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Schlittenfahrt ins Glück

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2015

Copyright Cartland Promotions 1985

ISBN 9781782137634

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1889

„Das bedeutet“, sagte Lord Dunbarton gewichtig, „daß dir lediglich das Geld bleibt, das dir deine Großmutter vermacht hat. Und natürlich dein Schmuck.“

„Ist das wirklich alles?“ fragte Nerita.

„Du scheinst zu vergessen, daß dein Vater als bankrotter Mann gestorben ist und alles, was er besaß, seinen Gläubigern gehört.“

„Alles?“

„Absolut alles! Seine Häuser, deren Einrichtungen, seine Kleider und so weiter.“

„Das ist nicht gerecht“, sagte Nerita leise.

„Nicht gerecht?“ wiederholte Lord Dunbarton indigniert. „Wenn du das nicht gerecht findest, dann überlege dir einmal, wie deine Tante und ich da stehen. Wir haben schließlich eine gewisse Stellung in der Gesellschaft, und als Haupt der Familie bin ich außer mir - jawohl, außer mir! Dein Vater hat unseren Namen in Verruf gebracht - das wird wohl auch dir klar sein, Nerita.“

„Aber ich weiß, daß er es nicht mit Absicht getan hat“, entgegnete Nerita kleinlaut.

„Das hätte auch noch gefehlt! Allein schon das Aufsehen, das er überall erregt hat, und wie er sein Vermögen zum Fenster hinausgeworfen hat! Man kann bloß hoffen, daß sein Verhalten allen Spielernaturen eine Lehre ist, egal, ob sie nun mit Karten oder Aktien herum jonglieren.“

Die Ereignisse der letzten zwei Wochen hatten Nerita so erschüttert, daß sie keine Worte zur Verteidigung ihres Vaters fand.

Natürlich hatte er nicht gewollt, daß es so enden sollte, aber irgendwie war es typisch für ihn gewesen, daß er es nicht vorausgesehen hatte.

Und so hatte er sich das Leben genommen und einen Entschuldigungsbrief an alle hinterlassen, die ihm vertraut hatten.

Daß der „Dynamische Dunbar“, wie man ihn nannte, zu einem Zeitpunkt finanziell ruiniert sein würde, da die Wirtschaft in England blühte, hätte niemand für möglich gehalten.

Nerita war in Rom gewesen, als es passiert war. Sie hatte ein Telegramm erhalten und war sofort nach England zurückgekehrt. Der Text – Komm schnellstens - stop - Onkel Henry - hatte sie vermuten lassen, daß ihr Vater erkrankt und nicht in der Lage sei, ihr persönlich zu schreiben, doch als sie im Haus ihres Onkels am Belgrave Square angekommen war, hatte sie längst die erschütternde Wahrheit gewußt.

Sie hatte es kaum fassen können, daß ihre heile Welt so plötzlich zusammengebrochen war. Sie hatte ihren Vater geliebt und vergöttert, und ihr ganzes Sein war auf ihn konzentriert gewesen.

Nach dem Tod ihrer Mutter vor drei Jahren waren sie schier unzertrennlich gewesen, doch Sir Ralph Dunbar hatte vor etwa einem Jahr darauf bestanden, daß Nerita ihre Ausbildung abschloß.

„Ich möchte“, hatte er gesagt, „daß du fließend Sprachen sprichst. Du weißt, daß ich mich nur mit intelligenten Menschen abgebe - ganz gleich, in welchem Land ich mich gerade aufhalte. Man soll dich nicht nur bewundern, weil du ein schönes Mädchen bist, sondern auch deiner Intelligenz wegen.“

Und so war Nerita erst einmal zu einer Familie in Paris gekommen, und als sie Französisch wie ihre Muttersprache beherrscht hatte, war sie nach Rom gegangen, wo sie sechs Monate hatte bleiben sollen.

Die sechs Monate wären eigentlich im April zu Ende gewesen, und Nerita hätte für die Sommersaison nach London zurückkehren sollen, aber der plötzliche Tod einer Tante mütterlicherseits hatte ihren Vater dazu veranlaßt, den Italienaufenthalt bis zum Herbst zu verlängern.

„Solange du Trauer trägst“, hatte er gesagt, „kannst du nicht ausgehen. Aber während des Winters wirst du dann alles nachholen. Wir werden auf dem Land einen großen Ball geben und natürlich auch in London Gesellschaften abhalten. Ich möchte nicht, daß du unter ferner liefen in die Gesellschaft eingeführt wirst, sondern groß herauskommst und all diejenigen verwirrst, die glauben, daß junge Mädchen langweilig sind.“

Das allerdings stimmte. Nerita wußte, und sie wußte es nicht nur von ihrem Vater, sondern auch von Freunden, daß das wohlerzogene englische Mädchen reichlich engstirnig, wohlbehütet und erschreckend ungebildet war.

Weil jedoch der „Dynamische Dunbar“ ein Weltmann war, weil ihm jede Tür in London, Paris, Rom und Berlin offen stand, deshalb sollte auch seine Tochter ein Mädchen sein, das man überall anerkannte und akzeptierte.

Sie wurde nicht in die Obhut einer überarbeiteten, schlecht bezahlten Gouvernante gegeben, die kaum mehr wußte als ihre Schülerin, sondern wurde von Hauslehrern erzogen, die Experten in ihrem jeweiligen Fach waren. Am meisten hatte sie jedoch von ihrem Vater und dessen Freunden gelernt. Die Unterhaltungen und Gespräche, die sie hatte mitverfolgen dürfen, hatten ihren Horizont enorm erweitert.

Nerita hatte ihrem Vater eine würdige Tochter sein wollen, denn alles, was in Zusammenhang mit ihm stand, mußte außergewöhnlich und unübertreffbar sein.

Wie ein kostbarer Stein, der funkeln mußte, um der Fassung gerecht zu werden, mit der ihr Vater sie ausgestattet hatte, hatte sie im vergangenen Jahr versucht, den letzten Schliff zu bekommen.

Doch jetzt war die Fassung über Nacht verschwunden, und sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß sie die Tragödie hätte verhindern können, wäre sie bei ihm gewesen.

Der finanzielle Verlust berührte sie nicht. Sie trauerte um ihren Vater. Um den Vater, der sie immer wie einen erwachsenen Menschen behandelt und sie wie ein kostbares Stück seiner Sammlung geliebt hatte.

Und was für eine Sammlung hatte er besessen! Die Neugierde hatte selbst Königin Victoria dazu veranlaßt, sie in Buckinghamshire zu besichtigen.

Die Gesellschaft hatte durch Jahre hindurch „die in der Stadt“ ignoriert und auf sie herabgesehen.

Aber der ,Dynamische Dunbar‘ hatte dem ein Ende gemacht.

Er war der zweitälteste Sohn des ersten Lord Dunbar, der in Indien zu großem Ruhm gelangt war, doch die Dunbars als Familie gingen weit in die Geschichte zurück, und sie zu ignorieren wäre nicht ganz einfach gewesen.

Der Familienbesitz in Wiltshire war renovierungsbedürftig, die Ländereien waren schlecht bewirtschaftet, und die Situation hatte sich nur wenig verbessert, als Henry, der älteste Sohn, eine Frau geheiratet hatte, die vermögend war.

Man hätte Violet nicht als reich bezeichnen können, doch sie besaß genug Geld, um mit ihrem Mann ein Leben führen zu können, wie die Gesellschaft es forderte.

Henry Dunbar, ein Mann, der nie einen falschen Schritt tat, war der Engländer, wie er im Buche stand: konventionell, sportlich, zurückhaltend und korrekt. Er war der zweite Lord Dunbarton und tat seinem Namen alle Ehre.

Sein jüngerer Bruder war es gewesen, der Höhen angestrebt hatte, von denen er nicht einmal zu träumen gewagt hätte, und der in Tiefen gestürzt war, die für ihn unbegreiflich und beschämend waren.

Doch durch Jahre hindurch hatte alles so rosig ausgesehen.

Ralph Dunbar mit seinem spektakulären Erfolg in der Finanzwelt war ein äußerst großzügiger Mensch gewesen, und als er dann auch noch zum Ritter geschlagen wurde, hatte sein Bruder Henry in den höchsten Tönen von ihm gesprochen.

Daß er ihn jetzt jedoch, wo er sich nicht mehr verteidigen konnte, derart heruntermachte, war für Nerita unbegreiflich.

Doch, was hätte ihr Vater auch zu seiner Verteidigung vorbringen können?

Obwohl sie wenig von diesen Dingen verstand, fand sie, daß es ihm absolut nicht ähnlich sah, alles auf eine Karte gesetzt zu haben.

Aber die Goldmine in Südafrika hatte ihn zu Spekulationen verführt, und die Berichte waren so positiv und ermutigend gewesen, daß er überzeugt davon gewesen war, er und seine Freunde hätten nach der Inbetriebnahme ein für allemal ausgesorgt.

Und so waren Werzenstein-Aktien in seinem Namen auf den Markt geschleudert worden.

Alles hatte dem ,Dynamischen Dunbar‘ voll vertraut, und Nerita war selbst Zeuge gewesen, wie man ihn in London, Paris und Rom gefeiert hatte.

Nach den ersten vielversprechenden Funden hätte es niemand für möglich gehalten, daß die Goldader versiegen und das ganze Projekt so katastrophal auffliegen würde.

Aber genau das war eingetreten, und jetzt stand Nerita mit einer Apanage von hundert Pfund pro Jahr da. Dazu kam, daß ihr Name besudelt war - wie ihre Tante sich ausgedrückt hatte - und ihre Heiratsaussichten daher gleich Null waren.

„Ich denke im Moment weiß Gott nicht ans Heiraten“, hatte Nerita erwidert.

„Das solltest du aber“, hatte ihre Tante gesagt, und ihr Ton war scharf gewesen. „Was aus dir noch werden soll, ist mir ein Rätsel, und glaube bloß nicht, daß ich dich mit der Schande, die an dir klebt, in die Gesellschaft einführe.“

„Das erwarte ich auch nicht von dir, Tante Violet“, hatte Nerita entgegnet.

„Dann kann ich dir nur raten mit deinem Onkel zu sprechen. Daß er Gentleman genug ist, die Tochter seines Bruders nicht im Stich zu lassen, brauche ich nicht zu betonen, aber von mir kann man nicht erwarten, daß ich Wunder vollbringe.“

„Im Moment steht mir der Sinn wirklich nicht nach einem Gesellschaftsleben“, hatte Nerita ruhig erklärt.

„Mag schon sein“, hatte ihre Tante entgegnet. „Aber so ein Trauerjahr ist schnell vorbei, und was geschieht dann?“

Diese Frage war nicht zu beantworten.

Natürlich konnte man nicht erwarten, daß diejenigen, die durch den Bankrott ihres Vaters in Mitleidenschaft gezogen worden waren, Nerita in ihre Kreise aufnahmen, geschweige denn auch noch einluden.

Ehe sie London verlassen hatte und nach Frankreich gegangen war, war das allerdings der Fall gewesen.

„Wegen Nerita brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, Dunbar“, hatte sie einmal einen Freund ihres Vaters sagen hören. „Wenn sie das entsprechende Alter erreicht hat, geben wir einen Ball für sie und laden alle heiratsfähigen jungen Männer von Rang und Namen dazu ein.“

Er war nicht der einzige gewesen, der derlei Versprechungen gemacht hatte. Eine ganze Reihe von Damen der Gesellschaft hatten sich erboten, für das „arme mutterlose Kind“ Feste zu geben.

Daß ihr Vater diese Feste hätte finanzieren müssen, war als selbstverständlich angenommen worden, aber es war wohl wichtig, in der entsprechenden Form in die Gesellschaft eingeführt zu werden, und Nerita wußte, daß ihr Vater zu allem bereit gewesen wäre.

Er hatte nie von ihr verlangt, den Mund zu halten und die eigene Meinung zu unterdrücken. Und daß sie nach dem Tod ihrer Mutter bei offiziellen Diners hatte dabei sein dürfen, war eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Nerita wußte, daß ihre Tante schockiert gewesen war und ihm wiederholt gesagt hatte, man könne ein junges Mädchen nicht „herzeigen“, ehe es in aller Form in die Gesellschaft eingeführt worden sei.

Aber Nerita war eben kein gewöhnliches junges Mädchen, und im Ausland waren die Verhältnisse sowieso anders gewesen. Im Gegensatz zu den halbgebildeten, schüchternen Engländerinnen, die Schwierigkeiten hatten, sich richtig auszudrücken, waren die Französinnen gleichen Alters viel gewandter, und die Russinnen und die deutschen Mädchen sprachen zwei bis drei Fremdsprachen fließend.

„Was ich so erstaunlich finde“, hatte sie einmal eine französische Comtesse sagen hören, „ist, daß sich Ihre reichlich oberflächlichen jungen Mädchen zu den politisch einflußreichsten und mächtigsten Frauen der Welt mausern können. Mir ist das ein Rätsel.“

„Onkel Henry“, sagte Nerita jetzt völlig ruhig, „ich denke, ich sollte mir eine Beschäftigung suchen.“

„Eine Beschäftigung?“ wiederholte ihr Onkel mißtrauisch. „Was meinst du damit?“

„Vielleicht finde ich irgendwo eine Anstellung.“

„Eine Anstellung?“ Lord Dunbartons Stimme überschlug sich. „Das ist ja geradezu lächerlich! Was sagen denn die Leute, wenn ich es zulasse, daß meine Nichte ihren Lebensunterhalt selbst verdient. Ganz abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, daß du dazu in der Lage wärst.“

Nerita kniff die Lippen zusammen. Der Ton ihres Onkels war verletzend. Mit ihm und seiner Frau zusammen unter einem Dach leben zu müssen, wäre die Hölle gewesen. Sich pausenlos die Nörgeleien ihrer Tante und abfällige Bemerkungen über ihren Vater anhören zu müssen, geduldet zu sein und von denen gemieden zu werden, die noch vor nicht allzu langer Zeit ihren Vater in den Himmel gehoben hatten - sie würde es nicht ertragen können.

„Ich werde dir eine gewisse Summe zur Verfügung stellen“, sagte ihr Onkel. „Da du bei uns wohnen wirst, scheinen mir fünfzig Pfund pro Jahr angemessen. Mit den hundert aus dem Erbe deiner Großmutter und meinen fünfzig dürfte das ausreichend sein. Ausgaben für Garderobe fallen ja praktisch weg, denn gesellschaftliche Verpflichtungen, das hat dir deine Tante ja schon klargemacht, wirst du vorerst nicht haben.“

„Dessen bin ich mir durchaus bewußt, Onkel Henry“, entgegnete Nerita. „Vielen Dank für dein Angebot, aber ich werde dafür sorgen, daß ich mit dem Geld meiner Großmutter auskomme. Notfalls kann ich ja auch ab und zu ein Stück von meinem Schmuck verkaufen.“

Ihr Ton war trocken und geschäftsmäßig.

Lord Dunbarton sah sie an, als sehe er sie zum ersten Mal. Dieses Mädchen war nicht nur ausnehmend hübsch, sondern obendrein von einer Intelligenz, wie man sie nur bei wenigen Frauen fand.

Die meisten der großen Schönheiten, mit denen er bisher zusammengetroffen war, waren attraktiv, immer zu einem Flirt bereit und sich ständig bewußt, daß es ihre Lebensaufgabe war, auf Männer zu wirken. Falls sie intelligent waren, waren sie jedenfalls nicht so ungeschickt, es sich anmerken zu lassen.

„Du hast eben wie dein Vater gesprochen, Nerita“, sagte ihr Onkel. „Ehe du einen weiteren Gedanken auf derlei Unsinn verschwendest, merke dir, daß du hier in dieses Haus gehörst und gut daran tust, dir deine Ideen von einem selbständigen Leben aus dem Kopf zu schlagen.“

Irgendwann später, dachte er, kann sie sich ja einer wohltätigen Sache widmen. Aber vorerst muß einmal Gras über die peinliche Angelegenheit wachsen.

„Ich bin überzeugt davon“, fuhr er fort, „daß du hier und da deiner Tante zur Hand gehen kannst, oder auch mir einmal helfen kannst. Du mußt jetzt alles mir überlassen. Ich bin dein Vormund und werde für dich und deine Zukunft tun, was ich kann.“

„Vielen Dank, Onkel Henry.“

Nerita stand auf, weil sie wußte, daß eine weitere Diskussion nichts einbrachte.

„Ich werde jetzt nach oben gehen und auspacken. Ein Gutes hat das Ganze, ich brauche in der nächsten Zeit wirklich keine neuen Kleider. Nochmals vielen Dank, Onkel Henry. Du bist sehr gütig.“

Aus seiner Sicht gesehen ist er das auch, dachte Nerita, als sie die Treppe hinaufstieg.

Aber bei dem Gedanken, diese Güte annehmen zu müssen, sträubte sich alles in ihr.

Und ihre Tante, die sich lediglich für das Gesellschaftsleben interessierte, schämte sich nicht nur, sondern sie triumphierte auch.

Jetzt konnte sie behaupten, daß sie es hatte kommen sehen, aber sie war immer eifersüchtig gewesen, daß Neritas Vater so viel reicher gewesen war als sein älterer Bruder. Voller Neid hatte sie beobachtet, wie Nerita bereits als Schulmädchen bei den teuersten Schneiderinnen und Pelzmacherinnen eingekleidet worden war und von ihrem Vater Schmuck geschenkt bekommen hatte, von dem Lady Dunbarton nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Alles war natürlich von ausgesucht gutem Geschmack. Nichts Auffallendes oder Knalliges - Kragen und Manschetten von teurem russischem Zobel, ein kleiner Muff aus Hermelin, passend zu dem Kragen eines streng geschnittenen Mantels aus dunkelblauem Tuch.

Die Schmuckstücke passend für ein junges Mädchen: eine Perlenkette von seltener Schönheit und kleine Brillantbroschen in Form von Schmetterlingen, Sternen und sogar ein kleiner Salamander.

„Ich freue mich schon auf den Tag“, hatte ihr Vater gesagt, „an dem ich dir ein Diadem schenken kann, das so prachtvoll ist, wie das deiner Mutter.“

Und jetzt hatte Nerita erfahren, daß dieses Diadem wie überhaupt der ganze Schmuck ihrer Mutter in der Konkursmasse untergegangen war.

Ihre Pferde, ihr Pony und der Traberwagen, mit dem sie so gerne im Park spazieren gefahren war, alles war weg.

Am meisten tat es ihr um die Bücher und um die kleinen Kunstgegenstände leid, die sie gesammelt hatte.

Da nicht zu beweisen gewesen war, daß die Sammlung ihr persönlich gehört hatte, hatte sie auch diese verloren.

Nur ihre Garderobe - aus der sie teilweise herausgewachsen war - war zusammengepackt und zum Belgrave Square geschickt worden. In dem leeren Raum neben dem Schlafzimmer, das Tante Violet ihr zugewiesen hatte, stapelten sich die Lederkoffer und Hutschachteln.

„Emily, was machen wir bloß damit?“ hatte Nerita das Mädchen gefragt, das nun schon seit sieben Jahren bei ihr war.

„Ich kümmere mich schon um die Sachen, Miss Nerita“, hatte Emily geantwortet. „Alles, was Sie noch tragen können, wird hergerichtet und aufgebügelt, und den Rest schicke ich an ein Waisenhaus oder Kinderheim.“

„Das ist eine gute Idee“, hatte Nerita entgegnet.

Und jetzt hatte ihr Onkel Henry mitgeteilt, daß auch Emily gehen mußte.

„Du kannst dir kein Mädchen mehr leisten“, hatte er gesagt. „Ich bin davon überzeugt, daß deine Tante nichts dagegen hat, wenn du gelegentlich die Dienste eines unserer Stubenmädchen in Anspruch nimmst.“

Gelegentlich - das hieß, daß ihre Tante die Meinung vertrat, daß man die Dienste einer Hausangestellten nicht in Anspruch zu nehmen hatte, wenn man finanziell knapp gestellt war.

Nerita ging es absolut nicht darum, sich selbst um ihre Garderobe und dergleichen kümmern zu müssen, sondern um die Tatsache, Emily zu verlieren, die ihr seit dem Tod ihrer Mutter zu einer echten Freundin geworden war.

Sie hatte gehofft, Emily behalten zu können, doch während des Gesprächs mit ihrem Onkel war ihr klargeworden, daß dies unmöglich war. Selbst wenn sie in der Lage dazu gewesen wäre, für Emilys Gehalt selbst aufzukommen, hätte ihre Tante ihr einen ständigen Vorwurf daraus gemacht, daß sie das Mädchen ernährte und ihm Unterkunft gewährte.

Als Nerita jetzt in ihr Zimmer kam, war Emily immer noch damit beschäftigt, die Sachen auszupacken, die sie aus Rom mitgebracht hatten.

Emily sah Nerita sofort an, daß die Dinge noch schlechter standen, als bereits befürchtet.

„Sie sehen aber niedergeschlagen aus, Miss Nerita“, sagte Emily. „Setzen Sie sich erst einmal hin, und ich mache Ihnen eine schöne Tasse Tee.“

„Nein, Emily, bleiben Sie bitte hier. Ich möchte mit Ihnen sprechen.“

Das Mädchen sah seine junge Herrin mit ängstlichem Blick an.

„Sie haben leider recht gehabt, Emily“, sagte Nerita und warf sich auf das Bett. „Außer Großmamas Geld ist nichts mehr da.“

„Das habe ich befürchtet.“

„Und Sie darf ich auch nicht behalten, Emily, und das ist schlimmer als alles andere.“ Nerita schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich kann Sie doch nicht auch noch verlieren!“

„Wenn ich ehrlich bin, habe ich damit gerechnet, Miss Nerita.“

„Ich wollte erst einmal mit Ihnen darüber sprechen, Emily“, sagte Nerita, „aber es müßte doch möglich sein, daß Sie bei mir bleiben können. Wenn ich meinen Schmuck verkaufe - und dafür bekomme ich wahrscheinlich eine Menge -, dann könnte ich nicht nur Ihr Gehalt aus eigener Tasche bezahlen, sondern auch noch für Ihre Kost und Logis aufkommen.“

Emily schüttelte den Kopf.

„Darauf läßt sich Ihre Tante nie ein, Miss Nerita“, sagte sie.

„Sie müssen mir helfen, Emily“, sagte sie daher.

„Wobei?“ fragte das Mädchen.

„Ich bleibe nicht hier“, erklärte Nerita. „Unter keinen Umständen. Tante Violet hat mich noch nie leiden mögen, und sie wird es mich jetzt noch mehr spüren lassen, denn je. Sie wird mich so lange quälen, bis ich es nicht mehr aushalte und vielleicht Papas Beispiel folge.“

„So etwas dürfen Sie nicht einmal denken, Miss Nerita!“ sagte Emily entsetzt. „Ich spreche wirklich nicht schlecht von den Toten, aber Ihr Vater hatte kein Recht, das zu tun, was er getan hat, und das wissen Sie so gut wie ich.“

„Aber es muß doch einen Ausweg geben“, sagte Nerita wie zu sich selbst. „Mein Onkel hat es natürlich verboten und entgegnet, daß ich hier bleiben und meiner Tante zur Hand gehen muß, aber wir wissen beide, was das heißt.“

Emilys Lippen wurden schmal.

Sie war fünfunddreißig und hatte in mehreren großen Häusern gedient, ehe sie zu Nerita gekommen war. Im Zusammenhang mit der sogenannten Gesellschaft gab es kaum etwas, was sie nicht wußte.

Sie hatte Lady Dunbarton von Anfang an richtig eingeschätzt und hatte seit ihrer Rückkehr nach England keinen Hehl daraus gemacht, wie unsympathisch sie Neritas Tante fand.

„Ich nehme an“, sagte sie plötzlich, „daß wir nicht zu den netten Leuten zurückfahren können, bei denen wir in Rom gewesen sind, oder?“

„Nein, Emily, das können wir nicht“, antwortete Nerita. „Die Comtesse würde mich nicht für ganz im Haus haben wollen. Die Situation war jetzt schon kompliziert genug.“

Emily wußte, was Nerita mit dieser Bemerkung meinte.

Die jungen italienischen Adeligen, die eigentlich der Tochter des Hauses den Hof hätten machen sollen, waren von Nerita fasziniert gewesen, und die Atmosphäre war bereits recht gespannt gewesen, als Nerita das Telegramm erhalten hatte und den Aufenthalt in Italien abrupt hatte abbrechen müssen.

Nerita überlegte krampfhaft.

Von den Familien, bei denen sie im Ausland gelebt hatte, war sicher keine bereit, einem Mädchen, das ausnehmend hübsch, aber völlig mittellos war, auf unbegrenzte Zeit Gastfreundschaft zu gewähren.

„Es wird mir nichts anderes übrig bleiben, Emily“, sagte Nerita nach einer Weile, „als mir meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Zum Beispiel als Gouvernante.“

„Als Gouvernante?“ rief Emily, als habe sie nicht richtig gehört.

„Warum denn nicht?“ fragte Nerita. „Papa hat schließlich genug Geld für meine Erziehung ausgegeben, und Kinder mag ich gern, auch wenn ich noch nie welche unterrichtet habe.“

„Sie sehen nicht aus wie eine Gouvernante, Miss Nerita, wirklich nicht.“

Emily dachte an die Gouvernanten, die sie in ihren anderen Stellungen kennengelernt hatte. Samt und sonders waren es arme altjüngferliche Frauen gewesen, die man selten lächeln, geschweige denn lachen sah.

Im Gegensatz zu den Kinderfrauen, die meistens geliebt wurden und um die sich alles drehte, waren Gouvernanten im allgemeinen verhaßt. Nicht nur die Kinder, die sie zu unterrichten hatten, mieden sie, wo es nur ging, sondern auch die übrigen Hausangestellten.

Keine Frau wurde freiwillig Gouvernante - finanzielle Notwendigkeit zwang sie zu diesem Beruf.

Meistens stammten Gouvernanten aus der Mittelklasse. Mit einem Pastor, einem Professor oder Bankangestellten als Vater und keinen finanziellen Mitteln im Hintergrund, entschlossen sich diese Frauen zu dem unbefriedigenden Beruf, weil sie keine Aussicht hatten, einen passenden Mann zu finden.

Ihre Lage war meist bitter: unwillige, oft störrische und unkonzentrierte Kinder zum Lernen zwingen zu müssen, war nicht leicht. Dazu kam, daß sie in den großen Häusern fast ausnahmslos ein sehr einsames Leben führten, weil sie bei keiner Gesellschaft, höchstens einmal zu einem inoffiziellen Tee zugelassen waren. Und sich mit den übrigen Hausangestellten anzufreunden, hielten sie für unter ihrer Würde.

„Sie sind weder Fisch noch Fleisch“, hatte einmal jemand gesagt.

Emily hatte höflich gelacht, aber nicht so recht verstanden, was gemeint war. Jetzt jedoch wußte sie, daß es stimmte.

Und ihre geliebte Miss Nerita spielte mit dem Gedanken, Gouvernante zu werden?

„Unmöglich!“ rief Emily daher.

„Welche Möglichkeiten habe ich denn sonst?“ fragte Nerita. „Ich habe doch keinen richtigen Beruf erlernt.“

Emily runzelte die Stirn und überlegte.

Sie liebte Nerita, wie sie noch nie einen Menschen geliebt hatte. Höchstens den jungen Mann, der sie verehrt hatte, als sie kaum siebzehn gewesen war.

Ihr Vater hatte ihn verjagt, und seitdem hatte es keinen anderen gegeben.

Das war traurig, denn Emily wäre eine gute Ehefrau und eine hingebungsvolle Mutter gewesen. Sie gehörte zu den Menschen, die andere verwöhnen, in den Arm nehmen und alles für sie tun wollten.

Nach ihren Stellungen bei weltgewandten Damen, die sehr wohl ohne sie hätten auskommen können, hatte Emily bei der damals zwölf Jahre alten Nerita alles nachholen können, was ihr bis dahin gefehlt hatte. Sie hatte endlich einen Menschen gefunden, den sie hatte bemuttern können.

„Wenn wir etwas finden könnten, wo wir beide gebraucht werden“, sagte sie jetzt, „dann machen Sie sich bitte wegen meiner Bezahlung keine Gedanken. Ich bleibe umsonst bei Ihnen.“

„Das erlaubt meine Tante bestimmt nicht“, entgegnete Nerita.

„Allerdings nicht, und deshalb braucht man sie gar nicht erst zu bitten“, erwiderte Emily.

„Sie hat sich schon immer darüber aufgeregt, daß ich ein Mädchen für mich ganz allein habe. Noch dazu jemand, der so tüchtig ist wie Sie, Emily.“ Nerita schüttelte den Kopf. „Das arme, abgearbeitete Ding, das sie täglich frisieren muß, wird pausenlos beschimpft und zurechtgewiesen, weil es Ihnen nicht das Wasser reichen kann.“

„Ich möchte bei Ihnen bleiben, Miss Nerita, aber ich weiß wirklich nicht, wie wir das machen sollen.“

„Es wird uns schon etwas einfallen“, sagte Nerita. „Eines steht jedenfalls fest: ich bleibe nicht hier, und wenn sich mein Onkel auf den Kopf stellt.“

„Sie werden wohl bleiben müssen, Miss Nerita.“

„Nein!“

Neritas Ton war so entschieden, daß Emily es aufgab.

Wenn Nerita einmal einen Entschluß gefaßt hatte, dann war nicht mehr daran zu rütteln, das wußte Emily aus Erfahrung.

„Sie hätten ein Junge werden sollen, Miss Nerita“, hatte sie einmal gesagt.

Nerita hatte sie daraufhin mit den großen grauen Augen so erstaunt angesehen, daß Emily hatte lachen müssen und eingesehen hatte, daß diese Idee wirklich absurd war.

Sie ist das schönste Mädchen unter der Sonne, dachte sie jetzt, und wenn jemand nicht dazu geboren ist, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, dann sie.

Nerita war von einer sehr ungewöhnlichen Schönheit, und wer sie sah, war von den großen, ausdrucksvollen Augen fasziniert.

Ihre Haut war wie weißer Marmor, ihr helles Haar hatte nicht den üblichen goldenen Schimmer, sondern erinnerte an einen Morgenhimmel, auf dem noch der graue Schleier der schwindenden Nacht lag.

Schlank und graziös - Nerita hatte von klein auf Ballett- und Reitunterricht erhalten -, war sie von einer Anmut, die einen Teil ihrer atemberaubenden Schönheit ausmachte.

Sie bewegte sich wie ein junger Faun, und es war nicht erstaunlich, daß sie in den schlicht geschnittenen, aber selten eleganten Kleidern, die nur ein Worth entwerfen konnte, an eine griechische Göttin erinnerte.

Zum ersten Mal kam Emily der Gedanke, daß eine Gouvernante auch peinlichen Avancen ausgesetzt sein konnte.

In einer ihrer Stellungen war die Gouvernante nicht nur vom Herrn des Hauses, sondern auch von dessen ältestem Sohn bedrängt worden.

Die Sache hatte geendet, wie sie hatte enden müssen: die Gouvernante war ohne Referenzen aus dem Haus gejagt worden, während die Männer, die der Anlaß dazu gewesen waren, unbeschadet davongekommen waren.

Emily hatte damals gedacht, daß das eben so war im Leben, aber daß dieses Leben eventuell Miss Nerita ebenso übel mitspielen sollte, diesen Gedanken wollte Emily nicht einmal an sich herankommen lassen.

„Es muß doch noch eine andere Möglichkeit geben, Miss Nerita“, sagte sie jetzt. „Vielleicht irgendeine Stellung in einer Bibliothek.“

„Wir machen folgendes, Emily“, entgegnete Nerita und stand vom Bett auf. „Morgen gehen wir zu so einer Stelle, wo man Hausangestellte bekommen kann, und erkundigen uns, was es für Angebote gibt.“

„Meinen Sie ein Vermittlungsbüro?“

„Genau!“ rief Nerita. „Ich erinnere mich noch daran, wie unsere Haushälterin nach dem Tod von dem armen alten Dawes meinem Vater vorgeschlagen hat, über so ein Büro ein tüchtiges Mädchen zu engagieren.“

„Stimmt, daran erinnere ich mich auch noch“, sagte Emily. „Damals kam Mrs. Jones, und sie war ja wirklich eine sehr tüchtige Kraft.“

„Wissen Sie zufällig, welches Büro sie vermittelt hat?“ fragte Nerita.

„Ich glaube schon. Es ist in der Mount Street. Ich war selber schon einmal dort, aber Sie können da nicht hingehen, Miss Nerita.“

„Natürlich kann ich da hingehen, Emily“, sagte Nerita. „Allerdings werde ich nicht so dumm sein, mich mit meinem richtigen Namen vorzustellen. Und außerdem werde ich behaupten, daß ich schon eine Stelle als Gouvernante hatte.“

„Das glaubt man Ihnen nicht, weil Sie kein Zeugnis vorweisen können.“

„Mit dem Einwand habe ich gerechnet, aber das dürfte das geringste Problem sein.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Emily.

„Ganz einfach“, antwortete Nerita. „Ich stelle mir und Ihnen eben ein Zeugnis aus.“

Emily sah Nerita entsetzt an.

Nerita hob beschwichtigend die Hand. „Lassen Sie mich erst ausreden, ehe Sie protestieren, Emily“, sagte sie. „Wenn Sie ein Zeugnis vorlegen, das von mir und mit meinem richtigen Namen unterschrieben ist, bekommen Sie im Moment nirgends eine Anstellung, habe ich recht?“

Daran hatte Emily bisher noch nicht gedacht, aber sie wußte, daß Nerita tatsächlich recht hatte.

Daß Sir Ralph keines natürlichen Todes gestorben war, hatte sich schnell herumgesprochen, und wahrscheinlich war niemand bereit, eine Hausangestellte „dieses Mannes“ zu übernehmen.

Nerita überlegte.

„Als ich damals die Einladungen für die Contessa geschrieben hatte“, sagte sie schließlich, „hat sie mir einen ganzen Stoß von ihrem Briefpapier gegeben. Ich glaube, in meiner Briefmappe liegen noch ein paar Blätter davon.“

„Ich sehe einmal schnell nach, Miss“, sagte Emily und verschwand im Nebenzimmer.

Nach ein paar Sekunden kam sie mit Neritas Briefmappe zurück.

Nerita klappte sie auf und fand tatsächlich noch einige Blätter von dem Briefpapier, in das Name und Adresse der Contessa, wie auch das Familienwappen eingraviert waren.

„Sie werden aber doch die Unterschrift der Contessa nicht fälschen, Miss Nerita?“ fragte Emily schockiert.

„Es bleibt mir leider nicht die Zeit, sie um ihre Erlaubnis zu bitten“, entgegnete Nerita. „Wie heißt doch noch das Sprichwort? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

„Schon“, sagte Emily. „Aber so etwas tut man einfach nicht.“

„Das mag sein, aber wir brauchen nun einmal dringend Zeugnisse, und deshalb stelle ich zwei aus - eines für Sie und eines für mich. Sie haben außerdem noch Ihre Zeugnisse von früher, Emily, und ich werde mir noch ein zweites schreiben und behaupten, daß ich bei meiner Großmutter als Gouvernante für ihre Enkelin angestellt war. Da Großmama nicht mehr lebt, kann man das nicht überprüfen.“

„Das kann Sie in die größten Schwierigkeiten bringen, Miss Nerita, wirklich!“

Nerita zuckte mit den Schultern. „Es wird schon gut gehen“, sagte sie zuversichtlich.

„Ganz abgesehen davon“, fuhr Emily fort, als habe sie Neritas Bemerkung nicht gehört, „nimmt Ihnen niemand ab, daß Sie schon angestellt gewesen sind. Dafür sehen Sie viel zu jung aus.“

„Da müssen wir aufpassen“, sagte Nerita. „Ich muß älter wirken, viel älter.“

„Das geht nicht. Und außerdem sind Sie zu hübsch.“

„Da haben Sie vielleicht recht“, sagte Nerita nachdenklich. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie sich meine Eltern einmal über einen Vorfall bei irgendwelchen Freunden unterhalten haben. Ich weiß nicht mehr, worum es genau ging, aber Papa und Mama waren geteilter Meinung. Auf alle Fälle hat Papa im Verlauf des Gesprächs gesagt, daß sie, also irgendeine Frau, außerdem viel zu hübsch wäre für eine Gouvernante. Ich habe den Satz noch genau in den Ohren.“

„Sehen Sie!“ rief Emily. „Genau das sage ich ja auch. Sie sind viel zu hübsch für eine Gouvernante, Miss Nerita. Das glaubt Ihnen niemand und deshalb müssen Sie sich etwas anderes einfallen lassen.

„Es gibt keine andere Möglichkeit“, sagte Nerita. „Es sei denn, Sie wollen, daß ich Revuegirl werde. Die müssen ja hübsch sein.“

„Nur über meine Leiche, Miss Nerita“, entgegnete Emily prompt. „Aber wirklich!“ Sie schüttelte entsetzt den Kopf. „Noch ein Wort über eine Stellung bei der Bühne, und ich spreche mit Ihrem Onkel.“

„Das wäre gemein, Emily“, sagte Nerita lachend. „Aber ich glaube, die Bühne ist ohnehin nicht das Richtige für mich.“

Sie setzte sich vor den Frisiertisch und stellte die beiden Seitenspiegel so, daß sie sich von allen Winkeln sehen konnte.

„Wenn Sie mich nicht kennen würden, Emily, für wie alt würden Sie mich halten?“

„Für achtzehn“, antwortete Emily prompt.

„Das stimmt nicht“, sagte Nerita. „Achtzehnjährige Mädchen, die nicht so viel herumgekommen sind wie ich, sehen viel jünger aus. Denken Sie bloß an Lady Chelmfords Tochter, die über Weihnachten in Rom gewesen ist. Sie hat wie ein Kind ausgesehen.“

„Weil sie so klein ist und ein Babygesicht hat“, sagte Emily. „Sie sehen total anders aus, das stimmt, aber man schätzt Sie nicht älter als achtzehn. Seien Sie doch froh! Vor Ihnen liegt noch ein langes Leben.“

„Aber was für eines?“ fragte Nerita und zum ersten Mal hörte man Bitterkeit in ihrer Stimme.

Emily überging die Frage und Nerita konzentrierte sich wieder auf ihr Äußeres.

Sie zog sich die Haare glatt aus der Stirn und strich sie hinter die Ohren.

„Erinnern Sie sich noch an die englische Gouvernante in Paris?“ fragte sie. „Ich meine die abgehärmte Frau, die wir beim Herzog von Walwis getroffen haben? Sie hatte einen Knoten, der wie ein Nadelkissen ausgesehen hat.“ Nerita drehte sich um und lächelte. „Machen Sie mir bitte einen solchen Knoten, Emily. Ich möchte wissen, wie ich dann aussehe.“

„Ich denke nicht daran“, sagte Emily. „Geben Sie diese verrückte Idee endlich auf.“

„Das ist keine verrückte Idee“, protestierte Nerita. „Überlegen Sie doch bloß, wie phantastisch es wäre, wenn wir eine Stellung finden würden, bei der wir zusammenbleiben können. Wir wären unser eigener Herr und hätten Möglichkeiten, die wir hier nie haben.“

Emily sagte zwar nichts, aber Nerita sah ihr an, daß sie derselben Meinung war.

„Ich kämme mir die Haare streng nach hinten“, fuhr Nerita fort, „und setze eine Brille auf.“

„Eine Brille?“ wiederholte Emily. „Sie haben doch ausgezeichnete Augen.“

„Natürlich habe ich ausgezeichnete Augen, aber sie sehen nicht gouvernantenhaft aus. Sie sind viel zu auffällig. Wie wir damals mit Papa in Ägypten waren, da hatte ich doch eine Brille mit getönten Gläsern. Wegen der starken Sonne, erinnern Sie sich?“

„Ja, aber ich habe keine Ahnung, wo diese Brille ist, Miss Nerita.“

„Wenn Sie vermeiden wollen, daß ich unnötig Geld ausgebe, Emily, dann suchen Sie die Brille lieber.“

Mit einem Stöhnen, das ihre ganze Hilflosigkeit verriet, verschwand Emily wieder im Nebenzimmer.

Daß sie schon nach kurzer Zeit wieder zurückkam - mit der Brille -, war für Nerita der Beweis, daß sie genau gewußt hatte, wo sie hatte suchen müssen.

Nerita hatte inzwischen ihr Haar gelöst, hatte es zurückgebürstet und schlang es gerade zu einem strengen Nackenknoten.

Wenn ich erst einmal eine Stellung habe, dachte sie, dann kann ich ja mit der Zeit eine etwas weniger spröde Frisur machen.

Sie schnitt sich im Spiegel Grimassen zu und versuchte zu lachen, doch sie war den Tränen nahe, denn sie hatte plötzlich das Gefühl, dem allen nicht gewachsen zu sein.

Doch schon nach einer Sekunde hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie mußte allein zurechtkommen, das war sie ihrem Vater schuldig, der alles getan hatte, um einen selbständigen Menschen aus ihr zu machen.

„Ich habe die Brille, Miss Nerita“, sagte Emily in ihre Gedanken hinein. „Aber nützen wird sie Ihnen nichts. Wenn Sie glauben, daß jemand eine Gouvernante anstellt, die schlecht sieht, dann irren Sie sich.“

Damit drückte sie Nerita die Brille in die Hand.

Neritas Vater hatte sie in Ägypten gekauft, und sie war weiß Gott kein Aushängeschild für ihren Hersteller: runde, in einem häßlichen Gelb getönte Gläser in einem einfachen Metallgestell.

Nerita setzte sie auf und sah sofort total verändert aus.

Wäre das Oval ihres Gesichts nicht so perfekt gewesen, ihre Nase nicht so gerade und der Schwung ihrer Lippen nicht so lieblich, sie hätte grotesk und wie ein Clown gewirkt.

„Wir behaupten einfach, daß es sich um eine momentane Entzündung handelt, die wieder vergeht“, sagte sie lächelnd. „Und jetzt bringen Sie mir bitte das schlichteste Hütchen, das ich besitze. Oder meinetwegen machen Sie von dem, das ich gestern aufhatte, die Federn ab, und wenn ich für das Vermittlungsbüro nicht die passende Jacke habe, müssen Sie mir bitte eine von Ihren leihen.“

„Das Ganze ist heller Wahnsinn!“ jammerte Emily.

„Vielleicht“, entgegnete Nerita. „Aber wir können nicht einfach hier sitzen und mit dem Schicksal hadern. Wir müssen etwas unternehmen. Und - wer nicht wagt, der nicht gewinnt - würde Papa sagen.“

2.

Nerita und Emily stiegen Ecke Mount Street aus der Mietkutsche, bezahlten und gingen das letzte Stück zu Fuß.

Noch in der Kutsche hatte Nerita den Gesichtsschleier abgenommen, damit die Hausangestellten am Belgrave Square nicht sehen konnten, wie seltsam sie frisiert war.

Und daß sie verschleiert ging, würde niemand wundern, hatte sie sich überlegt. Schließlich trug sie Trauer und man würde außerdem annehmen, daß sie nicht von irgendwelchen früheren Freunden erkannt werden wollte.

Jetzt blieb sie einen Moment vor einem Schaufenster stehen, nahm die Brille mit den getönten Gläsern aus der Handtasche und setzte sie auf.

Sie betrachtete das Gesicht, das sich in der Glasscheibe spiegelte und fand, daß selbst ihr eigener Vater sie nur schwer erkannt haben würde.

Sie trug ein tiefschwarzes Kostüm, von dem Emily den weißen Piquekragen abgetrennt hatte, und ein völlig schmuckloses schwarzes Hütchen, das ohne seine Federn und das Samtband trist und reichlich spießig wirkte.

Trotzdem konnte nichts die Farbe von Neritas Haar verändern, geschweige denn die außergewöhnliche Schönheit ihrer Augen, wenn sie die Brille nicht trug.

Seit dem Moment, in dem Nerita beschlossen hatte, das Vermittlungsbüro aufzusuchen, hatte sich Emily gegen diese Idee gesträubt.

Sie sei absurd, hatte sie immer wieder gesagt. Nerita könne sich der Vormundschaft ihres Onkels nicht entziehen und außerdem sei es verrückt, den eigenen Lebensunterhalt verdienen zu wollen.

Und Nerita hatte geduldig erwidert, und das zum x-ten Mal, daß nichts schiefgehen könne, wenn sie zusammen blieben, und Emily hatte schließlich selbst daran geglaubt, aber weiterhin protestiert.

„Sie können sich einreden, was Sie wollen, Miss Nerita“, hatte sie noch vor einer Stunde gesagt, „Sie bekommen keine Stelle als Gouvernante, wenn Sie mich im Schlepptau haben. Eine Gouvernante ist nun einmal nicht mit einer einfachen Hausangestellten befreundet.“

„Dann stelle ich mich eben als Kindermädchen vor“, hatte Nerita erwidert. „Allerdings laufe ich dann Gefahr, daß Sie als Zofe - und das sind Sie schließlich, Emily - auf mich herabsehen und kein Wort mit mir reden.“

Emily hatte gelächelt, aber es war ein wenig humorvolles Lächeln gewesen.

„Da haben Sie leider nur zu recht, Miss Nerita“, hatte sie gesagt. „Kammerzofen haben sich schon immer für etwas Besseres gehalten und legen größten Wert darauf, daß sie der jeweiligen Herrin entsprechend am Tisch der Dienstboten den gebührenden Platz einnehmen.“

Nerita hatte gelacht. „Daran habe ich natürlich nie gedacht“, hatte sie gesagt. „Arme Emily! Nachdem Papa lediglich ein ganz gewöhnlicher Adeliger gewesen ist, haben Sie wahrscheinlich nie rechts vom Butler gesessen.“

„Zumindest nicht oft“, hatte Emily zugegeben. „Wir waren ja meistens in Häusern zu Gast, wo es von Herzoginnen, Marquisen und Gräfinnen nur so gewimmelt hat.“

Wieder hatte Nerita lachen müssen.

„Vielleicht nimmt uns eine Herzogin in ihren Dienst“, hatte sie gesagt. „Dann kommen Sie endlich einmal zu Ihrem Recht.“ Sie hatte überlegt. „Und als Kindermädchen, wo sitze ich dann?“ hatte sie gefragt.

Emily hatte sie verständnislos angesehen.

„Als Kindermädchen könnten Sie nicht mit mir befreundet sein, Miss Nerita“, hatte sie entgegnet. „Höchstens als Kinderfräulein.“

Die beiden hatten sich angesehen.

„Aber natürlich!“ hatte Nerita gerufen. „Das hatte ich völlig vergessen. Nachdem meine geliebte Kinderfrau in den Ruhestand ging, kam ja erst einmal Miss Crew zu uns, und dann wurde erst Miss Gregory engagiert, die ich nie gemocht habe.“

Sie hatte die Arme um Emily gelegt und sie an sich gedrückt.

„Wie schlau Sie sind, Emily“, hatte sie gesagt. „Das ist die Antwort auf das Problem. Ein Kinderfräulein ist immer jung, weil es mit den Kleinen spielen und sie beschäftigen muß.“

„Aber es darf nicht zu jung sein“, hatte Emily erwidert.

„Wie alt war denn Miss Crew?“

„Sie war vor meiner Zeit bei Ihnen, Miss Nerita, aber ich glaube, sie war so an die fünfundzwanzig.“

„Dann bin ich eben auch fünfundzwanzig“, hatte Nerita erklärt. „Jawohl - fünfundzwanzig. Und jetzt schnell die Zeugnisse.“

„Da muß ich ja richtig stolz auf mich sein“, hatte Emily gesagt, als sie es gelesen hatte.

„Und nicht ein Wort ist übertrieben“, hatte Nerita entgegnet. „Wenn ich noch einen Satz dazusetzen könnte, dann würde ich betonen, daß ich mir ein Leben ohne Sie nicht mehr vorstellen kann.“

„Oh Miss!“

Emily hatte sich schnell abgewandt, um die Tränen zu verbergen, die ihr in die Augen stiegen.

Auch mit dieser letzten Bemerkung hatte Nerita nicht übertrieben. Der einzige Mensch, den sie auf dieser Welt noch hatte und mit dem sie besprechen konnte, was sie dachte und fühlte, war Emily.

Das Haus am Belgrave Square und seine Bewohner haßte sie bereits.

Obwohl sie wußte, daß ihr Onkel es auf seine Weise gut mit ihr meinte, spürte sie, daß sie nicht willkommen war.

Und so schob Nerita jetzt die Brille zurecht und ging mit Emily weiter, bis sie vor dem Emailleschild über einer offenen Haustür wieder stehenblieben.

MRS. DALE VERMITTLUNGSBÜRO 1. STOCK

Sie betraten das Haus.

Im Flur hing ein Anschlag, der Genaueres besagte.

MRS. DALE VERMITTELT ERSTKLASSIGE, ERFAHRENE HAUSANGESTELLTE, WIE AUCH SEKRETÄRINNEN UND SEKRETÄRE, MAJOR-DOMOS, GOUVERNANTEN, KINDERFRÄULEINS UND KUTSCHER.

Mit einem leicht amüsierten Lächeln auf den Lippen stieg Nerita mit Emily die Treppe zum ersten Stock hinauf.

Auf einer Glastür stand derselbe Aufdruck wie auf dem Emailleschild über der Haustür. Dahinter lag ein großer Raum mit Bänken an drei Wänden.

Kaum ein Platz war frei, und alles, was man sich nur an Dienerschaft vorstellen konnte, war vertreten, vom rotbackigen Mädchen, das offensichtlich gerade vom Land hereingekommen war, angefangen bis zum alten, ausgedienten Butler, der sich aus irgendwelchen Umständen immer noch nicht zur Ruhe setzen konnte.

Nerita wußte von Emily, daß Mrs. Dale in einem Büro saß, das an den Warteraum angrenzte. Sie ging Schnurstracks darauf zu und machte die Tür auf.

Der Raum war klein. An einem Schreibtisch saß eine Frau mittleren Alters mit einer roten Perücke und einem nicht gerade sympathischen Gesicht, dessen harter, schmallippiger Mund als erstes unangenehm auffiel.

Sie musterte Nerita auf schier beleidigende Weise von oben bis unten, dann geschah dasselbe mit Emily.

Plötzlich war ihr scharfer Ausdruck wie weggewischt. Offensichtlich hielt sie Nerita für jemand, der nicht Arbeit suchte, sondern einen Dienstboten.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie mit fast unterwürfiger Stimme.

„Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar“, antwortete Nerita ruhig. „Meine Freundin und ich suchen eine gemeinsame Stellung.“

„Alle beide?“

Der Ton Mrs. Dales war plötzlich herablassend und scharf.

„Ja“, erwiderte Nerita. „Ich bin Kinderfräulein und meine Freundin, Miss Emily Henson, ist eine äußerst erfahrene Kammerzofe.“

„Und wieso wollen Sie zusammen in einem Haus arbeiten?“

„Weil wir uns schon von klein auf kennen und aus demselben Dorf stammen.“

Mrs. Dale setzte eine Miene auf, als sei das ein Manko. Sie klappte einen Ordner auf, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag.

„Ich nehme an, Sie haben Zeugnisse?“

„Natürlich“, sagte Nerita.

Sie reichte Mrs. Dale das Zeugnis, das angeblich die Contessa da Santa Marco geschrieben hatte.

Mrs. Dale las es, und Nerita sah ihr sofort an, wie beeindruckt sie war. Das eingravierte Wappen und die elegante Ausdrucksweise, derer sich Nerita bedient hatte, verfehlten nicht ihre Wirkung, aber Mrs. Dale äußerte sich vorerst nicht dazu.

„Meine Freundin“, sagte Nerita nach einer Weile, „hat ebenfalls ein Zeugnis der Contessa.“

„Ist das die einzige Stellung, die Sie bisher hatten?“ fragte Mrs. Dale.

„Ich war kurze Zeit bei Lady Mowbray“, erklärte Nerita. „Sie starb dann leider. Aber Miss Henson ...“

„Sie wird doch wohl selbst reden können, oder?“ fiel ihr Mrs. Dale ins Wort.

„Sicherlich, Madam“, sagte Emily sofort. „Ich war bei der Marquise von Londonderry und der Gräfin de Grey in Stellung. Die Zeugnisse habe ich bei mir.“

Sie beeindruckten Mrs. Dale offensichtlich mehr als das der Contessa, die schließlich Ausländerin war.

„Warum sind Sie nicht bei der Gräfin de Grey geblieben?“ fragte sie, nachdem sie die Zeugnisse aufmerksam gelesen hatte.

„Weil ich mich um meine kranke Mutter kümmern und sie pflegen mußte“, antwortete Emily. „Nach ihrem Tode habe ich die Stellung in Rom angenommen, weil ich auch einmal im Ausland sein wollte.“

In Wahrheit war sie mit Nerita erst einmal nach Paris gereist.

„Sehr zufriedenstellende Referenzen“, stellte Mrs. Dale in einem Ton fest, als koste es sie große Mühe, ein Lob auszusprechen. „Es dürfte nicht schwierig sein, Ihnen eine Stellung zu vermitteln.“ Sie blätterte in ihrem Ordner. „Hier habe ich eine Lady“, fuhr sie schließlich fort, „sie gehört zur crème de la crème und sucht eine Kammerzofe, die perfekt frisieren kann. Und hier habe ich noch jemand, dem es auf gutes Packen ankommt. Und Seereisen darf die entsprechende Angestellte nicht fürchten.“

„Ich möchte aber im selben Haus arbeiten wie Miss Graham“, sagte Emily stur.

Nerita hatte sich für den Namen Graham entschieden, weil sie fand, daß er passend war für eine Gouvernante und respektierlich klang.

Mrs. Dale konsultierte ihren Ordner.

„Aha“, sagte sie schließlich. „Hier habe ich etwas. Zwei Hausangestellte werden verlangt.“ Sie sah hoch und runzelte die Stirn. „Wenn ich Sie zu einem sehr wichtigen Kunden schicke, dann enttäuschen Sie mich hoffentlich nicht.“

„Wir werden unser Bestes tun“, entgegnete Nerita.

„Ihnen sagt die Stellung wahrscheinlich zu, Miss Graham“, fuhr Mrs. Dale fort. „Gesucht wird ein Kinderfräulein für einen sechsjährigen Jungen. Was jedoch Ihre Freundin anbelangt, so ist das vielleicht nicht ganz das Passende.“

„Warum nicht?“ fragte Nerita.

„Weil eine Kammerzofe für Gäste gesucht wird“, erklärte Mrs. Dale. „Also Damen, die zu Besuch kommen und keine eigene Zofe mitbringen.“

Emily wußte, was das hieß. Wenn sie die Stellung annahm, war sie nicht viel mehr als ein besseres Hausmädchen. Da sie aber um jeden Preis mit Nerita zusammenbleiben wollte, wäre sie auch bereit gewesen, Böden zu schrubben und niedere Dienste zu erledigen.

„Ich denke, die Stellung würde mir schon zusagen“, erklärte Emily daher schnell.

„Der Lohn ist aber nicht so hoch wie bei den Damen, von denen ich zuerst gesprochen habe“, sagte Mrs. Dale. „Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann verzichten Sie auf diese Freundschaft, die Sie nur Geld kostet.“

„Vielen Dank, Madam“, entgegnete Emily, „aber ich möchte wirklich mit Miss Graham zusammenbleiben.“

„Wie Sie meinen“, entgegnete Mrs. Dale in spitzem Ton. Sie schien es nicht gewöhnt zu sein, daß man sich nicht nach ihren guten Ratschlägen richtete. „Wenn es Ihnen recht ist, verabrede ich für Donnerstag einen Vorstellungstermin bei dem Marquis von Wychbold.“ Sie setzte eine gewichtige Miene auf. „Wych Park ist eines der größten Häuser in England. Und eines der einflußreichsten! Ich schreibe Ihnen die Adresse auf und gebe dem Verwalter, Major Marriott, Bescheid, damit man Sie am Bahnhof abholt.“

Sie nahm einen Zettel und schrieb die Adresse auf. Nerita nutzte den Moment und sah Emily an.

Diese schüttelte den Kopf.

Nerita begriff sofort, daß Emily die Stellung nicht annehmen wollte, aber sie selbst war fest entschlossen, sich nicht eine Gelegenheit entgehen zu lassen.

Außerdem glaubte sie Mrs. Dale, wenn diese sagte, daß es schwierig sei, zwei Angestellte in ein und demselben Haus unterzubringen.

„Ich nehme an, Sie können das Fahrgeld auslegen“, fuhr Mrs. Dale jetzt fort. „Es wird Ihnen in jedem Fall von Major Marriott zurückerstattet, der sich mit Ihnen unterhalten und prüfen wird, ob Sie für die Stellungen geeignet sind.“

Sie gab Nerita die Adresse.

„Müssen Sie eigentlich diese Brille tragen, Miss Graham?“ fragte sie dann.

„Im Moment ja“, antwortete Nerita. „Leider, wegen einer Bindehautentzündung.“

„Auf ein kleines Kind wirkt das beängstigend“, sagte Mrs. Dale. „Und tragen Sie nicht schwarz. Kinder mögen diese Farbe nicht. Die Herzogin von Marlborough hat vor Jahren einmal zu mir gesagt, schwarz sei abscheulich und erinnere sie immer an Krähen.“

„Tatsächlich?“ fragte Nerita höflich.

„Nun ja“, überging Mrs. Dale die Bemerkung. „Ich hoffe, daß man mit Ihnen zufrieden sein wird. Falls nicht, dürfte es schwierig sein, etwas zu finden, wo man Sie beide einstellt. Das kommt schließlich nicht täglich vor.“

„Natürlich nicht“, sagte Nerita. „Und vielen Dank.“

Damit ging sie zur Tür und öffnete sie.

„Sie kann ich immer unterbringen“, hörte sie Mrs. Dale in ihrem Rücken zu Emily sagen. „Falls Ihnen die Stelle nicht gefällt, dann kommen Sie an Ihrem freien Tag zu mir, und ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.“

„Vielen Dank, Madam“, erwiderte Emily.

Sie folgte Nerita durch den äußeren Raum, in dem mittlerweile noch mehr Leute waren als vorher.

Bereits auf der Treppe meldete Emily ihre Bedenken an.

„Also, Miss Nerita“, sagte sie und hob einen Zeigefinger in die Höhe. „Nach Wych Park gehen wir unter keinen Umständen. Sie haben doch gesehen, daß ich den Kopf geschüttelt habe. Das sollte heißen, daß Sie ablehnen müssen.“

„Das habe ich begriffen, Emily“, entgegnete Nerita, „aber wir haben doch keine andere Wahl, wenn wir zusammenbleiben sollen. Außerdem - was stört Sie denn an Wych Park?“

„Der Besitzer“, sagte Emily prompt. „Der Marquis. In seinem Haus zu leben, ist für Sie ein Ding der Unmöglichkeit.“

„Ich werde dort nicht leben, Emily, sondern arbeiten, und das ist ein großer Unterschied.“

„Das ist es ja gerade“, sagte Emily und schüttelte den Kopf.

„Was wollen Sie damit sagen, Emily?“ fragte Nerita.

„Daß ich leider schon oft genug gehört habe, wie über den Marquis geredet worden ist. Als ich noch bei der Gräfin de Grey gewesen bin, hat sie pausenlos versucht, ihn zu ihren Partys zu locken. Sie hat schließlich auch erreicht, was sie in Wirklichkeit damit bezweckt hat.“

Nerita hatte Emily schon oft von der Gräfin de Grey sprechen hören.

Sie war eine der schönsten Frauen Londons und wohl die Frau, über die am meisten geredet wurde. Daß sich das Gerede fast ausschließlich um irgendwelche Flirts drehte, verstand sich von selbst.

Und einer dieser Flirts war offensichtlich der Marquis von Wychbold. Das hatte Nerita bisher zwar nicht gewußt, aber sie hatte sich noch nie für Gesellschaftsklatsch interessiert und interessierte sich in ihrer augenblicklichen Lage erst recht nicht dafür.

„Sie müssen auf mich hören, Miss Nerita“, fuhr Emily fort. „Am besten machen wir gleich auf dem Absatz kehrt, gehen noch einmal zu der unangenehmen Person rauf und sagen ihr, daß sie uns eine andere Stelle vermitteln soll.“

„Aber Emily!“ stöhnte Nerita. „Sie hatte doch kein zweites Angebot. Ich meine, keine Adresse, wo gleich zwei Stellen besetzt werden müssen. Was ist denn so schlimm an diesem Marquis?“

„Ich habe nicht behauptet, daß etwas schlimm an ihm ist, Miss Nerita. Ich sage lediglich, daß es sich für Sie nicht schickt, in ein Haus zu gehen, in dem es keine Herrin gibt.“

„Wie alt ist der Marquis denn?“

„Das weiß ich nicht genau“, antwortete Emily. „So um die dreißig, glaube ich. Vielleicht auch jünger.“

„Warum ist er dann nicht verheiratet?“

„Das ist er ja.“

„Was soll denn dann die ganze Aufregung?“ fragte sie. „Und warum hat man Ihnen nicht die Stelle angeboten, die Ihnen gebührt? Ich meine, als Kammerzofe der Marquise?“

„Weil sie nicht da ist“, erklärte Emily.

„Moment, Emily“, sagte Nerita. „Jetzt erzählen Sie mir alles einmal ganz genau und ohne irgendwelche Komplikationen.“

„Ich habe bloß gehört, daß der Marquis und die Marquise nie zusammen ausgekommen sind.“

„Warum haben sie geheiratet?“ fragte Nerita und wußte im selben Augenblick, daß es eine dumme Frage war.

In Adelskreisen wurde im allgemeinen aus Vernunftsgründen geheiratet.

„Ich kann bloß wiedergeben, was man mir erzählt hat“, sagte Emily, als müsse sie sich verteidigen. „Der Marquis hat die Marquise geheiratet, weil er sie glühend geliebt hat. Seine Eltern sollen dagegen gewesen sein.“

„Das ist allerdings ungewöhnlich!“ rief Nerita.

„Sie soll halb Italienerin und sehr schön sein.“

„Und warum sind sie nicht zusammen ausgekommen?“ fragte Nerita.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Emily. „Ich habe bloß gehört, daß es so gewesen sein soll und daß sie England wieder verlassen hat und sich scheiden lassen wollte, aber das hat der Marquis abgelehnt.“

„Wahrscheinlich, weil er den Skandal vermeiden wollte“, sagte Nerita nachdenklich.

Sie mußte daran denken, wie schockiert ihre Eltern immer gewesen waren, wenn von einer Scheidung die Rede war.

„Das vermute ich auch, Miss Nerita“, entgegnete Emily. „Aber schon lange ehe er wieder sozusagen Junggeselle war, sind die Frauen hinter ihm her gewesen, und der Klatsch um seine - na ja, Sie wissen schon, was ich meine - seine Dings ist nie abgerissen.“

Nerita lächelte. Sie wußte, was Emily mit „Dings“ meinte.

„Demnach nehme ich an“, sagte sie, „daß der Marquis ein Kinderfräulein für seinen mutterlosen Sohn sucht.“

„Genauso wird es sein, Miss Nerita“, sagte Emily. „Es ist an die sechs Jahre her, zu der Zeit habe ich davon gehört, aber der Marquis ist schon vorher hinter anderen Frauen her gewesen.“

Das mochte verwerflich sein, überlegte Nerita, aber ungewöhnlich war es nicht.

Die Gesellschaft hatte, wie sie wußte, ihre eigene Moral und ihre eigenen ungeschriebenen Gesetze.

Der Prinz of Wales hatte diese Moral grundlegend geändert.

Neritas Vater hatte oft darüber gelacht, wie mühelos die sogenannte Gesellschaft vom prunkvollen Puritanismus einer Königin Victoria und eines Prinzen Albert zum ausschweifenden Leben derer übergelaufen war, die sich um den Prinzen von Wales scharten und sich seine Freunde nannten.

Obwohl ein junges Mädchen nicht zu wissen hatte, was in den Salons vor sich ging, die von dem Prinzen und seinen Freunden frequentiert wurden, machte Nerita diesbezüglich eine Ausnahme. Ihre Eltern hatten sie nie wie ein unmündiges, naives Kind behandelt und waren klug genug gewesen, ihr die sogenannte heile Welt gar nicht erst glaubhaft machen zu wollen.

Aber nicht nur in England wurde über den Prinzen von Wales geredet.

Auch in Paris und Rom erzählte man sich die unglaublichsten Geschichten und schüttelte die Köpfe.

Affären zu haben war in Mode gekommen.

Nerita konnte verstehen, daß Emily sie vor allem bewahren wollte, was gegen die alten Regeln der Moral verstieß, doch sie sah in all dem kein Problem.

Schon vor langer Zeit hatte sie mit ihrem Vater darüber gesprochen, und dieser hatte ihr erklärt, daß ein junges Mädchen nicht zu fürchten brauche, in eine Affäre hineinzuschlittern.

„Affären“, hatte er gesagt, „sind etwas für reife Frauen. Wer auch nur die Spur eines Gentleman in sich hat, versucht nicht, ein junges, unverheiratetes Mädchen zu verführen.“

„Aber macht es denn den Leuten nichts aus, wenn ihre Ehepartner untreu sind, Papa?“ hatte Nerita gefragt.

Ihr Vater hatte überlegt.

„Doch“, hatte er schließlich geantwortet. „Natürlich gibt es gebrochene Herzen und sehr oft einen verletzten Stolz, aber gewissermaßen ist das Ganze eine Art Spiel mit feststehenden Regeln. Und die Regel Nummer eins lautet: alles, bloß keinen Skandal.“

„Und keine Scheidung“, hatte Nerita hinzugesetzt.

„Natürlich nicht“, hatte ihr Vater gesagt. „Etwas Entwürdigenderes gibt es nicht, sowohl für die Ehepartner, als auch für ihre Familien und die Gesellschaft als solche.“

Wieder hatte er erst überlegt, ehe er weitergesprochen hatte.

„Weißt du, Nerita“, hatte er schließlich gesagt, „das Problem unserer Generation ist, daß sowohl die Männer als auch die Frauen zu wenig zu tun haben. Die Männer reiten und jagen, angeln und spielen Karten, aber sie strengen sich geistig nicht weiter an, und das ist immer ein Fehler.“

„Ist das der Grund, warum der Prinz von Wales ...“

„Der Prinz“, hatte ihr Vater sie unterbrochen, „ist von seiner Mutter miserabel behandelt worden. Nicht die geringste Verantwortung hat sie auf ihn übertragen. Nicht einmal Staatspapiere darf er einsehen. Es ist eine Schande! Und so vertreibt er sich eben die Zeit damit, daß er sich amüsiert - und Amüsement bedeutet im allgemeinen Frauen und Glücksspiel.“

Ihr Vater hatte gelächelt.

„Diese Dinge sollte ich eigentlich gar nicht mit dir diskutieren, Nerita“, hatte er hinzugefügt. „Du bist im Grunde viel zu jung, aber du verfügst über eine Intelligenz, die den meisten Frauen abgeht, selbst wenn sie doppelt so alt sind wie du.“

„Vielen Dank, Papa“, hatte Nerita entgegnet. „Ich versuche, das alles zu verstehen, hoffe aber, daß ich, wenn ich einmal verheiratet bin, keine Zeit für Affären haben werde, sondern mich für Dinge interessiere, die das Leben lebenswert machen.“

Ihr Vater hatte zärtlich einen Arm um ihre Schultern gelegt.

„Das ist die richtige Einstellung zum Leben, mein Liebling“, hatte er erwidert, „und ich hoffe zu Gott, daß es dir gelingen möge. Die Liebe ist jedoch eine Macht, die uns plötzlich begegnet, wenn wir absolut nicht damit rechnen, und auch der erfahrenste Frauenheld ist nicht dagegen gefeit.“

„Wenn ich einmal heirate“, hatte Nerita gesagt, „dann nur einen Mann, den ich abgöttisch und mein Leben lang liebe.“

„Ich wünsche dir von Herzen, daß du diese Liebe findest“, hatte ihr Vater entgegnet. „Du bist nicht nur ein sehr schönes, sondern obendrein ein sehr gescheites Mädchen und ich sehe daher keinen Grund, warum du enttäuscht werden solltest.“

Obwohl ihr Vater sehr zuversichtlich geklungen hatte, hatte Nerita geglaubt, daß er selbst an seinen Worten zweifelte.

Sollte es die Liebe, von der sie träumte, überhaupt nicht geben? hatte sie sich gefragt.

In Paris sprach alles von Liebe, aber was war das für eine Liebe? Sie hatte nicht im entferntesten etwas mit dem zu tun, was sie darunter verstand.

Und die jungen Adeligen in Rom mit ihren dunklen, gefühlvollen Augen und den übertrieben poetischen Komplimenten machten die Liebe zu etwas so Alltäglichem, wie den Mondschein und die Musik, die so unzertrennbar zu ihrer Rasse gehörten.

Manchmal fragte sich Nerita, ob sie vielleicht zu viel vom Leben erwartete und eines Tages die trübe Erfahrung machen mußte, daß sie sich Träumen hingegeben hatte, die nicht zu verwirklichen waren.

„Es hat keinen Sinn“, sagte sie jetzt zu Emily, „von vornherein gegen Wych Park eingestellt zu sein. Wir lassen es darauf ankommen, und wenn die Sache schiefgeht und wir es dort nicht aushalten, dann kehren wir einfach reumütig zurück, entschuldigen uns und sagen, daß wir unseren Fehler einsehen.“

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Возрастное ограничение:
18+
Объем:
150 стр.
ISBN:
9781782137634
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Правообладатель:
Bookwire
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