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Barbara Sichtermann
Mary Shelley
Freiheit und Liebe
Romanbiografie

Frontispiz: Frankenstein observing the first stirrings of his creature
(Frankenstein beobachtet die ersten Regungen seiner Kreatur),
Illustration aus Frankenstein, or the Modern Prometheus (1831)
Erste Auflage der vollständig
neu bearbeiteten Ausgabe 2022
© Osburg Verlag Hamburg 2022
www.osburgverlag.de
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Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-277-7
eISBN 978-3-95510-286-9
Inhalt
Prolog
I»Die Liebe muss frei sein, damit sie Liebe bleibt«
Erste Begegnungen
II»Zu glücklich, um zu schlafen«
Auf der Flucht
III»Und wir werden uns niemals mehr trennen«
Ein Platz in der Welt
IV»Lasst uns eine Gespenstergeschichte schreiben!«
Ein dunkler Sommer am See
V»Jetzt ist das Unglück zu mir gekommen«
Zwei Todesfälle und eine Hochzeit
VI»Treibsand, der unter meinen Füßen wegrieselt«
Schicksalsschläge
VII»Die Sterne mögen auf meine Tränen herabsehen«
Schiffbruch
VIII»Kein Auge schaut in meins zurück«
Am Rande der Gesellschaft
IX»So muss ich diese Stunden wohl glücklich und friedvoll nennen«
Freie Schriftstellerin
Nachwort
Anhang
Prolog
Die prachtvolle Villa Diodati, erbaut 1710, steht heute noch. Sie erhebt sich hinter dem Ufer des Genfer Sees, der Ort heißt Cologny und liegt bei Genf. Man hat von der Villa aus einen herrlichen Blick über den See und das Alpenpanorama.
Im Juni des Jahres 1816 fand sich auf diesem Landgut eine illustre Gesellschaft englischer Reisender ein. Die Menschen, die dort ihre Abende verbrachten, waren so berühmt und interessant, dass der Inhaber des Hotels d’Angleterre, das genau gegenüber gelegen war, Fernrohre gegen Entgelt anbot, damit seine in der Mehrzahl britischen Gäste einen besseren Einblick in das Treiben auf der anderen Seeseite hätten.
Mieter der Villa war der achtundzwanzigjährige Lord Byron, ein englischer Aristokrat und Dichter, dessen selbst von Goethe gerühmte Lyrik ihn in ganz Europa bekannt gemacht hatte. Byron war ein Exzentriker, er reiste nie ohne einen Tross Bediensteter, seine Bibliothek und eine Menagerie. In diesem Jahr hatte er außerdem den jungen Arzt und angehenden Schriftsteller John Polidori mitgenommen. Der Dichter Percy Bysshe Shelley, 23 Jahre alt, der in diesem Juni fast täglich Byrons Gast war, entstammte ebenfalls dem englischen Adel, war aber als Rebell und Atheist von seinem Vater verstoßen worden und musste mit einem bescheideneren Wohnsitz, zehn Gehminuten entfernt, vorliebnehmen. Auch Shelley reiste nicht allein. Es begleiteten ihn seine achtzehnjährige Lebensgefährtin Mary, Tochter des bekannten Philosophen William Godwin und der ebenfalls namhaften Schriftstellerin Mary Wollstonecraft, ferner Marys nur wenig jüngere Stiefschwester Claire und das Kind, das Shelley mit Mary hatte, Baby William mit seinem Schweizer Kindermädchen.
Die Begegnung mit Byron war geplant, man hatte sich außer zu Gesprächen im Salon zu Segeltouren und Wanderungen in der Umgebung verabredet. Es blieb aber dann doch meist bei Gesprächen, denn der Sommer 1816 war außerordentlich dunkel und kalt und völlig verregnet. Was die fünf Besucher nicht wissen konnten: der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr zuvor hatte eine derart gigantische Aschewolke in die Atmosphäre geschleudert, dass noch Monate später in Europa der Himmel grau blieb, wochenlang Regen fiel, unzählige Gewitter aufzogen und die Menschen im Juni ihre Kamine anzünden mussten. Ganze Ernten wurden durch Hagel vernichtet, in manchen Regionen herrschte Hungersnot. Die Meteorologie war noch nicht weit genug entwickelt, als dass die Menschen jener Zeit die Zusammenhänge hätten erkennen können. So glaubten sie an eine Strafe Gottes für ihr sündiges Erdenleben und schickten ihre Gebete um eine Rückkehr der Sonne an den Höchsten. In der Villa Diodati begnügte man sich notgedrungen mit spekulativen Diskursen und anregender Lektüre.
Was der Tourist des Hotels d’Angleterre zu erblicken hoffte, wenn er sein Fernrohr scharf stellte, kann man erahnen, wenn man weiß, wofür die Herren dort drüben in der Villa noch berühmt waren, außer für ihre Verse: für ein Liebesleben, das weder der Norm noch der Moral entsprach und über das ehrbare Zeitgenossen zumindest in der Öffentlichkeit eines Hotels nur im Flüsterton sprachen.
Es ist der 16. Juni, spätabends. Was erspäht der neugierige Hotelgast? Sieht er überhaupt etwas? Ja, der Salon der Villa ist hell erleuchtet, es flackert sogar ein Kaminfeuer. Neben dem Kamin hat sich Lord Byron in einem Sessel niedergelassen, in der Hand ein Buch, aus dem er augenscheinlich vorliest. Man erkennt den schönen Mann an seiner Haltung und an seinem dunklen Lockenhaar, auch an seinem verkrüppelten Fuß, den er entkleidet und auf einen Schemel hochgelegt hat. Auf dem Boden vor dem Kamin sitzt Shelley, er hält einen Schürhaken in der Hand, mit dem er in den Scheiten stochert, offenbar ganz begeistert von dem Funkenflug. Neben ihm steht an den Kaminsims gelehnt seine schlanke, graziöse Gefährtin Mary, ebenfalls mit einem Buch in der Hand – das sie aber geschlossen hält. Ihre brünette Stiefschwester Claire hat neben Byron Platz genommen, es sieht fast so aus, als wolle sie seinen Fuß mit einer Salbe kühlen. Ja, der englische Tourist hat davon gehört, dass diese kleine reizvolle Person die Geliebte Byrons sein soll. Ein Stück entfernt an einem Tischchen sitzt Mr Polidori und beobachtet die Szene, immer wieder wandert sein Blick zu Mary, die ihrerseits Shelley betrachtet. Was es für ein Text ist, den Byron da vorträgt, erfährt der spähende Landsmann natürlich nicht. Aber er hat so eine Ahnung: es ist höchstwahrscheinlich ein französisches Erotikon.
Aber nein, da hat er unrecht. Byron liest tatsächlich Französisch, aber es ist eine übersetzte deutsche Geistergeschichte – eine sogenannte gothic story, und seine Zuhörerschaft gibt ihm nach und nach durch Gesten zu verstehen, dass sie sich nicht wirklich gruselt und von dieser literarischen Kost genug hat. Der Voyeur interpretiert die Bewegung, die jetzt in die Bewohner der Villa fährt, als Aufforderung Byrons, nach der erotisierenden Lektüre zur Praxis überzugehen und sich in den Schlafräumen zu treffen. Der englische Tourist stellt das Fernrohr ab und schüttelt den Kopf. Für heute hat er genug von solcher Amoral.

Was Byron wirklich sagte, war allerdings etwas ganz anderes. Er klappte das Buch zu, blickte in die Runde, sah die Enttäuschung in den Mienen seines kleinen Publikums und lachte.
»Immer diese spukenden alten Rittersleut’«, seufzte Shelley. »Können wir das nicht besser?«
»Immer diese alten deutschen Burgen mit den Falltüren«, sagte Mary, »das wird doch allmählich langweilig.«
»Hey, ihr Lieben«, fiel Byron ein, »warum zeigen wir nicht, dass es anders geht? Lasst uns alle miteinander eine Gespenstergeschichte schreiben!«
Der Zuspruch war einhellig, man ging auseinander und fing sogleich an zu projektieren, zu fantasieren, zu assoziieren, zu spinnen. Fast alle machten mit und versuchten sich nach dieser historischen Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1816 an einer gothic story. Polidori schrieb die Novelle Der Vampyr und lieferte damit den Startschuss des Dracula-Genres. Die beiden Poeten Shelley und Byron brachten es nur zu Fragmenten. Mary aber begann die Geschichte eines Studenten der Anatomie niederzuschreiben, der ein menschliches Wesen aus Leichenteilen zusammensetzt und es mit elektromagnetischen Impulsen zum Leben erweckt.
Sie sollte als Siegerin aus diesem Wettbewerb hervorgehen. Ihr Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus begründete nicht nur ein neues literarisches Genre, die science fiction, er ist bis heute auf dem Buchmarkt präsent, wird gekauft und gelesen und ein ums andere Mal verfilmt. Ob das Lese- und Kinopublikum sich wirklich immer noch gruselt, wenn es sich auf diesen Roman einlässt? Darauf kommt es inzwischen gar nicht mehr an. Denn Frankenstein ist weit mehr als eine Gespenstergeschichte, er ist ein moderner Mythos.
I »Die Liebe muss frei sein, damit sie Liebe bleibt«
Erste Begegnungen
»Er lebt noch!«, rief Shelley und schüttelte den Kopf – über sich selbst. Wie hatte er so unbedacht sein können! William Godwins großes Werk über Politische Gerechtigkeit war seit Jahren seine Bibel. Das Buch hatte gleich nach dem Erscheinen im Jahre 1793 – Shelley war damals gerade ein Jahr alt – für Aufsehen gesorgt, denn es entwarf eine Utopie, in der nichts mehr so sein würde wie derzeit im alten England. Und als der junge Dichter Percy Bysshe dieses Buch viele Jahre später zur Hand nahm, erschien es ihm wie ein Ruf aus einer verheißungsvollen Epoche: Revolution in Paris, Aufstand der Massen, Entmachtung des Klerus, Ende der Monarchie, Republik. Dabei nahm aber Godwin in seinem Werk Stellung gegen die Gewalt. Und er ging in der Theorie viel weiter als die Franzosen in der Praxis. Der Staat müsse überwunden werden, forderte er, und die Menschheit sich selbst regieren vermittels der ihr eingeborenen Vernunft. Seite für Seite zog der visionäre Philosoph Shelley in seine Gedankenwelt hinein, der Junge wurde sein eifriger Adept, trug das Buch stets bei sich und las sich selbst immer wieder laut daraus vor. Doch dann kam, abgesehen von einem Roman, einfach nichts Rechtes mehr von Godwin, jedenfalls nichts, was Shelley wahrgenommen hätte. Sein Lehrer war verstummt – seit nun schon über fünfzehn Jahren. Er ist wohl gestorben, hatte der Schüler bei sich gedacht, ich werde sein Andenken ehren. Und nun teilte ihm sein Freund, der Dichter Robert Southey, mit, dass Godwin in London eine Verlagsbuchhandlung betrieb, Schwerpunkt Kinderbücher. Es machte Shelley glücklich, sich vorzustellen, wie der Mann, dessen Werk ihn wie kaum ein anderes beeinflusst hatte, in einem Büro saß und eine Quartalsbilanz erstellte oder im Laden einem kleinen Jungen, der gerade lesen gelernt hatte, ein Buch empfahl. »Ich muss ihn treffen«, sagte Shelley zu sich selbst, »das Gespräch, das ich so lange in Gedanken mit ihm führe, muss weitergehen – im wirklichen Leben. Ich werde ihm schreiben.«

Das Schreiben von Briefen füllte einen großen Teil von Shelleys Zeit aus. Manchmal machte er den ganzen Tag nichts anderes – abgesehen vom Dichten natürlich. Und vom Lesen, das er ebenfalls mit ungeheuerlichem Eifer betrieb. Er las antike Autoren, französische Philosophen, deutsche Dichter, englische Klassiker, er las Platon und Lukrez, Rousseau und Condorcet, Goethe und Winckelmann, Shakespeare, Milton, Locke und immer wieder Godwin. Er las nicht nur in seinem Studierzimmer. Er las beim Spazierengehen, auf dem Lokus, in der Kutsche und beim Essen. Er hätte sehr gern noch im Schlaf gelesen, aber das gelang nicht. Immerhin las er des Nachts, wenn er aus einem Traum erwachte; lange lagen die Gedichte Robert Southeys neben seinem Bett. Dieser Schriftsteller war ihm durch sein Werk, das eine glühende Verteidigung der Französischen Revolution einschloss, ähnlich nahegekommen wie Godwin. Aber es gab auch immer wieder Ärger, denn Southey stand politisch aufseiten der Konservativen, der Torys, und das war für den Rebellen Shelley schwer zu ertragen. Southey seinerseits versuchte, den Atheisten Shelley davon zu überzeugen, dass der in Wahrheit sehr wohl an Gott glaube, dass er eben das Universum für Gott nehme. Woraufhin Shelley erwiderte, dass Gott nur eine Umschreibung für das Universum sei, man könne ihn ebenso gut weglassen. Wir, Du, ich, alle Menschen sind Teile eines unermesslichen Ganzen, schrieb er ihm. Southey war viel älter, er war erfahrener und vor allem vorsichtig geworden, was seine Sympathie für Revolutionen betraf. Shelley imponierte ihm wegen seiner Intelligenz, wegen der Wissensschätze, die er trotz seiner Jugend aufgehäuft hatte und wegen seines dichterischen Talentes, das außerordentlich schien. Und dann war dieser Knabe ein Freigeist, ein Freak, ein Radikaler. Das gefiel Southey, er sah sich vielleicht selbst in ihm, wie er früher einmal gewesen war und wollte ihn nicht wegen bloßer Meinungsverschiedenheiten als Freund verlieren. »Der einzige Unterschied zwischen uns beiden«, sagte er zu ihm, »ist, dass du neunzehn bist und ich siebenunddreißig.« Percy bewunderte Southey, er nannte ihn einen großen Mann, aber ihre politischen Differenzen führten schließlich zum Bruch. Zuvor jedoch hatte Southey seinen Freund auf die Spur eines anderen, für Shelley noch bedeutenderen Mentors gesetzt: William Godwin.
Der folgenreichste Brief, den Percy Bysshe Shelley im Jahre 1812 schrieb, ging an die Adresse einer Verlagsbuchhandlung in der Londoner Skinner Street.
Sie werden vielleicht überrascht sein, von einem gänzlich Fremden zu hören. Der Name Godwin erregt in meinem Innern Gefühle der Verehrung und Bewunderung, und gleich zu Beginn meiner Bekanntschaft mit Ihren Gedanken und Prinzipien hegte ich den glühenden Wunsch, auf der Basis persönlicher Nähe jenem Geist zu begegnen, der mir durch seine Entäußerung im Werk so hohen Genuss bereitet hat. Ich bin jung, ich brenne für die Sache der Menschheit und der Wahrheit. Glauben Sie nicht, dass es Eitelkeit sei, die mich dazu antreibt, mich selbst in dieser Art bei Ihnen einzuführen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich Ihrer Freundschaft nicht völlig unwürdig bin, und wenn das Glück der Menschheit und die Sehnsucht, es zu befördern, auch für Sie bei der Wahl Ihrer Freunde den Ausschlag gibt – dann antworten Sie mir bald.
William Godwin hatte seinerzeit fast alles in makelloser, wenngleich verschlungener Diktion niedergeschrieben, was den aufmüpfigen Schüler und Studenten Shelley umtrieb: Konnte denn der Mensch nicht in eigener Verantwortung sein Leben führen, warum mussten ihm vorgeblich unanfechtbare Autoritäten den Weg zum Glück versperren? Warum duldete das Machtwort des Vaters und der Verweis des Oberlehrers keine Widerrede? Warum war der Pfarrer befugt zu entscheiden, was sündhaft war und was süß? Warum konnten Richter einen Eierdieb ins Gefängnis werfen und einen Baron, der seinen Knecht fast zu Tode prügelte, unbehelligt lassen? Warum durften Regierungen sich anmaßen, gewaltsam Hand an den Urquell der Gesellschaft zu legen und dessen Lauf verhindern? Warum galten Frauen als Menschen zweiter Klasse, so gut wie rechtlos, eingehegt in patriarchalische Zwänge – wozu auch die Ehe gehörte, die unbedingt abzuschaffen war! Und dann über allem Gott der Herr, dessen Wille es angeblich war, dass die Hüter von Thron und Altar ein luxuriöses Leben führten, während die Massen in Stadt und Land verarmten. Godwin forderte direkte Demokratie, gerechte Verteilung aller Güter, Ächtung des Privateigentums und eine Erziehung nach Maßgabe der Vernunft. Es erschien Shelley höchst seltsam, dass dieses aufrührerische Buch Untersuchung über politische Gerechtigkeit und ihren Einfluss auf Moral und Glückseligkeit (An Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on Morals and Happiness) nicht von der Zensurbehörde verboten worden war. Der Grund war dieser: Godwin stellte an seine Leser hohe Ansprüche. Es war, meinten die Zensoren, vorauszusehen, dass sein Buch bloß innerhalb der akademischen Welt Aufnahme finden würde – wenn überhaupt. Als sich dann aber die Politische Gerechtigkeit vom Geheimtipp zum Verkaufsschlager entwickelt hatte und man überall den Namen Godwin raunte, war es zu spät, und die Zensoren mussten einsehen, dass sie sich verkalkuliert hatten. Das Thema Revolution eroberte auch außerhalb der Universitäten die Köpfe und sorgte selbst in Pubs und Salons für Debatten. Und so gelangte es – wenn auch mit einiger Verspätung – in die Hände des damals siebzehnjährigen Internatsschülers Percy Shelley. Und es eröffnete ihm eine Welt.
Godwin antwortete seinem Verehrer sogleich; es entspann sich ein Briefwechsel, der beiderseits mit Hingabe betrieben wurde. Shelley erzählte viel von sich selbst: dass er aus altem, begütertem Landadel stamme, sich aber mit seiner Familie überworfen habe, nachdem er als Student in Oxford eine Streitschrift mit dem Titel Die Notwendigkeit des Atheismus verfasst habe und daraufhin sofort von der Alma Mater relegiert worden sei. Dass er bereits zwei Romane geschrieben habe, inzwischen aber, dank Godwins Einfluss, mehr Interesse am wirklichen Leben, an der Geschichte und der Politik hege und ein weiserer und besserer Mann geworden sei.
Der Autor der Politischen Gerechtigkeit war seit seinem berühmten Erstling ein wenig in Vergessenheit geraten – dass Shelley gemutmaßt hatte, er sei gar nicht mehr unter den Lebenden, kam nicht von ungefähr. Über Godwins radikal-anarchistische Vorstellungen war die Zeit hinweggegangen – in Frankreich ebenso wie in England. Napoleon hatte ganz Europa in seine Kriegszüge verwickelt und sich zum Kaiser krönen lassen – was war aus der Revolution geworden? Und was aus mir?, fragte sich Godwin, denn seine Buchhandlung lief mehr schlecht als recht, und als Autor von Romanen erregte er kein Aufsehen mehr. Ein Bewunderer aus der jungen Generation kam da wie gerufen – ganz aus dem Gedächtnis der Zeit verschwunden war er also doch noch nicht. Wie es schien, hatte dieser Shelley wirklich was im Kopf. Und im Hintergrund war vielleicht sogar ein Vermögen! Ja, er würde sich bereit erklären, den jungen Herrn zu sich einzuladen.

Es verging noch einige Zeit, bis es zum ersehnten Treffen kam. Shelley war davon überzeugt, dass ein Revolutionär und Sozialreformer nicht nur theoretisieren darf, sondern praktisch tätig werden muss. Also reiste er als Agitator nach Dublin, um die aufständischen Iren zu unterstützen. Zurück in London dachte er dann nur diesen einen Gedanken: Godwin. Political Justice. Der Besuch steht an. Und er fragte nach, ob es genehm sei, wenn er in Begleitung seiner Frau erscheine. Denn mit Harriet, seiner siebzehnjährigen, ungewöhnlich schönen Ehegefährtin, teilte Percy die meisten seiner Unternehmungen. Sie war in Irland an seiner Seite gewesen, wusste, was ihm Godwin bedeutete, und sollte nun beim Kennenlernen dabei sein.
Der Abend im Herbst 1812, an dem Shelley erstmals mit seinem Idol in dessen Stube speiste, sollte allen Beteiligten lange im Gedächtnis bleiben. Erstaunt und erfreut blickte Shelley auf das Gewimmel junger Menschen um Godwin herum – sie nannten ihn »Papa«. Waren das alles seine Kinder? Ja und nein – und wieder ja, es dauerte seine Zeit, bis Percy und Harriet herausgefunden hatten, wie sich diese Patchworkfamilie zusammensetzte. Die Älteste, ein freundliches, schüchternes Mädchen von neunzehn Jahren namens Fanny, war die Tochter von Godwins erster Gemahlin, der berühmten Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft. Shelley hatte von dieser Schriftstellerin gehört, er wusste auch, dass sie nicht mehr am Leben war, und erfuhr später, dass Fanny ein Kind der Liebe aus Marys revolutionärer Zeit im Paris der 1790er-Jahre war, geboren vor ihrer Verbindung mit Godwin. Die Wollstonecraft hatte also diese nichteheliche Tochter mit in die Ehe gebracht. Dann war da noch ein weiteres Mädchen, ein vierzehnjähriger koketter Kobold mit schwarzen Locken; sie hieß Jane und war ebenfalls mit in die Ehe gebracht worden – und zwar von Godwins zweiter Ehefrau, einer geborenen Mary Jane Vial, die sich nach dem Vater ihrer Tochter Clairmont nannte. Jane warf lange Blicke auf die reizende Harriet und ihr elegantes Kleid. Sie hatte einen älteren Halbbruder, Sohn der Frau Clairmont, Charles geheißen, der ebenfalls zu der bunten Abendgesellschaft stieß. Ein kleiner William junior, neun Jahre alt, Sohn Godwins und seiner zweiten Frau, lief ferner im Zimmer herum. Sofort zog er Shelleys Aufmerksamkeit auf sich. Denn wenn es etwas gab, an dem der Dichter nicht vorbeigehen konnte, dann waren es Kinder. Am liebsten hätte er sich mit William auf den Boden gesetzt und ein Modellschiff aus Baumrinde mit ihm gebastelt. Aber die Höflichkeit verlangte eine gepflegte Konversation – zumal Mrs Clairmont Godwin, die umtriebige Herrin des Hauses, majestätisch am Kopf der Tafel stand und Anweisungen gab, William musste sich brav auf seinen Stuhl setzen. Und schließlich war da Godwin selbst, der Mastermind, um dessentwillen Shelley gekommen war. Ein wenig verlegen wartete der Gast darauf, dass der Philosoph das Gespräch eröffnete – was er bei der Suppe dann auch tat. »Erzählen Sie, lieber Shelley, was Sie in Irland erfahren haben. Zu welchen Gruppierungen hatten Sie Zutritt und wie ist Ihre Flugschrift aufgenommen worden?« Shelley hatte in Irland wenig bewegen können, das Thema war ihm also etwas unangenehm. Aber geschickt, wie er als Diskutant immer schon war, lenkte er das Gespräch auf die Dichtkunst, und die Familie hörte ihm gebannt zu.
»Welche sind Ihre neuesten dichterischen Projekte?«, fragte Mrs Godwin.
»Ich arbeite an einem Epos in Versen, ich nenne es ein philosophisches Gedicht. Es soll zeigen, dass eine Revolution, ein radikaler Wandel hier auf Erden alle Notwendigkeit auf seiner Seite hat und dass die Natur selbst diesen Wandel fordert.«
»Werden Sie aus diesem Gedicht vortragen?«
»Jetzt? Hier?«
»Wenn Sie es dabeihaben …«
Natürlich hatte Percy es dabei, er hatte gehofft, vor Godwin daraus lesen zu dürfen, und so warf er sich in Positur, schaute ernst in sein Publikum und sprach die Worte: »Der Titel der Dichtung lautet: Queen Mab, die Feenkönigin. Sie ist Harriet gewidmet.« Seine Frau legte den Kopf zurück und warf ihm eine Kusshand zu. Percy erhob seine helle Stimme:
»Wes ist die Liebe, die die Welt durchstrahlend,
Mich schützt vor ihres Hohnes giftgen Pfeilen?
Wes ist der liebevolle Preis,
Der Tugend schönster Lohn?
Wes Blicke machten meine Seele reifer
In Wahrheit und in kühnem Tugendstreben?
In wessen Auge schaut ich liebend
Und liebte mehr die Menschen?
Dein Auge war’s! – Du warst mein bessrer Geist;
Dein war die Begeistrung meines Lieds;
Dein sind die frühen Waldesblumen,
Die ich als Kranz dir wand.
Drück an das Herz denn diese Liebesgabe,
Und ob auch Zeiten wechseln, Jahre schwinden,
Wird jede Blume meines Herzens
Doch dir geheiligt sein.«
Zwischendurch zwinkerte er Fanny zu, die sofort rot wurde, dabei aber lächelte. Jane reichte ihm eine Tasse Tee. Und Godwin applaudierte.
»Sie werden es zu etwas bringen, mein Freund. Kommen Sie doch recht bald wieder.«
Als Percy und Harriet auf dem Heimweg waren, rekapitulierten sie, wer da in der Skinner Street von wem abstammte, und korrigierten einander mehrmals lachend.
»Nein, Percy, die Kleine mit den schwarzen Locken, die niedliche Jane, ist nicht Godwins leibliche Tochter; Mrs Clairmont Godwin hatte sie schon, als sie ihren jetzigen Mann kennenlernte, genau wie den älteren Charly.«
»Sie war demnach vor der Heirat eine Witwe?«
»War sie nicht. Von Fanny habe ich gehört, dass beide Kinder außerehelich geboren wurden – sie haben verschiedene Väter.«
Percy nickte anerkennend. »Aber der kleine Junior – dessen Eltern sind die Godwins.«
Harriet ergänzte: »In der Küche hat die Mutter mir erzählt, dass es noch eine weitere Tochter gibt, die zurzeit in Schottland lebt, Tochter aus ›Papas‹ erster Ehe, von ihm und Mary Wollstonecraft. Sie ist ein halbes Jahr älter als Jane und heißt auch Mary.«
»Drei Mädchen also hat Godwin zu versorgen, nur eines davon sein eigen Fleisch und Blut. Und zwei Knaben, einer davon sein leibliches Kind. Ein Sieben-Personen-Haushalt, und nun zähl noch die Dienstboten hinzu. Godwin hat schon in seinen Briefen angedeutet, die Verlagsbuchhandlung würfe nicht genug ab, er sei hoch verschuldet. Wir müssen überlegen, wie wir ihn unterstützen können.«

In Schottland hatte die junge Mary Godwin derweil eine gute Zeit. Zu dieser Landverschickung war es schon vor anderthalb Jahren gekommen; Mary war, wie man seinerzeit liebevoll und diskret formulierte, von zarter Gesundheit, und Besserung würde, so der Arzt, allein die Seeluft bringen. Wie die meisten Teenager hatte Mary große Lust zu reisen, aber sie fürchtete sich vor der Trennung von ihrem Vater – dem über alles geliebten. Außerdem wurde sie leicht seekrank, so sah sie der Schiffsfahrt mit gemischten Gefühlen entgegen. Aber als sie dort oben angekommen war, bei Familie Baxter, Bekannte Godwins, Nonkonformisten, wohnhaft nahe der Stadt Dundee am Fluss Tay, fühlte sie sich auf der Stelle wohl und aufgehoben. Bei ihrem ersten Besuch im Norden war sie vierzehn Jahre alt gewesen, »a bookish girl«, wie Zeitgenossen sie nannten, stets in Lektüre vertieft, aber auch selbst fabulierend und schreibend. Als ich ein Mädchen war, so drückte es die Schriftstellerin Jahrzehnte später in einem Vorwort aus, verbrachte ich viel Zeit in Schottland. Die Ufer des Flusses Tay waren mir ein freundlicher Ort, an dem ich ungestört mit den Geschöpfen meiner Fantasie verkehren konnte. Dort unter den Bäumen nahe unserem Haus oder auf den gebleichten Felsen der baumlosen nahen Berge wurden die luftigen Gestalten meiner Vorstellung geboren und aufgezogen. Ich machte nicht etwa mich selbst zur Heldin meiner Geschichten. Das Leben erschien mir, was mich selbst betraf, als eine banale Angelegenheit. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass romantische Leiden oder wunderbare Begebenheiten jemals mein eigenes Los werden könnten. Meine Fantasie war nicht auf meine Person beschränkt, ich konnte sie mit Geschöpfen bevölkern, die mir in jenem Alter weit interessanter erschienen als meine eigenen Gefühle.
Eine große Rolle in Marys schottischer Zeit spielte Isabel, eine der Töchter ihrer Gastfamilie, mit der sie sich blind verstand. Isabel war ein paar Jahre älter, mit ihr konnte Mary über alles reden – auch darüber, wie bedrückt sie zu Hause unter dem Regiment ihrer Stiefmutter gewesen war und für wie unwürdig sie diese dahergelaufene Person der Liebe ihres Vaters fand. »Wenn sie nicht eines von uns Kindern zur Schnecke machen kann, ist sie nicht zufrieden.«
Und manchmal, wenn Isabel und Mary am Flussufer einen Platz gefunden hatten, an dem sie sich niederlassen und übers Wasser blicken konnten, und wenn Isabel Mary bat, sich zu erinnern, was der Vater ihr so erzählt habe, holte Mary aus und berichtete von alten Zeiten, in denen ihre Mutter noch lebte. Eine Mutter, von der sie mit Ehrfurcht sprach, denn sie war eine Frau von großen Verdiensten. Mitten in den gefährlichen revolutionären Kämpfen hatte sie sich nach Paris getraut, dort an den Debatten um die Republik und die Frauenrechte teilgenommen, und sie war dabei ganz auf sich gestellt. Sie war Schriftstellerin geworden, die berühmte Mary Wollstonecraft, und als sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat Marys Vater, den sie schon aus einem freigeistigen Verlegerzirkel kannte, wieder traf, da war es um beide geschehen, da wollten sie zusammenbleiben und füreinander da sein, alle Zeit. »Aber nicht so wie andere Paare«, sagte Mary, »an eine Eheschließung dachten meine Eltern nicht. Das war das Freigeistige an ihnen, das Revolutionäre. Sie fanden es nicht richtig, Gesetze über Gefühle zu stellen und aus der Liebe eine Pflicht zu machen.«
»Aber sie haben es getan. Sie haben geheiratet.«
»Ja, weil ich unterwegs war. Eine Frau, die ein Kind bekam ohne Ehemann – was hatte die zu leiden und sich anzuhören! Sie galt als Sünderin, als Hure, als verworfenes Geschöpf. Ist das heute anders? Nein. Mein Vater wollte nicht, dass meine Mutter verachtet würde, verstehst du, er wollte auch, dass sein Kind seinen Namen trägt. So sind sie dann doch ein Ehepaar geworden – einfach weil die anderen Menschen noch nicht so weit waren, anzuerkennen, dass freie Liebe etwas viel Großartigeres ist; dass die Liebe frei sein muss, damit sie … Liebe bleibt.«
»Der Pfarrer hat sich bestimmt gefreut.«
»Die Meinung des Pfarrers hat meinem Vater nicht viel bedeutet. Er ist kein religiöser Mensch. Er sieht in der Religion den Versuch, die Herzen und den Geist der Menschen zu unterwerfen. Gäbe es Gott, so wäre er entsetzt, was in seinem Namen alles geschieht.«
»Meinst du nicht, dass es sein könnte … dass Gott deinen Vater für seinen Unglauben gestraft hat, als er ihm deine Mutter nahm?«
»Es war das Kindbettfieber, Isabel. Viele Frauen leiden darunter. Und sterben daran. Ich glaube nicht, dass Gott seine Hand im Spiel hatte.«
»Manchmal ängstigt mich der Gedanken, dass ich ein Kind bekommen werde. Wie soll das gehen ohne Gottvertrauen? Und ohne Gebete? Ach Mary, wenn wir Jungen wären, würden wir jetzt griechische Gedichte übersetzen.«
»Ich sollte ein Junge werden. Meine Eltern hatten sogar schon einen Namen: William. Irgendwie bin ich wirklich ein Junge geworden, weißt du. Jedenfalls werde ich griechische Gedichte übersetzen.«
***
Eines Tages war es so weit, dass Mary nach London zurückkehren musste – aber daheim stellte sich heraus, dass ihre Gesundheit immer noch ziemlich zart war und dass die Highlands, der Tay und vor allem Isabel ihr schrecklich fehlten. So kam es zu einer zweiten Reise nach Schottland und zu einem weiteren längeren Aufenthalt Marys bei den Baxters. Ferien aber waren das durchaus nicht. In der Familie Baxter, die durch Tuchfabrikation wohlhabend geworden war, wurde viel gelesen und gelernt, Hauslehrer kamen zum Unterrichten, und der junge Gast war davon nicht ausgeschlossen. William Godwin legte außerordentlich großen Wert auf die Bildung seiner Kinder, auch und vor allem seiner Töchter – die Jungen besuchten öffentliche Schulen – und er hatte seine intelligente Mary mit viel Ehrgeiz selbst unterrichtet. Mary besaß gute Kenntnisse in den Fächern Geschichte, Literatur und Philosophie, sie war in die Anfangsgründe des Lateinischen eingeführt worden und konnte schon ziemlich gut Französisch. Außerdem hatte sie zeichnerisches Talent und dichterische Fantasie. Für Godwin war jeder Tag, an dem nicht gelesen, gebüffelt, geübt und referiert wurde, ein verlorener Tag. Mary dachte ebenso. Dennoch hatte der besorgte Vater vorab an die Baxters geschrieben: Ich bemühe mich, sie wie einen Philosophen, ja wie einen Kyniker zu erziehen. Das wird viel zu der Stärke und dem Wert ihres Charakters beitragen. Ich sollte überdies hinzufügen, dass sie keinerlei Hang zur Zerstreuung hat und mit ihren Wäldern und Bergen vollauf zufrieden sein wird. Ich wünschte außerdem, dass sie zu mehr Fleiß angetrieben würde. Gelegentlich verfügt sie über große Ausdauer. Aber manchmal muss man sie etwas aufrütteln. Hätte Godwin gewusst, dass seine Tochter in ihrer schottischen Zeit an schriftstellerischen Versuchen feilte und im Angesicht der Highlands und des Meeres ihrer Fantasie freien Lauf ließ, woraufhin die luftigen Gestalten ihrer Vorstellung geboren wurden, um sie von jetzt an treu zu umschweben – es hätte ihn bestimmt gefreut. Seit das Mädchen auf der Welt war, träumte er davon, dass aus ihr eine berühmte Schriftstellerin würde. Aber dafür, so meinte er, müsste sie nun bald unter seine Fittiche und seinen Einfluss zurückkehren; schließlich war sie inzwischen mit ihren sechzehn Jahren so gut wie erwachsen.
Ein weiteres Mal hieß es für Mary Abschied nehmen von den Baxters, eine große Familie, deren Mitglieder Mary allesamt ans Herz gewachsen waren. Es war im Mai des Jahres 1814. Sie stand mit ihren Gastgebern neben Isabel am Pier, die Koffer wurden aufs Schiff gehievt. Beide Mädchen versprachen einander Briefe, Briefe und noch mehr Briefe. Ein letzter Kuss auf Isabels Wange, ein Händedruck mit Mutter Baxter, und Mary ging an Bord. »Schreib mir was über den Dichter«, rief Isabel ihr nach, »diesen, du weißt schon, Shelley. Ich möchte wissen, ob er nur ein Wirrkopf ist oder ein echter Revolutionär.«
Aus Briefen von zu Hause wusste Mary, dass es seit Längerem außer den treuen Freunden William Hazlitt, einem Kritiker, und den Dichtern Samuel Coleridge und Charles Lamb, die oft vorbeischauten, noch einen weiteren Wahlverwandten in der Skinner Street gab: Percy Bysshe Shelley. Den hatte sie noch nicht kennengelernt; sie hatte ihn zwar vor zwei Jahren kurz in der elterlichen Wohnung gesehen, aber sie erinnerte sich nicht mehr an ihn. Isabel, die sich brennend für alles interessierte, was mit der Französischen Revolution zusammenhing, und gehört hatte, dass Shelley ein Parteigänger der Jakobiner war, hätte Mary am liebsten nach London begleitet, um diesen gerade mal einundzwanzigjährigen Dichter selbst kennenzulernen. Fanny berichtete, er rede viel und klug und meist über Politik, wenn nicht über Poesie. Alle waren von ihm eingenommen, denn er hatte nicht nur die Tischgespräche belebt und Fanny – so meinte Jane – beziehungsweise Jane – so meinte Fanny – den Kopf verdreht, sondern auch größere Summen als nicht rückzahlbare Dotationen in Aussicht gestellt, damit Godwin seine drückenden Schulden loswürde. Ein guter Geist war da also in die Familie gefahren, ein Retter, ein Wohltäter. Mary war sehr gespannt auf diesen jungen Mann und fest entschlossen, ihren eigenen Kopf hoch auf den Schultern zu behalten. Zumal Shelley mit einer Ehefrau lebte, die er entführt hatte, als sie sechzehn war und die bezaubernd schön sein sollte. Seit einem knappen Jahr hatten die beiden eine kleine Tochter.
Im Jahre 1814 war die politische und soziale Lage in England äußerst angespannt. Infolge Napoleons Politik der »Kontinentalsperre«, die nichts anderes war als ein Verbot für die Länder in Frankreichs Machtbereich, Waren aus Großbritannien einzuführen, hatte sich eine große Wirtschaftskrise ereignet; zugleich machten die Folgen der Industriellen Revolution, machten Maschinen – vor allem in der Textilindustrie – immer mehr Menschen arbeitslos. Die Politiker reagierten hilflos, sie beschränkten sich darauf, die Privilegien der Reichen in Stadt und Land zu sichern, und überantworteten die »labouring poor« ihrem Elend. Für Intellektuelle wie Shelley, Godwin und Hazlitt ergaben sich täglich neue Anlässe, in Gedanken auf die Barrikaden zu steigen, in Worten und Taten aber nach gewaltfreien Wegen zu suchen, um die Zustände zu ändern. Als Mary das erste Mal an einer abendlichen Gesprächsrunde im Wohnzimmer ihres Vaters teilnahm, in Gesellschaft der Familie und jenes Dichters Percy Shelley, saß sie scheu und verschlossen dabei. Sie hörte die Männer disputieren, es ging um Getreidezölle, und überlegte derweil, wie sie Isabel den jungen Mann schildern solle. Er war groß und dünn, trug sich nachlässig mit bunter Weste, engen Beinkleidern, das blonde wellige Haar ungetrimmt und fast schulterlang. Sah er nicht aus wie ein Mädchen – die großen Augen, die rosige Haut, kein Bartwuchs? Aber wie er dann lachte und fuchtelte und seine Meinung verteidigte, dabei glühten seine Blicke – das war doch männlich. Er zwinkerte Fanny zu, das entging Mary nicht. Als er sich verabschiedet hatte, nahm sie Jane beiseite.
»Warum hat er seine Frau nicht mitgebracht? Auf sie war ich fast noch neugieriger als auf ihn.«
»Die beiden haben sich gestritten. Der Haussegen hängt ziemlich schief.«
»Warum denn?«
»Percy will, dass Harriet das Baby selbst nährt, aber sie hat eine Amme engagiert.«
»Ach.«
»Percy sagt, das Ammenwesen sei ein übler Auswuchs, eine typische Erfindung der Aristokratie und der Anfang der Entfremdung von Mutter und Kind.«
»Aber warum holt sie eine Amme, wenn doch ihr Mann …«
»Harriet tut, was ihre Schwester Eliza sagt. Die ist um einiges älter und weiß alles besser.«
Nachdem Mary und Percy einander vorgestellt worden waren, kam der junge Mann erneut in die Skinner Street und traf Mary im Laden an, wo sie aushalf und Bücher sortierte. Er zog sie ohne viel Worte vor die Tür und lief mit ihr die Straße entlang.
»Ich muss dir sagen«, begann er, »dass ich förmlich erstarrt war, als ich dich gestern zum ersten Mal sah. Ich konnte nicht sprechen, ich konnte nur schauen. Denn du bist das Ebenbild deiner Mutter.«
Mary blieb stehen. Das Portrait ihrer Mutter hing im Arbeitszimmer des Vaters, es dominierte den gesamten Raum. Die zweite Mrs Godwin hatte schon mal den Vorschlag gemacht, es an einen weniger prominenten Ort zu hängen, weil, wie sie behauptete, es dort besser abzustauben wäre, aber darüber war mit Mr Godwin nicht zu reden. O ja, Mary Wollstonecraft war eine sehr hübsche Frau gewesen, und Mary, ihre Tochter, wusste, dass sie ihr glich. Es freute sie, dass Shelley das aufgefallen war. Sie wusste nicht, was sie hätte erwidern können und sagte deshalb nichts. Langsam gingen sie weiter.
»Die wiedergeborene Mary Wollstonecraft«, sagte Shelley andächtig und ergriff kurz ihre Hand. »Ich habe gehört, du schreibst Geschichten? Wie deine Mutter?«
»Wer hat das gesagt?«
»Fanny hat es gesagt. Und deine Stiefmutter. Sie hofft, dass du jetzt damit aufhörst und im Laden mit anpackst.«
Mary schnaufte. »Was die sich einbildet.«
»Ihr seid nicht gut aufeinander zu sprechen?«
»Sie kümmert mich nicht. Aber dass sie meinen Vater … dass sie ihn unmöglich glücklich machen kann, das quält mich.«
»Sie kocht gut.«
»Vater braucht noch andere Speise. Ich muss zurück in den Laden.«
Schweigend liefen die beiden nebeneinanderher. Mary war ganz ruhig. Sie hatte sich davor gefürchtet, zu Hause in den alten Trott zu fallen, sich mit ihrer Stiefmutter anzulegen und den ganzen Tag mit schlechter Laune rumzulaufen, aber jetzt erschienen ihr die Straße, das Haus und der Laden in hellen Farben. Sie verabschiedete sich von ihrem Begleiter und ging zurück zu ihren Büchern. Während sie die Bände ordnete und ins Regal stellte und sie wieder herausnahm, weil sie sich vertan hatte, dachte sie an Shelley. Er war anders zu ihr als die jungen Männer, die sie sonst kannte, zum Beispiel die Baxter-Jungen. Shelley flirtete nicht. Er war geradeaus und klar und ernst. Ein seltsamer Vogel, dachte sie.

Wann immer sie die Gelegenheit wahrnehmen und vor den Anweisungen der Stiefmutter flüchten konnte – es gab stets etwas zu tun im Laden und in der Küche, und Mrs Godwin liebte es, Befehle zu erteilen –, wann immer sie ein paar freie Minuten kommen sah, packte Mary Bücher, Stift und Notizheft in ihren Beutel, schlüpfte aus dem Haus und begab sich zum Friedhof St. Pancras, wo ihre Mutter begraben lag. Der Vater hatte ihr erzählt, dass sie, Mary, einst anhand der Buchstaben auf dem Grabstein lesen gelernt habe. Die Totengräber, der Friedhofsgärtner und so manche Witwe, sie kannten das zarte junge Mädchen mit dem wundervollen goldbraunen Haar, das so lange lesend neben dem Grab der Mary Wollstonecraft kauerte, und sie freuten sich, dass sie nach langer Pause jetzt zurückgekehrt war. Man wusste, wer sie war, und fand es gottwohlgefällig, dass die Waise auf diese Art die Nähe ihrer Mutter suchte. Niemand wagte sie zu stören, wie sie da vertieft schien in ihre Lektüre und ihre Notizen. Bis dann auf einmal jemand neben sie trat, ihr die Hand auf den Scheitel legte und »Guten Tag, Mary« sagte. Mary wusste gleich, wer es war, sie erschrak nur mäßig, schaute aber auf mit gerunzelter Stirn.

Mary Shelley, Gemälde von Samuel John Stump, 1831
»Ich bin dir gefolgt«, sagte Shelley und ließ sich neben ihr nieder. »Hast du nichts bemerkt?« Mary schüttelte den Kopf. »O ja, ich kann gut schleichen. Zeig, was du liest. Lukrez. Das ist gut. Er hat Epikur seinen Zeitgenossen vorgestellt und ihnen gesagt: ›Lebt hier und jetzt, die Götter sind fern und nicht imstande, euch zu helfen, auch nicht, euch zu verderben.‹ Die Seele ist sterblich, liebste Mary, und wie der Körper hier auf Erden des größten Glückes fähig.«
»Hat man ihn wegen seines Freidenkertums verfolgt? Hat man versucht, Lukrez den Mund zu verbieten?«
»Wir wissen nichts über sein Leben. Was wir von ihm haben, sind seine Worte, seine Gedanken. Er glaubte, dass alle Materie aus Atomen zusammengesetzt sei. Eine moderne Ansicht, nicht wahr? Er war ein beherzter Denker. Lies ihn, du machst es richtig.«
»Mein Latein ist noch dürftig. Ich muss immer wieder im Wörterbuch nachsehen. Aber es wird langsam besser.«
»Wenn ich bedenke, dass ein Mädchen wie du, dass ein Kopf wie du, ein Mensch mit Geist, mit Fantasie, irgendwann die Bücher stehen lässt und nichts anderes macht, als Kinder auszuzanken und Wäsche aufzuhängen und eifersüchtig nach dem Ehemann zu spähen, der irgendwo in einem Gasthaus hängen geblieben ist, nur, weil du ein Weib bist, vorgesehen angeblich von der Natur für häuslichen Krims und Krams …«
»Ha, wenn du das von mir glaubst, dann bist du in großem Irrtum, Percy Bysshe! Bookish girl, haben die Nachbarn und die Tanten gesagt, das war ich, und das werde ich immer sein, und ich werde selbst Bücher schreiben.« Sie nahm den Lukrez und schlug ihn einige Male gegen Shelleys Stirn, ordentlich heftig, und er ließ sie gewähren, hob die Arme im Spaß, als würde da ein schrecklicher Angriff gegen ihn gefahren.
Das war sogar so. Mary würde ihr Lebenskonzept vor ihm als unverhandelbar verteidigen. Was immer aus ihr würde, sie würde bookish bleiben.
Und wieder holte Shelley sie aus der Buchhandlung ab, und da er sehr gut wusste, dass die Nachbarn sie beobachteten und darüber reden würden, dass die mittlere Godwin-Tochter so oft Seite an Seite mit dem berüchtigten Dichter die Straße entlangwanderte, rief er Jane, und diese gesellte sich zu ihnen als eine Art Anstandswauwau. Man sprach über das Theater oder über die neuesten Geistergeschichten aus der Feder von Ann Radcliffe oder Matthew Gregory Lewis. Jane hatte nicht so viel gelesen wie Mary, sie war eigentlich gar nicht bookish, aber sie spürte, dass sie Shelley gefiel, wenn sie vor den beiden rückwärts lief und trotzdem nicht gegen den nächsten Baum prallte. Sie hatte Spaß daran, kleine Zettel mit Nachrichten zwischen Mary und Shelley hin- und herzutragen – sie las sie auch nicht, das versprach sie und das hielt sie. Shelley wohnte nicht weit entfernt, er war in eine Pension gezogen, ohne Harriet.
»Wenn du so darauf bestehst, dass deine Frau euer Baby selbst stillt, dann solltest du auch an ihrer Seite sein und das Kind wiegen, damit die Mutter mal Atem holen kann«, sagte Jane und baute sich vor ihm auf. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie es zuging, als ihr kleiner Bruder William im Lauflernalter war. Irgendjemand schrie immer: der Kleine, seine Mutter, Godwin, der seine Ruhe wollte, oder Charly, dem Willy aufs Kissen gepinkelt hatte. Babys sind anstrengend, das hatte auch Shelley erfahren, und es hatte ihm zu schaffen gemacht. Er stimmte Jane zu, brachte aber zu seiner Verteidigung vor, dass er es aufgegeben habe, sich mit Eliza anzulegen, seiner Schwägerin, die seit der Flucht mit Harriet, damals vor drei Jahren, nicht von ihrer Schwester Seite gewichen war.
»Sie ist ein Drachen und absolut geistlos. Ich kann nicht mit ihr reden.«
»Warum schickst du sie nicht einfach fort?«
»Das wäre schwierig. Harriet scheint sie zu brauchen. Es ist, wie es ist.«
Jane machte ein paar Tanzschritte rückwärts und lief zur Skinner Street. Shelley und Mary zogen weiter zum nahe gelegenen Park und steuerten eine Bank unter Akazienbäumen an. Shelley sagte: »Wenn die Abendsonne so auf deinen Kopf scheint, verwandelt sich dein Haar in eine Aureole aus gesponnenem Kupfer. Und dazu deine Haut so weiß, weißer als Schnee.«
»Sag mir, wie es um dich und Harriet steht. Es kann doch nicht nur um das Baby gehen.«
»Ich habe sie damals befreit, weißt du, aus den Klauen von Lehrerinnen und Pfaffen und Eltern, die ihr Vorschriften machten und Befehle erteilten, denen sie nicht zu folgen vermochte, die sie eingezwängt hatten in enge Räume, Regeln und Doktrinen – ihren Körper, ihre Seele, ihren Verstand. Sie schien mir begabt und bildbar, reich beschenkt von der Natur mit Liebreiz und Sanftmut, beschränkt nicht durch sich selbst, sondern durch widrige Umstände, die stärker waren als sie, denen sie ohne äußere Hilfe keinen Widerstand entgegensetzen konnte. Diese äußere Hilfe wollte ich sein. An meiner Seite sollte sie zu sich selbst finden, ihrer Klugheit vertrauen, ihre Talente entwickeln, ihre Kraft fühlen und neuen Lebensmut schöpfen. Und so kam es auch. Aber dann …«
Mary wartete darauf, dass Shelley weiterspräche, aber als nichts mehr kam, ergriff sie das Wort: »Liebe ist das eine«, sagte sie, »Treue das andere. Musst du nicht zu ihr stehen, auch wenn sie nicht die Frau ist, die du einst in ihr gesehen hast?«
»Ich muss zu ihr stehen, keine Frage, sie hat unser Kind geboren und erwartet, so scheint es, ein zweites. Aber ein Zusammenleben ist nicht mehr möglich, das müsste sie selbst ebenso empfinden. Sie geht in einer Weise auf in den allerkleinsten Nichtigkeiten des Alltags, dass mir die Haare zu Berge stehen. Sie und Eliza bilden eine Front gegen mich – voller Verachtung für meine Kunst und voller Vorwurf gegen meine Lebensführung. Es ist zu Ende. Was ich Harriet geben wollte, hat sie nicht angenommen. Eine weitere Gabe für sie ist nicht in meinem seelischen Gepäck.«
»Sie kann dich verpflichten, Bysshe. Immerhin habt ihr die Ehe geschlossen.«
»Oh, komm mir nicht damit! Über die Ehe hat dein ehrwürdiger Vater alles Nötige gesagt. Er nannte sie das übelste aller Monopole, das bei Lichte besehen kein Mensch an einem anderen geltend machen dürfe. Wer wollte ihm widersprechen? Die Dinge liegen ganz einfach. Die Liebe ist frei. Zu versprechen, ewig dieselbe Frau zu lieben ist nicht weniger absurd als zu geloben, ewig demselben Glauben anzuhängen. So ein Schwur würde uns in beiden Fällen von jeglicher Erfahrung abschneiden. Die Sprache der Ehebefürworters und Pfaffen lautet so: Die Frau, die ich jetzt liebe, mag unendlich tief unter vielen anderen stehen; der Glaube, den ich jetzt bekenne, kann aus lauter Irrtümern und Wahnvorstellungen zusammengesetzt sein, aber ich schließe mich selbst von allen zukünftigen Erfahrungen in Sachen Liebe oder Glaube aus, und meiner tieferen Überzeugung zum Trotz entscheide ich mich: diese Frau und dieser Glaube, sie seien mein für alle Ewigkeit. Ist das die Sprache des Zartgefühls und der Vernunft? Ist die Liebe eines solchen fühllosen Herzens mehr wert als sein Glaube?«
»Es gehört Mut dazu, so gegen die Erwartungen und die Moral der Menschen anzugehen«, sagte Mary. »Denn schöne Worte reichen nicht. Man muss auch so leben, wie sie es verlangen.«
»Es reicht nie, nur zu reden. Auf das Tun kommt es an.«
»Freiheit und Liebe. Die Worte gehören zusammen. Sie sind beide so schön.«
»Liebe verkümmert unter Zwang. Ihr Wesen ist Freiheit. Sie geht weder mit Gehorsam zusammen noch mit Eifersucht oder Furcht. Sie ist da am reinsten, ist vollkommen und kennt kein Ende, wo die Menschen, die einander gewählt haben, in Vertrauen leben, in Gleichheit und Offenheit.«
Mary mochte es, wenn Shelley philosophisch wurde und sie, nicht immer nur ihr Vater, die Angesprochene war. Sie nahm seine Gedanken auf und führte sie fort: »Kein Gesetz kann derlei garantieren oder auch nur einfordern.«
»Das gilt auch für die körperliche Liebe«, sagte er. »Auch sie muss frei sein. Die sexuelle Verbindung sollte nur andauern, so lange zwei Menschen in Liebe zusammenkommen. Jedes Gesetz, das sie zum Beischlaf nötigt, nachdem ihre Gefühle füreinander erkaltet sind, wäre nichts als eine unerträgliche Tyrannei.«
»Aber die Menschen bezeichnen so ein Leben in freier Liebe als Promiskuität und Sittenlosigkeit und verdammen es.«
»Mary, es ist genau umgekehrt. Die Zwangsinstitution Ehe treibt die Männer ins Bordell und die Frauen in die Treulosigkeit. Beständigkeit als solche ist keine Tugend, und an einer Trennung ist nichts Unmoralisches.«

Percy Shelley war einundzwanzig Jahre alt und damit fünf Jahre älter als Mary. Die Gepflogenheiten der Zeit, aber auch Shelleys Einstellung legten es ihm nahe, die Menschen, die ihm begegneten, vor allem die weiblichen, zu unterrichten, zu belehren, ihnen die Welt zu erklären. Für Shelley lag darin keine Herablassung, und die Mädchen, aber auch so mancher Freund oder Mitschüler, hörten ihm gerne zu, vor allem weil er Nachfragen und Zweifel nicht wegwischte, sondern sofort auf sie einging. Gerne hielt er kleine Predigten, bei denen er seine Umgebung ganz vergaß. Aber wenn er durch eine Frage oder durch ein »He!« oder »Hör mal!« ins Hier und Jetzt zurückgerufen worden war, stellte er sich sofort auf seinen Gesprächspartner ein, spitzte regelrecht die Ohren und versuchte selten, ihn einfach nur zu widerlegen oder abzuwerten, meist wollte er ihn verstehen und den Einwand in seine eigene Argumentation einarbeiten. Nur wenn das gar nicht ging oder wenn er pure Haarspalterei witterte, konnte er scharf und polemisch werden. Manchmal stand er dann abrupt auf und ging davon. In Mary entdeckte er einen verwandten, wenn nicht überlegenen Geist, denn ihre Art, die Wahrheit zu suchen und keine Halbheiten gelten zu lassen, weckte sein Gewissen. Er selbst fühlte sich in Zonen der Ambiguität und der Mehrdeutigkeit durchaus zu Hause. Mary aber gab sich selten mit einer Zwischenlösung zufrieden, sie ging meistens aufs Ganze. Das imponierte Shelley mächtig. Dennoch waren ihre Gespräche über Religion und Philosophie selten Dispute, dazu waren sie einander – beide geistig aufgewachsen mit den Lehren Godwins – im Denken zu ähnlich. Aber es geschah, dass sie bezweifelte, was er vortrug, oder dass er abwehrte, was sie anklingen ließ. Dann waren beide höchst behutsam miteinander und machten Vorschläge von Lesarten oder Interpretationen, die den Dissens abschwächen oder gar in eine Übereinstimmung umwandeln könnten. Dieses intellektuelle Spiel mit Argumenten und Assoziationen, Folgerungen und Erfahrungswerten, Anspielungen und Rückverweisen versetzte beide in eine starke genussvolle Spannung, die es ihnen ermöglichte, stets in Frieden voneinander Abschied zu nehmen und sich auf das Wiedersehen und Weiterreden zu freuen. Denn es war zwischen ihnen ein Band entstanden, das von Geist zu Geist lief und heftig pulsierte und viel aushielt. Auch wenn sie nicht zusammen waren, sprachen sie miteinander. Während Mary dem Vater, dessen Augen schwächer wurden, aus der Zeitung vorlas, dachte sie: Wie würde Shelley diese Lage sehen, das Verhältnis zu Frankreich jetzt nach Napoleons Niederlage? Und er dachte, wenn er mit seinem Bankier über eine neue Gesetzesvorlage sprach, die es den Armen verbieten würde, Holz in den Wäldern des Grundherrn zu sammeln: Wie würde Mary diese Gesetze einschätzen? Wie würde sie ihre Empörung formulieren? Er hatte – abgesehen von einer gebildeten und freigeistigen Lehrerin – noch nie eine Frau getroffen, die so sehr Geistesmensch war wie Mary. Ihre Auffassungsgabe war erstaunlich, ihr Interesse an den Dingen der Welt umfassend, ihr Intellekt geschliffen und trefflich, ihre Fantasie ausschweifend. Er gehörte nicht zu den Männern, die sich vor gebildeten Frauen fürchteten oder sie bemitleideten, wie es viele seiner Geschlechtsgenossen taten, weil sie glaubten, eine Frau mit Verstand, die ihn auch noch zeigte, fände niemals einen Mann und so kein Glück auf Erden. Shelley dachte völlig anders. Er beklagte lautstark, dass die Hälfte der Bevölkerung geistig brach lag, weil es keine Schulen für Mädchen gab, in denen Mathematik und Philosophie gelehrt würde, ein Programmpunkt, der bei einer Reform der Gesellschaft zu den wichtigsten gehörte – auch hierin war er sich mit William Godwin einig. Und erst recht mit dessen erster Gattin Mary Wollstonecraft. Manchmal erschien es Shelley wie ein Wunder, dass er die Tochter dieser beiden Geistesgrößen hatte kennenlernen dürfen. Bei sich nannte er sie ein Kind der Liebe und des Lichts, wobei Liebe für die Mutter stand, die Mary empfangen hatte, ohne verheiratet zu sein, und Licht für Aufklärung, die der Vater repräsentierte. Als er von Jane erfuhr, dass einer der Söhne aus dem Hause Baxter nach London gereist sei und alle glaubten, er wolle um Marys Hand anhalten, wurde ihm für einen Moment schwarz vor Augen.
Jane gab ihm einen Zettel von Mary. »Morgen um sieben St. Pancras?«, stand darauf.
»Sag ihr«, flüsterte Shelley Jane zu, »dass ich morgen nicht kommen kann. Ich muss einen Anwalt aufsuchen.«
Shelley hatte nach seiner Relegation von Oxford und dem großen Krach mit seinem Vater kaum noch Kontakt zu seinem Zuhause Field Place – Anwesen des Sir Timothy Shelley in Sussex. Seine vom Baron als äußerst unpassend empfundene Eheschließung mit Harriet, der nicht standesgemäßen Tochter eines Kaffeehausbesitzers, hatte das Maß vollgemacht. Percy bekam Hausverbot in Field Place und verkehrte mit seinem Vater nur noch über dessen Anwalt. Er litt unter der Trennung von Eltern und Geschwistern, am schlimmsten aber war, dass der Vater ihn kurzhielt und er zeitweilig nicht wusste, wovon er seine Miete und sein Frühstück bezahlen sollte. Was noch nicht mal das Schlimmste war, denn er konnte zur Not im Wald schlafen und sich von den Früchten eines Rübenackers oder von den Maulbeeren auf dem Friedhof ernähren. Aber was war mit seiner Frau und dem Baby? Und mit Godwin, dem er vor Monaten schon ein üppiges Darlehen zugesagt hatte? Shelleys neuerliche Neigung, sich nur kurz in der Skinner Street aufzuhalten, um, so schnell es ging, entweder mit Mary oder Jane oder mit beiden in die Umgebung zu entfliehen, hatte ihre Gründe nicht nur darin, dass er Klatsch vermeiden wollte. Er ging auch Godwin aus dem Weg, dem er zwar schon eine gewisse Summe hatte zukommen lassen, der aber noch auf den Großteil des Geldes wartete – und ihn beständig daran erinnerte. Über den väterlichen Anwalt hoffte er, nun weiteres Geld lockerzumachen. Aber es kam zu keiner Einigung, und so trottete Shelley bedrückt zu seinem Bankier, von dem er wusste, dass er ihm aushelfen würde. Der älteste Sohn eines begüterten Barons erhielt überall Kredit auf lange Frist – wenn auch zu abenteuerlichen Zinsen.
Mary wusste, dass ihr Vater auf Geld von Shelley wartete – er brauchte dringend Bares, denn die Gläubiger standen bei ihm Schlange. Nachts, wenn der Schlaf sie floh, und sogar in ihren Träumen sah Mary ihren Vater vor sich, wie er die Hand ausstreckte und Percy ihm ein paar Goldmünzen hineinzählte – das war ein schönes und zugleich bedrückendes Bild. Was konnte sie selbst tun, um die finanzielle Lage ihrer Familie zu verbessern? Als Gouvernante in Stellung gehen? Davor grauste ihr. Sie wollte noch so vieles wissen, ihre Zeit sollte Studien gewidmet sein. Doch sie konnte die immer lauter vorgetragenen Ansprüche der Stiefmutter an ihre Arbeitskraft in Laden und Haus nicht einfach wegschieben. Alle mussten das Ihre tun und das wollte auch sie.
Aber da war der Vater, der ihr Hausaufgaben in Latein und englischer Literatur gab, und da war Percy, der nichts lieber zu tun schien, als mit ihr gemeinsam Texte zu lesen und zu erörtern und der, wenn auf dem Friedhof niemand mehr zu sehen war, ihre Hand ergriff. Mary hielt ihr Herz fest, denn, was immer Shelley ihr erzählte, er war verheiratet und hatte ein Kind und wohl bald noch ein zweites – sie konnte, sie durfte sich ihrem Gefühl der Sehnsucht nach Nähe zu ihm, zu ihrem »Elfen«, wie sie ihn für sich selbst nannte, nicht hingeben. Aber es war inzwischen längst so weit, dass sie sich ein Leben ohne diese Besuche, diese Gespräche, dieses Beisammensein nicht mehr vorstellen mochte. Mit Befremden sah sie, dass es Fanny und Jane ähnlich erging. Auch sie stellten ihre innere Uhr nach der Stunde des möglichen Erscheinens von Percy Bysshe Shelley. Und wenn er kam, scherzte er mit Fanny oder ging mit Jane aus dem Haus, um Pilze zu sammeln oder Bier zu holen, oder er lockte Willy in den Garten, um mit ihm pyrotechnische Experimente zu machen. Mary zweifelte manchmal daran, dass wirklich sie es war, der seine intensivste Aufmerksamkeit galt. Aber wenn sie ihm beim Abschied Ort und Zeit eines möglichen Treffens zuflüsterte, etwa morgen Nachmittag im Studierzimmer, während Mrs Godwin mit Fanny auf dem Wochenmarkt einkaufte, dann war sein Blick so leuchtend und voller Andacht, dass sie ihre Zweifel vergaß.
Das Studierzimmer der Mädchen lag im Obergeschoss; Shelley sprang die Stufen hinauf, klopfte an und trat ein. Er blieb stehen, um sich an dem Anblick zu freuen: Mary stand am Bücherbord und schob die lateinische Grammatik hinein.
»Milton«, rief Shelley, »lass alle anderen Bücher liegen und lies immer nur Milton!«
Mary suchte kurz und zog Das verlorene Paradies aus dem Regal. Sie zeigte Shelley ihre Anstreichungen und deklamierte: »Lieber in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.«
»Was für eine Wucht hat dieses Gedicht!«, rief Shelley. »Wenn man es gelesen und wieder gelesen hat, begreift man das Gebot der Stunde: Widerrede leisten, in Zweifel ziehen, zum Aufstand blasen! Mein allerschönstes Mädchen, wie glücklich bin ich, dass du das verstehst. Satan hat den Schöpfergott herausgefordert, er ist der gefallene Engel und der wahre Engel. Er ist unser aller Vorfahr.«

Mary Wollstonecraft (1759–1797), Schriftstellerin, Philosophin und Frauenrechtlerin. Gemälde von John Opie, 1797
»Und Milton war Republikaner, Percy. Er ist ein Vorfahr, der noch gar nicht so lange tot ist. Nur ein gutes Jahrhundert liegt zwischen ihm und uns.«
»Wollen wir zusammen Milton lesen?«, Percy trat vor sie hin und strich über ihren Kragen. »Du trägst dich schlicht«, sagte er, »das gefällt mir.«
»Wirklich? Das rote Kleid, in dem Harriet sich hier eingeführt hat, ist heute noch Gesprächsstoff zwischen Fanny und Jane.«
»Harriet glaubt, weil sie mit einem Edelmann verheiratet ist, braucht sie eine erlesene Garderobe. So ein Blödsinn. Hat Eliza ihr eingeredet. Ich verachte die Prätentionen meiner Klasse. Weißt du, womit die Aristokratie ihre Zeit verbringt? Mit der Jagd und dem Kartenspiel.« Er stöhnte auf. »Einige wenige verwalten ihre Güter selbst oder machen Politik oder streben nach militärischen Ehren. Aber die meisten sind Parasiten vor Gott und der Natur. Jagd und Kartenspiel. Es ist zum Verzweifeln.«
»Weißt du, womit die Angehörigen meines Geschlechts ihre Zeit vertun? Mit Putz und Klatsch. Ist das besser? Und man könnte es so leicht ändern. Durch Bildungspläne für Töchter, durch Teilhabe der Frauen an euren Parlamenten, euren Vereinen, euren Akademien … Schlag nach bei Mary Wollstonecraft, da steht schon alles drin.«
Percy hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und drückte plötzlich seine Hand gegen das Brustbein. »Ich habe Schmerzen. Hier drin«, sagte er, »mein Arzt weiß nicht recht, was es ist. Am Ende die Schwindsucht?« Er lachte und hustete zugleich.
Mary trat neben ihn und fragte:
»Wie lange hast du das schon?«
»Jahrelang«, gab er zur Antwort. »Ich bin ein Invalide.«
»Ich sah dich rennen wie ein Reh. Du kannst kein Invalide sein.«
»Und doch sticht es hier drinnen und sticht. Das muss eine Ursache haben.« Und er fing wieder an, wie verrückt zu lachen.
»Wir machen doch hier keine Scherze«, verwies Mary ihn irritiert.
»Mädchen«, sagte er, »ich war noch nie so ernst. Sag mir die Wahrheit. Was ist mit diesem Baxter-Jungen, der aus Schottland angereist ist? Jane sagt, er sei deinetwegen hier. Ist da was dran? Will er dich entführen?«
»Robert?« Mary lachte. »Selbst wenn er es wollte – ich würde niemals mit ihm gehen.«

Mary war vier Jahre alt, als ihr Vater zum zweiten Mal heiratete, als sie mit Jane und Charly erwünschte Spielgefährten bekam und mit der neuen Mrs Godwin eine strenge Stiefmutter. Die wusste wenig von den rousseauistischen Erziehungsprinzipien ihres Gatten und der verstorbenen Mary Wollstonecraft und fand, man müsse von Kindern vor allem Gehorsam und Disziplin fordern. So klein Mary auch war, erlebte sie doch die neue Hausherrin und deren Regiment als Bruch in ihrem Leben, zumal die zärtliche Kinderfrau, die sie bis dahin betreut hatte, entlassen wurde. Ihr Vater ahnte, was in seiner Tochter vor sich ging, aber er war froh, nach mehreren Fehlschlägen auf dem Heiratsmarkt nun doch noch eine Frau gefunden zu haben, die sich der Kinderschar resolut annahm und die ihm überdies gefiel. Mary Jane Clairmont war eine imposante Erscheinung und ein starker Charakter. Aber sie war eben auch ein Mensch, der darunter leidet, wenn er herabgesetzt wird. Gegen den übermächtigen Geist der verstorbenen Mary Wollstonecraft kam sie nicht an. Doch war sie klug genug, ihren geheimen Groll vor ihrem Ehemann zu verbergen. Das Töchterchen Mary jedoch, das sich für etwas Besseres hielt und auf Jane und Charly und selbst auf Fanny glaubte herabsehen zu können, das zankte sie mit Vorliebe aus, wenn es wieder nicht zeitig genug ins Bett gegangen war. In solchen Momenten ließ sie einiges von ihrer Unzufriedenheit mit dem Leben an Godwins Seite in harten Worten und auch mal durch die erhobene Hand zum Vorschein kommen. Und Mary konnte wenig mehr tun, als sich wegducken. Das hatte sie früher nicht nötig gehabt. Das trug sie dem Vater vor, doch als sie sah, wie unglücklich er sie anblickte, fast so, als wolle er sie hypnotisieren, hielt sie fortan lieber den Mund und bemühte sich, es der neuen Mutter recht zu machen. Aber tief in ihrem Herzen blieb sie die stolze Tochter einer nie gekannten, wundervollen, weithin berühmten Mutter und damit etwas ganz Besonderes. Der Einzige, der darum wusste und das auch so sah, war ihr Vater. Und wenn sie an dessen Tür klopfte, ließ er sie ein, holte ein Buch hervor und gab es ihr zu lesen; anschließend musste sie das Gelesene in eigenen Worten reproduzieren. Oder er gab ihr Stifte, damit sie zeichnete. Und er sagte nie so obenhin: »Das hast du aber fein gemacht«, sondern meinte, sie könne das noch besser, und stellte ihr Aufgaben für den folgenden Tag. Er unterrichtete auch Fanny und Jane; aber in Mary fand er einen Geist von wahrer Neugierde und frühreifem Verständnis, und so dauerte der Unterricht, den er ihr erteilte, mehr als doppelt so lange wie die knappen Stunden, die er für die beiden anderen übrig hatte. Mary blieb das alles nicht verborgen, und sie trug den Kopf hoch, die Konkurrenz zwischen den Halb- und Stiefgeschwistern war groß. Doch sie hielten auch zusammen – gegen die kontrollierende Mutter und den fordernden Vater.
Als der kleine William geboren wurde, entspannte sich die Situation, weil die Mutter so stark mit dem Säugling beschäftigt war, dass sie die Großen mehr sich selbst überlassen musste. Dann kamen die Älteren in die Pubertät, und es ging erneut los mit Krächen und Szenen. Godwin tat das einzig Richtige: Er schickte seine Mary nach Schottland, wo die Tochter das Klima genoss, ihre Studien trieb und Freundschaften pflegte. Auch Mrs Godwin ging es jetzt besser, denn ihre ärgste Rivalin um das Herz ihres Mannes war aus dem Haus. Doch Jane und Fanny entdeckten, wie gern sie Mary im Grunde hatten und wie vertraut sie mit ihr waren, und vermissten sie sehr. Sie schrieben ihr Briefe, gewöhnten sich dann aber doch an ihre Abwesenheit. Wer am meisten unter der Trennung litt, war Vater Godwin. Er stellte fest, dass er geradezu abhängig davon war, sein schönes und gelehriges Kind täglich zu sehen. Nun war sie fort. Ein Gelehrter wie Godwin wusste, wie er sich über Kummer und innere Leere hinweghelfen konnte: Er schloss sich in sein Studierzimmer ein und las die großen Werke. Gerne auch, zum wiederholten Male, die eigenen.
Jetzt, im Juni des Jahres 1814, war Mary zu Hause, und sie fand vieles verändert. Fanny war noch stiller geworden, sie schien ganz in ihren Träumen zu leben und ging ihr und Jane meist aus dem Weg. Jane war aufgeblüht, wie es Mary schien. Hübsch war sie geworden und nicht mehr so leicht beleidigt. Sie lachte viel, meist ohne Grund, als wolle sie einfach nur ihre schöne Stimme erklingen lassen. An Mary schloss sie sich eng an und erzählte, wer ihr beim Bäcker schon zum zweiten Mal ein Kompliment gemacht hatte, zuweilen musste Mary sie regelrecht abschütteln. Der Vater war zwar seiner Geldsorgen wegen dauernd verstimmt, aber wenn Mary zu ihm kam, etwa, um ihm anzubieten, aus der Zeitung vorzulesen oder einen Spaziergang zu machen, hellte sich seine Miene auf, er schloss sie in die Arme, und das machte sie glücklich. Charles war nicht mehr zu Hause, er hatte eine kaufmännische Lehre begonnen und kam nur ab und an zu Besuch. William war ein frecher Mops, bald zwölf Jahre alt und ziemlich laut, aber Mary mochte ihn, er glich dem Vater.
Und dann waren da die namhaften Gäste, die ein- und ausgingen. Allen voran Mr Shelley – der jetzt nur noch ohne seine Ehefrau erschien. Mary saß inzwischen ganz zwanglos nach dem Essen in der Runde mit dabei, sie mischte sich in die Diskussionen ein, vorsichtig noch und eher mit Fragen, aber sie hatte das Gefühl, dazuzugehören, schon deshalb, weil sie Schriftstellerin werden wollte und weil sie von Shelley und ihrem Vater wusste, dass sie das Talent dafür besaß. Sie hatte Percy ein Gedicht gezeigt und er hatte es laut gelesen, mit aparter Intonation, so wie nur er es konnte, mit seiner singenden Stimme. Sie sagte ihm, sie hätte nicht gewusst, wie schön das Gedicht sei, bis er es ihr vorgelesen hätte.
Als Mary das nächste Mal auf den Friedhof kam, es war der 26. Juni, allein und ohne verabredet zu sein, nur mit ihren Büchern und dem Notizheft im Beutel, war Shelley schon da. Er saß ein Stück von Wollstonecrafts Grab entfernt, unter einem Weidenbaum und aß einen Apfel. Wie er sie kommen sah, warf er den Rest des Apfels über die Gräber hinweg und streckte seine Hand nach ihr aus. Sie trat neben ihn, ließ ihren Beutel ins Gras fallen und gab ihm die Hand. Er zog sie zu sich runter, und sie küsste ihn auf den Mund, küsste immer weiter, weil er es auch tat und streckte sich über ihm aus, während sie mit ihren Händen über seine Schultern und Arme fuhr und in seine Haare hinein. Der Weidenbaum beschirmte diese Liebesszene. Und so lautet Shelleys poetische Erinnerung an seine erste Liebesnacht mit Mary:
Wir werden unsre eignen Riten haben,
Um unseren Bund zu feiern
Denn unsre Kirche ist die Sternennacht
Und unser Hochaltar die Erde, grasbewachsen
und unser Priester der flüsternde Wind.
Shelley sagte später, der 26. Juni sei sein eigentlicher Geburtstag gewesen.
II »Zu glücklich, um zu schlafen«
Auf der Flucht
Als Mary am nächsten Morgen nach kurzem Schlaf erwachte, wusste sie, dass ihr Leben neu begonnen hatte. Alles, was sie bisher gewollt, versucht und sich ausgemalt hatte, im Schreiben und im Leben, war nur eine Vorstufe gewesen für das, was jetzt kommen sollte: ihr Leben mit Shelley. Sie war sich sicher und sie war ruhig, sie stand am Anfang und sah voraus, dass sie mit dem Geliebten vom Baum der Erkenntnis essen würde und dass das richtig sei und wunderbar. Sie dachte an die Worte, die in der letzten Nacht, draußen unterm Baum, gefallen waren, und dass sie selbst die Erste gewesen war, die von Liebe gesprochen hatte. Sie dachte an die Umarmungen, die auf ihre Weise von Liebe gesprochen hatten, sie verspürte einen Stich unterm Brustbein, weil Shelley jetzt nicht bei ihr war. Doch in das Glücksgefühl, das die Erinnerung an die letzte Nacht hervorrief, mischte sich Furcht. Sie und Shelley mussten ihren Weg freiräumen. Doch wie sollte das gehen? Beide wollten sich nicht mit der Sehnsucht nach der großen Liebe begnügen, um dann doch einen Kompromiss zu schließen, sie wollten die Ausgeburten ihrer Träume in die Wirklichkeit führen und waren entschlossen, dabei auf die Gefühle Dritter im Zweifelsfall keine Rücksicht zu nehmen. Mary sah sich dazu berechtigt, weil sie wusste, dass der Bund, den sie mit Percy in der vergangenen Nacht geschlossen hatte, ein Geschenk des Schicksals war, kostbar und einzigartig, was ihr nicht nur erlaubte, sondern von ihr forderte, ihn um jeden Preis zu verteidigen. Aber was würde der Vater sagen? Sein Bild stand lebensvoll neben dem des Geliebten. Ihr graute davor, den Papa zu verletzen, aber wenn es sein musste, würde sie es tun. Die Stiefmutter war ihr egal. Fanny war verreist, sie würde von allem erst später erfahren. Und Isabel? Ihre Freundin, die, wie sie gehört hatte, bald heiraten würde? Ich werde ihr schreiben, dachte Mary, sie wird uns verstehen. Doch wer wird uns helfen? Jane kam ihr in den Sinn, die Stiefschwester würde zu ihr halten. Flüchtig dachte sie an Harriet, es schien ihr aber, dass diese Frau und Shelley schon geschiedene Leute seien und es keineswegs ihre Sache sein könne, die unglückselige Verbindung zu verteidigen. Auch wusste sie, dass er zu seiner Frau gehen und ihr die Wahrheit über seine neue Liebe sagen wollte.
Shelley war jetzt ganz Mann der Tat. Am Tage nach seiner und Marys erster Liebesnacht im Angesicht des Mondes, der Sterne und der Feenkönigin (Queen Mab) trat er vor William Godwin hin und bekannte geradeheraus, dass er Mary liebe und sie ihn und dass er mit ihr fortgehen wolle. So lustvoll er als Dichter den Sinn und die Botschaft zwischen den Zeilen versteckte, so wichtig war ihm im Leben die klare Ansage. Mit Godwins Fassungslosigkeit, gefolgt von schierer Wut, hatte er nicht gerechnet. War nicht dieser Mann, den er Vater nennen wollte, der beredte Befürworter der wahren Liebe gewesen, weit entfernt davon, papiernen Verträgen im Reich der Sinne und der Leidenschaft irgendeinen Wert beizumessen? Und jetzt das! Godwin bezichtigte ihn des Verrats und der schändlichen Verführung und brach schließlich unterm Portrait der in Liebesdingen so radikal freiheitlich gesonnenen Mary Wollstonecraft auf seinem Schreibtischstuhl zusammen. Shelley hob entsetzt die Hände.
»Es ist beschlossen«, rief er mit seiner nervösen, hohen Stimme, »Mary und ich gehören zusammen, wir werden bald von hier aufbrechen und unser gemeinsames Leben beginnen. Es gibt nichts, was uns aufhalten könnte.«

Percy Bysshe Shelley (1792–1822), Zeichnung von Amelia Curran, 1819
»Nichts?«, knirschte Godwin und griff nach seinem Briefbeschwerer, warf ihn aber nicht. »Auch nicht ein Rest von Anstand, Ehrbarkeit und Respekt? Ich kann nicht glauben, dass du mein Haus betreten hast in der Maske eines Wohltäters und es jetzt verlassen willst als Verderber meines reinen und unschuldigen Kindes!«
Shelley zitterte. Er hatte sich diese Abschiedsszene so nicht vorgestellt. Ein Vater war in Fragen der freien Liebe offenbar anders empfindlich als ein Sozialphilosoph. Der junge Mann verspürte plötzlich eine tiefe Beklommenheit – ähnlich einem Schuldgefühl. Er stürzte aus dem Studio, rannte zur Haustür und stieß auf Jane, die eben aus dem Küchengarten kam, den Arm voller Kräuter.
»Was ist los?«, rief sie und verstellte ihm den Weg. Er packte sie bei den Schultern. »Mary und ich«, flüsterte er, »wir lieben uns. Wir werden dieses Haus verlassen.«
Jane starrte ihm ins Gesicht. Dann schluckte sie und sagte: »Was für ein Traum!« Shelley zog sie an sich und drückte sie mitsamt den Kräutern, er sagte: »Steh uns bei, bitte!«
Sie nickte, Tränen stiegen ihr in die Augen.
Godwin befand sich in einer peinvollen Zwangslage. Er liebte seine Tochter über alles, und mit dem Instinkt eines Liebenden ahnte er, dass Mary eine zwar kühne und großartige, aber für die Perspektive häuslichen Glücks höchst problematische Wahl getroffen hatte. Wenn er in der Folgezeit alles tat, um das Paar auseinanderzutreiben, so geschah es aus Sorge um sein Kind. Er hatte Percy Shelley kennengelernt, als der stolz wie ein Pfau seine blutjunge, bildschöne Frau präsentierte, und das war noch nicht einmal drei Jahre her. Was war aus dieser Zweisamkeit geworden? Ein Kind war auf der Welt, aber der Ehebund zerstört, wenn auch noch nicht gelöst. Musste man daraus nicht schließen, dass dieser Mann ein gefühlsmäßiger Herumtreiber war, ein Flattergeist, ein Irrwisch? Und so einer wollte ihm seine Tochter wegnehmen? Obwohl er seinen Schüler nach wie vor als Intellektuellen und Poeten hochschätzte, hatte er länger schon Bedenken, was dessen menschliche Qualitäten anging. Ja, es gab sie, die Autorität der Liebe und des tiefen Gefühls, aber die Autorität des Vaters gab es auch noch, und so ergriff er umgehend Maßnahmen: Weder Mary noch Jane durften das Haus verlassen. Shelley wollte er nur noch an neutralen Orten treffen, an Harriet sandte er eine Nachricht mit der Bitte, sowohl auf ihren Mann als auch, eventuell brieflich, auf Mary einzuwirken, damit beide ihre unrechtmäßigen Ansprüche aneinander widerriefen. Und dem Verführer schrieb er einen zehnseitigen Brief, an dem er zwei Tage lang arbeitete. Einem alten Freund gegenüber erleichterte er sein Herz: »Er war so wahnsinnig, mir seine Pläne zu enthüllen und auch noch meine Zustimmung einholen zu wollen. Ich widersprach seinem Vorhaben mit aller Energie, die ich besaß und beschwor ihn, zur Tugend zurückzukehren.« Was Godwin zusätzlich zu schaffen machte, war die Sache mit dem umfangreichen Kredit, den Shelley ihm zugesagt hatte und auf den er angewiesen war. Deswegen durfte er es sich mit seinem jungen Gläubiger auch wieder nicht verderben. Er bestand darauf, dass Shelley das Geld beschaffen müsse, jetzt erst recht, und Shelley sah sich trotz des Zerwürfnisses wegen Mary in der Pflicht.
Es dauerte seine Zeit, bis Godwin sich dazu durchrang, das persönliche Gespräch mit Mary zu suchen. Er hing an seinen Kindern und an Mary besonders, er war ein Familienmensch, der das Treiben um ihn her sehr wohl genießen konnte, aber er war auch eine reservierte Persönlichkeit, die Gefühlsaufwallungen unterdrückte und stets die Form zu wahren suchte. Deshalb zögerte er, bevor er seine Frau bat, Mary zu ihm zu schicken. Wie sollte er die Fassung wahren, wenn sie vor ihm stand? Das würde ihm, so ahnte er, nicht gelingen, und so nahm er hinter seinem Schreibtisch Platz, legte eine Hand auf seinen Briefbeschwerer, als könne er von da Kraft beziehen, und horchte auf das Hämmern seines Herzens.
Mrs Godwin, die die Einhaltung des Hausarrestes für die Mädchen überwachte, hatte eine Katastrophe wie diese kommen sehen. Allerdings schien es ihr, als sei Fanny das Ziel von Shelleys erotischer Abenteuerlust gewesen, und deshalb hatte sie das Mädchen vorsichtshalber auf eine Reise zu Verwandten nach Wales geschickt. Dass jetzt Mary den Kopf verloren hatte, verwunderte sie indes nicht allzu sehr. Denn obwohl sie allmählich dazu übergegangen war, dem gepriesenen Wunderknaben Shelley zu misstrauen, musste sie doch anerkennen, dass es schwierig war, dem Werben dieses Jünglings aus dem Bilderbuch der schwarzen Romantik – so schön und leidenschaftlich, exzentrisch und genialisch, rebellisch und einfühlsam, reich und doch arm, wie er war –, mit Vernunft zu begegnen. Wie Jane zu ihm stand, war ihr nicht klar. Aber da nun die Würfel gefallen waren und er Mary erkoren hatte, war das auch nicht weiter wichtig. Mrs Godwin würde ihrem Gemahl zur Seite stehen und alles dafür tun, der minderjährigen Mary die Flausen auszutreiben.
Mary fürchtete die Konfrontation mit dem Vater viel weniger als dieser. Mulmig war es ihr schon, aber sie brauchte nur an ihren Geliebten zu denken, an ihre Worte, seine Schwüre und die Zukunft einer geistigen Union mit ihrem Elfen, wobei sie an die körperliche, aus Angst zu erröten, jetzt erst mal nicht dachte – sie brauchte nur Shelley vor ihrem inneren Auge erscheinen zu lassen, und schon spürte sie eine nie gekannte Festigkeit der Seele, des Standes auf den Füßen und der Stärke ihres Willens. So trat sie vor den Vater hin. Der brachte es nicht fertig, zu ihr aufzusehen und knurrte: »Ich habe den ganzen Vormittag damit zugebracht, Briefe zu schreiben in deiner Angelegenheit.«
»Wenn du glaubst, dass das nötig ist …«
»Nötig ist, dass du dich besinnst und uns alle hier aus einer qualvollen Lage befreist.«
»Qualvoll wird eure Lage sein, wenn ihr mich weiter festbindet und Shelley verbietet, das Haus zu betreten.«
Bei diesem Widerwort hob Godwin den Kopf und schaute seine Tochter lange und unglücklich an. Doch diesmal verfehlte die Hypnose ihre Wirkung. Mary streifte mit dem Blick kurz sein rotes Gesicht und sah dann an ihm vorbei auf das Portrait ihrer Mutter. Godwin räusperte sich.
»Du weißt, Mary, dass ich mich immer für den Frieden einsetze, auch in der Familie. Bitte vergiss nicht, dass du es bist, die den Krieg erklärt.«
»Nein, Vater, Krieg ist das Letzte, was ich erkläre. Ich erkläre die Liebe! Du selbst hast geschrieben …«
»Ich habe viel geschrieben. Aber ich habe auch manches getan. Ich habe deine Mutter zur Frau genommen und sie mich zum Mann, weil wir beide wussten, dass ein freies Verhältnis, ein illegitimes Kind uns zu Ausgestoßenen machen würde, und das Kind gleich mit. Ist es das wert? Die Prinzipien, die wir entwickeln, sind manchmal etwas für kommende Geschlechter, die uns, auf Biegen und Brechen im Hier und Jetzt durchgesetzt, in den gesellschaftlichen Ruin stürzen würden. Und dann? Wer rettet uns? Die Zukunft? Sie ist ja noch nicht da. Shelley kann dir die Ehe nicht bieten, er ist verheiratet, und du beförderst nicht nur dich und ihn durch deine ›Liebeserklärung‹ an den Rand der Gesellschaft, du stößt auch noch die arme Harriet und ihr Kind ins Elend.«
Marys Herz pochte schmerzhaft. Nicht nur Shelley konnte wunderbare Reden halten, Godwin konnte es auch. Beide besaßen einen unmittelbaren Zugang zu ihrem Herzen. Was ihr Vater sagte, war richtig, das spürte sie, aber Shelleys Worte waren nicht nur richtig, sie waren verheißungsvoll. Sie sprachen von Wollust, Glück und Zukunft – hier irrte Godwin, die Zukunft war da! Ach, wie gern hätte sie den Vater wissen lassen, wie es ihr mit dem Liebsten ging, was es war, das sie an diesen Menschen band. Der Zwiespalt drückte ihr die Luft ab. Sie stöhnte:
»Wenn du wüsstest …«, und musste nun doch weinen. Sie blieb aber aufrecht stehen, mit hängenden Armen, und mühte sich ab, nicht zu schluchzen. William Godwins Miene wandelte sich von Bitterkeit und Strenge in die Zärtlichkeit der Sorge, die er normalerweise um Marys willen empfand. Es schien ihm, als habe sie – ihr Tonfall ließ ihn das hoffen – sich ihm anvertrauen wollen. Diesen kurzen Moment der Schwäche aufseiten des Vaters nutzte Mary, die sich ihrerseits gefangen hatte, um ihn mit kleiner Stimme zu bitten, sie zu entlassen. Er zögerte und machte eine Bewegung auf sie zu, dann nickte er. Sie ging, schloss die Tür des Studios hinter sich, wischte ihre Tränen ab und sah sich nach Jane um. Mit ihrer und Willys Hilfe könnte es gelingen, einen Kassiber für Shelley aus dem Hause zu schmuggeln.

Und so kam es. Nachdem die ersten Schockwellen abgeflaut waren, wurde der Hausarrest in der Skinner Street gelockert und man sprach wieder über alltägliche Dinge. Godwin und Shelley sahen einander mehrfach, um finanzielle Angelegenheiten zu regeln, und natürlich auch, um über Mary zu sprechen. Die Tür stand dem jungen Mann nun erneut offen, denn schließlich vertrug sich die Bitte um Geld schlecht mit einem Hausverbot. Mrs Godwin arrangierte einen Briefwechsel zwischen Mary und Harriet, und es sah so aus, als gingen die beiden Frauen zumindest verbal aufeinander zu. Mit Shelley erreichte Godwin das vorläufige Einverständnis, alles noch mal zu überdenken. Begegnungen zwischen den Verliebten wurden allerdings weiterhin untersagt, sodass Jane als Briefkurierin und Wachtposten Dienst tun musste, damit das Paar sich heimlich treffen konnte. Die Angst, Mary könne womöglich an einen geheimen Ort verschleppt werden oder Shelley aufgrund von falschen Anschuldigungen im Gefängnis oder in der Irrenanstalt landen, war allgegenwärtig, und das Szenario entwickelte sich, obwohl nicht wirklich begründet, in den Köpfen der beiden fantasiebegabten Menschen zu einem tatsächlich drohenden Verhängnis. Shelley sorgte dafür, dass Mary eine Kopie des Privatdrucks von Queen Mab erhielt. Die Widmung an Harriet hatte er ausgestrichen, dafür ihren Namen in den Einband geritzt. Mary las das lyrische Gedicht über eine Neugeburt der Welt unter Tränen: Ihre Sicherheit, eine gemeinsame Zukunft mit Shelley betreffend, war nun doch angeschlagen, und Jane musste sie in langen Stunden trösten und ihr etwas vorsingen. In ihrem Exemplar von Queen Mab notierte Mary auf die leere letzte Seite: Dieses Buch ist mir heilig, und weil kein anderer Mensch jemals hineinschauen wird, kann ich schreiben, was ich möchte – aber was soll ich anderes schreiben, als dass ich den Autor über alle Maßen liebe und dass ich von ihm getrennt bin. Teuerste und einzige Liebe, bei der Liebe, die wir einander versprochen haben – obwohl ich die Deine vielleicht niemals werden kann, will ich doch nie die eines anderen sein, denn ich bin ganz und gar die Deine, durch den Kuss der Liebe … Ich habe mich Dir hingegeben, und heilig ist die Gabe.
Eines Abends, als Shelley die Verhandlungen über einen neuen großzügigen Kredit mit Godwin zum Abschluss gebracht hatte, wurde er sich miteins bewusst, dass Mary im Oberstock dazu verdammt war, auf die nächste geheime Nachricht von ihm zu warten und wahrscheinlich sein Gedicht las. Er sprang unvermittelt auf, stürmte aus dem Raum, die Treppen hoch und rief laut ihren Namen, während er die Tür zu ihrem Zimmer aufstieß. Dabei zog er eine Flasche mit Laudanum, eine Opiumtinktur, aus seiner Hosentasche und machte Anstalten, sie auszutrinken. Mrs Godwin war sogleich auf der Bildfläche erschienen und schrie auf ihre charakteristische Art: »Was in Gottes Namen …?« Der Herr des Hauses stand wie angewurzelt auf der Schwelle seines Zimmers und hielt sich an seiner Brille fest. Jane hastete die Treppe hoch, und Mary rang mit Percy um das Fläschchen. Er ließ ihr am Ende den Sieg und versäumte nicht, sie während des Kampfes unterhalb der Taille, am Nacken und am Busen zu berühren und ihr zuzuflüstern: »Komm mit mir!« Es war eine kleine Theatervorstellung für die Godwins und auch eine Botschaft für Mary: Ich lasse dich nicht. Ehe ich ohne dich leben muss, trinke ich Gift. Aber es war auch echtes Drama des Lebens, denn Shelley meinte es durchaus ernst. Im Kampf um Mary war sein Rivale Godwin, das wusste er, in manchen Punkten klar im Vorteil. Er fürchtete nun, dass nicht viel fehlte, und er selbst würde unterliegen.
Kurz darauf läutete es mitten in der Nacht Sturm in der Skinner Street. Vor der Türe stand Shelleys Vermieter: Der junge Dichter habe sich mit Laudanum das Leben nehmen wollen. Der Doktor sei bei ihm und habe ihn gerade eben retten können.
Ein Fläschchen mit Laudanum übrigens trug Shelley immer bei sich.
In London hatte er einige gute Freunde, dazu zählten der Verleger und Buchhändler Thomas Hookham, sein Cousin Thomas Medwin, der Schriftsteller und Kritiker Thomas Love Peacock und der Jurist Thomas Jefferson Hogg. Mit Hogg hatte Shelley in Oxford die Kampfschrift Notwendigkeit des Atheismus verfasst und publiziert, mit ihm zusammen war er der Universität verwiesen worden. Beide hielten trotz großer Verschiedenheit ihrer Charaktere und mancher Krisen mit bemerkenswerter Ausdauer an ihrer Freundschaft fest.
Jetzt, da Shelley nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand, und guten Rat brauchte, waren seine engen Freunde gefragt. Aber sie sagten ihm nicht, was er hören wollte. Fast alle sprachen warm von Harriet und rieten von übereilten Entschlüssen ab. Hogg, der Mary einmal kurz getroffen hatte, bekannte, dass er beeindruckt sei von dem blutjungen Geschöpf mit der herrlich weißen Haut. An ihn schrieb Percy in jener Zeit der Furcht und der Hoffnung einen langen Brief, in dem er seine Entscheidung für Mary begründete: Ihr Lächeln – wie einnehmend es doch ist und wie rührend. Sie ist sanft und zart und dennoch zu glühender Empörung und Hass durchaus fähig. Ich glaube nicht, dass es einen Vorzug gibt, den die menschliche Natur erreichen kann und den sie nicht unbestreitbar besäße. Nun sind unser beider Wesen so innig vereint, dass, während ich ihre Vorzüge beschreibe, ich mir wie ein Egoist vorkomme, der für seine eigenen Vorzüge Buße tut. Als ich sie gerade erst kennengelernt hatte, wie tief empfand ich meine Unterlegenheit, wie bereitwillig gestand ich ein, dass sie mich an Originalität, natürlicher Würde und geistiger Brillanz übertraf, ehe sie ihre Talente mit mir zu teilen bereit war. Sehr bald spürte ich ein glühendes Verlangen, diesen unermesslichen Schatz zu besitzen. Ich versuchte, Mary gegenüber meine Zuneigung zu verheimlichen, aber ohne Erfolg. Der erhabene und mitreißende Augenblick, als sie sich zu der meinen erklärte, der ich schon so lange insgeheim der ihre war, kann für menschliche Vorstellungskraft nicht ausgemalt werden. – Es mag Dir genügen, der Du mein Freund bist, zu wissen und Dich zu freuen, dass sie mein ist. Dass ich nun endlich den unveräußerlichen Schatz besitze, den ich gesucht und gefunden habe.
Aber einfach mit Mary fortzulaufen, davor schreckte Shelley noch zurück, lediglich als ultima ratio hielt er an dieser Perspektive fest. Mary hingegen gefiel der Gedanke an eine nächtliche Flucht, und sie traf erste Vorbereitungen. Die Verbote in der Skinner Street wurden täglich lockerer, und obwohl es Mary und Percy immer wieder gelang, sich zu sehen, hatten beide die Geheimniskrämerei schließlich satt. Sie wollten füreinander da sein – gemeinsam Rousseau lesen und täglich miteinander ins Bett gehen. »Es wird uns nichts anderes übrig bleiben als durchzubrennen«, sagte Mary eines Tages und küsste ihren Liebsten. »Und nicht nur nach Wales oder an die Küste«, sagte Shelley in den Kuss hinein, »sondern auf den Kontinent.«
Die Freunde hatten mit ihren Hinweisen auf das Schicksal Harriets recht, das wusste Shelley. Als er feststellte, dass er mit ihnen über seine verunglückte Ehe nicht sprechen konnte, versuchte er, auf langen einsamen Spaziergängen mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ein Buch hatte er dabei, aber es blieb in der Tasche, er musste nachdenken. Eine Rückkehr in das Leben mit Harriet schloss er aus. Er war zu ihr gegangen und hatte ihr alles gesagt. Es sei aus und vorbei, er liebe eine andere. Harriet hatte bemerkenswert gefasst reagiert, beinahe kühl. Vielleicht, dachte Shelley, hatte sie noch gar nicht recht begriffen, was los war, oder aber sie hielt seine neue Liebe für eine bloße Laune. Womöglich – und das hoffte er – hatte auch sie sich innerlich so weit von ihm entfernt, dass es ihr ganz recht war, wenn er sie jetzt endgültig aufgab. Er war ihr aus dem Weg gegangen die letzte Zeit – in eine Pension war er ja längst gezogen –, weil er nicht wusste, was er ihr noch sagen sollte und weil er sich davor fürchtete, die kleine Ianthe, seine Tochter, zu sehen. Wie würde er das überstehen, sie machte ihre ersten Schritte, er würde weinend vor ihr knien. Das wäre kein Anblick für Harriet und für das Mädchen auch nicht. Ob es stimmte, dass Harriet erneut schwanger war? Er erinnerte sich an ein letztes Zusammensein mit ihr im März – ihm schwindelte, und er musste sich ins Gras setzen. Ja, es könnte sein, und es wäre schrecklich. Immerhin war Eliza an ihrer Seite, die große Schwester, die ihn nicht mochte und die er verachtete, der Harriet aber außerordentlich zugetan war, und im Hintergrund war da die Familie Westbrook, wohlhabend, stolz auf diese Tochter und gewiss bereit, ihr wieder ein Zuhause zu bieten. Shelley schwitzte, wenn er an die Westbrooks dachte. Das waren seine Leute nicht. Wie hatte er sich derart in Harriet täuschen können! Aber so war er nun mal: Wenn da ein Mädchen in Bedrängnis geriet, und dann auch noch ein so schönes, dann musste er als Ritter in Erscheinung treten und die Prinzessin vor dem Drachen einer Boarding School oder eines tyrannischen Vaters retten, am besten hoch zu Ross. Er konnte nicht anders.
Als er in seiner Pension angelangt war, entschloss er sich zu einem letzten klärenden Brief an seine Ehefrau. Die volle und die ungeschönte Wahrheit wollte aufs Papier gebracht werden. Aber es sollte auch ein Trost darin enthalten sein. Denn zur Wahrheit gehörte, dass er ihr als Freund und Vater des gemeinsamen Kindes nahe bleiben wollte. Ich sage es noch einmal – und glaube mir, ich bin aufrichtig – dass meine Bindung an Dich eine bleibende ist. Ich glaube sogar zu erkennen, dass sie einen tieferen und dauerhafteren Charakter angenommen hat, weil sie den Fluktuationen von Fantasie und Laune jetzt weit weniger ausgesetzt ist. Unsere Verbindung wurde nicht aus Leidenschaft und unwiderstehlicher Neigung geboren, sondern aus der Freundschaft, und auf dieser Basis hat sie sich entwickelt und gefestigt. Ich kann nichts dafür, dass Du mein Herz niemals mit einer überbordenden Leidenschaft erfüllt hast und Du auch nicht. Mögest Du einen Mann finden, der Dich so tief und treu liebt, wie ich als Freund verlässlich an Deiner Seite stehen möchte. Er las den Brief noch einmal durch und gestand sich ein, dass er nicht völlig aufrichtig war. Zu Beginn hatte er Harriet sehr wohl begehrt, er hatte mit der Entführung und der raschen Heirat in Schottland einiges riskiert – seine Familie war danach entschlossen, ihn endgültig fallen zu lassen. Aber er tat das alles nur, weil er den Engel, dessen Hilferuf zu ihm gedrungen war, um jeden Preis besitzen wollte, und er hat sehr wohl das Glück, sie im Arm halten zu dürfen, in tiefen Zügen genossen. Doch als dann das Eheleben begann, die Mäkeleien der ständig seine Wege und Wünsche durchkreuzenden Schwägerin, die Ansprüche Harriets an so etwas wie ein standesgemäßes Leben und ihre abschätzige Art, mit der sie das ausgefeilte Bildungsprogramm bedachte, mittels dessen er ihren Anschluss an die Erkenntnisse der Epoche bewerkstelligen wollte, da sah er ein, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Ich begriff, schrieb er an Hogg, das ganze Ausmaß des Elends, das meine unbesonnene und gefühllose Verbindung mit Harriet angerichtet hatte. Vielleicht hätte er gleichwohl versucht, seine Ehe durch ein paar weitere Jahre hindurchzuschleppen, wäre da nicht ein Einwand und ein Imperativ in seinem Leben aufgetaucht, eine Gestalt von unerhörtem Zauber, ein Mädchen im goldbraunen Lockenhaar mit dem schönsten Verstand namens Mary. Jetzt gab es für ihn nur noch sie.
Es war so weit. Mary und Percy würden über den Kanal auf den Kontinent fliehen. Es war Spätsommer. Die Nächte blieben noch immer warm. Und in Frankreich hatte man, so hieß es, die langwierigen Überprüfungen der Personalpapiere abgeschafft, auch sollte es nicht mehr gefährlich sein, durch das Land zu reisen. Die beiden waren so glücklich bei der Aussicht, bald unterwegs und zusammen zu sein, dass sie einige wichtige Dinge einfach vergaßen, zum Beispiel sich mit genügend Geldmitteln auszustatten. Sie packten ihre Sachen – er in seiner Pension, sie in ihrem Zimmer – und stapelten verabredungsgemäß alle wichtigen Bücher und ihre schriftstellerischen Arbeiten in die Reisekisten, an Kleidern nahmen sie nur das Allernötigste mit. Jane war ihnen nützlich und hilfreich, sie trug Briefe mit Reisetipps hin und her und gab Bescheid, wenn das Haus leer war, sodass Percy zu Mary ins Zimmer schlüpfen oder sie das Haus unbemerkt verlassen konnte.
Eines Abends kurz vor der Flucht blieb Jane auf der Schwelle zur Skinner Street 41 stehen und fasste einen Entschluss. Sie trat ins Haus und sagte zu Mary: »Ihr könnte mich nicht hier zurücklassen«, sie kämpfte mit den Tränen, »wenn ihr fort seid, bin ich allein. Mutter wird ein Ladenmädchen aus mir machen wollen. Ich will kein Ladenmädchen sein, ich suche meine Freiheit. Ich will mit euch gehen.« Mary hielt beim Ausbessern ihres Reisekleides inne, sah ihre Stiefschwester an, dachte nach und erkannte, dass Jane alles Recht der Welt hatte, sich ihnen anzuschließen. Auch fand sie, dass ihr eigener Schritt in die Freiheit weniger unverfroren schiene, wenn sie ihn nicht als Einzige tat. Und noch etwas wusste sie genau: die verhasste Stiefmutter würde sich vom Verlust ihres Lieblings lange nicht erholen. Und das gefiel ihr gut. So gab sie ihre Zustimmung. Aber Percy musste ja auch einverstanden sein, sie versprach, ihn zu fragen. Jane lief in ihr Zimmer und fing an zu packen.
Es kam der 28. Juli. In der Nacht, die diesem Morgen vorausging, da alles entschieden war, schrieb Shelley später in das gemeinsame Tagebuch, bestellte ich eine Kutsche, die um vier Uhr bereitstehen sollte. Ich wartete, bis die Blitze und Sterne verblassten. Endlich war es vier Uhr. Ich glaubte nicht, dass es uns gelingen würde; selbst in der Gewissheit schien noch Gefahr verborgen zu sein. Ich ging, ich sah sie, sie kam auf mich zu. Wir hatten noch eine Viertelstunde. Es mussten noch einige Vorkehrungen getroffen werden, und sie verließ mich für eine Weile. Wie quälend erschien mir diese Zeit. Es war, als spielten wir mit Leben und Hoffnung. Wenige Minuten vergingen – sie lag in meinen Armen. Wir waren in Sicherheit. Das Gepäck musste allerdings noch aufgeladen werden. Und dann fürchtete Mary, dass Godwin anderntags den Abschiedsbrief nicht gleich finden könne, und erklärte Percy, dass sie jetzt noch mal schnell ins Haus gehen müsse, um den Brief vom Fensterbrett in der Küche zu nehmen und ihn an die Tür zu Godwins Ankleidezimmer zu heften. Sie lief los und kam kurz darauf zurück – und mit ihr kam Jane.
»Ich hätte es dir längst sagen sollen«, bat Mary um Entschuldigung, »aber ich kam einfach nicht dazu. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt: Jane will mit uns kommen.«
Da war sie wieder, die magische Konfiguration, in der Shelley seine Rolle spielen musste. Ein Mädchen, ein hübsches, in Not, er konnte es retten, und er rettete es. Er schloss seine Arme um Jane und sagte: »Aber ja, aber ja, komm mit uns.« Mary, auf alles gefasst und auf alles aus, war stolz darauf, dass ihre Schwester den Mut hatte, mit ihnen auszureißen. Und sie lachte, als der Kutscher den Pferden das Zeichen gab, denn jetzt geschah etwas vollkommen Verrücktes. Es kam ja öfter vor, dass Paare durchbrannten. Aber wer hatte schon von einem Trio auf wilder Flucht gehört?

Als sie in Dover ankamen, war es vier Uhr nachmittags, und alle drei Flüchtlinge schauten sich öfters angstvoll um, denn sie rechneten mit Verfolgung. Deshalb entschlossen sie sich, nicht bis zum nächsten Tag auf das Postschiff zu warten, sondern ein Segelboot für die Passage nach Calais zu chartern. Mary hat später einen Bericht über diese ihre erste Reise auf den Kontinent herausgegeben, sie verwertete darin vor allem ihre und Percys Tagebucheintragungen. Wir verließen London an einem Tag, der eigentlich viel zu heiß für unser Klima war. Ich litt sehr unter der hohen Temperatur, aber als wir in Dover angekommen waren, ging es mir bald besser, denn ich nahm ein kühlendes Bad im Meer. Wir wollten so schnell wie möglich über den Kanal setzen und waren erleichtert, als uns die Matrosen des Bootes, das wir gemietet hatten, versicherten, die Fahrt würde nur zwei Stunden dauern. Von wegen. Der Abend war noch schön, es ging nur ein leichter Wind, aber als der Mond aufging und die Nacht hereinbrach, kam ein Sturm auf, der das Boot hin- und herschleuderte und Welle auf Welle in unser kleines Schiff schwappen ließ. Die Küste kam und kam nicht in Sicht, und immer, wenn ich fragte: »Wie lange noch?«, hieß es: »Wir sind noch nicht mal halb drüben.« Später gaben die Matrosen zu, es sei ziemlich gefährlich gewesen. Mir ging es wie stets, wenn ich seekrank bin: Ich schlief einfach ein. Als wir den Hafen von Calais gewonnen hatten, erwachte ich aus einem schlechten Schlaf und sah die Sonne am Horizont rot aufsteigen – keine Wolke am Himmel. Die drei machten Quartier im nächstgelegenen Gasthof, wo bald darauf jemand nach ihnen fragte. Ja, sie waren tatsächlich verfolgt worden – von niemand anderem als Mrs Clairmont Godwin persönlich. Shelley sprach mit ihr und ließ sie wissen, dass Mary nicht bereit sei, sie zu sehen. Bebend vor Zorn verlangte die Dame nach ihrer Tochter. Jane kam herunter und ging mit ihrer Mutter in deren Zimmer. Am Ende der langen Unterredung schlich Jane mit hängendem Kopf zurück zu Percy und Mary, um Bescheid zu sagen, dass sie ihrer Mutter nach London folgen werde. Woraufhin nun Shelleys Überredungskünste gefragt waren: Er brauchte nur eine halbe Stunde, um Jane zu überzeugen, dass sie um ihrer Freiheit und Menschenwürde willen bei ihm und Mary bleiben müsse. Der Mutter wurde eine schriftliche Nachricht über die letztgültige Lage der Dinge geschickt: Nein, Jane werde nicht mit ihr heimreisen. Die Angestellten der Herberge hatten noch nie zuvor einen so wütenden Gast besänftigen müssen. Unverrichteter Dinge fuhr Mrs Godwin nach London zurück.
Also blieben sie zu dritt. Und sie sprachen über die Modalitäten ihrer Flucht und ein neues Leben im Süden. Jane sah in der Schweiz eine Art Heimat, denn ihr Vater (den sie nicht kannte), stammte von dort. Auch für Percy war die Schweiz eine Heimat, eine politische Heimat, denn die Menschen dort hatten bereits zu einer republikanischen Staatsform gefunden, sie beugten ihre Köpfe nicht unter dem bösen und pompösen Joch einer Monarchie. Außerdem hatte sie Jean-Jacques Rousseau hervorgebracht, dessen Welt- und Weitsicht er so viel verdankte. Nein, der Mensch ist nicht des Menschen Wolf, er ist des Menschen bester Freund – er könnte es sein, wenn nicht die gesellschaftlichen Institutionen ihn in Richtung auf das Wölfische verbildet hätten. Die Schweiz war ein Land der Verheißung. Dort wollten die drei sich niederlassen.
Janes Mutter hatte große Teile ihrer Jugend in Frankreich zugebracht und ihre Kinder Französisch gelehrt. So kam es, dass Jane die Sprache des Landes, durch das sie jetzt erst einmal reisen würden, fließend sprach, während Shelley und Mary nur über ein dürftiges Französisch verfügten. Auch in der Schweiz würden sich die beiden auf Janes Sprachkenntnisse stützen können. Sie waren guten Mutes. Sie würden Frankreich kennenlernen, das Land Montaignes und Molières und der Großen Revolution, und sie würden schreiben und sich lieben. Es war alles gut.
Ihr nächstes Ziel hieß Paris. Mit Mietkutschen reisten sie durch das vom Krieg zerstörte Land, fanden schmutzige Herbergen und grantige Wirtsleute vor, und Mary vertrug das französische Essen nicht. Ferner war es leider doch nicht so, wie die englischen Zeitungen berichtet hatten, Pässe wurden sehr wohl verlangt, und die drei Reisenden mussten sich immer wieder mit Grenz- und Zollbeamten herumplagen. Außerdem gab es ständig bohrende Blicke, da eine Gruppe von drei Personen, die gemeinsam reisten, Fragen aufwarf. Wer bildet das Paar, und was macht die Dritte da? Shelley hatte seinen Verleger und Freund Thomas Hookham gebeten, ihm Geld zu schicken, doch dieser hatte sich entweder dagegen entschieden oder den Auftrag vergessen, und Shelley musste seine kostbare Uhr verkaufen.
Geldnot, Schmutz und Unfreundlichkeit – all das aber konnte die Flüchtlinge nicht aufhalten. Jane war ihrem Elternhaus entkommen und sehnte sich danach, stolze Schweizerin zu werden. Mary und Shelley waren sich ihrer geliebten Freiheit und ihrer freien Liebe in jeder Minute bewusst, sie scherten sich nicht um Ratten oder Wanzen oder ein verdorbenes Abendessen, sie hatten einander, ohne dass jemand dazwischenfuhr und sie zu entzweien versuchte. Sie hatten so viel nachzuholen aus den Wochen der Heimlichkeiten, das Versteckspiel war zu Ende und das wechselseitige Entzücken an der Leibhaftigkeit des je anderen ergriff sie ganz. Im Tagebuch steht oft, dass sie »spazieren gingen«. Das war ihre Formel für: Wir suchten in der Natur einen Platz, um Liebe zu machen. Die grasbewachsene Erde ihrer ersten Nacht – der »Altar« aus Shelleys Gedicht – wurde zu der Art Bett, in das sie sich immer wieder fallen ließen. Einmal hieß es im Journal unverschlüsselt: Wir waren zu glücklich, um zu schlafen.
Sie waren nicht nur Liebende, sie waren auch Widerständler gegen eine alte Welt der Tyrannei, der Vorurteile, der falschen Gesetze, der Unterdrückung von Natur und Glück, sie waren als Liebende zugleich Umstürzler, Menschen, die mehr wollten und es anders machten. Und sie waren so unglaublich jung. Ihr Dagegensein und ihr Anderssein gehörte zu ihrer Bindung und machte diese Bindung ebenso außerordentlich wie notwendig. Ihre Gemeinschaft trug ihre Rebellion, und die Rebellion gab der Gemeinschaft das Salz, den Akzent, die Kraft. Wir agierten einen Roman aus, wir waren die inkarnierte Romanze, so Mary. Ihre Sehnsucht hatte Frankreich gegolten, aber jetzt, da sie dort waren, nahmen sie die Landschaft, die Menschen, die Sitten nur aus den Augenwinkeln wahr. In Paris konnten die Schönheit der Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten sie kaum beeindrucken – sie hatten zu viel mit sich selbst zu tun. Shelley vergaß sogar seinen 22. Geburtstag am 4. August, und als Mary ihn daran erinnerte, sagte er: »Mein Geburtstag ist der 26. Juni.«
Zu ihrer Liebe gehörten auch der Geist, die Lektüre und das Schreiben, gehörte die schaffende und interpretierende Arbeit an Texten, und damit sparten sie nicht. Sie lasen Tacitus und Mary Wollstonecrafts Roman Mary sowie ihre Letters from Sweden, sie lasen Shakespeare und Byron. Shelley wollte Mary unbedingt Griechisch beibringen, doch sie zögerte, sie fand, sie müsse erst ihr Latein noch verbessern. Die Übersetzung von Vergils Aeneis, an der sie arbeitete, fiel ihr schwerer als gedacht. Jane wurde in diese anstrengenden und doch als lustvoll empfundenen Übungen einbezogen, sie sollte mehr Wissen erwerben. Shelley begann eine Erzählung um die mittelalterliche Sekte der Assassinen, die im Orient aufgetreten war und sich ihre eigenen Gesetze schuf. Diese Menschen verbanden griechische Mythologie und Philosophie mit islamischen Glaubensinhalten, lebten in Kommunen zusammen, rauchten Haschisch und schalteten politische Gegner durch Attentate aus. Sie schieden sich bewusst von der widerwärtigen normalen Welt, deren Urteil sie in den Wind schlugen durch ihre glühende Vorstellungskraft. Ein neues, heiliges Feuer brannte in ihren Herzen und sprühte aus ihren Augen. Jede Geste, jeder Gesichtszug, jede noch so geringfügige Handlung wurde derart geformt und ausgeführt, dass sie der Güte und Schönheit einer heiligen Inspiration, wie sie ihre suchenden Geister lenkte, zugutekam. Zu leben, zu atmen, sich zu bewegen, war von der Empfindung unermesslicher Leichtigkeit begleitet. Sie waren schon im Paradies. Er forderte Mary zur Mitarbeit an dem Stoff auf, fürs Erste schrieb sie nieder, was er diktierte – bis ihre Ergänzungen so zahlreich wurden, dass er die Niederschrift übernahm. Mary begann eine eigene Erzählung mit dem Titel Hass. Beide Werke blieben unvollendet, Hass ging verloren.
Mary hatte einen Karton mit Papieren eingepackt, die besonders wichtig für sie waren. Dazu gehörten ihre ersten Dichtungen aus Kindertagen, Zeichnungen, Liebesbriefe ihrer Eltern, Billette und Briefe von Shelley, sogar ein Schreiben von Harriet. Percy stöberte lange in diesen Unterlagen, er wollte alles wissen, was Mary betraf. Und sie bat ihn zur Mitternacht, mehr von seinen Schwestern zu erzählen, von seiner Schulzeit, in der er ständig gehänselt wurde, weil er keine Lust hatte zu raufen, und wie er dann, wenn es der Hänseleien zu viele wurden, in hellem Jähzorn schrie und um sich schlug und seine Peiniger ein für alle Mal vertrieb. Zuweilen schlief Mary mittendrin ein, dann murmelte er »meine Dormouse«, was so viel heißt wie meine Siebenschläferin, und schob ihren Kopf von seiner Schulter, wartete, bis sie aufseufzte und sich umdrehte, und deckte sie sorgfältig zu.
Als Ziel hatten die drei sich den Vierwaldstättersee in der Schweiz gesetzt, wo Wilhelm Tell seinen Freiheitskampf geführt hatte und wo auch ein Roman von William Godwin spielte. Sie kauften sich einen Esel, weil es für die Kutsche nicht reichte, und wanderten zu Fuß durchs Land, der Esel sollte ihr Gepäck tragen. Mehrfach wurden sie von Gastwirten und anderen Reisenden gewarnt, dass demobilisierte Soldaten aus der jüngst aufgelösten Grande Armée die Gegend unsicher machten und nicht zögern würden, den jungen Fremdling zu erschlagen und seine Begleiterinnen zu vergewaltigen. Aber die Reisenden ließen sich nicht aufhalten. Schließlich hatten sie schon größere Hindernisse überwunden. Vor marodierenden Soldaten fürchteten sie sich nicht, irgendwie gehörten sie ja selbst zur Klasse der Unbehausten. Der Esel indes erwies sich als kaum belastbar, und sie tauschten ihn gegen ein Maultier ein, das die schwersten Koffer trug und zugleich abwechselnd einen von ihnen. Als Shelley sich den Knöchel verstauchte, schlimm und schmerzhaft, musste er das Maultier einen Tag lang für sich beanspruchen, und die Mädchen schleppten das Gepäck. Er kam sich vor wie Don Quijote mit gleich zwei Sancho Pansas an den Seiten.
Als sie Quartier in einem halb zerstörten Dorf nahmen – ein Großteil der Bewohner war vor den plündernden russischen Soldaten geflohen, die den Franzosen bis hierher gefolgt waren –, notierte Mary: Die Leute wussten nicht einmal, dass Napoleon geschlagen war. Als wir sie fragten, warum sie denn ihre Häuser nicht wieder aufbauten, antworteten sie, das habe keinen Zweck, die Kosaken würden zurückkehren und alles erneut in Schutt und Asche legen. Es war der abstoßendste Ort, den ich je gesehen habe. Über Nogent, Troyes, Chaumont und Besançon wanderten die drei, bis sie Mitte August die Schweiz erreichten. Der Anblick der Alpen versetzte sie in einen Taumel der Begeisterung. Da waren sie endlich, die gewaltigen Berge mit den schneebedeckten Häuptern – ewig, erhaben und eins mit dem Himmel. Mary hielt fest: Ihre Unermesslichkeit übersteigt jede Vorstellungskraft, sodass es einiger Anspannung des Verstandes bedarf, bis man glaubt, dass sie wirklich Teil dieser Welt sind.
Im Haus der Godwins herrschte zu dieser Zeit ein Klima äußerster Bedrückung und glühender Wut. Der Hausherr konnte sich nicht damit abfinden, dass seine Tochter ihn so schändlich hintergangen und dass Shelley ihn so infam verraten hatte. Er sammelte, unterstützt von Mrs Godwin, seine Truppen, sprach mit Peacock, Medwin, Lamb, mit Harriet und den Westbrooks, er zog Freunde und Verwandte auf seine Seite und sorgte dafür, dass auch Shelleys Familie und möglichst viele seiner Bekannten von dem Skandal erfuhren – und zwar in Godwins Version, ohne die schmachtenden Obertöne der Leidenschaft, dafür mit den Untertönen der Böswilligkeit, Gemeinheit und Sündhaftigkeit.
Mit Entsetzen nahm er zur Kenntnis, dass die heimgekehrte Fanny zwar bei der Verurteilung des Paares zu ihm stand, aber auch Verständnis äußerte. Dass Liebe im Spiel war bei dieser Ausreißerei, das ließ sich nicht einfach wegargumentieren. Doch Godwin sah nur seine Erniedrigung, und die Eifersucht auf den Liebhaber seiner Tochter fügte zur Scham den Zorn. Vergebung ausgeschlossen. Um das Maß vollzumachen, lief auch noch sein halbwüchsiger Sohn William, offenbar infiziert von einer Art elopement-Virus, von zu Hause fort, wurde aber aufgegriffen und zurückgebracht. Die Nachbarn und die Leute, sie lachten sich ins Fäustchen, denn niemand wird so gern ob häuslicher Schande und Schmach verspottet, als wer in Sachen Erziehung und Sitten andere glaubt belehren zu können. Godwin knirschte nur noch mit den Zähnen. Schließlich erkrankte er und legte sich ins Bett. Seine Frau brachte ihm Tee und den neuesten Klatsch. Gab es doch den Rumor, Godwin habe seine beiden Töchter für ein paar tausend Pfund an Percy Shelley verkauft!

Inzwischen waren die drei Reisenden über Luzern nach Brunnen weitergezogen, um dort festzustellen, dass sie kein Geld mehr hatten. Im Grenzort Neuchâtel hatte Shelley bei einer Bank noch mal einen Beutel Silber lockermachen können – aber weit würde das nicht reichen. Sie mieteten sich in einer bescheidenen Herberge ein und überdachten ihre Lage. Noch hofften sie, in der Schweiz bleiben zu können. Sie lasen Milton, Mary Wollstonecraft und Rousseau und schrieben Briefe – Jane an ihren Bruder Charles, Mary an Isabel und Percy an Harriet. Bevor er mit den Briefen zur Post ging, bat er Mary um einen Gefallen.
»Ich möchte dir etwas vorlesen«, sagte er, »ich habe einen wichtigen Brief geschrieben … Hier: Liebe Harriet, und so weiter und so weiter … Ich schreibe Dir, um Dich dringend zu bitten, in die Schweiz zu reisen, wo Du zumindest einen festen und treuen Freund antreffen wirst, dem Deine Bedürfnisse immer wichtig sein werden und durch den Deine Gefühle niemals absichtlich verletzt würden. Von keinem anderem als mir kannst Du das erwarten. Du wirst ausführlicher von unseren Abenteuern hören, falls ich nicht vorher erfahre, dass ich bald das Vergnügen habe, Dich persönlich zu sehen und Dich an einem lieblichen Zufluchtsort zu begrüßen, den ich für Dich und uns mitten in den Bergen bereithalten werde. Was meinst du?«
Mary nickte. Sie setzte sich auf das schmale Gasthausbett und zog ihre Knie unters Kinn.
»Du solltest Ianthe noch erwähnen«, sagte sie.
»Ja, die Kleine, um sie geht es genauso wie um Harriet. – Wird sie zustimmen? Wie kann sie ablehnen?«
Mary hob ihre Schultern. »Hast du auch mit ihr diese Gespräche geführt? Du weißt schon, über das Leben in einer Kommune?«
»O ja, öfters. Sie hörte mir zu, aber sie entwickelte keine eigene Meinung. Sie blieb skeptisch.«
»Dann wird sie jetzt noch skeptischer sein.«
Shelley hatte während seiner Beschäftigung mit den Assassinen, die statt in Familien in Gruppen lebten, eine seiner Lieblingsideen beim Entwurf sozialer Utopien wiederbelebt und sie sofort mit Mary besprochen. Auch in Amerika gab es Menschen, die in Kommunen lebten und so den ersten Schritt in eine Gesellung taten, in der das Privateigentum und damit Egoismus, Ungerechtigkeit und Neid überwunden werden konnten. Gleichheit sollte herrschen, alle sollten alles miteinander teilen. Das war nicht leicht zu organisieren, aber theoretisch konnte man derlei ewig durchdenken, man musste es unbedingt praktisch probieren. Shelley hatte bereits Erfahrungen gesammelt, er wusste, wie leicht so ein Experiment schiefgehen kann, aber er war umso eifriger bemüht, die Bedingungen eines Erfolges herauszufinden und ihnen gemäß einen neuen Versuch zu starten.
Bevor er Mary traf, in der Zeit seines Briefwechsels mit Godwin, hatte er gemeinsam mit Harriet in einem kleinen Ort in Wales eine Farm ausgeguckt, die er pachten oder kaufen wollte und deren weitläufige Wohngebäude er mit Gleichgesinnten zu bevölkern plante. Den Raum für die Bibliothek hatte er schon ausgewählt. Man würde Landwirtschaft treiben, Überschüsse auf dem Markt anbieten, vielleicht Vieh halten, viel lesen und schreiben, eine Zeitschrift gründen und die Kinder frei erziehen. Natürlich sollte Harriet mitmachen, sein alter Freund Hogg stand ebenfalls auf der Liste der Favoriten, aber auch an die Godwins (die er damals noch nicht getroffen hatte) dachte er, sowie an eine ungewöhnlich aufgeklärte, kluge und radikal denkende Lehrerin, mit der er im Briefwechsel stand: Miss Elizabeth Hitchener. Warum nicht alle miteinander der Kommune-Idee in die Wirklichkeit helfen?
Es wurde nichts aus dem Plan, und nur wenige Wochen nachdem Shelley in Miss Hitchener sein Ideal einer weiblichen Intellektuellen getroffen hatte, lösten sich die schönen Pläne in einen Dunst aus Streit und Missverständnissen auf. »Sie passte im Charakter nicht zu uns«, erzählte er Mary, »ich habe alles Mögliche in sie hineingesehen, was gar nicht in ihr steckte.« Das sollte ihm nicht wieder passieren. In Mary, davon war er überzeugt, hatte er nun den Menschen gefunden, der neugierig, stark und vorurteilsfrei genug war, mit ihm das Wagnis einer Kommune-Gründung einzugehen. Immerhin waren sie schon ihrer drei – denn Jane hatte sich zu einem treuen Satelliten entwickelt, loyal, anhänglich und entschlossen, mit Percy und Mary die Lebensbahn gemeinsam zu ziehen. In London wartete Hogg, und Shelley war sich sicher, noch weitere Genossen zu finden, mit denen er eine völlig neue Lebensweise auf die Welt bringen könnte. Die größeren seiner vier Schwestern warteten, so ahnte er, auch auf ihre Befreiung von den schweren Fesseln, mit denen die alte Welt vor allem Frauen an ihrer menschlichen und geistigen Entfaltung hinderte.
»Alles soll geteilt werden?«, fragte Mary. »Was noch außer den materiellen Sachen? Außer Geld, Haus, Kutsche und Frühstück?«
»Die Gedanken«, antwortete Shelley und setzte sich zu ihr aufs Bett, »das ist vielleicht das Wichtigste. Wir Menschen leben von unseren Ideen. Aber wir stecken mit ihnen sogleich im Dogmatismus und damit in der Dummheit fest, wenn wir sie nicht ständig im Austausch überprüfen, differenzieren, verändern, kritisieren. Kirchliche Lehren, politische Dogmen, alle Arten von Denkverboten – sie verhindern die Entwicklung und führen am Ende in die Unmenschlichkeit.«
Mary lächelte. Sie hatte eine solche Erziehung ohne Denkverbote in ihrem Zuhause genossen, es war immer darum gegangen, noch einen Einwand hinter allen Einwänden zu finden und zum guten Schluss die Worte so zu setzen, dass alle zustimmen konnten. Ihr ging es aber jetzt um etwas anderes. Sie fragte:
»Und die erotischen Wünsche? Sollen auch die so erfüllt werden, dass alle alles teilen? Die Männer ihre Frauen, die Frauen ihre Männer? Wo bleibt der Gedanke der einzigen Liebe?«
»Er ist schön. Aber er entspricht nicht der menschlichen Natur. Ebenso wenig wie das Herz ist die Sinnlichkeit mit einer einzigen Liebe zufrieden. So sind wir nicht gestrickt. Wir wollen und wir können viel mehr.«
»Und wenn ich zu dir sage: Mein einziger Shelley, meine einzige Liebe …?«
»Dann hast du dennoch recht. Jede Liebe, die überhaupt eine ist, ist auch eine einzige. Als ich dich noch nicht kannte, war ich zerfallen in lauter Anteile meiner Person, die nicht mehr zusammenfanden, und das war schmerzhaft. Durch dich bin ich wieder ein und derselbe Mensch geworden. Wie wunderbar bin ich verändert. Nicht einmal wenn ich ein körperloser Geist geworden wäre, hätte ich eine sonderbarere Verwandlung durchmachen können. Bis heute wusste ich nicht, dass das Glück etwas anderes sein kann als ein leeres Wort, eine bedeutungslose Abstraktion. Bis heute habe ich die Einheit meiner Natur in all ihren verschiedenen Interdependenzen nicht wirklich gefühlt. Erst du hast mich gelehrt, mich selbst als Ganzheit zu sehen anstatt als ein Gemenge nicht zueinander passender Teile. Du hast mich ganz gemacht, deshalb ist unsere Liebe einzig – auch wenn später andere kommen.«
Mary legte ihre Wange auf die Knie. »Ich versuche, es mir vorzustellen – einen anderen Mann zu umarmen. Es will mir nicht gelingen. Es will mir nicht gefallen.«
»Das ist kein Wunder. Du bist in einem besonderen Zustand, in einem Zustand der Einheit mit dir selbst und mit mir, und darin entsteht eine einzigartige Konzentration, die nicht gestört werden kann, nicht einmal von dem Gedanken an einen anderen Mann. Du erwartest ein Kind.«
Mary erschrak zutiefst. Aber der Schreck war warm und freudig. Sie schlug die Hände an ihren Hals und starrte Shelley in die Augen. Dabei erschien ein Lächeln in ihrem Antlitz, das so hell leuchtete, dass Shelley einen Kuss daraufsetzen musste.
»Ich kenn mich damit aus«, sagte er leise, »deine Brüste sind größer geworden, meinst du, das ist mir entgangen? Und es ist nicht das Wandern und das Klima, das dich so schläfrig macht, es liegt auch nicht am französischen oder schweizerischen Essen, dass du es so oft wieder von dir gibst. Da wächst etwas.« Es war so ein Moment wie damals, als Shelley ihr gesagt hatte, sie sehe aus wie ihre Mutter. Mary, die so gut reden konnte, war um Worte verlegen, und sie wäre, so empfand sie es für einen kurzen Augenblick, gern allein gewesen. Der Augenblick verstrich, sie küsste ihren Einzigen, zog ihn zu sich herab und warf die Decke über seinen Rücken – für den Fall, das Jane hereinplatzen sollte.

Ein Kind mit Shelley. Das hatte sie sich gleich nach ihren ersten Nächten gewünscht, aber sie hatte – insofern doch ein wenig abergläubisch – gefürchtet, zu viel zu wollen und den Gedanken von sich geschoben. Jetzt war er zurück, schön und groß, und er war nicht nur ein Gedanke. Alle Unsicherheit verflog, sie war stolz und zufrieden wie selten zuvor. Aber so sicher sich Mary der Verbundenheit mit ihrem Geliebten war, so unbehaglich war es ihr doch zumute, wenn sie an Harriet und Ianthe dachte. Marys Bereitschaft, Harriet in die geplante Kommune aufzunehmen und die Kinder gemeinsam zu erziehen, war aufrichtig. Sie wollte ihrem Geliebten in dieser Frage entgegenkommen, wobei sie insgeheim hoffte, dass Harriet nie zustimmen und stattdessen mit einem anderen Mann weit weg ein neues Leben beginnen würde. Jetzt wurde ihre Großzügigkeit größer. Sollten sie doch alle kommen: Harriet und Ianthe und Jane und Percys gesamtes altes Leben. Sie würde die Mutter eines Kindes der Liebe sein, mehr noch: die Feenkönigin neben ihrem Elfenkönig.
Durch ihre Flucht und erst recht durch ihre Mutterschaft ohne Trauring hatte sich Mary sozial über jene Linie hinauskatapultiert, die man den Rand der Gesellschaft nannte, in jene Zone, in der die Allerärmsten, die Ausgestoßenen, Exkommunizierten und Kriminellen lebten. Sie wusste das, und es scherte sie nicht, denn es war der Preis, den sie für ihre Liebe zu zahlen entschlossen war. Diese Liebe war ihr ganzes Leben geworden, sie rechtfertigte jeden Preis. Und jenseits des Randes der Gesellschaft war ja nicht nichts, dort begann auch das Feld der Utopie, der Mary vorarbeiten wollte. Wenn sie an ihren Vater dachte, und das tat sie oft, empfand sie einen quälenden Schmerz, aber dahinter pulsierte eine Hoffnung: dass Godwin, der doch so radikal in seinen Ansichten war, der wie sie an einer Utopie der Freien und Gleichen festhielt, wieder zu sich kommen und sich mit ihr versöhnen werde. Was hatte sie denn anderes getan als damals ihre Mutter, deren Andenken der Vater so treulich pflegte? Mary Wollstonecraft, eine Kleinbürgertochter, hatte sich mit einer Schulgründung unabhängig gemacht, dann aber, als die Schule wegen Geldmangels schließen musste, vom Schreiben gelebt und mit ihrer Verteidigung der Rechte der Frauen ein viel beachtetes Werk geschaffen – was hatte sie, ihre und Godwins Tochter, anderes getan als ihre Mutter, die freie Liebe nicht nur propagiert, sondern gelebt hat? In London verliebte sich Mary Wollstonecraft in den Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli, der aber verheiratet war, was Mary nicht abschreckte. Sie bot eine Dreiecksbeziehung an, Füssli lehnte ab. Um zu vergessen und um die Revolution zu studieren, ging Mary nach Paris – wo sie sich abermals verliebte: in den Amerikaner Gilbert Imlay, der ein Abenteurer war, was Mary gefiel. Sie bekam die Tochter Fanny, spekulierte nicht auf Versorgung durch Heirat, aber doch auf ein Zusammenleben und Unterstützung im Alltag. Stattdessen schickte Imlay sie mit der Baby-Tochter nach Schweden, wo sie geschäftliche Dinge für ihn erledigen sollte. Mary unternahm die Fahrt, sie schrieb ein Reisebuch darüber, das großen Anklang fand. Doch als sie erleben musste, dass Imlay eine leidenschaftliche Liaison mit einer Schauspielerin pflegte und sich auf eine Dreiecksbeziehung keinesfalls einlassen wollte, versuchte sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie wurde gerettet, traf Godwin und fand mit ihm eine beständige Liebe. Die Eheschließung war eine Formsache, der Tod im Kindbett eine Tragödie – für die Wöchnerin, für Godwin, für die kleine Tochter, die mutterlos aufwuchs und die, wie alle Kinder, deren Mütter bei der Geburt sterben, einen atmosphärischen Druck auf der Seele, vergleichbar einem Gefühl der Schuld, lange nicht loswurde. Was konnte die zweite Mary mehr tun, um sich ihrer Mutter würdig zu erweisen, als ihr Leben nach denselben Prinzipien und Werten auszurichten, um die es Mary Wollstonecraft gegangen war? Freie Liebe, Kampf für Gerechtigkeit und Gleichheit, Verweigerung der Anpassung an eine demütigende Weibchen-Rolle, unabhängige Existenz durch Bildung und Schreiben. Der Vater würde irgendwann anerkennen, dass seine Tochter jenen Weg weitergegangen war, den ihre Mutter eingeschlagen hatte. Und was Mary ihm beim Wiedersehen ins Gesicht sagen würde, hatte sie sich schon zurechtgelegt: Sie selbst wurde gezeugt, als ihre Mutter dem Vater noch nicht angetraut war, genauso »in Sünde«, wie das Kind, das sie jetzt trug! Was ferner die englische Gesellschaft betraf, diese Rotte von Heuchlern, so war Mary entschlossen, sich von ihr nicht den Schneid abkaufen zu lassen. Sie würde, wenn es sein müsste, vor deren Gericht hintreten und es lauthals verwerfen. Die Wahrheit war, was Liebe, Leben, Literatur und Liberalität betraf, auf ihrer Seite.
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