Читать книгу: «Der Mann aus der Tiefe»

Шрифт:

Axel Rudolph

Der Mann aus der Tiefe

Ein Bergmannsroman

Saga

Der Mann aus der Tiefe

© 1935 Axel Rudolph

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711445099

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel.

Eine Frau irrte unter Tage umher.

Sie tappte mit unsicheren Händen nach den Steinwänden, die naß und glitschig waren, ihre Füße knirschten auf zerbröckelter Steinkohle. Laut und schwer klangen die Schritte in der Stille. Die in großen Abständen angebrachten elektrischen Birnen brannten nur trübe und beleuchteten kaum einen halben Meter im Geviert die Balken der Verschalung.

Der Berg schwieg. Nur, wenn sie stille stand, hörte die Frau wie aus weiter Ferne das dumpfe Klopfen, das durch die Steinwände drang.

Irgendwoher, neben, unter und über diesem einsamen Stollen arbeiteten Menschen, Hunderte von Bergleuten. Aber Stein und Kohle trennen sie von ihr. Nur das dumpfe Klopfen war zu hören.

Frau Irene Sellenthin begann unruhig zu werden. Sie hatte es zuerst nicht weiter tragisch genommen, daß sie hinter ihren Bekannten zurückgeblieben war und den Anschluß verloren hatte. War so etwas wie ein prickelndes kleines Abenteuer, daß man plötzlich ganz allein stand in dieser fremden, unterirdischen Welt, ohne die Freunde und ohne den überhöflichen Bergassessor, den die Grubenverwaltung einem als Führer bei der Besichtigung des Bergwerks mitgegeben hatte.

Frau Sellenthin war stehengeblieben, um ein winziges, glitzerndes Stück Kohle als Andenken aus der Wand herauszuklauben. Es kostete ein paar Minuten Zeit, das festsitzende Stück mit den Fingern aus dem Gestein zu lösen. Niemand von den andern hatte es bemerkt, daß Frau Sellenthin stehengeblieben war. Und als sie ihnen nach wollte, waren sie auf einmal verschwunden, verschluckt vom Berg.

Sie mußte wohl an irgendeiner Stelle in einen falschen Gang eingebogen sein, denn wie weit sie auch lief, die Freunde blieben verschwunden, und auch andere Menschen kamen ihr nicht zu Gesicht.

Eine Stunde war sie nun schon umhergeirrt, in der Hoffnung, die Sohle III, durch die sie vom Förderschacht her gekommen war, wiederzufinden. Sie war in andere Gänge und Stollen gebogen, sie hatte versucht, zum Ausgangspunkt ihres Irrwanderns zurückzugehen, aber sie hatte sich nur immer tiefer in den Berg hinein verirrt.

Allmählich war die Umgebung immer unheimlicher geworden. Die Gänge und Stollen wurden schmäler, die Beleuchtung matter und vereinzelt, schiefgedrückte, zum Teil lose Stützbalken warfen im schwachen Licht der hier und da noch brennenden elektrischen Birnen riesenhaft verzerrte Schatten. Ein paarmal patschten ihre Füße in schwarze Wasserpfützen.

Das Unheimlichste aber war, daß weit und breit kein Mensch zu sehen war. Sie hörte das Klopfen und Scharren neben sich, unter sich, über sich, aber kein Mensch tauchte auf. Ihre Rufe verschlang der Berg. Niemand hörte sie.

Begann das Abenteuer wirklich ernst zu werden? Einen Augenblick kroch Frau Irene ein kalter Schauer den Rücken hinauf. Sie mußte an die Geschichte denken, die ihr vorigen Sommer jemand beim Besuch der Katakomben von San Callisto erzählt hatte, von den beiden Engländerinnen, die sich da unten verirrt hatten und erst nach Wochen als verhungerte Skelette aufgefunden worden waren.

Gewaltsam schob sie den Gedanken von sich. Das war ja Unsinn. So ein Bergwerk war doch kein Labyrinth von Grabgewölben. Hier arbeiteten doch Hunderte von Menschen. Man mußte doch irgendwo auf einen von ihnen stoßen!

Also weitergehen! Frau Irene stolperte über etwas. Eine Eisenschiene! Na also! Man brauchte nur diesen Schienen nachzugehen. Aber nach einer Viertelstunde stand sie zu ihrem Schrecken vor einer massiven Wand von Kohle und Gestein. Die Schienen brachen jäh ab, als habe die Natur einen Riegel vorgeschoben.

Wieder zurück. Die Schritte der Frau wurden hastiger und nervöser. Die ungewohnte dumpfe Luft drückte gegen ihre Schläfen. Einmal rannte sie mit dem Kopf hart gegen einen hervorstehenden Balken.

Immer sparsamer wurde die Beleuchtung. Kaum noch, daß alle hundert Meter ein Flämmchen glomm. Immer düsterer und verwahrloster die Gänge. Bald führten sie schräg aufwärts und wurden so niedrig, daß sie gebückt gehen mußte, bald wieder ging es abwärts, so daß sie ins Rutschen geriet. Kohle und Stein rieselte dann dumpf mit ihr hinunter.

Sie dachte an die Bergleute, die sie vor der Einfahrt oben im Zechendorf gesehen hatte, verwitterte, krummgearbeitete Gestalten mit blassen, abgearbeiteten Gesichtern, die zur Schicht gingen, mit der blechernen Kaffeflasche in der Rocktasche. Sie waren ihr nicht sympathisch vorgekommen, aber jetzt hätte sie allerlei darum gegeben, wenn nur eine dieser groben Gestalten aufgetaucht wäre.

Da war wieder eine Wand, die den Weg abschnitt! Mit fliegenden Pulsen stand die Frau still und horchte. War sie etwa im Kreis gegangen? Oder aber — gab es nicht so etwas? — hatte ein Bergrutsch die Ausgänge verschüttet? War sie am Ende gefangen in diesen dunklen Gängen, 800 Meter unter der Erdoberfläche?

Sie rief in die Stille hinein und horchte dann angespannt. Keine Antwort. Kein Laut. Und ihre eigenen Rufe klangen dumpf und erstickt. Nur das Pochen und Klopfen jenseits der massiven Wände ging fort, monoton, nervenzerreibend.

Weiter! Frau Irene machte wieder kehrt und begann zurückzugehen. Eine Orientierung war längst unmöglich. Sie wußte nicht mehr, ob sie durch Gänge kam, die sie vorher schon durchwandert hatte, oder in neue Stollen. Die Angst saß ihr plötzlich im Genick. Sie begann zu laufen. Die Ärmel des schicken „Overalls“, den sie vor der Einfahrt angezogen hatte, waren schwarz und schmutzig geworden von den Wänden, an denen sie vorbeistrich. Kohlenstaub lag ihr im Haar. Sie stolperte über Steinbrocken, stieß sich an Balken und Felsblöcken und blieb taub für den Schmerz. Nur weiter, weiter!

Einmal, als sie atemlos stillstand, kam es ihr vor, als sei das Klopfen und Pochen lauter geworden, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein. Einmal kam von fernher ein dumpfer Knall. Eine Sprengung, oder war es gar eine — Katastrophe?

Sie achtete nicht mehr auf den Weg. Sie bog instinktiv in die Stollen ein, die am größten und hellsten schienen. Waren die Lampen nicht näher beieinander jetzt? Oder schien ihr das nur so, weil sie lief?

Wieder bog sie in einen anderen Stollen ein. Er war ganz grade und verlor sich in der Ferne in gähnender Finsternis. Aber aus dieser Finsternis drangen jetzt deutlicher und stärker die Arbeitsgeräusche und da — ganz weit vorne hob und senkte sich ein winziges glitzerndes Pünktchen. Jetzt stand es still. Jetzt bewegte es sich wieder, zweimal, dreimal, stand wieder still. Das konnte keine der fest angebrachten Lampen sein! Die Grubenlampe eines Bergmannes! Ein Mensch mußte da vorne sein.

Frau Irene stieß einen erstickten Schrei aus und taumelte den Stollen entlang, dem Lichtpünktchen entgegen. Ihre Knie zitterten.

*

Der Vollhauer Karl Kühne, der vor Ort arbeitete, ließ einen Augenblick das Gezähe sinken und sah sich verwundert um. Da hatte doch eben jemand gerufen?

Das Licht der Grubenlampe lag auf seinem nackten, schweißglänzenden Oberkörper. Es war heiß hier unten im Stollen, und die Arbeit war schwer. Fast alle Kumpels schufteten hier entblößt bis zu dem ledernen Riemen, der die Beinkleider zusammenhielt.

Karl Kühne spuckte den Kohlenstaub aus dem Mund und sah schärfer den Stollen entlang. Wahrhaftig, da hinten kam jemand! Sein Kumpel, der Schlepper Dombrowski, konnte es nicht sein. Auch der Steiger nicht.

„Nu schlag einer lang hin und steh kurz wieder auf,“ brummte der Hauer, „dat ist doch ’n Frauenzimmer!“ Eine Sekunde starrte er verblüfft auf die schlanke Gestalt, die da herankam. Der Lichtkegel der Lampe an der Wettertür fiel gerade auf den tizianblonden Haarschopf. Dann kam ihm eine Erinnerung. Richtig, ja, der Steiger hatte bei der Einfahrt so etwas gesagt von einer Gesellschaft, die den Pütt besichtigen sollte, Freunde vom Betriebsdirektor oder so was ähnliches. Karl Kühne schnitt eine Grimasse.

„Blödsinniges Volk! Hier unten rumzuspazieren, als ob der Pütt ’ne Ausstellung wär! Und dazu noch ein Frauenzimmer!“

Plötzlich aber wurden seine Augen ganz schmal. Was war denn nun das? Die Frau taumelte ja! Die konnte sich ja kaum noch auf den Beinen halten. Da mußte man wohl mal entgegengehen und ihr helfen. Er wollte sich schon aufmachen, als ein Gedanke ihn stutzen ließ. „Schäm dich wat, Karl! So wie du bist, jeht man nicht zu ’ner Frau!“ Sein Arm langte fast instinktiv in den Querschlag neben seiner Arbeitsstätte. Da hing der pikfeine Staubmantel, den der eitle Jeck, der Steiger Kaminski sich zugelegt hatte und sogar bei der Einfahrt anbehielt, bis er vor Ort kam. Karl Kühne fuhr schnell in die Rockärmel und knöpfte den Mantel über der bloßen Brust zu. Dann war er mit ein paar Sprüngen bei der Frau.

Irene Sellenthins Augen sahen in das Nichts. Sie taumelte vornüber, fühlte sich von zwei kräftigen Armen umschlungen und hatte im ersten Augenblick nur den Gedanken: Ein Mensch! Endlich ein Mensch!

„Nehmen Sie mal ’n Schluck Kaffee,“ sagte der Hauer, als sie die Augen aufschlug, und hielt ihr eine Blechtlasche an den Mund. Hastig trank sie einen Schluck. Er schmeckte schal und ekelhaft, aber er brachte doch die Lebensgeister zurück. Mit einem dankbaren Nicken sah sie zu dem Manne auf, der, fast einen Kopf größer als sie, vor ihr stand.

„Danke. Das tat gut.“

Der Blick des Hauers ging über den allzu „schnieken“ Grubenanzug der Dame hinab zu den breiten, amerikanischen Sportschuhen, die unter den Overalls hervorlugten. „Sie sind wohl von der Gesellschaft, die ...“

„Ganz recht.“ Frau Irene nickte hastig. „Die Herren in der Direktion waren so freundlich, uns eine Besichtigung zu gestatten. Aber ich hab’ in diesem Labyrinth von Gängen hier meine Begleiter verloren. Und wenn ich Sie nicht gefunden hätte ...“ Sie zog wie fröstelnd die Schultern hoch.

Der Hauer grinste. „Na, so schlimm ist es nun nicht. Sie hätten schon einen Kumpel getroffen.“

„Sagen Sie das nicht! Ich bin seit zwei Stunden umhergeirrt, ohne auch nur eine Menschenseele zu entdecken. Gerufen habe ich auch umsonst. Nur unheimlich leere, dunkle Gänge waren da.“

Karl Kühne pfiff halblaut durch die Zähne. „Ah so! Da sind Sie wohl in Sohle V geraten. Da ist schon vor zwei Monaten der Abbau aufgegeben worden. Ja, dann ... Da können Sie allerdings von Glück sagen. In dem Teil des Bergwerks hätten Sie tagelang herumlaufen können, ohne jemand zu finden.“

Frau Sellenthin war nicht verweichlicht. Jetzt, wo die Gefahr vorüber war, fand sie auch rasch ihre Nerven wieder. „Jedenfalls habe ich genug von der Besichtigung. Sagen Sie mir bloß, wie ich wieder hier herauskomme.“

„Das ist einfach. Sie gehen den Stollen zurück bis zum zweiten Hauptstollen. Durch den immer die Schienen lang, bis Sie zur Sohle II kommen. Die führt direkt zum Schacht.“

„Allein?“ Frau Irene schüttelt sich. „Nee, danke. Allein geh ich keinen Schritt mehr hier in diesem Irrgarten. Ich bleib lieber bei Ihnen, oder Sie müssen mich schon selber zum Lift bringen.“

Lift? Karl Kühne lächelte in sich hinein über den komischen Ausdruck, den die Dame für den Förderkorb brauchte. Na ja, was wußte die davon! Er überlegte kurz. Der Steiger würde zwar erst das Maul aufreißen, wenn die Förderung knapper wurde, aber wenn er ihm sagte, daß es sich um einen Besuch der Verwaltung handelte, noch dazu ’ne Frau ...

„Also gut,“ sagt er entschlossen. „Ich bring’ Sie hin.“

Sie schritten zusammen durch die Stollen. Frau Irene hatte sich völlig wiedergefunden. Das Abenteuer erschien ihr jetzt schon ganz interessant. Sie warf von der Seite einen abschätzenden Blick auf ihren Begleiter. Der Mann sah gut aus. Breite, massive Schultern, groß, ein scharf gemeißeltes Gesicht, wenn auch von Schweiß und Kohlenstaub etwas entstellt. Ein für die Verhältnisse hier direkt eleganter dunkelgrauer Staubmantel, geschmackvoll sogar: guter Schnitt, Metalleinfassungen um die Knopflöcher, Halsschnallen. — Jedenfalls ein höherer Beamter, der nur zufällig hier unten war.

Eine Begegnung im Hauptstollen, in den sie nun eingebogen waren, bestärkte sie in der Vermutung. Da kam der kleine Schlepper Dombrowski eben mit den leeren Hunden zurück. Karl Kühne rief ihn an.

„Hau man weiter vor Ort, bis ich zurückkomme, Dombrowski. Und sieh zu, daß du was förderst.“

Der kleine Pole riß Mund und Nase auf, als er seinen Kumpel im Mantel des Steigers mit einer Dame daherkommen sah.

„Aber — Steiger hat gesagt, wir müssen ...“

„Der Steiger soll mir den Buckel lang rutschen,“ gab Karl Kühne zur Antwort. „Tu du, was ich dir gesagt hab’.“

„Is gut.“ Dombrowski duckte sich wie ein schweifwedelnder Hund und sandte dem Hauer schräg von unten einen ehrfurchtsvollen Blick. Dann trollte er sich ohne weitere Widerrede mit seinen „Hunden“. Er liebte und bewunderte seinen Hauer. War schon ein Satanskerl, der Kühne! Da lief er einfach von der Arbeit weg und spazierte mit einer Dame im Pütt herum. Noch dazu im Mantel vom Steiger! Der kleine Dombrowski fand das großartig.

„Was ist denn das für eine Tür?“ Frau Irene wies im Weitergehen auf eine verschlossene Tür im Gestein.

„Die Wetterführung,“ erklärte Karl sachlich. „Lüftungsanlage. Dahinter staut sich der Luftstrom und der Druck ist so stark, daß zehn Männer die Tür nicht gegen ihn aufdrücken können.“

Die Einsamkeit war vorbei. In Sohle III stießen sie auf Arbeiter, die aus handlichen Spritzen rötlichen Ziegelstaub streuten.

„Vorsichtsmaßnahme,“ erklärte Karl Kühne auf den fragenden Blick seiner Begleiterin. „Der Ziegelstaub dient zum Austrocknen der Luft und zum Auffangen von schlagenden Wettern. Nach dem Reglement soll jeden dritten Tag in den Stollen gestreut werden. Geschieht aber nicht immer.“

„Die Verwaltung vernachlässigt die Sicherungsmaßnahmen? Bei den vielen Grubenunglücken? Das ist doch unverantwortlich!“

Der Hauer zuckte die Achseln. „Die Herren im Büro wissen wenig davon. Oft drücken sich die Kumpels selber vom Streuen. Denken, es geht auch ohne das. Die meisten kriegen nach Gewicht und Förderung bezahlt, und das Streuen kostet Zeit. Ist mit dem Abstützen der Stollen ebenso. Oft wird schlecht versetzt, weil die Kumpels Zeit sparen und möglichst viel fördern wollen.“

„Glück auf!“ grüßt er kurz die arbeitenden Männer.

„Glück auf!“ klang es müde und verdrossen zurück.

Sie schauten den beiden Weiterschreitenden verwundert nach. „Kiek ens,“ höhnt einer, „jetzt laufen se schon mit Weibern hier spazieren!“

Frau Irene verstand nicht alles, was ihr Begleiter ihr erklärte, aber sie empfand doch, daß er ein Mann war, der den Betrieb hier genau kannte und sich zu Hause fühlte in diesen Stollen und Gängen. Unwillkürlich dachte sie an den etwas geschniegelten Bergassessor, der sie vorhin geführt hatte, und seine unbestimmten, manchmal etwas verlegenen Erklärungen. Der hier sprach ganz anders: kurz, sachlich, bestimmt. Konnte also wohl kaum einer von den Herren des Büros sein, die nur bei besonderen Gelegenheiten mal in die Tiefe stiegen. Sie wollte ihn schon danach fragen, aber da waren sie am Schacht.

Ein paar Männer kamen ihr schnell entgegen.

„Berendt, Reviersteiger,“ stellte der eine sich hastig vor. „Gott sei Dank, daß Sie da sind, gnädige Frau. Wir suchen Sie schon seit zwei Stunden.“

„Ja, ich hatte mich verirrt. Und die andern?“

„Assessor Reiz hat die Herren hinaufgebracht, gleich nachdem Ihr Fehlen entdeckt war. Er selber ist sofort wieder eingefahren und sucht Sie mit einer Kameradschaft in allen Sohlen.“

Noch mehr Leute kamen hinzu und drängen sich um die Wiedergefundene: der Fahrtsteiger, ein Schießmeister, ein paar Kumpels, die eben von erfolgloser Suche im gegenüberliegenden Stollen zurückgekommen waren.

„Wir bringen Sie gleich hinauf, gnädige Frau.“ Der Reviersteiger rief über die Köpfe der Frau Irene Umdrängenden dem Mann am Förderkorb zu: „Lassen Sie die Kohlenförderung einstellen, Pinz! Seilfahrt!“

„Na, ich hab’ mich da schön verlaufen!“ Frau Irene hielt die geschwärzten Hände in komischem Entsetzen von sich ab und schaute an ihrem beschmutzten Overall hinunter. „Wenn der Herr sich meiner nicht angenommen hätte ...“ Sie hob den Kopf und sah sich erstaunt um. „Ja, wo ist er denn geblieben?“

Karl Kühne war nicht mehr da. Er hatte sich, als die Steiger Frau Irene umdrängten, sachte gedrückt und war schon wieder im Stollen, auf dem Rückweg zu seiner Arbeitsstätte.

2. Kapitel.

„Gottlob, daß Sie da sind!“

Auch oben im Zechendorf wiederholte sich der Ausruf, als Frau Irene, von dem Reviersteiger begleitet, aus dem Förderkorb stieg. Die Herren von der Verwaltung fühlten sich wirklich erleichtert. Ob nun den Assessor, der unten im Bergwerk den Cicerone gemacht hatte, das Verschulden der Unachtsamkeit traf oder nicht, — es wäre jedenfalls mehr als peinlich gewesen, wenn einem Gast, der zum Bekanntenkreise des mächtigen Industriellen Körner gehörte, ausgerechnet hier im Pütt etwas zugestoßen wäre. Die jüngeren Herren, die Frau Irene im Triumph zum Waschzimmer des Verwaltungsgebäudes führten, strahlten. Nur der Betriebsleiter, der bärbeißige, stiernackige Bergrat Scholz sah ihr und ihrem Gefolge von seinem Bürofenster aus brummig nach. Diese Besuche! Er, Scholz, wies sonst grundsätzlich alle Leute ab, die um Erlaubnis zur Besichtigung der Grube nachsuchten, selbst die Herren von der Presse. Besichtigung der Anlagen über Tage, des Förderturms und der Kokereien — herzlich gern. Aber einfahren ist nicht! Der Pütt da unten ist eine Arbeitsstätte, kein Tummelplatz für Neugierige! Aber da telefoniert einem von Dortmund aus der Geheimrat Körner, daß einige Freunde ihn gebeten hätten, bei der Durchreise einmal ein Bergwerk besichtigen zu dürfen. Was kann man da machen. Man muß den Liebenswürdigen spielen und dem Wunsch des „alten Mannes“ nachkommen. Na, dem Himmel sei getrommelt und gepfiffen, daß die Geschichte gut ausgegangen und nun zu Ende war.

Da kam die Dame ja schon aus dem Haus zurück, frisch gewaschen und leidlich frisiert. Ohne den „kleidsamen“ Arbeitsanzug. Donner ja, schick und elegant sah sie schon aus. Und hübsch war sie auch! Das sorgsam abgetönte Rotblond des Haares, die geschmeidige Gestalt, das ausdrucksvolle Mienenspiel ihres schmalen Gesichtes, — na, die würde noch manchem Kopf und Kragen verdrehen im Leben.

Bergrat Scholz fand es nicht für nötig, sich persönlich von den Besuchern zu verabschieden. Das mochten die jüngeren Herren des Büros machen. Er hatte seine Pflicht getan, den Freunden des Chefs die Einfahrt in den Schacht erlaubt. Und er war froh, daß das jetzt erledigt war. Vor dem Zechentor wartete ja schon das Auto der Gesellschaft.

Es waren nicht viel Leute um diese Zeit im Zechenhof. Ein paar Mechaniker und Monteure in blauen Arbeitsanzügen sahen einen Augenblick neugierig aus dem Kesselhaus heraus, als die kleine Gesellschaft über den Hof schritt. Und vorne, unter dem grauen Torbogen, über dem in rauchgeschwärzten, kaum noch leserlichen Buchstaben der Name „Zeche Constantin VIII“ stand, lungerten ein paar halbwüchsige Kinder herum, und zwei junge Frauen, die Markttasche am Arm, musterten mißmutig den großen, eleganten Tourenwagen, der da vor dem Zechentor hielt.

Eine dieser beiden Frauen war Paula Becker, die Tochter des Schießmeisters August Becker. Sie war einkaufen gewesen und hatte beim Rückweg vom Kaufmann festgestellt, daß nur noch zwanzig Minuten bis zum Schichtwechsel fehlten. Da konnte man ja gleich auf den Vater warten. Und auf Karl Kühne, der schon seit zwei Jahren als Untermieter beim alten Becker wohnte.

Frau Irene Sellenthin achtete nicht auf das Mädchen in dem billigen Kattunkleid, an dem sie vorüberschritt. Paula Becker aber sah sie sehr gut. Allerdings, sie sah etwas ganz anderes als der Bergrat, der vom Fenster her den Besuchern nachschaute. Sie sah mit dem scharfen Blick der Frau sofort jede kapriziöse Einzelheit der Kleidung, die diese Fremde trug: das hechtgraue Kostüm, dessen flaumige Weiche man ahnte, auch ohne es zu befühlen, die schwere Seide der Bluse, die unter dem kurzen Jäckchen hervorblitzte, das Gefunkel der winzig kleinen Brillantuhr am Handgelenk, die merkwürdig geschwungene, goldschwere Spange an dem verwegenen, kappenförmigen Hütchen.

Paula Becker war ein nüchternes Kind der Roten Erde, ohne falschen Ehrgeiz und ohne Illusionen. Sie empfand keinen Neid und keine Sehnsucht beim Anblick dieser Herrlichkeiten, nur einen leisen Unwillen: Was will denn die hier im Pütt? Die soll doch bleiben, wo sie hingehört.

Das Auto fauchte und zwitscherte davon.

Zehn Minuten später saßen Frau Irene und ihre Begleiter bereits im Restaurant des Park-Hotels, in einer Umgebung, die durch nichts mehr an die düstere Kohlenwelt der Zeche erinnerte. Aber selbstverständlich bildete Frau Irenes Erlebnis unter Tage immer noch den Gesprächsstoff.

„Ich hätte wirklich gern gewußt, wer mein Führer da unten gewesen ist, der sich ohne Abschied auf einmal verzogen hatte,“ sagte Frau Irene nachdenklich. „Ein Kavalier war er jedenfalls, aber einer, der da unten Bescheid wußte.“

Einer der Herren setzte ein wissendes Gesicht auf. „Ich glaube, da kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau. Nach allem, was Sie von dem Herrn erzählen, kann ich nur annehmen, daß Sie an Willy Körner geraten sind, Körner junior, den einzigen Filius unseres verehrten Geheimrats.“

„Lächerlich! Der junge Körner wird Besseres zu tun wissen, als da unten in den Gruben seines alten Herrn herumzukriechen!“

„Sagen Sie das nicht, Verehrteste,“ mischt sich nun auch der lange Baron Rottländer in das Gespräch. „Ich kenne den jungen Herrn zwar persönlich ebensowenig wie Sie. Man sieht ihn ja nie bei den Gesellschaften des Geheimrats. Aber man spricht um so mehr von ihm. Soll ja so ’ne Art Sonderling sein. Arbeitsfanatiker, sozialer Reformer und so weiter. Er begnügt sich nicht damit, die Berg-Akademie zu besuchen. Er arbeitet praktisch in den Gruben, genau wie jeder andere Bergmann. Wäre schon möglich, daß Sie ihm da unten begegnet sind.“

„Aber — dann hätte er sich doch vorgestellt!“

Der Baron wiegt den Kopf. „Möchte ich auch nicht ohne weiteres annehmen. Nach allem, was ich von dem jungen Körner weiß, legt er wenig Wert auf gute Gesellschaft. Selbst auf die Gesellschaft einer so wunder-wunderschönen Frau.“ Er küßte Frau Irene flüchtig die Hand und fuhr dann achselzuckend fort: „Er geht vollständig in seiner Arbeit auf. Das Bergwerk und die Bergarbeiter — etwas anderes gibt es für ihn kaum. Soll sogar einem ‚on dit‘ zufolge monatelang in einer Arbeiterkolonie gewohnt haben, um die sozialen Verhältnisse dort zu studieren.“

„Also gut.“ Frau Irene lacht belustigt. „Nehmen wir an, daß mein Führer der Sohn vom Geheimrat Körner persönlich war. In diesem Falle kann der alte Körner stolz sein. Guter Schlag, sein Junge. Ich werde es ihm bei Gelegenheit sagen.“

„Wir könnten ja einen Abstecher nach Dortmund machen und den alten Körner besuchen. Er wollte doch Ende dieser Woche aus Schweden zurück sein.“

Frau Irene klopft energisch mit ihrem Ring an die Tischplatte. „Keine Extratouren, lieber Freund. Wir halten uns an unser Programm. Von hier geht’s nach Pyrmont. Der Doktor hat mir nun mal die vierwöchentliche Kur verschrieben und würde mich schon mächtig anfauchen, wenn er wüßte, daß wir erst diese Fahrt durch Westdeutschland gemacht haben. Im übrigen — nach dem heutigen Erlebnis in dieser finsteren Unterwelt hab’ ich wirklich genug von dem Kohlenland hier. Ich will Sonne, Wald, Grün und Ruhe.“

Der lange Baron erhob sich phlegmatisch. „Dann will ich den Wagen nachsehen. Erledigen Sie inzwischen die Rechnung, lieber Joachim.“

*

„Wo steckst du, Kumpel? Steiger hat schon zweimal nach dir gefragt!“

Der Schlepper Dombrowski empfing seinen Hauer mit bedenklichem Gesicht und schlenkerte erschrocken mit der Hand, als habe er sie verbrannt, als er den Mantel betrachtete, den Karl Kühne auszog, um ihn wieder in den Verschlag zu hängen. „Au weh! Was hast du gemacht mit Mantel, Kumpel? Ist sich ja großes Loch drin!“

„Tja.“ Karl Kühne besah tiefsinnig den langen Riß, der sich über die halbe Seite des Mantels hinzog. „Wie ich eben zurückging durch den Hauptstollen, bin ich mit dem dämlichen Ding an einer der Hunde hängen geblieben. Hoffentlich merkt der Steiger nix.“

Die Hoffnung erwies sich als trügerisch. Karl hatte kaum den Mantel fortgehängt, als Dombrowski einen scheuen Blick rückwärts warf und ihn anstieß:

„Der Jagdhund!“

Da war auch schon der Steiger Kaminski. Er gab sich kaum Mühe, das übliche „Glück auf“ zu brummen.

„Was fällt Ihnen denn ein, Kühne! Fortlaufen, mitten in der Schicht! Der Dombrowski hat seit ’ner Stunde nichts als Dreck gefördert!“

„Mußte ’ne Frau zum Schacht bringen, die sich verirrt hatte,“ brummte Karl, ohne mit der Arbeit innezuhalten.

„Besuch vom Alten.“

„So?“ Kaminski stemmte die Arme in die Hüften. „Und da ziehen Sie sich einfach meinen Mantel an? Hab’ schon vom Schachtmeister gehört, wie Sie angegeben haben!“

„Na, sollt ich mich vielleicht nackt vor die Frau hinstellen?“ Karl hieb auf den Fels ein, daß die Gesteinsbrocken dem Steiger um die Ohren spritzten. Kaminski setzte ein höhnisches Gesicht auf.

„Hab’ ich gar nicht gewußt, daß Sie so feinfühlig sind.“ Er holte den Mantel aus dem Verschlag und begann plötzlich wütend zu zetern. „Also das ist doch ... so was von Frechheit! Der Mantel ist ja kaputt! Sie haben meinen Mantel zerrissen, Sie ...! Vorgestern hab’ ich ihn erst gekauft! Kostet zwoundzwanzig Mark! Jawohl! Zwoundzwanzig! Und Sie ...“

Karl Kühne spuckte aus. „Wat brauchen Sie auch so ’n Dings mit unter Tag zu nehmen, Steiger! Konnten Sie ja in der Waschkaue lassen!“

Kaminski fluchte wie ein reaktionärer Alttürke. „Geht Sie gar nichts an, Kühne! Ich kann anziehen, was mir paßt! Ich tu meine Arbeit darum genau so gut wie Sie!“

„Hat ja keiner was von gesagt.“ Karl griff wieder nach der Hacke, aber der Steiger hielt seinen Arm fest.

„Zwoundzwanzig Mark! Sie werden mir den Mantel ersetzen! Einen zerrissenen Mantel kann ich nicht brauchen! Schadenersatz, oder ich melde Sie beim Reviersteiger!“

„Häng dich auf, du dämlicher ...“

„Sechs Uhr, Steiger,“ unterbrach der kleine Dombrowski freundlich seinen Kumpel und drängte sich, seine dicke, altmodische Zwiebel emporhaltend, vor den Steiger hin. „Acht Stunden von Seilfahrt bis Seilfahrt. Die Schicht ist rum.“

„Wir sprechen uns oben noch, Kühne!“ Der Steiger knüllte den Mantel zusammen und schob ihn unter den Arm. Seine Schritte verhallten im Stollen.

Karl Kühne packte bedächtig sein Gezähe zusammen, zog sich an und machte sich ebenfalls auf den Weg zum Schacht. Wie ein treuer Hund trippelte auf seinen kurzen, krummen Beinchen der Schlepper Dombrowski neben ihm her, leckte sich unterwegs das Blut von der Hand, wo ihn bei der Arbeit ein spitzer Steinbrocken getroffen hatte.

Die Schritte der beiden knirschten auf dem Kohlenbelag der Sohle. Aus den Nebenstollen tauchten tanzende Fünkchen auf, verdrossenes, mürrisches „Glück auf“, Kumpels mit hängenden Schultern, geschwärzten, schweißtriefenden Gesichtern und Nacken sickerten aus den Gängen, wurden zu grauen Klumpen, zu einem Strom, der sich durch den dunklen Leib des Berges dem Schacht entgegenwälzte, von dem schon ein anderer grauer Strom entgegenflutete, die Schichtablösung.

Karl Kühne machte lange Schritte, um nicht in das Gedränge hereinzukommen. Der kleine Dombrowski konnte kaum mit. Dann hockten sie mit vierzig anderen Kumpels im Förderkorb. Fünf Schläge. Aufwärts ging die Fahrt. Wer’s nicht gewohnt war, dem verschlug’s den Atem. Aber wer war das nicht gewohnt?

Grubenlichter flogen vorbei, triefende Verschalung. Wenn jetzt das Seil riß! Ist oft genug schon vorgekommen, daß der Förderkorb in die Tiefe gesaust ist und zermalmt hat, was drinnen war. Aber niemand von den Männern denkt daran. Man fährt ein, man fährt aus. Und wenn es so sein soll, dann bleibt man eines Tages da unten bei der Kohle. Bergmannslos.

Die Fahrt wurde langsamer. Mit einem harten Ruck hielt der Förderkorb über Tage. Karl Kühne blinzelte aus schmalen Augenlidern. Es war nur die matte, kraftlose Sonne des Kohlenlandes, die aus halbverhangenem Himmel schien. Den Männern der Tiefe aber war es, als ob ihnen das grellste Tropenlicht in die Augen knallte.

Heute war Löhnungstag. Von der Waschkaue ging es hinüber zum Lohnbüro. Karl Kühne zählte mißmutig den Inhalt seiner Tüte: Neununddreißig Mark sechzig. Er sonderte zweiundzwanzig Mark davon ab und drückte sie dem kleinen Dombrowski in die Hand.

„Drüben steht der Jagdhund. Lauf rüber und gib ihm das Geld, Dombrowski. Sonst sorgt er noch dafür, daß ich morgen meine Papiere kriege.“

Der verdammte Mantel! Mit schweren Schritten ging Karl Kühne über das Steinpflaster des Zechenhofs. Aber als er das Tor erreichte, hatte seine Stirn sich schon wieder geglättet. Da stand unter der Menge von Frauen und Kindern, die sich inzwischen angesammelt hatten, die Paula und nickte ihm zu.

Karl Kühne gab ihr die Hand.

„Vater ist schon nach Haus gegangen,“ sagte das Mädchen ruhig. „Aber ich hab auf dich gewartet.“

„Daß ich durchgehe und den Abschlag versaufe, was Paula?“ lachte der Hauer neben dem Mädchen herschreitend. Sie zuckte nur die Achseln, ohne auf seine Neckerei einzugehen. Paula Becker verstand sich überhaupt nicht auf Neckereien. Sie war immer ernst und ruhig. Das Leben im Kohlenland hatte das so mit sich gebracht. Wenn man von seinem vierzehnten Lebensjahr an mit kargem Geld einen Haushalt führen, für Vater, Bruder und jetzt auch noch für den Karl sorgen muß, verliert man leicht den Sinn für harmlose Scherze. Und außerdem war das doch Quatsch. Sie kannte doch wahrhaftig den Karl Kühne gut genug. Der vertrank sein Geld nicht. Der war ein grundsolider Mensch, und die Paula machte kein Hehl daraus, daß sie sich ihre Zukunft als Frau Kühne dachte.

„He! Kühne! Warten Sie mal!“

Der Steiger Kaminski holte die beiden ein und hielt dem gereizt Aufschauenden ein Bündel hin. „Was Recht ist, ist Recht. Sie haben den Mantel gezahlt, also gehört er auch Ihnen.“

„Was soll ich damit?“ Karl hätte am liebsten eine Grobheit hinzugefügt, aber auf den fragenden Blick Paulas bequemte er sich zu einer kurzen, mürrischen Erklärung.

Das Mädchen hatte, während er sprach, den Mantel auseinandergefaltet und betrachtete den Schaden. Auch ihr Gesicht war finster geworden. „Zweiundzwanzig Mark für so ’nen Fetzen?“

„Was Recht ist, muß Recht bleiben,“ erklärte Kaminski noch einmal und lüftete die Mütze vor Paula. „Schönen guten Abend, Fräulein Becker.“

Karl Kühne sah ihm nach und zerquetschte ein Schimpfwort zwischen den Zähnen. Dann griff er nach dem Bündel in Paulas Händen.

„Schmeiß das Ding doch weg! Kann sich ’n Hund an den Schwanz binden!“

Aber Paula, die praktische, hausfrauliche Paula hielt den Mantel fest. „Nee, wo du ihn doch nun mal bezahlt hast, Karl. Da behalt doch wenigstens den Mantel. Den Riß flick ich schon aus.“

Die Stimmung wurde nicht besser, während sie weitergingen. Beiden lag das unnütz fortgeworfene Geld auf der Seele. Zweiundzwanzig Mark! Das war ein halber Wochenlohn. Eine halbe Woche schwerer, schwitzender Frondienst da unten im Schacht. Wenn die Menschen alle wüßten, wie schwer und mühevoll das Geld oft verdient wird, sie würden es mit mehr Achtung behandeln.

Lastautos mit Kumpels, die zu den entfernter liegenden Arbeiterkolonien fuhren, rasselten vorüber. Grußworte flatterten vorüber, Gesprächsfetzen, derbe Scherze. Ein struppiger Köter jagte eine Strecke heulend und kläffend neben einem der Wagen her.

In den Türen der grauen Häuserreihen, an denen sie der Weg vorbeiführte, standen Arbeiterfrauen. Kinder spielten auf dem Bürgersteig und in den Hausgängen, die wie dunkle Höhlen aussahen. Dann stapften sie eine knarrende, schiefgetretene Holzstiege empor.

Oben hatte sich August Becker, der alte Schießmeister, bereits lang auf das Bett geworfen. Seine grauen Wollsocken staken über die Bettkante hinaus.

„’n Abend, Vatter.“ Paula sah sich in der Wohnküche um. „Wo ist denn Franz?“

„Noch nit da.“ Der alte Becker brummelte ärgerlich. „Wenn der Bengel sich heut widder rumtreibt, versohl ich ihn.“ Er griff sich stöhnend an die Hüfte und schnitt ein Gesicht. Das verfluchte Bein! Das wollte immer noch nicht so recht, seitdem damals vor vier Jahren ihm auf der Zeche „Friedrich der Große“ ein „Sargdeckel“ die rechte Seite eingeklemmt hatte. Zuerst, im Knappschafts-Krankenhaus, hatte es geheißen, er würde pensioniert werden. Aber dann hatten sie ihn doch wieder arbeitsfähig geschrieben. Und im Grunde war es ihm recht so. Der alte Becker konnte sich keine rechte Vorstellung davon machen, was er den Tag über anstellen sollte, wenn es für ihn keine Schicht mehr gäbe. Und den vollen Arbeitslohn konnte man, weiß Gott, auch gebrauchen.

Paula rumorte am Küchenherd mit Bratpfanne und Töpfen. Die Bratkartoffeln zischten und brodelten im Fett. Karl war in seine Schlafstube gegangen, um sich umzuziehen.

„Wat war denn dat heut für en Gedöhns bei euch, Karl?“ fragte die Stimme des alten Becker durch die halbgeöffnete Tür. „Alarm auf Sohle III? Is da wat passiert?“

„Nee. Da hatt’ sich bloß einer verlaufen, ’n Besuch von der Verwaltung.“ Karl Kühne ärgerte sich. Nun mußte ihn der Alte auch wieder an die dumme Geschichte erinnern. Und an die zweiundzwanzig Mark.

Aber es kam vorläufig zu keinem weiteren Meinungsaustausch über das Erlebnis des Tages. Die Tür wurde so rasch aufgerissen, daß sie gegen die Wand schlug und den in der Ecke hängenden Handfeger herunterwarf. In der Tür stand ein sechzehnjähriger Bursche, den speckigen Hut in den Nacken geschoben.

„Kannste nit anständig die Tür aufmachen?“ Vater Becker warf seinem jüngsten Sprößling einen nicht gerade liebevollen Blick zu. „Wo haste dich wieder herumjetrieben? Die Paula wartet all mit ’m Essen!“

Der Junge schloß etwas vorsichtiger die Tür und kam langsam vollends in das Zimmer. Ein typisches Kind des Kohlenlandes war der Franz. Ein wenig klein geraten, ein bißchen krummgewachsen, etwas bläßlich. Er schaffte in der Lampenbude, putzte und rieb seit einem Jahr die Grubenlampen und pfiff die „Waldeslust“ dabei. Seine Gestalt war noch unausgeglichen, seine Bewegungen schlacksig. Nur seine Augen waren schon entsetzlich alt. Die hatten schon allerhand gesehen in ihrem jungen Leben: Zerschundene Menschen, die auf Bahren aus dem Förderkorb getragen worden waren, heulend, oft auch steif und kalt, Betrunkene, die viehisch um sich schlugen, haßglühende Streikpostengesichter und gramzerfressene Frauenaugen, die stumm am Zechentor auf Nachricht harrten. So jung er war, der Franz, er kannte den Pütt genau und wußte nur zu gut, wie viele Kumpels im Jahr unter Tag verrecken, ganz abgesehen von den großen Grubenkatastrophen, von denen alle Welt spricht.

Aber heute stand die helle Freude in seinem Gesicht. Er kümmerte sich nicht um das Knurren des Vaters. Er reckte sich, plötzlich Mann geworden, warf den Beulenhut in eine Ecke und stolzierte gravitätisch zu seinem Platz auf der Küchenbank, schwer und wuchtig, wie ein Kumpel geht.

„Wat haste denn, — dumme Jung!“ Der alte Becker betrachtete verwundert das Gehaben des Jungen. „Haste am Automat ’nen Jroschen gewonnen? Du sollst dat Bajazzo-Spielen lasse! Ich mag dat nit!“

Franz machte eine abwehrende Handbewegung, sah dann, den Kopf in beide Hände gestützt, die Ellenbogen aufgestemmt, über den Tisch triumphierend Vater und Schwester an.

„Vatter!“ Seine Augen glänzten wie zwei feuchtschimmernde Kohlenstückchen. „Der Steiger hat et mir eben gesagt: Ich darf am Montag einfahren!“

Paula rumorte stärker und energischer am Herd mit ihrem Geschirr. Der alte Bergmann stopfte sich schweigend seine Tabakpfeife. Nachdenken war sonst nicht August Beckers Sache, aber in diesem Augenblick ging ihm doch so allerlei im Kopf herum. Also der Franz war nun auch so weit, fuhr als richtiger Kumpel in die Tiefe. Er dachte an sein eigenes Leben, ein langes Arbeitsleben zwischen Schicht und Schicht, an die Frau, die den Franz und die Paula geboren hatte und die schon viele Jahre auf dem kleinen Friedhof schlief, an seinen Ältesten, den Willem, den sie bei dem großen Unglück auf „Minister Stein“ tot heraufgebracht hatten, an viel tausend andere Kumpels, die tagaus, tagein im Ruhrgebiet zur Schicht fuhren. Und der Franz würde also jetzt auch hinunterfahren in die Kohle, Tag für Tag, Jahr für Jahr, wie er selbst, wie der Karl Kühne, wie hunderttausend Kumpels im Land der Roten Erde.

Der Alte räusperte sich und klopfte die Tabakpfeife in der hohlen Hand aus. „Morgen is Sonntag, Jung,“ sagte er bedächtig. „Da kannste dir dein Arbeitszeug zurechtmachen und dir aus dem Werkzeugkasten ’n anständiges Gezähe zusammensuchen.“

Franz nickte. „Darf ich dat vom Willem haben, Vatter?“ Das alte, leidvolle Wissen in den Kinderaugen war verschwunden, ausgelöscht die Erinnerung an die Schwere und Not des Bergmannslebens, in dessen Schatten er aufgewachsen war. Mitten im Essen hielt er plötzlich inne. Die Gabel mit der dampfenden Kartoffel blieb in der Luft stehen, und noch einmal quoll es dem jetzt aus dem Nebenzimmer eintretenden Karl Kühne entgegen wie ein Jubelschrei:

„Ich fahre morgen ein!“

3. Kapitel.

Sonntag im Kohlenland.

Karl Kühne hatte den Tag verbracht wie alle Sonntage. Das Leben dämmerte hier immer im Gleichmaß dahin. Er hatte am Vormittag lange geschlafen, sich nachher noch eine Stunde faul und müßig im Bette herumgefletscht, dann mit den Beckers zu Mittag gegessen. Am Nachmittag war man dann zu Streichers Tanzboden gegangen. Paula tanzte gern, aber auch dabei lachte sie nur selten und behielt meist ihr ruhiges ernsthaftes Gesicht. Sie nahm das Vergnügen genau wie die Arbeit, wie das ganze Leben: sachlich, ruhig, fast wie eine Pflicht.

Karl Kühne hatte sich nicht recht wohl gefühlt in dem Tanzlokal. Die dummen zweiundzwanzig Mark ärgerten ihn noch immer. Die hatten ein böses Loch in den Wochenlohn geschlagen. Er mußte sparsam sein und sich mit zwei Glas Bier begnügen. Er hatte ein paarmal mit der Paula getanzt, aber ohne rechte Freude daran, und war eigentlich ganz zufrieden gewesen, als der Steiger Kaminski in seinem besten Sonntagsanzug erschienen war und die Paula zum Tanz geholt hatte. Aber sich gar mit dem „Jagdhund“ an einen Tisch setzen und unterhalten, nee, das konnte er nicht. Jedesmal, wenn er den Kerl ansah, mußte er an die zweiundzwanzig Mark denken, und dann stieg ihm die Galle hoch. So hatte er sein Bier ausgetrunken und war gegangen. Das hatte wieder die Paula geärgert, und sie hatte mehr mit Kaminski getanzt als sonst. Paula Becker hatte ihren Stolz. Mochte der Karl doch gehen, wenn er den Steiger nicht vertragen konnte. Besser, als daß die beiden womöglich noch im Lokal aneinandergerieten. Und nachlaufen wollte sie dem Karl nicht. Wozu auch? Der kam schon von selber wieder zu ihr. Es fiel ihr gar nicht ein, daß ein Mann, den sie selber heiraten wollte, sie verschmähen könnte.

Den ganzen Nachmittag war Karl durch die Straßen geschlendert. Mißmutig hatte er sich am Abend schließlich in ein Kino gesetzt und gedöst. Aber das half auch nichts. Als er so gegen elf Uhr das Kino verließ, fühlte er sich genau so unmutig und verdrossen wie vorher, obwohl es auf der Leinwand allerhand ulkige Sachen gegeben hatte. Nach Hause gehen? Die Paula würde längst daheim sein und auf ihn warten. Aber was dann? Dann saß man stumpfsinnig um den Tisch, qualmte um die Wette mit dem alten Becker, die Paula strickte oder stopfte Strümpfe, sprach wenig und hatte doch die ganze Zeit einen stillen Vorwurf in den Augen. Von wegen der zweiundzwanzig Mark.

Die Paula rechnete. Karl Kühne wußte genau, worauf ihr ganzes Sinnen und Trachten stand. Eine Wohnküche und ein Schlafzimmer. Das war die Welt, um die sich Paula Beckers Gedanken drehten. Verlobt waren sie noch nicht, aber seit den zwei Jahren, die er nun schon bei Beckers wohnte, „ging“ die Paula mit ihm, und unter den Kameraden galt es längst für ausgemacht, daß sie „sein Mädel“ war. Karl Kühne hatte nichts dagegen. Wenn er einmal richtig darüber nachdachte, so konnte er sich eigentlich seine Zukunft auch nicht anders vorstellen, als daß Paula Becker seine Frau werden würde. Sie paßten zusammen, und sie hatten sich ja wohl auch beide lieb. Nur, daß dies Liebhaben fast verschämt versteckt blieb. Man fürchtete sich hier im Kohlenlande vor großen Worten.

Daß der Steiger Kaminski, der geleckte Affe, der Paula nachstieg und ihr sogar schon einmal einen regelrechten Heiratsantrag gemacht hatte, kümmerte Karl Kühne wenig. Dafür kannte er die Paula zu gut. Die gab sich nicht mit dem Kaminski ab. Die hatte für Liebeleien und so was überhaupt keinen Sinn, sondern ging gerade und ohne Umweg auf ihr Ziel im Leben los. Und das hieß ein kleines Heim, in dem sie die Hausfrau und er, Karl Kühne, der Mann war.

Nein, über den Steiger Kaminski machte er sich keine Sorgen. Daher rührte sein Mißmut nicht. Aber während er durch die Nacht den stillen Kanal entlang vor die Stadt schritt, umkreisten die Gedanken sein eigenes Dasein und spielten Fangball mit seinem Leben. Was war das eigentlich für ein Leben! Schicht und wieder Schicht. Eine Woche lang unter der Erde. Wenn man hinaufkam von der Arbeit, fiel man müde und zerschlagen ins Bett. Und Sonntags? Da schwenkte man sein Mädchen schwitzend herum in einem verqualmten Tanzlokal, man trank Bier oder saß stumpfsinnig in einem Kino, wenn es regnete, und sah auf der Leinwand Bilder aus einer anderen, fremden Welt vorüberflimmern. Höchstens, daß man im Sommer mal Sonntags mit der Paula am Kanal langspazierte und in dem dürftigen Gras der Böschung saß. Am Montagmorgen trottete man dann wieder mit den andern den grauen Weg zum Pütt.

Immer war das so gewesen. Karl Kühne kannte es nicht anders. Wenn er sich an die Eltern erinnerte — seine Mutter war eine abgearbeitete Bergmannsfrau gewesen, die wenig Zeit für ihre Kinder gehabt hatte. Er sah sie manchmal noch vor sich, wie sie in der Stube herumhumpelte, seufzend und schimpfend über den Pütt, die Knappschaft, den Lohn und die Teuerung. Der Vater war kurz nach ihr gestorben, verbraucht von schwerer Arbeit unter Tage. Einer der Brüder lag irgendwo in Flandern in einem Massengrab, der andere war ins Saargebiet ausgewandert. Er hatte nichts mehr von ihm gehört, bis eines Tages sein Name in der Zeitung gestanden hatte unter den Opfern eines großen Grubenunglücks da unten.

Nein, Karl Kühne hatte nie etwas anderes gekannt, als dies graue Leben im Kohlenland. Es erschien ihm auch gar nicht so grau und freudlos, weil er es eben nicht anders gewohnt war. Und doch war da oft eine Sehnsucht — woher kam die bloß? Eine Sehnsucht nach dem Leben über Tage, nach Licht, Sonne, Heiterkeit. Im vorigen Winter war er einmal Sonntags vom Regen überrascht worden und hatte sich in eine Kirche geflüchtet. Ein Kirchenkonzert wurde da gegeben, Eintritt frei. Karl Kühne hatte in einem Stuhl gesessen und etwas verlegen seinen Hut zwischen den Händen gedreht. Ein Kumpel, der sich am Sonntagnachmittag in die Kirche setzt! Die Kameraden würden schön lachen, wenn sie es wüßten. Verwundert, verständnislos hatte er dem Durcheinander der Orgeltöne und Stimmen gelauscht. Er war ein Bergmann, schlecht und recht, er wußte nichts vom Meister Händel und verstand keinen Deut von diesen klagenden, jubilierenden und triumphierenden Tönen. Das Orchestrion in Streichers Tanzlokal schien ihm im Grunde eine viel bessere Musik. Aber allmählich hatten ihn diese Töne eingesponnen. Da war eine Stimme gewesen, eine Frauenstimme, die ganz allein sang. Karl Kühne hatte die Sängerin nicht sehen können, aber er war sicher, daß die Stimme ein ganz weißes Kleid hatte, ein zartes, duftiges Kleid, das nichts wußte von Pütt und Kohlenstaub. Und auf einmal war ihm gewesen, als ob er diese Stimme ganz genau kenne. Irgendwo aus unbekannten Tiefen war da etwas aufgestiegen, wie eine Erinnerung an ein früheres, anderes Leben, an Wald und Wiese, Sonnenschein und helle Augen, in denen kein Kohlenstaub saß.

Ganz benommen war er damals aus der Kirche gekommen. Aber am anderen Tage, bei der Arbeit unten im Pütt, war wieder alles fortgewesen. Karl Kühne hatte sich sogar seines Sonntagserlebnisses über Tage geschämt.

Und nun war diese merkwürdige, dumme Sehnsucht wieder da. Diese Frau, die da gestern hinabgestiegen war in die Tiefe, die hatte die Sehnsucht in ihm wieder geweckt. Er meinte ihre wohllautende Stimme noch zu hören. Der leichte Duft, der von ihr ausging, die ganze Sicherheit ihres Wesens, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn und die ganze Welt behandelte, — so ganz anders war diese Frau als alle anderen Frauen, die er kannte, anders auch als Paula Becker. Schöner war sie nicht, im Gegenteil, die Paula mit ihren zuverlässigen Augen gefiel ihm viel besser. Aber jene fremde Frau, die kam aus der Welt, nach der er sich sehnte. Das war’s.

Karl Kühne setzte sich auf die Böschung am Kanal, ohne daran zu denken, daß der Nachttau feucht und kühl durch seinen Sonntagsanzug drang. Vor ihm lag das Kohlenland. Schlote, die wie Igelstacheln sich über die Landschaft reckten, Fördertürme, die dunkle, düsterrote Glut der Kokereien, schwarze Maschinenhallen und Fabrikgebäude, schwarze, schmale Wasserarme, langgestreckte Schleppkähne, die glitzernd dahinschießende Schlange donnernder Eisenbahnzüge. Er kannte das Bild. Was half es, daß die Ruhr sich gefällig durch das Land schlängelte, daß grüne Büsche an den Ufern von Frühling und Sonnenschönheit träumten. Mitten aus ihnen wuchsen die Fördertürme und Schlote dunkel und drohend und schrien das harte, hämmernde Lied der Arbeit.

Wegwandern von hier! Irgendwohin, wo es keine Zechen und Stahlwerke gab, wo viel Wald, Wiesen, Berge und Sonne waren! Er war jung, er hatte grade Knochen und einen anschlägigen Kopf. Warum sollte er nicht auch anderswo Arbeit finden können, eine andere Arbeit als hier im Pütt? Karl Kühne träumte von hellen Maschinensälen in Fabriken, von sausenden Sensen in einem Weizenfeld, von frischem Sturmwind, der um ein Schiff weht. Aber das Donnern der Nacht verschlang seine Träume.

Nie schwieg die Nacht hier im Kohlenland. Auch Sonntags nicht. Immer rasten die Züge, immer lohten die Essen, schossen die Feuerströme aus den Hochöfen und Kokereien, immer standen die Kohlenhalden schwarz und drohend gegen den Nachthimmel.

Nun fühlte er doch die Kälte des Nachttaus in den Gliedern. Er stand mit einem unterdrückten Fluch auf und marschierte zurück, stolperte über Stahltrossen und Eisenringe am Kanal und hatte den Schrei des Kohlenlandes in den Ohren, die Sehnsucht nach der Sonne in der Brust.

„So spät?“ Karl Kühne blieb stehen und sah ganz erschrocken nach dem grauen Streifen, der im Osten heraufdämmerte. Hatte er wirklich die ganze Nacht hier draußen gesessen und geträumt! So ein Blödsinn! Er beschleunigte seine Schritte der Stadt entgegen, die nun grau und schlafend, mit längst erloschenen Lichtern dalag.

Als er in die Bismarckstraße einbog, heulte fernher schon eine Sirene.

Karl Kühne fluchte abermals in sich hinein, und seine Beine griffen stärker aus. Wahrhaftig schon halb sechs! Um sechs begann seine Schicht. Keine Zeit mehr, um schnell nach Hause zu laufen. Mußte heute schon mal ohne Kaffee und Frühstück gehen.

Ein paar Nachtbummler kamen ihm entgegen, den Mantelkragen hochgeschlagen. Bald aber überholte er andere Gestalten, die mit gleichmäßigen, schweren Schritten vorwärts wanderten: Kumpels, die mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern zur Zeche gingen. Ehe er das Zechentor erreichte, war schon aus den einzelnen Gestalten ein langsam dahinwogender Zug geworden.

Kopf unter die Brause in der Waschkaue! Die Sonntagskleider vom Leibe gerissen und im Kleidersack hochgezogen, die Arbeitskluft an!

„Karl hat ordentlich einen sitzen,“ flachste ein schnauzbärtiger Hauer neben ihm, als er unter der kalten Dusche prustete. „Kommt in seine Sonntagsklamotten zur Schicht!“

Die Kumpels lachten. „Na ja, so’n Junggeselle kann sich dat leisten,“ brummte ein anderer neidisch. „Der braucht nich Muttern seinen Abschlag abzugeben wie unsereins.“

Ah! Wie gut das kalte Wasser tut! Die Nachtgespenster verflogen. War aber auch die höchste Zeit. Stahl klang auf Messing: Fünf Schläge. Die Seilfahrt begann.

*

Erst unten vor Ort traf Karl Kühne seinen Schlepper. Der kleine Dombrowski war heute in vorzüglicher Laune.

„War sich sehr schöner Sonntag, Kumpel. Hab ich Mädchen kennen gelernt in der ‚Alten Kanone‘, sehr schönes Mädchen. Hat alles bezahlt. Nachher sind wir dann noch zu Kumpel Sartori gegangen, haben Karten gespielt. Ein Glück hab ich gehabt!“ Das verwitterte Arbeitergesicht Dombrowskis strahlte. „Ein König — stech ich mit Bube! In der Hand noch drei Trumpf, ein As ...“

„Du, Stanis!“ Karl Kühne ließ einen Augenblick die Spitzhacke sinken und wehrte den erinnerungsseligen Redestrom des Schleppers ab. „Ich will dir mal was sagen.“

„Was denn, Kumpel?“

Karl Kühne spuckte kräftig aus.

„Ich hau in den Sack, Stanis! Ich mach nicht mehr mit hier unten! Ich will rauf, verstanden! Über Tage! In die Sonne!“

Der kleine Pole sah einen Augenblick grübelnd zu dem Hauer auf, grinste dann friedlich.

„Wär sähr schön, Kumpel. Wirst du aber bleiben. Will ich dir sagen, Karl: Wer einmal hier unten ist, kommt nicht mehr herauf an Soonne!“

„So! Dat ... wollen wir ... doch mal ... sehen!“ Karl Kühne faßte wieder sein Gezähe und schuftete drauf los, daß ihm die Berge um die Ohren rasselten.

4. Kapitel.

„Wo haben Sie denn Ihren Mantel, Kühne?“

Der Steiger Kaminski schob mit dem Fuß die losgehauenen Kohlenstücke beiseite und sah den Hauer spöttisch überlegen an. „Wenn Sie, wie ich höre, im Sonntagsstaat zur Schicht kommen, hätten Sie ja auch Ihren Mantel mitnehmen können, nicht?“

Karl Kühne stieg das Blut in den Kopf. „Halt die Schnauze, Kaminski,“ sagte er kurz und hieb von neuem auf das Gestein ein.

„Immer langsam.“ Der Steiger bezwang seine innere Wut und spielte weiter den Überlegenen. „Ich mein es doch nicht schlecht mit Ihnen. Hätte gern gestern nachmittag ein Glas mit Ihnen getrunken, Kühne, aber Sie waren ja auf einmal verschwunden. Da hab ich ja nun mit Fräulein Paula und dem alten Becker vorlieb nehmen müssen.“

„Von mir aus können Sie mit der Paula Hochzeit halten,“ knurrte Karl über die Schulter zurück. Kaminski knackte mit den Fingern.

„Natürlich, Kühne. Wenn man, wie Sie, was Besseres auf der Gabel hat, nicht? Ich meine, wenn man mit vornehmen Damen im Bergwerk spazieren geht ... Was ist das eigentlich für ’ne Schweinerei,“ fuhr er plötzlich den kleinen Dombrowski an, der ihm aus Versehen auf die Stiefel gespuckt hatte. „Ihr schlaft wohl heut hier unten euren Katzenjammer aus? Schon zehn Uhr, und ihr habt erst die Hälfte von dem gefördert, was sonst euer Quantum ist!“

„Ist sehr schwer, Steiger,“ wagte der Pole einzuwenden. „Müssen heute viel Berge herausklauben. Und die Kohle ist ganz zerdrückt.“

„Dann habt ihr eben schlecht versetzt! Ihr müßt ...“

„Nun ist’s aber genug!“ Karl Kühne drehte sich plötzlich um und trat mit wutverzerrtem Gesicht dicht vor den Steiger hin. „Daß Sie mich flachsen wollen, Kaminski, kann angehen, aber auf unsere Arbeit laß ich nix kommen. Ich versteh meinen Kram hier ebensogut wie Sie!“

Der Steiger wurde blaß vor Wut. „Einen Dreck verstehen Sie! Von allen Kameraden fördert ihr am wenigsten! Weil ihr faule Hunde ...“

Die Ohrfeige, die Karl Kühne dem Steiger versetzte, kam so schnell und war so wuchtig, daß Kaminski gegen die Felswand flog. Erst der Schmerz des Anpralls brachte ihn wieder zu sich. Eine Sekunde schien es, als wollte er sich über Karl werfen und mit ihm ringen, aber er besann sich noch rechtzeitig und suchte seine Fassung wiederzugewinnen.

„Das ist tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten,“ keuchte er. „Sie sind entlassen, Kühne! Holen Sie sich im Büro sofort Ihren Lohn und Ihre Papiere!“

Er wartete keine Antwort ab, sondern stiefelte den Stollen entlang zum Schacht. Auf seiner Wange brannte racheheischend ein roter Fleck.

Der Schlepper Dombrowski wischte sich betrübt mit der Hand über den Schnurrbart und schüttelte den Kopf.

„Was hast du gemacht, Kumpel? Der Jagdhund wird dich verklagen. Wirst gehen müssen. Einen Steiger schlagen, das ist ...“

„’n sofortiger Entlassungsgrund,“ nickte Karl. „Na, dann such ich Arbeit in ’nem anderen Pütt.“

„Ist sehr schwer heute, Kumpel. Schade. Wo wir doch so gut zusammen gearbeitet haben!“ Treuherzig, etwas verlegen sah er den Kameraden an. „Soll ich auch in den Sack hauen, Kumpel, und mitkommen?“

„Nee, bleib man, Dombrowski. Ich weiß noch gar nicht ...“ Karl dachte an die Wandersehnsucht, die ihm in den Knochen steckte. Es war dumm, daß er sich zu der Ohrfeige hatte hinreißen lassen. Fällig war sie zwar längst, aber er ärgerte sich doch über sich selbst. Aber vielleicht sollte das so kommen. Wenn er jetzt entlassen wurde, dann — ja, dann mußte er sich ja nach anderer Arbeit umsehen. Denn hier im Bergbau war wenig zu machen. Darin hatte Dombrowski recht. Die Arbeitslosigkeit war noch immer groß. Tausende von Kumpels lungerten um die Stempelstellen.

Karl Kühne packte sein Gezähe zusammen, lud den kleinen Dombrowski für den Abend zu einem Abschiedsglas ein und zog ab durch die Stollen.

Oben im Lohnbüro schüttelte der Beamte ärgerlich den Kopf. „Was sind das für Sachen, Kühne! Mag schon sein, daß der Steiger Kaminski Sie gereizt hat, aber da darf man doch nicht gleich ... nee, nee, so was dürfen wir hier nicht einreißen lassen. Ich muß Ihnen die Papiere geben. Das heißt, gehen Sie heut mal ruhig nach Hause. Ich werde erst noch mal den Kaminski fragen. Wenn er nicht drauf besteht ...“

„Fragen Sie ihn lieber nicht erst,“ sagte Karl gelassen. „Ich geh schon so.“

*

Der Empfang, den Karl Kühne daheim fand, war nicht geeignet, seine Stimmung zu verbessern. Ein Bergmannskind wie Paula Becker weiß natürlich sofort, was los ist, wenn ein Kumpel gesund und munter vormittags um 11 Uhr, drei Stunden bevor seine Schicht um ist, mit Sack und Pack heimkommt.

Entlassen!

Sie war schon bereit gewesen, es dem Karl zu verzeihen, daß er sie gestern abend umsonst hatte warten lassen, sie und die leckeren Kartoffelpuffer. Verheiratet waren sie ja nicht, und ein Mann hat ja wohl das Recht, sich einmal eine Nacht um die Ohren zu schlagen. Kam ja selten genug vor bei Karl Kühne, und vielleicht war’s ganz gut, daß er sich den Ärger heruntergespült hatte. Aber als sie ihn jetzt ankommen sah und sofort wußte, daß er seine Arbeit verloren hatte, schwand die versöhnliche Stimmung wieder dahin. Sie sah ihm mit gerunzelter Stirn entgegen.

Karl bemühte sich, harmlos zu erscheinen. Er pfiff vor sich hin, während er seine Sachen verstaute. Endlich schleuderte er in die Küche hinüber und stellte sich, die Hände in den Hosentaschen, vor Paula hin.

„Na, du fragst ja gar nicht, warum ich so früh heimkomme.“

Das Mädchen zuckte die Achseln und wandte sich ab.

„Was soll ich da noch fragen.“

„Stimmt. Ich hab meine Papiere gekriegt.“ Karl versuchte, einen forschen, leichtsinnigen Ton anzuschlagen, aber es gelang ihm nicht recht. Er fühlte selber, daß seine Stimme unecht klang.

„Und was willste jetzt machen? Stempeln gehn?“

Er wurde ernst. „Hör mal, Paula, so schlimm ist das nicht. Ich hab doch zweihundert Mark auf der Sparkasse. Damit brauch ich vorläufig nicht zu stempeln.“

Paula räumte ungerührt weiter in der Küche auf.

„Und dann? Wenn die alle sind?“

„Bis dahin hab ich wieder Arbeit. Nicht hier,“ schnitt er rasch eine höhnische Einwendung ab, die Paula machen wollte, und stieß dann schnell, als könne man seinen Entschluß verhindern, heraus: „Ich geh fort!“

Das Mädchen schob wieder die Schultern hoch. „Anderswo ist’s auch nicht besser.“

„Du verstehst mich nicht, Paula.“ Er versuchte sie an sich zu ziehen, ließ sie aber gleich wieder los, als er ihr Widerstreben fühlte. „Ich mein nicht nach einem anderen Pütt. Ganz fort will ich. Wandern! Endlich mal was vom Leben haben wie andere Menschen auch: Wälder sehen, Bäume, Bäche, Berge, blaue Luft, Kornfelder, andere Städte!“

„Mensch, wie du wieder redst.“ Paulas Gesicht blieb hart und abweisend. „Als ob du davon leben könntest!“

„Kommt auch noch, Paula.“ Karl Kühne sprach sich langsam in eine Begeisterung hinein. „Sieh mal, ich hab immer so ’ne Sehnsucht gehabt, in der freien Luft zu arbeiten. Ich tippele jetzt erst mal durch Deutschland und such’ mir ’nen Platz. Was meinste, Paula, wenn du mitkämst? Wir zwei, was? Wir blasen dem ganzen Pütt einen langen Marsch und wandern raus aus dem Kohlenland, weit fort, irgendwohin wo’s schön ist. Deutschland ist groß, Mädel. Und irgendwo finden wir dann auch mit der Zeit ’ne Arbeit. In einer Fabrik oder, was noch schöner wär, auf dem Land. Wir mieten uns so ’ne kleine Kate mit ’ner Kuh und ’ner Ziege, richten uns ein — was, Paula?“

Nun saß sie doch neben ihm auf der Bank. Ihre Arme lagen fest auf dem Küchentisch, und sie duldete, daß er seine Hand auf sie legte.

„Sag mal, Karl, ist dat nu dein Ernst oder biste noch beschickert von gestern?“

„Kein Gedanke. Ich hab überhaupt nichts getrunken gestern abend.“

Sie sah mißtrauisch auf. „Wo warste dann?“

„Am Kanal lang. Die ganze Nacht bin ich da rumgelaufen und hab darüber nachgedacht, Paula. Ich hab das Leben satt hier. Ich will mal raus aus dem Kohlenpütt. Andere Menschen leben auch draußen über Tag.“

„Bergleute nicht.“

„Ach wat!“ Karl fegte den Einwand beiseite. „Warum soll ich mein Leben lang Kumpel bleiben? Gibt ja auch andere Arbeit auf der Welt. Wir zwei schlagen uns schon durch, Paula.“

Es arbeitete in ihrem Gesicht. Wohl drei Minuten lang grübelte sie schweigend, dann schob sie langsam ihre Hand in die seine und rückte näher an ihn heran.

„Sieh mal, Karl, du sagst: wir zwei. Und du weißt ja, daß ich dich lieb hab. Ich freu mich auch, daß du dat jetzt gesagt hast. Aber is dat nu nicht Unsinn, deine schöne zweihundert Mark wegzuwerfen. So viel Geld! Und dat geht doch sicher drauf, wenn du fortreisen willst. Denk mal, wat wir alles damit hier anfangen könnten. Mit zweihundert Mark“ — sie machte eine Pause und rechnete angestrengt — „könnt man schon ’ne Wohnküche auf Abzahlung kriegen, ohne daß die Raten zu groß würden. Betten und Wäsche hab ich ja. Und Vater gäb auch noch wat dazu. Wär dat nicht viel besser für uns, wenn du hierbleibst? Am End kriegst du doch als gelernter Hauer wieder Arbeit im Pütt.“

„Ich will aber nicht mehr!“ Karl schob die Schulter, die sich leicht an ihn schmiegte, zurück. „Ich geh auf die Wanderschaft und such mir was Besseres, Paula. Und wenn du willst, nehm ich dich mit!“

Das Gesicht des Mädchens war wieder hart geworden. Sie zog ihre Hand zurück und stand auf. „Dat ist ja Unsinn, Karl, was du da sagst. Wer soll dann für Vatter sorgen, wenn ich hier fortgeh? Wer soll dat Haus in Schuß halten? Und überhaupt: Ich hab keine Lust, auf gut Glück in der Welt herumzulaufen. Dat is nix Festes und nix Ernstes. Man muß da bleiben, wo man hingehört. Und ich gehör hierher. Du auch, Karl, wenn du’s auch nit wahr haben willst.“

„Dann geh ich eben allein!“

Sie machte eine unmutige Bewegung mit den Schultern und widmete sich der Bohnensuppe auf dem Herd. Eine Weile war es still zwischen den beiden. Dann fragte das Mädchen ruhig, ohne sich von ihrer Arbeit umzuwenden:

„Wie ist dat nun eigentlich gekommen, daß du entlassen worden bist?“

Karl Kühne erzählte. Der Steiger Kaminski kam schlecht weg dabei, aber sonst hielt Karl sich streng an die Wahrheit. Er verschwieg auch nicht, daß er sich selber über seinen Ausbruch geärgert hatte.

Бесплатный фрагмент закончился.

448,19 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
180 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711445099
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги