Читать книгу: «In diesem Buch stirbt jeder»

Sonar 31
Beka Adamaschwili, geboren 1990 in Tbilissi, studierte Journalismus und Sozialwissenschaften an der Caucasus University in Tbilissi. Für seine Kurzgeschichten, die bereits in frühen Jahren in Magazinen und Zeitungen publiziert wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Mit »Bestseller« veröffentlichte Adamaschwili 2014 seinen Debütroman, der in Georgien schnell zum echten Bestseller avancierte und auf der Shortlist für den besten Roman beim SABA- und Tsinandali-Preis stand. 2019 wurde er für »In diesem Buch stirbt jeder« mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.
Sybilla Heinze, geboren 1976 in Pößneck, studierte Kaukasiologie, Ostslawistik und Südosteuropastudien an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Georgischen, u. a. von Ana Kordsaia-Samadaschwili, Anina Tepnadse, Lasha Bugadze und Beka Adamaschwili. 2017 wurde sie mit dem SABA-Preis für die beste Übersetzung geehrt.
| This book was published with the support of the Writers’ House of Georgia. |
Originaltitel: 
© Bakur Sulakauri Publishing, Tbilisi 2018
DEUTSCHE ERSTAUSGABE
1. Auflage 2020
Verlag Voland & Quist, Berlin, Dresden, Leipzig, 2020
(c) der deutschen Ausgabe by Verlag Voland & Quist GmbH
Korrektorat: Kristina Wengorz
Umschlagkonzept: Alexandre Lortkipanidze
Umschlaggestaltung: HawaiiF3
Satz: Fred Uhde
www.voland-quist.de

An alle Leser, die gerne Bücher auf Facebook, Instagram oder Twitter empfehlen: Macht weiter so.
Ebenso allen Pedanten gewidmet, die gedacht haben, dass in der vorhergehenden Widmung Hashtags gefehlt haben.
Inhalt
Prolog
Noch ein Prolog
Entschuldigung, auf Sie wartet der Tod!
Literarische Apokalypse
Ein kurzer Überblick über den Planeten Kyliejenn
Reise durch die Zeit und die Genres
Erster Akt
Zweiter Akt
Dritter Akt
Noch weniger über den Planeten Kyliejenn
Auf der Suche nach der verschwundenen Lea
Kapitel II – Es regnet in Macondo
Kapitel III – Hase und Fuchs
Kapitel IV – Zeit
Kapitel V – Nein!
Kapitel VI – Die Enzyklopädie
Kapitel VII – Kapitel neunundzwanzig
Kapitel VIII – Der Planet des Kleinen Prinzen
Kapitel IX – Die vierzig Geheimnisse des Selbstmords
Kapitel X – Das Geständnis des Autors
Ein bisschen mehr über den Planeten Kyliejenn
Was bleibt?
Glossar
Prolog
Der Tod stellte den Wecker auf vier Uhr und dreiunddreißig Minuten.
Alles, was bei Schlaflosigkeit gezählt werden sollte, hatte er gezählt. Erst Schafe (zehntausendeinhundertzehn!), dann durchwachte Nächte (siebentausendsiebenhundertsiebzig!), danach die beim Schafe- und Durchwachte-Nächte-Zählen verschwendeten Sekunden (achtzehntausenddrei!) … Irgendwann merkte er, dass es außer dem sinnlosen Zählen von irgendwelchen Dingen noch sechshundertzwanzig andere Methoden gab einzuschlafen, und er beschloss, eine andere Strategie anzuwenden.
Erst mal dachte er: »Ich werde nichts denken«, dachte aber sogleich, dass es ja schon ein Gedanke war, wenn man darüber nachdachte, über nichts nachzudenken – und sein Schädel fing an zu brummen. Dann nahm er einen Band von Prousts Roman zur Hand und dachte, er könne auf diese Weise eventuell vor Langeweile einschlafen, bereute aber sogleich, Zeit mit Proust verloren zu haben. Weder half es, die Augen vor allem Unrecht zu verschließen, noch, sich eine öffentliche Lesung des mehrbändigen Telefonbuchs von Tokio vorzustellen. Schließlich winkte er ab und versuchte, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Teufel, der niemals schlief, in einer viel schlechteren Situation sei, und starrte in Erwartung des Schlafes an die gegenüberliegende Wand.
Die gegenüberliegende Wand stellte den gemütlichen, aber leblosen Teil des Todesbüros dar. Links neben der Wand war die Tür, an der Tür ein riesiges Poster, auf dem Poster Jim Morrison – sein Lieblingssänger und ein kostbarer Bestandteil der noch zu schaffenden Sammlung. Diese Sammlung sollte insgesamt siebenundzwanzig einzigartige Exponate umfassen, aus denen der Tod dann die größte Band aller Zeiten zusammenstellen wollte. Bestehend aus schrillen Künstlern mit nicht weniger schrillen Namen und den Sequels der Hits verschiedener Epochen. Zum Beispiel »Also, Like, Haha and Wow« und »Five More Months, Please«.1 Für die Auswahl der kostbaren Exponate war allerdings die Präzision eines Juweliers vonnöten, denn je größer die Anzahl derer, die in die Sammlung gelangen sollten, desto größer die Gefahr, dass die Qualität der zukünftigen Band beeinträchtigt würde.
Gleich dort bei der Ecke, in der die erste Wand auf die zweite traf, begann eine Ausstellung von unzähligen (achtzigtausendsiebenhundertfünfundvierzig!) ungewöhnlichen Fotos. Darauf war er selbst abgebildet. Sein ganzes Wesen. Eine Art Chronik eines angekündigten Todes bei der Arbeit. Mit rasch auf die Ränder gekritzelten Remarks, die seine ganze Geschichte treffend beschrieben – Zeit zu leben, Zeit zu sterben:

An der dritten Wand hing eine riesige Sense. Diagonal. An zwei Nägeln. Nachdem neue Technologien eingeführt worden waren, benutzte der Tod sie seltener. Meistens nur als Selfie-Stick, und das auch nur, weil er ja ständig mit Sense abgebildet wurde und die visuellen Gewohnheiten der Menschen hartnäckig waren. Dabei war er ja kein kleiner Junge mehr und fand es selbst sterbenslangweilig, auf allen Bildern mit Sense herumzulaufen. Sogar sein Cursor hatte die Form einer Sense. Auf einem speziellen Gerät der Firma Atropos2, auf dem in einem riesigen Überordner, benannt »Menschheit«, zahllose (siebzigtausendvierhundertzwanzig!) Unterordner (zum Beispiel »Krieg«, »Katastrophe«, »Krankheit«, »Unglücksfall«, »Alter«, »Terrorismus«, »Kreuzigung«, »Darwin Award«3) und sieben Milliarden achthundert Millionen fünfhunderttausenddreihundertzwanzig (was für unbezahlbar zahllose Zahlen!!!) Dateien gespeichert waren. Die Arbeit des Todes bestand darin, die stetig dazukommenden Dateien in die Unterordner zu verteilen und in regelmäßigen Abständen Ordnung in den Ordnern zu schaffen.
Über dem Atropos gab es Regale, die größtenteils mit Büchern von Terry Pratchett gefüllt waren. Nach Meinung des Todes hatte Pratchett so lange unvergessliche Bücher geschrieben, bis er ihn in seinen Unterordner »Alzheimer« hatte verschieben müssen. Auch die anderen Romane waren nicht weniger meisterhaft verfasst. In den Regalen standen Bücher von Mann, Zusak, Saramago, Christie … Kurzum, alle, die unsterblich hatten werden wollen, indem sie über den Tod schrieben und damit zur Belebung seiner narzisstischen Bibliothek beigetragen hatten.
… Der Tod rieb sich mit den Daumen- und Zeigefingerknochen die auf die Wand starrenden Augenhöhlen. Seine Schlaflosigkeit war ausschließlich durch psychologische Faktoren bedingt. Er hatte Angst, vor Müdigkeit so fest einzuschlafen, dass der Wecker nichts würde ausrichten können. »Nur noch heute, und dann werde ich auf jeden Fall zum Psychologen gehen«, dachte er.
Der letzte Psychologe, vor dessen Tür er gestanden hatte, war Freud gewesen. Im Jahre neunzehnhundertneununddreißig. Aber das war eher ein Arbeitsbesuch gewesen, denn die Datei »Sigmund Freud – 1856« hatte schon lange im Unterordner »Schwere Krankheit« gelegen und der Psychologe damals selbst auf der Couch.
»Egal. Er konnte besser über Schlaf reden als über Schlaflosigkeit«, redete der Tod seinem Schädel beruhigend zu und erinnerte sich, dass seine Schlaflosigkeit sehr lange vor Freud begonnen hatte. Genauer gesagt, in jenen Situationen, in denen er besonders wach hätte sein müssen. Er war jedoch eingeschlafen – und die Weltgeschichte war radikal anders verlaufen …
Alois hätte nachts beim Sex sterben müssen. Unbedingt. Auf jeden (Todes-)Fall. Sonst würde das Experiment anders verlaufen, und der Tod müsste seinen eigenen strengen Schöpfern Rede und Antwort stehen.
An jenem Abend hatte Alois nicht dem Tod, sondern den Getränken den Kampf angesagt. Er war so betrunken, dass ihm zunächst ein Finger wie zwei erschien, zwei wie vier, vier wie acht; diese scheinbaren anatomischen Fehlbildungen bewirkten, dass er sich gezwungen fühlte, die Augen zu schließen und durch leichtes Kopfschütteln wieder in die Realität zurückzukehren. Aus dem gleichen Grund erschienen ihm, nachdem er unter sechzehn Türen die richtige ausgemacht hatte, erst eine Klara, dann zwei Klaras, dann vier, dann acht, sodass er die Augen schloss, den Kopf leicht schüttelte und, bevor sich die eine Klara wieder hinterrücks vermehrte, diese zwecks Vermehrung ins Schlafzimmer zog.
Der Sex war nicht so, wie er in Filmromanzen dargestellt wird. Eher so wie in Dokumentarfilmen. Genauer gesagt, wie denen auf Animal Planet. Alois keuchte wie ein Lumière’scher Zug, der in den Bahnhof einfährt, und Klara war stumm wie das Lumière’sche Kino.
Genau in dem Moment hätte die sorgfältig geplante Herzattacke kommen müssen.
Aber der Tod hatte verschlafen.
Glück für Alois. Pech für die Menschheit.
Nach ein paar Minuten war Alois fertig und rollte sich mit einem kleinen Seufzer von Klara herunter aufs Bett.
Auf den ersten Blick hätte diese Nacht, wie tausend andere Nächte auch, unspektakulär sein sollen, aber dieses Mal lief alles anders – der kleine Adolf besiegte spielend seine Konkurrenten und spurtete blitzschnell Richtung Eierstöcke davon …
Die unangenehme Erinnerung daran raubte ihm nicht nur den Schlaf, sondern auch den Gedanken an den Schlaf. Er stand auf, zog den Umhang aus und betrachtete sich im Spiegel. »Ein bisschen mehr auf den Rippen könnte mir wirklich nicht schaden. Ich bin ja nur noch ein Knochengestell«, dachte er, hängte den Umhang über den elektrischen Stuhl und grübelte über den langersehnten Urlaub nach. Den hätte er schon viel früher verdient gehabt. Viele Millionen Jahre waren vergangen, nicht einen Tag hatte er pausiert. »Was hat ER schon auszustehen! ER kann sich wenigstens sonntags ausruhen«, murmelte er und bemerkte jemanden im Dunkeln. Halluzinationen hatten ihm gerade noch gefehlt! Er rieb sich mit den Fingerknochen die Augenhöhlen und schaute genauer hin. Es war niemand zu sehen.
Er beruhigte sich, legte sich hin und dachte weiter nach. Wie die Zeit verging. Er erinnerte sich an Abel, als wäre es im vorigen Jahrhundert gewesen. Damals war er nur als einfacher Assistent beschäftigt und hatte maßlose Anpassungsschwierigkeiten bei der Arbeit gehabt. Wie lange er allein schon Methusalem auf den Fersen war … Und dann dieser furchtbare Regen. Vierzig Tage lang hatte er ohne Pause gearbeitet, doch dann war wegen eines versoffenen Tischlers die ganze Arbeit ins Wasser gefallen. Beim Stichwort Wasser kam ihm die Titanic in den Sinn. Furchtbar kalt war es in jener Nacht gewesen – es war einem direkt in die Knochen gefahren … Brrr … Er erschauerte. Allerdings konnte er sich ebenso an Hitze erinnern. Einmal war es in London so teuflisch heiß gewesen, dass alles verbrannte. Als er an Feuer dachte, schwebte ihm komischerweise auch Archimedes vor. Ein heißes Bad … zusammen mit Marat … Das warme Wasser umschmeichelt angenehm den Körper. Vom Schädel- bis zu den Fußknochen durchlief ihn ein wohliger Schauer. Er fühlte sich erleichtert.
»Ich muss nicht einschlafen!« Dieser Gedanke gelang ihm noch, und dann war er eingeschlafen.
Es schlug vier Uhr.
1»Also, Like, Haha and Wow« und »Five More Months, Please« – stehen für die Sequels der Hits »All You Need Is Love« und »Wake Me Up When September Ends«.
2Atropos – Schicksalsgöttin in der griechischen Mythologie, deren Aufgabe es war, mittels einer Schere den Lebensfaden der Menschen durchzuschneiden.
3Darwin Award – wird für den blödesten Tod verliehen. Der Autor des vorliegenden Buches hätte eine ausgezeichnete Chance, den Darwin Award zu erhalten, falls im Moment des Schreibens der Darwin-Award-Fußnote der Akku des Laptops auf sieben Prozent sinken und er beim Grübeln über ein gutes Beispiel statt des Ladesteckers ein paar Stricknadeln in die Steckdose stecken würde.
Noch ein Prolog
Als Memento Mori eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er heraus, dass er eine Romanfigur war und ihm über sich selbst nur drei Dinge einfielen:
1.dass er den komischen Namen »Memento Mori« trug;
2.dass er eine Romanfigur war;
3.dass ihm über sich selbst nur drei Dinge einfielen.
Dabei ist das Dasein als Romanfigur durchaus kompliziert. Besonders dann, wenn man aus dem Nichts in einem Prolog auftaucht. Man kennt weder die eigene Vergangenheit noch die Zukunft, und von der Gegenwart kann man sich an so wenig erinnern, dass drei Zeilen absolut ausreichen. Rundherum ist nichts. Wenn man zum Fenster geht und hinausschaut, kann es sein, dass auch dort völlige Leere herrscht. Nicht einmal das Fenster bemerkt man, wenn der Autor nicht beschreibt, dass der Raum, in dem man sich befindet, vier breite Fenster hat, von denen aus sich ein herrlicher Ausblick auf den Zauberberg oder die Roggenfelder an einer steilen Klippe bietet, dass diese Weite im Spätherbst ganz besonders schön ist, wenn die Äste der Bäume aussehen wie gigantische Pinsel und die Blätter wie Farbe, dass es sich lohnt, aus dem Südfenster den Flug der blauen Vögel oder New Yorker Enten zu beobachten und so weiter und so fort.
Doch Memento Mori wird nicht ans Fenster gehen, denn er findet Naturbeschreibungen unnatürlich. Er glaubt, ein lebender Baum sei viel bedeutsamer als viele Seiten Waldbeschreibung, für die ein Baum gefällt wurde. Jedoch weiß Memento Mori selbst noch nicht einmal, was er weiß, bis auf das, was bis jetzt über ihn geschrieben wurde, und zukünftig dann noch das, was über ihn geschrieben werden wird.
Fakt ist, dass im Gegensatz zu ihm die meisten Romanfiguren nicht darüber nachgrübeln können, dass sie Romanfiguren sind, und jede beliebige ihrer Entscheidungen – und sei es jene, ob sie zum Abendbrot zuerst Huhn oder Ei essen sollten – im Kopf eines völlig fremden Menschen ausgebrütet wird. Solche Naivität ist überhaupt nicht verwunderlich. Stellt euch vor, eines Tages würde ein Fremder bei euch auftauchen und steif und fest behaupten, dass die Erde in Wirklichkeit ein in einem Buch eines auf Kyliejenn4 lebenden Autors vorkommender ausgedachter Planet sei und auch ihr selbst existieret real gar nicht – würdet ihr das glauben? Natürlich nicht.
Memento Mori entdeckte erst, dass er eine Romanfigur war, und dann glaubte er es. In einer Welt, in der sich ein Mensch im Schlaf in ein großes Insekt verwandeln und eine schwarze Katze auf zwei Beinen durch irgendeinen Trick an einer Straßenbahn hängend reisen kann, ist nichts unmöglich. »Angenommen«, dachte Memento Mori, »die Gedanken der Romanfiguren werden stets vom Autor gesteuert, dann ist es vielleicht ebenso die Entscheidung des Autors, mir eine Illusion des selbstständigen Handelns zu verschaffen …« Aber wozu über derartige Nichtigkeiten jammern, wenn man als Romanfigur durch Anpassung an das eigene Dasein eine unermessliche literarische Macht erlangen kann: Man kann andere Romanfiguren dazu anstacheln, sich gegen den Schriftsteller aufzulehnen, die Worte des Autors verhohnepipeln (»dass jemand dieses Verb nach dem Jura-Zeitalter benutzen würde, hätte ich nicht gedacht«) oder einfach in den Büchern herumreisen.
Also, wer glaubt noch immer, dass das alles nur mit dem Segen des Autors passiert? Keiner! Nicht mal Memento Mori glaubt das. Der Autor ist tot. Derjenige, der das gesagt hat, ist ebenfalls tot. Es lebe die neue Romanfigur!

Die drei Sternchen sind eine Art Ersatz für die Formulierung »Die Zeit verging«. Das heißt, verborgen hinter jener unvollständigen Zeile, die den Anfang dieses Absatzes vom Ende des vorhergehenden Absatzes trennt, war in Memento Moris Leben nichts Ungewöhnliches passiert. Hauptsächlich stopfte er sich mit Essen voll und schlief. Und da niemand mehr Geschichten über fettgefressene, schläfrige Romanfiguren lesen möchte, entschloss sich Memento Mori, »Wiegen« und »Liegen« durch gewichtigere Ziele zu ersetzen. Er besaß nämlich nichts Geringeres als eine ungewöhnliche Superkraft. Eine Superkraft nicht zu benutzen, ist, wie das eigene WLAN-Passwort zu vergessen. Erst recht in einer Welt, in der böse Autoren ihre Autorkratie ausleben und die eigenen Romanfiguren mit einem einzigen Federstrich niedermetzeln. In einem dermaßen ungerechten Land würde sicher ein Superheld gebraucht – Supermento! Mementomori-Man!! Termimentomori!!! …
Na gut, soll er meinetwegen weiterhin Memento Mori heißen.
Einige Jahre (was etwas viel erscheint, aber, wie ihr seht, in elf Buchstaben passen kann) hatte er sich mit Literaturen aller Art vertraut gemacht. Beginnend mit »Vom Ende einer Geschichte« bis zur »Unendlichen Geschichte« am Ende. Dann machte er sich ans Reisen in Büchern und an die Rettung der Protagonisten. Mal wollte er Romeo und Julia davon überzeugen, dass man nicht aus allem eine Tragödie machen müsse und sie später schmunzelnd an diese Episode zurückdenken würden, mal versuchte er, Ostap Bender Erste Hilfe zu leisten, während Worobjaninow im Fluss ertrank (»Bolivar kann nicht zwei tragen«5), mal besuchte er – mit dem eigentlich erst später erfundenen Zauber-Penizillin beladen – heimlich ein Sanatorium in Davos. Manchmal gelang es ihm, einen Sieg über die Autoren zu feiern, manchmal hinderte ihn der große Umfang eines Buches daran, und der Zug der Hauptfigur war schon abgefahren, bevor er die Seite mit der Tragödie erreicht hatte. Einmal hatte er sein Glück mit »Krieg und Frieden« versucht, aber bald Schild und Schwert sinken lassen. Er konnte weder die Selbstmord-Schwestern retten noch ***Spoiler Alert***6. Was sollte er machen? Er selbst war allein, die anderen Romanfiguren waren Millionen. Alle konnte er nicht erlösen, und das war auch nicht nötig. Außerdem hatte er Moriarty höchstpersönlich den Reichenbachfall hinuntergestoßen und konnte das bestürzte Gesicht von Holmes nicht vergessen, dessen maschinenartig arbeitendes Hirn sich absolut nicht erklären konnte, wo dieser Deus ex Machina herkam.
Obwohl, na komm, seien wir ehrlich – als wahnsinnig interessant hat sich das Reisen in den Büchern nicht herausgestellt. Es war zwar meilenweit besser als der ewige Kreislauf aus Essen und Schlafen, aber ein von dermaßen vielen literarischen Anspielungen genervter Leser würde das Buch nach einigen Absätzen kaltblütig zuschlagen, sodass er Memento Mori mit Vergnügen zwischen den Seiten zerquetschte. Um den Leser davon abzuhalten, musste also eine Story her, und genau da machte Memento Mori jene Entdeckung, mit der er dem Damoklesschwert einfach ausweichen würde – während er selbst in anderen Romanen beschäftigt gewesen war, war in seinem eigenen jemandes Ermordung geplant worden! Und zwar für vier Uhr und dreiunddreißig Minuten. Im Prolog war alles detailliert beschrieben, außer einer wichtigen Sache:
Wer sollte ermordet werden?
4Kyliejenn – in einem Buch eines auf der Erde lebenden Autors vorkommender ausgedachter Planet.
5Bolivar kann nicht zwei tragen – Der Hauptzweck der Fußnote ist die indirekte Demonstration der Kenntnis einer Erzählung von O. Henry durch den Autor. Deshalb solltet ihr dieser keine Aufmerksamkeit schenken, ungeachtet dessen, dass der Hinweis, ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken, erst im zweiten Satz gegeben wird.
6*** Spoiler Alert*** – Randle McMurphy, dessen Rettung Memento Mori ebenfalls nicht gelang. Obwohl er es im Gegensatz zu Kesey zumindest versucht hatte.
Entschuldigung, auf Sie wartet der Tod!
Spoiler #1: Ernest Hemingway ist ein Mörder
»Schließen Sie die Augen, und stellen Sie sich vor, Ihnen würde die Superkraft verliehen, einen Menschen aus der Weltgeschichte verschwinden lassen zu können. Wer wäre Ihrer Meinung nach derjenige, dessen Nichtexistenz die Geschichte am radikalsten verändern würde?« Professor Arno holte die Brille aus der Hemdtasche und legte sie, statt sie sich auf die Nase zu setzen, auf den Tisch. »Normalerweise würde Ihnen als Erster Adolf Hitler in den Sinn kommen … Wenn Sie andere Kandidaten haben, können wir darüber durchaus diskutieren.«
Es gab andere Kandidaten. Den Wunsch, sich zu Wort zu melden, allerdings nicht. Daraus schloss Professor Arno, die Mehrheit der Hörerschaft teile offenbar seine Ansicht, und fuhr etwas forscher mit der Vorlesung fort: »Interessant wäre zu ergründen, warum Hitler zu einer Marke in der Weltgeschichte geworden ist. Doch sicher nicht wegen seines markanten Schnurrbarts? Oder wegen jener berüchtigten Geste, mit der man heutzutage nur noch Taxis anhält? Vielleicht ist das Hakenkreuz das perfekte Logo? Ist nur sein Charisma an allem schuld, welches erst einen Wind des Wandels in Deutschland aufkommen und dann einen Sturm von Kämpfen über Europa fegen ließ …«
»Vielleicht, weil er viele Menschen umgebracht hat, Herr Professor?«, schlug ein Alleswisser aus den Tiefen des Saales vor.
»Fakt ist, dass es nicht so ist. Wenn Ruhm an der Anzahl der Opfer gemessen wird, dann müsste das Denkmal von Mao Zedong auf einem Sockel stehen, der höher ist als der Himalaja. Seinem Regime fielen fünfzig Millionen mehr Menschen zum Opfer. Allerdings kann ich mich kaum an Diskussionen darüber erinnern, wie sich die Weltgeschichte verändert hätte, wenn ein Zeitreisender in ein kleines chinesisches Dorf gekommen und den neugeborenen Mao umgebracht hätte«, Professor Arno nahm die Brille vom Tisch, und weil er es für ein sinnloses In-die-Länge-Ziehen einer Erzählung hielt, die Handlungen von Figuren zwischen ihren Sätzen zu beschreiben, beschloss er, bis zum Ende der Vorlesung unbeweglich stehen zu bleiben, »während hingegen über Hitler allerlei Geschichten verfasst worden sind. Zum Beispiel, dass ein jüdischer Wissenschaftler, der den Holocaust überlebt hat, eine Zeitmaschine erfindet, um den kleinen Adolf umzubringen. Oder der schon erwachsene Hitler wird umgebracht, aber der an seine Stelle getretene neue Führer erobert ganz Europa. Oder der Sieg des Führers schreibt die Geschichte neu. Oder Hitler vermasselt einfach nicht die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule, was bedeutet, dass er den Rest seines Lebens mittelmäßige Gemälde auf Leinwand zeichnet und keine Ausrottungsszenarien.«
»Und im Falle der Nichtgeburt Hitlers wäre der Krieg trotzdem ausgebrochen? Heißt das, die Geschichte wird eher von äußeren Faktoren beeinflusst als von konkreten Menschen?«, fragte ein Mann mit Che-Guevara-Shirt in der ersten Reihe.
»Über dieses Thema ist viel gesprochen und geschrieben worden.« Professor Arno machte eine Pause und setzte sich die Brille auf die Nase. »Nun, sagen wir es so: Falls der Führer eben nur ein Mensch war, der einfach zur rechten Zeit am rechten Ort auftauchte, warum ist es dann so, dass, wenn man in Büchern über Hitler und zum Beispiel Franz Ferdinand 7 und Gavrilo Princip 8 schreibt, nur für die beiden Letzteren eine Fußnote nötig ist? Inwiefern sind Princips und Franz Ferdinands freiwillige beziehungsweise unfreiwillige Rolle beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs denn weniger bedeutend? Auf den ersten Blick ist es nicht so. Doch der Unterschied liegt genau in den ›äußeren Faktoren‹ und den ›konkreten Menschen‹. Im Falle der Nichtgeburt Gavrilo Princips hätte mit Sicherheit jemand anderes Franz Ferdinand umgebracht – oder denjenigen, der anstatt Franz Ferdinand geboren worden wäre … Das heißt, ausgehend von der in Europa herrschenden Atmosphäre war der Erste Weltkrieg schon eine Sache des Prinzips und wäre auch ohne Princip unausweichlich gewesen. Der Zweite Weltkrieg kommt mir jedoch, ehrlich gesagt, ohne Hitler recht unrealistisch vor. In Sachen Änderung der Weltgeschichte ist seine Rolle als ›konkreter Mensch‹ fast unabdingbar …«
Arno selbst, der laut Pass eigentlich Arnold hieß, hatte seit seiner Kindheit das Ziel gehabt, die Geschichte zu verändern. Am Ende war jedoch das Einzige, was er verändert hatte, sein Ziel gewesen. Als Berufsfeld wählte er die Archäologie und widmete seine ganze Jugend der Jagd nach Schädeln. Speziell die vom Homo Irgendwas-icus. Mit Resten von Zähnen hier und da und nicht sehr attraktivem Gerippe. Zwanzig Jahre lang hatte er unermüdlich gegraben, doch das Bedeutsamste, was er entdeckt hatte, war, dass alles Bedeutsame schon entdeckt worden war. Dann hatte er seine Träume tief in der Erde begraben und sein restliches Leben der Suche nach alternativen Wegen gewidmet, die Geschichte zu ändern. Um es klar zu sagen: In die Geschichte einzugehen, war zu seiner fixen Idee geworden.
»In Wirklichkeit können Menschen die Geschichte nicht ändern. Menschen machen sie. Um die Geschichte ändern zu können, müsste man Historiker sein«, Professor Arno rückte die Brille zurecht und erinnerte sich an die Worte irgendeines französischen Schriftstellers, »oder mit einer Zeitmaschine zurückreisen und zum Beispiel Hitler dazu zwingen, seinen Kampf aufzugeben.«
»Ja, aber«, konnte sich einer nicht zurückhalten und war, weil er schon »Ja, aber« gesagt hatte, gezwungen, den Satz fortzuführen, »Wissenschaftler haben doch bewiesen, dass eine Reise in die Vergangenheit physikalisch unmöglich ist.«
»Nun, ich kann gleich hier beweisen, dass jeder beliebige Wissenschaftler sich irren kann.« Professor Arno wusste nicht mehr, welche nicht abgedroschene Handlung er mit seiner Brille noch ausführen könnte; er hatte die Nase voll vom Suchen nach seltenen Verben. »Die Jahre werden vergehen, und den Menschen wird es unmöglich sein, sich auch nur vorzustellen, was für sie unmöglich sein könnte.«
Aus eigener Erfahrung wusste Professor Arno, dass dieses und ähnlich abgenutzte Wortspiele – »Mich beunruhigt, dass mich nichts beunruhigt«, »Entschuldigung, aber ich entschuldige mich selten«, »Mich ängstigt nur mein Mut« und dergleichen mehr – eine simple Methode war, um scharfsinnig zu wirken. Daher ließ er sich keine Chance entgehen, darauf zurückzugreifen.
»Und überhaupt, seid ihr davon überzeugt, dass jene Zeit, in der wir uns gerade befinden … also, dass diese öffentliche Vorlesung nicht für irgendjemanden schon Geschichte ist? Wisst ihr mit Sicherheit, dass wir die Ersten in diesem Raum-Zeit-Kontinuum sind? Dass es vor uns niemanden gab und dass ›morgen‹ noch nicht angebrochen ist?«
Jemand zuckte unbewusst mit den Schultern. Aber das hatte niemand bemerkt. Noch nicht mal derjenige selbst.
»Stellen wir uns vor, wir hätten eine Zeitmaschine erfunden und wären zum Beispiel zu van Gogh gereist …«
Als ein Mädchen in der dritten Reihe den Namen van Gogh hörte, lächelte sie süß, und in ihren übernächtigten Augen funkelten Sterne.
»Nun, da steht also der mit Farbe bekleckerte Vincent in seinem Zimmer, malt Sonnenblumen und glaubt ernsthaft, dass das, was dort passiert, die Gegenwart ist, dass jenseits jenes Tages noch nichts ist, dass das einundzwanzigste Jahrhundert noch genauso fern ist wie sein Ruhm … Wir jedoch, die Leute in zweihundert Jahren Entfernung, könnten ihn einfach vom Gegenteil überzeugen. Er wird uns bestimmt nicht sein Ohr leihen und uns für verrückt halten, aber …«
»Der Doctor würde ihn in die TARDIS 9 setzen und in eine Ausstellung mit seinen Gemälden bringen!«
»Doktor wer?«, fragte Professor Arno und dachte, dass er gleich nach dem Ende der Vorlesung diese »Trandis« googeln sollte. Er fühlte sich immer völlig unfähig, wenn jemand etwas wusste, von dem er selbst nicht mal den Hauch einer Ahnung hatte. »Außerdem, was tut das zur Sache … Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es möglich ist, dass in diesem Moment im Abstand von zwei Jahrhunderten ein Mensch eine Vorlesung hält, der genau jetzt sagt, dass nicht ausgeschlossen sei, dass vor zwei Jahrhunderten irgendein betagter Professor hier gestanden und über den vor vier Jahrhunderten lebenden van Gogh gesprochen hat.«
Im Hörsaal beschlossen einige Leute, Professor Arno sei der klügste Mensch, den sie je getroffen hatten. Im Allgemeinen sahen das auch viele in der Stadt so, was den Professor außerordentlich wunderte. Hinter seinen öffentlichen Vorlesungen stand doch nicht einmal eine tiefere Philosophie und auch keine höhere Kompetenz. Trotzdem – oder möglicherweise genau deswegen – konnte er sich über mangelnden Zulauf an Zuhörern nicht beschweren. Im Gegenteil: Im Anschluss an die Veranstaltungen bezahlten ihm manche sogar ein Honorar dafür, dass er zum tausendundersten Mal das wiederholt hatte, was er vorher schon tausendmal kostenlos gesagt hatte.
»Die Existenz einer Zeitmaschine würde einfach einen riesigen Kollaps der Geschichte auslösen …«
… nach legalen Wegen, in diese einzugehen, hatte Professor Arno im Laufe der letzten zehn Jahre vergeblich gesucht. Krieg hatte er von Anfang an ausgeschlossen – zum Armeekommandeur war er nicht geboren, kollektiv in die Geschichte einzugehen jedoch (»berühmte Kriegshelden«, »300 Spartaner«), war auch nicht besonders hilfreich; den Plan, irgendeine große Kirche niederzubrennen, legte er alsbald ad acta. Erstens stand einem Wissenschaftler ein Plagiat nicht gerade gut zu Gesicht, und zweitens würde ihn dieser Weg eher in eine Gefängniszelle führen als in die Geschichte. Er versuchte es auch mit Politik, aber bevor er etwas ändern konnte, hatten ihn die Wähler abgewählt. Am Ende ging ihm die Fantasie aus, und er beschloss, inspirierende letzte Worte vor dem Tode zu finden und auf diesem Weg seinen Namen für immer ins Bewusstsein der Nachwelt einzuprägen. Oder, bildhafter ausgedrückt, seine Sterbensworte unsterblich zu machen …
»Könnten Sie uns das Prinzip der Zeitmaschine in einfachen Worten erklären?«
»Auf diese Frage werden wir etwas später zurückkommen«, Professor Arno griff auf eine gern genutzte Methode zurück, Gespräche über Themen zu vermeiden, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte, »aber eines kann ich Ihnen genau erklären: Wahrscheinlich kommt Ihnen Zeitreise jetzt wie ein Wunder vor, aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass ›Wunder‹ nur ein Synonym für ›Perspektive‹ ist. Heutzutage bringt man weder mit einer Skizze eines U-Bootes jemanden zum Staunen noch mit der Verwandlung von Wasser in Wein. Das Verfallsdatum von Wundern ist überschritten – wenn sie nicht auf Foto oder Video festgehalten sind, glaubt keiner daran. Und selbst wenn sie festgehalten sind, werden sie nicht Wunder genannt, sondern gute Montagen …«
… in Professor Arnos Leben war nie ein Wunder geschehen. Nicht eine einzige Begebenheit, die dafür getaugt hätte, sie später den Enkeln zu erzählen. Außerdem hatte er nicht mal Enkel, die eine Existenz solcher Begebenheiten notwendig gemacht hätten. Die Welt hatte also alles perfekt ausbalanciert. Die Hauptsache war, dass im Rahmen der Weltbalance alle von ihm zu Lebzeiten nicht ausgesprochenen Sätze in perfekte letzte Worte vor dem Tod verwandelt würden. Sie sollten kurz und präzise sein und zu Herzen gehen. So wie diese: Zu verkaufen: Babyschuhe, nie getragen. Oder, bildlicher ausgedrückt, wollte er den einen, alles zusammenfassenden Slogan seines Lebens kreieren …
»Haben Sie gewusst, dass die gesamte uns bekannte jahrtausendealte Geschichte im Voraus verfasst wurde?«
Professor Arno kam gerade aus der Universität, als er eine fremde Stimme hörte. Der Unbekannte trug ein Shirt mit Che-Guevara-Aufdruck, und seine Augen hatten beide die gleiche Farbe10 – braungrau.
»Ja, alles ist Fiktion. Wir hingegen sind einfach nur Teile des Experiments, bei dem Sie möglicherweise der Tod erwartet.«
Professor Arno wusste natürlich, dass ihn der Tod irgendwann einmal ereilen würde, aber ganz so früh hatte er nicht damit gerechnet. Er war so verwirrt, dass ihm als Antwort nur die allereinfachsten Anwärter auf seine letzten Worte einfielen: »Ich habe keine Angst vor dem Tod, da ich bezweifle, dass sich die Hölle als schlimmer herausstellen kann als die Erde.«
Spoiler #2: Professor Arno wird von einer Reklametafel gepackt
Matthäus reichte es nicht, im Augenblick zu verweilen. Er wollte die gesamte Zeit einfrieren. Alle Zeiger. Alle Ziffernblätter. Sekundenzeiger. Kalender. Wecker. Sogar die Kuckucke. Ja, Matthäus war nicht Rick Sanchez, Doktor Faust oder jemand noch Intellektuelleres … zum Beispiel Josua, der Sohn Nuns11. Dennoch, es war an der Zeit, dass sich jemand ernsthaft darum kümmerte, der Zeit in dieser Welt habhaft zu werden.
Matthäus’ Methoden waren allerdings noch nicht perfekt: Anfangs hatte er beschlossen, spät einzuschlafen und früh aufzuwachen. Er gewann mindestens fünf Stunden pro Tag, bis er aussah wie einer der Schauspieler aus den Massenszenen von »The Walking Dead« und er gezwungen war, sich geeignetere Wege zu suchen, um an sein Ziel zu kommen. Zur selben Zeit entledigte er sich auch sämtlicher Uhren und Wecker in seinem Haus, denn sie waren wie eine direkte Deklaration der verfliegenden Zeit, er merkte aber schnell, dass es überall weiterhin Uhren gab. Die Stadt verlor nie Zeit mit Fragen nach der Uhrzeit. Er versuchte sogar, den Erwartungseffekt zu verstärken: Gleich nach der Lotterieauslosung füllte er neue Tippscheine aus, damit sich die Zeit des Wartens auf die potenziellen Millionen unerträglich ausdehnte. Eine Million konnte er natürlich nicht gewinnen. Zeit dafür umso mehr. Letztendlich beschloss er, bei seiner Bank einen langjährigen Kredit aufzunehmen – denn ein Kredit folgte einem paradoxen Prinzip: Die Tage vergingen schnell von Monat zu Monat, zogen sich aber von Jahr zu Jahr schmerzlich hin. Auch das für umsonst. Obwohl Zeit Geld ist, war Geld nicht Zeit, und Matthäus merkte, dass er die meiste Zeit auf das Nachdenken übers Zeitsparen verschwendet hatte, deshalb ging er, solange noch Zeit war, zu anderen Ideen über. Ideen hatte er schließlich mehr als Zeit:
•Er wollte ein Handelszentrum namens »Judas Iskariot« mit dem Slogan »Wir verkaufen nur das Beste!« eröffnen.
•Er wollte mehrere identische Gemälde anfertigen, die sich untereinander nur durch ihre Titel unterschieden.

Müder Pollock

Drei Flugzeuge

Stirn. Alter

Logans Slogan
•Er wollte ein Reisebüro namens »FAST FOOD«12 gründen, das seine reichen Kunden, welche es nicht schafften, vor Beginn des Fastens eine gute leckere Mahlzeit zu sich zu nehmen, in eine zurückliegende Zeitzone befördern würde.
•Er wollte eine ungewöhnliche Kreuzworträtselzeitschrift herausgeben, eine, die statt eines Titels leere Kästchen auf dem Cover hat – darüber eine Frage. Die Antwort auf diese Frage ergäbe den Titel der Zeitschrift und änderte sich bei jeder Ausgabe in Abhängigkeit von der Frage.
•Er wollte die Nichtregierungsorganisation »Uroboros«13 gründen, welche Spenden nur einwürbe, um sich selbst zu helfen.
•Er wollte, dass die Bevölkerung des ganzen Landes zu Millionären wird, und hatte sich dafür schon ein absolut simples Modell überlegt: Wenn jeden Monat eine Million Menschen je einen Dollar sparen und einem von ihnen geben würden, dann würde dieser eine automatisch Millionär werden. Im zweiten Monat würde der Zweite Millionär, im dritten Monat der Dritte und so weiter – bis zur Million. Der einzige Fehler des Modells bestand darin, dass das Land auf diesem Wege pro Jahr nur um zwölf Millionäre reicher würde und einige Menschen – konkret drei Millionen neunhundertsiebzehntausendachthundertzweiundzwanzig – im Laufe ihres Lebens fast keine Chance mehr haben würden, Millionär zu werden. Natürlich nur, falls nicht irgendeiner von ihnen in jener Lotterie gewinnen würde, die nicht für Matthäus gemacht zu sein schien …
… letztendlich beschloss er, Privatdetektiv zu werden. Zuerst suchte er nach einem Fall, dann suchte er nach Wegen, ihn zu untersuchen. Und da er keinen Veteranen des Anglo-Afghanischen Kriegs als Mitbewohner hatte, musste er die Details eines Falles eben für die kommenden Generationen selbst beschreiben.
Gleich der erste Fall (»Der verschwundene Sendemast vom Mtazminda14«) stellte sich als nebulös heraus. Allerdings hatte sich der Nebel auf dem Mtazminda verzogen, und alles – unter anderem auch der Mast – befand sich wieder an seinem Platz, bevor Matthäus die Gründe für einen möglichen Diebstahl des Sendemasts durchdacht hatte. Auf sein erfolgreiches Debüt folgte ein weiterer Fall – diesmal musste Matthäus eine Katze anstatt eines begrabenen Hundes finden (»Tot oder lebendig«). Die Katze namens Schrödinger kam zwar aus freien Stücken zurück nach Hause, aber keiner konnte die Tatsache leugnen, dass Matthäus diese Rückkehr schon zwei Stunden vorher unfehlbar vorausgesagt hatte. Dann gab es den geheimnisumwobenen Fall des nackten Mannes im Haus gegenüber, der zwischen Fensterscheibe und Vorhang feststeckte (»Die nackte Wahrheit«). Aber der Ehemann der Nachbarin war so schnell verschwunden, dass er nicht mal versuchte, hinter den Vorhang zu schauen, um die Wahrheit zu sehen. Seinerseits beschloss Matthäus großherzig, die intimen Details dieses erotischen Falls nur in seinen Aufzeichnungen festzuhalten und die Geschichte des ans Fenster gedrückten Arsches außerhalb seiner Annalen unerwähnt zu lassen.
Natürlich war sich Matthäus vollständig darüber im Klaren, dass die ganze Serie von Ermittlungen nur ein Kinderspiel war und ihm jene Zeit vertrieb, die er bis dahin vergeblich versucht hatte anzuhalten. Nach einigen erfolgreichen Ermittlungen – »Lord of the Fries« (viel Lärm ums nichts bei McDonald’s), »Der verschluckte Schlucker« (die mystische Geschichte eines aus einer Spelunke des Viertels verschwundenen Säufers), »Wer die Nachtigall stört« (ein Streit, der sich darüber entsponnen hatte, dass Schrödinger für die Tötung eines Vogels bestraft worden war) – war er allmählich von seinen Fähigkeiten überzeugt und beschloss, zu echten Morden überzugehen. Genau in diesem Moment sprach er seinen berühmten Satz: »Im Westen ist Sherlock Holmes, im Osten bin ich!«, und weil er es überaus primitiv fand, Holmes zu imitieren, plante er dessen Antipode zu werden – er rauchte E-Zigarette, spielte Vuvuzela und versuchte, induktiv zu denken.
»Eine Vitrine ohne Scheibe. Eine leere Ausstellungsfläche. Gelbes Polizeiabsperrband drumherum … tja …«, Matthäus neigte ein wenig den Kopf, legte den abgespreizten Daumen der geballten linken Faust unters Kinn, presste die übrigen Finger an Lippen und Nase, fragte sich, ob die Leser seine Bewegungen nachahmen würden, wenn er eine Romanfigur wäre und jemand seine Bewegungen so beschriebe, und zog nach einigen lyrischen Wendungen eine unbezweifelbare induktive Schlussfolgerung – es musste sich um einen Diebstahl handeln.
»Ja. Nur ein Dieb, Gauner und Bastard würde hier hereinkommen, aber Besucher? Nein!« Der Sicherheitsmitarbeiter des Museums wedelte mit der Hand, was eher wie ein Winken wirkte. »Schulkinder werden ab und zu auf Exkursion hierhergeschleppt, und das war’s … Das hab ich ja schon immer gesagt, wir interessieren uns für Museen nur im Ausland. Wir brauchen nur irgendwohin zu reisen, und schon landen wir schnurstracks in einem Museum. Aber hier ist das Museum der letzte Ort, wo wir hingehen möchten. Was will man da? Wir sind zwar stolz auf unsere Sehenswürdigkeiten, besichtigen aber trotzdem lieber die von anderen. Vielleicht, weil wir denken, sie sind ja gleich um die Ecke, in zwei Schritten Entfernung, wir können ja hingehen, wann wir wollen. Und der Louvre erscheint uns irgendwie weit weg.«
»Oder weil hier keine ›Mona Lisa‹ und keine ›Venus von Milo‹ ausgestellt sind«, brachte Matthäus seine eigene Version ins Spiel und schämte sich ein bisschen, dass er aus der großen Sammlung des Louvre nur diese beiden Exponate kannte.
»Pah, ›Mona Lisa‹, wenn die überhaupt ein Original ist«, der Sicherheitsdienstmitarbeiter ging, warum auch immer, zum Flüstern über, »im Internet stand, dass das, was im Louvre ausgestellt ist, in Wirklichkeit nicht das ist, was dieser … äh … Typ zu seiner Zeit gemalt hat. Das Original ist irgendwo im Depot versteckt. Und das, was die Leute sich angucken, weißt du, was das ist? So was wie die Schokoladenattrappen, die früher in den Schaufenstern standen und die wir für echt gehalten haben! Und selbst wenn sie echt wäre, ich hasse trotzdem diese mit tausenderlei Krimskrams vollgestopften Museen. Um echte Kunst zu zeigen, braucht man nur ein oder zwei Gemälde, denn nach zehn Minuten sinnlosen Rumlaufens ist einem piepegal, ob das Gemälde in dem Saal da von Pablo Picasso oder von Pablo Escobar ist.«
»Was das verschwundene Exponat angeht …« Matthäus wollte endlich seine Ermittlungskunst zeigen.
»Ach ja! Ich liebe ja die Regel, dass man ein Foto machen darf. Ich bin ja nicht in vielen Museen im Ausland gewesen, aber über die, in denen ich war, kann ich mir ein Urteil erlauben … In manchen ist Fotografieren ja verboten. Als ob das kein anderer sehen soll, oder was weiß ich, warum, aber trotzdem: Ein Foto zu machen, schaffst du überall … Man knipst es. Es kommt einer angestürmt. Macht mit dem Finger du-du-du. Man antwortet: ›Ixkjuhsmii, das hab ich nicht gewusst, ich tu’s nie wieder, Mister‹, aber immerhin, es bleibt einem dieses eine Foto … Eine Erinnerungsaufnahme aus dem gesamten Museum. Deswegen hängt alles von der richtigen Auswahl dieses einen Fotos ab.«
»Was ist also verloren gegangen?« Matthäus verlor gleichzeitig Zeit und die Geduld.
»Die Museumskultur ist verloren gegangen, der Respekt vor sich selbst ist verloren gegangen … Hm, was noch?«
»Ich hab das Exponat gemei…«
»Ich hab auch das Exponat gemeint«, unterbrach ihn der Sicherheitsdienstmitarbeiter, »früher zum Beispiel …«
Der Fall stellte sich also folgendermaßen dar: Im Seidenmuseum, einem zweistöckigen, prunkvollen Gebäude aus roten Ziegelsteinen an einem ruhigen und grünen Park, war das Hauptexponat – ein Seidenpantoffel der legendären Königin Tamar – unbemerkt verschwunden. Keinerlei Spuren. Keinerlei verdächtige Geräusche. Keinerlei irgendwas. Tür und Fenster waren von innen verschlossen gewesen. Weder die Polizei konnte den Fall lösen noch – was noch viel verwunderlicher ist – die Journalisten. Der Sicherheitsdienstmitarbeiter jedoch, der bestimmt viel leichter den Dieb im Zaum hätte halten können als seine Zunge, schwieg zu diesem Vorfall verdächtig. Es war zwar nicht Matthäus’ Traumkriminalfall (das wäre eher der Mord an diesem Sicherheitsdienstmitarbeiter), aber zumindest könnte er sich so endlich einen seidenen Ruhmesmantel umhängen. Genau deshalb war er, sobald er im Fernsehen von dem Diebstahl gehört hatte, hier aufgetaucht.
»Der Fall ist über alle Maßen kompliziert, Watson!«, seufzte Matthäus und grübelte.
Nun, in Wirklichkeit war der Fall völlig simpel und wurde nur durch die Anwendung der induktiven Methode verkompliziert. Erstens konnte Matthäus Induktion nicht richtig von Deduktion unterscheiden und war ständig auf der Hut, nicht die Methode des eingebildeten Londoners anzuwenden. Zweitens war die Untersuchung des Falles mittels Induktion fast dasselbe wie Kaffee in den Zucker zu schütten. Na gut, vielleicht nicht dasselbe, aber wie gesagt, Matthäus konnte Induktion nicht richtig von Deduktion unterscheiden …
»Nun, wenn ich nicht mit Induktion angefangen hätte, wäre ich leicht zu dem Schluss gekommen, dass sich der Sicherheitsdienstmitarbeiter eher um die lauen Besucherzahlen des Museums sorgt als um das Verschwinden von Königin Tamars Pantoffel. Außerdem wird Königin Tamar in der Geschichte viel öfter barfuß erwähnt als mit Pantoffeln.« Matthäus machte im Geiste eine Pause, die zur Schärfung seines Geistes beitragen sollte. »In Wirklichkeit …«
»… existiert keinerlei Pantoffel, und es ist einfach ein Marketingschachzug des Museums«, vollendete ein Mann, der aus dem Nichts im Raum aufgetaucht war, Matthäus’ Satz. Der Unbekannte hatte einen kurzen Bart und kurzes Haar, was man von dem Mann auf seinem Shirt wirklich nicht behaupten konnte.
»Was existiert nicht?« Der Sicherheitsdienstmitarbeiter schien beleidigt. »Seit Jahren steh ich hier, um den zu bewachen!«
»Sie bewachen ihn, aber die Hauptsache ist doch, quis custodiet ipsos custodes?15«, antwortete der Unbekannte auf Latein, um eine Wortwiederholung zu vermeiden, und wandte sich, bevor der Sicherheitsdienstmitarbeiter, weil er nicht die Superkraft besaß, die Fußnoten dieses Buches zu lesen, in Verunsicherung verfiel, an Matthäus: »Es ist Zeit, sich ernsthafteren Dingen zuzuwenden.«
»Ich halte nur Morde für ernsthafte Dinge!«
»Genau der Meinung bin ich auch. Die Sache ist nur die: Es ist noch kein Mord passiert …«
Matthäus wusste nicht, wer zum Teufel dieser Mann war, er wusste nicht, wie er einen noch nicht geschehenen Mord untersuchen sollte, er wusste nicht, ob er den laufenden Fall »Seidenstraße« nennen sollte oder »Seidensackgasse«, er kannte nicht Sokrates’ berühmtestes Zitat, die Identität Jon Snows und die erforderlichen Umweltbedingungen für die Vermehrung von Chlamydomonas, er wusste weder, was Chlamydomonas sind, noch, warum er einem Menschen vertraute, über den er nichts wusste, aber er willigte trotzdem bedingungslos ein, den Fall zu untersuchen, denn trotz des großen Unwissens wusste er zumindest eines: »Lehne nie etwas ab, wenn deine Zustimmung nichts kaputtmacht!«
Spoiler #3: Virginia ist Sylvias Geliebte
»Warum ist es oft so, dass wir die lieben, die uns nicht einmal mögen, und warum lieben uns die, die wir nicht einmal mögen?«, grübelte Lea und legte »Bestseller«16 in ihren Koffer. Und da ihr niemand anderes auf ihre Gedanken antwortete, fuhr sie innerlich fort: »Wahrscheinlich deshalb, weil es die perfekte Welt nur im Märchen gibt und sich das Leben irgendwie vom Märchen unterscheiden muss. Das ist sein wahrer Sinn – immerwährender Kampf, denn ein märchenhaftes Leben, wie wundervoll auch immer, ist am Ende trotzdem eintönig und langweilig … Ja, es ist dumm, nur dafür zu kämpfen, dass dein ganzes restliches Leben in einer Floskel wie ›und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage‹ zusammengefasst werden kann.«
Lea selbst hatte nie davon geträumt, Prinzessin zu sein. Mehr noch, für sie war ein Frosch nur ein mäßig sympathischer Vertreter der Familie der schwanzlosen Amphibien, und der einzige Prinz, den sie von ganzem Herzen treffen wollte, lebte leider auf einem völlig anderen Planeten namens B 612. Deshalb hatte Lea auch ein unmärchenhaftes Leben, in dem sie alles in Stichpunkte unterteilte, von denen sie nur vier mochte:
1.Endlose Gedanken: Lea dachte oft, dass Worte in Gedanken viel besser klangen, als wenn sie ausgesprochen wurden. Sie stellte die Worte blitzschnell im Kopf zusammen und konnte so innerhalb einer Stunde ein literarisches Meisterwerk verfassen, vor Millionen Menschen eine hochemotionale Rede halten, Fachdiskussionen über die praktische Anwendung von Sinus- und Kosinussatz im alltäglichen Leben gewinnen, beim Flirt einen Dialog exakt so führen, wie sie ihn sich ausgemalt hatte … Aber genau dann, wenn sie den Mund aufmachte, geriet ihre Wortreihenfolge durcheinander. Sie verbuchselte die Wechstaben. Aus dem Nichts tauchten Scharen von »Ähms« und »Na jas« und »Eigentlichs« auf. Die Hälfte der verbalen Einheiten weigerte sich strikt, sich auch nur einen Millimeter auf ihrer Zunge zu bewegen. Lea verglich sie deshalb mit einem Sprungbrett, das nur etwas für ganz gewagte Wörter war. Doch ab und zu, wenn sie etwas sehr Unpassendes sagte, glich ihre Zunge einer über Bord ragenden verhängnisvollen Planke auf einem Piratenschiff … Und zwar immer dann, wenn Lea frei über alles Mögliche auf der Welt nachdenken konnte, zum Beispiel darüber, warum Frauen in der Werbung immer ihr Lieblingswaschpulver in der Tasche trugen oder ob die Liebe zur lateinischen Sprache als Nekrophilie gelten sollte, oder darüber, woher Schriftsteller wussten, worüber ihre Romanfiguren nachdachten.
2.Kampf gegen leere Sprachhülsen: Lea hasste abgenutzte Vergleiche wie die Pest. Metaphern ebenso. Oder Hyperbeln. Und all die anderen literarischen Tricks, deren Namen sie oft vergaß. Wie zum Beispiel jetzt. Deshalb war Lea ständig auf der Suche nach einzigartigen Formen, was schwieriger war als Houellebecqs Nachnamen gleich beim ersten Mal fehlerfrei zu schreiben oder ein vor Monaten beiseitegelegtes Buch weiterzulesen, ohne die schon gelesenen Seiten noch mal zu überfliegen.
3.Die Prinzessin der Tiere: Katzen waren der helle, fluffige Fluchtpunkt in Leas Leben. Sie liebte alle, die mit Katzen auch nur die geringste Verbindung hatten, von Halle Berry bis Andrew Lloyd Webber. Aufgrund ihrer Begeisterung für Katzen konnte Lea selbst Katzenjammer und Katzenwäsche etwas Positives abgewinnen. Aus demselben Grund hatte sie immer einen großen Vorrat an kaltem Brei zu Hause. Natürlich hatte sie selbst auch eine Katze. Eine schwarze. Mit dem eigenartigen Namen Eyed Peas.
4.WJOZAFOT (Weltjugendorganisation für Zukunft, Arthouse-Filme und obdachlose Tiere): So hieß die NGO, deren starkes und unabhängiges Zentrum Lea darstellte. Die Hauptmission der Organisation war, herauszufinden, was genau sie eigentlich tun. Leas Job hier war etwas seltsam: Sie sollte aufmerksam sein und auf jegliche Anzeichen von Sexismus im Alltag achten. Ehrlich gesagt erschloss sich Lea das Wesentliche des Feminismus nicht so recht, aber obwohl sie keine größeren kulinarischen Kenntnisse vorweisen konnte, war sie dagegen, alle Männer in einen Topf zu werfen.
Trotzdem: Warum ist es oft so, dass wir die lieben, die uns nicht einmal mögen, und warum lieben uns die, die wir nicht einmal mögen? Über diese Formulierung grübelte Lea nach, und ihr war, als ob jemandes unsichtbare, ein wenig faule Hand ihren Gedanken vom Kapitelanfang mittels Copy and Paste in den siebten Absatz des Kapitels übernommen hatte. Sie hatte über solche Ungerechtigkeiten des Lebens bislang noch nie nachgedacht – bis eine Figur aus dem Roman »Bestseller« sie ins Grübeln gebracht hatte. Irgendwie ähnelte sie ihr. Nichts und niemand gefiel ihr – vielleicht war es das. Sie zog in Erwägung, dem Autor selbst zu schreiben, um eine Antwort zu bekommen, fand das dann aber doch zu gewagt: Erstens bestand die Möglichkeit, dass der Adressat sie falsch verstehen und die Frage als Vorwand auffassen könnte, ein Gespräch anzufangen, und zweitens wäre es lächerlich, dem Autor zu sagen, sie halte sich für seine Romanfigur.
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