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Das Gefährliche Spiel

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2016

Copyright Cartland Promotions 1985

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1.~1887

„Diese vielen Verwandten machen mich krank“, sagte Prinzessin Wilhelmina.

Ihre Cousine, Zenka, sah sie mit einem Lächeln an.

Sie wußte, daß Wilhelmina an allem etwas auszusetzen hatte, obwohl sich wohl niemand über das offizielle Frühstück beklagen konnte, das die Königin zu ihrem Goldenen Jubiläum gegeben hatte.

Für Zenka war es nach dem ruhigen Leben, das sie in Schottland geführt hatte, sehr aufregend gewesen.

Der König von Dänemark hatte zur Linken der Königin gesessen, der König von Griechenland zu ihrer Rechten und der König von Belgien hatte ihr gegenüber Platz genommen. Die große goldene Platte in der Mitte der Tafel hatte der ganzen Angelegenheit eine goldene Aura verliehen.

„Man hätte wenigstens annehmen können“, fuhr Wilhelmina in ihrer häßlichen kehligen Stimme fort, „daß unter dieser Horde von Gratulanten wenigstens einige junge Männer für uns gewesen wären.“

Zenka blickte sie amüsiert an.

Es war wohl bekannt, daß Wilhelmina von Preußen, die bereits fast dreißig Jahre alt war, die letzten zehn Jahre damit verbracht hatte, die europäischen Königshöfe nach einem geeigneten Ehemann zu durchkämmen.

Sie war jedoch sehr dick und häßlich und hatte ein abstoßendes, hinterhältiges Wesen, so daß alle Prinzen die Flucht ergriffen, sobald Wilhelmina erschien. Jede Unterhaltung über Heirat wurde abrupt beendet, sobald Wilhelminas Name erwähnt wurde.

Zenka wollte jedoch nicht unhöflich sein und setzte sich neben Wilhelmina auf das Sofa.

„Aber es waren doch einige geeignete Junggesellen auf der Gesellschaft. Was hältst du von Louis William of Baden?“

Wilhelmina warf ihr einen beißenden Blick zu.

„Louis William ist verlobt und wartet nur darauf, daß die Feierlichkeiten des Jubiläums beendet sind, um seine Verlobung bekannt zu geben.“

„Das wußte ich nicht“, erwiderte Zenka. „Dann sieht es so aus, als bliebe nur noch der Prinz Devanongse von Siam übrig!“

„Wirklich, Zenka, du bist unmöglich!“ rief Wilhelmina aus. „Ich bin sicher, daß er jetzt schon einen ganzen Harem von Frauen hat.“

„Ja, das könnte schon wahr sein“, stimmte Zenka ihr zu. „Auf der anderen Seite glaube ich auch nicht, daß das Goldene Jubiläum die geeignete Gelegenheit ist, um sich nach einem Ehemann umzusehen.“

„Die Königin ist als Heiratsvermittlerin von Europa bekannt“, erwiderte Wilhelmina. „Wenn ich mutig genug wäre, würde ich mit ihr über meine Heirat sprechen.“

Zenka lachte.

„Dazu bist du bestimmt nicht mutig genug. Keine von uns ist das.“

Während sie sprach, dachte sie daran, daß Königin Victoria in der Tat eine sehr ehrfurchtgebietende Persönlichkeit war. Und es war allgemein bekannt, daß der Prince of Wales zu zittern begann, wenn seine Mutter nach ihm rufen ließ.

Sie selbst war das Gesetz, und es war ihr sogar gelungen, die althergebrachten Regeln für das Goldene Jubiläum zu ändern.

Sie hatte es eigensinnig abgelehnt, zum Gottesdienst in der Westminster Abbey, der am nächsten Tag stattfinden sollte, die Krone und das Zepter zu tragen.

Der Premierminister hatte lange mit ihr gestritten, und schließlich hatten ihre Kinder die Prinzessin von Wales zu ihr geschickt, die jedoch nach kurzer Zeit zurückkam.

„Noch niemals bin ich so verächtlich behandelt worden!“ erzählte sie all denen, die auf das Urteil warteten.

Nichts und niemand konnte die Königin davon abbringen, einen Hut zu tragen.

Sie wußte wohl, daß Lord Halifax der Meinung war, die Leute hätten für ihr Geld auch ein entsprechendes Schauspiel verdient. Und sie wußte, daß Mr. Chamberlain der Meinung war, eine ,Regentin müßte großartig’ aussehen. Lord Roseberry, der eine beißende Zunge hatte, äußerte kategorisch, daß das Empire ,von einem Zepter nicht von einem Hütchen regiert werden sollte’.

Die Königin jedoch ließ sich von keinem dieser Argumente überzeugen.

Am nächsten Tag fuhr sie im Hütchen zur Abbey, nachdem sie ihren Hofdamen die schriftliche Anweisung hatte geben lassen, ,Hüte zu tragen und lange, festliche Kleider ohne Überhang’.

Als sie dann langsam die Stufen der Abbey hinaufschritt, konnte trotz alldem niemand umhin, ihre außergewöhnliche Eleganz und ihr selbstbewußtes Auftreten zu bewundern.

Zenka war der Meinung, daß es auf der ganzen Welt nichts Großartigeres geben konnte, als die Eskorte der Königin.

Gleich hinter ihrem offenen Landauer folgte die Indische Kavallerie, dann die männlichen Mitglieder ihrer großen Familie, drei Söhne, fünf Schwiegersöhne und neun Enkel.

Begeistert war die Menge vom Anblick des Kronprinzen von Deutschland. Sein Bart war goldfarben, die Uniform weiß und Silber. Auf seinem Helm war der deutsche Adler - man hätte ihn für einen mittelalterlichen Helden halten können.

Alle seine Verwandten wußten, daß der Prinz nicht sprechen konnte, da er an Kehlkopfkrebs erkrankt war, und die Königin machte sich große Sorgen um ihre Lieblingstochter Vicky, über die viele Gerüchte zu hören waren.

Der Gottesdienst dauerte sehr lange, war jedoch außerordentlich eindrucksvoll. Anschließend küßten die Prinzessinnen der Königin die Hand und alle Anwesenden waren bezaubert von dem lieblichen Anblick.

Der Lunch begann nicht vor vier Uhr und war fast eine Wiederholung des Vortages.

Man hatte Zenka erzählt, daß nun in Kürze eine Parade der Blaujacken vorbeimarschieren würde, die die Königin vom Balkon aus beobachten würde. Anschließend sollte die Übergabe der Geschenke im Ballsaal stattfinden.

„Ihre Majestät kommt!“ rief plötzlich jemand. Zenka erhob sich, als die Königin eintrat. Ihre schwarzen Kleider rauschten, als sie durch ihre Verwandten hindurch an das Fenster schritt.

Sehr viel später am Abend trug die Königin ein funkelndes Jubiläumsgewand, das mit silbernen Rosen geschmückt war. Das Dinner war bereits beendet, als Wilhelmina jetzt ihr Gespräch mit Zenka fortsetzte.

Die indischen Prinzen und das Corps Diplomatique wurde der Königin vorgestellt. Zenka dachte sich, daß eigentlich genügend Männer anwesend waren, geschmückt mit gold-verzierten Uniformen und farbenfreudigen Turbanen, die Wilhelminas Gefallen finden könnten.

Aber als sie beide Seite an Seite in den Chinesischen Saal gingen, beschwerte Wilhelmina sich noch immer.

„Ich hoffte, daß du einmal tanzen würdest“, flüsterte sie.

„Um ehrlich zu sein“, erwiderte Zenka, „schmerzen meine Beine vom langen Stehen. Oh, sieh doch nur das Feuerwerk! Ist es nicht wunderschön? Was willst du mehr?“

„Wenn du die Wahrheit wissen willst“, antwortete Wilhelmina, deren Zunge vom Wein gelöst war, „ich will einen König heiraten!“

„Einen König?“ rief Zenka amüsiert aus. „Warum willst du das denn tun?“

„Ich würde eine gute Königin abgeben“, antwortete Wilhelmina. „Und wenn ich mir die Juwelen der Prinzessin von Wales ansehe, muß ich daran denken, wie gut sie mir stehen würden.“

Zenka unterdrückte ein Lächeln.

Die Prinzessin trug eine wunderschöne Diamanttiara und ihr Halsband blinkte wie tausend Sternebei jeder ihrer Bewegungen. Aber sie war auch zweifellos die schönste Frau der Königlichen Familie.

Während sie durch den Saal schritt, hatte Zenka den Eindruck, sie würde schweben. Ihr Hals erinnerte an einen Schwan und ihr Lächeln war herzlich und ansteckend, wodurch sie sich von den anderen sehr unterschied.

Es war genauso unmöglich, daß Wilhelmina einen solchen Anblick bieten würde, wie es unmöglich war, über den Mond zu springen, dachte Zenka.

Laut jedoch sagte sie: ,,Ich glaube, daß Cousine Alexandra viele Probleme hat.“

„Du sprichst wohl von den Liebesaffären des Prinzen“, sagte Wilhelmina in häßlichem Ton. „Jedermann weiß davon, aber sie hat auch genügend Entschädigungen.“

„Ich weiß nicht...“ Zenka sagte es gedankenvoll.

,,Da gibt es gar nichts zu fragen“, unterbrach Wilhelmina sie. „Und ich sage dir, Zenka, ich will eine Königin sein! Es ist nicht fair, daß ich die Einzige in Europa bin, die bis jetzt noch nicht verheiratet ist.“

Es war so viel Bitterkeit in ihrer Stimme, daß Zenka wieder einmal Mitleid mit ihr empfand.

„Es gibt doch bestimmt viele Könige und Prinzen, die heute abend nicht hier sind“, sagte sie. „Was ist denn mit all den Staaten in der Nähe von Preußen?“

„Die Monarchen, die dort regieren, sind alle verheiratet“, erwiderte Wilhelmina.

Zenka zerbrach sich den Kopf, ob ihr nicht ein Einziger einfiele, der nicht verheiratet war.

Aber die Wahrheit war, daß alle Throne in Europa bereits von einer Tochter oder einer Enkeltochter der Königin Victoria besetzt waren.

Sie blickte sich im Chinesischen Saal um und sah Vicky, die Kronprinzessin von Deutschland; Alice, Großherzogin von Hessen; Beatrice von Battenberg; Helen von Schleswig-Holstein; und eine ganze Anzahl anderer Königlicher Hoheiten, die alle ihren Besitz und den Ehemann der Königin Victoria zu verdanken hatten.

Es muß doch aber jemanden geben, dachte sie bei sich.

Dann rief sie plötzlich aus: „Ich hab’s, Wilhelmina . . . König Miklos von Karanya ist nicht verheiratet!“

Zu ihrer Überraschung versteifte sich Wilhelmina.

„Diesen Mann werde ich mit Sicherheit nicht heiraten!“ sagte sie schroff.

„Warum nicht? Was hat er dir denn getan?“ fragte Zenka.

Sie wußte, daß Karanya ein kleines Land war, das an die Grenzen von Ungarn und Bosnien stieß.

„Er ist ein Tier, brutal und widerwärtig. Außerdem sieht er entsetzlich aus!“ erwiderte Wilhelmina und es klang, als würde sie die Worte ausspucken. „Sein Gesicht ist entstellt und beim Gehen hinkt er.“

„Aber was hat er dir getan?“ fragte Zenka wieder.

„Er war hier im letzten Jahr, zum Staatsball.“

„Oh, tatsächlich?“ sagte Zenka. „Ich kann mich nicht an ihn erinnern.“

Dies war nicht verwunderlich, denn im letzten Jahr war Zenka erst siebzehn Jahre alt gewesen und hatte den Ball frühzeitig verlassen müssen.

„Was ist denn passiert?“ fragte sie nun neugierig.

„Wegen seines kranken Beines mußte der Königständig sitzen“, antwortete Wilhelmina. „Da ich Mitleid mit ihm verspürte, setzte ich mich zu ihm, um mich mit ihm zu unterhalten. Ich wollte freundlich sein.“

Sie machte eine Pause und Zenka konnte den Ärger in ihren Augen sehen.

Dann brachen die Worte aus ihr hervor: „Als ich mich einen Augenblick umdrehte, um mit jemand anderem einige Worte zu wechseln, hörte ich, wie er zu einem in der Nähe stehenden Mann sagte:

,Um Gottes willen, halten Sie mir diese kleine Frau vom Leibe. Sie bringt es fertig, daß ich mich noch schlechter fühle, als ich es ohnehin schon tue.’ “

Zenka bemühte sich, das Lachen zu unterdrücken, das ihr im Halse aufstieg.

„Das war wirklich sehr unfreundlich von ihm, Wilhelmina“, sagte sie.

„Er hat in seiner Muttersprache gesprochen“, sagte Wilhelmina. „Sicher hat er geglaubt, ich würde es nicht verstehen. Aber ich habe es verstanden. Und ich habe damals beschlossen, nie wieder auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln.“

„Das kann ich verstehen“, sagte Zenka.

Gleichzeitig sagte sie sich im stillen, daß sie den König auch verstehen konnte.

Sie wußte, wie taktlos Wilhelmina sein konnte, und sie war überzeugt davon, daß sie lediglich mit ihm gesprochen hatte, weil er ein König war. Und Wilhelmina war nun einmal überzeugt davon, daß sie einen König heiraten müßte.

„Seitdem habe ich eine Menge über König Miklos erfahren“, sagte Wilhelmina bissig.

„Was denn?“

„Daß er Orgien veranstaltet - ja, Orgien - in seinem Schloß in Karanya!“

„Was für Orgien?“ fragte Zenka neugierig.

„Das weiß ich auch nicht so genau“, erwiderte Wilhelmina vage. „Aber Cousin Frederick hat davon erzählt, als er uns Weihnachten besuchte.“

„Ich würde nicht auf das hören, was Cousin Frederick erzählt“, bemerkte Zenka. „Du weißt doch, daß er ein Klatschmaul ist und den größten Teil seiner Informationen von seiner entsetzlichen Frau erhält.“

„Ich bin sicher, daß das, was er über König Miklos erzählt hat, der Wahrheit entspricht“, bestand Wilhelmina auf ihrer Meinung.

„Das Einzige, was ich über Orgien weiß, ist das, was man von den alten Römern liest“, sagte Zenka. „Und soweit ich das verstanden habe, hat sich jedermann betrunken und anschließend haben sie sich die Kleider ausgezogen. Wenn das Schloß in Karanya auch nur ein wenig unserem Schloß in Schottland ähnelt, wäre es auf jeden Fall zu kalt, um die Kleider auszuziehen.“

Während sie sprach, stellte sie fest, daß Wilhelmina gar nicht an ihren Worten interessiert war. Sie schien sich in ihren Haß auf den König hineinzusteigern.

„Er hat Mätressen - Dutzende von ihnen.“

„Das ist nicht besonders überraschend“, murmelte Zenka, während sie beobachtete, wie der Prince of Wales mit einer seiner Cousinen flirtete, die sehr viel attraktiver als Wilhelmina war.

Selbst in Schottland sprach man über seine Liebesaffären, und seit Zenka nach London gekommen war, um dem Jubiläum beizuwohnen, hatte sie ständig darüber gehört.

Wilhelmina war immer noch mit ihren Gedanken beschäftigt.

„Ich habe eines Tages gehört, wie Cousin Frederick und Prinz Christian sich darüber unterhalten haben“, sagte sie.

Das hieß, sagte Zenka sich, daß sie zweifellos wieder einmal am Schlüsselloch gehorcht hatte - etwas, was Wilhelmina bei jeder sich bietenden Gelegenheit tat.

„Cousin Frederick sagte: ,Ich frage mich, was aus Nita Loplakovoff geworden ist. Ich habe seit fast einem Jahr nichts mehr von ihr gehört, und sie war eine der reizendsten Tänzerinnen Rußlands, die ich je gesehen habe.’

,Ich glaube, daß sie eine stürmische Affäre mit Miklos von Karanya hat,’ hatte Prinz Christian daraufhin erwidert.

,Er pflückt sich ja immer die reifsten Pflaumen von den Bäumen’, erwiderte Cousin Frederick. ,Aber die würde ich mir selbst gerne greifen!’“

Wilhelmina legte eine kurze Pause ein, um Luft zu holen, und Zenka bemerkte: „Ich bin sicher, daß Nita Loplakovoff, wer immer sie auch sein mag, sicher nichts mit Frederick zu tun haben wollte.“

Wilhelminas Geschwätz begann sie zu langweilen, und sie wandte sich dem Herzog von Edinburgh zu, der ebenfalls dem Feuerwerk zuschaute.

„Es war ein wunderschöner Tag, Cousin Alfred.“

„Es freut mich, daß es dir gefallen hat, Zenka“, erwiderte er. „Ich fürchte, die Königin wird sehr müde sein, aber sie war sehr erfreut über den Empfang, den ihr die Menge bereitet hat.“

„Das ist wahr“, stimmte Prinzessin Victoria zu, die neben ihnen stand. „Mama sagte mir, wie großartig alles gewesen sei und wie sehr sie sich über die vielen Glückwunschtelegramme gefreut hat, die sie erhalten hat.“

Zenka bemerkte, daß Wilhelmina Anstalten machte, wieder mit ihr zu sprechen, und wandte sich hastig einer anderen Gruppe von Gästen zu.

Sie war mit dem größten Teil der Anwesenden verwandt. Ihre Mutter, Prinzessin Pauline, war Engländerin gewesen, und ihre Ehe mit Prinz Ladislas von Vajda war sehr glücklich, bis eines Tages beide durch eine Bombe eines Anarchisten ums Leben kamen.

Es war nun schon sechs Jahre her, aber bei Gelegenheiten wie dieser jetzt vermißte Zenka ihre Mutter schmerzlich.

Sie hätte es genossen, all ihre Verwandten wiederzusehen, ein Teil dieser großen Familie zu sein, die sich im Buckingham Palast versammelte, obwohl sie jeden Augenblick ihres Lebens in Ungarn geliebt hatte.

Auch Zenka hatte es geliebt, und sie hatte zuerst geglaubt, daß sie sich nie würde umstellen können. Sie vermißte dieses schöne und wilde Land, zu dem sie gehörte wie die Pferde, die ihr mehr bedeutet hatten als ihre Altersgenossen.

Aber ihres Vaters bester Freund, der Herzog von Stirling, der auch ihr Pate war, hatte sie zu seinem Mündel gemacht und sie mit sich nach Schottland genommen.

Dort war sie sehr, sehr glücklich, bis vor zwei Jahren die Herzogin starb und der Herzog vor einem Jahr wieder heiratete.

Sobald Zenka die neue Herzogin gesehen hatte, wußte sie, daß sie eine Feindin bekommen hatte.

Die Herzogin Kathleen war erst fünfunddreißig Jahre alt, sehr viel jünger als ihr Ehemann. Sie war sehr attraktiv und sicher hätte man sie für die schönste Frau gehalten, wenn es nicht das Mündel ihres Mannes gäbe.

Wer immer Zenka sah, dem fiel es schwer, den Blick von ihr zu lösen und irgendeine andere Frau in ihrer Gegenwart zu bemerken.

Sie besaß die kleine gerade Nase ihrer Mutter und auch deren zarten Körperbau. Von ihrem Vater jedoch hatte sie ihr rotes Haar, das ein Erbe seiner ungarischen Vorfahren war, ebenso wie ihre dunklen, grünen Augen.

Ihre Augen schienen das ganze kleine Gesicht einzunehmen, und ihre ganze Erscheinung ließ jede Frau vor Eifersucht die Zähne knirschen.

Die Herzogin Kathleen hatte Zenka vom ersten Augenblick an gehaßt, und es trug nicht dazu bei, daß sich ihre Gefühle dem Mündel ihres Gatten gegenüber änderten, als Zenka bei den Jubiläumsfeierlichkeiten wegen ihrer königlichen Abstammung einem einfachen Herzog und seiner Frau gegenüber bevorzugt behandelt wurde.

Man hatte Zenka eingeladen, im Buckingham Palast zu wohnen, während die Stirlings gezwungen waren, ihr langweiliges Haus am Hannover Square zu bewohnen.

Herzogin Kathleen konnte nicht verzeihen, daß Zenka während des Gottesdienstes in der Abbey bei den Königlichen Prinzessinnen saß und auch zu den Familienessen eingeladen war, die am Samstag, nachdem die Königin aus Windsor angekommen war, und am darauffolgenden Sonntag nach dem Gottesdienst, stattgefunden hatten.

Sie und der Herzog waren jetzt zugegen, um dem Feuerwerk beizuwohnen. Jedoch war die Herzogin sich klar darüber, daß sie diese Einladung lediglich der Tatsache zu verdanken hatte, daß ihr Gatte der Vormund von Zenka war.

Einen großen Teil der Gäste begann das Feuerwerk jetzt zu langweilen, zumal viele der Feuerwerkskörper erst explodierten, wenn sie außer Sicht waren. Man begab sich daher wieder ins Innere des Saales, um miteinander zu reden.

Der Herzog von Stirling sah, daß Zenka allein stand, und ging zu ihr.

Er sah wunderbar aus in seinem Kilt.

„Bist du müde, Zenka?“ fragte er besorgt.

Er war sehr stolz auf sein Mündel. Und wie die meisten anderen Männer aus der Gesellschaft war auch er der Meinung, daß sie zweifellos ein außergewöhnlich schönes Mädchen war.

„Ein wenig, Pate“, erwiderte Zenka. „Möchtest du jetzt gehen?“

„Kathleen ist müde“, sagte der Herzog. „Es war sehr heiß in der Abbey, und wir waren ziemlich eingezwängt auf unseren Plätzen.“

„Die Königin muß völlig erschöpft sein“, sagte Zenka. „Sie hat dem Feuerwerk nicht sehr lange zugesehen.“

„Nein“, stimmte der Herzog ihr zu. „Und sie hat morgen einen langen Tag vor sich. Ich nehme an, du wirst sie zum Hyde Park begleiten?“

„Das möchte ich auf keinen Fall versäumen“, erwiderte Zenka. „Eine Militärkapelle wird spielen, und es findet eine Bewirtung für 30.000 Schulkinder statt. Außerdem wird ein Ballon steigen.“

„Dann mußt du auf jeden Fall hingehen“, lachte der Herzog. „Aber nach Windsor begleitest du die Königin doch nicht?“

„Nein, selbstverständlich nicht“, antwortete Zenka. „Sobald Ihre Majestät London verlassen hat, werde ich wieder zu euch kommen.“

„Das ist schön“, antwortete der Herzog. Währenddessen trat die Herzogin an seine Seite. Sie trug sämtliche Juwelen der Stirlings. Ein unzufriedener Zug war um ihren Mund zu sehen, und ihre Augen waren hart, als sie Zenka ansah.

„Ich nehme an“, sagte sie säuerlich, „du hast nicht vor, mit uns nach Hause zu kommen.“

„Man erwartet, daß ich bis morgen hier bleibe“, erwiderte Zenka.

„Dadurch kommst du dir sicher besonders wichtig vor, nicht wahr?“ bemerkte die Herzogin, und ohne Zenkas Antwort abzuwarten, wandte sie sich ab.

Der Herzog legte seine Hand auf Zenkas Schulter und sagte: „Du siehst sehr schön aus, Zenka. Der Prince of Wales hat mir zu einem so hübschen Mündel gratuliert.“

„Danke, Pate“, gab Zenka lächelnd zurück. „Und ich schätze mich sehr glücklich, einen solch charmanten Vormund zu haben.“

Der Herzog lächelte, klopfte ihr nochmals auf die Schulter und folgte dann eilig seiner Gattin.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages kam Zenka mit einer der Königlichen Kutschen am Haus der Stirlings am Hannover Square an.

Es hatte ihr viel Freude bereitet, die Königin in den Hyde Park zu begleiten, und sie hatte sich sehr amüsiert, als eines der Kinder auf dem Rasen rief, als der Ballon in die Höhe stieg: „Seht! Da fliegt die Königin in den Himmel!“

Sie hatte es vermieden, mit Wilhelmina zusammen zu sein. Sie wußte, daß es unfreundlich war. Aber Wilhelmina hatte sie mit ihren Klagen und ihrem bösen Geschwätz so gelangweilt, daß sie die Nase von ihr voll hatte.

Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie während eines Besuches in Preußen einen Monat lang in der Gesellschaft Wilhelminas und ihrer Brüder und Schwestern verbringen mußte, die alle ebenso langweilig waren.

Nie wieder hatte man sie eingeladen. Zenka glaubte, den Grund zu kennen. Einer der älteren Brüder Wilhelminas hatte auffallendes Interesse an ihr gezeigt. Aber seine Familie betrachtete sie nicht als eine geeignete Partie für einen ihrer Söhne.

Prinz Ladislas mochte ihr zwar große Schönheit hinterlassen haben, aber es war ihm nicht möglich gewesen, ihr ein Vermögen zu vererben.

Die Königlichen Hoheiten Europas waren sich jedoch einig darin, daß Geld wertvoller als Schönheit war, wenn es um die Heirat ihrer Söhne ging, und eine große Mitgift mehr Sicherheit bot als die Fähigkeit, einem Mann den Kopf zu verdrehen.

In dem Augenblick, als sie das Haus ihres Paten betrat, fühlte Zenka, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignet hatte.

Sie wußte nicht warum, aber sie hatte des Öfteren gewisse Vorahnungen, wegen derer man sie in Schottland „Fee“ nannte. Niemals hatte sie diesen Dingen jedoch irgendeine Beachtung geschenkt, wenn sie sich nicht speziell auf ihre eigene Person bezogen.

Jetzt plötzlich wurde sie sich dieses Gefühls klar, als sie in der häßlichen, dumpfen Halle stand.

Obwohl es ein heißer Tag war, fror es sie. Sie versuchte, über sich selbst zu lachen, aber es war ihr, als würde sie die Kälte ihres eigenen Grabes fühlen.

Sie verspürte den unwiderstehlichen Drang fortzulaufen, bevor sie dann doch die Treppe zu dem großen Salon im ersten Stock hinaufstieg.

„Ich bin sicher übermüdet“, sagte sie sich beruhigend.

Sie nahm ihren kleinen Strohhut ab und ordnete ihr schönes rotes Haar. Sie trug ein gestreiftes Seidenkleid, das unter den Prinzessinnen viel Bewunderung hervorgerufen hatte.

Dann trat sie in den Salon.

Die Herzogin saß vor dem Kamin auf einem Sofa, ihre Lippen waren vor Konzentration aufeinandergepreßt, während sie stickte.

Der Herzog stand neben ihr, mit dem Rücken zum leeren Kamin. Zenka hatte das Gefühl, als würde er sich gerne wärmen. Er schien zu frieren.

Dann zwang sie sich, näher zu gehen, und sagte lächelnd: „Ich bin zurück, Pate. Es ist früher, als ich dachte.“

„Schön, dich zu sehen, Zenka.“

Er küßte sie auf die Wange, und Zenka knickste vor der Herzogin.

„Ich hoffe, du hast dich mit deinen großartigen Verwandten amüsiert“, sagte die Herzogin.

Es war nicht zu überhören, daß sie alles andere als dies wünschte.

„Es war ein großartiges Erlebnis“, erwiderte Zenka. „Und ich werde es niemals vergessen. Die Königin war wunderbar im Hyde Park. Sie muß entsetzlich müde sein nach diesen drei Festtagen.“

„Sie ist aus Eisen“, bemerkte die Herzogin, und ihre Worte klangen nicht wie ein Kompliment.

Dann sah sie den Herzog an, als wollte sie ihn zum Reden auffordern.

Er räusperte sich, bevor er sagte: „Setz’ dich, Zenka. Ich muß dir etwas mitteilen.“

Ihr Gefühl hatte sie also nicht betrogen. Irgendetwas stimmte nicht, aber sie hatte keine Ahnung, was es sein könnte.

Während sie sich setzte, fühlte sie ein unangenehmes Prickeln in ihrem Körper. Ihre Hände waren eiskalt.

Sie legte den Hut neben sich und fragte: „Worum handelt es sich, Pate?“

„Ich hatte eine kurze Unterredung mit der Königin, nachdem sie Samstag früh aus Windsor angekommen war“, sagte der Herzog.

Zenkas Augen beobachteten sein Gesicht, er sah sie jedoch nicht an, und sie hatte das Gefühl, daß das, was er ihr zu sagen hatte, ihn selbst sehr aufregte.

„Du kannst dir sicher vorstellen, daß Ihre Majestät nur wenig Zeit hatte“, fuhr der Herzog fort. „Sie mußte die Blumen begutachten, die man im Palast abgegeben hatte - wunderschöne Blumen -, und sie mußte selbstverständlich noch ein wenig vor dem Familienessen ruhen.“

„Zu dem wir nicht eingeladen waren“, warf die Herzogin bitter ein.

„Wir sind nicht königlicher Herkunft, meine Liebe“, erwiderte ihr Gatte.

„Natürlich nicht - nicht wie Zenka!“ zischte die Herzogin.

„Warum wollte die Königin dich sehen, Pate?“ fragte Zenka.

„Darüber will ich mit dir sprechen, Zenka“, sagte der Herzog wohlwollend. „Die Königin hat mir mitgeteilt, daß sie es jetzt, nachdem du achtzehn Jahre alt geworden bist, an der Zeit hielt, eine Heirat für dich zu arrangieren!“

Alles hatte Zenka erwartet, aber nicht dies. Ihre Augen weiteten sich, und für einen Augenblick war sie sprachlos.

Dann fragte sie: „Warum sollte die Königin für mich eine Heirat arrangieren? Sie hat doch keine Veranlassung dafür.“

„Du vergißt, daß die Königin deiner Mutter sehr zugetan war“, erwiderte der Herzog. „Sie hat mit großer Herzlichkeit von ihr und auch von deinem Vater gesprochen. Sie hat den Schock, den ihr die Nachricht vom Tode deiner Eltern bereitet hat, bis heute nicht verwunden.“

„Für mich war es sicher auch ein Schock“, sagte Zenka leise, „aber ich möchte nicht, daß die Königin für mich eine Heirat arrangiert. Ich habe nicht die Absicht, jetzt schon zu heiraten.“

„Es ist eine große Ehre, meine Liebe, daß Ihre Majestät sich Gedanken über deine Zukunft macht.“

„Das weiß ich“, sagte Zenka schnell. „Aber ich möchte meinen Ehemann selbst auswählen. Ich will nicht verheiratet werden, wie all die anderen Prinzessinnen!“

Sie wartete, und als der Herzog nichts erwiderte, fuhr sie fort: „Erst heute habe ich darüber nachgedacht. Es muß furchtbar sein, wenn einem einfach befohlen wird, über irgendein Land zu regieren, das man vielleicht nie vorhergesehen hat, nur, weil die Königin eine solche Heirat für nützlich und vorteilhaft hält, um, wie die Diplomaten es ausdrücken, ,das Gleichgewicht der Macht zu wahren’.

Ist es das, was die Königin dir gesagt hat, Pate?” fragte sie eindringlich.

„So ähnlich hat sie sich ausgedrückt“, gab der Herzog zu.

,,Dann kannst du der Königin von mir ausrichten“, erwiderte Zenka, indem sie sich erhob, „daß ich nicht die Absicht habe, eine Speiche im Rad des britischen Molochs zu sein.“

Sie ging quer durch den Salon, bevor sie sagte: „Du weißt, wie wir immer darüber gelacht haben, auf welche Weise die Königin jeden manipuliert. Du selbst hast dich darüber amüsiert, wie sie die Ehemänner und Ehefrauen für ihre Söhne und Töchter ausgesucht hat. Nun, ich werde dieses Spiel nicht mitspielen! Ich lasse mich nicht auf die gleiche Weise manövrieren. Du kannst es Ihrer Majestät ein für allemal klarmachen.“

„Mein liebes Kind, es ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst“, sagte der Herzog vorwurfsvoll.

„Warum verschwendest du deine Zeit, um mit ihr zu diskutieren?“ fragte die Herzogin scharf. „Du weißt ebenso wie ich, daß sie tun muß, was ihr befohlen wird. Du bist ihr Vormund, und sie ist noch nicht volljährig. Am besten sagst du ihr die Wahrheit und erzählst ihr, daß du den König in ihrem Namen akzeptiert hast.“

„Akzeptiert? Welchen König?“ Zenka hatte sich hastig vom Fenster abgewandt.

Der Herzog antwortete nicht, und nach einer Weile fragte sie ihn nochmals: „Welchen König hast du in meinem Namen akzeptiert? Ich will es wissen!“

„König Miklos von Karanya“, sagte die Herzogin, bevor ihr Gatte das Wort ergreifen konnte. „Du solltest dich glücklich schätzen und dem Herrgott auf den Knien danken, daß er dir die Möglichkeit gibt, einen regierenden Monarchen zu heiraten.“

Der Neid der Herzogin war nicht zu überhören, aber Zenka starrte den Herzog ungläubig an.

„Das ist nicht wahr! Das kann nicht wahr sein!“ sagte sie schließlich. „Bitte, Pate, sag’ mir, daß es nicht wahr ist! Das du nicht eingewilligt hast, daß ich den König Miklos heiraten soll.“

„Es ist der Wunsch der Königin, mein Liebes.“

„Und ich weiß auch, warum!“ rief Zenka aus. „Karanya ist natürlich wichtig für das Gleichgewicht in Europa. England will verhindern, daß Österreich und Ungarn ihre Grenzen erweitern, und Karanya ist der Puffer zwischen diesen Ländern und dem Ottomanischen Reich.“

Sie wartete einen Augenblick, bevor sie hinzufügte: „Nun, ich habe nicht die Absicht, ein Puffer zu sein. Ich weigere mich ... hörst du mich, Pate? ... Ich weigere mich strikt und endgültig, König Miklos von Karanya oder irgendeinen König, den die Königin für mich aussucht, zu heiraten.“

Sie ging auf die Tür zu und drehte sich dann noch einmal um.

„Wenn ich jemals heiraten sollte, dann werde ich es aus Liebe tun, und keine Königin kann mich überreden, etwas anderes zu tun.“

Sie verließ den Salon und konnte sich nur mit Mühe davon zurückhalten, die Tür zuzuschlagen, da sie es als unwürdig empfand.

Zornig rannte sie die Stufen hinauf zu ihrem Zimmer.

Wie konnte Königin Victoria es wagen anzunehmen, daß sie sie in der gleichen Weise kommandieren konnte, wie sie es mit ihren Söhnen und Töchtern getan hatte?

Der Prince of Wales mochte zittern vor ihr, weil er sie fürchtete. Und all die anderen mochten ihr ohne den leisesten Protest gehorchen. Aber sie, Zenka, war anders.

All die Dinge, die Wilhelmina über König Miklos erzählt hatte, kamen ihr jetzt wieder in den Sinn, und sie war überzeugt davon, daß die Königin sie ausgewählt hatte, weil keine der anderen Prinzessinnen einen solchen Mann nehmen würde.

Nun, was sie anbetraf, würde die Königin eine Überraschung erleben. Sie hatte nicht die Absicht, König Miklos aus irgendeinem Grunde zu heiraten.

Wie sie bereits ihrem Paten gesagt hatte, war sie schon seit jeher entschlossen, niemals aus einem anderen Grunde als aus Liebe zu heiraten.

Sie hatte zu viel Unglück unter ihren Verwandten an den europäischen Höfen kennengelernt, um noch irgendwelche Illusionen über die sogenannten ,Liebes-Verbindungen‘ zu haben, die die Königin arrangiert hatte.

Sie hatten alle gebrochene Herzen und weinten ihren Kummer in die Kissen, wie jeder gewöhnliche Mensch.

Nur ihrer Erziehung war es zu verdanken, daß sie sich von ihrem Kummer nichts anmerken ließen und ihre Pflichten lächelnd und ohne sich zu beklagen verrichteten, so daß kaum jemand von ihrem Unglück erfuhr.

Eine ihrer Cousinen hatte ihr kurz vor ihrer Hochzeit, die ebenfalls von der Königin arrangiert worden war, unter Tränen, dem Zusammenbruch nahe, ihr Herz ausgeschüttet.

„Ich hasse Gustave!“ hatte sie leidenschaftlich ausgerufen. „Ich hasse alles an ihm - seine heißen Hände, seine dicken Lippen, seine Art zu trinken und seine verschwommenen Augen, wenn er andere Frauen ansieht. Ich liebe Alexander, ich habe ihn seit jeher geliebt, solange ich denken kann.“

„Warum kannst du ihn denn nicht heiraten?“ hatte Zenka gefragt.

„Weil er nur der dritte Sohn ist und keine Aussicht hat, jemals etwas anderes zu sein“, hatte ihre Cousine verzweifelt geantwortet. „Man hat uns schon vor einem Jahr verboten, uns zu sehen, als man festgestellt hatte, daß wir uns lieben. Aber wir haben uns natürlich heimlich getroffen.“

„Könnt ihr denn nicht gemeinsam fortlaufen?“

Ihre Cousine hatte eine hilflose Geste gemacht.

„Wohin denn? Wovon könnten wir leben? Keiner von uns besitzt Geld.“

Sie war in Tränen ausgebrochen und hatte geschluchzt: „Aber ich liebe ihn... ich liebe ihn von ganzem Herzen! Es wird niemals einen anderen Mann für mich geben. Wie soll ich die vor mir liegenden Jahre mit Gustave überleben, wenn sich alles in mir gegen ihn auflehnt?“

Darauf hatte es keine Antwort gegeben. Zenka war die Brautjungfer bei dieser königlichen Hochzeit. Die Menge jubelte, die Gäste schwärmten davon, wie schön die Braut aussah und die Zeitungen behaupteten, es wäre eine Liebesheirat.

Nur Zenka hatte die Verzweiflung in den Augen der Braut gesehen und den Schmerz in Alexanders Gesicht, als sie sich voneinander verabschiedeten, bevor die Braut und der Bräutigam in die Flitterwochen fuhren.

Für einen Augenblick hatte Zenka den Eindruck gehabt, daß die Zeit für beide stillstand. Dann hatte Alexander der Braut die Hand geküßt, sie hatte sich hastig abgewandt.

„Das darf mir niemals passieren!“ hatte Zenka sich in diesem Augenblick geschworen. „Niemals, niemals!“

Es war ihr auch zu keinem Zeitpunkt in den Sinn gekommen, daß die Königin an ihrer Person interessiert sein könnte.

Jetzt dachte sie, daß die Königin, wenn sie sich nach Windsor zurückzog, wie eine große Spinne ihre Fäden zog, und keine der kleinen Fliegen, die sich darin verirrten, hatte eine Chance ihr wieder zu entkommen.

„Ich will nicht gefangen werden!“ sagte Zenka laut. „Bevor wir wieder nach Schottland zurückkehren, muß der Pate nach Windsor gehen und der Königin sagen, daß sie eine andere Braut für König Miklos finden muß, der Wilhelmina gegenüber so unfreundlich gewesen ist.“

Natürlich, dachte sie plötzlich, das ist die Lösung. Warum soll nicht Wilhelmina den König heiraten?

Sie hat lange genug versucht, einen Ehemann zu finden. Und obwohl sie sich so bitter über König Miklos beklagt hat, wird die Aussicht, eine Königin zu werden, alle ihre Einwände beseitigen. Sie würde ihn bestimmt widerspruchslos heiraten, wenn sie nur eine Krone auf ihrem Kopf würde tragen können.

„Der Patenonkel kann Wilhelmina der Königin als Alternative vorschlagen“, sagte Zenka laut.

Während sie sprach, öffnete sich die Tür und die Herzogin trat ein.

„Ich bin gekommen, um mit dir zu reden, Zenka“, sagte sie.

„Ich habe nichts hinzuzufügen, was ich nicht schon gesagt hätte“, erwiderte Zenka.

„Das wird sich herausstellen“, antwortete die Herzogin. „Ich hoffe, daß du dir im Klaren darüber bist, daß dein Benehmen deinen Vormund ebenso aufgeregt hat wie mich.“

Zenka dachte, daß es unwahrscheinlich sei, daß irgendetwas, was sie sagte oder tat, die Herzogin aufregen könnte, aber sie erwiderte höflich: „Es tut mir leid, wenn ich meinen Paten verärgert habe, als ich es ablehnte, mich den Wünschen der Königin zu fügen. Aber sie hätte mich erst einmal fragen müssen. Es war ihre Idee, mich wie ein Paket über den Ladentisch zu verkaufen, natürlich in den Union Jack eingewickelt. Aber unglücklicherweise habe ich einen eigenen Willen.“

Die Herzogin lächelte unfreundlich und setzte sich dann in einen Sessel nahe beim Kamin.

„Darf ich annehmen, daß du über diesen Vorschlag nachgedacht hast, bevor du deine Entscheidung getroffen hast?“

„Da gibt es nichts nachzudenken“, sagte Zenka. „Wie ich bereits bemerkt habe, habe ich nicht die Absicht, einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebe. Vielleicht weißt du es nicht, aber mein Vater und meine Mutter haben aus Liebe geheiratet.“

Sie sah die Herzogin an und stellte fest, daß diese wirklich nichts davon wußte.

Dann fuhr sie fort: „Mein Vater hat meine Mutter zum ersten Mal gesehen, als sie sechzehn Jahre alt war. Es war auf einem Ball zu Ehren einer ihrer Cousinen, den sie für eine Stunde besuchen durfte. Sie war noch ein Schulmädchen, aber er wußte vom ersten Augenblick an, daß er sie liebte und sie heiraten würde.“ Zenkas Stimme klang rauh, als sie weitersprach. „Sie mußten zwei Jahre warten, aber keiner von ihnen hat jemals einen anderen angesehen. Und als sie schließlich heiraten konnten, waren beide überglücklich.“

„Das ist ein Ausnahmefall, wie du selbst wissen dürftest“, sagte die Herzogin ungerührt. „Die meisten Mädchen heiraten einen Mann, der von ihrer Mutter oder ihrem Vater ausgewählt wird.“

„Das weiß ich“, erwiderte Zenka. „Aber ich bin der Meinung, daß es eine grausame und unmenschliche Tradition ist. Ich habe jedenfalls vor, zu warten, bis ich mich verliebe, wie mein Vater und meine Mutter es getan haben.“

„Und wenn dies nun niemals geschieht?“

„Dann werde ich eben eine alte Jungfer.“

„Und lebst bei uns in Schottland?“ fragte die Herzogin.

„Bist du so wild darauf, mich loszuwerden?“

„Außerordentlich wild!“ sagte die Herzogin unverblümt.

Ihre Antwort war eine Überraschung für Zenka, die sie mit großen Augen ansah, während die Herzogin erklärte: „Um ganz ehrlich zu sein: Ich will keine andere Frau in meinem Hause haben. Und da wir nun schon offen miteinander reden, möchte ich dir auch sagen, daß ich dich nicht leiden kann - ich mag deinen Charakter nicht - und deine Erscheinung ist sehr störend, um es harmlos auszudrücken.“

„Du bist wirklich sehr offen!“

„Ich wüßte keinen Grund, warum ich es nicht sein sollte“, erwiderte die Herzogin. „Du bist keine Verwandte meines Mannes. Er hat dich nur aus Mitleid aufgenommen.“

„Er wollte mich haben und ... die Herzogin Anne auch, solange sie lebte“, sagte Zenka leise.

„Das ist schon möglich“, erwiderte die Herzogin Kathleen. „Ich habe keinen Grund, dich zu lieben. Und du bedeutest mir gar nichts. Du störst lediglich mein Glück.“

„Ich wage es, zu behaupten, daß ich jemand anderen finden werde, der mich haben will.“

„König Miklos wird derjenige sein, der dich bekommen wird!“

„Ich sprach nicht davon, daß ich heiraten will.“

„Das macht es natürlich sehr schwierig“, erwiderte die Herzogin langsam.

„Warum?“ fragte Zenka.

„Weil dein Vormund und Pate der Königin bereits die Zustimmung in deinem Namen gegeben hat.“

„Dann muß er jetzt seinen Fehler zugeben.“

„Glaubst du wirklich, daß das möglich ist, ohne daß er einen Narren aus sich macht?“

„Er hätte mich zuerst fragen müssen!“

„Glaubst du wirklich, daß die Königin darauf eingehen wird, wenn ein dummes Gänschen von achtzehn Jahren sich ihren Wünschen widersetzt? Dies ist ein Königlicher Befehl, wie du sehr wohl weißt. Es geht nicht darum, ob du die Königin von Karanya werden willst oder nicht. Es wurde dir befohlen, den König zu heiraten, und damit ist die Angelegenheit erledigt.“

„Aber nicht für mich!“ rief Zenka. „Und wenn ich es vom Buckingham Palast hinunterschreien muß, wenn ich es der Königin persönlich sagen muß, ich werde es tun, bevor ich einen Mann heirate, den ich nicht einmal kenne und der nur an mir interessiert ist, weil ich ein Repräsentant der britischen Krone bin.“

„Du solltest stolz darauf sein!“

„Das bin ich aber nicht, und damit ist für mich die Sache erledigt“, rief Zenka entschlossen. „Es tut mir leid, daß ich den Paten in eine unangenehme Situation versetzt habe, aber es ist seine eigene Schuld.“

Die Herzogin seufzte.

„Nun gut, Zenka, ich hatte nicht den Wunsch, dich vor eine Alternative zu stellen. Aber du läßt mir keine andere Wahl.“

„Eine Alternative?“ fragte Zenka überrascht.

„Eine Alternative zu der Aussicht, die Königin von Karanya zu werden, worum dich die meisten Mädchen beneiden würden. Eine romantische Aussicht!“

„Der Meinung bin ich nicht. Aber was ist die Alternative?“

Die Herzogin schien einen Augenblick zu überlegen, dann sagte sie: „Da dein Vormund unmöglich zur Königin gehen und ihr sagen kann, daß du dich ihren und seinen Wünschen widersetzt und daß er keine Autorität über dich hat, gibt es nur eine Erklärung für deine Weigerung: Du hast den Wunsch, dein Leben in den Dienst der anderen zu stellen.“

Zenka sah sie mißtrauisch an.

„Was willst du damit sagen?“

„Im Mittelalter“ erwiderte die Herzogin, „wurden widerspenstige Töchter, Mündel oder sogar Ehefrauen ins Kloster geschickt. Deine Geschichtsbücher werden dir darüber Auskunft geben!“

„Schlägst du ... etwa ... vor ...?“ begann Zenka ungläubig.

„Ich sage dir nur, daß dies die Alternative für dich sein wird, wenn du dich den Wünschen der Königin widersetzen solltest“, sagte die Herzogin. „Ich kenne ein ausgezeichnetes Kloster in Schottland, und es gibt sicher noch zahlreiche andere in England. Einige von ihnen sind abgeschlossen, so daß die Nonnen ihr Leben im Gebet verbringen. In anderen wieder arbeiten sie unter den Ärmsten der Armen. Ich bin sicher, daß du ein erfülltes Leben führen wirst.“

„Schlägst du wirklich vor, mich in ein Kloster zu stecken?“

„Ich schlage es nicht nur vor“, antwortete die Herzogin. „Ich sage dir klar und deutlich, daß dies die einzige Alternative für dich ist, es sei denn, du tust, was die Königin und dein Vormund von dir verlangen. Die Entscheidung liegt bei dir. Es interessiert mich nicht, wie du dich entscheidest.“

„Ich kann nicht glauben...daß du dies ernst meinst!“

„Ich kann dir versichern, daß es mir sehr ernst damit ist“, erwiderte die Herzogin. „Wenn du wirklich glaubst, daß du dich den Wünschen der Königin und deines Vormundes widersetzen kannst, ohne dich in kürzester Zeit im Gewand einer Nonne zu finden, dann irrst du dich gewaltig!“

„Das ist...Erpressung!“ preßte Zenka zwischen den Zähnen hervor.

„Zu deinem eigenen Wohl - und zu meinem!“ war die Antwort der Herzogin. „Laß mich eines klarstellen, Zenka, egal wie du dich entscheidest, ich werde dich schnellstens loswerden!“

„Ich kann nicht glauben, daß der Pate es zuläßt, daß du mich in dieser Weise behandelst.“

„Dein Pate war der Meinung, das Beste für dich zu tun, als er der Königin die Zustimmung gab“, sagte die Herzogin. „Und da er weiß, daß er nicht in der Lage ist, dich umzustimmen, hat er mich gebeten, es zu tun.“

Zenka rang die Hände.

„Ich hasse dich!“ rief sie aus. „Ich hasse dich, weil du mein Glück zerstört hast. Du hast mir das einzige Zuhause genommen, das ich hatte, seit meine Eltern tot sind. Du hast mir das Leben schwergemacht, seit du meinen Paten geheiratet hast. Aber ich hätte niemals geglaubt, daß du mich in eine solche unmögliche Situation treiben würdest, in der ich, egal wie ich mich entscheide, die Hölle auf Erden haben würde!“

„Eine Braut sollte solche Worte aber nicht sprechen!“ bemerkte die Herzogin zynisch.

„Ich könnte noch eine Menge mehr sagen“, gab Zenka zornig zurück. „Aber wenn ihr mich zu dieser Heirat zwingt, dann schwöre ich, daß ich dem König das Leben zur Hölle machen werde! Wie kann er es wagen, eine königliche Braut zu verlangen, nur, weil es ihm und seinem Land dienlich ist! Wie kann er es wagen anzunehmen, daß ich in einen solchen barbarischen Vorschlag einwillige?“

Die Herzogin warf ihren Kopf zurück und lachte. Es war kein schönes Lachen.

„Du warst schon immer eine Draufgängerin, Zenka“, sagte sie. „Und nach allem, was ich von König Miklos gehört habe, wird er in dir den gleichwertigen Partner gefunden haben. Ihr werdet ein richtiges Paar abgeben. Es tut mir nur leid, daß ich nicht dabei sein werde, wenn ihr euch gegenseitig in Stücke reißt.“

„Ich habe noch immer nicht eingewilligt, den König zu heiraten“, sagte Zenka.

Sie wußte, daß sie einen verlorenen Kampf kämpfte, in dem sie niemals als Sieger enden würde, aber sie wollte noch nicht aufgeben.

„Nun, dann werde ich alles vorbereiten für deinen Eintritt in das Kloster“, spottete die Herzogin. „Es wird mich sehr amüsieren, wenn ich an dich denke, wie du fastest und wie man dein leuchtend rotes Haar abschneiden und unter einer Haube verstecken wird.“

Sie sah Zenka mit harten Augen an, als sie fortfuhr: „Vielleicht ist das die beste Lösung. Du wirst immer Unruhe stiften, wo du auch hingehen wirst; es sei denn, man sondert dich von der Welt ab, besonders von der meinen.“

Die Herzogin wollte sie herausfordern, und Zenka krampfte ihre Hände ineinander, bis die Nägel in die Haut drangen.

„Laß mich allein!“ sagte sie mühsam.

Ihr war, als würde man ihr den Hals abschnüren.

„Das ist mir ein Vergnügen!“ erwiderte die Herzogin. „Ich werde dem Herzog ausrichten, daß ich dich ohne große Mühe überzeugt habe, daß es das Beste ist, dem bewundernswerten Plan zuzustimmen, den er und die Königin für dich entworfen haben.“

Mit rauschenden Kleidern ging sie zur Tür und drehte sich dort noch einmal um.

„Ich freue mich schon darauf, dein Brautkleid mit dir auszusuchen, liebe Zenka.“

Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, stieß Zenka einen Laut aus, der an ein gefangenes Tier erinnerte.

Dann lief sie verzweifelt durch ihr Zimmer und zertrümmerte alles, was ihr unter die Finger kam.

Sie fegte die Kerzenhalter von ihrem Ankleidetisch. Da sie aus chinesischem Porzellan waren, zerbrachen sie in viele kleine Stücke.

Dann warf sie die Uhr vom Kaminsims, das Glas zerbrach und sie hörte, wie das Uhrwerk einen stöhnenden Laut von sich gab, kurz bevor es endgültig stillstand.

Sie lief zu ihrem Bett und wollte die schweren Vorhänge herunterreißen. Es gelang ihr nicht. Hilflos zerrte sie daran, bis plötzlich etwas in ihrem Innern zu zerbrechen schien. Da warf sie sich auf das Bett und schlug voller Verzweiflung mit den Fäusten auf das Kissen.

2.

Zenka lag die ganze Nacht wach und dachte darüber nach, wie sie diesem Verhängnis entrinnen könnte, das so ganz ohne Warnung über sie gekommen war.

Wenn ich wenigstens jemanden lieben würde oder jemand mich lieben würde, dachte sie. Dann könnte ich fortlaufen.

Bis zum Anfang des Jahres war sie ausschließlich mit ihrem Schulunterricht beschäftigt gewesen. Erst als sie nach London gekommen waren, hatte die Herzogin damit begonnen, einige junge Leute zu ihrer Unterhaltung einzuladen.

Im Schloß ihres Paten verkehrten daher nur seine Freunde, die im gleichen Alter waren.

Offensichtlich genoß es die Herzogin, von älteren Männern umschwärmt und bewundert zu werden; Zenka jedoch wurde von ihnen entweder wie ein Kind behandelt, oder sie wagten es aufgrund ihrer königlichen Herkunft nicht, allzu vertraut mit ihr zu werden.

„Was kann ich nur tun? Was kann ich denn nur tun?“ fragte sie sich in der Dunkelheit der Nacht immer wieder.

Sie dachte sich, daß nur die Herzogin sich einen so teuflischen Plan hatte ausdenken können.

Gleichzeitig jedoch wußte sie sehr wohl, daß diese die Wahrheit gesprochen hatte, als sie das Kloster als einen Ort der Zuflucht und gleichzeitig als Gefängnis für diejenigen bezeichnet hatte, die sich den Wünschen und Anordnungen ihrer Familie, oder wie die liebliche Herzogin von Mazarin, ihrem Ehemann widersetzt hatten.

Zenka konnte sich an viele solcher Ereignisse erinnern. Sie hatte darüber gelesen, wie man Damen königlicher Herkunft ins Kloster gesteckt hatte.

Sie konnte sich nichts Entsetzlicheres vorstellen, als hinter großen Mauern ein Leben lang eingesperrt zu sein. Es war das ungarische Blut, das in ihren Adern floß. Sie brauchte die Freiheit zum Leben. Sie mußte über die weiten Steppen reiten können und den Wind in ihrem Gesicht fühlen können.

,Das war wirklich Freiheit’, dachte sie. ,Und die werde ich nun niemals wieder erleben!’

Sie wußte sehr wohl, daß man von ihr als Königin zu jeder Zeit ein tadelloses Benehmen erwartete. Aber sie schwor sich, daß auch der König mit ihr leiden sollte.

Wenn er wirklich so grausam und brutal war, wie Wilhelmina ihn beschrieben hatte, so würde er sehr bald herausfinden, daß sie bestimmt nicht die Frau für ihn war, die er sich vorgestellt hatte.

Sie stellte sich vor, daß er wohl wie Richard II war, mit einem Buckel auf dem Rücken, und sie fragte sich, ob er sie wohl wirklich ermorden lassen würde, falls sie sich ihm widersetzte.

Dann jedoch machte sie sich klar, daß ihre Phantasie wohl mit ihr durchging. Sie wußte, daß solche Dinge im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr geschahen.

Dann jedoch schwor sie sich Rache.

,Ich werde ihn mit allen Mitteln bekämpfen!’ sagte sie sich, stand auf und ging ans Fenster, da es ihr nicht möglich war zu schlafen.

Sie blickte hinaus auf den dunklen Hannover Square, und es war ihr einfach nicht möglich, sich eine Vorstellung von Karanya zu machen.

Als Kind hatte sie ein Kindermädchen aus Karanya. Sie hatte Sefronia sehr geliebt, und sie war bei ihr geblieben, bis Zenka alt genug war, eine Gouvernante zu bekommen.

Sefronia hatte von Karanya gesprochen, als sei es das schönste Land der Erde.

Aber woran sich das einfache Volk erfreut und das, was Zenka im Palast des Königs erwartete, waren wohl zwei ganz verschiedene Dinge, dachte sie.

Bei dem Gedanken an das, was ihr bevorstand, begann sie plötzlich zu frieren. Dann jedoch begann ihr Stolz sich zu rühren und sie schwor sich, daß sie niemals aufgeben würde und sich niemals einem Mann unterwerfen würde, den man sie gezwungen hatte zu heiraten.

Als Zenka am nächsten Morgen hinunterkam, bemerkte sie, wie ihr Pate sie besorgt anblickte. Die Herzogin jedoch warf ihr einen triumphierenden Blick zu.

Während des Frühstücks sprachen sie nur über allgemeine Dinge, dann jedoch sagte der Herzog: ,,Seine Exzellenz, der Botschafter von Karanya, hat gebeten, dir heute morgen seine Aufwartung machen zu dürfen.“

„Ich bin sicher, daß du bereits in meinem Namen zugesagt hast“, erwiderte Zenka.

„Ich sah keinen Grund, ihm seinen Wunsch abzuschlagen“, antwortete der Herzog, und seine Stimme klang ein wenig beleidigt.

Er sah sein Mündel an und mußte feststellen, daß sie trotz der Schatten unter ihren Augen entzückend aussah.

Es tat ihm leid, daß er ihr hatte weh tun müssen. Aber gleichzeitig sah er keinen anderen Ausweg.

Zenka würde früher oder später sowieso heiraten müssen. Er war sich über die Einstellung seiner Gattin zu seinem Mündel durchaus im Klaren.

Er wußte so gut wie Wilhelmina, daß es in ganz Europa keinen ledigen Monarchen mehr gab.

Und sosehr Zenka dieser Heirat gegenüber auch abgeneigt war, konnte er nicht umhin, es als ein großes Glück zu betrachten, daß ihr die Position einer Königin angeboten worden war. Zumal sie nichts weiter anzubieten hatte als ihre Schönheit und die Tatsache, daß sie königlicher Abstammung war.

Als der Herzog noch jung an Jahren war, hatte er jedes Jahr einige Zeit bei seinem Freund, Prinz Ladislas, in Vajda verbracht.

Er liebte das Leben in diesem wilden Land, er liebte den Charme der ungarischen Aristokraten und hätte selbst ein solches Leben gern geführt, wenn er nicht einen alten Titel und ein großes Gut in Schottland geerbt hätte.

Als der Prinz und die Prinzessin getötet wurden, stand es für ihn außer Zweifel, deren Tochter zu sich zu nehmen.

Niemals jedoch hatte er sich vorgestellt, welche Schwierigkeiten dadurch für ihn entstehen konnten, bevor er ein zweites Mal geheiratet hatte. Er mußte feststellen, wie unversöhnlich der Haß seiner Frau Kathleen war, was Zenka betraf.

Er hatte in den letzten Monaten das Gefühl verspürt, auf einem Vulkan zu leben, der jeden Augenblick ausbrechen konnte.

Als die Königin ihm nun den Vorschlag unterbreitete, daß Zenka den König von Karanya heiraten sollte, hatte er dies als eine gute Lösung sowohl für seine als auch für die Probleme von Zenka angesehen.

Niemals hätte er gedacht, daß sie auf diese Weise reagieren würde und einen derartigen Vorschlag so hartnäckig zurückweisen würde.

Als er sich jetzt jedoch daran erinnerte, wie glücklich ihre Eltern miteinander gewesen waren, sagte er sich, daß er hätte voraussehen müssen, daß auch sie das Recht für sich in Anspruch nahm, aus Liebe eine Ehe einzugehen.

Aber wo gab es einen geeigneten Prinzen, den sie in der gleichen überschwenglichen und hingebungsvollen Weise lieben konnte, wie Prinzessin Pauline den Prinzen Ladislas geliebt hatte?

,Derartige Dinge geschehen nur alle hundert Jahre einmal’, sagte er zu sich selbst.

Gleichzeitig jedoch überkam ihn ein Schuldgefühl, wenn er Zenka ansah. Und dieses Gefühl hatte er in seinem Leben bisher nur sehr selten empfunden.

Er zog seine goldene Uhr heraus, ließ sie auf- und zuklappen, und sagte: ,,Seine Exzellenz wird in einer halben Stunde hier sein. Wir werden ihn im Salon empfangen.“

Er sah seine Frau an, als erwartete er ihre Zustimmung, und die Herzogin erwiderte: „Ich werde den Dienern Anweisung geben, ihn sofort heraufzubringen, wenn er ankommt.“

„Danke dir, meine Liebe“, antwortete der Herzog und verließ das Frühstückszimmer.

Die Herzogin wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, bevor sie sich Zenka zu wandte: „Ich hoffe, daß du heute morgen in besserer Stimmung bist. Es wäre gut, wenn du daran dächtest, daß jedes Wort, das du zu dem Botschafter sagst, dem König wiederholt wird.“

„Du hast wohl Angst, der König könnte sonst sein Angebot zurückziehen?“ fragte Zenka.

„Darauf solltest du nicht hoffen“, gab die Herzogin zurück. „Er will eine britische Prinzessin zur Frau haben, und die Auswahl ist zur Zeit nun einmal nicht sehr groß.“

Zenka wußte sehr wohl, daß dies die Wahrheit war. Sie hielt die Worte, die sich ihr auf die Lippen drängten, zurück. Es hatte keinen Sinn, wieder von vorn anzufangen und mit der Herzogin zu streiten. Aber in diesem Augenblick haßte sie sie ebenso wie den König Miklos.

Sie trank ihren Kaffee aus und erhob sich.

„Ich werde dich in einer Viertelstunde im Salon erwarten“, sagte die Herzogin kalt. „Versuche bitte, dich würdig zu benehmen, und denke an die Wichtigkeit deiner Position, die du in Zukunft einnehmen wirst.“

Zenka wußte, daß die Herzogin sie provozieren wollte, aber sie erwiderte nichts. Beim Hinausgehen ergriff sie einige der Morgenzeitungen, die auf einem kleinen Tisch für den Herzog bereit waren.

Als sie im Morgenzimmer angelangt war, begann sie die Berichte über die Feierlichkeiten anläßlich des Jubiläums zu lesen.

Es wurde über den Besuch der Königin im Hyde Park berichtet und darüber, wie dankbar die 30.000 Schulkinder über den Kuchen und die Milch waren, die man ihnen ausgegeben hatte.

Es gab Zeichnungen von dem Ballon mit dem Namen ,Victoria’ und von der Königin, wie sie mit einigen der Kinder sprach.

Außerdem brachte die Zeitung eine Liste all der Ereignisse, die in diesem Jubiläumsjahr stattfinden würden und bei denen die Königin anwesend sein würde.

,Das wird wohl auch meine Aufgabe in Zukunft sein’, dachte Zenka.

Sie las von Besichtigungen militärischer Einrichtungen, Grundsteinlegungen, Preisverleihungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Zenka warf die Zeitung zu Boden. Es war zu viel. Einfach zu viel. Unmöglich, all dies durchzuhalten - Lächeln, Händeschütteln und Ansprachen zuhören.

Es war lustig gewesen, als Zuschauer dabei zu sein. Aber Zenka konnte sich nicht vorstellen, bei all solchen Anlässen die Hauptperson zu sein und im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen.

„Ich kann es nicht - ich kann nicht!“ weinte sie.

Dann jedoch sagte sie sich, daß die Königin keinen Ehemann hatte. Sicher würde es nicht ihre Aufgabe in Karanya sein, Militärparaden abzunehmen. Das würde der König tun.

Aber bestimmt würde es noch genügend andere Verpflichtungen für sie geben, sie würde Kranken- und Waisenhäuser besuchen müssen, Ausstellungen, Konzerte...

Zenka sah sich wie eine Marionette von einer Verpflichtung zur anderen eilen, immer wieder die gleichen Worte sagen, lächeln, huldvoll nickten, Reden hören und Hände schütteln.

„Ich werde bestimmt davonlaufen“, dachte sie. „Ich werde fortlaufen . . .aber wohin . . .und mit wem?“

Es gab darauf keine Antwort für sie, und sie ging langsam die Treppe hinauf zum Salon, um auf die Ankunft des Botschafters zu warten.

Er war ein gut aussehender Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Seine klaren und scharfen Gesichtszüge ließen Zenka annehmen, daß er ungarisches Blut in den Adern hatte.

Sie wußte sehr wohl, daß wenigstens die Hälfte, wenn nicht sogar drei Viertel der Karanyaner ungarischer Herkunft waren, während der Rest von den Kroaten abstammte.

Es war ein Glück, wenn sie überhaupt von Glück in ihrer Situation sprechen konnte, daß sie wenigstens keine Schwierigkeiten haben würde, die Sprache ihres neuen Heimatlandes zu sprechen.

Der größte Teil der Wörter war ungarischen Ursprungs, und schon als Kind hatte sie keine Schwierigkeiten gehabt, ihr Kindermädchen zu verstehen. Sie wußte, wenn sie erst einmal im Lande war, würde es nicht lange dauern, bis sie die Sprache fließend beherrschen würde.

Der Botschafter jedoch sprach ausgezeichnetes Englisch.

„Darf ich Eurer Königlichen Hoheit versichern, daß dies ein sehr glücklicher und erfolgreicher Tag für mich und mein Land ist“, sagte er. „Ich habe den Auftrag, Ihnen die besten Wünsche meiner Botschaft und aller Karanyaner zu überbringen, die sich im Augenblick in London anläßlich des Jubiläums aufhalten.“

„Eine Frage würde ich Ihnen gerne stellen, Euer Exzellenz“, unterbrach ihn die Herzogin, als könnte sie es nicht ertragen, daß sich aller Aufmerksamkeit auf Zenka richtete. „Warum war Ihr König nicht bei den Jubiläumsfeierlichkeiten anwesend? Ich nehme doch an, daß er eine Einladung erhalten hat.“

„Selbstverständlich, Euer Gnaden. Seine Majestät hat eine sehr herzliche Einladung der Königin erhalten, aber gewisse Ereignisse in Karanya haben ihn daran gehindert, dieser Einladung Folge zu leisten."

„Eine Revolution vielleicht?" fragte Zenka mit einem plötzlichen Aufleuchten in den Augen.

Der Botschafter sah sie erschrocken an.

„Nein, selbstverständlich nicht, Euer Königliche Hoheit. Es ist nichts dergleichen! Es handelt sich lediglich um einige wirtschaftliche Schwierigkeiten, die die Anwesenheit Seiner Majestät erfordert haben.“

„Sie werden sicher verstehen, daß mein Mündel den König gerne persönlich kennengelernt hätte, bevor etwas so Wichtiges wie ihre Verlobung bekanntgegeben wird“, sagte der Herzog daraufhin.

„Das kann ich verstehen, Euer Gnaden“, erwiderte der Botschafter, „aber unglücklicherweise ist dies nicht möglich.“

„Dann wäre es eine gute Idee“, warf Zenka ein, „die Bekanntmachung so lange zu verschieben, bis der König nach England kommen kann. Dies wird ihm doch in den nächsten Monaten sicher möglich sein?“

Sie wollte Zeit gewinnen, aber die Herzogin hatte ihre Absicht sehr schnell durchschaut.

„Einige Monate?“ rief sie aus. „Aber das ist unmöglich. Ich bin sicher, daß Eure Exzellenz verstehen werden, daß es besser ist, so bald als möglich England zu verlassen, wenn die Hochzeit in Karanya stattfinden soll.“

Beide, Zenka und der Herzog, sahen sie überrascht an, als sie fortfuhr: „Ich nehme an, daß wir auf dem Seeweg reisen werden. Und da ich in dieser Hinsicht nicht viel vertrage, wäre es mir unmöglich, in einer Jahreszeit zu segeln, in der die See schon verhältnismäßig rauh ist.“

„Ich kann deine Einwände verstehen, meine Liebe“, erwiderte der Herzog. „Aber bedenke, daß Zenkas Brautkleid und ihre gesamte Ausstattung vorher angefertigt werden müssen. Ich kann mir nicht denken, daß alle Vorbereitungen in weniger als einigen Monaten getroffen werden können.“

„Das würde heißen, die Hochzeit bis zum nächsten Jahr zu verschieben“, sagte die Herzogin. „Und ich bin sicher, daß dies nicht der Wunsch des Königs ist.“

Sie ist sehr schlau, dachte Zenka und überlegte fieberhaft, wie sie noch ein Jahr Zeit gewinnen könnte. Dann würde es ihr gewiß gelingen, zu flüchten oder einen Grund zu finden, die Heirat mit dem König abzulehnen.

„Ich bin sicher, daß Seine Majestät nicht so lange ...“, begann der Botschafter.

„Dann schlage ich vor, daß wir Mitte Juli England verlassen“, unterbrach ihn die Herzogin. „Es ist die ideale Jahreszeit für eine Seereise, und der August ist ein wunderschöner Monat für eine Hochzeit.“

„Das ist aber viel zu bald“, sagte Zenka ärgerlich.

„Aber warum denn?“ fragte die Herzogin. „Wir benötigen nicht länger als einen Monat, um deine Aussteuer zusammenzustellen. Und danach können wir nicht länger in London bleiben. Die Saison wird beendet sein, alle Häuser werden geschlossen, und jedermann zieht sich aufs Land zurück.“

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9781782139089
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