Читать книгу: «Trau dich»
Heike Malisic · Beate Nordstrand

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7514-2 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6109-1 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2021 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de
Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Titelbild: Gettyimages: Jonathan Knowles
Autorenfotos: © Rahel Täubert, www.raheltaeubert.de
Satz: Kathrin Spiegelberg, www.spika-design.de

Dieses Buch ist den Lebenshungrigen gewidmet,
den Weltverbesserern, den Mutigen.
Aber erst recht den Mutlosen.
Zwar gibt es keine genaue Anleitung für Lebenskunst,
aber Heike und Beate haben herausgefunden,
dass Mut und Risiko sich lohnen. Statt schnöder Theorie liefern die beiden Freundinnen mal wieder jede Menge Beispiele aus ihrem Alltag.

Inhalt
Über die Autorinnen
Einleitung
Es war einmal …
Trau dich zu scheitern …
Trau dich, erfolgreich zu sein …
Trau dich, deinen Traum wahr werden zu lassen …
Trau dich, Entscheidungen zu treffen …
Trau dich, es zu probieren …
Trau dich, verletzbar zu sein …
Trau dich, großzügig zu sein …
Trau dich, Pause zu machen …
Trau dich, glücklich zu sein …
Was wir dir noch sagen wollen
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Über die Autorinnen

HEIKE MALISIC (Jg. 1966) arbeitet seit 1998 freiberuflich als Fachfrau für Ernährungs- und Gewichtsmanagement, Coach und Referentin. Mit ihrer Familie lebt sie in Oberkirch.

BEATE NORDSTRAND (Jg. 1960) ist selbstständige Diätassistentin. Sie referiert deutschlandweit zu unterschiedlichen Aspekten der ganzheitlichen Gesundheit. Mit ihrer Familie lebt sie in Würzburg. Gemeinsam haben die beiden »Lebe leichter« und »Body, Spirit, Soul« entwickelt.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Wir, das sind Heike Malisic und Beate Nordstrand, seit 2003 Freundinnen, seit 2005 ein unschlagbares Team.
»Wie wäre es …?« – mit dieser Frage begannen etliche E-Mails, Telefonate, Sprach- und WhatsApp-Nachrichten, die hin- und hergingen, um über den Inhalt dieses Buches zu beraten. Wenn wir ein neues Projekt im Kopf haben, dann sprudeln unsere Ideen nur so über. Wir denken laut, schreiben schnell, sind aufgeregt, jubeln, schweigen, spinnen Ideen weiter, speichern sie ab. Wir lassen Gedanken wieder fallen, schlafen ein paar Nächte drüber, sammeln weiter, verwerfen einiges und irgendwann haben wir einen Plan. Dann werfen wir all die guten Ideen in einen Topf, rühren um, fertig.
Das, was dabei herausgekommen ist, hältst du gerade in den Händen.
Ich, Heike, hatte zuerst mit einem Buch über Ruhe und Achtsamkeit geliebäugelt. Die letzten zwei Jahre haben mich gesundheitlich doch sehr mitgenommen und mich zu mehr Ruhe gezwungen. Beate hatte eher den Titel »Trau dich« im Kopf. Zeitgleich war die Idee eines Podcasts entstanden.
Jede von uns hatte ein paar Ideen. Kurze Überlegung, ob wir einen gemeinsamen Podcast herausbringen oder jede einen für sich. Beides hat Vor- und Nachteile. Und eigentlich könnte auch jede von uns mal ein eigenes Buch schreiben. Wir müssen ja nicht alles zusammen machen.
Aber immer wieder bekommen wir das Feedback, dass wir zu zweit ein unschlagbares Team sind. Na ja, wir glauben sowieso, dass unsere Freundschaft im Himmel arrangiert wurde. »Wenn jetzt jede von uns alleine was beginnt, dann denken die Leute, wir haben uns nicht mehr lieb«, witzelte Beate. Das wollen wir natürlich auf keinen Fall. Also schreiben wir zusammen.
Die Zwangspause und -ruhe kam während des Corona-Shutdowns im Frühling 2020. Alle unsere Auswärtstermine waren abgesagt worden. Für uns eine völlig unbekannte Situation, die wir gerne so genommen haben, wie sie kam. Abends rechtzeitig ins Bett. Täglich ausgedehnte Spaziergänge. Eine perfekte, ausgewogene Work-Life-Balance. Gearbeitet haben wir trotzdem. Motivierende Newsletter verschickt, Impulse für Lebe leichter und Body Spirit Soul1 geschrieben, unsere Lebe-leichter-Coaches und Body-Spirit-Soul-Kursleiterinnen mit Ermutigung versorgt und die ersten Podcast-Folgen aufgenommen. Und währenddessen gingen unsere Überlegungen hin und her, wie ein neues Buch aussehen könnte.
Dabei stand uns unser zehnjähriges Lebe-leichter-Jubiläum 2021 vor Augen. Vor zehn Jahren haben wir uns auch ganz schön was getraut und sind über uns hinausgewachsen. Wir sind selber immer wieder erstaunt, was seitdem passiert ist und wie wir uns immer mehr zugetraut haben. Unser großes Anliegen besteht darin, Menschen zu ermutigen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Eben: sich was zu trauen.
So entstand die Idee unsere eigenen Traudichs mit dir zu teilen.
»Wie wäre es, wenn wir einfach mal Traudichs sammeln und daraus die Hauptkapitel machen?«
»Wie wäre es, wenn wir zu den Kapiteln unsere eigenen Traudich-Geschichten schreiben, unsere persönlichen Siege und Pleiten, private und berufliche?«
»Wie wäre es, wenn wir mal so richtig ausholen und verraten, was uns im Leben stärker gemacht hat? Unsere Erfolge, aber auch unsere Niederlagen?«
»Wie wäre es, wenn sich jede zuerst einmal ein paar Kapitel raussucht und die passenden Geschichten dazu schreibt?«
»Wie wäre es, wenn erst einmal jede nur ein Kapitel schreibt, um zu schauen, wie das zueinander passt?«
»Wir wäre es, wenn wir auf unsere Unterschiedlichkeit zu sprechen kommen?«
»Wie wäre es, wenn wir mal erzählen, unter welchen Umständen wir groß geworden sind?«
Beate und ich haben ganz unterschiedliche Erfahrungen in unserer Kindheit gemacht. Während Beate in glücklichen Verhältnissen aufwuchs, Liebe, Geborgenheit und Annahme erfahren hat, verlief meine Kindheit eher unter schwierigen Umständen.
Weil die Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich unter dem Einfluss der Erfahrungen in der Kindheit stattfindet, fangen wir einfach mal beim Anfang an.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Heikes Geschichte
Ich habe keine Ahnung, wie meine Mutter damals reagierte, als sie feststellte, dass sie mit mir schwanger war. Die Beziehung zu meinem Vater endete so schnell, wie sie begonnen hatte. Übrig geblieben war ich. Vor ein paar Jahren erzählte mir meine Mutter die ganze Geschichte aus ihrer Sicht. Sie lebte damals noch bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Ihren Vater kannte sie kaum, da die Ehe ihrer Eltern geschieden wurde, als meine Mutter noch sehr klein war. Meine Oma war eine strenge Frau, die es nicht zuließ, dass meine Mutter mich bei sich großzog. Im sechsten Monat schwanger musste sie in ein Mütterheim, damit die Nachbarn bloß nicht mitbekamen, dass sie ein uneheliches Kind erwartete. Es waren die Sechziger.
Sofort nach meiner Geburt kam ich für einige Zeit in ein Kinderheim, danach wurde eine Pflegefamilie für mich gefunden. Mein Urvertrauen war angeknackst. Ein Jahr später kam mein Vater zurück. Für meine Mutter damals die einzige Möglichkeit, mich wieder zurückzubekommen. Damit begann das Desaster. Es gab viel Streit, Gewalt und unschöne Erfahrungen, bei denen ich nicht ins Detail gehen möchte. Meine Eltern haben es sicherlich so gut gemacht, wie sie eben konnten, aber als Kind habe ich die Folgen der katastropalen Ehe zu spüren bekommen.
Das Grundgefühl, an das ich mich erinnere, war Angst.
Angst, verlassen zu werden, Angst, allein zu sein, Angst, nicht geliebt zu sein, Angst vor Versagen, Angst, Erwartungen nicht zu entsprechen, Angst vor Unberechenbarkeit, vor dem Donnerwetter, Angst, mich zu blamieren, Ärger zu bekommen, nicht genug zu haben, zu kurz zu kommen, keine Freunde zu haben, zu widersprechen.
Als Kind war mir das nicht so bewusst, aber durch den Kontakt zu anderen bekam ich eine Ahnung davon, dass Familie eigentlich anders gelebt wird.
Die schönsten Erinnerungen habe ich an Weihnachten. Wenn mein Vater mit uns zur Oma fuhr, wir dort den Nachmittag verbrachten und währenddessen meine Mutter den Tannenbaum schmückte und die Geschenke unter den Baum stellte. Nach unserer Rückkehr mussten wir vor der geschlossenen Wohnzimmertür warten, bis Mutter das Glöckchen klingelte. Weihnachten war immer Frieden. Auch bei uns.
Eins meiner Highlights war meine große Barbie-Ausstattung. Ich hatte eine Tante in Amerika, die uns regelmäßig zu Weihnachten Pakete schickte. Für mich waren immer Barbie und Co. dabei. Schon in den 70ern hatte ich einen Swimmingpool, einen Campingwagen, ein Zelt und anderes Zubehör, das es in Deutschland noch nicht zu kaufen gab. Mit meinen Barbie-Figuren spielte ich regelmäßig heile Familie. An einem Tag kam mein Vater von der Arbeit nach Hause und es gab ein riesiges Donnerwetter wegen unserem unaufgeräumten Zimmer. Er beförderte meine komplette Barbie-Sammlung in die große Mülltonne vor unserem Haus. Die Nachbarskinder bekamen davon Wind und freuten sich über neues Spielzeug. Ich muss damals neun Jahre alt gewesen sein.
Solche Ausbrüche haben sich seitdem wiederholt. Mein Herz fing jedes Mal vor Angst an zu rasen, wenn mein Vater im Anmarsch war. Wenn ich aus meinem Zimmer heraus die Autotür hörte, wenn er die Treppe hochkam, den Schlüssel in die Wohnungstür steckte. Ich war immer in Habachtstellung. Ich teilte mir damals mit meinem drei Jahre jüngeren Bruder ein Zimmer. Wir zwei lagen schon im Bett, da gab es mal wieder einen Streit zwischen meinen Eltern. Plötzlich riss mein Vater die Tür zu unserem Zimmer auf und machte ein großes Theater, weil es nicht aufgeräumt war. Er zog alle Schränke auf und schmiss unsere ganzen Sachen auf den Boden. Danach bekamen wir beide eine Tracht Prügel. Mein Bruder und ich saßen anschließend weinend im Bett und legten einen Schwur ab: »Das werden wir ihm NIE verzeihen.« Wir verabredeten sogar ein Codewort, mit dem wir uns über Jahre an diesen Schwur erinnerten. Sehr viel später erst erkannte ich, wie wichtig Vergebung ist.
Ordnung gehörte nicht zu meinen Fähigkeiten, sehr zum Leidwesen meiner Eltern. Auch die schlimmsten Disziplinarmaßnahmen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Der einzige Ort, an dem ich Ordnung lernte, war bei meiner Oma. Sie wachte mit Argusaugen darüber, dass ich meine Sachen SOFORT an den Platz räumte, wo sie hingehörten. Ich verbrachte meine Ferien gerne bei ihr. Trotz ihrer Strenge. Bei ihr musste ich mit geradem Rücken auf dem Stuhl sitzen. Hin und wieder mit Bügel im Rücken. Ihr habe ich wohl meine gerade Haltung zu verdanken. Während sie täglich mit einer Kehrmaschine den Teppich saugte, musste ich mit einem Kamm die Teppichfransen gerade kehren. Meine Oma brachte mir das Stricken, Häkeln und Nähen bei. »Langes Fädchen, faules Mädchen«, lehrte sie mich. Und: »Halte Ordnung, liebe sie, es erspart dir viel Zeit, Arbeit und Müh.« Sie kochte den allerleckersten Wirsing. Bei ihr war Ruhe und Beständigkeit.
Es gab vieles, was ich mir anders gewünscht hätte, aber es war nicht alles schlecht. Als Kind, das in den Siebzigerjahren groß wurde, gehörten Gummitwist und Seilspringen zu meinen Lieblingssportarten. Und Hula-Hoop. Bis heute schaffe ich es, stundenlang mit Schwung den Ring über die Taille zu schwingen. Gelernt ist gelernt. Was ich nie gut konnte: Handstand, werfen und fangen. »Das kannst du wirklich nicht«, bestätigen auch meine Kinder. Außer Basketball. Körbe werfen klappt.
Als ich 12 Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Ich blieb mit meinem Bruder umständehalber bei meinem Vater, seiner neuen Partnerin und ihrer Tochter. Wir zogen damals vom Dorf in die Großstadt. Wir wohnten in Köln, meine Mutter zog nach Bremen. Sie lernte einen neuen Partner kennen und heiratete wieder. Ich weiß noch, als ich sie damals das erste Mal zusammen mit meinem Bruder besuchte. So viel Ruhe, Geborgenheit und Harmonie hatte ich noch nie in meinem Leben erfahren. Für mich stand fest: Ich ziehe zu ihr. Noch im Zug auf der Rückfahrt von Bremen nach Köln erzählte ich meinem Bruder davon. Er war sofort hellauf begeistert und wollte auch. Drei Wochen später zog er um.
Warum ich die Entscheidung traf, doch nicht zu gehen, weiß ich nicht mehr. Vielleicht wollte ich meinen Vater nicht enttäuschen. Vielleicht erhoffte ich mir aber auch ein besseres Leben, wenn ich mit ihm allein blieb. Ich war damals 13 oder 14 und die pubertierende Egozentrik hatte mich voll im Griff. Das führte unter anderem dazu, dass es mir in der Schule wichtiger war, beliebt zu sein, als gute Noten zu schreiben. Die achte Klasse wiederholte ich freiwillig, weil ich sonst mit dem Französischunterricht nicht hätte weitermachen können. Aber auch in den folgenden Jahren nahm ich das mit dem Lernen nicht so wichtig. Ich tat das Nötigste, um den Durchschnitt zu halten. Außer in meinem Lieblingsfach: Mathematik. Logisches Denken war schon immer meine Stärke. Wenn es heute bei uns am Tisch ums Rätselraten geht, rufen die Kinder schon immer: »Mama macht nicht mit.«
Als junges Mädchen hatte ich einige Träume. Einige traute ich mich anzugehen, andere nicht. Ich wollte gerne Klavier spielen lernen und tanzen. Mein Vater stellte mich vor die Wahl: Klavierunterricht oder Tanzschule. Ich wählte die Tanzschule.
Das war ab sofort das Highlight meiner Woche. Bei einem Wettbewerb gewann ich sogar den zweiten Platz und sah mich schon als Profitänzerin auf der Bühne. Mit 15 Jahren kam der Wachstumsschub. Innerhalb von ein paar wenigen Monaten schoss ich auf 1,76 m in die Höhe. Superschlank, mit langen Beinen bekam ich damals den Vorschlag, mich als Model zu bewerben. Lach jetzt ruhig, aber wenn dir so was im Alter von 16 Jahren gesagt wird, dann bist du schon geschmeichelt und beginnst, von einer Karriere zu träumen. Aber nur kurz, denn natürlich wusste ich, dass Tanzen und Modeln brotlose Künste sind. Außerdem wollte ich sowieso Nachrichtensprecherin werden, am liebsten bei der Tagesschau. Leider lispele ich etwas, vor allen Dingen, wenn ich aufgeregt bin, und damit war dieser Traum schon zerplatzt, bevor er richtig geträumt war.
In der Schule standen die Praktika an. Mit meinem Zahlenverständnis brauchte ich nicht lange zu überlegen. Ich ging zur Bank. Nach dem Praktikum war mir klar: Ich werde Bankkauffrau. Doch auf jede meiner Bewerbungen bekam ich eine Absage.
Zu Hause spitzte sich die Situation zwischen meinem Vater und mir zu. Ich war mittlerweile 16 Jahre alt und wurde quasi zu Hause eingesperrt. Zur Schule gehen, putzen, lernen und lesen waren die einzigen Dinge, die ich durfte. Dabei wäre ich zu gerne mit Freunden auch abends zum Tanzen gegangen. Ich wurde rebellischer und mutiger. Einmal habe ich mich widersetzt, mit dem Ergebnis, dass plötzlich mein Vater vor mir in der Disco stand.
Es gab so viele andere Situationen, an die ich mich gar nicht mehr erinnern und die ich auch nicht erzählen möchte. Kurz vor meinem 17. Geburtstag stand ich wieder vor der Entscheidung wegzugehen. Ich war drei Wochen bei meiner Mutter zu Besuch und hatte gehofft, dass sie mich fragen würde, ob ich zu ihr ziehen wolle. Ich selbst traute mich nicht zu fragen. Was würde passieren, wenn sie Nein sagte? Praktisch gesehen war ein Umzug schwierig, da sie zusammen mit ihrem neuen Mann und meinem Bruder in einer 3-Zimmer-Wohnung lebte. Wo sollte ich da unterkommen?
Zurück von meinem Besuch eskalierte es zu Hause. Ich wusste, mein Vater würde mich niemals gehen lassen. Ich traf meine Entscheidung. Ohne ihm oder meiner Mutter Bescheid zu sagen, packte ich ein paar Sachen zusammen und verließ Köln. Für immer. Das war am 11. April 1983, zwei Monate vor meinem 17. Geburtstag. Während der gesamten Zugfahrt hatte ich Angst, dass mein Vater mein Fehlen frühzeitig bemerken und mich an irgendeinem Bahnhof abfangen würde. Auch wusste ich nicht, wie meine Mutter reagieren würde.
Als ich bei ihr zu Hause ankam und die Treppe zu ihrer Wohnung hochlief, stand sie an der Tür, schlug die Hände vors Gesicht und rief: »Kindchen, was machst du denn hier?« »Mama, schick mich bitte nicht wieder weg.« Dann brach ich in Tränen aus und fiel ihr um den Hals. Für meine Mutter war völlig klar, dass ich bleiben konnte. Sie hatte nur nicht erwartet, dass ich zu ihr ziehen wollte. Wir hatten uns beide damals nicht getraut zu fragen. Nach all den Jahren der Angst war das die mutigste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Meine Mutter sagt heute noch: »Es war die beste Entscheidung deines Lebens.«
Anfangs schloss ich mich bei jedem Klingeln an der Haustür im Badezimmer ein. Ich hatte Angst, dass mein Vater mich wieder zurückholen wollte. Er drohte meiner Mutter ständig damit am Telefon. Und er weigerte sich, mir meine persönlichen Sachen zu schicken. Ich weiß, dass ich ihn mit meinem Weggang sehr verletzt habe. Ihm war vor allen Dingen das Ansehen anderer Leute sehr wichtig. Jetzt hatten ihn beide Kinder verlassen. Auch wenn unser Verhältnis so schwierig war, er hat mich dennoch geliebt. Ich ihn auch. Es vergingen ein paar Jahre, bis wir uns versöhnten.
Nachdem meine Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht und später das Sorgerecht bekommen hatte, entspannte ich mich etwas. Es war wie ein Durchatmen. Mein Leben nahm eine 180-Grad-Wende. Meine schulischen Leistungen verbesserten sich schlagartig und ich bekam plötzlich Lust zu lernen. Der ganze emotionale Leistungsdruck von zu Hause war weg. Ich lernte nicht mehr, um meinem Vater gerecht zu werden, sondern weil ich das wollte. Ich schloss die Realschule als Zweitbeste meines Jahrgangs ab und bekam schon nach dem ersten Halbjahr die Empfehlung, weiter auf das Gymnasium zu gehen. Meine Mutter empfahl mir damals den »sicheren« Weg. Im öffentlichen Dienst gab es ein paar freie Ausbildungsplätze. Ich schrieb zwei Bewerbungen, eine an das Gymnasium, eine an den Senat der Stadt Bremen. Die Zusagen kamen zeitgleich.
Noch heute hadere ich ein wenig damit, dass ich kein Abitur gemacht habe, aber hätte ich den Weg aufs Gymnasium gewählt, wäre mein Leben komplett anders verlaufen. Während der Berufsschulzeit habe ich meine Freundin Karin kennengelernt, die mich damals mit in ihre Kirche nahm. Dort habe ich zum Glauben an Jesus gefunden, habe meine Werte verändert, meinen Mann kennengelernt und Freundschaften geschlossen, die bis heute währen.
Für mich ist es eins der größten Wunder, wie ich mich trotz meiner schwierigen Vergangenheit entwickelt habe. Wie ich alte, festgefahrene Erfahrungen, Charakterzüge und Generationsentwicklungen durchbrechen konnte und ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen kann. Die Ehe meiner Eltern war geschieden, die meiner Großeltern auch, auch die Eltern und Großeltern meines Mannes waren getrennt. Ich habe, ohne noch näher ins Detail zu gehen, Dinge gesehen, gehört und erlebt, die ein Kind nicht hätte sehen, hören oder erleben dürfen.
Darum erzähle ich dir meine Geschichte. Es ist definitiv wahr, dass deine Kindheit über deine Persönlichkeitsentwicklung mitentscheidet. Aber das heißt nicht, dass du nicht jederzeit die Möglichkeit hast, deinem Leben eine Wende zu geben. Es gibt Menschen, die aus den schwierigsten Verhältnissen kommen und ein erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben führen. Und andere wiederum, bei denen alles nach Plan lief, die ein gutes Elternhaus hatten, Freunde an jeder Hand, umhegt und gepflegt wurden und die dennoch ihr Leben an die Wand fahren.
Mutig zu sein ist eine Entscheidung und Angst zu haben gehört dazu.
Am Ende zählt nicht, woher du kommst, sondern wohin du gehst.
Oder wie C. S. Lewis schrieb: »Du kannst nicht zurück und den Anfang ändern, doch du kannst da beginnen, wo du bist, und das Ende ändern.«
DAS IST MIR WICHTIG
• Auch wenn deine Vergangenheit schwierig war, gab es schöne Momente. Fokussiere dich darauf.
• Du hast die Möglichkeit, festgefahrene Charakterzüge und Generationsentwicklungen zu durchbrechen.
• Gott hat den besten Plan für dein Leben.
• Mutig zu sein ist eine Entscheidung. Angst zu haben gehört dazu.
• Am Ende zählt nicht, woher du kommst, sondern wohin du gehst.
Beates Geschichte
»So eine große Frau und so ein kleines Kind«, scherzte der Arzt bei meiner Geburt. Ich war ein Sandwichkind, das dritte von vier Kindern. Meine älteren Geschwister und ich kamen innerhalb von drei Jahren zur Welt und meine Eltern bauten gerade ein Haus. »Mehr Kraft war da wohl gerade nicht drin«, lächelte meine Mutter, wenn sie von früher erzählte. Aber sie war eine Vollblutmutter, die täglich mit uns in den Wald ging. Im Herbst sammelten wir Eicheln und Kastanien, um mit Streichhölzern daraus zu Hause Tiere zu basteln. Wenn wir aus dem Kindergarten und der Schule kamen, duftete es schon von Weitem nach Mittagessen. Vorher gab es frisch gepressten Obst- oder Möhrensaft.
»Ihr habt uns Kindern eine Steilvorlage fürs Leben gegeben«, ehrte ich meinen Vater in meiner Laudatio anlässlich eines runden Geburtstags. Schwimmen, Sportverein, Musikunterricht und kirchliches Leben gehörten wie selbstverständlich zu unserer Kindheit.
Ich war eine leidenschaftliche Wasserratte, am liebsten unter Wasser, und zwar so lange, bis ich vor Kälte bibberte. Das bescherte mir regelmäßig Mittelohrentzündungen, die schließlich chronisch wurden. Meine erste Frage bei den Ohrenarztbesuchen: »Wann darf ich wieder schwimmen?« Bis ich 22 war, hatte ich jedes Jahr mehrmals Mittelohrentzündungen. Die letzte verschwand, als ich eines Abends mit Freunden zusammensaß und sie mit mir dafür beteten. Seitdem glaube ich an Wunder.
Meine älteren Geschwister waren Leichtathleten, ich ging zum Turnen und liebte Ballett. Monatelang übte ich Spagat und Flickflack, weil meine Mutter mir versprochen hatte, wenn ich eine bestimmte Position beherrschte, bekäme ich ein Tutu, das typische Tanzkleid der Balletteusen. Obwohl ich die Position irgendwann konnte, habe ich das Tutu nicht gekriegt. Ich hab’s verschmerzt, aber vergessen habe ich es nicht.
Mit meiner Rechenschwäche brachte ich meine Mutter schon in der Grundschule zur Verzweiflung, sodass sie einen Mitschüler für die Nachhilfe engagierte.
Mein Vater war ehrenamtlicher Organist und spielte jeden Sontag in der katholischen Kirche die Orgel. Außerdem leitete er den Kirchenchor und den Männergesangsverein. Musik gehörte bei uns zum Alltag.
Meine Mutter konnte wunderschön singen und ich bewunderte sie sehr. An eine Situation kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich bin mit meiner Mutter in der Kirche und strahle sie an: »Mama, es gibt keine Frau, die so schön singt wie du.« »Ach«, wehrte Mutter verschämt ab, »das stimmt doch gar nicht.« Als kleines Mädchen konnte ich nicht verstehen, warum sie mein kindliches Lob abwehrte.
Scham will dir einreden, du bist nicht schön genug, schlau genug, schlank genug – und du singst nicht schön genug. Ist Scham vererbbar?
Eine weitere Erinnerung taucht auf, da war ich schon 20: Wir sitzen mit Freunden zusammen und machen Musik. Der Gitarrist spielt mein Lieblingslied, ich freue mich und singe laut mit, bis ich merke, dass ich die Einzige bin, die den Text kennt und jetzt noch mitsingt. Die anderen hören zu. Plötzlich kommen die Fragen hoch: Singe ich schön genug? Soll ich weitersingen? Ist das nicht peinlich? Ich bringe das Lied zu Ende, alle klatschen, aber in mir bleibt das Gefühl, mich verletzbar gemacht zu haben.
Scham will dir einreden, dass du besser unsichtbar sein solltest, den Mund nicht aufmachen solltest, weil andere dann vielleicht sehen, dass du nicht perfekt bist – und du es gar nicht wert bist, dasss man dich beachtet.
Ich habe gelernt, dass Verletzbarkeit annehmen heil werden bedeutet. Dass ich perfekt bin, auch wenn ich Unperfektheit zeige. Dass ich es wert bin, den Applaus zu bekommen. Dass ich es wert bin, beachtet zu werden. Aber es war ein Prozess. Wie viele »Ichtraumichnichts« wohl auf Scham beruhen? Vielleicht helfen dir unsere Beispiele, falsche Scham abzulegen und unverschämt mutig zu werden.
Meine Mutter war eine attraktive Frau. Ich liebte es, wenn sie sich für besondere Gelegenheiten schön machte, die Haare sorgfältig frisierte, Lippenstift auflegte und eines ihre wunderschönen Kleider trug. Einige Kleidungsstücke habe ich noch in lebhafter Erinnerung, die wollte ich auf jeden Fall haben, wenn ich erwachsen bin. Was mich als Mädchen oft wunderte: dass sie sich nicht jeden Tag so schön machte. Mutter war Hausfrau, viel im Garten, viel im legeren Freizeitlook gekleidet. Immer ordentlich, aber ich liebte den Glamourfaktor, der sie umgab, wenn der Anlass es verlangte. Meine Vorliebe für schöne Kleider begann also schon in der Kindheit. Im Gegensatz zu meiner Mutter trage ich sie täglich – und Lippenstift benutze ich auch.
Wie heute erinnere mich an einen Eklat im Flötenunterricht. Das war der Tag, an dem meine Lehrerin herausfand, dass ich die mit der Gruppe geübten Stücke zwar einwandfrei beherrschte, aber keine Noten lesen konnte. Da hatte ich mich erfolgreich durchgeschummelt. Meine Lehrerin war empört.
Als Kind las ich und las und las. Ich liebte die Romane von Enid Blyton. »Hanni und Nanni«. »Fünf Freunde«. Einmal bekam ich mehrere »Dolly«-Bände zu Weihnachten geschenkt und versank schon am Heiligabend so tief in meine Lektüre, dass das erste Buch ausgelesen war, als meine Eltern und Geschwister aus der Christmette kamen. Besuche in der Schulbücherei waren mein Highlight. Natürlich bin ich später eine Lesemutter geworden, die ihren Kindern stundenlang vorlas. Und wenn sie eingeschlafen waren, las ich weiter. Auch heute ist meine Leselust ungebremst. Ich besitze nach wie vor einen Büchereiausweis und es ist ein Feiertag, wenn ich ein paar Stunden in einer großen Buchhandlung schmökern kann.
Mein Vater wachte mit Strenge über die schulischen Leistungen meiner älteren Geschwister und die Schimpfe beim Lateinabhören und Klavierüben ließ mich schon früh nach Auswegen suchen, um Ärger zu vermeiden. Statt Klavier lernte ich Gitarre und ging auf die Realschule, mit Wahlfach Französisch. Das konnte Papa beides nicht. Durchgeschummelt oder einfach kreativ? Auf jeden Fall beschäftigte ich mich lieber mit Lösungen als mit Problemen.
Meine Realschulzeit verlief reibungslos. Ich hatte Freundinnen und kam gut mit. Das Dramatischste war mein Jahr Magersucht mit 14. Darüber erzähle ich dir im Kapitel »Trau dich, verletzbar zu sein« mehr. Meine Eltern haben sich zu Recht Sorgen gemacht, denn am Schluss war ich klapperdürr. Es kam aber nicht so weit, dass ich ärztliche Hilfe gebraucht hätte, denn nach ziemlich genau einem Jahr kam die Wende: Wir hatten Besuch. Es gab leckeres Essen und meine Cousine kam mit frisch belegten Laugenstangen auf mich zu und bot mir eine an. »Warum eigentlich nicht«, dachte ich und fing wieder an zu essen. Gott sei Dank. Meist gehen solche Erkrankungen nämlich nicht von alleine weg, sondern erfordern psychologische und medizinische Hilfe.
Ganz sicher hat dieses einschneidende Jahr dazu beigetragen, dass ich später meinen Wunschberuf als Diätassistentin ergriffen habe.
Aus meiner Realschulzeit fallen mir kleine Mutanfälle wie die Sache mit der Stinkbombe ein. Stolz bin ich nicht darauf, aber sie zeigt etwas von meinem Charakter, spannende Sachen einfach mal auszuprobieren, statt lange zu zaudern. In der Pause hatten wir Schüler uns darauf geeinigt, eine Stinkbombe zu zertreten. Ich glaube, wir wollten die letzten beiden Stunden frei bekommen. Und da lag die Stinkbombe in einem Glasröhrchen auf dem Boden des Klassenzimmers und keiner traute sich draufzutreten. Diese Unentschlossenheit ging mir so gegen den Strich, dass ich den Job übernahm. Die ganze Klasse bekam eine Strafarbeit und ich einen Brief an die Eltern.
Motivationscoach Mel Robbins hat die »5-Sekunden-Regel« erfunden.2 Wenn eine Entscheidung ansteht, sagt sie, gibt unser Gehirn uns fünf Sekunden, um sofort zu handeln. Zaudern wir länger, stellt sich unser Gehirn in den Weg. Um schneller und vor allem öfter ins Handeln zu kommen, empfiehlt sie, schlicht runterzuzählen: 5-4-3-2-1 und Action.
Ohne diese Regel gekannt zu haben, traf ich Entscheidungen schon als Kind intuitiv und schnell.
Kirchliches Engagement war für uns selbstverständlich. Jahrelang leitete ich eine Kindergruppe, ich war im Kirchenchor und in der katholischen Jugend. Ebenso jobbte ich in den Schulferien. Von dem ersparten Geld kaufte ich mir eine bessere Gitarre und später eine rote Vespa.
Die erste Spritztour unternahm ich mit meiner Schwester Dorothee. Ohne uns von den Eltern zu verabschieden, brachen wir zu einem Spontanbesuch bei den 170 Kilometer entfernten Verwandten auf. 1976 gab es weder Handys noch Navis. Ziemlich stolz riefen wir abends zu Hause an.
Mit meiner Vespa konnte ich zur weiterführenden Schule in der Nachbarstadt fahren. Mit ihr fuhr ich nachmittags zur Theater-AG und abends zum Tanzen. Ich liebte die Feste auf den Dörfern und blieb so lange weg, wie ich durfte. Meine Eltern wussten, sie konnten sich auf mich verlassen.
Nur einmal wollten sie mich abends nicht fortlassen. Da musste ich kreativ werden. Als alle schliefen, schlich ich mich aus dem Haus und ließ den Motor des Rollers erst in sicherer Entfernung an. Als ich nachts in mein Zimmer schlich, saß im Sessel ein Gespenst. Nein, meine Mutter.
Die rote Vespa wurde mein Markenzeichen und ich hab sie geliebt. Erst acht Jahre später, als ich mit unserer ältesten Tochter schwanger war, habe ich sie weitergegeben.
Mit 18 Jahren kam die große Wende. Ich erlebte den Unterschied zwischen »christlich« und Christ. Ich hatte Gott ja nie angezweifelt und war gut in unsere katholische Kirchengemeinde integriert. Aber mein Glaube war ein Kopfding und hatte nichts mit meinem Herzen zu tun.
Ich lernte Leute kennen, die völlig anders von Gott sprachen als ich. Petra, die durch die Scheidung ihrer Eltern auf Abwege gekommen und in Drogen hineingeraten war, erzählte, wie Jesus sie von Bitterkeit und Drogensucht befreit hatte. Auch meine anderen neuen Freunde erzählten krasse Dinge, die sie mit Gott erlebten. Das faszinierte mich.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass Gott keine Theorie, sondern real erfahrbar ist. Kein Mensch sagte mir, dass ich nicht mehr zum Tanzen gehen dürfte. Aber mein Interesse war erloschen. Ich hatte Feuer für Jesus gefangen und wollte so viel wie möglich darüber wissen, wie ich Gott persönlich erfahren konnte.
Leider bekam ich keinen Ausbildungsplatz in meinem Wunschberuf als Diätassistentin. Aber durch mein Fachabitur hatte ich die Möglichkeit zu studieren. Theologie schien mir das Logischste zu sein. Ich bekam einen Studienplatz und zog nach Mainz. Die historisch-kritische Bibelauslegung und die »Entmythologisierung« meines Glaubens machten mir aber ganz schön zu schaffen. Im zweiten Semester erhielt ich eine Vorladung vom Ordinariat. Man hatte von meinen Kontakten zu einer evangelischen Freikirche gehört und legte mir nahe, diese Kontakte einzustellen, wenn ich später eine Anstellung in der Kirche anstrebte. Meine Bedenkzeit war kurz. 5-4-3-2-1. Ich beendete mitten im Semester das Studium.
Ich bin froh über diese Erfahrung und werde im Kapitel »Trau dich, Entscheidungen zu treffen« noch näher darauf eingehen. Die Berufswahl ist wohl eine der wirklich großen Entscheidungen unseres Lebens. Durch diesen kleinen Umweg habe ich noch schneller herausgefunden, was ich nicht (sein) will. Ich überbrückte die Zeit mit einem 4-Wochen-Kurs zur Schwesternhelferin bei den Johannitern und einem Praktikum in einem Altenheim. Nachmittags war ich so kaputt von der ungewohnten Arbeit, dass ich auf der Stelle einschlief.
Mein Vater, der gerade zur Kur in Bad Mergentheim war, machte einen Ausflug ins nahe Würzburg und schaute in der Fachschule für Diätassistentinnen vorbei, die mich zwei Jahre zuvor abgelehnt hatten. Genau an diesem Tag gab eine Schülerin ihren Platz aufgrund einer Schwangerschaft frei. Wie durch ein Wunder rückte ich nach und wenige Monate später zog ich nach Würzburg, um doch Diätassistentin zu werden. Umwege erhöhen die Ortskenntnis, sagt man. Dieser Umweg hat sich gelohnt.
DAS IST MIR WICHTIG
• Scham will dir einreden, du bist nicht schön genug, gut genug, schlau genug, schlank genug – und du singst nicht schön genug. Sei un-verschämt versöhnt mit dir, so wie du bist.
• Scham will dir einreden, dass du besser unsichtbar sein solltest, den Mund nicht aufmachen solltest, weil andere sonst sehen, dass du vielleicht nicht perfekt bist – und du es nicht wert bist, gesehen zu werden. Mach dich bereit für die erste Reihe.
• Verletzbarkeit annehmen bedeutet heil werden. Du bist perfekt, auch wenn du Unperfektheit zeigst.
• Betrachte Probleme als Möglichkeiten, Lösungen zu generieren und deine Kompetenz zu erweitern.
• Wenn eine Entscheidung ansteht, gibt unser Gehirn uns fünf Sekunden, um sofort zu handeln. Zaudern wir, stellt sich unser Gehirn in den Weg. Um schneller und öfter ins Handeln zu kommen, zähle schlicht runter: 5-4-3-2-1 und Action.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
… Beate
»Würde dich interessieren, was meine beiden schlechtesten Vorträge überhaupt waren?«, frage ich Heike. Sie nickt begeistert. Ich schweige. Davon habe ich bisher noch keinem erzählt, nur meinem Mann. Peinlich genug, dass es überhaupt passiert ist. Aber weil Heike und ich ja versprochen haben, auch von unseren Pleiten, Pech und Pannen zu berichten, wird Heike die beiden Geschichten also lesen können, wenn ich sie nun aus der Dunkelkammer hervorhole – und du auch.
Zunächst mal: Ich brauche keine Bühne. Ich reiße mich nicht um Sprechertermine in aller Welt. Ich sehe mich eher als Talentsucherin, die für andere die Bühne vorbereitet und ihnen den Auftritt überlässt.
Aber ich liebe das Zusammensein mit Menschen und gebe gerne Impulse. Das trifft es so ziemlich. Menschen zusammenbringen. Impulse geben. Prozesse anstoßen. In Einzelpersonen. Aber auch im größeren Stil. Wenn ich als Sprecherin angefragt werde, wäge ich vorher gut ab.
Ich habe im Lauf der Jahre Hunderte Vorträge gehalten. Manche wurden zu Sternstunden, die ich nie vergessen werde. Wo ich über mich hinausgewachsen bin. Wo der Funke übergesprungen ist. Vorträge, die mitten ins Herz der Zuhörer trafen. Dann gab es unzählige Vorträge, wo ich wusste: Es war gut. Ich war richtig. Ich habe den Punkt getroffen. Ich habe Herzen berührt. Und ich bin dankbar und zufrieden nach Hause gefahren.
Und dann gab es diese beiden Katastrophen.
Ich fuhr fröhlich und gut vorbereitet zu einem vermeintlichen Frauenabend. Thema war: »Mein Körper, Freund oder Feind«. Den Vortrag hatte ich schon oft gehalten und habe verschiedene Versionen davon, ich könnte ihn ohne Konzept und im Schlaf halten. Natürlich ist bei mir kein Vortrag wie der andere, ich erzähle neue Beispiele und gehe spontan auf die Situation der Anwesenden ein.
Als ich mit dem Auto vorfuhr, schwante mir, dass das eine richtig große Nummer wird. Männer und Frauen waren noch eifrig beschäftigt, die Halle vorzubereiten, und es erwartete uns ein sagenhaftes Willkommensbüfett. Die Größe der Veranstaltung war nicht das, was mich beunruhigte. Es waren die vielen Männer, die offensichtlich vorhatten, alle bei meinem Vortrag dabei zu sein. Ich stutzte. War das nicht explizit ein Abend für Frauen?
Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Männer meinem Vortrag zuhören, wenn ich das vorher weiß, aber bei diesem Thema hatte ich wirklich nur typisch feminine Beispiele eingebaut. Mein Gefühl trog mich nicht. Mir war die Tatsache entgangen, dass das ein offener Abend für alle war, zum Thema »Gesundheit«.
In meinem Kopf versuchte ich krampfhaft, die weibliche Note, die meinen Vortrag durchzog, durch neutralere Beispiele zu ersetzen. Ich kämpfte um jeden Absatz. Meine Zunge klebte am Gaumen und meine Augen am Konzept, das ich sonst frei vorgetragen hätte. Gefühlt stand ich bis zu den Knien im Schweiß. Wie viele der Zuhörer gemerkt haben, dass der Abend für mich der Super-GAU war, ahne ich nicht. Ein netter älterer Herr, der sich als Organisator der Veranstaltung herausstellte, lächelte mir auf jeden Fall zum Abschied freundlich zu und empfahl, mir allmählich eine Lesebrille zuzulegen, damit ich in Zukunft keine Schwierigkeiten habe, mein Konzept zu lesen.
Die ganze Heimfahrt biss ich mir auf die Zunge vor Scham. Hyperventilierte. Verstand nicht, wie mir so etwas Peinliches hatte passieren können. Und hoffte, hoffte von ganzem Herzen, das wenigstens einer der Zuhörer etwas mitnehmen konnte. Erstaunlicherweise habe ich genau auf diesen Vortrag noch viele Reaktionen bekommen.
Ich hatte sehr offen von meinem Jahr Magersucht erzählt und wie meine Geschichte weitergegangen ist. Und anscheinend konnte ich genau mit diesem Punkt einigen Anwesenden, übrigens auch Männern, wirklich Hoffnung machen. So war die Blamage auf jeden Fall nicht umsonst. Ich hatte mich durch meine Offenheit verletzlich gemacht und dadurch Herzen berührt.
Das zweite Desaster war schlimmer. Wieder fuhr ich fröhlich und bestens vorbereitet zu einem Frauenabend. Das Thema: »Wenn nichts läuft, wie es soll«. Und es lief wirklich nichts, wie es sollte. Auch diesen Vortrag hatte ich schon oft gehalten, trotzdem war ich jeden Punkt noch einmal einzeln durchgegangen. Wenn ich einen Vortrag halte, will ich weniger ein Thema präsentieren. Ich will mehr als Wissen vermitteln. Ich will die Herzen. Tja! Und wieder hatte ich wohl eine Information verpasst. Wieder war es kein Frauenabend, sondern ein gemischtes Publikum, das vor mir saß.
Ein Frauenherz zu berühren, damit habe ich Erfahrung. Da habe ich auch keine Scheu. Erst jetzt, in der Nachverarbeitung des Geschehens, ahne ich, dass genau hier die Ursache für mein Blackout lag. Ich hatte Scheu, ein Männerherz zu tief zu berühren. Es kam mir unerlaubt, unpassend vor. Schon kurz nach dem Anfang des Vortrags, den ich schon dreißigmal genauso gehalten hatte, kam ich ins Schwimmen und dann total aus dem Konzept. Irgendwie, mit mehreren Anläufen und Entschuldigungen, brachte ich den Vortrag hinter mich.
Ich fühlte mich schuldig, einen sorgfältig geplanten Abend komplett ruiniert zu haben, und wollte noch nicht einmal mein Honorar annehmen. Ich hatte vor Ort eine Übernachtung gebucht, doch in dieser Nacht schlief ich kaum. Zu Hause teilte ich meinem Mann die Entscheidung mit, dass dies der letzte Vortrag gewesen sei, den ich je gehalten hätte. Man muss auch wissen, was man nicht kann.
Nein, es ist nicht mein letzter Vortrag geblieben. Ich hatte vorher schon gute Vorträge gehalten – und auch nachher. Diese beiden sind mir allerdings als unvergesslich peinlich in Erinnerung geblieben. Hätte ich nur diesen letzten gehalten, wäre in meinem Unterbewusstsein die Botschaft hängen geblieben: »Vorträge halten kannst du nicht.« Und tatsächlich fällt mir das Kommunizieren mit Gruppen und Kursen mit zehn, zwanzig, dreißig Leuten wesentlich leichter. Aber Übung macht den Meister.
Als ich als junges Mädchen einmal mit meiner Vespa bei Regen ausrutschte und auf der Straße lag, kam ein Mann, half mir, den Roller wieder aufzustellen, meine Gitarre aufzubinden und rief: »Sofort weiterfahren, sonst haben Sie später Angst, wieder zu fahren.« Die Lektion »Bei Regen langsam in die Kurve« habe ich gelernt und bin noch jahrelang angstfrei weitergefahren.
Ich werde auch weiterhin nicht jede Einladung annehmen. Aber wenn ich weiß, dass ich etwas zu sagen habe, bin ich mutig genug, die Gelegenheit zu nutzen.
Scham und Angst wollen dir einreden, es ist besser, du lässt es.
Selbstvertrauen wächst, je öfter du merkst, dass du dir vertrauen kannst, dass du die Fähigkeit besitzt, die hier gebraucht wird.
Jeder hat mal Selbstzweifel, das ist klar, aber die Grundeinstellung ist wichtig.
Je mehr negative Erfahrungen du gemacht hast, desto öfter solltest du gute neue Erfahrungen machen, die diese Verunsicherung widerlegen. Damit dein Selbstvertrauen wieder stärker wird.
Vielleicht fragst du dich gerade, wie man das denn macht, gute Erfahrungen, damit dein Selbstvertrauen stärker wird? Durch Überwinden des Zauderns. Des Wartens. Der Passivität. Durch gute Entscheidungen. Das ganze Buch handelt ja von unseren »Traudichs«. Im Kapitel »Trau dich, Entscheidungen zu treffen« geht es um grundlegende Entscheidungen, die deine Identität ausmachen.
Kennst du die Geschichte vom angeketteten Elefanten? Jahrelang war er die Attraktion des Zirkus und stellte während der Vorstellungen seine Kraft und Größe zur Schau. Die restliche Zeit stand er mit einem Fuß angekettet an einen Pflock und bewegte sich nur so weit, wie die Kette ihn ließ. Angesichts der Kraft des Elefanten waren sowohl die Kette als auch der Pflock geradezu lächerlich. Warum bäumte sich das Tier nicht auf? Warum lief er nicht auf und davon? Weil er dressiert war! Von klein auf. Als Babyelefant hatte er noch versucht, seinen Radius zu vergrößern. Aber er war durch die Kette immer wieder an seine Grenzen erinnert worden.
Schlechte Erfahrungen können zu Glaubenssätzen werden. Schlechte Erfahrungen dressieren dich. »Rechnen kann ich nicht.« »Im freien Reden bin ich nicht gut.« »Das funktioniert bei mir nicht.« Aber du bist gar nicht mehr dieselbe wie damals! Trau dich, es wieder zu probieren.
Vielleicht habe ich das Glück, keine Perfektionistin zu sein. Hätte ich mich sonst getraut, fünf Kinder zu erziehen? Spätestens beim dritten hätte ich aufgegeben, weil ich gemerkt hätte, das wird nichts mit mir als perfekter Mutter. Hätte ich mich getraut, Vorträge zu halten, Artikel und sogar Bücher zu schreiben? Der Weg zu einem guten Vortrag begann damit, mich zu trauen, einen unperfekten Vortrag zu halten. Und noch einen.
Der Weg zu guten Artikeln begann damit, viele Na-ja-Artikel zu schreiben und einzusenden. »Gerade habe ich deinen Artikel über Freundinnen gelesen«, schreibt eine Bekannte. »Du hast echt die Gabe, humorvoll, liebevoll und pfiffig zu schreiben«, lobt sie mich. »Ach«, denke ich … stimmt ja, der Artikel war richtig gut geworden. Mein hundertster.
Hier meine Ermutigung an alle Perfektionisten, die seit Jahren ein Manuskript in der Schublade haben, ausgearbeitete Vorträge, ganze Gedichtbände, Liedertexte mit und ohne Noten: Trau dich! Warte nicht auf das perfekte Ergebnis, die perfekte Gelegenheit, dass jemand dich entdeckt und dir die Bühne bereitet. Und du musst ja nicht gleich den ganzen Gedichtband veröffentlichen. Aber ein Gedicht von dir vorlesen. Du musst nicht gleich ein YouTube-Video mit deinem selbst geschriebenen Lied produzieren. Aber du könntest es deinen Freunden vorsingen, zum Geburtstag zum Beispiel. Die Welt ruft dich. Ich rufe dich auch. Ich würde dich so gern singen hören.
Wie das Sprichwort sagt: Wie still wäre es im Wald, wenn nur die begabtesten Vögel sängen!
Durchgefallen
Wenn ich von der Autobahn zum Haus meiner Eltern fahre, komme ich an der Stelle vorbei, wo der Fahrschulprüfer mir damals eröffnete, dass ich bei der praktischen Prüfung durchgefallen bin. Was für eine Demütigung für eine 18-Jährige. Auch heute noch denke ich bei jedem Vorbeifahren daran. Und wenn ich drei Kilometer weiter an der Fahrschule vorbeikomme, denke ich noch mal daran. An das Gefühl, als ich ein paar Wochen später den Führerschein in den Händen hielt, erinnere ich mich nicht, nur an die Blamage, durchgefallen zu sein.
Ich beschließe, beim nächsten Mal genau an dieser Stelle auszusteigen, eine Piccoloflasche Sekt zu öffnen und mit dem Erstbesten, der vorbeigeht, 42 Jahre nachträglich auf meinen Erfolg anzustoßen und ein Foto davon zu schießen. Ich möchte neue Bilder in meinem Kopf!
Wie gut, dass ich das Geld und einen weiteren Anlauf nicht gescheut habe. Allerdings bekam ich kaum Fahrpraxis. Zum einen hatte ich ja meine Vespa. Die genügte mir für die täglichen Wege und meine Spritztouren. Und wenn es für den Roller zu weit war, gab es genug Freunde, die mich mitnahmen.
Am 16. Mai 1984 bekam unsere frischgebackene Familie ein Auto. Unser erstes Kind war einen Tag vorher auf die Welt gekommen und mein Mann besuchte mich im Krankenhaus – mit einem Kleinbus. Mein Wunsch, ihn selber zu fahren, hielt sich in Grenzen. Das zweite Kind kam, das dritte und bestimmt auch das zweite und dritte Auto. Mit dem vierten Kind schwanger wurde mir bewusst, wie viel leichter es sein würde, wenn ich mich traute, Auto zu fahren.
Zu dieser Zeit wohnte eine norwegische junge Frau bei uns, deren Name mir so gut gefiel, dass ich das kleine Menschlein in meinem Bauch nach ihr benannte. Birgitta. Mit Engelsgeduld half sie mir, meine Scheu zu überwinden, und übte mit mir Autofahren. Eine ziemlich große Delle am Garagentor war das einzige Lehrgeld, das wir bezahlen mussten. Birgitta ging nach Norwegen zurück, unsere Birgitta kam auf die Welt und seit 30 Jahren fahre ich täglich Auto, weitaus mehr als mein Mann.
Andere Scheiterhaufen
Von außen sieht es vielleicht so aus, als ob Türen grundsätzlich vor mir aufgegangen wären. Dass ich jeden Vorsatz umsetzen konnte und alles gelungen ist, was ich angefangen habe.
Die Momente, in denen ich mich hinterfragt habe, sind nicht öffentlich. Die Momente, in denen ich nicht aus Leidenschaft, sondern aus purem Wissen, dass es richtig ist, weitergemacht habe, hat kein Außenstehender mitbekommen. Die Nächte, die ich mir um die Ohren geschlagen habe, auch nicht und ebenso wenig die, in denen ich vor Müdigkeit geweint habe.
Eine große Demütigung war meine Kündigung. Ich hatte jahrelang in der Firma gearbeitet und mich richtig reingekniet. Ein bisschen dachte ich, ich wäre »das beste Pferd im Stall«. Natürlich wusste ich, dass ich auch Fehler mache, aber als ich die Kündigung erhielt, dachte ich, in den Boden versinken zu müssen oder zu sterben. Bin ich nicht. Das Leben ging weiter – und wäre diese Kündigung nicht gewesen, wären weder Lebe leichter noch Body Spirit Soul entstanden.
Ein Rätsel, das ich auch nach Jahren nicht gelöst habe, ist das Scheitern einer Kleingruppe in unserer Kirche. Gruppen, Kurse, Teams zu leiten ist für mich ein Selbstläufer. Freizeiten, Wochenenden, ich erinnere mich nicht, jemals Probleme beim Leiten einer Gruppe gehabt zu haben. Es wird immer gut. Die Atmosphäre ist gut. Ich leite mit leichter Hand und die Leute gehen gerne mit.
Ich war sicher, ich bin die richtige Person. Mein Mann ebenso. Ich liebte die Thematik und war voller Vorfreude. Eine gute Truppe mit Menschen, denen das Thema genauso am Herzen lag wie mir, hatte sich eingefunden. Ich kannte alle seit Jahren. Ich war sicher im Thema. Aber es ging nicht. Jeder Abend war eine Katastrophe. Wochenlang schlug ich mich tapfer durch, dann ließ ich die Kleingruppe auslaufen.
Irgendwann wird sich mir erschließen, was da los war. Ich will nur, dass du weißt: Es gibt Situationen, die wollen dir das Selbstvertrauen rauben. Wollen dir einreden, dass du der Fehler bist. Weil ich so viele positive andere Erfahrungen gemacht habe, habe ich dieses Scheitern nur als »Rätsel« abgespeichert. Aber was wäre gewesen, wenn ich bis dahin keine positiven Erfahrungen gesammelt hätte?
Ein paarmal war ich beim Lokalradio eingeladen. Im Rahmen unserer Freundinnenabende hatten wir einige Themen an die Presse weitergegeben und im Radio die Gelegenheit, ein bisschen neugierig auf das Thema zu machen. Na ja, das war ein wenig Small Talk mit dem launigen Moderator und es machte Spaß. Ihm auch. So kam er auf die Idee, dass ich eins der Themen doch auch mal im Lokalfernsehen bringen könnte. Ich weiß noch das Thema. »Stress, lass nach.« Mein eigener Vortrag darüber, dass es positiven und negativen Stress gibt.
Was für eine Chance. Aber sie stresste mich auch. Ich hatte zugesagt, aber war es nicht so, dass eins meiner Kinder gerade ein bisschen fieberte? Sollte ich nicht lieber zu Hause sein, als im Lokalfernsehen aufzutreten? Ach, du ahnst es schon. Ich hatte einfach Schiss. Ich rief den Moderator an, der in Windeseile eine neue Besetzung für den Themenbeitrag finden musste, und schäme mich noch heute, wie der Moderator vom Fernsehstudio aus Frau Nordstrand grüßte, die leider, leider wegen ihres kranken Kindes zu Hause bleiben musste. So krank war es wirklich nicht.
Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.
… Heike
»Würde dich interessieren, was meine beiden schlechtesten Vorträge überhaupt waren?«, fragt mich Beate. Natürlich! Ich will ALLES von ihr wissen, immerhin ist sie meine Freundin. Sofort erinnere ich mich an meinen schlechtesten Vortrag. Der war nicht wirklich schlecht, aber mittendrin stand eine Frau auf und meinte, sie hätte etwas anderes erwartet. Stille im Raum, nur das tiefe Einatmen der Veranstalterin war zu hören. Alle Augen auf mich gerichtet. Die Stimmung kippte. Ich reagierte so souverän wie möglich, aber fuhr anschließend Rotz und Wasser heulend nach Hause. Was für eine Blamage, nie wieder wollte ich einen Vortrag halten!
Noch bevor ich die Geschichte zu Papier bringe, kommt eine Mail von Beate: »Es ist vielleicht selbstverständlich, aber gut wäre, wenn unsere Beispiele möglichst verschieden sind, damit wir mehrere Bereiche des möglichen Scheiterns abdecken … Durch die Führerscheinprüfung bin ich gefallen … Brauchst du dann nicht mehr.«
Den Vortrag behalte ich also für mich und den Führerschein hab ich in Theorie und Praxis beim ersten Anlauf geschafft. Ich krame in Erinnerungen und schreibe ein paar Sachen auf. Da trudelt gleich noch eine Mail meiner Freundin ein: »Mit Scheitern muss auch eigenes Versagen rüberkommen, nicht wenn was Blödes passiert ist, wo jemand anders schuld ist.«
Die Suche nach dem Scheiterhaufen
Während ich die Mail von Beate lese, stehe ich zusammen mit meinem Mann in der Küche. Wir bereiten unseren samstäglichen Familienbrunch vor. Ich frage ihn, ob es okay wäre, wenn ich unsere Geschichte von vor 13 Jahren erzähle. Damals wurde uns unser Dienst in der Gemeinde quittiert und damit der Boden unter den Füßen weggezogen. Wir standen vor extrem emotionalen und existenziellen Herausforderungen und hatten keine Ahnung, wie unser Leben weitergehen sollte. »Das war weder dein noch mein Versagen, das ist uns widerfahren. Wir haben dafür Jahre später mehrere Entschuldigungen bekommen.« Stimmt, hatte Beate ja gerade erst geschrieben.
»Dann sag mir mal ein paar Sachen, bei denen ich gescheitert bin«, fordere ich ihn auf. »Es gibt nichts. Du bist noch nie durch eine Prüfung gefallen, alle Projekte, die du durchgeführt hast, sind gut gewesen, du hast ein Händchen für gewinnbringende Geschäftsideen und wenn du von einer Sache begeistert bist, setzt du sie auch erfolgreich um.« Natürlich bin ich geschmeichelt, aber ich brauche doch ein paar Scheiterhaufen für unser Buch. Wir gehen zusammen ein paar meiner vermeintlichen Misserfolge durch, aber mein Mann hält mir vor Augen, dass nicht ich die Schuld daran getragen habe, sondern die Umstände oder andere Personen.
Echt jetzt? Es gab tatsächlich keine Misserfolge in meinem Leben? Das kann ja nicht wirklich sein. Meine Kinder kommen zum Brunch und mein Mann fordert sie auf: »Sagt mal eurer Mama, wann in ihrem Leben sie versagt hat.« Fragezeichen in den Augen meiner Kinder. Ich erkläre ihnen, dass ich ein paar Pleiten fürs neue Buch brauche, und lese die Geschichte von Beate vor. Sie schauen mich ratlos an. »Mama, es gibt nichts.« Ich werde bisschen ungeduldig. »Ihr braucht euch nicht zurückzuhalten. Überlegt mal weiter, bestimmt fällt euch noch was ein.« Mein Mann ist mittlerweile fast ein bisschen genervt, weil er meint, dass ich nicht irgendwelche Erlebnisse dramatisieren müsse, nur damit das Buch spannend wird. Natürlich nicht, wir wollen ja ehrlich sein.
Mütterversagen
Dann fällt meiner Tochter doch noch was ein: »Mama, du hast darin versagt, uns Ordnung beizubringen.« Stimmt. Hätte ich mich ohne das Einverständnis meiner Kinder nicht getraut, ins Buch zu schreiben. Mir liegt Ordnung selber nicht im Blut, obwohl ich es mittlerweile schon recht ordentlich bei mir zu Hause habe. Aber dafür muss ich mich echt überwinden. Wozu ich mich nie überwinden konnte, war das Aufräumen der Kinderzimmer.
Mit vier kleinen Kindern war ich froh, wenn die Küche einigermaßen sauber war, die Wäsche gewaschen und ich mindestens einmal die Woche das Haus gesaugt hatte. Von den Kindern hatte ich schon recht früh erwartet, dass sie ihre Zimmer selber aufräumen, und das leider zu inkonsequent kontrolliert. Mittlerweile sind sie alle erwachsen, mein Erziehungsauftrag ist vorbei. Aber hin und wieder läuft mir eine Träne übers Herz, wenn ich das Chaos in den Zimmern der Kinder sehe, die noch zu Hause wohnen.
Wenn ich an die Kindererziehung denke, dann gab es noch ein bisschen mehr als das Scheitern beim Aufräumen. Wie viele Erziehungsratgeber habe ich verschlungen, um alles richtig zu machen, und bin an meiner eigenen Überforderung gescheitert. In der Reflexion hätte ich sehr gerne vieles anders gemacht. Als Mutter fühlte ich mich oft als Versagerin. Zu wenig Zeit, zu wenig konzentrierte Aufmerksamkeit, zu streng, zu inkonsequent. Würde ich all mein Versagen als Mutter aufschichten, der Scheiterhaufen wäre riesig.
Aber genau an dieser Stelle bin ich einmal mehr glücklich und dankbar, dass es Vergebung gibt. Wir haben mit allen unseren Kindern ein gutes Verhältnis. Sie vermitteln uns immer wieder, dass sie eine gute Erziehung genossen haben. Gnadenamnesie nennt man so etwas. Dieser Scheiterhaufen ist restlos runtergebrannt und es bleibt nur noch etwas Asche, die sich hin und wieder mal in meine Erinnerung schmuggelt.
Abgelehnt
Das Thema des Scheiterns beschäftigt mich den ganzen Tag. Und dann fallen mir doch noch ein paar Dinge ein.
1998 hatte ich mich als Ernährungsberaterin mit der Firma Weight Watchers selbstständig gemacht. »Frau Malisic, Sie werden es ziemlich weit in dieser Firma bringen«, versicherte mir meine damalige Ausbilderin. Und so war es auch. Ich wurde sehr erfolgreich, leitete mehrere große Gruppen und sonnte mich in meinem Erfolg. Ich brachte gutes Geld nach Hause und hatte die Anerkennung meiner Teilnehmer. Ich wuchs förmlich über mich hinaus.
Als dann die Stelle einer Gebietsbeauftragten in meiner Region ausgeschrieben wurde, war für mich klar: »Den Job nehme ich.« Ich schrieb eine Bewerbung und wurde zum Vorstellungsgespräch nach Düsseldorf eingeladen. Es gab nur eine Konkurrentin. Ich war mir meiner Fähigkeit so sicher, dass ich mir keine großen Gedanken darum machte, die Stelle nicht zu bekommen. Drei Wochen später kam die Absage.
Absagen fühlen sich nie gut an. Auch diese nicht. Sie vermitteln dir: »Du warst nicht gut genug. Jemand anderes kann es besser als du.« So ganz locker schüttelte ich diese Ablehnung nicht ab, aber ich veränderte meine Sichtweise: »Welche positive Konsequenz hat diese Situation?«
Ich hätte meinen Job zu 100 Prozent gut gemacht. Aber meine Karriere hätte einen großen Stellenwert in meinem Leben eingenommen. Ich hätte viel weniger Zeit für meine Kinder, meinen Mann und die Gemeinde gehabt. Und wer weiß, ob ich den Absprung geschafft hätte, um mich mit Beate mit Lebe leichter selbstständig zu machen.
»Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts«, schrieb der dänische Philosoph Søren Kierkegaard.
Schmerzlich erinnere ich mich an zwei finanzielle Verluste, die ich zu verantworten hatte. Ein paar Aufgabengebiete sind in unserer Ehebeziehung ziemlich klar aufgeteilt. Während mein Mann für alles Handwerkliche im Haus zuständig ist, kümmere ich mich um Finanzen und den Bürokram.
Als gelernte Verwaltungsfachangestellte weiß ich, wie man Briefe formuliert, Anträge stellt und Unterlagen ordnet. Auch mit Geld kann ich gut umgehen. Ich habe unsere Finanzen im Blick, weiß, wann was bezahlt werden muss, wie viele Rücklagen notwendig sind und bin ein Gegner von Konsumschulden und Kreditkarten.
Jetzt aber zu meinen beiden Scheiterhaufen.
Unser ältester Sohn beantragte während seines Studiums BAföG. Wir wussten, dass unser Einkommen von vor zwei Jahren für diese Berechnung zugrunde gelegt wird. Da mein Mann in dem Jahr der Antragstellung einen erheblichen Gewinneinbruch hatte, stellte ich einen Antrag, bei dem das aktuelle Einkommen zugrunde gelegt wurde.
Es hätte gereicht, das Einkommen meines Mannes neu zu berechnen. Das wusste ich nicht. Ich hatte den Aktualisierungsantrag für uns beide gestellt. Mein Einkommen hatte sich erheblich erhöht. Als ich diesen Fehler bemerkte, war die Widerspruchsfrist des Bescheids bereits abgelaufen. Unserem Sohn hätte richtig viel BAföG zugestanden. Ich hatte den Gesetzestext einfach falsch verstanden.
Zwei Jahre später bekamen wir eine Betriebsprüfung. Die Dame vom Finanzamt fand heraus, dass mein Mann einem Subunternehmer, mit dem er eine Zeit lang zusammengearbeitet hatte, einige Tausend Euro zu viel gezahlt hatte. Der Subunternehmer hätte ihm die Mehrwertsteuer nicht in Rechnung stellen dürfen. Ich wusste das nicht, habe ihm sogar noch bei der Rechnungsstellung geholfen und das Geld ausgezahlt. Nach der Betriebsprüfung mussten wir diesen Betrag nochmals an das Finanzamt zahlen, weil der Subunternehmer die Mehrwertsteuer anscheinend nicht abgeführt hat.
Zwei riesige Fehler, die uns viel Lehrgeld und mich ein paar schlaflose Nächte gekostet haben. Ich habe richtig mit mir gehadert. Gerade weil ich sonst so hundertprozentig richtig rechne.
In solchen Situationen bin ich für meinen Mann dankbar. Er kümmert sich sonst eher wenig ums Geld. Nur in solchen Fällen zuckt er mit der Schulter und meint, was nicht zu ändern sei, akzeptieren wir so. »Wer weiß, wozu es gut ist. Und alles das, was uns zu Unrecht genommen wurde, werden wir an anderer Stelle wieder erstattet bekommen.«
Beziehungsstau
Unser Familienbrunch ist längst vorüber, da treffe ich meine Tochter nachmittags in der Küche und sage ihr, dass mir doch noch etwas eingefallen sei, bei dem ich versagt habe. »Ich wünschte, meine Beziehung zu Oma Marija wäre anders gewesen.«
Die Beziehung zu meiner Schwiegermutter war nicht immer einfach. Wir hatten ziemliche Hochs und Tiefs miteinander. Ich könnte jetzt behaupten, sie sei schwierig gewesen, aber offen gesagt habe ich auf ihre Art auch nicht immer super reagiert. Ich bin dankbar, dass wir versöhnt waren, bevor sie für immer die Augen schloss. Ihre letzten Worte damals am Telefon waren: »Ach, Heikitsch (so nannte sie mich immer), ich freue mich ja so.«
Ich war der Meinung, sie meinte damit ihre neu bezogene Wohnung in Bremen, in der sie seit zwei Wochen wohnte. Aber das war es nicht. »Ich freue mich, nach Hause zu gehen, zu Jesus, und dann auch Julian wiederzusehen.« Den Tod ihres Enkels hatte sie nie überwunden. Aber sie wusste, dass sie ihn wiedersehen wird. Das ist der Glaube und die Hoffnung der Gläubigen. Wir führten noch ein sehr emotional bewegendes Gespräch. Ich erzählte ihr, dass ich bereits den Zug gebucht hatte, um sie im nächsten Monat zu besuchen.
Eine Woche später ist sie noch einmal umgezogen. In ihre himmlische Wohnung. Immer wenn ich an sie und unser letztes Gespräch denke, bin ich traurig, dass ich es nicht besser mit ihr hinbekommen habe. Dass wir uns oft gestritten und missverstanden haben.
»Mama, hör jetzt auf, das tut dir nicht gut«, fordert meine Tochter mich auf, während mir die Tränen übers Gesicht laufen. Recht hat sie. Mir wird bewusst, dass die Dinge, bei denen ich gefühlt wirklich gescheitert bin, nichts mit durchgefallenen Prüfungen, verpatzen Vorträgen oder Fehlern in Buchhaltung zu tun haben. Ich bin eher an der einen oder anderen Beziehung gescheitert. Eine Freundschaft ist zu Bruch gegangen, das Verhältnis zu meiner Schwiegermutter war oft angespannt, das zu meinem Vater auch. Unabhängig davon, welchen Teil der Schuld die anderen getragen haben: Für mein Verhalten bin und war ich selber verantwortlich.
Ob irgendetwas von diesen Dingen »richtiges« Scheitern ist – ich weiß es nicht. Die meisten Beziehungen bestehen noch. Wo ich mich falsch verhielt, bat ich um Verzeihung.
Ich glaube, Vergebung ist ein Schlüssel, wenn nicht sogar DER Schlüssel, um Scheiterhaufen anzuzünden. Die wichtigste Lektion dabei ist, sich auch selbst zu vergeben und den alten Kram nicht immer wieder aus der Versenkung zu holen. Meine Tochter hat recht. Ich höre auf, nach Fehlern meiner Vergangenheit zu suchen. Was passiert ist, ist passiert. Bei mir, bei Beate und bei dir.
Egal, welche Scheiterhaufen sich in deinem Leben angehäuft haben: Zünde sie an. Vergib dir selbst, wo du Fehler gemacht, wo du versagt hast. Das brennt vielleicht eine Weile, aber dann ist es gut. Dann nimmst du einen Besen und kehrst die Asche weg. Und dann schaust du nach vorne.
DAS IST UNS WICHTIG
• Scham und Angst wollen dir einreden, es ist besser, du lässt es.
• Selbstvertrauen wächst, je öfter du merkst, dass du dir vertrauen kannst, dass du die Fähigkeit besitzt, die gebraucht wird.
• Jeder hat mal Selbstzweifel, das ist klar, aber die Grundeinstellung ist wichtig.
• Je mehr negative Erfahrungen du gemacht hast, desto öfter solltest du gute neue Erfahrungen machen, die diese Verunsicherung widerlegen.
• Gute Erfahrungen kannst du machen, indem du das Zaudern und das Warten überwindest und indem du gute Entscheidungen triffst; trau dich mal!
• Trau dich, keine Perfektionistin zu sein. Warte nicht auf das perfekte Ergebnis und den perfekten Moment.
• Es gibt Vergebung für deine Scheiterhaufen.
• Frag dich nach schlechten Erfahrungen: Welche positiven Konsequenzen hat diese Situation?

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
… Heike
Dieses Buch zu schreiben macht etwas mit mir. Beim Reflektieren, Erinnern, beim Austausch mit anderen kommt mir die ein oder andere Erkenntnis, die ich vorher nicht oder zumindest nicht bewusst auf dem Schirm hatte. Da meine Mutter im ersten Kapitel vorkommt, lese ich ihr den Anfang des Buches vor. Den Fehler habe ich einmal gemacht. Etwas über sie geschrieben, ohne sie vorher zu fragen. Das sollte mir nicht noch einmal passieren.
Mit klopfendem Herzen warte ich auf ihre Reaktion. »Das hast du RICHTIG gut geschrieben. Überhaupt wollte ich dir das schon immer mal sagen. Ich lese ja auch deinen Blog und bin wirklich beeindruckt, wie du dich auszudrücken weißt.« So ein Lob von der Mama tut mir natürlich gut, zumal meine Mutter für mich immer ein Vorbild in ihrer schriftlichen Ausdrucksweise war. Ich weiß, dass sie auch sonst sehr beeindruckt und stolz darauf ist, wie ich mein Leben lebe und dass ich so erfolgreich bin.
Wir plaudern noch eine Weile am Telefon und sie wundert sich, dass sie manche Sachen aus meiner Kindheit gar nicht wusste. Zum Beispiel, dass ich gerne Nachrichtensprecherin geworden wäre und die Tanzschule besucht hatte. Das hatte sie nicht mitbekommen, weil ich zu dieser Zeit bei meinem Vater lebte. »Dass du mal etwas Außergewöhnliches machen wirst, war klar. Du hattest schon immer einen Hang zur Bühne. Ich weiß noch, wie du ABBA nachgesungen hast. Die Haarbürste war dein Mikrofon.«
Ich erinnere mich auch. Wir müssen beide lachen. Ich singe zwar nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, aber auf einer Bühne zu stehen ist für mich mittlerweile normal. Natürlich ohne Haarbürste. Geplant hatte ich das nicht.
Бесплатный фрагмент закончился.
