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Beate Vera
Wer die Lüge kennt
Ein Provinzkrimi aus Berlin
Jaron Verlag
Originalausgabe
1. Auflage 2019
© 2019 Jaron Verlag GmbH, Berlin
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Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin. Foto: © AdobeStock
Satz: Prill Partners | producing, Barcelona
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
ISBN 978-3-95552-252-0
Für Eric,
der mir beinahe alles nahm,
aber das gab, was mir wichtig ist.
Men are afraid that women will laugh at them.
Women are afraid that men will kill them.
Margaret Atwood
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung
aller staatlichen Gewalt.
Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Freitag: 8. Februar 2013
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Sonnabend: 9. Februar 2013
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Sonntag: 10. Februar 2013
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Epilog
Anhang
Aus Leas Küche
Thank Youse
Weitere Bücher
Freitag 8. Februar 2013
1
Celsius, Réaumur und Fahrenheit – nach diesen berühmten Physikern waren die Straßen benannt, durch die Jeanny lief. Auf dem Weg zum S-Bahnhof Lichterfelde Süd hatte sie in der Thermometersiedlung, wie die Ansammlung von Hochhäusern im Süden Berlins salopp genannt wurde, eine Kippe geschnorrt. Sie zog heftig daran. Fuck! Es war richtig kalt hier draußen morgens um sieben Uhr. Und es würde auch tagsüber nicht wärmer werden. Sie würde wieder irgendwo unterkommen müssen.
Jeanny stieg die Bahnunterführung hinab und fand endlich ihre viel ältere Freundin. Greta saß in der Mitte des kleinen Tunnels auf einer Pappe, die sie vor dem kalten Boden schützen sollte, und lehnte an der Wand. Aber sie reagierte nicht, als Jeanny sie ansprach. Gretas Augen – für Jeanny stets die lustigsten Augen der Welt, denn sie wirkten immer so, als dachte ihre Freundin an etwas, das sie amüsierte – blickten starr geradeaus. Dann begriff Jeanny, dass Greta tot war.
Sie betrachtete die Ältere eine Weile. Scheiße, Greta! Sie nahm das gefrorene Blut auf Gretas tarngrüner Winterjacke wahr. Ihre Freundin hatte es endlich hinter sich und würde nie wieder frieren müssen. Der Gedanke war auch ein bisschen tröstlich, fand Jeanny. Sie zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette und schnippte sie achtlos gegen die Wand. Der kalte Wind hatte eine Strähne des dunklen langen Haares über Gretas Gesicht geweht. Eine abgeknickte Ecke der Pappe, auf der die Tote saß, bewegte sich auf und ab. Jeanny drehte sich um und lief durch die Unterführung zurück zu den Häuserfluchten der Brennpunktsiedlung.
Lea Storm betrachtete das Schattenspiel an ihrer Schlafzimmerdecke und seufzte wohlig, die Haut von einem dünnen Schweißfilm bedeckt. Ihr Körper fühlte sich an wie Götterspeise. Lea musste grinsen. Sie war eigentlich nicht prüde, aber bei dem Gedanken an den soeben vollzogenen Akt errötete sie bis in die Haarspitzen. Jetzt waren sie schon etwas über ein halbes Jahr zusammen, doch der Sex war nach wie vor unfassbar gut. Sie bekamen einfach nicht genug voneinander. Morgens, abends, nachmittags, mitten in der Nacht – wann immer ihnen danach war. Es war fantastisch.
Lea hatte größte Mühe, sich aus den warmen Laken zu schälen, die ihr übergroßes Bett bedeckten. Als Halbschottin verzichtete sie auf die dicken Daunenbetten, die man im Winter in vielen deutschen Schlafzimmern vorfand. Ihr reichten zwei Laken in Übergröße, dazwischen legte sie in den kalten Monaten eine Steppdecke. Im Sommer genügte oft eines der Laken. Tagsüber zierte ein Quilt, eine Art Patchworkdecke, das Ensemble. Darauf lagen zahlreiche, unterschiedlich große Kissen in passenden Farben.
Mit einem breiten und sehr zufriedenen Lächeln betrachtete Lea das Deckenknäuel und Martins muskulösen Schwimmerrücken daneben. Dem war immer zu warm, aber das passte gut, denn meist raffte sie nachts das gesamte Bettzeug an sich.
Am Aufstehen führte kein Weg vorbei, Lea musste sich weiter auf die am Montag beginnende Tagung zur Bekämpfung von Rassismus und Gewalt im europäischen Fußball vorbereiten, auf der sie die Delegation der Scottish Football Association betreuen sollte. Die Einarbeitung in die Materie fiel ihr zum Glück nicht schwer, sie hatte rund zwanzig Jahre mit zwei fußballbegeisterten Männern, ihrem Sohn und seinem verstorbenen Vater, verbracht. Da war durch ihre schiere Anwesenheit so manches Wissen hängen geblieben. Allein ihre andauernde Müdigkeit und ihr Auftraggeber machten ihr zu schaffen.
Im Flur neben dem Schlafzimmer erhob sich Talisker, ihr ungewöhnlich rotbraun gefärbter Schottischer Hirschhund, zu seiner gewaltigen Größe. Er dehnte sich ausgiebig und folgte ihr die Treppe hinunter in die Küche.
Kriminalhauptkommissar Rolf Prinz war das soziale Engagement seines Gegenübers gänzlich unverständlich, und an einem Freitagmorgen hielt sich sein Interesse dafür auch stark in Grenzen. Thomas Hartmann, Chemiker von Beruf und eine imposante Erscheinung, kümmerte sich laut seiner zehnminütigen und viel zu umfangreichen Schilderung schon seit Jahren ehrenamtlich um Obdachlose. Seitdem im Spätherbst eine Gruppe von Frauen eine leer stehende Lagerhalle ganz in der Nähe für sich entdeckt hatte, konzentrierte er sich ganz auf die Arbeit im eigenen Kiez. Offenbar war der Mann einer von diesen Gutmenschen, die einem den letzten Nerv rauben konnten. Es gab doch genug Übernachtungsmöglichkeiten für Menschen, die keine eigene Wohnung hatten, und die soziale Hängematte, die der Staat nicht nur seinen Bürgern, sondern sogar jedem Emigranten bot, war nun wahrlich bequem, fand Prinz. Niemand musste in Deutschland auf der Straße schlafen. Diejenigen, die es dennoch taten, waren entweder geistig minderbemittelt oder wollten bewusst dem Radar der Behörden entgehen. Neben ihm leierte Hartmann irgendeine Statistik herunter, der zufolge obdachlose Frauen häufig Opfer von Gewalt würden. Aber Prinz glaubte ihm kein Wort. Es gab doch kaum wohnungslose Frauen auf den Straßen. Jedenfalls sah er nie welche.
Thomas Hartmann gab an, von einer anderen Obdachlosen telefonisch informiert worden zu sein. Daraufhin habe er die Tote gefunden und die Polizei alarmiert. Er wirkte verzweifelt und gestikulierte wild. »Kommissar Prinz, das ist jetzt die zweite tote Obdachlose innerhalb von sechs Wochen. Da hat es jemand gezielt auf diese Frauen abgesehen! Was unternehmen Sie dagegen?« Er wartete die Antwort nicht ab, die Prinz auch gar nicht zu geben vorhatte. »Sicher gar nichts! Denn Sie interessieren sich ebenso wenig für diese Frauen wie der Rest der Gesellschaft. Wenn die Tote aus dem noblen Dahlem käme, stünde hier ein vielköpfiges Ermittlungsteam auf der Matte. Aber eine Frau, die seit Jahren unter Brücken lebt – wen kümmert’s schon, wenn so eine draufgeht!« Hartmann atmete tief ein. »Herr Prinz, ich werde keine Wahl haben und an die Presse gehen müssen, wenn Sie nicht innerhalb angemessener Zeit mit Ermittlungsergebnissen aufwarten können.«
Das fehlte Prinz gerade noch! Er riss sich zusammen, um Kompetenz auszustrahlen. »Herr Hartmann, zunächst einmal bin ich Hauptkommissar. Mein Dienstgrad sollte Ihnen verdeutlichen, dass wir diesen Vorfall durchaus ernst nehmen. Und die Presse zu involvieren wird nicht nötig sein. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um den oder die Täter zu ermitteln. Morde im Obdachlosenumfeld erfordern eine spezielle Vorgehensweise, die selten von sofortigen Erfolgen gekrönt ist. Ich muss Ihnen sicher nicht erklären, dass es oft schon schwierig genug ist, die Namen der Opfer in Erfahrung zu bringen, geschweige denn Angehörige ausfindig zu machen. Obdachlose tragen meist keine Papiere bei sich, sind nirgendwo gemeldet, und die Erfahrung zeigt zudem, dass die Menschen aus diesem Milieu die Polizei nicht freiwillig bei deren Ermittlungen unterstützen.«
»Es ist mir egal, was Sie tun müssen, um diese Morde aufzuklären. Tun Sie es einfach, sonst informiere ich nächste Woche die Presse!« Hartmann schickte sich an zu gehen, drehte sich dann aber noch einmal zu Prinz um. »Sie hieß Greta. Greta Langner. Sie kam aus der Nähe von München. Und sie hatte eine wunderschöne Stimme. Sie hätten sie mal singen hören sollen. Sie sang jeden Abend dasselbe Lied … Das war einfach unglaublich schön.« Dann schlug er den Kragen seiner dick gefütterten Winterjacke hoch und ging mit schnellen Schritten in Richtung des Eifelviertels, in dem das kleine Reihenhaus stand, das er mit seiner Frau Sabine bewohnte.
2
Jeanny war sechzehn, fühlte sich aber wie dreißig. Sie hatte keine Kindheit gehabt, die man als schön hätte bezeichnen können. Spätestens als ihr Vater begonnen hatte, sie anzufassen, war diese beendet gewesen. Da war sie sechs Jahre alt. Die Menschen in ihrer Umgebung nahmen an, der Schulstart mache ihr zu schaffen, als sie immer stiller wurde und sich zurückzog. Kurz nach ihrem neunten Geburtstag, als ihre Mutter die Nachtdienste übernehmen musste, kam der Vater das erste Mal in ihr Bett. Mit dreizehn ertrug sie es nicht mehr. Niemand merkte, was los war, und Jeanny wusste, dass sie sich alleine helfen musste. Also hatte sie einen Rucksack gepackt und das Weite gesucht. Jeanny hatte endlich an einen friedlichen Ort gewollt, an einen Ort, an dem sie nicht auffiel. Die ersten Monate auf Trebe waren ganz okay gelaufen, doch dann war es draußen genauso beschissen geworden wie zu Hause. Seitdem lebte sie auf den Straßen Berlins. Das war nach wie vor weit entfernt von dem, was sie sich wünschte, aber es war allemal besser als ihr Leben davor. Hier entschied sie selbst, wer sie anfassen durfte und wer nicht. Meistens jedenfalls.
Jeanny hatte Greta unbedingt zeigen wollen, was sie dem dämlichen Schnösel abgenommen hatte, als der auf einer Bahnhofstoilette am Südkreuz mit ihr beschäftigt gewesen war. Sie hatte Glück gehabt, der Idiot hatte wenigstens einen passablen Musikgeschmack. Auf seinem Smartphone, das sie aus seiner Jackentasche gefischt hatte, waren ganz gute Titel, aber auch eine Menge Songs, die sie nicht kannte. Sie hatte angenommen, dass Greta ihr etwas dazu sagen könnte. Die war schon sehr alt, bestimmt vierzig oder so. Greta war immer am Singen. Die anderen Frauen im Kiez erzählten sich, dass sie mal was mit Musik zu tun, viele Jahre im Ausland gelebt und sogar eine Familie gehabt habe. Backgroundsängerin sei sie gewesen, sogar für die irische Rockband U2, raunte man. Greta selbst hatte nie über ihre Vergangenheit gesprochen. Aber mit Musik hatte sie sich ausgekannt.
Jeanny lehnte sich gegen einen zurückgelassenen Traktorreifen auf einem bewachsenen Streifen inmitten des großen Felds kurz hinter dem Berliner Stadtrand. Sie hatte Thomas angerufen. Der würde wissen, was zu tun war. Sie selbst wollte auf keinen Fall mit den Bullen reden, das hatte sie ihm auch deutlich gesagt. Dann war sie einfach losgelaufen, durch die Hochhaussiedlung, die Osdorfer Straße entlang, dann die Ausfallstraße hinaus aus Berlin. Bei dem großen Feld war sie abgebogen und dem Trampelpfad entlang des Grünstreifens gefolgt, bis sich die Tränen ihren Lauf gebahnt hatten. Nun kauerte sie an dem Reifen und weinte hemmungslos.
Jeanny hatte immer genau gewusst, wo sie ihre ältere Freundin finden konnte, und war überrascht gewesen, sie an diesem Morgen nicht an der üblichen Stelle vor dem Supermarkt an der Stadtgrenze anzutreffen. Von den Mitarbeitern dort hatte Greta häufig kurz vor Ladenöffnung angestoßenes Obst oder ein Stück Gebäck oder Brot vom Vortag bekommen. Erst nach einer Stunde vergeblicher Suche an den anderen Ecken und Hauseingängen in der Thermometersiedlung und der unmittelbaren Umgebung, an denen sich Greta üblicherweise tagsüber aufgehalten hatte, war Jeanny zur Unterführung in der Fürstenstraße gegangen. Greta hatte sich dorthin sonst immer erst abends zurückgezogen, um ihre Fotos anzuschauen. Jeden Abend um dieselbe Zeit an derselben Stelle. Im Winter hatte sie im spärlichen Licht ihres Feuerzeugs kaum etwas sehen können, aber sie war trotzdem jeden Abend die Fotos durchgegangen, leise vor sich hin murmelnd. Wenn sie fertig gewesen war, hatte sie ein Lied angestimmt, immer dasselbe. Ihre Altstimme war so klar gewesen, und Jeanny war ein jedes Mal fast zu Tränen gerührt. Es war ein Schlaflied aus einem englischen Kinderfilm der späten Sechzigerjahre, wie Greta Jeanny einmal erklärt hatte. Es handelte vom Vergessen seiner Sorgen:
A gentle breeze from Hushabye Mountain
Softly blows o’er Lullaby Bay.
It fills the sails of boats that are waiting,
Waiting to sail your worries away …
Jeanny ließ ihren Blick über das weite Land und den wolkenschweren Himmel schweifen. Hier war alles so friedlich und ruhig. Nichts ließ einen an diesem Ort von der Schlechtigkeit der Welt ahnen, die Natur war so wunderschön, selbst im kargen Winter. Jeanny wäre gern einfach hiergeblieben, doch die Jahre auf der Straße hatten sie gelehrt, die Kälte nicht zu unterschätzen. Erst machte sie einen müde, dann tötete sie einen. Alles war gegen einen, wenn man nicht auf der Hut war. Also wischte sich Jeanny die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Heute wollte sie nicht sterben. Heute nicht.
Diese wundervolle Frau hat mich ausschlafen lassen, war Martin Glanders erster Gedanke, als sein angenehmer postkoitaler Traum am späten Vormittag rüde durch das Klingeln seines Handys beendet wurde. Er setzte sich im Bett auf und strich sich durchs straßenköterblonde Haar. Das Handy gab die unverwechselbare Titelmelodie der TV-Serie Die Profis wieder. Glander war vermutlich der einzige Handybesitzer, der seinen Klingelton noch nie gewechselt hatte. Die beiden MI5-Agenten Bodie und Doyle waren in den frühen Achtzigern die Helden seiner Jugend gewesen, er hatte keine Folge versäumt und griff immer noch gerne zu den DVDs der Serie, die er wie seinen Augapfel hütete.
»Glander«, meldete er sich.
»Hallo, Martin! Hier ist Thomas, Thomas Hartmann.«
Thomas und Sabine Hartmann wohnten ein paar Querstraßen entfernt von ihm und Lea im Eifelviertel. Beide waren Chemiker und besaßen eine wilde Mischlingstöle namens Bismut mit einer diesem chemischen Element entsprechenden Fellfarbe und ausgeprägt diamagnetischen Reaktionen auf jegliche Leitungsversuche ihrer Besitzer. Lea war locker mit den Hartmanns befreundet. Als Hundebesitzer kannte man einander im Viertel, und Bismut benahm sich nur, wenn Talisker in der Nähe war. Lea und Glander waren dem Ehepaar vor vier Wochen zufällig im »Loch Ness« begegnet, einem Pub in Lichterfelde West, zu dessen Stammgästen auch Glander gehörte, seit er zu Lea gezogen war. Eine umfangreiche Auswahl an exzellenten Malts und ein unglaublich gutes Stout aus einer der ältesten Brauereien Schottlands übten auf ihn keine geringe Anziehungskraft aus. Es war ein kurzweiliger Abend gewesen, und Glander erinnerte sich an die Schilderungen der Hartmanns über ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ihr Engagement hatte ihn stark beeindruckt. Sich den trostlosen Seiten der Gesellschaft zu stellen war nicht einfach, das wusste er selbst aus zwanzig Dienstjahren beim Berliner Landeskriminalamt zur Genüge. Und auch die Fälle, die er übernahm, seitdem er ausgestiegen war und sich als privater Ermittler selbstständig gemacht hatte, waren in der Regel keine fröhlichen Geschichten.
»Hallo, Thomas! Was kann ich für dich tun?«
»Ich möchte dich engagieren. Du sollst einen Mord aufklären. Eigentlich zwei, wie ich annehme. Man hat heute Morgen schon wieder eine obdachlose Frau in unserem Viertel tot aufgefunden. Die Polizei tut gar nichts, die scheint das überhaupt nicht zu interessieren.«
Glander war perplex. »Thomas, mach mal halblang. Auch wenn ich selber ausgestiegen bin, kann ich dir versichern, dass die Polizei jedes Tötungsdelikt ernst nimmt.«
Hartmanns Entrüstung war selbst am Telefon zu spüren, ebenso, dass er sich zwang, ruhig zu bleiben. »Martin, dem leitenden Hauptkommissar geht das komplett am Allerwertesten vorbei. Der stand nur gelangweilt in der Gegend rum. Für den ist der Fall doch schon klar: Irgendein Penner vergeht sich an den verwahrlosten Frauen, bringt sie um und tut der Gesellschaft damit zugleich einen Gefallen. Zeugen gibt es keine, also wird der Fall bald ungelöst zu den Akten gelegt.«
Glander schüttelte den Kopf. Morde an Obdachlosen aufzuklären war schwierig, das wusste er. »Wie heißt denn der leitende Beamte?« Vielleicht könnte er ja einmal mit dem reden und sich unverfänglich informieren. Er würde ihn mit großer Wahrscheinlichkeit kennen, so lange war es noch nicht her, dass er den Dienst bei der Kripo quittiert hatte.
»Prinz, Kriminalhauptkommissar Prinz«, antwortete Hartmann in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, was er von dem Kripobeamten hielt.
Auf Glanders Gesicht breitete sich ein wölfisches Grinsen aus. Ex-Kollege Prinz war mit Abstand der ungeeignetste Beamte, dem man die Leitung dieser Ermittlungen hätte übertragen können. Eigentlich sollte man dem überhaupt keine Ermittlungen übertragen, der wäre nicht in der Lage, den Weg seiner eigenen Füße aus den Socken heraus zu ermitteln, das war allgemein bekannt. Glander und er waren in den letzten Jahren regelmäßig aneinandergeraten, und in der Regel hatte Prinz dabei den Kürzeren gezogen. Ausnahmslos jeder, der mit Prinz zu tun bekam, stellte sich früher oder später zwei Fragen: Wie war dieser Mann an seinen Job gekommen – und wie schaffte er es, ihn zu behalten? Thomas Hartmanns Eindruck trog also kein bisschen. Bei Mord und anderen Tötungsdelikten war unmittelbares Handeln notwendig. Fanden sich innerhalb der ersten 48 Stunden nach solch einer Tat keine Hinweise oder Spuren, wurde die Arbeit der Mordkommissionen des Berliner LKA 1 zäh.
Kriminalhauptkommissar Rolf Prinz würde die Akte eine Weile lang auf seinem übervollen Schreibtisch hin- und herschieben und sie dann dezent dem Vergessen überantworten. In einigen Jahren würden sich dem Fall dann eventuell die Sonderermittler für ungelöste Fälle annehmen. Diese Kollegen gingen jenen fünf Prozent der Tötungsdelikte nach, die nicht aufgeklärt werden konnten. Glander bewunderte ihre Hiob’sche Geduld. Die Delikte, mit denen sie es zu tun bekamen, gingen zurück bis ins Jahr 1968. Aber mithilfe der modernen DNA-Erhebungstechniken konnten auch noch einige dieser Altfälle gelöst und die betreffenden Täter ermittelt werden.
Glander räusperte sich. »Okay, das klingt allerdings nicht ganz so gut, da muss ich dir leider recht geben. Also noch mal ganz von vorn. Was ist genau passiert? Wie hast du überhaupt davon erfahren? Hast du die Tote gefunden?« Er schaltete sein Handy auf Freisprechen, legte es aufs Kopfkissen und schlüpfte in Boxershorts und Jeans. Halb angezogen ging er mit dem Handy in der Hand hinunter in die Küche. Er brauchte erst einmal einen Kaffee. Lea war wohl mit dem Hund unterwegs, von beiden war nichts zu sehen.
Hartmann setzte ihn derweil ins Bild. »Ich habe dir doch neulich von meinem Ehrenamt erzählt. Da habe ich seit vier Monaten ein neues Projekt: Ich bin drei Abende in der Woche und jedes zweite Wochenende bei den obdachlosen Frauen in der Lagerhalle hinter den Gleisen, am Ende der Réaumurstraße, also hinter dem Bahnhof gleich rechts und ein Stück das Kopfsteinpflaster runter. Ich versuche sie dazu zu bewegen, in eine Einrichtung zu gehen, und biete ihnen immer wieder an, sie bei Behördengängen zu begleiten. Ich helfe mit Essen und manchmal mit Decken oder warmer Kleidung aus. Ganz oft höre ich einfach auch nur zu, wenn sie sich etwas von der Seele reden wollen.«
Von Leas Haus im Dürener Weg aus betrachtet, lag die heruntergekommene Lagerhalle, von der Hartmann sprach, hinter der Bahntrasse in der Nähe des S-Bahnhofs. Sie war ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem Mauerbau, als dort noch Gewerbebetriebe ansässig gewesen waren. Glander kannte die Ruine, er joggte gelegentlich dort vorbei, wenn er einmal eine kürzere Route als die übliche laufen wollte. Er erinnerte sich auch gut daran, dass Sabine Hartmann ihnen erzählt hatte, sie ginge regelmäßig in ein Hospiz für Aidskranke und ihr Mann kümmere sich speziell um Frauen, die auf der Straße lebten. Glander hatte bereits mitbekommen, dass es in der Nachbarschaft rumorte, seit in dieser baufälligen Halle vor einigen Monaten Obdachlose Quartier bezogen hatten. Hartmann opferte nicht nur viel Zeit für diese Frauen, sondern nahm auch ihre Schicksale mit nach Hause. Das hatte Glander nachdenklich gemacht, denn allzu leicht verdrängte man, dass das alles kaum einen Steinwurf entfernt vom Eifelviertel geschah.
»Vor sechs Wochen fand man die erste Tote, Roswita Kemper. Sie war um die siebzig«, fuhr Hartmann fort. »Ich habe nie herausgefunden, wo sie sich nachts aufhielt, aber tagsüber lief sie meist mit ihrem Rollköfferchen über den Bahnsteig Lichterfelde Ost. Abends verdrückte sie sich dann immer. Gott weiß, was sie im Gepäck hatte und wohin sie ursprünglich mal fahren wollte. Sie wurde mit Messerstichen verletzt und danach in ein Gebüsch am Gleisbett am Bahnhof Osdorfer Straße geworfen, wo sie verblutete.« Er musste eine kurze Pause machen, um nicht die Fassung zu verlieren. »Martin, man hat sie weggeworfen wie Müll! Und jetzt Greta. Die hat man in der Unterführung an der Fürstenstraße gefunden, da hatte sie einen festen Platz, den sie jeden Abend aufsuchte. Eine andere Obdachlose hat sie heute Morgen gegen sieben Uhr gefunden und mich angerufen. Sie will nichts mit der Polizei zu tun haben, also habe ich deine Kollegen verständigt. Greta wurde ebenfalls erstochen, das habe ich vorhin aufschnappen können.«
Glander hörte deutlich, dass Hartmann einen dicken Kloß im Hals hatte, als er fortfuhr. »Da stimmt doch was nicht! Ich werde das Gefühl nicht los, dass das weitergehen wird, dass da irgendeiner unterwegs ist, der was gegen diese Frauen hat. In der Umgebung wird ja auch schon gegen die neuen Nachbarn jenseits der Gleise Stimmung gemacht, ohne den leisesten Hauch von Mitgefühl. ›Dieses obdachlose Gesocks‹, so ist der Tenor. Die Unterführung, in der Greta lag, ist am Morgen zwar nicht so stark frequentiert wie der Tunnel am Bahnhof. Trotzdem bin ich mir sicher, dass heute Morgen Menschen an ihr vorbeigelaufen sind und nichts unternommen haben. Da schaut man doch lieber weg, wenn so eine Frau verblutet.« Er schnaubte verächtlich. »Dieses Land lernt seit siebzig Jahren nicht dazu. Martin, diese Greta hat nie irgendjemandem etwas getan, die meisten Obdachlosen werden ja nicht einmal wahrgenommen. Die wenigen, die man mit Einkaufswagen voller Plastiktüten herumziehen sieht, haben in der Regel psychische Probleme, so wie die alte Roswita. Den meisten ist ihre eigene Lage selbst schrecklich unangenehm. Vermutlich haben sich auch deswegen ein paar von ihnen in der Halle am Stadtrand niedergelassen.«
Glander wusste, dass es keine genauen Zahlen gab. Man ging von 4000 bis 12 000 Obdachlosen in Berlin aus, darunter rund 1500 Frauen. Aber diese Zahlen waren wenig verlässlich. Die Dunkelziffer war immens. Besonders Frauen schämten sich oft ihrer prekären Lage. Eine Vielzahl von ihnen hatte jahrelang männliche Gewalt erfahren und mied daher die Hilfsangebote der öffentlichen Hand oder privater Träger. Denn die Einrichtungen für Obdachlose wurden überwiegend von Männern frequentiert.
Rechnete man die Frauen dazu, die in sogenannten »ungesicherten Wohnverhältnissen« lebten, also bei jemandem unterkamen, bei dem sie sich in der Regel sexuell revanchieren mussten, war die Zahl der weiblichen Obdachlosen noch einmal erheblich höher. Die meisten wohnungslosen Menschen befanden sich in einer ausweglosen Situation. Vielen von ihnen fehlte eine ordentliche Ausbildung. Ohne festen Wohnsitz gab es keinen Arbeitsplatz, ohne Arbeitsplatz fand man keine Wohnung. Oftmals konnte man sich nach dem Verlust der Arbeitsstelle oder einer Scheidung seine Wohnung nicht mehr leisten. Hatte man erst einmal Mietschulden oder aus anderen Gründen einen Eintrag bei der Schufa, war es beinahe aussichtslos, eine neue Wohnung zu finden. Hinzu kam, dass viele Obdachlose unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen litten, jedoch in den seltensten Fällen von den Behörden entsprechende Hilfe erhielten. Selbst ein nächtlicher Platz in einer Notunterkunft war für manche keine Lösung. Viele Obdachlose scheuten solche Einrichtungen, weil dort keine Hunde und kein Alkoholkonsum erlaubt waren, und blieben auch bei hohen Minusgraden lieber auf der Straße. Wie beschämend war das alles für eine Wohlstandsgesellschaft!
Hartmann unterbrach Glanders düsteren Gedankengang. »Die Hilfen reichen hinten und vorne nicht. Die Betroffenen brauchen ja nicht nur ein Bett und ein Dach über dem Kopf, sondern fast alle benötigen auch Hilfe bei dem ganzen Papierkram. Da werden Leistungen aus den absurdesten Gründen verweigert oder gestrichen. Und richtige Unterstützung, um wieder auf eigenen Beinen stehen zu können, kriegt niemand. Die Frauen brauchen ganz einfach jemanden, der ihnen unter die Arme greift. Denn die üblichen Dinge des Alltags stellen sie oft vor gewaltige Probleme. Sie sind oft depressiv oder leiden an anderen psychischen Erkrankungen. Und was denen dann teilweise auch noch auf der Straße passiert … Aber davon will natürlich keiner etwas wissen. Es ist einfach zum Kotzen, wie sich all die vermeintlichen Christen in unserem Land vor der Verantwortung drücken und in Kauf nehmen, dass direkt vor ihren Augen Menschen kaputtgehen!«
Das gilt auch für mich, dachte Glander. Er war zwar kein gläubiger Christ, aber auch er sah lieber weg, wenn er Obdachlosen begegnete oder ihm jemand den Straßenfeger verkaufen wollte. Alles junge Männer, die doch Arbeit finden müssten, wenn sie sich nur ein bisschen bemühen würden. Aber wer stellt schon jemanden ein, der nicht mal eine Wohnadresse angeben kann!, schalt Glander sich in Gedanken selbst. Kurz entschlossen sagte er zu Thomas Hartmann: »In Ordnung, Thomas, ich muss noch etwas erledigen und bin gegen Mittag wieder im Eifelviertel. Dann melde ich mich bei dir. Ich brauche dann mehr Informationen. Und du wirst sicher wissen wollen, was dich das Ganze kostet.«
Thomas Hartmann lachte ohne jede Spur von Humor. »Ich hätte nicht wenig Lust, der Polizei die Rechnung aufs Auge zu drücken. Aber egal, ich will Gerechtigkeit für diese Frauen.«
Gerechtigkeit … Dieses Wort hatte Glander lange nicht mehr gehört.
Keinen Kilometer Luftlinie entfernt sinnierte Lea vor sich hin. Sie wartete auf Talisker, der sein Geschäft in einem Dickicht neben dem BUGA-Wanderweg verrichtete, der zwischen Lichterfelde Süd und dem brandenburgischen Teltow verlief. Dieser Winter war selbst für Berliner Verhältnisse hart. Die letzten Wochen und Monate waren zwar nicht so bitterkalt wie manch andere Winter gewesen, dafür waren sie von einer klammen Düsternis geprägt, die selbst Lea aufs Gemüt geschlagen war, obwohl sie beileibe nicht zur Depressivität neigte. Es schien Lea, als sei die Sonne Anfang Dezember untergegangen und habe sich seitdem nicht wieder gezeigt. Vor ein paar Tagen waren die Temperaturen dann deutlich gefallen, und Lea war sich sicher, dass es bald schneien würde. Schnee im Februar brauchte wirklich niemand in Berlin. Einmal mehr käme der Winter um Wochen zu spät, das Weihnachtsfest war wie in so vielen vergangenen Jahren verregnet gewesen. Es waren wahrlich keine fröhlichen Gedanken, die auf den wunderbaren Tagesauftakt folgten.
Lea machte sich Sorgen. Sie hätte Martin sofort von dem Anruf erzählen müssen. Jetzt wurde es immer schwieriger, und doch musste sie mit ihm darüber reden. Am Montag begann ihr neuer Job, und sie kannte sich: Verheimlichen konnte sie es nicht, und dann würde Martin es ihr zu Recht übel nehmen, dass sie ihm nichts von ihrem Auftrag erzählt hatte.
Sweet Bejeesis! Sie hatte sich setzen müssen, so perplex war sie gewesen, als sie vierzehn Tage zuvor den Anruf von Connor Fraser erhalten hatte. Detective Chief Superintendent Fraser – er hatte nach seinem Studium eine Karriere bei der schottischen Kripo gemacht. Seine Stimme hatte sie unmittelbar auf eine Reise die Memory Lane hinuntergeschickt, direkt in ihre Vergangenheit. Sie hatte über zwanzig Jahre keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt und über zwei Jahre so gut wie gar nicht an ihn gedacht, doch die Erinnerungen waren sofort wieder so deutlich gewesen, als wäre alles erst vor Kurzem geschehen.
Talisker brauchte ewig, schien es Lea. Aber ein Hund seiner Größe produzierte nun einmal nennenswerte Haufen, das dauerte seine Zeit. Vielleicht hatte er auch nur eine interessante Fährte in der Nase. Sie fröstelte und wollte nach Hause zu ihren Unterlagen, denn sie wusste genau, dass ihre Gedanken in gar keine gute Richtung liefen, wenn sie Zeit zum Nachdenken hatte.
Connor war ihre erste große Liebe gewesen. Love at first sight. Ohne zu übertreiben, es hatte sich um Liebe auf den ersten Blick gehandelt. Und die war so heftig, haltlos und hitzig gewesen, wie man sie wohl nur in jungen Jahren erleben konnte, wenn einen das Leben noch nicht enttäuscht hatte, einem das Herz noch nicht gebrochen worden war und man noch nicht schmerzhaft hatte lernen müssen, sich vor den eigenen Gefühlen zu schützen.
Lea hatte sich im ersten Jahr an der Universität in Stirling befunden, als Hauptfächer hatte sie Anglistik und Germanistik gewählt, im Nebenfach hatte sie Psychologie belegt. Connor studierte bereits Computing Science im letzten Semester und war im Rugbyteam der Uni. Sie lief gerade in Begleitung einiger Kommilitoninnen den Flur der Sporthalle hinunter, als er den Kopf aus einer Umkleidekabine steckte und laut fluchend nach jemandem rief. Das Gefühl, das sie in jenem Moment durchflutete, war unbeschreiblich. Es schien ihr, als breite sich eine unglaublich große Portion Schlagsahne rasend schnell in ihr aus, wunderbar cremig geschlagen und mit reichlich Vanillezucker versetzt. Ihr Atem stockte, ihr Herz setzte einen Takt lang aus, und ihre Knie wurden weich, beinahe beängstigend. Dann folgte eine wohlig-warme Freude. Connor sah sie an und zwinkerte ihr zu, bevor die Tür wieder zuging.
Als sie ihre Kommilitoninnen fragte, wer das gewesen sei, grinsten die sie kopfschüttelnd an und rieten ihr, die Finger von ihm zu lassen. Connor Fraser sei in der ganzen Universität bekannt wie ein bunter Hund, in erster Linie nicht etwa wegen seines Rugbyrekords – kein Student hatte damals mehr Dropkicks erzielt als »KC«, Kickin’ Connor Fraser –, sondern seiner Frauengeschichten wegen: Er sei der unumstrittene Campus-Casanova. Die Mädchen hatten Lea gewarnt, nicht einmal daran zu denken, sich auf ihn einzulassen, da er ihr nur das Herz brechen würde. Doch gegen ihre Gefühle war sie machtlos gewesen. Sie hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen und sich, bis über beide Ohren verliebt, in eine Liaison mit Connor gestürzt. Die Rechnung war vergleichsweise spät gekommen – aber sie war unweigerlich gekommen.
Ihre letzte Begegnung mit Connor hatte tiefe, hässliche Spuren hinterlassen. Und Lea war sich ganz und gar nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung gewesen war, seiner Bitte um Unterstützung während der bevorstehenden Tagung nachzukommen. Sein Dolmetscher habe einen Unfall gehabt, und er brauche dringend einen Ersatz, hatte er erklärt. Er habe sofort an Lea gedacht, weil doch die Tagung in Berlin stattfinde. Nach einer kleinen Recherche habe er zu seiner freudigen Überraschung festgestellt, dass sie tatsächlich Dolmetscherin geworden war. Nun hoffe er, sie würde ihm und seinem Team aus der Patsche helfen, hatte er gesagt.
Er besaß noch immer the gift of the gab: Connor Fraser hätte Kühltruhen an Eskimos verkaufen können – noch immer hatte er die Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen.
Talisker kam aus dem Gebüsch getrottet und sah sie fragend an. Der Schottische Hirschhund hatte ein feines Gespür für ihre Stimmungen und trat ganz nah an sie heran. Lea beugte sich zu ihm hinunter – was allerdings bei seiner Größe keine große Bewegung war – und gab ihm einen Kuss auf den Kopf. Dann machten sich beide auf den Heimweg. Sie hatten es nicht allzu weit, denn Leas Grundstück grenzte an den ehemaligen Mauerstreifen, der nach dem Fall der Grenze zwischen Ost und West ein beliebtes Ausflugsziel am südlichen Berliner Stadtrand geworden war. Es war ganz erheblich zu früh für ihr gelegentliches Antidot Whisky, also würde sie einen starken Tee trinken und sich in ihre Unterlagen vertiefen, um nicht weiter über Vergangenes nachdenken zu müssen. Das wäre jetzt das Richtige. Am Montag würde sie Connor und die Vertreter seiner Delegation zu einem gemeinsamen Abendessen treffen. Sie würde sich wappnen müssen. Und sie musste Martin endlich von ihm erzählen. Heute Abend würde sie mit ihm reden.
Der kalte Wind blies das tote Laub der Bäume am Rande der ungepflegten Rabatten über den asphaltierten Weg und ließ sie erneut frösteln.
3
Der Billigflieger aus Glasgow traf pünktlich um 13.30 Uhr in Schönefeld ein. Ein großer, auffallend gut aussehender Mann mittleren Alters wartete kurz nach der Landung am Gepäckband auf seine Reisetasche. Währenddessen las er auf seinem Smartphone die Nachricht des deutschen Providers über die Kosten für das mobile Telefonieren in Berlin. Als seine große Reisetasche auf dem Gepäckband erschien, hob er sie lässig vom Band, schulterte die passende Burberry-Umhängetasche aus Londonleder und ging zügig zum Ausgang. Connor Fraser sollte am 4. April 48 Jahre alt werden, das sah man ihm aber nicht an, denn er legte großen Wert auf sein Äußeres. Die meisten seiner Freunde in Schottland, auch die erheblich jüngeren, hatten bereits einen Bierbauch und waren in eher jämmerlicher bis würdeloser körperlicher Verfassung. Er würde sich niemals so gehen lassen – no, thank youse! Seit seiner Jugend unterwarf er sich einem rigiden Fitnessprogramm. Fraser trainierte täglich zwei Stunden mit Gewichten und im Schwimmbad seines exklusiven Fitnessstudios im Glasgower West End.
Seit dem kurzen Telefonat hatte er nur wenige Male über E-Mail mit Penthesilea »Lea« Holtkamp kommuniziert, und er war gespannt darauf, sie wiederzusehen. Storm hieß sie seit ihrer Heirat. Doch sie war seit gut anderthalb Jahren verwitwet, wie er wusste.
Fraser ließ am Taxistand galant einer älteren Dame den Vortritt und nahm den alten Daimler, der folgte. Er setzte sich auf die Rückbank mit den abgenutzten schwarzen Ledersitzen und genoss das satte Geräusch, das die schweren Mercedestüren machten, als er und der Fahrer sie zuzogen. Das klang nach Qualität, und auf Qualität legte Fraser allergrößten Wert.
Oscar Wilde soll gesagt haben, Fußball sei eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart und Rugby eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart. Dieses Bonmot sagte Fraser ungemein zu, Rugby war sein Sport. Connor Fraser war ein kultivierter Mann, nach seinem IT-Studium hatte er eine Laufbahn beim schottischen CID, dem Criminal Investigation Department, eingeschlagen. Beamte, die sich auf dem neuen Feld der Computertechnologie auskannten, waren damals noch rar gewesen, und er hatte sich zügig einen Namen machen können. Zwei Jahre hatte er bei der Entwicklung einer neuen Falldatenbank mitgearbeitet, die die Basis für die heutige elektronische Datenverwaltung darstellte. Danach war seine Karriere steil bergauf gegangen, sodass er sich seit geraumer Zeit die Rosinen herauspicken konnte. Die erste Tagung der »Task Force for the Prevention of Violent Acts at Football Events” war so eine Rosine. Sie bot überdies endlich den Anlass, nach Berlin zu fliegen, in die Stadt, in der Lea seit zwei Jahrzehnten lebte.
Fraser hatte Lea nicht vergessen können und sich schon vor vielen Jahren eingestehen müssen, dass ihm das niemals gelänge. Es war Zeit, mit der Vergangenheit aufzuräumen. Er musste Lea zeigen, dass sie endlich alles, was gewesen war, überwinden mussten. Connor Fraser, Glasgows erfolgreichster Kriminalermittler und seit vergangenem Jahr Träger der George Medal – er hatte sich zwischen eine Zeugin und die für sie bestimmte Kugel geworfen und dafür die zweithöchste zivile Auszeichnung des Vereinigten Königreichs und des Commonwealth erhalten –, lehnte sich zufrieden in die Polster des Daimlers zurück. Die Zeit war reif, Lea zurückzuholen.
Thomas Hartmann hatte glücklicherweise keine Ahnung, wie recht er mit seiner Einschätzung von Kriminalhauptkommissar Rolf Prinz hatte. Das Spurensichern, der Abtransport des Leichnams, die Befragung der Anwohner – all das nahm eine Menge Zeit in Anspruch, und so stand Prinz noch gegen Mittag am Fundort der Leiche von Greta Langner herum und verkniff sich sein Gähnen nicht mehr. Lichterfelde Süd – das war nach Prinz’ Meinung der Arsch der Welt, nur noch übertroffen von Rudow und dem ganzen Ostteil der Hauptstadt. Als gebürtigem Reinickendorfer, der schon seit drei Jahrzehnten in Charlottenburg lebte, missfiel ihm jede Gegend von Berlin, die südlich des Kurfürstendamms und östlich des Schäfersees lag. Schon das an Charlottenburg grenzende Moabit war indiskutabel, bestenfalls ein paar Ecken direkt an der Spree waren seiner Ansicht nach noch bewohnbar.
Jenseits der Bahntrasse vor Prinz lag ein sogenannter sozialer Brennpunkt, eine dieser Wohnsiloanlagen aus den Siebzigern. Diesseits der Trasse zog sich eine Reihe von Schrebergärten entlang, denen gegenüber eine Reihe eklektischer Ein- und Mehrfamilienhäuser stand, für deren optische Einheitlichkeit sich das Bauamt bei der Errichtung offensichtlich nicht interessiert hatte. Da hatte jeder bauen können, wie er wollte. Prinz wusste, dass sich am Ende der Fürstenstraße ein Stadtrandbahnhof befand und kurz dahinter Brandenburg begann. Grundgütiger, hier wollte man wahrlich nicht einmal seinen Hund begraben!
Sein Assistent Harald Fellner trat an ihn heran. »Rolf, wir haben gar nichts. Niemand hat was gesehen, niemand hat was gehört. Die Tote war den Anwohnern durchaus vom Sehen bekannt. Seit sie vor ein paar Monaten in der Gegend auftauchte, soll sie sich jeden Abend um halb acht hier niedergelassen haben, bis sie dann zwei Stunden später wieder loszog. Sie fiel nie unangenehm auf. Und keiner der Anwohner, die wir bisher befragt haben, konnte oder wollte irgendwelche sachdienlichen Angaben machen. Andere Obdachlose konnten wir nicht finden. Die zwei Kollegen, die ich zu der Halle geschickt habe, die Obdachlosen seit einiger Zeit als Unterschlupf dienen soll, haben dort zwar Spuren eines Lagers entdeckt, aber niemanden vorgefunden. Da kommen wir erst einmal nicht weiter. Ich schicke heute Abend eine Streife vorbei, die werden ja wiederauftauchen.«
Prinz seufzte. Warum musste ihm das ausgerechnet heute passieren? Er hatte noch so viel Material durchzuarbeiten, und die Tagung begann schon am Montag. Er war die alltägliche Kripoarbeit leid, die ihm seit so vielen Jahren schlaflose Nächte bereitete, und hatte sich sofort für die Mitarbeit an der paneuropäischen Taskforce gegen Rassismus und Gewalt im Fußball eingetragen. Kriminaldirektor Schneller höchstpersönlich hatte sein Gesuch abgenickt. Die internationale polizeiliche Arbeitsgruppe sollte im Zuge der ersten Tagung diese Woche hier in Berlin mit Vertretern aus Skandinavien, Großbritannien, Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Spanien, Portugal und Italien gegründet werden. Die Teilnahme der Türkei war noch strittig, aber sicher würden sich die integrationsgeilen Organisatoren durchsetzen, und die Alis würden auch einige Plätze erhalten. Es war besonders wichtig, die Galatasaray- und die Fenerbahçe-Fans unter Kontrolle zu bekommen. Ginge es nach Prinz, bekämen die alle Einreiseverbot in den Schengenraum, dann könnten sie im eigenen Land Randale machen, so viel sie wollen. Bevor er sich so richtig in Rage denken konnte, winkte ihn Lutz Harnack zu sich.
Professor Dr. Lutz Harnack, Berlins Koryphäe der Rechtsmedizin und der an diesem Morgen diensthabende Leiter der KTI 21, der Tatortgruppe, die Spurensuche und -sicherung übernommen hatte, erhob sich neben der Toten. Er streifte die schwarzen Plastikhandschuhe ab und blies etwas wärmenden Atem in seine Hände. Heute sah er noch hagerer aus als sonst. Seine unnachahmliche Frisur ließ die Kapuze seines dünnen, halb offenen Schutzanzugs an der einen Seite ausbeulen, und irgendetwas stimmte nicht mit der dicken Wolljacke, die er darunter trug. Vermutlich war sie wieder einmal falsch geknöpft. Er wirkte irgendwie zerbeult. Doch dass man dieses Buch nicht nach seinem Einband beurteilen sollte, begriff selbst Prinz. Harnack genoss höchstes internationales Renommee auf dem Gebiet der forensischen Pathologie, er war ein gefragter Dozent und geschätzter Wissenschaftler.
Sachlich teilte Harnack dem Kollegen vom LKA 1 seine ersten Erkenntnisse mit. »Hauptkommissar Prinz, die Frau ist seit ungefähr zehn bis vierzehn Stunden tot. Genauer kann ich das wie immer erst sagen, wenn ich sie auf dem Tisch habe. Sie wurde erstochen, der Stich ging in ihre Lunge. Die Eintrittswunde sieht für mich auf den ersten Blick ungewöhnlich aus. Ich denke, das war kein gängiger Messertyp, aber auch hier weiß ich erst mehr, wenn ich mit dem Mikroskop rangehen kann und nachdem ich sie im CT hatte. Ich mache die Obduktion noch heute Abend, dann haben Sie gleich morgen den Bericht.«
Was haben die sich denn alle so? Das ist doch nun wirklich nicht so eilig, dachte Rolf Prinz. Er würde den Bericht sowieso nicht vor Montagabend lesen, vielleicht auch erst am Dienstag, je nachdem, wie der Begrüßungsabend der Fußball-Taskforce verlaufen würde. Er nickte dem Kollegen von der KT zu und ging zurück zum Dienstwagen. »Football’s coming home, it’s coming home«, summte er leise, während er den Sicherheitsgurt um seinen Leib schnallte und Fellner das Zeichen gab loszufahren.
Nach einem späten Frühstück im Stehen – drei doppelten Espresso mit reichlich Zucker – war Glander wie geplant in sein kleines Agenturbüro in Schöneberg gefahren. Dort hatte er einen längst überfälligen Bericht verfasst, ein paar Rechnungen geschrieben, eine erheblich höhere Summe zur Überweisung angewiesen und einige Mails beantwortet. Anschließend war er zu einem kurzen Mittagessen ins benachbarte »I due Emigranti« gegangen, um dann den frühen Nachmittag damit zu verbringen, Telefonate zu führen, online zu recherchieren und sich über Obdachlosigkeit in Berlin zu informieren. Er sprach mit einer Mitarbeiterin der Berliner Tiertafel e.V., die sich eigentlich in erster Linie um die Tiere mittelloser Menschen kümmerte. Aber die Ehrenamtlichen dort besaßen einen sehr unverstellten Blick auf die Menschen in Not. Was Glander im Zuge des Telefonats erfuhr, war alles andere als erbaulich. Als wohnungsloser Mensch fiel man zügig durch die Maschen des viel gerühmten sozialen Netzes. Und alle anderen Bürger der Stadt blendeten diese Art von Leid gemeinhin aus.
Als Glander das Büro am späten Nachmittag verließ, lagen die Straßen der Hauptstadt bereits in der Dämmerung. Anfang Februar hatte beinahe jeder Berliner das dunkle, kalte und schmuddelige Winterwetter satt. Viele Arbeitnehmer gingen im Dunkeln zur Arbeit und legten auch ihren Heimweg in Dunkelheit zurück, sodass sich nach drei Monaten Düsternis jeder nach dem Frühling sehnte. Licht und sprießendes Grün sorgten in der Hauptstadt alljährlich für eine deutlich spürbare Aufbruchsstimmung. Auch Glander freute sich auf länger werdende Tage und steigende Temperaturen.
Er entschied sich gegen den Weg über die Steglitzer Rheinstraße und die belebte Schloßstraße und nahm die schnellere Route über den Stadtring bis zum Steglitzer Kreisel. Das in den Siebzigerjahren errichtete ehemalige Bezirksverwaltungsgebäude war mit dreißig Stockwerken eines der höchsten Gebäude Berlins und eines der eindrucksvollen Mahnmale mangelnder West-Berliner Bauplanungskompetenz. Glander fuhr wie jedes Mal kopfschüttelnd an dem seit Jahren leer stehenden Betonklotz vorbei. Eklatante Fehlkalkulationen hatten 1974 zur Insolvenz des Bauträgers und zur Einstellung der Bautätigkeiten geführt. Die damaligen Bau- und Finanzsenatoren hatten gutgläubig – man munkelte damals, bewusst zu gutgläubig – eine Bürgschaft für das Projekt übernommen, und der Berliner Senat war auf einem gigantischen Schuldenberg sitzen geblieben. Ein Betrugsverfahren gegen die Architektin war ergebnislos verlaufen, und auch die beiden Senatoren hatten nicht belangt werden können. Allein der damalige Berliner Oberfinanzpräsident war vom Amt suspendiert worden. Er hatte der umstrittenen Architektin beruflich und privat nahegestanden. Der Kreisel wurde dennoch fertig gebaut, die Bezirksverwaltung zog ein, und der kleine Steglitzer Wolkenkratzer wurde zu einem unfreiwilligen Symbol der West-Berliner Baupolitik. Probleme bereitete der Betonriese erneut in den Neunzigerjahren, als festgestellt wurde, dass das Hochhaus asbestverseucht war. Nach einer Vielzahl von Gutachten über Sanierungsmöglichkeiten und einer Reihe von Nutzungskonzepten, von denen keines realisiert wurde, stand der gigantische Schandfleck nun seit dem Jahr 2007 leer. Dadurch waren bis zum vergangenen Jahr weitere Kosten für die Stadt Berlin von über drei Millionen D-Mark entstanden. Die meisten Berliner interessierten sich schon lange nicht mehr für das Schicksal des Steglitzer Kreisels, sie waren nur noch verärgert über den Dilettantismus der Berliner Landesregierung.
Während Glander über den Hindenburgdamm nach Lichterfelde Süd fuhr, überlegte er, ob er tatsächlich wieder gegen Rolf Prinz antreten wollte. Der würde Morden an obdachlosen Frauen keine Priorität einräumen, Glanders Einmischung aber keineswegs kampflos hinnehmen, das war sicher.
Gemeinsam mit Merve würde er sich etwas einfallen lassen müssen, um die zu erwartende Mauer des Schweigens im Obdachlosenmilieu möglichst zügig zu durchbrechen. Er rief seine Kollegin an. Sie meldete sich nach dem dritten Klingeln.
»Merve Celik.«
4
Merve Celiks Stimme klang wie die eines weiblichen Tom Waits, dabei spielte sie nie Klavier in verrauchten Bars und trank auch keinen Bourbon. Das heisere Timbre der ehemaligen Beamtin des LKA 1 hatte schon für manch eine Überraschung gesorgt, wenn sie ihrem Gesprächspartner nach einem Telefonat erstmals persönlich gegenübergestanden hatte. Die Stimme passte einfach nicht zu der zierlichen Frau, deren schwarze Lockenmähne oft genug schon allein dazu führte, dass Männer aus dem Konzept kamen, wenn sie sie sahen.
»Hallo, Merve, ich bin’s.«
»Martin! Sag mir, dass wir etwas zu tun haben! Ich flehe dich an! Ich befinde mich in der Mein-Kleines-Pony-Hölle! Wenn ich noch eine Mähne bürsten muss, drehe ich durch. Günay hat eine ganze Koppel voll, und sie sind alle pink und lila und glitzern.« Sie seufzte resigniert.
Glander lachte. Merves Nichten Günay und Gülsen wohnten mit ihrer Mutter, Merves älterer Schwester Sevgi, ebenfalls seit Kurzem in einem Haus im Dürener Weg, das Lea ihnen vermittelt hatte. Sevgi hatte im vergangenen Jahr einen lebensbedrohlichen Angriff ihres Ehemanns überlebt, und das Haus glich nun einem Hochsicherheitstrakt. Alle Türen und Fenster konnten mit Rollläden aus stranggepresstem Aluminium verriegelt werden, und Sevgi trug einen Notrufknopf, der ein Signal an Merves Handy schickte, wenn sie ihn betätigte. Obwohl ihr Ex-Mann bis zum Prozess im März in Untersuchungshaft saß und es unwahrscheinlich war, dass seine Freunde sie in dieser Gegend vermuteten, wollte sie für den Fall der Fälle gewappnet sein. Falls Merve einmal nicht in der Stadt war, leitete sie das Notsignal auf das Handy von Glander um. Dem waren Merves Schwester und deren Töchter in den vergangenen Wochen stark ans Herz gewachsen. Auch ihrerseits hatten die beiden Mädchen und ihre Mutter Vertrauen zu ihm gefasst. Manchmal war ihm mulmig bei einer so großen Verantwortung, doch meistens freute er sich vorbehaltlos über diese unerwartete Bereicherung seines Lebens.
Glander fragte Merve süffisant, ob sie auch wirklich entbehrlich sei auf dem Glitzerponyhof ihrer Nichte, damit sie sich mit Thomas Hartmann treffen könne. Erklärend fügte er hinzu: »Er hat einen Fall für uns. Zwei tote obdachlose Frauen im Bezirk. Eine von ihnen wurde an unserem Bahnhof gefunden. Er geht von einem Serientäter aus, der es gezielt auf wohnungslose Frauen abgesehen hat. Prinz ermittelt, weshalb ich denke, dass die Polizei den Täter nicht so schnell ausfindig machen wird und wir den Fall übernehmen sollten.«
Merve schnaubte verächtlich. Sie hatte die letzten sechs ihrer acht Jahre beim LKA unter Kriminalhauptkommissar Rolf Prinz arbeiten müssen. Und während der sich ein recht gemütliches Leben hinter großen Kaffeetassen und Bergen von Papier gemacht hatte, hatte sie sich die Hacken wund gelaufen und die Finger blutig getippt. Sie allein hatte Angehörige informiert, war Hinweisen nachgegangen, hatte Informanten befragt, das Team koordiniert und die Fälle letztendlich gelöst. Merve Celik hatte keine hohe Meinung von ihrem ehemaligen Vorgesetzten und rupfte nur zu gerne das eine oder andere Hühnchen mit ihm, sobald sich eine Gelegenheit ergab.
»Mit dem allergrößten Vergnügen, Martin! Die Prinzenrolle überlässt die Ermittlungen ohnehin Fellner. Und der schiebt nur noch Dienst nach Plan, bis seine Zwillinge aus dem Gröbsten raus sind – falls er überhaupt bleibt. Der ist ein Vollblutpapa, der wird seines Lebens bei der Mordkommission nicht mehr froh. Jede Wette, dass er bald Innendienst in der Gothaer macht. Was weißt du denn bislang über die Toten?«
In der Gothaer Straße befand sich das LKA 2, Abteilung für Betrugsstraftaten. Glander teilte Merves Einschätzung. Die Zeiten änderten sich. Auch wenn es vielen Arbeitgebern ein Dorn im Auge war – immer mehr Väter wollten miterleben, wie ihre Kinder groß wurden. Als Beamter hatte man da durchaus Vorteile. Und diese würde Harald Fellner die nächsten Wochen nutzen, um sich von der Mordkommission in eine Abteilung versetzen zu lassen, die ihm geregelte Arbeitszeiten, womöglich sogar die Möglichkeit zu Teilzeitarbeit bot.
»Noch nicht viel«, antwortete Glander. »Eine ältere Obdachlose wurde vor zwei Wochen am Bahnhof Lichterfelde Ost aufgefunden, sie wurde erstochen und ihr Leichnam die S-Bahn-Böschung hinuntergeworfen. Die zweite Tote hat man heute Morgen an dem Platz entdeckt, an den sie sich jeden Abend zurückzog. Sie wurde ebenfalls erstochen. Kannst du als Erstes herausfinden, wer die Obduktion übernimmt und wann die stattfindet? Und mach dir bitte Gedanken darüber, ob du ein paar Tage draußen leben kannst. Ich denke, es gibt keinen anderen Weg, um etwas von den obdachlosen Frauen zu erfahren.«
Merve schnaubte gespielt verächtlich. »Mit der Ayshe kann man’s ja machen: sie bei diesem Scheißwetter auf die Straße ziehen lassen … Ich wusste, dieses Emanzipationsgedöns fällt mir irgendwann auf die Füße.« Glander konnte ihr Grinsen förmlich hören. Dann wurde sie ernst. »Ich bin in einer halben Stunde bei euch drüben, und du kannst mir alles Weitere erzählen.«
Glander schüttelte lächelnd den Kopf und beendete das Telefonat. An der Kreuzung zur Wismarer Straße stand er wie immer eine längere Zeit an der Ampel und schickte Thomas Hartmann schnell eine SMS. Er wollte gegen sieben Uhr mit Merve bei ihm sein. Dann überquerte er den Teltowkanal und bog keine zehn Minuten später in den Dürener Weg ein.
Hier sah es aus wie immer: Zeilen mit kleinen, quaderförmigen Reihenhäusern zur Rechten und zur Linken der schmalen, mit Rabatten und hohen Bäumen gesäumten Straße. Das Viertel war in den Sechzigerjahren gebaut worden, und das merkte man ihm an. Gehwegplatten lagen schief, von den Wurzeln der alten Bäume hochgedrückt, an vielen Garagenwänden bröckelte der Putz, und die Gemeinschaftsflächen wurden seit Jahren nur noch notdürftig instand gehalten. Früher hatten sich die Eigentümer selbst um die an ihr Grundstück grenzenden Grünflächen gekümmert. Doch nachdem es zwischen einigen Besitzern zum Zwist über die gemeinsamen Wasseranschlüsse gekommen war, waren diese gekappt worden. Seitdem fühlte sich bis auf wenige Ausnahmen niemand mehr bemüßigt, Wässerung und Pflege der öffentlichen Beete aus eigener Tasche zu finanzieren. Die ausgedünnten Grünanlagen verliehen der Siedlung nun einen eher schmucklosen Eindruck, den auch die bunten Häuserfassaden nicht auflockern konnten. Lea hatte Glander einmal Fotos aus der Anfangszeit der Siedlung gezeigt, als die einzelnen Häuserriegel farblich einem durchdachten Konzept folgten und ein elegantes Bild in Karminrot, Anthrazit und Weiß abgegeben hatten. Niemand wusste mehr, wer wann als Erster sein Haus in einer anderen Farbe gestrichen hatte. Doch bis auf wenige Ausnahmen waren alle Eigentümer nachgezogen und hatten an dem Kessel Buntes mitgewirkt, der sich Glanders Augen nun bot.
Leas Haus verfügte über einen großen Garten, trotz des nachträglich angebauten Wintergartens. Lea hatte das Haus von ihrem Mann geerbt, einem Architekten, dem es wiederum dessen Großmutter hinterlassen hatte.
Glander parkte seinen Audi hinter der rostigen Huddel von Korbinian Schulz – wie Schmalz am Ende, fügte dieser stets hinzu, wenn er sich vorstellte. Schulz war ihr Nachbar aus dem Haus am Anfang der Zeile. Glander lachte kurz auf, als er den neuen Schriftzug auf Schulz’ Heckscheibe las: Keine Kinder mit bescheuerten Vornamen on board.
Nachdem er die Haustür aufgeschlossen hatte, begrüßte ihn Talisker. Glander konnte sich gerade noch rechtzeitig an der Wand abstützen, um nicht von dem kräftigen Jagdhund umgerissen zu werden. Talisker parierte exzellent und hätte keinen Menschen einfach so angesprungen, aber allein sein Schwanzwedeln war so gewaltig, dass man sich davor in Acht nehmen musste. »Hey, Digger, das nenne ich mal eine Begrüßung! Wo ist Lea?«, fragte Glander den Hund und knuddelte ihn.
Bei der Erwähnung des Namens seines Frauchens drehte sich Talisker um und schickte sich an, die Treppe hinaufzulaufen. Auf der dritten Stufe drehte er sich erneut um und schaute Glander so an, als fordere er ihn auf, ihm zu folgen.
Glander sah sich im Schlafzimmer um. Im Sommer hatte Lea renovieren müssen und dabei auch ihr altes Ehebett ausgetauscht, wofür Glander ihr überaus dankbar war. Das neue Kingsize-Bett aus grau geöltem Sheesham-Holz, das ein kleines Vermögen gekostet hatte, stand nun schräg im Zimmer. Die ursprünglich hellblauen Wände hatte Lea in einem hellen Grau streichen lassen. Der Holzboden war abgeschliffen und weiß geölt und der alte Squint-Wing-Sessel mit einem neuen Stoff mit Distel-Motiv, der schottischen Nationalpflanze, gepolstert. Zu seiner Rechten sorgte eine hängende, üppig wachsende Grünlilie für besseres Raumklima, zu seiner Linken stand eine Designerbogenlampe. An der Wand zum kleinen Ankleidezimmer hingen Drucke von Samuel Peploe und Francis Cadell, zwei der vier schottischen Koloristen, die Eindrücke von der Insel Iona eingefangen hatten. Der Raum vermittelte Ruhe, und Glander fand in ihm so guten Schlaf wie kaum irgendwo anders.
Lea lag auf dem Rücken im Bett, ihre Arme und Beine von sich gestreckt, um sie herum einige Bücher und lose Papiere, die anscheinend aus einem geöffneten Aktenordner am Fußende des Betts stammten. So schlief sie nur, wenn sie erschöpft war. Glander hoffte, sie würde nicht wieder krank werden. Im Dezember hatte sie eine Grippe abwehren können, die sich dann allerdings Anfang Januar umso heftiger wiedergemeldet hatte. Lea war erst seit Kurzem wieder auf den Beinen, und Glander merkte ihr die Schwäche noch an. Sie war erheblich stiller als üblich. Normalerweise quasselte sie bei ihren Lieblingsthemen wie ein Wasserfall. Und Glander genoss es, ihr zuzuhören und sie zu beobachten, wenn sie sich über etwas besonders freute oder in Rage redete. Er hatte noch nie so für eine Frau empfunden, und ihm war unterschwellig bewusst, dass er auch nie wieder so für eine andere Frau empfinden würde. Er war auch nicht scharf darauf. Er wünschte sich inständig, mit Lea alt zu werden. Er hatte sich sogar schon bei dem Gedanken an ein gemeinsames Kind ertappt. Zwar hatte er den erschrocken wieder verdrängt, aber es war das erste Mal gewesen, dass er überhaupt einen derartigen Gedanken gehegt hatte. Lea und Glander waren beide nicht mehr die Jüngsten, doch heutzutage hatte das nichts mehr zu bedeuten.
Glander betrachtete die schlafende Lea voller Sorge und Zärtlichkeit. Leas Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie knapp zwölf Jahre alt gewesen war. Die darauffolgenden Jahre hatte sie bei ihrer Tante Patricia »Patty« in Schottland gelebt. Sie hatte dort ihren Schulabschluss gemacht, studiert und dann die Ausbildung zur Simultandolmetscherin absolviert. Lea hatte Duncans Vater kennengelernt, war recht schnell schwanger geworden und mit ihm zurück nach Berlin in das Haus von Marks Großmutter gezogen, das sie beide aufwendig und mit viel Liebe zum Detail umgebaut hatten. Dann war Mark im vorletzten Jahr an Krebs verstorben, und Duncan war zum Studium nach Kassel gegangen. Als Lea sich gerade mit dem Alleinleben arrangiert hatte, war Glander in ihr Leben getreten – und hatte einiges in ihm durcheinandergebracht.
Lea schien die Ereignisse rund um Glanders letzte Mordermittlungen gut verkraftet zu haben. Doch Glander war zu viele Jahre leitender Kripobeamter gewesen, um nicht zu wissen, dass Gewalt Spuren in der Psyche von Menschen hinterließ, die mit ihr in Berührung kamen. Er hatte mit vielen Opfern und Angehörigen zu tun gehabt, die erst Monate später von den Dingen eingeholt worden waren, die ihnen oder ihren Lieben widerfahren waren. Lea verfügte über gute Grundlagen in Psychologie – sie hatte erst vor Kurzem eine Gasthörerschaft an der Freien Universität in forensischer Psychologie belegt und nahm die Fachstudien sehr ernst –, und sie besaß gutes seelisches Rüstzeug, dennoch sorgte sich Glander um sie.
Sie war eine schöne Frau, auf eine ganz eigene Art, und sie war anders als die Frauen, mit denen Glander bislang Beziehungen eingegangen war. Er war selbst immer wieder überrascht, dass sie nun Teil seines Lebens war.
Leas langes kastanienbraunes Haar hatte sich aus ihrem Haargummi gelöst. Glanders Blick streifte die geschwungene Narbe, die das Messer des Wahnsinnigen im vergangenen Sommer auf Leas linkem Oberarm hinterlassen hatte und die nun langsam verblasste. Sie zog sich wie eine Welle von Leas Schulter bis zu ihrem Ellenbogen und war eine bleibende Erinnerung an Glanders schwersten Ermittlungsfehler. Lea betrachtete ihre Narbe weitaus pragmatischer. Für sie stellte sie ein Mahnmal ihrer Verwundbarkeit dar. Sie nahm die Erinnerung an die Hilflosigkeit, die sie durchlitten hatte, als der Mörder ihrer Nachbarn sie bedroht hatte, als stete Motivation für das Kampfsporttraining, das sie seit dem Herbst mit Merve absolvierte. Lea hatte sich mit Merve und Verve, wie sie es lachend beschrieb, in diese neue Aktivität gestürzt und schon beachtliche Fortschritte gemacht. Als Langstreckenläuferin verfügte sie zwar über eine ausgesprochen gute Grundkondition, die neuen Bewegungsabläufe brachten sie dennoch jedes Mal an die Grenze ihrer Fitness. Sie trainierte mit demselben großen Eifer und derselben Begeisterung, mit der sie alles anging, was ihr wichtig war.
Glander liebte es, Zeit mit Lea zu verbringen. Wenn sie lachte, strahlten ihre graugrünen Augen. Er mochte die beiden Fältchen, die rechts und links ihrer Nasenwurzel auftraten, wenn sie sich ärgerte oder konzentrierte, und konnte von ihrer weichen Haut nicht genug bekommen. Ihr Duft und der kehlige Klang ihrer Stimme, wenn sie sich liebten, nahmen ihm den Atem. Glander war bis über beide Ohren verliebt, und er würde jeden Menschen, der Lea schaden wollte, ohne zu zögern aus dem Weg schaffen. Für diese Frau würde er alle Grenzen überschreiten.
Die Türglocke unterbrach Glanders Gedankengang. Er stieg die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Vor ihm stand ein Unbekannter, der etwa einen halben Kopf größer war als er selbst und ihn zunächst überrascht, dann feindselig und schließlich lächelnd ansah. Sein Mienenspiel dauerte nur ein paar Sekunden und wäre jedem entgangen, der nicht so viel Erfahrung wie Glander im Deuten der Körpersprache besaß. Talisker, der neben Glander auftauchte, zog den Kopf ein. Glander teilte die spontane Aversion des Hundes, fragte den Fremden aber dennoch freundlich, wie er ihm helfen könne.
Der Mann grinste schief und erwiderte etwas auf Englisch. Zumindest nahm Glander an, dass es Englisch war, denn er verstand kaum ein Wort. Sein Englisch war eigentlich ganz passabel, doch das hier klang eher nach Klingonisch. Glander vermutete, dass sich der Mann nach Lea erkundigte, und teilte ihm in seinem besten Oxford-Englisch mit, dass sie schliefe.
Der Unbekannte war enttäuscht, das war nicht zu übersehen, und er fragte wohl, ob man Lea nicht wecken könne. Er entnahm einem ledernen Etui eine Visitenkarte und reichte sie Glander: Detective Chief Superintendent Connor Fraser, West Command, Greater Glasgow stand darauf zwischen dem Logo der schottischen Kripobehörde und einer schottischen Festnetznummer, einer Mobilnummer und einer E-Mail-Adresse.
Was hatte Lea mit diesem schottischen Kriminalkommissar zu tun? Und warum suchte der sie zu Hause auf? Die Tagung begann doch erst am Montag. Während Glander noch überlegte, rempelte ihn Talisker an. Der Hund hatte sich umgedreht, um Lea zu begrüßen, die gerade die Treppe herunterkam.
Durch ihr weißes Rippshirt war deutlich erkennbar, dass es sie fröstelte. Sie zog ihre lange graue Wollstrickjacke fester um sich, strich sich mit der linken Hand ihre Haare aus dem blassen Gesicht und kreuzte die Arme vor der Brust. »Sorry, Martin, ich bin glatt über den Tagungspapieren eingeschlafen. Wer ist es denn?« Dann fiel ihr Blick auf den Mann im Türrahmen, und ihr Gesicht verlor seine Farbe.
5
Glander schaute von Lea zu Connor Fraser und hatte gar kein gutes Gefühl. Lea war wie vom Donner gerührt, und es kostete sie offensichtlich einige Mühe, sich wieder in den Griff zu bekommen. Auch Fraser hatte sich für einen Moment nicht unter Kontrolle, und was da in seinem Blick lag, war nicht zu missdeuten.
Glander räusperte sich und wandte sich an Lea. »Lea, willst du deinen Bekannten nicht hineinbitten? Vielleicht klärt ihr, was auch immer zu klären ist, drinnen und nicht in dieser Kälte.«
Lea nickte abwesend und bat Fraser auf Englisch einzutreten, in aller Förmlichkeit darauf hinweisend, dass er nicht lange bleiben könne. Fraser nickte Glander zu und trat in den Flur. Der Fremde und Lea standen sich gegenüber, und Glander sah beiden die Unsicherheit darüber an, wie sie sich begrüßen sollten. Fraser wollte Lea offensichtlich umarmen, aber der war das nicht recht. Glander fragte sich, ob das an ihrer legeren Kleidung lag oder an seiner Gegenwart. Wer zum Teufel war dieser Typ? Und was war zwischen den beiden gelaufen? Dass da etwas gelaufen sein musste, war eindeutig. Glander gab Lea einen Kuss auf die Wange und versuchte einen möglichst stilvollen Abgang hinzulegen.
»Ich lasse euch mal alleine. Merve und ich haben einen neuen Auftrag. Ich bin so gegen neun wieder hier, denke ich. Ich nehme Talisker mit und drehe vorher noch eine Runde mit ihm, in Ordnung? Falls ich früh genug zurück bin, mache ich auch noch die späte Biege mit ihm.«
Lea schien gedanklich von weit her zu kommen und ihn für einen Moment nur verschwommen wahrzunehmen. Dann wurde ihr Blick wieder klar. »Ja, okay … Danke, Martin! Ich … Wir reden später, ja?«
Glander nickte und griff nach seiner Jacke und Taliskers Leine, die an der Garderobe im Flur hingen, verabschiedete sich von Fraser mit einem kurzen Kopfnicken und gebot Talisker, ihm zu folgen. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, schickte er Merve eine SMS. Sie solle nicht zu ihm herüberkommen, er käme zu ihr. Dann machte er sich auf den kurzen Weg die Straße hinauf zum Haus von Merves Schwester. Merve und er hatten einen neuen Fall, und auf den galt es sich jetzt zu konzentrieren. Alles Private würde warten müssen. Auch wenn ihm gar nicht wohl dabei war.
Lea gab Connor Fraser exakt zehn Minuten Zeit, ihr zu erklären, warum er sie zu Hause aufsuchte, bevor sie ihn bat, wieder zu gehen. Sie würden sich am Montag auf der Tagung begegnen, auf jeden weiteren Kontakt lege sie keinen Wert. Es habe sich nichts geändert, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Fraser hatte sich im Griff. Der aufflammende Zorn in seinen Augen wich einer kalten Leere, obwohl er sie anlächelte. Seine leicht heisere Stimme und der vertraute Dialekt weckten viele Erinnerungen in Lea. Doch ihr letztes Treffen überschattete sie alle.
»Ach, komm! Es ist so viel Zeit vergangen, und ich bin nicht mehr der Idiot von damals. Gib dir einen Ruck und mir eine zweite Chance! Lass uns heute Abend essen gehen«, sagte er auf Englisch.
Lea traute ihren Ohren nicht. Essen gehen? Eine zweite Chance? Nach all den Jahren? Nach allem, was damals passiert war? Hatte der Mann seinen Verstand verloren? Sie hatte einen großen Fehler gemacht, diesen Auftrag anzunehmen. Sie hatte sich gewaltig über- und ihn fehleingeschätzt. Lea hatte mit einem kleinlauten Auftritt seinerseits gerechnet, einer vorsichtigen Annäherung in einem passenden Moment im Laufe der Tagungsfreizeit. Sie hatte erwartet, dass er ihr so etwas wie eine Erklärung und eine ehrliche Entschuldigung anböte. Doch Connor war ganz offensichtlich auch nach zwanzig Jahren nicht bewusst geworden, was er angerichtet hatte, und er bereute nichts.
Lea schlug das Herz bis zum Hals. Mit aller Kraft zwang sie sich, Ruhe zu bewahren und möglichst distanziert zu bleiben. »Nein danke, Connor. Ich werde für deine Delegation übersetzen, aber private Dinner sind nicht in meinem Interesse.« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn traurig an. »Und eine zweite Chance hattest du. Du weißt genau, wie du sie genutzt hast. Du wirst keine dritte erhalten. Bitte geh jetzt. Sofort.«
Connor ballte seine Fäuste. Seine Lippen wurden schmal, und seine Augen verengten sich. Dann drehte er sich wortlos um und ging hinaus.
Nachdem Lea die Haustür hinter ihm geschlossen hatte, drehte sie den Schlüssel zweimal im Schloss herum. Danach ging sie direkt ins Obergeschoss und ließ Wasser in die Badewanne ein. Währenddessen öffnete sie eine Flasche Glendronach Cask Strength und füllte ein Glas drei Finger breit. Ihre Hände zitterten. Alkohol löste keine Probleme, dessen war sie sich bewusst, aber als der süffige Speyside Whisky seinen kräftigen Geschmack von Karamell und Sherry entfaltete und warm und sanft ihre Kehle hinunterrann, lockerten sich ihre Schultern merklich. Und als sie sich zehn Minuten später in das heiße Wasser gleiten ließ, beruhigten sich ihre Nerven.
Es war ein Schock gewesen, Connor vor ihrer Tür stehen zu sehen. Auf diesen Überraschungsbesuch war sie überhaupt nicht vorbereitet gewesen. Wem willst du etwas vormachen?, meldete sich ihre innere Stimme. Du hast dich übernommen. Du hast gedacht, du hättest längst mit ihm abgeschlossen. Hast du aber nicht.
Die Chemie zwischen Lea und Connor war vor rund zwanzig Jahren hochexplosiv gewesen. Connor hatte eine Anziehungskraft auf sie ausgeübt, die mit Worten nicht zu fassen war, und nun wurde sie genauso heftig von ihm abgestoßen. Dabei war sie sich so sicher gewesen, alles Vergangene ausblenden zu können, wenn sie ihm gegenübertrat. Doch sie hatte sich gewaltig geirrt. Die Vergangenheit war allein durch seine physische Präsenz sofort wieder lebendig geworden. All ihre damaligen Gefühlen, ihr Entsetzen, ihre Angst und nicht zuletzt ihre Wut, waren wieder hochgekommen.
Lea ließ sich tiefer in die Wanne gleiten, sodass das Wasser ihre Ohren bedeckte und sie ihr Herz schlagen hörte, während sie sich an ihr erstes Date erinnerte. Connors und Leas Freunde hatten die Verabredung arrangiert. Sie sollten sich auf der Geburtstagsparty der Freundin einer Freundin treffen. Lea hatte mit ihren Mädels reichlich vorgeglüht, sich Mut angetrunken. So lief das damals. Ein bisschen Rummachen und dann ab nach Hause, alles ganz easy, so hatte ihr Plan ausgesehen. Doch als sie auf die kiesbedeckte Auffahrt vor dem großen Haus eingebogen war, in dem die Party stattfinden sollte, hatte sich eine Wagentür geöffnet, und Connor war ausgestiegen. Lea war auf der Stelle wieder nüchtern gewesen, so heftig war das Adrenalin durch ihren Körper geschossen. Er war auf sie zugekommen, hatte ihr seine Hand entgegengestreckt und ihr zugezwinkert. Aus dem Haus hatten die Tears for Fears gedröhnt, und Lea hatte Connors Hand genommen und gewusst, dass es um sie geschehen war.
Jeanny hatte sich im Laufe des Tages etwas Geld zusammengeschnorrt und war zum Duschen ins Schwimmbad in der Leonorenstraße gegangen. Die kurze Strecke zum S-Bahnhof Lankwitz war sie wie immer schwarzgefahren. Die Mitarbeiterinnen am Eingang des sogenannten Leonorenbads kannten sie und drückten ein Auge zu. Jetzt war sie frisch geduscht und hatte die neuen Klamotten an, die sie zwei Tage zuvor bei Primark in der Schloßstraße geklaut hatte. Heute würde sie nicht in die Innenstadt gehen, sie würde ihr Glück am Stadtrand versuchen. Die Typen hier waren bei Weitem nicht so krass drauf wie in Mitte. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt, und niemand sah ihr an, dass sie auf der Straße lebte. Lange ginge das nicht so weiter, dessen war sich Jeanny bewusst, aber sie hatte aufgehört, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Die Zukunft war bedeutungslos geworden an dem Tag, als ihr Vater diese Dreckskerle mitgebracht hatte und sie durch das Küchenfenster abgehauen war, während ihr Alter einen Preis für sie verhandelt hatte.
Jeanny setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf, als sie sich am frühen Abend des Tages, an dem sie ihre Freundin tot aufgefunden hatte, neben den schlaksigen jungen Mann an die Bar des »Stellwerk« am Kranoldplatz in Lichterfelde Ost stellte. Mit großer Genugtuung sowie einer Spur Erleichterung stellte sie fest, dass sie es immer noch draufhatte.
Der Typ neben ihr lächelte sie etwas unsicher an und fragte sie, ob er ihr einen Drink ausgeben dürfe.
Sie nickte und stellte sich vor. »Ich bin Janine, hi!«
»Max. Ich bin neu in Berlin, studiere an der TU. Bist du öfter hier?«
Jeanny schüttelte den Kopf und sah ihn gekonnt schüchtern an. »Nein, ich bin das erste Mal hier. Ich habe mich ganz furchtbar mit meinem Freund gestritten. Ich denke, es ist aus. Ich wollte nur weg. Ich dachte, ich geh was trinken, um runterzukommen, und dann ruf ich meine beste Freundin an. Doch als ich hier ankam, fiel mir ein, dass sie übers Wochenende bei ihren Eltern in Schwerin ist. Jetzt bin ich ziemlich aufgeschmissen und weiß gar nicht, wohin.« Sie legte ihre Hand auf seine, er errötete leicht. Gott, diese Armleuchter waren doch alle gleich blöde! Die Masche funktionierte jedes gottverdammte Mal. »Aber sorry, das interessiert dich alles gar nicht. Entschuldige, ich bin gerade nur ein bisschen durch den Wind.«
»Nee, lass mal, ist schon okay. Kann ich verstehen. Willst du noch einen?« Er zeigte auf ihr Glas.
Schön trinken musste sie sich den Knaben nicht. Er sah ganz gut aus, fand sie, ein bisschen spack vielleicht, aber sauber, und ordentliche Klamotten trug er auch. Doch einem geschenkten Gaul schaute man sowieso nicht ins Maul.
»Ja, gerne. Aber ich hab lange nichts mehr getrunken, also muss ich mich ein bisschen vorsehen.«
»Warst du krank?«
»Nein … also … Ich hatte da so eine Frauensache, und ich musste operiert werden. Darum ging es auch in dem Streit mit meinem Freund.« Er schüttelte mitfühlend den Kopf, und sie lächelte ihn wieder traurig an. »Ich tu’s schon wieder, dir meinen ganzen Kram erzählen, sorry. Es ist nur … Du siehst echt nett aus.« Dabei schenkte sie ihm einen gewinnenden Augenaufschlag, den der beste Walt-Disney-Zeichner nicht besser hinbekommen hätte.
Max legte seine Hand auf ihren Arm und antwortete genau das, was Jeanny hören wollte. »Das ist total okay. Wenn du möchtest … also, wenn du nicht weißt, wo du heute Nacht schlafen sollst, kannst du gerne mit zu mir kommen. Ich wohne nicht weit von hier. Und ich hab ein megabequemes Sofa, auf dem ich dann schlafen kann. Nicht, dass du das missverstehst …«
Sie unterbrach ihn. »Tu ich nicht. Das ist nett von dir, Max. Lass uns doch einfach noch ein bisschen hierbleiben und quatschen, und dann überleg ich’s mir. Ich könnte uns ja was kochen. Ich glaub, ich kann echt nirgendwo anders hin.«
Max, ihr neuer Beschützer, strahlte sie an.
Männer sind so berechenbar, dachte Jeanny voller Verachtung, als sie ihren nächsten Cuba Libre zur Hälfte leerte.
6
Auch um sich zu sammeln, hatte Glander zuerst eine Runde mit Talisker gedreht, bevor er Merve bei Sevgi abgeholt hatte. Gemeinsam waren sie den Stolberger Ring entlang zu den Hartmanns geschlendert. Deren Haus sah man an, dass beide viel beschäftigt waren, obwohl sie nur in Teilzeit arbeiteten.
Schon zu Beginn ihrer Beziehung hatten sich Sabine und Thomas Hartmann gegen Kinder entschieden. Ihrer beider Einkommen reichte aus, um die Raten für das Haus abzuzahlen und die Lebenshaltungskosten zu decken, und am Monatsende blieb sogar noch etwas für das Sparkonto übrig. Ihre Ansprüche waren nicht besonders hoch, sie legten weder Wert auf Statussymbole, noch gingen sie teuren Hobbys nach. Den Großteil ihrer Freizeit betätigten sie sich ohnehin ehrenamtlich. Auch deshalb hatten sie nur wenige Freunde. Nicht viele Menschen ertrugen es, immerzu über traurige Schicksale reden zu müssen und sich die Kritik am Sozialstaat und an der Bequemlichkeit vieler Leute anzuhören. Sabine und Thomas Hartmann war das einerlei. Sie hatten dieselbe soziale Einstellung und denselben Groll gegen die Politik der letzten dreißig Jahre, die dazu geführt hatte, dass jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht war.
Sabine Hartmann hatte Merve und Glander eingelassen und war nun damit beschäftigt, den wild kläffenden und herumspringenden Bismut zu beruhigen. Talisker betrachtete den anderen Rüden einen Moment lang indigniert und setzte dann dessen Treiben mit einem kurzen, aber umso lauteren Bellen ein Ende.
Sabine lachte. »Kann ich mir Talisker nicht doch mal ausleihen? Er ist der Einzige, auf den Bismut hört. Es wird leider gar nicht besser mit dem Schlawiner.«
Glander behielt die Antwort für sich. Die Hartmanns waren absolut betriebsblind, wenn es um ihren Hund ging. Lea hatte ihnen schon oft den regelmäßigen Besuch einer Hundeschule oder auch private Stunden mit einer erfahrenen Hundetrainerin ans Herz gelegt, doch sie hatten stets Zeitmangel als Ausrede vorgeschoben. Bismuts schlechtes Benehmen hatte sich folglich weiter verfestigt. Von Talisker einmal zurechtgewiesen, benahm er sich jedoch einwandfrei, sodass man beinahe glaubte, einen anderen Hund vor sich zu haben.
Sabine Hartmann bat Glander und Merve ins Wohnzimmer, in dem sich Thomas Hartmann vom Sofa erhob und mit ausgestreckter Hand auf sie zukam. Sabine war so groß wie Glander, und Merve sah gegen den bärigen Hartmann zierlich und zerbrechlich wie ein Kind aus. »Frau Celik, richtig?«, fragte Hartmann, als er Merves Hand schüttelte. »Wie schön, dass es so zeitnah geklappt hat. Kann ich Ihnen etwas anbieten – einen Kaffee oder einen Tee?«
»Sagen Sie doch Merve, Herr Hartmann. Das macht es einfacher. Ich nehme gerne ein Wasser, wenn es keine Mühe macht.«
»Dann nennen Sie uns aber bitte Thomas und Sabine. Sabine, bist du so lieb und holst etwas zu trinken?«
Glander entging der verkniffene Zug um Sabines Mund nicht, als sie das Wohnzimmer wieder verließ, um Getränke zu holen. Thomas Hartmann bat die beiden, auf der üppigen Sitzlandschaft Platz zu nehmen, die gut ein Viertel des Wohnzimmers einnahm. Glander fiel auf, dass sich kein Fernseher im Zimmer befand. Dafür waren die Wände dem Sofa gegenüber bis zur Decke mit Bücherregalen ausgekleidet. Das Blumenfenster zierten Kakteen in verschiedenen Größen und Formen.
Hartmann bemerkte Glanders Blick und grinste. »Sabine und ich haben so viel um die Ohren, dass hier außer Kakteen keine Pflanzen überleben. Unser Garten ist eher eine Wiese, und die Sträucher, die wir dort gepflanzt haben, werden nur vom Regen gewässert. Damit keiner meckert, wie ungepflegt der Vorgarten aussieht, haben wir ihn pflastern lassen. Es gibt ja immer werte Nachbarn, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich über die Art und Weise zu mokieren, wie andere leben.« Er schüttelte den Kopf. Es lag keine Spur von Humor in seinen Worten. »Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, ob die Menschen hier in der Gegend eigentlich wissen, wie gut es ihnen geht. Mein Eindruck ist leider, dass viele voller Neid nach Seehof oder Sigridshorst schauen, wo eine Familie nach der anderen ein großes Townhouse bauen lässt. Der Mensch scheint nie zufrieden mit dem, was er hat, weil er nicht erkennt, wie viel er eigentlich besitzt.«
Sabine Hartmann stellte die Getränke auf den Couchtisch und atmete seufzend aus. »Ach Thomas, musst du schon wieder damit anfangen? Lass doch die Leute denken, was sie wollen. Wenn sie sich ein größeres Haus wünschen, ist das doch in Ordnung. Jeder hat Wünsche, Träume und Hoffnungen.« Sie goss Mineralwasser in vier Gläser und setzte sich an den Rand des Sofas. Ihre Lippen formten sich zu einem schmalen Strich.
Thomas Hartmann winkte ab. »Ja, meinetwegen soll jeder nach seiner Façon unglücklich sein! Aber dann sollen sie wenigstens aufhören, auf denen herumzutrampeln, die so viel schlechter dran sind als sie selbst.«
Glander beschloss, dieser sozialpolitischen Debatte einen Riegel vorzuschieben. Er hatte weder Zeit dafür noch Interesse daran. So bat er den Nachbarn um eine möglichst detaillierte Beschreibung der beiden Toten und der Situation, in der sie sich befunden hatten. Eifrig schilderte der selbst berufene Sozialarbeiter, was er wusste.
»Ungefähr im November tauchte hier eine kleine Gruppe von obdachlosen Frauen auf und richtete sich in der leeren Lagerhalle ein, von der ich dir erzählt habe. Ihre Anführerin heißt Mileva und ist Albanierin oder Serbin, genau weiß ich das nicht. Sie hat bislang jeden Versuch meinerseits, ihr und den anderen Frauen zu helfen, schroff abgewiesen. Ich nehme an, sie hat irgendwelche krummen Dinger am Laufen. Sie lässt die Frauen vermutlich klauen oder betteln oder … Na, ihr könnt euch sicherlich vorstellen, was da alles möglich ist. Aber Greta war schon vorher hier, ab dem Sommer, wenn ich mich nicht täusche.«
Während Hartmann seine Eindrücke schilderte, drohte er immer wieder in Tiraden über die deutsche Sozialpolitik abzugleiten. Glander beobachtete, wie sich Sabine Hartmanns Gesichtsausdruck zunehmend verdunkelte. Ihrem Mann fiel das nicht auf, er begleitete seine Schilderungen mit aufgebrachter Gestik und Mimik. Bei einer besonders ausladenden Handbewegung stieß er versehentlich sein Wasserglas um.
Sabine sprang wütend auf und zischte ihn an: »Mensch, Thomas, pass doch auf! Musst du immer so maßlos übertreiben? Jetzt ist alles nass.« Sie ging in die Küche, um ein Handtuch zu holen.
Hartmann entging die Verärgerung seiner Frau anscheinend gänzlich. »Das bisschen Wasser. Wenigstens haben wir genug zu trinken. Als ich Greta das erste Mal begegnete, konnte ich sofort erkennen, dass sie schon länger nichts mehr gegessen und getrunken hatte. Ich besorgte deshalb etwas Wasser und setzte mich zu ihr«, fuhr er fort.
Merve und Glander tauschten einen kurzen Blick, und Merve entschuldigte sich. Sie folgte Sabine in die Küche.
Merve fand Sabine Hartmann mit einem Küchentuch in der Hand über die Spüle gebeugt. Als Sabine sie bemerkte, richtete sie sich schnell auf. Merve entging keineswegs, wie viel Mühe es die Frau kostete, ihren Unmut unter Kontrolle zu halten. Sie lächelte Sabine aufmunternd an. »Es ist nicht immer einfach, mit jemandem zusammenzuleben, der so für ein Thema brennt wie Thomas, oder?«
Sabine schnaubte verächtlich. »Das können Sie laut sagen! Er hat nur noch diese Frauen im Kopf. Seit Kurzem kocht er zweimal in der Woche Eintöpfe und schleppt dann alles hinter die Bahn, wo diese Frauen seit einiger Zeit hausen. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ja toll, dass er sich engagiert, das haben wir beide immer schon gemacht, aber in letzter Zeit übertreibt er es einfach. Es frisst ihn auf. Es frisst unsere Ehe auf.«
Merve nahm der frustrierten Frau das Küchentuch ab und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Ich kümmere mich um den Wasserfleck. Atmen Sie einfach mal tief durch. Es wird sich alles regeln. Die Dinge regeln sich immer irgendwie.« Was sollte sie auch anderes sagen? Sie kannte die Hartmanns kaum, da wäre jeder Ratschlag anmaßend gewesen.
Dann lächelte sie Sabine noch einmal aufmunternd zu und ging zurück ins Wohnzimmer. Dabei nahm sie sich fest vor, mehr über die Frau in Erfahrung zu bringen. Denn die war nicht nur um ihre Ehe besorgt, sie war stinkwütend. Und eifersüchtige Ehefrauen wurden nicht selten zu Täterinnen.
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