Читать книгу: «Lost & Dark Places Schwarzwald»

Шрифт:


Gräber an der Severinskapelle Denzlingen

Benedikt Grimmler

Lost & Dark Places
SCHWARZWALD

33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte


INHALT

Einleitung

Verhaltensregeln für Lost Places

33 LOST & DARK PLACES

1Letzte Pflege unter Bäumen

Der alte Friedhof Illenau

2Von Eisen zu Papier zu Staub

Die Papierfabrik Albbruck

3Auf gefährdetem Posten

Hotel Alexanderschanze

4Heilen statt Heilrufe

Sanatorium Dr. Saller in Badenweiler

5Kaspar im Kerker

Schloss Beuggen

6Vom Sehnsuchtsort zum Störfaktor

Bad Boll in der Wutachschlucht

7Auf den Hund gekommen

Ruine Neuenfels

8Kinder, Kinder

Das Schafott bei Calw

9Geheimnisse unter der Ruine

Die Severinskapelle Denzlingen

10Der Untergang der Demokratischen Legion

Das Gefecht von Dossenbach

11Verschwundene Dörfer und Täter

Ebringen

12In der Wiese ertrunken

Der Eichener See

13Altbauten und Aberglaube

Endingen am Kaiserstuhl

14Der fromme Fluch

Kloster Frauenalb

15Übernachten im Spukhaus

Das Hotel Waldlust in Freudenstadt

16Ungünstige Standorte

Rubin-Mühle Gengenbach und Pfarrhaus Steinach

17Was bin ich?

Die Ruine Hauenfels

18Angst vor der Schweiz

Der Fahrnauer Tunnel bei Hasel

19Die Ur-»Lost Places«

Die Klöster Hirsau und Allerheiligen

20Wo das Himmelreich endet

Im Höllental

21Im Inneren hohl

Der Isteiner Klotz

22Die Stadt der falschen Geister

Kenzingen

23Eine Stadt löst sich auf

Münster im Münstertal

24Den Bach hinuntergegangen

Das alte Kraftwerk Rheinfelden

25Professor Brinkmann war nie hier …

Die Schwarzwaldklinik Bad Rippoldsau

26Es fährt kein Zug nach Irgendwo

Der Bahnhof Sankt Blasien

27»Hier ist Turennius vertoetet worden«

Das Turenne-Denkmal in Sasbach

28Lazarus, komm nicht heraus!

Das Lazaritenkloster Schlatt und seine Quelle

29Obelix oder Attila?

Die seltsamen Steine von Schwörstadt

30Fausts Höllenfahrt

Hotel zum Löwen in Staufen

31Das wandernde Unglückskloster

Kloster Tennenbach

32Über Pfarreien- und Gewerbeschwund

Waldkirch

33Ein Name ist Programm

Zuflucht

Register

Impressum


KAPITEL 14: Der fromme Fluch


KAPITEL 7: Auf den Hund gekommen


KAPITEL 8: Kinder, Kinder


KAPITEL 24: Den Bach hinuntergegangen


KAPITEL 28: Lazarus, komm nicht heraus!

KAPITELÜBERBLICK

1 Der alte Friedhof Illenau

2 Die Papierfabrik Albbruck

3 Hotel Alexanderschanze

4 Sanatorium Dr. Saller in Badenweiler

5 Schloss Beuggen

6 Bad Boll in der Wutachschlucht

7 Ruine Neuenfels

8 Das Schafott bei Calw

9 Die Severinskapelle Denzlingen

10 Das Gefecht von Dossenbach

11 Ebringen

12 Der Eichener See

13 Endingen am Kaiserstuhl

14 Kloster Frauenalb

15 Das Hotel Waldlust in Freudenstadt

16 Rubin-Mühle Gengenbach und Pfarrhaus Steinach

17 Die Ruine Hauenfels

18 Der Fahrnauer Tunnel bei Hasel

19 Die Klöster Hirsau und Allerheiligen

20 Im Höllental

21 Der Isteiner Klotz

22 Kenzingen

23 Münster im Münstertal

24 Das alte Kraftwerk Rheinfelden

25 Die Schwarzwaldklinik Bad Rippoldsau

26 Der Bahnhof Sankt Blasien

27 Das Turenne-Denkmal in Sasbach

28 Das Lazaritenkloster Schlatt und seine Quelle

29 Die seltsamen Steine von Schwörstadt

30 Hotel zum Löwen in Staufen

31 Kloster Tennenbach

32 Waldkirch

33 Zuflucht

EINLEITUNG


Inzwischen selbst Patient: Schwarzwaldklinik Bad Rippoldsau (KAPITEL 25)

Der Kandel ist ein ebenso berühmter wie berüchtigter Berg des Schwarzwalds, zwischen Waldkirch und Freiburg gelegen, ganze 1241 Meter aufragend und damit eine der höchsten Erhebungen der Region. Die Fantasie der Menschen hat er schon immer angeregt, allerlei Sagen widmen sich den faszinierenden Felsgebilden auf der Höhe, im Inneren wurde ein See vermutet, den der Teufel mit vielerlei Listen ausbrechen und um der zerstörerischen Wirkung willen ins Tal herausströmen lassen wollte – bislang vergebens. Dass dort oben der zentrale Hexentanzplatz für alle Magier, Zauberinnen und Teufelsbündler des gesamten Schwarzwalds war, verwunderte niemand, noch dazu gab es zahlreiche geständige Hexen, die dies während der Verfolgungen bestätigten. Dass sie dies erst unter der Folter taten, sprach nach damaliger Sicht nur für ihre Verstocktheit.

Die Geschichten um den Kandel entsprechen einem beliebten Klischeebild des Schwarzwalds als unheimlicher, mystischer Region, wie es selbst international verbreitet ist; auch im englischsprachigen Raum oder bei unseren französischen Nachbarn löst der Black Forest beziehungsweise Fôret-Noire wohliges Gruseln aus und drängt Bilder von Kirschtorten, Bauernhäusern und Bollenhüten in den Hintergrund. Und ist da nicht auch viel Wahres dran? Gibt es nicht kaum einen besseren Beweis als eben den gefürchteten und eben alles andere als harmlosen Kandel? Am 30. April 1981 mitten in der Nacht brach der obere Teil des bizarr geformten Kandelfelsens ab und fiel unter lautem Tosen in die Tiefe. Was bestens zu dem Datum – es war die Walpurgisnacht – passte: In den herabgestürzten Gesteinsmassen fand sich zur allgemeinen Überraschung – oder eben auch nicht! – ein Reisigbesen. All das konnte kaum ein Zufall sein. War nun der Ausbruch des Sees aus dem Inneren zu befürchten? Er blieb den Bewohnern des Tales erspart, der Hexenbesen stellte sich, ausgerechnet, als Arbeitswerkzeug eines Experten heraus, der sich um die Sicherung des Felsens kümmern sollte. Der Kandel blieb gleichwohl seinem Ruf treu: Als es 2005 im Breisgau zu einem spürbaren Erdbeben kam, das nicht wenige Schäden an Häusern im Umland verursachte, lag das Epizentrum genau unter dem verrufenen Berg.

Schon die natürlichen Voraussetzungen tragen also einiges dazu bei, den Schwarzwald zu einem Ort zu machen, der einem manch fröstelnden Schauer über den Rücken jagt, was nicht unbedingt mit dem rauen Klima der hohen Lagen zu tun haben muss, denn auch in den Niederungen des bekanntlich äußerst sonnenverwöhnten Rheintals finden sich Plätze, die wir mit einer Mischung aus Beklemmung und Faszination aufsuchen. Ein Kloster, in dem nur Aussätzige lebten; ein Kerker, in dem womöglich Kaspar Hauser gefangen gehalten; eine Burgruine, in der eine komplette Familie auf brutale Weise ausgelöscht wurde; eine Wiese, auf der ein französischer General starb.

Jede Region hat ihre typischen, spezifischen Lost Places, jene Orte, die uns durch ihren Verfall beunruhigen und doch geradezu magisch anziehen. Natürlich gibt es auch verfallene Bauernhäuser der charakteristischen Schwarzwaldbauart, doch in ihrer Häufigkeit ein Unikum sind die vielen leer stehenden ehemaligen Luxushotels auf den Höhen, einst Herberge gut betuchten internationalen Publikums, heute gruselige Halbruinen, vom Wetter gegerbt, einsam und gut sichtbar in der Landschaft stehend. Auch Stadthotels wie in Freudenstadt, Sanatorien in Badenweiler oder einst elegante Bäder wie Boll in der Wutachschlucht oder Rippoldsau am Kniebis zählen dazu.


Gitter ins Nichts: altes Kraftwerk Rheinfelden (KAPITEL 24)

Obdachlos: Kloster Frauenalb im Nordschwarzwald (KAPITEL 14)

Eine weitere oft anzutreffende Hinterlassenschaft stammt aus einer weit weniger angenehmen Vergangenheit, den kriegerischen Auseinandersetzungen um die Pässe über das »Annäherungshindernis« Schwarzwald. Überwachsen und oft versteckt liegen Schanzen der Barockzeit nicht selten in unmittelbarer Nachbarschaft von Betonresten des ebenso nutzlosen Westwalls aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Schwarzwald und Rheintal waren als Grenzgebiete viel zu oft Schauplatz blutiger Streitigkeiten.

Aber auch die mehr oder weniger »üblichen Verdächtigen« sind natürlich in der Region zu finden: Aufgegebene Bahnstrecken, heruntergekommene Fabrikanlagen, Kirchen- und Klosterruinen, ganze verschwundene Städte, alles andere als verschwundene Hinrichtungsstätten und längst verlassene Bergwerke. Alle aber haben ihre Eigenheiten, die sie unverwechselbar machen, schließlich ist kein Lost oder Dark Place wie der andere, ob der morbide Charme nun eher seiner Geschichte oder seinem Aussehen – oder beidem – entspringt.

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Aufsuchen der Orte (Verhaltensregeln für Lost Places auf S. 12), die letztlich dazu dienen, dass Sie den Ausflug zum jeweiligen Objekt buchstäblich mit Sicherheit genießen können. Und wenn Ihnen trotz (seltener) Windstille auf den Schwarzwaldhöhen oder drückender Hitze im Rheintal ein kühler Schauer über den Rücken läuft und Sie beim Gedanken an den Schwarzwald nicht mehr an Trachten und Mühlräder, sondern vielmehr an kaputte Kurhäuser und tanzende Teufel auf dem Kandel denken, dann hat dieses Buch seinen Zweck erfüllt.

VERHALTENSREGELN FÜR LOST PLACES


Gräber an der Kapellenruine: Denzlingen (KAPITEL 9)

1. Behandeln Sie die Orte mit Respekt


Jedes Bauwerk und jedes Gebäude erzählt eine Geschichte aus vergangenen Tagen. Dies gilt es zu schützen. Und auch wenn es nicht immer so aussieht, hat jeder Lost Place einen Eigentümer. Dies ist zu respektieren und Zuwiderhandlungen können ernsthafte rechtliche Konsequenzen haben. Betreten Sie keine Gebäude oder Grundstücke unbefugt, zerstören oder beschädigen Sie nichts, öffnen Sie nichts gewaltsam. Sind Fenster oder Türen verschlossen, soll das auch so bleiben. Dieses Buch ist so konzipiert, dass Sie viele der Orte frei oder auf Nachfrage betreten dürfen (Burgruinen etc.) oder, falls dies nicht offiziell erlaubt ist, die Orte auch »mit Abstand« erfahren und genießen können.

2. Nehmen Sie nichts mit, lassen Sie nichts da


Wenn Sie etwas von einem Lost Place mitnehmen, und sei es noch so klein, gilt dies als Diebstahl, denn diese Orte haben, wie bereits erwähnt, einen Eigentümer. Daher gilt die Regel: Alles bleibt, wie es ist. Belassen Sie es bei den schönen Einblicken und Fotos, die Sie an solchen Orten machen. Das bedeutet auch: Lassen Sie nichts zurück. Keine Essensreste, keine Kaugummis, keine Zigarettenkippen.

3. Rauchen verboten


Das bringt uns zum nächsten Punkt: Rauchen ist hier generell verboten. Zollen Sie dem ehrwürdigen Ort Respekt und verzichten Sie für die Zeit, die Sie da sind, auf das Rauchen. Zigarettenkippen brauchen nicht nur 15 Jahre zum Verrotten (sie sollten übrigens ohnehin nirgends achtlos weggeworfen werden), sondern sie können schnell ein verheerendes Feuer verursachen.

4. Keine Graffiti


Dass Sie nichts hinterlassen sollen, gilt auch für »Kunstwerke« an den Wänden. Lassen Sie Wände und Mauern, wie sie sind. Auch die Menschen nach Ihnen sollen den Ort so erleben können, wie er früher einmal war.

5. Seien Sie vorsichtig und gehen Sie nicht allein


Besonders wichtig: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Das gilt vor allem bei Lost Places. Brüchige Mauern, frühere Keller, herumliegende Überreste oder auch Müll, aber auch natürliche Gegebenheiten (Bodenlöcher, Höhlen) bergen einige Gefahren. Zudem liegen manche der Objekte recht einsam. Deshalb ist es ratsam, immer mindestens zu zweit, besser noch zu dritt einen Lost Place zu besuchen. Da gilt die alte Regel: Ist eine Person verletzt, bleibt die zweite vor Ort und die dritte holt Hilfe. Zudem weiß man nie, wen man vor Ort trifft. Plünderer, Spinner oder Betrunkene sind auch oft rund um Lost Places anzutreffen. Da ist es beruhigender, nicht allein unterwegs zu sein.


In der Wutachschlucht, auf der Suche nach Bad Boll (KAPITEL 6)


Barocke Vergänglichkeit: Kloster Frauenalb (KAPITEL 14)

1
LETZTE PFLEGE UNTER BÄUMEN
Der alte Friedhof Illenau

Die Illenau bei Achern war einst eine der modernsten Heil- und Pflegeanstalten weltweit. Selbst ihre Toten genossen noch eine besondere Fürsorge in einem anstaltseigenen Friedhof.

Achern, Ortenaukreis (OG) Ort Hornisgrindestraße, 77855 Achern GPS 48.626379, 8.091276 Anfahrt Bahnhof Achern (RE Konstanz–Karlsruhe); A5, Ausfahrt Achern


Die Illenau: wie ein Schloss für Kranke

REVOLUTION IM PFLEGEWESEN – Großherzog Leopold von Baden (1830–1852) hatte selbst einen sogenannten geisteskranken Sohn, den Kronprinzen Ludwig, und war deshalb gegenüber Neuerungen in der Pflege dieser ansonsten in abgeschotteten Siechenhäusern und »Narrenanstalten« oft ohne Aussicht auf Heilung dahinvegetierenden Menschen offensichtlich besonders aufgeschlossen. So entstand die Idee zur 1842 nahe Achern gelegenen Heil- und Pflegeanstalt Illenau, deren Name schon ein völlig neues Konzept verriet: Hier wurde gepflegt und geheilt, leichte Fälle und Unheilbare nicht mehr getrennt. Überhaupt setzte der neue Anstaltsleiter Christian Roller gleich mehrere Reformschritte durch: Die riesige, schlossartige, sich durch ihre Symmetrie auszeichnende Anlage war zwar unterteilt nach Männern und Frauen, stand aber beiden Konfessionen offen – die im Mittelpunkt des Baues eingerichtete Kirche war ökumenisch. Auch die Lage der Illenau war bewusst gewählt: Nahe der Stadt, um nicht isoliert zu sein, aber auch etwas abseits, um in Ruhe und ohne Trubel die Heilung ermöglichen zu können. Große, helle Räume und Zimmer, eine autarke Versorgung, Werkstätten und Küche, in der die Insassen mitarbeiten konnten – der Patient stand stets im Mittelpunkt. Direktor Roller sah in seinen Mitarbeitern und den ihm Anvertrauten eine große familiäre Gemeinschaft, geführt unter humanitären Gesichtspunkten (nach den damaligen Maßstäben). Das war schlicht neu – und wurde vorbildlich für viele. Zahlreiche Leiter anderer Anstalten kamen, um sich das Konzept, sowohl den Bau als auch Rollers Idee von der Führung einer solchen Institution, anzusehen, namhafte Ärzte bewarben sich für Stellen in der Illenau, etwa Bernhard von Gudden, der später mit dem bayerischen König Ludwig II. im Starnberger See ertrinken sollte, oder Richard von Krafft-Ebing, der bedeutende Sexualwissenschaftler. Und dann waren da noch die Patienten: Die Illenau genoss einen so guten Ruf, dass sie immer mehr Prominente und Gutbetuchte mit Nervenschwächen anzog.


Eingangstor zum alten Friedhof Illenau

ENDE NACH 100 JAHREN – Die Tradition der Illenau als humanitär geführte, vorbildliche und auch immer wieder sich erneuernde innovative Heilanstalt lebte auch bei den Nachfolgern Rollers fort, erst mit den 1930ern änderte sich das Klima. Im letzten Anstaltsdirektor Hans Roemer (1929–1940) zeigten sich schon die Ambivalenzen der Zeit: Auch er folgte progressiven Ideen, wozu jedoch unter anderem die Sterilisation von unheilbar Kranken gehörte. Der Euthanasiebewegung allerdings verweigerte er sich; als die Nationalsozialisten auch Zugriff auf seine Patienten haben wollten, leistete er im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten passiven Widerstand, was jedoch den Abtransport oder die Verlegung von Insassen zum letztendlichen Zweck der Tötung nicht verhindern konnte. 671 Menschen lebten damals in der Illenau, gut 260 von ihnen wurden ermordet. 1940 schlossen die braunen Machthaber die Heil- und Pflegeanstalt, Humanität war ihre Sache nicht. Stattdessen zogen erst Mädchen aus Südtirol ein, in einer Heimschule sollten sie auf das Leben im (nationalsozialistischen) Deutschland vorbereitet werden. Ihnen gesellte sich eine Napola, eine Eliteschule für NS-Kader hinzu, auch sie für Mädchen, doch war der Staat an der Ausbildung von Frauen weniger interessiert, sodass diese den Status einer Napola verlor. Den wiederum bekam die Illenau wieder, als dort 1943 zusätzlich Jungen einzogen, doch diese vorletzte Napola-Gründung war wenig erfolgreich und ziemlich kurzlebig. Nach dem Krieg übernahmen die Franzosen die Illenau als Kaserne, nach deren Abzug 1994 engagierten sich viele Bürger für eine Neunutzung des Areals. Mit Erfolg – heute sind dort Behörden, Wohnungen und kulturelle Begegnungsstätten untergebracht, die Illenau ist ein Schmuckstück für Achern.


Stilvoll gestorben wurde auch noch nach 1900

IN ALLER STILLE – Direktor Roller kämpfte ziemlich lange um einen eigenen Friedhof für seine Anstalt. Anfangs wurden die verstorbenen Patienten – da es sich um eine medizinische Einrichtung handelte, war die Sterblichkeit natürlich durchschnittlich höher – auf dem Acherner Friedhof beerdigt. Der galt jedoch, abgesehen von der Entfernung, trotz Neuanlage 1844 als schlecht gepflegt und unansehnlich, Roller fürchtete deshalb Beschwerden der Verwandtschaft seiner bessergestellten Patienten. Doch erst 1856 drang Roller endgültig durch, schließlich wurde nach mehrmaligen Versuchen mit einem Grundstück am Rand des Langenforder Wäldchens ein geeignetes Plätzchen gefunden. Selbst hier verfuhr Roller nach seinem ursprünglichen Konzept: Der Friedhof sollte nahe der Illenau sein, aber nicht zu nah, um Ängste auszulösen, er sollte Ruhe und Behaglichkeit ausstrahlen, ein auch für die Lebenden angenehmer Ort sein. Im Mai 1858 wurde das Friedhofskreuz aufgestellt, schon Ende des Monats erfolgte die erste Beerdigung: Das Grab der Arztgattin Mathilde Kast, gemeinsam mit ihrem Sohn Hermann bei der Geburt verstorben, existiert noch. In kurzen Abständen mussten Erweiterungen erfolgen, was nicht unbedingt an einer hohen Sterblichkeit lag, sondern an dem Willen, den Charakter des Friedhofs als Parkanlage zu erhalten, das heißt, dass zwischen den einzelnen Grabmälern ausreichend Raum verbleiben sollte. Zu der Idee gehörte auch das Anlegen von Spazierwegen in der Umgebung und das Pflanzen von zum Teil exotischen Pflanzen, das Botaniker noch heute erfreut. Mit der Auflösung der Heilanstalt drohte der Friedhof zu verwildern, zudem wurde er teils geplündert, der Zahn der Zeit nagte an vielen Grabstätten. Durch das Erreichen des Denkmalschutzes 1971 trat Besserung ein, gleichwohl wirkt der alte Illenauer Friedhof heute gewissermaßen liebevoll vernachlässigt, die zahlreichen Grabstätten aus der Zeit des Biedermeier bis in den Jugendstil und die frühe Moderne, leicht krumm, vermoost oder angerostet, zeugen vom individuellen Gestaltungswillen ihrer oft vermögenden Besitzer und fügen sich perfekt ein in die Anlage irgendwo zwischen Wild- und Schauerromantik.


Die Patienten erhielten mehr Pflege als manches Grab heute.

Das besondere Erlebnis


Innovativ und damit ihrem Ruf treu ist die Illenau auch in ihrer Nachnutzung geblieben. In den Illenau-Arkaden im Haupthof der früheren Heilanstalt findet man das kombinierte Bistro und Museum, die Geschichte des Ortes kann dort somit »genussvoll« nachvollzogen werden. Ein Förderkreis sorgt zudem immer wieder für zusätzliche Veranstaltungen, vor allem für die weitere Erforschung der Illenauer Historie unter vielen Aspekten, woraus bereits ein umfangreiches Schrifttum hervorging. Ein Besuch des Friedhofs und des Bistros lassen sich also perfekt verbinden: www.illenau-arkaden.de.

2
VON EISEN ZU PAPIER ZU STAUB
Die Papierfabrik Albbruck

Über Jahrhunderte lieferte die große Albbrucker Fabrikanlage am Rheinufer Qualität, erst in Eisen, später in Papier. Ziemlich plötzlich war es damit im Jahr 2012 vorbei.

Albbruck, Landkreis Waldshut-Tiengen (WT) Ort Alte Landstraße/Albuferstraße, 79774 Albbruck GPS 47.589523, 8.130805 Anfahrt Bahnhof Albbruck (RB Basel Bad Bf.–Waldshut); A98/B34, Ausfahrt Albbruck


Rund um die Albmündung finden sich nun riesige Brachflächen.

ANFÄNGE IM NICHTS – Der »Stern«, die »Bunte«, »Freundin« und »Brigitte«, »Hör zu«, »Quick«, aber auch das »Time Magazine«, die Kursbücher der Bundesbahn, Telefonbücher und Rowohlts legendäre Rotationsromane, sie alle waren auf dem hochwertigen Albbrucker Papier gedruckt, stolz verkündete eine Firmenbroschüre, »heute ist es eine Ausnahme, wenn eine deutsche Illustrierte (speziell bei den heiklen Farbseiten) nicht Albbrucker Tiefdruckpapier enthält« – und natürlich war auch diese selbstbewusste Aussage auf einer Albbrucker Spezialanfertigung – »Alpasol« – zu lesen. Doch es sollte nicht mehr allzu lange dauern, bis keine einzige deutsche Illustrierte mehr auf Albbrucker Papier gedruckt werden würde. Damit ging eine jahrhundertelange Tradition zu Ende, die allerdings mit einem ganz anderen Produkt begonnen hatte: Eisen. Bereits 1681 hatte der Schweizer Abraham Chemilleret, Landvogt der österreichischen Regierung im Aargau, die Genehmigung zum Bau eines Eisen- und Hammerwerks an der Alb erhalten, ein Standort, der zwar einsam in der Landschaft lag, außer der namengebenden Alb-Brücke gab es dort nichts, der jedoch für das Vorhaben gleich mehrere Vorteile hatte: Das Gebiet unterstand ebenfalls der österreichischen Regierung, die Wasserkraft der Alb konnte zur Energiegewinnung genutzt werden, vor allem aber gab es durch die Nähe des Schwarzwalds Holz in Hülle und Fülle, dazu waren die Wege zu Erzen in der Umgebung, insbesondere der Schweiz, recht kurz. Der zur Verhüttung nötige Kalk lag günstigerweise genau gegenüber: in Schwaderloch, wohin ein Fährbetrieb eingerichtet wurde. Die ersten hundert Jahre waren geprägt von vielen Pächterwechseln, auch kam es hin und wieder zu Problemen bei der Rohstofflieferung, doch insgesamt hielt sich das Eisenwerk Albbruck gut, eine kleine Siedlung gehörte inzwischen dazu, schließlich sogar ein Kirchlein, denn das Schwarzwaldkloster Sankt Blasien, seit 1755 Pächter, hatte das Werk schließlich 1778 von Österreich gekauft.

EIN NEUES PRODUKT – In der Säkularisation wurde das Kloster aufgehoben, Nachfolger und damit auch Werksbesitzer in Albbruck wurde der badische Staat, der sich nicht nur entschloss, den Betrieb zu erhalten, sondern auch auszubauen. Albbruck wurde das wichtigste Eisenwerk des Großherzogtums, das Geschäft florierte. Problematischer waren die sozialen Verhältnisse, Albbruck war noch immer keine eigenständige Gemeinde, aber auch keinem der umliegenden Orte angeschlossen. Wer direkt vor Ort bei der Fabrik lebte, hatte kein »Heimatrecht«, war folglich kein vollgültiger Bürger und durfte zum Beispiel nicht heiraten. Witwen, verunglückte oder zu alte Arbeiter lebten in bitterer Not, nicht selten wanderten sie aus. Erst spät griff der Staat ordnend ein, als er Albbruck zur Stabhalterei erklärte, sozusagen der Beginn der heutigen Gemeinde. Mit dem Eisenwerk ging es dann allerdings bald bergab, die Schweiz verhängte Einfuhrzölle, die Eisenbahn brachte nicht Aufschwung wie sonst so oft, sondern billigere Konkurrenz. 1866 war das Eisenwerk Albbruck am Ende. Über Jahre stand es nun leer. Und wieder war es ein Schweizer, der für Veränderung sorgte. Nikolaus Kaiser von Grellingen, eidgenössischer Nationalrat, kaufte die Gebäude und baute sie völlig um. Denn ein Rohstoff war ja weiterhin billig zu haben: Holz. Von Grellingen richtete erst eine Holzschleiferei ein, die anfangs nur den Grundstoff für Papier lieferte, bald ging man aber dazu über, dieses selbst vor Ort herzustellen. Aus dem Eisenwerk war eine Papierfabrik geworden.


Sichtbares Überbleibsel der Papierfabrik: das Wärmekraftwerk

DIE LETZTE SEITE – Und zwar eine sehr erfolgreiche. 1883 übernahm die »Gesellschaft für Holzstoffbearbeitung Basel« die Firma, Albbrucker Papier wurde zum Qualitätsmerkmal, das Eigenlob der oben zitierten Broschüre war durchaus berechtigt. Der Betrieb wuchs und wuchs, Kraftwerke zur Energiegewinnung sowohl mit Wasser als auch Kohle wurden gebaut, ein eigener Gleisanschluss mit Betriebsbähnchen kam hinzu, die erste Papiermaschine I wurde jeweils nach und nach ergänzt durch modernere und leistungsfähigere bis zu Nummer VII, bekannt wurde Albbruck vor allem auch als Ort immer neuer innovativer Verfahren, die Firma war international ein Begriff in der Branche. Dazu passte, dass sie schließlich von einem finnischen Konzern übernommen wurde, immerhin ein Land mit unzweifelhafter Expertise – Holz gab es auch dort in rauen Mengen. 2011 folgte ein weiteres finnisches Unternehmen, UMP. Und dann diese Nachricht, deren schockartige Wirkung der Pressemeldung des Bürgermeisters noch immer zu entnehmen ist: »Was uns am 31.08.2011 als geplante Schließung der Papierfabrik durch den UPM Konzern übermittelt worden ist und für uns alle unfassbar war, wird nun Realität. Die Papierfabrik Albbruck, die auf eine 140-jährige Geschichte zurückblicken kann, wird geschlossen. Albbruck verliert damit sein Herz und ein Stück seiner Identität.« Über 560 direkt Beschäftigte verloren 2012 ihren Arbeitsplatz, alle Verhandlungen über den Fortbestand waren erfolglos. Nicht einmal zehn Jahre nach dem plötzlichen Ende ist von dem einstigen Vorzeigebetrieb nur wenig geblieben: eine große Brachfläche am Rhein und um die Bahnlinie, darin der Koloss des früheren Wärmekraftwerks mit seinem aufragenden Schlot. Einzelne Abraumhalden und herumstehende Maschinenteile erinnern ebenfalls noch an die prägende Vergangenheit der Fabrik, ohne die der Ort Albbruck nicht einmal – oder zumindest nicht in dieser Form – existieren würde. Das Gelände wurde größtenteils verkauft, wohlklingende Pläne für das riesige Areal liegen seit Langem auf dem Tisch, getan hat sich jedoch in den letzten Jahren kaum etwas. Rasch voran ging lediglich der Abriss der meisten Gebäude.

Das besondere Erlebnis


Mit der Schließung des großen Werkes 1866 war die Tradition des Eisengießens in Albbruck noch nicht vorbei. Der Schmelzmeister Anton Nägele machte sich in unmittelbarer Nachbarschaft selbstständig, sein Familienbetrieb wuchs ständig, als ENA GmbH beschäftigte er schließlich mehrere Dutzend Arbeiter, und war neben der Papierfabrik einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort. War. Denn auch die Eisengießerei Nägele ist Geschichte, 2018 erfolgte die Schließung. Die Gebäude in der Alten Landstraße stehen noch – ihre Zukunft ist ungewiss.


Verloren in der Landschaft stehen manche Maschinen der Fabrik herum.

3
AUF GEFÄHRDETEM POSTEN
Hotel Alexanderschanze

Der Name verweist auf den militärischen Ursprung, später entstand auf der Passhöhe ein Forsthaus, das zum Kurhotel und schließlich Wanderheim wurde. Heute rauscht der raue Schwarzwaldwind um das leer stehende Gebäude.

Alexanderschanze (Stadt Freudenstadt), Landkreis Freudenstadt (FDS) Ort Alexanderschanze (an der B500, Schwarzwaldhochstraße), 72250 Freudenstadt GPS 48.479937, 8.276582 Anfahrt Bahnhof Freudenstadt (RE, S-Bahn), weiter mit Buslinie 100; A5, Ausfahrt Appenweier (weiter mit der B28).


Die Rückseite des Hotels ist auch nicht (mehr) einladender.

AN DER PASSHÖHE – Wie eh und je treffen hier auf dem Kniebis wichtige Verbindungsstrecken über die Schwarzwaldhöhe aufeinander, schon seit dem Mittelalter oder womöglich sogar noch seit früheren Tagen wurde der Pass genutzt, knapp unter 1000 Meter (exakt: 970,80) liefen und laufen hier Wege aus Richtung Freudenstadt, Oppenau, Straßburg und Baiersbronn zusammen. Auch Grenzgebiet war die Höhe schon immer, der Dreiherrenstein erinnert an die früheren Territorien der Straßburger Fürstbischöfe, der Fürsten zu Fürstenberg und der württembergischen Herzöge, die hier unmittelbar benachbart waren. All das machte den Pass aber auch zu einem militärisch wichtigen Ort, der geschützt werden musste. Es war im Zuge des nach und nach auf dem Schwarzwald etablierten Linienbaus, der sich gegen Frankreich richtete, dass auch auf dem Kniebis mehrere Schanzenanlagen errichtet wurden, die sich am Bau barocker Festungsanlagen orientierten, aber das vor Ort vorhandene Material nutzen mussten, Steine waren rar, Holz und Erde dagegen in Massen vorhanden (ausführlicher dazu in Kapitel 33). Vorgänger der Alexanderschanze entstanden somit wohl bereits in den 1620/30er-Jahren, aufgefrischt wurde die Anlage 1674/1675 im Holländischen Krieg (siehe Kapitel 7), allerdings nur als gerade Bewehrung, um die Straße zu sperren. 1734 unter ihrem Namensgeber Karl Alexander von Württemberg folgte schließlich der aufwendigere Ausbau zur größeren Festungsanlage, die beiderseits der Straße aus drei sogenannten Redouten (quadratische Schanzen) und vorgelagerten Verteidigungswerken bestand, die alle in Richtung Westen ausgerichtet waren – im Rücken, wo Karl Alexanders Stammland Württemberg lag, war die Alexanderschanze offen. Als die Revolutionskriege ausbrachen, wurden die Anlagen erneut aufgerüstet, aber sie erwiesen sich als wenig tauglich, auf jeder Redoute stand nur ein Geschütz, die Mannschaften, obwohl einige Hundert Mann, waren schnell zusammengewürfelte Landmänner ohne große Erfahrung. Für die heranrückenden Franzosen stellten die Befestigungen auf dem Kniebis 1796 kein großes Hindernis dar. Nach der Eroberung nutzten sie die Alexanderschanze einige Zeit selbst und fügten nun auch im Osten Wälle hinzu, anschließend jedoch verfielen die Erdwerke und Gräben; sie sind aber noch immer sehr gut in der Landschaft um die Straßen und das Hotel zu erkennen.


Einsame Lagen machen Schutzvorkehrungen notwendig.

GASTFREUNDSCHAFT STATT FEINDSCHAFT – Auf der Passhöhe entstand nun erst mal statt des Fort Alexander ein Forsthaus. Der dortige Forstmeister nutzte die günstige Lage – die Schanzen versanken, aber die Straßen waren ja noch immer da –, um vorbeiziehende Fuhrleute zu bewirten sowie erste Wanderer und Sommerfrischler, die den Schwarzwald für sich entdeckten; seit 1866 bestand die Möglichkeit zur Einkehr. 1911 brannte die Gastwirtschaft ab, doch erfolgte 1915 ein Neubau, der weitaus mehr Glanz ausstrahlte und sich nun direkt an ein gut situiertes Publikum wandte, das den herben Charakter der Gegend liebte, aber nicht auf Komfort verzichten wollte. Schon der Name Kurhaus Alexanderschanze suggerierte Erholung, das frühe Vorhandensein von elektrischem Strom und fließendem Wasser – in der einsamen Berggegend alles andere als eine Selbstverständlichkeit – versprach einen entspannten Aufenthalt. Natürlich zahlte sich auch die Lage am Straßenknotenpunkt aus. Als gehobenes Haus mit 28 Fremdenzimmern existierte die Alexanderschanze bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Einquartierungen von Soldaten und später die Unterbringung ausgebombter Städter veränderten zunehmend den Charakter des einstigen Renommierhotels. In der unmittelbaren Nachkriegszeit etablierte sich zwar der Schwarzwaldtourismus neu, die großen Zeiten prominenter Besucher auf der Alexanderschanze waren allerdings vorbei.


Ausschank heute geschlossen. Und morgen und übermorgen auch …

LETZTE GÄSTE – Für den modernen Massentourismus, der nach Erlebnis und Unterhaltung lechzt, war das Kurhaus zu abgelegen, Naturliebhaberinnen und Wanderer waren die Gäste, die noch vorbeikamen, allerdings blieb das Hotel irgendwann sozusagen in der Zeit stehen, der Komfort wurde nun immer mehr etwas für rustikalere Gemüter, die solch einen überkommenen Charme bevorzugten. Noch immer betrieb die Familie des einstigen Forstmeisters das Haus, doch neigte sich seine Idee der Beherbergung vorbeikommender Passpassanten sichtbar dem Ende zu. 2015 war Schluss, die Alexanderschanze schloss. Das Land kaufte das Anwesen, große Pläne wurden für die Gebäude in den Raum geworfen, wieder war es die Lage, die für eine gesicherte Zukunft sprach: Hier am Rande des Nationalparks sollten Ranger einziehen, ein Wildpark war angedacht, ein Aussichtsturm und einiges mehr. Geschehen ist seitdem: nichts. Die Autofahrer, die direkt vor dem Gebäude vorbeisausen oder zum Einbiegen anhalten müssen, sehen ebenso wie die Wanderer, die hier noch immer zahlreich vorüberziehen, ein markantes Gebäude aus der Frühzeit des 20. Jahrhunderts, das mitsamt seinen Nebenbauten in einen Zustand des erkennbaren Verfalls überwechselt. Wieder einmal ist es die Lage, die der Alexanderschanze ihr Schicksal vorgibt: Das raue Klima der Schwarzwaldhöhe sorgt dafür, dass der architektonisch schöne Bau des einst geschätzten Kurhauses rapide an Glanz verliert.

Blieb in der Zeit stehen und steht noch immer, die Alexanderschanze.

Das besondere Erlebnis


Fast ähnlich häufig wie moderne Hotelfinden sich im Schwarzwald historische Klosterruinen – siehe unsere Kapitel 14, 19 und 31. Am wenigsten Überreste kann Kniebis aufweisen, einst als Kapelle an der Passstraße gegründet, entwickelte sich um 1270 in der dünn besiedelten Gegend erst ein kleines Franziskanerkloster, das später von Benediktinern übernommen wurde. 1513 brannte es ab, wurde aber wieder aufgebaut, nur um wenige Jahre später im Zuge der Reformation aufgelöst zu werden. Kloster und Kirche zerfielen, letztere wurde schließlich 1799 durch französische Soldaten endgültig zerstört. Geblieben sind nur ein paar gotische Mäuerchen inmitten von Kniebis-Dorf.

4
HEILEN STATT HEILRUFE
Sanatorium Dr. Saller in Badenweiler

Die Geschichte des Sanatoriums lebt vor allem von ihren Gründungsgestalten, dem Ehepaar Karl und Herta Saller. Leider ist ihr gemeinsames Projekt inzwischen jedoch ebenfalls Geschichte.

Badenweiler, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald (FR) Ort Oberer Kirchweg 3, 79410 Badenweiler GPS 47.804375, 7.675445 Anfahrt Bahnhof Müllheim (RE Basel Bad Bf.–Offenburg); A5, Ausfahrt Müllheim


Sieht noch aus wie nur vorübergehend geschlossen.

RÜCKZUG NACH BADENWEILER – Der Rausschmiss kam nicht mehr überraschend. Karl Saller arbeitete als Dozent in Göttingen auf dem Gebiet der medizinischen und anatomischen Anthropologie, ein Gebiet, das – durchaus auch von ihm – damals mit der »Rassenforschung« gleichgesetzt wurde. Dumm nur, dass Saller durch seine Untersuchungen zu dem Schluss gekommen war, dass es so etwas wie abgrenzbare »Rassen« unter Menschen gar nicht gibt, deutlich formulierte er, der Ausdruck mitsamt der dahinterstehenden Idee sei »eine Konstruktion, die dem Tatsachenmaterial nicht entspricht und daher unhaltbar«. Diese Ansicht war schon in der Spätphase der Weimarer Republik nicht sehr populär, unter den Nationalsozialisten jedoch aber geradezu Ketzerei gegen deren ureigenste Dogmen. Saller verlor seine Lehrbefugnis und gab auch seine anderen Stellen in der Wissenschaft auf – nicht ohne den Hinweis, weiterhin zu seiner Meinung zu stehen. Kurzzeitig arbeitete er als einfacher Mediziner, bevor er gemeinsam mit seiner Frau Herta auf die Idee kam, in Badenweiler ein Sanatorium zu eröffnen. Eine gute Wahl, was den Ort angeht, wovon nicht nur die enormen Überreste der antiken Thermenanlagen zeugen, die auf die lange Tradition als Heilbad verweisen. Neben Baden-Baden war (und ist) Badenweiler sicher der angesehenste Kurort des Schwarzwalds. 1937 wurde das »Kurheim Dr. Saller« am Oberen Kirchweg eröffnet, 1939 kam die gegenüberliegende Villa als »Oberes Haus« hinzu.

ALLGEMEINE ERHOLUNG – Nach dem Krieg wurde Saller wieder rehabilitiert, er übernahm bedeutende Posten in München und gilt als der Wiederbegründer der deutschen Anthropologie, der sich auch nicht scheute, die Verbrechen der nationalsozialistischen Rassenlehre anzuprangern. Das von ihm mitbegründete Sanatorium, das in Kriegszeiten zu einem Entbindungshaus umfunktioniert worden war, bestand jedoch weiterhin, nun unter Führung seiner Frau Herta. Regelbetrieb herrschte allerdings noch lange nicht. Die Geburtenstation existierte bis weit in die Nachkriegszeit weiter, zudem waren französische Rot-Kreuz-Damen zur Ausbildung einquartiert. Kurgäste gab es anfangs nur wenige. Doch mit Beginn der 1960er-Jahre begann ein Aufschwung, Badenweiler war wieder beliebtes Erholungsziel, das Sanatorium wurde nach und nach erweitert: Mehrere Anbauten erfolgten, 1992 kam ein hauseigenes Schwimmbad hinzu. Die Verantwortung lag inzwischen bei der nächsten Generation. So verführerisch – von der finnischen Sauna bis zum Fitnessprogramm – die Angebote klingen, die noch immer im Internet zu finden sind, wer heute an das Portal des Sanatoriumsgebäudes klopft, dem wird nicht mehr geöffnet. Seit Jahren ist der Betrieb geschlossen, eine Nachnutzung wird gesucht.


Zu einem guten Sanatorium gehörte natürlich auch ein Park.


Der historische Wasserbehälter bei Badenweiler

Das besondere Erlebnis


Das Etikett »Totentanz« ist eigentlich falsch, vielmehr handelt es sich um die bildliche Umsetzung der »Legende von den drei Lebenden und den drei Toten«, die im Mittelalter als mahnende Erzählung sehr beliebt war. Als sechsteilige Freskenreihe ist sie im Chor der evangelischen Pauluskirche Badenweiler zu finden, gerettet aus dem Bestand einer Vorgängerkirche – zum Glück, handelt es sich doch um die älteste bekannte Darstellung des Themas in Deutschland überhaupt, datiert auf das 14. Jahrhundert. Die drei Skelette erinnern ihre Gegenüber, einen Jüngling, einen Mann im besten Alter und einen Greis, recht drastisch an ihre Sterblichkeit, vor allem der ältere Herr ist sichtbar erschrocken. »Was wir sind, das werdet ihr« gilt aber nicht nur für ihn …


Eingang zum Wasserbehälter, versteckt im Wald

5
KASPAR IM KERKER
Schloss Beuggen

Was geschah im Beuggener Gartenhaus während der Jahre 1815/1816? Ist der Ort Teil der großen Verschwörung um Kaspar Hauser, dem Findelkind aus Nürnberg?

Beuggen (Stadt Rheinfelden), Landkreis Lörrach (LÖ) Ort Schloss Beuggen 7, 79618 Rheinfelden GPS 47.581111, 7.812778 Anfahrt Bahnhof Beuggen (RB Basel–Waldshut-Tiengen); A98 (bzw. B316), Ausfahrt Rheinfelden-Mitte


Noch recht mittelalterlich wirkt Schloss Beuggen an manchen Stellen.

DAS GARTENHAUS – Der Landkomtur des Deutschen Ordens Johann Franz Freiherr von Reinach, seit 1688 Herr auf Beuggen am Rhein, hätte sich wohl nicht träumen lassen, was einmal aus seinem kleinen barocken Teehaus werden würde, als er es 1694 im hübsch angelegten Schlosspark errichten ließ. Seit 1246 saßen die Ritter des Ordens auf der Burg am Ufer, stürmische Zeiten waren schon über das Anwesen hingegangen, das noch immer einen wehrhaften Eindruck macht, einst gut geschützt durch eine halbkreisförmige turmbestückte Mauer mit Wassergraben um das Haupthaus mit Kirche. Doch zu Reinachs Tagen waren die Zeiten rauer Kreuzzugstypen vorbei, der Orden diente vor allem der Versorgung adliger Söhne und die mochten es, wie Reinach, eher repräsentativ. Beuggen, Sitz einer Kommende, wurde barock umgebaut, mehr Residenz als Wasserfestung.

Im Jahr 1806 musste der Orden seinen Besitz aufgeben, das badische Herzogtum verleibte sich das Schloss ein, wusste aber nichts damit anzufangen, außer einen Großteil des wertvollen Inventars zu Geld zu machen. 1814 wurde die Region Kriegsgebiet, als die alliierten Truppen gegen Napoleon nach Frankreich zogen. Beuggen wurde zu einem der vielen improvisierten Feldspitäler (siehe Tennenbach, Kapitel 31), in denen katastrophale Zustände herrschten. Wer hierhergebracht wurde, konnte im Prinzip nur noch sein Testament machen: völlig überbelegt, aber unterversorgt, fanden Seuchen hier ideale Verbreitungsmöglichkeiten. Reihenweise starben die eingelieferten Soldaten. Dies ging bis 1815, an die 3300 Insassen hatten hier den Tod gefunden, an sie erinnert ein Denkmal von 1911. Das Gartenhaus spielte zu dieser Zeit eine makabre Rolle: Es diente als Lager für die täglich anfallenden Leichen, bevor diese in Massengräbern verscharrt wurden.


Wappen allerorten. Jeder Komtur hinterließ sein »Markenzeichen«.

DAS WAPPEN – Nach der Räumung des Lazaretts lag Beuggen leer und einsam am Wasser. Nur der Pfarrer der Schlosskirche lebte noch dort, die restlichen Gebäude waren nicht nur vollends leergeplündert, sie stanken und starrten auch vor Schmutz: eiter- und blutgetränktes Stroh moderte herum, die Bevölkerung mied den Ort, der weiterhin als Seuchenherd galt. Waren das nicht beste Voraussetzungen, um hier jemanden unbemerkt zu verstecken? Und so soll die Verschwörerclique am badischen Hof um die ehrgeizige Gräfin von Hochberg und Major Hennenhofer hier den vorgeblich toten, aber als Faustpfand am Leben erhaltenen badischen Erbprinzen ab 1815, weitab von der Residenz Karlsruhe, untergebracht haben. Drei bis vier Jahre muss der Junge damals alt gewesen sein, als er hier mit einer Kinderfrau, Anna Dalbonne, einzog. Sein Name: Kaspar Hauser. Sein Aufenthaltsort: Das Teehaus. Den Beleg für diese Theorie habe er viele Jahre später selbst geliefert. Nach seiner Auffindung in Nürnberg zeichnete Hauser aus dem Gedächtnis ein Wappen, das er schwach als an seinem früheren Gefängnis angebracht erinnerte. Hausers krakelige Wiedergabe zeigte eine Wappenform, in der sich rechts unten ein stehendes Tier, diesem links gegenüber drei Querbalken und über dem Ganzen zwei gekreuzte Schwerter zeigten, darüber eine Art Hut oder Krone mit Kreuz. War das nicht das am Teehaus angebrachte Schild unseres Landkomturs von Reinach? Kaum – die Übereinstimmungen entspringen eher der Fantasie, es gibt einen stehenden Löwen, es gibt (zwei) Balken, es gibt kleine gekreuzte Schwerter und eine Krone ohne Kreuz. Aber es waren ja viele Jahre vergangen und Hauser mochte manches vergessen oder verwechselt haben.

Repräsentativ oder wehrhaft: Was ging hinter den Toren Beuggens vor?

DIE FLASCHENPOST – Schließlich war da die Flaschenpost, deren Existenz nicht zu bezweifeln war. Ein elsässischer Schiffer hatte sie am 22. September 1816 bei Kembs aus dem Rhein gezogen und den Behörden übergeben. Sie ging bis nach Paris ins Polizeiministerium, doch schlau wurde man aus dem lateinisch abgefassten kurzen Text nicht so recht: Cuicumque qui hanc epistolam inveniet: Sum captivus in carcere, apud Lauffenburg, juxta Rheni flumen: meum carcer est subterraneum, nec novit locum ille qui nunc folio meo potitus est. Non plus possum scribere, quia sedulo et crudeliter custoditus sum. Zu Deutsch: Wer auch immer diesen Brief findet: Ich werde in einem Kerker bei Lauffenburg am Rhein gefangen gehalten: Mein Kerker liegt unter der Erde, und den Ort kennt derjenige nicht, der sich nunmehr meines Blattes bemächtigt hat. Mehr kann ich nicht schreiben, da ich sorgfältig und grausam bewacht werde. Nun, folio war ein Lesefehler, es handelte sich um das alte lange S: solio, »des Thrones«, war wohl gemeint. Doch am rätselhaftesten war die Unterschrift: S. Hanès Sprancio. Hinzu kam, dass das Original des Zettelchens verloren ging und nur noch eine amtliche Abschrift von 1816 direkt nach der Auffindung als halbwegs verlässlich gelten kann. Aber S. Hanès Sprancio, war das nicht eindeutig ein Anagramm von »Sein Sohn Caspar«? Oder lautete die Unterschrift gar Hares Sprauca? »Caspar Hauser«. Klarer geht es kaum. Allerdings deutete mancher den Schriftzug eher als Haeres Franciae, »Erbe Frankreichs«, wo ebenfalls Thronstreitigkeiten herrschten. Schließlich saß der vermutete Kaspar Hauser zwar angeblich tatsächlich nahe Laufenburg, eben in Beuggen, in Gefangenschaft, aber nicht in einem Kerker unter der Erde, sondern in dem uns wohlbekannten kleinen hübschen barocken Teehaus im Park. Von dort wurde er, so die Legende, nun schleunigst weggebracht.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 623,47 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
09 ноября 2024
Объем:
242 стр. 155 иллюстраций
ISBN:
9783734326950
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги