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Beate Vera
Wenn alle Stricke reißen
Ein Provinzkrimi aus Berlin
Jaron Verlag
Originalausgabe
1. Auflage 2015
© 2015 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin. Foto: © iStock
Zeichnungen S. 6/7: Sabine Lehmann, Schwäbisch Hall
Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-95552-208-7
Für
Margot und Jürgen Schulz,
meine Eltern, die Autochthonen


Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Sonnabend
1
2
3
4
5
6
7
Sonntag
8
9
10
11
12
13
14
Montag
15
16
17
Dienstag
18
19
Mittwoch
20
21
22
Epilog
Anhang
Aus Leas Küche
Leises Nachwort, lauter Dank
Ebenfalls im Jaron Verlag erschienen
Sonnabend
1
Tara Berthold kam zu sich. Die Dunkelheit, die sie umgab, war vollkommen. Vorsichtig tastete sie um sich. Unter ihren Händen spürte sie Beton. Tara richtete sich auf, was ihr erst mit dem zweiten Versuch gelang. Sie hatte Kopfschmerzen, und ihr war übel. Was war mit ihr passiert? Wo befand sie sich?
Sie streckte ihre Arme aus. Erst jetzt merkte sie, dass sie eine Wand im Rücken hatte, die sich genauso kalt anfühlte wie der Boden zu ihren Füßen. Sie stand auf und streckte sich vorsichtig, ohne dass sie mit dem Kopf an eine Decke stieß. Die Luft fühlte sich feucht an.
Zaghaft wagte sich Tara an der Wand entlang, die Arme schützend von sich gestreckt und ihre Schritte zählend. Nach dem fünften berührte sie eine weitere Wand. Als sie vier Ecken gezählt hatte, war sie jeweils fünf Schritte in der Länge und vier in der Breite gegangen. Jetzt machte sie zwei Schritte in die Mitte der Dunkelheit. Ihr Fuß berührte einen Gegenstand, sie bückte sich danach. Es war eine Taschenlampe. Sie knipste sie an und leuchtete in die Dunkelheit. Mit dem Licht kam die Panik. Tara Berthold schrie, bis sie heiser war.
Lea Storm war selbst für ihre Verhältnisse früh wach und wusste sofort, dass es besser war aufzustehen, als sich noch einmal in den Schlaf zu quälen. Sie schaute auf den Mann neben sich und verspürte große Lust, ihn zu wecken. Er lag auf dem Bauch, den Kopf in ihre Richtung gedreht. Glander würde sich wieder rasieren müssen. Lea betrachtete das Daredevil-Tattoo auf seinem linken Schulterblatt. Es zeigte den rotgewandeten blinden Superhelden im Sprung, seine Waffe schwingend. Der Peitschenriemen lief über Glanders Schulter weiter und endete auf dem Bizeps. Lea stand Tätowierungen eher skeptisch gegenüber, doch an dem Mann in ihrem Bett fand sie diese Körperzeichnung äußerst apart. Glander sah entspannt aus im Schlaf, er atmete ruhig und gleichmäßig. Seit sechs Wochen wachte Lea bis auf wenige Ausnahmen jeden Morgen neben ihm auf, und wenn es nach ihr ginge, könnte das immer so weitergehen.
Talisker, Leas Schottischer Hirschhund, furchteinflößend ob seiner Größe, kam ins Schlafzimmer getrottet und sah sie aus seinen dunklen Knopfaugen an. Lea rutschte vorsichtig aus dem großen Doppelbett und nahm leise ihre Laufsachen aus dem Kleiderschrank. »Come on then«, flüsterte sie dem Hund zu und gab ihm mit der Hand das Signal zu folgen.
Lea ging für wenige Minuten ins Bad, dann schnappte sie sich unten im Flur den kleinen Laufrucksack mit Tüten und Schaufel für Taliskers Hinterlassenschaften. Den Bund mit den Schlüsseln für das Gartentor und die Terrassentür steckte sie in das Seitenfach. Sie schrieb einen Zettel für Martin, brachte ihn am Badspiegel an und ging hinaus in den Garten. Es war windig und sah nach Regen aus, doch als halbe Schottin väterlicherseits ließ sich Lea davon nicht abschrecken. In dem Haus in Stirling, in das sie nach dem Tod ihrer Eltern mit ihrer Tante Patty gezogen war, hatte es stets durch die Fenster gezogen, und auch ein warmes Badezimmer gehörte nicht zu Leas Erinnerungen an ihre Jugend in Schottland.
Leas Grundstück im kleinen Eifelviertel am südlichen Berliner Stadtrand grenzte an den BUGA-Wanderweg, der auf dem ehemaligen Grenzstreifen verlief und den Stadtteil Lichterfelde Süd mit Potsdam verband. Anlässlich des Falls der Berliner Mauer waren in einer beispiellosen japanischen Spendenaktion über eintausend Kirschbäume gestiftet worden, die nun auf dem Wanderweg eine in Deutschland einmalige Allee formten. Sonnabends konnte man um acht Uhr morgens im nach den Spendern benannten Japan-Eck und entlang der dort ihren Anfang nehmenden Kirschblütenallee in der Regel bereits regem Treiben zuschauen: Hunde wurden ausgeführt, Eltern schoben Kinderwagen, vor dem Supermarkt an der Lichterfelder Allee trafen sich Trauben älterer Damen zu ihren Nordic-Walking-Runden, und erste Jogger liefen ihre Strecken, bevor sie ihre Wochenendeinkäufe erledigten. Jetzt, um kurz nach sechs Uhr früh, lag der Weg in einer Ruhe vor Lea, die in Berlin sonst nur auf Friedhöfen herrschte. Rein geographisch betrachtet, gehörte der Weg schon zu Brandenburg. Lea zog das Gartentor hinter sich zu und machte sich mit dem großen Jagdhund an ihrer Seite auf den Weg.
Acht Wochen war es her, dass Lea Martin Glander mitten in der Nacht auf dem Mauerweg kennengelernt hatte. Sie hatte dort einen Nachbarn und eine Prostituierte ermordet aufgefunden, und Martin war als Kriminalhauptkommissar des LKA Brandenburg am Fundort gewesen. Kopfschüttelnd rekapitulierte Lea die Ereignisse vom Juli. Das Berliner LKA 1 hatte den Fall übernommen. Da Glander nicht viel von dem Leiter der Ermittlungen, Kriminalhauptkommissar Prinz, hielt, stellte er heimlich eigene Nachforschungen an. Sein Plan, Lea als Lockvogel einzusetzen und so den Mörder zu fassen, der sein Unwesen im Eifelviertel trieb, kostete sie fast das Leben. Glander konnte sie in letzter Minute retten, und Lea wusste, dass er sich selbst so schnell nicht verzeihen würde, sie in Lebensgefahr gebracht zu haben. Seine Kündigung beim LKA Brandenburg reichte er aus anderen Gründen ein. Dass daraus ein einvernehmlicher Aufhebungsvertrag mit einer ordentlichen Abfindung wurde, lag allein daran, dass am Ergebnis der Ermittlungen ein wenig geschraubt werden musste, um alle Beteiligten – allen voran Kriminalhauptkommissar Prinz – in bestmöglichem Licht dastehen zu lassen. Martin betrachtete die Sache nüchtern und steckte das Geld in den Aufbau seiner privaten Ermittlungsagentur. Lea hatte sich schwerer getan, am Ende aber auch ihren Frieden mit dem Ermittlungsausgang geschlossen. Manche Windmühlen lohnten den Kampf nicht.
Am dritten Septemberwochenende lag, obwohl es noch warm war, der Herbst bereits in der Luft. Das Laub hatte begonnen, seine Farbe zu wechseln, und erste Blätter wirbelten auf die Rasenflächen. Talisker hielt seine Nase in den kräftigen Wind. Lea blickte voller Stolz auf ihren Hund, dessen Schulterhöhe bei 84 Zentimetern lag. Sie hatte fünf Jahre zuvor keinen Moment gezögert, als ihr eine Freundin von einer Züchterin in der Nähe von Dumfries erzählte, die einen jungen deerhound abzugeben habe. Der Schottische Hirschhund zählte zu den ältesten Hunderassen der Welt. Es gab eine Zeichnung aus dem Jahr 1682, die ganz eindeutig einen Scottish Deerhound abbildete. Man vermutete sogar, dass diese Rasse schon seit dem sechzehnten Jahrhundert existierte. Der Poet Sir Walter Scott hatte einen besessen, Queen Victoria hatte vier ihr Eigen genannt und war sicherlich maßgeblich für die zu ihrer Zeit große Popularität dieser Rasse verantwortlich. Der deerhound strahlte Erhabenheit aus, und der hohe Wuchs verlieh ihm ein würdevolles Auftreten. Sein Fell war an rauhes Klima gewöhnt, und Talisker brachte trotz seiner immensen Größe bei schlechtem Wetter verhältnismäßig wenig Dreck mit ins Haus. Er besaß ein so ausgeglichenes Gemüt, dass Lea ihn oft gar nicht bemerkte, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt. Er war stark, ausdauernd, intelligent und stolz. Talisker zeigte ihr deutlich, wenn er sich vernachlässigt fühlte, und Lea musste jedes Mal schmunzeln, wenn er ihr beleidigt nur das Hinterteil zeigte. Gleichzeitig hatte er ein untrügliches Gespür für ihre Stimmungen. Lea liebte ihren Hund innig, und sie waren nicht erst seit dem Tod ihres Mannes Mark vor etwas mehr als einem Jahr unzertrennlich. Sie hatte sich Sorgen gemacht, wie er Glanders Präsenz in ihrem Leben aufnehmen würde, aber Talisker hatte den neuen Mann an ihrer Seite ganz offensichtlich in sein Herz geschlossen, seit dieser ihm im Juli das Hundeleben gerettet hatte.
Lea wollte heute Morgen eine längere Strecke laufen. Sie würde dem ehemaligen Grenzverlauf in Richtung Marienfelde folgen, dann ein kurzes Stück an der B101 entlang und schließlich quer durch die Felder und das Wäldchen zurück zum Jenbacher Weg joggen. Wenn sie das Tempo anzog, wäre sie in anderthalb Stunden zurück und hätte sogar schon Brötchen geholt. Sie hoffte, Glander dann noch im Bett vorzufinden. Er elektrisierte sie, jede seiner Berührungen weckte ein Verlangen in ihr, das sie lange nicht mehr verspürt hatte. Als Mark erkrankt war, hatte die Sorge um ihn jedes andere Gefühl verschlungen. Vor zweieinhalb Jahren hatte alles angefangen. Mark fühlte sich immer öfter schlecht, verlor Gewicht, klagte über Kopfschmerzen und Gelenkbeschwerden und litt ständig an einem neuen Infekt. Erst nachdem er sich beim Squash den Unterarm brach, hatte sein Arzt eine Vermutung und ließ Mark auf Knochenmarkskrebs testen. Der schreckliche Verdacht bestätigte sich, und die Krankheit befand sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Prognose war nicht gut. Lea hörte auf zu arbeiten, Mark begann seine Behandlung: Chemotherapie, Bestrahlungen und Medikamente. Er schien vor ihren Augen zu verschwinden. Nur zehn Monate nach der Diagnose erlag Mark im Sommer des letzten Jahres dem Krebs. Lea beerdigte ihn und nahm mit all ihren gemeinsamen Freunden bei einem rauschenden Fest Abschied. Danach ging sie im Labyrinth ihres Schmerzes verloren. Bis sie Martin Glander begegnete.
Leas Gedankenfluss verlief wieder einmal in Mäandern. Sie hatte inzwischen akzeptiert, dass es in ihrem Innern öfter wirr zuging. Letztlich erreichte sie jedoch immer ein Geistesdelta, an dem ihr Blick ganz weit und klar wurde, und so ließ sie den Schleifen ihrer Gedanken weiter ihren Lauf. Es war wohl auch endlich an der Zeit, sich mit Max Speyer, Marks einstigem Geschäftspartner, zusammenzusetzen und zu überlegen, wie es mit dem Architekturbüro weitergehen sollte. Ebenso sollte sie sich darum kümmern, ihre eigenen alten Kontakte wiederaufzunehmen und neue Übersetzungsaufträge zu akquirieren.
Während Lea auf dem Mauerweg ihren Gedanken nachhing, griff Glander neben sich ins Leere. Er setzte sich auf und sah sich um. Keine Spur von Lea, und auch kein Laut im Haus. Er grinste zufrieden, als er an den vergangenen Abend und die darauffolgende Nacht dachte. Lea hatte ein sagenhaftes Gericht aus Schweinefilet, Oliven, Sherry und Estragon kreiert. Das Dessert hatten sie dann allerdings übersprungen. Er musste noch einmal grinsen, denn bis vor kurzem hätte er Estragon nicht einmal erkannt, wenn es sich ihm persönlich vorgestellt hätte. Leas Talente lagen aber durchaus nicht nur in der Küche. Ihm gefiel ihr Stil, angefangen von der schlichten und eleganten Art, in der sie sich kleidete und ihr Haus eingerichtet hatte, über ihren bisweilen schwarzen und sehr britischen Humor bis hin zu ihrem Whisky-Tick. Lea trank, wenn sie Alkohol konsumierte, nur Malts aus der Region Speyside. Sie war loyal und belesen, schön und sportlich, und sie küsste ganz wundervoll. Glander war kein gläubiger Mensch, aber beim Anblick ihrer achtlos auf dem Boden verstreuten Unterwäsche schickte er eine Dankeshymne in Richtung Zimmerdecke. Dafür, dass er Lea begegnet war, und dafür, dass er sie nicht wieder verloren hatte.
Gegen zwei Uhr früh war Lea mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht in seinen Armen eingeschlafen. Glander sah auf den Wecker. Es war erst halb sieben, da konnte er sich noch einmal umdrehen. Vorher ging er ins Bad, um etwas Wasser zu trinken. Am Spiegel hing ein Zettel: T und ich drehen eine Biege. Frühstück im Bett. L xxx. Die Kreuzchen standen in englischen Briefen für Küsse, das hatte sie ihm erklärt. Die Chancen, an diesem Wochenende das Schlafzimmer dauerhaft zu verlassen, waren gerade rapide gesunken.
Lea befand sich kurz hinter der Bahnunterführung und wollte auf dem überwucherten Asphaltweg an der eingezäunten Brache des ehemaligen Truppenübungsgeländes der US-Streitkräfte entlanglaufen, als nur ein gewagter Sprung ins Gebüsch sie vor der Kollision mit zwei Radfahrern bewahrte, die wie die Teufel um die Kurve gerast kamen. Die beiden jungen Männer bremsten so stark, dass ihre Reifen schwarze Streifen auf dem Beton zogen und die Hinterräder seitlich wegrutschten. Der eine der beiden ließ sein Rad fallen und kam auf sie zu.
»Frau Storm, es tut mir leid! Ich habe Sie gar nicht gesehen. Sind Sie verletzt?«
Lea war zu beschäftigt mit einer schnellen Überprüfung ihrer körperlichen Unversehrtheit, um unmittelbar loszuschimpfen. Bis auf einen kleiner Kratzer an der linken Wade und humide Botanik in ihrem Nacken war sie unversehrt. Sie blickte auf und erkannte den jungen Mann vor sich. »Tobi! Was machst du denn um diese Uhrzeit hier? Ich dachte, ich sei ambitioniert mit meinem Frühsportprogramm, aber du bist wohl noch zeitiger aufgestanden.« Die Schatten unter seinen Augen sprachen Bände, und so fügte sie schmunzelnd hinzu: »Oder habt ihr zwei die Nacht zum Tag gemacht?«
Tobias Verheugen half Lea aus dem Gebüsch heraus. Er war ein Junge aus der Nachbarschaft und ein Freund ihres Sohnes Duncan. Bis zur Zehnten waren die beiden Klassenkameraden gewesen, dann hatte Tobi eine Ehrenrunde drehen müssen. Den anderen Radfahrer hatte Lea noch nie zuvor gesehen. Er stand unbeteiligt am Rand und starrte übermüdet – oder gelangweilt – den Weg hinunter, auf dem die Jungs gekommen waren. Sie sahen wirklich beide ziemlich derangiert aus, fand Lea.
Tobi lächelte sie verschwörerisch an. »Wir sind ein bisschen versackt, um ehrlich zu sein. Meine Eltern werden mir vermutlich die Hölle heißmachen. Wir waren im Schrebergarten von meiner Oma, der ist gleich um die Ecke. Dort haben wir unsere Ruhe und können so laut Musik hören, wie wir wollen, ohne dass gleich jemand meckert.«
Lea lächelte zurück. Ihr Sohn Duncan hatte mittlerweile zum Glück einen akzeptablen Musikgeschmack, und sie selbst hörte ihre Musik ja auch am liebsten laut, aber sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie unter Duncans kurzzeitiger Techno-Phase gelitten hatte. Ein paar sündhaft teure Kopfhörer hatten damals für einen Kompromiss gesorgt. Dennoch ging nichts über einige Stunden ohne Erwachsene in der Nähe, und so, wie die beiden aussahen, hatten sie diese Freiheit reichlich begossen. »Wenn ihr einen Tipp möchtet: Trinkt reichlich Wasser, esst ein paar Bananen, dreht eine Runde an der frischen Luft, und legt euch danach noch einmal hin! Dann wird der Kater vielleicht nicht ganz so übel.« Lea zwinkerte Tobi zu und blickte dann auf seinen Freund, dessen leerer Blick weiterhin in die Ferne schweifte.
Tobi sah seinen Freund an und schüttelte vehement den Kopf. »Wir haben gar nichts getrunken, es ist einfach nur sehr spät geworden. Ist bei Duncan alles klar? Wir haben eine Weile nicht gechattet.«
Leas Sohn studierte seit einem Jahr Landschaftsarchitektur und -planung an der Uni Kassel. »Es geht ihm gut. Er muss sich ordentlich ins Zeug legen, aber das macht ihm nichts aus. Vielleicht könnt ihr euch ja treffen, wenn er das nächste Mal hier ist. Sag mal, bist du eigentlich noch in der Theater-AG an der Schule?«
Duncan und Tobi waren der AG Theater und Musik in der neunten Klasse beigetreten. Tobi war jetzt im dritten Semester der Oberstufe. Er nickte. »Ja, wir proben Der zerbrochne Krug. Die Aufführung ist in drei Wochen.«
»Kleist«, freute sich Lea. »Das Stück habe ich während des Studiums auch mal gelesen. Welche Rolle hast du?«
Nicht ohne Stolz erwiderte Tobi: »Ich spiele den Richter.«
»Mir träumte, es hätt’ ein Kläger mich ergriffen«, zitierte Lea. »Ich bin beeindruckt. Und dein Freund hier, ist der auch dabei?«
Der junge Mann schien plötzlich wie verwandelt. Er legte ein strahlendes Lächeln auf, trat einen Schritt auf Lea zu und gab ihr die Hand. »Entschuldigen Sie, wie unhöflich von mir! Ich bin Leander Horten. Tobi und ich haben zusammen die Leistungskurse Mathe und Sport. In dem Stück spiele ich auch mit. Ich gebe den Licht.«
»Lea Storm.« Junge Männer mit Manieren, wie angenehm!
Tobi schaute auf seine Uhr. »Wir müssen weiter, Frau Storm. An diesem Wochenende findet das Bouleturnier der Oberstufe statt. Wir spielen nachher im Park an der Bäkestraße und sollten bis dahin wieder fit sein. Duncan wird mir bei dem Turnier fehlen, Leander ist nicht annähernd so ein guter Spieler wie er. Noch mal sorry für den Schreck! Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Bis bald!« Tobi zog seinen Freund an der Jeansjacke. Dem passte die Bemerkung über sein schlechtes Boulespiel sichtlich ganz und gar nicht, aber er sagte nichts, und die beiden stiegen wieder auf ihre Räder.
»Mach’s gut, Tobi, bis bald!« Lea sah den Jungs einen Moment lang nach. Sie diskutierten heftig miteinander, entfernten sich aber so schnell, dass Lea nichts verstehen konnte. Tobi hatte sich verändert, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er wirkte älter. Nein, er wirkte härter. Aber der Junge hatte es auch nicht leicht.
Während ihres anschließenden Laufs ließ sich Lea das Gespräch mit den beiden jungen Männern noch einmal durch den Kopf gehen. Tobi hatte nervös gewirkt, vermutlich hatte er ein schlechtes Gewissen seinen Eltern gegenüber. Lea wusste, dass die sich sehr um ihre beiden Kinder sorgten. Sie zog das Tempo an. Schließlich hatte sie ein ausgesprochen attraktives Ziel.
2
Tara Berthold war zu erschöpft, um weiter zu schreien. Ihr Hals schmerzte, und sie hatte Durst. Erneut schaltete sie die Taschenlampe ein und leuchtete ihre Umgebung aus. Sie befand sich in einem Keller mit einer Klappe an der Decke. Tara versuchte, die Klappe zu erreichen, aber die lag zu hoch. Es gab auch nichts, worauf sie sich hätte stellen können, der Raum war völlig leer. Was, um Himmels willen, war denn nur mit ihr passiert? Tara hatte immer noch keine Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war. Von ihren Schläfen ausgehend hämmerte ein pochender Schmerz die Schädeldecke entlang, und ihr Magen fühlte sich wund und hohl an. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, oder gar, welcher Tag, konnte also auch nicht wissen, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Sie lehnte sich gegen die nackte Steinwand und begann, mit leiser Stimme Schillers Lied von der Glocke aufzusagen:
Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muss die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.
Lea hatte nach ihrem Lauf die Dusche neben der Sauna im Keller benutzt, um Glander nicht zu wecken. Sie war gerade dabei, das Frühstück vorzubereiten, als ihr Handy vibrierte. Für einen Studenten war ihr Sohn am Wochenende ausgesprochen früh wach, stellte sie fest, als sie auf ihr Display sah. »Hello, love! Bist du aus dem Bett gefallen?« Duncan war zweisprachig aufgewachsen, wie seine Eltern. Marks Vater war Engländer gewesen – ein Soldat, der zu viel trank und seine Familie sitzenließ. Wenn sie unter sich waren, unterhielten sich Lea und ihr Sohn in einem bunten Gemisch aus beiden Sprachen.
»Hi, mum! Vielleicht sind wir ja gerade erst nach Hause gekommen …«, erwiderte Duncan mit geheimnisvoller Stimme.
»Wir? Das heißt, du bist in Begleitung der lovely Nina?«
Jetzt lachte Leas Sohn laut. »Mama, dir kann man ja normalerweise nicht viel vormachen, aber diesmal liegst du falsch. Ich muss für eine Klausur lernen und bin schon seit sechs Uhr auf den Beinen. The early bird, the worm – du weißt ja.«
»Welchen Wurm hoffst du früher Vogel denn zu fangen?«
»Ökologische Grundlagen der Umweltplanung.«
»Zweifelsohne ein ganz packendes Thema. Kommst du gut voran?«
»Na ja, es geht so, aber ich habe noch das ganze Wochenende, das wird schon.«
»Ich habe vorhin Tobi mit einem Freund getroffen. Die beiden sahen ganz schön fertig aus.«
»Wirklich? Dabei trinkt Tobi nur ganz selten einen über den Durst. Er darf doch nicht viel Alkohol trinken wegen des Ritalins. Ich werde ihn mal wieder bei Facebook anstupsen. Mum, ich wollte dich fragen, ob Nina und ich am nächsten Wochenende nach Berlin kommen können.«
Lea kamen die Details wieder in Erinnerung. Tobi hatte in der neunten Klasse arge Probleme bekommen. Ein Tadel jagte den nächsten, und irgendwann stand er kurz vor dem Schulverweis, nachdem er die Turnhalle mit Graffiti dekoriert hatte. Alle dachten damals, der ohnehin als Klassenclown bekannte Junge sei einfach nur pubertär und ungezogen. Es hatte über ein Jahr gedauert, bis die Diagnose ADHS gestellt wurde. Tobi hatte das Schuljahr wiederholen müssen. Er trieb seitdem regelmäßig und mit großem Eifer Sport und hatte vor Beginn der Oberstufe noch ein Jahr auf einer Schule in England verbracht, um seine miserablen Englischkenntnisse zu verbessern. Beinahe hätte Lea Duncans Frage ignoriert, dabei wartete sie schon seit ein paar Monaten darauf, seine Freundin Nina kennenzulernen, eine Kommilitonin aus Hamburg. »Klar, ihr seid hier jederzeit willkommen. Dann kannst du mir Nina endlich vorstellen. Und ich dir Glander.«
»Ahhh, den Herrn Kriminalhauptkommissar!«
»Not anymore. Ex-Kommissar. Jetzt ist er Chef der Detektei Celik & Glander.«
»Whatever, ich bin sehr gespannt auf ihn.« Duncan zögerte kurz und fragte dann: »Bist du verliebt?«
Lea betrachtete sich im Flurspiegel: Ihre graugrünen Augen leuchteten, ihr kastanienbraunes Haar glänzte, und ein Dauerlächeln zierte ihr Gesicht. Sie fühlte sich rundum phantastisch, daran bestand kein Zweifel. »Ja, Schatz, ich bin verliebt.« Überraschend, bis über beide Ohren und mit einer Menge Schmetterlingen im Bauch.
Duncan lachte wieder und sang den alten Hit von Madness an: »It must be love, love, love … Auweia, das kann ja ganz schön kitschig werden mit uns vieren!«
»Ich befürchte auch, darling, wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen.«
Sie prusteten beide los, und Duncan verabschiedete sich. Er wollte mit Nina am Freitagabend eintreffen, und sie würden alle zusammen essen.
Lea summte das Lied weiter und wusste, sie würde den ganzen Tag Mühe haben, diesen Ohrwurm wieder loszuwerden.
Als Glander ein zweites Mal wach wurde, duftete es im Haus verlockend nach Leas full English breakfast: nach Spiegeleiern, gebackenen Bohnen, gebratenen Tomaten, krossem Bacon und Oxford sausages, englischen Würstchen, die sie über das Internet bezog. Deutsche Würstchen zerstörten den fiesen Gesamteindruck, hatte sie ihm lachend erklärt.
Glander kehrte noch einmal ins Bad zurück und zog sich nur seine Jeans an, bevor er nach unten ging.
Er sah Lea vor ihrem Herd stehen, mit dem Rücken zu ihm. Sie trug einen Slip und ein recht kurzes, enganliegendes Top mit Spaghettiträgern. Der tiefe Schnitt, den der Wahnsinnige ihr im Juli am linken Oberarm zugefügt hatte, war gut verheilt, nur eine feine, noch rötliche Narbe verlief wellenförmig zwischen Schulter und Ellenbogen. Lea war barfuß und bewegte ihren wirklich hübschen Po, wie Glander einmal mehr bemerkte, zu einem Lied auf ihren Bluetooth-Kopfhörern. Lea hörte Musik ungern leise, schon gar nicht beim Kochen, und es war süß, dass sie in ihrem eigenen Haus auf ihn Rücksicht nahm. Glander war das Frühstück auf der Stelle egal, das konnten sie nachholen.
Er stand nur zwei Schritte hinter ihr, als sein Handy sich mit der Titelmelodie der TV-Serie Die Profis meldete. Glander hatte keine Folge verpasst und konnte nicht ausschließen, dass die beiden Agenten William Bodie und Raymond Doyle einen Einfluss auf seine spätere Berufswahl gehabt hatten.
Lea drehte sich erschrocken um, das große Messer, mit dem sie Tomaten halbierte, auf ihn gerichtet. Das Handysignal hatte ein Knacken in ihren Kopfhörern verursacht.
Glander hob beschwichtigend die Hände und ging auf die Terrasse hinaus, während Lea die Kopfhörer abnahm, achtlos in die Tomaten legte und schimpfend hinter ihm herkam. »Sodding hell! Ich habe mich zu Tode erschreckt!« Sie boxte ihn gegen den Oberarm. Lea verfiel meist in die Sprache ihres Vaters, wenn sie wütend oder aufgeregt war. Im Fluchen konnte sie es mit jedem waschechten Briten aufnehmen.
Glander meldete sich am Telefon. Zu Lea gewandt, mit der Hand über dem Handy, flüsterte er: »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.« Dann widmete er sich wieder dem Anrufer. »Beruhigen Sie sich! Ich verstehe kein einziges Wort. Atmen Sie tief durch, und sagen Sie mir, was los ist!«
Lea zog ein Gesicht und ging wieder hinein. So sah sie nicht, wie sich Glanders Blick verfinsterte.
»Sie haben eine Nachricht erhalten, dass jemand Ihre Tochter in seiner Gewalt hat?« Er wartete die Antwort ab. »Waren Sie bei der Polizei? Okay, keine Polizei. Geben Sie mir Ihre Adresse! Ich bin bei Ihnen, so schnell ich kann.« Glander musste die Adresse nicht notieren, er hatte ein sehr gutes Gedächtnis. Leider blieben dort nur Dinge haften, die ihn interessierten – eine Eigenschaft, die bei ihm zu einem zweiten Anlauf fürs Abitur geführt hatte. Er ging wieder hinein. »Lea, ich wollte dich wirklich nicht erschrecken. Du sahst einfach so gut aus. Leider wirst du ohne mich frühstücken müssen, ich muss gleich weg. Weißt du, wo die Lüdersstraße hier in Lichterfelde liegt?«
Lea sah ihn belustigt an. Sie genoss es, ihn so durcheinanderbringen zu können. »Die geht von der Königsberger ab. Nimmst du das Auto?«
»Ja. Das war höchstwahrscheinlich unsere erste Klientin.« Sosehr er es bedauerte, auf das gemeinsame Frühstück im Bett verzichten zu müssen: Er ging bereits im Geiste die ersten üblichen Schritte bei Entführungsfällen durch. Dabei nahm er Lea in seine Arme und küsste sie ins Haar. »Es tut mir wirklich leid. Lass es dir schmecken!« Er gab ihr noch einen Kuss auf den Mund und ging dann wieder nach oben, um zu duschen und sich anzuziehen.
Umso mehr bleibt für mich!, dachte sich Lea und stapelte drei Spiegeleier und einige Löffel gebackener Bohnen neben den Bacon und zwei Würstchen auf ihren Teller.
3
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.
Tara konnte am besten nachdenken, wenn sie Gedichte aufsagte. Was war bloß geschehen?
Am frühen Freitagabend hatten sie in der Schule Kleists Der zerbrochne Krug geprobt. Sie spielte die Eve. Ihre Freunde Max, Tobi und Leander waren auch auf der Bühne gewesen, ebenso Annalisa, die als Eves Mutter auftrat, und Louise, die den Part der Brigitte hatte. Die Probe war gut gelaufen, und danach waren sie alle zum Pavillon in den Park an der Bäkestraße gegangen. Max hatte Wodka und Energy Drinks gekauft. Er wurde nie nach seinem Ausweis gefragt, im Gegensatz zu Tobi, der ebenfalls neunzehn war, aber immer sein Alter nachweisen musste. Bei dem Gedanken an Max wurde Tara rot. Sie mochte ihn, aber er schien das gar nicht zu merken. Max war ein Mathe-As und wie Tobi und Leander im Mathe- und im Sportleistungskurs. Außerdem begeisterte er sich für Musik und Theater. Er spielte Gitarre, und Tara hatte sich schon oft gewünscht, dass er einmal nur für sie spielen würde. Er sah mit seinen dunkelbraunen halblangen, lockigen Haaren und den geschwungenen Lippen nicht nur aus wie der Sänger von Razorlight, er klang auch wie der.
Tobi und Leander waren seine besten Freunde, machten aber aus einem ganz anderen Grund bei dem Theaterprojekt mit: Die AG zog viele Schülerinnen an. Tobi mochte Annalisa, und Leander war scharf auf alle Mädchen, die er kriegen konnte. Tara fand Annalisa sympathisch, und sie konnte nachvollziehen, was Tobi an ihr gefiel. Im Park hatte Tobi wie üblich rumgekaspert, während Max ziemlich still gewesen war, selbst für seine Begriffe. Am Pavillon hatten sie alle Wodka-Energy getrunken. Sie selbst auch, obwohl sie wusste, dass sie keinen Alkohol trinken durfte. Danach erinnerte sie sich an nichts mehr.
Glander war gespannt darauf, was ihn gleich erwarten würde, als er vor der großen, dunkelblau gestrichenen Tür der Lüdersstraße 23 stand. Tara, siebzehn Jahre alt, die Tochter der Anruferin Maria Berthold, war angeblich entführt worden. Die Familie lebte in einer klassischen Altberliner Stadtvilla aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit Souterrain, Hochparterre und verwinkeltem Dachgeschoss. Das Haus war in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts saniert worden, und die vier großen Wohnungen waren in eine sehr große und vier kleinere umgebaut worden. Familie Berthold bewohnte als Eigentümer rund dreihundert Quadratmeter des Hauses, die sich auf die zusammengelegten Wohnungen im Hochparterre und die darüberliegende Etage erstreckten.
Glander betrachtete das Klingelschild. Neben dem Namen der Bertholds befanden sich vier weitere darauf: Gruhner, Lemke, Schneider und Obentraut. Rechts und links von der zur Haustür hinaufführenden Treppe lagen zwei kleine Rasenstücke, jeweils von Beeten umrahmt und makellos gepflegt. Glander drehte sich um und ließ seinen Blick wandern. Dem Haus gegenüber lag eine Grünanlage, die parallel zum Teltowkanal verlief und diesseits des Wassers am Stadion Lichterfelde endete. Jenseits des Kanals führte sie durch den Schloßpark Lichterfelde und mündete hinter dem Charité-Campus Benjamin Franklin in den Bäkepark. Er war die Strecke ein paarmal mit Lea und Talisker gejoggt.
Glander klingelte bei den Bertholds, der Summer ertönte, und er betrat das Haus. Er folgte dem dunkelroten, mittig verlegten Teppich die halbe Treppe hinauf. Das Treppengeländer aus Holz war elfenbeinfarben gestrichen und mit aufwendigen Intarsien verziert. Das Treppenhaus roch frisch gebohnert. Die Wohnungstür der Bertholds war geöffnet, davor stand eine ausgesprochen schöne Frau. Sie hatte glattes, langes schwarzes Haar und dunkle Mandelaugen. Frau Berthold trug unverkennbar Designermode – Glander tippte auf Armani – und hielt ihm zur Begrüßung ihre Hand entgegen.
»Herr Glander, ich bin Maria Berthold. Ich bin sehr froh, dass Sie so schnell gekommen sind. Bitte kommen Sie doch herein!«
Glander schüttelte ihre Hand und betrat den Flur der Wohnung, der ganz in Weiß gehalten war. Der Fußboden bestand aus Marmorfliesen, und an den Wänden hingen großflächige abstrakte Leinwände. Die Bertholds sammelten anscheinend moderne Kunst. Auf kleinen Tischen und Schränken standen verschiedene Skulpturen.
Maria Berthold führte ihn in das Wohnzimmer, in dem ebenfalls die Farbe Weiß dominierte. Auch dort hingen große Leinwände, darauf grafische Farbmuster. Maria Berthold bat Glander, auf der hellen Ledercouch Platz zu nehmen, und setzte sich ihm gegenüber auf einen Sessel. Sie hielt ein Taschentuch in den Händen und blickte ihn an. Ihre Augen waren gerötet, sie sah übernächtigt aus, und Glander bemerkte, wie sehr sie sich zusammennehmen musste, um ihre Angst unter Kontrolle zu halten.
»Frau Berthold, was genau ist passiert?«
Sie wrang das Taschentuch, während sie antwortete: »Ich weiß es nicht. Tara war gestern in der Schule, wie immer. Sie ist im ersten Semester auf dem Gymnasium, das liegt nicht weit von hier. Gewöhnlich nimmt sie das Fahrrad oder läuft. Meine Tochter hatte sechs Stunden Unterricht, danach Tennistraining – das ist auch gleich um die Ecke – und um fünf Uhr noch Theater-AG, ich habe sie also nicht zum Abendessen erwartet.« Sie hielt inne und betrachtete liebevoll das Foto eines hübschen Mädchens in Tenniskleidung, das auf einem Beistelltischchen stand. Tara hatte die großen Augen und das dunkle Haar der Mutter geerbt.
»Ist das Tara?«
Maria Berthold nickte und tupfte sich die Augenwinkel. »Ja, das ist meine Tara. Im Sommer, als sie das Turnier gewonnen hatte. Ich war so stolz auf sie.«
Glander vermisste die Worte »wir« und »unsere« in den Schilderungen der Frau und fragte nach Taras Vater. »Frau Berthold, ist Ihr Mann auch zu Hause?«
Sie blickte ihn verständnislos an und schüttelte den Kopf. »Nein, Heinz, mein Mann, arbeitet im Krankenhaus. Er ist Neurochirurg und beruflich sehr eingespannt. Ich …« Sie zögerte, bevor sie weitersprach. »Tara ist meine Tochter, Herr Glander. Sie trägt Heinz’ Nachnamen, aber sie ist nicht sein leibliches Kind. Ich denke, Sie sollten das wissen. Außerhalb unserer Familie hat niemand davon Kenntnis, selbst Tara habe ich es erst vor kurzem gesagt, und ich bitte Sie, diskret mit dieser Information umzugehen.«
Glander ließ die Neuigkeit zunächst unkommentiert im Raum stehen. »Wann begannen Sie sich Sorgen zu machen?«
»Erst, als sie auch um elf noch nicht zu Hause war. Heinz war noch in der Klinik, er arbeitet oft spät. Er ist ein gefragter Dozent auf Kongressen und Seminaren, wissen Sie. Ich sah fern. Um elf wurde ich dann unruhig, denn ich hatte nichts von Tara gehört.« Wieder ging das Taschentuch an die Augenwinkel.
Glander nickte Maria Berthold ermutigend zu, und die fuhr fort: »Normalerweise schickt sie mir eine SMS, wenn sie noch zu ihrer Freundin Louise geht oder sich verspätet. Tara ist sehr verantwortungsbewusst. Ich muss mich oft ausruhen, meine Gesundheit ist nicht sehr stabil, und manchmal bekomme ich gar nicht mit, wenn sie nach Hause kommt. Als sie um Mitternacht immer noch nicht da war, begann ich, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Mein Mann leitete eine Notoperation und war nicht erreichbar, und ich wusste, dass er nicht gewollt hätte, dass ich die Polizei kontaktiere und damit Taras Rumtreiberei, wie er es genannt hätte, offiziell mache. Um diese Zeit konnte ich auch keine Klassenkameraden von Tara mehr anrufen, auch das wäre Heinz nicht recht gewesen. Ich bin die ganze Nacht durch die Wohnung gelaufen und habe sie immer wieder auf dem Handy angerufen, aber sie hat nicht abgenommen. Um acht Uhr heute Morgen wollte ich hinunter zu Louise gehen, um sie zu fragen, ob sie etwas wisse. Dann fand ich das hier vor unserer Wohnungstür.« Sie reichte Glander ein Blatt Papier, das mit der Rückseite nach oben auf dem Couchtisch gelegen hatte. Auf einem DIN-A4-Bogen stand ein mit Computer verfasster Text:
Wir haben Tara.
Wir wollen 500 000 Euro.
Übergabedetails folgen.
Keine Polizei, sonst stirbt sie!
Glander seufzte innerlich. Erpresser setzten auf die Angst der Familien ihrer Entführungsopfer, und es war jedes Mal mühevoll, diese zu durchbrechen. Hier musste die Polizei ermitteln, es führte kein Weg daran vorbei. »Frau Berthold, ich helfe Ihnen gerne, aber Sie müssen die Kriminalpolizei einschalten.«
Maria Berthold zuckte zusammen. »Nein! Auf keinen Fall! Sie sehen doch, was da steht! Meine Tara wird umgebracht, wenn ich die Polizei verständige. Deshalb habe ich Sie ja um Hilfe gebeten. Ich habe neulich einen Bericht im Tagesspiegel über Ihre Agentur gelesen, das fiel mir wieder ein. Auf Ihrer Website habe ich Ihre Nummer gesucht und gelesen, dass Sie rund um die Uhr erreichbar sind. Sie sind doch ein erfahrener Kripobeamter. Bitte, Herr Glander, Sie müssen Tara finden!«
Die Tageszeitung hatte im Wirtschaftsteil, in der Rubrik BERLIN, aber oho, über seine neugegründete Agentur berichtet. Die Website war noch nicht ganz fertig, aber ihr waren immerhin seine Telefonnummer und Kurzbiographien von Merve und ihm selbst zu entnehmen. »Ich war Hauptkommissar, das ist richtig, und genau deshalb rate ich Ihnen: Schalten Sie die Polizei ein!«
Doch auch weitere zehn Minuten Überzeugungsarbeit nutzten nichts. Frau Berthold weigerte sich, die Polizei zu kontaktieren.
Resigniert entschuldigte Glander sich für einen Moment und ging in den Flur, um seine Partnerin auf dem Handy anzurufen.
Während Glanders Wochenende durch die Entführung von Tara Berthold beendet wurde, bevor es richtig begonnen hatte, saß Lea in ihrer Küche und blätterte durch die Steglitz-Süd-Ausgabe der Berliner Woche, eines Anzeigenblatts, das über Ereignisse und Neuigkeiten in den Berliner Stadtteilen berichtete. Mark hatte sie stets damit aufgezogen, dass sie noch nicht alt genug für diese Lektüre sei, doch Lea wusste, wie leicht man bei der Informationsflut aus aller Welt das unmittelbare Umfeld aus dem Blick verlor. Außerdem las sie für ihr Leben gerne die Kontaktanzeigen. Heute fiel ihr auf Seite drei des Blattes ein Name ins Auge: Arne Sabersky. Ihr Nachbar war zum neuen kommissarischen Schulleiter des Albrecht-Berblinger-Gymnasiums am Hindenburgdamm ernannt worden und wurde in einem Porträt vorgestellt. Arne hatte seit langem mit dem Gedanken gespielt, die Brennpunktschule, an der er tätig war, zu verlassen und dem Schuldienst adieu zu sagen. Es überraschte Lea, dass er nun einen Direktorenposten antrat, aber sie freute sich für ihn und seine Familie. Sicherlich bot diese Stelle mehr finanzielle Sicherheit, ein Aspekt, der Arnes Frau Carola am Herzen lag. Der Arbeitsweg war überdies um eine gute Stunde kürzer, und die Schule hatte einen sehr guten Ruf. Duncan hatte dort sein Abitur gemacht.
Arne und Carola hatten vier Kinder, alle sehr aufgeweckt und sportlich. Wie Carola den Haushalt stemmte, konnte Lea nur bewundern. Zusätzlich zu den sechs Personen, die es mit Mahlzeiten und sauberer Wäsche zu versorgen galt, waren da noch Horst, der Bassett, die Wellensittiche Holmes, Marple, Derrick und Brisgau sowie Cindy, Claudia, Heidi und Linda, die Zwergkaninchen, die im hinteren Teil des Gartens ein großes Gehege bewohnten. Die Namen der dicklichen Hasen waren Carolas Rache an allen Frauen mit einer Kleidergröße unter 38, die sie selbst vor Jahren hinter sich gelassen hatte. Lea mochte Carola sehr. Sie war unerschütterlich, und es schien kein Problem zu geben, das die Nachbarin nicht in den Griff bekam. Nie beschwerte sie sich, dass sie zu kurz komme. Vielmehr genoss sie ihr lebhaftes Familienleben in vollen Zügen.
Ganz im Gegensatz zu ihrer beider Freundin Svenja Ritter, die wie Lea und die Saberskys im Dürener Weg wohnte. Leas Laune sank rapide, als sie an den Streit dachte, den sie in der letzten Woche mit Svenja gehabt hatte. Der saß ihr noch immer in den Knochen. Im Juli, kurz nach den dramatischen Ereignissen in der Siedlung, hatte Svenjas Mann René seiner Frau gestanden, dass er seit Jahren eine Beziehung zu einem Mann in München unterhielt, den er auch finanziell unterstützte. Lea hatte ein gespanntes Verhältnis zu René gehabt und sich oft gefragt, was hinter dessen sprödem Verhalten Frauen gegenüber, ganz speziell seiner eigenen, steckte und warum Svenja sich das bieten ließ. Dass René eine heimliche homosexuelle Beziehung führte, und das bereits seit Jahren, damit hätte Lea allerdings im Leben nicht gerechnet. Es hatte Svenja besonders hart getroffen, dass es ein Mann war, der ihr den Ehemann ausspannte, und sie stand seitdem völlig neben sich. Lea verstand nicht, warum ein Mann als Trennungsgrund so viel ärger sein sollte als eine Frau. Es war immer traurig, wenn eine Beziehung in die Brüche ging. Doch Svenja war nicht traurig, sie war maßlos wütend und ließ ihren Zorn ungeniert an ihrem Umfeld aus. Bei ihrem letzten Treffen hatte Lea einiges abbekommen und sich ein paar sehr hässliche Dinge anhören müssen. Bei allem Verständnis für Svenjas Situation – die vermeintliche Freundin war entschieden zu weit gegangen, und Lea war immer noch über die so offen zur Schau gestellte Homophobie und Boshaftigkeit schockiert. Sie hatte Svenja sehr deutlich gesagt, was sie von deren Einstellung hielt, und sie gebeten zu gehen. Diese hatte mit lautem Gezeter und Türenschlagen reagiert. Seither herrschte eisiges Schweigen, und Svenja ignorierte Lea, wenn sie sich auf der Straße über den Weg liefen. Lea war nicht froh über diese Situation, aber Chauvinismus jedweder Couleur war ihr zutiefst zuwider. Svenja schien überdies schon länger einen gewissen Groll gegen sie gehegt zu haben, was Lea zu denken gab.
Leas Gedanken wanderten weiter zu Margot Wieland, einer anderen Nachbarin aus dem Dürener Weg. Sie hatte die ältere Dame, die ihr im Sommer zur Seite gestanden hatte, ins Herz geschlossen. In den letzten Wochen hatten sie sich regelmäßig zum Essen verabredet. Margot Wieland war seit ihrem ersten gemeinsamen Ausflug mit Lea ins »Thai by Thai« ein großer Fan der asiatischen Küche und Stammgast des Restaurants in der Goerzallee geworden. Am kommenden Montag würde sie eine vierwöchige Kur antreten, und Lea hatte für Sonntagabend ein Abschiedsessen mit der liebgewonnenen Nachbarin geplant. Deshalb schrieb sie nun eine Einkaufsliste mit Zutaten, die sie für ein indisches Hühnchencurry und ein Spinat-Bhaji nach Rezepten eines alten Freundes aus Enfield brauchte. Steve machte das beste Curry außerhalb des Punjabs, wie seine Gäste in Anlehnung an das alte Britisch-Indien zu sagen pflegten. Lea notierte außerdem, was sie für ein Baileys-Tiramisu benötigte, und machte sich dann auf den Weg zum nahe gelegenen Supermarkt in Teltow.
Glander war alles andere als begeistert von seinem ersten Auftrag. Der würde zwar sehr lukrativ werden, aber ein gutes Gefühl hatte er bei der Sache nicht. Er nahm sein Handy, um Lea anzurufen. Er würde ihr die Lage in der Lüdersstraße erklären und sie auf Merves Besuch vorbereiten, denn er hatte seine Partnerin gebeten, auf ihrem Weg zu den Bertholds seinen Laptop mitzubringen, den er bei Lea gelassen hatte. Sowohl auf dem Festnetz als auch auf ihrem Handy meldete sich nur der Anrufbeantworter, und so verschob er das Telefonat auf später. Auch wenn er sich das Wochenende ganz anders ausgemalt hatte, stellte sich bereits das warme Kribbeln im Nacken ein, das er zu Beginn jeder Ermittlung verspürte. Er schaute sich in dem großen Flurspiegel der Bertholds an. Seine stahlblauen Augen waren umrahmt von kleinen Fältchen, viele davon hatten die unzähligen Stunden auf dem Wasser hinterlassen. Glander hatte seine frühe Kindheit an der Kieler Förde verbracht, später war die Familie nach Wannsee gezogen, und Glander war ein erfahrener Schwimmer und Wassersportler. Er war in sehr guter physischer Verfassung und fest entschlossen, in seiner neuen Rolle als privater Ermittler nicht weniger erfolgreich zu agieren als in seiner Position als Kriminalhauptkommissar. Die letzten sechs Wochen hatten ihm gutgetan. Er war Mitte vierzig und gewiss, dass es irgendwann zu spät für einen Neuanfang gewesen wäre. Seinen Job bei der Kripo aufzugeben war die richtige Entscheidung gewesen, er hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt.
Im Geiste ging Glander bereits durch, was als Nächstes zu tun war. Die Ortung von Taras Handy würde vermutlich nichts ergeben, sie würden es dennoch versuchen. Sie mussten sich ein detailliertes Bild von Tara und ihrer Familie sowie von den Lebensumständen des Mädchens machen, ihre wöchentlichen Aktivitäten von der Schule bis hin zu Hobbys akribisch in einem Zeitplan notieren und Freunde und deren Familien durchleuchten. Auch die Nachbarschaft mussten sie abklopfen und fragen, ob jemand verdächtige Personen oder Fahrzeuge bemerkt habe. Glander hoffte, dass Frau Berthold dem Druck standhielt und ihnen möglichst viele Informationen geben konnte. Er strich sich durchs straßenköterblonde Haar und ging zurück ins Wohnzimmer.
Lea hatte die Einkäufe gerade in der Küche abgestellt, als es an der Haustür klingelte. Sie öffnete und sah sich einer jungen Frau gegenüber, die sie auf Anfang dreißig schätzte. Sie war etwa einen halben Kopf kleiner als sie selbst, die beinahe 1,80 Meter maß, hatte lange, gelockte rabenschwarze Haare und große dunkle Augen. Ihr voller Mund war mit einem matten Lippenstift in einem dunklen Rosa geschminkt. Sie trug bis etwas über die Knöchel hochgekrempelte Boyfriend-Jeans, grüne Converse High Tops, ein weißes Unterhemd aus Lycra und darüber ein kariertes Männerflanellhemd, das den Grünton ihrer Schuhe aufgriff. Die Frau hatte eine sehr ansehnliche Oberweite und einen Teint, den deutsche Boulevardmedien gerne als südländisch bezeichneten. Vor Lea stand eine Frau, derentwegen Männer Dummheiten begingen.
»Aman Allahim! Scheiße, ist der riesig!«, entfuhr es der Frau, als sie Talisker sah, der neben Lea stand. »Ich kann gar nicht gut mit Hunden. Also, ich hab richtig Schiss vor denen.«
»Sit, Tally!«, befahl Lea ihrem Hund, der sich sofort setzte.
Die Frau sah verwundert zuerst den Hund und dann Lea an. »Das ist ja ungewöhnlich, dass hier jemand englisch mit seinem Hund spricht.« Sie streckte Lea die Hand entgegen. »Ich bin Merve, Glanders Partnerin. Er hat mich gebeten, seinen Laptop mitzubringen.«
Das war also Merve Celik, die Frau, mit der Glander sich selbständig gemacht hatte. Lea hatte sich seine Partnerin ganz anders vorgestellt: älter, gediegener – und bei weitem nicht so attraktiv. In ihrem Kopf schwirrten plötzlich eine Menge Gedanken umher, und keiner davon gefiel ihr so richtig. Sie sammelte sich. »Lea Storm, freut mich. Talisker war die englischen Befehle schon gewohnt, als mein Mann und ich ihn übernommen haben. Da ich wie mein Mann fließend Englisch spreche, haben wir uns nie die Mühe gemacht, ihm alles auf Deutsch beizubringen. Aber kommen Sie doch herein!« Lea tendierte dazu zu faseln, speziell wenn sie nervös war. Sie fragte Merve Celik: »Was ist denn eigentlich passiert?«
Merve zuckte mit den Schultern. »Ich weiß selbst noch nicht sehr viel. Eine Schülerin vom Albrecht-Berblinger-Gymnasium ist verschwunden, und die Eltern haben eine Lösegeldforderung erhalten. Wir werden versuchen, das Mädchen zu finden, gegebenenfalls übernehmen wir die Geldübergabe. Die Mutter weigert sich, die Polizei zu verständigen. Im Moment können wir nur darauf warten, dass die Entführer wieder Kontakt aufnehmen. In der Zwischenzeit werden wir so viel wie möglich über das Mädchen und seine Familie in Erfahrung bringen. Der Vater ist Neurochirurg im Virchow, der Familie wird es also an Geld nicht mangeln.«
Lea sah Glanders Partnerin erschrocken an. »Handelt es sich etwa um Tara Berthold?«
Merves Augen weiteten sich. »Sie kennen das Mädchen?«
Lea nickte. »Ja, wenn auch nicht sehr gut. Sie ist ein paar Jahre jünger als mein Sohn. Duncan ging auf dieselbe Schule wie Tara, und sie waren beide in der AG Theater und Musik. Die Truppe hat sich manchmal bei uns getroffen und Texte einstudiert. Einer der Jungs aus der Gruppe wohnt auch hier in der Straße, Tobi Verheugen. Er ist ein ehemaliger Klassenkamerad meines Sohnes, die beiden sind Freunde geblieben. Wie kurios, ich habe ihn gerade heute Morgen getroffen! Die arme Frau Berthold, sie ist sicherlich krank vor Sorge.«
»Glander sagt, sie ist einigermaßen gefasst. Frau Storm, können Sie mir mehr über diesen Tobi erzählen?«
»Sagen Sie doch bitte Lea! Tobi ist ein netter Kerl, sehr sportlich und ziemlich begabt in Mathematik. Er hat eine kleine Schwester, zwischen den beiden liegen zehn Jahre. Klara kam mit einer Behinderung zur Welt, das war nicht einfach für die Familie. Tobi war ein fröhlicher Junge, aber nach der Geburt seiner Schwester veränderte er sich sehr. Es ist nicht leicht, wenn der Kronprinz entthront wird. Die Eltern haben sich bestimmt Mühe gegeben, aber sie konnten mit seiner Eifersucht nicht umgehen. Ihre ganze Sorge galt dem Baby. Tobi war schon immer als Klassenclown und Störenfried verschrien, aber ab der neunten Klasse bekam er immer mehr Probleme und wäre beinahe von der Schule geflogen. Gezielte Tests führten schließlich zu der Diagnose ADHS. Seitdem nimmt Tobi Medikamente, er hat eine Therapie gemacht, und jetzt geht es ihm besser. Die Krankheit und ein Jahr im Ausland kosteten ihn aber zwei Schuljahre.«
»Was machen die Eltern?«
»Die Mutter arbeitet in der Redaktion einer Tageszeitung, der Vater in der angeschlossenen Druckerei. Tobi war immer schon viel sich selbst überlassen, Klara geht auf eine Ganztagssonderschule – sorry, in ein sonderpädagogisches Förderzentrum mit Ganztagsbetreuung, das heißt ja heute alles anders. Abends kümmert sich die Oma um die Kinder, bis die Eltern nach Hause kommen. Sie lebt in der Seniorenwohnanlage nicht weit von hier. Tobi hat vor zwei Jahren in den Ferien ein Schülerpraktikum in der Firma meines Mannes gemacht. Er hat wohl einen guten Eindruck hinterlassen, alle waren sehr angetan von ihm.«
»Und was wissen Sie über die Bertholds?«
Lea schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nicht sehr viel. Tara machte auf mich immer einen zurückhaltenden Eindruck. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen, aber nicht eingebildet. Auch merkt man ihr nicht im Geringsten an, dass sie aus einem betuchten Elternhaus kommt. Ihr Vater gehört wohl zu den Topgehirnchirurgen. Er hat der Schule seiner Tochter einen Raum für naturwissenschaftliche Experimente gesponsert und ist bezirkspolitisch engagiert. Zumindest war er das, als Duncan die Schule noch besuchte.«
»Was ist mit Taras Mutter?«
»Sie kenne ich kaum. Es gab ja bis auf die Theater-AG keine Berührungspunkte zwischen Tara und Duncan. Das Aussehen hat Tara aber eindeutig von ihrer Mutter, und ich nehme an, auch das freundliche Wesen. Ich habe Frau Berthold als auffallend schön in Erinnerung. Die arme Frau, ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es ihr jetzt geht.«
»Lea, ich bin sicher, wir kommen noch einmal auf Sie zu. Je mehr Einblick wir in Taras Umfeld haben, desto leichter können wir herausfinden, wer es auf die Familie abgesehen haben könnte. Wissen Sie, wo Glanders Laptop ist? Und könnten Sie ihm einen Satz Wechselwäsche und sein Waschzeug zusammenpacken? Wir werden uns vorerst bei den Bertholds einrichten müssen.«
Lea nickte. »Natürlich. Wenn Sie mich kurz entschuldigen, das dauert nicht lange.«
Während Lea Glanders Sachen zusammensuchte, schaute sich Merve die gerahmten Fotos an, die auf einem Sideboard im Wohnzimmer standen. Sie zeigten Lea über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren. Glanders neue Freundin stand auf jedem Foto an der Seite eines großen, gutaussehenden dunkelhaarigen Mannes mit dunklen Augen und eindringlichem Blick. Der Junge, der in der Bildergalerie vor Merves Augen an der Seite seiner Eltern heranwuchs, hatte die kastanienbraunen Haare, die grauen Augen und das strahlende Lächeln seiner Mutter und wirkte doch wie ein Abbild seines Vaters. An der Treppe hing ein mit Bleistift gezeichnetes Porträt von Leas Mann, das den Blick auf sich zog. Die Storms waren eine schöne Familie gewesen, und Merve ahnte, wie hart der Tod ihres Mannes Lea getroffen haben musste. Ob Glander wirklich wusste, worauf er sich einließ?
»Wir haben in jedem Sommerurlaub ein Foto gemacht.« Lea war zu Merve getreten und stellte Glanders Tasche auf dem Boden ab.
»Sie sehen sehr glücklich zusammen aus.«
»Das waren wir auch. Bis zum Ende.«
»Es muss für Sie schlimm gewesen sein, Ihren Mann zu verlieren.«
Leas trauriges Lächeln sprach Bände, und Merve verabschiedete sich. »Ich muss leider wieder los, Glander und ich haben eine Menge zu tun. Es hat mich sehr gefreut, Lea.«
»Mich auch. Hoffentlich geht es Tara gut! Und hoffentlich finden Sie das Mädchen schnell!«
Merve nickte ihr zu und verabschiedete sich.
Lea sah ihr nach und schloss die Haustür mit einem flauen Gefühl in der Magengegend.
4
Tara war eingeschlafen. So reagierte sie stets auf Stress. Wenn ihre Eltern sich mal wieder stritten, übermannte sie einfach der Schlaf.
Die Luke in der Decke des Kellerverlieses wurde geöffnet, und eine schlanke Gestalt brachte einige Sachen herunter: eine Isomatte, ein Kissen und eine Fleecedecke, danach einen Korb mit Butterbroten, Salami und Käse, einer Tafel Schokolade und zwei Flaschen Mineralwasser, ferner einer kabellosen Universalleuchte mit Druckschalter, einem Satz Batterien für die Taschenlampe und drei abgegriffenen Taschenbüchern – Markus Zusaks Die Bücherdiebin, Der Junge mit dem Herz aus Holz von John Boyne sowie Mary M. Kayes Palast der Winde. Als Letztes folgte ein Eimer mit Deckel, in dem eine Rolle Toilettenpapier, eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta lagen.
Die Gestalt betrachtete das schlafende Mädchen einen Moment lang im Schein der Taschenlampe und deckte es zu. Dann stieg sie die Leiter hinauf und zog diese hinter sich hoch. So leise, wie sie sich geöffnet hatte, schloss sich die Luke wieder, und Tara lag erneut in völliger Dunkelheit.
In der Lüdersstraße 23 öffnete Glander Merve die Tür und begrüßte sie knapp. Nachdem er sie Maria Berthold vorgestellt hatte, holte Merve aus ihren zwei Aluminiumkoffern die Ausrüstung zur Telefonüberwachung. Sie verband sie mit der ISDN-Anlage der Bertholds und aktivierte kurz vor halb drei Uhr nachmittags die entsprechende Software auf dem dafür konfigurierten Laptop.
Als die Überwachung stand, wandte sich Merve an Maria Berthold. »Frau Berthold, ich habe die Abhöranlage installiert. Sollten die Entführer telefonisch Kontakt aufnehmen, wird das Gespräch aufgezeichnet, und wenn der Anruf lange genug dauert, können wir ihn vielleicht sogar zurückverfolgen. Ich würde zusätzlich gerne Kameras vor Ihrer Wohnungstür und an den beiden Hauseingängen anbringen. Aus rechtlichen Gründen bräuchten wir für diese Maßnahme eigentlich das Einverständnis Ihrer Mieter. Zeit haben wir dafür jedoch nicht, zumal wir möglichst diskret vorgehen müssen, wenn Sie den Fall nicht der Polizei übergeben wollen – wozu ich Ihnen noch einmal ganz dringend rate. Wir haben zwar gute Geräte, aber die Polizei hat das ganze Highend-Spektrum am Start. Herr Glander und ich sind nur zu zweit, die Kollegen können auf viel mehr Personal zurückgreifen. Die Aufklärungsrate bei erpresserischem Menschenraub liegt bei 85 bis 90 Prozent. Bitte denken Sie noch einmal darüber nach! Wir können den Fall jederzeit übergeben.«
Maria Berthold schüttelte vehement den Kopf, Panik in ihren Augen. »Nein, das kommt doch heraus, und dann bringen sie meine Tara um! Sie müssen mir versprechen, dass Sie die Polizei nicht eigenmächtig informieren, bitte!«
Merve nickte und sah Glander an. Der wandte sich seinerseits beschwichtigend zu Maria Berthold. »Beruhigen Sie sich! Wir werden fürs Erste lediglich Nachforschungen anstellen. Bitte besprechen Sie das Vorgehen aber unbedingt mit Ihrem Mann! Vielleicht kann er Sie ja davon überzeugen, die Polizei einzuschalten. Wir können momentan nur warten, bis die Täter erneut Kontakt aufnehmen. Frau Celik und ich werden hier bei Ihnen bleiben.«
»Ich danke Ihnen, Herr Glander. Wenn Sie mich kurz entschuldigen würden, ich bin gleich wieder da.« Maria Berthold erhob sich und verließ das Wohnzimmer.
Merve sah Glander an und sagte leise: »Rufst du die Kollegen an, oder soll ich das übernehmen?«
»Keiner von uns macht das, erst einmal. Ich hoffe, Frau Berthold besinnt sich noch. Sonst rede ich mit dem Ehemann, sobald der hier auftaucht. Ich möchte, dass du in den Krankenhäusern anrufst, für alle Fälle. Taras Foto hast du ja, um sie zu beschreiben. Ich lasse Frau Berthold eine Aufstellung von Taras Wochenablauf machen. Wir müssen die Orte aufsuchen, an denen sie sich regelmäßig aufgehalten hat. Vielleicht ist dort jemandem etwas Ungewöhnliches aufgefallen.«
Merve blickte Glander ernst an. »Ich finde es sehr merkwürdig, dass der Ehemann nicht hier ist. Das Kind wird entführt, und er überlässt seine Frau sich selbst. Das ist nicht normal. Nicht mal für euch Deutsche.«
Glander nickte grimmig. »Da hast du wohl recht. Tara ist nicht seine Tochter, das weiß aber niemand. Mein Gefühl sagt mir, dass noch mehr dahintersteckt, und ich hoffe, wir finden möglichst schnell heraus, was es ist.«
Merve zog sich in das benachbarte Esszimmer der Familie Berhold zurück, klappte ihren Laptop auf und begann, die familiäre und finanzielle Situation der Bertholds und der Mieter des Hauses zu durchleuchten, sowohl auf rechtlich unbedenklichem Weg als auch auf einigen Pfaden, die etwas abseits der Legalität lagen. Während sie auf die Ergebnisse ihrer Suchanfragen wartete, telefonierte sie die umliegenden Krankenhäuser ab, doch wie erwartet war in keines ein Mädchen eingeliefert worden, auf das Taras Beschreibung passte. Danach ging sie in Taras Zimmer. In dem Raum befanden sich ein schmales, ordentlich gemachtes Bett und ein funktionaler Kleiderschrank aus Kiefer, der eine Menge Tennisbekleidung enthielt. Vor dem Fenster stand ein aufgeräumter Schreibtisch, davor ein teurer Stuhl aus dem Orthopädiefachhandel. Die Wände waren in einem Beigeton gestrichen, der Teppich war blaugrau mit eingestreuten Rauten in Orange. Merve stand in einem Zimmer, das nicht typisch für ein Mädchen in Taras Alter war. Keine Spur von Romantik. Es fehlte auch der übliche Kitsch, den Siebzehnjährige oft um sich herum verbreiteten. Nicht mal ein Lipgloss lag herum. Merve ließ das Ambiente auf sich wirken und nahm sich dann Taras Laptop vor, der geschlossen auf dem Schreibtisch lag. Sie war zuversichtlich, dass ihr das Passwort keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten würde.
5
Tara hatte alles aufgegessen, so hungrig war sie gewesen. Jetzt las sie den Kaye im Licht der Taschenlampe. Sie war ganz ruhig. Über die Jahre hatte sie gelernt, Dinge auszublenden, und ein Buch war das perfekte Mittel dafür. Wenn Tara las, vergaß sie alles um sich herum.
Die Deckenluke öffnete sich einen Spaltbreit, und gleißendes Licht blendete sie, so dass sie nur eine Silhouette erkennen konnte. Eine Stimme, die klang, als hielte sich jemand etwas vor den Mund, sprach sie an.
»Ich werde dir nicht weh tun, wenn du tust, was ich dir sage. Ich gebe dir zu essen und zu trinken. Hab keine Angst! Ich werde mich um dich kümmern.«
Tara starrte in das helle Licht und wollte etwas erwidern, doch die Luke wurde wieder zugezogen. Sie schloss die Augen und wartete darauf, dass das rechteckige Flimmern vor ihren Augenlidern verschwand. Sie sollte keine Angst haben? Tara hatte immer Angst, nur wusste das niemand.
Maria Berthold war ins Wohnzimmer zurückgekehrt und saß Glander gegenüber. Ihr rechtes Augenlid zuckte, und sie öffnete und schloss ständig ihre Hände, ohne es zu merken.
»Frau Berthold, Sie erwähnten, dass Ihr Mann lediglich Taras Stiefvater ist. Kann es sein, dass Ihre Tochter bei ihrem leiblichen Vater ist? Haben Sie noch Kontakt zu ihm?«
Maria Bertholds Gesicht zeigte einen Ausdruck von Abscheu, der Glander überraschte. Sie schüttelte den Kopf. »Das ist ausgeschlossen. Taras Erzeuger«, sie spuckte das Wort beinahe aus, »hat damit bestimmt nichts zu tun. Glauben Sie mir, Herr Glander!«
»Nun, ich möchte nur ausschließen, dass Ihre Tochter …«
Maria Berthold hob abwehrend die Hand, ihre Gesichtszüge fast schmerzverzerrt. Sie holte tief Luft und musste einen Augenblick in sich gehen, bevor sie zu einer Erklärung ansetzen konnte. »Heinz hatte damals einen Kongress in London, und ich wollte ihn nicht begleiten. Ich fliege nicht gerne. Wir stritten uns deswegen. Heinz ist es nicht gewohnt, dass man ihm widerspricht, aber ich blieb standhaft. Als mein Mann auf dem Kongress war, besuchte ich die Philharmonie. Es war eine laue Sommernacht. Nach dem Konzert wollte ich die wunderbare Musik noch auf mich wirken lassen und ging ein Stück durch den Park. Dort passierte es dann. Es ging ganz schnell. Ich sah den Mann nicht kommen. Er zog mich ins Gebüsch und …« Sie wandte ihren Blick von Glander ab, bevor sie weitersprach. »Ich habe keine Anzeige erstattet, weil ich mich so sehr schämte. Sie können sich mein Entsetzen vorstellen, als ich Wochen später merkte, dass ich schwanger war. Ich bin Katholikin, ein Abbruch kam nicht in Frage. Die Schwangerschaft verlief kompliziert. Bei der Geburt verlor ich eine Menge Blut, ich hätte sie beinahe nicht überlebt. Als Tara zwölf Jahre alt war, bestätigte sich, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann. Daraufhin sagte ich Bernd alles. Tara weiß nichts davon, und sie darf es auch unter keinen Umständen erfahren.«
Leise fragte Glander: »Wie hat Ihr Mann reagiert?«
Maria Berthold versuchte ein Lächeln, das ihr nicht gelang. »Er hat mir nicht geglaubt. Heinz ist ein sehr erfolgsverwöhnter und ehrgeiziger Mann, Niederlagen sind in seinem Leben nicht vorgesehen. Überdies ist er sehr eifersüchtig, und unser Altersunterschied macht es nicht einfacher. Er ist überzeugt davon, dass ich fremdgegangen bin. Irgendwann gab ich es auf, ihn von der Wahrheit überzeugen zu wollen. Er hat extrem viel zu tun und ist dauernd unterwegs. Wir haben uns … arrangiert.«
Glanders Bauchgefühl hatte ihn nicht getrogen. Er hatte geahnt, dass hinter dem Verhalten des Ehemanns mehr steckte als nur viel Arbeit in der Klinik. Dass es eine solch tragische Geschichte war, hatte er allerdings nicht erwartet. »Es tut mir aufrichtig leid, Frau Berthold. Unter diesen Umständen muss ich Sie aber fragen, ob Sie es für möglich halten, dass Ihr Mann etwas mit der Entführung zu tun hat.«
Sie seufzte. »Ich weiß schon sehr lange nicht mehr, wer dieser Mann an meiner Seite ist, Herr Glander.«
Glander hielt es an diesem Punkt für das Beste, die Richtung seiner Fragen zu ändern. »Hat Tara einen Freund?«
»Nein, ich glaube nicht. Sie hat wohl einen Schwarm an ihrer Schule, aber der scheint ihre Gefühle nicht zu erwidern. Ihre beste Freundin Louise wird darüber besser informiert sein, denke ich. Sie wohnt mit ihrem Vater hier im Souterrain. Ich habe vergeblich versucht, Louise zu erreichen, als Tara nicht nach Hause kam.«
Glander würde mit dieser Louise sprechen müssen, um mehr über Tara Berthold herauszufinden. Beste Freundinnen hatten in dem Alter nicht viele Geheimnisse voreinander. »Gibt es sonst etwas, das Ihnen einfällt? Egal, wie belanglos es Ihnen vorkommen mag. Ist Ihnen in letzter Zeit jemand in der Nähe des Hauses oder anderswo aufgefallen?«
Wieder schüttelte Maria Berthold den Kopf. »Nein, es war alles wie immer.«
Glander stand auf. »Ich werde nach unten gehen und sehen, ob ich Louise antreffe und mehr über Taras Schwarm herausfinden kann. Es wäre gut, wenn Sie Frau Celik und mir in der Zwischenzeit Taras Wochenablauf aufschreiben, also ihre regelmäßigen Termine, ihren Stundenplan, das Tennistraining. Wir bräuchten auch eine Liste ihrer Freunde und weiterer Bezugspersonen wie Verwandte, Trainer, Lehrer und so weiter. Ich bin gleich wieder da, Frau Celik bleibt hier.«
Im Souterrain musste Glander klopfen, die Klingel funktionierte nicht. Ein sommersprossiges Mädchen, das Glander gerade bis zur Brust reichte, öffnete die Tür. Es hatte strahlende Augen, eine Stupsnase und einen breiten Mund, dessen hochgezogene Mundwinkel stets für einen lächelnden Gesichtsausdruck sorgten. Über die Schultern des Mädchens fiel eine wilde Mähne dunkelblonder Locken, und eine kleine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen gab Louise einen recht lasziven Ausdruck für ihre siebzehn Jahre. Sie war barfuß, und Glander nahm den blitzenden Zehenring an ihrem linken Fuß wahr. Am rechten Fußgelenk trug sie ein goldenes Kettchen.
»Mein Name ist Martin Glander, ich bin privater Ermittler.« Er wies sich aus. »Sind Sie Louise Schneider?«
»Ja, das bin ich. Was ist denn passiert?« Plötzlich riss sie Augen und Mund weit auf. »O Gott, ist was mit Tara? Ich versuche schon den ganzen Tag, sie zu erreichen, aber sie meldet sich nicht.«
»Warum sind Sie nicht einfach nach oben gegangen? Taras Mutter versucht seit gestern Abend, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.«
Louise blickte die Treppe hinauf, und ihre Miene verdunkelte sich. »Taras Eltern mögen mich nicht. Frau Berthold hat keine Nachricht hinterlassen, deshalb habe ich nicht zurückgerufen. Ich dachte, es sei nicht wichtig. Gestern Abend bin ich mit meinen Kopfhörern eingeschlafen und habe nichts an der Tür gehört, unsere Klingel ist schon lange kaputt. Kommen Sie doch bitte herein! Mein Vater ist in seinem Zimmer, ich sage ihm Bescheid. Gerade durch geht es ins Wohnzimmer.«
Glander durchquerte den Flur und trat in einen freundlichen, in Terracottatönen gehaltenen Raum. Kurz darauf betrat Louise das Wohnzimmer, dicht gefolgt von einem stämmigen, untersetzten Mann um die fünfzig, dessen Haare zu lang waren für seine auffallenden Geheimratsecken.
Er stellte sich Glander vor. »Jürgen Schneider. Bitte setzen Sie sich doch! Kann ich Ihnen etwas anbieten?«
»Danke, nein, das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich will Sie nicht länger aufhalten als nötig. Zuerst muss ich Sie ersuchen, dieses Gespräch für sich zu behalten. Taras Eltern ist an größtmöglicher Diskretion gelegen. Ihre Tochter ist verschwunden.«
Louise blickte auf den Boden, ihr Vater legte schützend seinen Arm um ihre Schulter und nickte, als er antwortete. »Selbstverständlich, Herr Glander. Wie können wir Ihnen helfen?«
»Louise«, Glander wandte sich zu dem Mädchen, »Taras Mutter sagt, Sie haben gestern mit der Theater-AG in der Schule geprobt.«
»Das stimmt. Die AG findet jeden Freitag zwischen siebzehn und neunzehn Uhr statt. Wir proben gerade Der zerbrochne Krug von Kleist. Tara ist die Eve, ich gebe die Brigitte. Nach der Probe sind wir zum Pavillon in den Bäkepark und haben alle ein bisschen was getrunken. Tara verträgt keinen Alkohol. Ich glaube, das liegt an so einem seltenen Enzymmangel. Sie trinkt einen Schluck und ist gleich richtig hacke … Entschuldigung, ich meine betrunken. Max hatte was besorgt.« Das Mädchen zögerte.
Glander sprang ein. »Max? Ist das Taras Schwarm?«
»Ja, Max Kleinert aus dem dritten Semester. Tara steht total auf ihn, aber der kriegt das nicht mit, obwohl es wirklich nicht zu übersehen ist. Max ist ein lässiger Typ, der macht immer sein eigenes Ding.«
»Max hatte also was zu trinken besorgt.« Glander tippte Max’ vollständigen Namen in sein Handy ein und schickte ihn an Merve.
»Wodka und Energy Drinks. Die Jungs haben die Flasche ziemlich schnell leer gemacht. Ich mag keinen Alkohol und habe nur einen Anstandsschluck getrunken. Dann wollte ich gehen.« Louise sah ihren Vater an, der ihr liebevoll zulächelte.
Glander konzentrierte das Gespräch wieder auf das Wesentliche. »Was genau ist im Park passiert, Louise? Wer war noch alles dabei?«
»Tobi Verheugen und Leander Horten, beide aus dem dritten Semester. Sie hängen immer zusammen mit Max ab. Annalisa war auch da, Annalisa Gebauer. Sie, Tara und ich sind zusammen im Deutschleistungskurs.«
Glander schickte auch die Namen der anderen Jugendlichen an Merve.
Louise fuhr inzwischen fort: »Also, Tara war richtig betrunken. Alle dachten aber, sie tue nur so. Das glaubt ja keiner, dass man so schnell blau wird. Die Jungs wurden dann unangenehm, und ich hab mir Tara geschnappt und bin mit ihr nach Hause gegangen.«
»Inwiefern wurden die Jungs unangenehm?«
»Ach, die waren einfach blöd! Leander hat die ganze Zeit Annalisa angemacht. Als die nicht darauf eingegangen ist, hat er Tara verarscht, die davon gar nichts mehr mitbekam. Max hat den Wodka nur stumm in sich hineingekippt. Tobi und Leander wurden dann richtig anzüglich, sie wollten Strippoker bei Tobi spielen und so was. Das war mir zu doof, und Tara und ich sind gegangen. Tara hatte ganz schön Schlagseite, wir haben für den Nachhauseweg ewig gebraucht. Ich habe mich im Hausflur von ihr verabschiedet und bin zu uns reingegangen.«
»Wann war das in etwa?«
»So gegen zehn, denke ich. Vielleicht auch ein wenig später. Genau kann ich es nicht sagen, meine Uhr braucht eine neue Batterie, und ich hab mich noch nicht darum gekümmert.«
»War sonst noch jemand im Treppenhaus? Oder hat Tara vielleicht eine Nachricht auf ihrem Handy erhalten?«
»Nein, ich habe nichts mitbekommen. Ich habe angenommen, dass Tara nach oben in die Wohnung geht. Herr Glander, ich mache mir große Vorwürfe. Ich hätte sie hochbringen müssen, sie war doch so betrunken! Aber sie hat mich weggeschubst und gesagt, sie sei kein kleines Kind und ich solle mich ver …, ich solle sie in Ruhe lassen.«
»Sie trifft keine Schuld, Louise! Sie haben Tara immerhin sicher nach Hause gebracht, das war doch schon ein ordentlicher Freundschaftsdienst.«
Louises Vater schaltete sich ein. »Was, denken Sie, ist mit Tara passiert?«
»Ich kann Ihnen im Moment nicht mehr sagen, als dass sie verschwunden ist. Louise, hat Tara Probleme zu Hause oder in der Schule?«
Louise zögerte. »Na ja, in der Schule läuft alles super, sie hat die besten Noten und muss sich dafür nicht mal übermäßig anstrengen. Mit ihrer Mutter versteht sie sich sehr gut, aber ihr Vater ist ein echter Kotzbrocken.«
Jürgen Schneider mischte sich ein. »Lula, das kannst du doch nicht sagen! Professor Berthold war immer sehr gut zu uns.«
Louise sah ihren Vater an. Für einen kurzen Moment flackerte Zorn in ihren Augen auf. »Klar kann ich das sagen! Er ist total gemein zu Tara. Du weißt doch auch, wie der sein kann!« Wieder zu Glander gewandt, fügte sie an: »Aber deswegen haut man ja nicht gleich von zu Hause ab. Außerdem hätte sie mir das gesagt. Ich bin ihre beste Freundin.«
»Ist Ihnen in der Nähe des Hauses oder auf dem Schulweg irgendjemand aufgefallen? Ist Ihnen mal jemand gefolgt? Oder hat Sie angesprochen?«
»Nein, ich habe nichts Ungewöhnliches bemerkt.«
Glander zog seine Visitenkarte hervor. »Bitte sprechen Sie mit niemandem über die Angelegenheit, solange wir nichts Genaueres wissen! Sollte Ihnen etwas auffallen oder sollte sich Tara bei Ihnen melden, rufen Sie mich bitte an, egal, zu welcher Uhrzeit! Hier ist meine Karte.«
Louise steckte sie in die Känguruhtasche ihres Sweatshirts, das den Aufdruck einer teuren Marke trug.
Glander verabschiedete sich und ging wieder hinauf zu Maria Berthold.
6
Es kostete Tara große Überwindung, den Eimer zu benutzen, der ihr für ihre Notdurft hingestellt worden war. Sie sehnte sich nach einem heißen Bad mit ihrem Lieblingsbadegel. Tara dachte an ihre Mutter, die sich sicherlich große Sorgen machte, und an ihren Vater, der bestimmt wie immer im Krankenhaus war. Dennoch versuchte sie, ruhig zu bleiben und nicht über ihre Situation nachzudenken. Mit diesem Mechanismus war sie schließlich bestens vertraut. Dinge auszublenden und sich aus der Gegenwart wegzudenken gehörte zu ihrer Überlebensstrategie. Sie griff nach der Taschenlampe und dem Buch und las im Palast der Winde weiter. Dabei dachte sie an Adam, mit dem sie seit einigen Wochen chattete, und fragte sich einmal mehr, wie er wohl aussah. Er war so verständnisvoll. Sie hatte das Gefühl, ihm alles sagen zu können. Vielleicht fände sie ihn sogar noch toller als Max. Tara stellte sich vor, wie einer der beiden zu ihrer Rettung kam, sie in seine Arme nahm und an einen sicheren Ort brachte.
Glander war unzufrieden mit sich. Er spürte, dass er ein entscheidendes Detail übersehen hatte, kam aber nicht darauf, was es sein konnte. Er ging in Taras Zimmer, um sich selbst darin umzusehen. Der Raum wirkte unpersönlich und stillos im Vergleich zum Rest der eleganten Berthold’schen Wohnung. Als Glander die Kissen auf dem Bett anhob, fand er Taras iPhone. Es steckte zwischen der Matratze und dem Bettrahmen, der Akku war leer. Das war es, was ihn unterschwellig beschäftigt hatte! Warum hätte Tara, betrunken wie sie war, grundlos noch einmal das Haus verlassen sollen? Sie hätte doch eine Nachricht erhalten haben müssen, die sie dazu veranlasst hätte. Und wenn es so gewesen wäre, dann hätte sie sicher ihr Handy mitgenommen. Glander fand das Ladekabel in der Schreibtischschublade, verband es mit dem iPhone und schaute sich die eingegangenen Nachrichten an, nachdem das Handy ohne Passwortsicherung wieder angegangen war. Taras Mutter hatte im Laufe der letzten 24 Stunden acht Sprachnachrichten hinterlassen und zehnmal angerufen, ohne etwas auf die Mailbox zu sprechen. Es gab außerdem sechs SMS von Louise, die von Mal zu Mal mehr Ausrufezeichen hinter ihre Aufforderung an Tara setzte, sich bei ihr zu melden.
Glander ging noch einmal nach unten zu Louise, die sofort an der Tür war. »Louise, hatte Tara ihr Handy gestern bei sich?«
»Nein, ich glaube nicht. Ich habe sie jedenfalls nicht damit gesehen. Sie vergisst ihr iPhone aber öfter auf dem Bett, wenn sie beim Surfen oder Chatten einschläft.«
»Danke, Louise.«
Wenn Tara ihr Handy nicht dabeigehabt hatte, dann hatte sie unmöglich durch eine Nachricht dazu gebracht worden sein können, das Haus wieder zu verlassen. Tara Berthold hatte es offenbar nicht bis in die Wohnung geschafft. Also musste jemand sie im Hausflur abgefangen haben.
Als Glander gegen sechzehn Uhr wieder in das Wohnzimmer der Bertholds trat, erwartete ihn dort Prof. Dr. Berthold.
Heinz Berthold, ein drahtiger Mann Anfang sechzig mit graumeliertem kurzgeschnittenem Haar und einer schmalen, spitzen Nase, hatte ein hageres Gesicht und unruhige Augen, die ihm den Anschein verliehen, ständig auf der Hut zu sein. Oder auf der Suche nach einem besseren Investment. Er streckte Glander die Hand entgegen, ohne die Spur eines Lächelns auf seinen schmalen Lippen.
Glander schüttelte die Hand mit einem gewissen Unwohlsein.
»Ich bin Professor Doktor Heinz Berthold. Was haben Sie bis jetzt in Erfahrung bringen können?«
»Es ist gut, dass Sie da sind, Professor Berthold. Ich möchte Sie bitten, Ihrer Frau noch einmal dringend zu raten, den Fall der Polizei zu übergeben.«
Berthold sah ihn interessiert an. »Möchten Sie etwa kein Geld an uns verdienen, Herr Glander?«
Glander widerte diese Frage an. Er hatte größte Mühe, die Abneigung, die er unwillkürlich gegen diesen Mann empfand, für den Moment zu verdrängen. Betont sachlich antwortete er: »Die Polizei hat erheblich mehr Personal als unsere Agentur, was den entscheidenden Unterschied ausmachen kann.«
Bertholds Antwort war deutlich. »Es tut mir leid, aber Maria wünscht keine Polizei, und auch ich werde ihre Meinung nicht ändern können. Mir ist im Übrigen wie ihr an einem Höchstmaß an Diskretion gelegen. Die Öffentlichkeit darf auf keinen Fall etwas erfahren. Sie werden sich also um die Suche nach Marias Tochter kümmern!«
Glander nickte. Er erkannte Granit, wenn er darauf biss. »Professor Berthold, gab es Probleme mit Tara? Hatten Sie öfter Streit? Mädchen in dem Alter können ja ganz schön schwierig sein.«
Berthold dachte nicht im Traum daran, die Brücke zu betreten, die Glander ihm gebaut hatte. »Tara ist nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter. Sie ist klug und fokussiert. Sie wird ein ausgezeichnetes Abitur machen und etwas Ordentliches studieren.«
»Was ist mit ihrer Liebe zum Tennis?«
»Was soll damit sein? Das Tennisspiel ist ein Hobby, mehr nicht. Wenn sie studiert, wird sie zwangsläufig damit aufhören. Ich sagte ja bereits, sie ist sehr fokussiert.«
Papa saß bei Taras Turnieren mit Sicherheit nicht in der ersten Reihe. Glanders Eindruck stimmte bislang mit Louise Schneiders Beschreibung ihres Vermieters vollkommen überein. »Professor Berthold, können Sie mir etwas über Ihre Nachbarn erzählen?«
Dem Mann gelang es tatsächlich, seine unsympathische Art noch zu steigern. »Was sollen unsere Nachbarn damit zu tun haben? Meinen Sie etwa, einer von denen versteckt Tara in seinem Schlafzimmerschrank?«
»Ich meine gar nichts, ich möchte mir nur einen Eindruck von Taras Umfeld verschaffen, und dazu gehören die Mitbewohner dieses Hauses. Louise und ihren Vater habe ich bereits kennengelernt.«
»Ein schönes Paar, finden Sie nicht?«, erwiderte Berthold abschätzig. »Die beiden wohnen seit neun Jahren im Souterrain. Sie kommen aus dem Wedding.« Berthold sah aus, als wische er sich gerade Dreck von der Schuhsohle.
Glander musste sich jetzt größte Mühe geben, sich seine Aversion gegen diesen überheblichen Mann nicht anmerken zu lassen.
Der Professor fuhr fort: »Die Mutter war schwere Alkoholikerin und starb an den Folgen von zu viel schlechtem Fusel. Schneider wollte einen Neuanfang für Louise, eine Verbesserung des Umfelds, wenn Sie so wollen. Das war auch dringend nötig. Louise war eine echte Rotzgöre. Ich war nicht angetan von ihr, als sich ihr Vater und sie hier vorstellten. Tara hat aber so lange gequengelt, bis ich nachgab und den beiden die Wohnung vermietete. Seitdem sind Tara und Louise unzertrennlich. Tara hängt ständig bei den Schneiders herum.«
»Was macht Herr Schneider beruflich?«
»Er fährt Taxi. In grauer Vorzeit hat er Philosophie studiert, was ihn sicherlich bestens auf seine jetzige Tätigkeit vorbereitet hat.« Berthold schüttelte den Kopf und sah Glander mit zusammengekniffenen Lippen an. »Es ist mir ein Rätsel, warum Menschen so weltfremdes Zeug studieren und sich dann wundern, dass ihre unnütze Weisheit nicht gefragt ist. Aber Taxis müssen ja auch gefahren werden.«
»Das können Sie bestimmt besser beurteilen als ich«, konnte sich Glander nicht verkneifen zu erwidern. »Wer wohnt noch im Haus?«
»Die Obentrauts, ein älteres Ehepaar, beide in Rente. Sie haben die Wohnung im Souterrain gegenüber den Schneiders und wegen der Behinderung von Frau Obentraut einen eigenen Eingang ohne Treppen. Frau Obentraut ist todkrank. Ich kenne Herrn Obentraut aus unserem Corps, weshalb ich ihm und seiner Frau ein wenig unter die Arme greife. Wir selbst bewohnen dieses Stockwerk und das darüber. Ganz oben sind die Gruhner – Sekretärin bei BMW oben in Moabit, arbeitet viel, ist selten hier, verdient extrem gut für eine Tippse – und der Lemke, Lehrer für Deutsch und Geschichte am Albrecht-Berblinger-Gymnasium hier in Lichterfelde. Tara hat bei ihm Deutschleistungskurs. Ein guter Mann, ich kenne ihn wie Herrn Obentraut aus der Prudentia, der schlagenden Verbindung der Uni Heidelberg. Er hat Kultur und ist eine echte Bereicherung für das Haus.«
Glander war weit davon entfernt, sich von dem zur Schau gestellten Snobismus des Chirurgen beeindrucken zu lassen. Menschen wie Berthold lebten in ihrer eigenen Welt, die von Statusgehabe, Geld und dem Umgang mit Gleichgesinnten bestimmt war. Die Realität gewöhnlicher Menschen konnten sie gar nicht mehr beurteilen, maßten sich aber stets eine Meinung darüber an. Glander beschloss, dem Professor ein wenig den Tag zu versauen. »Doktor Berthold, Ihre Frau hat mir von Ihrem, sagen wir mal, eher unterkühlten Verhältnis zueinander erzählt. Warum lassen Sie sich nicht scheiden?«
Berthold schwieg und blickte durch das große Fenster hinaus in den Garten. Schwere, dunkle Wolken hingen drohend am Himmel, und die Baumwipfel bogen sich in dem starken Wind, der aufgekommen war. Der Professor wandte sich wieder Glander zu. »Herr Glander, wissen Sie, was ich wert bin? Ich leite seit fast zwanzig Jahren als Chefarzt die Neurochirurgie, ich bin ein international begehrter Redner und Dozent. Letzte Woche war ich in Shanghai, um eine komplizierte Operation durchzuführen. Meine Eltern waren wohlhabende Leute, und ich habe unser Vermögen stetig vermehrt. Seit jeher gehört meiner Familie dieses Haus, ich bin hier aufgewachsen. Außerdem besitze ich weitere Mietshäuser in der ganzen Stadt. Maria lebte mit ihrer Familie in einem Slum in Manila, bevor ihre große Schwester als Katalogbraut nach Deutschland kam und ihre zwölf Jahre jüngere Schwester kurz darauf nachholte. Marias Schwager ermöglichte ihr eine Ausbildung an der Hanns-Eisler-Schule, sie erlernte dort das Cellospiel. Als ich sie auf einem Konzert kennenlernte, verlor ich meinen Verstand vor Lust und Liebe. Sie hätten sie hören müssen! Wir heirateten an ihrem achtzehnten Geburtstag. Einen Ehevertrag haben wir nicht, und ich bin nicht gewillt, ihr die Hälfte meines Vermögens zu überlassen – dafür, dass sie mich so hintergangen und der Lächerlichkeit preisgegeben hat.«
»Kümmert es Sie gar nicht, dass Tara in solch unterkühlten Verhältnissen aufwachsen muss?«
Berthold schnaubte verächtlich. »Ach, kommen Sie mir doch nicht so, Glander! Tara ist Marias Kind. Ich gebe beiden ein Dach über dem Kopf und ausreichend Spielgeld für Hobbys und sonstige Freizeitaktivitäten. Im Gegenzug ist Maria die schöne Frau an meiner Seite und Tara die hochbegabte Tochter, die das Bild abrundet. Es ist ein Arrangement, mit dem alle sehr zufrieden sein können.«
Glander fand das eher deprimierend. Auch wenn immer zwei zum Tangotanzen gehörten, wie Lea es ausdrückte. »Herr Berthold, haben Sie Affären mit anderen Frauen?«
»Das geht Sie überhaupt nichts an, Herr Glander!«
»Sie irren sich. Eine unzufriedene Geliebte, die auf eine Heirat spekuliert, würde ich ziemlich weit oben auf die Liste meiner Verdächtigen setzen. Gleich hinter die abgelegte Liebhaberin, die auf Rache sinnt. Wo waren Sie gestern Abend zwischen neun Uhr und Mitternacht?«
Der Arzt schnappte nach Luft. »Worauf wollen Sie mit dieser Frage hinaus?«
»Ich will auf gar nichts hinaus, ich stelle Alibis für die Tatzeit fest. Sie sind Ihrer Frau und deren Tochter nicht sehr wohlgesinnt. Ihre Frau ist Ihnen seit Jahren ein Dorn im Auge und bedeutet ein Leck in Ihrem Geldtank. Es mag Ihnen nicht passen, aber so wie ich die Sache sehe, haben Sie ein wirklich bestechendes Motiv.«
»Nun, dann schlage ich vor, Sie ändern ganz schnell Ihre Perspektive, wenn Sie keine Verleumdungsklage am Hals haben wollen, Herr Glander.«
»Herr Berthold, wenn Ihr Anwalt auch nur ein bisschen was taugt, wird er Ihnen von einem solchen Schritt abraten. Wie sieht denn das aus? Der piekfeine Professor, dem die Entführung seiner Tochter egal ist …«
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