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Axel Rudolph

Der Mann aus Rio

Kriminalroman

Saga

Der Mann aus Rio

© 1934 Axel Rudolph

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711445068

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel

„Abgelehnt!“ Kriminalkommissar Dr. Holk wirft die Mitteilung, die den Briefkopf „Der Polizeipräsident“ trägt, ärgerlich und so laut auf den Tisch, daß sein Kollege Borup verwundert von seiner Arbeit aufsieht.

„Was haben Sie denn, Holk?“

„Da! Lesen Sie selbst!“ Dr. Holk wirft dem Kollegen das Schreiben hin. „Unser hoher Chef findet nach Durchsicht meines ausführlichen Memorandums keinen hinreichenden Grund, die dauernde polizeiliche Überwachung Olaf Wests anzuordnen! Natürlich! Erst muß das Unglück geschehen sein, ehe der Brunnen zugedeckt wird! Erst muß der tüchtige Olaf wieder ein schweres Ding gedreht haben, ehe ...“

„Na, na, na, seien Sie friedlich, Holk!“ Der Kriminalkommissar Borup gibt das Blatt zurück und legt dem Erregten die Hand auf die Schulter. „Alles gut und schön. Aber Ihre Idee mit dem Olaf West also — offen gestanden —, da kann ich auch nicht mit.“

„Wenn Sie nur einsehen wollten, Borup ...“

„Ich weiß.“ Borup winkt beruhigend ab. „Ich weiß alles, was Sie sagen wollen, lieber Holk. Ich hab’ Ihnen bisher auch in dieser Sache die Stange gehalten. Ich sagte mir: Es bestehen zwar tatsächlich keine Verdachtsgründe gegen West, aber wenn Holk es in den Fingerspitzen fühlt, daß er der Mann ist, den wir suchen, dann muß etwas dran sein. Na, und da hab’ ich — genau wie Sie selbst — mir diesen Olaf West unter die Lupe genommen, ihn sozusagen umgekrempelt wie einen alten Anzug, der als Corpus delicti vor mir liegt. Sehen wir uns einmal ruhig das Ergebnis an. Bestehen bleibt die Tatsache, daß wir in den letzten zwei Jahren zwei verwegene Einbruchsfälle hier in Kopenhagen gehabt haben, die noch nicht aufgeklärt sind. Bestehen bleibt ferner die Tatsache, daß dieser Olaf West, der vor drei Jahren aus Amerika in die alte Heimat zurückgekommen ist, drüben im Zuchthaus von Atlanta anderthalb Jahre wegen eines Einbruchs gesessen hat und daß unsere New-Yorker Kollegen ihn lange Zeit im Verdacht hatten, einer gefährlichen Gangsterbande anzugehören. Nachweisen konnten sie es ihm allerdings nicht.“

„Fügen Sie hinzu, Borup,“ wirft Dr. Holk lebhaft ein, „daß erwiesenermaßen bei beiden noch unaufgeklärten Einbrüchen der Kerl, der West, irgendwo in der Nähe des Tatortes gesehen worden ist, und zwar kurz nach der Zeit, zu der die Einbrüche stattgefunden haben müssen!“

„Ich wollte eben darauf kommen,“ beschwichtigt Borup und schneidet gedankenvoll mit der großen Schere ein Blatt Papier in lange, saubere Streifen. „Die Folge dieser Tatsache war, daß wir Herrn Olaf West uns herbestellt und verhört haben. Gründlich verhört, das werden Sie mir zugestehen, lieber Holk, denn Sie waren ja selber dabei. Was ist dabei herausgekommen? Nichts als die Tatsache, daß der Mann seine Anwesenheit in der Nähe des Tatorts zu dem fraglichen Zeitpunkt durchaus nicht bestritt, und daß er einwandfrei nachweisen konnte, was er dort, wo er gesehen wurde, zu tun hatte. Ja, noch mehr, er konnte auch für die übrige in Frage kommende Zeit ein Alibi nachweisen.“

„Ach, Alibi!“

„Ganz recht, Holk. Als Kriminalist ist man gegen jedes Alibi mißtrauisch. Ich habe auch trotz der harmlosen Erklärung, die das Auftauchen Wests fand, im stillen den Mann weiter beobachtet. Aber ich muß gestehen, ich habe dabei nicht das geringste Verdächtige gefunden. Olaf West ist seit genau drei Jahren hier in Kopenhagen ansässig und polizeilich gemeldet. Er bewohnt zwei möblierte Zimmer bei einer Frau Eriksen in der Colbjörnsonsgade, dicht hinter dem Bahnhof. Er ist seit fast drei Jahren als Kontorist angestellt bei der Firma Skovbäk & Co., Kohlenexport, und bezieht ein Monatsgehalt von 260 Kronen. Er befindet sich jeden Werktag von 9 Uhr bis 5 Uhr in den Büros der Firma am Halmtorv. Reisen hat er in dieser Zeit nicht gemacht. Nur voriges Jahr, während seines achttägigen Sommerurlaubs, hat er sich einen Ausflug nach Kullen geleistet und jenseits des Oeresundes am Strande gelegen und sich gesonnt. Er spielt nicht, er macht keine verdächtigen Geldausgaben, er hat keine noblen Passionen, er sendet und empfängt keine verdächtige Post. Der einzige Fehler, den man dem Mann nachweisen kann, ist der, daß er alle vier Wochen mal so etwas wie einen kleinen Rappel kriegt und einen Samstag und Sonntag sich in den Kneipen restlos betrinkt. Aber auch dabei gibt er nicht mehr Geld aus, als es seinen Verhältnissen entspricht. Er verkehrt nicht mit verdächtigen Personen. In den Ganoven- und Ringvereinskreisen kennt man ihn nicht. Sein ganzer Umgang, der sich feststellen ließ, sind ein paar seiner Arbeitskollegen und -kolleginnen. Außerdem besucht er ab und zu ein Mädel namens Paula Larsen in Christianhavn, die nicht gerade einen guten Ruf genießt in puncto Moral. Aber Sie, lieber Holk, wissen so gut wie ich, daß diese Paula Larsen zufällig zu unseren Vigilanten gehört und uns schon manchen wertvollen Fingerzeig gegeben hat. Sie hat auch unseren Auftrag, den Olaf West unauffällig auszuhorchen, prompt ausgeführt, aber mit absolut negativem Resultat. Fest steht jedenfalls, daß dieses kleine Verhältnis des West mit der Paula Larsen kein kriminalistisches Interesse für uns hat.

Das Endergebnis: Olaf West mag früher, drüben in Amerika, auf die schiefe Bahn gekommen sein. Seitdem er wieder hier in Kopenhagen ist, hat er nicht nur sich ausgezeichnet geführt, sondern sein Leben gibt uns auch nicht den geringsten Anhaltspunkt für irgend etwas Mystisches oder Verdächtiges. Wenn ich nicht wüßte, daß der Mann drüben gesessen hat, so würde ich ihn auf Grund meiner Beobachtungen und Ermittlungen gradezu für das Muster eines soliden, anständigen Junggesellen erklären. Oder sollten Sie, lieber Holk, zu anderen Resultaten gekommen sein?“

Dr. Holk schüttelt stumm den Kopf und schweigt. Sein Blick fährt gereizt über die mit Papieren bedeckte Tischplatte, folgt mechanisch den Papierstreifen, die von Borups Schere langsam herabringeln.

Alles, was Borup da sagt, weiß er selbst längst. Und doch machen die Worte starken Eindruck auf ihn. Denn es ist ja Borup, der so spricht, Karl Borup, der beste Freund und Kollege und nebenbei noch der gefürchtetste und erfahrenste Kriminalist der gesamten dänischen Polizei, Kommissar Borup, den die Verbrecherwelt von Kopenhagen bis Stockholm so haßt und fürchtet, daß er fast populär bei ihr ist. Wenn der sagt, daß Olaf West unverdächtig ist, Borup, dieser kühle, ruhige Rechner und Verstandesmensch, dann ... ja dann muß wohl doch ...

„Und ich habe doch recht!“ Dr. Holk schlägt plötzlich heftig mit der Faust auf den Tisch, und seine Augen bekommen einen fast fanatischen Glanz. „Ihr mögt alle sagen, was ihr wollt! Beweisen kann ich’s leider nicht, aber ich weiß so sicher wie nur etwas, daß dieser Olaf West der Mann ist, den wir alle suchen. Und eines Tages werde ich’s herauskriegen, Borup! Verlassen Sie sich darauf!“

Kommissar Borup lächelt ruhig. Der Kriminalassistent Hedekranz lächelt, die Kollegen, die durch die offene Tür zum Nebenbüro die lebhafte Unterhaltung mit angehört haben, zucken ebenfalls die Achseln und lächeln sich verstohlen an. Der gute Dr. Holk. Man kennt ja nun schon seit langem seine Marotte, die fixe Idee, daß dieser Kontorist West ein gefährlicher Gangster ist. Scheint ein bißchen Psychose dabei zu sein, weil der Mann aus Amerika gekommen und drüben mal mit dem Strafgesetz in Konflikt gewesen ist.

„Die Zeitungen, Herr Kommissar!“

Der Kriminalassistent hat schon eine ganze Weile mit einem Packen Zeitungen in der Hand dagestanden und legt sie nun still vor Dr. Holk auf den Tisch. Karl Borup nickt noch einmal dem Freund vertraulich zu und schwingt sich von der Schreibtischkante herunter, um in seinem Büro nebenan weiterzuarbeiten.

Dr. Holk überfliegt, immer noch verdrießlich, die Zeitungsblätter, in denen der Assistent bereits sorgsam die verdächtigen Anzeigen mit Rotstift angezeichnet hat. Viel ist es heute nicht. Ein Stellenangebot mit Kautionsforderung, das nicht ganz „sauber“ zu sein scheint, ein etwas dunkles Darlehnsangebot unter Chiffre. Und dann eine Heiratsanzeige:

„Ausländer, Anfang Dreißig, sympathische Erscheinung, in durchaus geordneten Verhältnissen lebend, sucht die Bekanntschaft eines jungen, blonden Mädels, das lebenslustig und eine gute Tänzerin ist und geneigt wäre, in Übersee ein kleines freundliches Heim zu gründen. Vermögen Nebensache. Zuschriften unter ‚Ernstgemeint‘ P. B. 1000 an die Expedition des Blattes.“

Dr. Holk liest diese Anzeige zweimal durch und sieht dann fragend zu seinem Assistenten auf. Aller Verdruß und Ärger ist plötzlich aus seinen Zügen verschwunden. Die Augen blicken wieder scharf und wach.

„Übersee — blondes Mädel — Tänzerin — lebenslustig — Vermögen Nebensache. — Oho! Das klingt ja fast gerade wie im vorigen Jahr die Inserate von dem verdammten Südamerikaner, der uns im letzten Augenblick doch noch durch die Lappen ging! Teufel auch, das wäre! Wenn wir endlich mal diesem berüchtigten Mädchenhändler auf die Fährte kommen könnten!“

„Ich hab’ auch schon daran gedacht, Herr Doktor!“ Der Assistent weist mit einer leichten Handbewegung auf das Inserat. „Es wäre wohl angebracht, sich den Herrn mal näher anzusehen. Soll Frau Kjär Offerte einlegen?“

„Frau Kjär?“ Dr. Holk lehnt sich weit in seinem Stuhl zurück und streicht sich nachdenklich über die Stirn. „Nee, mein Lieber, das machen wir diesmal anders. Unsere gute Kjär ist eine tüchtige Beamtin, aber für die Rolle eines ‚jungen, lebenslustigen Mädels‘ eignet sie sich wirklich nicht. Außerdem: Wenn es sich hier wirklich um diesen mit allen Salben gesalbten Mädchenhändler handelt, dann dürfen wir ihm die Kjär nicht schicken. Überhaupt keine von unseren Beamtinnen, denn der Kerl kennt wahrscheinlich unsere ganze Garde. Wir wollen mal — wissen Sie was?“ Dr. Holk hebt, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, lebhaft den Kopf. „Rufen Sie mir doch mal unsere kleine Stenotypistin Fräulein Vinge!“

*

„Herr Kommissar?“

Dr. Holk betrachtet wohlwollend das junge Mädchen, das, Bleistift und Stenogrammblock in der Hand, an der Tür steht.

„Kommen Sie mal her, Fräulein Vinge. Setzen Sie sich. Nee, Diktat — jetzt nicht. Etwas ganz anderes. Sagen Sie mal, wie alt sind Sie eigentlich?“

„Einundzwanzig.“ Ellen Vinge schaut verdutzt drein. Der Kommissar schmunzelt.

„Sie haben Ihre Arbeit bisher stets zu meiner Zufriedenheit erledigt, Fräulein Vinge. Aber wie wäre es, wenn ich Ihnen nun mal etwas ganz anderes anvertrauen würde?“

„Das wär’ nett von Ihnen, Herr Doktor.“ Ellens helle Augen blitzen vor Vergnügen, die Assistenten lächeln, und auch Dr. Holk freut sich über die kecke Antwort. Es geht etwas Helles und Frohes aus von diesem blonden Mädel, etwas, das an die grünen Buchenwälder draußen bei Klampenborg gemahnt und den blauen Sund mit den weißen kleinen Segeln, irgend etwas Sommerliches, Sonniges, das die ganze graue Atmosphäre von Aktenstößen und Protokollbündeln auf einmal heller macht.

„Tja. Und — hm — sind Sie schon verlobt, Fräulein Vinge?“

„Noch nicht.“ Ellens Augen streifen unwillkürlich die ringlose Hand des Junggesellen Holk und sehen dann mit komischem Entsetzen mitten in sein Gesicht. So deutlich steht die Frage darin, sprühen die Spottteufelchen, daß Dr. Holk lachend auf den Tisch schlägt.

„Zum Donnerwetter, ich will Ihnen keinen Heiratsantrag machen, Fräulein Vinge! Ich frage Sie nur, weil ich Sie bitten will, uns in einem besonderen Fall zu helfen. Lesen Sie sich mal das Inserat hier durch!“

„Wir haben Grund zu der Annahme, daß es sich hier um einen gefährlichen Burschen handelt,“ fährt er fort, als Ellen die Zeitung wieder hinlegt und ihn fragend ansieht. „Ihre Aufgabe wäre es, zunächst einmal diese Anzeige zu beantworten, mit dem Mann in Briefwechsel zu treten, später dann seine persönliche Bekanntschaft zu machen und herauszukriegen, was mit ihm los ist.“

„Fein!“ Ellen Vinge reckt sich stolz. Endlich mal etwas anderes als Diktate aufnehmen und Tag für Tag langweilige, endlose Protokolle und Berichte abtippen. Dr. Holk betrachtet ihr freudestrahlendes Gesicht mit unverhohlenem Wohlwollen.

„Trauen Sie sich diese Sache zu, Fräulein Vinge?“

„Warum denn nicht? Das ist doch einfach.“

„Nun, so ganz einfach ist das gar nicht. Es gehört immerhin ein bißchen Überlegung dazu, kleines Fräulein. Vor allem darf der Mann natürlich nicht ahnen, daß Sie ausgerechnet bei der Polizei beschäftigt sind. Sonst springt er ab. Mädchenhändler, die sich als Opfer grade jemand aussuchen, der bei der Polizei angestellt ist oder — sagen wir mal — verwandtschaftliche Beziehungen zur Polizei hat, gibt es nur im Film. Die wirklichen hüten sich vor solchen Komplikationen. Sie müssen ihm vorlügen, daß Sie in irgendeinem großen Betrieb tätig sind. Und selbstverständlich dürfen Sie zu niemandem von der Sache sprechen. Kein Wort. Ein Geheimnis, von dem drei Personen wissen, ist kein Geheimnis mehr. Renommieren können Sie bei Ihren Freundinnen später noch genug mit dem Fall, wenn wir den Burschen in Numero sicher haben.“

„Jawohl, Herr Doktor.“

„Na, dann wollen wir’s mal versuchen. Schreiben Sie jetzt gleich eine Antwort auf das Inserat und bringen Sie mir den Brief zur Durchsicht. Sobald Sie Antwort haben, geben Sie mir natürlich Nachricht.“

Dr. Holk sieht dem jungen Mädchen nach, wie es mit vor freudiger Erregung gerötetem Gesicht im Nebenzimmer verschwindet, und wendet sich dann mit einem kleinen Seufzer an den Assistenten.

„Unsere brave Frau Kjär wird mir zwei Wochen lang ein Essiggesicht zeigen, wenn sie davon erfährt, aber es geht nicht anders. Auf die gute Kjär fiele ich auch nicht rein, wenn ich Mädchenhändler oder Heiratsschwindler wäre. Aber auf die da ...“ Sein Blick fällt auf das Schreiben des Polizeipräsidenten, und eine finstere Wolke zieht plötzlich wieder über seine Stirn. „Legen Sie das in die Mappe, Hedekranz. Erledigt. Also die vorgesehene Überwachung dieses — äh ... dieses Olaf West unterbleibt bis auf weiteres.“

Der Assistent Hedekranz macht ein dienstlich undurchdringliches Gesicht, während er die Papiere in der Mappe ordnet, innerlich aber fühlt er sich grundzufrieden mit der Entscheidung des Präsidenten. Es war wirklich schon langweilig geworden, einen Menschen zu überwachen, der ein so harmloses, geordnetes und leicht zu übersehendes Leben führte wie dieser West. Stundenlang vor dem Hause Colbjörnsonsgade 12 zu patrouillieren und dann den Rest des Abends in irgendeinem Café zu sitzen, wo der West seinen Toddy trank oder mit einem ebenso harmlosen Geschäftskollegen Schach spielte. Oder von Haus zu Haus zu laufen, Nachbarn und Arbeitskollegen des West in vorsichtigster Form auszuhorchen und immer nur zu erfahren, was man selber längst wußte, nämlich daß wirklich nichts Besonderes mit dem Mann los sei. Eine traurige Sache für einen ehrgeizigen Kriminalassistenten, der sich viel lieber mit anderen Kollegen auf der Jagd nach schweren Jungen seine Sporen verdient hätte. Und alles nur wegen der fixen Idee des Kommissars Holk. Wirklich ein Glück, daß das jetzt aufhörte!

2. Kapitel

„Noch eine Ladung Post, Herr Bruhn!“

Peter Bruhn steht in seinem Zimmer im zweiten Stock des Hotels d’Angleterre und blickt mit ehrlichem Entsetzen auf den Haufen Briefe, den ihm der Zimmerkellner eben mit zuvorkommendem, diskretem Lächeln auf den Tisch legt. Großer Kaiser von China! Das ist nun schon der dritte Haufen heute! Nie hätte Peter Bruhn gedacht, daß es soviel heiratslustige junge Mädchen in Kopenhagen geben könne, und eine kleine Reue beginnt ihn zu erfassen, daß er den „nicht mehr ungewöhnlichen Weg“ einer Zeitungsannonce eingeschlagen hat, um sich eine Lebensgefährtin zu suchen. Aber was soll man tun, wenn man als Fremdling aus Übersee hierherkommt, den europäischen Verhältnissen entfremdet und gänzlich ohne Bekanntschaften und Verbindungen ist? Schöne junge Mädchen gibt’s zwar auch drüben in Rio genug, und Peter Bruhn hat unter den Palmen am Meeresstrand da drüben schon in manch zärtlich funkelndes Glutauge geblickt, das wohl einen Mann glücklich machen könnte. Aber wenn er an eine Lebenskameradin dachte, so hat ihm immer etwas ganz anderes vorgeschwebt, etwas Helles, Frisches, von Nordseebrise und Heimatduft Umwehtes, und er hat sich geschworen, sich seine Frau aus dem alten Lande einmal zu holen, aus Norddeutschland oder Skandinavien, und als ihn die Geschäfte zu dieser Reise nach Kopenhagen zwangen, hat er den festen Entschluß gefaßt, nicht ohne die Erfüllung seines Traumes zurückzukehren.

Die Fenster stehen offen. Draußen, um die Reiterstatue auf dem Kongens Nytorv, duften die Rhododendren, von Nyhavn her weht die starke, teergewürzte Hafenluft, überfüllte Straßenbahnwagen mit sommerlich hell und bunt gekleideten fröhlichen Menschen klingeln vorüber. Irgendein Festtag mußte heute sein, denn von allen Dächern und Fenstern weht das gleißende Rot und das weiße Kreuz des Daneborg.

Hell scheint die Frühlingssonne. Es müßte schön sein, jetzt mit den anderen Fröhlichen hinauszufahren in die Buchenwälder von Skofsborg und Klampenborg oder in einem Segelboot auf dem blauen Oeresund zu liegen. Peter Bruhn seufzte ein wenig, und der Blick, den er den Briefen auf dem Tisch sendet, ist wenig freundlich. Aber — Peter Bruhn ist ein korrekter Mann, ein Pflichtmensch, der nicht ins Vergnügen zu steigen vermag, solange noch eine Arbeit auf ihn wartet. So setzt er sich also etwas mißmutig an den Schreibtisch und beginnt seine Post durchzusehen. Manchmal schüttelt er den Kopf, manchmal muß er hell auflachen bei der Lektüre. Ein unglaubliches Durcheinander von Angeboten und Zuschriften, die man schon sorgfältig studieren muß, um sich ein Bild von den einzelnen Schreiberinnen machen zu können. Da sind kindlich-naive Zuschriften von Mädels, die wahrscheinlich noch in irgendeinem Lyzeum die Schulbank drücken, andere Briefe, denen man es direkt ansieht, daß sie aus Ulk geschrieben sind. Da sind zynisch offene Angebote von Damen, denen es nur auf eine finanzkräftige Herrenbekanntschaft ankommt, sentimentale Briefe von „Hausmütterchen“ und „Sonnenscheinehen“. Da sind Angebote von Dienstmädchen, die wie Bewerbungsschreiben um irgendeine geschäftliche Stellung anmuten, junge Frauen und Witwen, die mit „Ersparnissen“ und „gemütlich eingerichteten Wohnungen“ locken, vielversprechende Angebote von zünftigen Ehevermittlungsbüros und Briefe, denen man den Ernst anmerkt, der dahintersteckt, die unerfüllte Sehnsucht nach einem glücklichen kleinen Heim.

Mit den Bedingungen, die im Inserat gestellt waren, nehmen es die meisten Schreiberinnen nicht so genau. „Ich bin zwar dunkelblond, aber ...“ — „Ich bin allerdings kein Backfisch mehr, sondern eine gereifte Frau, aber ...“

Peter Bruhn legt einen Brief nach dem anderen kopfschüttelnd zur Seite. Auch die Fotos, die den meisten beiliegen. Ein halbes Dutzend ungefähr sind darunter, die ihm wohl gefallen könnten. Junge, gute Mädchengesichter. Auch die dazugehörigen Briefe sind recht ansprechend. Aber je länger Peter Bruhn vergleicht und überlegt, um so stärker kommt ihm zum Bewußtsein, daß es unmöglich ist, auf diese Weise eine Entscheidung zu treffen. Man müßte sie dann alle persönlich sehen und kennenlernen, und das geht doch nicht gut. Nein, der Gedanke mit der Zeitungsannonce war verkehrt.

Gewissenhaft beginnt Peter Bruhn die mühselige Arbeit, sämtliche Fotos wieder in Briefumschläge zu packen und eine kurze, aber höflich gehaltene Absage dazuzuschreiben. Die Uhr zeigt bereits fünf Uhr nachmittags, als er mit der Arbeit fertig ist.

*

In derselben Stunde schließt der Kontorist Olaf West, in Firma Skovbäk & Co., sein Schreibpult und wäscht sich draußen im Waschraum genießerisch langsam die Hände, mit dem guten Gewissen eines Mannes, der sein Tagewerk vollbracht hat und dem ein wohlverdienter gemütlicher Feierabend winkt.

„’n Abend, West!“

„Kommen Sie heute abend ins Café National?“

Olaf West erwidert freundlich die Grüße der Kollegen, die mit ihm über die Treppe des Handelshauses hinunterströmen. Eben, als er auf die Straße treten will, geht Fräulein Sörensen an ihm vorbei, das Fräulein von der Telefonzentrale der Firma. Olaf West beschleunigt ein wenig seine Schritte und holt sie ein.

„Fahren Sie auch mit der Linie 6, Fräulein Sörensen?“

Die schlanke Braunhaarige mit den frauenhaften Bewegungen schaut gleichgültig auf. „Nein, ich fahre nach Charlottenlund hinaus heute. Will mal ein bißchen frische Luft schnappen.“

„Das ist nett.“ Olaf West paßt seinen Schritt dem Mädchen an und hält sich an ihrer Seite. „Frische Luft kann ich auch gebrauchen. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die gleiche Bahn benutze wie Sie, Fräulein Sörensen?“

„Warum sollte ich?“

Sie stehen an der Haltestelle und warten. Sprechen vom Geschäft, von den Kollegen, von all den hundert kleinen Nichtigkeiten des Alltags. Niemand kann etwas Besonderes dabei finden. Zwei Menschen aus dem gleichen Geschäft, die sich auf dem Nachhausewege gleichmütig unterhalten. Sonst nichts. Es fällt auch keinem der Kollegen, die vorübergehen und die beiden sehen, ein, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Man weiß, daß zwischen Olaf West und Fräulein Sörensen absolut kein näheres Freundschaftsverhältnis besteht. Sie wechseln höchstens hier und da ein paar kollegial-freundschaftliche Worte im Betrieb, in der Frühstückspause oder beim Nachhausegehen. Überdies gilt die Sörensen für eine kalte, hochmütige Natur, die selbst einem harmlosen Flirt im Büro eisig aus dem Wege geht.

Auch während der langen Fahrt sprechen Olaf West und Elna Sörensen nur Alltägliches miteinander. Nicht einmal der Kriminalist Dr. Holk würde etwas Verdächtiges darin finden, daß der Kontorist Olaf West sich mit seiner Kollegin Sörensen unterhält, die zufällig wie er selbst nach Geschäftsschluß vor die Stadt hinausfährt, um sich ein bißchen von der frischen Abendluft den Staub aus den Lungen wehen zu lassen.

Auch daß die beiden an der Endstation den Wagen verlassen und gemeinsam die Richtung nach der Eremitage einschlagen, ist nicht auffallend. Warum sollen sie nicht, da sie nun einmal zusammen herausgefahren sind, den Spaziergang gemeinsam fortsetzen? Aber Dr. Holk würde viel darum gegeben haben, wenn er die Unterredung hätte belauschen können, die Olaf West und Elna Sörensen miteinander führen, als sie erst draußen auf der freien Wiese der Eremitage sind, in einer Einsamkeit, wo es keine Gebüsche und Bäume gibt, hinter denen irgendein Unbefugter ihr Gespräch belauschen kann.

Der gleichgültig-müde Gesichtsausdruck Elna Sörensens ist plötzlich verschwunden. Die Qual eines zerrissenen Menschenherzens steht auf einmal groß und verzweifelt darin.

„Wann soll das nun enden, Olaf?“ stößt sie jäh hervor, gleichsam als würfe sie eine lästige, schmerzende Maske von sich. „Ich kann das nicht mehr lange aushalten. So oder so, wir müssen zu einer Entscheidung kommen!“

„Aber Elna!“ Olaf West läßt im Sprechen fortwährend mißtrauisch seine Augen über die einsamen Wiesen schweifen, jeden Moment bereit, abzubrechen, wenn irgendwo ein Mensch auftauchen sollte. „Meinst du, es sei für mich angenehm, dich entbehren zu müssen? Aber es geht doch nicht anders. Unsere einzige Chance liegt darin, daß niemand, aber auch niemand weiß, wie nahe wir beide einander stehen.“

Elna Sörensen atmet tief und erregt. „Ja, das hast du gesagt damals, als ich die Stelle bei Skovbäk & Co. bekam. Ein Jahr, hast du gesagt, dann bin ich obenauf, dann können wir wegfahren und die ganze Welt auslachen. Ein Jahr! Nun geht es schon ins dritte Jahr, Olaf, und ich muß noch immer die widerwärtige Komödie spielen. Siehst du denn nicht, daß ich dabei kaputt gehe?“

Olaf West hat einen finsteren Zug im Gesicht. „Ich gebe zu, es hat nicht alles so geklappt, wie ich hoffte. Du weißt es ja selbst, die Ausbeute ist geringer gewesen, als wir dachten. Noch reicht es nicht hin und nicht her, trotz aller Sparsamkeit. Wir müssen die Ohren steif halten, Elna, und abwarten.“

Die junge Frau schweigt und heftet den Blick auf den Rasen, über den sie schreiten. „Du hast leicht reden, Olaf. Ein Mann versteht das nicht. Ein Mann hat’s leicht. Aber ich? Ist das denn noch ein Leben, Tag für Tag um dich sein zu müssen als eine Fremde, eine Kollegin, die nur ein paar gleichgültige Worte für dich haben darf? Höchstens daß wir alle vier Wochen mal wie heute uns ein paar Stunden stehlen dürfen, heimlich, unter freiem Himmel wie zwei Obdachlose.“ Sie bleibt plötzlich stehen und sieht den Mann aus angstvoll flehenden Augen an. „Olaf! Ich hab’ dich früher schon darum gebeten und tu es noch einmal! Du bist seit drei Jahren für die Welt der Kontorist West. Kannst du es nicht — für immer bleiben? Sieh mal, du hast doch nun schon ein Schönes Stück Geld liegen. Und wenn’s nicht langt für ein Leben in Südamerika, wie du es dir denkst, für ein kleines Heim in Kopenhagen, für den Kontoristen West und seine Frau langt es bestimmt. Wer kann dir etwas anhaben, wenn du eines Tages — deine Kollegin Sörensen heiratest? Wir könnten uns ineinander verlieben.“ Ihre Augen schimmern feucht, während ein verstohlenes Lächeln um ihren Mund zittert. „Wir könnten langsam das ganze Büro an den Gedanken gewöhnen, daß sich ein enges Verhältnis zwischen uns anspinnt. Die Rolle würde ich viel besser spielen können, Olaf!“

Olaf West lacht hart auf. „Vor zwei Jahren hätten wir das machen können, Elna. Heute nicht mehr. Du weißt doch, daß die Polizei mich längst im Verdacht hat. Dieser verdammte Dr. Holk hat mir damals, als ich im Verhör war, die Seele aus dem Leib gefragt. Er hat mich laufen lassen müssen, aber ich sah es ihm deutlich an: er glaubte mir nicht. Und der Hund ist schlau. Wenn wir beide plötzlich heirateten, glaub mir, der Mann würde sich sofort für dich lebhaft interessieren und schneller, als uns beiden lieb ist, heraushaben, daß wir uns schon viel länger kennen, als es scheint. Was willst du machen, wenn er eines Tages in dem kleinen Heim, von dem du faselst, erscheint und um Einsicht in unseren Trauschein bittet? Wie? Willst du ihm etwa unseren alten Trauschein aus dem Jahre 1926 aus dem Staate New Jersey vorlegen?“

Die Frau stöhnt schmerzvoll auf, und plötzlich reckt sie sich und wirft wild beide Arme um den Hals des Mannes. „Liebst du mich noch, Olaf? Sag mir, daß du mich noch liebst!“

„Dumme Frage von dir, Kindchen!“ Olaf West erwidert heftig den Kuß, läßt aber gleich darauf wieder seine vorsichtigen Augen spähend über die Ebene gehen. „Wofür kämpfe ich denn die ganze Zeit? Doch nur für uns! Damit wir endlich, endlich mal aus dem ganzen Dreck herauskönnen und zusammen drüben in Argentinien oder Brasilien ein neues Leben anfangen. Ein Heim, Elna!“ Seine Stimme wird einschmeichelnd weich und suggestiv. „Ein Heim, so wie du es dir träumst. Ohne Sorgen, ohne Versteckenspielen. Ein Garten, ein kleines Auto.,,—

„Ach, Olaf, daran glaubst du ja selber nicht!“ Elna schüttelte wehmütig den Kopf und löst langsam ihre Arme von seinem Hals. „Wenn du das wolltest, dann würdest du die ganze Sache aufgeben und bleiben, was du bist: ein anständiger kleiner Kontorist. Das Heim, nach dem ich mich sehne, würden wir auch hier finden. Es braucht gar kein Auto und kein Bankkonto dabei zu sein. Aber du willst ja nicht. Du wirst immer der Abenteurer bleiben, der mit einer unheimlichen Zähigkeit irgendeinem gefährlichen Ziel nachjagt!“

Olaf Wests Augen blitzen eine Sekunde hart auf, während er Elna zum Weitergehen zwingt. „Gut, daß du mich an das Ziel erinnerst, Elna. Mein ganzes Leben lang Kontorist bleiben, jeden Tag acht Stunden lang in einem muffigen Kontor sitzen und schuften für 250 Kronen Monatsgehalt — nein, da hast du recht. Das ist nichts für mich. Und für dich auch nicht, Kind! Bilde dir nicht ein, daß wir beide glücklich sein könnten. Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die friedlichsten Gäule. Je schneller wir hier zu Ende kommen, um so besser für uns beide. Und jetzt ist eben eine Gelegenheit, mit einem Schlage dieses traurige Leben loszuwerden.“

Olaf West schweigt einen Augenblick und wägt noch einmal einen lange durchdachten Plan ab. Dann sagt er leise: „Du kennst doch den alten Etatsrat Hjort?“

„Den stillen Teilhaber von Skovbäk?“ Elna schaut verwundert auf. „Natürlich. Der alte Herr ist immer so lieb und nett zu mir, wenn er ins Kontor kommt. So ganz Kavalier der alten Schule. Man ist unwillkürlich in Versuchung, ‚Onkel‘ zu ihm zu sagen.“

Olaf West überhört den „Onkel“. Seine Gedanken gehen intensiv ganz andere Wege. Sein Gesicht ist plötzlich steinhart und verschlossen. „Alles, was du zu tun hast, Elna, ist folgendes: Der alte Hjort kommt gewöhnlich zu Ultimo ins Kontor. Das wäre übermorgen. Wenn er wieder zurückkommt von seiner Unterredung mit unserem Chef, brauchst du ihm nur zu sagen, ein Herr Lorenzen habe angerufen und ihn gebeten, in einer dringenden Angelegenheit sofort nach Valby zu kommen.“

„Wer ist Herr Lorenzen?“

„Ohne Interesse für dich.“ Olaf West zuckte ungeduldig die Achseln. „Ein guter Bekannter vom Etatsrat Hjort. Ich hab’ mich genau über seine Verbindungen orientiert.“

„Und dann?“ Eine angstvolle Frage steht in Elnas großen Augen. West sieht mit unheimlicher Entschlossenheit vor sich hin.

„Die Sache ist einfach. Niemand kann dir einen Vorwurf machen. Der Telefonanruf war fingiert. Von unserm Büro bis nach Valby sind es mit dem Auto gute drei Viertelstunden. Zurück ebenfalls. In dieser Zeit wird die Wohnung Hjorts am Solitudevej leer sein, denn seine alte Haushälterin zählt nicht. Er ist — ganz recht — ein Mann der alten Schule. Verwahrt ein hübsches Sümmchen in seinem Sekretär statt auf der Bank. Auch wertvollen Familienschmuck besitzt der Mann noch, aber keinen Tresor. Ein Kinderspiel ...“

„Nein!“ sagt Elna Sörensen plötzlich atemlos. „Ich tu es nicht, Olaf!“

Mit freundlichem, überlegenem Lächeln sieht der Mann auf ihr erregtes Gesicht nieder. „Natürlich wirst du es tun, Elna. Wenn mir dieser eine Schlag noch gelingt, dann verspreche ich dir — dann machen wir uns aus dem Staube. Dann brauchst du nicht mehr einsam zu sein und nicht mehr fremd neben mir herzugehen. Also am Ultimo, Elna, nicht wahr?“

Es zuckt in dem Gesicht der Frau. Ein verzweifelter Kampf steht darin. Groß und gebieterisch ruhen die Augen Olaf Wests auf ihr, aber diesmal ist es, als ob etwas Fremdes sich wie ein Schleier zwischen sie und die Augen der Frau schöbe.

„Nein,“ sagt Elna noch einmal mit fester Stimme. „Du magst sagen, was du willst, Olaf. Diesmal tue ich nicht mit. Ich will überhaupt nicht mehr. Tu, was du nicht lassen kannst, aber ohne mich!“

„Elna!“ Olaf Wests Stimme ist wie eine dunkle Drohung, aber die Frau gibt seinen Blick fest zurück.

„Es hat keinen Zweck, Olaf, daß du noch einmal davon redest. Ich will nicht! Und jetzt sind wir wieder am Strandweg. Es ist wohl besser, wenn ich allein in die Stadt zurückfahre. Gute Nacht, Olaf!“

Olaf West starrt der Frau nach, die mit eiligen Schritten zur Haltestelle geht und richtig noch den abfahrtbereiten Wagen der Straßenbahn erwischt. Erst als die Lichter des Wagens in der Ferne verblinken, reißt er sich zusammen und schlendert nachdenklich zu dem kleinen Restaurant an der Landungsbrücke der Küstendampfer.

„Sie entgleitet mir,“ denkt er erbittert, während er einen Toddy hinunterstürzt. „Verdammt noch mal, das Mädel beginnt mir aus der Hand zu gleiten! Ich bin zu wenig zusammen mit ihr! Wenn ich Gelegenheit hätte, sie zu besuchen oder sonst täglich mit ihr zusammen zu sein, wäre das nicht möglich. Das muß anders werden!“

Und Olaf West grübelt den Rest des Abends darüber nach, wie es möglich ist, den verlorenen Einfluß auf Elna wiederzugewinnen, ohne daß Dr. Holk Wind bekommt von einem näheren Verhältnis zwischen ihm und der Telefonistin der Firma Skovbäk u. Co.

*

„Nun, Fräulein Vinge? Eine Nachricht?“

„Er hat geschrieben, Herr Doktor.“ Ellen Vinge legt mit etwas enttäuschtem Gesicht einen Brief vor Dr. Holk hin. „Aber nur eine Absage. Auch mein Bild schickt er zurück. Es scheint ihm nicht zu gefallen.“

„Na, na, keine gekränkte Eitelkeit, kleines Fräulein. Ist eigentlich ein Kompliment für Sie, daß Sie nicht der Typ eines Mädchenhändlers sind. Aber für unsere Zwecke ist’s allerdings nicht sehr erfreulich. Na, sehen wir mal, was er schreibt.“

Es ist nur ein zweizeiliger, handschriftlicher Brief, den der Kommissar in den Händen hält, aber er liest mit gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort, dreht und wendet auch dann noch bedächtig den Brief in seiner Hand. „Hm — Tja. — Anständiges, gutes Papier. Auch der Briefstil deutet auf einen kultivierten Menschen hin. Scheint eine besondere Klasse zu sein, dieser — wie unterschreibt er sich denn? — Peter Bruhn! Hm. Kein Titel? Kein Adelsname oder so was? Das sieht ja nun eigentlich nicht nach einem Hochstapler aus. Donnerwetter! Auf dem Briefumschlag hat er sogar seine Adresse vermerkt: Peter Bruhn. Hotel d’Angleterre! Hm. Kann natürlich Falle sein. Wollen wir doch gleich mal ...“ Dr. Holk greift nach dem Hörer und läßt sich mit dem Portier des Hotels d’Angleterre verbinden, ohne seinen Namen zu nennen. Nach ein paar Minuten legt er bedächtig den Hörer wieder hin.

„Hm. Ein Herr Peter Bruhn wohnt tatsächlich seit fünf Tagen im Hotel d’Angleterre, Zimmer Nr. 25.“

„Also falscher Alarm, Herr Kommissar?“ fragt der Assistent Hedekranz, der aufmerksam zugehört hat. Dr. Holk reibt sich gewohnheitsmäßig nachdenklich die Stirn. „Ich weiß nicht recht. Daß der Mann seine richtige Adresse angibt, zeigt, daß er entweder wirklich eine reine Weste hat, oder aber, daß er ein ganz großer Gauner ist, der sich unbedingt sicher fühlt. Gehen Sie doch mal zur Fremdenpolizei rüber, Hedekranz. Ich lasse um den Anmeldezettel der letzten Woche vom Hotel d’Angleterre bitten.“

Zehn Minuten später liegt ein Stoß von rosafarbenen Meldezetteln vor dem Kommissar, der sie aufmerksam durchblättert. „Aha, hier haben wir ihn ja! Peter Bruhn, geboren am 18. Dezember 1902, Beruf Kaufmann, Staatsangehörigkeit Deutschland, angekommen am 25. April aus — oho!“ Dr. Holk rückt sich unwillkürlich zurecht und furcht die Stirn. — „Aus Rio de Janeiro? Sieh da! Ausgerechnet aus Rio. Aus dieser gesegneten Stadt stammt ja auch der gute Mann, den wir suchen, dieser Alfredo Soliz alias Baron Korff alias Marquis d’Aubainville und wie er sich sonst noch alles genannt hat.“

Hedekranz macht ein bedenkliches Gesicht. „Nun, er muß ja nicht gerade auch ein Verbrecher sein, nur weil er aus Rio de Janeiro kommt, Herr Kommissar.“

„Hab’ ich das gesagt? Um Gottes willen, Hedekranz, reden Sie keinen Zinnober. Sonst beschwert sich morgen noch die brasilianische Gesandtschaft über mich! Aber ein wenig merkwürdig ist das Zusammentreffen doch. Hm. Er lehnt die freundliche Offerte unseres Fräuleins Vinge höflich dankend ab, obwohl ihr Bildchen doch wirklich direkt zum Anbeißen ist. Finden Sie nicht, Hedekranz? Sie brauchen deshalb nicht rot zu werden, Fräulein Vinge. Wenn ein alter Junggeselle wie ich das sagt, so dürfen Sie’s schon glauben. Ja, hm — also er will nicht. Das kann unter Umständen bedeuten, daß er bereits mit Ware reichlich versehen ist. Wäre kein Wunder, denn auf seine verlockende Annonce haben sich sicher Dutzende von hübschen jungen Mädels gemeldet. Um so notwendiger, daß wir ihm ein bißchen auf die Finger sehen. Also — lieber Hedekranz — veranlassen Sie, daß die Fremdenpolizei heute noch unauffällig eine kleine Kontrolle im Hotel d’Angleterre veranstaltet und dabei sich auch den Paß dieses Herrn Peter Bruhn ansieht. Sie aber, Fräulein Vinge, müssen jetzt erst recht die Bekanntschaft dieses Herrn zu machen suchen. Glücklicherweise wissen wir ja nun, wo er zu finden ist. Also: Sie haben heute nachmittag dienstfrei und werden bummeln gehen. Und zwar ins Hotel d’Angleterre. Fragen Sie nach Herrn Peter Bruhn, und sagen Sie ihm, daß Sie auf seinen Brief hin kommen. Sagen Sie — hm, ja, das wird am besten sein! — sagen Sie, daß Ihr Bild dem Brief nicht beigelegen hat, und daß Sie es gern zurückhaben möchten. Und dann wickeln Sie Ihren ganzen einundzwanzigjährigen Liebreiz aus und den Mann aus Rio de Janeiro ein.“

„Ins Hotel d’Angleterre?“ Ellen Vinge tanzt aufgeregt auf ihren Zehenspitzen. „Herr Doktor, heute ist der Achtundzwanzigste!“

„Na, und?“

Ellen Vinge lacht etwas verlegen. „Ich meine, man könnte in die Verlegenheit kommen, in dem feinen Hotel irgendeine Kleinigkeit genießen zu müssen, eine Tasse Kaffee oder so ...“

„Verstehe!“ Dr. Holk lacht. „Und Sie haben kein Geld am Monatsende. Na, das geht auf Staatskosten. Hier ist ein Zehnkronenschein. Gehen Sie sparsam um mit den öffentlichen Mitteln, Kindchen, und ... Herrgott noch mal!“ Dr. Holk klatscht sich plötzlich heftig mit der flachen Hand vor die Stirn. „Nun haben wir doch einen Blödsinn gemacht! Wenn der Mann wirklich der ist, den wir suchen, dann hat er sich natürlich vorsorglich nach den Opfern, an die er geschrieben hat, erkundigt, und dann hat er wahrscheinlich längst schon erfahren, daß die Briefschreiberin Ellen Vinge Stenotypistin im Polizeipräsidium ist. Daher auch vielleicht die Absage!“

„Wieso?“ Ellen Vinge lacht unbekümmert. „Ich hab’ doch unter den Brief den Namen und die Adresse meiner Freundin Lisa gesetzt, die bei der Transozean-Companie arbeitet. Und der Lisa hab’ ich gesagt, daß ich aus Jux unter ihrem Namen auf ein Heiratsinserat geschrieben hab’!“

„Alle Achtung! Das war gescheit von Ihnen! Also dann los ins Hotel d’Angleterre! Angst brauchen Sie nicht zu haben. Frau Kjär wird sich ganz in der Nähe des Hotels zur Verfügung halten. Sollte der Herr Südamerikaner unverschämt werden, so brauchen Sie nur — Ihre Tante zu rufen. Verstanden?“

Kommissar Holk sieht dem Mädchen nach, das eifrig und in froher Erregung aus der Tür wirbelt.

„Brauchbar! Sehr brauchbar, die kleine Vinge. Das Mädel hat schon allerhand bei uns gelernt!“

3. Kapitel

„Sie sind ein Kavalier, Herr Bruhn! Aber wollen Sie nicht das Angenehme mit dem noch Angenehmeren verbinden? Ich kann Ihnen die Bekanntschaft mit Damen vermitteln, die nicht nur allen Ihren Anforderungen in geradezu idealer Weise genügen, sondern noch dazu äußerst gut situiert sind. Da ist eine junge österreichische Dame, deren Eltern — Exzellenzen, Herr Bruhn! — hier im Exil leben, aber gottlob ihr großes Vermögen mit herübergerettet haben, eine amerikanische Millionärin, großjährig, über ihr Vermögen verfügungsberechtigt, eine entzückende junge Witwe aus unsern besten Kopenhagener Kreisen — nun, das kommt wohl für Sie nicht in Frage —, ein Bijou von einer kleinen französischen Komtesse, eine ...“

Peter Bruhn sieht sich verzweifelt um. Drei Viertelstunden lang redet die würdige Dame nun schon im Vestibül des Hotels auf ihn ein. Und dabei kann man diese Frau von Gejerstramm doch nicht einfach stehen- oder sitzenlassen, denn diese Matrone sieht mit ihrem weißen Scheitel und dem würdigen, mütterlichgütigen Gesicht fast ehrfurchtgebietend aus. Peter Bruhn ist gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß diese distinguierte alte Dame, die ihn vorhin, als er durch die Halle kam, mit einem lächelnden „Herr Bruhn, nicht wahr?“ angesprochen hat, eine gewerbsmäßige Ehevermittlerin sein könnte.

Zum fünften Mal macht Peter Bruhn einen Ansatz, sich zu erheben und das nutzlose Gespräch zu beenden. „Es hat wirklich keinen Sinn, gnädige Frau, daß wir ...“

Die gepflegte, gutgeformte Hand der alten Dame legt sich vertraulich auf seinen Arm und zwingt ihn sitzenzubleiben. Ein freundliches Lächeln steht auf dem Matronengesicht. „Ich verstehe, lieber Herr Bruhn. Sie sind noch ein wenig befangen in den alten Vorurteilen, nicht wahr? Ehevermittlung, Heiratsbüro — fi donc! Unsere Kinderstube hat uns das so gelehrt. Ich begreife das vollkommen. Aber glauben Sie mir, es ist ein sehr törichtes Vorurteil. Sie haben selber, da Sie ohne Verbindungen hier sind, den Weg einer Zeitungsannonce beschritten. Ist es da nicht durchaus vernünftig, wenn Sie sich für die weitere Entwicklung einer erfahrenen und verbindungsreichen Frau anvertrauen? Ich hoffe, Sie trauen mir strengste Reellität und guten Willen zu. Ich will Sie ja nicht“ — die Matrone lächelt verzeihend — „unter die Haube bringen. Gott behüte! Ob sich ‚das Herz zum Herzen findet‘, das müssen Sie allein entscheiden. Meine Aufgabe ist nur, Ihnen die Bekanntschaft passender Partien zu vermitteln, diskret, taktvoll, ohne jede Verbindlichkeit. Es ist nicht anders, als ob Sie durch eine ältere Dame Ihrer Bekanntschaft auf einer Soiree oder bei einem Tanztee irgendeiner hübschen Frau vorgestellt werden. Nur haben Sie dabei den Vorteil, sofort über die Verhältnisse der Dame genau und wahrheitsgetreu informiert zu sein.“

„Gewiß, aber ...“ Peter Bruhn sucht verzweifelt nach einer Wendung, um die Dame auf gute Manier loszuwerden. Aber Frau von Gejerstramm läßt ihm keine Zeit zum Nachdenken.

„Sie haben keine Ahnung, lieber Herr Bruhn, wieviel Menschen auf diese Weise ihr Glück gefunden haben! Ich bin Partei in diesem Falle. Ich verlange nicht, daß Sie mir glauben sollen. Aber fragen Sie meine Klienten! Da ist zum Beispiel Graf Löwenclou, Premierleutnant bei der Garde, der seine junge Frau, die Tochter des Etatsrats Holgersen, durch mich kennengelernt hat. Oder die Baronin Rentz! Oder der junge, berühmte Bildhauer Leonhard! Fragen Sie nur die Herrschaften, und Ihre Vorurteile werden sofort schwinden. Sehen Sie da drüben die Dame in dem dunkelgrünen Tailormade? Dort in der Ecke neben dem Blumenarrangement! Wie gefällt sie Ihnen?“

Bruhn läßt flüchtig seine Blicke hinüberwandern.

„Eine sehr interessante Erscheinung, gnädige Frau, aber ...“

„Achthunderttausend in bar! Dollar, mein Herr!“ sagt Frau von Gejerstramm andächtig. „Grande dame! Untadelhafte Vergangenheit! Nein, nein, ich will Sie nicht mit der Dame bekannt machen! Ich weiß, Sie suchen einen ganz anderen Typ. Wollte Ihnen nur eine meiner Klientinnen zeigen. Sie wird sich in allernächster Zeit glücklich verloben. Mit dem jungen Herrn, der neben ihr sitzt. Im Vertrauen, es ist mein eigener Neffe, Lothar von Gejerstramm. Sehen Sie, auch diese beiden Menschen betrachten mich dankbar als die Urheberin ihres jungen Glücks. Wenn Sie mir nur gestatten wollten, auch Sie bei passender Gelegenheit ...“

„Herr Bruhn ist leider nicht zu sprechen, mein Fräulein!“

Peter Bruhn wendet rasch den Kopf nach der Schranke, hinter der der Portier eben bedauernd die Schultern hebt. Ein junges Mädchen in einem einfachen, aber geschmackvollen Nachmittagskleid steht davor und macht ein bedauerndes Gesicht. „Schade. Aber können Sie mich nicht wenigstens anmelden und nachfragen? Ich hätte gern Herrn Bruhn persönlich etwas mitgeteilt.“

„Pardon, gnädige Frau! Man verlangt mich!“ Aufatmend springt Peter Bruhn auf und eilt mit ein paar raschen Schritten auf das Mädchen zu. „Peter Bruhn. Sie wünschen mich zu sprechen, gnädiges Fräulein?“

„Ja, ich ... ich wollte mich nur erkundigen, Herr Bruhn ...“ Überrascht sieht Ellen Vinge den Mann an, der da plötzlich vor ihr steht, und alle schön überlegten Redensarten fliegen jählings fort. Ganz unwillkürlich hat sie sich in ihrem Köpfchen ein Bild von „Herrn Peter Bruhn“ gemacht: ein eleganter schwarzhaariger Mann mit dämonischen Augen und einem brutalen Kinn. Und nun steht da auf einmal ein sympathischer junger Mann, blondhaarig, blauäugig und mit einem gewinnenden, offenen Gesicht. Ellen Vinge ist so verdutzt, daß sie nur noch die Frage stammeln kann:

„Sind Sie wirklich Herr Bruhn?“

„Allerdings!“ Bruhn wirft einen raschen Blick in die Richtung der Halle, wo Frau von Gejerstramm Miene macht, sich zu erheben und den Ausreißer wieder in ihre mütterliche Unterhaltung zurückzuschleifen, und fährt rasch fort: „Wenn Sie mich sprechen wollen, dann bitte kommen Sie hinüber in das Konferenzzimmer, oder noch besser: machen Sie mir die Freude, drüben im Wintergarten eine Tasse Tee mit mir zu trinken, während Sie mir erzählen, was Sie zu mir führt!“

Ohne Ellens Antwort abzuwarten, drängt er sie förmlich zu der Tür, die der Boy beflissen aufreißt. Der Portier sieht ihm kopfschüttelnd nach. „Weiß auch nicht, was er will, der Herr Bruhn,“ grämelt er verdrießlich. „Vor zwei Stunden sagte er mir noch, er sei für keinen Damenbesuch zu sprechen, und nun zieht er gleich mit der ersten, die ihn sprechen will, los. Inkonsequente Menschen!“

*

„So! Das war eine regelrechte Entführung!“ lacht Peter Bruhn, als er das junge Mädchen im Wintergarten an einen kleinen Tisch genötigt hat. „Seien Sie mir nicht böse, aber Sie kamen mir wie ein Engel vom Himmel. Ohne Sie hätt’ ich vielleicht noch stundenlang aushalten und die liebenswürdigen Offerten der alten Dame, die neben mir saß, über mich ergehen lassen müssen. Dem Himmel sei Dank, daß ich durch Ihr Dazwischentreten ihr entwetzt bin!“

„Eine Bekannte von Ihnen, Herr Bruhn?“

„Erst seit einer Stunde. Sie hat den Beruf, Menschen glücklich zu machen, und will mir absolut eine passende Lebensgefährtin vermitteln!“ Bruhn schüttelt in humoristischer Verzweiflung den Kopf. „Ich hab’ da eine furchtbare Dummheit begangen vor einigen Tagen. Wollte mir durch die Zeitung eine Frau suchen. Das Ergebnis: Seit gestern mittag waren schon ganze acht Kandidatinnen hier, die mich unbedingt persönlich sprechen wollten, obwohl ich ihnen auf ihre freundliche Offerte mit ergebenstem Dank abgesagt hatte. Aber daß auch diese vornehme alte Dame ... nee, das hatte ich nicht erwartet!“

Ellen Vinge sieht betreten auf. „Vielleicht sind Sie vom Regen in die Traufe gekommen, Herr Bruhn. Was werden Sie sagen, wenn Sie hören, daß auch ich eine von den Bewerberinnen bin?“

„Hatte ich mir schon halb und halb gedacht,“ lächelt Bruhn und mißt mit einem schnellen Blick die zierliche, jugendfrische Gestalt vor ihm. „Ich kenne nämlich sonst gar keine Damen hier in Kopenhagen.“

Ellen hat ihre Verlegenheit überwunden und lacht plötzlich hell auf. „Da hab’ ich also Glück gehabt und muß eigentlich dieser alten Dame dankbar sein. Ohne sie hätten Sie sich wahrscheinlich hartnäckig vor mir verleugnen lassen.“

„Na, ich weiß nicht!“ Bruhns Augen hängen noch immer an dem frischen Mädchengesicht, so lange und eindringlich, daß ein leises Rot Ellens Wangen zu färben beginnt.

„Es handelt sich um mein Bild,“ stößt sie unvermittelt hervor, als müsse sie eine falsche Vermutung abwehren. „Ich hatte es auf Ihre Annonce eingesandt. Leider lag es dem Schreiben, das ich von Ihnen erhielt, nicht bei.“ Ein klein bißchen muß sie schlucken bei der Lüge, aber Bruhn merkt es nicht. Er hat die Augenbrauen hochgezogen und denkt nach.

„Sonderbar. Ich habe doch alle Bilder gewissenhaft zurückgesandt. Aber wenn Sie es sagen ... Nun, ich werde nachsehen und das versehentlich zurückgebliebene Bild Ihnen natürlich zur Verfügung stellen.“

Der Kellner serviert das Teegedeck, während Ellen absichtlich schweigt und interessiert auf das Tanzparkett blickt, auf dem sich zu zarten Geigenklängen die Paare drehen. Peter Bruhn beschäftigt sich ein paar Minuten eifrig damit, den Tee einzuschenken.

„Ja, ich wohne in Rio de Janeiro,“ sagt er auf eine hingeworfene Frage Ellens. „Aber von Geburt bin ich Deutscher. Mein Vater stammt aus Rendsburg, meine Mutter war Dänin. Daher meine guten dänischen Sprachkenntnisse. Seit Vaters Tod leite ich unser Haus in Rio. Maschinenfabrik. Bannig viel Arbeit, kann ich Ihnen sagen. Die amerikanische Konkurrenz ist zähe. Man muß sich schon scharf ranhalten, wenn man von ihr nicht an die Wand gedrückt werden will.“

„Eine Maschinenfabrik haben Sie?“

„Ja. Landwirtschaftliche Maschinen. Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist das so sonderbar?“

„Nein. Es ist nur ... ich dachte, Sie hätten ein Varieté ... oder einen Tanzsalon ... oder so was.“

„Keine Spur. Seh’ ich denn aus wie ein Impresario? Oder sind Sie vielleicht selber von der Bühne?“

„Gar nicht, Herr Bruhn. Ich kam nur auf den Gedanken, weil Sie in Ihrem Inserat eine ‚gute Tänzerin‘ suchten.“

„Ich tanze leidenschaftlich gern,“ sagt Bruhn und lauscht einen Augenblick unwillkürlich den Klängen der Geigen. „Wollen Sie mir diesen Tango schenken?“

Als sie zu ihrem, Tisch zurückkehren, strahlen beider Augen. „Fabelhaft tanzen Sie,“ sagt Peter Bruhn begeistert. „Sind Sie wirklich nicht Tänzerin von Beruf?“

„Bestimmt nicht. Ich bin eine ganz einfache kleine Kontoristin!“ Ellen Vinge hat rote Wangen und glänzende Augen bekommen und vergißt ganz, daß sie „dienstlich“ hier ist, um einen gefährlichen Mädchenhändler auszuspionieren. „Aber ich könnte Ihnen ebensogut die Frage zurückgeben. Ich hab’ noch nie mit einem Herrn getanzt, der soviel Rhythmus hat wie Sie!“

„Vielleicht ein Erbteil von meiner Mutter her. Die war Leiterin eines choreographischen Instituts, bevor sie heiratete. Gnädiges Fräulein!“ Bruhn rückt unwillkürlich ein wenig näher und sieht ihr hell in die Augen. „Ich glaube, wir beide verstehen uns! Wenigstens was das Tanzen anbetrifft. Und überhaupt ...“ Er schüttelt amüsiert den Kopf ... „Ich danke dem Schicksal, daß ich aus Versehen Ihr Bild nicht zurückgeschickt habe. Ich will mich nicht damit herausreden, daß Ihr Bild, irgendeinen Eindruck auf mich gemacht hat. Ganz offen gestanden: Als ich Sie vorhin in der Halle sah, hatte ich keine Ahnung, daß ich Ihr Bild schon gesehen hatte. Bilder täuschen doch gewaltig. Hätte es ausgesehen wie Sie, dann hätte ich bestimmt nicht ...“ Peter Bruhn vollendet den Satz nicht, aber seine Augen umfassen fast zärtlich die ganze Gestalt des Mädchens und sagen deutlich genug, was der Mund verschweigt.

Ellen Vinge zuckt unter diesem Blick unwillkürlich zusammen und denkt verwirrt an ihre Aufgabe. Um Gottes willen, was macht sie denn? Dieser Peter Bruhn, das ist doch kein beliebiger junger Mann, mit dem man harmlos tanzen und plaudern kann. Ein Schwindler, ein Verbrecher, ein gefährlicher Mensch trotz seines sympathischen Äußeren. Wie viele Mädchen mag er schon umgarnt haben mit seinem Tanzen, mit seinen fröhlichen Sommeraugen. Und sie sitzt da und ... Eine heiße Scham steigt plötzlich in Ellen empor, das Bewußtsein: Ich hätte ihm ebenso vertraut und mich blenden lassen wie andere arme Mädchen, wenn ich nicht von vornherein wüßte, daß er ein Verbrecher ist!

„Ich muß jetzt gehen, Herr Bruhn,“ stößt sie plötzlich erregt hervor. „Man ... erwartet mich zu Hause.“

„O wie schade!“ Bruhn hat sich höflich erhoben und schickt sich an, sie zur Halle zu begleiten. „Wollen Sie nicht noch einen Augenblick warten? Ich suche schnell in meinem Zimmer nach und bringe Ihnen Ihr Bild.“

„Nein, nein. Es ist nicht ... nötig. Sie können es mir ja ... schicken.“

„Gern. Und ich hoffe, daß ich die Bitte hinzufügen darf, Sie wiederzusehen. Wohin darf ich schreiben?“

Irgendeine fingierte Adresse angeben? Im letzten Augenblick erinnert sich Ellen glücklicherweise noch ihres Auftrages. Dr. Holk wird wütend werden, wenn er hört, daß sie die glücklich eingeleitete Bekanntschaft kurzerhand wieder abgebrochen hat. Und etwa gar noch einmal Herrn Bruhn aufsuchen, selber zu ihm kommen — nein, das wäre entsetzlich!

„Schreiben Sie mir hauptpostlagernd,“ sagt sie zitternd. „Ich heiße Ellen Vinge. Leben Sie wohl, Herr Bruhn!“

„Auf Wiedersehen, Fräulein Vinge!“ Peter Bruhn lächelt glücklich und unbeschwert hinter dem Mädchen her, das wie gehetzt aus dem Hotel auf die Straße hinauseilt. „Hauptpostlagernd!“ Wie ein kleines Mädchen! Oder hat sie vielleicht nur darum ihre Anschrift verschwiegen, weil sie nicht mehr mit ihm zusammenkommen will? Das wäre dumm! Peter Bruhns Selbstbewußtsein ist nicht allzu groß, aber er grübelt im Augenblick doch vergebens daüber nach, warum ein junges Mädchen ihn wohl so energisch ablehnen sollte, daß sie ihn nicht wiedersehen mag. Und doch scheint es der Fall zu sein. Je länger er darüber nachdenkt, um so klarer erscheint es ihm, daß die Kleine gar nicht daran denkt, einen postlagernden Brief von ihm abzuholen, und diese Vermutung wirft einen dunklen Schatten auf seine Freude. Kurz entschlossen, ist er schon im Begriff, Ellen Vinge nachzugehen und sie noch ein Stück zu begleiten, als er zum Glück eben noch sieht, wie vor dem Hotel eine ältere Dame an das Mädchen herantritt und eifrig auf die Erstaunte einredet.

Frau von Gejerstramm! Peter Bruhn bleibt hinter der Glastür stehen und beobachtet aufmerksam die kleine Szene da draußen, ohne selbst gesehen werden zu können.

*

Sie ist nicht lang, diese Szene. Frau von Gejerstramm hat verärgert beobachtet, daß Herr Peter Bruhn mit dem jungen Mädchen zum Tanztee gegangen ist. Sogar getanzt haben die beiden. Fest entschlossen, das Geschäft sich nicht aus den Händen winden zu lassen, ist Frau von Gejerstramm vor dem Hotel auf und ab gegangen. Das Glück scheint ihr hold zu sein, denn Ellen Vinge kommt richtig aus dem Hotel ohne Begleitung. Sie fährt erschrocken zusammen, als die würdige Dame plötzlich neben ihr steht.

„Verzeihen Sie, liebes Fräulein. Wenn ich nicht irre, sah ich Sie vorhin zusammen mit meinem Bekannten, Herrn Bruhn.“

„Ja, das stimmt ... aber ich ...“

„Sie brauchen mir nichts zu sagen, Kind.“ Frau von Gejerstramm schiebt ohne weiteres ihre Hand unter den Arm des Mädchens. „Ich bin im Bilde. Wenn Sie sich mir anvertrauen, sind Sie in drei Monaten Frau Bruhn. Unter Garantie!“

„Danke. — Das — mach’ ich lieber alleine.“ Ellen hat unwillig ihren Arm gelöst, aber Frau von Gejerstramm denkt nicht daran, ihr Opfer so leichten Kaufs entkommen zu lassen. Man sieht es ihrem entschlossenen Gesicht förmlich an: Sie wird Ellen Vinge nicht von der Seite weichen, bis sie Namen und Anschrift der erfolgversprechenden „Klientin“ herausbekommen hat. In ihrer Verlegenheit steigt Ellen, dem Schofför schnell ein beliebiges, ihr gerade einfallendes Ziel angebend, in eine Autotaxe.

Peter Bruhn flucht auf seinem Beobachtungsposten leise in sich hinein. Verdammt auch! Jetzt hat diese Frau es ihm glücklich unmöglich gemacht, Ellen Vinge zu erreichen. Jetzt steht er da mit seinem „Postlagernd“ und starrt ziellos und unschlüssig in die Reihen der vorübersausenden Autos. Der Wagen mit Ellen Vinge ist längst jenseits des Kongens Nytorv in die Bredgade eingebogen und verschwunden.

„Feuer gefällig, Herr?“ Peter Bruhn wendet sich und bemerkt erst jetzt wieder, daß er eine unangezündete Zigarette immer noch in den Fingern hält. Der Mann, der ihm hinter der gehöhlten Hand einen Streichholz reicht, sieht nicht besonders vertrauenerweckend aus. Sixpence, unsauberer Kragen, fleckiger, zerknautschter Anzug — ein Bummler, der ganz danach aussieht, als habe er die Nacht da drüben auf den Bänken um das Reiterstandbild zugebracht. Peter Bruhn erinnert sich flüchtig, den Mann schon ein paarmal gesehen zu haben. Ein Eckensteher, der sich vor dem Hotel d’Angleterre ein paar Groschen zusammenschnorrt, indem er — erwünscht oder unerwünscht — die Türen der vorfahrenden Autos diensteifrig aufreißt. Eine plötzliche Ideenverbindung läßt in Peter Bruhn eine Hoffnung aufkeimen. „Sagen Sie mal, haben Sie vielleicht zufällig gehört, welches Ziel die junge Dame dem Schofför angab, die eben hier fortfuhr?“

„Die Kleine, die erst noch mit der weißhaarigen Dame sprach?“ lächelte der Mann augenzwinkernd. „Nee, gehört hab’ ich nichts. Die Alte schrie zu laut. Aber erfahren kann ich’s leicht, wenn’s Ihnen etwas wert ist, Herr.“

„Wie wollen Sie das erfahren?“

„Der Schofför,“ grinst der Eckensteher gemütlich. „Der dicke Hansen. Den kenn’ ich so genau wie meine Mutter. Ich kenn’ überhaupt alle Schofföre. Und mit dem dicken Hansen hab’ ich mal auf der Nörrebo-Wache gesessen. Der hat seinen Standort oben am Triangel, Österbro. Brauch’ nur da ein bißchen herumzulungern und ihn abzupassen.“

Die Hoffnung in Peter Bruhns Augen verstärkt sich. „Das wäre famos. Ich möchte sehr gern wissen, wohin die Dame gefahren ist, ich meine: ihre Adresse möcht’ ich gerne haben.“

„Gemacht, Herr. Aber bis Österbro hinaus ist ’ne ordentliche Strecke. Ich bin kein Marathonläufer, Herr. Bis ich zu Fuß da rauskomme, bin ich bis an die Ellenbogen verschlissen. Und mit der Straßenbahn kann ich nicht fahren. Vorhin hatt’ ich noch einen Fuffziger, aber den hab’ ich verloren. Ich hab’ ’n böses Loch im Stiefel.“

Bruhn zieht lächelnd ein Zweikronenstück aus der Tasche. „Hier haben Sie Vorschuß. Wenn Sie mir Nachricht bringen können, mach’ ich den Fünfer voll, verstanden?!“

„Klar, mein Herr!“ Der Mann schnappt das Geldstück und zaubert es mit behendem Schwung in seine Rocktasche. „Besten Dank. Morgen früh um zehn bin ich wieder hier. Wenn Sie dann mal rausschauen wollen — ich verkehre nicht gern im Hotel d’Angleterre.“

Peter Bruhn sieht dem Mann lächelnd nach, der gemütlich in der Richtung der nächsten Straßenbahnhaltestelle davonschlendert, und überlegt einen Augenblick, ob er da eben richtiggehend von einem Eckensteher geneppt worden ist oder nicht.

Frau von Gejerstramm sitzt an einem Kaffeetisch, als Peter Bruhn in das Hotel zurückgeht. Aber sie hat Menschenkenntnis genug, um zu wissen, daß sie jetzt den Mann nicht anreden darf, wenn sie sich nicht eine entscheidende Absage holen will. Außerdem hat sie Zuwachs bekommen. Ihr Neffe Lothar und die Dame, die Frau von Gejerstramm als eine „große Partie“ bezeichnet, sind ebenfalls aus dem Hotel gekommen und haben an dem Tisch Platz genommen.

„Wer ist eigentlich der Gentleman?“ sagt die Dame, die von Frau von Gejerstramm mit Frau Smith-Lessons angeredet wird, Peter Bruhn interessiert nachblickend. „Sie saßen ja vorhin mit ihm zusammen in der Halle.“

„Einer meiner Klienten,“ bemerkt Frau von Gejerstramm würdevoll und entzieht mit vorwurfsvollem Seitenblick ihrem Neffen das dritte Stück Sahnentorte, das er sich eben auf den Teller gelegt hat.

„Ein guter Kopf.“ Frau Smith-Lessons paßt ihre geschmeidige Figur nachlässig der Lehne des Korbsessels an. „Warum stellen Sie mir den Herrn nicht vor?“

„Herr Bruhn ist bereits vergeben, Frau Smith. Eine sehr glückliche Partie. Für Sie, meine Teure, habe ich etwas Besseres in Aussicht.“

„Danke, ich weiß.“ Frau Smith wirft einen gelangweilten Blick auf ihren Tischnachbar.

Frau von Gejerstramm seufzt tief. Unglaublich, wie schwer es die Leute einem machen! Frau Smith-Lessons wäre so gerade die richtige Frau für Lothar gewesen, und der Junge ist rein verschossen in sie. Aber Frau Smith scheint sich für Herrn Peter Bruhn zu interessieren. Und der wieder bändelt mit einem kleinen Mädel an, das ... Kinder, Kinder, warum macht ihr eigentlich euch selbst und einer erfahrenen Frau das Leben so sauer!

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
160 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711445068
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Правообладатель:
Bookwire
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