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Benedict Dana
Mo Morris und die Anti-CO2-Maschine
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Epilog
Impressum neobooks
Prolog
Figuren und Handlung sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Die schwimmende Forschungsinsel „Aqua City“, die amerikanische Forschungsvereinigung „USSF“ und ein kriminelles Netzwerk von Exil-Irakern sind Fiktion.
Das seltsame, surreale Gebilde, das sich vor seinem inneren Auge auftat, sah wie eine schwimmende künstliche Insel aus, die sich irgendwo auf hoher See befand. Ihre schwarzen Silhouetten verschwommen so sehr mit der tiefblauen Farbe des Meeres und dem Dunkel der beginnenden Nacht, dass sie nur gerade eben in ihren wesentlichen Formen zu erahnen war. Die kreisrunden, floßartigen Inselchen, die ringsherum durch stegförmige Verbindungen zu einer riesigen, sich in der Schwärze des Horizonts verlierenden Fläche verknüpft waren, erinnerten Morton an eine Tischdecke, bei der runde Stoffflächen zu einem kunstvollen Ganzen zusammengehäkelt worden waren. Die Rohre, die sich vom Zentrum der einzelnen Flächen in den Himmel streckten, ähnelten jedoch kaum einer ihm bekannten Form; sie waren zu kurz und zahlreich, um Fabrikschlote sein, und gingen mit den sie tragenden, schwimmenden Flächen eine so organisch und natürlich wirkende Verbindung ein, als ob sie die Rüssel oder Saugnäpfe einer riesigen, unbekannten Spezies von Seeungeheuer wären.
Gerade in dem Moment, als er den Zweck der „Rüssel“ zu ahnen begann, spürte er etwas Warmes und Feuchtes, das sich von seinem Kinn bis zur Stirn mitten durch sein Gesicht zog. Das Gefühl war ihm zu vertraut, um ärgerlich darauf zu reagieren, denn es war nicht das erste Mal, dass ihn sein junger Cockerspaniel „Dr. Watson“ mit seiner schlabberigen Zunge aus einem tiefen Traumgeschehen in die unmittelbare Gegenwart der alltäglichen Wirklichkeit zurückgeführt hatte.
Als er abrupt von seinem Liegesessel hochfuhr, hörte er zum ersten Mal das Scheppern und Rasseln der alten Türklingel. Sie gehörte zu den wenigen Dingen, die von dem großen Renovierungsfieber verschont geblieben waren, das im letzten Sommer endgültig geendet und das Gesicht des früher leicht heruntergekommen Hauses radikal verändert hatte. Er bereute es immer häufiger, dass er einen Teil der hohen Belohnung, die er vor anderthalb Jahren für die Aufklärung eines bedeutenden Falles erhalten hatte, in die Renovierung gesteckt hatte. Es könnte Jahrzehnte dauern, bis die besondere Patina, die das alte, an einen viktorianischen Stil angelehnte Häuschen einmal an sich gehabt hatte, wieder auf natürliche Weise entstanden sein würde.
Er schob vorsichtig die Gardine zur Seite, damit der Besucher ihn nicht bemerkte, der draußen auf der Veranda vor der Haustür stand. Er seufzte erleichtert, als er seine alte Freundin und Universitätskollegin Dr. Mary Kelly erkannte, da ihm die Begegnung mit irgendjemand anderem unangenehm gewesen wäre. Er war viel zu aufgewühlt für irgendwelche unbedeutenden, trivialen Ablenkungen, da er seit einem Tag wusste, dass ihm ein wichtiger Auftrag ins Haus stand und damit neuen Abenteuern Tür und Tor geöffnet waren. Er blickte in den Spiegel, der neben der Tür an der holzverkleideten Wand des Arbeitszimmers hing, und glotzte für einen Moment erschrocken ein schlecht rasiertes, vom Schlaf aufgeschwollenes Gesicht und ein paar wild zerzauste, schwarze Haarschopfe an. Er hatte bei diesem Anblick genau das Bild des etwas chaotischen, unorganisierten Junggesellen vor sich, das er bei allen Begegnungen mit der so vernünftigen und disziplinierten Mary um jeden Preis zu verbergen versuchte. Das Spiel des ewigen sich Anziehens und Wieder-voneinander-Entfernens, ohne dass es jemals zu mehr als einer Freundschaft zwischen ihnen gekommen wäre, schien niemals enden zu wollen und ging in diesem Frühling mittlerweile in das sechste Jahr.
Als er die Tür öffnete und Dr. Watson laut kläffend um die eintretende Mary herumtänzelte, blieb sie für einen Augenblick vor dem großflächigen, in der Diele an der Wand lehnenden Gemälde stehen. Es zeigte einen Berg mit einer Art Burg voller verschlungener Türme, Erker und Zinnen, aus der Lichtgestalten die Hände flehend in den Himmel streckten; ein mächtiger Lichtstrahl ging von dem Dach des fantastischen Gebäudes aus und ließ überall Lichtflocken über ein ödes, lediglich von einem See belebtes und mit lauter Computerschrott bedecktes Land nieder regnen.
Die Bedeutung des Motivs ließ für sie beide keinen großen Interpretationsspielraum mehr zu, da das Gemälde durch seine Malerin Olivia Carrigan eine direkte Verbindung zu einem von Mortons letzten Fällen aufwies und seine tiefere Bedeutung zwischen ihnen mittlerweile ausdiskutiert war.
„Ich finde, diese Carrigan ist eine echte Künstlerin. Du solltest das Bild rahmen lassen und ihm einen würdigen Platz in deinem Wohnzimmer verleihen“, schlug Mary mit einem prüfenden Blick auf die Leinwand vor, durch den sie sich für einen Moment als Kunstkennerin zu erweisen schien.
„Es wird bald erheblich Wichtigeres zu tun geben, als sich um solche Nebensächlichkeiten zu kümmern“, erwiderte er bedeutungsvoll und schob sie ungeduldig durch die große, zweiflügelige Holzkassettentür, die den ganzen Schmuck der spärlich möblierten Diele bildete, in den Salon des Hauses hinein. Es war wie immer, wenn er sie entweder zufällig auf einem der Flure der kleinen Universität von Rutherford traf oder sie zu ihm nach Hause kam: Ihre Nähe schlug ihn in ihren Bann und der Anblick ihrer fein gelockten, langen rotbraunen Haare und ihres ungewöhnlich zarten Gesichts reihte sich in eine lange Kette eines tausend Mal enttäuschten und wieder neu angefachtem Begehrens ein.
„Es wird schon bald erheblich Wichtigeres zu tun geben? Was heißt das genau? Ist es etwa schon wieder geschehen? Hast du wie jedes Jahr mal wieder pünktlich zu Beginn der Semesterferien einen neuen Auftrag erhalten?“, fragte sie mit einem ironischen Lächeln, während sie den Salon betrat.
„Genauso ist es. Obwohl sich dieses Spiel auf unerklärliche Art jedes Jahr mit geradezu kosmischer Präzision zu wiederholen scheint, ist es kein Hexenwerk. Es liegt wohl ganz einfach daran, dass der Beginn der Sommersemesterferien auf den Mai fällt und für viele der Frühling die geeignete Zeit für den Start neuer Aktivitäten ist.“
Er wies ihr einen Platz auf einem der beiden alten Ledersofas zu, die sich an einem langen Couchtisch gegenüberstanden und zusammen mit den übrigen, vorwiegend antiken Möbeln eine anheimelnde Gemütlichkeit ausstrahlten. Eine alte Standuhr, ein mit einem weißen Marmorsims eingefasster Kamin und ein polierter Edelholzschreibtisch ergaben zusammen mit den prall gefüllten Bücherregalen, die im hinteren Teil des Raumes bis zu der außergewöhnlich hohen, mit Stuckornamenten verzierten Decke reichten, das Bild eines altmodischen Salons, das Mortons etwas spleenigem Hang zur Kultur seiner englischen Vorväter geschuldet war. Blickte man durch die großen, bodenlangen Sprossenfenster in den üppig bepflanzten Garten hinaus, hätte man meinen können, in einem englischen Landhaus zu sein. Dabei befand sich das Haus natürlich wie immer in dem kleinen New Jersey-Städtchen Rutherford, das direkt vor den Toren der Mega-Metropole New York City lag.
„Ich hoffe, dass dich dieser neue Auftrag nicht in einen Konflikt mit deiner Dozententätigkeit bringen wird. Ich finde es übrigens beachtlich, wie du beides bisher gemeistert hast. Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, wie sie sich durch deine Arbeit als Kriminologiedozent und Privatdetektiv ergibt, dürfte in dieser Form selten sein“, lobte sie ihn so freundlich, dass auch er eine Freundlichkeit als Antwort für passend hielt.
„Ich hätte ja meinen Job an der Uni beinahe aufgegeben, wenn du mich nicht zum Bleiben überredet hättest. Ich bereue es nicht, weil sich das Seminar, das wir im letzten Semester zusammen hielten, als sehr inspirierend erwies!“
Die Art, wie er ihre Zusammenarbeit herausstrich, löste ein Lächeln bei ihr aus, in dem die ganze Essenz ihrer langjährigen, kaum jemals offen eingestandenen Zuneigung enthalten zu sein schien. Diese Essenz war nicht in Worte zu fassen und fand in seinen Augen den besten und höchsten Ausdruck in eben diesem Lächeln. Wie es ihre Art war, konnte sie in seiner Anwesenheit keine verräterischen Anzeichen für Gefühle zulassen, weshalb ihr Lächeln schnell wieder verschwand und sie sich beeilte zu sagen:
„Auf jeden Fall würden wir heute wohl nicht hier zusammen sitzen, wenn wir nicht beide von Hause aus Psychologen wären und aus dieser Richtung zur Kriminologie gefunden hätten. Aber wie du weißt, interessiert mich die reine Kriminalistik mit ihren eher technischen Aspekten nicht.
Also worum geht es nun bei deinem neuen Fall? Der große Meisterdetektiv Morton Morris nimmt doch sicher nicht irgendeinen kleinen, läppischen Auftrag an! Ich kann mir kaum vorstellen, dass dich ein gewöhnlicher Auftrag nach deinen beiden letzten Fällen noch reizen könnte. Du wirst deine besonderen Gaben irgendwie zum Wohl der Menschheit einsetzen wollen, habe ich Recht?“
Was unter anderen Umständen vielleicht etwas ironisch hätte klingen können, meinte sie in diesem Fall völlig ernst. Sein letzter Fall, der ihn nach Europa in den Hauptort der „UN Refugee Nation“ – einem Zusammenschluss autonomer, sich in verschiedenen Ländern befindender Flüchtlingsstaatgebiete der UN - geführt hatte, hätte kaum anspruchsvoller und spannender sein können.
Er antwortete nicht sofort, da ihm in diesem Moment seine Pflichten als Gastgeber einfielen und er eilig durch eine kleine Durchgangstür verschwand, um ein Glas Mineralwasser für sie aus der Küche zu holen. Als er wiederkam, ließ er sich neben sie und Dr. Watson auf das Sofa plumpsen und wurde plötzlich etwas pathetisch.
„Als ich letztes Jahr fast im Mittelmeer ertrunken wäre und dann von einem Schiff voller Bootsflüchtlinge aufgenommen wurde, hat das tief in mir etwas verändert. Erst haben die Afrikaner mich und meine Freunde gerettet und dann haben wir sie gerettet, indem wir durch unsere Beziehungen dafür gesorgt haben, dass sie mit Hilfe der UN in Norditalien bleiben konnten.
In mir ist durch all das eine seltsame, schwer erklärliche Sehnsucht entstanden. Sie hat damit zu tun, dass Menschen über Familie und Freundschaft hinaus ein echtes und tiefes Interesse füreinander zeigen, dass sie sich gegenseitig helfen, über Grenzen hinweg miteinander kooperieren und dabei höhere Ziele vor Augen haben. Ich habe auf einer tieferen Ebene verstanden, wie viel es mit Liebe zu tun hat, gemeinsam für etwas zu kämpfen, dabei das eigene Ego und die persönliche Beschränktheit zu überwinden und Visionen zu teilen. Das ist etwas, was in dieser Welt fehlt und viel verändern würde!“
„Was für hehre Worte am frühen Nachmittag! Bist du etwa unter die Moralisten und Weltverbesserer gegangen?“, spottete sie freundlich und streichelte zärtlich den Hund dabei, der zu ihr auf das Sofa gesprungen war und seinen Kopf vertraulich auf ihren Schoß gelegt hatte.
„Ich sage dir das, weil ich dir ein Angebot machen will. Vielleicht könnten wir nicht nur manchmal an der Universität, sondern auch hier in der Detektei zusammenarbeiten. Dann können wir darin kooperieren, diese verrückte Welt ein kleines Stück besser zu machen!“
„Ich bin Psychologiedozentin, keine Detektivin“, erwiderte sie mit einem geschmeichelten Lächeln. „Was sollte ich für dich schon tun können? Du kennst doch genug Leute, die dir helfen können. Was ist mit Tim Diamond und seinen Mitarbeitern Michael King und Betty Cadena? Existiert Diamond Investigations noch? Oder hat der alte Diamond sich inzwischen zur Ruhe gesetzt?“
„Ein Kerl wie Diamond wird erst dann in den Ruhestand treten, wenn ihn eine Pistolenkugel genau zwischen die Augen trifft. Ein so penetranter, egomanischer Charakter wie er wird nicht freiwillig ans Aufhören denken und mich wahrscheinlich bis ans Ende meiner Tage mit seinem drallen Ego nerven. Diamond und King leben in einer völlig anderen Welt als ich. Das sind ein paar raue und ausgebuffte Burschen, die vor allem für die praktische Arbeit gut zu gebrauchen sind. Sie sind nicht die Richtigen, um die geistigen und psychologischen Dimensionen eines anspruchsvollen Falles auszuloten.“
„Und was ist mit der Dritten im Bunde, Betty Cadena? Ist sie genauso ausgebufft? Oder besteht ihre Hauptaufgabe vor allem darin, umwerfend auszusehen und dir schöne Augen zu machen? Wie ist es, schläfst du mit ihr?“
Tim Diamonds äußerst attraktive Mitarbeiterin und ehemalige Freundin Betty Cadena, mit der Morton seit ihrer ersten Zusammenarbeit ein mehr oder minder heimliches Verhältnis eingegangen war, war der wundeste Punkt, den Mary überhaupt nur anrühren konnte. Sie hatte sich noch nie getraut, derartig direkt auf ihn zu sprechen zu kommen. Offenbar ahnte sie nicht allzu viel von dem tiefen Konflikt, der sich aus seiner gleichzeitigen Schwäche für sie und Betty ergab.
Der Zufall half ihm gnädig dabei, auf ihre delikate Frage keine Antwort geben zu müssen, da in diesem Moment die große Tür zum Salon aufsprang und seine Haushälterin Ruth Higgins eintrat. Obwohl die alte, im Ansatz etwas füllige, grau gelockte Dame, die in den warmen Jahreszeiten meistens in einem altmodisch geblümten Kleid steckte, mit den Jahren immer ein wenig indiskreter, unverschämter und neugieriger geworden war, mochte Morton sie immer mehr. Sie bildete mit ihrer unprätentiösen, häuslich-mütterlichen Art einen wichtigen und verlässlichen Gegenpol zu einer Welt, die sich in seinem Metier meistens als gefährlich und unberechenbar erwies.
Als sie Mary sah, zauberte ihr das sofort ein erfreutes Lächeln in ihr breites und gutmütiges Gesicht. In ihren Augen war die kluge und „anständige“ Dozentin der allerbeste Umgang für „Mo“, da sich durch ihn die Aussicht ergab, dass vielleicht eines Tages sein unstetes Junggesellen- und Detektivdasein ein Ende im sicheren Hafen der Ehe fand. Betty Cadena hingegen, die sie hinter vorgehaltener Hand schon als „Früchtchen“ und „Luder“ bezeichnet hatte, war für sie der Inbegriff eines unbürgerlichen, unbeständigen und zweifelhaften Lebenswandels, der Morton zu sehr mit der gefährlichen Welt des Verbrechens und der freien Detektive verband. Genauso missfiel ihr natürlich auch sein nicht abbrechender Kontakt zu seinem alten Bekannten und Rivalen Tim Diamond, der zwar in der einschlägigen Szene als lebende Legende galt, aber ansonsten einen ziemlich schlechten Ruf besaß. Die Methoden, mit denen er Verbrechen aufklärte, hatten ihn angeblich manchmal selbst zu einem Kriminellen gemacht.
„Haben Sie Dr. Kelly schon etwas angeboten, Morton? Darf ich Ihnen beiden irgendetwas bringen?“, legte sie in Anwesenheit der Besucherin eine höflich-servile Art an den Tag, obwohl sie sonst meist deutlich selbstbewusster auftrat. Dass sie Morton mittlerweile beim Vornamen nannte, hatte ihn lange Überredungskunst gekostet; das untertänige „Dr. Morris“ hatte mit der Zeit so altmodisch und antiquiert gewirkt, wie die gesamte Einrichtung des Salons. Überhaupt hätte man die 15 Jahre ältere Mrs. Higgins wegen ihrer biederen Art nicht nur für seine Mutter, sondern manchmal geradezu für seine Großmutter halten können.
„Dr. Kelly bleibt noch etwas hier, um etwas Berufliches zu besprechen. Bringen Sie ihr doch eine Tasse Tee“, bat er und rückte dann unverhohlen mit der Wahrheit heraus, obwohl abzusehen war, dass Higgins’ Reaktion hierauf negativ ausfallen würde. „Ich versuche sie gerade zu überreden, mir bei meinem nächsten Auftrag als Beraterin zu assistieren.“
„Als Beraterin assistieren? Um Himmels Willen, lassen Sie sich auf keinen Fall darauf ein, Dr. Kelly!“, brach es wie erwartet sofort aus ihr hervor. „Seine verdammten Fälle hätten ihn schon viel zu oft um ein Haar das Leben gekostet! Sie sind viel zu schade, um sich für ihn in irgendwelche Gefahren verwickeln zu lassen! In seinem letzten Fall wurde er ein Mal entführt und eingesperrt, ein Mal als halbe Wasserleiche aus dem Mittelmeer geborgen und ein Mal fast erschossen. Und in dem davor war es ganz ähnlich, nur das Wasserschlucken blieb ihm wie durch ein Wunder erspart. Dafür gab es zum Ausgleich gleich zwei Mal einen Anschlag auf sein Leben. Davon, dass ich selber hier im Haus überfallen und gefesselt und geknebelt wurde, will ich gar nicht einmal reden!
Ich wünschte, er würde sich endlich wieder so wie früher um harmlosere Fälle kümmern, die er nur durch seine Kombinationsgabe von zu Hause aus am Schreibtisch lösen kann. Seit er damals bei Diamonds spurlosem Verschwinden dieser Betty Cadena in die Fänge geriet, hörten für ihn die Gefahren nicht mehr auf.“
„Beruhigen Sie sich bitte, Ruth!“, fuhr er gereizt dazwischen, da sie mit ihrem letzten Satz eine unangenehme Wahrheit ansprach. „Ich sagte lediglich, Dr. Kelly soll mir als Beraterin assistieren. Ich sprach nicht davon, mit ihr in eine Burg der italienischen Mafia einzusteigen, mit dem Fallschirm über der libyschen Wüste abzuspringen, um den Kopf eines großen Schleusernetzwerkes zu jagen, oder schwer bewaffnet eine Ölbohrinsel zu stürmen, um Entführungsopfer zu befreien! Genauso wenig habe ich vor, mit ihr des Nachts auf hoher See einen Supertanker zu entern oder mit ihr von Hubschraubern verfolgt mit einem Jeep durch die einsamen Wälder Maines zu jagen.“
Die ironisierende Aufzählung einiger seiner Abenteuer der letzten beiden Jahre konnte Ruth nicht milde stimmen. Sie war noch immer zu erregt, um sich auf seinen beschwichtigenden Ton einzulassen, und verdrückte sich in die Küche. Als sie kurz darauf mit dem gewünschten Tee wieder kam, meinte sie mit gepresster Stimme:
„Ich habe natürlich nicht das Recht, mich in Ihre Angelegenheiten einzumischen, Morton. Aber ich denke, ich habe die menschliche Pflicht, Dr. Kelly auf gewisse Gefahren hinzuweisen. Inzwischen geht man ja bereits schon ein Risiko ein, wenn man Sie näher kennt und regelmäßig in Ihrem Haus verkehrt. Sie haben in der letzten Zeit so vielen gefährlichen Leuten auf den Schlips getreten, dass jederzeit mit Rache zu rechnen ist!“
„Sie malen mal wieder viel zu schwarz, Ruth, das ist leider typisch für Sie. Sie können sich absolut sicher sein, dass mir nichts ferner liegt, als einen so wunderbaren Menschen wie Dr. Kelly in Gefahr zu bringen! Ich müsste ja völlig wahnsinnig sein!“
Das dicke Kompliment, das Morton wie nebenbei in diese Versicherung einfließen ließ, freute Mary so sehr, dass sie sich zum Dank auf seine Seite schlug.
„Ich weiß es wirklich zu schätzen, wie Sie mich vor Gefahren warnen wollen, liebe Mrs. Higgins. Ich bin jedoch überzeugt, Morton würde sicher dafür sorgen, dass ich als seine Assistentin immer in Sicherheit wäre und mich auf kein lebensgefährliches Abenteuer einlassen müsste.“
„Falls es nötig wird, werde ich dafür beten, dass Sie Recht behalten, Dr. Kelly. Im Moment reden Sie noch konjunktivisch, aber Sie werden schon noch sehen, wie schnell Sie der alte Schlingel am Wickel hat!
Tja, dann ist es also wirklich wieder passiert. Morton hat mal wieder die Metamorphose vom harmlosen Collegedozenten zum abenteuerhungrigen Detektiv durchlaufen. Die Schizophrenie eines Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist ja der reinste Kindergarten dagegen. Offenbar lässt sich diese Krankheit niemals heilen. Obwohl mich die Angst quält, vielleicht bald arbeitslos zu werden und Morton in einer schlichten Holzkiste wieder zu sehen, bin ich natürlich auch neugierig. Darf man also fragen, um was es bei dem neuen Auftrag geht?“
„Wie schamlos Sie wieder übertreiben!“, beschwerte er sich lachend und packte dann widerwillig die ersten Fakten auf den Tisch. „Also es ist so, mein neuer Auftraggeber ist sehr reich und legt viel Wert auf Diskretion. Ich weiß selber noch nicht allzu viel, denn ich wurde erst gestern Morgen von seiner Tochter, die zugleich eine seiner Mitarbeiterinnen ist, kontaktiert. Ich kann nur sagen, dass es im weitesten Sinne um Geo-Engineering geht.“
„Obwohl ich natürlich einige Ideen habe, was unter Geo-Engineering zu verstehen ist, würde ich es gerne aus Ihrem Munde hören“, forderte Ruth.
„Ich musste zu dem Thema selber erst genauer im Internet recherchieren. Grundsätzlich gesagt will das Geo-Engineering mit Hilfe von Technik Einfluss auf geochemische Kreisläufe der Erde nehmen. Es sieht so aus, als würde der Begriff derzeit vor allem technische Maßnahmen zum Stoppen der globalen Klimaerwärmung bezeichnen. In dem Zusammenhang wird bisher hauptsächlich zwischen zwei großen Bereichen unterschieden. Das so genannte SRM – Solar Radiation Management – hat das Ziel, einfallende Sonnenstrahlung zu reflektieren, und das CDR – Carbon Dioxide Removal – soll Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre entfernen und zur Aufbewahrung in Kohlenstoffreservoirs überführen.“
„Und wie stellt sich da nun der Zusammenhang zu Ihrem Auftraggeber her?“, wollte Ruth folgerichtig wissen.
„Sie werden sehr schnell wissen, um wen es geht, wenn ich Ihnen sage, dass er zurzeit der weltweit größte private Investor für die Entwicklung und Umsetzung von Geoengineering-Technologie ist. Ich verrate Ihnen das nur, damit Sie mir nicht länger mit Ihren ständigen Einwänden in den Ohren liegen und damit Sie verstehen, was für eine große Tragweite dieser Auftrag hat. Es geht hier gewissermaßen auch ein bisschen um die Zukunft unserer Erde und nicht um so etwas Triviales, wie etwa den Seitensprung irgendeines alten, reichen Knackers für seine eifersüchtige Ehefrau aufzuklären.“
„Schön, und worin besteht nun Ihr Auftrag?“, gab sich seine vorlaute Haushälterin von seinem anklägerischen Ton unbeeindruckt.
„Ich weiß bisher lediglich, dass es um die Aufklärung einer Folge gravierender Sabotageakte gegen einige große Geoengineering-Projekte geht. Ich bin morgen Nachmittag auf das Sommeranwesen meines Auftraggebers eingeladen, um Näheres zu erfahren.“
Higgins’ Neugierde schien damit für einen Moment befriedigt zu sein. Doch kurz darauf wartete bereits die nächste Frage auf ihn.
„Ja, aber Sie haben doch bestimmt schon irgendeinen Anhaltspunkt, irgendeine klitzekleine erste Idee? Sie arbeiten doch mit Ihrer Intuition und brüten immer irgendetwas aus. In der Beziehung ähneln Sie dem berühmten Sherlock Holmes!“
Sie lachte und meinte dann zu Mary:
„Er will es nicht zugeben, Dr. Kelly, aber unser guter Morton hat ein kleines, ständig rotierendes Räderwerk in seinem Kopf, ein kleines Maschinchen, das niemals stille steht. Selbst wenn ihm einmal die Energie ausgehen sollte, gäbe es irgendwo immer noch ein geheimes Glukosedepot als Notaggregat. Es muss die typische Krankheit eines hoffnungslosen Intellektuellen sein!“
„Mein einziger Anhaltspunkt ist bisher ein kurzer Traum. Er endete damit, dass vorhin bei Dr. Kellys Eintreffen die Türklingel rasselte. Ich sah ein merkwürdiges Gebilde auf dem Meer, das nach der Logik der Zusammenhänge einen Bezug zu irgendeiner Geoengineering-Anlage haben muss.“
Da Ruth und Mary genau wussten, dass er nicht nur eine Gabe für höhere Intuitionen, sondern auch eine besondere Ader für das Unbewusste und Surreale besaß, erntete er für sein Bekenntnis kein Lachen.
„Hattest du nicht bei deinem letzten Fall von einer Insel auf Stelzen geträumt, die sich später als eine ehemalige Bohrinsel erwies?“, erinnerte Mary ihn an einen bedeutungsvollen und folgenreichen Traum-Zusammenhang.
„Ja, genauso war es. Der Traum führte mich direkt an den richtigen Ort und machte es möglich, drei Frauen aus der Gefangenschaft libyscher Schleuser zu befreien. Wie du weißt, handelte es sich um zwei junge nigerianische Mädchen und eine hochrangige UN-Mitarbeiterin.“
Er versank für einen Moment in Erinnerungen, was damit endete, dass er plötzlich ein Geständnis machte.
„Ich muss etwas beichten, Mary. Hinter meiner Bitte, mich zu besuchen, hat von Anfang an ein Plan gestanden. Mein Auftraggeber geht anscheinend davon aus, dass ich in meiner Detektei mehrere Mitarbeiter habe, und bat mich einen von ihnen zu unserem Treffen mitzubringen. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen, um ihm die bescheidenen Verhältnisse in meiner noch jungen Detektei nicht zu offenbaren. Und deshalb wirst du mir jetzt aushelfen müssen. Ich kann bei einem so schwerreichen Mann nicht mit einem Kerl wie Mickey King auftauchen. Das wäre wohl der sicherste Weg, innerhalb weniger Minuten einen Auftrag zu verlieren, der mir sehr interessant und viel versprechend zu sein scheint. Und Ruth kann ich nicht mitnehmen, weil sie viel zu ängstlich ist und sich nicht mehr in meine Fälle hineinziehen lassen will.“
Während Mrs. Higgins den kleinen Seitenhieb mit einer säuerlichen Miene verdaute, blieb Mary für einen Moment in widerstreitenden Gefühlen gefangen. Sie fühlte sich einerseits geschmeichelt und andererseits ein wenig zu direkt vor vollendete Tatsachen gestellt. Da es jedoch keine allzu große Sache zu sein schien, für einen Nachmittag in die Rolle von Mortons Detektiv-Kollegin zu schlüpfen, gab sie ihrem Herzen einen Schubs.
„Na schön, ich komme mit. Aber nur weil du meine Hilfe nötig hast. Auf Verbrecherjagd gehe ich für dich nicht, da höre ich auf Mrs. Higgins’ guten Rat! Wo soll es denn überhaupt hingehen?“
„Auf den Sommersitz meines Auftraggebers, der sich auf Block Island befindet. Das ist die kleine Insel, die östlich vor Long Island liegt und zu Rhode Island gehört. Wir haben es also nicht unendlich weit. Betrachte es einfach als einen Frühlingsausflug, auf dem sich die Gelegenheit für ein hübsches Strandpicknick ergibt.
Morgen Vormittag geht es los. Es wäre doch gelacht, wenn ich bei einer solchen Begleiterin nicht am Abend den Auftrag in der Tasche hätte!“
1
Der Weg hatte sie die Küste bis nach New London hinaufgeführt, wo sie ein Schnellboot nach Block Island bestiegen hatten. Sie hatten den Hafen von New Shoreham, dem kleinen Hautport der Insel, schnell hinter sich gelassen und waren mit dem Taxi zu den bekannten „Mohegan Bluffs“ an der Südküste aufgebrochen. Es handelte sich bei ihnen um bis zu 160 Yards hohe, teils schroffe und teils mit einer üppigen Busch- und Grasvegetation bewachsene Lehmfelsen, die eine wunderschöne Landschaft oberhalb des Strandes bildeten und alle Besucher der Insel anzogen. Die Eindrücke, die sie an diesem sonnigen Maitag unterwegs gesammelt hatten, hatten sie in eine unbeschwerte Urlaubsstimmung versetzt, die an dem sowohl steinigen als auch sandigen, an vielen Stellen wie unberührt wirkenden Naturstrand der Südküste seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, die bekannte, lange Holztreppe zu einem der viel besuchten Teile des Strandes hinunter zu steigen und ein Stück am Meer entlang zu wandern, um sich schließlich in einer Felsnische ungestört von anderen Spaziergängern niederzulassen und das versprochene Picknick zu machen.
Mos Spannung, seinen neuen Auftraggeber kennen zu lernen, wuchs mit jeder Minute weiter an, da alles, was er in der kurzen Zeit über den 75jährigen Ronan Odhram Donovan herausgefunden hatte, schon vor ihrer ersten Begegnung zu einer ungewöhnlichen Vorstellung von dessen Charakter geführt hatte. Seine Vita las sich wie ein Märchen, das jedoch erst ab dem Alter von 65 Jahren durch eine schwere Krankheit begonnen hatte eine positive Richtung zu nehmen. Die Diagnose einer schleichend fortschreitenden Lungenfibrose, durch die er mittlerweile von einem Sauerstoffgerät abhängig war, hatte eine so mächtige Zäsur in dem Leben des stets erfolgsverwöhnten, scheinbar über jede Schwäche erhabenen Geschäftsmannes dargestellt, dass sie die Grenze bedeutete, an der es sich in zwei große, gegensätzliche Hälften schied. Der Nachfahre armer irischer Einwanderer, der zunächst Karriere bei einer großen Bank gemacht und sich später durch gewagte Finanztransaktionen ein gigantisches Vermögen aufgebaut hatte, musste erst zu einem der wohlhabendsten Männer der Ostküste aufsteigen, um danach eine plötzliche Metamorphose zu durchlaufen und sich von einem skrupellosen, egoistischen Kapitalisten zu einem Wohltäter der Menschheit zu entwickeln.
Die Sonne brannte so warm vom wolkenlosen Himmel hinunter, dass in Mo und Mary ein großartiges Gefühl von Frühlingserwachen aufkam. Der salzige, nach Ferne riechende Duft der See, das Geräusch der sich tosend an ein paar Felsen brechenden Atlantikwellen und der Anblick der sich im kräftigen Seewind neigenden und in schmalen Streifen die Felsabhänge der Mohegan Bluffs herunterziehenden Grasfelder wirkten nach dem langen und dunklen, in der Stadt verbrachten Winter wie eine große, das Herz und die Sinne öffnende Befreiung auf sie. Es schien Bedeutung zu haben, dass sie diese Befreiung gerade jetzt zum Zeitpunkt ihres ersten längeren gemeinsamen Ausflugs erlebten; es gab Mo den Mut, für einen kurzen Moment nach Marys Hand zu greifen, als sie wieder die Bohlen der langen Holztreppe bestiegen, um zurück auf den erhaben über den Felsabhängen thronenden Rücken der Insel zu steigen.
Am Ende der Treppe wurden sie von einem grandios weiten Ausblick über die sonnenüberstrahlte See empfangen, der sie für einen Moment glauben ließ, im Südwesten die äußersten Zipfel des 15 Meilen entfernten Long Islands zu erkennen, obwohl es sich nur um eine sich blass gegen den Horizont abzeichnende Wolkenbank handelte. Dann bewunderten sie ein weiteres Mal das bekannte Southeast Lighthouse, das stillgelegte, aus rotem Backstein errichtete Leuchtturmgebäude, das direkt am Rand der Klippen lag und als Wahrzeichen der Mohegan Bluffs galt.
Je mehr sie auf ihrem weiteren Weg etwas von der sich ringsherum ausbreitenden, an vielen Stellen von bunten Frühlingsblüten besprenkelten, fast baumlosen Gras- und Strauchlandschaft in sich aufnahmen, desto mehr teilten sie stillschweigend das Gefühl, dass es sich bei der gesamten Insel um ein eigenständiges Lebewesen handelte, bei dem jeder kleinere Bestandteil eine spürbare Beziehung zum größeren Ganzen einging. Als Mary nach einer Weile plötzlich stehen blieb, brach sie eine unausgesprochene Regel, die sie bis zu diesem Moment so eisern eingehalten hatten, als wäre sie fest vereinbart: Sie hatten bisher kein Wort über Donovan und den Auftrag verloren, um nicht der kurzen, unbeschwerten Zeit am Strand ihren besonderen Reiz zu nehmen. Nun aber lief die Zeit unaufhaltsam ab und keiner von ihnen konnte den eigentlichen Grund ihres Ausflugs noch länger auf den zweiten Platz verweisen.
„Du sagtest, Donovan wäre ein großer Naturliebhaber. Ich verstehe sehr gut, warum er sich seinen Sommersitz ausgerechnet hier eingerichtet hat. Es dürfte nicht allzu viele Orte geben, die sich so nah an New York und dem dicht besiedelten Teil der Ostküste befinden und dabei einen so friedlichen, von der rauen Welt abgeschirmten Charakter haben“, meinte sie mit einem Anflug von Neid auf die glücklichen Inselbewohner, die sich eine der sündhaft teuren Immobilien auf Block Island leisten konnten.
Sie hatten mittlerweile eine Gegend hinter sich gelassen, in der luxuriöse, im Cottagestil erbaute Landhäuser inmitten äußerst großzügig bemessener, natürlich bewachsener Grundstücke lagen. Das relativ dünn besiedelte Inselland wirkte an manchen Stellen wie ein einziger, von der Natur selbst entworfener Park, in den wie zufällig ein paar stolze Häuser verstreut worden waren.
„Donovan besitzt eines der größten Grundstücke hier. Es liegt etwas abseits in einem unbesiedelten Inselgebiet. Wenn wir da vorne abbiegen, dürfte es nicht mehr weit sein“, erklärte Mo mit einer Geste zu einem vor ihnen abzweigenden Kiesweg, der von der geteerten Straße wegführte und sich in einer unberührten Landschaft verlor. „Er soll übrigens mehr als nur ein einfacher Naturliebhaber sein. Nachdem er sich aus seinen früheren Geschäften zurückgezogen hatte, entwickelte er einen sehr speziellen, naturverbundenen Lebensstil. Er verfolgt eine Art ganzheitlichen Ansatz, der alle persönlichen Lebensbereiche wie Ernährung, Kleidung, Architektur und so weiter umfasst. Angeblich ist er dabei auch durch alle möglichen esoterischen Philosophien inspiriert. Wenn man diversen Quellen glauben darf, übt die ländliche Lebeweise seiner irischen Vorfahren den größten Einfluss auf ihn aus. Sein privates Leben soll im krassen Gegensatz zu seiner Tätigkeit als Entwickler und Finanzier von hochmodernen Geoengineering-Anlagen stehen. Er selbst liebt das einfache, natürliche Leben, während er einen großen Teil seines Vermögens in hochkomplexe Zukunftstechnologie investiert. Er scheint seine Interessen auf besondere Weise zwischen der reinen Natur und der modernen Technik auszubalancieren.“
Er hatte damit etwas sehr Wesentliches über Donovan gesagt und konnte zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht ahnen, was unter „einfaches, natürliches Leben“ genau zu fassen war und wie weit und radikal Donovan einen ganz bestimmten Weg gegangen war. Obwohl es ein Weg war, auf dem es für Andere eine Vielzahl von äußerlich wahrnehmbaren Hinweisen auf eine ganz bestimmte Geisteshaltung gab, war es selbst für Donovans engste Vertraute kaum möglich, diese Haltung im Kern klar zu benennen. Sie musste sich für viele als das Mysterium eines Mannes erweisen, in dem die scheinbar unvereinbaren Züge eines progressiven amerikanischen Erfolgsmenschen, eines irischen, katholischen Traditionalisten und eines von allerlei esoterischen Ideen geprägten, modern-westlichen „Spirituellen“ die Türen zu einem seltenen und nur sehr schwer zu ergründenden Charakterspektrum aufgeschlossen hatten. Hätte man etwa versucht, dieses Spektrum durch Farben zu visualisieren, so hätte es vielleicht die Form eines bunt schillernden Gebildes aus sehr vielen verschiedenen, untrennbar ineinander übergehenden Farbtönen angenommen, die mit einer besonderen Energie auf irgendeine andere, höhere geistige Dimension verwiesen. Donovan war jemand, der ein ausgeprägtes geistiges Leben besaß, so viel war schon jetzt sicher, noch ohne auch nur ein persönliches Wort mit ihm gesprochen zu haben.
Sie waren erstaunt keinen Weg zu finden, der breit genug für einen Wagen gewesen wäre, und so blieb für sie der sich durch das prächtige Küstenbuschland schlängelnde Kiespfad der einzige Zugang zu dem Anwesen. Die offene, unbebaute Landschaft wurde erst in einigen hundert Yards Entfernung durch die stolzen Silhouetten außergewöhnlich großer, zum Teil historischer, im neu-englischen Kolonialstil errichteter Villengebäude begrenzt. Sie erreichten einen verwitterten Holzsprossenzaun, der sich ein Stück am Rand des Weges entlang zog und schützend ein kleines, blühendes Lavendelfeld umschloss. In dem Feld zirpten die Grillen und summten die Bienen und als sie kurz darauf in einen Hain aus geduckten Rotdornbäumen eintraten, sahen sie in dessen Wipfeln ein paar Silbermöwen sitzen, die bei ihrem Erscheinen ein lautes Geschrei anstimmten. Es klang wie ein Willkommensgruß aus einer anderen, mystischen Welt und war so laut, dass ihre Ankunft kaum noch unbemerkt geblieben sein konnte. Der Hain schloss in seinem Inneren eine Lichtung mit zwei kleinen Süßwassertümpeln und hohen Schilfgräsern ein, auf der einige Möwen- und Seevögelarten ein Brutgebiet hatten. Der Weg hielt den größtmöglichen Abstand zu den Vögeln und den Gewässern ein und mündete hinter einigen weiteren, knorrig gewachsenen Rotdornbäumen auf ein ansteigendes Grasland, auf dem eine Vielzahl von seltenen, in dem milden ozeanischen Klima prächtig gedeihenden Blumen und Pflanzen in Blüte stand.
Als sie eine kleine Anhöhe erreichten, trafen sie auf sieben wuchtige, im Kreis stehende Monolithen, die von Distel-, Farn- und Heidegewächsen wild umwuchert wurden und der gesamten Umgebung eine archaische und magische Stimmung verliehen. Dann wurden sie plötzlich durch ein lautes Geblöke aufgeschreckt, das von einer Gruppe dickfelliger, in einem Gatter grasender Schafe stammte.
Der Kiesweg verzweigte sich und nachdem sie das Monolithenfeld und das etwas abseits liegende, sich hinter ein paar Schwarzkirschbäumen versteckende Schafgatter hinter sich gelassen hatten, sahen sie am Ende einer großen, sich wellenförmig durch das Grasland schlängelnden Lorbeerhecke zum ersten Mal etwas, was wie ein Gebäude aussah. Es erwies sich als ein alter, halb verfallener Schuppen, der durch seine dicken, aus massiven Felsquadern bestehenden Mauern und sein Holzschindeldach einen historisch wirkenden Charakter besaß. Eine aus großen, unbehauenen Natursteinen lose zusammengefügte Mauer trennte hinter dem Schuppen den bewohnten Teil des Areals von dem freien Naturland ab. Sie gelangten durch ein schief in den Angeln hängendes Holztor auf einen Sandweg, der um eine hohe Buchenhecke herumführte und dahinter plötzlich einen unbeschränkten Blick auf das Hauptgebäude des Anwesens freigab.
Bei dem Anblick des länglichen, einstöckigen Steinquadergebäudes, das sich in unregelmäßigen und schiefen Formen einen von hohen Gräsern und Wildblumen überwucherten Hang hoch zog, blieben sie vor Erstaunen stehen und fühlten sich endgültig in eine andere Welt versetzt. Das Sommerdomizil des milliardenschweren Ronan Donovan sah wie das einfache Wohnhaus eines irischen Schafbauern aus und wirkte nur deshalb um einiges anspruchsvoller und moderner, weil hinter ihm eine große Solaranlage sowie eine mächtige Satellitenschüssel inmitten verwilderter Brombeersträucher aufragten. Es konnte keinen zweiten Ort wie diesen auf Block Island geben und fast meinten sie, sich nicht mehr auf dem Boden der USA, sondern auf dem eines autarken Natur- und Märchenlandes zu befinden, auf dem ganz eigene, ihnen unbekannte Gesetze galten.
Sie konnten förmlich spüren, wie von den sich hebenden und senkenden Konturen des mit schweren Schieferplatten gedeckten Daches und dem urigen Gemäuer mit seinen ungeformten, natürlichen Felssteinen und seinen zahlreichen länglichen Holzsprossenfenstern eine besondere, sich mit der umliegenden Natur verbindende Energie ausging. Sie hörten aus der Ferne das aufgeregte Bellen eines Hundes und nahmen es zum Signal, das letzte Stück des Weges zurückzulegen und durch den schmalen Spalt, den eine niedrige Rosenhecke offen ließ, den inneren Teil des Grundstückes zu betreten. Sie gingen durch einen großen Kräutergarten auf die offen stehende, zweiflügelige Eingangstür zu und wurden genau bei ihrem Erreichen von einer jungen, sportlich wirkenden Frau in Empfang genommen, die mit einem freundlichen Lächeln die Stufen einer breiten, ausgetretenen Steintreppe zu ihnen hinunter sprang.
Mo wusste sofort, dass es sich um die 30jährige Una Donovan handeln musste, Donovans einzige Tochter, deren Mutter seine zweite Ehefrau Susan war. Sie war diejenige, die im Auftrag ihres Vaters den Kontakt zu ihm hergestellt und ihn auf das Inselanwesen eingeladen hatte. Sie hatte ihre langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und steckte in einer einfachen, etwas schmutzig wirkenden, zerfransten Jeans, ein paar ausgetretenen Zehensandalen und einem naturfarbenen Wollpullover, der wie selbst gestrickt aussah. Eine lange Narbe, die sich durch ihre rechte Gesichtshälfte zog, schien ihr hübsches, jung und mädchenhaft wirkendes Gesicht nicht zu verunstalten, ja ihm sogar einen besonderen Reiz zu verleihen. Mo wusste durch seine Internetrecherchen, dass sie zu gefährlichen Sportarten und Abenteuern neigte und sich die Narbe bei einem Skiunfall in den Rocky Mountains zugezogen hatte.
Una musterte amüsiert die korrekte Kleidung der beiden Besucher, die bei Mary aus einem Blazer und bei Mo aus einem Sakko bestand, und lud sie unter ein paar kurzen Begrüßungsfloskeln ein, ihr auf eine Terrasse zu folgen. Diese befand sich linkerhand vor dem Haus, war mit schroffen, teilweise zersprungenen Schieferplatten ausgelegt und wurde von einem Holzspalier umschlossen, um das sich verschiedene wilde Rosengewächse rankten.
„Dr. Kelly und Dr. Morris also… Mein Vater erwartet Sie bereits und wird gleich kommen. Dass inzwischen bereits die Detektive Doktorentitel tragen, ist ja fast schon ein wenig lächerlich und zeigt, in was für einer überkandidelten Welt wir leben. Ich habe das College mit 25 Jahren geschmissen und meinen eigenen Internetblog aufgemacht. Ich halte nicht viel von Wissenschaft. Es sieht so aus, als könnte man durch sie alles erklären und erlangen und trotzdem hat der ach so kluge und gebildete Mensch die Erde an den Rand des Abgrunds gebracht. Mit nur ein bisschen mehr gesundem Menschenverstand würde vieles sehr viel besser laufen!“, ließ sie auf den wenigen Schritten zu der Terrasse bereits sehr viel von ihrer Einstellung und ihrem etwas rebellischen Charakter durchblicken. Sie hatte sich offenbar bewusst entschieden, jung zu bleiben und sich auch jenseits der 30 gegen die Erwachsenenwelt aufzulehnen, wie es auch ihre legere Kleidung bewies.
„Obwohl ich erst den Umweg über die akademische Kriminologie machen musste, um zum freien Detektiv zu werden, habe ich dies nie bereut. Die Erfahrungen, die wir auf unserem Lebensweg sammeln, haben alle ihren Sinn und Zweck und machen uns zu genau denen, die wir sind“, verteidigte Mo etwas beleidigt seinen Doktortitel, da der provokante Ton der jungen Rebellin zunächst etwas gewöhnungsbedürftig wirkte.
Nachdem sie auf einfachen, lehnenlosen Hockern an einem großen, runden Holztisch Platz genommen hatten, zerstreute Mary die latente Spannung, die zwischen Una und Mo aufgekommen war, indem sie meinte:
„Wenn Sie wissen, wer wir sind, wissen Sie ja auch, warum wir hier sind. Dann kann ich Ihnen auch gleich eine erste Frage stellen. Sie schreiben in Ihrem Blog über ökologische Themen, Miss Donovan, nicht wahr? Sie müssen entschuldigen, aber wir hatten in den zwei Tagen seit dem ersten Kontakt nicht viel Zeit, gründlich über Sie und Ihre Familie zu recherchieren.“
„Genauso ist es, Mrs. Kelly. Es stört sie doch nicht, wenn ich ihren Titel einfach mal unter den Tisch fallen lasse?“, hielt Una noch für einen Moment an ihrem frech-provokanten Tonfall fest, um dann plötzlich mit reinster Freundlichkeit zu fragen: „Möchten Sie eine Tasse Tee? Ich habe ihn extra für Sie vorbereitet. Seine Kräuter kommen direkt hier aus unserem Garten. Er wird sie nach der Reise hierher stärken. Die Fahrt von New York zieht sich ja mit der Fährüberfahrt schnell auf über 5 Stunden hin. Mein Vater wird gleich hier sein, er ist irgendwo draußen auf dem Gelände, um ein paar neu gepflanzte Bäume zu wässern.“
Sie schenkte den Tee aus einer bereit stehenden, bunten Keramikkanne in drei urige, scheinbar selbst getöpferte Tonbecher ein. Dann fuhr sie fort und zeigte sich schon gleich zu Beginn ungewöhnlich mitteilungsbereit.
„Da die Beiträge von mir und meinen Mitarbeitern mittlerweile millionenfach angeklickt werden, werde ich ständig auf meinen Internetblog angesprochen. Es fing alles vor fünf Jahren an und es ist sehr erstaunlich, was sich inzwischen daraus entwickelt hat.
Sie haben ja sicher von den größten und bekanntesten Geoengineering-Projekten meines Vaters gehört. Wie bei allen Projekten von Donovan EAW sind immer auch einige unserer Leute dafür zuständig, direkt vor Ort Beiträge für unseren internationalen, mehrsprachigen Internetblog zu verfassen. Auf diese Weise ist über die Jahre ein beachtlicher Pool von Text- und Bildmaterial entstanden, der dazu beitragen soll, das ökologische Bewusstsein der Menschen weltweit zu schärfen. Ich verfasse selber Artikel, aber meine Hauptaufgabe besteht darin, einen Teil der Texte zu lektorieren sowie ihre Themen und ihre Veröffentlichung zu koordinieren.“
„Damit haben Sie sich ein äußerst beachtliches Aufgabenfeld geschaffen, Miss Donovan!“, lobte Mo sie überschwänglich, um sie nach der kurzen Dissonanz etwas mehr für sich einzunehmen. „Wenn ich Ihren Namen in die Suchmaschine eingebe, werde ich erschlagen!“
„Sie sind ja auch nicht ganz ohne, Mr. Morris. Auch wir informieren uns. Ihre letzten beiden Fälle haben Sie recht bekannt gemacht, weshalb ich mich ausnahmsweise bemühen will, nett zu Ihnen zu sein. Stören Sie sich bitte nicht an meinem etwas frechen Mundwerk. Da ich gehört habe, dass Sie ein eher unangepasster Zeitgenosse sein sollen, werden Sie damit sicher umgehen können, oder nicht?“
Das gelöste Lachen, das daraufhin durch die kleine Dreier-Runde ging, schien den Grundstein für eine verlässliche, gegenseitige Sympathie gelegt zu haben. Mo verweilte nicht lange auf der kleinen Insel der Harmonie und nahm – wie so oft – die Rolle des von detektivischer Neugier getriebenen Fragestellers ein.
„Stimmt es, dass Sie Ihren Vater vor 15 Jahren als Jugendliche zu dem Firmennamen Donovan EAW inspiriert haben - Donovan Earth, Air, Water?“
„Das ist korrekt. Der Name soll die Bewahrung der Erde, der Luft und des Wassers symbolisieren, und damit quasi die des gesamten Planeten.
Wie ich hörte, sind Sie von Haus aus Psychologe, Mr. Morris. Dann können Sie vielleicht nachvollziehen, dass ich als jüngstes Kind und einzige Tochter ein besonderes Verhältnis zu meinem Vater habe. Meine beiden älteren Brüder, deren Mutter Ronans erste, verstorbene Ehefrau Lara ist, sind ganz anders als ich. Ich meine, sie sind natürlich ganz prächtige Kerle, aber man trifft sie meist nur in Schlips und Krawatte an. Sie leben als Manager in New York, wo sie die Finanzen meines Vaters kontrollieren. Die Investmentgesellschaft Donovan Global existiert auf dem Papier noch immer, auch wenn sie ihre früheren Aktivitäten eingestellt hat. Fast alle Gelder sind mittlerweile in Investmentfonds geflossen, die in Geschäftsfelder mit nachhaltigem und ökologischem Charakter investieren. Einige dieser Fonds hat mein Vater selber aufgelegt.“
„Klingt ja so, als ließe sich auch mit Ökologie viel Geld verdienen. Wie ich allerdings hörte, soll es mit den Finanzen von Donovan EAW und Donovan Global nicht zum Allerbesten stehen. Ist da etwas Wahres dran? Entschuldigen Sie, dass ich so etwas nach kaum fünf Minuten fragen muss, Miss Donovan, aber wir befinden uns mitten in einem ersten, wichtigen Gespräch, das mich zu einem neuen Fall hinführen soll.“
„Von mir aus dürfen Sie mir Fragen stellen, bis Ihnen Ihre Zunge fusselig wird, solange Sie mich nur Una nennen. Das kleine, brave, unverheiratete Mäuschen Miss Donovan, das es gar nicht erwarten kann, sich endlich in die schützenden Arme eines Ehemanns zu werfen, existiert für mich nämlich nicht. Meine Abneigung gegen Titel erklärt sich übrigens auch daraus, dass ich grundsätzlich nichts von Förmlichkeiten halte. Wenn ich nicht gerade hier auf Block Island oder auf dem Hauptwohnsitz meines Vaters in Conneticut bin, arbeite ich mit einem jungen Team in einem einfachen Loft in Brooklyn. Wir sind wie eine große Familie und kennen unseren eigenen Nachnamen schon gar nicht mehr!“
Als sie bemerkte, wie sehr sie vom Thema abgekommen war, schenkte sie sich einen Tee ein und kam auf die eigentliche Frage zurück. Für Mo und Mary war schon jetzt sehr klar, dass in ihrem Wesen nicht nur etwas Mitteilungsfreudiges, sondern auch etwas Sprunghaftes und leicht Unkonzentriertes lag.
„Was unsere finanzielle Situation betrifft, kann man immerhin Licht am Ende des Tunnels sehen. Im Moment verschlingen unsere Experimente und Innovationen zwar noch enorm viel Kapital, ohne dass es uns viel einbringt. Aber wir leben in einer Zeit, in der das allgemeine Umweltbewusstsein zunimmt. Je mehr die Problematik der Umweltzerstörung und des Klimawandels die Öffentlichkeit bewegt, desto mehr können wir mit den Fördergeldern von Sponsoren und Regierungen der ganzen Welt rechnen. Ich glaube sogar, wir werden eines Tages gigantische Gewinne einfahren, weil wir uns rückblickend als die Avantgarde eines der wichtigsten und zukunftsträchtigsten Wirtschaftszweige der Welt erwiesen haben! Aber das Geld ist mir nur wichtig, insofern es unseren Zielen dient. Ein hohles Luxusleben ist meine Sache nicht.“
„Es entspricht wohl dem Grundprinzip unserer westlichen, kapitalistischen Wirtschaftsordnung, dass das, was der Staat und Öffentlichkeit nur fordert, aber nicht selbst vollbringt, von ambitionierten und risikofreudigen Pionieren vorangetrieben werden muss“, bestärkte Mo ihren Optimismus voller Freundlichkeit.
Una nahm das Kompliment mit einem geschmeichelten Lächeln auf und hatte auf einmal eine kleine Warnung auszusprechen:
„Eines möchte ich Ihnen noch sagen, bevor gleich mein Vater erscheint. Er ist alles andere als ein einfacher Mensch. Für die Einen ist er nur ein Exzentriker und Spinner, der sein Geld für verrückte Projekte zum Fenster hinauswirft, doch für die Anderen ist er nicht weniger als ein Guru, der einige Bedeutung für das Anbrechen eines neuen Zeitalters hat. Ich erwarte von Ihnen nicht, dass Sie sich in das Lager seiner Verehrer schlagen, sondern nur, dass Sie etwas Nachsicht für einige Eigenheiten in seinem Charakter und Verhalten aufbringen.
Er lädt übrigens selten Fremde hierher ein, weil dieser Ort sehr privat für uns ist. Wenn er bei Ihnen eine Ausnahme macht, beweist das vor allem, wie wichtig ihm sein Auftrag an Sie ist.“
-
Sie hatten einige Zeit auf Donovan warten müssen und währenddessen von Una einige weitere interessante Dinge erfahren. Irgendwann sprang plötzlich ein Hund durch die Rosenhecke in den Kräutergarten, stob auf sie zu und tänzelte aufgeregt um dem Tisch herum. Er erwies sich als ein hübscher, blutjunger Irish Terrier, dessen Lebhaftigkeit, Neugierde und Verspieltheit Mo sofort gefiel und ihn an seinen eigenen Hund Dr. Watson erinnerte.
Bald darauf erschien eine stattliche Gestalt, die in ein paar groben Lederstiefeln, einer grauen, schmutzigen Jeans sowie einem halb offenen, naturfarbenen Leinenhemd steckte und auf den ersten Blick wie ein Bauer oder Holzfäller wirkte. Bei ihrem Näherkommen zeigte sich, dass ihr kerniges, von Falten durchzogenes und von einer breiten Boxernase dominiertes Gesicht zu einem ausgeprägten Charakterkopf mit dichten, schlohweißen Haaren gehörte, der sich auf den ersten Blick keiner eindeutigen Wesensrichtung zuordnen ließ. Ronan Donovan schien – so wie es wohl seiner Absicht und seinem Lebensstil entsprach - mehrere Persönlichkeiten in sich zu vereinigen, von denen er an diesem Tag offenbar die eines gemütlichen, unscheinbar wirkenden alten Mannes gewählt hatte, der in Begleitung seines Hundes zufrieden seine Runden über seinen Grund und Boden drehte. Lediglich eine teure Sonnenbrille, die er sich auf den Kopf hochgeschoben hatte, und eine spezielle, um seine rechte Schulter geschnallte Tasche, aus der der Schlauch einer kleinen Sauerstoffflasche hing, deuteten darauf hin, dass an ihm nicht alles so bodenständig und einfach war, wie es zunächst den Anschein hatte.
Seine Lungenfibrose zwang ihn, ein paar Mal zur Stärkung Sauerstoff aus dem Schlauch der Flasche zu inhalieren, bevor er auf sie zutrat, ein breites Lächeln auflegte und mit ein paar launigen Begrüßungsworten willkommen hieß. Dabei war nicht klar, ob die leichte Überschwänglichkeit, die sofort an ihm zu bemerken war, ein fester Bestandteil seines Charakters war oder der aufputschenden Wirkung des reinen Sauerstoffes zuzuschreiben war.
„Aha, da sind sie ja, die beiden Detektive aus Rutherford. Pünktlich und korrekt gekleidet, wie es sich gehört! Ich hoffe, Sie finden es nicht närrisch, dass ein alter, reicher Sack wie ich sein Herz so sehr an ein einfaches Stück Land mit ein paar Pflanzen und Tieren hängt. Manchmal denke ich, Block Island wäre die ideale Arche Noah. Man könnte auf der Insel eine Auswahl von Tieren und Pflanzen versammeln, damit sie den nächsten Weltuntergang überlebt. Ich fürchte nur, die rund 9700 Quadratmeilen der Insel wären fast zu klein dafür.
Na, kommen Sie, kommen Sie, ich werde Ihnen mal ein bisschen was zeigen, wenn Sie schon extra hier heraus gekommen sind! Sie haben sich hoffentlich etwas Zeit in Ihr Reisegepäck gesteckt!“
Die auffordernden Bewegungen seiner rechten Hand wirkten so energetisch wie ein starker Magnet und ließen Mo und Mary sofort aufspringen. Damit war schon jetzt klar, was für eine dominante und einnehmende Persönlichkeit Donovan besaß.
Mary, Mo und Una folgten ihm aus dem Garten auf einen schmalen, ausgetretenen Pfad, der durch ein hoch gewachsenes Gras- und Staudenfeld führte. Sie durchquerten einen Hain aus kleinen, frisch gepflanzten Gelbkiefern und hatten danach ein etwa 6 Yards hohes Türmchen aus lose aufgeschichteten Felssteinen vor sich. Sie betraten es durch eine türlose, gerundete Maueröffnung und stiegen eine eng gewundene Steintreppe zu einer kleinen Aussichtsplattform hinauf. Donovan schnaufte vor Anstrengung, steckte sich gierig saugend den Schlauch des Sauerstoffgerätes in den Mund und beruhigte danach seinen jungen, ihm stets auf den Fuß folgenden Terrier. Dann wies er mit einer theatralischen Handbewegung über die plötzlich weithin sichtbar gewordene Insellandschaft bis auf die in der Sonne glitzernde, in der Ferne mit dem Horizont in einem dunstigen Blau verschmelzende See hinaus.
„Ich möchte Ihnen ein bisschen etwas von der Energie vermitteln, die mich dazu bewegt, internationale Naturschutz- und Geoengineering-Projekte durchzuführen. Ich bin sicher, wenn Sie auch nur annähernd etwas von meiner Liebe zur Natur verstehen, werden Sie voller Begeisterung eine hervorragende Arbeit für mich leisten!
Sehen Sie nur, wie sich in diesem Bild aus Erde, Himmel, See und Licht alles so wunderbar ineinander fügt, als wollte es uns jede Minute und Sekunde etwas von der ewigen Schöpferenergie des Universums vermitteln! Diese Energie war von Anfang an da und wird für immer da sein. Sie ist ewig und göttlich und unzerstörbar. An diesem Ort muss man nur aufstehen und hinsehen und schon liegt etwas von dieser Energie wie ein anschauliches Bild vor einem!“
Donovans schwelgerischer Enthusiasmus war seiner Tochter etwas peinlich, weshalb sie glaubte, den beiden erstaunten Besuchern aus der Stadt leise erklären zu müssen:
„Die begeisterte Art meines Vaters kann manchmal etwas ungewöhnlich wirken. Sie müssen wissen, dass das auch ein wenig mit dem reinen Sauerstoff aus der Flasche zusammenhängt…“
Ihr Vater hatte alles gehört und schien derartige Bemerkungen gewohnt zu sein, da er in keiner Weise ärgerlich reagierte und unbeirrt an seiner pathetischen Art festhielt.
„Sehen Sie, ich war jahrzehntelang ein Mann, der nur das Geld und seine Vermehrung kannte. Viele wissen nicht, dass es nicht allein die Diagnose meiner Krankheit war, die einen tief greifenden Transformationsprozess in mir auslöste. Ich hatte nämlich ein fulminantes Gotteserlebnis, das alles in mir auf den Kopf stellte. Ich werde Ihnen die Einzelheiten jetzt ersparen, wichtig ist nur Folgendes: Seitdem wirkt das Licht in mir und alles, was mir das Licht gibt und sagt, bewegt mich dazu, alles herzlich umfangen, lieben und schützen zu wollen. Der Gott, dem ich folge, hat weniger mit der Religion als mit der alles umfassenden Liebe zu tun. Er hat mir die Aufgabe gegeben, den Reichtum, den ich früher zusammengerafft habe, zum Wohl der Erde und der Menschen einzusetzen. Ich werde diesem Auftrag bis an mein Lebensende folgen und hoffe, dass ihn danach meine Tochter weiterführt.
So, und nun lade ich Sie ein, mich zurück zum Haus zu begleiten, damit wir das Geschäftliche besprechen können!“
Er sog wie zur Besiegelung seiner Aufforderung ein paar Mal an dem Sauerstoffschlauch und schickte sich dann an, die kleine Aussichtsplattform wieder zu verlassen. Mo und Mary ließen seine hoch gestochenen Worte noch einen Moment auf sich wirken und bestaunten dabei eine kleine Gruppe junger Ponys, die friedlich auf einer wilden Wiese graste. Dann folgten sie Una die Treppe des Aussichtstürmchens hinunter.
Da Donovan sie einen anderen Weg zum Haus zurückführte, kamen sie an einem Geröllhaufen vorbei, den sie vorher nicht gesehen hatten und auf dem ein großes, verwittertes Holzkreuz mit der Aufschrift „Tully Cross“ stand.
„Tully Cross bedeutet so viel wie das Kreuz auf dem Berg“, erläuterte Donovan dazu. „So heißt das kleine Dörfchen an der westirischen Küste, von dem einst mein Vater aufbrach, um in der neuen Welt sein Glück zu machen. Ihm ist es leider nie wirklich gelungen, dafür mir umso mehr. Sie sehen also, dass mir meine Wurzeln wichtig sind.“
Er wollte bereits weitergehen, drehte sich dann aber um und meinte zu Mary:
„Ihr Name Kelly weist auf irische Vorfahren hin, während es bei Dr. Morris wohl englische sein müssen.“
Als Mary daraufhin einiges über ihre Herkunft und ihre irischen, in die USA ausgewanderten Großeltern zu erzählen begann, trat Donovan irgendwann auf sie zu und packte sie einfach mit seiner großen, kräftigen Pranke am Kinn. Er drehte ein paar Mal ihr Gesicht hin und her und begutachtete mit Kennerblick ihre helle Haut, ihre spitze, zarte Nase und ein paar feine, kaum zu sehende Sommersprossen auf ihren Wangen. Dann meinte er:
„Sie tragen einen Rotstich in ihren brünetten Haaren, durch den sie für mich schon fast eine waschechte Irin sind. Dann können Sie sicher auch etwas von der Sehnsucht verstehen, die alle Iren in ihren Genen tragen. Es ist die, sich auf eine fruchtbare grüne Insel zurückzuziehen, auf der nicht allzu viele Menschen leben und auf der man seine Ruhe hat. Genau wie ich es hier auf Block Island getan habe.
Sie und Dr. Morris dürfen sich freuen, dass Ihr Auftrag Sie in die Nähe der Heimat Ihrer Vorfahren führen wird. Ich werde Sie nämlich nach England, beziehungsweise vor die Küste Englands, schicken. Näheres dazu erfahren Sie gleich.“
Noch bevor Mary über das ihr zugedachte Reiseziel protestieren konnte, hatte Donovan sich schon wieder umgedreht und seinen Marsch Richtung Haus fortgesetzt. Die Art, wie er ihr Gesicht gefasst hatte, hatte allgemeine Verhaltensregeln verletzt, doch Mary, Mo und Una zerstreuten das Gefühl leichter Peinlichkeit durch Gelächter. Una hatte sie über einige Eigenheiten ihres Vaters vorgewarnt und so konnten sie ihm nichts übel nehmen.
Sie gelangten von einem Graspfad auf einen Sandweg und sahen in einiger Entfernung ein kleines Steinhaus im irischen Cottagestil, in dem – wie Una erklärte - die Familie des für die Pflege und die Sicherheit des Grundstückes zuständigen Angestellten lebte. Bald darauf erreichten sie das Haupthaus von der hinteren Seite, betraten den Kräutergarten durch ein kleines Holztürchen und wurden von Donovan hinein gebeten. Als sie eine dunkle, mit dicken Steinplatten ausgelegte Diele betraten, drang von allen Seiten ein intensiver Pflanzenduft auf sie ein. Er stammte von den Kräutern, die Una auf einem schmalen und langen Holztisch zum Trocknen ausgelegt hatte und dem Haus direkt bei seinem Betreten eine besondere Note gaben. Eine zweiflügelige Holzkassettentür mit aufwändig geschnitzten floralen Ornamenten ließ sie direkt in den Hauptraum gelangen, der sich ohne Zwischenwände durch das gesamte Erdgeschoss zog und nur durch ein paar dicke, tragende Balken strukturiert wurde. Der Boden war mit breiten und groben Holzdielen ausgelegt und die unverputzten, von länglichen Holzsprossenfenstern durchzogenen Felssteinwände wurden hier und da von Sideboards gesäumt, die durch ihre schlichten, zeitlosen Formen und ihre aufwändig furnierten Oberflächen an den Art-Deco-Stil erinnerten. Zwischen Ihnen befanden sich massive Holzbänke, die durch ihre mit Schaffellen bespannten Lehnen fast so wirkten, als wollten sie imaginären mittelalterlichen Fürsten oder Kelten-Oberhäuptern Platz bieten. Ein großer, an der Wand hängender indianischer Federschmuck war womöglich eine Anspielung darauf, dass Block Island ursprünglich von Indianern besiedelt gewesen war.
Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der eklektische Stil, der Elemente verschiedener Epochen in Form von Andeutungen zu einem einzigartigen, kaum definierbaren Ganzen zusammenfügte, einer genau durchdachten Absicht entsprungen war. Als Mo und Mary klar wurde, dass ein Haufen von Schafsfellen, der am Ende des Raumes vor einem großen, aus Felssteinen gemauerten Kamin am Boden lag, Donovans Schlafplatz darstellte, hatten sie endgültig kapiert, wie sehr er sich an diesem Ort in eine eigenwillige Parallelwirklichkeit jenseits des modernen Amerikas zurückgezogen hatte.
Sie bekamen kaum Gelegenheit, sich genauer in dem Raum umzusehen, da Donovan trotz seines unverkennbaren Hangs zum Ungewöhnlichen offenbar einem geordneten Zeit- und Tagesplan folgte.
„Kommen Sie, Dr. Morris und Dr. Kelly. Da ich später noch an einer Videokonferenz mit einigen meiner Leute in England teilnehmen muss, möchte ich Sie bitten, mich in mein Arbeitszimmer ins Obergeschoss zu begleiten.“
„Nennen Sie mich Morton bitte. Ich habe nämlich das Gefühl, dass unsere heutige Begegnung der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit sein wird…“, entgegnete Mo mit einem tiefgründigen Lächeln, so als läge seiner Bitte irgendeine besondere Ahnung zugrunde.
„Von einem solchen Gefühl lasse ich mich gerne leiten. Ich hoffe, es wird sich bewahrheiten. Da bei Donovan EAW grundsätzlich ein lockerer Umgangston herrscht, können Sie beide Ronan zu mir sagen. Wir sind ja schließlich alle nur Menschen und die Förmlichkeiten, wie sie heute noch Geltung haben, können eigentlich nur Adelige und arrogante Snobs erfunden haben.“
Donovan schickte seinen Terrier, den er „Cyrus“ nannte, in den Garten und begab sich zu einer offen im Raum liegenden Treppe, die mit jedem seiner Schritte unter seinem schweren Körper so ächzte und knarrte, als wäre sie viele hundert Jahre alt. Auf einem Absatz drehte er sich um und erklärte:
„Una wird an unserem Gespräch teilnehmen. Sie muss in die Aufgabe hineinwachsen, mir einiges abzunehmen. Sie wird eines Tages die Führung von Donovan EAW übernehmen, wozu Ihre Brüder meiner Meinung nach nicht fähig sind. Die Beiden werden wohl noch viele Jahre dem Mammon die Stiefel lecken müssen, bevor sie vielleicht eines Tages aufwachen und ihr höheres Selbst entdecken.“
Er lachte und stapfte den Rest der Treppe ins Obergeschoss hinauf. Es war im Gegensatz zum Erdgeschoss in Räume eingeteilt und besaß in seiner Mitte einen langen, schmalen Gang, dessen Wände aus gemauerten Felssteinen und den tragenden Balken der schweren Dachkonstruktion bestanden. Er zog sich über die gesamte, fast 50 Yards betragende Länge des Hauses hin und besaß in unregelmäßigen Abständen kleine Holzkassettentüren, die in diverse Dachkammern führten. Lediglich Donovans Büro besaß eine breite, Licht spendende Milchglastür, durch die sie in eine riesigen, bis zum Firstbalken nach oben offenen Raum gelangten, der sich in einer länglichen Grundfläche an der Dachneigung entlang zog. Er verfügte über eine ungewöhnlich breite, gerundete Gaube, durch deren Sprossenfenster die Solaranlage und die große Satellitenschüssel zwischen den wilden Brombeersträuchern des Gartens zu sehen waren.
Mo und Mary fielen sofort die Skizzen und Abbildungen technischer Anlagen und Gebilde ins Auge, die so zahlreich und chaotisch an die geneigte, holzverkleidete Dachunterseite geheftet waren, als hätte in dem Raum Tag und Nacht ein emsiger Erfinder sein Werk getan. Große Teile der innen liegenden Wände waren von hohen Holzregalen bedeckt, die bis in den letzten Winkel mit Buchbänden voll gestopft waren; dazu passend waren auf der Sitzfläche einer großen Couch hohe Stapel diverser wissenschaftlicher, halbwissenschaftlicher und esoterischer Zeitschriften zu sehen. Donovan, der nie das College besucht hatte, war allem Anschein nach nicht nur ein gute Zeichner, sondern auch ein fleißiger und wissbegieriger Autodidakt, der seine Fühler in viele verschiedene Richtungen ausstreckte. Er leitete den entscheidenden Teil ihres Gespräches mit einer seiner scheinbar typischen pathetischen Anwandlungen ein, indem er sich in der Mitte des Raumes aufstellte, einmal rundherum mit ausgestreckter Hand um sich wies und meinte:
„Normalerweise lasse ich hier niemanden außer Una und meiner Frau Susan hinein und wenn ich bei Ihnen eine Ausnahme mache, hat das natürlich seinen guten Grund.
Ich wurde nämlich ins Herz getroffen, jawohl mitten ins Herz, und es wird Ihre Aufgabe sein, diese schwere Verwundung zu lindern und zu heilen!“
Er begab sich zu einem sehr langen Schreib- und Zeichentisch, der direkt unter den Fenstern der Gaube auf einer Vielzahl von Holzböcken stand, tippte auf einem bereitstehenden Laptop herum, woraufhin auf einem großen, über dem Tisch hängenden LCD-Screen das Foto einer besonderen technischen Anlage erschien. Es handelte sich um eine gestochen scharfe Satellitenaufnahme von „Aqua City“, einer großen, aus mehreren schwimmenden, künstlichen Inseln zusammengefügten Forschungsanlage, die als Donovans derzeitiges Top-Projekt galt. Es sollte den sowohl ideellen also auch finanziellen Durchbruch bringen, um in Zukunft mit den Geldern von Regierungen und privaten Spendern im großen Stil Anti-CO2-Anlagen in der gesamten Welt zu bauen und so die Erderwärmung durch Geoengineering gezielt zu bremsen.
Der Anblick von „Aqua City“ mit seinen kreisrunden, durch Stege verbundenen Inseln und seinen wie kleine Schlote in den Himmel ragenden „Rüsseln“ erstaunte Mo aus ganz bestimmten Gründen nicht sehr. Durch seine zuletzt durchgeführten Recherchen über Donovan hatte er nämlich die Ähnlichkeit Aqua Citys zu dem Traumbild, aus dem er tags zuvor in seinem Arbeitszimmer durch die feuchte Zunge seines Hundes Dr. Watson aufgeweckt worden war, sehr schnell festgestellt. Der hauptsächliche Unterschied zu dem Traumgebilde bestand darin, dass das Zentrum von Aqua City aus einer großen schwimmenden Plattform mit einem mehrstöckigen Aufbau bestand, in dem Forschungslabore und Unterkünfte untergebracht waren. Um diese zentrale Plattform herum waren wie Blätter um eine Blüte in zwei kreisförmigen Ringen weitere Schwimminseln angebracht.
Während Mo und Mary näher an den Bildschirm traten, begann Donovan zu erklären:
„Sie werden bereits einiges über Aqua City gehört haben. Zurzeit hat die Insel unweit von London und der Themsemündung wenige Meilen vor der englischen Küste festgemacht. Bevor ich auf den springenden Punkt komme und Ihnen verrate, was mich so tief getroffen hat, möchte ich Ihnen die wesentlichsten Hintergründe des Projekts erläutern.
Aber Eines noch vorweg: Ich bin natürlich überzeugt, dass es das Beste wäre, die Abholzung der Regenwälder sofort zu stoppen und die gesamte Erde radikal aufzuforsten, um die Bäume und alle sonstigen Pflanzen als natürliche CO2-Umwandler und Sauerstoffproduzenten für uns arbeiten zu lassen. Da es aber keine Anzeichen dafür gibt, dass dies schnell genug und in ausreichendem Maß geschehen könnte, sind wir gezwungen zusätzlich nach technischen Mitteln zu suchen, um ausreichend Zeit für natürliche und nachhaltige Lösungen zu gewinnen.
Die Zeit rennt. Sie wissen, der Erderwärmungsprozess beschleunigt sich unter anderem durch das zusätzliche CO2, das aus den sich erwärmenden Ozeanen aufsteigt, oder etwa durch das Methan, das durch die auftauenden Permafrostböden frei wird. Wir befinden uns mitten in einem gigantischen Klimaveränderungsprozess, der auf die alleinige Reduktion des von Menschen Gemachten CO2 so reagieren wird, wie ein Wassertropfen, der auf einen heißen Felsblock fällt.
Wenn wir also eine steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre wirklich als eine ernsthafte Bedrohung für das Leben auf Erden erkennen wollen, dann müssen wir logischerweise nicht nur auf Vermeidung, sondern auch auf die Umwandlung von CO2 setzen. Es wird kaum möglich sein, das Problem auf andere Weise ernsthaft anzugehen.
Ich persönlich zweifle übrigens etwas daran, dass unsere heutigen Klimaphänomene allein vom Menschen hervorgerufen worden sind. Ich glaube vielmehr an einen natürlichen, zyklischen Erwärmungsprozess, der durch das von Menschen verursachte CO2 sowie die allgemeine Umweltzerstörung verstärkt wird. Es gibt nämlich Belege dafür, dass auch die Temperaturen auf anderen Planeten unseres Sonnensystems in einem großen, weit gefassten Zeitrahmen zyklisch steigen und fallen. Hier wirken kosmische Zusammenhänge, die über die alleinige Beobachtung der Natur unserer Erde weit hinausgehen und zu komplex für die öffentliche Diskussion sind.
Sie wissen, die Politik und die Öffentlichkeit brauchen einfache Parolen und Erklärungen, die niemanden überfordern und die Massen auf eine bestimmte Linie einschwören. Insofern äußere ich auch nur im vertraulichen Rahmen, was ich gerade gesagt habe.“
Als sich Donovan hier unterbrach, beeilte sich seine Tochter einzuwerfen:
„Was mein Vater damit sagen will, ist, dass das Erdklima zu komplex für vereinfachte Diskussionen ist, die abweichende Denkweisen nicht zulassen. Außerdem sollte man grundsätzlich zwischen denjenigen Kräften unterscheiden, die ernsthaft an der Bewahrung unserer Natur und Schöpfung interessiert sind, und denen, die das Klimaproblem als ein willkommenes Vehikel für die Durchsetzung bestimmter politischer Interessen sehen.
Wir wollen das hier nicht weiter diskutieren, weil unser derzeitiges Problem in eine ganz andere Richtung geht. Ich überlasse es meinem Vater, es Ihnen zu erläutern.“
„Das werde ich gleich tun. Aber zuvor möchte ich noch etwas Wesentliches über Aqua City sagen“, zog Donovan wieder das Wort an sich. Nachdem er ein paar Mal Sauerstoff inhaliert und sich ächzend auf einen gepolsterten, vor dem Schreibtisch stehenden Bürostuhl fallen gelassen hatte, fuhr er fort:
„Man muss Aqua City vor allem als ein Versuchsprojekt betrachten, mit dem wir erst noch erforschen wollen, inwieweit Geo-Engineering überhaupt sicher, sinnvoll und möglich ist. Es existieren noch viel zu wenige Erfahrungswerte hierfür. Zum Beispiel weiß niemand genau, was passieren würde, wenn wir der Atmosphäre in kurzer Zeit in sehr großem Umfang CO2 entziehen. Immerhin sind ja alle Fotosynthese treibenden Pflanzen auf CO2 angewiesen. Genau so wenig ist die Frage der dauerhaften Umwandlung und Speicherung von CO2 ausreichend geklärt. Vielleicht haben Sie schon von dem niederländischen Projekt Porthos gehört. Es geht darum, eine Leitung aus dem Hafen von Rotterdam in die Nordsee zu legen, in die ansässige Unternehmen ihre Abgase leiten. In Zukunft sollen jährlich 5 Millionen Tonnen CO2 aus den Abgasen herausgezogen und durch die Leitungen in leere Gasfelder gepumpt werden, die 12 Meilen vor der niederländischen Küste in fast 2 Meilen Tiefe in porösem Sandgestein unter dem Meeresboden liegen. In einer chemischen Reaktion werden die Abgase gereinigt, komprimiert, verflüssigt und dann in die Sandsteinformationen gepresst. Kritiker befürchten allerdings, dass lokale Ökosysteme durch austretendes CO2 versauern könnten.
Die dauerhafte Speicherung von CO2 in sehr großen Mengen ist nun einmal das größte Problem. Wir in Aqua City forschen auf vielen verschiedenen Ebenen dazu.“
Als Donovan sich abermals schnaufend an den Schlauch seines Sauerstoffgerätes hing, warf Mo ein:
„Man kann also die Funktion von Aqua City als eine Art schwimmendes Forschungslabor verstehen… Es geht zurzeit noch nicht darum, der Atmosphäre relevante Mengen an CO2 zu entziehen, sondern vor allem darum, zunächst umfangreiche Experimente mit CO2 durchzuführen.“
„Genau so ist es, Morton“, bestätigte Donovan. Er wies zu dem Bildschirm mit der Satellitenaufnahme von Aqua City und meinte:
„Sie sehen ja dort die schlotförmigen Rohre auf den äußeren, sich um das Zentrallabor herumgruppierenden Inseln. Sie saugen große Mengen Luft an, aus der wir mit verschiedenen Methoden das CO2 extrahieren und versuchsweise in verschiedene Speicherformen überführen. Zurzeit forschen wir etwa nach isländischem Vorbild daran, wie man CO2 in vulkanischem Basalt mineralisieren kann. Das Kohlendioxid reagiert mit dem Basalt und bildet Karbonate. Der Vorteil ist, dass es danach nicht mehr entweichen kann. Ein anderes Forschungsprojekt beschäftigt sich zum Beispiel damit, mit Hilfe von CO2 Algen aufzuziehen, die man später als Biokraftstoff verwenden kann. Vielleicht haben Sie ja auch schon einmal von künstlichen CO2-Bäumen gehört, mit deren Hilfe man am Rande von Autobahnen CO2 aus der Luft filtern kann.
Übrigens beschränken sich unsere Forschungen in Aqua City nicht nur auf CO2. Wir interessieren uns für alle Arten von Umweltthemen. Wir betreuen beispielsweise auch eine Plastikmüllreinigungsanlage, die sich momentan genau wie Aqua City in der Nähe der Themsemündung vor der englischen Küste befindet.“
„Es scheint, als ob Sie eine ganz besondere Beziehung zu Wasser hätten, Ronan“, stellte Mary daraufhin mit einem bedeutungsvollen Lächeln fest. „Aqua City, Ihr Sommersitz auf einer Insel, eine Plastikreinigungsanlage auf dem Meer und dann all diese Abbildungen hier…“
Sie deutete zu den Bildern und technischen Entwurfszeichnungen, die an der Wandschräge über dem Schreibtisch hingen und von denen viele in irgendeiner Form eine Beziehung zur See aufwiesen.
„Sehen Sie, laut der Evolutionstheorie kommt doch alles Leben aus dem Meer. Stirbt das Meer, stirbt auch das Leben, nicht wahr?“, konstatierte Donovan mit einem schmerzlichen Seufzen. „Die tragische Verseuchung der Meere mit Mikro- und Makroplastik, aber natürlich auch die unserer gesamten Umwelt inklusive der Nahrungskette ist etwas, was mich besonders stark bewegt und beschäftigt. Allein schon deshalb, weil es gar nicht so schwer wäre, Plastikverpackungen abzuschaffen und durch unschädliche Alternativen zu ersetzen. Solange eine große Industrie sehr viel Geld mit Kunststoffen verdient, werden Veränderungen nur durch drastische Verbote und politische Interventionen möglich sein. Mittlerweile bin ich sicher, nicht die USA, sondern die EU wird Vorreiter bei diesen Verboten sein, weil sie effektiver als wir im Reglementieren ist. Dies kann man sowohl positiv als auch negativ verstehen.“
„Sie wissen ja sicher, dass mein Vater noch in eine ganze Reihe weiterer Projekte investiert ist, die im weitesten Sinne mit Naturschutz und dem Klimawandel sowie seinen Folgen zu tun haben“, mischte sich daraufhin Una wieder ein. „Donovan EAW kauft beispielsweise bedrohte Regenwaldgebiete auf, betreut Wiederaufforstungsprojekte oder entwickelt etwa an der westafrikanischen Küste Meerwasserentsalzungsanlagen zur Bekämpfung der Dürre. In den USA betreiben wir einige Farmen, die sich auf artgerechte Tierhaltung und Biolandwirtschaft spezialisiert haben.
Viele unserer diversen Zweige befinden sich noch im Aufbau und können auf Dauer nur durch die Zuwendungen von Geldgebern vorangetrieben werden. Wenn es nämlich so weitergeht wie bisher, könnte eines Tages das Kapital meines Vaters aufgezehrt sein.
Die Gründe, warum wir Sie beide engagiert haben, beziehen sich momentan allein auf Aqua City. Wir rechnen allerdings jederzeit damit, dass sich dies ändern kann. Wie ich Morton ja bereits am Telefon andeutete, gab es einige Sabotageakte. Das ist das, was meinen Vater – wie er es eben formuliert hat – so sehr ins Herz getroffen hat!“
„Leider weigerten Sie sich am Telefon, mir mehr darüber zu berichten“, beklagte sich Mo, während er mit Mary den Platz auf dem zur Hälfte mit Zeitschriftenstapeln bedeckten Sofa einnahm, der ihnen kurz zuvor durch Donovan zugewiesen worden war.
„Ich wollte erst sicher sein, dass Sie wirklich hierher kommen und den Auftrag annehmen. Wir versuchen die Sache geheim zu halten, damit unsere Geldgeber nicht verunsichert werden. Außerdem sollen keinen Nachahmer auf Ideen gebracht werden“, hatte Una sofort eine plausible Erklärung parat. Dann ging sie zu dem Laptop hinüber und rief eine weitere Abbildung von Aqua City auf.
„Es handelt sich hier um eine jüngere Satellitenaufnahme als die erste. Ich bin sicher, Ihnen wird der Unterschied sofort ins Auge fallen!“
Tatsächlich konnten sie gleich erkennen, dass eine der äußeren Inseln im nordöstlichen Bereich einfach fehlte. Es war so offensichtlich, dass Una ihre Reaktion hierauf nicht abwartete, zu der entsprechenden Stelle auf dem Bildschirm deutete und erklärte:
„Das fehlende Modul von Aqua City heißt Gamma 2 und wurde vor rund drei Wochen nachts abgetrennt, irgendwohin auf See geschleppt und nach aller Wahrscheinlichkeit versenkt. Jedenfalls hat sich die Spur der Schwimminsel nach einer vergeblichen GPS-Ortung vollkommen verloren, was anders schwer erklärlich ist. Es gab vorher bereits eine Reihe kleinerer Sabotageakte, die ich ihnen in einer Liste zusammengestellt und erläutert habe. Ich händige Sie Ihnen nachher zusammen mit anderen Unterlagen aus. Das Verschwinden von Gamma 2 stellt bisher das mit Abstand größte Ereignis dar. Die Hauptinsel heißt übrigens Alpha 1, während sich die 16 kleineren Forschungsmodule in den zwei, versetzt zueinander liegenden Ringen zu je 8 Inseln um sie herumgruppieren. Gamma 2 lag somit ganz außen im so genannten Gamma-Ring und stellte die Nummer 2 unter insgesamt 8 Schwesterinseln dar.“
„Es wird höchste Zeit, uns zu verraten, wen Sie hinsichtlich dieser Sabotageakte verdächtigen. Am Telefon klangen Sie für mich so, als gäbe es bereits Vermutungen“, forderte Mo mit unverhohlener Ungeduld.
„Obwohl ich meiner Tochter gern die Rolle der Wortführerin überlasse, möchte ich Ihnen dies selber darlegen“, erklärte Donovan diesen wichtigen Punkt zur Chefsache. „Zunächst sei gesagt, dass der Verlust des Bereiches Gamma 2 einen Schaden von fast 5 Millionen Dollar darstellt. Glücklicherweise war die Insel unbewohnt und zum Zeitpunkt des Verschwindens hielt sich niemand auf ihr auf.
Gamma 2 hat sich mit einem unserer sensibelsten und wichtigsten Forschungen befasst: Die künstliche Nachahmung des natürlichen Fotosyntheseprozesses, durch den Pflanzen mit Hilfe des Sonnenlichtes aus Wasser und CO2 Energie gewinnen und Sauerstoff freisetzen. Sie werden wohl sofort verstehen, dass ein nachhaltiger Durchbruch in der Künstliche-Fotosynthese-Forschung eine der denkbar besten Lösungen des CO2-Problemes wäre. Es gibt übrigens auch Ansätze, industrielle CO2-Abgase mit einer fotosyntheseähnlichen Technik zu Methanol oder Kohlenstoffmonoxid umzuwandeln, was etwa in Brennstoffzellen Verwendung finden kann.
Aber bleiben wir bei der Sache. Sie wollen etwas über die Saboteure wissen. Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, aber es gab ein Bekennerschreiben in Form einer Email, in der sich eine fundamentalistische religiöse Vereinigung dazu bekennt, die Insel zerstört zu haben.“
„Eine fundamentalistische religiöse Vereinigung? Das klingt ziemlich absurd! Mit was für einer Begründung hat sich diese Vereinigung bekannt?“, rief Mary spontan aus.
„Sie werfen uns vor, wir würden mit unseren Forschungen Gott ins Handwerk pfuschen“, erwiderte Donovan mit einem bitteren Lachen. „Diese Vereinigung, falls sie wirklich existiert, glaubt laut ihres Bekennerschreibens, dass die Entwicklungen auf Erden vorherbestimmt sind und der Klimawandel der Beginn der sieben großen Plagen ist, mit dem Gott die so genannte Endzeit einleitet. Ich nehme an, Ihnen ist die Offenbarung des Johannes in dieser Hinsicht bekannt. Wenn das Ganze kein riesengroßer Quatsch ist, dann hätten wir es mit einer extrem deterministischen Weltbetrachtung zu tun, die Geoengineering als eine unzulässige technische Einmischung in natürliche, von Gott angeleitete Prozesse deutet.“
„Wenn mein Vater von einem riesengroßen Quatsch spricht, bedeutet das nicht, dass wir religiöse Interpretation nicht bis zu einem vernünftigen Grad respektieren könnten“, milderte Una die Worte Donovans etwas ab. „Uns fällt nur schwer zu glauben, eine christlich-fundamentalistische Vereinigung könnte über genügend kriminelle Energie und technische Mittel verfügen, um einfach so eine 500 Quadratmeter große Schwimm-Plattform auf hoher See verschwinden zu lassen!“
Sie trat an den Schreibtisch, nahm einen dicken, bereit liegenden Umschlag und zog ein Papier heraus.
„Wir haben Ihnen hier alle relevanten Informationen zusammengestellt, die Sie sich später ihrem Hotel ansehen können. Sie bleiben doch über Nacht auf der Insel? Behandeln Sie das Material bitte absolut vertraulich, da ein Anschlag auf Aqua City ein gefundenes Fressen für die Medien wäre. Und dies hier ist dann noch das Bekennerschreiben.“
Als sie daraufhin Mo sowohl den Umschlag als auch das Papier übergab, fand er in dem denkbar kurzen Text des Bekennerschreibens keine weiteren Informationen, die über die bisherigen Erläuterungen hinausgegangen wären. Donovan setzte derweil dazu an, Ihnen seine Interpretation der Dinge darzulegen.
„Ich vermute, die Bekenneremail zielt nur darauf ab, deutlich zu machen, dass es sich um einen feindlichen Sabotageakt handelt. Und da die Saboteure nicht verraten können, wer sie wirklich sind, schieben sie eben eine imaginäre religiöse Vereinigung vor. Im Grunde macht man sich damit noch zusätzlich über mich lustig.
Ich bin überzeugt, die Konkurrenz steckt dahinter. Sehen Sie, all diejenigen, die entscheidende Patente für eine technisch und wirtschaftlich machbare Umwandlung von CO2 anmelden, können sich dadurch im besten Fall einen riesigen Zukunftsmarkt erschließen. Die künstliche Fotosynthese und ihre artverwandten Prozesse, mit denen sich etwa auch Wasserstoff für emissionsfreie Antriebe gewinnen ließe, spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Aber natürlich auch viele, viele andere Verfahren, wie etwa die schon lange bekannte Möglichkeit, aus Wasser und CO2 synthetische Kraftstoffe zu gewinnen. Aus CO2 lässt sich etwa auch Düngemittel herstellen und neuere Ansätze versuchen sogar, CO2 mit Hilfe eines Elektrolyseprozesses bei Raumtemperatur in festen, gefahrlos aufzubewahrenden Kohlenstoff zurückzuverwandeln. Glücklicherweise gibt es mittlerweile so viele Ansätze, dass es einige Hoffnung auf Lösung des Klimaproblems gibt.
Langer Rede kurzer Sinn: Wahrscheinlich möchte man mich und meine Entwicklungsarbeit gezielt schwächen, um in den entsprechenden Forschungsbereichen an Vorsprung zu gewinnen. Obwohl es mir selber nicht ums Geld geht und ich in alle Richtungen für technische Kooperationen offen bin, sieht das irgendjemand gar nicht so. Sein Kalkül könnte aufgehen, da durch jeden Sabotageakt Geldgeber abgeschreckt werden und unsere kostspielige technische Entwicklungsarbeit stark verzögert wird.“
Als Donovan daraufhin inne hielt und Mo und Mary einen Moment nachdenklich ansah, bekam er eine spontane Idee.
„Wissen Sie was? Warum bleiben Sie nicht einfach über Nacht hier? Wir haben hier schönere Gästezimmer, als sie Ihnen jedes Hotel auf Block Island bieten kann. Ich schlage vor, Sie studieren jetzt in Ruhe das Material und ich kümmere mich derweil um einige Geschäfte. Dann werden wir gemeinsam zu Abend essen und danach alles Weitere im Detail besprechen. Ich möchte Sie sehr gründlich instruieren, bevor ich Sie beide nach Aqua City schicke!“
Für Mary wurde es allerhöchste Zeit, ein Missverständnis zu korrigieren, weshalb sie sehr entschieden rief:
„Sir, ich werde nicht mit Morton nach England reisen!“
Da sie ihm das Rollenspiel nicht offenbaren konnte, auf das sie sich Mo zuliebe eingelassen hatte, fügte sie als Begründung hinzu:
„Ich habe noch an einigen anderen Dingen zu arbeiten und werde Morton vom Büro aus behilflich sein.“
„Aber, aber mein Kind, Sie wollen sich doch wohl nicht der wichtigen Aufgabe, die Ihnen das Schicksal zugeteilt hat, verschließen? Das kann ich nicht akzeptieren! Ich hatte mich so gefreut, dass Morton eine solch reizende Kollegin mit irischen Wurzeln hat. Obwohl er einen außerordentlich guten Ruf als Detektiv besitzt, wäre es verrückt, einen einzigen Mann auf einen solchen Fall anzusetzen. Ich wollte ursprünglich sogar ein ganzes Team anheuern, aber meine Wahl fiel auf ihn, weil er eine erstklassige Aufklärungsrate vorweisen kann. Wenn Morris Investigations den Auftrag einstreichen will, erwarte ich allerdings, dass mit mehreren Leuten gearbeitet wird. Als ich mich über Sie informierte, fielen mir immer wieder drei Namen ins Auge: Tim Diamond, Betty Cadena und Michael King. Was ist mit den Dreien? Würden sie zur Verfügung stehen, um mit Ihnen nach England zu reisen?“
„Normalerweise läuft es so, dass ich zunächst allein eine Spur aufnehme und erst bei Bedarf auf Miss Cadena und Mr. King zurückgreife. Mr. Diamond arbeitet grundsätzlich nur im Hintergrund von seiner eigenen Detektei Diamond Investigations aus, da er sich bei einem unserer letzten Fälle schwerwiegende Verletzungen zugezogen hat“, versuchte Mo so etwas wie eine übliche Vorgehensweise plausibel erscheinen zu lassen. Dabei verfluchte er insgeheim den Namen Diamond, der an ihm so fest zu kleben schien, als entspräche es irgendeinem höheren Schicksalsplan. Er hatte den Ehrgeiz, den Fall alleine zu lösen und dieses Mal nicht auf Diamonds Hilfe angewiesen zu sein. Allerdings ahnte er schon jetzt, dass dies kaum möglich sein würde.
„Gut, akzeptiert, aber Mrs. Kellys aktive Mitarbeit mache ich zur Bedingung! Wenn Sie schon so restriktiv mit der Mitarbeit Ihrer Kollegen umgehen, sehe ich keinen Grund, warum auch sie in New York zurückbleiben sollte. Das wäre ja geradezu lächerlich und käme einer nicht nachvollziehbaren Verweigerungshaltung gleich!“
Natürlich wollte Mary sofort protestieren, aber Mo warf ihr ein paar so scharfe und flehende Blicke zu, dass sie instinktiv verstummte und nach Luft rang. Als hätte Donovan geahnt, was in Wahrheit in ihr vorging, beeilte er sich,. die Türen für jegliche Rückzugsmöglichkeiten sorgfältig zu verschließen, indem er einen Scheckblock aus einer Schreibtischschublade zog, zwei Schecks ausstellte und Mo und Mary jeweils einen überreichte. Als Mary die Summe sah, blieben ihr zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit die Proteste im Hals stecken und sie stieß bloß ein paar überraschte, unartikulierte Laute aus. Der harmlose Frühlingsausflug nach Block Island mündete für sie in einen schwerwiegenden Entscheidungskonflikt, der sie fassungslos nach Worten ringen ließ.
„Nehmen Sie dies als Spesenvorschuss und kleine Anzahlung. Die Höhe der Summe dürfte für Sie ein unmissverständlicher Indikator dafür sein, wie wichtig mir die Aufklärung der Angelegenheit ist. Ich kann mich unmöglich allein auf Interpol sowie die britische Polizei und Küstenwache verlassen. Es wäre zwar möglich, dass sich heimlich der britische Geheimdienst GCHQ eingeschaltet hat, aber in dieser Hinsicht verfüge ich über keinerlei Informationen.
Und nun möchte ich Sie bitten, sich unten in die Gesellschaft meiner Tochter zu begeben, damit ich ein paar Telefonate erledigen kann. Wir reden dann wie gesagt nach dem Dinner weiter. Die Frau unseres Haus- und Grundstückwartes Mrs. Wilson ist eine exzellente Köchin und wird es uns nachher zubereiten. Sie ist eine äußerst nette Person und da sie für uns mehr als nur eine Angestellte ist, wird sie uns beim Essen Gesellschaft leisten.
Aber was machen Sie denn bloß für ein saures Gesicht, Mrs. Kelly? Oder müsste ich vielleicht sogar Miss Kelly sagen und den glücklichen Burschen beneiden, der ihr Herz noch erobern darf? Sie haben Geld und einen wirklich interessanten Auftrag, was wollen Sie denn mehr?
Sie beide werden übrigens meiner Frau Susan auf Aqua City begegnen. Sie arbeitet dort zurzeit als meine rechte Hand und hält mich regelmäßig auf dem Laufenden. Sie wird Sie nach Ihrer Ankunft in den allgemeinen Stand der Dinge einweihen.
So, und nun entschuldigen Sie mich bitte. Obwohl dieses Haus mein Sommer- und Urlaubssitz ist, wartet immer auch etwas Arbeit auf mich!“
Als Donovan sich hierauf abwandte und am Schreibtisch zum Telefonhörer griff, hatte Mary die vorerst letzte Chance verpasst, ihn über ihren wahren Beruf aufzuklären. Sie verließ mit Mo und Una den Raum und überlegte fieberhaft, wie sie die Reise nach England umgehen konnte, ohne dass Mo den Auftrag verlor. Aber ihr fiel nichts ein und selbst am Abend noch, als sie alle gemeinsam im Erdgeschoss an einem schweren, antiken Eichentisch beim Dinner saßen, war es, als bliebe sie die ganze Zeit in eine dichte Wolke von Ratlosigkeit gehüllt…
2
Das 80 Meilen ostsüdöstlich vom Londoner Zentrum am Ärmelkanal liegende Städtchen Ramsgate sollte sich für einige Zeit als der letzte Ort erweisen, an dem sie sicheres Festland unter ihren Füßen gespürt hatten. Mo beobachtete sorgenvoll, wie sich die beängstigend großen Wellen mit einer hoch aufspritzenden Gischt vor den Hafenmauern brachen und wie ihre Ausläufer selbst noch die Boote in den innersten Bereichen des Hafenbeckens zum Tanzen brachten. Das Bild des Hafens mit den schwankenden Masten der Segeljachten und den sich im Hintergrund über den Uferbefestigungen auftürmenden Häuserzeilen der Stadt wurde von oben durch ein paar schwarze, tief hängende Wolkenbänke begrenzt, unter denen Schwärme von kreischenden Seemöwen unruhig ihre Bahnen zogen. Der kalte Wind und der leichte Nieselregen hatten die Touristen verscheucht, so dass er auf einer der breiten Kaimauern fast alleine war.
Schon bald wurde seine Aufmerksamkeit von den Vorgängen im Hafen und den Silhouetten der Stadt abgelenkt und richtete sich auf eine schnell näher kommende Segeljacht, deren mahagonifarbener Rumpf sich so wild in den Wellen hob und senkte, als bedeutete Ramsgate das heiß ersehnte Ziel einer Hochseeregatta. Durch ihre angewitterten hölzernen Decksaufbauten wirkte die zweimastige 18-Meter-Jacht wie eine alt erfahrene, aber etwas müde Kämpferin, deren langjährige Beziehung zur See ihr eine Aura von besonderer Würde und Erhabenheit verliehen hatte. Erst als sie schon fast die Hafenmole erreicht hatte, konnte er ihre Aufschriften entziffern und fand in dem Namen „Miss Mary Blue“ die endgültige Bestätigung, dass es das Schiff war, das er erwartete. Über dem Namen war ein weißes, im Wind flatterndes Transparent an die Reling gespannt, auf der neben der Darstellung einer Blüte in bunten Regenbogenfarben „Aqua City“ stand; das Heck hingegen wurde von einer ungewöhnlich großen amerikanischen Flagge dominiert, so als hätten die Eigner der Jacht es darauf angelegt, in den fremden britischen Gewässern einen besonderen patriotischen Stolz zu demonstrieren.
Die Einfahrt der Miss Mary Blue in den Hafen von Ramsgate verlief genauso riskant wie spektakulär, da sie trotz des scharfen Windes erst im letzten Moment das Hauptsegel einholte und mit viel zu hoher Geschwindigkeit von einer großen Welle durch die Öffnung der Hafenmole gespült wurde. Erst im Vorbecken des Hafens bremste sie ihr Tempo mit Hilfe des Motors endgültig aus, wobei sie so große, schwarz rußende Abgaswolken ausstieß, dass sich eine Gruppe schaulustiger Seeleute neugierig auf einer der Kaimauern versammelte.
Für eine halbe Stunde hatte Mo einen schwer wiegenden Konflikt verdrängen können, doch als er nun Marys zierliche, in einer Regenjacke steckende Gestalt mit ein paar Einkaufstüten in der Hand auf sich zukommen sah, riss dieser Konflikt innerhalb einer Sekunde wieder auf. Die Dinge hatten sich nach ihrem Besuch bei Ronan Donovan sehr schnell in ihr Gegenteil verkehrt, denn je mehr es ihm widerstrebt hatte, seine zwar hochintelligente, jedoch in der kriminalistischen Praxis völlig unerfahrene Universitätskollegin in einen womöglich gefährlichen Fall zu verwickeln, desto mehr hatte sie plötzlich vehement darauf bestanden, ihn nach England zu begleiten. Er hatte deswegen eine schlimme Tirade von Mrs. Higgins über sich ergehen lassen müssen, da sie sich voll und ganz in ihrer Prophezeiung bestätigt gesehen hatte, er würde schon sehr bald nach Marys ganzer Hand greifen, wenn sie ihm nur – wie sie es mit ihrer Begleitung zu seinem Treffen mit Donovan getan hatte - den kleinen Finger reichte. Trotz all dem teilte er mit Mary eine gut versteckte, tiefe Freude über die gemeinsame Reise, während es sie nach außen hin so aussehen ließen, als würden sie sich nur deshalb zusammen nach Aqua City begeben, weil Donovan es von ihnen als Bedingung für den Auftrag gefordert hatte.
Sie schnappten ihre Reisetaschen und eilten zu der Anlegestelle, an der die „Miss Mary Blue“ mittlerweile dabei war festzumachen. Als schließlich eine schmale Gangway polternd vor ihre Füße fiel, landeten kurz darauf drei Seewasser triefende junge Leute an, die sich mit ausgelassenem Lachen eilig in Richtung der Stadt verzogen. Sie sahen mir ihren versalzten, filzigen Haaren und ihrer bunten, legeren Kleidung nicht wie seriöse Angestellte von Aqua City, sondern eher wie ein paar grüne Umweltaktivisten aus. Sie beachteten Mo und Mary so gut wie nicht, wofür sie kurz darauf ein älterer, grauhaariger Mann, der grinsend an der Reling erschien, mit umso größerer Freundlichkeit willkommen hieß. Er kletterte über die Gangway zu ihnen hinunter und raunte ihnen vertraulich zu:
„Sie sind Dr. Morris und Dr. Kelly, nicht wahr? Sie dürfen den jungen Flegeln ihr Verhalten nicht übel nehmen. Unsere Crew besteht zurzeit aus ein paar Ökologiestudenten und -studentinnen, die ein Praktikum auf Aqua City absolvieren. Ich gebe zu, wir nutzen ihre Gratis-Arbeitskraft etwas aus, dafür dürfen sie in diesem Semester ein paar interessante Erlebnisse in ihr Tagebuch schreiben. Sie haben keine Ahnung, wer Sie sind und warum Sie hier sind. Ja, sie wissen nicht mal, dass unser heutiger Törn an das Festland allein dem Zweck dient, Sie beide abzuholen. Sie glauben, wir kaufen Vorräte ein und vertreiben sich die Zeit in irgendeinem Hafenpub. Ich hoffe, sie werden nachher noch in der Lage sein, die Segel zu setzen!“
Während er sich für einen Moment einem kernigen Seebären-Lachen hingab, musterte Mo sein Aussehen genauer. Sein wettergegerbtes Gesicht, sein dichter grauer Bart, seine orangefarbene Segeljacke und sein weißes Skipper-Käppi ließen es wahrscheinlich wirken, dass er der Kapitän des Schiffes war. Auf jeden Fall war er Amerikaner, was jede Silbe seiner Aussprache deutlich verriet.
„Ich bin Joshua McNamara, aber mich nennen hier alle nur Josh. Keine Angst, ich werd’ Ihnen nicht ungefragt meine glorreiche Autobiographie unter die Nase reiben, denn ich hab’ heute vor allem nur eine Aufgabe hier: Ich soll das Empfangskomitee für ein paar Meisterdetektive bilden und ihnen von Anfang an einschärfen, dass ihre Arbeit absolut vertraulich ablaufen muss.“
Als in diesem Moment zwei weitere junge Leute das Schiff verließen, schob er Mo und Mary ein Stück zur Seite und fuhr erst nach dem Verschwinden der Beiden fort:
„Sagen Sie niemandem Ihren Namen, bevor Sie mit Su gesprochen haben. Sie ist gewissermaßen unsere Chefin hier. Sie hat sich eine Story ausgedacht, die Sie Ihnen nachher unter Deck verklickern wird. Wir auf Aqua City sind wie eine große, eingeschworene Familie, in der sich Gerüchte entsprechend schnell verbreiten. Insofern ist es von Anfang an wichtig, was wir über Sie erzählen werden.“
„Ich verstehe voll und ganz. Erklärt sich Ihre Vorsicht auch daraus, dass Sie einige Ihrer eigenen Mitarbeiter der Sabotageakte verdächtigen?“, verlor Mo keine Zeit, noch vor dem Betreten des Schiffes in die Rolle des detektivischen Fragestellers zu schlüpfen.
„Ich bin nicht dafür zuständig, das zu beantworten. Sie können das mit Su besprechen. Kommen Sie erst mal an Bord und machen Sie es sich gemütlich.
Aqua City ist zurzeit zwar nur etwas mehr als 11 Seemeilen von hier entfernt, trotzdem könnte sich die Überfahrt bei diesem Wetter auf weit über zwei Stunden hinziehen, da wir wahrscheinlich gegen den Wind kreuzen müssen. So wie Sie gekleidet sind, werden Sie sich unter Deck aufhalten müssen. Oder haben Sie heute früh Ihre Morgendusche verpasst und haben etwas nachzuholen?“
Joshua grinste Mo so aufreizend an, als wollte er ihn dadurch zu einer verweichlichten Landratte degradieren, wobei er mit einer nicht ganz ernst gemeinten Verächtlichkeit an seiner dünnen Windjacke und seiner hellen Stoffhose herabsah. Es war klar, dass er ihn eigentlich nur unterschätzen konnte, weil er nichts von den Abenteuern wusste, die der leicht untersetzte und sich manchmal absichtlich auf täuschende Art unscheinbar gebende Detektiv aus Rutherford bereits durchlebt hatte.
„Probleme mit mangelnder Hygiene haben wir an sich nicht. Gestatten Sie mir bitte eine Frage, von deren Beantwortung meine Entscheidung abhängt, ob ich mich an Bord dieses Schiffes begeben werde oder nicht: Waren Sie es, der die Miss Mary Blue vorhin so waghalsig in den Hafen manövrierte? Ich hatte Angst, sie könnte an der Hafenmole glatt zerschellen!“
Joshua konnte hierauf nicht anders, als abermals ein dröhnendes Seemannslachen anzustimmen, was offenbar eine typische Eigenart von ihm war.
„Wenn Ihnen so etwas auffällt, haben Sie für einen Laien immerhin ein gutes Auge. Obwohl ich offiziell der Kapitän bin, war die Chefin dafür verantwortlich. Sie ist eine leidenschaftliche Seglerin, die gerne an die Grenzen geht. Vielleicht liegt es daran, dass es reizt aufzufallen, wenn man unter Beobachtung steht. Aqua City ist in ganz England sehr gut bekannt, weshalb wir fast schon eine Art Prominentenstatus genießen.
Sehen Sie die beiden Leute mit den Kameras da oben an der Uferpromenade? Es wäre sehr gut möglich, dass es keine Touristen, sondern irgendwelche Zeitungsreporter sind, die sich für alles, was mit Aqua City zusammenhängt, sehr interessieren. Wir haben die Jacht schon öfters in Zeitschriften oder im TV gesehen. Uns stört es nicht, denn wenn sich die Storys über uns gut verkaufen, ist das natürlich eine willkommene Gratiswerbung für uns.“
Der Kapitän nahm Mary galant die Einkaufstüten und die Reisetasche ab und forderte die beiden „Landratten“ auf, sich an Bord zu begeben. Als Mo von der schmalen Gangway über die Bordwand auf die nassen Holzplanken der Miss Mary Blue sprang, meinte er für einen Moment zu spüren, dass darin etwas Bedeutendes und Unumkehrbares lag. Die vielen Salzspuren an den angefressenen hölzernen Decksaufbauten zeugten von einer langen Geschichte der alten Jacht, die schon auf unzähligen Hochseefahrten von der Gischt überspült worden sein musste. Sie bekamen kaum Gelegenheit, sich auf Deck näher umzusehen, da Joshua sie wegen des Winds und Regens sofort über eine steile Stiege in den Schiffsbauch drängte. Dabei begegneten sie niemandem, da die ganze Mannschaft auf Landgang war.
Auf dem halbdunklen Unterdeckgang schlug ihnen ein etwas muffiger und modriger Geruch entgegen und durch zwei offen stehende Türen konnten sie schmale Pritschen in engen, unaufgeräumten Kabinen sehen, deren salzverkrustete Bullaugen keinen klaren Blick nach draußen zuließen. Als McNamara im Heck die Tür der Hauptkajüte öffnete, war es, als gelangten sie mit dem Überschreiten der hoch liegenden Schwelle in ein anderes Reich. Die etwas heruntergekommene Miss Mary Blue schien sich mit einem Mal von einem abgearbeiteten „Nutzesel“ in eine Vergnügungsjacht zu verwandeln, deren Interieur mit seinen glänzenden Mahagonioberflächen und polierten Messingeinfassungen ganz im Stil einer niveauvollen Offizierskajüte gehalten war.
Die Frau, die in einem roten, wasserdichten Segeloverall an einem zierlichen, mit der Wandverkleidung verschraubten Schreibtischchen saß, war im Schein einer kleinen Messinglampe über ein Buch mit blanken Seiten gebeugt, die sie mit einem goldenen Füllfederhalter konzentriert beschrieb. Die vielen Bücher, die über ihr in einem sturmsicheren Regal fast die Hälfte der Backbordwand bedeckten, rundeten das Bild passend und verliehen dem Ambiente eine besondere Energie. Als sie zu ihnen aufschaute, verbreitete sie eine so aufgeräumte und bedächtige Stimmung, als läge die Aufsehen erregende Einfahrt in den Hafen schon lang zurück und als hätte sie bereits seit Stunden vor ihrem Buch gesessen. Sie schlug ihre langen, brünetten Haare schwungvoll über die Schultern zurück, wobei ihr eine mit einer Kordel verbundene Lesebrille von der Nase fiel und den Blick auf ein ausdrucksvolles, schmales Gesicht mit hoher Stirn und einigen Altersfalten freigab. Erst durch die Falten verstand Mo, wer „Su“ war, weshalb er erstaunt stammelte:
„Wenn mich nicht alles täuscht, müssen Sie Susan Donovan sein, nicht wahr? Ich hatte nicht erwartet, Sie hier anzutreffen.“
„Ah, unser Meisterdetektiv Morton Morris ist endlich eingetroffen. Sie sind fürwahr ein schlaues Köpfchen und haben’s schnell begriffen!“, neckte sie ihn grinsend mit einer nicht ernst gemeinten Überheblichkeit, während sich Joshua unauffällig aus der Kajüte zurückzog. Sie musste etwa zehn Jahre jünger als ihr Mann Ronan sein, doch durch ihre schlanke, sportliche Figur und ihre gesunde Gesichtsfarbe wirkte es, als müssten es über zwanzig sein. Sie wies Mo und Mary den Platz auf einer schmalen Sitzbank vor einem kleinen Klapptisch zu und meinte dann:
„Falls Sie erwartet haben, dass wir Sie mit einer schnittigen Motorjacht oder einem Helikopter abholen würden, sind Sie jetzt sicher enttäuscht. Für uns ist das Segeln eine bevorzugte Fortbewegungsart, weil es keine Emissionen erzeugt. All diejenigen, die für den Umwelt- und Klimaschutz kämpfen, werden ja besonders kritisch daraufhin geprüft, ob sie sich auch selber politisch korrekt verhalten und kein Gramm CO2 zuviel in die Atmosphäre jagen. Eine solche Haltung scheint allerdings zu tolerieren, dass jeder, der auf die Umwelt pfeift, sie auch nach Herzenslust verpesten darf.“
„Dann werde ich Ihnen gern einen kleinen Gefallen tun und niemandem etwas über die schwarzen Abgaswolken sagen, die vorhin Ihr Manöver im Hafen verursacht hat“, stichelte Mo trocken und brachte sie damit zum Lachen. Dabei war ihr anzumerken, wie sehr ihr die Tollkühnheit ihres Segelmanövers bewusst war.
„Tja, ein Jeder hat irgendwo ein paar kleine Fleckchen auf der weißen Weste, nicht wahr? Kommen wir mal zu Ihren Sünden. Da sollte es also eine promovierte Ermittlerin namens Dr. Mary Kelly in Ihrem Detektivbüro geben“, meinte sie mit einer eigentümlichen Mischung aus Gutmütigkeit und Schärfe, wobei sie Mary eindringlich ansah. Die sah in einem betretenen Schweigen die beste Reaktion und sandte Mo Hilfe suchende Blicke zu. „Mein Mann und meine Tochter haben es einfach geglaubt und nicht weiter nachgeforscht, weil sie zu viele andere Dinge um die Ohren haben. Dabei hat es mich nur ein paar Minuten Internetrecherche gekostet, um in der Sache klar zu sehen. Die Psychologie der Täter- und Opferbeziehung – über besondere Fälle einer extremen Bindung – hieß nicht so das Seminar, das Sie zuletzt an der kleinen Universität von Rutherford gehalten haben, liebe Dr. Kelly?
Ich durchschaue Ihre Beweggründe, Dr. Morris. Sie haben nicht einen einzigen Mitarbeiter in Ihrer Detektei. Es war übrigens meine Idee, Sie zu engagieren. Ich hatte nämlich darüber gelesen, dass aus Ihrem letzten Fall eine Zusammenarbeit mit der UN resultiert ist, bei der es darum geht, eine Sklavenhalteroase in Südlibyen in ein Flüchtlingsauffanglager umzuwandeln. Das ist eine wirklich großartige Sache, finde ich. Der Idealismus, der dahinter steht, ist verwandt mit unserem. Aus diesem Grund werde ich Ihnen Ihre kleine Flunkerei auch nachsehen. Außerdem habe ich so meine Ahnungen, was Ihre Beziehung zu Dr. Kelly angeht. Man muss Sie beide ja nur mal ansehen. Glauben Sie, nur Sie wären ein guter Psychologe und verfügten über eine überdurchschnittliche Intuition?
Wenn ich nicht glauben würde, dass Ihre Zusammenarbeit Sinn machen könnte, hätte ich es sicher nicht bis zur Ihrer gemeinsamen Ankunft hier auf der Miss Mary Blue kommen lassen. Da Dr. Kelly als Psychologin immerhin auch mit einem Bein in der Kriminologie tätig zu sein scheint, wird sie hier nicht ganz fehl am Platz sein.“
„Sie ist nicht nur nicht ganz fehl am Platz, sondern wird mir eine sehr große Hilfe sein!“, verteidigte Mo selbstbewusst Marys Ehre, obwohl sie durch das Auffliegen ihrer kleinen Lüge in eine schwache Position geraten waren. „Ich nehme an, Sie sind nicht nur mit nach Ramsgate gekommen, weil Sie Spaß am Segeln haben, sondern auch, um uns in Empfang zu nehmen und zu instruieren, Mrs. Donovan, nicht wahr?“
„Natürlich. Gewöhnen Sie sich bitte sofort an, mich Susan oder Su zu nennen, wie es die Meisten tun. Unser Kapitän Josh hat Ihnen hoffentlich bereits erklärt, dass Sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit arbeiten werden und Ihre Namen nicht verwenden können. Wie Sie sicher bereits vermutet haben, ist dies angebracht, weil Mitarbeiter von uns in die Sabotageakte involviert sein könnten. Hoffentlich wird Sie niemand erkennen, Dr. Morris. Ihr Gesicht war ja vor zwei Jahren des Öfteren in den Medien zu sehen, als Sie mit der Aufklärung der großen Internetmanipulationen in den USA befasst waren.
Mein Mann, meine Tochter und ich haben entschieden, Sie beide als Reporter auf Aqua City einzuführen. Reporter und Detektive haben viel gemeinsam. Sie schnüffeln überall herum und stellen viele Fragen. Es ist also die ideale Rolle für Sie. Sie werden sich als Larry Keene und Esther Morgan von dem Bostoner Online-Newsportal Eye of the East ausgeben. Das hat mein Mann in Absprache mit einem befreundeten Redakteur für Sie bewirkt. Falls jemand Nachforschungen anstellt, wird er immerhin herausfinden können, dass diese Namen tatsächlich auf der Gehaltsliste der Redaktion stehen.
Also, dann werde ich Sie von jetzt an Esther und Larry nennen. Am besten gewöhnen wir uns sofort daran!“
„Und an was für einer Reportage arbeiten Esther und Larry offiziell? Wofür sollen wir uns vor Ihren Leuten besonders interessieren?“, warf Mary mit erwachendem Interesse ein. Ein Rollenspiel als Reporter schien ihr spannende und abwechslungsreiche Erfahrungen zu versprechen, die sie aus ihrem beschaulichen Universitätsleben nicht kannte.
„Um einen längeren Aufenthalt auf Aqua City und ein breites Interesse für all unsere Forschungs- und Arbeitsbereiche plausibel erscheinen zu lassen, arbeiten Sie eben an einer ganz allgemeinen, umfangreichen Reportage. Wichtig ist vor allem, dass Ihnen Ihre Arbeit einen Zugang zu allen Bereichen der Insel ermöglicht. Sie können jeden alles fragen, nur das Wort Sabotage nehmen Sie bitte nicht in den Mund. Da unsere offizielle Haltung ist, die Sabotageakte vor den Medien zu verschweigen, wäre es natürlich komisch, wenn Sie dazu Fragen stellen.
Alles, was die Sabotage und die technischen Details der 16 Forschungsinseln von Aqua City betrifft, können Sie mit einem unserer Ingenieure besprechen. Ich habe dazu Dr. Regina Flores bestimmt, eine Amerikanerin mit venezolanischen Wurzeln, die seit anderthalb Jahren für uns arbeitet. Regina ist eine ganz vortreffliche Frau, die meine ganzen Sympathien hat. Sie ist in Ihre wahre Identität eingeweiht. Mit Josh und mir sind es damit auf Aqua City bisher erst Drei. Wenn Sie gut arbeiten, sollte es dabei auch bleiben. Josh ist übrigens eine Art Mädchen für Alles hier. Ihm gehörte früher das Schiff und weil er in Geldnöten war, haben wir es ihm abgekauft. Später haben wir es ihm dann als Teilhaber mit der Bedingung zurück übereignet, dass er für uns arbeitet. Seitdem leibt und lebt er für Aqua City und würde sich für mich und meinen Mann ein Bein ausreißen. Wenn einer vertrauenswürdig ist, dann er.“
„Dann sollte er es am besten übernehmen, uns in die verschiedenen Bereiche der Insel zu führen und alles zu zeigen. Dr. Flores werden wir dann nur bei Bedarf zu Rate ziehen“, schlug Mo in einer einvernehmlichen Stimmung vor, da die Ausführungen von Ronans eloquenter Ehefrau Hand und Fuß zu haben schienen.
„Genauso ist es auch vorgesehen. Ich selbst werde Ihnen natürlich auch zur Verfügung stehen“, ließ Susan volle Zustimmung erkennen. Mo schaute sie versonnen an und war noch immer erstaunt darüber, welche Entwicklung sie irgendwann einmal durchlaufen haben musste. Als sie vor rund 30 Jahren Ronan Donovan nach dem Tod von dessen erster Frau Lara geheiratet hatte, hatte ihre Aufgabe vor allem darin bestanden, Una zur Welt zu bringen und auf einem prächtigen Landsitz in Deep River in Conneticut das sorglose Leben einer reichen Ehefrau zu führen. Anstatt dadurch zu einem verwöhnten und dekadenten „Püppchen“ zu werden, hatte sie sich durch ihr späteres, wachsendes Engagement für die diversen Projekte ihres Mannes zu einer bemerkenswerten Persönlichkeit entwickelt, von der eine starke Energie ausging. Durch ihre besondere Liebe für Aqua City schien sie für den reibungslosen Ablauf aller Prozesse auf der Forschungsinsel unabkömmlich geworden zu sein und hatte damit ihren Mann sogar ein Stück weit überflügelt, weil er durch seine Krankheit großen Einschränkungen unterworfen war.
Als sie gerade dazu ansetzen wollte, hinsichtlich der Sabotageakte konkreter zu werden, wurde sie davon abgehalten, weil Joshua mit einem Tablett hineinpolterte. Nachdem er eine Thermoskanne und drei Tassen auf den Klapptisch vor Mo und Mary gestellt hatte, fischte er mit einer schnellen und geübten Geste eine Flasche Rum aus einem Einbauwandschrank hervor. Dabei verhielt er sich so, als ob er vor den Anderen keinerlei Zurückhaltung an den Tag zu legen bräuchte und als ob alles an dem Schiff nach wie vor in jeder Hinsicht sein uneingeschränktes persönliches Eigentum wäre.
„Ein heißer Kaffee wird unseren Meisterdetektiven – Entschuldigung, ich meine natürlich Reportern – gut tun. Ein Schuss Rum bei dem Wetterchen umso mehr. Die Überfahrt könnte nachher ziemlich ungemütlich werden. Sobald die Crew mit ihren Einkäufen und ihren Bieren im Pub fertig ist, geht es los!“
Als er bereits verschwinden wollte, beeilte sich Mo ihn zu fragen:
„Was glauben eigentlich Sie, wer hinter den Sabotagen steckt? Sie wissen doch über alles auf Aqua City Bescheid und müssten eine besondere Meinung dazu haben.“
„Besondere Meinung? Nein, nein, ich halte es da ganz mit Mr. Donovan. Das mit der Bekenneremail dieser vermeintlich christlich-fundamentalistischen Sekte ist natürlich totaler Schwachsinn. Für mich steckt eindeutig die Konkurrenz dahinter. Für den Diebstahl von Gamma 2 gibt es genau zwei Gründe: Zum einen möchte man den Fortschritt unserer Forschungen sabotieren und zum anderen den Stand unserer Technik ausspionieren. Vielleicht waren’s die Russen oder Chinesen, weil Sie Zeit gewinnen wollen, um Geoengineering-Marktführer zu werden. Oder was weiß ich…“
„Das möchte ich wiederum für großen Schwachsinn halten. Ist es nicht ein paranoider, typisch westlicher Reflex, ständig die ach so bösen Russen oder Chinesen für alles verantwortlich zu machen?“, konterte Mary ein bisschen zu empört und direkt, um nicht einen Ausdruck deutlichen Unwillens im Gesicht des Kapitäns hervorzurufen. Er entschied sich jedoch wegen des reizenden Lächelns, das sie wie zur Entschuldigung hinterherschickte, gutmütig zu bleiben und brummte bloß:
„Linke Demokratin, wie? Hm, wie auch immer. Vielleicht wäre es das Klügste, zu diesem Zeitpunkt immer noch alles für möglich zu halten und nichts voreilig auszuschließen. Damit blieben selbst die christlichen Fundamentalisten im Rennen.
Was denken Sie denn, Dr. Morris? Oder sollte ich lieber Larry sagen?“
„Ja, sagen Sie ruhig Larry, dann gewöhnen wir uns gleich alle daran. Ich teile Ihre Meinung, im Moment noch nichts auszuschließen. Voreilige Schlüsse sind eine verführerische Falle für jeden Detektiv, die ihn später womöglich viel Zeit kosten kann.“
Joshua nickte zustimmend und stellte dann seufzend fest:
„Leider muss man ganze vier Wochen nach dem Verschwinden von Gamma 2 sagen, dass wir uns hinsichtlich unserer Erkenntnisse immer noch um den Nullpunkt herum bewegen. Die Untersuchungen der englischen Polizei und Küstenwache verlaufen sehr schleppend. Angeblich hat sich mittlerweile auf Druck eines Ausschusses der amerikanischen Regierung der englische Geheimdienst GCHQ eingeschaltet. Es ist eine neue Information, die Susan und ich erst gestern von Ronan erhalten haben. Falls wir und die Polizei dadurch endlich bald Zugang zu allen relevanten Satellitenaufnahmen erhalten sollten, die zu dem entsprechenden Zeitpunkt von unserem Standort in der Nordsee gemacht wurden, wäre das natürlich eine sehr positive Entwicklung. Davon abgesehen gibt es wenig Anlass zur Hoffnung. Der einzige Lichtblick ist die Ankunft von Ihnen beiden hier. Allerdings frage ich mich, wo Sie ohne irgendwelche Indizien mit Ihren Untersuchungen ansetzen wollen.“
„Also ganz ohne Indizien sind wir ja nicht“, entgegnete Mo mit einem wissenden Lächeln und berief sich dann auf einige Informationen, die Sie von Ronan Donovan auf Block Island noch erfahren hatten.
„Wie ich von Mr. Donovan hörte, wurde Gamma 2 mit nur geringfügigen Spuren von Gewalteinwirkung von Aqua City abgekoppelt. Die 32 dicken Stahlbolzen, mit denen die Plattform in das unter Wasser liegende, alle Nachbarinseln unsichtbar verbindende Eisengerüst eingekoppelt ist, wurden fein säuberlich herausgetrennt. Die beiden Stege aus Eisenrosten, über die man von Gamma 2 zu den beiden weiter innen liegenden Forschungsplattformen Beta 2 und 3 gelangen konnte, wurden abgeschraubt und zurückgelassen. Insgesamt acht rund um die Insel angebrachte Überwachungskameras wurden durch das Entkoppeln der unter den Stegen verlaufenden Hauptkabelbäume, durch die Gamma 2 mit dem Zentrallabor auf der Hauptinsel verbunden ist, von Anfang an außer Gefecht gesetzt. Ich möchte das alles für ein sehr wichtiges Indiz halten!“
„Sie meinen, es ist ein Indiz dafür, dass die Täter über die entsprechenden technischen Details sehr gut Bescheid gewusst haben mussten?“, fasste Joshua eine Schlussfolgerung in Worte, die auf Aqua City längst dem allgemeinen Stand der Erkenntnisse entsprach.
„Ja natürlich, anders hätten die Täter die Insel so schnell nicht abtrennen können und hätten erheblich länger als nur zwei oder drei Stunden in der tiefen Nacht dafür gebraucht. Für das Herausschlagen der Bolzen müssen Taucher eingesetzt worden sein, die genau wussten, was sie taten. Folgerichtig hat sich daraus der allgemeine Verdacht entwickelt, dass irgendeiner unter ihren heutigen oder früheren Mitarbeitern absichtlich oder unabsichtlich technisches Wissen weitergegeben haben könnte.
Ich verfolge allerdings noch einen weiteren Ansatz und habe noch vor meinem Abflug nach London entsprechende Maßnahmen zu Hause eingeleitet.“
„Dann weihen Sie uns ein!“, verlangte Susan und verriet damit, von diesem Ansatz noch keine Ahnung zu haben, obwohl Mo in enger Absprache mit ihrem Mann Ronan gehandelt hatte.
„Ich nehme an, Mr. Donovan hat die Sache nicht an die große Glocke gehängt, weil er zunächst erste Erfolge abwarten wollte. Es geht um den Verdacht, die Täter könnten ihre Informationen durch diejenigen erhalten haben, die Aqua City entwickelt und gebaut haben. Auch hier gelten die beiden Varianten, dass es entweder absichtlich oder unabsichtlich geschehen sein könnte. Konkret dreht es sich um mehrere Ingenieurbüros sowie den amerikanischen Konstrukteur Bloom & Blacksmith, der auf den Bau von Sonderschiffen und großen, technischen Modulen für Bohrinseln spezialisiert ist. Die Konstruktionspläne von Aqua City liegen auf den Servern der beteiligten Firmen und könnten im Auftrag der Täter gehackt worden sein. Da ich dies ohne fremde Hilfe nicht herausfinden kann, habe ich meine Kontakte zu dem bekannten Detektiv Tim Diamond reaktiviert, der über hervorragende Verbindungen und Möglichkeiten verfügt. Er wird herausfinden, ob es Hackerangriffe auf die betreffenden Firmen gab. Falls ja, wird er es mit Hilfe von Spezialisten vielleicht sogar schaffen, den Weg zu den Urhebern zurückzuverfolgen. Das ist eine aufwändige detektivische Arbeit, die wohl weder die englische Polizei noch der englische Geheimdienst übernehmen würde. Da müssen wir schon selber ran! Um Satellitenaufnahmen wollte sich Diamond übrigens ebenfalls kümmern!“
„Alle Achtung, Larry! Vor kaum einer Woche haben Sie meinen Mann auf Block Island getroffen und heute sitzen Sie bereits hier auf der Miss Mary Blue und haben einige komplexe Untersuchungen in die Wege geleitet“, belohnte Susan Mos Ausführungen mit einem dicken Lob.
„Würden Sie mir glauben, dass Miss Kelly, beziehungsweise Esther, mit einigen entscheidenden Überlegungen zu dieser Vorgehensweise beigetragen hat?“, bemühte sich Mo einen Teil der Lorbeeren an Mary weiterzureichen, um ihre Mitarbeit an dem Fall gerechtfertigt erscheinen zu lassen.
„Sie haben ein sehr ehrliches Gesicht. Offen gesagt finde ich Sie sogar richtig süß. Warum sollte ich Ihnen also nicht glauben? Aber nun sagen Sie mir mal, wie Sie in den nächsten Tagen vorgehen wollen. Haben Sie schon einen Plan?“
Mo brauchte einen Augenblick, um das ihm unpassend erscheinende „Süß“ zu verdauen, und erwiderte betont nüchtern und distanziert:
„Nun ja, wir werden uns zunächst ein umfassendes Bild von Aqua City machen und darauf hoffen, demnächst Hinweise durch die Satellitenaufnahmen zu erhalten. Sobald es erste konkrete Spuren und Untersuchungsansätze gibt, werde ich sie nach New York zu Diamond Investigations weiterleiten. Sollte daraus irgendein konkreter Handlungsbedarf resultieren, werde ich wahrscheinlich die persönliche Hilfe meiner Kollegen Michael King und Betty Cadena anfordern. Das dürfte dann den Fortschritt der Arbeit sehr bald beschleunigen.“
Obwohl wegen der fehlenden Spuren und mangelnden Ermittlungsergebnisse der Polizei genügend Zweifel und Unsicherheiten an ihm nagten, versuchte er sich vor Susan betont zuversichtlich zu geben. Als ihm zufällig ihr aufgeschlagenes, noch immer auf dem kleinen Schreibtischchen liegendes Notizbuch in die Augen fiel, wollte er wissen:
„Ist das so etwas wie ein Tagebuch? Falls ja, könnten für mich die Eintragungen der Tage im Zeitraum des unmittelbaren Verschwindens von Gamma 2 interessant sein.“
„Ja stimmt, es ist ein Tagebuch. Wenn man an einem Ort wie Aqua City lebt, lohnt es sich, eines zu führen. Allerdings sind die Eintragungen des betreffenden Tages dürftig und Sie werden ihnen nichts Neues entnehmen können. Gamma 2 war über Nacht plötzlich spurlos verschwunden, ohne dass irgendjemand auch nur das Geringste bemerkt hätte. Das war’s, basta! Fragen Sie mich lieber selber, anstatt in meinem privaten Tagebuch zu lesen.“
„Gut, dann würde ich von Ihnen gerne mehr über die besondere Funktion von Gamma 2 erfahren. Ihr Mann deutete lediglich an, dass man sich auf der Forschungsplattform mit der künstlichen Fotosynthese beschäftigt hat. Er sagte, weiteres würde man mir hier vor Ort erklären.“
„Damit sprechen Sie den bedeutungsvollsten und heikelsten Punkt an. Ronan hielt sich diesbezüglich Ihnen gegenüber bedeckt, weil er noch unentschieden war, inwieweit man Sie in den Stand unserer Forschungen einweihen dürfte. Er gab mir inzwischen grünes Licht, weitestgehend offen mit Ihnen zu sein, weil Geheimniskrämerei Ihre Untersuchungen zu sehr behindern würde. Außerdem wollte er zunächst sicher gehen, dass Sie beide auch tatsächlich hier erscheinen und nicht im letzten Moment abspringen würden. In dem Fall hätte man ihnen im Vorfeld zu viel erzählt.“
„Das hatte ich mir bereits gedacht“, unterbrach Mo sie schnell, um ihr einige sehr richtige Vermutungen unter die Nase zu reiben. „Ich kann aus Ronans Verhalten nur schließen, dass die Künstliche-Fotosynthese-Forschung von Donovan EAW einen sehr hohen Level erreicht hat. Wahrscheinlich steht Ihre Firma kurz davor, ein Bahn brechendes Patent anzumelden. Das würde natürlich gut erklären, warum Sie den Verdacht haben, eine konkurrierende Firma könnte hinter dem Diebstahl von Gamma 2 stecken.“
„Das haben Sie sehr klar erkannt, Larry“, lobte ihn Susan mit einem bedeutungsvollen Augenaufschlag. „Meine Aufgaben liegen nicht in der Forschung und Technik, sondern darin, die wesentlichen Abläufe auf Aqua City für meinen Mann vor Ort zu koordinieren. Sie haben ja mittlerweile verstanden, wie sehr das Projekt eine Herzensangelegenheit für ihn ist. Aus diesem Grund will er es in vertrauten Händen wissen.
Ich werde es Josh überlassen, Ihnen etwas über unsere Arbeit auf Gamma 2 zu berichten. Es wird allerhöchste Zeit zu enthüllen, dass er kein gewöhnlicher Kapitän, sondern ein promovierter Biologe ist, der sich früher selbstständig mit Meeresforschungen beschäftigte. Leider ging ihm irgendwann das Geld für seine Arbeit aus. Wie mein Mann ihn und sein Schiff freikaufte und in unsere Dienste stellte, habe ich Ihnen ja bereits erzählt.“
Während Joshs Verwandlung von einem raubeinigen und eher einfach gestrickten Seemann zu einem hoch gebildeten Wissenschaftler in Mos und Marys Wahrnehmung einige Sekunden Zeit in Anspruch nahm, setzte dieser bereitwillig zu der ihm zugedachten Erklärung an.
„Ich versuche es kurz zu machen, weil wahrscheinlich bald die Crew zurückkommt und wir den Anker lichten werden. Wir werden ja später noch genug Gelegenheit zum Reden haben.
Wie Sie schon sehr richtig vermutet haben, Larry, ist uns in der Künstliche-Fotosynthese-Forschung ein Bahn brechender Durchbruch gelungen. Ich sage Ihnen nur, was Sie wissen dürfen und müssen. Die eigentlichen technischen und chemischen Details bleiben bis zu der kurz bevorstehenden Anmeldung des Patents geheim und könnten von Ihnen als Laie ohnehin nicht auf Anhieb verstanden werden.
Wie fast jeder aus der Schule weiß, gewinnen Pflanzen im natürlichen Fotosyntheseprozess mit Hilfe von Sonnenlicht, Wasser und CO2 Energie in Form von Kohlehydrat und setzen dabei Sauerstoff frei. Wir haben bei unserer Forschung ein Augenmerk darauf gelegt, den natürlichen Prozess in seinen stofflichen Mengenverhältnissen annähernd zu imitieren, um bei der künstlichen Umwandlung von CO2 im Verhältnis nicht mehr Sauerstoff freizusetzen, als Pflanzen es tun würden. Falls die künstliche Fotosynthese eines Tages in großem Umfang eingesetzt würde, sollte auf diese Weise gewährleistet werden, dass die natürliche und ideale Zusammensetzung der Erdatmosphäre nicht zu sehr aus dem Gleichgewicht kommen würde. Uns geht es um reines Geoengineering und nicht primär um die Gewinnung von Energie. Wir wollten niemals Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe aus CO2 herstellen, sondern vor allem CO2 in Sauerstoff umwandeln, um in der späteren, umfangreichen Anwendung wie in einem großen Experiment Erkenntnisse über den Treibhauseffekt und alle mit ihm zusammenhängenden Klimaphänomene zu gewinnen. Die frei werdende Energie sollte möglichst in elektrische Energie umgewandelt und für den Betrieb der Anlage selber verwendet werden. Wir nahmen uns von Anfang an die Arbeit der Natur – also die der Pflanzen – zum Vorbild. Einer der Grundgedanken war, dass für jeden seit Beginn der industriellen Revolution gefällten, an Krankheiten gestorbenen und in Waldbränden umgekommenen Baum ein künstliches Ersatzmodul geschaffen werden muss, um den Ausfall seines CO2-Bindungsvermögens zu kompensieren. Sehr idealistisch gedacht sollte uns dies die Zeit einbringen, um die Erde über Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte gründlich wieder aufzuforsten. So formuliert Ronan Donovan das geistige und praktische Erbe, das er an die Welt weiter geben will.
Alles, was Ziel unserer Forschung war, haben wir mittlerweile fast erreicht. Unsere Pilotanlage auf Gamma 2 konnte der Atmosphäre innerhalb der letzten 6 Monate annähernd 13 Tonnen CO2 entziehen, was ungefähr der CO2-Speicherfähigkeit von einem Hektar durchschnittlichen europäischen Waldes innerhalb eines Jahres entspricht. Dabei gelang es uns, die entstehende Energie in Form eines elementaren Kohlenstoffs zu gewinnen und durch eine Kohlenstoff-Brennstoffzelle in elektrische Energie umzuwandeln. Das bei der Verbrennung entstehende CO2 liegt natürlich ganz erheblich unter der Menge, die zuvor gebunden worden war.“
„Das hört sich so an, als wäre Ihnen tatsächlich eine bahnbrechende und Welt verändernde Erfindung gelungen!“, zeigte sich Mo aufrichtig beeindruckt. „Ist das alles bereits so ausgereift, um in näherer Zukunft größere Anlagen bauen und in Betrieb nehmen zu können?“
„Im Grunde schon. Unsere Testreihen befanden sich im Endstadium und die Anmeldung des Patents war bereits in greifbare Nähe gerückt. Sobald wir das Patent in der Tasche haben, werden wir erheblich leichter einen Geldgeber finden, der bereit ist, sein Kapital in den Bau einer ersten, großen Künstliche-Fotosynthese-Anlage zu investieren. Es existieren bereits Pläne, sie an der Küste Norwegens zu bauen. Sie wissen ja, die Norweger sind in der Anwendung und Entwicklung von innovativen Energiegewinnungs- und Umwelttechnologien anderen europäischen Ländern oft einen Schritt voraus.“
Joshua hielt inne, weil er Stimmen und Schritte an Deck hörte, die von der wiederkehrenden Mannschaft stammten. Mary nahm die Unterbrechung zum Anlass, um schnell einzuwerfen:
„Diejenigen, die Gamma 2 kaperten, passten dafür offenbar den Zeitpunkt genau ab. Es sieht so aus, als wären sie über den Stand der Entwicklung genau im Bild gewesen. Sie brauchten sich nur noch die fertig gebaute Erfindung in die Tasche zu stecken. Wieso behaupten eigentlich so viele, Gamma 2 wäre versenkt worden? Es ist doch erheblich wahrscheinlicher, dass man die Plattform gestohlen hat.“
„Beides ist wahr, Esther. Die Plattform wurde sicher versenkt, weil sie zu groß war, um sie verschwinden zu lassen. Schließlich wurde sie in den Tagen und Wochen nach dem Diebstahl weder auf See noch an einer Küste gesichtet. Das technische Herz der Anlage wurde wahrscheinlich zuvor ausgebaut und an Bord irgendeines Schiffes geschafft.
Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss an Deck und die Mannschaft instruieren. Sobald alle zurückgekehrt sind, stechen wir in See.“
Als Joshua daraufhin bereits seinen großen, kräftigen Körper durch die schmale Kajütentür zwängen wollte, hielt Mo ihn noch für einen Moment zurück.
„Sie müssten doch momentan mit Hochdruck daran arbeiten, das Patent so schnell wie möglich anzumelden. Es ist ja jetzt so etwas wie ein Wettlauf darum mit den Dieben von Gamma 2 entstanden, nicht wahr?“
„Natürlich, ja. Zwar würden sich diejenigen verraten, die in nächster Zeit unsere Erfindung anmelden, aber ein Diebstahl wäre schwer nachzuweisen, wenn die Erfindung über anonyme Dritte erworben wurde. Leider sind wir gezwungen die Anlage schnell wieder aufzubauen, weil zur endgültigen Anmeldung des Patents noch einige Testreihen und Verfeinerungen nötig sind. Da unsere Werft Bloom & Blacksmith sobald keinen Ersatz für Gamma 2 liefern kann, haben wir diese Arbeit am Festland in einer Industriehalle in den Docklands von London begonnen, bis wir Platz auf einer der anderen Forschungsplattformen geschaffen haben. Es schreitet alles gut voran, aber es ist natürlich trotzdem unglaublich ärgerlich, kostspielig und nervenaufreibend für uns.
Und nun wünsche ich Ihnen schon einmal eine angenehme Überfahrt. Seien Sie froh, dass ich das Schiff auf dem Rückweg führen werde. Mit Susan am Steuerrad würde es sehr ungemütlich werden. Sie ist ein richtiger kleiner Dämon zur See, der selbst einen alten Seebären wie mich mit Leichtigkeit in die Tasche stecken kann!“
-
Die kleine Segeljacht wurde während der Überfahrt von einem so starken Wellengang geschüttelt, dass Mo und Mary es vorzogen, bei Susan in der Kajüte zu bleiben und sie weiter über Aqua City zu befragen. Die erfahrene Seglerin stellte dabei eine aufreizende Ruhe zur Schau, obwohl immer wieder Bestandteile der Inneneinrichtung laut scheppernd zu Boden fielen und der Holzrumpf der betagten Segeljacht so heftig gegen die Wellen knallte, als ob er jederzeit zu zerbrechen drohte.
Als sie kurz vor dem Erreichen des Zieles von einem Mitglied der Crew zu Joshua auf Deck gebeten wurden, folgten sie der Aufforderung nur widerwillig. Beim Öffnen der Abdeckung des Niedergangs klatschte ihnen ein Schwall kaltes Nordseewasser auf die Haare und als sie sich zu dem Kapitän in den engen, das Steuerrad überdachenden Decksaufbau zwängten, war ihre Kleidung schon halb durchnässt. Er machte wegen des jaulenden Winds keine großen Worte und deutete bloß nach vorne, wo sich mittlerweile in nicht viel mehr als einer Meile Entfernung die breite Silhouette ihres Zieles abzeichnete.
Sie hatten den Grundriss von Aqua City in den USA genau studiert und wussten daher, dass der Durchmesser der bewohnten Hauptinsel 50 Meter und ihre Fläche somit knapp 2000 Quadratmeter betrug. Sie wurde von einem versetzt zueinander liegenden inneren und äußeren Kreis – dem so genannten „Beta- und Gamma-Ring“ - aus je 8 kleineren Forschungsinseln umgeben, die mit ihren 25 Metern Durchmessern genau einem Viertel der Grundfläche der Hauptinsel entsprachen. Einschließlich der stegartigen Verbindungen ergab sich daraus eine Gesamtspannweite von über 160 Metern, die in der horizontalen Perspektive auf See nicht weniger eindrucksvoll als in der Satellitenansicht wirkte.
Sie näherten sich ihrem Ziel kreuzend gegen den Wind und bemerkten bald auf der Seeseite ein an großen Hochseebojen befestigtes, über 200 Meter langes Stahlgitter, das als Wellenbrecher für Aqua City diente. Die hohen Kunststoffkuppeln der kleineren Inseln mit ihren fünf Meter in den Himmel ragenden, der Ansaugung von Luft dienenden Schloten hoben sich deutlich gegen den Horizont ab, während von dem kreisrunden, dreistöckigen Aufbau der Hauptinsel aus dieser Distanz lediglich die Spitze des mit Solarpaneelen bedeckten Daches zu sehen war. An den Außenseiten der acht äußeren Inseln war jeweils ein Ausleger befestigt, an dessen Ende Windräder zur Stromgewinnung aufragten. Aus der Ferne wirkte die Anlage wie die Fantasiekulisse eines grandiosen Science-Fiction-Films; ihre ganze Gestalt schien ein bildhafter Ausdruck des Willens zu sein, die menschliche Zivilisation durch intelligente Technologie auf hoher See neu zu erfinden, nachdem sie an Land in eine bedrohliche Sackgasse geraten war.
Als sie sich ihr schon sehr weit genähert hatten, drehten sie nach backbord ab, so dass sie bald das sich breit in die Küste schneidende Maul der Themsemündung in etwa 15 Meilen Entfernung direkt vor Augen hatten. Die Miss Mary Blue zog eine weite 180-Grad-Schleife und lief dann auf den landwärts zeigenden, zu dem kleinen Hafen von Aqua City führenden Einfahrtskanal zu, dessen Öffnung sich durch das Fehlen einer der verbindenden Stege zwischen den Modulen Beta 5 und Gamma 5 ergab. Der sichtbar über der Wasserlinie liegende Teil der Inseln, die im Beta- und Gamma-Ring lagen, hatte die exakte Form einer Halbkugel und entsprach in seiner Höhe dem Radius seines 25 Meter langen Grunddurchmessers. An jeder Insel zog sich eine breite Lichtöffnung in einem durchgehenden Streifen um die gesamte Kuppel und wurde durch schmale Edelstrahlstreben ästhetisch in wechselnde Dreiecksformen unterteilt; analog dazu wurde das weiße Kunststoffmaterial der Außenhülle überall durch kleine, plane, dreieckige Flächen optisch strukturiert. Was aus der Ferne zunächst Ähnlichkeit mit schwimmenden, pilzförmigen Zeltkuppeln gehabt hatte, wirkte aus der Nähe so raffiniert, erhaben und futuristisch, als hätte man bewusst eine Ähnlichkeit zu einem ultramodernen Forschungsmodul einer imaginären Raumfahrtmission hergestellt.
Der Seegang hatte durch den großen Wellenbrecher nachgelassen, so dass sie bald mit langsamer Maschinenfahrt und gestrichenen Segeln den Hafen anlaufen konnten. Mo und Mary wurden von dem Anblick des dreistöckigen Aufbaus der Hauptinsel gefesselt, der mit seinen großflächigen Fenstern, seiner in verschiedenen Mustern variierenden Verkleidung aus Holz- und Edelstahllamellen und seinem kuppelförmigen, vollständig mit Solarpaneelen bedeckten Dach so durchdacht wie ein postmodernes Architekturexperiment wirkte. Alles, was sie bis hierher staunend in sich aufgenommen hatten, lief immer wieder auf eine absolut nahe liegende Frage hinaus. Es war Mary, die sie schließlich stellte, als Susan kurz vor dem Anlegemanöver an Deck erschien.
„Die Konstruktion von Aqua City muss einen unglaublichen Aufwand bedeutet haben. Wäre es nicht effizienter gewesen, ein Forschungszentrum an Land zu einem Bruchteil der Kosten zu bauen?“
„Das müssten Sie sich eigentlich selber beantworten können, mein Kind!“, reagierte Susan mit einem stolzen Lachen darauf. „In der kapitalistischen Weltordnung ergibt sich Effizienz nicht allein aus einem guten Produkt zu geringen Kosten, sondern zu einem großen Teil auch aus guter Werbung und Image. Fast alles, was Sie hier sehen, hat sich längst dadurch amortisiert, dass uns die Bekanntheit von Aqua City wichtige Geldgeber eingebracht hat. Das gesamte Projekt ist von Anfang an auf Besonderheit angelegt. Sie müssten durch Ihre Recherchen wissen, was uns vor vier Jahren auf einen Schlag weltberühmt machte: Es war die spektakuläre Atlantiküberquerung, die Aqua City nach seiner Fertigstellung von der Küste Virginias an die französische Atlantikküste führte.“
„Gab es bestimmte Gründe außer Werbung, warum Sie nicht in den USA blieben?“, fragte Mary freundlich weiter, obwohl der Ausdruck „mein Kind“ in ihren Ohren etwas großspurig und herablassend klang.
„Oh ja, die gab es allerdings! Das Verlassen der Heimat war als eine Form von Protest darüber zu verstehen, dass die amerikanische Regierung immer wieder die Ratifizierung wichtiger Klimaziele verweigerte. Diesen Protest hatten wir damals intensiv über die Medien kommuniziert. Obwohl die Überquerung des Atlantiks mit Hilfe von Schleppschiffen eine hübsche Stange Geld kostete und leider nicht klimaneutral verlaufen konnte, entschieden wir uns bewusst, die Zukunft unserer Forschung im europäischen Raum zu suchen. Hier ist man im Allgemeinen für Klimaschutz und –politik offener.“
Susan lehnte sich an die Reling und inhalierte genießerisch die salzige Seeluft ein. Nach einer Weile setzte sie hinzu:
„Zu dem Standort auf See ist ansonsten noch zu sagen, dass er nicht nur sehr gesund und inspirierend ist, sondern natürlich auch eine große Freiheit in sich birgt. Bringt zum Beispiel ein Land nicht genügend Interesse für unsere Forschungen auf, steht es uns jederzeit frei, unsere Anker wieder zu lichten und uns einen neuen Standort zu suchen. Die Grundidee von Aqua City war die Schaffung eines Konglomerats von mobilen, schwimmenden Forschungsmodulen, die jederzeit in einen anderen Weltteil verlegt werden können. Die Insel ist nicht nur hochseefest, sondern auch autark, weil wir durch die Solarmodule und Windgeneratoren eine eigene Stromversorgung haben.“
Kurz nach dem Ende von Susans Erläuterungen legte die Jacht an einer großen, frei schwimmenden Holzplattform an, die durch eine Edelstahltreppe mit dem Eingang von „Alpha 1“ verbunden war. Sie wurde rechts und links von zwei langen Masten flankiert, an denen je eine Fahne mit dem bekannten Motiv von Aqua City wehte. Es zeigte ein geometrisches Gebilde in Form einer sternenförmigen Blüte, dessen Grundform exakt der Satellitenansicht der Gesamtinsel entsprach und in das in der Mitte der Name „Aqua City“ in Form eines bunten Logos eingearbeitet war.
Susan, Mo und Mary verließen vor der Crew und dem Kapitän das Schiff und stiegen die von Algen benetzte Edelstahltreppe zu den schmalen, verglasten Eingangstüren von Alpha 1 hinauf. Sie lagen mehrere Meter hoch sicher über der Wasserlinie und waren in wasserdichte Rahmen eingebaut, deren Form an die Schotten eines Dampfers erinnerte. Nach der Eingabe eines Codes schob sich eine von ihnen automatisch zur Seite und ließ sie direkt auf einen breiten Hauptgang gelangen, der sich über den gesamten Durchmesser der Hauptinsel von einem Ende zum anderen zog.
„Seefahrttechnisch betrachtet definiert sich Aqua City als eine Hybridform aus einem Schiff und einer Schwimminsel“, erläuterte Susan derweil. „Es ist eine Schwimminsel, weil es eine ausgedehnte Fläche hat und über keinen eigenen Antrieb verfügt, und ein Schiff, weil die Rümpfe unter der Wasserlinie stromlinienförmig sind und jeweils mit einem synchron geschalteten Ruder ausgestattet sind. Das erleichtert die Manövrierfähigkeit bei einer Verlegung unserer Position ungemein.“
Im Kontrast zu der aufwändigen Fassade wirkte der Gang durch seinen rutschfest gummierten, schwarzen Boden und seine weißen, kunststoffverkleideten Wände simpel und schmucklos und schien überall gegen potentiell einströmendes Wasser gewappnet worden zu sein. Längliche Sichtfenster gaben den Blick in klinisch rein wirkende Forschungslabore frei, die großräumig ineinander verschachtelt waren und mit langen Arbeitstischen sowie einer verwirrenden Vielzahl von Apparaten ausgestattet waren. Während sie vor einer der Scheiben stehen blieben und einige vor Computerbildschirmen sitzende Frauen und Männer bei ihrer Arbeit beobachteten, erklärte Susan weiter:
„Das hier ist sozusagen das Gehirn und die Schaltzentrale von Aqua City. Hier findet in 16 kleinen Abteilungen eine zentrale Auswertung aller Daten statt, die auf den einzelnen Forschungsinseln auflaufen. Am Ende des Gangs befindet sich ein größerer Technikbereich, der mit der Stromsversorgung und den Computeranlagen zusammenhängt. Im ersten Geschoss gibt es neben ein paar weiteren Technikräumen diverse Büros, in denen unter anderem auch zwei Mitarbeiter des Internetblogs arbeiten, den meine Tochter Una von New York aus leitet. Im obersten Geschoß befinden sich dann noch die Unterkünfte und eine Kantine für alle Mitarbeiter. Zurzeit arbeiten bei uns 33 Wissenschaftler sowie 30 weitere Leute - die englischen Ökologie-Studenten einmal nicht mitgezählt.
So, und bevor Sie später mehr erfahren, wird Sie jetzt sicherlich erst einmal Ihre Unterkunft interessieren. Wir haben uns da etwas ganz Besonderes ausgedacht!“
Als sie ihre Gäste bei dieser Ankündigung plötzlich nach links in einen schmalen Gang führte und eine unscheinbare Eisenluke öffnete, spuckte sie Alpha 1 nach wenigen Minuten bereits wieder aus. Ihnen pfiff eine steife Seebrise um die Ohren und sie betraten einen der Stege aus Eisenrosten, die zu den kleineren Inseln hinüberführten. Dabei verursachte der Wind in den Stahllamellen der Außenverkleidung von Alpha 1 eine so interessante Melodie aus ungewöhnlichen Pfeif- und Zischlauten, als ob es Absicht der Konstrukteure gewesen wäre.
Die erneute Eingabe eines Codes öffnete die automatische Schiebetür des Moduls Beta 8, wonach sich sofort ein modriger Algen- und Meerwassergeruch um sie verbreitete. Der Geruch verriet aus sich selbst, dass hier der Forschungsbereich untergebracht sein musste, der sich mit der Aufzucht von Meeresalgen durch CO2 beschäftigte.
„Wir können da nicht ohne Sauerstoffmaske rein, weil die CO2-Konzentration sehr hoch ist. Deshalb gehen wir hier außen entlang“, verriet die „Chefin“ – wie Joshua sie ironisch genannt hatte - als sie in einen verglasten, am rechten Rand der Insel entlang führenden Durchgang abbog. Der gesamte Boden von Beta 8 bestand aus einem einzigen Algenbecken mit Ausnahme einer glänzenden Edelstahlapparatur in der Mitte, die mit dem großen, an der Spitze der Kuppel eintretenden Luftschlot verbunden war. Als sie das andere Ende des unbemannten, lediglich von Kameras überwachten Moduls erreichten, hatten sie die Wahl zwischen zwei Ausgängen, da die Plattformen des außen liegenden Gamma-Rings durch je zwei Stege mit zwei Plattformen des innen liegenden Beta-Rings verbunden waren. Die daraus resultierenden Dreiecksformen ergaben in der Vogelperspektive einen sternenförmigen Umriss, der nicht nur an eine Blüte, sondern durch die Stegverbindungen auch an eine Molekularstruktur erinnerte. Susan wählte den weiter links liegenden Ausgang und meinte beim Verlassen des Moduls mit einem etwas anzüglichen Grinsen zu Mo:
„Ich hoffe, Sie werden die Situation nicht ausnutzen, Larry. Wenn wir Sie beide ganz allein hier draußen unterbringen, dann nicht, weil wir sie etwa verkuppeln wollten. Auf Alpha 1 ist zurzeit kein Quartier mehr frei, weshalb Sie mit einer kleinen Wohneinheit auf Gamma 7 Vorlieb nehmen müssen.“
Da die Abstände zu den rechten und linken Nachbarinseln im äußeren Ring naturgemäß größer wurden, schien ihre Einquartierung auf Gamma 7 einer Verbannung an einen der einsamsten und am weitesten draußen liegenden Orte von Aqua City gleichzukommen. Der diagonal verlaufende Steg war länger als die Stege, die zwischen Alpha 1 und den Beta-Inseln lagen, und wurde an einigen Stellen von der spritzenden Gischt der heftig bewegten See überspült. Die Ächz- und Knarrgeräusche der unter Wasser liegenden Stahlverbindungen der Inseln klangen so bedrohlich bis zu ihnen hinauf, als drohten sie jederzeit auseinander zu brechen.
Als sie es in einem günstigen Augenblick schafften, samt ihres Gepäcks trockenen Fußes hinüberzugelangen, wurden sie beim Betreten des Moduls von einer gespenstischen Stille umfangen. An dem Rumpf und der dicken Außenhülle von Gamma 7 war nur noch ein leichtes Klatschen der Wellen zu hören, während aus dem Zentrum das sonore Surren einer komplexen technischen Anlage an ihre Ohren drang. Sie bestand aus mehreren großen Edelstahlbehältern und einem verwirrenden Geflecht aus Rohren und Apparaturen, deren Funktion für Laien schier undurchschaubar war.
„Staunen Sie nur!“, rief Susan lachend, als sie die großen Augen der beiden Detektive sah. „Die Bedeutung dieser Versuchsanordnung dürfte nicht sehr viel geringer als unsere große Künstliche-Fotosynthese-Forschung anzusetzen sein. Diese Anlage kann CO2 aus der Luft extrahieren und in einen elementaren Kohlenstoff umwandeln. Man kann ihn beliebig lange aufbewahren, bis eines Tages Technologien zu seiner sinnvollen und klimafreundlichen Weiterverwendung entwickelt worden sind. Und auch daran arbeiten wir bereits. Was Sie hier sehen, wäre schon heute im großen Stil anwendbar, wenn nur genügend Regierungen und Geldgeber ernsthaftes Interesse an dem Bau größerer Anlagen zeigen würden. Damit würde sich das CO2-Problem quasi in Luft - beziehungsweise Kohle – auflösen!“
Erst beim Weitergehen bemerkten sie, dass im oberen Bereich der Kuppel ein zweites Geschoss eingebaut war. Es war durch eine eng gewundene, ihm hinteren Bereich des Moduls befindliche Eisenwendeltreppe zu erreichen und lag oberhalb der großen Lichtöffnung, die sich auf halber Höhe der Kuppel rund um ihren gesamten Umfang zog.
„Da oben befindet sich Ihr Quartier. Sie werden dort alles finden, was Sie benötigen. Sie sind hier unter sich, da die Anlage zentral vom Hauptlabor aus gesteuert wird und nur selten jemand hier heraus kommt.
So, und nun lasse ich Sie allein. Joshua wird Ihnen den Rest Ihres Gepäcks bringen und alles Weitere erklären. Er wird Ihnen eine Liste mit allen Türcodes von Aqua City aushändigen, so dass Sie sich uneingeschränkt frei bewegen können. Außerdem wird er Ihnen den Weg zur Kantine zeigen, wo wir nachher alle gemeinsam zu Abend essen werden.“
Susan begab sich zur Tür und ließ die beiden Detektive etwas ratlos mit der sonor summenden Anlage zurück. Beim Hinausgehen rief sie ihnen zum Abschied zu:
„Wussten Sie übrigens, dass Aqua City bei den Engländern bloß Die Anti-CO2-Maschine heißt? Zumindest an der Ostküste ist dieser Name allen bekannt.
Und nun legen Sie sich erst mal trocken. Sie haben mit Ihren Untersuchungen keine Zeit zu verlieren. Am besten werden Sie sich noch heute Abend überall umsehen und die ersten Gespräche mit unseren Leuten führen. Vergessen Sie dabei nicht, in welcher Rolle Sie hierher gekommen sind: Esther Morgan und Larry Keene sind neugierige Reporter und wissen genau, welche Fragen sie stellen dürfen und welche nicht!“
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