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Belinda Cannone

Vom Rauschen und Rumoren der Welt

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Tobias Scheffel


Le monde est ma provocation.

(Gaston Bachelard, L’Eau et les Rêves)

Inhalt

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Über den Autor

01

Heiseres Stöhnen erreicht sie vom Wäldchen, von der anderen Seite des Hauses oder des weiter entfernt liegenden Nachbarhauses. Ihr Ohr kann die Entfernungen nicht gut abschätzen. Verschreckt wirft sie sich in ein Gebüsch, bleibt mit dem Kleid in den Dornen hängen, wo es reißt, und unter ihr wuseln ein paar Insekten davon, sie unterdrückt eine Regung des Abscheus: Da die Anwesenheit der Viecher unmöglich zu ignorieren ist, muss sie sich wohl an sie gewöhnen. Aus dem Stöhnen glaubt sie Angst herauszuhören. Und ein Klagen, voller Schmerz. Fühlt sich da jemand verlassen? Sie kann zu ihm (oder ihr) gehen, um ihn zu trösten, aber wenn sie das tut, begibt sie sich womöglich in dieselbe Situation wie er (oder sie), in die Situation, die das Stöhnen verursacht hat. In Schwierigkeiten. Sie ist klein. Links, unter einem Strauch, wilde Mäuseflucht. Schließlich nimmt sie an, dass die Klage von weiter weg kommt und vorerst keinerlei Bedrohung für sie darstellt. Also nachsehen. Das Kleid durch Hin- und Herzerren befreien (den Riss verschlimmern) und sich der Geräuschquelle auf Zehenspitzen nähern (ihre Schritte dröhnen wie Hammerschläge auf dem Erdboden: An der Leichtigkeit muss noch gearbeitet werden). Vor dieser Alternative stand sie schon früher: den Kopf zwischen die Arme ducken, um nichts zu sehen, oder doch besser auf die Dinge zugehen, sich selbst ein Bild machen. Das Stöhnen, das wieder eingesetzt hat, macht den Weg unheimlich, die Bäume sind größer, die Stämme verbergen Wesen, Ameisenhaufen brummen, Vogelrufe durchbohren die Trommelfelle, ein Zweig, der krachend unter dem Schuh bricht, lässt aufschrecken, Tiere flüchten Richtung Dickicht. Im Nachbarhaus hört sie, wie die Mutter zur Tochter sagt, sie solle ihr Zimmer aufräumen, und wie im Obergeschoss das Radio den Seewetterbericht verkündet. Nach etwa hundert Metern bricht der Klagelaut ab: Ohne Zweifel hat man mitbekommen, dass sie sich nähert.

Mehr denn je wünscht sie sich jetzt, leise zu sein, wie ein Indianer oder eine Katze gehen zu können, nur ein wenig die Luft zu zerknittern und sich wie auf Lederballen fortzubewegen (aber diese groben Schuhe), den anderen zu hören, ohne selbst gehört zu werden, den anderen, der jetzt unaufhörlich stöhnt, sicher vor Angst oder um zu rufen. Jeanne erfasst jede einzelne Modulation und wird von einem Schwindel gepackt, der sie mit einem Satz zu deren Quelle schleudert. Der Anblick der hingemetzelten Fuchswelpen ist so grauenvoll, dass sie sich übergibt.

Sie erinnert sich an die Worte der Bauern, Der Fuchs ist ein Schädling, an den Protest ihres Vaters, Das ist ein Hühnerstandpunkt!, an den weit zurückliegenden Tag, als sie die Bedeutung von Standpunkt gelernt hat, an die Art und Weise, wie der Vater ihr Wörter beibringt – sie mag noch so sehr versuchen, ihre Gedanken von dem Bild abzulenken, es ist einfach da. Noch einmal sieht sie hin und wieder muss sie sich ein bisschen übergeben.

Drei mit kleinen Fuchsschwänzen wedelnde Kinder tauchen lachend aus dem Dickicht auf und machen sich über sie lustig, sie flieht.

Der Lärm ihrer trampelnden Schritte hallt in ihrem Kopf wie in einem Bottich. Sie rennt mit gleichmäßigem Rhythmus, durchquert das Wäldchen, läuft auf den nächsten Weiler zu, von Zeit zu Zeit peitscht ein Zweig ihren Arm, sie spürt nichts, überspringt Büsche und Steine, ihre Waden durchschneiden die Luft. Sie weiß nicht, wie sie es stoppen kann, ihr irres Rennen geradewegs ins Nirgendwo.

02

Ihr irres Rennen geradewegs ins Nirgendwo hat sie zu ihm geführt, der vor seiner Tür in der Sonne faulenzte, die Augen geschlossen – seit dem Erwachen der Eindruck, ein wässriger Film bedecke die Welt, da kann man auch gleich nach innen schauen –, und neugierig auf die kleinen, hastig näherkommenden Schritte lauschte.

Mit verstörter Miene hatte sie den Weiler erreicht, und als sie an seinem Haus vorbeilief, hat er sie gestoppt. Erstaunliche Intuition, wundersamer Zufall, es ist, als hätte sie ihn, Jodel, gesucht. Er musste sie sanft am Arm festhalten, ihre Beine wollten weiter ins Leere treten – schließlich sank sie vor ihm zusammen.

An diesem Tag ihrer ersten Begegnung haben sie nur von den Fuchswelpen gesprochen. Sie hat ihm die Szene in allen Einzelheiten geschildert. Er war erstaunt über ihre Genauigkeit und Klarheit. Sie sagte Zum ersten Mal tut mir etwas weh, das nicht mir passiert ist. Sie suchte in seinem Blick zu erkennen, ob er sie richtig verstand, und er mochte ihre großen fragenden und besorgten Augen. Sie überlegten gemeinsam. Die Verantwortlichen waren Kinder, also Ihresgleichen, und deshalb ging ihr die Verletzung so nahe. Keine Erwachsenen oder gar Bauern, die einen Grund gehabt haben könnten, was immer der auch wert gewesen wäre. Nein. Ein willkürlicher Akt. Begangen von Ihresgleichen. Es war also tatsächlich ihr passiert, irgendwo in ihr.

Jeanne gefiel ihm sehr, so mager und wach. Mit gespitzten Ohren. Ein kleines Paket aus Muskeln und Energie. Von Zeit zu Zeit schluchzte sie, dann beruhigte sie sich wieder. Sie war vielleicht elf oder zwölf.

Erst als Jeanne zwei Tage später wiederkam, begriffen sie. Sie trank ein Glas Mandelmilch vor seiner Tür, sagte ein bisschen beunruhigt Da weint ein Baby und deutete in eine Richtung. Er antwortete Ja, das ist Joseph. Dann, ein paar Sekunden später wurde ihm bewusst, dass er stets der Einzige gewesen war, der Joseph in einem dreihundert Meter weit entfernten Haus weinen hören konnte. Wundersamer Zufall, bemerkenswerte Intuition, war eine kleine weibliche und kindliche Doppelgängerin zu ihm gelangt, um sein Leid zu teilen?

Vorsichtig befragte er Jeanne: Ob sie gut höre? Oh, sehr gut. Ob sie besser höre als andere? Ja, den Eindruck habe sie ständig, Aber ich habe mir angewöhnt, nichts zu sagen, die Leute glauben mir nicht oder sehen mich komisch an, ich bin immer die Erste, die warnt, wenn ein Kind weint. Und Insekten, kleine Tiere? Ja, sie höre alles, alles, aber ein bisschen durcheinander. Er wischte sich eine kleine Träne von der Wange. Jeanne ging das nicht so nahe: So jung, ahnte sie nicht, wie selten Menschen ihrer Art waren.

Seitdem kommt sie täglich am späten Nachmittag. Verbundenheit von Versehrten. Sie besucht ihn nach der Schule, mit ihrem lebhaften Gang eines Nymphenkindes, er macht ihr eine Mandelmilch, und sie reden über ihren Tag. Nie mehr über die Fuchswelpen. Um die Geräusche, die sie belästigen, zu zähmen, bringt er ihr bei, das Pochen der Ameisenkolonnen zu mögen, ihre vielfältigen, ruckartigen Schritte, die ganz sacht sind und ganz fern, den langsamen Gang der Skarabäen, so schwer, dass man selbst einen einzelnen auf der Straße laufen hört, und das Zischen der Nattern, fein wie ein Lüftchen im Laubwerk. Aber die Geräusche vermischen sich: Sie muss lernen, die Feldtiefe zu berücksichtigen, den Abstand zwischen den einzelnen Geräuschen zu bestimmen und sich erst auf das eine und dann auf das andere zu konzentrieren. Viel Arbeit. Und das braucht Zeit. Er hat Zeit. Sie ist so klein.

Der Schleier vor seinen Augen hat sich verflüchtigt, und die Welt ist beim Erwachen wieder klar – er ist also gar nicht so sehr gealtert. Ist das Jeanne zuzuschreiben? Er hat keine Ahnung. Er sieht besser. Oder zumindest hat er das Bedürfnis wiedergefunden, sich umzuschauen – das Leben ist nicht mehr nur seine Ohrmuschel.

03

Seine Ohrmuschel bereitet ihm heute Morgen, als er in der Sackgasse vor dem Labor parkt, keinerlei Vergnügen. Ein Mopedmotor, der die kühle Luft zerreißt, weckt Mordgelüste. Nach der Stille seines Weilers fällt ihm die Durchquerung des Städtchens immer schwer: der Eintritt in den Lärm. Deshalb kommt er sehr früh, noch vor Sonnenaufgang, vor all dem Krach. Zum Glück liegt das Labor nicht in der großen Stadt. Sobald er die Tür seines Büros hinter sich schließt, ein leichtes Druckluftgeräusch, beruhigt ihn der schalldichte Raum. Die Geräte schlummern in vertrautem Durcheinander, Blätter mit Notizen liegen ordentlich gestapelt auf dem Schreibtisch, die Teekanne hält sich bereit. Ruhe des äußeren Scheins. Er setzt Wasser auf. Heute hat er zwei Diktafon-Kassetten zu analysieren. Ein Betrugsfall, wenn er sich recht erinnert. Gut. Er kopiert die erste auf den Rechner, dann legt er sie in den Schrank mit den Asservaten. Jemand wird sie abholen, um sie zu versiegeln.

Und nun kommt trotz allem, trotz aller Routine, der Moment, in dem er auf Stille und Frieden verzichtet und sich anschickt, dem Elend der Welt eine Stimme zu geben, der Moment, in dem er sich darauf einlassen muss. Er setzt sich, schenkt sich eine Tasse Tee ein, in einer Sekunde wird die Aufnahme ihre Miasmen freigeben, werden die übel riechenden Ausdünstungen seine Ohren überfallen, er täte besser daran, sich zunächst die Akte durchzulesen. Er setzt die Kopfhörer auf, sein Zeigefinger drückt die ENTER-Taste, und der Bildschirm füllt sich mit farbigen Diagrammen, Irène? Ich bin’s, mach auf! (Raucherstimme, weiter weg, körnig, Schloss-, dann Türgeräusch) Ja was, hast du dich verrammelt? (er redet leise) – Quatsch, ich hab dich erwartet, Mann (Irène raucht ebenfalls, Schritte im Raum) – Mach schon, was wolltest du sagen? (unregelmäßige Geräusche, wahrscheinlich Reibung am Mikrophon des Geräts in einer Hosentasche) – Find deine Idee nicht gut – Hast du schon gesagt. Wirst dich damit abfinden. So. Die Eindringlinge haben seine innere Bühne erobert.

Er unterbricht das Abhören. Vorhin hat er im Morgenlicht einen roten Pfeil über die Straße schießen sehen – er dachte Ein Fuchs, aber er war sich nicht sicher, zu stark von der jüngsten Geschichte beeinflusst und den Glanz der Sonne auf dem Fell hat er noch lange auf der Netzhaut behalten. Sollte es doch noch so viele Füchse geben? Ein Rest Wildnis. Irène? Ich bin’s, mach auf! Ja was, hast du dich verrammelt? – Quatsch, ich hab dich erwartet, Mann – Mach schon, was wolltest du sagen? – Find deine Idee nicht gut – Hast du schon gesagt. Wirst dich damit abfinden. Wo ist es? Heute Vormittag Faulheit, akusmatische Faulheit. Er macht eine Kopie der Aufnahme und beginnt, in der neuen Datei, die er DIALOGE nennt, die Nebengeräusche zu unterdrücken, um nichts als die Stimmen herauszufiltern. Die ziemlich hässlich sind. Ohne Güte. Misstrauisch, würde er sagen. Vor allem der Mann. Wie gewohnt zieht zunächst der Sinn der Worte seine Aufmerksamkeit an sich. Er muss diese Anziehungskraft überwinden, um den Rest zu hören. Wo ist es? Wo ist was? Er kann sich einfach nicht erinnern, was man ihm über den Fall gesagt hat, er muss die Akte durchlesen, irgendwo in seinem Stapel. Er hat sie an dem glanzvollen Tag seiner Begegnung mit Jeanne bekommen, und alles, was nichts mit dem Mädchen zu tun hatte, ist in Gleichgültigkeit versunken. Seitdem ist jeder Tag leichter, auf ihr Treffen ausgerichtet, und er fühlt sich weniger schwermütig als zuvor. Marc klopft an seine Tür.

— Guten Morgen, wie geht’s?

— Danke und selbst?

— Alles ruhig. Kann ich die Kassetten mitnehmen?

— Nur die erste, du weißt ja, wo sie ist.

— Okay, bis später.

Er geht ein Stück zurück, säubert achtundzwanzig Sekunden Aufnahme und macht weiter. Es ist bei mir – Wo? – Ist doch egal – Ich glaub, ich nehm es mit – Ich glaub nicht (Rascheln von Stoff, sie bewegen sich, Geräusch einer aufgedrückten Tür) – Ach, da versteckst du es. In der Überraschung packt ihn Brechreiz: Das Stöhnen zerreißt die Luft im Büro, obwohl es ganz leise ist. Er unterbricht, springt auf und läuft durch den Raum. Setzt sich wieder. Was er nicht ertragen würde, ganz und gar nicht ertragen würde: Wenn dieses Klagen, denn er ist sich fast sicher, dass es ein Klagen ist, aus der Kehle eines Kindes käme. Er würde gern unbeschwert bleiben, so unbeschwert wie möglich. Nicht von der Brutalität erfasst werden. Ach, da versteckst du es. Dann das Klagen.

Beklommen sucht er in dem Stapel nach der Akte, wie hat er nur den Inhalt vergessen können, er muss doch einen Blick darauf geworfen haben. »FÜR JODEL PAQUINSEUL. Fall Irène Gaspard. Zwei von Madame Gaspard übergebene Diktafon-Kassetten. Sie war an einer Kindesentführung mit Lösegeldforderung beteiligt. Die Eltern haben das Lösegeld sofort gezahlt, ohne die Polizei zu informieren. Daraufhin hat ihr Komplize (sie nennt ihn Tonio, kennt aber seinen Nachnamen nicht) beschlossen, eine zweite Zahlung zu fordern. Sie hat Angst bekommen und begonnen, ihre Gespräche aufzunehmen, um sich abzusichern. Tonio hat das Kind weggebracht. Madame Gaspard hat sich gestellt, sie gibt ihre Beteiligung an der Entführung zu, nicht aber am Verschwinden des Kindes. Sie sitzt in der Santé ein. Das Kind wurde bis heute nicht gefunden. Es gilt nun, Tonio und das Versteck des Kindes ausfindig zu machen.« In einem beigefügten Dokument drei Fährten hinsichtlich Tonios Identität sowie Angaben zu früheren Fällen mit Tonaufnahmen der Stimmen von drei Verdächtigen und zu den bekannten oder möglichen von Irène Gaspard genannten Orten, allesamt in Paris.

Er beschließt, bei Marc im Büro nebenan einen Kaffee zu trinken.

Er sagt Noch so ein ekelhafter Fall.

— Wir haben es selten mit Nettigkeiten zu tun.

— Ja, aber ich bin’s leid.

— Das sagst du jedes Mal. Aber stimmt schon, eine Kindesentführung … Sind die Kassetten heftig?, fragt Marc. (Sein Magen knurrt.)

— Ich bin noch nicht ganz durch. Aber man hört es.

— Das Kind?

— Ja. Und das Schreckliche ist: Wenn ich sie höre, sehe ich sie auch. Es ist, als stünden sie alle drei vor mir, die beiden Raucher, die Stimme kaputt von all dem Dreck, den sie ihr Leben lang von sich geben, misstrauische Stimmen, die nie irgendjemandem vertraut haben … Übel wie nur was. Und das verängstigte Kind.

Bei Marc hängen Poster an den Wänden, Berge im Sommer, tropische Kokospalmen, eine lächelnde Tahitianerin, die Luftaufnahme eines Schlosses mit Wassergräben.

— Als ich jung war, sagt Jodel, hingen Poster wie deine auf allen Ämtern in den Büros. Es ist gut, die Tradition der Amtshässlichkeit zu bewahren. Vor allem hier. Komm, du solltest jetzt frühstücken.

— Woher weißt du, dass ich noch nichts gegessen habe?

Druckluftgeräusch der Tür. Er gibt sich einen Ruck und lässt zehn Minuten am Stück ablaufen, um zu erfahren, was sich darauf findet, und nicht die Zeit mit der Furcht vor dem Schlimmsten zu verbringen. In der dicken bullaugenähnlichen Luke, die sein Büro erhellt, sieht er plötzlich ein Frühlingsgewitter losbrechen, er stellt sich den Lärm in der Sackgasse vor, wo schwere Tropfen niedergehen, die aus dem Nichts kommen – oder aus einer wilden, aber einzelnen Wolke: Der Himmel ist strahlend blau.

Irène protestiert, Wir haben doch bekommen, was wir wollten, nicht? Wir könnten aufhören – Das wär total bescheuert, die können noch blechen – Das geht schief. Sie versucht es in allen Tonarten, von Jammern bis Drohen, Tonio schert sich nicht drum, bleibt stur Ich nehm den Jungen mit, wenn du Angst hast – Nein, lass ihn bei mir, er ist noch so klein, aber Tonio schert sich nicht drum, er hat vergessen, was es heißt, klein zu sein, Überleg’s dir nochmal, aber ich glaub wirklich, ich nehm ihn mit, und er knallt die Tür zu. Irène zischt einen Fluch und schaltet das Diktafon ab. In der folgenden Sequenz kommt Tonio in Minute zwölf mit einem Komplizen, vielleicht mit zweien, und nimmt das wimmernde Kind mit, aber man versteht nichts, Irène muss versucht haben, sich dazwischenzustellen, das Rascheln des Stoffs übertönt die Geräusche. Grauenvoll. Er versucht, die Szene nicht zu sehen.

Gegen elf geht er in sein Stammrestaurant, Les Oiseaux, das zu dieser Zeit menschenleer ist (es hat doch seine Vorteile, wenn man alles früher als seine Artgenossen macht) und vor allem ohne Musik, weshalb er es sofort ausgewählt hat, als er im Labor anfing. Vielleicht auch, weil die Wirtin, eine strenge, aber freundliche alte Frau, leise und ohne Eile spricht, die Stammgäste haben sich darauf eingestellt und unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, als müssten sie sich ihrer Ruhe anpassen. Langsam kehrt er durch die nassen Straßen zurück. Der Asphalt glänzt. Das Wasser fließt im Rinnstein.

Er macht weiter bis zum Ende der dreißigminütigen Aufnahme. Ständige Anrufe von Irène, die Tonio auffordert, das Kind rauszugeben, er weigert sich zu sagen, wo er es versteckt hält, bei Minute achtzehn sagt er, das Kind sei krank, dann ruft er an, um sich Ratschläge zu holen und zu fordern, sie solle Druck auf die Eltern machen, die Klangqualität – mit dem Diktafon aufgezeichnete Telefongespräche – ist extrem schlecht, Jodel entgehen zahlreiche Wörter, er wird alles entrauschen müssen, ja, genau. Aber zumindest kennt er den Inhalt der Dialoge auf dem ersten Band. Er muss allerdings noch überprüfen, ob die Kassette authentisch und keine Montage ist, denn die Aufnahmelautstärke ändert sich so häufig, dass man auch eine Manipulation durch Irène vermuten könnte – er wüsste nicht, warum, aber man muss alles in Betracht ziehen –, und danach wird er eine Fassung ohne Stimmen machen und die Umgebungsgeräusche verstärken, ein Versuch, Tonio und das Kind zu lokalisieren.

Um punkt fünfzehn Uhr hört er angewidert auf. Es wird schon werden. Er ist als Ingenieur für Geräuschphysik angestellt, nicht als Nationalheld. Zeit, nach Hause zu fahren, Siesta zu halten, um das frühe Aufstehen auszugleichen. Es muss nochmal geregnet haben, ohne dass er es bemerkt hat, über die erfrischte Vegetation rinnen glänzende Tropfen. Jeanne, sein niedliches Double, wird wie immer nach Schulschluss vorbeikommen. Sie hat kleine Ohren ohne Ohrläppchen, die kleben am Schädel, der obere Rand ist leicht gefaltet und ein bisschen spitz, die Windungen fein, man würde nie glauben, dass sie zu gut hört, man hielte sie für gefeit. So viel Anmut tröstet ihn. Um fünf ist sie bei ihm.

04

Um fünf ist sie bei ihm. Sie sagt, dass sie das tägliche Treffen mit Jodel um nichts in der Welt verpassen wolle, erst recht, seit er angefangen habe, sie das Hören zu lehren. Das finde sie toll. Es sei so anstrengend, sich vor dem Lärm der Welt zu schützen, das könne er sich nicht vorstellen.

— Seit einiger Zeit schaffe ich es, meine Ohren zu verschließen, ganz tief in mir zu versinken und zur Schlafwandlerin zu werden. Aber wenn ich danach in das Tohuwabohu zurückkomme, ist es noch schlimmer, dann bin ich stundenlang, ich sage dir, stundenlang wie betäubt.

Er behauptet, dass die Geräusche angenehmer und weniger aggressiv wären, wenn sie sie unterscheiden, sortieren, in der Umgebung einordnen könnte.

— Du hörst mehr als die anderen: Also musst du lernen, besser zu hören.

Er bringt ihr ein Glas Mandelmilch. Ob sie etwas essen mag? Er hat etwas Gutes gekauft. Sie hat unterwegs schon was gegessen, aber sie möchte trotzdem, aus Verfressenheit – Bist du verfressen? Er gibt ihr einen Honigkuchen mit Orangenmarmelade, und sie machen sich auf zu der Lichtung, wo sie arbeiten. Sie sagt, sie übe sich im Großen Lauschen.

— Hörst du den Grünspecht in dem Baum?, fragt er.

— In diesem?

— Ja.

— Was macht er für ein Geräusch?

— Er klopft mit dem Schnabel an den Stamm, sehr schnell und regelmäßig, tiptiptiptip, trommelt er.

— Ich höre ihn.

— Würdest du ihn wiedererkennen?

— Ja.

— Dann konzentrier dich, denn da drüben ist noch einer. Lausch jetzt in die Ferne und such ihn.

Sie schließt die Augen und konzentriert sich.

— Kein Grünspecht, sagt sie etwas verwirrt.

— Versuch’s nochmal, länger.

Und nach ein paar Minuten lächelt sie. Sie sagt, dass sie seinen zu weit entfernten Grünspecht nicht hört, aber die tschilpenden Vögel, die rauschenden Blätter, den Galopp kleiner Tiere auf dem Boden, Krallen an den Ästen (Eichhörnchen), Knacken (vielleicht Nüsse), Klappern, Klackern, Rascheln, Schaben, Gleiten – interessante Geräusche, aber so zahlreich, es schwillt an, der Wind in den Blättern zeichnet so etwas wie ein langes Klangband, das sich in der Ferne verliert, die Schritte bilden eine summende Matratze auf dem Boden, zwei Vögel streiten direkt vor ihrer Nase, die Luft ist zum Bersten voll – sie muss die Ohren schließen, um sich auszuruhen.

— Du hast gehört, was ich wollte, die Zwischengeräusche. Waren es zu viele?

— Viel zu viele.

— Noch einen Honigkuchen?

Auf der Lichtung dienen ihnen zwei Baumstümpfe als Hocker. Sie nennt sie Hörsitze und findet, dass sie zwei Dryaden gleichen, wenn sie dort würdevoll und konzentriert lauschen. Jodel staunt, was für Wörter sie kennt. Die hat sie von ihrem Vater, sagt sie, jedes Mal, wenn er sie besuchen kommt, bringt er ihr neue bei.

— Lebt er nicht bei dir?

— Nein, er lebt von meiner Mutter getrennt. Und bei jedem Besuch schenkt er mir ein paar Wörter. Machen wir weiter mit dem Großen Lauschen?

— Versuch mal die Biene zu hören, dort, auf dem großen Engelwurz.

Sie schließt die Augen und hört auf zu atmen, die Hände vor dem Bauch wie um zwei Kugeln geschlossen.

— Ich höre sie, flüstert sie.

— Und siehst du sie?

Sie öffnet irritiert die Augen: Ich soll sie auch sehen?

— Sie dir vorstellen. Das hilft, um besser zu hören.

Sie gehen zu der Pflanze. Jeanne beobachtet die geschäftige Biene.

— Jetzt hab ich’s, ich werde mich an sie erinnern.

— Und du wirst sie besser hören. Je besser du dir vorstellst, was du hörst, desto weniger wird es dich verletzen. Jetzt müssen wir nach Hause.

— Ja. Mama fragt sich bestimmt, wo ich bin.

— Kann ich sie bei Gelegenheit kennenlernen?

— Na ja! Von mir aus gern, aber du wirst es bedauern.

— Warum?

— Sie ist aufdringlich.

— Äffchen!

— Aber es stimmt: Sie ist aufdringlich. Und sie ist taub.

— Ach ja?

— Na ja, also, sie ist wie alle: Sie hört nichts.

Und auf dem Rückweg erklärt sie ihm bunt durcheinander, ohne einen Hauch von Befangenheit (er mag ihre Unbefangenheit, ihre schlichten und klaren Sätze sehr), dass sie ihn auf jeden Fall wirklich gern hat, dass er ihr sehr nützliche Sachen beibringt, dass er für immer, immer ihr Freund ist. Als sie die Landstraße erreichen, schiebt sie ihre kleine Hand mit den glänzenden Nägeln in seine, und er fühlt sich unglaublich stolz.

05

Er fühlt sich unglaublich stolz, denkt er heute Morgen, sich mit einem kleinen Mädchen angefreundet zu haben, einem außergewöhnlichen Mädchen, das es verdient, nicht durch den Geräuschdschungel zu irren, wie er selbst in seiner Kindheit lange vom Getöse misshandelt wurde, während er sich für seltsam, unnormal empfindlich hielt – warum litt er unter dem Lärm und die anderen nicht? warum hatte er solche Mühe, die Geräusche zu unterscheiden? seinem Gesprächspartner zuzuhören, ohne im Umgebungslärm zu ertrinken? warum lebte er so in Verwirrung? warum hatte er die ganze Zeit Angst? –, bis er begriff, dass er nicht die gleichen Ohren wie die anderen hatte, dass er besonders war, aber dass er Ordnung in seine Wahrnehmung bringen konnte, nicht alles an sich heranzulassen brauchte, dass sich das Grauen zurückdrängen ließ. Ja, das Grauen. Die Zeit der Kindheit war die Zeit des Grauens, weil er alles hörte, ohne etwas zu identifizieren, weil er mehr hörte, als sah; und weil er nichts sah, entschlüsselte er nichts und fühlte sich deshalb ständig in Gefahr, fürchtete vage, der Lärm könnte sich materialisieren und ein Monster loslassen, das ihn zerstören, verschlingen würde – ja, damals rauschte die Welt von starken und nicht erkannten Gefahren.

Er würde Jeanne gern methodisch lehren, wofür er ohne Hilfe Jahre gebraucht hat, sie dazu bringen, ihre akustischen Wahrnehmungen zu beherrschen – es würde immer noch genug Chaos ringsum bleiben. Als er ihr diesen Plan mitgeteilt hat, hat sie nachdenklich geantwortet, Das wird gut. Ich hatte nicht gedacht, dass es möglich ist. Aber weißt du, hat sie hinzugefügt, bis jetzt habe ich eher das schrecklich gefunden, was ich gesehen habe.

Er setzt Wasser auf, bummelt ein bisschen rum, die Aussicht, zu den Stimmen der Gauner zurückzukehren, begeistert ihn nicht gerade, er denkt wieder an das Große Lauschen gestern – wenn sich Jeanne konzentriert, die Hände vor dem Bauch wie um Kugeln geschlossen, kneift sie die geschlossenen Augen zu, und das macht sie unglaublich hübsch, chinesisch. Er muss wirklich ihre Mutter treffen, bevor sie ihm die Bullen schickt, die ihn fragen werden, was er mit der Kleinen im Wald treibt – Lauschen. – Ach ja? – Ich bin einer von Ihnen – Ja, ja, wir sind alle Brüder – Sie hat nie mein Haus betreten – Die Wälder sind tief.

Der Himmel macht weiter mit seinem Theater. Niemand weiß, wann diese melodramatischen Gewitter aufhören.

Er muss nur auf die Enter-Taste drücken, und Irène taucht auf, pünktlich zur Stelle, selbst tot wäre sie da, was für eine Idee, Irène sterben zu lassen; aber für Jahrhunderte im Computer gefangen ist sie, nicht übertreiben, sie verströmt jetzt schon die Nostalgie von alten Fotos, Schwarzweißfotos, wie keiner sie mehr macht, höchstens noch ein paar Profis, ein paar Künstler. Ihre Stimme auf der Diktafon-Kassette ist rau und schäbig. Manche leben im Kontakt mit der Schönheit, Jodel nicht – die Gefahr besteht nicht, wenn man für die Polizei arbeitet. Diese Diktiergeräte mit Kassetten sind selten geworden, veraltetes Material, ja, das ist es, Irènes gierige Stimme hallt in der Ewigkeit, Pass auf, später Kümmerst du dich? und noch weiter Morgen sieben Uhr, Tonios kalte Stimme antwortet ihr kaum, Mach keine Witze und Bin nicht bescheuert, und Irène wieder Die Eltern stellen sich tot, sieh an, da sind die Toten, sicher aus Angst, aus Sorge, das Kind ist fünf, so klein, man würde viel dafür geben, dass es nicht in Irènes Geschichten verwickelt wäre, man möchte sich davon abwenden wie von einem widerlichen Anblick, und weiter der erbärmlich armselige Dialog, Pass trotzdem auf – Hmm – Heult er nicht zu viel? – Nur wenn er mich sieht, der Rotzbengel! – Pass auf, in einem anderen Leben wäre er Geräuschejäger, er würde aufs Meer fahren, um die Krabben laufen, die Delphine singen, die Brandung rauschen oder in den Flüssen die silbrigen Hechte gleiten zu hören – heute aber klammern sich die schlimmsten Geräusche der Welt an seine Ohren.

Er hört das Band noch einmal ab und konzentriert sich auf die Umgebungsgeräusche, um Hinweise auf das Versteck zu finden. Er hört erneut das Pass auf, mit dem gleichen Erstaunen – diese Banalität der Worte, die Dürftigkeit der Gefühle, das Kind weint, und Irène fällt nichts anderes ein, als Pass auf zu sagen. In der fünfundzwanzigsten Minute fader, sachlicher Dialoge, Wann – Sieben Uhr dreißig – Isst er was? – Halt dich raus, vernimmt er auf Tonios Seite, wie er glaubt, ein ungewöhnliches Geräusch im Hintergrund. Er lässt es nochmal laufen: ein Hahn. Guckt auf die Begleitnotiz: Tatort: Paris – ein Hahn in Paris?

Er legt eine dritte Datei an, UMGEBUNG, in der er nur die Hintergrundgeräusche behalten will. Etwas Methodik, um die Arbeit ernsthaft anzugehen. Ab morgen wird er abwechseln: Transkription der Dialoge, Identifizierung der Stimmen, Beschreibung der Orte. Genau. Ist weniger schlimm. Er beginnt zu arbeiten. Im Magma der aufgenommenen Welt Klangeinheiten einzugrenzen macht mehr Spaß – weniger brutal. Er stellt fest, dass man schon in der siebzehnten Minute einen Hahn hört, aber weit weg. In der zweiundzwanzigsten redet eine Frau leise, aber eindringlich auf Tonio ein, während er mit Irène über die Gesundheit des Kindes spricht. In der fünfundzwanzigsten bewegen sich Leute hinter ihm, vielleicht kochen sie. Von der neunundzwanzigsten bis zum Ende hört man in der Ferne eine Baumaschine, ja, ganz sicher.

Während des Essens im Oiseaux hat er plötzlich eine so blitzartige Eingebung, dass ihm die Gabel aus der Hand fällt, eher eine Frage, deren Beantwortung jedoch die ganze Interpretation verändern würde. Die Wirtin hat die Gabel fallen gesehen und kommt sofort mit ihrem freundlichen Lächeln und neuem Besteck. Er bringt ein paar Worte des Danks hervor und lobt das Essen. Die Frage ist: Warum hat Tonio den Kontakt mit Irène aufrechterhalten, wenn sie das Kind nicht mehr hatte und nicht mehr mitmachen wollte? Warum belastet man sich mit einer störrischen Partnerin? Vielleicht findet sich die Antwort auf der zweiten Kassette.

Sobald er zurück ist, überspielt er sie auf den Computer und hört sie in einem Zug. Undeutlich, laut. Irène regt sich immer mehr auf, Der Kleine krepiert noch – Schwachsinn, der reißt sich zusammen – Ein Kind reißt sich nicht zusammen. Wie ist er? – Er nervt uns nicht – Genau das macht mir Sorgen. Wie ist er? – Fiebrig – Der Kleine krepiert noch, geben wir ihn zurück, und so weiter. Sie will hinkommen, Wo bist du, ich muss ihn sehen, aber Tonio weigert sich, es ihr zu sagen, bei Minute fünfzehn wieder ein Hahn, vielleicht zwei, dann sagt Irène, sie will aussteigen, aber er lehnt ab, Du musst mit den Eltern reden, aha, warum das? Nach einer Weile ertrinkt er fast in einem Meer ungeordneter Informationen, ohne die Situation besser zu verstehen – warum hält Irène weiter Kontakt, wo ist das Kind, in welchem Zustand –, und als er feststellt, dass er noch eine Stunde zu arbeiten hat, beschließt er, sich auf die Baumaschine zu konzentrieren, die am Ende der ersten Kassette aufgetaucht ist. Eine ziemlich große Maschine, ohne Nuancen oder Macken, ohne Überraschungen oder Aussetzer. Er isoliert das Geräusch, verstärkt es, ein riesiger Motor, das charakteristische Piepsen, wenn der Rückwärtsgang eingelegt ist, auf jeden Fall ein Gelenkarm, vielleicht ein Löffelbagger, keine anderen Verkehrsgeräusche, er macht noch lauter, nichts, die Maschine arbeitet auf einer Baustelle oder einer Brache, aber nicht in einer Straße. Also, rekapituliert er, wir sind angeblich in Paris, aber es gibt Bauarbeiten und auch ein oder zwei Hähne. Ja, genau. Er sucht in seiner Audiothek und schlussfolgert nach dem Vergleich, dass es ein Caterpillar-Bagger ist. Er schickt sofort ein paar Mails an die Präfektur und bittet um die Liste der Baustellen, die er mit der von Bauernhöfen abgleichen wird – das mit den Bauernhöfen dürfte schnell gehen. Er schreibt noch ein paar interne Mails, um sich zu vergewissern, dass es sich in der Hauptstadt abspielt (Tonio kann Irène angelogen haben) und wirklich innerhalb der Stadt.

Es ist Zeit. Er bringt seine Tassen zur Toilette, reibt sie gründlich, um die schwarzen Teespuren zu entfernen, und trocknet sie ab, im Büro stellt er sie ordentlich auf das Tablett, beschließt aber, das Geschirrtuch zu wechseln, auf dem sie stehen, nimmt die Tassen weg, wechselt das Geschirrtuch, dann stellt er die hübsche weiße japanische Tasse nach links, die beiden Seladonschalen nach rechts und in die Mitte den Pott mit Rosenmuster. Um fünfzehn Uhr drei verlässt er die Sackgasse.

Reinigende Fahrt durch den Wald. Nach der Siesta wird es ihm besser gehen, wenn er und Jeanne wieder auf der Lichtung sind, auf ihren Hörsitzen.

06

Auf ihren Hörsitzen (wie Dryaden) machen sie sich an die Arbeit. Heute werden sie lauschen, ohne zu sehen.

— Umso besser. Ich höre lieber, erklärt sie. Du nicht?

— Manche Sachen tun beim Hören weh.

— Aber gibt es nicht mehr Sachen … (sie zögert) … Sachen, die du lieber nie gesehen hättest?

Er geht zu ihr.

— Ich weiß, woran du denkst, antwortet er und drückt ihre Hand.

— Sag es nicht! (Ein kurzes Schluchzen in ihrer Stimme.)

— Nein, ich sage es nicht.

Dann legt sie los, im Eiltempo (das kennt er: ihre Art abzulenken) sagt sie, dass es, o ja, viele Probleme mit dem gibt, was man sieht, natürlich beunruhigt sie alles, was sie hört, ohne es zu verstehen oder zu unterscheiden, alles, was ständig ihre Ohren überflutet, aber das, was die Augen einfangen, ist noch schlimmer. Er stimmt zu, was man sieht, macht oft weniger Angst, tut aber mehr weh. Sie fährt fort, Na gut, natürlich höre ich die meiste Zeit zu viel. Sogar der Gang in den Wald ist nicht so einfach. Dieser gewaltige, gewaltige Lärm, all die Geräusche, wie ein zu süßer Kuchen. Als ich klein war, habe ich mal Zucker auf mein Marmeladenbrot gestreut, um den Genuss noch zu verstärken. Das war eklig.

Während Jodel zu seinem Hörsitz zurückgeht, zieht sie ihr Kleid zurecht, das unter ihrem Po knittert, und verkündet, wie froh sie sei, dass ihre Füße nicht den Boden berühren, auch wenn seiner Meinung nach kein Tier in diesem Wald ihr Böses tun könne, nur, wenn du Pech hast und sehr selten, die Vipern.

— Da!, ruft sie, ich höre deinen Grünspecht da hinten.

— Aber jetzt wirst du hören, ohne zu schauen, mach die Augen ganz fest zu.

Zuerst sagt sie, dass der Eindruck von Durcheinander noch stärker wird, weil sie jetzt besser hört.

— Nein, nicht besser, ich höre mehr, viel mehr, aber alles wie ein riesiger Brei. Du hast gesagt, man kann die Geräusche in Gruppen unterteilen um … Einheiten zu bilden. Wie macht man das?

— Konzentrier dich auf ein paar. Was erkennst du?

— Zwei kleine Geräusche rechts, die zum selben großen Geräusch gehören müssen – vielleicht ein Insekt, das seine Fühler reibt? Aber das ist so durcheinander!

— Kümmere dich nur um die Vögel.

— Es sind zu viele!

— Sag mir einfach, was du hörst.

— Da, ein … ein Knacken … Hier ein … Jodel! Ich habe nicht genug Wörter für die ganzen Geräusche.

— Das stimmt. Ich übrigens auch nicht, ehrlich gesagt. Aber man muss sie trotzdem zähmen, auch ohne sie zu benennen. Wie machen wir das?

Er steht von seinem Stumpf auf und läuft im Kreis. Aus dem Augenwinkel sieht er sie schmollen, sich ärgern: Sie möchte nicht enttäuschen.

— Ich verstehe meinen Vater so gut! Er will mir ständig neue Wörter beibringen.

— Wir müssen eine Methode finden.

Plötzlich hüpft sie von ihrem Hörsitz und zeigt auf junge Brombeerranken, die quer über den Weg wachsen: Hör mal! Man hört sie wachsen! Sie kriechen über den Boden, sie rascheln ganz leise …

— Nein! Sie rascheln?

— Ja doch!

Jodel ist verblüfft: Das ist unglaublich … ich … ich höre sie nicht. Dein Ohr ist noch viel entwickelter als meins … Erzähl weiter …

— Na ja, sie … sie streicheln die Erde, (sie kneift die Augen zusammen) sie klammern sich ein bisschen fest, weißt du, (ihre Finger kratzen die Luft) krüsch, krüsch …

Jodel geht mit dem Ohr nah an eine Ranke, schüttelt den Kopf, dann sagt er Daran hatte ich nicht gedacht, ich hatte mir nicht vorgestellt, dass du viel besser hörst als ich, wie blöd …

Er sieht so enttäuscht aus, dass sie lachen muss: Das war ein Witz!

— Äffchen!

— Natürlich höre ich sie nicht.

Sie bringt den Kopf ganz nah an eine Ranke, dann sieht sie ihn verlegen an: Wobei … ich höre sie nicht deutlich. Dann besinnt sie sich: Ein Witz, ein Witz!

So wird Jodel daran erinnert – er könnte es manchmal vergessen –, dass sie ein Kind ist.

— Also, ich möchte dich nicht verletzen, sagt sie, aber wenn ich ganz dicht bei dem Trieb bin, höre ich ihn über die Erde kratzen, ganz weit weg, aber … ich höre etwas. Ärgert dich das?

— Überhaupt nicht. Es ist sehr gut möglich, dass du besser hörst als ich. Wir werden es überprüfen. Jetzt lass erstmal dein Gehirn die große, verschwommene Vibration des Waldes entschlüsseln.

— Mein Gehör, meinst du.

— Nein, es ist dein Gehirn, das sortiert und interpretiert. Dein Ohr ist nur ein Auffangbecken. Und wenn du gleichzeitig schaust, kann dir das helfen, aber das ist nicht das Wichtigste.

Sie rennt zu einer gewaltigen Eiche. Sie weiß genau, dass sie sich alles trauen kann, weil er ihr mit den Augen folgt. Sonst hätte sie zu große Angst. Er beobachtet sie nachdenklich. Besorgt.

— Natürlich hindert dich nichts daran, mich anzulügen. Da ich nicht überprüfen kann, was du hörst oder nicht hörst, kannst du mir jeden Blödsinn erzählen, sogar, dass du die Brombeerranken wachsen hörst. Aber das macht alles kompliziert, verstehst du? Das zerstört unser Vertrauen.

— Ja, aber das ist auch superlustig!

Auf dem Rückweg erzählt sie ihm, wie lecker junge Ranken schmecken. Früher, als sie klein war, dachte sie, die Ranken wären böse, dornig und aggressiv. Dann lernte sie eine niedliche Ziege kennen, die mit Genuss alle Triebe fraß, die ihr in die Quere kamen, und sie begriff, wie lecker das ist – für die Ziege.

Das meiste steht ihm noch bevor, bei einem Kind wird es immer Dinge geben, die er nur schwer versteht, zum Beispiel ihre Vorstellung davon, wie junge Ranken für die Ziegen schmecken müssen. Es ist schwierig, wirklich zu verstehen, was Verstehen heißt.

07

Es ist schwierig, wirklich zu verstehen, was Verstehen heißt, warum er sein Alleinsein jetzt so gut hinnimmt, wo doch über Jahre hinweg jeder Gedanke, jedes Begehren von Zélie besetzt – überschwemmt – war. Jeden Abend kommt er allein nach Hause und ist kaum betrübt. Hat er sich denn nicht daran gewöhnt (er, der sich für einen großen Romantiker hielt!), ohne Liebe zu leben? Er erinnert sich – aber das ist eine Vorstellung ohne Emotion, ohne Substanz –, wie er sich, sobald sie sich ein wenig entfernte, sobald sein Körper nicht mehr befriedigt wurde, nach ihr sehnte. Seltsam, wie sein Begehren, das er für die wichtigste Sache in seinem Leben hielt, sich gelegt hat. Heute, da er allein ist – da es nur einen Austausch guter Dienstleistungen zwischen ihm und Clotilde gibt und weiter nichts –, weiß er – rein mental –, dass die Liebe mit Zélie sein großes Abenteuer war, die Leidenschaft eines jeden Moments. Und doch beschwert sich nichts in ihm über die Verdrießlichkeit seines Gefühlslebens. Und seines Sinneslebens.

Zélie! Elisabeth mit echtem Namen, aber sie fand Zélie weniger banal. Wie prätentiös.

Wenn er es recht überlegt, hat die Reisgeschichte eine gewisse Bedeutung. Für die Trennung. Die unterschwellige Reislogik. Dass er immer gerne welchen gegessen hat, war kein Problem. Aber warum hat er immer zu viel davon gekocht? Sie sagte, Reis würde sich nicht halten, selbst in Ländern, in denen er das Hauptnahrungsmittel sei und man mit der Nahrung spare, wüssten die Einheimischen, dass man gekochten Reis nicht aufbewahren dürfe. Sie sagte Warum kochst du denn nicht genau so viel, wie du dann isst, warum diese … ach, diese … Manie, zu viel zu kochen? Hast du Angst, es wäre nicht genug? Und dann? Würdest du mehr Käse essen! Ach! Was für eine absurde Angst. Sie selbst hatte am Ende gar keinen mehr gegessen, frisch gekocht oder nicht.

Sie hätte darüber lachen können. Die Verschwendung (am Ende warf er welchen weg) war schließlich minimal und seine Manie harmlos. Also? Warum diese Verärgerung? Wegen der irrationalen Logik. Zu viel Reis zu kochen entspringt bei ihm einer persönlichen Logik, einer sehr stringenten und sehr persönlichen, also einer von denen, die man mit keinem teilt und die, weil sie einem verborgenen Mechanismus gehorchen, eine heilende und besänftigende Wirkung haben – die aber jedem anderen absurd vorkommen. Zélie fand das absurd. Er hätte übrigens größte Schwierigkeiten, sich selbst über die Gründe für sein Verhalten klarzuwerden: Wie jede einer persönlichen Logik folgende Absurdität ist diese (das spürt er unbestimmt) für sein psychisches Gleichgewicht notwendig. Kurz, sie haben sich wegen Reis getrennt – aber das ist natürlich ein Bild. Sie haben sich getrennt, weil die irrationale Logik des einen am Ende für den anderen meist unerträglich ist, weil der andere verbittert ist, uns Tag für Tag auf schrecklich vorhersehbare Weise, an derselben Stelle versinken zu sehen. Sie sah ihn zu viel Reis ins Wasser schütten, und schon schrillte ihr Inneres vor Gereiztheit, ja, genau, es ist die vorhersehbare Wiederholung der irrationalen Geste, die manche alten Paare in den Wahnsinn treibt, so sehr sie sich auch lieben mögen. Er erinnert sich eines Wortwechsels, den er irgendwo aufgeschnappt hat: Aber nein, wir verpassen den Zug nicht – Lass uns trotzdem schon losgehen, bitte, was stört’s dich, wenn wir zehn Minuten zu früh sind, das ist doch kein Beinbruch – Warum sollte ich zehn Minuten länger in einem dreckigen Bahnhof herumstehen, nur weil du von Geburt an ein Angsthase bist? – Ja und, ist das so schlimm? – Nein, aber ich ertrag das nicht, du könntest dich zusammenreißen. Sich zusammenreißen. Eben nicht, man muss einfach zu viel Reis kochen und zu früh am Bahnhof sein. Heute denkt er, dass Liebe zum Großteil aus Nachsicht besteht – nein, eher, dass die wesentliche Wirkung von Liebe Nachsicht ist: Oh, Liebling (sagt die Geliebte und schmiegt sich mit einem entzückenden Lächeln in seine Arme), du hast schon wieder zu viel Reis gekocht …

Gerade will er aus dem Auto steigen, um ohne zu trödeln ins Haus zu gehen (ein großspuriges Gewitter steht bevor), als mit einem dumpfem Knall ein schwerer Stoff auf der Windschutzscheibe landet und ihm die Sicht versperrt.

Während sein Nervensystem sich mit Mühe von der heftigen Adrenalinausschüttung erholt, erkennt er beim Öffnen der Autotür eine dunkle Gestalt, die vor dem Haus sitzt. Man mag ein ruhiger Mensch sein (sagt er sich, um die Erholung zu beschleunigen), aber manchmal zwinkert dir die Hölle zu (Westernsprache).

— Das ist mein Mantel.

— Wenn dem so ist, gebe ich Ihnen das Teil zurück, sagt Jodel und schnappt sich den unappetitlichen Stofffetzen.

— Es wäre mir ein Vergnügen.

Starker russischer Akzent. Der Mann hat eine Bassstimme, sehr tief, sehr kaputt, angenehm fürs Ohr trotz der etwas alkoholschweren Zunge und der unheimlichen Situation. Kurzes Schweigen. Ein leichtes Quietschen an seiner Linken. Ihn fragen, wo sein Pferd ist? Oder sich beschweren, dass er auf seinen Stufen sitzt – nein, gegenüber einem Höllenreiter wäre das doch sehr spießig.

— Wohnst du hier? (Jodel nickt.) Ich brauche einen Unterschlupf.

— Sie sind ganz schön direkt.

— Direkt?

— Grob.

— Das Gewitter, das da kommt, wird kein Trelala.

Der Ton ist rau, aber nicht aggressiv.

— Tralala. Man sagt Tralala. Warum haben Sie Ihren Mantel geworfen?

— Ich wollte nicht, dass du Angst bekommst, wenn du mich vor deinem Haus siehst.

Jodel stößt ein leises Lachen aus: Sehr gelungen. Eine absolut beruhigende Art, sich anzukündigen.

Der Mann lacht ebenfalls: Ha, ich bin keiner mit guten Manieren. Hör zu, ich brauche einen Unterschlupf, ich muss die Stadt erreichen, aber jetzt ist es zu spät, gleich bricht das Gewitter aus, lass mich in deiner Garage schlafen.

Es ist blöd, aber weil er sich den ganzen Tag lang Stimmen anhört, vertraut er schließlich seiner Intuition: Die Stimme hier offenbart, dass der Mann nicht gefährlich ist. Und sein Akzent ist eine Wonne.

— Gut, kommen Sie rein, was trinken.

Also, das ist eine Dummheit. Der Typ wirkt schon ordentlich alkoholisiert. Zu spät.

— Sagt man wirklich Tralala? Ich mag das Wort sehr. Es ist ein bisschen lächerlich, oder?

— Sicher. Ich bin es gewöhnt.

— Regnet es hier immer so?

— Nein. Das ist ungewöhnlich für die Zeit. Vielleicht geht da ja was kaputt.

Bei Licht betrachtet hat er nichts Dreckiges. Eher elegant sogar, auf seine Art. Über beeindruckenden Wangenknochen tief sitzende, sehr schmale blaue Augen, die schwer zu fixieren sind – zu durchscheinend. Man erahnt einen schmalen und muskulösen Körper. Der Gürtel hält die etwas zu weite Hose. Fett am Bauch ist was für Ingenieure.

— Kommen Sie von weit her?

Von da an verblüfft ihn der Strudel des Gesprächs. Morgen wird ihm sicher alles in zusammenhanglosen Fetzen wieder einfallen. Der Mann kommt von weit her, aus Russland, über die Ukraine, Polen, Deutschland, Straßburg, Paris, er hat den Kontinent durchquert, er will nach Ulan-Bator – Du hast nicht gerade den kürzesten Weg genommen! – Nein. Er macht einen Umweg über Europa, um Chaos zu stiften. Aha. Warum Ulan-Bator? Er glaubt, dass er sich dort, wo seine Urgroßeltern lebten, ausruhen kann, dort ist es so anders als hier, dass er endlich an etwas anderes denken kann. Chaos? Ja, davon wird er ihm vielleicht später erzählen. Wiegt er sich nicht in Illusionen, wenn er glaubt, in Ulan Bator sei alles anders als hier? – Vielleicht, aber hast du schon mal in einer Jurte gelebt? – Nein – Na, dann stell dir das mal vor – Schwierig – Siehst du, ist zwangsläufig was anderes. Jodel bietet ihm ein Glas Wein an. Er hört die ganze Zeit ein leises Quietschen, das aus seiner linken Tasche kommt, und ein Kollern verrät ihm, dass der Magen des Besuchers leer ist. Essen? Er kann Reis kochen. Warum nicht. Leben dort alle in Jurten? Nein, immer weniger, die Sowjets haben Häuser gebaut, aber die Mongolen sind traditionell Viehhalter, also Nomaden, und außerdem gibt es noch Tausende Pferde (aha! eine Pferdegeschichte, hatte Jodel doch geahnt). Er spricht wirklich ein ausgezeichnetes Französisch. Ja, in Russland kennt man sich mit Sprachunterricht aus, und außerdem hat er sehr ernsthaft gelernt: Früher war Frankreich für ihn wie Ulan-Bator, dieselbe Sehnsucht.

— Wenn du das gewaltige Reiterstandbild von Dschingis Khan zu Pferde siehst, hast du den Eindruck, dass seine Füße die Erde berühren würden, sobald er die Beine streckt. Es sind sehr kleine Pferde, und trotzdem haben sie mit ihnen die Kontinente überschwemmt.

— Hast du die Statue gesehen?

— Nein. Fotos.

Er redet weiter: Kleines Land, aber stell dir mal vor, das Changai-Gebirge, die Wüste Gobi! – Nein, das kann ich mir nicht richtig vorstellen. – Leider haben sie bald alle Strom, aber das kann man ihnen schlecht vorwerfen, was? Seine durchscheinenden Augen versprühen glühende Funken. Er esse wenig, denn er zwinge sich, Maß zu halten, erklärt er, um schwierige Phasen besser zu überstehen. (Natürlich bleibt ganz viel Reis übrig.) Er sagt, die Mongolei ähnele einer stehenden Scheibe Wassermelone. Oben drüber Russland, der Baikalsee, Sibirien, und darunter China. Und alle haben sie irgendwann genervt. – Eine gerechte Umkehrung der Dinge, oder? Ich glaube mich zu erinnern, dass die Mongolen die größten Eroberer des Mittelalters waren. – Ja, einverstanden, aber sie sind nicht mal drei Millionen, weißt du, weniger als ein Einwohner pro Quadratkilometer, stell dir vor, wie du da atmen kannst, kann ich mir noch Wein nehmen? Nein, kein Maßhalten beim Alkohol, er kaufe nie welchen, nutze aber die Gelegenheit, sobald es welchen gebe. Da habe er sich noch nie beschränken können, und außerdem trinke man dort, wo er herkomme, solange der Vorrat reicht — das ist Tradition. Außerdem hindere Alkohol einen am Denken, das sei also von Zeit zu Zeit ganz gut.

— Warum die Wut, fragst du? Wegen der Amerikaner. Ihr hier, ihr Bewohner der Reichenwelt, merkt das nicht. Das sind Raubtiere. Sie fressen alles, alle Kleinen um sie rum, sie verachten uns alle, ihr merkt das hier nicht, sie haben die sogenannte ukrainische Revolution organisiert, sie haben einen proamerikanischen Präsidenten in Georgien eingesetzt, und jetzt installieren sie Raketenabwehrsysteme in den Ländern um uns herum, sie versuchen, uns im kleinen Russland einzuschließen. Sie glauben, sie hätten den Kalten Krieg gewonnen, aber wir haben unser letztes Wort noch nicht gesprochen. Russland ist zu mächtig, um geschluckt zu werden. Russland ist ein riesiges Land, ein Land von Wölfen, so wie ich, und wir lassen uns nicht von fettleibigen, dummen Konsumenten reinlegen. Wir Orientalen werden das wieder in die Hand nehmen.

— Orientalen?

— Na klar, siehst du das nicht, die Russen verbünden sich mit den aufsteigenden Ländern, China, Indien. Vor kurzem hat China gezeigt, dass es fähig ist, das Computersystem des Pentagons und mehrerer Länder in Europa zu hacken. Die Macht verlagert sich, sie wandert nach Osten. Vergiss nicht, was ich dir sage: 2025 ist Shanghai die Hauptstadt der Welt, und ich bin in Ulan-Bator.

Seine Heftigkeit beunruhigt Jodel (ein ruhiger Mann ist er, Ingenieur für Klangphysik, ein so friedlicher Mensch). Er bietet ihm nochmal Reis an in der Hoffnung, ihn zu beruhigen, indem er ihn auf andere Gedanken bringt. Der Mann sagt ihm, dass er viel zu viel gekocht hat. – Also wirklich! Du isst ja auch nichts. Der Besucher der Apokalypse verheißt noch den Untergang Amerikas, aber jetzt, wo seine Erschöpfung größer ist als die Faszination, hört Jodel nichts mehr, er muss schlafen. Er bietet ihm das Sofa statt der Garage an.

— Ich stehe sehr früh auf, erklärt er.

— Musst du arbeiten gehen?

— Ja.

— Zum Glück hast du mich nicht draußen gelassen. Hast du gesehen, was da runterkommt? Was hast du denn für eine Arbeit?

— Zu umständlich zu erklären. Ich muss abwaschen und schlafen.

— Ja, Entschuldigung. Ich habe keine festen Zeiten. Kannst du nicht morgen abwaschen?

— Es stört mich, Unordnung zu hinterlassen.

— Setzt du mich auf der Straße in die Stadt ab, wenn du fährst?

— Ich hoffe, du schläfst gut auf dem Sofa.

Der Mann lacht spöttisch.

08

Der Mann lacht spöttisch, als er aus dem Auto steigt. – Du bist also beinahe ein Bulle? Sieht man dir nicht an. Er sagt, die siebenundzwanzig Kilometer, die ihn von der Stadt trennen, gehe er sicher zu Fuß, vor Mittag werde er da sein – Ja, ich gehe ziemlich schnell, kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn ich dann ein Pferd habe? Danke, dass du uns aufgenommen hast.

Als sich die Bürotür schließt, hat Jodel das flüchtige Gefühl, nach langer Abwesenheit zurückzukommen. Warum »uns aufgenommen hast«? Er setzt Wasser auf. Möglich, dass die Mongolen Tee trinken. Irène sicher nicht, der Gaumen von Rauchern ist nicht mehr fein genug, um das Aroma zu würdigen.

Er liest seine Notizen durch. Warum bleibt Irène im Spiel? Warum ist es ihre Aufgabe, den Kontakt zu den Eltern zu halten? Aus den Dialogen hat er nicht viel erfahren. Er tut, was er kann. Auf jeden Fall muss nicht er die Ermittlung durchführen. Ja, genau. In seinen Notizen hat er vermerkt, dass man bei Minute zweiundzwanzig noch andere Stimmen in Tonios Nähe hört. Er nimmt sich seine Datei UMGEBUNG wieder vor und hört. Die Aufnahme ist undeutlich. Eines jedoch wird ihm schnell klar: Eine aufgebrachte Frau spricht englisch – ein sehr spezielles Englisch, weder aus England noch aus Amerika. Ja, genau. Aber er wird Wunder vollbringen müssen, um ein paar Worte zu verstehen. Daher hört er sich die fünfundzwanzigste Minute genauer an und erfasst inmitten von Küchengeräuschen ein paar Klänge, die ebenfalls Englisch sein könnten. Sollte das etwas mit der Nationalität oder der Herkunft von Tonio zu tun haben? Er kehrt zur Datei STIMMEN zurück und beginnt, die von Tonio zu analysieren. Der grüne Bildschirm zeigt die roten Ausschläge des digitalisierten Tonsignals: Das Spektrogramm bestätigt die Tendenz zu hohen Frequenzen (unangenehmer Effekt). Kein charakteristischer Akzent. Aber ein Tick: Eine Kehlkopfkontraktion vor manchen Sätzen, die in eine kurze Nasenausatmung übergeht. Gut geeignet für einen Vergleich mit den drei anderen Stimmen, deren Aufnahmen man ihm gegeben hat und von denen eine wohl die von diesem Tonio sein könnte. Ja, genau.

Schließlich erstellt er eine genaue Charakteristik von Tonios Stimme, und nachdem er die Hintergrundstimmen nach vorne gezogen und eine ausführlichere Recherche in der Audiothek vorgenommen hat, erkennt er, dass es sich bei ihnen um Englisch aus Sierra Leone handelt. Gut. Verschiedene Nachrichten in seinem Computer liefern ihm die Adressen der Pariser Baustellen, die sich direkt in der Stadt befinden: keine Brache, keine abgelegene Gasse. Der von Stille umgebene Bagger auf der Kassette arbeitete also nicht in Paris. Eine letzte Nachricht vom Gericht informiert ihn, dass Irène sagt, sie glaube, das Versteck sei in der Stadt, aber das sei nicht sicher.

Den restlichen Vormittag verbringt er mit dem Vergleichen der drei im Anhang mitgelieferten Stimmen. Keine von ihnen weist den Tick (Kehlkopfkontraktion und Nasenausatmung) auf, aber nach Gegenüberstellung der Ergebnisse des Oszillogramms und dann des Spektrogramms sieht es so aus, als wären Tonio und derjenige, den die Unterlagen als Hernandez bezeichnen, derselbe. Blöd, dass der Tick nicht zu finden ist.

— Du weißt genau, dass man eine Stimme nie mit absoluter Gewissheit identifizieren kann, das ist keine sichere Wissenschaft, sagt Marc.

— Das weiß ich nur zu gut und es bekümmert mich, stell dir vor.

— Gut, trotzdem sammelst du meistens interessante Hinweise. Was ist mit dem Englischen? Von wo?

— Sierra Leone.

— Und die Hähne?

— Tja …

— Vielleicht ein Restaurant.

— Daran hab ich auch gedacht. Aber kennst du viele Gerichte mit Hahn?

— In Sierra Leone vielleicht …

Die Antwort wird ihm geliefert, als er ins Oiseaux geht. Auf der Schiefertafel mit den Tagesgerichten liest er Coq au vin. Was ist er doch für ein Idiot! An der Theke trinken drei Männer schweigend Weißwein aus kleinen Gläsern, und eine alterslose Frau hebt regelmäßig die Hand, wie um kraftvoll eine Rede einzuleiten, aber ihr Arm fällt zurück, die Worte kommen ihr nicht über die Lippen. Ihr Nachbar stimmt mit resigniertem Kopfnicken zu, und sein Gesicht sagt So ist es oder vielleicht Da kann man nichts machen. Würde Jodel nicht das irre Gespräch fürchten, das sich womöglich daraus ergäbe, würde er die Frau mit dem Zitat eines Philosophen trösten, dessen Name ihm nicht mehr einfällt: Das Schweigen ist eine Errungenschaft des Menschen. Aber wäre sie damit getröstet? Der Coq au vin ist köstlich. Als er auf dem Rückweg zwei Hunde sieht, die einander herausfordern, denkt er an eine andere Verwendung von Hähnen: den Kampf. Stößt der Kampfhahn einen anderen Schrei aus als sein Bruder im Hühnerhof? In der Audiothek zu überprüfen. Gibt es in Sierra Leone eine Hahnenkampftradition? Ebenfalls zu überprüfen.

Als er sich vor seinen Computer setzt, die Hände zu beiden Seiten der Tastatur flach auf dem Schreibtisch, das Kinn gesenkt, lustlos, wird ihm klar, dass er die Geschichte nicht mehr aushält und er offensichtlich wieder mal übereifrig war, gewiss, weil zwei Ereignisse zusammentreffen, die Begegnung mit Jeanne, die ihn besonders sensibel für Kinder gemacht hat, und das Material dieses Falls. Aber er ist fast fertig. Für andere bleibt dann die Aufgabe, den Ort des Verstecks zu entdecken, für wieder andere die Aufgabe, Irènes Rolle zu verstehen. Er hat nicht die Mittel, diese Fragen zu lösen. Ingenieur ist er, nicht Ermittler.

So vergeht der Nachmittag recht schnell, er hört sich Kampfhähne an (ihr Schrei ist nur anders, wenn sie auf dem Kampfplatz sind, was vorauszusehen war, dann wird er widerlich), erfährt nichts Besonderes über eine eventuelle Tradition in Sierra Leone (trotzdem kann es sie geben) und verfasst den Bericht. Die Vielzahl der Fährten, die er nahelegt (man wird ihm ganz sicher sagen, dass er zu viel macht), vermittelt ihm ein Gefühl der Befriedigung und der Pflichterfüllung, und er schließt die Tür zu seinem Büro ein bisschen spät, doch mit der Gewissheit, dass er auf diesen Fall nicht mehr zurückkommen muss. Selbst der Umstand, im Flur dem grässlichen Nörgler zu begegnen, der ihm ein Na, manche haben wirklich Glück, dass sie ihr Nickerchen machen können, wenn die anderen arbeiten, Privilegien, Privilegien zuruft, kratzt seine gute Laune nicht an.

Im Auto fühlt er sich erleichtert, dass er sich Irène vom Hals geschafft hat (mögen die Schakale ihre Leber fressen), das Leben ist ohnehin schwierig genug – übertreiben wir mal nicht, sein Leben ist nicht sonderlich schwierig, aber gut, immer die Frage nach dem Rumoren der zu brutalen Welt. Von sich selbst und seinem Ärger kann man sich befreien, aber von den anderen, von der Welt: schon viel komplizierter. Er lebt so zurückgezogen, dass er bisweilen den Eindruck hat, im Abseits zu stehen, abseits der Dinge, der anderen, der Informationen. Geschützt im Grunde. Manchmal vermutet er, dass das nicht das wahre Leben ist. Das zumindest hat ihm Zélie immer gesagt. Du siehst nichts, wetterte sie. Aber was er alles hört!

Er hat gerade noch Zeit für die tägliche Siesta, bevor Jeanne kommt. Kaum sind die Vorhänge aufgezogen, fällt ein Lichtstrahl auf das Bett. Sollte der Regen womöglich aufgehört haben? Er erkennt das wunderbare Plappern einer Amsel. Sehr viel weiter entfernt, vielleicht vierhundert Meter, eine Landwirtschaftsmaschine. Die Hunde des Nachbarn schwatzen. Die Mäuse laufen auf dem Dachboden herum. Alles ist in Ordnung. Ja, genau. Sicher ist es ziemlich schwierig, seine Sachen und Möbel in eine Jurte zu räumen. Gut. Den Ton abstellen, in sich abtauchen, die angenehme Müdigkeit kommen lassen, langsam davongetragen werden. Er wird Jeanne sagen, es ist jetzt entschieden, er wird ihre Mutter besuchen.

09

Es ist jetzt entschieden, er wird ihre Mutter besuchen, sagt er zu ihr. Sie versteht nicht recht weshalb. So will es die Höflichkeit, man muss den Eltern der Kinder, mit denen man Umgang hat, vorgestellt werden.

— Ach ja? Hast du mit vielen Umgang?

Er gibt zu, dass sie das einzige Kind ist, mit dem er befreundet ist.

— Ich frage mich, ob du nicht genau dem Wort entsprichst, das mein Vater mir letztes Mal zu erklären versucht hat: Formalist. Würdest du sagen, du bist ein Formalist?

Er lacht schallend.

Wenn es was gibt, das sie mag, stößt sie in einem einzigen Wortschwall hervor – abgesehen davon, dass er sie Äffchen nennt, also das mag sie wirklich furchtbar gern –, dann ist es sein beglücktes Lachen, wenn sie ihn mit den Wörtern ihres Vaters überrascht. Sie ist ehrlich, erklärt sie ihm, weil sie ihm verraten hat, dass sie diese Wörter nicht allein findet, sie versucht nicht, schlauer zu wirken, als sie ist. Auf Eines ist sie stolz, ja, das kann sie ihm erzählen, weil es ihr eingefallen ist, als sie vorhin auf den Hörsitzen gearbeitet haben: auf die Sprache der Geräusche, die sie erfunden hat, als sie klein war. Anfangs benutzte sie diese Sprache nur, wenn sie im Bett lag, beim Aufwachen und abends, vor dem Einschlafen. Sie identifizierte im Haus die Stimme ihrer Mutter, das Radio, die Insekten und andere Krabbeltiere, ärgerte sich aber, andere Geräusche, die sie entlang der Rohre und auf dem Dach, hinter den Scheiben, in der Abend- oder Morgenluft wiedererkannte, nicht benennen zu können, tausend Klänge, die ihr inzwischen vertraut waren, obwohl sie ihnen weder einen Ursprung noch einen Namen geben konnte. Wozu war es gut, so viel zu hören, wenn sie keine Wörter hatte, um das zu benennen – es für sich zu benennen? Deswegen hatte sie diese Sprache erfunden, die sich im Lauf der Zeit um Geräusche des hellen Tages erweiterte. Oft vergaß sie den Namen eines kurzen Geräuschs, das sie nie wieder gehört hatte, oder sie hatte noch den Namen, aber nicht mehr die Erinnerung an den Klang. Kruitsch, Zblunn, Zzzirett und das Traiern zählten zu den Klassikern: sehr häufig. Aber das Ruihs hatte sie nur ein einziges Mal gehört, und sie erinnerte sich nicht mehr, wie es geklungen hatte. Das ist ihr vorhin wieder eingefallen, und sie hat zwar eifrig gearbeitet, damit er den Mut nicht verliert, aber gleichzeitig hat sie sich amüsiert, mit geschlossenen Augen Namen für die Geräusche des Waldes zu erfinden, die sie wiedererkannte.

— Jetzt muss ich dir was gestehen: Als du mir gesagt hast Gut, ich weiß nicht, was du genau meinst, aber bist du wirklich sicher, die drei Geräusche zu identifizieren? und ich dich beruhigt habe – also, da war ich in Wirklichkeit überhaupt nicht sicher. Als du gesagt hast: Volltreffer! Ich glaube, ich höre dieses rzhu und dieses tscheh wie du, war ich zufrieden, und doch … es ist so schwer, sich über das Hören auszutauschen. Was man sieht, kann man zeigen, aber was man hört?

— Du hast recht: Es fehlt uns an Wörtern, um es zu erklären, und dadurch weiß man nicht, was der andere gehört hat.

— Aber warum? Das ist doch seltsam, oder?

— Vielleicht, weil man lange Zeit nicht in der Lage war, Geräusche festzuhalten? Einen Gegenstand konnte man immer schon nach Belieben betrachten und beschreiben oder sogar malen – während ein Geräusch flüchtig ist, man kann es nicht lange genug wahrnehmen, um die Worte dafür zu finden. Aber gerade unter diesen Bedingungen zu versuchen, sich über das Hören auszutauschen, ist doch ziemlich schön, oder?

— Sehr schön. Und das unglaubliche Geschenk, das du mir versprochen hast, die Große Stille? Du hast gesagt, du würdest mich die Leere hören lassen, überhaupt keine Töne mehr, totale Stille. Ich kann das einfach nicht glauben.

Dass alle äußeren Geräusche ausgesperrt sind – diesen Zustand kennt sie nicht. Den Kopf unter dem Kissen, die Finger in den Ohren, das ja. Aber der Lärm geht durch alles hindurch, er schleicht sich heran, dringt ein, verformt sich – und hält inne. Die Große Stille – wirklich?

— Du wirst sehen.

Als sie in den Weiler kommen, von wo aus sie jeden Abend zu Fuß nach Hause geht, bittet er sie, ihrer Mutter Bescheid zu geben, dass er sie am nächsten Tag besuchen werde. Weiß die Dame überhaupt von seiner Existenz? Nein. Warum?

— Hab ich dir doch gesagt: zu aufdringlich.

Erstaunt verzieht er das Gesicht.

— Du siehst mich an wie jemand, der keine aufdringliche Mutter hatte, das ist alles.

Er besteht darauf, dass sie morgen dieses Treffen organisiert mit … – wie heißt sie eigentlich?

— Jaumette. Ja, schon gut, schon gut, ich weiß, wir haben alle Vornamen mit J. Tja, siehst du, genau das gehört eben zu ihrer Art, aufdringlich zu sein – dass sie mir einen Vornamen verpasst hat, der ihrem ähnelt. Und das Schlimmste weißt du noch nicht mal, aber das darf ich dir nicht sagen.

— Und du hast mir nicht gesagt, was sie von Beruf ist.

— Musikerin.

— Musikerin! Was für eine Ohrenfamilie! Welches Instrument?

— Geige. Sie spielt im Orchester der Region. Gut. Ich sage ihr nachher, dass du morgen vorbeikommst.

Sie zögert, aus dem Auto zu steigen, sie hat noch etwas zu sagen. Neugierig wartet er ab. Dann traut sie sich. Macht es Jodel Spaß, zu schwindeln oder etwas zu verheimlichen? Niemals. Aber vielleicht braucht er sich ja nie zu schützen? Denn in vielerlei Hinsicht ist die Situation eines Erwachsenen einfacher, hat sie häufig gedacht. – Genau. – Aber weniger aufregend. – Ohne jeden Zweifel. Also sie belüge regelmäßig ihre Mutter, ohne Schuldgefühle (zu aufdringlich) und sogar mit großer Freude. Sie erzähle ihr die unmöglichsten Sachen, wirklich zum Totlachen. Vor allem natürlich solche, die mit dem Hören zu tun hätten. Und Jaumette, die sehr wohl ein besonderes Ohr bei ihrer Tochter bemerkt habe, ohne aber zu ermessen, wie besonders, lasse sich auf den Arm nehmen. Im Übrigen sei es Jodel gewesen, durch den sie sich überhaupt erst ihres seltsamen Hörvermögens bewusst geworden sei. Bevor sie ihn getroffen habe, habe sie nur gewusst, dass sie nicht wie die anderen hört, ohne aber irgendetwas Genaues zu diesem Thema zu denken. Jetzt wisse sie es: Hyperakusie.

— Jetzt, wo ich dir von meiner Freude am Schwindeln erzählt habe, darfst du mich bei meiner Mutter natürlich nicht verraten.

— Kein Wort.

— Hm! Die Erwachsenen sind manchmal so blöd solidarisch. Ich weiß noch nicht, wie weit ich mich auf dich verlassen kann.

Er lacht, als sie aussteigt.

— Ach, sagt sie erstaunt, der Himmel ist heute Abend endlich wolkenlos.

10

Der Himmel ist heute Abend endlich wolkenlos, und er erkennt schon von weitem die Gestalt, die ihn vor seiner Haustür erwartet. Seine erste Regung (Schwanzflossenklatschen eines silbrigen Fischs, der entwischt) ist große Freude.

— Grüß dich, Bulle.

Jodel hört in der rechten Tasche des Besuchers das Prickeln eines Getränks mit Kohlensäure und in der linken das Quietschen. An der Mauerecke verstummt eine Grille.

— Grüß dich, Mongole. Ich heiße Jodel.

— Nenn mich Ulan.

Während Jodel ihm so selbstverständlich die Tür öffnet, als wären sie verabredet – Ich glaube, du hast noch ein bisschen Reis –, sagt er, er fühle sich eigentlich nicht wie ein Bulle, so wie er es versteht, und übrigens sei er auch keiner, er sei Ingenieur. Aber es wäre irgendwie lächerlich, ihm die Feinheiten der Verwaltungskategorien zu erklären.

— Du bist doch wohl nicht zu Fuß aus der Stadt zurückgekommen?

Er wärmt den Reis auf (kleiner rachsüchtiger Gedanke an Zélie) und erklärt ihm den Fall Irène Gaspard und die Arbeit, die er macht. Hält Ulan ihn für einen Knecht des amerikanischen Imperialismus, weil er hilft, die Entführung eines Kindes aufzuklären?

— Du stellst die Frage falsch. Das Problem ist nicht, was man konkret macht, sondern ob man drin ist oder nicht. Ich bin draußen und versuche, drinnen Chaos zu stiften.

Jodel lacht. Das ist etwas pauschal. Aber in Zeiten, wo sich in jedem Büro, an jeder Straßenecke und in jeder Fernsehsendung mindestens zwei bezahlte Rebellen und drei angestellte Aufrührer verbergen, ist ein so authentisch wilder und ungebundener Typ wie Ulan auf jeden Fall eine angenehme Überraschung. Allerdings steht keineswegs fest, dass er nicht tatsächlich gefährlich ist.

— Wie stiftest du denn Chaos?

— Das ist meine Sache.

— Beunruhigend.

— Nicht doch … Ich bin ein Schwadroneur. Ich rede und säe Sturm.

— Schwadroneur heißt aber etwas anderes.

Ein toller Plauderer ist er allerdings, sehr gut informiert, und seine – detaillierten – Nachrichten aus der Welt gehen von den Beziehungen zwischen China und Japan bis zum Vater aller Bomben.

— Das ist eine russische Bombe, so stark wie eine Atombombe, durch die Druckwelle zerstört sie in zwei Etappen.

— Hältst du dich für den Boten der Apokalypse?

— Nein, aber ich versuche dir zu erklären, dass deine Welt gerade zerbröckelt. Und da eh alles im Arsch ist, fördere ich den Untergang, indem ich die größten Chaosstifter eurer Welt unterstütze. Das Morgen gehört euch nicht mehr.

— Komm, nimm noch ein bisschen Reis. Ich bin sicher, Mongolen lieben Reis. Wo schläfst du denn in der Stadt?

— Willst du das wirklich wissen?

— Reine Neugier.

— Gib mir Reis, aber nicht zu viel. Du findest mich durchgeknallt, oder?

— Ein bisschen.

— Und du bist naiv, mein Guter.

— Es ist nett, dass du nochmal zum Essen zu mir gekommen bist.

— Ich mag dich eben.

Dann schweigen sie eine Weile. Das wundert Jodel nicht. Er weiß, dass Männer, wenn sie sich ihrer gegenseitigen Zuneigung versichern, danach stumm bleiben müssen, um den allzu gewichtigen Worten Zeit zu lassen, sich in der Nachtluft aufzulösen.

In diesen friedlichen Minuten denkt Jodel, dass Ulan vielleicht gar nicht so gefährlich ist, dass er vielleicht wirklich nur ein Schwadroneur ist. Er sagt es ihm.

— Ich bin einfach nur wütend, antwortet Ulan. Jeden Morgen wache ich wütend auf.

— Andere werden mit dieser Wut beim Aufwachen zu Serienmördern.

— Na siehst du, ich bin gar nicht so schlecht. Ihr merkt einfach nichts.

— Sag nicht ihr, wenn du mit mir sprichst.

— Doch! Du bist wie alle Bürger der Reichenwelt.

Und wieder legt er los: Jodel erfährt, dass die Russen und die Chinesen durch den Handel mit ihren Rohstoffen derart viel Geld haben, dass sie bald alle westlichen Banken und großen Unternehmen aufgekauft haben werden. Ulan sagt, das seien Staatsfonds, und die chinesischen beliefen sich aktuell auf Tausende Milliarden Dollar – Das sind Summen, die mir gar nichts sagen: zu riesig – und mit diesem Geld kauften sie gewaltige Beteiligungen an den Unternehmen, mit denen sie bald die Politik im Westen beeinflussen würden.

— Ist das klar? Ihr habt zwar die Weltwirtschaft, so wie sie jetzt existiert, erfunden, aber die anderen haben das Geld, deswegen sind sie bald die Herren in eurem Haus. Die Globalisierung, die euch solche Angst macht, wird von diesen Riesenmächten untergraben, die dabei sind, die Macht zu übernehmen, und dann werdet ihr euch nach der ungeordneten Freiheit des Marktes zurücksehnen. Ich sage dir, sogar eure Ängste sind falsch, und ihr seid auf dem Baumweg.

— Wir sind auf dem Holzweg, dem Holzweg. Ich frage mich, ob ich ein guter Gesprächspartner für dich bin … Noch ein bisschen Reis?

— O nein, ich glaube, jetzt reicht es.

Jodel denkt an die Lichtung des Großen Lauschens, an die drei Turmfalken, die ihm in letzter Zeit mächtig auf die Ohren gegangen sind, weil sie so nah bei seinem Haus schreien (am Anfang war es nur einer in einer benachbarten Scheune, er hatte ihm zugesehen, wie er zwei Junge fütterte, deren Fell so flauschig war, dass sie dicker aussahen als die Mutter, er weiß nicht, ob die drei jetzt diese Familie sind oder eine neue Ménage à trois, er denkt an die Diskrepanz zwischen der Welt und seinem Leben, dabei hört er genau zu, er hat das Gefühl, ständig dem Rumoren der Welt zuzuhören, aber das reicht nicht. Es ist ihm fast unmöglich, sich die aktuelle Welt vorzustellen, sich ein Bild von ihr zu machen. Ja, genau. So viele Länder, Kontinente mit ihren Besonderheiten, von denen er höchstens das Kräuseln an der Oberfläche wahrnimmt, die alle in politischen, ökonomischen, psychologischen Interaktionen gefangen sind, von denen er nicht mal die Hälfte begreift (ein Viertel, wenn er ehrlich ist) – und die, wer weiß? vielleicht auch einer persönlichen, irrationalen Logik gehorchen, wie die Menschen. Gibt es im Kollektiv vielleicht etwas Persönliches? Bei den Nationen etwas kollektiv Irrationales? Das sagt er Ulan, der nickt.

— Ich kann es auch nur schwer entschlüsseln. Dabei denke ich an nichts anderes.

— Unmöglich, die Siriusperspektive einzunehmen.

— Was heißt das?

— Eine erhöhte Perspektive, entfernt und objektiv, weil distanziert.

— Weißt du, dass die Chinesen – runzle nicht die Stirn …

— Du denkst wirklich an nichts anderes.

— … dass die Chinesen eine Forschungssonde zum Mond geschickt haben? Glaubst du, das ist für irgendwas gut?

— Ich weiß nicht. Die Amerikaner haben es auch schon gemacht.

— Das ist für gar nichts gut. Nur um Eindruck zu schinden und um euch zu zeigen, wie groß der Fortschritt der chinesischen Technologie und Wissenschaft bereits ist.

— Also, wo schläfst du nun in der Stadt? Das beschäftigt mich.

— Sieh mal an! Du willst es also wissen. In den Quatre Chemins.

— Wo ist das?

Wenn man vom Süden in die Stadt kommt, fährt man durch ein Industriegebiet, da steht ein leeres Fabrikgebäude – er weiß, dass es eine Fabrik war, typische Hässlichkeit des Gebäudes, im Erdgeschoss noch Ölflecken –, man geht eine Art Rampe hoch, die in einer Spirale ins Obergeschoss führt, da ist eine große Betonfläche, die wohl mal der Parkplatz war. Ganz hinten acht oder zehn Räume, sicher frühere Büros.

— Dort sind wir.

— Dort seid ihr?

— Ich und andere wie ich.

— Wie hast du das gefunden?

— So was weiß man in unserer Welt. Man kennt die Anlaufzonen.

— Anlaufzonen? … Anlaufstellen vielleicht?

— Sicher. Willst du kommen?

Will er kommen? Gute Frage. Beim Gedanken an die Quatre-Chemins wird ihm eher schwindlig. Zweifellos eine Zone. Er erinnert seinen Gast daran, dass er Ingenieur ist, dass er ein Bäuchlein hat, dass er nah am Wald lebt, ganz in Ruhe, und dass er in Sachen Kampfsport wenig Talent hat. Ulan sagt, er werde ihn beschützen. Das mindert seine Sorge nicht gerade: Er braucht also Schutz? Ulan erklärt, es handle sich um ein geschlossenes Milieu, misstrauische Leute, die zu Verschwiegenheit neigen, aber er ist überzeugt, dass Jodel ein paar sehr spezielle Exemplare mögen würde, die er ihm vorstellen kann.

— Exemplare?

— Kommst du oder nicht?

Jodel hört vorsichtige Schritte nahe beim Haus, jemand läuft da draußen herum, bleibt vor dem Wohnzimmerfenster stehen, von wo er wohl beobachtet, ohne sich zu rühren. Ein Vagabund? Oder ein Besucher aus der Anlaufzone? Die Stimme seines Gastes rutscht in den Hintergrund, er konzentriert sein Gehör auf diese Präsenz.

Der Neugierige rührt sich ein paar Minuten nicht. Er ist nicht allein. Jodel vernimmt das leichte Hecheln eines Hundes. Die Luft wird dichter. Ulan redet, der Neugierige beobachtet, der Hund hechelt, Jodel lauscht. Die Wirklichkeit gleicht kaltem Aspik. Hundert lange Sekunden später entfernen sich die Indiskreten lautlos, und ihre Schritte verlieren sich. Was wollten sie? Ein Herumtreiber und sein Gefährte? Oder war Ulan das Ziel dieser nächtlichen Aufmerksamkeit?

Seine letzten Gedanken, bevor er in den Schlaf sinkt, gehen zu den Quatre-Chemins, zu den Exemplaren und zu der Antwort, die er morgen auf die Einladung geben wird. Schon seltsam, man lebt in einem friedlichen Weiler, an einem dieser Orte, wo schon ein ungeordneter Vogelflug als Unruhe gelten kann (vor allem früh am Morgen, aber auch wenn niemand da ist – zumindest wenn die Vögel das glauben), und nun häufen sich die Besuche. Erstaunliche neue Freunde. Dabei ist er doch ein ruhiger Mensch. Geht er hin? Geht er nicht hin?

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Дата выхода на Литрес:
08 января 2026
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241 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783949558047
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