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Im Garten der Liebe

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2017

Copyright Cartland Promotions 1985

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1 ~ 1870

Der Herzog von Mortlyn wachte mit trockener Kehle und Kopfschmerzen auf. Das ärgerte ihn, denn er wußte, daß gestern abend auf Lady Bramwells Dinnerparty Champagner und Rotweinmarken serviert worden waren, die er seinen Gästen niemals zugemutet hätte.

Noch wütender machte es ihn, daß Lord Bramwell trotz seines Reichtums ein so schlechter Gastgeber war; und Lady Bramwell verfügte offenbar nicht über den nötigen Sachverstand - welche Frau hatte den schon? - um ihren Gästen erlesene Getränke zu kredenzen.

Obwohl es eine langweilige Party gewesen war, hatte er bis zum Schluß ausgeharrt, weil Doreen Bramwell ihm in einem unbewachten Augenblick zugeflüstert hatte, sie müsse etwas mit ihm besprechen, sobald die Gäste gegangen wären.

Der Herzog war erfahren genug, um sich zusammenreimen zu können, worum es ging, und er war mit sich ins Gericht gegangen, ob er gehen oder bleiben sollte.

Da sie jedoch zweifellos eine der schönsten Frauen der ganzen Gesellschaft war, hatte er schließlich ihrem flehenden Blick nachgegeben.

Und wirklich: Kaum waren die letzten Gäste gegangen, hatte sie ihn leidenschaftlich umarmt und ihm die makellos geformten Lippen zum Kuß geboten, und er hatte sich in das Unvermeidliche geschickt.

Jetzt stellte er ärgerlich fest, daß sein Kammerdiener ihn zwar um sieben Uhr geweckt, dann aber hatte weiterschlafen lassen, so daß er seinen morgendlichen Ausritt durch den Park versäumt hatte.

Während er nun seine müden Glieder reckte, faßte er den Entschluß, nicht wieder bei Lady Bramwell vorzusprechen, auch wenn sie das von ihm erwartete.

Es war eine leidenschaftliche Liebesnacht gewesen, die ihm alles geboten hatte, wonach der Körper eines Mannes verlangte, und doch hatte sie ihm nichts Neues gebracht.

Da der Herzog blendend aussah, zudem unermeßlich reich war und den Kreisen der Gesellschaft angehörte, die der königlichen Familie am nächsten standen, war er von Frauen umgarnt, verfolgt und gejagt worden, seit er Eton College verlassen hatte.

Mit seinen dreiunddreißig Jahren war er noch immer unvermählt, doch die ständigen Mahnungen und Bitten seiner Familie, sich doch endlich eine Gemahlin zu suchen, verhallten ungehört.

Er war zutiefst davon überzeugt, daß eine Ehe für ihn zwangsläufig in tödlicher Langeweile enden würde. Spätestens zwei Monate nach der Trauung rechnete er mit diesem Zustand.

»Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben«, hatte er gestern noch zu seiner Großmutter gesagt, die ihn wieder einmal ermahnt hatte, endlich für einen Stammhalter zu sorgen.

»Alles gut und schön, Wade«, hatte sie erwidert, »aber du weißt genauso gut wie ich, daß der Titel auf keinen Fall deinem mißratenen Cousin Giles in den Schoß fallen darf.«

»Natürlich nicht«, hatte der Herzog ihr beigepflichtet, »aber noch bin ich nicht im Greisenalter, und wenn es an der Zeit ist, werde ich bei meinem sprichwörtlichen Glück dafür gesorgt haben, daß dir mehrere Urenkel beschert werden.«

»Ich will sie aber gleich haben«, hatte die Herzoginwitwe eigensinnig entgegnet und den Herzog zum Lachen gereizt.

Der Herzog begab sich zum Fenster.

Die Sonne strahlte über den Bäumen im Park, und kein Wölkchen war am Himmel zu sehen.

Der Herzog stellte sich vor, wie die Schwäne auf dem Teich vom Mortlyn majestätisch ihre Bahn zogen, wie die farbenprächtigen Blumengärten in üppiger Blüte prangten und die Wälder wie ein dichter, geheimnisvoller Wall den Herrensitz umgaben.

»Ich werde aufs Land fahren«, entschied er und läutete seinem Diener.

Eine halbe Stunde später beendete er unten gerade sein Frühstück mit einer Tasse Kaffee, als die Tür aufging und sein Privatsekretär erschien.

Mr. Watson, ein äußerst fähiger Mann, zuverlässig und intelligent, stand in seinen Diensten, seit er nach dem Austritt aus der Armee den Adelstitel übernommen hatte.

Er war der einzige Mensch, dem der Herzog bedingungslos vertraute.

»Ich bitte um Vergebung, Euer Gnaden stören zu müssen«, sagte Mr. Watson, »aber da ist eine Angelegenheit, die Eure Aufmerksamkeit erfordert.«

»Was gibt’s?« fragte der Herzog uninteressiert und fügte, seinem eigenen Gedankengang folgend, hinzu: »Schicken Sie Lady Bramwell das übliche Blumenbukett, und teilen Sie ihr mit, daß ich ihrer Einladung für heute abend bedauerlicherweise nicht Folge leisten könne, weil ich aufs Land fahre.«

Mr. Watson machte sich eine Notiz und hob dann fragend die Brauen.

»Wollen sich Euer Gnaden tatsächlich nach Mortlyn begeben?«

»London langweilt mich«, erwiderte der Herzog. »Mittlerweile müßten die Pferde, die ich letzte Woche gekauft habe, eingetroffen sein, und ich möchte sie ausprobieren.«

»Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich werde die nötigen Vorbereitungen treffen. Vermutlich wollt Ihr im Phaeton reisen?«

»Allerdings«, erwiderte der Herzog, »mit dem neuen Fuchsgespann.«

Er wollte sich erheben, da fiel ihm noch etwas ein.

»Welche Angelegenheit erfordert meine Aufmerksamkeit, Watson?«

»Es handelt sich um Mortlyn.«

Der Herzog runzelte die Stirn.

»Nichts Unangenehmes, hoffe ich!«

Mortlyn, der Sitz seiner Ahnen, lag ihm sehr am Herzen; er liebte den riesigen georgianischen Herrensitz, dessen Palast von zwanzigtausend Morgen Land umgeben war. Der Herzog rühmte sich, jeden Winkel dieses stattlichen Besitzes, der seinesgleichen im ganzen Land suchte, zu kennen.

»Wie ich Euer Gnaden vergangene Woche mitteilte«, sagte Mr.Watson, »ist der Vikar von Mortlyn verstorben.«

»Ja, ich erinnere mich«, bemerkte der Herzog. »Sie haben doch einen Kranz geschickt, nicht wahr?«

»Natürlich, Euer Gnaden, und ich wollte Euch bitten, Miss Linton, der Tochter des Vikars, ein Häuschen auf Eurem Besitz zur Verfügung zu stellen.«

Der Herzog sah seinen Vertrauten erstaunt an, dann sagte er: »Es wäre sicher möglich, obwohl das eigentlich nicht üblich ist.«

»Mr. Hunter, der sich, wie Euer Gnaden sich erinnern werden, um die Altenheime, die Pensionäre und die Siedlungen kümmert, hat den ,Taubenschlag‘ vorgeschlagen.«

»Den Taubenschlag?« wiederholte der Herzog erstaunt. »Wie kommt Hunter denn darauf?«

»Er hält das kleine Landhaus für sehr geeignet, Euer Gnaden.«

»Für eine Pfarrerstochter?« rief der Herzog entgeistert aus. »Das scheint mir doch ein höchst unpassender Vorschlag zu sein.«

Der Taubenschlag war ein wunderhübsches Landhaus, das er sehr mochte. Es war klein, aber eines der ältesten und stilvollsten Bauten des gesamten Besitzes.

Ursprünglich war es als Auszugshäuschen vorgesehen, hatte sich aber für die Herzoginwitwen als zu klein erwiesen. Während der Regentschaft George IV. hatte, man ihnen ein geräumigeres Gebäude hergerichtet.

Der Herzog erinnerte sich daß eine seiner Großtanten bis zu ihrem Tod im Taubenschlag gewohnt hatte. Seitdem stand der Taubenschlag leer, war aber zweifellos weiterhin gepflegt und instandgehalten worden.

Die Idee, jemand aus dem Dorf sollte dieses Haus bewohnen, kam ihm reichlich vermessen vor.

»Welche besonderen Verdienste könnten diese Pfarrerstochter befähigen, im Taubenschlag zu residieren?« fragte er.

Mr. Watson zögerte und suchte offensichtlich nach den richtigen Worten, um es ihm zu erklären.

»Sie hat sich der Pflege und Instandhaltung des Heilkräutergartens angenommen, Euer Gnaden«, sagte er dann.

»Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe der Gärtner gewesen?« entgegnete der Herzog befremdet.

»Sie hätten nicht über das Wissen verfügt, das Miss Linton sich erworben hat.«

»Und nur weil sie an dem Heilkräutergärtchen interessiert ist, das ich zugegebenermaßen seit Jahren nicht mehr besichtigt habe, steht ihr Ihrer Meinung nach ein Haus wie der Taubenschlag zu?«

Mr. Watson bewegte sich unruhig und zeigte zum Erstaunen des Herzogs zum ersten Mal, seit er ihn kannte, so etwas wie Unsicherheit und Nervosität.

»Heraus mit der Sprache, Watson«, forderte er ihn auf. »Sagen Sie mir die Wahrheit. Was steckt dahinter?«

Mr. Watson lächelte verlegen wie ein ertappter Schulbub.

»Die Wahrheit ist, Euer Gnaden«, sagte er, »daß Miss Linton im Dorf gebraucht wird.«

»Was macht sie denn so unentbehrlich?« wollte der Herzog wissen. »Unterrichtet sie an der Sonntagsschule und besucht die Alten und die Kranken? Gütiger Himmel, Watson, in einem so kleinen Dorf kann es davon doch nicht viele geben!«

»Es gibt sehr wenige, Euer Gnaden, und das ist Miss Lintons Verdienst.«

»Was wollen Sie damit sagen? Das verstehe ich nicht!« entgegnete der Herzog unwillig.

Wieder hatte er das Gefühl, daß ausgerechnet der geradlinige Watson sich vor einer klaren Aussage drückte.

Um seinen Sekretär herauszufordern, fuhr er nicht ohne Schärfe fort: »Ich habe keineswegs die Absicht, den Taubenschlag irgendeiner langweiligen Betschwester zu überlassen, damit sie im Wohnzimmer Bibelstunden abhalten kann.«

Dabei stellte er sich das kleine Haus mit den bleigefaßten bunten Glasscheiben, der niedrigen Balkendecke und den zauberhaften Stilmöbeln vor, und die Erinnerung daran bestärkte ihn in seiner Ablehnung.

»Das trifft auf Miss Linton ganz gewiß nicht zu«, lautete Mr. Watsons Erwiderung. »Es gibt wohl weit und breit keinen Menschen, der so beliebt und so gefragt ist wie sie.«

»Warum?« fragte der Herzog.

»Weil sie die heilsame Wirkung von Kräutern genau kennt, Euer Gnaden, und wenn sich einer der Dorfbewohner verletzt hat oder wenn er krank ist, dann geht er zu ihr, wie vorher zu ihrer Mutter, als diese noch lebte, und wird geheilt. «

Mr. Watson holte tief Luft, als müßte er für das, was er noch hinzufügen wollte, seinen ganzen Mut zusammennehmen: »Sie wird von den Leuten als weiße Hexe verehrt, Euer Gnaden.«

»Gütiger Gott!« entfuhr es dem Herzog. »Wollen Sie mir etwa weismachen, daß es in unserem Zeitalter noch Menschen gibt, die an Hexen glauben?«

»Ich habe weiße Hexe gesagt, Euer Gnaden, denn wo die Kunst der Ärzte versagt, entwickelt Miss Linton geradezu magische Heilkräfte.«

Der Herzog lehnte sich zurück.

»Vermutlich«, sagte er gedehnt, »hängt das damit zusammen, daß sich auf dem Lande alter Aberglaube länger hält und die Leute sich aus Mangel an Abwechslung alle möglichen verrückten Dinge einbilden, über die man sich anderweitig nur lustig macht.«

»Ich glaube kaum, daß sich irgendjemand jemals über Miss Linton lustig gemacht hat.«

Der Herzog horchte auf. Daß sich sein Privatsekretär derart für jemanden ins Zeug legte, war ungewöhnlich, pflegte er doch sonst mit seinem Lob über andere noch sparsamer umzugehen als sein Herr.

»Ich will Ihnen sagen, was ich tun werde, Watson«, faßte der Herzog deshalb einen Entschluß. »Da ich ohnehin vorhatte, mich nach Mortlyn zu begeben, werde ich Miss Linton persönlich aufsuchen und dann entscheiden, ob ich sie für würdig befinde, eines unserer Häuschen zu bewohnen.«

»Euer Gnaden werden gewiß die richtige Entscheidung treffen«, entgegnete Mr. Watson und machte damit deutlich, daß er nach wie vor den Taubenschlag für die geeignetste Unterkunft hielt.

Beim Herzog rief das so etwas wie eine Trotzreaktion hervor. Niemals würde er irgendeiner faden Pfarrerstochter erlauben, sich dort häuslich niederzulassen, nahm er sich fest vor.

Er wollte das Frühstückszimmer gerade verlassen, als Mr. Watson ihm hastig nachrief: »Da wäre noch etwas, Euer Gnaden!«

»Was denn noch?« fragte der Herzog.

»Mr. Pearce, Euer Gnaden Rechnungsführer, beauftragte mich, Euch davon zu unterrichten, daß Mr. Digby in den vergangenen zwei Wochen Schecks über nicht weniger als viertausend Pfund eingelöst hat.«

»Viertausend Pfund! Was, zum Teufel, hat der Bursche damit vor?«

Er erwartete darauf keine Antwort von Watson, denn er wußte es auch so. Sein Neffe Oliver Digby, der Sohn seiner älteren Schwester, war in Liebe zu einer bildhübschen, aber sehr anspruchsvollen Salonschönheit entbrannt, die es verstand, ihren Verehrern das Geld sehr schnell aus der Tasche zu locken.

»Viertausend Pfund sind entschieden zu viel«, stellte der Herzog bei sich fest.

Er begab sich in die Halle, blickte noch einmal über die Schulter zurück und sagte in scharfem Ton: »Schicken Sie einen Stallknecht zu Mr. Oliver, und lassen Sie ihm ausrichten, daß ich ihn unverzüglich zu sprechen wünsche!«

»Sehr wohl, Euer Gnaden.«

Der Herzog begab sich in sein stilvoll eingerichtetes Arbeitszimmer im Erdgeschoß, von dem aus die Gärten hinter dem Haus einzusehen waren. Es war mit unzähligen Büchern und einer Sammlung von Jagdbildern an den Wänden ausgestattet, um die der Herzog von seinen Freunden beneidet wurde.

In seinem Arbeitszimmer nahm er hinter seinem geräumigen Schreibtisch Platz, auf dem ein Stoß Briefe auf seine Unterschrift wartete.

Eine steile Falte hatte sich auf seiner Stirn gebildet.

Ohne Zweifel war Oliver zu einem Problem geworden.

Er hatte seiner Schwester Violet, die ihrem Gemahl nach seiner Ernennung zum Provinzgouverneur nach Indien gefolgt war, in die Hand versprochen, sich bis zu ihrer Rückkehr um ihren Sohn zu kümmern.

Erwartungsgemäß hatte sich dieser gutaussehende junge Mann nach seiner Studienzeit in Oxford kopfüber in die Vergnügungen gestürzt, die ihm aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung geboten wurden. Der Herzog hatte verständnisvoll gelächelt, als ihm zu Ohren kam, daß sein Neffe mit seinen Freunden wilde Saufgelage veranstalte und sich in Nachtklubs austobe. All das war von einem lebenslustigen jungen Mann, der zum ersten Mal in seinem Leben von der Leine gelassen wurde, zu erwarten gewesen. Der Herzog war ohnehin immer der Meinung gewesen, daß seine Schwester ihren einzigen Sohn viel zu sehr verzärtelt hatte und es höchste Zeit wurde, einen richtigen Mann aus ihm zu machen.

Aber viertausend Pfund waren ein kleines Vermögen, selbst für einen begüterten Mann wie seinen Schwager, Lord Digby.

»Am besten wäre gewesen, sie hätten Oliver mitgenommen«, stellte der Herzog bei sich fest.

Doch seine Schwester meinte, Oliver solle die gesellschaftliche Stellung einnehmen, die ihm zustand, und Gelegenheit haben, ein nettes Mädchen kennenzulernen, um eine standesgemäße Verbindung einzugehen.

Oliver hatte sich jedoch mehr für hübsche Freudenmädchen interessiert, die in den Nachtklubs und Ballhäusern anzutreffen waren, und all die ehrgeizigen Mütter mit heiratsfähigen Töchtern enttäuscht, die ihn auf die Liste der begehrtesten Junggesellen gesetzt hatten. Vergebens hatten sie auf Bällen und Empfängen auf sein Erscheinen gelauert.

Der Herzog unterzeichnete seine Geschäftspost und warf dann einen schiefen Blick auf den Stapel Briefe, den Watson in weiser Voraussicht ungeöffnet auf dem Schreibtisch aufgebaut hatte. Sie stammten samt und sonders von Damen der Gesellschaft, die den Herzog bezichtigten, ihnen das Herz gebrochen zu haben.

Dabei bestand für den Herzog das eigentliche Vergnügen an seinen Liebesaffären darin, dem Wild nachstellen zu müssen, bevor er es zur Strecke brachte.

Er hatte sich schon oft gefragt, weshalb er so schnell gelangweilt war, und war zu der Erkenntnis gelangt, daß er sich ständig auf der Suche nach etwas befand, das er selbst nicht recht in Worte zu kleiden vermochte. Eine schöne Frau wirkte durchaus anziehend auf ihn, und ihre Nähe löste eine gewisse Erregung in ihm aus, aber das Bedauerliche war, daß er am nächsten Morgen jedes Mal ernüchtert und enttäuscht war, statt glücklich und beschwingt zu sein.

»Was ist nur los mit mir?« fragte er sich oft, wenn er im Morgengrauen eines der Häuser in seiner Nähe verließ und sich auf den Heimweg begab.

So auch nach der leidenschaftlichen Liebesnacht mit der schönen Doreen. Sie würde ihn, wie alle Frauen, die er verlassen hatte, bedrängen und anflehen, zu ihr zurückzukehren, bis sie endlich einsehen würde, daß auch sie ihn nicht halten konnte.

Zuweilen empfand er es selbst als absonderlich, daß sein Herz kalt blieb, während jede Frau, mit der er eine Liebesnacht verbracht hatte, das ihre an ihn zu verlieren schien.

Er mochte nicht länger über Lady Bramwell und die ungeöffneten Liebesbriefe auf dem Schreibtisch nachdenken und war deshalb erleichtert, als der Butler »Mister Oliver Digby, Euer Gnaden«, meldete.

Sein Neffe stürmte ins Zimmer.

»Guten Morgen, Onkel Wade«, begrüßte ihn Oliver ein wenig atemlos. »Verzeih, daß ich dich warten ließ, aber ich habe noch fest geschlafen, als dein Diener bei mir anklopfte.«

»Ich habe nichts anderes erwartet«, gab der Herzog trocken zurück. »Da ich im Begriff bin, aufs Land zu fahren, wollte ich vorher noch einmal mit dir sprechen.«

Oliver sah ihn forschend an.

»Weshalb?«

»Ich glaube, du kennst die Antwort«, entgegnete der Herzog. »Dir dürfte doch klar sein, daß du zu viel Geld ausgibst.«

Oliver warf sich in einen der bequemen Armsessel.

»Das Leben in London ist heutzutage mächtig teuer«, sagte er dann mürrisch.

»Besonders wenn jemand namens Connie dahintersteckt, wie?« fragte der Herzog ironisch.

»Du weißt also über Connie Bescheid?«

»Das dürfte kein Geheimnis mehr sein. Ganz London weiß inzwischen von deiner Liaison mit ihr und daß sie zu kostspielig für dich ist.«

»Sie ist reizend und sehr amüsant«, begehrte Oliver auf.

»Zum Wucherpreis von viertausend Pfund«, ergänzte der Herzog nüchtern.

Oliver sprang auf, trat ans Fenster und starrte blicklos hinaus in den Garten.

»Also gut«, sagte er schließlich mißmutig, »wenn du deshalb Theater machst, muß ich mich wohl von ihr trennen.«

»Es geht nicht darum, daß ich Theater mache«, erwiderte der Herzog, »ich denke an deinen Stiefvater, der letztendlich für die Rechnung aufkommen muß.«

Oliver fuhr herum.

»Du wirst es ihm doch nicht verraten?«

»Das mußt du schon selbst tun«, entgegnete der Herzog, »sobald die Bank sich weigert, deine Schecks einzulösen, weil du dein Guthaben aufgebraucht hast.«

»Verdammt!« rief Oliver wütend aus. »Warum kann ich nicht über eigenes Geld verfügen und muß Papa wegen jedes Pennys anbetteln?«

Der Herzog wußte genau, daß sein Schwager vor seiner Abreise nach Indien eine großzügige Unterhaltszahlung für Oliver veranlaßt hatte und der Vorwurf des jungen Mannes daher nicht gerechtfertigt war, aber er äußerte sich nicht dazu.

»Mein Vorschlag wäre«, sagte er stattdessen, »daß du mich nach Mortlyn begleitest.«

»Aufs Land? Was, zum Teufel, soll ich da?« fragte Oliver entgeistert.

»Ich habe vergangene Woche ein paar Pferde gekauft«, erklärte ihm der Herzog, »die ich gern zureiten möchte.«

Oliver dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Vor der Abreise müßte ich noch mal bei Connie vorbeischauen und ihr das Halsband schenken, das sie sich so sehr wünscht und ich ihr versprochen habe.«

»Kannst du dir’s leisten?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Oliver, »aber ich hab’s nun mal versprochen.«

Es war ihm anzusehen, daß er nicht wußte, wie er sich verhalten sollte und zwischen dem Respekt vor seinem Stiefvater und der Zuneigung zu seiner Herzensdame, die er nicht enttäuschen wollte, hin und her gerissen wurde.

»Erspar dir die unnötige Ausgabe«, riet ihm der Herzog, »und verschanz dich hinter dem Befehl deines Vormunds, ihn aufs Land zu begleiten.«

»Woher willst du das wissen?« fragte Oliver mißtrauisch.

Eine Weile war es still zwischen ihnen, dann bemerkte der junge Mann das spöttische Lächeln seines Onkels, und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen.

»Meine Güte, das darf doch nicht wahr sein!« rief er aus. »Verdammt noch mal, gibt es denn in ganz London keine schöne Frau, die dir nicht irgendwann einmal verfallen war?«

Wie ein Kompliment hörte sich das nicht gerade an. Oliver begab sich zur Tür, riß sie auf und sagte dann in rüdem Ton: »In fünfzehn Minuten bin ich marschbereit, um Euer Gnaden in sein Provinzkaff zu begleiten.«

Lautstark schlug er die Tür hinter sich ins Schloß. So entging es ihm, daß der Herzog leise lachte.

Dieser hatte es sich zum Prinzip gemacht, sich niemals mit einer Frau einzulassen, die sich für ihre Liebesdienste bezahlen ließ. Da er über einen ansehnlichen Reichtum verfügte, erwarteten die Schönen, die seine Gunst genossen, natürlich irgendwelche kostbaren Geschenke von ihm. Die Auswahl pflegte er Mr. Watson zu überlassen, der über einen erlesenen Geschmack und das nötige Fingerspitzengefühl für diese Dinge verfügte.

Der Herzog hatte schon seit langem aufgehört, die vielen Pelzkragen, Muffs, Brillantcolliers, Ohrringe, Handtaschen, Sonnenschirme und Fächer zu zählen, die er bezahlt hatte und die ihn im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen gekostet hatten.

Oliver wird mit der Zeit auch dahinterkommen, daß Frauen immer mehr von einem Mann fordern, als er sich eigentlich leisten kann, überlegte er. Für den Jungen würde es jedenfalls gut sein, sich eine Zeitlang in Mortlyn austoben zu können.

Die Reise zum herzoglichen Stammsitz, die nun beide Männer antraten, nahm über zwei Stunden in Anspruch, obwohl der Herzog auch diesmal bemüht war, seinen eigenen Rekord zu brechen.

Der Anblick des stattlichen Gebäudes versetzte ihn wie jedes Mal, wenn die Kutsche in flotter Fahrt durch die uralte Eichenallee rollte, in Entzücken.

Grüne Rasenflächen erstreckten sich vor dem schönen Gebäude bis zum See hinunter, und wie immer konnte der Herzog sich nicht sattsehen an dem zauberhaften Anblick.

Unterwegs hatten er und Oliver nur wenige Worte gewechselt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem flotten neuen Gespann, das er mit bewundernswertem Geschick lenkte und um das er von anderen jungen Adligen glühend beneidet wurde.

Als sie die Brücke über den See passiert hatten und vor dem Hauptportal ankamen, rief der Reitknecht vom Bocksitz hinter ihnen aus: »Euer Gnaden haben sich wieder mal selbst übertroffen! Fünf Minuten unter der Zeit!«

»Fünf Minuten?« bemerkte der Herzog. »Ich hatte gehofft, zehn oder fünfzehn Minuten herausgeholt zu haben.«

»Das werden Euer Gnaden früher oder später auch noch schaffen«, meinte der Lakai zuversichtlich und sprang vom Sitz, bevor die Räder der Kutsche zum Stillstand kamen.

Er hätte sich nicht so zu beeilen brauchen, denn jetzt waren schon zwei Stallburschen zur Stelle, um die Pferde am Zügel festzuhalten, und mehrere Lakaien in der herzoglichen Livree hatten Aufstellung genommen.

Der Herzog begab sich langsam nach oben und wurde in der Halle von seinem alten Butler begrüßt.

»Morgen, Graves«, erwiderte der Herzog den Gruß seines Getreuen. »Alles in Ordnung?«

»Es ist uns eine große Freude, Euer Gnaden so bald schon wiederzusehen«, entgegnete der Butler mit einer tiefen Verbeugung. »Der Champagner steht im Arbeitszimmer bereit, und in fünfzehn Minuten kann der Lunch serviert werden.«

»Wunderbar«, sagte der Herzog erfreut. »Mr. Oliver und ich sind ziemlich hungrig, denn wir sind ohne Rast von London durchgefahren.«

»Du hast recht, Onkel Wade. Ich habe heute morgen nicht gefrühstückt und sterbe vor Hunger«, ließ Oliver vernehmen.

»Dein Frühstück hätte nach der durchzechten Nacht zweifellos aus einem Brandy und Sodawasser bestanden, also ist es besser so«, bemerkte der Herzog.

»Du hast gut reden«, erwiderte Oliver. »Jedermann weiß, daß du wenig trinkst, aber es ist schwer, nein zu sagen, wenn sich ringsum alle den Kanal vollaufen lassen!«

Der Herzog lachte. Er erinnerte sich sehr wohl an die Zeit, als er sich kopfüber ins Vergnügen des Londoner Gesellschaftslebens gestürzt hatte.

Irgendwann hatte er jedoch erkannt, daß das seinem sportlichen Ehrgeiz nicht zuträglich war. Seine Pferde waren ihm immer über alles gegangen.

Er galt aber auch als hervorragender Faustkämpfer und, obwohl das aus der Mode gekommen war, als geübter Schwertfechter, der sich schon mit mehreren europäischen Meistern im Kampf gemessen hatte.

Oliver hätte gut daran getan, sich ebenfalls irgendeiner Sportart zu widmen, die den Körper stählte, fand der Herzog, aber zwingen konnte man ihn dazu natürlich nicht. Deshalb behielt er auch seine Gedanken für sich, als Oliver bis zum Lunch drei Gläser Champagner hinuntergestürzt hatte, während der Herzog noch beim ersten Glas war.

Später unternahmen sie einen Rundgang durch die Stallungen, doch Oliver konnte das Gähnen kaum unterdrücken. Der Herzog schlug ihm vor, sich ein paar Stunden aufs Ohr zu legen, um dann für den Ausritt in den kühlen Abendstunden fit zu sein, und Oliver war sofort einverstanden.

Der Herzog ließ einen der neuerworbenen Hengste für sich satteln und begab sich allein auf einen kurzen Ritt durch die Gegend. Das Pferd war frisch und ungebärdig und ließ nichts unversucht, dem neuen Herrn seinen Willen aufzuzwingen. Es war die übliche Kraftprobe zwischen Mensch und Tier, die den Herzog immer wieder aufs Neue reizte. Nach nur einer Stunde hatte er den Hengst völlig unter Kontrolle.

In der Ferne tauchte der Kirchturm des Dorfes auf, und er erinnerte sich an das Gespräch mit Mr. Watson. Spontan beschloß er, diese Miss Linton persönlich aufzusuchen und sich selbst eine Meinung darüber zu bilden, ob sie nun eine »weiße Hexe« war oder nicht.

Er hatte den Verdacht, daß es sich um eine ziemlich verdrehte Person handelte. Wahrscheinlich gaukelte sie ihren wundergläubigen Mitmenschen etwas vor. Von ihrem verstorbenen Vater wußte er nur, daß der Pfarrer ein kluger Mann gewesen war.

Während er sich nun der Kirche näherte, überlegte er, daß Miß Linton vermutlich ziemlich betagt war, keinen Mann abbekommen hatte und sich nun mit Kräuterheilkunde, Gesundbeterei und anderem Hokuspokus befaßte. Auf so etwas konnte Klein-Mortlyn jedoch gut verzichten. Das Dorf verfügte über ein Spital und Armenhäuser sowie eine Schule.

Da das Dorf immer sozusagen im Schatten des Palastes sein Dasein gefristet hatte, war ihm nach Ansicht des Herzogs ein gewisser altväterlicher Charme erhalten geblieben, der es von allen anderen zum herzoglichen Besitz gehörenden Siedlungen unterschied.

In diesem Zusammenhang faßte er den Entschluß, die Pfarrstelle in Mortlyn mit einem würdigen Nachfolger für den verstorbenen Vikar zu besetzen.

Vorschläge würden ihm zwar vom Bischof unterbreitet werden, doch die Entscheidung, wen er einstellte, behielt er sich vor.

Nicht ohne ein schlechtes Gewissen Mr. Watson gegenüber, der es übernommen hatte, in den übrigen Pfarrgemeinden den Geistlichen einzustellen, der seiner Meinung nach am geeignetsten war. Da er über eine ausgezeichnete Menschenkenntnis verfügte, hatte er bisher stets die richtige Wahl getroffen.

In Klein-Mortlyn wollte der Herzog jedoch selbst entscheiden, wer die Nachfolge des verstorbenen Vikars antreten sollte.

Die Kirche war normannischen Ursprungs und befand sich am Rande eines Parks. Sie war von uralten, verwitterten Grabsteinen umgeben, die aus den Gräbern aufragten, und der Herzog stellte voller Genugtuung fest, daß die meisten Gräber mit Blumen geschmückt waren.

Seit er denken konnte, hatte er das Dorf immer als einen Teil des Palastes und seiner Gärten angesehen, wie es vor ihm auch sein Vater getan hatte.

Er erinnerte sich, daß es in seiner Kindheit einmal ein schreckliches Donnerwetter gegeben hatte, weil das Gras auf dem Kirchhof zu hoch gewesen war. Sein Vater hatte beim Kirchgang jedes Unkraut am Wegesrand bemerkt und dem Friedhofsgärtner eine entsprechende Rüge erteilt.

Das Pfarrhaus schloß sich an den Kirchhof an und war ein anheimelndes altes Gebäude, das über eine schmale Auffahrt zu erreichen war.

Die Büsche davor standen in voller Blüte, und der Herzog betrachtete wohlgefällig die gepflegten Blumenbeete vor dem Pfarrhaus.

Niemand ließ sich blicken, um sein Pferd zu übernehmen, aber er entdeckte neben der Haustür einen Haltepfosten und schlang den Zügel um den eisernen Haltering. Danach betrat er die Veranda und stellte fest, daß die Eingangstür offenstand. Daneben befand sich ein Klingelzug, den er kräftig betätigte, doch aus dem Haus drang kein Laut.

Er stellte sich vor, daß nach dem Tode des Vikars eine alte Dienerin oder eine Frau aus dem Dorf dessen Tochter zur Hand ging und möglicherweise bereits nach Hause gegangen war.

Der Herzog betrat die kleine Diele. Alles blitzte vor Sauberkeit, und ein Duft von Bienenwachs und Lavendel erfüllte die Luft. Eine Schale Hyazinthen, die am Fuße der Eichentreppe ein Tischchen zierte, verströmte ebenfalls einen betäubenden Duft. Es sprach zweifellos für Miss Linton, daß das Haus in einem so tadellosen Zustand war.

Der Herzog begab sich zu einer Tür, die zum Wohnzimmer führte. Es war niemand darin, aber die Möbel waren geschmackvoll aufgestellt, und auf allen Tischen standen Vasen mit frischen Blumen.

Die Tür unter der Treppe mußte seiner Schätzung nach in die Küche führen, also begab er sich in die entgegengesetzte Richtung. Er öffnete die nächste Tür, die offensichtlich ins Arbeitszimmer des Vikars führte, denn die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt. Am Ende eines kurzen Durchgangs gelangte er zu einem weiteren Raum, und als er die Hand auf die Klinke legte, glaubte er jemanden sprechen zu hören. Ohne anzuklopfen, trat er ein. Das, was sich in diesem Raum seinen Blicken bot, traf ihn völlig unerwartet.

Es gab einen großen Tisch in der Mitte und wenig andere Möbel. Überall standen Käfige und Kisten herum, und an einem kleinen Tisch in Fensternähe stand eine junge Frau. Die Sonne schien durchs Fenster und verlieh ihrem Haar einen goldenen Schimmer. Sie war mit etwas beschäftigt, das dem Herzog ein Vogel zu sein schien.

Dann hörte er sie mit sanfter Stimme sagen: »Nicht bewegen, und keinen Laut!«

Unwillkürlich blieb er wie angewurzelt stehen, obwohl er es nicht gewöhnt war, daß jemand in diesem Ton mit ihm sprach.

Nach einer Minute etwa wandte die Frau sich um, und jetzt konnte er deutlich erkennen, daß sie einen jungen Schwan hielt, dessen Flügel sie offenbar geschient hatte.

Sie trug ihn vorsichtig durch den Raum und setzte ihn behutsam in einen selbstgebastelten Käfig.

»Bald wirst du wieder gesund sein«, sagte sie mit sanfter Stimme, als handle es sich um ein kleines Kind. »In ein paar Tagen darfst du wieder zu deiner Mutter zurück.«

Sie schloß die Käfigtür, die aus einem Drahtgeflecht bestand. Dann wandte sich ihrem Besucher zu, und er las einen Ausdruck des Erstaunens in ihren großen Augen, die das ganze Antlitz zu beherrschen schienen.

Sie war blutjung und bildhübsch, besser gesagt, liebreizend auf eine Weise, wie er es noch nie bei einem jungen Mädchen bemerkt hatte. Sie hatte etwas Zerbrechliches, fast Ätherisches an sich. Ihre leicht schrägstehenden Augen verliehen ihr etwas Elfenhaftes, und ihre Lippen verstärkten diesen Eindruck.

Unter der großen Gärtnerschürze, die sie jetzt abnahm, kam ein schlichtes Baumwollkleid zum Vorschein. Es schmiegte sich eng an ihren Körper an und ließ sie noch zierlicher und noch jünger erscheinen als zuvor.

Dann hörte er sie sagen: »Ich . . . bitte um Verzeihung ... ich wußte ja nicht ... ich nahm an, Ihr wärt jemand aus dem Dorf.«

»Sie sind Miss Linton?« Der Herzog glaubte immer noch an einen Irrtum.

Dieses reizende Geschöpf konnte unmöglich die Tochter des verstorbenen Vikars sein.

»Ja, ich bin Selma Linton«, antwortete das Mädchen, »und ich weiß, daß Ihr der Herzog seid.«

Und als sei ihr plötzlich eingefallen, was das bedeutete, versank sie in einen anmutigen kleinen Knicks.

»Ich glaube nicht, daß wir uns schon einmal begegnet sind«, sagte der Herzog und trat näher.

»Ich habe Euch auf der Jagd gesehen und Eure Pferde bewundert. Manchmal bittet Hobson mich um einen Rat, wenn eines erkrankt ist.«

Der Herzog starrte sie ungläubig an. Hobson war sein Stallmeister, und er konnte einfach nicht glauben, daß ausgerechnet dieser resolute Mann den Rat einer jungen Frau einholte. Der Herzog fühlte sich von seinem Angestellten getäuscht, und das erregte seinen Unwillen.

»Man hat mich davon unterrichtet, daß ich Ihnen ein Häuschen im Dorf zur Verfügung stellen soll«, kam er kühl zur Sache.

Selma Linton schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: »Würden Euer Gnaden sich bitte ins Wohnzimmer bemühen. Dieser Raum dient nur der Pflege kranker Vögel und anderer Kleintiere, und ich fürchte, es gibt keine Sitzgelegenheit.«

Der Herzog sah sich um. In einem der Käfige, der aus einer Holzkiste gefertigt war, entdeckte er einen winzigen Welpen. In einem anderen zwei Kätzchen und in einem dritten ein Rotkehlchen mit geschientem Bein.

»Sind das alles Ihre Schützlinge? «fragte er.

»Sobald sie gesund sind, gehen sie an ihren Besitzer zurück oder werden freigelassen.« Der Herzog spürte, daß Selma nicht über ihre Heilkräfte reden wollte.

Sie ging schon voraus, und er folgte ihr ins Wohnzimmer.

Wieder nahm er Blütenduft wahr.

»Wollen Euer Gnaden bitte Platz nehmen?« Selma wies auf einen Armsessel vor dem Kamin. »Ich fürchte, die einzige Erfrischung, die ich Euch anbieten kann, ist ein Glas Rotwein, den Papa zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und der vermutlich keine besonders edle Sorte ist. Oder eine Tasse Tee?«

»Vielen Dank, nicht nötig«, erwiderte der Herzog. »Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu reden, Miss Linton.«

Selma nahm auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz und faltete die Hände im Schoß. Sie war sehr anmutig, stellte der Herzog bei sich fest, und das verwirrte ihn noch immer.

Er überlegte sich sorgfältig jedes Wort, das er nun an sie richtete: »Mir wurde gesagt, Miss Linton, daß Sie den Ruf genießen, die Leute im Dorf erfolgreich mit Heilkräutern zu behandeln.« Er hielt einen Augenblick inne und fuhr fort: »Mir kam auch zu Ohren, Sie behandelten sogar Knochenbrüche oder - wie im Falle des Schwanes - gebrochene Flügel.«

Selma stieß ein leises Kichern aus, das sehr jugendlich und hübsch klang.

»So ausgedrückt, hört sich das reichlich übertrieben an.« Lächelnd fuhr sie fort: »Meine Mutter hat mir alles beigebracht, was ich darüber weiß, und ich bin Euer Gnaden außerordentlich dankbar dafür, daß mir Zugang zum Kräutergarten beim Taubenschlag gewährt wurde.«

Damit waren sie sehr schnell beim eigentlichen Thema angelangt. Der Herzog hatte gar nicht die Absicht gehabt, den Taubenschlag so direkt zu erwähnen.

Um Zeit zu gewinnen, sah er sich im Wohnzimmer um und fragte: »Das alles hier, die Möbel und die Bilder, gehört vermutlich Ihnen?«

»Das Pfarrhaus war unmöbliert, als Papa und Mama vor fünfzehn Jahren hier einzogen.« Selmas Stimme klang weich und versonnen, als sie fortfuhr: »Sie liebten alles, was alt und schön war, und es dauerte ziemlich lange, bis das Haus vollständig nach ihrem Geschmack eingerichtet war.«

Dem Herzog fiel auf, daß die Möbel im Wohnzimmer von erlesener Schönheit waren. Vermutlich war keines der Stücke sehr teuer gewesen, aber die Lintons hatten offensichtlich einen sicheren Geschmack und einen geschulten Blick für Antiquitäten gehabt, bei der Nußbaumkommode mit Intarsien im Queen-Anne-Stil, zum Beispiel, und dem georgianischen Tisch mit dem Regency-Stuhl davor. Im Laufe der Jahre hatten sie zweifellos Möbelstücke erworben, die er selbst gerne besessen hätte.

Selma war seinem Blick gefolgt und erklärte: »Mama kannte sich in Stilmöbeln aus und Papa in Büchern und Gemälden. Ihr könnt Euch daher vorstellen, wie glücklich ich mich schätze, daß sie mir diese Kostbarkeiten hinterlassen haben.«

Der Klang ihrer Stimme verriet ihm mehr als Worte, wie schmerzlich sie ihre Eltern vermißte. Er rechnete es ihr hoch an, daß sie dennoch keinen Versuch unternahm, damit sein Mitleid zu erregen.

Aber die Gefühle, die sie bewegten, waren deutlich in ihren ausdrucksvollen Augen zu lesen.

»Man sagte mir«, bemerkte er unvermittelt, »Sie betrachteten sich als ,weiße Hexe‘.«

Wieder lachte Selma belustigt.

»Ich betrachte mich als nichts dergleichen, Euer Gnaden. Die Leute betrachten so manches, das dem gesunden Menschenverstand entspringt, als Zauberei, weil das ihrer Wundergläubigkeit entgegenkommt, aber wenn es sie glücklich macht, schadet das doch keinem, meine ich.« Sie sah ihn unsicher an, bevor sie hinzufügte: »Ihr müßt wissen, daß der Glaube der Leute, das eine oder andere Mittel werde ihnen guttun, schon der erste Schritt zu ihrer Genesung ist.«

»Mit anderen Worten: Sie bringen die Leute dazu, an etwas Übernatürliches zu glauben?«

»Ich tue nichts dergleichen«, verwahrte sich Selma gegen diese Unterstellung. »Was die meisten Menschen dringend benötigen, sind Hoffnung und Glaube. Wenn ich ihnen Hoffnung geben kann und sie glauben, es käme von einer höheren Macht, die stärker ist, als meine bescheidenen Kräfte jemals sein können, dann kommt das der Wahrheit doch sehr nahe.«

Sie hielt inne, ahnte seinen Widerspruch und fuhr dann fort: »Papa glaubte daran, daß Gott uns die heilkräftigen Pflanzen geschenkt habe, und wenn die Menschen der Überzeugung sind, die Heilkräuter, die ich ihnen gebe, seien Gottes Schöpfung, dann ergibt das doch einen höheren Sinn.«

Die Art, wie sie das vorbrachte, reizte ihn, ihr zu widersprechen: »Ich glaube, Miss Linton, Sie verstehen es sehr geschickt, die Leute zu täuschen, indem Sie ganz gewöhnlichen Pflanzen irgendwelche Zauberkräfte andichten.«

»Heilpflanzen wurden von Gott geschaffen, Euer Gnaden, um den Menschen mit ihren natürlichen Kräften zu helfen. Das und nichts anderes bemühe ich mich zu tun.«

Der Herzog war verblüfft. Noch nie war ihm ein junges Mädchen begegnet, das so unbefangen und deutlich seine Meinung kundzutun vermochte und dabei weder Scheu noch irgendwelche Hemmungen verriet.

»So habe ich es bisher allerdings nie betrachtet«, erwiderte er schließlich, »doch, wenn es das ist, woran Sie glauben, kann man unter den gegebenen Umständen wohl nichts dagegen einwenden.«

»Danke, Euer Gnaden«, entgegnete Selma, »und so möchte ich . . . der Hoffnung Ausdruck verleihen, hierbleiben zu dürfen.«

»Wenn es stimmt, daß es ein glückliches Dorf ist«, wandte der Herzog ein, »dann ist das zum Teil wohl auch ein Verdienst des Landesherrn, dem die Leute ihre hübschen Häuser verdanken.«

Sie zwinkerte mit den Augen, als belustige sie sein Einwurf.

»Wir sind Euer Gnaden zu großem Dank verpflichtet«, sagte sie dann, und wieder stellte er bei sich fest, daß sie die erstaunlichste junge Frau war, die ihm jemals im Leben begegnet war. Als spüre sie, daß ihre freimütige Art ihm zu denken gab, beugte sie sich plötzlich auf ihrem Stuhl vor.

»Bitte . . . Euer- Gnaden«, sagte sie in völlig verändertem, flehendem Ton, »laßt mich hierbleiben . . . ich . . . ich weiß sonst nicht, wohin ich gehen soll . . . und . . . und hier fühle ich mich Papa und Mama am nächsten.«

Ihre ausdrucksvollen Augen verrieten dem Herzog, daß ihre Bitte aus dem Herzen kam.

Er erhob sich.

»Ich werde Ihnen sagen, was ich vorhabe, Miss Linton«, erklärte er ihr dann. »Ich werde Sie morgen früh in meinem Phaeton durchs Dorf fahren und nach einer geeigneten Unterkunft für Sie Ausschau halten.« Er sah sich im Zimmer um. »Vermutlich werden nicht all Ihre Möbel in ein kleineres Haus passen.«

»Ich könnte ... sie irgendwo unterstellen.«

Der Herzog begab sich zur Tür und spürte, daß sie in diesem Augenblick das gleiche dachten: Wenn ihr der Taubenschlag überlassen wurde, dann würde sie keine Schwierigkeiten haben, ihre hübschen Möbel unterzubringen. Doch für ihn war das indiskutabel.

»Um elf Uhr hole ich Sie morgen ab, Miss Linton, wenn es Ihnen recht ist.«

»Ich werde bereit sein, Euer Gnaden.«

Selma knickste.

Der Herzog begab sich in den Pfarrhof, band sein Pferd los und schwang sich in den Sattel. Er lüftete seinen Reitzylinder, als er an der Haustür vorbeiritt und Selma dort stehen sah. Sie bot vor der stilvollen alten Veranda im Hintergrund einen bezaubernden Anblick.

Unterwegs versuchte der Herzog sich einzureden, das Ganze sei einfach lächerlich. Wie konnte Watson die maßlos übertriebene Behauptung aufstellen, daß dieses blutjunge Mädchen mit seinen Kräutern Kranke heilen konnte? Er hatte das unbehagliche Gefühl, der ganzen Angelegenheit nicht gewachsen zu sein, und das machte ihn wütend.

Unwillkürlich gab er seinem Hengst die Sporen, um schneller, als eigentlich beabsichtigt, wieder zu Hause zu sein, wo ihn Sicherheit und Vernunft umgaben.

2

Nach dem Frühstück am folgenden Morgen ließ er Mr. Hunter, den Verwalter seiner Häuser und Ländereien, zu sich kommen.

Der Mann stammte aus der Gegend und hatte schon unter seinem Vater gedient. Mit Mortlyn verband ihn eine tiefe Zuneigung. Zudem war er ein hervorragender Reiter, dem der Herzog selbst seine edelsten Rassepferde anvertraute - ein Privileg, das sonst nur dem Stallmeister vorbehalten war.

Mr. Hunter betrat in respektvoller Haltung die Bibliothek, wo der Herzog seine Morgenzeitungen las.

»Guten Morgen, Hunter.«

»Guten Morgen, Euer Gnaden.«

»Ich habe mir für heute eine Besichtigung der verfügbaren Unterkünfte im Dorf vorgenommen, die für Miss Linton in Frage kämen«, erklärte der Herzog, und ihm entging nicht, daß Hunter ihn besorgt und beunruhigt ansah.

Trotzdem fuhr er ungerührt fort: »Es ist natürlich völlig ausgeschlossen, ihr den Taubenschlag zu überlassen, und ich muß mich sehr wundern, daß Sie überhaupt einen solchen Vorschlag gemacht haben.«

Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus, dann ließ Mr. Hunter sich vernehmen: »Euer Gnaden müssen wissen, daß es uns im Augenblick an angemessenen Unterkünften für Miss Linton mangelt. Wir haben keine große Auswahl.«

»Was heißt denn hier angemessen? Wir sind doch in keiner Weise verpflichtet, der Familie eines aus dem Amt geschiedenen Vikars Unterkunft zu gewähren!«

»Dessen bin ich mir durchaus bewußt, Euer Gnaden.«

Da der Verwalter offenbar nichts mehr dazu sagen wollte, erhob sich der Herzog.

»Das wär’s dann, Hunter. Machen Sie mir eine Liste der verfügbaren Häuser. Ich habe Miss Linton versprochen, diese zu besichtigen, und lasse Sie später dann meine Entscheidung wissen.«

Mr. Hunter zog einen Zettel aus der Rocktasche, übergab ihn dem Herzog und entfernte sich dann mit einer respektvollen Verbeugung. Erst als der Verwalter gegangen war, kamen dem Herzog Bedenken, daß er den Mann zu hart angefaßt haben könnte. Hunter war ein ungemein tüchtiger Angestellter, dessen Arbeit noch nie zu Kritik Anlaß gegeben hatte. Umso mehr hatte es den Herzog befremdet, daß ausgerechnet er den Taubenschlag, diesen zauberhaften Landsitz seiner Familie, Selma Linton zugedacht hatte. Vermutlich hat es ein hübsches junges Mädchen leicht, alle Männer für sich einzuspannen, dachte er verächtlich.

Damit wandte er sich seinem Schreibtisch zu und entdeckte auf dem Stapel der am Morgen eingegangenen Post einen Brief von Doreen Bramwell. Er konnte sich lebhaft vorstellen, daß sie ihm seine plötzliche Abreise sanft zum Vorwurf machte und zugleich den Wunsch äußerte, ihn so bald wie möglich wiederzusehen. Diese Absicht hatte er jedoch ganz und gar nicht und überlegte, wie er ihr schonend beibringen könnte, daß die Affäre zu Ende war. Warum, so fragte er sich wieder einmal, gelang es keiner schönen Frau, ihn für längere Zeit zu fesseln, denn Doreen Bramwell war da keine Ausnahme. Mißmutig nahm er den Zettel auf, den Mr. Hunter ihm hinterlassen hatte, und steckte ihn ungelesen in die Tasche.

Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß es noch zu früh war, um den Phaeton vorfahren zu lassen, und er beschloß deshalb, sich zu den Stallungen zu begeben und Hobson zu fragen, welche Fortschritte seine neuen Pferde mittlerweile gemacht hatten. Möglicherweise würde er auch das Gespann für die Kutsche gegen ein anderes austauschen.

Gedankenversunken verließ er die Bibliothek und begab sich in die Halle. In diesem Augenblick kam Oliver - wie immer mit Verspätung - die Treppe herunter.

»Guten Morgen, Onkel Wade«, sagte er. »Nicht böse sein, daß ich verschlafen habe, aber ich war todmüde und habe zum ersten Mal seit Wochen eine wirklich geruhsame Nacht verbracht.«

Der Herzog lachte.

»Ich mache dir deswegen bestimmt keinen Vorwurf. Den Grund für deinen langen Schlaf sehe ich aber eher darin, daß wir früh zu Bett gegangen sind und du nüchtern warst!«

»Jetzt hältst du mir schon wieder eine Moralpredigt!« Oliver sagte das jedoch nicht vorwurfsvoll, sondern lachend.

»Gehst du aus?« fragte er dann. »Ich hoffte, wir würden zusammen ausreiten.«

»Das holen wir nach dem Lunch nach«, erwiderte der Herzog. »Ich habe heute Vormittag eine Verabredung. Wenn du willst, lasse ich dir eines der neuen Pferde satteln, damit du deine überschüssigen Kräfte abreagieren kannst.«

»Das würde mir gefallen«, entgegnete Oliver. »Sieh zu, daß du bald zurück bist.«

Damit begab er sich zum Frühstückszimmer.

Der Herzog verließ das Haus durch die Hintertür und überquerte den gepflasterten Hof, der den Stallungen vorgelagert war. Dabei beschloß er, spätestens nach dem Dinner mit Oliver ein ernstes Wort über seine Zukunft zu reden.

Hobson, der Stallmeister, hatte ihm eine Menge über die neuen Pferde zu berichten, so daß es nach zehn Uhr war, als der Herzog seinen Phaeton bestieg.

Die Kutsche wurde von zwei Rappen mit Araberblut in den Adern gezogen, die ihn ein kleines Vermögen gekostet hatten. Da er bis zum Pfarrhaus weniger als zehn Minuten brauchen würde und nicht zu früh kommen wollte, machte er einen Umweg über die Felder, auf denen bereits die Saat grünte. Mühelos lenkte er das Gespann durch ein Wäldchen, in dem es reichlich Wild für die im Herbst stattfindenden Jagden gab, dann an einem kleinen Bach entlang, in dem sich zahlreiche Forellen tummelten. Sicher würde es Spaß machen, Oliver eines Tages zum Angeln mitzunehmen, und der Herzog erinnerte sich, bereits als achtjähriger Junge seine erste Forelle gefangen zu haben.

Auf der Fahrt durch seine Ländereien wurden Erinnerungen an seine Kindheit wach, an seine Mutter, die ihrem Gatten und ihren Kindern all ihre Liebe geschenkt hatte. Nie wäre sie zu einem Treuebruch fähig gewesen wie die Frauen, mit denen er sich in London eingelassen hatte. Er gestand sich ehrlich ein, daß er sie im Grunde seines Herzens verachtete, weil sie ihre Ehemänner mit ihm hintergingen.

Doch er mochte jetzt nicht mehr an London denken, sondern wollte sich an der herrlichen Fahrt durch die von Blütenduft und Vogelgezwitscher erfüllte Landschaft erfreuen.

Punkt elf Uhr zügelte er das Gespann vor der Haustür des Pfarrhauses. Es überraschte ihn nicht, daß Selma bereits auf ihn wartete. Zweifellos fand sie es aufregend, neben ihm in seinem Phaeton durchs Dorf fahren zu dürfen. Außerdem hätte Unpünktlichkeit nicht zu ihr gepaßt, im Gegensatz zu den meisten Frauen, die er bisher zu einer Ausfahrt eingeladen hatte.

Sie eilte die Stufen hinab und kletterte ohne Hilfe in den Phaeton. Dabei bewegte sie sich so anmutig, als trüge sie Flügel, und sah in dem blaßblauen, schlichten Baumwollgewand sehr hübsch aus. Sie trug einen winzigen Strohhut, der sich auf ihrem hellen Haar über dem schmalen Gesicht wie ein Heiligenschein ausnahm.

Während er sie verstohlen betrachtete, verglich er sie erneut mit einer Elfe oder Fee aus den Märchen seiner Kindheit. Dann schalt er sich töricht, so viel in diese Pfarrerstochter hineinzulegen, die er erst seit wenigen Stunden kannte.

Auf der Fahrt zum Dorf zog er den Zettel aus seiner Rocktasche, den Mr. Hunter ihm übergeben hatte, und händigte ihn Selma aus.

»Darauf sind die Häuser vermerkt, die verfügbar sind«, sagte er dazu. »Erklären Sie mir, wie ich fahren muß, denn alle kenne ich sicher nicht.«

Selma nahm den Zettel entgegen, ohne einen Blick darauf zu werfen.

»Erst möchte ich Euer Gnaden danken, daß Ihr mich in Eurem Phaeton mitfahren laßt«, sagte sie.

»Geht damit ein Wunsch für Sie in Erfüllung?« fragte der Herzog.

»Gewiß«, erwiderte sie lebhaft. »Immer, wenn ich eines Eurer herrlichen Pferde gesehen habe, bin ich im Traum darauf geritten.«

Sie lachte verlegen über ihre Schwärmerei.

Im Gegensatz zu anderen Frau legte sie es aber nicht darauf an, ihm eine Einladung zu entlocken, seine Stallungen zu besichtigen, das spürte er deutlich.

»Nachdem nun einer Ihrer Wunschträume in Erfüllung gegangen ist, sollten Sie mir vielleicht verraten, wohin die Fahrt geht«, bemerkte er trocken.

Selma warf einen Blick auf den Zettel, dann war es lange still, bis sie mit merkwürdig klingender Stimme leise sagte: »Es steht nur eine Adresse darauf.«

»Nur eine?« wiederholte der Herzog verdutzt. »Aber ich habe Hunter doch beauftragt, mir die Namen aller verfügbaren Siedlungshäuser aufzuschreiben!«

»Genau das hat Mr. Hunter auch getan, Euer Gnaden.«

»Tatsächlich? Und wo ist es?«

»Am anderen Ende des Dorfes. Die Hütte wird die ,düstere Kate‘ genannt und steht seit vielen Jahren leer.«

»Warum denn das?«

Wieder schwieg Selma eine Weile, bis sie stockend erklärte: »Vor über hundert Jahren wurde darin ein Mord verübt, und seitdem meiden die Leute diesen Ort.«

Der Herzog sah sie entgeistert an.

»Wollen Sie damit sagen, die Hütte sei verfallen?«

»Euer Gnaden sollten sich selbst davon überzeugen.«

»Warum hat Hunter mir das nicht gesagt?« brummte er vor sich hin, dann glaubte er die Erklärung dafür gefunden zu haben: Hunter wollte unbedingt erreichen, daß Miss Linton im Taubenschlag einquartiert wurde. Das bestärkte den Herzog nur noch mehr in seinem Vorsatz, den Taubenschlag um jeden Preis leerstehen zu lassen.

Sie fuhren durch das blitzsaubere Dorf mit seinen strohüberdachten Hütten und den bunten Blumen in den kleinen Vorgärten. Es ist wirklich ein Musterort, dachte der Herzog nicht ohne Stolz. Die Dorfbewohner, an denen sie vorüberfuhren, starrten zunächst verblüfft auf die neben ihm sitzende Selma, doch dann winkten sie freundlich.

Ihm war klar, daß sie das nicht getan hätten, wenn er allein gewesen wäre.

Schließlich führte der Weg eine Viertelmeile bergan durch unbesiedeltes Gebiet. Ein Stück abseits der Landstraße tauchten schließlich ein völlig verwilderter und mit Unkraut überwucherter Garten und die »düstere Kate« auf. Das Dach war eingestürzt, die Fenster waren ohne Scheiben. Allein in die Nähe zu treten war gefährlich, dachte der Herzog.

»Ich nehme an«, sagte er laut zu Selma, »Hunter hat sich einen üblen Scherz mit uns erlaubt.«

»Bitte, zürnt ihm nicht«, flehte Selma ihn an. »Ihr habt ihn beauftragt, Euch die Namen der leeren Hütten im Dorf aufzuschreiben, und das hier war wirklich die einzige, die er Euch nennen konnte.«

Sie bedachte ihn mit dem Anflug eines Lächelns und fügte dann erklärend hinzu: »Alle wollen in Klein-Mortlyn wohnen.«

»Weshalb?« fragte der Herzog.

»Ohne Euer Gnaden schmeicheln zu wollen«, erwiderte Selma, »Ihr seid als sehr gütiger Herr bekannt, und als Mama und Papa noch lebten, waren wir hier eine einzige große Familie.«

»Das war einmal«, sagte der Herzog. »Wenn Sie aber weiterhin hierbleiben wollen, muß jemand gefunden werden, an den Sie sich wenden können, der Sie bei sich aufnehmen würde.«

Selma schwieg, und der Herzog fuhr fort: »Wo lebt die Familie Ihrer Mutter? Es wird doch wohl einen Verwandten geben, der Ihnen Obdach gewähren würde.«

Das klang ziemlich schroff und unfreundlich, aber andererseits wollte er sich weder von Hunter noch von Watson oder sonst jemandem dazu beschwatzen lassen, Miss Linton den Taubenschlag anzuweisen. Das Ganze ist einfach lächerlich, versuchte er sich einzureden. Ich bin nicht für dieses Mädchen verantwortlich.

Sie überlegte offensichtlich, wie sie ihm seine Frage beantworten sollte, und sagte nach langem Zögern: »Es ist . . . ziemlich schwierig. Mein Großvater lebt im Norden Schottlands ... er ist schon sehr alt. Als Mama heiratete, war mein Urgroßvater väterlicherseits sehr . . .verärgert.«

»Welchen Grund hatte er?«

»Papa war schottischer Abstammung, und Euer Gnaden waren oft genug in Schottland, um zu wissen, daß viele Schotten die Engländer hassen.«

Der Herzog konnte ihr da nicht widersprechen.

»Wie lautet der Name Ihres Großvaters?«

»Lord Nabor, er ist das Oberhaupt des McNabor-Clans.«

»Und Sie befürchten, Ihr Großvater würde Sie nicht bei sich aufnehmen, weil Sie englisches Blut in den Adern haben?«

Selma preßte die Hände zusammen.

»Bitte, Euer Gnaden ... ich möchte nicht in Schottland leben . . ., sondern hier bei diesen Menschen bleiben, die mir vertraut sind.« Als, der Herzog nichts erwiderte, fuhr sie wie im Selbstgespräch fort: »Sie lieben mich . . . das weiß ich genau, und sie würden mich sehr vermissen, wenn . . ., wenn ich sie verlassen würde.«

»Das soll doch nur heißen«, entgegnete er mit ungewohnter Schärfe, »daß man Ihre Kräuter vermissen würde, denen Sie eine Zauberwirkung angedichtet haben.«

Selma schwieg, und er hatte plötzlich das unbehagliche Gefühl, ein zartes, verletzliches Wesen zutiefst getroffen zu haben. Er zügelte das Gespann.

»Nachdem so viel von den Kräutern und dem Garten die Rede war«, sagte er und konnte nicht verhindern, daß seine Stimme gereizt klang, »sollten wir hinfahren und ihn uns ansehen.«

Auf der Rückfahrt ins Dorf schwiegen sie beide, und er spürte bereits, daß Selma mit den Tränen kämpfte. Typisch Frau, dachte er wütend. Wenn es nicht nach ihrem Willen geht, weinen sie und hoffen, die Männer damit so zu rühren, daß sie nachgeben. Nicht mit ihm! Wenn es gar nicht anders ging, würde er ihr ein Siedlungshaus bauen lassen, aber den Taubenschlag bekam sie nicht!

Die Kutsche rollte durch das weit geöffnete schmiedeeiserne Tor mit den im georgianischen Stil erbauten Parkwärterhäuschen zu beiden Seiten und erreichte nach einer halben Meile das kleine Landhaus, das von uralten Bäumen umgeben war. Der Rasen war, dem Wunsch des Herzogs gemäß, kurz geschoren und von sattem Grün. Die Buchsbaumhecken mit den Vogelfiguren darauf waren akkurat beschnitten und in gepflegtem Zustand.

Das Haus kam ihm noch hübscher vor, als er es in Erinnerung gehabt hatte. Mit den flachen, verwitterten rosa Ziegeln, den Bogenfenstern und der breiten Eingangstür war es eine Augenweide.

Ein Gärtner arbeitete vor dem Haus. Als er die Kutsche kommen hörte, richtete er sich auf und eilte herbei, um die Pferde festzuhalten. Der Herzog wollte Selma beim Aussteigen behilflich sein, doch sie war bereits leichtfüßig vom Sitz gesprungen.

»Guten Morgen, Ben«, begrüßte sie den Gärtner. »Geht’s deiner Mutter besser?«

»Sie ist munter wie ein Fisch im Wasser, und das verdankt Sie Ihnen, Miss«, erwiderte Ben.

Als der Herzog neben sie trat, sagte sie bewundernd: »Eure Pferde sind genauso rassig und edel, wie ich es mir vorgestellt habe.«

»Weil ich der Besitzer bin?« fragte der Herzog.

In London hätten alle Frauen, die er kannte, seine selbstgefällige Frage lebhaft bejaht, doch Selma verblüffte ihn wieder einmal, als sie sachlich erwiderte: »Weil man von den herzoglichen Stallungen nichts anderes erwarten würde.« Damit tätschelte sie dem einen Pferd den Hals. »Soll ich Euch jetzt den Kräutergarten zeigen?«

»Deshalb sind wir ja hier.«

Er folgte ihr durch einen bogenförmigen Durchgang in einen kleinen Garten mit einem Springbrunnen. Er war nicht angestellt, aber es mußte wunderschön aussehen, wenn das Wasser aus dem Füllhorn, das eine Amor Figur auf den Armen trug, in einer Fontäne nach oben stieg.

Daß hier alles sehr gepflegt sein würde, hatte er erwartet, aber das, was sich seinen Blicken bot, übertraf seine Erwartungen bei weitem. Jeder Zentimeter Boden war ausgenutzt, um den verschiedensten Kräutern Platz zu bieten. Er konnte der gepflegten Anlage seine Bewunderung nicht versagen.

»Ist das alles Ihr Werk?« wandte er sich an seine Begleiterin.

Selma schüttelte den Kopf.

»Nein, Mama hat die Beete angelegt und mir beigebracht, wann welche Kräuter gepflückt werden müssen und in welcher Reihenfolge die Aussaat zu erfolgen hat.«

Er schwieg beeindruckt.

»Immer, wenn ich hierher komme . . . spüre ich Mamas Nähe . . . und sie ist es auch, die mich leitet und mir eingibt, was ich tun muß.«

Der Herzog sog den würzigen Duft ein, der die Luft erfüllte und den eigenartigen Zauber, der von diesem Fleckchen Erde ausging, noch verstärkte.

Für Selma schien es eine ganz besondere Bedeutung zu haben, so als glaube sie fest daran, daß alles, was hier wuchs, zum Wohle ihrer Mitmenschen gedieh.

Um sich dem Zauber zu entziehen, der ihn gefangen hielt, bemerkte er betont sachlich: »Ich muß Ihnen meine Anerkennung aussprechen, Miss Linton. Sie haben hier ein wahres Wunder vollbracht, und jetzt verstehe ich auch, weshalb dieser Garten für Sie und das, was Sie für Ihre Berufung halten, von so unschätzbarem Wert zu sein scheint.«

Der herablassende, beinahe zynische Ton, in dem er das sagte, pflegte seine Wirkung auf seine Gesprächspartner nie zu verfehlen und sie gewöhnlich ziemlich einzuschüchtern - nicht aber Selma. Zu seiner Verblüffung wandte sie sich einfach ab und ließ ihn stehen. Zielstrebig ging sie auf den Mauerdurchgang zu, und der Herzog hatte mit einem Mal das Gefühl, von ihr für unwürdig befunden zu sein, sich länger in ihrem Heiligtum aufzuhalten, das er mit seinen profanen Worten entweiht hatte.

Es war, als wollte sie ihn so rasch wie möglich von diesem Ort entfernen. Wie konnte sie sich einen derartigen Besitzanspruch auf etwas anmaßen, das ihm gehörte? Eine Unverschämtheit!

Bevor er Selma jedoch zur Rede stellen konnte, kam es zu einem Zwischenfall, der seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte.

Völlig außer Atem vom schnellen Lauf, tauchte Hunter im Garten auf und rief schon von weitem: »Ihr müßt sofort nach Hause kommen. Euer Gnaden . . . es ... es geht um Mr. Oliver. Als er gerade das Haus verlassen wollte, um auszureiten, fiel eine der Steinfiguren vom Dach herunter!«

Entgeistert sah der Herzog seinen völlig aufgelösten Verwalter an.

»Eine der Figuren ist vom Dach heruntergefallen? Das kann ich einfach nicht glauben!«

»Sie hätte Mr. Oliver erschlagen, wenn ihm nicht am Hauseingang eingefallen wäre, daß er seine Reitpeitsche vergessen hatte, und er im Begriff war, zurückzugehen; das hat ihm das Leben gerettet.«

»Aber er ist verletzt?«

»Die Figur erwischte ihn am Bein und hat es übel zugerichtet.«

»Haben Sie nach dem Arzt geschickt?«

»Der Doktor ist verreist, Euer Gnaden«, erwiderte Mr. Hunter, »und wird erst in einigen Tagen zurückerwartet.« Er schnappte nach Luft und fuhr dann fort: »Ich bin gekommen, um Miss Selma zu holen. Man sagte mir im Pfarrhaus, daß sie mit Ihnen ausgefahren sei, und ich vermutete sie hier.«

Er sah Selma an, die aufmerksam zugehört hatte.

»Sie werden ihm helfen«, sagte er.

Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Aber irgendwo muß es doch einen Arzt geben . . .«, wandte der Herzog ein, doch weder Selma noch Hunter hörten ihm zu.

Sie fragte ihn mit gedämpfter Stimme nach Einzelheiten der Verletzung aus, und Hunter gab ihr, noch immer atemlos, bereitwillig Auskunft.

»Er muß große Schmerzen haben und hat vermutlich eine Menge Blut verloren«, sagte Selma.

»Sie haben ihn gerade nach oben getragen, als ich los ritt«, erwiderte Mr. Hunter. »Graves rief mir zu: ,Holen Sie so schnell wie möglich Miss Selma hierher!‘, und ich machte mich sofort auf den Weg.«

»Das war sehr vernünftig von Ihnen.«

Selma lief in den Kräutergarten zurück und begann, verschiedene Kräuter von den Beeten zu pflücken.

Der Herzog wandte sich an seinen Verwalter.

»Das ist doch lächerlich«, sagte er unwillig. »Es muß doch irgendwo in der Nachbarschaft einen Doktor geben.«

»Miss Selma weiß schon, was zu tun ist, Euer Gnaden.«

Bevor der Herzog ihm widersprechen konnte, war Selma mit einem Büschel Kräuter in der Hand wieder bei ihnen und sah ihn fragend an. Es gab keinen Zweifel, daß sie erwartete, von ihm zum Herrenhaus gefahren zu werden, denn schon lief sie durch den Rosengarten auf den Phaeton zu.

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18+
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140 стр.
ISBN:
9781788670036
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