Читать книгу: «Mord in der Buchhandlung»
Thomas Kastura (Hrsg.)
Mord in der Buchhandlung
14 Todesfälle zwischen den Zeilen

Zum Buch
Morde auf Abholung Buchhandlungen: Orte der Sehnsucht, der Fantasie und der Inspiration, begehbare Schatzkammern, Knotenpunkte des Miteinanders, kulturelle Grundversorger, Wissensspeicher, oft Espresso- und Weinquellen, immer aber Räume für Entdeckungen – und Ermittlungen. Denn manch unscheinbares »Schmöker-Eck« wird unversehens zu einem Schauplatz des Verbrechens. In dieser Kurzkrimisammlung haben sich 16 Autor*innen zusammengetan, um sich vorzustellen, wie sich ein Leseparadies mithilfe von Poesie, Nostalgie und Mordlust in einen Tatort verwandeln könnte. Von Ostfriesland bis Niederbayern, von Köln über die Schweiz bis nach Wien – im Namen der Literatur ist (fast) jede Straftat denkbar – und erzählbar.
Mit Beiträgen von: Gitta Edelmann, Heike & Peter Gerdes, Brigitte Glaser, Ule Hansen, Thomas Kastura, Tessa Korber, Sabina Naber, Günter Neuwirth, Barbara Saladin, Ulrike Schäfer, Regina Schleheck, Tanja Steinlechner, Ingrid Werner, Fenna Williams
Thomas Kastura, geboren 1966 in Bamberg, studierte Germanistik und Geschichte und arbeitet seit 1996 als Autor für den Bayerischen Rundfunk. Er hat zahlreiche Erzählungen, Jugendbücher, Kriminalromane und Thriller geschrieben. Im Jahr 2017 wurde er mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet. Im Gmeiner-Verlag ist bereits seine Anthologie »Mörderischer Gardasee. 11 Krimis und 136 Freizeittipps« erschienen. Buchhandlungen sind seine zweite Heimat.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Bilder von: © Megan Markham / unsplash.com
ISBN 978-3-8392-6950-3
Inhalt
Zum Buch
Impressum
Heike und Peter Gerdes
Heißes Pflaster
Brigitte Glaser
Die Kündigung
Gitta Edelmann
Die seltsame Geschichte von Jackie und Heidi
Günter Neuwirth
Die hinterlistige Stromfalle
Regina Schleheck
Ich lese, also spinn ich
Ulrike Schäfer
Alte Geschichten
Tessa Korber
Lange Nacht am Wörtersee
Ingrid Werner
Die Stunde der Wahrheit
Sabina Naber
Im Himmel
Ule Hansen
Die nette Frau Michels
Tanja Steinlechner
Der Käfig
Barbara Saladin
Mordkomplott mit Rattenschwanz
Fenna Williams
Heines Hexenhaufen
Thomas Kastura
Paradiesisch
Viten
Lesen Sie weiter …
Heike und Peter Gerdes
Heißes Pflaster
»Er hat es schon wieder getan!« Empört blickt Herbert Hanser durch das Schaufenster seiner Buchhandlung auf den Imbiss an der gegenüberliegenden Straßenecke. »Heißes Pflaster« heißt das Ding und hat sich mit frisch gemachten Pommes einen ganz brauchbaren Ruf erworben. Das allein jedoch scheint dem Besitzer nicht zu reichen.
»Echt jetzt?« Hilde Hanser stellt sich neben ihrem Mann auf die Zehenspitzen, um die Werbetafel besser lesen zu können. »Das ist doch ein Scherz, oder? Wieso bietet eine Pommesbude auf einmal Pfannkuchen an?«
»Weil wir es auch tun«, erwidert Herbert Hanser grimmig. Zur gemeinsamen Buchhandlung gehört nämlich ein Café, in dem neben Kuchen und Getränken auch kleine herzhafte Speisen angeboten werden. Um die Aufenthaltsqualität zu verbessern – so haben sie es in ihrem Wirtschaftskonzept für die kreditgebende Bank formuliert. Hanser formuliert es gerne schlichter: »Gib den Leuten etwas zu essen und zu trinken, dann bleiben sie länger und kaufen mehr Bücher!« Das klappt ganz gut, ist aber manchem ein Dorn im Auge.
Zum Beispiel Bernd Boelsen, dem Pommes-Schmied von gegenüber. »Pass auf, demnächst verkaufe ich bei mir auch Bücher!«, hatte er angedroht. Das war noch als Scherz durchgegangen; Bücher in dieser fetttriefenden Räuchertonne von einem Imbiss, was für ein Gedanke! Aber Boelsen hat seine Drohung auf andere Art wahrgemacht. Seit einigen Wochen bietet er jedes Gericht, das die Hansers sich für ihr Café ausgedacht haben, binnen weniger Tage selbst an – und zwar einen Euro billiger.
»Ach, was soll’s!«, winkt Hilde Hanser ab. »Soll er doch billige Pfannkuchen verkaufen. Am besten backt er sie gleich in seinem Frittenfett!« Sie lacht. »Aber unsere tolle Terrasse, die kann er nicht kopieren!«
Die Sonnenterrasse des Cafés gleich hinter der Buchhandlung ist die Trumpfkarte von »Hansers Platz«, wie Herbert und Hilde ihren Laden getauft haben. Im Sommer sowieso, aber gerade im Frühling und Herbst kann man hier die ersten und die letzten Sonnenstunden des Jahres wind- und sichtgeschützt genießen, bei Kaffee oder Tee, Landbier oder Rotwein, Kuchen oder einem herzhaften Happen aus Hildes Küche. Besonders gut gehen Matjes, Chili con Carne und Labskaus. Und natürlich Pfannkuchen.
Auf diese Terrasse ist Boelsen offenbar besonders neidisch. So etwas hat er nicht, er kann seinen Kunden nur Stehtische an der Straßenecke anbieten. Vielleicht lässt er deswegen keine Gelegenheit aus, die Hansers und ihr Geschäft madigzumachen. »So ne alte Bruchbude, da wird doch alles nur mit Hansaplast zusammengehalten!«, hat er schon öfter getönt. Hinter ihrem Rücken nennt er ihr Geschäft sowieso ständig »Hansaplast«. Hilde und Herbert wissen das, denn sie sind mit einigen Kaufleuten in der Altstadt befreundet. Längst nicht mit allen; hier ist nicht jeder kollegial, viele kämpfen mit harten Bandagen um ihr täglich Brot. Die Altstadt ist wirklich ein heißes Pflaster.
Auch die Hansers würden gerne mehr in ihr Geschäft investieren. Aber das geht nicht. Auch wenn sie es nicht gerne zugeben: In der Altstadt kann man nicht reich werden. Klar, es kaufen Stammkunden und in den Ferien auch Touristen ein, vor allem im Sommer. Aber was die in die Kasse bringen, reicht gerade, um über die Runden zu kommen. Da muss oft improvisiert werden; ganz falsch ist der Hansaplast-Spruch also gar nicht. Ohne die Einnahmen durch die Sonnenterrasse müssten sie zumachen.
Apropos. »Hat sich Reinhard gemeldet?«, fragt Herbert seine Frau. Reinhard ist Stammkunde und Freund, außerdem handwerklich versiert und öfter mal knapp bei Kasse. Kein Problem, Reinhard repariert hin und wieder etwas an Haus und Mobiliar, dafür lassen die Hansers dann seinen Bierdeckel verschwinden. Aktuell ist sein Deckel wieder einmal voll, und das Pflaster beim hinteren Terrassentor, dort, wo es auf den Rathausplatz geht, müsste dringend neu verlegt werden. Ein Baum, der auf städtischem Boden wächst, hat mit seinen Wurzeln die Pflastersteine hochgedrückt. Ein paar Gäste sind dort schon gestolpert, vor allem in der Abenddämmerung, und die Hansers möchten nicht, dass etwas passiert.
»Ja, hat er«, bestätigt Hilde und verzieht das Gesicht: »Bandscheibenvorfall. Er fällt die nächsten Wochen komplett aus.«
Das ist blöd, denkt Herbert. Er würde die Pflasterei ja selbst machen, auch wenn das wirklich nicht sein Ding ist. Aber er weiß nicht, wie er verhindern soll, dass die Baumwurzeln gleich alle Arbeit wieder zunichtemachen. Klar, man könnte die Wurzeln kappen, aber Herbert hatte dummerweise die Baumschutzkommission der Stadt um Rat gefragt und die hat das kategorisch verboten. Der Baum sei schützenswert und gekappte Wurzeln könnten seine Standfestigkeit beeinträchtigen. Toll, denkt Herbert, soll ich das mit den Stolperfallen jetzt selbst regeln? Von dem ganzen Laub und der ständigen Vogelkacke auf der Terrasse ganz zu schweigen.
»Ruf doch mal im Rathaus an, ob die nicht einen Bautrupp schicken können«, bittet er Hilde.
Doch die hebt bedauernd die Arme. »Würde ich ja machen, aber unser Telefon ist tot. Den ganzen Morgen schon. Hoffentlich bleibt das nicht so, sonst weiß ich nicht, wie ich heute Abend den Kassenabschluss machen soll. Und vorher die neue Ware einbuchen. Läuft ja alles online.« Sie verschwindet in den Tiefen des Ladens.
»Auch das noch!« Telefonchaos können die Hansers gar nicht gebrauchen. Laden und Café müssen erreichbar sein. Ständig rufen Leute an, reservieren Tische oder bestellen Bücher. Wer will schon zweimal laufen für ein einziges Buch? Die noch Bequemeren bestellen sowieso alles online.
Hanser zückt gerade sein Handy, als er Schritte auf der Terrasse hört. »Das Café ist noch nicht geöffnet«, ruft er dem Ankömmling zu, so freundlich, wie es ihm unter diesen Umständen möglich ist. »Aber wenn Sie ein Buch kaufen möchten, dann können Sie …«
Der Mann schüttelt seinen sauber gescheitelten Kopf. »Freesemann, Ordnungsamt«, stellt er sich vor. »Uns liegt eine Beschwerde vor.« Er deutet auf die unebenen Pflastersteine beim Tor. »Wie ich sehe, wurde der Sachverhalt korrekt geschildert. Der Zustand der Pflasterung beim Eingang zu Ihrer Terrasse stellt eine Gefährdung dar. Unter diesen Umständen ist eine kommerzielle Nutzung dieses Areals leider nicht zulässig.«
Herbert Hanser blinzelt in die Frühsommersonne, lauscht für einen Moment den jubilierenden Vögeln und den summenden Bienen. »Wie jetzt?«, sagt er dann. »Die Ursache ist aber doch ein städtischer Baum, der uns die Steine hochgedrückt hat!«
Freesemann schüttelt den Kopf. »Es ist Ihre Terrasse und nur deren Zustand habe ich zu beurteilen. Rufen Sie uns an, wenn der Schaden behoben ist. Dann machen wir gerne einen Termin für eine Ortsbesichtigung zur Prüfung einer eventuellen Neuerteilung Ihrer Bewirtschaftungslizenz. Aber denken Sie daran, bald beginnt die Urlaubszeit, da wird es schwierig mit Terminen.« Er lächelt freundlich. »Dafür haben Sie doch bestimmt Verständnis.«
»Verständnis?« Herbert Hanser spürt, wie ihm die Röte ins Gesicht steigt. »Hier geht es doch nicht um Verständnis, hier geht es ums wirtschaftliche Überleben! Die Urlaubszeit hat begonnen, das Wetter ist gut, da wollen unsere Gäste auf der Terrasse sitzen! Wenn sie das nicht dürfen, gehen sie woandershin. Und Bücher kaufen sie auch nicht bei uns. Ohne die Umsätze, die uns dann wegbrechen, kommen wir einfach nicht klar!«
»Bedaure.« Herr Freesemann gibt sich verbindlich, aber unnachgiebig. »Man könnte ja über Fristen reden, wenn es nicht schon diese Anzeige gäbe. Dadurch sind mir leider die Hände gebunden. Hiermit ist die Terrasse vom ›Hansaplast‹, äh, ich meine natürlich von ›Hansers Platz‹ offiziell geschlossen.«
Herbert Hanser schäumt. »Anzeige! So eine Schweinerei, es hat sich doch keiner verletzt, das wüsste ich! Wer hat uns denn angezeigt? Kann man mit dem vielleicht reden?«
»Der Name unterliegt der absoluten Vertraulichkeit. Nicht, dass Sie den Mann noch unter Druck setzen.« Der Beamte verbeugt sich steif und verlässt das Gelände. Auf dem unebenen Pflaster am Tor kommt er kurz ins Straucheln. Herbert Hanser findet das echt provokant.
Als er zurück in den Buchladen will, kommt seine Frau ihm entgegen, ihr Handy in der Hand und völlig aufgelöst. »Herbert, stell dir vor, die Telefonfirma behauptet, wir hätten unseren Anschluss selbst abgemeldet! Vielmehr du hättest das gemacht! Herbert Hanser vom ›Hansaplast‹! Ist das zu fassen? Sag mal …« Hilde fixiert ihn misstrauisch. »Kann das sein? Du reagierst ja manchmal so impulsiv.«
»Was, ich? Wie käme ich denn dazu?«, empört sich Herbert.
»Na ja, die Rechnung neulich war schon ziemlich hoch.« Hilde stemmt die Fäuste in die Seiten: »Wirklich nicht?«
»Jetzt geht’s aber los!« Herbert kratzt sich im Nacken. Ein Haarschnitt wäre auch mal wieder fällig, aber kann er sich den überhaupt noch leisten? »Sag mir lieber, was wir jetzt tun sollen«, fordert er Hilde auf. »Ohne Festnetzanschluss kommen wir doch gar nicht klar.«
»Hab schon einen neuen Anschluss beantragt.« Hilde Hanser seufzt. »Dauert natürlich vier Wochen, bis der freigeschaltet ist. Muss erst beim Anbieter durch alle möglichen Abteilungen. Von wegen, man redet mal selbst mit dem Techniker! Kannst du vergessen. Läuft alles über Callcenter, total anonym, und wenn du irgendwas auszusetzen hast, wird der Auftrag gleich gecancelt, dann geht alles von vorne los.« Sie schüttelt den Kopf. »Jedenfalls sagen die, wir sollen uns die nächsten Wochen mit meinem alten Handy behelfen. Ist total umständlich, vor allem bei Kassenabschlüssen und Wareneingängen, macht die doppelte Arbeit. Ist aber die einzige Möglichkeit.«
Als Herbert sieht, dass Hilde den Tränen nahe ist, schließt er sie tröstend in die Arme. Von der Terrassensperrung erzähle ich ihr lieber erst einmal nichts, denkt er bei sich. Obwohl, wie soll er das vor ihr verbergen, wenn die Kunden nicht mehr auf die Terrasse dürfen? Also bringt er es ihr schonend bei.
»Herr und Frau Hanser, nehme ich an? Fisser, Steuerfahndung. Guten Tag.« Ein junger Mann in legerem Sportsakko und mit einer sündhaft teuer aussehenden Uhr am Handgelenk kommt federnden Schrittes durchs Café auf die Terrasse. Hagelweiße Zähne erstrahlen in seinem gleichmäßig gebräunten Gesicht. »Das örtliche Finanzamt hat Hinweise bekommen, denen ich leider nachgehen muss. ›Leider‹ aus Ihrer Sicht natürlich. Für mich gibt es hier kein Leider, ich verdiene damit mein Geld.« Er schenkt seiner Armbanduhr einen verliebten Blick.
»Hinweise? Ausgeschlossen.« Herbert Hanser wirft sich in die Brust. »Wenn es hier jemand genau nimmt mit den Steuervorschriften, dann sind wir das! Bei uns geht jede Postkarte durch die Kasse, jeder Kaffee und jedes Bier! Egal, wer uns da angeschwärzt hat – der spinnt. Schauen Sie sich ruhig alles an, Sie werden nichts finden!«
Der Steuer-Mann lächelt herablassend. »Ach, das höre ich oft! Aber ich finde immer etwas. Und bei Ihnen, da bin ich mir sicher, gibt es jede Menge zu holen! Ich weiß nämlich schon genau, wonach ich suchen muss.«
Herbert Hansers Selbstsicherheit bekommt Risse. Seine Frau Hilde hat schon wieder Tränen in den Augen. »Um Himmels willen, was meinen Sie denn?«, stößt sie hervor.
»Sie veranstalten doch literarisch-kulinarische Events, stimmt’s?«, fragt Fisser.
»Stimmt«, erwidert Herbert Hanser. »Ist nur logisch, schließlich betreiben wir eine Küche, da liegt es nahe, verschiedene Genüsse zu kombinieren.«
»Schön gesagt.« Fissers Lächeln wechselt ins Maliziöse, als er eine Liste aus der Tasche zieht. »Im Einzelnen veranstalten Sie literarische Weinproben, kulturelle Bustouren, Krimi-Dinners, musikalische Whiskyproben, mörderische Menüs … und so weiter. Sehr einfallsreich, muss ich zugeben. Und die Einnahmen versteuern Sie alle ordnungsgemäß, ja?«
»Aber sicher!« Hilde Hanser wird laut. »Jeden einzelnen Euro! Was wollen Sie uns denn unterstellen?«
»Und welchen Steuersatz setzen Sie für diese Einnahmen an?«, erkundigt sich Fisser lauernd.
»Ach, darauf wollen Sie hinaus!« Herbert Hansers Lachen klingt gequält. »Das unterteilen wir natürlich exakt! Sieben Prozent auf den kulturellen Teil, 19 Prozent auf den kulinarischen. Das halten wir genau auseinander.«
»Ich erkenne Ihr Bemühen.« Der Steuer-Mann fächelt sich mit seiner Liste geziert Luft zu. Inzwischen liegt die Terrasse im schönsten Vormittagslicht, doch die Sonnenschirme sind noch nicht aufgespannt. »Leider sind Sie nicht auf der Höhe der gesetzlichen Regelungen. Fakt ist folgender: Wenn die verschiedenen Bestandteile einer kombinierten Veranstaltung unterschiedlichen Steuersätzen unterliegen, so findet grundsätzlich der höhere Satz auf die Gesamtveranstaltung Anwendung. Sie verstehen? Das, was steuerlich zusammengehört, das soll der Steuerpflichtige nicht teilen! Sie aber haben das getan. Hat Ihnen eine Menge Geld gespart, aber jetzt kommt das böse Erwachen. Sagen Sie, wie lange machen Sie solche Veranstaltungen denn schon in Ihrem, äh, ›Hansaplast‹?«
»Etwa zehn Jahre«, haucht Hilde Hanser.
»Oh, oh, oh«, höhnt Fisser. »Das wird teuer!«
Noch am selben Tag macht sich Herbert Hanser daran, das Terrassentor abzusperren und das schadhafte Pflaster herauszustemmen. Die ungewohnte Arbeit fällt ihm schwer. Sein Rücken schmerzt, an den Händen bekommt er Blasen, der Schweiß brennt in seinen Augen. Trotzdem schafft er es, unter dem Torbogen eine flache Grube auszuheben und die Baumwurzeln, die ihm dieses Ungemach eingebrockt haben, freizulegen. Aber was jetzt? Kappen darf er sie nicht, und so ein Baum lässt sich nicht vorschreiben, in welche Richtung seine Wurzeln zu wachsen haben.
Hilde Hanser hat derweil gerechnet. »Setz dich lieber«, rät sie und reicht ihm ein Glas Weißwein. Dann legt sie ihm die Zahlen vor. Die Steuernachzahlung wird fünfstellig ausfallen, so viel ist klar. Die entgangenen Einnahmen durch den stillgelegten Telefonanschluss sind schwerer zu kalkulieren, aber sicher auch erheblich. Und die gesperrte Terrasse ist die Krönung. »Von diesen Einnahmen zehren wir sonst das ganze Jahr über«, seufzt Hilde. »Wer hat uns das alles angetan? Und wie sollen wir das überstehen? Unsere Rücklagen haben wir doch schon während der Corona-Krise aufgebraucht!«
Beim Gedanken an die überstandene Pandemie läuft es Herbert Hanser kalt den Rücken runter. Die wochenlange Ladenschließung, der mühsame Aufbau eines Bestell- und Lieferservices, die Kurzarbeit für alle Angestellten, die komplizierten Anträge auf Überbrückungshilfe, das nervenzehrende Warten auf Bescheide, schließlich das wenige Fördergeld, kaum genug zum wirtschaftlichen Überleben! Genau das haben sie damals geschafft. Aber ob ihnen das ein zweites Mal gelingen würde? Herbert Hanser fürchtet, dass sein Improvisationstalent dafür nicht ausreichen wird. »Von wegen ›Hansaplast‹«, murmelt er vor sich hin.
Hilde hebt den Kopf. »Ja, merkwürdig«, stimmt sie zu. »Wie kamen die nur alle darauf?«
»Wer jetzt?« Herbert hat gedankenverloren seinem frisch gefüllten Weißweinglas beim Beschlagen zugeschaut und dabei überlegt, wie lange er sich den guten Pinot Grigio noch würde leisten können. »Wie kam wer auf was?«
»Na, der Typ vom Ordnungsamt hat unseren Laden ›Hansaplast‹ genannt. Ebenso wie der Kerl von der Steuer. Ist doch eigenartig.«
Herbert Hanser nimmt einen weiteren großen Schluck, dann zuckt er die Achseln. »Haben die bestimmt irgendwo aufgeschnappt. Gibt ja ein paar Stinkstiefel hier, die uns so nennen.«
»Aber der Mann von der Telefongesellschaft!«, trumpft Hilde auf. »Der aus dem Callcenter! Der ist doch überhaupt nicht von hier. Woher kann der diesen fiesen Spitznamen denn kennen?«
Herbert stellt sein Glas ab und richtet sich auf. »Von dem, der uns angeschwärzt hat«, murmelt er. »Von dem Denunzianten! Da gab’s ja einige zu Corona-Zeiten. Aber wer jetzt dahintersteckt, das weiß ich genau.« Er steht von seinem Terrassenstuhl auf.
»Herbert!«, ruft Hilde erschrocken. »Tu nichts Unüberlegtes! Du hast getrunken!«
»Ganz genau«, murmelt Herbert und marschiert los.
Der Imbiss hat schon geschlossen, aber Bernd Boelsen ist noch da. Er steht in seinem Laden vor den schmierigen Fritteusen, aber anstatt sie zu reinigen, telefoniert er. Mit gedämpfter Stimme und dem Rücken zur Tür, aber da die einen Spaltbreit geöffnet ist, versteht Herbert Hanser jedes Wort.
»Ich weiß, dass wir ein größeres Haus als Basis brauchen«, sagt Boelsen gerade. »Kriegen wir auch! Ideales Objekt, mit großem Keller. Super Lage, das Gelände hat guten Sichtschutz.« Der Imbisswirt schweigt und lauscht. »Nein, noch ist es nicht meins, aber bald! Hab die Leute schon weichgeklopft. Als Nächstes schick ich denen das Gesundheitsamt auf den Hals.« Boelsen bückt sich und holt aus einem Unterschrank eine halbtransparente Anglerbox hervor, in der es heftig wimmelt. »Dauert nicht mehr lange, dann verkaufen die mir den Schuppen zum Vorzugspreis und küssen mir noch die Hände dafür. Wenn Bares lacht, können die bestimmt nicht widerstehen. Nicht nach ihrem Erlebnis mit der Steuerfahndung!« Er öffnet eine Gefriertruhe, wirft einen Blick hinein. »Nächste Woche wie immer? Okay, alles klar.« Boelsen verabschiedet sich mit »Tot ziens!« und legt auf.
Herbert Hanser beobachtet, wie Boelsen einen flachen Pappkarton aus der Truhe holt und ihn inspiziert. »Frikandel«, steht drauf, aha, eine niederländische Spezialität. Seit wann bietet der Imbiss denn die an? Aber in dem Karton sind gar keine wurstähnlichen Bratröllchen, sondern Geldscheine. Viele, viele Bündel. Und als Boelsen den Karton zurück in die Truhe stellt, sieht es so aus, als seien dort noch mehr von der Sorte drin.
Eilig macht Herbert sich davon, huscht am Antiquitätenladen vorbei und verdrückt sich in die kleine Seitengasse dahinter. Von dort kann er beobachten, wie Boelsen in Richtung »Hansers Platz« spaziert, die Anglerbox am schlenkernden Arm, dabei unauffällig nach allen Seiten sichernd. Es ist schon weit nach Ladenschluss, die Altstadt liegt da wie ausgestorben.
Hanser widersteht der Versuchung, hinter Boelsen herzulaufen und auf ihn einzuschlagen, so wie er vorhin der Versuchung widerstanden hat, ihn in seinem eigenen Frittenfett zu ersäufen. Stattdessen wartet er ab, bis der Imbisswirt in der engen Gasse, die am Buchladen vorbei zur Terrasse führt, verschwunden ist. Dann rennt er los, schließt die Vordertür seines Ladens auf und hastet durch die Verkaufsräume nach hinten. Gleichzeitig mit Boelsen kommt er an der hinteren Tür zum Café an, die verschlossen ist, aber noch nicht verriegelt. Kein Problem, die beiden Flügel mit einem Ruck nach außen aufzuziehen. Offensichtlich weiß Boelsen das.
Hanser erwartet ihn, in den Händen ein Telefonkabel. Er schlingt es Boelsen von hinten über den Kopf und zieht mit aller Kraft zu. Der Imbisswirt röchelt und zappelt, ist aber zu überrascht, um seine Finger noch unter das Kabel zu bekommen. Schon erlahmt sein Widerstand.
»Herbert!«, schreit Hilde Hanser, die in diesem Moment aus der Caféküche tritt. »Herbert, um Gottes willen, was machst du denn da?« Im nächsten Moment bemerkt sie die Anglerbox, die Boelsen aus der Hand gefallen ist, und registriert deren Inhalt. »Igitt! Wo wollte der denn damit hin?«
»In unsere Küche«, knurrt Herbert, während er weiter an beiden Enden des Kabels zerrt. Die nutzlose Station der stillgelegten Telefonanlage klappert auf den Fliesen, weil Boelsen sich immer noch wehrt.
Hilde tritt ganz dicht an Herbert heran. Sie legt ihm ihre Hand auf den Arm. »Lass los, Herbert«, bittet sie sanft. »Lass mal das eine Ende los. Das nehme ich. Und jetzt kräftig ziehen, wir beide zusammen!«
»Na, das hat sich aber mal gelohnt!« Die Bürgermeisterin schnappt sich ein Glas Crémant und schwenkt es auffordernd in die Runde. »Auf unsere Gastgeber! Mögen sie lange und erfolgreich ihre Kunden und Gäste in ihrem wundervoll renovierten Haus und auf dieser prachtvoll hergerichteten Terrasse empfangen und bewirten! Frau Hanser, Herr Hanser, ich bin überwältigt, was für einen überzeugenden Neustart Sie nach all den Krisen hingelegt haben! Respekt, vor allem, weil das alles auch seine Zeit gedauert hat. Der Sommer ist fast darüber hingegangen.« Sie blinzelt in die Septembersonne, die sich an diesem Tag nicht lumpen lässt.
»Auf die Hansers!« Gläser klirren beim Anstoßen, Glückwünsche werden gerufen, dann geht alles in einer Woge angeregter Unterhaltung unter. Wer in der Kulturszene der kleinen Stadt etwas gilt, ist erschienen und drängt sich nun in der herausgeputzten Buchhandlung, dem rundum renovierten Café und vor allem auf der komplett neu möblierten und gepflasterten Terrasse. Selbst Herr Fisser vom Finanzamt ist da und guckt zufrieden wie eine satte Katze. Alle sind des Lobes voll.
Die Bürgermeisterin inspiziert die Pflasterung am hinteren Tor, Seite an Seite mit dem sauber gescheitelten Herrn Freesemann vom Ordnungsamt, umringt von Mitgliedern der städtischen Baumkommission. »Sehr elegant gelöst«, lobt deren Vorsitzender. »Eine doppelseitige Rampe zur Überbrückung des Wurzelwerks! Hervorragende Idee. Aber wie verhindern Sie, dass die neuen Steine womöglich auf die Wurzeln drücken? Das könnte den Baum schädigen!«
»Das haben wir bedacht«, beteuert Herbert Hanser und tritt auf den Scheitelpunkt der beiden Rampen direkt unter dem metallenen Torbogen. »Hier, genau unter mir, verläuft eine Betonschwelle, die den gesamten Druck auffängt. Sie reicht von hier bis hier« – er schreitet gute zwei Meter ab – »und in der Breite von da bis dort, also gut einen Meter.« Mit beiden Füßen trampelt er auf die Pflastersteine, stampft mit seinem ganzen Gewicht. »Sehen Sie? Da rührt sich nichts! Die Baumwurzeln können sich frei entfalten.«
Die Baumkommissare applaudieren, dann zerstreuen sie sich, um ihre Gläser auffüllen zu lassen. Dafür erscheint ein großer, breiter Mann mit weißblondem, stoppelkurzem Haar. »Hauptkommissar Stahnke, Kriminalpolizei«, stellt er sich vor. »Respekt für Ihre Arbeit! Ihr Laden wertet die Altstadt deutlich auf. Zusammen mit einigen anderen Faktoren.«
»Wie meinen Sie das?«, fragt Herbert Hanser unsicher.
»Na ja«, sagt Stahnke. »Ein weiterer Faktor ist, dass diese schmierige Pommesbude, die früher an der Ecke gegenüber war, seit einiger Zeit geschlossen ist. Der neue Käseladen zieht doch eine viel angenehmere Klientel an! Sehr positiv ist auch, dass sich die Dealerszene aus der Altstadt zurückgezogen hat. Früher war das ja ein ganz heißes Pflaster. Hier irgendwo müssen die Niederländer ihre Basis gehabt haben, aber die haben sie wohl verloren.«
»Was Sie nicht sagen«, kommentiert Herbert Hanser mit unbewegter Miene.
»Tja, so kommt eins zum anderen.« Stahnke klopft ihm anerkennend auf die Schulter. »Ich finde es bemerkenswert, dass Sie genügend Kapital aufgetrieben haben, um all das hier realisieren zu können. Mögen diese Mäuse bald Junge kriegen!« Damit verabschiedet er sich.
Herbert Hanser schaut dem breiten Rücken des Hauptkommissars nach, bis er im Getümmel verschwunden ist. Dann verdrückt er sich hinters Haus, dorthin, wo der große Papiercontainer steht, und vergewissert sich, dass auch wirklich kein einziges Stück Pappkarton mehr herumliegt. Vor allem keins mit der Aufschrift »Frikandel«.
Brigitte Glaser
Die Kündigung
Ottos Mops kotzt. Nein, ich übe keine Jandlschen Zungenbrecher, Ottos Mops kotzt wirklich. Gestern aufs Sofa, heute Nacht auf den Flokati im Wohnzimmer. Eklig. Ottos Mops ist eine Plage. Da ist es auch kein Trost, dass ich mit Ottos Mops immer nach draußen darf, wenn er muss. Mit Hunden dürfen selbst Italiener raus, und die haben deutlich strengere Ausgehverbote als wir. In Italien gieren die Nachbarn von Hundebesitzern sogar danach, mal mit dem Wauwau an die frische Luft zu dürfen. Das ist bei uns leider nicht der Fall. Keiner will mir Ottos Mops abnehmen. Dabei gehört er mir gar nicht, er gehört Otto König. Wir haben ihn entführt, und das war – wie sich danach herausstellte – ein bisschen übereilt.
Ja, wenn ich Doro eingeweiht hätte … Aber erstens gab es wenig Grund, anzunehmen, dass wir erfolgreich sein würden, und zweitens wollte ich bei Doro nicht die Hoffnung wecken, wir könnten ihren Buchladen retten. Vor einer Woche rief sie mich völlig erschüttert an und erzählte, dass der König ihr von jetzt auf gleich das Ladenlokal gekündigt hätte. Mich traf fast der Schlag. Schließlich ging es um den Laden, in dem ich in Studienzeiten auf Camus’ »Die Pest« stieß, den Laden, in dem ich von dem ersten Gehalt mein erstes Hardcover »Hundert Jahre Einsamkeit« von Gabriel García Márquez kaufte, den Laden, in dem ich ein paar Jahre später Harry Rowohlt aus Flann O’Briens »Trost und Rat« lesen hörte, den Laden, in dem ich unzählige Stunden beim Schmökern verbracht habe, den Laden, in dem ich – auch dank Doro und ihrer Kollegen – wahre Schätze entdecke, den Laden, wo ich jedes Buch, und sei es noch so speziell, innerhalb kürzester Zeit bekomme. Es ging um den schönsten, besten, großartigsten Buchladen weit und breit. Und den sollte es bald nicht mehr geben?
Das kann nicht sein, das darf nicht sein, sagte ich mir und überlegte, wie ich den Buchladen retten könnte. Deshalb habe ich die anderen angerufen und zu MäcDo bestellt. Das war kurz vor Beginn der Corona-Ausgangssperre. Noch hatten Kneipen und Restaurants geöffnet, noch gab es ein Fünkchen Hoffnung, dass es uns nicht so hart treffen würde. Wir wählten den Tisch am Fenster, Ralle, Valery, der Hirt und ich, und wir fielen auf. Erstens, weil wir zu viert am Tisch saßen – das war zu diesem Zeitpunkt schon eine Seltenheit –, und zweitens, weil wir nicht wie normale MäcDo-Besucher aussahen, mit Ausnahme von Ralle vielleicht. Der mampfte seinen BigMäc, als würde er dies öfter tun. Valery dagegen knusperte eher lustlos an einer Apfeltasche und der Hirt hatte, weil er halt irgendwas bestellen musste, ein Mineralwasser vor sich stehen. Damit das klar ist: Ich habe MäcDo nur als Treffpunkt gewählt, weil er nun mal direkt gegenüber von Doros Buchladen liegt.
»Sie hat wieder wunderschön dekoriert.« Valery legte die Apfeltasche ab und wies mit dem Kopf auf Doros Schaufenster. »Nur Bücher in Zartgrün, Rosa und Mauve. Ein echter Hingucker. Schaut doch nur, wie viele Leute stehen bleiben.« Wie stets war sie adrett in Pink und Grasgrün gekleidet. Aus dem pinken Mohairpulli lugte ein weißes Krägelchen.
Der Hirt nahm einen Schluck Wasser, das ihm nicht schmeckte, Ralle biss in seinen BigMäc, ich nickte halbherzig. Natürlich wussten wir alle, dass unter den Büchern in Zartgrün Valerys neuester Landhauskrimi lag, aber keine unserer Neuerscheinungen.
»Bist du sicher, dass der König ihr gekündigt hat?« Ralle wischte Remoulade aus seinem gewaltigen Bart. Ich weiß, dass er ihn regelmäßig bei dem türkischen Barbershop neben dem »Centrale« am Markt stutzen lässt, weil er davon jedes Mal Fotos auf Facebook postet. Die Barbershop-Fotos nutzt er, um für seine Krimis zu werben, denn neben dem Bart sind darauf immer seine T-Shirts zu sehen, die er stets mit dem Cover seines neuesten Buchs bedruckt. Diese T-Shirts trägt er dauernd, der Mann ist seine eigene Litfaßsäule.
»Ende Juni muss sie raus«, erklärte ich. »Nicht mal eine Fristverlängerung hat er ihr gewährt.«
Otto König gehören drei Spielhallen im Viertel, die größte nur zwei Häuser von Doros Laden entfernt. Die zwei Häuser hat er im letzten Jahr gekauft und sich nun auch noch das Haus mit dem Buchladen unter den Nagel gerissen.
»Der König will sein Imperium vergrößern. Als ob unser Viertel noch einen Spielsalon braucht«, ätzte der Hirt und rückte die schicke rahmenlose Brille zurecht. Teuer, aber mit Understatement, so kleidet er sich gerne. Perlgrauer Anzug, weißes Hemd mit offenem Kragen und so weiter.
»Doros Laden ist das Herz des Viertels! Für jeden hat sie ein offenes Ohr!« Valery erneuerte den Knoten in dem grasgrünen Tüchlein über dem weißen Krägelchen. Immer trägt sie so ein Tüchlein, wahrscheinlich wegen der Falten. Nirgendwo sind sie so verräterisch wie am Hals. »Der Laden ist eine Wohlfühloase zwischen Spielhallen, Ein-Euro-Läden und Handyshops«, ereiferte sie sich weiter. »Ein Ruhepol nach hektischen Einkäufen, die letzte Rettung, wenn man schnell ein Geschenk braucht. Zum Beispiel einen Landhauskrimi und dazu die Gartenhandschuhe in passendem …«
»Entscheidend ist, dass in ihrer gut sortierten Belletristik-Abteilung Klassiker genauso zu finden sind wie aktuelle Neuerscheinungen«, fuhr ihr der Hirt in die Parade.
»Wirklich entscheidend ist, dass sie auch Krimis von Selfpublishern vertreibt und nicht nur Bestseller in den Regalen stehen.« Ralle funkelte den Hirt an und knüllte seine Papierserviette zusammen. »Und dass man bei ihr stundenlang schmökern darf«, fügte er hinzu.
Der Hirt scherte sich nicht um das Funkeln. »Genug Gemeinplätze getauscht«, bestimmte er und schaute mich an. »Sag endlich, warum wir hier sind! Ich habe nicht unbegrenzt Zeit.«
Noch vor einer Stunde fand ich meine Idee genial, die Krimizunft des Viertels zusammenzutrommeln, um gemeinsam einen Plan zur Rettung von Doros Laden zu schmieden. Wer weiß besser, wie man einen windigen Spielhallenbetreiber und aufstrebenden Immobilienhai in seine Schranken weist als die Experten für Mord und Totschlag, Kidnapping und Erpressung, Intrigen und Fallgruben? Ja, wir alle schreiben Krimis. Verbrechen sind unser täglich Brot. Allerdings können sich nicht alle die Butter aufs Brot leisten, denn die Schriftstellerei ist ein schwieriges Geschäft. Auf der Erfolgsleiter stehen wir auf verschiedenen Stufen: ganz oben Oskar Hirt mit seinen literarischen Krimis – immer mit gesellschaftlich relevanten Themen, alles Bestseller, mehrfach preisgekrönt, immer Hardcover. Es folgt Valery Kohler, Erfinderin der pausbäckigen Hobbyermittlerin Frau Wuttke, die ganz ordentlich von ihren Landhauskrimis leben kann. Ein paar Stufen tiefer ich. Meine Regiokrimis um das Ermittlerduo Listig und Schlau werfen schon was ab, doch ohne meine Halbtagsstelle im Wasserwirtschaftsamt komme ich nicht über die Runden. Ganz unten dann Ralle Rankowski, Verfasser düsterer Survival- und Endzeit-Krimis, bei denen selten mehr als einer überlebt. Er verlegt seine Bücher selbst, Kennzeichen: schwarzes Cover mit roter Dracula-Schrift. Wovon Ralle lebt, weiß keiner so genau, aber immerhin reicht sein Geld für regelmäßige Besuche im Barbershop.
Wir kennen uns, weil Doro uns im Herbst immer zu ihrer Lesereihe »Wenn die Blätter fallen« einlädt und wir als Local Heroes den Krimiabend bestreiten. Immer in derselben Reihenfolge: Ralle macht mit seinem Hang zu blutrünstigen Szenen und Apokalypsen den Anfang, dann beruhigt Valery die Gemüter mit eleganten Verbrechen in beschaulichem Landhausflair, ich folge mit meinem witzigen Ermittlerduo Listig und Schlau und der letzte Part gehört stets dem Hirt, Spannung pur bei höchster literarischer Qualität. Am Ende alle noch mal nach vorne, donnernder Applaus. Ich halte mich dabei gerne im Hintergrund, ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen oder mich in den Vordergrund zu drängen – im Gegensatz zu den anderen. Von denen ist jeder davon überzeugt, der Beste zu sein, aber der Hirt lässt sie am Ende des Abends gern spüren, dass er in einer ganz anderen Liga spielt. Was immer für ein bisschen schlechte Laune sorgt.
Natürlich hat Doro unsere Bücher, und nicht nur die Neuerscheinungen, immer vorrätig. Bei Ralle allerdings nur die aus dem laufenden Jahr, denn er haut alle drei Monate einen neuen Krimi raus. Und natürlich liegen unsere Bücher auch in ihrem Schaufenster, falls die Farbe stimmt. Nur der Hirt bekommt immer ein Schaufenster für sich allein, wenn er eine Neuerscheinung hat, da spielt die Farbe dann keine Rolle. Bei all ihrer Fürsorglichkeit und ihrem Gerechtigkeitssinn ist Doro auch Geschäftsfrau und der Hirt zieht halt Publikum, da rollt der Rubel. Ralle bringt das in Rage, Valery stichelt darüber und ich leide stumm. Uns verbindet also keineswegs das Motto der Drei Musketiere: »Einer für alle, alle für einen«.
Deshalb fragte ich mich im MäcDo, ob es wirklich eine gute Idee war, bei der Rettung von Doros Laden auf die Krimizunft zu bauen. Damals machte ich fünf Kreuze, weil ich Doro nichts von diesem Treffen erzählt hatte. Hätte ich doch nur … Aber hinterher ist man immer schlauer.
»Ist doch klar, weshalb wir hier sind«, dröhnte Ralle. »Doros Laden muss bleiben, wo er ist. Bei den Immobilienpreisen kann sie sich hier im Viertel kein anderes Geschäft leisten.«
»Da hält sie sich wacker und ideenreich gegen den Online-Handel mit dem großen A, und jetzt zwingt sie ein Spielhöllenbesitzer in die Knie. Das ist bitter!«, seufzte der Hirt. »Ich setze gerne eine Unterschriftenliste auf, unterschreibe als Erster und lasse die Aktion über meine Online-Kanäle laufen«, erklärte er großzügig. »Was haltet ihr von einer Demo? Bring ich auf den Weg und laufe vorneweg. Wenn wir nicht für den lokalen, unabhängigen Buchhandel kämpfen, wer dann?«
»Glaubst du im Ernst, der König lässt sich von einer Online-Aktion oder einer Demo beeindrucken, selbst wenn du vorneweg läufst?«, blaffte Ralle.
»Ist der König eigentlich immer noch mit der blonden Susi aus dem Nagelstudio zusammen?«, erkundigte sich Valery. »Da lass ich immer meine Nägel machen. Ich könnte mal ein Wörtchen …«
»Ein Wörtchen!« Ralle imitierte Valerys hohe Stimme. »Ein Wörtchen von Frau zu Frau … Noch nie davon gehört, dass hinter einem gierigen Mann eine noch gierigere Frau steht?«
»Worte sind unsere Waffen. Auch wenn du nicht so gut damit umgehen kannst wie wir«, giftete Valery zurück.
»Meine Rede«, stimmte der Hirt ihr zu.
»Der König hat sich noch nie für Wörter interessiert«, warf ich ein. »Den beeindrucken nur Zahlen und Tatsachen.«
»Schaffen wir Tatsachen und kidnappen ihn«, schlug Ralle vor. »Wir schleppen ihn zu der einsamen Eifelhütte, wo mein letztes Survival-Training gestartet ist. Ohne Guide braucht er mindestens einen, eher drei Tage, bis er auf bewohntes Gebiet vorstößt. Der Mann sitzt tagein, tagaus in seinen Spielhallen oder dem »Centrale«, der kennt Natur nur aus dem Fernsehen. Glaubt mir, der wird schnell mürbe. Dann tauche ich auf, inkognito, Sturmhaube und so weiter, verspreche, ihn heim ins Himmelreich zu führen, wenn er die Kündigung für Doros Laden zurücknimmt. Natürlich schriftlich mit allem Pipapo. Fertig ist die Laube!«
»Du denkst die Dinge nicht zu Ende, Ralle«, tadelte ihn der Hirt und straffte seinen Oberkörper unter dem weißen Hemd. »Selbst wenn der König in der Situation die Kündigung zurücknimmt, sowie er wieder in der Stadt ist, wird sein Anwalt den Vorgang für null und nichtig erklären. Sein Mandant habe nur unter Druck, nach Kidnapping, zugestimmt und so weiter. Zudem wird er Doro verdächtigen, hinter der Sache zu stehen. Und du willst doch nicht im Ernst, dass sie deine Schwachsinnsaktion ausbaden muss?«
»Hast du einen besseren Vorschlag?«, bellte Ralle ihn beleidigt an.
»Was haltet ihr von Gift?«, schlug Valery vor und in ihren Augen zeigte sich ein seltsames Glitzern. »Wenn ich die Andeutungen von Susi bei meinen letzten Nagelstudiobesuchen richtig deute, dann gibt es mehr Leid als Freud in ihrer Beziehung zum König. Ich könnte ihr – ganz unverbindlich – Möglichkeiten aufzeigen, wie sie König loswird. Ich kenne mich nicht nur mit allen möglichen Giften aus, ich weiß auch, wo man sie besorgen kann.« Sie lächelte unschuldig, ihr weißes Krägelchen strahlte, aber mir dämmerte plötzlich, was für ein verschlagenes Biest hinter dieser biederen Fassade lauerte, und ich fragte mich, ob es diese Kombination war, die ihre Bücher so erfolgreich machte.
»Das ist doch kompletter Unsinn«, bügelte der Hirt ihren Vorschlag ab. »Als ob Königs Tod die Kündigung rückgängig machen würde!«
»Das wäre nur Schritt eins. Schritt zwei und drei folgen auf dem Fuß. Habe ich in Frau Wuttkes drittem Fall sehr realistisch durchgespielt«, blaffte Valery.
»Das ist Fiktion, Valery, Fiktion!«, rief der Hirt so laut, dass die Gespräche am Nachbartisch verstummten. Schnell senkte er seine Stimme wieder: »Wir wollen einen Buchladen retten, keinen Mord begehen. Um den König anzugreifen, muss man ihn studieren, seine Schwachstellen finden. Was ist mit Geld? Wir alle wissen, wie sehr die Immobilienpreise in den letzten Jahren hier im Viertel explodiert sind. Verdient der König mit seinen Spielhallen wirklich so viel, dass er innerhalb von zwei Jahren drei Häuser in bester Lage kaufen kann? Oder arbeitet er nur als Strohmann? Und wenn ja, für wen?«
»Doro sagt, er hat das Haus bar bezahlt«, berichtete ich.
»Bar! Das stinkt doch nach Schwarzgeld«, tönte Ralle.
»Das Nagelstudio von Susi hat er auch bar bezahlt«, ergänzte Valery. »Susi sagt, der König hält nicht viel von Banken. Alles Verbrecher.«
»Recht hat er, was die Banken angeht!« Ralle nickte. »Aber der Spur des Geldes zu folgen, ist aufwendig und langwierig«, gab er zu bedenken.
»Man muss natürlich wissen, wo man ansetzt und wen man fragt.« Der Hirt verschränkte seine Arme im Nacken und lehnte sich zurück.
»Und so ein heller Kopf wie du weiß das natürlich«, zwitscherte Valery und kicherte giftig. »Beste Beziehungen in die Finanzwelt …«
Ich zog scharf die Luft ein und überlegte hastig, ob ich zur Entspannung der Situation schon meinen Trumpf ausspielen sollte. »Vielleicht«, unterbrach ich Valery. »Vielleicht gibt es …«
»Wartet, wartet, Leute, mir kommt da eine ganz andere Idee!« Ralle sprang vom Sitz auf und blickte aufgeregt in die Runde. »Wir bauen dem König Nacht für Nacht die Türen seiner Spielhallen mit Büchern zu. Dazu müssen wir lediglich die öffentlichen Bücherschränke plündern, die nutzen die meisten Leute eh nur, um Leseschrott loszuwerden. Ein paar Quadratmeter Bücher aus meinem Keller könnt’ ich selbst beisteuern.«
»Survival Band eins bis fünf, oder was?«, zündelte der Hirt, der bei Ralles Aufspringen nur durch beherzten Zugriff das Umkippen seines Wasserbechers verhindert hatte.
»Mir gefällt das«, konterte Valery. »Eine tolle Aktion für Social Media. Damit schaffen wir es auch hundertprozentig in die Zeitungen. Denkt mal an Schlagzeilen wie: ›Spielhallenbesitzer muss sich durch Goethes Gesamtwerk kämpfen‹ oder ›Drei Fragezeichen versperren Zockern den Weg‹.«
»Rechnet mal hoch, wie viele Bücher wir für die Aktion bräuchten«, warf der Hirt ein. »Selbst wenn du zwei Quadratmeter Survival-Krimis im Keller hast und wir alle Bücherschränke des Viertels leeren, es würde nicht reichen.«
Auch ich war skeptisch: »Königs Spielhallen schließen um 2 Uhr, wir müssten mitten in der Nacht anrücken. Parkplätze gibt es um die Zeit nirgendwo mehr. Wie sollen wir die Bücher abliefern?«
»Papperlapapp! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg«, wischte Valery meine Bedenken vom Tisch.
»Ich könnte einen Gabelstapler besorgen«, bot Ralle an.
»Ich sage euch, was passiert, wenn es uns tatsächlich gelänge, genügend Bücher für die breiten Glastüren der Spielhalle beizubringen«, unkte der Hirt weiter. »Der Turmbau vor Königs Türen würde ewig dauern, weil wir alle Bücherfreaks sind. In diesen Bücherschränken wird nämlich nicht nur Schrott abgeladen, in Wirklichkeit sind das wahre Schatzkammern. Und wir könnten unmöglich Bücher aufstapeln, ohne auch in die Bücher hineinzuschauen, oder? Wahrscheinlich wären wir bis in die Morgenstunden am Stöbern und Durchblättern.«
»Beim Bücherstapeln würdest du tatsächlich eines meiner Bücher aufschlagen und lesen?«, erkundigte sich Ralle misstrauisch.
»Na ja, ich denke eher an … richtige Entdeckungen«, redete sich der Hirt heraus.
»Sind meine Bücher etwa keine Entdeckungen? Nur weil ich sie selbst verlege? Nur weil ich nicht bei einem großen Verlag bin?«, grollte Ralle.
Ich kannte diese Diskussionen und fürchtete neuen Zwist. Zudem sah es so aus, als würde in der Runde jeder Vorschlag zu Staub diskutiert werden. Es war an der Zeit, endlich meinen einzigen Trumpf in den Ring zu werfen.
»Ich kenne eine echte Schwachstelle von König«, verriet ich und hatte mit dem Satz die Aufmerksamkeit aller. »Sein Hund, dieser fette Mops. Der König macht keinen Schritt ohne ihn. Jeden Morgen sitzt er mit ihm vor dem ›Centrale‹.« Bei Luigi trinke ich auch gelegentlich meinen Espresso. Deshalb weiß ich das und auch, was der König für ein Geschiss um den Hund macht. Fressie, Fressie, Küsschen, Küsschen und so weiter.
»Stimmt.« Ralle nickte.
»Davon hat Susi auch gesprochen«, fiel Valery ein. »Der darf sogar bei den beiden im Bett schlafen, was Susi widerlich findet.«
»Was schlägst du vor?«, wollte der Hirt wissen.
»Na ja«, setzte ich an, aber weiter kam ich nicht.
»Entführung, ist doch klar«, grätschte mir Ralle ins Wort. »Aber dafür müssen wir mindestens zu dritt sein. Einer, der den König ablenkt, einer, der die Leine durchschneidet, und einer, der den Hund packt. Der sollte einen ordentlichen Sprint hinlegen können. Kriegt das einer von euch hin?«
»Nordic Walking«, sagte ich und Ralle lächelte mitleidig.
»›Krimizunft entführt Hund für einen guten Zweck‹, die Überschrift ist auch nicht schlecht«, begeisterte sich Valery. »Wir könnten die Aktion filmen und daraus ein Kunstevent machen.«
»Könnte tatsächlich erfolgsversprechend und öffentlichkeitswirksam sein«, ließ der Hirt sich vernehmen. »Die Botschaft: Eine Buchhandlung im Viertel gehört einfach zur Grundversorgung. Dafür kämpfen wir! Ich mache das Live-Video und übernehme den Kontakt zur Presse und den Social-Media-Kanälen.«
Erst traute ich meinen Ohren nicht, dann glitt ein Lächeln über mein Gesicht. Eine gemeinsame Aktion anstelle unserer ewigen Sticheleien? Einigkeit, wo sonst nie Einigkeit herrschte? Mein Trumpf zog, und das verschaffte mir eine stille Befriedigung. Manchmal sind die leisen Töne erfolgreicher als die lauten.
»Wir müssen uns beeilen«, mahnte Ralle. »Je schneller, desto besser.«
Wir nickten. Schließlich kannten wir die deprimierenden Bilder aus Italien. Wir wussten, dass die Tage, in denen der König mit seinem Mops vor dem »Centrale« sitzen konnte, gezählt waren. Der Virus machte nicht vor Landesgrenzen Halt, die Krise würde auch unser Viertel erreichen und Straßen und Plätze leerfegen.
»Morgen Vormittag«, schlug Valery vor und alle nickten.
Die Rollen waren so schnell verteilt wie bei unserer Herbstlesung: Valery sollte den König ablenken, ich die Leine durchschneiden, Ralle den Hund entführen und der Hirt das Ganze filmen. Ralle war für Sturmhauben, Valery fürs Verkleiden. Jeder, wie er will, entschieden wir demokratisch.
Am nächsten Morgen saßen kaum noch Leute vor dem »Centrale«. Wir fürchteten schon, die Aktion abblasen zu müssen, aber der König rauschte mit seinem Mops zur üblichen Zeit an. Er hockte sich auf seinen Stammplatz, der Mops ließ sich zu seinen Füßen nieder. Valery, mit Doris-Day-Perücke verkleidet, wartete bereits im Schatten der Eingangstür. Ralle mit aktuellem T-Shirt und doch ohne Sturmhaube schlenderte scheinbar ziellos über die Straße. Mit meinem schärfsten Küchenmesser in der Tasche trank ich am Tisch neben dem König einen Espresso. Der Hirt saß drei Tische weiter hinter der »Süddeutschen« verborgen, das Handy einsatzbereit neben sich auf dem Tisch. Eine solche Szenerie kannten wir aus dem Effeff, Szenen dieser Art hatte jeder von uns schon mal geschrieben. Man musste dabei immer alle Handelnden im Blick behalten, das war das Entscheidende.
Es ging los.
Großer Auftritt Valery. »Otto!«, kreischte sie, stürzte auf den König zu, und der Hirt zückte sein Handy. »Otto, die Susi hat nicht übertrieben. Die neue Frisur steht dir fantastisch!«
Verwirrt, geschmeichelt, wie auch immer, der König griff prüfend in sein Haar – und ich nach meinem Messer. Was gar nicht nötig war, denn der König ließ beim Griff ins Haar die Leine los. Der Mops, von seiner plötzlichen Freiheit überrascht, watschelte hinter Herrchens Rücken ein paar Schritte in Richtung Straße. Schon kam Ralle angesaust, schnappte sich das Viech und rannte davon.
»Nur die Koteletten müssten etwas kürzer sein«, krönte Valery ihren Auftritt. »Bussi, Bussi, bye-bye, Otto.« Sie hauchte einen Kuss auf die Hand und schickte ihn in Königs Richtung. Beim Abgang versuchte sie einen lasziven Hüftschwung à la Marilyn Monroe, aber daran musste sie noch arbeiten, fand ich. Der Hirt steckte Handy und Zeitung ein, winkte dem Kellner und zahlte. Der König bemerkte, dass der Hund weg war, und begann zu zetern. Bevor auch ich mich davonmachte, kniff ich mir in den Arm. Es schmerzte. Kaum zu glauben, die Aktion hatte wirklich geklappt.
Eine Stunde später trafen wir uns in einem Café und entwarfen den Erpresserbrief an König. Valery bestand darauf, ihn zu Hause mit ausgeschnittenen Buchstaben zusammenzubasteln. Wenn schon Erpresserbrief, dann stilecht. »Ich schick einen Fahrradboten ins Centrale. Luigi kann den Brief dann König geben«, meinte Valery, und Ralle fragte, ob wir nicht auch noch Geld von König erpressen könnten, davon habe der Kerl ja genug. Der Hirt bekam einen Tobsuchtsanfall. Dass damit das Robin-Hood-Hafte der Aktion verloren gehe, der Kampf Arm gegen Reich, dass er, Hirt, an der Aktion nur teilgenommen habe, um ein Zeichen zu setzen: für den kleinen inhabergeführten Buchladen gegen die Immobilienhaie der Stadt. Ralle hielt dagegen, dass er selbst arm und der König stinkreich sei. Am Ende setzte sich der Hirt durch und zur Strafe weigerte sich Ralle, den Mops über Nacht bei sich zu behalten. Das musste dann der Hirt übernehmen.
Am nächsten Morgen hatte das »Centrale« geschlossen, und einen weiteren Tag später war das ganze Land im Lockdown. Der König schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Der Erpresserbrief lagerte beim »Centrale«, einen weiteren steckten wir in den Briefkasten der Spielhalle, der aber ohnehin nie geleert wurde. Wir waren buchstäblich auf den Hund gekommen. Nach zwei Wochen gaben wir Luigi Bescheid, er solle dem König sagen, wir wüssten, wo sein Hund steckt. Doch der König meldete sich nicht.
Seither reichen wir den Mops alle zwei Tage von einem zum anderen weiter. Er kotzt alles voll, vor allem Sachen, die schwer zu reinigen sind. Lesesessel. Heizkörper. Für das Überleben von Doros Buchladen hätten wir das noch eine Zeit lang ertragen, aber Doro hat selbst eine Lösung gefunden: ein Ladenlokal in einer Nebenstraße, nicht weit von der bisherigen Lage, nur einmal um die Ecke, das Angebot einer treuen Kundin. Sogar größer als das alte Geschäft, dadurch wird ein lang gehegter Traum wahr: Doro baut ein kleines Café in den Laden ein. Der König kann sie mal, sagt sie.
Die Krise meistert sie, so wie sie alle Krisen meistert: Sie hält durch, sie lässt sich nicht kirre machen, sie pflegt ihre Kontakte, sie improvisiert, sie erfindet sich neu. Natürlich rührt es sie, dass wir ihren Laden retten wollten. Aber den Mops kann sie nun wirklich nicht gebrauchen – dafür Ralle umso mehr. Der arbeitet jetzt als Fahrradkurier für sie. Er fährt im ganzen Viertel Bücher aus, und wenn er auf sein T-Shirt angesprochen wird, zaubert er seine neueste Survival-Story aus dem Hut und verkauft auch gelegentlich eine.
Derweil müssen wir anderen reihum den Hund hüten. Manchmal kommt mir der Verdacht, wir haben dem König mit der Entführung einen Gefallen getan. Der wollte den kotzenden Mops bestimmt längst loswerden. Nun überlege ich, ob ich den Mops beim Gassigehen einfach vor dem »Centrale« anbinde und zurücklasse. Irgendeiner wird sich bestimmt seiner erbarmen. Tierlieb sind die Menschen ja auch in Zeiten der Krise, manche sogar noch mehr als zuvor. So ein Mops ist eine angenehme Gesellschaft. Wenn er gerade mal nicht kotzt.
Gitta Edelmann
Die seltsame Geschichte von Jackie und Heidi
So herrlich habe ich mir Schottland nicht vorgestellt. Bisher habe ich nämlich gedacht, dass dies ein Land im Norden voller Geister, Schafe und Regen sei. Sie auch? Weit gefehlt!
Falls es hier Geister gibt, halten die sich von uns fern. Schafe laufen zumindest hier in der Hauptstadt nicht auf der Straße herum. Und der Himmel ist von strahlendem Blau, marmoriert mit nur ganz wenigen weißen Wolkenfetzen. Ich habe vom Edinburgh Castle bereits gefühlt tausend Aufnahmen gemacht, hauptsächlich von den Princes Street Gardens aus, aber auch von der anderen Seite her, vom Grassmarket, wo wir nun vor dem berühmt-berüchtigten Pub »The Last Drop« sitzen, den Straßenmusikern lauschen und zu Fish and Chips unser Pint trinken.
»Mit ›The Last Drop‹ ist nicht etwa der letzte Tropfen Bier im Glas gemeint«, doziert Heidi, »sondern das letzte Fallen am Galgen. Der stand nämlich früher gleich hier.«
Heidi ist voller solcher Geschichten.
Edinburgh ist voller solcher Geschichten.
Und inzwischen bin sogar ich voller solcher Geschichten.
Aber heute Abend wollen wir uns eine etwas literarischere Geschichte anhören. Heidi hat uns Karten für eine Lesung reserviert.
Loreena MacArthur, »Nighttime Visitors«.
Ich liebe dieses Buch, das mir Heidi vor einigen Wochen in ihrer winzigen Buchhandlung in Bonn empfohlen hat. Noch gibt es keine deutsche Ausgabe und ich hätte große Lust, Loreena MacArthurs spannenden Roman und ihre poetische Sprache zu übersetzen. Obwohl das nicht einfach sein dürfte. Aber ich fühle mich von Herausforderungen ja nicht mehr abgeschreckt, sondern – herausgefordert! Natürlich könnte es schwierig werden, dafür Zeit zu finden, jetzt, wo ich mit meiner romantischen Krimiserie so erfolgreich bin und drei Folgen im Jahr schreibe.
Aber das ist alles Zukunftsmusik. Im Augenblick genieße ich es, hier zu sitzen, die frische Luft einzuatmen und dem jungen Mann zu lauschen, der mit seiner Gitarre alte Songs neu interpretiert. Hören Sie auch so gerne Straßenmusikern zu?
»Wo ist denn die Lesung heute Abend?«, frage ich Heidi. »In der großen Buchhandlung in der Princes Street, in der wir vorhin waren?«
Sie schüttelt den Kopf. »Ein bisschen außerhalb. Im Stadtteil Morningside. Wir können den Bus nehmen oder hinspazieren. Dürfte nicht mehr als eine gute halbe Stunde dauern.«
»Meine Füße sind für die Variante mit dem Bus.«
Sie lacht.
Ich lache mit. Wie wunderbar dieser Urlaub ist, voller Leichtigkeit und Lachen. Wenn ich da an früher denke … Aber das mache ich nicht.
Punkt.
Von der Bushaltestelle ist es nicht weit zu der kleinen Buchhandlung »Morningside Best Books«. Ich sehe mich um, vielleicht will ich ja doch einmal eine Story schreiben, die in Schottland spielt. Reisen heißt immer auch recherchieren.
Die Straße ist gesäumt von alten mehrstöckigen Häusern aus beigegrauem Sandstein.
Die kleinen Geschäfte im Erdgeschoss haben bunte Fensterrahmen. Jedes in einer anderen Farbe.
Es gibt eine ganze Menge Restaurants und Pubs.
Es gibt keine erkennbaren Touristen.
Schön.
Die Buchhandlung ist klein, wenn auch nicht so winzig wie Heidis. Im hinteren Teil hat man ein Regal auf Rollen zur Seite geschoben und in der frei gewordenen Ecke zwei Reihen Stühle im Halbkreis aufgestellt. Automatisch zähle ich. 15. Ein Mann im Anzug und eine Frau in einem Blümchenkleid sitzen schon vorne links. Ein Publikumsrenner scheint die Lesung von »Nighttime Visitors« nicht zu sein, was mich einigermaßen erstaunt.
Auf einem Seitentischchen stehen Sektflaschen und Gläser bereit, daneben liegen zwei Stapel Bücher.
Die Buchhändlerin stellt sich sehr persönlich als Lesley vor, heißt uns willkommen und streicht unsere Namen auf ihrer Liste. Die Frau, die bereits vor uns da war, steht auf und kommt herüber, um uns zu begrüßen.
»Hello, ich bin Loreena. Wie schön, dass Sie zu meiner Premierenlesung gekommen sind.«
Loreena MacArthur ist mir auf Anhieb sympathisch, wenn sie auch ein wenig von einem Mäuschen hat. Das liegt wahrscheinlich an ihrer leisen Stimme und dem niedlichen schottischen Akzent. Oder an dem braven Kleid und dem langen dunklen Haar. Ich stelle mich als Autorenkollegin aus Deutschland vor und versichere ihr, dass ich ihr Buch liebe.
»Ich bin zufällig darauf gestoßen. Dann fand ich es so ergreifend, dass ich es Jackie empfohlen habe«, erklärt Heidi. »In meinem Buchladen verkaufe ich nämlich deutsche und englische Bücher.«
Im Nu befinden wir Frauen uns in einem angeregten Gespräch. Ich werfe einen Seitenblick auf den Mann, der uns mit gerunzelten Brauen beobachtet und schließlich aufsteht.
»Solltest du deine Stimme nicht für die Lesung schonen, Honey?«, fragt er Loreena, als er zu uns stößt. »Nicht, dass sie dir nachher wegbleibt.«
Loreena nickt. »Wir können uns ja hinterher noch unterhalten«, sagt sie. »Das ist übrigens mein Mann Stephen.«
Stephen versichert formelhaft, wie erfreut er sei, uns kennenzulernen, dann begleitet er Loreena zurück zu ihrem Platz, wo er leise auf sie einredet.
»Premierenlesung? Das Buch ist doch bereits zwei Monate auf dem Markt«, wundert sich Heidi, als Lesley die nächsten drei Neuankömmlinge von der Liste gestrichen hat.
»Loreena war krank und dann mussten wir einen neuen Termin finden«, behauptet Lesley, doch als Heidi sie ungläubig anschaut, verrät sie uns, dass Loreena zuerst gar keine Lesung machen wollte. »Sie hatte Angst, nicht gut genug zu sein. Es hat mich eine ganze Menge Überredungskunst gekostet, dass sie heute zumindest in kleinem Rahmen auftritt. Aber keine Angst – sie kann das. Ich kenne sie ja schon seit Jahren und … Entschuldigen Sie mich einen Moment.«
Zwei ältere Damen betreten die Buchhandlung. Lesley eilt zu ihnen, um sie zu begrüßen.
»Ein bisschen erinnert sie mich an dich«, sagt Heidi leise.
Ich starre Lesley an. Mir ist keine Ähnlichkeit aufgefallen.
»Nicht Lesley, Loreena!«
Das mag sein. Auch ich war früher unsicher und eher kontaktscheu. Selbstbewusstsein hatte ich keines. Aber frau entwickelt sich ja weiter. Als Schriftstellerin wie als Mensch. Zumindest war das bei mir so, wobei ich natürlich Heidi viel verdanke, die mich seit meinem ersten Buch unterstützt und mich in ihr Autorinnen-Förderprogramm aufgenommen hat.
Wir setzen uns direkt hinter Loreena und ihren Mann. Auch die anderen Besucher nahmen Platz. Schade, dass nur so wenige Leute gekommen sind, aber das ist ja leider häufiger so bei Lesungen von Autoren, die nicht auf den Bestsellerlisten stehen. In Edinburgh gibt es zudem jede Menge Konkurrenzveranstaltungen wie Konzerte, Theater, Live-Musik in Pubs und vieles mehr.
Lesley schließt die Ladentür ab, sie rechnet wohl nicht mit spät eintreffendem Laufpublikum. Dann begrüßt sie uns noch einmal offiziell und stellt Loreena MacArthur vor.
Loreena steht auf, geht nach vorne und setzt sich hinter das kleine Tischchen, das mit nachtblauem Pannesamt umkleidet ist. Winzige Glitzersteinchen erwecken den Eindruck eines Nachthimmels und erinnern an die Coverillustration von »Nighttime Visitors«. Das hat Lesley schön vorbereitet, allerdings passt Loreenas Blümchenkleid nicht wirklich dazu.
Egal, als sie zu lesen beginnt, schließe ich ohnehin die Augen. Sie liest gut, mehr so, als erzählte sie uns die Geschichte. Vielleicht ein wenig zu leise für die beiden älteren Damen, könnte ich mir vorstellen, aber die beschweren sich nicht. Trotz des ungewohnten schottischen Akzents – oder gerade deswegen – entfaltet sich vor mir das Schicksal der weiblichen Hauptfigur, die an ihrer Familie zu zerbrechen droht.
Die Textstellen, die Loreena liest, sind nicht zu lang und gut ausgewählt, dazwischen erzählt sie ein wenig von ihrer Recherche. Ich bin sehr froh, dass Heidi mich heute Abend hierher eingeladen hat. Ich finde es ja immer spannend, die Autorinnen oder Autoren und ihre Arbeit hinter ihren Geschichten kennenzulernen. Geht Ihnen doch sicher auch so, oder?
Dann ist die Lesung zu Ende, wir sorgen für lauten Applaus, obwohl wir so wenige sind.
Loreena sieht glücklich aus, sie verbeugt sich und lädt uns alle zum Sekt ein.
»Das war eine wunderbare Veranstaltung«, höre ich Heidi zu Lesley sagen. »Schade, dass so wenig Publikum da war.«
»Ach, ich denke, für Loreena war das ganz gut so zum Start«, antwortet Lesley. »Sie muss sich in dieser Hinsicht noch entwickeln.«
»Aber diese Begabung! Ich hoffe, die Verkaufszahlen sind gut. Ich habe ›Nighttime Visitors‹ meiner englischlesenden Kundschaft jedenfalls schon mehrfach empfohlen.«
Lesleys Antwort verstehe ich nicht, denn Loreena drückt mir ein Glas Sekt in die Hand und bedankt sich noch einmal ausdrücklich dafür, dass ich, die Kollegin aus Deutschland, gekommen bin.
Ich bleibe bei ihr am Tisch stehen, warte, bis sie die letzten Gäste mit Sekt versorgt hat, bevor wir auf ihr Wohl trinken.
Mein Lob lässt sie strahlen, doch ihr Lächeln verblasst, als ihr Mann sich zu uns gesellt und den Arm um ihre Schultern legt. Erstaunlicherweise wirkt er angespannt.
»Sie sind also aus Deutschland hier im Urlaub«, stellt er fest. »Und da haben Sie heute Abend nichts Besseres gefunden als diese Lesung?«
Einen Moment lang bleibt mir die Luft weg. Soll das schottischer Humor sein? Wohl kaum, sonst wäre Loreena nicht so zusammengezuckt. Sie sieht definitiv nicht amüsiert aus.
»Loreena hat ein ganz wunderbares Buch geschrieben«, erkläre ich mit noch mehr Begeisterung in der Stimme, als ich ohnehin fühle. »Und ich bin sehr glücklich, dass ich sie heute hören und kennenlernen durfte, Mister MacArthur.«
Ich werde einen Teufel tun und den Menschen beim Vornamen nennen!
»Brown«, sagt er.
Ich sehe ihn irritiert an.
»Mein Name ist Stephen Brown, nicht MacArthur. MacArthur ist Loreenas Mädchenname. Der Verlag fand einen schottischen Nachnamen besser für den Verkauf. Allerdings scheint mir, das hat auch nicht viel gebracht.«
»Für einen Erstling in einem kleinen Verlag sind die Zahlen sehr gut«, mischt sich Lesley ein. Heidi, die neben ihr steht, nickt heftig. »Und dank der guten Rezensionen wird es beim nächsten Buch sicher einfacher.«
Loreena sieht auch jetzt nicht glücklich aus, muss ich feststellen.
Ihr Mann schüttelt den Kopf. »Ich bezweifle, dass es ein zweites Buch geben wird. Sagt man nicht, in jedem Menschen steckt ein Buch? Ein Buch.« Er lacht.
»Ich habe bisher 17 geschrieben«, kläre ich ihn auf.
»Aber Loreena hat auch noch anderes zu tun«, erwidert er.
Anderes? Diese Frau hat eine Begabung, tiefsinnig und poetisch zu schreiben, und soll etwas anderes tun? Ja, hat dieser Stephen Brown einen Ratsch im Kappes?
Verflixt, da werden Erinnerungen wach.
Wer soll denn dein Geschreibsel lesen?
Und: Daraus wird doch nie was, damit kannst du kein Geld verdienen!
Und: Du hast auch noch anderes zu tun!
Heidi und ich wechseln einen Blick. Dann fragt sie Loreenas Mann überaus interessiert und mit ihrem besonderen Augenaufschlag danach, ob er Tipps hat, was wir in Edinburgh unternehmen können, bevor wir weiterfahren nach Inverness und in die Highlands.
Natürlich beantwortet er ihre Frage gerne und in aller Ausführlichkeit – er ist der Typ dafür – und lässt Loreena los, um mit Heidi zu der großen Schottlandkarte zu gehen, die hinter den Stuhlreihen an der Wand hängt.
Ich sehe inzwischen, wo die Ähnlichkeit zwischen uns liegt. Auch Loreena wird sich ihren Weg erkämpfen müssen.
»Hat er dein Buch überhaupt gelesen?«, frage ich sie leise.
»Er hat behauptet, ja, aber ich bin nicht sicher.«
Ich nicke langsam. »Wenn er zu der Szene am Hafen im letzten Drittel nichts gesagt hat, hat er es nicht gelesen.«
Sie atmet einmal tief ein und aus. »Er meinte, es sei ganz okay.«
Ich greife nach der nächsten Sektflasche und gieße unsere Gläser wieder voll.
»Ich sollte eigentlich nicht …«, setzt Loreena an und betrachtet zweifelnd ihr Glas.
»Ach was«, sage ich. »Premierenlesung des ersten Romans hast du nur einmal!«
Wir stoßen an.
Wir lächeln.
Wir verstehen uns.
Wir sprechen über das Schreiben, das Ringen um das perfekte Wort, um die am besten tragende Struktur. Und ich schenke mehrmals Sekt nach, als ich sehe, dass Heidi Loreenas Mann fest im Griff hat.
Lesley hat die meisten Gäste bereits verabschiedet und beginnt, ihre Buchhandlung aufzuräumen.
»Hast du morgen Zeit, dass wir uns noch einmal treffen können?«, frage ich.
Loreenas Augen leuchten auf. »Das wäre schön. Ich habe nachmittags immer ab zwei frei. Magst du Cupcakes? Hier ein Stück die Straße runter liegt ›Laurie’s Café‹, da ist es sehr nett …«
Ich kann ihr noch eine Visitenkarte mit meiner Handynummer in die Hand drücken, dann ist Stephen Brown wieder da und erinnert Loreena daran, dass es spät ist.
»Du weißt doch, wie wichtig Schlaf für dich ist, Honey.« Sein Lächeln erreicht nicht seine Augen.
Heidi schlägt vor, den Rückweg in unser Guesthouse zu Fuß anzutreten. Ich stimme zu, denn ich brauche jetzt viel frische Luft.
»Danke, dass du den Mann so beschäftigt hast«, sage ich zu ihr.
Sie zuckt mit den Schultern. »Blieb mir ja nichts anderes übrig, wenn du dich mit Loreena unterhalten wolltest. Du musst mir aber erzählen, was sie gesagt hat. Habt ihr über ein zweites Buch gesprochen?«
»Ja, und ich habe das Gefühl, das wird noch besser als ›Nighttime Visitors‹.«
»Wenn er sie das schreiben lässt.«
»Sie hat schon angefangen. Und er kann ihr das Schreiben doch nicht verbieten, oder?«
»Er kann es ihr aber schwer machen.«
»Stimmt.«
Ich erinnere mich.
Wir sind schon ein ganzes Stück weitergegangen. Rechts liegt die Wiese der Bruntsfield Links.
»Wenn wir hier rüber über die Meadows gehen, ist es kürzer«, erklärt Heidi.
»Aber dunkler.«
Sie nickt.
Wir gehen also weiter geradeaus, die Straße entlang. Schweigend. Jede von uns hängt ihren Gedanken nach.
»Ich treffe mich morgen Nachmittag noch mal mit Loreena«, erzähle ich schließlich. »Willst du mitkommen?«
»Hm, ich weiß nicht. Vielleicht geh ich auch einfach mal shoppen oder so.«
Wir schweigen wieder.
»Meinst du, Loreena wäre ein Fall für mein Autorinnen-Förderprogramm?«, fragt Heidi, als wir endlich an unserem Guesthouse in der Old Town ankommen.
»Daran habe ich auch schon gedacht«, gebe ich zu. »Ich werde sie morgen mal ein wenig in diese Richtung aushorchen.«
»Laurie’s Café« ist winzig, es gibt nur drei Tischchen. Zum Glück ist eines frei und Loreena und ich sitzen schon bald vor unserem Tee und zwei knallbunt gestreiften Cupcakes mit dem Namen »Rainbow«.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Irgendwann sieht Loreena auf ihre Armbanduhr und erschrickt.
»Ich muss los, in einer halben Stunde kommt Stephen, und wenn ich dann nichts zum Abendessen …«
»Lauf los, ich zahle«, sage ich. »Aber ich erwarte natürlich, dass du dich meldest und mir den Anfang des neuen Manuskripts mailst!«
Sie strahlt und umarmt mich zum Abschied.
Ich sehe ihr nach, wie sie eilig das Café verlässt.
Sie ist definitiv ein Fall für Heidis Autorinnen-Förderprogramm.
Am Abend sitzen Heidi und ich im Pub und essen Haggis. Kennen Sie Haggis? Als Heidi mir zum ersten Mal davon erzählt hat, war ich alles andere als begeistert. Es handelt sich nämlich um den Magen eines Schafes, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird, das Ganze wird mit Pfeffer gewürzt. Ich finde immer noch, dass das wenig appetitlich klingt, aber ich muss zugeben, mit dem traditionellen Kartoffel- und Steckrübenbrei schmeckt es ausgezeichnet.
»Verabrede dich morgen Nachmittag noch mal mit Loreena«, bittet Heidi.
Ich hebe die Augenbrauen.
Sie nickt.
Mehr brauchen wir nicht, um uns zu verstehen.
Ich fahre also wieder nach Morningside.
Heidi verfolgt ihre eigenen Pläne.
»Heute habe ich allerdings nur kurz Zeit, Stephen arbeitet donnerstags nur bis vier«, erklärt Loreena, als wir uns vor »Laurie’s Café« treffen. Wir müssen ein paar Minuten warten, bis ein Tisch frei wird, aber – Sie kennen das sicher – wenn man sich gut unterhält, ist das Warten kein Problem.
Loreena macht auf mich jetzt gar nicht mehr den Eindruck eines Mäuschens. Und das, was sie mir von ihrem neuen Roman erzählt, finde ich faszinierend. Ich freue mich, dass sie mir ihre Ideen so offen anvertraut. Unversehens diskutieren wir den Plot in aller Ausführlichkeit und vergessen die Zeit. Dann piepst ihr Handy.
»Sorry«, sagt sie, »ich muss jetzt gehen. Hab mir extra den Wecker gestellt, damit ich nicht wieder in Hektik gerate.« Sie steht auf.
In diesem Moment gibt ihr Handy erneut Töne von sich. Es ist ein Anruf. Sie nimmt ihn sofort an.
»Ja … ach so … ich verstehe … ja.«
Sie setzt sich wieder. »Mein Mann kommt heute doch später, er muss noch arbeiten.«
Aha.
So, wie sie aussieht, glaubt sie nicht wirklich daran.
Ich natürlich auch nicht.
Dennoch bleiben wir guter Stimmung.
Wir bestellen uns frischen Tee und Karamell-Cupcakes mit kleinen weißen Blümchen darauf und fachsimpeln weiter.
Als »Laurie’s Café« schließt und wir uns verabschieden, weil Heidi und ich am nächsten Morgen nach Inverness weiterfahren wollen, wissen wir, dass es nicht für immer ist.
Endlich ist Loreena MacArthur zu Gast in Deutschland und Heidi hat als Auftakt ihrer Lesereise hier in Bonn eine wunderbare Lesung für uns beide organisiert. Das haben Sie ja sicher den Veranstaltungshinweisen entnommen.
Loreena liest Ausschnitte aus »Nighttime Visitors« und aus ihrem neuen Buch »Strangers« und ich meine deutsche Übersetzung. Anschließend darf das Publikum Fragen stellen.
»Sie wirken, als ob Sie beide sich schon lange kennen«, bemerkt eine Zuhörerin auf Englisch.
»Wir haben uns vor zwei Jahren in Edinburgh bei Loreena MacArthurs Premierenlesung kennengelernt«, erzähle ich. »Und wir sind seither befreundet.«
»Jackie und Heidi haben mir über eine sehr schwere Zeit hinweggeholfen«, berichtet Loreena und weist auf Heidi, die an der Seite der Bühne sitzt. »Kurz nachdem wir uns getroffen hatten, hat mein Mann sich nämlich das Leben genommen und ich stand plötzlich ganz alleine da. Jackie ist bei der Nachricht sofort aus ihrem Urlaub in Inverness zurückgekommen und hat ihre Reise abgebrochen, um mir beizustehen. Sie war es auch, die mir Mut gemacht hat, ›Strangers‹ weiterzuschreiben. Ohne Jackie und Heidi würde es dieses Buch nicht geben.«
»Dann ist die Trauer, die die Protagonistin May in Ihrem Buch fühlt, also Ihre eigene?«, fragt eine junge Frau.
»Gewissermaßen.«
Ein älterer Herr meldet sich.
»Ich liebe ja besonders Ihre Sprache. Da habe ich eine Frage an Ihre Übersetzerin. War es schwer, die richtigen Worte zu finden, um die Atmosphäre beizubehalten? Meiner Meinung nach ist das ausgesprochen gelungen.«
Mehrere Köpfe im Publikum nicken zustimmend.
»Wir hatten schon während der Entstehung des Buches einen engen Austausch. Daher konnte ich Loreena immer fragen, wie genau sie etwas meint und was ihr an bestimmten Formulierungen wichtig ist. Das war natürlich sehr hilfreich.«
Es gibt noch eine ganze Menge weitere Fragen aus dem Publikum, aber schließlich eröffnet Heidi den Büchertisch und Loreena signiert.
Der Verkauf läuft gut.
Neben Loreenas Bestsellern nehmen auch einige den ersten Band meiner neuen Schottland-Krimireihe mit, der gerade erst erschienen ist.
Hinterher trinken Loreena, Heidi und ich noch einen kleinen Absacker, dann begleiten wir Loreena in ihr Hotel.
»Magst du nach Hause laufen?«, fragt mich Heidi, als wir wieder allein sind.
Ich nicke. Ist nur eine gute halbe Stunde und die frische Luft dürfte mir guttun nach dem Trubel.
»Habt ihr schon über Loreenas nächstes Buch gesprochen?«
»Nur ganz kurz.«
»Und?«
Ich hebe die Hand mit erhobenem Daumen.
Sie nickt zufrieden.
Ich erinnere mich an unseren Rückweg von Loreenas Premierenlesung. Wie wunderbar sich doch ihr Leben verändert hat durch Heidis Autorinnen-Förderprogramm.
Ein Jogger hat Stephen Brown damals am Tag nach Loreenas und meinem letzten Treffen in »Laurie’s Café« gefunden. Frühmorgens im Holyrood Park, diesem Park, der irgendwie keiner ist, sondern ein Stückchen Wildnis mitten in Edinburgh. Hügel, Täler, kleine Seen, die dort »Lochs« heißen, Basaltklippen, Stechginster … Irgendwo unterhalb von Arthur’s Seat hat er gelegen, auf einem Stück Wiese neben einem wenig begangenen Pfad, eine fast leere Flasche Single-Malt-Whisky in der Hand und eine Überdosis irgendwelcher Tabletten im Blut.
Warum er ausgerechnet dort seinem Leben ein Ende gesetzt hat, kann bis heute weder Loreena noch die Polizei erklären. Aber was soll es anderes als Suizid gewesen sein? Nichts hatte auf Fremdeinwirkung hingedeutet.
Loreena saß zum Zeitpunkt seines Todes übrigens in »Laurie’s Café« und fachsimpelte mit einer deutschen Kollegin. Ihr Schock bei der Nachricht war groß und echt.
Arbeitskollegen munkelten von irgendwelchen sexuellen Abenteuern, die Stephen Brown wohl immer mal gerne wahrnahm, aber Genaueres konnten sie auch nicht sagen.
Heidi und ich hatten zufrieden festgestellt, dass er sich an ihre Anweisungen gehalten hatte, niemandem etwas von ihr und ihrer Verabredung zu erzählen.
Es ist erstaunlich, wie Heidi Männer um den Finger wickeln kann. Sie weiß immer die richtigen Knöpfe zu drücken, vor allem bei Männern wie Stephen, die sich stark und toll fühlen müssen. Und natürlich kennt sie sich durch ihre Schwester, die Apothekerin bei mir um die Ecke, mit Medikamenten sehr gut aus.
Ich frage nicht genauer nach, was sie ihm verabreicht hat.
Oder wie.
Das will ich gar nicht wissen.
Das ist nicht wichtig.
Wichtig ist, dass »Strangers« geschrieben wurde.
Dass Loreenas Talent sich entfalten darf.
Dass niemand sie mehr zurückhält.
»Ich habe da übrigens beim Schreiberinnen-Stammtisch eine neue Kollegin kennengelernt«, erzähle ich Heidi. »Ein echtes Talent. Aber sie kommt nicht so richtig dazu, ihr Manuskript weiterzuschreiben, weil sie ihre alte Mutter pflegen muss. Und die ist wohl ein ziemlicher Besen. Lechzt ständig nach Aufmerksamkeit. Auch zweifelt sie dauernd und unüberhörbar an, dass in ihrer Tochter eine Schriftstellerin steckt.«
Heidi bleibt stehen. »Du meinst …«
Ich nicke.
Ein neuer Fall für Heidis Autorinnen-Förderprogramm.
Denken Sie nicht auch?
Бесплатный фрагмент закончился.
