter stand in blauer Tinte: »Mein Eigentum Ilse Esther Hoffe, 1952«.
Schließfach S6222 enthielt zwei Mappen. Auf die erste hatte Brod geschrieben: »Kafkas Briefe an mich, die veröffentlicht wurden, mein Eigentum – gehört Esther Hoffe.« Auf der zweiten stand: »Kafka meine Briefe an Franz – gehört Esther Hoffe – 2. April 1952, Tel Aviv Dr. Max Brod«3.
Brods Notizen auf den Kuverts und Mappen wurden fotografiert, und Ilan Harati vom Israelischen Staatsarchiv prüfte den Erhaltungszustand des Inhalts. Die Entdeckungen schienen zu bestätigen, dass Brod Ester Hoffe die Kafka-Handschriften zu Lebzeiten geschenkt hatte. Und sie bestätigten Brods Sammelleidenschaft, insbesondere für alles von Kafkas Hand (bis hin zu Skizzen und Kritzeleien).4
Bei der Anfertigung der Inventarliste für das Material in den Schließfächern fühlte sich Schedletzky von den israelischen Anwälten im Tresorraum ungebührlich zur Eile getrieben. Doch trotz der knapp bemessenen Zeit konnte sie einen Briefwechsel zwischen Ester Hoffe und den deutschen Herausgebern der Kritischen Ausgabe von Kafkas Werken vermerken. Diese Briefe bewiesen, dass Hoffe ungeachtet gegenteiliger Behauptungen »systematisch und regelmäßig« Einsicht in die Kafka-Papiere ermöglicht hatte. Kaum zu glauben, aber Schedletzky wurde nie vorgeladen, um ihre Erkenntnisse dem Gericht vorzutragen.
Auch in anderer Hinsicht blieb die Inventarliste unvollkommen. Eva Hoffe wurde, wie sie mir erzählte, eine Geldstrafe von 15.000 Schekel (heute etwa 3500 Euro) auferlegt, weil sie sich einer gerichtlichen Anordnung zur Durchsuchung ihrer Wohnung, die eine Inventarisierung der Manuskripte ermöglicht hätte, widersetzt habe. Solch eine Durchsuchung erinnere sie an »Gestapo-Methoden«, so Eva Hoffe.
Die 170 Seiten lange, aber unvollständige Inventarliste für die Schließfächer in Tel Aviv und in Zürich verzeichnete etwa 20.000 Briefe (darunter vermutlich etwa siebzig Briefe von Kafkas letzter Geliebten Dora Diamant an Brod), Brods unveröffentlichte Tagebücher,5 zwei Dutzend unbekannte Zeichnungen Kafkas und Originalhandschriften von Kurzgeschichten (unter anderem »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande«).6 Ende Februar 2011 ging diese Inventarliste an Richterin Kopelman Pardo.
Eva Hoffe beklagte unterdessen, sie müsse sich mit Almosen über Wasser halten. Zwar hatte sie wie ihre Mutter Wiedergutmachungszahlungen der Bundesrepublik Deutschland erhalten, doch den Großteil ihrer Ersparnisse musste sie nach eigener Aussage nach Ester Hoffes Schlaganfall für die Reha-Maßnahmen im Ichilov-Krankenhaus ausgeben. Auch Anwaltskosten sammelten sich an. Eva Hoffe machte Bedürftigkeit geltend und beantragte über ihren Anwalt Uri Zfat, wenigstens den finanziellen Teil des Nachlasses ihrer Mutter freizugeben (darunter Wiedergutmachungszahlungen, die Ester Hoffe aus Deutschland erhalten hatte und die sich Eva Hoffe zufolge auf etwa vier Millionen Schekel, knapp 950.000 Euro, beliefen). Im August 2011 gab Richterin Judith Stoffman vom Tel Aviver Bezirksgericht dem Antrag statt und erlaubte Eva Hoffe und ihrer älteren Schwester Ruth Wiesler, das Erbe über jeweils eine Million Schekel anzutreten.
Für Wiesler, Schneiderin und Aromatherapeutin im Ruhestand, war das zu wenig und kam zu spät. Der Prozess verstörte sie dermaßen, dass sie sich nicht überwinden konnte, die Verhandlungen zu besuchen oder auch nur die Gerichtsprotokolle zu lesen. 2012 starb sie im Alter von achtzig Jahren an Krebs und ließ Eva mit dem Kampf allein. »Ich mache die Vertreter der Nationalbibliothek für den Tod meiner Klientin verantwortlich«, erklärte Ruth Wieslers Anwalt Harel Aschwall gegenüber der Sunday Times. »Sie waren aggressiv und unanständig. Meiner Ansicht nach haben sie versucht, Ruth und Eva zu ermüden, damit sie aufgeben.« Wiesler hatte zwei Töchter, Anat und Jael. Auch Anat schob das Ableben ihrer Mutter auf die Mühsal des Prozesses. »Eine Frau, die ihr Leben lang gesund war, bekommt plötzlich Krebs und stirbt – das alles hat sie einfach kaputt gemacht«, sagte sie gegenüber der Zeitung Ha’aretz.
Im Oktober 2012, ein halbes Jahr nach Ruth Wieslers und fünf Jahre nach Ester Hoffes Tod, veröffentlichte Richterin Talia Kopelman Pardo vom Tel Aviver Familiengericht auf 59 Seiten ihr Urteil, das mit einer poetischen Note begann: »Es ist nicht alltäglich und ganz sicher nicht selbstverständlich, wenn eine Richterin die Tiefen der Geschichte auslotet, die sich ihr Bruchstück für Bruchstück, Scherbe für Scherbe offenbart, eher rätselumwoben als einsichtig. Ein schlichter Antrag auf Bestätigung eines Testaments, eingereicht von den Töchtern der verstorbenen Frau Ester Hoffe, hat ein Tor zum Leben, zu den Wünschen und Enttäuschungen – ja zu den Seelen – zweier großer Geister des 20. Jahrhunderts geöffnet.«
Die Richterin rechtfertigte die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Ester Hoffe, das Richter Schilo vierzig Jahre zuvor eigentlich schon entschieden hatte, durchaus ungewöhnlich, mit einem Romanzitat aus Kafkas Der Prozess:
Bei einer wirklichen Freisprechung sollen die Proceßakten vollständig abgelegt werden, sie verschwinden gänzlich aus dem Verfahren, nicht nur die Anklage, auch der Proceß und sogar der Freispruch sind vernichtet, alles ist vernichtet. Anders beim scheinbaren Freispruch. Mit dem Akten ist keine weitere Veränderung vor sich gegangen, als daß er um die Bestätigung der Unschuld, um den Freispruch und um die Begründung des Freispruchs bereichert worden ist. Im übrigen aber bleibt er im Verfahren, er wird wie es der ununterbrochene Verkehr der Gerichtskanzleien erfordert, zu den höhern Gerichten weitergeleitet, kommt zu den niedrigern zurück und pendelt so mit größern und kleinern Schwingungen, mit größern und kleinern Stockungen auf und ab. Diese Wege sind unberechenbar. Von außen gesehn kann es manchmal den Anschein bekommen, daß alles längst vergessen, der Akt verloren und der Freispruch ein vollkommener ist. Ein Eingeweihter wird das nicht glauben. Es geht kein Akt verloren, es gibt bei Gericht kein Vergessen.7
Das Urteil aus dem Jahr 1974 zugunsten Ester Hoffes habe man nicht vergessen, schrieb Richterin Kopelman Pardo, doch die Schwingungen hätten, unberechenbar, eine andere Richtung genommen. Kopelman Pardo lehnte Eva Hoffes Antrag auf Bestätigung des Testaments ihrer Mutter ab. Sie entschied nicht darüber, ob Kafkas Manuskripte Brod gehört hatten, folgte aber dem Argument des israelischen Staates, Brod habe seinen Nachlass – einschließlich Kafkas Papieren – Ester Hoffe nicht als Schenkung, sondern zu treuen Händen überlassen. Sofern bestimmte Bedingungen nicht erfüllt würden, könne eine Schenkung ungeachtet der Absicht des Schenkenden oder Erblassers rechtlich unwirksam werden.
Zwar habe Brod beabsichtigt, Ester Hoffe die Manuskripte als Schenkung zu überlassen, doch de facto waren sie auch weiterhin unter seiner Verfügung, und er habe allein über sie bestimmt. Auch nachdem er schriftlich bestätigt habe, dass Hoffe die Kafka-Papiere erhalten sollte (siehe Kapitel 13), habe sich Brod verhalten, als gehörten sie noch ihm. Im April 1952 habe er beispielsweise Marianne Steiner in London eine Liste zugeschickt, die verzeichnete, welche Kafka-Schriften ihm und welche den noch lebenden Kafka-Erben gehörten. Mit keinem Wort habe er erwähnt, dass er etwas an Hoffe übergeben hatte. Im August 1956 unterzeichnete Brod ein Dokument, in dem die Bedingungen spezifiziert wurden, unter denen er dem deutschen Kafka-Experten Klaus Wagenbach Einsicht in diese Papiere gewährte: nur in Brods Wohnung, nur für Forschungszwecke, nicht zur Veröffentlichung und so weiter. Brod, nicht Ester Hoffe, gab die Erlaubnis und legte die Konditionen fest. Und schließlich sagte Brod in einem Interview mit der israelischen Zeitung Ma’ariv im Oktober 1961: »Ich überlege noch, was ich [mit den Kafka-Schriften] tun soll.« Als sein Gegenüber fragte, ob er sie sehen könne, erwiderte er: »Nein! Ich habe sie in einem Bankschließfach.« Er sagt Ich, nicht Ester und ich. (Richterin Kopelman Pardo ging allerdings nicht auf die Aussage Ester Hoffes im Prozess 1973/1974 ein, Kafkas Handschriften von »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande« und »Beschreibung eines Kampfes« hätten sich »seit 1947 in meinem Safe« befunden, und sie habe sie Brod gebracht, wenn er sie für seine Arbeit brauchte. Über die Handschrift von Der Prozess hatte Ester Hoffe am 11. Januar 1974 vor Richter Jitzchak Schilo ausgesagt: »Ich habe sie, glaube ich, 1952 erhalten und in meinen Safe gelegt. Er [Brod] schenkte sie mir. Ich nahm sie aus seiner Wohnung mit. Nur, wenn er damit arbeitete, brachte ich sie ihm vorbei.«) Ester Hoffe wagte es jedenfalls nicht, zu Brods Lebzeiten eins von Kafkas Manuskripten zu verkaufen. (Eva Hoffe zufolge hatte das den einfachen Grund, dass Brod die Schriftstücke für seine Arbeit als Lektor und Herausgeber von Kafkas Werk brauchte.)
Die Richterin berief sich auf Artikel 873 der Mecelle; das Zivilgesetzbuch des Osmanischen Reichs hatte im Staat Israel gegolten, bis man es 1968 durch ein eigenes Schenkungsrecht ersetzte. Danach wurde, so die Richterin, Brods Schenkung an Hoffe nicht vollendet oder vollzogen.8 (Die Behauptung, dass die Schenkung, die das Leben ihrer Mutter so sehr bestimmt hatte, gar nicht vollzogen worden war, empfand Eva Hoffe als besonders tiefe Kränkung.) Die Kafka-Schriftstücke seien nie aus Brods literarischem Nachlass entfernt worden, so Kopelman Pardo. Brods Wille unterliege »dem Erbfolgeprinzip«: Da Ester Hoffe zu Lebzeiten nichts anderes verfügt habe, müsse Brods literarischer Nachlass, wie in seinem Testament festgelegt, einer öffentlichen Bibliothek oder einem Archiv ausgehändigt werden. Ester Hoffe habe das Recht gehabt, über die Unterbringung des literarischen Nachlasses zu entscheiden, doch nachdem sie dieses Recht nicht ausgeübt hatte, hätte sie diese Entscheidung nicht an ihre Töchter weitergeben dürfen.
Es war der letzte Prozess, dem Richterin Kopelman Pardo vorsaß. Nach zwölf Jahren auf dem Richterstuhl und nachdem Kafka ihr auf den Gipfel ihrer Richterkarriere verholfen hatte, kehrte sie in die private Anwaltstätigkeit zurück und eröffnete eine Kanzlei für Erb- und Familienrecht. Eva Hoffe meinte, die Richterin habe sich nicht aus Altersgründen zurückgezogen, sondern habe nur verhindern wollen, dass die Fehler in diesem Prozess sie im Richteramt noch einholten. Dieser Verdacht entsprang allerdings wohl eher Eva Hoffes Unzufriedenheit mit dem Urteil als fachlichen Fehlern Kopelman Pardos.
Awiad Stollman, in der Israelischen Nationalbibliothek verantwortlich für die Akte Kafka, begrüßte das Urteil: »Da die Bibliothek die Aufgabe hat, die Kulturschätze des Staates Israel und des jüdischen Volkes zu sammeln, zu bewahren und zugänglich zu machen, ist das in unseren Augen ein großer Erfolg.« Mark Gelber sprach von einer »sehr mutigen Entscheidung«.
Brods literarischer Nachlass hat, wie Eva Hoffe im Prozess stets betonte, für sie mehr als nur kommerziellen Wert. Die Papiere seien »wie Gliedmaßen meines Körpers«, sagte sie und lehnte Schmulik Cassoutos Angebot ab, einen Vergleich auszuhandeln. »Sie verfolgte lieber das Prinzip ›Alles oder Nichts‹«, sagte Cassouto. Eva Hoffe erzählte mir eine andere Version: Nach Kopelman Pardos Urteil habe sie vorgeschlagen, die Handschriften dem Marbacher Literaturarchiv zu verkaufen und den Gewinn der Nationalbibliothek zu geben. Die Nationalbibliothek habe das Angebot abgelehnt. »Und mir werfen sie Profitgier vor!«, sagte sie. Auch eine Mediation unter Leitung Gabriela Schalevs (Juristin und ehemalige UN-Botschafterin für Israel) erbrachte keinen Kompromiss.
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