Читать книгу: «Im Bann des Eichelhechts»
Über das Buch:
Wer gerne reist, der mache sich auf ins Sprachland. Dort sind die Menschen nicht an der schnöden Wirklichkeit regelgerechten Redens und korrekten Schreibens interessiert, sondern am Gegenteil: am Falschen, auch am Lächerlichen, am Hoch- und Tieftrabenden, am Irritiertsein, dem kurzen Stutzen und an der Poesie sowie dem Nachdenken, das sich daraus ergibt. Hier wird die Zeit in Verwöhnminuten gemessen, die Menschen arbeiten in Schlafanfallbüros, tragen Ganskörpertattoos, und das Wort Reißverschluss schreiben sie Rajs-ferszlus. Es haben Arten überlebt wie der Eichelhecht, der Rächerlachs und der Aschenpudel, es wachsen schwarzäugige Erbsen und die seltenen Tiftrienen. Es gibt gerade und gebogene Zahlen, und man isst gebratene Caprihosen sowie Gerichte mit schönen Namen wie Kleine Kopffüßer ertranken.
Aus Axel Hackes Reise in dieses nahe und doch ferne Land ist ein lustiges, verträumtes, versponnenes Sprachspielbuch entstanden. Große Kunst. Und ein noch größeres Vergnügen.
Der Autor:
Axel Hacke lebt als Schriftsteller und Kolumnist des Süddeutsche Zeitung Magazins in München. Er gehört zu den bekanntesten Autoren Deutschlands, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen wir ein gelungenes Leben (Kunstmann 2019). Mehr unter www.axelhacke.de
AXEL HACKE
Im Bann des Eichelhechts
und andere Geschichten aus Sprachland
VERLAG ANTJE KUNSTMANN
Inhalt
WILLKEMMON
REISEN 1
REISEN 2
REISEN 3
ZEIT
ZAHLEN
ESSEN
FAUNA
FLORA
MASCHINEN 1
MASCHINEN 2
MASCHINEN 3
SCHILDER 1
FORTSCHRITT
GEFÜHL
SEX
BUCHSTABEN 1
KOMMA
BUCHSTABEN 2
SCHILDER 2
BUCHSTABEN 3
GESCHICHTEN
EINIGE HÜHNER
VERWIRRUNG
KANNIBALISMUS
BÖSE
EHRLICHKEIT
PROMINENZ
GERICHTSWESEN
HANDEL UND WANDEL
FÜSSE
HÄNDE
KRIEG
ARCHITEKTUR
ANALES
FREMDWÖRTER
SCHILDER 3
TOD
NICHTS
VORWORT
Hans Traxler, der große Maler und Zeichner, berichtete mir einmal beim Abendessen, wie er im Mai 1945 als 16-Jähriger bei seiner Flucht nach Westen (er hatte als Kind in der Region um Karlsbad gelebt, also Karlovy Vary) die Demarkationslinie bei Marienbad in Westböhmen erreichte. Der amerikanische Wachtposten habe ihn nach seinem Woher und Wohin gefragt und dann eine Frage gestellt, die ihm, dem Wachmann, sehr wichtig schien.
Traxler verstand die Frage so: Are there gods over there? Wobei der Amerikaner das gods irgendwie texanisch gedehnt aussprach, gaads.
Traxler erstarrte.
Was meinte er damit: ob da drüben Götter seien? War das ein Codewort für hohe Nazis oder Generäle?
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte er, sonst schickt der mich zurück zu den Russen. Er antwortete, wahrheitsgemäß: No, Sir, just ordinary people.
Und durfte passieren.
Erst viel später, so Traxler, sei ihm klar geworden, dass der Soldat mit dem zerkauten gaads nicht gods gemeint hatte, sondern guards, Wachen, Wachtposten.
Das notierte ich damals natürlich, denn es ist ganz wunderbar, dass jemand die Frage, ob sich in der Stadt hinter ihm Götter aufhielten, so ganz selbstverständlich und ernst hinnimmt und auch wahrheitsgemäß beantwortet. Er hätte ja auch nachfragen können: What do you mean by gods? Aber wer traut sich noch nachzufragen, auf der Flucht, in großer Gefahr, vor einem Soldaten stehend, der über das Schicksal entscheiden konnte. Der war ja selbst eine Art Gott, und Göttern stellt man besser keine Fragen.
Die Notiz mit Traxlers Geschichte legte ich in eine Riesenschachtel in meinem Büro. In dieser Riesenschachtel lag das Material, aus dem jetzt dieses Buch geworden ist. Praktisch jeden zweiten Tag hatte ich etwas dafür in der Post, zehn Jahre lang, nein, fünfzehn: Sprachfunde von Leserinnen und Lesern irgendwo auf der Welt, Inserate, Schilder, Werbungen, Speisekarten, Zeitungstexte, alle mit kleinen, überraschenden Fehlern, Macken, Irrtümern, über die sich die Leute natürlich manchmal schon ihre Gedanken gemacht hatten. Lustige, verspielte, versponnene, nachdenkliche Mails, Briefe, Postkarten waren das. Manchmal bekam ich auch irgendwo etwas erzählt, wie jetzt von Traxler, oder jemand überreichte mir direkt ein Fundstück, garniert mit einer Anekdote, die ich dann in Stichpunkten auf einen Bierdeckel oder eine alte Quittung kritzelte. Oder auf einen Zettel.
Das wird Ihnen sicher gefallen, sagten oder schrieben die Leute, daraus können Sie vielleicht etwas machen. Aber ich ließ dieses Material lange, lange Zeit einfach liegen.
Ich habe doch schon das eine oder andere Buch zu einem ähnlichen Thema geschrieben, dachte ich. Außerdem hatte ich immer was anderes vor, ein anderes Buch, meine ich. Das schrieb ich dann eben – und dieses hier nicht.
Aber natürlich amüsierte ich mich mit dem, was ich da bekam.
Leserin K. schickte mir zum Beispiel das Foto eines Schildes aus einem Kieler Fußballstadion, auf dem es hieß, der Durchgang zum Stadioninnenbereich sei derzeit nicht möglich.
Sie fand es bemerkenswert, dass es offenbar neben dem sächlichen Stadion auch eine Stadionin gebe, mit dem Plural Stadioninnen, was für mich zunächst die Frage aufwarf, warum man hier nicht einfach, wie es heute manchmal gebräuchlich ist, StadionInnen geschrieben hatte oder Stadion*innen – bis mir klar wurde, dass eben ausdrücklich nur zur Stadionin kein Durchgang möglich war. Zum Stadion aber wohl.
Ich behielt solche Erwägungen für mich, dachte nicht weiter darüber nach, wie ich auch die Frage nicht weiter erörterte, die mir Leserin G. aus Regensburg eines Tages stellte. Frau G. hatte einen Biskuitteig zubereiten wollen und dabei auf einer Internetseite im Rezept unter den Zutaten auch Eier vom Tortenhuhn entdeckt.
Was wohl ein Tortenhuhn sein könne, fragte Frau G. Ich wusste es nicht, aber natürlich stellte ich mir Spezialhühner vor, deren Eier besonders für Biskuitteig geeignet wären. Oder auch ein tortenartig geformtes Huhn, das zusammen mit Kuchenhähnen, Kekshennen und Croissantküken in Spezialzuchtfarmen lebt. Ich schrieb sogar an den Support-Service der entsprechenden Internetseite, um zu fragen, was das sei, ein Tortenhuhn.

Man wisse es nicht, lautete die Antwort.
Wenn man nun aber nur allein diese drei, eher zufälligen Beispiele aus Tausenden von Leserbriefen zusammenlegt – da entsteht eine ganz eigene Welt, nicht wahr? Jedenfalls lässt sie sich erst einmal in Ansätzen ahnen: eine Welt, in der Götter in Städten leben, in der es Stadioninnen gibt und Tortenhühner, eine Welt von eigenem Reiz und seltsamer Schönheit, geformt allein durch Sprache, Missverständnisse, unaufklärbare Irrtümer. Und das Verrückte war, dass sich diese Welt hier in meinem Büro befand (und noch befindet), dass ich alles nur zusammensetzen musste aus den Mails, Briefen, Postkarten, Notizen, Bierdeckeln, Schnipseln, Fotos – ein unentdecktes Sprachland sozusagen, das immer größer geworden war, an das ich plötzlich jeden Tag dachte und in das ich nun aufbrechen wollte.
Sprachland – in meiner Vorstellung war das fortan ein weltumspannendes Gemeinwesen, überall und nirgends befindlich, hier in meinem Büro, aber auch in einer Pizzeria in Mailand, auf einem Schild in Neumarkt/Oberpfalz, in einer Mail aus Hamburg, auf einer Postkarte aus Radevormwald oder einer Speisekarte in Phuket: das einzige Land der Welt, das ausschließlich aus Sprache besteht, aus Irrtümern, Falschgehörtem, schlecht Übersetztem, aus Fehlleistungen und aus den Phantasien, die sich daraus ergeben.
Ein Land, das man jederzeit und ganz unverhofft betreten kann, ohne Reisepass, nur mit offenen Augen und ein wenig Vorstellungskraft ausgerüstet. Und ein Land gleichzeitig, das man, kaum ist man da, unversehens auch schon wieder verlassen hat, denn hier ist man oft nur für einen Moment, für ein kleines Lachen, ein kurzes Irritiertsein, ein plötzliches Nachdenken – und dann ist der Besucher auch schon wieder draußen, über die Grenze, in der schnöden Wirklichkeit korrekten Redens, regelgerechter Sprache, richtigen Schreibens, Hörens, Sehens.
Das könnte ein schönes Buch sein, dachte ich, ein lustiges, verträumtes, versponnenes, verspieltes Sprachspielbuch. Ich müsste dazu nur erst einmal dieses ganze Material aus den Ecken und Winkeln, den Regalen und Schubladen und aus dem Computer meines Zimmers zusammensuchen und wieder betrachten.
Wenn mir aber dieser Gedanke kam, so war er stets gefolgt von einem zweiten: Ach, du wartest besser lieber noch ein wenig, bis es noch mehr Material ist, dann wird das Buch interessanter. Als es dann jedoch mehr Material war, hatte ich plötzlich Angst vor diesem vielen Zeug, dem ganzen Papier, vor der Mühe, das alles zu durchforsten. So wartete ich weiter. Was die Sache nicht besser machte. Denn dieses ganze Materialgebilde bekam allmählich etwas Drängendes, Forderndes, Verlangendes.
Es wurde immer schwieriger, dieses Buch nicht zu schreiben, obwohl doch Nichtschreiben eigentlich die einfachste Sache der Welt ist, viel leichter als Schreiben.
Aber ich dachte ja nun immer öfter an das Buch.
Und ich begann es mir vorzustellen.
Eines Tages kam dann die Mail von Herrn B. Er hatte in Agde in Südfrankreich, am Canal du Midi, das Schild eines Bootsverleihs fotografiert. Man konnte dort Boote mit oder ohne Lizenz leihen, und dann hieß es auf diesem Schild, ganz plötzlich und einfach so: Denken Sie Ein Buch.

Wahrscheinlich solle das bedeuten, schrieb B., »dass man nicht vergessen darf, im Voraus zu buchen«.
Ja, das ist sicher wahr, dachte ich. Aber irgendwie stimmt es auch so: Man muss eben ein Buch auch wirklich denken, dachte ich, natürlich, man darf das Ganze nicht immer nur so nebenbei im Kopf vor sich hin simmern lassen, sondern muss eine Vorstellung davon entwickeln. (Ich hatte ja damit schon begonnen.)
Und dann muss man es schreiben.
Das tat ich auch. Es ging einfach nicht mehr anders.
Ich machte mich ans erste Kapitel. Und wissen Sie was? Wenn man damit erst mal angefangen hat, wenn man also sozusagen in die Kapitelstraße eingebogen ist und sich dort befindet, dann gibt es kein Zurück mehr. Das wusste ich, denn Frau K. hatte mir aus Lübeck auch das Foto eines anderen Schildes geschickt, als Warnung, wenn man so will.

WILLKEMMON
Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, Menschen willkommen zu heißen. Ich erzähle dazu folgende Geschichte.
Eines Morgens im Jahr 2015 zog ich ein Sakko an und fand in der Tasche ein Parkticket aus Schweden. Aber ich war seit Jahrzehnten nicht mehr in Schweden gewesen! Genau genommen hatte ich mich überhaupt nur einmal im Leben dort aufgehalten, als Zeitungsreporter nach dem Mord an Olof Palme.
Aber das war 1986, damals vor fast dreißig Jahren.
Und zwar ohne Auto. Ich hätte also auch kein Parkticket benötigt, in jenem lange zurückliegenden Jahr.
Oder war ich doch dort? Hatte ich etwas vergessen? Ist es schon so weit mit mir gekommen?, dachte ich: dass ich Reisen nach Schweden vergesse?!
Dann fiel mir ein, dass ich das Sakko seit einem Jahr nicht mehr getragen habe, damals aber zuletzt bei einer Lesung. Und dort hatte mir ein Leser diesen Zettel zugesteckt, ein Parkticket aus der Astrid Lindgrens Värld in Vimmerby/Småland. Er fand es lustig (und das ist es ja auch), dass auf diesem Papier das schwedische Wort Parkeringsbiljett (also Parkticket) als Strafzettel übersetzt worden war und dass damit sozusagen auch der korrekt Zahlende bestraft wurde. Und dass darunter Välkommen!, Welcome!, Willkommen! stand, was sich unter dem Begriff Strafzettel irgendwie seltsam macht.

Leise Ironie des Alltags: Ich lernte bei der Gelegenheit noch ein bisschen Schwedisch, weil ich nämlich von des Schwedischen mächtigen Menschen erfuhr, dass in Schweden ein Schnellzug, ans Deutsche angelehnt, snälltåg heißt, das Wort snäll als Adjektiv aber nett bedeutet. Was wiederum mit sich brächte, dass die schwedischen Schnellzüge eben auch nette Züge wären, Nettzüge.
Välkommen also, liebe Leserinnen und Leser, in den Freundlichkeiten der schwedischen Sprache!
Vor dem Betreten Sprachlands jedoch benutzen wir einen leicht variierten Gruß. Wir sagen:
Willkemmon!
Dieses schöne Wort fand sich vor Jahrzehnten auf einer Speisekarte einer britischen Unterkunft namens The Grand Hotel, in dem man eine Reisegruppe so begrüßte: Willkemmon, »Lauscher Reisen«.
Im folgenden Menü konnte man, so las ich, täglich wählen zwischen Gerichten wie Braten Sie Bein englischen Lammes MIT ROSMARIN GEDIENT, WITTERTE BRATENSAFT oder auch einer sorgfältig betitelten Speise namens Selbstgefertigtes Hähnchen Kiew Filet Von Hähnchen, das MIT EINER Knoblauch-Butter gefüllt-wird, Breadcrumbed Und backte Bis Golden.
Den Abschluss bildete Frisch gegorener Kaffee.
Es ist, wie wir sehen, beim Betreten unseres Landes wichtig, einige Grundsätze zu beachten. Den ersten fand jemand für mich vor vielen Jahren am Eingang eines italienischen Restaurants namens Mi Piace (das heißt Gefällt mir). Dort wurden auf einer Tafel die Sprachkenntnisse des Personals annonciert, We speak english zum Beispiel, auch Mluvíme po cesky.
Und dann: Wir sprachen deutsch.

Den zweiten Grundsatz entdeckte ein anderer Leser vor dem Eingang zu den Katakomben in Rom, wo auf einem Schild der englische Satz PLEASE WAIT UNTIL YOU ARE CALLED BY LOUDSPEAKER übersetzt worden war mit BITTE WARTEN, DIE DEUTSCHE SPRACHE WIRD AUFGERUFEN.
Für den Besucher Sprachlands bedeutet das alles: Wer ausschließlich an korrekter deutscher Sprache interessiert ist, der warte bitte hier. Die Bewohner dieser eigenartigen Region sprachen deutsch und versuchen sich gerade zu erinnern. Wenn ihnen etwas Richtiges eingefallen ist, melden sie sich und rufen die Reisenden auf.
Alle anderen Interessenten folgen mir jetzt bitte.
Wir werden nämlich mit dem ersten netten Zug losfahren, wir werden die Beine englischer Lämmer braten, wir werden Bratensaft wittern, Hähnchen selbst fertigen und mit Rosmarin dienen.
Es wird ein großes Abenteuer.
Willkemmon in Sprachland!
REISEN 1
Für eine Reise hierher gilt jene Devise, die wir ganz vorne auf der Speisekarte im Restaurant des Hotels El Pilar in La Carlota in der Provinz Córdoba finden:
Schauen Sie vorbei und lassen sie glücklich.
Wie aber gelangen wir an unser Ziel?
Wie können wir vorbeischauen und uns glücklich lassen?
Mit dem Auto?
Da ziehe ich die Mail von Frau L. aus Laudenbach (Bergstraße) aus dem Ordner. Sie schrieb mir, als Kind habe sie oft Radio gehört, samt Verkehrsnachrichten. In denen sei immer wieder von c-flüssigem Verkehr die Rede gewesen, was in ihr (der kleinen L. also) die Frage aufwarf, warum denn niemals vom a-, b- oder d-flüssigen Verkehr die Rede sei; nie berichtete man darüber, immer nur vom c-flüssigen Verkehr.
Und tatsächlich stellt man sich vor, wie es wäre, wenn die Flüssigkeit von Verkehr in die Kategorien a, b, c und d eingeteilt wäre, wie ja auch, nach der Europäischen Norm EN2, brennende Stoffe in Brandklassen sortiert sind, A, B, C, D und sogar F nämlich. A sind zum Beispiel Brände fester Stoffe, meistens organischer Herkunft. B, das ist Benzin oder Lack. C sind Brände von Gasen, D solche von Metallen, F von Speiseöl, vulgo: Frittenfett.
Und wieso nicht E, wo ist E, gibt es denn keine Brandklasse E?
»Im Jahr 1978«, lese ich bei Wikipedia, »wurde die Brandklasse E, die für Brände in elektrischen Niederspannungsanlagen (bis 1000 Volt) vorgesehen war, abgeschafft. Alle heutigen Feuerlöscher können in Niederspannungsanlagen eingesetzt werden, sofern der auf dem Feuerlöscher aufgedruckte Sicherheitsabstand eingehalten wird.«
Hätte sich das also auch erledigt, Brandklasse E, meine ich. Na ja, und entsprechend werden dann die Löschmittel eingesetzt, deshalb heißt das Pulver in Feuerlöschern oft ABC-Pulver.
Wieder was gelernt.
Wie wir auch lernen, C-Flüssigkeit des Autoverkehrs bedeutet: Besser mit der Bahn fahren!
Meinen liebsten Bahnbericht bekam ich übrigens von Herrn K. aus Ulm, er schickte mir den Text eines Werbehefts für eine berühmte, die Anden überquerende Eisenbahn. Sie fährt in Ecuador. Im Prospekt wird die Baugeschichte der Bahn erklärt, ein wunderbares und etwas längeres Zitat, das man wirklich bis ganz zum Schluss lesen muss – denn dort …
Aber bitte, hier, ich zitiere ausführlich!
»Die geschichte der transandischen eisenbahn im Jahre 1860 machte man erste planene und versuche die bahnstrecke von Guayaquil bis Quito zu haven und erst 1874 kam die erste lokomotive in Milagro an. Aber erst 1895 unter der presidentschaft von Eloy Alfaro, nahm man kontakt mit der amerikanischen konpaine Archer Harmann un Edwar Morely auf, welche daran interressiert waren die schwieriste bahnstrecke der welt wie sie zu dieser zeit hiess, zu baven … spaetr, in jahre1915 begann der bau der teilstrecke sibmbe Cuenca welcher nur sehr langsam fortschritt und erst 1930 funrder zug auf dem bahnnof el Tambo ein im august 1945 wurde die strecke bis Azoguez und am 6 maerz 1965 bis Cuenca eingeweint.«
Eingeweint.
Es gibt so viele Orte, die man zwar meinetwegen auch einweihen, aber dann gleich erst einmal einweinen müsste: Bahnhöfe, Orte der Zusammenführung und des Abschieds; Friedhöfe; und dann Taschentücher, Kopfkissen, Freundesschultern, Zwiebelschneider.
Warum ist dieses Wort bisher nur in Ecuador benutzt worden? Oder, wenn es bei uns erwähnt wurde, dann in anderen Zusammenhängen, von Weinkennern etwa, die vor einer Weinprobe einen Schluck von bereits bekanntem Wein trinken, um Mund und Schleimhäute auf andere Weine vorzubereiten, sie also einzuweinen, ähnlich vielleicht wie man ein neues Auto einfährt. (Deshalb vermutlich fand ich auf einer slowenischen Weinkarte einmal den Begriff Vinska Karta mit Weinenkarte übersetzt.)
Einzig Hildegard Knef soll das Wort einmal so genommen haben, wie es genommen werden sollte, als sie sich über Schönheitsoperationen äußerte nämlich. Ein frisch geliftetes Gesicht, so wird sie oft zitiert, das müsse man jahrelang einlachen und einweinen.
Anfangs läuft der Tränenstrom nur c-flüssig, aber dann, irgendwann …
Müsste man nicht übrigens auch neue Betten einschlafen? Neue, dicke Bücher einlesen? Und wenn man dann nicht mehr weiterlesen mag, weil es eine dieser sterbenslangweiligen Schwarten ist, die man sich wieder von einem Rezensenten im Literaturteil hat aufschwatzen lassen, was dann?
Dann setzt man eine Fertiglesebrille auf, wie sie Leser K. aus Brannenburg einmal bei Tengelmann entdeckte, als es Tengelmann noch gab: Brille auf, fertig gelesen, Ende, danke.
Aber das nur en passant.
Wir waren ja beim Bahnfahren.
Seltsame Orte gibt es in Sprachland, wo wir auf den Bahnsteigen die Züge erwarten. Einer der größten heißt Nichteinsteigen. Sehr viele Züge fahren dorthin, aber immer sind sie leer. Ich habe mich selbst überzeugt, eines längst vergangenen Tages in der WestfalenBahn auf einem Bahnhof in Nordrhein-Westfalen. Über einem Zugfenster, genau dort, wo sonst die Reiseziele verkündet werden, stand Nichteinsteigen. Aber niemand saß oder stand im Zug. Niemand wollte nach Nichteinsteigen fahren.

Ein anderes Mal an einem anderen Bahnhof: Ich stand vor dem Zug, der als ICE 77777 gekennzeichnet war, darunter stand Wir reinigen, -einsteigen. Und wiederum darunter, genau wieder dort, wo sonst die Reiseziele angegeben sind, las ich Willkommen. Und wiederum darunter, dort, wo man sonst die Zwischenziele und -halte findet, dort also entdeckte ich die Worte bitte nicht.
Willst du nach Willkommen reisen, so musst du mit der Bahn über bitte nicht fahren.
Möglich wäre des Weiteren auch die Reise mit dem Schiff.
Hier sind die Angebote vielgestaltig. Allein reisende Herren dürfte besonders das Angebot interessieren, das sich vor Jahren für eine ganze Weile auf der Internetseite der Fährgesellschaft Moby Lines in Italien fand, ganz unauffällig. Dort standen, jeweils mit einem Kästchen zum Ankreuzen versehen, die Sonderangebote ANGEBOT HIN/RÜCK, Staufreie Abfahrten, Super Frau, Angebot Kinder.
Ansonsten ist bei Schiffsreisen zu beachten: Die Überfahrt ist nicht ungefährlich. Man muss also den Sicherheitsanweisungen an Bord Beachtung schenken. Leser H. aus Wertingen zum Beispiel fand es bei einer Seereise entlang der norwegischen Küste nicht leicht, wie gefordert die Anzüge an den Enkeln zu befestigen – warum? Aus reinem Enkelmangel, er hatte zu diesem Zeitpunkt einfach keine. Denn er sollte erst vier Monate später Großvater werden.
Gott sei Dank trat der Notfall nicht ein.

REISEN 2
Wohlbehalten in Sprachland angekommen, werden wir nun unsere Unterkunft beziehen.
Mancher von uns hat vielleicht schon vor der Anreise mit dem Vermieter korrespondiert. Stellvertretend für all jene möchte ich aus dem Schreiben zitieren, das Leserin O. von ihrem italienischen Vermieter erhielt.
Mit vielem Verdruß muss ich in Verbindung stehen, dass Wohnungen (zwei) während des verlangten Zeitraums sie die Zustände sind, die von zwei Familien, von einem englischen und von Franzosen aufgehoben werden. Für trovarvi ein sistemazione, das, ich habe zu einem meinem Freund gebeten, der ein villetta zu Capodarco di Fermo hat und die Verwendbarkeit bis sieben Personen haben würde und habe gesagt, dass sie ospitarvi für € 450 ausschloß das Leinen könnte (Blatt, zum federe, zu den Tüchern, zum Bademantel). Wenn sie auch sich setzen müssen, bedecken Sie an Hand, zum federe und Tücher ist eine Integration der Preisunterseite von € 100 notwendig (450 +100). Wenn diese Lösung interessarvi kann, lege ich Ihnen in Kommunikation mit der Familie meiner Freunde vor, folglich, das Sie fähiges scambiarvi andere Informationen durch Post sind.
Mit vielem Verdruß muss ich in Verbindung stehen – mit dieser geradezu hiobschen Lebensklage beginnt eine plötzlich ganz liebenswürdige Satzfolge voll überraschender Wendungen (»die von zwei Familien aufgehobenen Zustände«) und Vokabeln (»Preisunterseite«), ein so elegantes Schweben durch die verschiedenen Sprachen (»wenn diese Lösung interessarvi sein kann«), dass man einfach nur noch zuhören möchte, ja, man möchte sich zum Bademantel setzen, man will sich zum federe und den Tüchern bedecken, man möchte bloß noch scambiarvi sein, ein fähiges scambiarvi möchte man sein.
Nicht mehr und nicht weniger.
Ganz ähnlich ist es mit dem Schreiben, das Leser S. in seinem Hotel in Rimini vorfand.
In italianische Gegend(E.U.) Stunde des Restes ist zwischen den 00.00 und 07.00 a.m.; spater beten wir,um auch zu respektieren unser Hotel zu Ihnen der gleiche Zeitplan,im kontraren Fall, diagreeably, das wir zwingen zu Ihnen,um Sie einzuladen ,zu uns zu verlassen sind. Die Service-Nachfragen und- bezahlung zu Ihnen schließen nicht Abende,die Art Festlichkeiten mit mehreren zu Ihnen eiladen, Freunde, ETC … sind infolgedessen nicht das agreste nell mit ein,das von den Hotelwiedervereinigungen inner sind, Besuche und« Besuche«.Innerhalb Hotel naherte nur sich den kunden.
Ja, das ist eine Bleibe, in der man nicht stickum Handtücher oder Seife stehlen wird, aus der man keinen Bademantel als Erinnerungsstück entwendet, nein: Man wird Wörter mit nach Hause nehmen, die unvergessliche Stunde des Restes ganz sicher, auch dieses fremd-schöne diagreeably, das man am liebsten selbst künftig ab und zu mal in einen Satz einstreuen würde (»Sind Sie nicht, gnädige Frau, diagreeably auch der Meinung …«), die Hotelwiedervereinigungen, die sorgfältige Unterscheidung zwischen Besuche und Besuche«, überhaupt das feine und« mit den zwei Härchen ganz rechts, und«, und«, und«, ein und«, das man sich daheim in die Vitrine stellen möchte, und immer, wenn man es sieht, denkt man: Ach, damals in Rimini, dieser Abend auf der Piazza, das gute Essen dort, die Besuche und auch die Besuche«, und« danach tranken wir noch eine Flasche auf dem Balkon – und« …
Das Schreiben schließt mit einem Satz, der uns in eine Art sprachliches Nirwana führt, jeder Bedeutung enthoben, ein dadaistisches Manifest ist geradezu eine behördliche Mitteilung dagegen.
-jedes das sconforto .das mit Gerechtigkeit von
Teilengen tal gekennzeichnet wurde ‚behob
zutreffenden Kunden in der nützlichen Zeit.
Und was finden wir in einem Bungalow auf Madeira?
Ich lese: Jeder Wohnsitz hat einen Raum mit einer sortierten Königin.
Ich lese weiter: Die Küche wird mit allen notwendigen Electro-Hausangestellten ausgerüstet.
Oder hier, Poole in Südengland, wohin Frau P. und Herr M. reisten.
Der Tee/Kaffee, die die Ausstattung machen, die frische Kiste Mini – für die frische Milch. (Die Milch wird alle Tage geliefert, wenn Sie mehr bitte machen müssen, unentschlossen sind zu verlangen). Der Haartrockner (die Grundassistentenschublade Frisösen). … Das Bad von dem demi-cadratin-suit e mit den Schmeichelhaften Artikeln der Toilette … Das Ersatzbettzeug wird auch zu keinem zusätzlichen Preis geliefert Sie es zu finden in den Lagerungsgefäßen tief in der Garderobe.
Im griechischen Thassos fand Herr S. sogar folgende Notiz.
Es gibt eine Person im Schrank in Ihrem Zimmer, zu dem nur Sie Zugang haben.
Welche Person mochte das sein? Ein Grundassistent? Eine sortierte Königin? Der Electro-Hausangestellte? Die Super Frau?
S. versichert, er habe nachgeschaut, aber es sei niemand da gewesen. Was die Sache noch geheimnisvoller macht: Wo war die Person? Unsichtbar verborgen in den Lagerungsgefäßen? Handelte es sich um einen Nicht-Einwohner, wie es sie in der Tempelanlage des Jupiter Anxur in Terracina südlich von Rom gibt, wo jeder auf einem Schild lesen kann:
INPUT DIE VORTEILE DER NUR BAR SERVICE TAKE:Nicht-Einwohner 1,00 €Bewohner nur an Feiertagen 1,00 €
Wir müssen aber nun der Tatsache ins Auge sehen, dass ein Aufenthalt in Sprachland nicht frei von Gefahren ist, mag sein, dass wir plötzlich mit einem Verdruß in Verbindung stehen, mag auch sein, dass man die Bänder nicht richtig an den Enkeln befestigt hat. Doch kann man gewiss sein, dass im Fall von Bedrohungen für Schutz gesorgt ist, jedenfalls lesen wir im Merkblatt des Camping Municipal du Soleil von La Rochelle in Frankreich:
In der Eventualität, wo sich ein Vorfall in diesem Fall ereignete, ist es unbedingt den Campern gebeten, in der Anwendung die durch die Macht des Lagers gegebenen Anweisungen zu legen, die den Alarm auslösen wird:
1) In der Meldung der Macht des Lagers gehorchen.
2) Sich sofort zu Fuss bis zum Zentrum des Campings gehen, neben dem (Holzkohl) Grill; bitte dem blau markierten Weg Folgen.
3) Sich gruppiert bewegen, den Anweisungen der Mächte bis zum Turnanstalt »Falorni«.
Jawohl, im Ernstfall wird hier durchgegriffen, das kann man wohl sagen, aber es geht hier, bitte sehr, nur um Eventualitäten, in denen Vorfälle sich in gewissen Fällen ereignen. So etwas ist sehr selten.
Ansonsten einfach immer die Turnanstalt »Falorni« im Auge behalten.
Falls jemand Hunger hat: Frau B. meldete aus Dreieich, sie habe das Wohnzimmer betreten, als ihr Mann und der kleine Sohn gerade eine ZDF-Dokumentation über die Eisfelder Grönlands sahen. Fasziniert von den Bildern sei sie in der Tür stehen geblieben und habe mitgeschaut, »ein akustisch offenbar suboptimaler Standort«. Jedenfalls habe sie vernommen, wie ein Schweizer Grönland-Forscher auf die Frage, ob ihm bei der einsamen Arbeit im eintönigen Eis nicht langweilig werde, wörtlich antwortete: Nein, hier gebe es Currywurstbuden, eine Mutter und ein Kind sind da vorbeigelaufen, und dazu gibt es auch viele seltene Pflanzen.
Currywurstbuden?
In Grönland?
Na ja, er hatte gesagt: Karibuspuren.
Und nie vergessen: Für all das, für jede Gefahr, jeden Alarm und jede Anweisung der Mächte, werden wir entschädigt, zum Beispiel so, wie es meiner Leserin H. bei Airbnb verheißen wurde.
Am Morgen wachen wir auf zum Lied der großen Titten, die auf dem Baum vor dem Zimmer stehen und in der Nacht können Kühe unter den Fenstern grasen.
Natürlich erhebt sich hier, wie überall, die Frage: Wie konnte es zu einer solchen Übersetzung kommen? Des Rätsels Lösung: Im Italienischen, aus dem übersetzt wurde, ist die Rede von il canto delle cinciarelle, dem Gesang der Blaumeisen. Der Übersetzungsautomat überträgt das alles in der Regel erst einmal vom Italienischen ins Englische, wo die cinciarella, die Meise also, tatsächlich tit heißt, und wenn man tit dann weiter ins Deutsche überträgt … Das Adjektiv groß ist dann allerdings einer klassischen freudschen Fehlleistung zuzuschreiben, denn Blaumeisen sind immer klein.
Und auch dies hier noch!
Man sollte in Erinnerung behalten, was auch Leser H. an einer Bushaltestelle auf Teneriffa ganz unverhofft ins Gedächtnis gerufen wurde: Dort stand Destino Destiny – Schicksal. Das heißt: Am Ende aller Reisen landen wir alle am gleichen Ziel, el destino – im Spanischen ein Wort mit mehreren Bedeutungen: einmal der Zielbahnhof, aber auch das Schicksal. Man muss sich also beim Übersetzen entscheiden. Im Englischen wäre der Zielbahnhof the final destination, »das Schicksal« aber eben the destiny. Und genau an dieser Zweigstelle ist der Übersetzer jenes Haltestellenschildes auf Teneriffa falsch abgebogen (falsch aber nur, wenn man an einer korrekten Übersetzung interessiert ist, richtig hingegen, wenn man nach Sprachland möchte): Im Laufe der langen Reise ist destino irgendwie und ohne dass es jemand wirklich bemerkt hätte, zu destiny geworden und damit dann im weiteren Verlauf des Übersetzens vom Englischen ins Deutsche zum Schicksal, zur großen, letzten und immer geöffneten Lebenshaltestelle.
Und diese Haltestelle befindet sich in Sprachland.

Aber was haben wir nicht alles erlebt auf unserem Weg hierher?!
Wir trafen die Super Frau und den Grundassistenten, wir begegneten Bewohnern, Nicht-Einwohnern und der sortierten Königin, wir folgten den Anweisungen der Mächte, wir wurden in der nützlichen Zeit behoben und lauschten dem Lied der großen Titten.
Diagreeably, würde ich sagen.
REISEN 3
Denke ich ans Reisen, fällt mir ein katholisches Kirchenlied ein, das gerne zu Weihnachten gesungen wird.
Es beginnt so:
Menschen, die ihr wart verloren,
lebet auf, erfreuet euch!
Heut ist Gottes Sohn geboren,
heut ward er den Menschen gleich.
Dazu bekam ich etliche Briefe, allesamt von Menschen, die den Text an einer winzigen, doch bedeutsamen Stelle falsch verstanden hatten, sie hatten als Kinder bei dem Wörtchen wart sozusagen ein großes W gehört, Wart also.
Menschen, die ihr Wart verloren.
Aber was das sein könnte, dieses Wart, das da verloren gegangen war, das wusste sich niemand zu erklären. Es war auch irgendwie egal, »Trost und Rettung nahte ja durch die Geburt Jesu«, schrieb mir Frau D. (Immerhin schien übrigens nie jemand das zweite ward falsch verstanden zu haben, es wird ja auch mit d geschrieben, vielleicht liegt es daran.)
Verblüffenderweise passt aber auch das groß geschriebene Wart bestens in den Text, und zwar in fast allen Schattierungen seiner früheren Bedeutungen. Ganz ursprünglich war darunter ja ein Hüter oder Wächter zu verstehen, wie er heute noch als Wortteil im Kassenwart oder Torwart existiert und wie wir ihn in jenen Menschen sehen, die in der Werkstatt unser Auto warten, und wie er dann eben in der Warte wiederkehrt, von der aus man ins Land schauen kann: den Zinnen, den Türmen, den Festen, den Wällen, den Mauern, den Dämmen.
Von Jerusalem die Warten
Lagen schon in rothem Duft.
Stand der Patriarch im Garten,
Glockenklang ging durch die Luft.
So dichtete Eichendorff, und bei August Graf von Platen war die Wart dann endgültig eine Art Leuchtturm. Er schrieb:
Wenn ich bei Nacht die finstre See befahre,
Wer zündet Licht mir auf den hohen Warten?
Natürlich sind die Worte wart verloren im menschheitsschicksalhaften Sinne weit umfassender als das doch eher kindlich-konkrete Wart verloren, aber letztlich …
Ach, letztlich …
Beim Herumstöbern entdeckte ich dann noch ein Gedicht Friedrich von Matthissons, der Zeitgenosse und Freund Hölderlins war, auch von Schiller und übrigens Beethoven hoch geschätzt. (Doch nach seinem Tode war Matthisson rasch vergessen.) Das Todtenopfer heißt dieses Gedicht, darin die Zeilen:
Aus Warten und aus Klüften
Fleugt scheu die Eul’ empor;
Es gehn aus ihren Grüften
Die Geister leis’ hervor;
Still tanzen, in Ruinen,
Die Gnomen und die Fey’n,
Vom Glühwurm bleich beschienen,
Den abendlichen Reih’n.
Ach, wer je des Nachts vom Glühwurm bleich beschienen war, der wird verstehen, wie ich diese Art des Reisens schätze: Man startet mit einem Kirchenlied und kommt bei einem längst vergessenen Dichter an.
ZEIT
Es ist sehr lange her, dass mir Frau S. aus Bad Godesberg schrieb: »In meiner frühen Jugend gab es noch Straßensänger. Sie sangen in Hinterhöfen von Mietshäusern, oft von einem Ziehharmonika- oder Geigenspieler begleitet. Wir wurden als Kinder öfters zu einer Schneiderin gefahren, die in einem solchen Mietshaus im – vielleicht – dritten Stock wohnte und uns Kleider nähte, resp. umänderte. Das war für uns langweilig, doch dann kamen meistens die Straßensänger in den Hof, es wurden Münzen in ein Zeitungspapier gewickelt und runtergeworfen. Das Faszinierendste und Zauberhafteste, das ich da hörte und nie vergessen habe, lautete:
Das muss ein Stück vom Himmel sein,
wie wunderfein, wie wunderfein …
Über Jahre habe ich gerätselt, was es wohl mit diesem wunderfeinen Stück Himmel auf sich haben könnte, und erst viele Jahre später, als erwachsener Mensch erfuhr ich die ernüchternde Lösung:
Es hieß nicht ›wie wunderfein‹ im Liede, sondern ›Wien und der Wein‹.«
Das Schöne an Sprachland ist aber nun, dass wir die ernüchternde Lösung hier ignorieren können, ja, wir müssen sie nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Für uns gibt es sie einfach nicht.
Wir leben nämlich in einem Land, in dem eine kleine Münze wirklich ein Stück vom Himmel ist, ja, der Himmel ist voller Bargeld, und es wird der Tag kommen, an dem auch mal ein Hunderter von oben herabsegelt und sanft auf unserem Scheitel landet – und noch einer und noch einer …
Wie wunderfein das sein wird!
Aber es ist, andererseits, nicht wichtig.
Sprachlandbewohner sind erstens an Geld nicht interessiert, sondern an Poesie, an Irrtümern, an Missverständnissen. Und zweitens ist es eben so: Wenn sie Geld benötigen, singen sie ein Lied – und Münzen wie Scheine fallen auf sie herab.
Das ist einfach selbstverständlich.
Und weil das so ist, haben sie Zeit. Sie können schlafen, bis sie wirklich wach sind, kein Wecker holt sie aus dem Dämmer, sie haben keine Termine und wenn doch …? Wenn also wider Erwarten eine Verabredung im Kalender stehen sollte, dann stecken sie diese einfach in den Mund und essen sie auf, weg ist die Verabredung, so wie auf jenem Frühstücksbuffet, auf dem es Dates gab. Was einerseits Datteln bedeutet, aber eben auch, wie man auf dem kleinen Hinweisschild über der Dattelschale sofort erkannte, weil es dort geschrieben stand: Termine.
Also, gehen wir heute einfach auf den Markt oder ins Obstgeschäft, kaufen ein paar Dates und essen die, sie sind reich an Ballaststoffen und Antioxidantien, enthalten kaum Fett, aber viele Vitamine, auch Kalium und Magnesium, zudem die Aminosäure Tryptophan, die der Körper schnurstracks in das Hormon Melatonin umwandelt.
Das beruhigt die Nerven und lässt uns gut schlafen.
Man isst Termine und schläft wie ein Baby.
Und so liegen wir in Sprachland oft im Gras und zwinkern ins Licht, beobachten ein paar Scheine, die uns direkt in die Börsen segeln, und schauen in den Himmel, wo die Vögel sind, die Wildgänse zum Beispiel, ja, genau sie: aus Walter Flex’ einst berühmtem, von Robert Götz vertontem Gedicht Wildgänse rauschen durch die Nacht, das von Wandervögeln und Wehrmacht, von Pfadfindern wie Hitlerjungen gleichermaßen gesungen wurde.
Wildgänse rauschen durch die Nacht,
mit schrillem Schrei nach Norden.
Unstäte Fahrt,
Habt Acht, habt Acht!
Die Welt ist voller Morden.

Dazu schrieb mir Frau T. aus Springe, ihre Freundin, Jahrgang 1926, habe als Kind immer Halb acht, halb acht! verstanden und es mit leichter Verwunderung hingenommen, »dass die Gänse bei ihrer immerhin unsteten Fahrt doch stets pünktlich um halb acht Uhr über des Liederdichters Kopf hinwegzogen«.
So ist das eben hier: Auf diese Welt ist Verlass, auch auf die schrill mahnend die Nacht durchrauschenden Wildgänse, und sei die Welt auch voller Morden: Wenn sie zu uns kommen, kann man nach ihnen die Uhr stellen. Es läuft, bei großer Entspanntheit, alles präzise.
Übrigens gibt es ein schönes kleines Buch des Bostoner Physikers Alan Lightman: Und immer wieder die Zeit heißt es. Der Autor stellt sich darin neue Zeit-Welten vor, eine etwa, in der die Zeit auf den Bergen langsamer vergeht als im Tal, oder eine andere, in der Zeit ein lokales Phänomen ist, in jedem Ort gehen die Uhren anders. Lightman überlegt, was jeweils die Folgen sein könnten. Würden die Menschen im Fall eins auf den Bergen leben, weil sie dort mehr Zeit haben? Würden sie im Fall zwei das Reisen vermeiden, weil nach einem Aufenthalt dort bei der Rückkehr zum Beispiel die Kinder älter wären als man selbst?
An dieses Buch musste ich denken, als mich Herr K. aus Mittenwald seinerzeit auf die (heute leider nicht mehr aktive) Rezeptseite turkiyeninrehberi.com hingewiesen hatte und ich daraufhin dort ein Rezept entdeckte, in dem es hieß: 5 Minuten vor dem Ende der kochenden Zeit, Fügen Sie die Erbsen und schwarzen Pfeffer, Decke mit einer Serviette hinzu, und reisen Sie nach 20 Minuten ab.
Die kochende Zeit. Was wäre das für eine Welt, in der die Zeit zum Kochen gebracht werden kann?
Klingt auf jeden Fall nach Abreisen, nicht wahr? Wer möchte leben, wo die Zeit siedet, da verschwindet einer lieber, bevor er sich die Finger verbrennt.
Doch was ist, wenn man eines Tages wieder zurückkehrt?
Wird dann nicht die Zeit – wie ja auch das Wasser, wenn man es nur lange genug vor sich hin kochen lässt – verschwunden sein? Eingekocht und dann verkocht? Werden wir vor dem Zeitkochtopf stehen, und da wird nichts mehr sein? Wo ist die Zeit dann, nach dem Kochen? Verschwunden? Für immer weg? Nein, das gibt es nicht, auch die Wassermoleküle haben sich ja nach dem Verkochen nicht in nichts aufgelöst, ihre Bestandteile sind nur aufgestiegen und haben sich mit der Luft vermählt.
Also, richtig, die Zeit wird verdampft sein, und wenn wir nach unserer Rückkehr die Zeitküche betreten, dann atmen wir die Zeit ein, sie füllt unsere Lungen, sie bereichert unseren Stoffwechsel, Sekunden, Minuten, Stunden werden wir in uns aufnehmen – und das ist zweifellos ein großartiger Gedanke: dass die Zeit ein Teil von uns wird. In keinem anderen Land ist das möglich, glauben Sie mir, ich habe schon Menschen an ihren Armbanduhren lecken sehen, ich habe sie beobachtet, wie sie den Sand aus ihren Eieruhren löffelten und mit einem Glas Wasser herunterspülten, ja, ich war Zeuge, wie Leute an den Stäben von Sonnenuhren knabberten.
Es war verzweifelt und sinnlos.
Zeit in sich aufnehmen, Zeit atmen, das geht nur hier, in Sprachland, wo wir ja auch Termine essen können und also gewöhnt sind, Zeit zu inkorporieren.
Übrigens entdeckte ich die zentrale Zeiteinheit dieses Landes bei einem Besuch in Österreich, in einem Hotel am Wolfgangsee. Dort wollte ich das Wellness-Zentrum aufsuchen und sah bei einem Blick auf die Angebotsliste, dass hier weder in Stunden noch in Tagen gerechnet wurde, nein, die einzig maßgebliche Maßeinheit der Zeit hier war die Verwöhnminute. Jede mögliche Körpermaßnahme, sei es die Faszien- oder die Teilmassage oder die Lymphdrainage, wurde in Verwöhnminuten bemessen, 30 Verwöhnminuten für dies, 45 Verwöhnminuten für jenes.

Wenn es aber Verwöhnminuten gibt, müssen dann nicht auch Verwöhnstunden, Verwöhntage, Verwöhnwochen, Verwöhnmonate, ja, Verwöhnjahre existieren?
Und siehe da: Natürlich gibt es sie. Das ganze Internet ist voll davon, Hotels, Kosmetiksalons, Wellness-Oasen, überall wird die Zeit in Verwöhneinheiten organisiert, nirgends ist hier die einfache Minute, der simple Tag, die ordinäre Woche genug. Anderswo gibt es die Schrecksekunde, den Minutentakt, die Arbeitsstunde, den Sitzungstag, die Sechstagewoche, den Fastenmonat, das Dienstjahr, all diese harten, Entbehrungen benennenden Begriffe: der Takt der Ackerer und Rackerer, der Wulacker und Malocher, der Klotzer und Roboterer, der Schaffer und Knechter.
In Sprachland aber perlt die Zeit dahin. Sie tropft auf deine Stirn wie Öl bei einer ayurvedischen Massage, sie fließt über deinen Rücken wie Schweiß in der Sauna, sie schäumt dein Haar wie Sandelholzshampoo, sie dringt in deine Haut wie milde Mandarinencreme, sie bedeckt dein Gesicht wie eine Gurken-Minze-Maske, sie nuckelt an deiner Epidermis wie ein Schröpfglas und lockert deine Fußreflexzonen wie ein kundiger Masseursdaumen.
Du isst sie. Du atmest sie ein.
Diese Zeit ist gut zu dir, Verwöhnminute für Verwöhnminute.
Frau W. aus Cottbus schrieb mir einmal, ihr Lebensgefährte habe als kleiner Junge, vor damals mehr als fünfzig Jahren, mit seinem Bruder zusammen einen Kriegsfilm im Fernsehen gesehen. Das sei in der DDR gewesen und ziemlich grauenhaft, Bomben, Explosionen, Getöse. Auf dem Höhepunkt des Ganzen sei der Opa ins Zimmer gekommen und habe gesagt:
»Ja, das war früher.«
Danach sei die Zeit vergangen, eines Tages sei es Frühling geworden, die beiden Buben und der Großvater waren im Garten, und der Opa habe sich in der Sonne gerekelt und gesagt:
»Jetzt ist Frühjahr.«
Schreiend seien die beiden weggerannt, um sich zu verstecken.
Sie hatten verstanden:
»Jetzt ist früher.«
Und gedacht, jetzt kämen die Bomben und alles werde wie im Film. »Die Aufklärung der Geschichte«, so W., »ließ lange Zeit auf sich warten, denn obwohl gründlich von den Eltern befragt, waren die Jungen vor Entsetzen verstummt.«
Jetzt ist früher.
Das ist interessant.
Denn es klingt nach Zeitmaschine. Opa sitzt im Garten und sagt Jetzt ist früher. Man muss sich ja nur mal vorstellen, das würde wirklich funktionieren, früher muss ja nicht Bombenkrieg bedeuten, es könnte auch etwas anderes sein, Opas Hochzeitstag oder die schönste Sommerwoche des Jahres 1956, oder es könnte auch sein, dass jemand Jetzt ist morgen ruft, und man bekommt plötzlich eine Vorstellung der Zukunft, von Silvester 2038 vielleicht oder solche Sachen, wäre das nicht interessant?
Früher ist jetzt. Morgen ist gestern. Heute ist einst.
Man muss es ja nicht machen, aber als Möglichkeit – immerhin!
In Sprachland geht’s!
ZAHLEN
Leser W. aus Staufen berichtete mir von einer Äußerung seines damals vierjährigen Sohnes, der plötzlich, wie aus dem Nichts sagte: Es gibt gerade und gebogene Zahlen.
Da haben wir es!
Was?
Folgendes: Jeder Mathematiker, ja, schon jeder Rechenlehrer wird uns etwas über gerade und ungerade Zahlen erzählen können. Von den gebogenen Zahlen indes weiß er nichts. Wir wissen alle nichts darüber, weil Sprachland gerade erst richtig entdeckt wird.
In der traditionellen Mathematik sind die geraden Zahlen jene, die ohne Rest durch zwei teilbar sind, alle anderen Zahlen nennt man ungerade. 2 und 4 und 6 und 8 sind zum Beispiel gerade, 1 und 3 und 5 und 7 ungerade. In Sprachland aber werden die Zahlen nach anderen Kategorien geordnet, gerade und gebogen eben.
Eine 1 zum Beispiel ist eine kerzengerade Zahl, auch eine 4 und eine 11.
Aber es überwiegen ganz klar die gebogenen Zahlen, schon die 0 ist ja komplett gebogen, auch die 3 und die 8, herrlich gebogen sind sie.
Bei der 2 und der 7 könnte man sagen: Es sind Mischformen, teils bestehen sie aus geraden Strichen, teils aus gebogenen Linien. Ob es aber solche Mischformen wirklich gibt, also quasi geradegebogene Zahlen – ich weiß es nicht, dazu kenne ich mich noch nicht gut genug aus. Ich müsste den Sohn meines Lesers W., fragen, der ist ja inzwischen auch älter und größer.
Vielleicht weiß er nun noch mehr?
Einmal ist es mir gelungen (auf dem Bahnhof von Andernach war das), eine komplette Zuglieferung gebogener Zahlen zu fotografieren, sie kamen gerade aus der Nullenfabrik, vermute ich. Wohin es mit ihnen gehen sollte, konnte ich nie in Erfahrung bringen. Vielleicht zur Zentralbank?

Vokabeln
TEHATA
Ich hatte in Nienburg an der Weser zu tun, im Theater, um genau zu sein, stieg am Bahnhof in ein Taxi und nannte mein Ziel.
Isskla, Scheff, Tehata, sagte der Fahrer, der ganz klar ein Sprachländer war.
Ja, genau, zum Theaaaaterrrr also, sagte ich, damit er mich nicht falsch verstünde.
Isskla, Scheff, Tehata.
Und so fuhren wir denn.
Und kamen auch an. Ich bezahlte, bekam meine Quittung. Auf der stand, handgeschrieben, Bahnhof – Tehata, also die Fahrtstrecke.
Dieses Wort Tehata habe ich seitdem in meinen Sprachschatz übernommen, es klingt einfach so schön. Man muss es ein bisschen hauchen, die beiden letzten Silben einfach nur aus dem vorderen Mundraum heraussprechen, dann klingt es am besten.
Sprechen Sie mir nach!
Mach doch nicht so ein Te-hata!

Ich habe später nachgeschaut und entdeckt, dass es im indischen Bundesstaat Westbengalen eine Stadt namens Tehatta gibt, die manchmal auch Tehata geschrieben wird. Sie hat (Stand allerdings 2011) 21.093 Einwohner, vier Schulen und ein Government College. Ich konnte nicht herausfinden, ob es in Tehatta ein Tehata gibt, aber ich versichere Ihnen: Nienburg an der Weser hat eines.
ESSEN
Eines Tages fiel mir beim Stöbern in der Post vieler Jahre das Bild einer Speisekarte in die Hand, darauf das Gericht Nummer 29 mit dem Titel Der Konzernüberschuss »Meunière«.
Das fand ich interessant.
Ich glaube, dass in den besten Restaurants der Welt schon einige Konzernüberschüsse verfressen worden sind. Andererseits muss man wohl sagen: Die Überschüsse vieler Konzerne waren in den vergangenen Jahrzehnten oft so hoch, dass sie selbst von den gierigsten Schlünden kaum in einem Restaurant aufzuzehren waren.
Was mich faszinierte, war aber nun, dass der Überschuss als solcher auf der Karte stand – und zwar à la Meunière, also nach Müllerinart, in Mehl gewendet, in Butter gebraten, mit Zitrone, Petersilie und brauner Mandelbutter serviert. Wie ist es möglich, dass etwas eigentlich Abstraktes wie ein Überschuss derart konkret und fein zubereitet werden kann?
Zunächst muss man sagen: Das Gericht heißt im Englischen »Meunière« Grouper steak, das ist ganz einfach ein Zackenbarschsteak auf Müllerinart. Nun liegt der Gedanke nahe, dass sich hier beim Übersetzen ein Fehler eingeschlichen haben könnte, das englische group ist ja tatsächlich im Deutschen der Konzern. Aber der Überschuss ist in der Vokabel steak beim besten Willen nicht zu entdecken.
Es bleibt ein Rätsel.
Es sei denn …
Es sei denn, man entschlösse sich, es als Tatsache zu nehmen, dass hier tatsächlich einfach Konzernüberschüsse gebraten beziehungsweise verbraten werden.
Dann wäre alles klar.
Und so wollen wir es halten.
Zumal ich von vielen anderen Speisekarten in dieser Haltung bestätigt worden bin. Zum Beispiel trage ich seit vielen Jahren eine Karte des Restaurants Fontana d’Oro in Como mit mir herum. Jemand steckte sie mir einst nach einer Lesung zu, und ich halte sie stets gerne in meiner Tasche bereit, um darin zu lesen und daraus zu zitieren. Sie ist kleinformatig und in vier Sprachen gehalten: Italienisch (das ist die Ausgangssprache), Englisch, Französisch – und, ja, also: Deutsch.

Über den Speisen steht im Italienischen Proposta Menù, im Englischen Menü Proposal, im Französischen Proposition de Menue (alles nicht so ganz richtig, aber darum geht es hier nicht).
Und im Deutschen?
Menüantrag.
Was mir sehr gefällt!
Dass nämlich der Übersetzer bei seiner Tätigkeit nicht nur einfach übersetzt hat, sondern versuchte, auch gleich noch den jeweiligen Nationalcharakter mit zu erfassen – das mag ich. In allen Sprachen wird ja dem Gast ein Vorschlag gemacht, una proposta, a proposal, une proposition.
Nur im Deutschen muss er einen Antrag stellen.
Unter den zu beantragenden Gerichten findet sich nun zum Beispiel eines, das heißt: Kleine Kopffüßer ertranken.
Im Italienischen sind das, so steht es auf der Karte, Moscardini affogati. Moscardini sind tatsächlich kleine Tintenfischlein, sie gehören zur zoologischen Klasse der Kopffüßer. Und affogato ist das italienische Wort für ertrunken. Korrekt übersetzt müsste das Gericht also Ertrunkene kleine Kopffüßer heißen, aber Kleine Kopffüßer ertranken klingt irgendwie dramatischer. Es macht neugieriger. Das war dem Wirt wohl wichtig.
Im Übrigen: Moscardini affogati, das ist ein ziemlich bekanntes Gericht in Italien. Die kleinen Kraken schmurgeln in einer Tomatensauce. Das ertrunken ist sprachbildlich gemeint, ein Affogato al caffè ist zum Beispiel ein Espresso mit einer Kugel Vanilleeis drin, der man beim Ertrinken zusehen kann, wenn man so was mag.
Eigentlich ist es ja praktisch eine Klimakatastrophe in der Tasse.
Schwieriger wird es, wenn wir in der Fontana d’Oro das Gericht »Penne« mit Befestigung klammermasse entdecken, im Italienischen: Penne alla polpa di granchio, das sind eigentlich Penne mit Krabbenfleisch. Im Grunde also alles sehr einfach. Bloß muss man wissen, dass Speisekartenübersetzer eigentlich immer zunächst ins Englische übersetzen. Dort wird aus polpa der pulp. Das ist zwar immer noch die Fleischmasse in der Krabbenschale, aber eben auch jede beliebige andere Masse, eine Paste oder ein Püree. Und Pulp fiction ist die Schundliteratur (außerdem ein berühmter Film von Quentin Tarantino).
So kann man die klammermasse vielleicht erklären: Granchio ist ja ein Krebs. Von seinen Greifarmen her rührt wohl das Wort klammer, und von der polpa kommt man über pulp zur Masse. Also ist polpa di granchio eben die klammermasse.
Andererseits gibt es das Wort im Deutschen nun mal nicht. Ich habe mal von Klammermaßen in der Geometrie gehört. Aber klammermasse? Nein.
Und woher die Befestigung vor der klammermasse kommt, bleibt ein Rätsel. Vielleicht hat der Übersetzer einfach nicht mehr weitergewusst und ein deutsches Wort erfunden, nach dem Motto: Der Wirt hat eh keine Ahnung, der merkt das nicht.
Jedenfalls: Riefe mich meine Frau im Büro an und fragte, ob ich zum Abendessen noch etwas Befestigung klammermasse mitbringen könnte, ich würde wohl nicht zum Italiener gehen.
Eher in den Baumarkt.
Befestigung klammermasse, das macht einem, rein gedanklich, ein Mundgefühl von – Gips, oder? Moltofill. Spachtelmasse. Und wenn man das schöne Wort spachteln für essen verwendet, dann …
So ist es immer: Man kann gewisse Dinge erklären, aber nicht alle. Ich finde das gut. Man soll nicht alles verstehen. Etwas in der Welt muss uns ein Rätsel bleiben, sonst schlaffen wir ab, setzen uns zur Ruhe, verlieren die Energie, die mit der Suche nach Aufklärung, Lösung von Rätseln, Klärung von Unklarem verbunden ist.
Das Rätselhafte hält die Spannung in den Menschen aufrecht.
Beim antipasto del mulattiere zum Beispiel ist es ganz leicht herauszubekommen, worum es geht.
Il mulattiere ist der Maultiertreiber, ein antipasto del mulattiere also eine Vorspeise nach Art des Maultiertreibers, was immer das sein mag. La mulattiera aber ist der Saumpfad und damit natürlich der Maultierpfad oder der Reitweg. Der Plural dieses Wortes lautet le mulattiere. Sodass dieses Voressen auf der Speisekarte im Französischen (muletier) zwar noch nach dem Maultiertreiber benannt ist, im Englischen (bridleway) aber schon nach den Reitwegen – und im Deutschen dann erst recht.
Da heißt der antipasto del mulattiere nämlich Vorspeise von Reitwegen. Obwohl das korrekt eigentlich antipasto delle mulattiere wären.
Wobei man natürlich nun keineswegs mehr wissen möchte, woraus eine solche Vorspeise bestehen könnte. Vermutlich ist das eher etwas für Mistkäfer.

Kurz zum Spanischen: Wenn wir dort auf einer Karte Gegrillte Rasierer entdecken, so mag uns das zunächst auf Äußerste befremden, die Sache ist aber schnell geklärt. Navajas a la plancha sind Schwertmuscheln vom Grill, denn la navaja ist die Schwertmuschel – einerseits. Andererseits ist la navaja auch das Taschenmesser und navaja de afeitar ein Rasiermesser. So kommen wir zu den gegrillten Rasierern.
Nebenbei gesagt, ist la navaja, soweit ich weiß, auch das Lästermaul (Schwertgosch nennt ja auch der Schwabe ein flinkes Mundwerk, die Schwertmuschel liegt also nahe). Da sind wir also den gegrillten Lästermäulern nur sehr knapp entgangen …
So geht das immer wieder.
Schmetterlinge mit zerstossen Wut? Ich vermute, das sind Farfalle con pesto arrabiato, denn die Farfalle sind eine Nudelart, der Begriff bezeichnet aber auch die Schmetterlinge (die Nudeln haben ja die Form von Schmetterlingen). Das Verb zerstoßen ist übersetzt pestare mit dem Partizip pestato, das zu pesto verkürzt wurde. Und la rabbia ist die Wut, arrabiato ist man, wenn man wütend ist. Aber ein scharfes Pesto (also etwas Zerstoßenes wie zum Beispiel Basilikum, getrocknete Tomaten oder Nüsse) ist eben auch ein pesto arrabiato.
Kugelschreiber mit Knoblauch und Schmierol? Das sind sicher Penne aglio e olio. Der Reihe nach: Penne sind wiederum Nudeln, la penna (mit dem Plural le penne) aber auch der Kugelschreiber. Aglio ist Knoblauch, olio sowohl Speiseöl als auch Schmieröl.
Man sollte sich aber gut überlegen, welches von beiden man zum Kochen nehmen will.
Pasta Integral mit Sosse Sahne Chorhemd? Das müssen Vollkornnudeln mit einer Sahnesoße sein, salsa di panna cotta wäre die Soße aus gekochter Sahne. Cotta heißt gekocht, ist aber auch das weiße Chorhemd, jenes liturgische Gewand, das römisch-katholische und anglikanische Priester über der Soutane tragen, auch Ministranten über dem Talar.
Ob man es aber in der Küche tragen sollte?
Wir verlassen nun den Bereich des Erklärbaren, mit einiger Mühe Verständlichen, des irgendwie noch Sinnvollen – und kommen zu etwas Neuem, Unbekanntem.
Wir nähern uns Sprachland.
Denn ich kann zwar noch halbwegs erläutern, wie man von den Gnocchetti ai Frutti di Mare zur kartoffelnodel mit obstbaum kommt. Irgendwer muss da halt bei den Frutti di Mare, den Meeresfrüchten, das Meer vergessen haben und von den übrig gebliebenen Früchten direkt zum Obstbaum gekommen sein.
Es ist, anderes Beispiel, auch noch möglich, den Weg von den Maltagliati agli Scampetti Freschi, den Maltagliati-Nudeln mit frischen kleinen Scampi, zu den maltagliati with escape zu finden. Denn das Verb scampare heißt entkommen, da ist man also, von den Scampi kommend, schnell bei escape, der Flucht.
Aber maltagliati mit hammer? Wie es da auf einer Karte steht?
Keine Ahnung. Die Nudeln müssen schon sehr al dente sein, wenn man einen Hammer zum Essen braucht. Und meereschfruchte, meeresfuchte, scheilfisch, venusmushein? All diese schönen Wörter auf der Karte, die hier vor mir liegt – wie kommt man auf sie? Es wäre doch so leicht, das jeweils richtige zu finden, heutzutage. Es gibt das Internet, es gibt Wörterbücher, Nachschlagewerke.
Warum?
Ach, lassen wir es.
Es ist schön, einfach schön.
Es ist Sprachland.
Wo beginnt dieses Land?
Ich kann Ihnen den Grenzübergang genau bezeichnen, damit Sie ihn finden.
Er befindet sich auf der Speisekarte der Taverne La Posadilla in Andalusien.
Dort finden wir viele Gerichte unter der Überschrift Mittelteile und große Kälte versammelt. Das ist ein ganz wunderbarer Titel, es könnte sich dabei auch um ein Buch von Peter Handke handeln, zum Beispiel. In der Ausgangssprache, dem Spanischen, sind das Medias y Raciónes frias, worunter Kalte Gerichte in halben und ganzen Portionen zu verstehen sind. Im Englischen ist das auch noch ungefähr erkennbar: Medium and Large cold portions.
Im Französischen heißt es aber schon Demi-Portions et Grand Froid, wobei mir besonders dieses Grand Froid gefällt, die Große Kälte. Das könnte auch eine Erd-Epoche sein (»Es geschah im Grand Froid, alle Dinosaurier erfroren auf der Stelle«) oder ein Einrichtungsstil wie das Empire (»Ich habe mein Wohnzimmer im Grand Froid-Stil eingerichtet«).
Am Ende landen wir dann bei den Mittelteilen und der großen Kälte.
Ist doch wunderbar.
Später taucht hier ein Gericht auf, das Skillet Großmutter heißt. Ich las flüchtig Skelett Großmutter und dachte, das sei so eine Nebenbei-Speise, etwas zum Knabbern vielleicht. Ich war schon abgehärtet, vorher stand auf der Karte Milch Welpen, dann auch noch Ausgehärtete Schweinelende. (Dafür, dachte ich kurz, muss man ja nicht nach Andalusien reisen, die gibt es auch in vielen deutschen Gaststätten: wirklich gut ausgehärtete Schweinelende.)
Später meldete sich bei mir aber Herr K., der am Sprachenzentrum der Universität Augsburg arbeitet. Er hatte bei einer Lesung gehört, wie ich vom Skelett Großmutter erzählte, und wollte das Rezept wissen, aus rein sprachwissenschaftlichem Interesse, versteht sich. Ich sah nach, entdeckte Skillett Großmutter und konnte die Sache klären.
Ich schrieb Herrn K.: »Schaut man aber nach, wie das Gericht auf Spanisch heißt, entdeckt man: Sartén de la abuela. Sartén ist, das wissen Sie besser als ich, die Pfanne, und korrekterweise heißt das Gericht auf der Karte in Englisch dann auch wirklich Grandmother’s pan. Im Englischen gibt es aber eine zweite Bedeutung für Sartén oder eben die Pfanne, das ist: skillet. Und seltsamerweise ist dieses Wort bei der Übertragung ins Deutsche einfach stehen geblieben. Man muss dazu wissen, dass Übersetzungsmaschinen, soweit ich weiß, nicht direkt vom Spanischen ins Deutsche übersetzen, sondern auf dem Umweg über das Englische. Und so ist Skillet vermutlich ins Deutsche gekommen.«
Soweit also das Erklärbare.
Wir kommen an die erwähnte Grenze, die zum Unerklärlichen.
Wir betreten Sprachland.
Denn auf der Karte gibt es auch etwas zu bestellen und dann zu essen, das heißt: Herzeleid Meer in rosa Sauce. Im Spanischen sind das Boquitas de mar in salsa rosa – und nie habe ich eine Erklärung gefunden, wie man von diesem Gericht, es handelt sich um einen Salat mit Krebsfleisch, zu Herzeleid Meer in rosa Sauce kommt.
Es war mir auch irgendwann egal.
Ich habe mich einfach gefreut, dass man, passend vielleicht zu einem großen Liebeskummer oder sonstigem emotionalen Leiden, etwas zu essen bestellen kann. Ich stellte mir vor, wie Menschen sich schluchzend in den Armen liegen und nebenbei Herzeleid löffeln, wie sie den Wirt rufen und noch eine Schüssel Herzeleid verlangen.
Und wie der Wirt es weinend serviert.
Nun sind wir im Unerklärlichen. Und es geht weiter, noch sehr viel weiter, Speisekarte um Speisekarte um Speisekarte …
Ich habe keine Erklärung, wie man fünf knusprige Topf Aufkleber mit einem traditionellen Boden-Schweine-Gemisch mit einer servieren kann. Es ist mir ein Rätsel, was unter Wir werfen gehackte Lacinato Grünkohl mit asiatische Birne Streichhölzer, zerkleinert zu verstehen ist. Ich verstehe nicht, wie man Garnelen und Shrimps mit einer Lötlampe brät. Ich könnte mir noch vorstellen, eine Caprihose zu braten – aber wie esse ich sie? Und was ist unter einer Rundbohnentaschenlampe zu verstehen, als Lebensmittel, meine ich? Und wie kaue ich Kleiderbügel gefüllt mit gegrilltem Käse und Schinken, die in Kroatien im Angebot waren?
All diese Dinge finden sich exakt und genau so auf Speisekarten aus aller Welt, die mir vorliegen.
In Sprachland sind das Selbstverständlichkeiten: wird gekocht, kommt auf den Tisch, man isst es. Ja, auf der Karte eines japanischen Lokals fand sich Gesokara, das sind normalerweise frittierte Tintenfischtentakel, fried octopus hieß das im Englischen.
Aber dann, aber dann: frittierte Oktopuste, ist das nicht ungeheuer?
Dass man den Atem eines Meerestieres einfängt, in sprudelndem Fett zubereitet und isst? Es raubt mir selbst meine Menschenpuste: So etwas ist möglich. Und dass – ja, es wird noch großartiger! – in einem Restaurant auf Madeira, das zu Portugal gehört, Bolo do Caco angeboten wurde. Bolo heißt eigentlich Kuchen, aber es handelt sich eher um ein kreisrundes Brot aus einer Mischung aus Süßkartoffeln und Weizen, auf einer kreisförmigen Platte, dem caco, in einem Holzofen gebacken. Dieses Brot kann man mit allem Möglichen füllen. In unserem Restaurant tat man Salat hinein, auch Thunfisch oder ein Omelett, am Schluss der Karte aber auch Freuden des Meeres und, nun kommt’s, Sprache Kuh.
Das ist noch einmal eine Steigerung zur Oktopuste, nicht wahr? Man erinnert sich an Doktor Dolittle, der die Sprache der Tiere verstand und sprach, aber dass man die Sprache der Kuh nicht bloß hören und interpretieren, sondern auch in ein Brot füllen und essen kann, das gibt es natürlich nur in Sprachland, nirgendwo sonst.
Und nur hier finden wir auf der Empfehlungsliste eines Steaklokals 250 Gramm Top Blade – geschälter Stock saftiges und zartes geschältes Plexiglas. Muss man nur lange genug braten. Oder kochen. Dann geht’s schon.
Notfalls gibt es einen Hammer dazu, siehe oben, die Maltagliati mit Hammer, Sie erinnern sich?
Aber wie isst man Gummifrikadellen, die in Worms angeboten werden. Direkt unter dem Schild einer Möbelreklame hing da ein kleineres mit folgender Aufschrift:
Inegöl Köftecisi sirinler Gummifrikadellen.
Eine Kollegin, deren Vorfahren in der Türkei lebten, schrieb mir dazu: »Köfteci ist der ›Köftemacher‹. Köfte sind quasi türkische Fleischpflanzerl, Frikadellen etc. Inegöl ist eine Stadt. In der Türkei gibt es ganz viele Köfte-Varianten und der macht wohl die Variante aus Inegöl. Also der ›Inegöl-Köftemacher‹. Die zeichnet sich dadurch aus, dass sie kaum gewürzt ist, nur mit Zwiebeln. Das Fleisch ist sehr fein gewolft, es kommt Backpulver rein, Semmelbrösel oder aufgeweichtes Brot kommt meistens nicht in diese Köfte, deshalb ist die Konsistenz dann ein bisschen gummiartig. Und şirinler, also das, was vor ›Gummifrikadellen‹ steht, bedeutet ›die Niedlichen‹. Şirinler werden in der Türkei auch die Schlümpfe genannt.«
Das hätten wir also.
Und wenn wir gerade bei Frikadellen sind: Frau B. entdeckte in der Türkei einmal ein Gericht namens Mädchen und Knödel, in der Landesprache hieß es Anali Kizli Köfte, was Mütter und Töchter Fleischbällchen heißt, ein schöner Name, aber die Türken haben für viele ihrer Gerichte tolle Namen, ich erinnere nur an Der Imam fiel in Ohnmacht oder Dem Sultan gefällt’s. Die großen Bällchen stehen hier für die Mutter (Ana), die darin enthaltenen kleinen Bulgurkugeln für das Mädchen bzw. die Tochter (Kız). Beim Übersetzen sind dann die Mütter einfach verschwunden. Und auf einem Hotelbuffet in Side an der türkischen Riviera fand sich einmal die Schmerzen Frikadelle, das waren im Türkischen Tekila Aromali Acili Köfte, was mir ein liebenswürdiger Türkisch sprechender Kollege als Scharfe Köfte mit Tequila-Aroma übersetzte, wozu er aber gleichzeitig anmerkte, acili heiße nicht nur scharf, sondern auch in Trauer, daher kämen wohl die Schmerzen.

Vielleicht aber auch von der Schärfe.
Oder vom Hammer.
Lyrik ohne Absicht
Mittags im Schnellimbiss
Bestellung seine Exzellenz machenIn der Kasse(Kasten)Dann dient man zu Ihnen,Hat GerechnetDanke
Aushang an einem Schnellimbiss
in Carcassonne 2015
Бесплатный фрагмент закончился.
