Читать книгу: «Anschlag Auf Die Liebe»

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VORBEMERKUNG DER AUTORIN

Die Bordellbesitzer verdienten im 18. und 19. Jahrhundert große Vermögen. Einige importierten ihre Frauen vom europäischen Kontinent, aber die meisten lockten anständige englische Mädchen in ihre Klauen, und dann gab es kein Entrinnen. Dienstmädchen, die vom Land nach London kamen, waren eine leichte Beute. Man bot ihnen freie Fahrten in bequemen Kutschen zu ihren Arbeitsstellen an, oder sie wurden durch verlockende Geldangebote in Versuchung geführt.

Bis nach dem Ersten Weltkrieg war kein junges Mädchen in den Straßen Londons sicher, und aus dieser Epoche sind herzzerreißende Geschichten darüber überliefert, wie übel die Mädchen behandelt wurden, und man hört Berichte über ihren frühen Tod durch Alkohol, Drogen und Krankheiten.

ERSTES KAPITEL ~ 1820

Als der Herzog von Oswestry mit seinem Phaeton vor dem Haus in der Park Street vorfuhr, wünschte er, nicht aussteigen zu müssen.

Er besuchte Lady Marlene Kelston nur deshalb, weil er während der letzten vierundzwanzig Stunden von ihr nicht nur einen, sondern drei Briefe erhalten hatte. In jedem teilte sie ihm wortreicher als im vorangegangenen mit, sie müsse ihn sofort sprechen.

Er konnte sich nicht denken, was sie veranlaßt hatte, ihm zu schreiben, nachdem sie sich schon vor fast drei Monaten getrennt hatten.

Er hatte ein kurzes, leidenschaftliches Verhältnis mit Lady Marlene gehabt. Als es in einem bitteren Streit endete, wobei sie einander heftig beleidigt hatten, sagte er sich, es sei von allem Anfang an töricht von ihm gewesen, sich mit ihr einzulassen.

Lady Marlene war eine sehr selbstbewußte Frau und während der letzten zwei Jahre die Schönheit von St. James' gewesen.

Seine Mutter hatte ihn stets vor ihr gewarnt und gesagt: »In den Kelstons fließt schlechtes Blut!«

Der Herzog gestand sich ein, daß sie recht gehabt hatte. Nachdem er mit Lady Marlene eine enge Beziehung hatte, zeigte sich bald ihr schlechter Charakter.

Für die Welt strahlte sie Charme aus, und ihre kecke Mißachtung der gesellschaftlichen Konventionen hatte einen eigenen Reiz.

Sie war verheiratet gewesen, als der Herzog in Wellingtons Armee kämpfte. Ihr Mann war bei Waterloo verwundet worden und schließlich vor drei Jahren seinen Verletzungen erlegen.

Lady Marlene hatte die übliche Trauerzeit kaum abgewartet, ehe sie wie ein Meteor in den besten Kreisen erschien. Und es gab keinen Zweifel daran, daß sie großen Erfolg gehabt hatte.

Sie war in der Tat außergewöhnlich schön, und schließlich gab der Herzog ihrem Werben nach.

Was er nicht erwartet hatte, ja, was überhaupt niemand für möglich gehalten hatte, war der Umstand, daß Lady Marlenes Launen und unersättliche Forderungen ihn so rasch langweilen würden.

Aber wenn Lady Marlene unberechenbar war, so war es der Herzog ebenfalls.

Er stand kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag und besaß große Erfahrung mit Frauen.

Sie waren hinter ihm her gewesen seit dem Augenblick, in dem er die Schule verlassen hatte, denn es gab im ganzen Land niemanden, der als gute Partie begehrenswerter gewesen wäre, und keinen Mann, der für das andere Geschlecht so attraktiv und unwiderstehlich war wie er.

Er war auch außerordentlich geschickt darin, sich den Frauen zu entziehen. Durch sein anspruchsvolles Wesen und sein Verlangen nach Vollkommenheit verloren sie für ihn den Reiz so rasch, daß der Prinzregent einmal scherzend sagte: »Ihre Amouren dauern so kurz, Oswestry, daß wir jetzt, da der Krieg vorüber ist, bald Damen vom Kontinent zu Ihrem Vergnügen werden einführen müssen.«

Der Herzog hatte pflichtschuldigst gelacht, doch sein Blick hatte sich dabei verdüstert, aber der Prinzregent hatte es nicht bemerkt.

Der Herzog mißbilligte es, wenn man über seine Liebesaffären sprach. Er war der Meinung, sein Privatleben ginge niemanden etwas an.

Aber in der Beau Monde, wo man sich mit Vergnügen auf jeden noch so kleinen Skandal stürzte und darüber redete, bis es nichts mehr zu sagen gab, konnte jemand, der so stadtbekannt und herausragend war wie der Herzog, unmöglich irgend etwas geheim halten.

Das war ein weiterer Grund, weshalb er das Verhältnis mit Lady Marlene gelöst hatte. Sie war indiskret, und das war in seinen Augen unverzeihlich.

Er gab die Zügel seines Pferdes einem Stallknecht, stieg vom Phaeton und bemerkte dabei, daß die Knöpfe an der Uniform des Lakaien, der neben der Eingangstür stand, dringend einmal geputzt werden sollten.

Lady Marlene hatte nach dem Tod ihres Mannes wieder ihren Mädchennamen angenommen, da sie, wie sie es auf aggressive Weise verkündete, »die Vergangenheit auslöschen« wollte, »und dazu gehört auch mein verstorbener und nicht betrauerter Mann«.

Die Witwen, die sie schon immer scheel angesehen hatten, waren sich darin einig, daß sie sich genauso herzlos und skandalös benahm, wie man es von ihr erwartet hatte.

Schon nach dem Krieg war es aufgefallen, daß Lady Marlene mit einem verkrüppelten Mann nichts anfangen konnte, nachdem er sich seine Verletzungen auf dem Schlachtfeld zugezogen hatte.

»Für mich muß ein Mann ein Mann sein«, hatte Lady Marlene erwidert, als jemand sie getadelt hatte, und es bestand kein Zweifel daran, daß sie wenigstens diesmal die Wahrheit sprach.

Was will sie von mir, um alles in der Welt, fragte sich der Herzog, als er durch die Marmorhalle geführt wurde und ein Diener ihm die Tür zum Salon öffnete.

Der Herzog kannte das Haus gut. Er hatte es oft genug besucht.

Es war seiner Meinung nach billig eingerichtet, und außerdem bedurften die Möbel dringend der Pflege.

Das Familienhaus der Kelstons gehörte Lady Marlenes Bruder, dem Grafen von Stanwick. Aber da der Graf selten in London weilte, wäre es Verschwendung gewesen, wenn sie einen eigenen Haushalt gegründet hätte.

Die Kelstons hatten niemals viel Geld besessen. Das war nicht verwunderlich, denn sie waren alle so anspruchsvoll wie Lady Marlene, nur daß deren Rechnungen von ihren Verehrern bezahlt wurden. Aus diesem Grund befand sie sich immer in einer besseren finanziellen Lage als ihre Verwandten.

Der Salon war leer, und der Diener murmelte: »Ich werde der gnädigen Frau mitteilen, daß Sie hier sind, Euer Gnaden.«

Der Diener schloß die Tür hinter sich.

Der Herzog ging langsam zum Kamin und, fragte sich zum wiederholten Mal, was Lady Marlene ihm wohl zu sagen habe.

Ihren ersten Brief hatte er ignoriert. Aber als der zweite und der dritte Brief eintrafen, hatte er das unbehagliche Gefühl, daß sie ihn schließlich aufsuchen würde, wenn er nicht zu ihr fuhr.

Dies hatte sie früher mehr als einmal getan. Sie war oft im Oswestry House am Berkeley ohne Einladung erschienen und hatte ihn in die unangenehmsten Situationen gebracht, denn seine seriösen Verwandten schätzten sie nicht und äußerten dies auch offen, obwohl sie wußten, daß es den Herzog erzürnte.

Der Herzog nahm seine Stellung als Familienoberhaupt sehr ernst, und von dem Augenblick an, da er den Titel geerbt hatte, war er in allem, was er in der Öffentlichkeit tat, umsichtiger als er es zu Lebzeiten seines Vaters gewesen war.

»Du wirst alt und gesetzt!« hatte ihn Lady Marlene oft geneckt.

Dies geschah gewöhnlich dann, wenn er nicht an einer ihrer Eskapaden teilnehmen wollte oder es kategorisch ablehnte, sie auf einen Ball oder eine Gesellschaft zu begleiten, die von Leuten gegeben wurde, die er nicht mochte.

Er mußte daran denken, wie heftig ihre Auseinandersetzungen gewesen waren, oft so leidenschaftlich wie ihre Liebe, und er sagte sich, daß er sich glücklich schätzen konnte, das Verhältnis gelöst zu haben.

Die Tür ging auf, und Lady Marlene trat ein.

Es bestand kein Zweifel daran, daß sie schön war, selbst der Herzog mußte das zugeben.

Ihre roten Haare leuchteten wie Flammen auf ihrem Kopf, und ihre grünen Augen funkelten unter ihren schwarzen Wimpern.

Als sie auf ihn zukam, lag auf ihrem Gesicht ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte.

»Nun bist du also endlich gekommen«, sagte sie, als sie dicht vor ihm stand.

»Ich kann mir nicht denken, warum du mich unbedingt sprechen willst«, sagte der Herzog.

»Es ist sehr wichtig, Randolph.«

»So viel habe ich verstanden.«

Lady Marlene neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah den Herzog an.

Es war für sie eine charakteristische Haltung, die ihre Bewunderer immer bezaubernd fanden.

»Du bist sehr attraktiv«, sagte sie. »Und du siehst besser aus als alle anderen Männer, die mir jemals begegnet sind. Ich frage mich, warum wir überhaupt miteinander gestritten haben.«

»Ich kann nicht glauben, daß du mich herbestellt hast, um mir Komplimente zu machen«, antwortete der Herzog kalt. »Sage mir, was du willst, Marlene. Ich kam mit zwei jungen Pferden, und sie werden unruhig, wenn sie zu lange warten müssen.«

»Pferde! Immer Pferde!« rief sie mit schriller Stimme. »Sie bedeuten dir mehr als jede Frau.«

Der Herzog antwortete nicht, und sie sah, daß er ungeduldig wurde. Er haßte es, wenn eine Frau nicht zum Wesentlichen kam.

»Ich habe dich herbestellt, weil ich ein Kind bekomme!« sagte Lady Marlene nach einer kleinen Pause.

Der Herzog stutzte einen Augenblick und sagte dann kühl: »Wie kommst du auf die Idee, daß mich das interessieren könnte? Ganz offensichtlich sollte Charles Nazeby darüber informiert werden.«

»Er weiß es bereits«, sagte Lady Marlene kurz. »Aber wie dir bekannt sein dürfte, ist Charles mittellos.«

Die Lippen des Herzogs verzogen sich zu einem zynischen Lächeln.

»Du kannst nicht von mir erwarten, daß ich für Nazebys Vergnügen bezahle!«

»Ich bitte dich nicht um Geld.«

»Um was dann?«

»Um die Ehe!«

Wenn sie vor ihm eine Bombe hätte explodieren lassen, hätte der Herzog nicht entsetzter sein können.

Er sah sie erschrocken an und sagte nach einer Weile: »Bittest du mich wirklich im Ernst darum, dich zu heiraten, weil du Nazebys Kind erwartest?«

»Es könnte auch deines sein.«

»Du weißt so gut wie ich, daß dies nicht der Fall ist.«

»Du wirst mir zugestehen, daß ich bestimme, wer der Vater meines unerwünschten Kindes wird«, sagte Lady Marlene. »Und wer könnte ihm einen besseren Start ins Leben geben als ein Herzog?«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, ehe der Herzog erwiderte: »Wenn das alles ist, was du mir zu sagen hast, Marlene, dann habe ich mit meinem Besuch meine Zeit vergeudet. Ich möchte mich jetzt verabschieden.«

Während er sprach, ging er zur Tür. Aber sie stellte sich ihm in den Weg und sah ihm in die Augen.

»Es ist sinnlos wegzulaufen, Randolph«, sagte sie. »Ich wollte dich schon immer heiraten, und ich werde dir eine amüsante Ehefrau sein.«

»Du magst vielleicht vorhaben, mich zu heiraten, aber ich habe nicht die Absicht, dich zu heiraten, und übrigens auch keine andere Frau«, erwiderte der Herzog.

»Das war schon immer deine Einstellung«, sagte Lady Marlene. »Aber du weißt, daß du eines Tages heiraten mußt, sonst erbt dein Bruder Julius den Titel. Jetzt ist genau der richtige Augenblick, um ihn für immer auszustechen.«

»Ehe wir uns in ein weiteres Gespräch über meinen Bruder verstricken, möchte ich dir klarmachen, daß ich dich niemals heiraten werde, und es zwecklos ist, darüber noch länger zu diskutieren«, sagte der Herzog eisig.

»Aber es spricht alles für eine Ehe zwischen uns«, beharrte Lady Marlene. »Und wenn ich jemanden heiraten muß, dann möchte ich, daß du es bist.«

»Ich glaube, ich sollte dies als ein Kompliment auffassen, aber leider hast du deine wahren Gefühle mir gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, als wir uns trennten.«

»Du bist sehr nachtragend! Wir hatten damals beide die Selbstbeherrschung verloren und uns gegenseitig wehgetan. Was immer ich damals auch gesagt haben mag, Randolph, ich liebe dich, und ich habe dich immer geliebt.«

»Wie rührend von dir!« sagte der Herzog ironisch. »Ich glaube nicht, daß Nazeby sehr erfreut wäre, das zu hören.«

»Das hat nichts mit Charles zu tun! Er kann mich nicht ernähren, und er hat sowieso schon gemeint, daß es leicht auch dein Kind sein könnte und nicht seines.«

»Das überrascht mich nicht«, sagte der Herzog. »Nazeby würde niemals zu seinen Pflichten stehen.«

»Aber du tust es, und deshalb möchte ich dich heiraten, Randolph.«

Der Herzog seufzte.

»Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt, daß ich dich nicht heiraten werde. Außerdem lehne ich die Verantwortung für das Kind ab, das du erwartest. Guter Gott, es ist drei Monate her, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen haben.«

»Nicht ganz drei Monate«, sagte Lady Marlene. »Deshalb könnte es möglicherweise auch dein Kind sein.«

»Nur ein Narr würde das akzeptieren, und ich bin kein Narr, Marlene.«

Der Herzog machte einen Schritt in Richtung zur Tür, und wieder trat ihm Lady Marlene in den Weg.

Ihre grünen Augen wurden jetzt schmal, und es lag eine Spur Bosheit in ihrer Stimme, als sie sagte: »Willst du wirklich nichts für mich tun?«

»Nein, nichts!«

»Gut, dann lasse ich sofort meinen Bruder kommen. Er wird mir nicht nur glauben, sondern er wird mich auch darin unterstützen, dich zur Vernunft zu bringen!«

Der Herzog war sicher, daß der Graf sofort die Vorteile erkennen würde, die darin lagen, einen reichen Schwager zu bekommen.

Er war ein unbeherrschter Mann und so unberechenbar wie seine Schwester, aber noch gefährlicher.

Er war in unzählige Händel und sogar in Aufstände verwickelt gewesen.

Er machte Schwierigkeiten, wo immer er auftauchte. Nach dem letzten seiner regelmäßigen Besuche in London seufzten seine Freunde ebenso wie seine Feinde erleichtert auf, als er wieder abreiste.

Der Herzog wußte nur zu gut, welchen Ärger der Graf ihm machen konnte, und obwohl er sich nicht im geringsten vor einem Duell mit ihm fürchtete, wußte er doch, daß dies einen Skandal auslösen würde, auf den sich die Beau Monde mit Vergnügen stürzen würde.

Jede kleine Einzelheit ihrer Auseinandersetzung wegen Lady Marlene würde nicht nur der Beau Monde bekannt, sondern auch der Öffentlichkeit.

Dies verabscheute er mehr als alles andere, und er schreckte vor dem Klatsch zurück, der sich daraus ergeben würde.

Lady Marlene ahnte, was er dachte und sagte mit triumphierender Stimme: »Hector wird mir glauben, und er wird dafür sorgen, daß du, Randolph, mich die Folgen unserer Liebe nicht allein tragen lassen wirst!«

Der Herzog antwortete ihr nicht, und nach einer Weile sagte sie: »Es wäre klüger von dir, wenn du ohne viel Aufhebens nachgibst. Du wirst es am Ende doch tun müssen!«

»Was ich am meisten verabscheue, ist es, erpreßt zu werden!« sagte der Herzog, und seine Stimme klang eisig.

Lady Marlene warf den Kopf zurück und lachte.

»Wenn du meinst, deine Worte würden mich beeindrucken, dann irrst du dich! Gut, Randolph, ich erpresse dich! Ich bin ganz sicher, wenn ich meinen Verwandten erzähle, wie verantwortungslos du dich mir gegenüber benimmst, werden auch sie dich erpressen!«

Ihre Augen blitzten, und sie sah ihn herausfordernd an. Sie suchte in seinem Gesicht nach einer Reaktion, aber die grimmige Miene des Herzogs verriet nichts, und Lady Marlene erlebte nicht die Genugtuung zu sehen, wie beunruhigt der Herzog war.

»Meine Tante Agnes ist die erbliche Lady-of-the-Bedchamber Ihrer Majestät«, sagte Lady Marlene hochmütig. »Ich bin sicher, die Königin wäre empört über dein Verhalten, wenn sie davon erfährt. Und mein Onkel George ist immer noch ein angehender Lord, obwohl er schon über fünfundsiebzig Jahre alt ist. Sie beide könnten die Geschichte im Buckingham Palast verbreiten!«

Der Herzog sah sie an, und seine Augen waren wie Achate.

Ihm war klar, daß es sein eigener Fehler war, sich jetzt in dieser gefährlichen Situation zu befinden. Aber wie hätte er auch annehmen können, und woher hätte er wissen sollen, daß hinter dem schönen Äußeren Lady Marlenes das Herz einer Viper schlug?

In diesem Augenblick empfand er Abscheu vor Lady Marlene, und er zweifelte an seinem eigenen guten Geschmack, daß er sie jemals für liebenswert gehalten hatte.

In einer plötzlichen Stimmungsänderung sagte Lady Marlene: »Bitte verzeih mir, Randolph. Ich wollte dich nicht bedrängen. Wenn du mich heiratest, werde ich mich korrekt benehmen, und wir werden beide unseren Spaß aneinander haben, so wie früher, ehe wir diesen dummen Streit begannen.«

Sie hielt inne und wartete, daß er etwas erwiderte.

Aber der Herzog schwieg und deshalb fuhr sie fort: »Du weißt, ich werde die Oswestry-Diamanten mit Anmut tragen. Und ich werde Gesellschaften geben, auf die eingeladen zu werden, sich jedermann reißen wird.«

Sie lächelte, und ihr Gesicht wurde noch schöner.

»Und vergiß nicht, was für ein Vergnügen es sein wird, deinen boshaften Bruder aus dem Sattel zu heben.

Ich glaubte, du weißt, wie skandalös er sich zur Zeit benimmt, obwohl er dir im Augenblick finanziell nicht auf der Tasche liegt. Aber deine Vorfahren würden sich seinetwegen im Grabe umdrehen!«

»Ich wünsche nicht, mit dir über Julius zu sprechen«, sagte der Herzog scharf. »Was mein Bruder macht oder was er nicht macht, geht dich nichts an, ebenso wenig, wie du mich etwas angehst!«

Er ging an Lady Marlene vorbei zur Tür, ehe sie ihn aufhalten konnte.

»Wenn das dein letztes Wort ist, lasse ich Hector kommen«, rief sie ihm nach.

»Dann lasse ihn kommen und sei verdammt!«

Der Herzog verließ rasch den Salon, und Lady Marlene hörte, wie seine Schritte auf dem Marmorboden hallten.

Einen Augenblick lag ein besorgter Ausdruck in ihren grünen Augen, doch dann lächelte sie zufrieden.

»Diesmal entkommt er mir nicht!« sagte sie laut.

Als der Herzog in seinem geschlossenen Brougham von seinem Club nach Hause fuhr, fragte er sich, wie schon den ganzen Abend, was er unternehmen sollte.

Er war nach dem Gespräch mit Lady Marlene so beunruhigt gewesen, daß er einen Boten mit einer Entschuldigung in das Holland House geschickt hatte, wo er zu einem Abendessen erwartet worden war.

Er ging statt dessen zum Diner in den White's Club. Er traf dort zahlreiche Bekannte, war aber so geistesabwesend, daß einige von ihnen ihn fragten: »Was ist mit dir los, Randolph? Du bist so niedergeschlagen.«

Der Herzog wollte nicht zugeben, daß er deprimiert war und entschuldigte sich mit Kopfschmerzen.

Er scheute einen Skandal, aber noch wesentlich mehr war ihm die Vorstellung zuwider, Lady Marlene zu heiraten.

Während der ganzen Zeit ihrer Verbindung hatte er immer gewußt, daß sie charakterlos war, und wenn jemand sie kränkte, konnte sie zu dem Betreffenden sehr unangenehm sein.

Aber er hatte sich niemals auch nur für einen Augenblick vorgestellt, daß, sie zu den erpresserischen Methoden greifen könnte, die sie jetzt anwandte, um ihn zur Ehe zu zwingen.

Er wollte keine Xanthippe zur Frau. Und er wollte keine Frau, die so wenig Anstand besaß und ihm das Kind eines anderen Mannes unterschieben wollte, eines Mannes, den der Herzog außerdem noch verachtete.

Sir Charles Nazeby war ein Verschwender, ein Lebemann, der von seiner Schlauheit lebte und der beim Kartenspiel skrupellos betrog, wie der Herzog vermutete, obwohl er keinen Beweis dafür hatte.

Der Herzog mußte um jeden Preis verhindern, daß ein Kind dieses Mannes, sollte es ein Junge sein, eines Tages der Herzog von Oswestry werden würde.

Obwohl der Herzog niemals darüber sprach, war er stolz, daß seine Familie während der ganzen Geschichte hindurch der Monarchie und dem Land nach besten Kräften gedient hatte.

Der Familienname lautete Westry, und es hatte Westrys gegeben, die große Staatsmänner gewesen waren, Westrys, die sich auf dem Schlachtfeld durch Tapferkeit ausgezeichnet hatten und Westrys, die zu Schiff die Welt erforscht hatten.

Sie hatten stets die Achtung und Bewunderung ihrer Mitbürger genossen und der Herzog war entschlossen, die Erinnerung an seine Vorfahren in Ehren zu halten.

Er sagte sich, daß er schon früher hätte heiraten und einen Sohn zeugen sollen, anstatt sich mit Frauen wie Lady Marlene abzugeben. Aber er hatte sich immer gewünscht, daß seine Ehe etwas Besonderes sein sollte.

Weil er wußte, wie viele Ehen seiner engsten Freunde unglücklich oder mindestens langweilig waren, hatte er sich vorgenommen, Junggeselle zu bleiben.

Er sagte jedermann, der ihn vor den Altar bringen wollte, er habe beschlossen, ledig zu bleiben.

Er wollte später, wenn er seine Freiheit nicht mehr so sehr genießen würde wie im Augenblick, das tun, was offensichtlich seine Pflicht war: heiraten.

Er genoß es, seine Häuser und seine riesigen Besitztümer ohne die Ratschläge einer Frau zu verwalten. Und er war auch ehrlich genug um zuzugeben, daß er mit großem Vergnügen unter den schönsten Frauen wählen konnte, die ihm alle nur zu bereitwillig ihre Gunst erwiesen.

Ihm war bekannt, daß jede Schönheit in der Beau Monde es für eine Auszeichnung hielt, seine Geliebte zu werden. Und es war ihm angenehm zu wissen, daß die meisten von ihnen ihm auch dann nicht die Sympathie entzogen und seine Gegenwart schätzten, wenn er die Verbindung löste.

Zwar hatte er vielen das Herz gebrochen, aber er glaubte zynischerweise, daß nur wenige Frauen auf Dauer leiden würden, und daß die Wunden, die er ihnen zugefügt hatte, schnell heilen würden.

Und jetzt bedrohte ihn Lady Marlene Kelston aus heiterem Himmel, auf eine Weise, wie er es weder erwartet noch jemals zuvor erlebt hatte.

Plötzlich empfand er die Situation als so unerträglich, daß er abrupt vom Kartentisch aufstand und den Club ohne eine weitere Erklärung verließ.

Er hörte nicht einmal, wie seine Freunde ihm nachriefen: »Randolph, du hast deine Gewinne liegen gelassen!«

Als er gegangen war, sahen sie sich fragend an.

»Was ist mit Oswestry los? Ich habe ihn noch niemals so geistesabwesend erlebt.«

»Das muß mit einer Frau zusammenhängen«, meinte jemand.

Darüber lachten die anderen schallend.

»Mit einer Frau? Hast du je erlebt, daß Oswestry sich Gedanken um eine Frau macht? Wenn er mit dem kleinen Finger schnippt, kommen Dutzende gelaufen!«

»Das ist allerdings wahr«, sagte ein junger Mann. »Und verdammt nochmal, mit seinem Charme und seinem Geld verdirbt er den Markt.«

Als die Kutsche die Berkeley Street hinabfuhr und in den Berkeley Square einbog, kam es dem Herzog so vor, als drehe sich in seinem Kopf eine Tretmühle. Er konnte seine Gedanken nicht ordnen.

Immer wieder stellte er sich die gleiche Frage, was er gegen Lady Marlene unternehmen sollte, und fand keine Antwort.

Als er aus der Kutsche stieg, machte er ein so grimmiges Gesicht, daß der Diener, der ihm die Tür öffnete, ihn erschrocken ansah.

Das Hauspersonal wußte sehr gut, daß der Herzog nur dann früher nach Hause kam, wenn etwas nicht stimmte. Die meisten von ihnen dienten dem Herzog schon seit vielen Jahren.

Ein Diener rollte eilig den roten Teppich auf dem Gehweg aus, und der Butler stand in der offenen Tür, um den Herzog zu empfangen.

Als der Herzog die Stufen vor der Eingangstür seines Hauses erreichte, hörte er plötzlich einen Schrei, und eine Frau kam den Gehweg entlanggerannt.

Sie stürzte auf den Herzog zu, klammerte sich an ihn und rief: »Retten Sie mich... retten Sie mich!«

Sie war außer sich vor Furcht, und der Herzog blickte sie überrascht an. Er sah in ein sehr junges Gesicht und in zwei ängstliche Augen.

»Retten Sie mich!« wiederholte sie. »Bitte helfen Sie mir... sie wollen... mich fangen!«

Der Butler kam rasch die Treppe herunter und zog die Frau vom Herzog weg.

»Genug damit!« sagte er grob. »Wir können niemanden von Ihrer Sorte hier gebrauchen!«

Während er sprach, trat ein kräftiger junger Diener, der eben den Teppich ausgerollt hatte, auf die andere Seite der jungen Frau.

»Überlassen Sie das uns, Euer Gnaden«, sagte der Butler.

Er wollte die Frau fortführen, aber sie rief: »Bitte... bitte... man hat mir gesagt... es sei Lord Julius Westrys Kutsche... aber ich bin sicher... das war eine Lüge!«

Der Herzog blickte über die Schulter zurück und fragte scharf: »Wer, sagten Sie?«

»Bitte helfen Sie mir... helfen Sie mir...«

Die Frau begann zu weinen.

»Laßt sie los«, befahl der Herzog.

Als der Butler und der Diener ihm gehorchten, lief die Frau sofort zum Herzog zurück und sagte schluchzend: »Sie wollten... mich... einsperren!«

Der Herzog sah in einiger Entfernung zwei Männer unschlüssig dastehen. Sie hatten die Verfolgung ihres Opfers eingestellt, als sie sahen, mit wem sie sprach.

»Sie haben eben einen Namen erwähnt«, sagte der Herzog ruhig. »Würden Sie ihn bitte noch einmal wiederholen?«

»Lord Julius... Westry... sagte mir, er hätte... eine Arbeit für mich.«

Der Herzog sah sie prüfend an, als wolle er sich überzeugen, daß sie die Wahrheit sagte.

»Kommen Sie mit mir ins Haus. Dort können Sie mir ausführlich erklären, was passiert ist.«

Die junge Frau blickte ängstlich über die Schulter zurück, und als sie die Männer in der Ferne sah, schauderte sie und lief rasch hinter dem Herzog, der bereits die Eingangshalle betreten hatte, die Stufen hoch.

Er legte seinen Mantel, Stock und Zylinder ab und ging durch die Halle.

Sie folgte ihm. Ein Diener öffnete eine Tür, und sie betraten die Bibliothek.

Es war ein großer, eindrucksvoller Raum, dessen Fenster zum Garten hinauslagen.

Die Vorhänge waren geschlossen. Im Kerzenlicht sah sie Bücher in hohen Chippendaleregalen, einen großen Schreibtisch mitten im Raum unter einer gemalten Decke, ein Sofa, sowie zwei Sessel vor dem Kamin.

Der Herzog stellte sich mit dem Rücken zum Kamin, wie es seine Gewohnheit war, und betrachtete seine Besucherin.

Sie war zierlich und sehr jung, und wie er überrascht feststellte, unerwartet reizvoll.

Sie hatte große Augen in einem herzförmigen Gesicht, und ihr Haar unter ihrer unmodernen Haube hatte die Farbe reifen Korns. Die Augen waren nicht blau, sondern, wenn er sich nicht täuschte, grau wie ein Wintersee.

Sie sah ihn ängstlich an, und ihre Miene drückte immer noch Entsetzen aus. Er sah, daß sie zitterte.

»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte er ruhig.

Als ob seine Stimme ihr Sicherheit geben würde, ging sie anmutig zu einem Sessel und setzte sich auf dessen Rand. Sie faltete die Hände im Schoß.

Ihre Kleidung war altmodisch und aus billigem Stoff, aber geschmackvoll.

Nach dem, was er bisher von ihr gehört hatte, war er sicher, daß sie gebildet war, und sie war charmant.

Er ging zum Getränketablett hinüber, das in einer Ecke stand.

»Sie brauchen nach diesem unangenehmen Erlebnis eine Stärkung«, sagte er. »Trinken Sie lieber Champagner oder Limonade?«

»Ich hätte gern... ein Glas Limonade, wenn es Ihnen recht ist.«

Als der Herzog die Limonade einschenkte, dachte er, daß er dieses Getränk bisher noch keiner Frau in diesem Raum angeboten hatte.

Das Mädchen aber war so jung, daß er annahm, sie würde keinen Alkohol trinken.

»Danke«, sagte sie, als er ihr das Glas reichte.

Er bemerkte, wie ihre Hand zitterte, und bewunderte ihre Selbstbeherrschung.

Da er glaubte, er würde sitzend weniger furchterregend wirken, nahm er ihr gegenüber Platz.

»Nun erzählen Sie mir, was Sie so in Furcht versetzt hat«, sagte er. »Außerdem würde ich gern erfahren, was Lord Julius Westry mit der ganzen Affäre zu tun hat.«

Das Mädchen stellte ihr Glas auf einen Beistelltisch neben ihrem Sessel und faltete die Hände, ehe sie antwortete: »Ich glaube, Sir... ich muß mich zuerst dafür entschuldigen, daß ich mich Ihnen aufgedrängt habe. Aber ich hatte solche Angst, ... und ich konnte an nichts anderes denken als daran, zu fliehen und von der Kutsche wegzulaufen... in die ich an der Poststation in Islington eingestiegen war...«

Der Herzog wußte, daß dort die Postkutschen aus dem Norden eintrafen.

»Ich bin froh, daß ich Ihnen helfen konnte«, erwiderte er ruhig. »Erzählen Sie mir nun genau, was geschehen ist, damit ich sicher sein kann, daß man Sie nicht weiter verfolgt, wenn Sie dieses Haus verlassen.«

Der Herzog sah, wie das Mädchen vor Angst den Atem anhielt.

»Glauben Sie... man wartet auf mich?«

»Wer sind sie?«

»Zwei Männer, ... einer saß auf dem Kutschbock, und der andere war, glaube ich, ein Diener des Hauses, ... in das man mich bringen wollte.«

»Was war das für ein Haus?«

»Ich... ich glaube, es war Hay Hill Nummer 27.«

Der Herzog sah sie scharf an.

»Sind Sie sicher?«

»Als Lord Julius mir schrieb, teilte er mir mit,... daß... eine Kutsche mich in Islington abholen würde... Aber er schrieb mir nicht, ... wohin man mich bringen würde... Erst als ich das Blatt Papier in der Kutsche las, schöpfte ich Verdacht, ...und ich fürchtete mich sehr.«

Der Herzog lächelte.

»Das klingt alles sehr kompliziert. Fangen wir doch von vorne an. Nennen Sie mir zuerst Ihren Namen.«

»Udela Hayward.«

»Und wo wohnten sie bisher, Miss Hayward?«

»Außerhalb von Huntingdon. Mein Vater war der Pfarrer von Little Storton.«

»Sie sagen ,war'. Ist er tot?«

Udela nickte.

»Ja, er ist vor drei Wochen gestorben.«

Tränen traten ihr in die Augen, aber dann fuhr sie tapfer fort: »Nach seinem Tod wurde mir klar, daß ich eine Arbeit finden mußte. Da traf ich zufällig Lord Eldridge.«

»Wo?«

Während sie sprach, sah Udela deutlich den Pfarrhausgarten vor sich, in dem sie fast jede Blume gepflückt hatte, um sie auf den Friedhof zu bringen.

Ihr Vater hatte Blumen geliebt, und sie redete sich ein, daß er und ihre Mutter vielleicht vom Himmel herabblickten und zusahen, wie sie die Blumen auf ihren Gräbern verteilte.

Sie pflückte auch die Rosenknospen vom Lieblingsstrauch ihrer Mutter und sagte sich, sie würden einen leuchtend rosaroten Fleck bilden, der sie immer an ihre Mutter erinnerte.

Es war die Farbe des Glücks, dachte Udela, des Glücks, das entschwunden war, als zuerst ihre Mutter starb, und nun auch ihr Vater sie verlassen hatte.

Als sie die staubige Straße entlangging, die vom Pfarrhaus zum Friedhof führte, sah sie zwei Reiter auf sich zukommen. Ihr fiel auf, daß die Pferde besonders edel waren. Ihr Vater hatte sie gelehrt, die Vorzüge eines Pferdes richtig einzuschätzen. Und er hatte ihr auch das Reiten beigebracht.

Udela hatte niemals die Möglichkeit gehabt, so edle Pferde zu reiten, wie die des Herzogs.

Erst als sie auf gleicher Höhe mit ihnen war, bemerkte sie, daß einer der Reiter der junge Lord Eldridge war, den ihr Vater verachtet hatte.

Sie machte einen höflichen Knicks, und er hielt sein Pferd an und sagte: »Guten Morgen, Miss Hayward. Es tut mir leid, daß Ihr Vater gestorben ist.«

»Es geschah ganz plötzlich, Mylord.«

»Mein Verwalter sagt, daß ich einen Ersatz für ihn brauche«, fuhr Lord Eldridge fort, »aber Sie können sich ruhig Zeit lassen und vorläufig noch im Pfarrhaus wohnen bleiben.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wo ich hingehen könnte.«

»Sie haben doch sicher Verwandte, nehme ich an?« fragte Lord Eldridge leichthin.

Er hatte ein unangenehmes rotes Gesicht.

Er hatte seinen Vater enttäuscht, denn man hatte ihn aus Oxford hinausgeworfen. Sein einziger Ehrgeiz schien es zu sein, Geld für ein ausschweifendes Leben auszugeben.

Sobald er den Titel geerbt hatte, hatten seine Vergnügungen im Eldridge Park das ganze Dorf schockiert. Und Udela war nicht überrascht gewesen, daß der Kirchenstuhl der Eldridges Sonntag um Sonntag leer blieb.

Aber jetzt war Lord Eldridge freundlich zu ihr, und sie sagte dankbar: »Nein, ich habe keine Verwandten, zu denen ich gehen könnte. Aber ich werde mir so rasch wie möglich eine Arbeit suchen, wenn ich das Pfarrhaus in Ordnung gebracht habe.«

»Dann ist ja alles in Ordnung«, sagte er.

Lord Eldridge wollte weiterreiten, aber sein Begleiter sagte: »Stelle mich der jungen, hübschen Dame vor, Edward. Vielleicht kann ich ihr helfen.«

Lord Eldridge sah ihn überrascht an und sagte dann: »Miss Hayward, darf ich Ihnen Lord Julius Westry vorstellen, der Ihre Bekanntschaft zu machen wünscht.«

Udela machte wieder einen Knicks, und Lord Julius stieg zur Überraschung seines Freundes vom Pferd und ging zu Udela hinüber.

»Ich habe Sie sagen hören, daß Sie eine Arbeit suchen, Miss Hayward. Haben Sie etwas Besonderes im Sinn?«

»Nein, Mylord«, erwiderte Udela. »Vielleicht könnte ich als Gouvernante tätig sein, ... ich habe Kinder sehr gern...«

»Sie sind für so einen Posten viel zu jung«, bemerkte Lord Julius. »Wie alt sind Sie?«

»Ich bin achtzehn Jahre alt, Mylord.«

Als sie sprach, sah sie ihn an und fand, daß er ihr nicht gefiel.

Er war groß und breitschultrig, aber seine Augen standen zu dicht beieinander und waren hart. Das gab seinem Gesicht einen furchterregenden Ausdruck.

»Ich glaube, ich kann Ihnen helfen«, sagte er. »Nehmen Sie keine feste Stellung an, bis Sie von mir hören.«

Er musterte sie kurz, und zwar nicht nur ihr Gesicht, sondern ihren ganzen Körper, was sie unbehaglich bemerkte.

Ihr wurde plötzlich bewußt, daß ihr Baumwollkleid, das sie schon seit einigen Jahren trug, ihre Figur abzeichnete, und während Lord Julius sie musterte, spürte sie, wie ihr die Farbe in die Wangen stieg.

»Vielen Dank, Mylord«, sagte sie.

»Warten Sie auf eine Nachricht von mir«, sagte er, und es klang wie ein Befehl.

Udela machte einen Knicks vor ihm, und dann noch einen vor Lord Eldridge.

Als sie mit ihren Blumen den Weg zum Friedhof entlangging, empfand sie plötzlich ein unerklärliches Bedürfnis zu laufen und immer weiter wegzulaufen, das sie sich nicht erklären konnte.

Da Lord Julius ihr befohlen hatte, auf seine Nachricht zu warten, hatte sie nicht, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte, an ein Arbeitsvermittlungsbüro geschrieben, das es ihres Wissens in Huntingdon gab.

Sie war sich nicht im Klaren darüber, was sie hätte schreiben sollen oder in welcher Eigenschaft sie sich hätte bewerben können.

Wie sie nur zu gut wußte, gab es für sie zwei Beschäftigungen, entweder als Gouvernante oder als Gesellschaftsdame tätig zu sein, und sie hatte das unbehagliche Gefühl, daß Lord Julius recht gehabt hatte, als er sagte, sie wäre für die Arbeit als Gouvernante viel zu jung.

Ich könnte ganz kleine Kinder betreuen, dachte Udela.

Als sie sich im Spiegel betrachtete, wünschte sie, sie würde älter aussehen.

Sie hatte Angst vor der Zukunft, aber sie hätte sich noch mehr gefürchtet, wenn sie das Gespräch zwischen Lord Julius und Lord Eldridge mitangehört hätte.

»Ich hätte nie gedacht, Edward, eine solche Schönheit hier in deinem Dorf zu finden«, sagte Lord Julius, als sie die staubige Straße entlangritten.

»Sie ist sehr hübsch«, gab Lord Eldridge zu.

»Hübsch!« rief Lord Julius. »Wenn sie gut gekleidet ist, und Mutter Crawley weiß, wie man die Mädchen anzieht, wird sie eine Sensation in London sein!«

»Das hast du also mit ihr vor!« rief Lord Eldridge.

»Natürlich!« erwiderte Lord Julius. »Ich bin immer auf der Suche nach geeignetem Material, aber ich ziehe nicht oft das große Los, wie ich es heute morgen getan habe.«

Sie ritten einige Minuten schweigend weiter.

Dann sagte Lord Eldridge: »Das arme kleine Ding! Sie tut mir leid. Aber ich glaube, es gibt keine andere Beschäftigung für sie.«

ZWEITES KAPITEL

Udela trank einen kleinen Schluck Limonade, und als sie das Glas vorsichtig wieder auf den Tisch zurückstellte, sagte der Herzog: »Und deshalb haben Sie auf einen Brief von Lord Julius gewartet. Aber es hätte Ihnen doch merkwürdig vorkommen müssen, daß ein Mann Ihnen eine Stellung anbot, nachdem er sie erst vor wenigen Minuten kennengelernt hatte.«

Udela erwiderte leise: »Um ehrlich zu sein, Sir, ich hoffte, er würde mich vergessen. Ich habe versucht, in der Gegend eine Stellung zu finden.«

»Was haben Sie unternommen?« fragte der Herzog.

»Im Nachbardorf gab es eine Dame, die eine Gouvernante für ihre zwei kleinen Söhne suchte. Ich habe mich bei ihr beworben.«

»Und was geschah?«

»Sie fand, daß ich für diese Stellung zu jung sei. Aber ich vermute, obwohl es vielleicht anmaßend klingt, daß ihr mein Aussehen mißfiel.«

Der Herzog gab ihr recht. Keine Frau würde eine Gouvernante anstellen, die so reizend aussah wie das Mädchen, das ihm gegenübersaß.

»Ich nehme an, Sie haben den Brief von Lord Julius erhalten?«

»Ja, Sir. Ich bekam ihn vor drei Tagen. Lord Julius schrieb mir, ich solle mit der Kutsche, die beim Two Headed Swan in Islington um halb sieben eintrifft, nach London kommen. Leider hatten wir unterwegs einen Unfall. Infolgedessen verspäteten wir uns sehr.«

»Aber die Kutsche wartete trotzdem auf Sie?«

»Lord Julius schrieb, sie würde da sein, und in dem Augenblick, als die Postkutsche eintraf, trat ein Diener zu mir und fragte mich, ob ich Miss Hayward sei.«

»Und Sie wußten immer noch nicht, wohin man Sie bringen wollte?«

»Nein. Lord Julius schrieb in seinem Brief, er habe eine geeignete Stellung für mich gefunden.«

Der Herzog schwieg, und Udela fuhr fort: »Ich fand es sehr freundlich von ihm. Weil er ein Freund unseres Landesherrn war, wußte er einiges über mich und wer meine Eltern waren...«

Ihre Stimme versagte. Mit sichtlicher Anstrengung hob Udela das Kinn und war entschlossen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

»Sie stiegen also in die andere Kutsche um?« sagte der Herzog. »Und was geschah dann? Was hat Sie so aufgeregt und was ließ Sie vermuten, daß die Stellung, die man Ihnen angeboten hatte, nicht das war, was Sie sich vorgestellt hatten?«

»Es... war... dies hier!«

Udela griff nach ihrem Handtäschchen. Es war jene Art Tasche, wie sie vor einigen Jahren in Mode gewesen war. Der Herzog vermutete, daß sie sie selbst angefertigt hatte.

Udela nahm zuerst ein Taschentuch heraus, mit dem sie sich verstohlen über die Augen wischte, ehe sie ein Blatt Papier entfaltete.

Sie stand auf und gab es dem Herzog.

Dann setzte sie sich wieder in den Sessel.

Der Herzog sah sofort, daß es ein billig gedrucktes Flugblatt war, von dem er vermutete, daß es an zahlreiche seiner Freunde und an diejenigen, die in den Clubs von St. James' verkehrten, ausgeteilt worden war.

Zweifellos war auch eines an ihn adressiert worden, aber sein Personal hatte sich nicht die Mühe gemacht, es ihm auszuhändigen.

Die Lippen des Herzogs verzogen sich verächtlich, als er las.

Mrs. Crawley sendet Ihren Kunden Ihre respektvollste Hochachtung und hat das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß sie soeben in Hay Hill 27 eine Lieferung unübertrefflicher Schönheiten aus Frankreich erhalten hat. Sie sind in jeder Neigung und jedem exotischen Reiz ausgebildet, wie jene es wünschen, die in den galanten Wissenschaften Experten sind.

Es stehen auch, zum Ergötzen der speziellen Kunden, mehrere taufrische junge Liebchen zur Verfügung, die direkt vom Land kommen und jung und frisch wie die Blumen sind, denen sie gleichen.

»Wo haben Sie diesen Schrieb gefunden?« fragte der Herzog.

»Auf dem Sitz in der Kutsche«, antwortete Udela. »Ich weiß nicht, weshalb ich ihn las. Aber ich war beunruhigt, weil ich keine Ahnung hatte, wohin ich gebracht wurde.«

»Aber Lord Julius' Brief trug doch sicherlich einen Absender?«

»Ja, er schrieb aus dem Club«, erwiderte Udela. »Ich glaube, der Club heißt White's.«

Die Lippen des Herzogs wurden schmal.

Zorn stieg in ihm auf, als ihm bewußt wurde, woher sein Bruder in letzter Zeit so ungewöhnlich viel Geld zu haben schien.

Er wußte jetzt auch, was Lady Marlene gemeint hatte, als er mit unangebrachter Loyalität seinem Bruder gegenüber sich geweigert hatte, anzuhören, was sie ihm hatte sagen wollen.

Seitdem der Herzog den Titel und das Vermögen seines Vaters geerbt hatte, war er seinem Bruder Julius ein ständiger Dorn im Auge gewesen, denn dieser beneidete ihn um seine Stellung als Familienoberhaupt und war entschlossen, sie zu seinem eigenen Vorteil auszunützen.

Der Herzog hatte ein Dutzend Mal die Schulden seines Bruders bezahlt, aber trotz aller Mahnungen, künftig sparsamer mit dem Geld umzugehen, kam Julius immer wieder und verlangte stets mehr.

Er war auch in zahllose unangenehme Situationen verwickelt gewesen, aus denen der Herzog ihn herausholte, nur um den Familiennamen zu retten.

Aber der Herzog hätte niemals gedacht, daß ein Mann, der den Namen Westry trägt, so tief sinken und sich als Zuhälter eines Bordells betätigen würde.

Was den Herzog dazu noch verstimmte, war das Bewußtsein, daß seine Freunde ihn nicht über Julius' Machenschaften informiert hatten.

Er vermutete, daß sie zu peinlich berührt gewesen waren, um ihm zu erzählen, was Julius trieb. Aber er erinnerte sich jetzt an die vielsagenden Blicke, die sie untereinander austauschten, wenn Mrs. Crawleys Name fiel.

Ihm wurde nun auch bewußt, daß die Gespräche oft abrupt abgebrochen wurden, wenn er sich seinen Bekannten näherte, oder daß sie das Thema rasch wechselten.

Die Mitglieder des Clubs debattierten immer ausführlich und eingehend über jedes neue Freudenhaus. Jetzt aber fiel ihm auf, daß sie in seiner Gegenwart über Mrs. Crawleys Etablissement, das erst vor drei oder vier Monaten eröffnet worden war, kaum gesprochen hatten.

Er wußte sehr gut, daß für Frauen, die mit den aristokratischen Lebemännern verkehrten, exorbitante Beträge gezahlt wurden. Obwohl er selbst niemals Vergnügen daran gefunden hatte, solche Häuser aufzusuchen, war er doch gelegentlich dazu gedrängt worden, sich Bekannten anzuschließen, besonders wenn es sich um Häuser handelte, in denen es auch noch Spieltische gab.

Er wußte, daß es viel Geld kostete, ein solches Haus zu eröffnen. Man nannte es oft auch ,Palast des Vergnügens' und er stellte sich mit wachsendem Zorn vor, daß Julius, um eine solche Summe zusammenzubekommen, von Wucherern Geld geliehen haben mußte, in der Erwartung, das Herzogtum zu erben.

Sein Ärger zeigte sich in seinem Gesicht, und Udela fragte ängstlich: »Sie sind zornig... es tut mir leid, wenn ich etwas gesagt haben sollte, was Sie erzürnt hat...«

»Ich bin empört darüber, daß ein junges, unschuldiges Mädchen nach London gelockt wurde«, erwiderte der Herzog mit beherrschter Stimme.

»Ich vermute jetzt, daß ich in eines dieser verworfenen Häuser gebracht werden sollte, vor denen Papa die Dorfmädchen immer gewarnt hat.«

»Hatte Ihr Vater Veranlassung dazu, das zu tun?« fragte der Herzog.

»Ja, denn einige Mädchen wollten unbedingt in Londoner Häusern arbeiten, weil sie dort mehr Geld verdienten als auf dem Land.«

»Aha, und zog Ihr Vater Erkundigungen für sie ein?«

»Ja. Er tat es mit großer Sorgfalt. Er hatte erfahren, daß die Mädchen manchmal, wenn sie in London eintrafen, von boshaften Frauen empfangen wurden, die ihnen kostenlos eine Fahrt in einer bequemen Kutsche anboten. Danach wurden die Mädchen aber nie wieder gesehen.«

»Und deshalb fürchteten Sie, daß es Ihnen ähnlich ergehen könnte?« fragte der Herzog.

»Ich hätte mir nie vorgestellt... ich hätte mir nie träumen lassen, ... daß ein Freund von Lord Eldridge so etwas tun würde. Nachdem ich das Flugblatt in der Kutsche gelesen hatte, bekam ich Angst.«

»Und das mit Recht.«

Udela holte tief Luft.

»Und als dann die Kutsche hielt...«, begann sie, aber ihre Stimme starb ab.

»Das war vermutlich vor dem Haus in Hay Hill«, sagte der Herzog.

»Ja. Das Haus war hell erleuchtet, und die Haustür stand weit offen. Herren mit Zylinder und in Mänteln mit Samtkrägen gingen hinein, und man hörte Musik... «

»Und deshalb vermuteten Sie, daß es sich um das Haus handelte, von dem auf dem Flugblatt die Rede war.«

»Ich fragte mich, was ich tun sollte«, sagte Udela. »Dann kam ein Mann aus dem Haus und sagte dem Kutscher, der abgestiegen war: ,Bring sie sofort zur Rückseite des Hauses, du Narr!' Da war ich sicher, absolut sicher, daß dies kein Privathaus war, sondern ein Freudenhaus.«

»Und was haben Sie getan?«

»Ich öffnete die Tür auf der anderen Kutschenseite und sprang auf die Straße. Als ich sie entlanglief, hörte ich einen der Männer schreien. Ich wußte, daß sie mich verfolgen würden und rannte, bis ich Sie sah...« Ihre Stimme wurde nun sehr leise: »Ich danke Ihnen, ... daß Sie mich gerettet haben ... Gott muß mir im letzten Augenblick geholfen haben.«

Sie fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen.

Der Herzog fand, daß sie, nach einer Prüfung, die jedes Mädchen außer Fassung gebracht hätte, sehr tapfer war.

Er wußte, daß sie recht hatte, als sie sagte, die Zuhälter der Freudenhäuser, sowohl der teuren als auch der billigen, pflegten die jungen Mädchen an den Poststationen abzufangen.

Sie lockten sie in eine Kutsche und versprachen ihnen einen lukrativen Arbeitsplatz, und dann setzten sie sie unter Drogen und drangsalierten sie so lange, bis sie nicht mehr entrinnen konnte.

Udela hatte in der Tat großes Glück gehabt. Als der Herzog sie ansah, verstand er, weshalb sein schändlicher Bruder geglaubt hatte, sie wäre für Mrs. Crawleys Haus eine Bereicherung.

Sie war außergewöhnlich schön und hatte etwas Frisches und Unschuldiges an sich, das sie noch jünger als achtzehn Jahre aussehen ließ.

Sie besaß eine Anmut, wie man sie bei den Ballettänzerinnen von Covent Garden erwartet hätte. Ihre Gesichtszüge waren vollkommen, ihre Hände zierlich und graziös.

Als der Herzog in ihre unschuldigen großen Augen sah, konnte er sich kein Mädchen vorstellen, das ungeeigneter für die Art von Leben gewesen wäre, das sein Bruder ihr zugedacht hatte.

Ihre Schönheit mußte seinen Bruder in Versuchung geführt haben, sie auszunützen. Aber der Herzog fragte sich, wie sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen sollte, ohne jemanden zur Seite zu haben, der sie beschützte.

Als erriete sie, was er dachte, sagte Udela ängstlich: »Ich möchte Ihnen nicht länger zur Last fallen, Sir, ... ich muß irgendwo übernachten, ... aber mein ganzes Gepäck ist in der Kutsche zurückgeblieben...«

»Ich werde Sie für heute Nacht irgendwo unterbringen«, erwiderte der Herzog. »Aber was werden Sie morgen tun?«

Sie machte eine hilflose Geste und sagte: »Ich werde wieder nach Hause zurückkehren. Ich kann zwar nicht länger im Pfarrhaus wohnen, ... aber ich bin sicher, im Dorf gibt es jemanden, der mich bei sich aufnimmt, bis ich eine Arbeit gefunden habe.«

»Besitzen Sie Geld?« fragte der Herzog.

Sie blickte auf ihre Hände, und er bemerkte, daß sie errötete.

»Sie dürfen mir die Wahrheit nicht verschweigen, Miss Hayward«, sagte er. »Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie aufrichtig sind.«

»Ich möchte einem Fremden nicht zur Last fallen«, sagte sie zögernd.

»Ich finde, es wäre besser, wenn Sie in mir Ihren Retter sehen und keinen Fremden«, erwiderte der Herzog mit einem schwachen Lächeln. »Und wenn ich Ihnen weiterhelfen soll, muß ich wissen, was Sie besitzen.«

»Ich erbte von meinem Vater etwas Geld, als er starb«, sagte Udela. »Und ich verkaufte die Möbel. Ich glaube, weil die Dorfbewohner ihn sehr gern gehabt haben, gaben sie mir mehr, als die Sachen eigentlich wert waren. Aber am Ende blieb doch nur wenig übrig.«

»Wieviel?« fragte der Herzog gerade heraus.

»Nur... neun Pfund.«

»Und davon haben Sie Ihre Fahrt nach London bezahlt? «

»Ja. Aber ich habe immer noch sechs Pfund.«

»Und das ist alles, was Sie besitzen?«

»Ja. Papa war mehrere Monate lang krank, ehe er starb. Die Medikamente und die Diät, die der Doktor ihm verschrieb, waren sehr teuer.«

Sie sah den Herzog an. Er glaubte, sie wollte ihm damit sagen, daß sie nicht verschwenderisch mit dem Geld umgegangen war, sondern nur das ausgegeben hatte, was absolut notwendig war.

»Dann gibt es also zwischen Ihnen und dem Verhungern lediglich sechs Pfund«, sagte er nach einer Weile.

»Ich bin sicher, ich werde eine Arbeit finden.«

Das klang nicht sehr zuversichtlich, und der Herzog sah, daß sie sich fürchtete.

Er stand wortlos auf und füllte sein Glas aus der Champagnerflasche, die in einem Eiskübel auf dem Tablett stand.

Er warf einen Blick auf Udelas Glas. Es war immer noch halb voll.

»Haben Sie Hunger? Hätten Sie gern etwas zu essen?« fragte er.

»Nein, danke. Ich habe Brot und Käse gegessen, als an der vorletzten Poststation die Pferde gewechselt wurden. Für die anderen Passagiere, die es sich leisten konnten, gab es eine volle Mahlzeit, aber ich brauchte nur Brot und Käse.«

»Es würde keine Mühe bereiten, Ihnen etwas vorzusetzen.«

»Nein, danke. Ich möchte Ihre Gastfreundschaft nicht weiter in Anspruch nehmen.«

Der Herzog sah, daß sie sich im Zimmer umblickte. Er nahm an, ihr wurde erst jetzt bewußt, daß sie sich allem mit einem fremden Mann in diesem Raum aufhielt.

Er ging mit dem Champagnerglas in der Hand zum Kamin und stellte sich mit dem Rücken davor, wie es seine Gewohnheit war.

Da es Sommer war, brannte darin kein Feuer. Der Kamin war mit Pflanzen, und Blumen gefüllt, die vom Oswestry House in Kent gebracht worden waren.

Der Herzog nahm ihren Duft nicht wahr, ja, er bemerkte die Blumen in diesem Augenblick nicht einmal.

Er war sich nur bewußt, daß Udela, die sehr aufrecht am Rand des Sessels saß, ihn mit ihren großen fragenden Augen ansah, und daß ihr ganzer Körper angespannt war.

»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen«, sagte der Herzog nach einer Weile. »Aber zuerst möchte ich Ihnen sagen, daß Sie heute in meinem Haus übernachten können. Meine Haushälterin wird sich um Sie kümmern.«

»Hier übernachten?« fragte Udela fast unhörbar.

»Ja. Und Sie werden nicht nur von meinem Personal bedient werden, sondern Sie haben auch eine kompetente Anstandsdame«, sagte der Herzog. »Meine Großmutter, die Herzogin von Oswestry, traf heute Nachmittag in meinem Haus ein.«

Udela sagte zögernd: »Soll das heißen... daß Sie...«

»Ja, ich bin der Herzog von Oswestry.«

»Ich habe schon von Ihnen gehört, ... ich hätte es mir natürlich denken können...«

»Wieso?« fragte der Herzog.

»Sie sehen so... bedeutend aus, so... großartig. Sie konnten nur ein Herzog sein oder ein Prinz.«

Der Herzog lachte.

Er wußte, daß Udela arglos sprach und ihm nicht schmeicheln wollte, sondern wie ein Kind sagte, was ihr in den Sinn kam.

Er dachte, daß dies vielleicht das ehrlichste Kompliment war, das er je gehört hatte.

»Vielen Dank«, sagte er, »aber ich glaube, ich sage Ihnen am besten, daß Lord Julius Westry mein Bruder ist.«

Udela stieß einen entsetzten Schrei aus. Vor Furcht sprang sie auf und wäre am liebsten davongelaufen.

»Ich möchte mich für das abstoßende Verhalten meines Bruders entschuldigen«, sagte der Herzog ruhig. »Bitte glauben Sie mir, wenn ich sage, daß ich alles tun werde, um Ihnen zu helfen und das wieder gutzumachen, was Sie durch meinen Bruder gelitten haben.«

Sie sah ihn an und versuchte sich schlüssig zu werden, ob sie ihm glauben oder ob sie lieber fliehen sollte.

Ihre Blicke trafen sich. Und mit einem Feingefühl, über das er selbst überrascht war, wußte er, daß sie spürte, sie konnte ihm vertrauen, und daß es für sie keinen Grund gab, sich so zu ängstigen. Er konnte fast ihre Gedanken lesen, denn sie spiegelten sich in ihren seltsamen grauen Augen.

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie zaghaft.

»Ich versichere Ihnen, daß ich mich für das Verhalten meines Bruders schäme und mich durch ihn gedemütigt fühle. Es ist nicht das erste Mal.«

Udela setzte sich wieder hin.

Dann fragte sie ängstlich: »Sind Sie sicher, daß es Ihnen recht ist, wenn ich hierbleibe? Ich möchte Ihnen wirklich nicht zur Last fallen.«

»Sie fallen niemandem zur Last«, erwiderte der Herzog.

Er zog an der Klingelschnür. Wenige Sekunden später ging die Tür auf, und ein Diener trat ein.

»Richten Sie bitte Mrs. Field aus, daß Miss Hayward heute hier übernachtet«, sagte der Herzog. »Ihr Gepäck ist während der Reise nach London leider verlorengegangen. «

»Sehr wohl, Euer Gnaden.«

»Und sagen Sie Mrs. Field, ich werde sie in Kürze zu mir bitten, damit sie Miss Hayward in ihr Zimmer begleitet.«

Als der Diener die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte Udela: »Danke. Vielen Dank.«

»Ich würde Ihnen gern einen Vorschlag machen, wenn Sie damit einverstanden sind«, sagte der Herzog.

»Natürlich.«

»Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll«, begann der Herzog, »aber ich möchte nicht nur Ihnen helfen, sondern auch mir selbst. Das mag seltsam für Sie klingen. «

»Es wäre wunderbar, wenn ich Ihnen helfen könnte, nachdem Sie so freundlich zu mir waren.«

»Ich glaube, durch das unerhörte Verhalten meines Bruders stehe ich mehr in Ihrer Schuld als Sie in der meinen«, erwiderte der Herzog. »Aber vergessen wir das im Augenblick und vergegenwärtigen wir uns, daß Sie, wenn Sie dieses Haus hier verlassen, kein Dach über dem Kopf haben, und wenn wir ehrlich sind, auch keine großen Aussichten haben, eine angemessene Stellung zu finden.«

»Ich habe mich immer und immer wieder geprüft«, sagte Udela. »Aber ich fürchte, meine Fähigkeiten sind nicht gut verkäuflich.«

»Ich glaube, die meisten Menschen würden ähnlich denken, wenn sie plötzlich ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen müßten.«

»Es ist sehr beschämend, vor allem weil Papa so sehr darauf bedacht war, daß ich eine gute Erziehung erhielt. Mama brachte mir das Klavierspielen bei, wenn auch nicht so gut, daß ich als Pianistin auftreten könnte.«

»Ich glaube nicht, daß das Konzertpodium oder die Bühne der richtige Platz für Sie wären«, sagte der Herzog trocken.

»Ich kann kochen«, fuhr Udela eifrig fort. »Ich habe für Papa immer ausgefallene Speisen zubereitet, die er gern aß, und die unsere alte Mrs. Gibbs überforderten. Aber ich glaube nicht, daß mich irgendjemand als Köchin anstellen würde.«

»Ich kann Sie mir, ehrlich gesagt, nicht in einer Küche vorstellen.«

»Es sieht so aus, als könnte ich weder als Gouvernante noch als Dienstmädchen arbeiten«, sagte Udela. »Was könnte ich sonst noch tun?«

Der Herzog spürte, daß sie an die Beschäftigung dachte, die Lord Julius für sie im Sinn gehabt hatte.

Er sah, wie die Furcht wieder in ihre Augen trat. Sie preßte die Hände aneinander, als wolle sie dadurch verhindern, vor Entsetzen aufzuschreien.

»Ich möchte Ihnen etwas ganz anderes vorschlagen«, sagte der Herzog ruhig.

Er hielt kurz inne und wählte seine Worte sehr sorgfältig, als er sagte: »Ich befinde mich in einer unangenehmen Lage, die ich Ihnen nicht näher erklären möchte. Es wäre eine große Hilfe für mich, wenn ich der Welt klarmachen könnte, und besonders einer bestimmten Person, weshalb es mir unmöglich ist, sie zu heiraten.«

Udela blickte ihn fragend an, schwieg aber und der Herzog fuhr fort: »Mein Vorschlag würde sowohl Ihr Problem als auch das meine lösen, vorausgesetzt Sie sind damit einverstanden, daß wir beide für kurze Zeit so tun, als wären wir miteinander verlobt.«

Udela sah ihn erstaunt an.

Der Herzog fuhr rasch fort: »Ich möchte es ganz deutlich machen, eine Ehe zwischen uns beiden kommt nicht in Frage. Ich habe überhaupt nicht vor, in den nächsten Jahren zu heiraten. Aber wenn ich jetzt einer bestimmten Person beweisen könnte, daß ich verlobt bin, und wenn ich meine Freunde glauben lassen könnte, daß es sich um eine ernste Verbindung zwischen uns handelt, dann würde mich dies, wie gesagt, aus einer schwierigen und unangenehmen Situation befreien.«

»Sie meinen, das würde Ihnen wirklich helfen?«

»Ja, sehr viel.«

»Dann tue ich natürlich, was Sie wünschen. Aber würden Ihre Freunde glauben, daß Sie sich überhaupt mit jemandem wie mir verloben könnten?«

Der Herzog lächelte.

»Sie können sich nicht im Spiegel betrachtet haben, Miss Hayward, oder sollte ich lieber Udela sagen, wenn Sie den Grund eines Mannes bezweifeln, weshalb er Sie heiraten möchte.«

»Aber ich bin völlig unbedeutend und unscheinbar neben den eleganten Damen, mit denen Sie zweifellos gewöhnlich verkehren.«

Während sie sprach, dachte sie an die Zeichnungen in den Modejournalen, die ihre Mutter manchmal gekauft hatte oder an die Gäste, die im Eldridge House verkehrt hatten, als die Mutter des jetzigen Besitzers noch lebte.

Wenn sie die Damen in der Kirche sah, im Winter mit Zobelpelzen bekleidet und im Sommer in Mänteln aus Samt oder Taft, dann hatte sie immer gefunden, daß sie wie Wesen aus einer anderen Welt aussahen.

Als sie daran dachte, empfand sie kraß den Unterschied zwischen dem schlichten, alten Kleid, das sie sich selbst genäht hatte und dem Luxus und der Schönheit des Raumes, in dem sie und der Herzog jetzt saßen.

Als erriete der Herzog ihre Gedanken, sagte er: »Wenn Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind, daß ich Sie der Welt als meine künftige Frau vorstelle, verspreche ich Ihnen, auch für Ihre passende Garderobe zu sorgen.«

»Sie meinen, Sie wollen mir Kleider kaufen?« fragte Udela überrascht.

»Ich kann schwerlich erwarten, daß Sie sich von den sechs Pfund, aus denen Ihr ganzes Vermögen besteht, voll einkleiden können.«

Udela antwortete nicht. Sie sah sich im Zimmer um und ihr Profil mit der kleinen geraden Nase und dem energischen Kinn hob sich vor dem Bücherregal hinter ihr ab.

Sie ist reizend, dachte der Herzog, so reizend, daß niemand auch nur einen Augenblick lang an meinen Heiratsabsichten zweifeln wird.

Er spürte, daß sie sich unwohl fühlte und sagte: »Was bekümmert Sie?«

»Ich habe eben daran gedacht, daß es nicht richtig ist, wenn Sie meine Garderobe bezahlen«, sagte Udela. »Vielleicht könnten Sie mir ein wenig Geld leihen. Ich bin nicht anspruchsvoll, und wenn ich später eine Arbeit finde, werde ich alle meine Schulden zurückzahlen.«

Der Herzog glaubte einen Augenblick lang, sie scherze.

Er hatte bisher noch keine Frau kennengelernt, gleichgültig aus welcher Gesellschaftsschicht, die nicht bereit gewesen wäre, von ihm die teuersten Geschenke anzunehmen. Und diese Geschenke bestanden, soweit es seine Geliebten betraf, vorwiegend aus Pelzen, Juwelen und den teuersten Kleidern.

»Ich sehe, daß ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt habe«, sagte er. »Wenn Sie die von mir vorgeschlagene Rolle spielen wollen, werden Sie für Ihre Dienste genauso entlohnt, wie wenn Sie irgendeine andere Arbeit verrichten würden. Ich weiß nicht genau, wie lange ich Sie in Anspruch nehmen werde. Aber ich kann Ihnen versichern, daß Sie in Anbetracht Ihrer Dienste, nicht nur mit allem versehen werden, was Sie brauchen, sondern daß ich Ihnen tausend Pfund bezahlen werde, wenn wir uns wieder trennen.«

»Eintausend Pfund!«

Udela brachte die Worte kaum heraus. Aber dann sagte sie: »Nein, natürlich nicht! Ich kann eine solche Summe unmöglich annehmen.«

»Über diesen Punkt werde ich nicht mit Ihnen streiten«, sagte der Herzog. »Aber ich prophezeie Ihnen, wenn Sie einige Monate lang meine Verlobte gespielt haben oder selbst nur wenige Wochen, wird Ihnen dieser Betrag sehr gering vorkommen, und Sie werden mehr von mir fordern.«

»Wie können Sie auch nur einen Augenblick lang denken, daß ich so undankbar sein könnte«, sagte Udela schockiert. »Bitte... Euer Gnaden... Wenn Sie mir so viel Geld geben wollen, dann kann ich meine Garderobe davon leicht selbst bezahlen.«

»Wieder müssen Sie mir gestatten, daß ich meinen Willen durchsetze«, erwiderte der Herzog. »Ich werde auch diesen Punkt in unseren Vertrag aufnehmen.«

Während er sprach, dachte er daran, daß er bisher oft übervorteilt, getäuscht und erpreßt worden war, und jetzt wollte er Vorsorge treffen, um dies für künftige Fälle zu verhindern.

»Ich werde alles notieren, was ich von Ihnen verlange, und Sie werden es unterschreiben. Dann sind wir sicher, daß jeder von uns sein eigenes Leben weiterführen kann, wenn Sie mich schließlich verlassen, und es wird keine Einwände und Klagen geben.«

»Wie können Sie auch nur einen Augenblick denken, daß ich mich später mit Ihnen auseinandersetzen könnte?« fragte Udela. »Aber sind Sie sicher, daß Sie dies alles auch wirklich von mir wünschen, Euer Gnaden?«

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9781788675413
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