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Axel Hacke

Das Beste aus meinem Leben

Mein Alltag als Mann

Verlag Antje Kunstmann

Für Ursula und David

Inhalt

»Bügäln!« 5

Findst du mich denn gar nicht bello? 8

Ein Kühlschrank hat Angst 11

Eine plötzliche Erkrakung 14

Leider nein 17

Blau macht mich so blass 20

Als ich die Bademeisterin fraß 23

Woher kommen die Buchstaben? 26

Wurst 29

Vorhangstangen sind eigentlich doch schön 32

Quauteputzli 35

Hoffentlich behandeln sie uns gut 37

Nachrichten aus dem Flachland 40

Schill und Schiller 43

Na denn 46

Verspannt in alle Ewigkeit 49

Sieht denn keiner uns’re Qual? 52

Können Kühlschränke lieben? 55

Und wo sind die Pinguine? 58

Wegschmeißer und Behalter 61

Wie darf ich es dir machen? 64

Wie fragt man eine Mailbox ab? 66

Versuch über die Müdigkeit 69

Das Geräusch der Unordnung 72

Das Geheimzahlengrab 75

Als ich meinen Kühlschrank küsste 78

Eland 81

Warum ich keine Katze bin 84

Absturz 87

Der Wörterhändler 90

Ich habe das Grauen gesehen! 93

Jesus Beuys 96

Der Große Gesundheitsberater 99

Mach ma dodici 102

Von Wheelmäusen und Menschen 105

Watte hatte ich da 108

Kino, Kino 111

Der Erlediger 114

Mein Leben bringt mich um 117

Der neue Schrank 120

Geldsaft 123

Warum ich das Grillen hasse 126

Eine kleine Herde von Maschinen 129

Große Männer – kleine Männer 132

Falsche Schlangen 135

Wozu ich da bin 138

Servierpolizei 141

Ich kotz’ gleich 144

Ein schimmelblauer Gorgonzola GTI 147

Amerika 150

Von Opti- und Pessimisten 153

Der riesengroße Wahnsinnsstreit 156

Orlando, der Vielfache 159

Wie man glücklich wird 162

Nur einfach mal wohnen wollen 165

Ein Taxifahrerquäler gesteht 168

Reist Herr Hacke in den Süden 171

Wutbomben und Liebesraketen 174

Entscheidungsschwach, ach! 177

Was nach dem Tod kommt – und was davor 180

Männer und Frauen 183

Die Macht der Gewohnheit 186

Die Christbaumkugel 189

Bosch, mein weißer Bruder 192

Als ich auf dem Balkon wohnte 195

Ochsenkäse 198

Cool 201

O Speichelsteinpein! 204

Als es noch Fahrstuhlführer gab 207

Der neue Bademantel 210

Die Liebe in den Sümpfen des Alltags 213

Wollte mich nur mal melden 216

Deutschalienisch 219

München: exuberant, vibrant, tranquil 222

Mein kleines gelbes Schicksal 225

Ein Mann ohne Geruch 228

Können Kühlschränke träumen? 231

Doktor Leibtrost 234

Warum ich Buffets nicht mag 237

Die große Suche 240

Der Feuertopf 243

Der Aldiwagen 246

Malcolm, you sexy thing! 249

Wein oder Nichtwein 252

Das Beratungstaxi 255

Achtung! Huch! Buch! 258

Wenn man im »Roten Ochsen« isst 261

Ich sehe was, was du nicht siehst 264

Der Trainer 267

Vom unaufhaltbaren Vordringen des Apostroph’s 270

Aus wessen Schoß geht das Eis hervor? 273

Wenn es weihnachtet 276

»Sie sind ja sooo wichtig! 279

Wenn du dann noch lebst… 282

»Bügäln!«

Manchmal wache ich nachts auf, der Rücken tut mir weh, ich bin steif wie ein Brett und schweißgebadet und denke, ich schaffe es alles nicht, die viele Arbeit und die Familie und die ganze Verantwortung und das Geldverdienen – ich schaffe es nicht.

Warum kann ich nicht einen Schreibwarenladen haben, denke ich dann, einen kleinen Schreibwarenladen, in den die Leute hereinkommen und aus dem sie wieder herausgehen? Dazwischen kaufen sie etwas und lassen dafür ein bisschen Geld da, und ansonsten herrscht Ruhe. Oder warum besitze ich nicht eine Heißmangel, wo es den ganzen Tag nach frischer Wäsche riecht, und abends um halb acht sperrt man zu und geht nach Hause, und Schluss und Tagesschau?

Das sei ja wohl nicht mein Ernst, sagt Paola dann zu mir: Was wüsste ich denn von den Problemen der Schreibwarenverkäufer und Heißmangelbesitzer!? Ich solle nicht immer nach Sicherheit und Ruhe suchen im Leben, sagt sie, ich solle es endlich einmal als Herausforderung sehen. »Das Leben«, rief sie einmal nachts, »ist ein Abenteuer.« Dann nahm sie mich in den Arm und tröstete mich und sagte, ich würde es schon schaffen, alles.

Manchmal wache ich auf, weil mein Sohn schreit, Luis. Er ist gerade zwei Jahre alt, und dann und wann wird er wach und ist ganz verschwitzt und schreit einfach so, und dann und wann schreit er auch nicht einfach so, sondern er schreit: »Bügäln!«

Es hört sich vielleicht komisch an, aber Bügeln ist seine Lieblingsbeschäftigung, jedenfalls das, was er für Bügeln hält. Man holt das Bügeleisen aus dem Flurschrank und das Bügelbrett dazu, und dann bügelt er mit dem kalten Eisen ein Stück Stoff, immer das gleiche Stück Stoff, täglich ungefähr hundertmal.

Neulich ist er mitten in der Nacht aufgewacht und hat »Bügäln!« gebrüllt, und Paola ist zu ihm gegangen, um ihn wieder in den Schlaf zu singen, aber er wollte nicht in den Schlaf gesungen werden. Er wollte bügeln und brüllte »Bügäln!«. Paola sagte, er könne jetzt nicht bügeln, es sei drei Uhr in der Früh, alle Menschen schliefen. Aber er schrie »Bügäln! Bügäln! Bügäln!«, stand in seinem Kinderschlafsack in seinem Bett, rüttelte an den Gitterstäben, weinte – ein kleiner, verzweifelter Mann, der bügeln musste und nicht konnte. Sein Kopf wurde rot, der ganze Mensch wurde Kopf, ein großer, runder, roter, geschwollener Kopf auf einem Schlafsack, ein Kopf, in dem ein einziger entzündeter Gedanke schmerzte, und dieser Gedanke war:

»Bügäln!«

Es half nichts. Paola nahm ihn aus dem Bett, holte das Bügelbrett aus dem Flurschrank und das Eisen dazu, und der Kleine bügelte voller Eifer auf dem üblichen Stückchen Stoff herum.

Wissen Sie, manchmal stelle ich mir vor, dass auch der Bundeskanzler Kohl nachts hochschreckt und verzweifelt in seinem Bett liegt und schwitzt. Oder dass er auf der Matratze steht und »Regierän!« brüllt. Seine Frau sagt dann zu ihm, er könne jetzt nicht regieren, es sei tief in der Nacht. Aber er brüllt weiter: »Regierän!« Dann resigniert sie, geht mit ihm ins Kanzleramt, er setzt sich ein bisschen an den Schreibtisch und regiert eine Viertelstunde. Darauf bringt ihn seine Frau ins Bett, er sinkt wieder in die Kissen und schläft entspannt ein. Oder ich bilde mir ein, Schummel-Schumi-mit-dem-großen-Kinn rufe im Schlaf »Rennenfah’n!«, gehe in die Garage, setze sich in sein Auto und spiele eine Viertelstunde lang Formel 1, bis ihn seine Frau wieder ins Bett bringt.

Na ja, so ist es wohl mal wieder nicht, aber die beiden wären mir sympathischer, wenn es so wäre.

Was nun den kleinen Luis angeht, so standen Paola und ich eine Viertelstunde lang um ihn herum, während er bügelte, gähnten und dachten, wie merkwürdig doch das Leben sein kann, so merkwürdig, dass es Menschen gibt, die nachts um halb vier um ein bügelndes Kleinkind herumstehen und sagen:

»Fein machst du das! Schön bügelst du!«

Nach einer Viertelstunde hatte er genug. Paola nahm ihn auf den Arm, wir brachten ihn ins Bett, und ich dachte noch, vielleicht macht er ja mal eine Heißmangel auf, er hätte es im Blut. Möglicherweise, dachte ich noch, wird er ja auch Bundeskanzler oder Rennfahrer oder Journalist oder irgendetwas, das ich mir gar nicht vorstellen kann.

Ich flüsterte ihm ins Ohr:

»Du schaffst das schon, alles. Das Leben ist ein Abenteuer!«

Paola sah mich kurz an, gab ihm einen Kuss, sah mich wieder an und fragte müde:

»Was hast du gerade gesagt?«

Findst du mich denn gar nicht bello?

Wissen Sie, wer mir vollkommen wurscht ist? Alain Delon ist mir vollkommen wurscht.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie egal mir Alain Delon ist.

Alain wer? ist? das? überhaupt?

Die neue zweite Kraft bei »Serge, le Coiffeur« in der Sendlinger Straße? Der Favorit im dritten Daglfinger Rennen? Ein Deodorant-Stift von Gillette?

Kann mich nicht erinnern.

Einmal kam ein junger Bursche in die Bar des italienischen Dorfs, das wir in den Ferien immer besuchen. Er war anscheinend nicht aus der Gegend und fragte die verrückte Alte, die oft im geblümten Kittel am einzigen Tisch sitzt, ob er sich setzen dürfe, und sie sagte:

»Wenn du Alain Delon wärst…«

»Was wäre dann?«

»Wenn du Alain Delon wärst, dann würde ich mir das Gebiss rausnehmen und dir einen…« (Entschuldigung, für das letzte Wort hat leider mein Italienisch nicht gereicht.)

Toll, was Alain Delon für Frauen haben kann, was?

Na, wie gesagt, mir ist er egal.

Wie komme ich überhaupt auf seinen Namen?

Ich komme darauf, weil ich sehr oft zusammen mit der Frau meines Lebens Filme anschaue, sagen wir, nur ein Beispiel, Die Farbe des Geldes mit Paul Newman. Wir sitzen zusammen auf dem Sofa, und ich schaue und schaue, und Paola schaut und seufzt, und ich schaue zu ihr, und sie schaut zu Paul Newman und seufzt, und ich schaue wieder auf den Bildschirm, und sie auch und seufzt, und ich schaue wieder zu ihr, und sie seufzt, den Blick auf Paul Newman gerichtet. Und ich frage:

»Was seufzt du eigentlich dauernd so?«

Und sie seufzt.

»Sag’s ruhig«, sage ich ruhig, »kannst es ruhig sagen.« Und sie seufzt.

»Ach«, sagt sie dann seufzend und schaut mich an, als Paul Newman einmal kurz nicht auf dem Bildschirm zu sehen ist, »wie souverän er ist…«

Und ich seufze.

Dann nehme ich meine Rhett-Butler-Maske aus dem Schrank, tanze ein paar Schritte durch das Zimmer und singe das Lied aller Männer, die mit ihrer Frau zusammen Filme anschauen:

»Bin nicht Brad, bin nicht Pitt,

bin nur Du-hu-hurchschnitt.

Bin nicht Al, nicht Pacino,

sitz nur neben dir im Kino.

Bin nicht Redford, nicht Marcello –

findst du mich denn gar nicht bello?«

Klasse, oder? Aber jetzt hören Sie den Refrain:

»Bin nicht Clark, bin nicht Gable,

aber ich hab’ einen Faible:

für dich!

Bin nicht Cary, bin nicht Grant,

aber mein Herz, das brennt:

für dich!«

Jedenfalls ist es besser, als es zu machen wie mein Onkel Heinz. Vor vielen Jahren sah meine Tante Elma einmal Omar Sharif in Doktor Schiwago. Wochenlang sprach sie bei jeder Gelegenheit von Omar, seiner Leidenschaft und Männlichkeit, so lange, bis der Onkel mit rotem Kopf in den Keller rannte, sich eine Axt holte und im Garten eine mittelgroße Tanne fällte, bei jedem Hieb brüllend: »Doktor Schiwago! Doktor Schiwago!«

Das ist lange her. Onkel Heinz ist schon tot, Tante Elma lebt bei ihrer Tochter und den Enkeln, und Omar ist wahrscheinlich auch schon Opar.

Wie hieß jetzt noch mal dieser Typ, der mir völlig schnuppe ist?

Richtig: Alain Delon. Was also nun Alain Delon angeht, so hatte ich kürzlich einen kleinen Streit mit meiner Frau, in dessen Verlauf ich mich sehr erregte, zu allerlei Unverschämtheiten verstieg, schließlich sogar das Haus verließ, um in einem Lokal in der Nähe zu trinken, dann zurückkehrte, mich weiter in der Wortwahl vergriff, bis Paola mich schließlich anschrie:

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Alain Delon, oder was?«

Gut, dass mir ausgerechnet Alain Delon so total gleichgültig ist.

Ein Kühlschrank hat Angst

Ich saß mal wieder nachts in der Küche und starrte aus dem Fenster in den Hinterhof und auf das gegenüberliegende Haus, in dem gerade das letzte Licht hinter einem Fenster im vierten Stock erloschen war. Es war die Stunde, in der ich mich oft mit Bosch unterhalte, meinem sehr alten Kühlschrank und Freund. Ich trank Rotwein.

»Ich hätte auch gerne mal Rotwein«, sagte Bosch. »Nie stellst du Rotwein in mich rein.«

»Rotwein ist nichts für Kühlschränke«, antwortete ich, »und Kühlschränke sind nichts für Rotwein.«

Sein Motor brummte ein bisschen mürrischer als sonst, und ich fügte hinzu: »Ich habe gelesen, dass es bald Kühlschränke mit eingebautem Computer geben wird. Sie werden an das Internet angeschlossen und können selbständig im Supermarkt Nachschub bestellen, wenn keine Butter mehr da ist oder keine Erdbeermarmelade. Und wenn das Verfallsdatum der Milch abgelaufen ist, bestellen sie auch Milch. Solche Kühlschränke könnten sich auch selbst Rotwein kommen lassen.«

»Und wie kommt die Butter dann hierher und der Wein?«, fragte Bosch.

»Ein Bote bringt sie«, sagte ich.

»Schade«, sagte Bosch. »Es wäre doch schön, wenn die Kühlschränke auch selbst einkaufen gehen würden. Sie könnten in die Geschäfte gehen und Butter, Milch und Marmelade holen, und an der Kasse würden sie ihre Tür öffnen, und die Kassiererin könnte gleich alles in ihren Leib hineinstellen. Sie bräuchten nicht einmal einen Einkaufskorb.«

»Aber wie willst du in den Supermarkt kommen?«, fragte ich. »So ein langes Elektrokabel gibt es nicht.«

»Man bräuchte halt einen Akku, der sich auflädt und zwei, drei Stunden hält«, sagte Bosch. »Ich habe gehört, dass es Akkus gibt. Der kleine Black & Decker hat es mir erzählt, der Tischstaubsauger, weißt du. Er hat selbst einen Akku.« Er seufzte. »Man würde auch mal andere Kühlschränke kennenlernen. Wir könnten uns beim Einkaufen treffen und über alles reden. Ich habe gehört, dass es auch Kühlschränke gibt, die Siemens heißen oder Liebherr. Und ich würde so gerne mal in ein Geschäft gehen und selbst einkaufen. Ich war noch nie in einem Geschäft, außer in dem Laden, in dem du mich gekauft hast, damals.«

Ich machte seine Tür auf, um mir ein Stück Käse zu nehmen. Er atmete mich kühl an, wie immer, aber irgendwie kam es mir vor, als leuchte er besonders hell, wenn er so erzählte. Er hat ja wirklich nur mich zum Reden und ein paar Elektrogeräte in der Küche. Aber die meisten mag er nicht: Der Herd sei ein Idiot, sagt er immer, alle Herde seien Idioten, und die Mikrowelle sei schon gar nicht sein Fall, ein hysterisches junges Ding, das ihn anschwärme, weil er so cool sei, immer so herrlich cool. Ich hatte auch gelesen, dass ein Professor in den USA beabsichtige, nicht mehr bloß Herzen und Lebern, sondern auch Köpfe zu verpflanzen. Eines Tages wird es soweit sein, dass man Köpfe auf Kühlschränke verpflanzt, dachte ich, und Beine wird man auch dranmachen, und dann wird so ein Bosch mit ins Wohnzimmer kommen können, wenn ich Fußball sehe, und ich muss nicht mehr aufstehen zum Bierholen. Andererseits: Wenn man manchmal gewisse Managertypen im Flugzeug sieht – vielleicht machen sie das alles ja schon längst, das mit den Köpfen auf Kühlschränken. Und wir wissen es nur nicht.

Ich war wieder zum Fenster gegangen und blickte ins Dunkel hinaus. »Ich bin schon zu alt für diese Computer und dieses Internet«, sagte Bosch leise. »Für mich kommt das alles zu spät. Manchmal fühle ich mich krank, und der Kompressor tut so weh, und ich habe Angst vor Kühlmittelkrebs.«

»Ach was«, sagte ich. »So jammerst du schon seit Jahren. Du bist noch bestens in Schuss und so schön rund, und du brummst so sonor und bist nicht so ein dämlicher, unauffälliger Einbaukühlschrank wie die anderen.«

»Du wirst mich nicht verkaufen?«, fragte er noch leiser als vorher. »Du wirst mich nicht, ähm, entsorgen, nicht wahr? Du wirst dir nicht so ein junges Internet-Ding zulegen?«

»Nie im Leben!«, rief ich. »Keiner kühlt mein Bier wie du! Und jetzt lass uns schlafen gehen!« Ich gab ihm einen Klaps auf die Tür. Er hörte auf zu brummen. Ich ging auf den Flur hinaus und zum Schlafzimmer, aber auf halbem Wege kehrte ich noch einmal zurück, nahm die angebrochene Flasche Rotwein vom Tisch, öffnete den Kühlschrank und stellte sie hinein.

Eine plötzliche Erkrakung

Manchmal begegnet einem ein schönes, unbekanntes Wort so unverhofft, wie man bei einem Spaziergang durch den Dschungel vielleicht plötzlich einem seltenen und schillernd bunten Schmetterling gegenübersteht.

So geschah es mir, als ich vom Mittagessen in mein Büro zurückkehrte und ein Eilt!-Eilt!-Fax auf meinem Schreibtisch vorfand, abgesandt vom Sekretär des Herrn O., eines berühmten und bedeutenden Mannes, mit dem ich am nächsten Morgen verabredet war. Herr O., teilte mir sein Sekretär mit, könne unseren Termin leider nicht einhalten – und zwar »wegen einer plötzlichen Erkrakung«.

Fassungslos bedachte ich das Schicksal des O., welches so unerwartet über ihn hereingebrochen war. Eine Erkrakung! Schlimm wäre ja schon eine unvorhergesehene Erkrankung gewesen. Aber eine Erkrakung? Das klang wie etwas Unheilbares, Nichtwiederrückgängigzumachendes.

Ich stellte mir vor, wie O. noch sein Frühstück gemeinsam mit der Ehefrau verzehrte, die Hand mit der Marmeladensemmel zum Mund führte… Wie aber dann im Laufe des Vormittags aus eben dieser Hand und dem dazugehörigen Arm ein Tentakel wurde mit Saugnäpfen sonder Zahl, wie auch der andere Arm sowie die Beine sich in Fangarme verwandelten, wie der Mund zu einem Schnabel wurde, der ganze O. zu einem schleimig-weichen Polypen, ein erkrakter Mann, der seine Umgebung anstarrt »mit seinen hasserfüllten, menschenähnlichen Augen, während seine pneumatische Haut von Grau zu Violett wechselt, seine Saugorgane auf- und zuklappen, aus seinem Maul Wasserstrahlen sprudeln«, getreu Vilém Flussers Krakenbeschreibung in seinem Buch Vampyrotheutis infernalis.

Gut, dass man die Verabredung noch abgesagt hatte, dachte ich, sonst hättest du mit ihm kämpfen müssen, wie einst die Besatzung der »Nautilus« in Jules Vernes 20000 Meilen unter dem Meer mit dem Kalmar kämpfen musste. Oder du wärst von ihm verzehrt worden, wie Odysseus’ Freunde von der zwölffüßigen, sechsköpfigen Skylla verzehrt wurden, »das Ärgste von allem, was je meine Augen gesehen«, berichtete Odysseus.

Dann dachte ich an Alfred Polgars Geschichte über das Urich. Polgar blieb einmal beim flüchtigen Zeitungslesen an einem Satzstück hängen, das lautete: »…so spürt das Urich sich seiner übermächtigen Leidenschaften beraubt…« Gleich trat vor sein inneres Auge ein gewaltiges, elefantengroßes Urich mit langem, drahtigem Schweif, den es benutzte, sich selbst die Flanken zu peitschen, ein Tier mit scharfem Gebiss und tückischen Augen, gewöhnt, seine übermächtigen Leidenschaften an Hirschkuh und Gazelle, ja selbst an Löwinnen auszutoben. Nun aber schrie dieses Tier in des Autors Träumen immerzu jammervoll, es fühle sich seiner übermächtigen Leidenschaften beraubt.

Dann las Polgar den Zeitungsartikel noch einmal und entdeckte, dass dort nicht von einem Urich, sondern vom Ur-Ich die Rede gewesen war, dem reinen, der menschlichen Natur eingepflanzten Ego.

Ich nahm mir meinerseits den Faxbrief ein zweites Mal vor, sah aber, dass ich mich keineswegs verlesen hatte. Zwar hatte der Sekretär möglicherweise von der »Erkrankung« des O. Mitteilung machen wollen, geschrieben hatte er indes eindeutig »Erkrakung«. Und so sandte ich O. meine besten Wünsche an sein Krakenlager. Mit ein bisschen Krakengymnastik und einer guten Krakenversicherung werde alles schon wieder werden, schrieb ich. Aber ich weiß bis heute nicht, ob er sich wieder entkrakt hat. Weder O. noch sein Sekretär haben sich nach meinem Brief je bei mir gemeldet.

Leider nein

Also, wir haben hier nun zuerst einen sehr höflichen Zweijährigen, welcher anscheinend, ohne es zu wollen, in eine frühe Trotzphase geraten ist.

»Lieber Luis, hast du Hunger?«, fragt Paola.

»Leider nein«, sagt Luis.

»Möchtest du nicht eine Semmel mit Marmelade zum Frühstück?«

»Leider nein«, sagt Luis.

»Oder hättest du gerne ein paar Cornflakes?«

»Leider nein.«

»Ja, aber du musst doch irgendetwas essen!«

»Leider nein.«

Man sieht: Er bedauert sehr, dass er seinen Eltern solche Ungelegenheiten machen muss, doch die Trotzphasen kommen und gehen, da kann man nichts machen als kleiner Mensch. Aber die Zeit schreitet fort, und es liegt in der Natur von Trotzphasen, dass sie sich mit der Gewalt von Hurrikanen entwickeln. Alle Höflichkeit wird hinweggefegt, und jedes vom Trotz zermürbte, porös gewordene Leider verfliegt im Wind – auch bei diesem kleinen Herrn hier.

»Luis, schau, hier ist so schöner Griesbrei, davon musst du etwas essen«, sagt Paola.

»Nein«, sagt Luis.

»Aber wenn du nichts mehr isst, wirst du ganz dünn, hast keine Kraft und kannst nicht mehr spielen«, sagt Paola.

»Nein«, sagt Luis.

Sein Mund bildet einen dünnen Strich.

»In der Trotzphase entdeckt das Kind seinen eigenen Willen«, sage ich. »Es experimentiert damit, ohne Sinn dafür, wo es angebracht ist und wo nicht.«

»Ach ja?«, seufzt Paola.

»Pass auf!«, sage ich und nehme einen Löffel Griesbrei. »Dies hier ist ein Feuerwehrauto, und es will in die Garage: Tatütata!«

Der dünne Strich klappt auf, und das Feuerwehrauto fährt in die Garage, das erste Feuerwehrauto der Welt, das mit Martinshorn in die Garage fährt.

»Siehst du!«, sage ich zu Paola. »So macht man das. Jedes trotzige Kind kann man mit einem netten Spiel überzeugen.«

Ich nehme einen zweiten Löffel Griesbrei.

»Achtung!«, rufe ich, »hier ist noch ein Feuerwehrauto. Tatütata!«

Der Mund bleibt hart. Ich wiederhole das Tatütata. Die Garage bleibt zu. Tatütata zum dritten. Nichts.

»Kannst du es mir noch mal zeigen?«, fragt Paola lächelnd. »Ich habe es beim ersten Mal nicht gesehen.«

»Tatütata!«, rufe ich, ein letztes Tatütata.

Der Mund öffnet sich.

»Nein!«, sagt der Mund. Außerdem entquillt ihm der Griesbrei vom ersten Löffel.

»Er hat halt keinen Hunger«, sage ich.

»Nein«, sagt der Mund.

»Ich kann das Wort Nein nicht mehr hören«, sagt Paola. »Wenn ich mit ihm spazierengehe, springt er aus dem Buggy, und wenn ich ihn rufe, sagt er ›Nein‹. Wenn ich ihn wickeln muss, windet er sich auf der Kommode und schreit ›Nein!‹. Wenn ich ihm Schuhe anziehen will, macht er sich steif wie ein Brett und brüllt ›Nein!!‹. Und jetzt muss ich mit ihm in den Drogeriemarkt… Kannst du nicht mit ihm gehen?« Sie fügt leise hinzu: »Ich… schaffe… es… nicht.«

»Ich, ähm, habe eine sehr dringende Arbeit zu erledigen«, sage ich.

»Bitte!«, sagt sie.

»Also gut«, sage ich. Ich habe alle Trotzphasen hinter mir und bin gereinigt von eigenem Willen.

So mache ich mich mit Luis auf den Weg zum Drogeriemarkt. Als ich ihn in den Kindersitz des Einkaufswagens setzen will, schreit er »Nein«. Als ich ihn daran zu hindern trachte, das Regal mit der Zahnpasta auszuräumen, brüllt er »Neinnein«. Als ich ihm erkläre, er solle sich nicht mitten im Geschäft auf dem Boden wälzen, kreischt er »Neinneinnein«. Ich versuche, Babynahrung aus dem Regal zu nehmen, er öffnet währenddessen eine Packung Präservative. Ich überlege, welche Windelmarke ich nehmen soll, er versprüht derweil Glasreiniger über die Kräutertees. Ich laufe schnell zum Toilettenpapier, er untersucht den Schrank mit den teuren Pudern. Ich haste nervös wieder zu ihm, er pudert sich die Nase. Ich rutsche auf einer Dose Haarspray aus, die er auf den Boden geworfen hat, krache fallend in das Sonderangebot von Kölnisch Wasser und brülle: »Hör endlich auf damit und bleib bei mir!«

»Nein«, sagt er.

Über mir erscheint das Gesicht einer Verkäuferin. Sie sagt: »Es ist doch ein kleines Kind! Können Sie sich denn gar nicht beherrschen?«

Und ich murmele: »Leider nein.«

Blau macht mich so blass

Sicher wollen Sie wissen, warum ich so einen schönen auberginefarbenen Pullover anhabe, was? Na gut, ich werde es Ihnen erzählen.

Manchmal sieht man ja Männer, sitzend in Boutiquen, und sie haben traurige Augen, und sie denken an Fußball oder an das Steuersystem oder an Proschinsky, das Schwein vom Controlling, mit seinen Intrigen. Und vor ihnen geht die Frau ihrer Träume auf und ab, und sie probiert eine Bluse, und sie probiert eine Hose, und sie probiert eine Jacke, und sie probiert Schuhe, und die Männer denken »Ach …« und blicken nach innen. Solche Männer sieht man manchmal, und neulich war ich einer von ihnen.

Es war einer von jenen Tagen, an denen Paola, meine Frau, nichts anzuziehen hat. Sie steht dann vor dem Kleiderschrank und hat nichts anzuziehen und nimmt einen Rock und tut ihn wieder weg und hat nichts anzuziehen und nimmt einen Pullover und hält ihn sich vor den Oberkörper und tut ihn wieder weg und hat nichts anzuziehen und streift ein Kleid über und streift es wieder ab und tut es wieder weg und hat nichts anzuziehen, aber auch reineweg gar nichts. Und das, was sie hat, kann sie nicht mehr sehen. Und überhaupt sei sie so hässlich. Ob ich sie noch anschauen könne, so hässlich wie sie sei? Mich überfiel ein schlechtes Gewissen. Ich rief, dass ich ihr gerne etwas kaufen würde, etwas Schönes zum Anziehen. Wir gingen in den sehr bedeutenden Laden eines sehr bedeutenden Modeschöpfers. Das Geschäft wirkte irgendwie leer, und ich dachte, vielleicht sei dem Modeschöpfer in letzter Zeit wenig eingefallen, oder jedenfalls wenig sehr Bedeutendes, und dann dachte ich an Loriots Bemerkung, als er in einem Restaurant eines sehr bedeutenden Kochs sein Essen serviert bekam: Es sieht sehr übersichtlich aus.

Eine sehr bedeutende Verkäuferin servierte uns Kaffee, und von ganz hinten kamen doch Kleider und Röcke und Blusen und Westen und Mäntel und Schuhe zum Vorschein. Paola probierte dies und probierte jenes, nahm etwas Enges und etwas Weites und etwas Langes und etwas Kurzes und dann etwas Blaues, und dann fragte sie mich: »Wie gefällt es dir?«

Ich sagte: »Ich finde es zauberhaft.«

Sie sagte: »Unsinn, Blau macht mich so blass.«

Sie zog etwas Violettes an, fragte mich wieder, und ich sagte, ich fände es wunderbar. Sie sagte bloß: »Mmmmmmh-nein.« Dann nahm sie etwas Türkisfarbenes und fragte: »Und das?«

»Oh, es ist toll!«

»Immer findest du alles toll.«

»Aber es ist toll.«

»Ach.«

Dann probierte sie etwas Gelbes, und ich sagte zur Abwechslung: »Gefällt mir nicht.«

»Schade«, sagte sie, »ich mag es. Aber wenn es dir nicht gefällt…«

Die sehr bedeutende Verkäuferin servierte noch mal Kaffee.

Ich glaube, etwa zu dieser Zeit begann ich an Fußball zu denken. Ich machte mir Vorwürfe deswegen, weil ich Paola eine Freude hatte machen wollen, und nun war ich hier so wenig bei der Sache. Dann dachte ich an das Steuersystem und machte mir mehr Vorwürfe: Hier, vor dir, geht die Frau deines Lebens, dachte ich, und du wagst es, an das Steuersystem zu denken?! Als ich an Proschinsky, das Schwein, zu denken begann, stand Paola vor mir mit etwas Rotem.

»Es ist süß«, sagte ich.

Paola zischte: »Ja, aber es ist aberwitzig teuer.«

»Lass es uns trotzdem nehmen«, flüsterte ich verzweifelt. »Niemals«, sagte sie, »es ist unverschämt.«

Ich hätte es gekauft, schon weil die Verkäuferin soviel Kaffee gemacht und mich irgendwie eingeschüchtert hatte, aber Paola zog sich um und mich zum Ausgang, die Verkäuferin mit einem Berg Ware zurücklassend.

»Das können wir nicht machen«, sagte ich, »alles probieren und nichts kaufen.« Gleichzeitig machte ich mir Vorwürfe, dass ich mich von einer Verkäuferin einschüchtern ließ. Paola wirkte erfrischt.

In der Fußgängerzone kamen wir bei einem Herrenausstatter vorbei. Paola drückte mich hinein. Ich war sehr müde von all den gelben, grünen und roten Sachen und von den Selbstvorwürfen auch, probierte apathisch den auberginefarbenen Pullover an, den Sie nun an mir sehen, und kaufte ihn.

»Er ist toll«, sagte Paola.

»Aber wir wollten doch etwas für dich kaufen«, sagte ich. »Ach was«, sagte sie, »ich brauche nichts.«

So kam ich zu dem Pullover, den ich trage. Heute morgen stand Paola übrigens verzweifelt vor dem Schrank, und weil mich das schlechte Gewissen überfiel, wollen wir in die Stadt gehen, um etwas für sie zu kaufen. Mal sehen, was ich diesmal bekomme.

Als ich die Bademeisterin fraß

Neulich las ich die Gesundheitstipps in einer Zeitschrift. Mitten aus diesen Gesundheitstipps heraus blickte mich das Gesicht Franzi van Almsicks an. Und Franzi van Almsick sprach also zu mir etwa wie folgt:

Ich hab’s euch immer schon gesagt, ihr sollt schwimmen dreimal die Woche und sollt euren Pulsschlag dadurch erhöhen, wie es auf den Gesetzestafeln des Sportbundes verzeichnet ist, auf dass ihr gesund bleibt und den Allgemeinen Ortskrankenkassen nicht zur Last fallt. Und ihr sollt jeweils eine halbe Stunde schwimmen und unter Wasser ausatmen, und wenn ihr also tut, das ist optimal, und ihr werdet euch dann nie einer Koronargruppe anschließen müssen.

Ich blickte an mir herunter und sah, dass ich fett war, fühlte mich kurzatmig, hässlich und herzkrank und tat, wie Franzi mich geheißen hatte, ging schwimmen, dreimal die Woche, atmete unter Wasser aus und über Wasser ein und verwechselte beides nur einmal, dann nie wieder. Ich kaufte mir eine Schwimmbrille und betrachtete, während ich schwamm, die anderen Schwimmer von unten: eine merkwürdige, ins Babyblau des Bassins getauchte Welt schwebender Bäuche, umkurvt von langgestreckten, wie Außenbordmotoren durchs Wasser wütenden Kraulern.

»Der Leib wird leicht im Wasser«, heißt es bei Brecht, und das ist schön, dachte ich, besonders für die großen Wasserverdränger, denn jeder Körper verliert im Wasser soviel an Gewicht wie die Wassermasse wiegt, deren Stelle er einnimmt, capito? Das heißt, wenn ich nicht irre, dass der Dicke im Wasser mehr Gewicht verliert als der Dünne, aber leider nur so lange, bis er wieder heraussteigt. Richtig gut wäre es, wenn der Gewichtsverlust auch an Land erhalten bliebe, wenn man also zum Abnehmen nur kurz in die Badewanne gehen müsste, schon würde das Übergewicht durch den Abfluss gluckern. Aber das hat sich wohl nicht machen lassen bei der Erschaffung der Welt, wie so vieles andere auch, und wir müssen zufrieden sein, wie es ist.

Ich möchte aber auf Grund meiner Erfahrungen anmerken, dass es keine, aber auch gar keine Form des Sports gibt, die einen dermaßen wühlenden Appetit erzeugt wie das Schwimmen. Man hievt seinen ertüchtigten Leib aus dem Wasser, und sofort spürt man in dessen Mitte ein schmerzendes Loch. Mir ist ein Rätsel, wie Franzi dieses erträgt. Hält sie sich nicht täglich stundenlang im Wasser auf, dabei Unvergleichliches leistend? Wie kommt es, dass sie nach dem Training nicht sofort noch am Beckenrand ihren Übungsleiter frisst? Wie ist es möglich, dass nach einem Schwimmrennen nicht Teile des Publikums zwischen den Zähnen der Athleten landen, die anders ihres Hungers nicht mehr Herr werden? Bei mir ist es jedenfalls nun so, dass ich nach dreißig Bahnen im Dantebad schon auf dem Weg zur Dusche nicht mehr fähig bin, meinen Appetit zu zähmen: Ich rase zu den Kabinen wie ein tobsüchtiger Velociraptor in Spielbergs Jurassic Park, falle bereits auf dem Weg zu den Duschen zartfleischige Badegäste an und verschmähte kürzlich auch eine muskulöse Bademeisterin nicht, die Widerworte gab, als ich ihr das mitgebrachte Pausenbrot aus der Hand schnappte. Dem Wirt einer nahe der Schwimmanstalt befindlichen Gaststätte bin ich ein lieber Gast, weil ich dreimal die Woche sein gesamtes Speisekartenprogramm verzehre.

In meinem Hungerschmerz und meiner Gier nehme ich nach jedem Badbesuch ein Vielfaches dessen zu mir, was ich durch die Körperbewegung tatsächlich abarbeite. Die Konsequenz: Ich werde dicker, weil ich schwimme, Schwimmen dient meiner Fettness. Eines Tages, wenn ich sehr viel geschwommen sein werde, werde ich meinen massigen Körper auf den Zehner-Sprungturm hinaufwuchten und mit einem gigantischen Juchhu! hinunterspringen. Die größte Arschbombe der Welt! Das Becken ist wasserfrei danach und mein Lachen fröhlich wie nie, denn ich bin fat for fun.

Danke, Franzi, für den Tipp!

Woher kommen die Buchstaben?

Bitte, Sie müssen wissen, dass ich aus bescheidenen Verhältnissen stamme. Wir lebten zu fünft in drei Zimmern, die Toilette war auf der Etage, die Mahlzeiten bestanden aus einfachen Gerichten. Aber- und abermals wurde unsere Kleidung mit Flicken ausgebessert, wenn sie beim Spielen zerriss. Später kaufte der Vater ein winziges Haus am Stadtrand, in dem mehr Platz war. Aus dem Garten versorgte die Mutter uns mit Gemüse und Obst. Aber in mancher Hinsicht wurde die Lage noch schwieriger. Die Schulden für das Haus drückten den Vater so, dass er eine zweite Arbeitsstelle annahm und jeden Morgen die Zeitung austrug. Danach ging er ins Postamt, um den Dienst als Schalterbeamter zu versehen.

Das Schlimmste jedoch war der Buchstabenmangel, der uns in jenen Jahren quälte. Es gab damals eine Reihe von ungewöhnlich langen, kalten, dennoch schneearmen Wintern, unter deren Folgen die Ernte der Buchstaben auf den Feldern rings um die Stadt genauso litt wie die des Weizens, der Gerste, des Roggens. Heute wissen viele Kinder nicht einmal mehr, woher die Buchstaben kommen. Sie denken, sie seien einfach da oder kämen aus der Fabrik, wie ein Glas Milch oder eine Kuh einfach da seien oder aus der Fabrik kämen. Nie haben sie eine Kuh, ein Kornfeld, eine Buchstabenpflanze gesehen.

Damals herrschte Not. Die Halme blieben spindeldürr, die Buchstabenähren darauf klein. Wenn die Mähdrescher im Sommer über die Felder fuhren, dauerte es doppelt so lange wie in normalen Jahren, bis einer der Wagen hinter den wartenden Traktoren mit Buchstaben gefüllt war. Die Buchstabenpreise stiegen aufs Dreifache. Anfangs konnte Mutter im Buchstabenladen, in dem sie einkaufte, anschreiben lassen. Bald gab der Händler keinen Kredit mehr.

Wir standen oft am Rand der Äcker, und wenn die Wagen und Dreschmaschinen weggefahren waren, sammelten wir auf dem Stoppelfeld herabgefallene Buchstaben auf, um sie nach Hause zu tragen. An Wochenenden wanderten wir ins Land hinaus und bettelten bei den Buchstabenbauern um einen Korb mit Vokalen oder Konsonanten.

Nicht selten wurden wir vom Hof gescheucht und kehrten mit leeren Händen zurück. Ich erinnere mich an einen Winter, in dem die Familie fast kein Wort miteinander sprechen konnte. Wir hatten keine Buchstaben mehr, um Wörter zu bilden. Stumm erwachten wir morgens, schweigend saßen wir um den Mittagstisch, wortlos abends im Wohnzimmer. Was hätte man sich zu sagen gehabt, aber es ging nicht! An Weihnachten kratzten die Eltern alle Vorräte zusammen, um wenigstens »Frohes Fest!« zu wünschen. Mutter hatte eine Schwester in Amerika, die dann und wann ein Päckchen schickte, leider mit viel Tiejdsch und Dabbeljuh, aber besser als nichts. Die Antwortbriefe sparten wir uns vom Munde ab. Nie erfuhr jemand, dass mein Vater auf der Post gelegentlich Briefe unterschlug und die Buchstaben mit nach Hause brachte, damit wir das Nötigste besprechen konnten. Wer seine Korrektheit kannte, weiß, was es für ihn bedeutete.

Schlimm war es im Gymnasium. Es gab die Kinder der Reichen, die immer genug Lettern für Aufsätze und Diktate hatten. Wie aber sollte unsereiner, mochte er noch so begabt sein, jemals im Deutschunterricht vorankommen!? Mir erschien die Orthografie früh als Mittel der Herrschenden zur Erhaltung eines Klassensystems. Fast den ganzen Rilke konnte ich auswendig, aber wenn es ans Niederschreiben ging, war ich verloren; meine Eltern hatten kein Geld für teure Umlaute. »Sein Blick ist vom Vorybergehn der Stebe / so myd geworden, das er nichz mer helt«, schrieb ich – aus Mangel, nicht aus Unkenntnis! Es macht einen krank vor Wut, dass die etablierte Schriftstellerkaste heute gegen die Rechtschreibreform ist: Seit die Kerle sich Buchstaben säckeweise leisten können, versuchen sie, sich den Nachwuchs vom Leibe zu halten.

Ach, einmal aus dem Vollen schöpfen, einmal genug haben von allem! Stattdessen finanziere ich mir mit dem Honorar für einen Text nur die Buchstaben für den nächsten – wie da zu Großem kommen, Romanen von 800 Seiten?! Muss schon wieder aufhören, Vokalmangel, Schlss, st fst nchts mhr vrhndn…

Wurst

Wir wohnten damals am Stadtrand, im Grünen. Luis besuchte vormittags eine Kindergruppe, betrieben von einer Elterninitiative. Alle vier Wochen gab es einen Elternabend, bisschen oft, dachte ich, sagte aber nichts. Nicht selten dauerte der Elternabend bis nachts um eins, bisschen spät, dachte ich, sagte aber nichts. Sind eben initiative Eltern, dachte ich, initiativer als ich.

Als eines Abends kein Elternabend war, saß ich um neun in der Küche, aß ein Wurstbrot. Das Telefon klingelte. Jörg, ein Vater aus der Elterninitiative und ihr Vorsitzender, wollte wissen, woher die Wurst auf dem Frühstückstisch der Kindergruppe gekommen sei.

»Weiß nicht«, sagte ich und schluckte leise mein Wurstbrot hinunter.

»Bist du nicht diese Woche für den Frühstückseinkauf zuständig?«, fragte Jörg.

Ja, sagte ich, aber Wurst hätte ich nicht gekauft.

Dann müsse er weiterrecherchieren, sagte Jörg, die Kindergärtnerin anrufen, andere Eltern. Er wolle nicht, dass die Kinder Wurst äßen, werde das verhindern. Wurst sei schlecht für die Menschen. »Der Käse war von Tengelmann«, sagte er scharf.

Ja, sagte ich.

»Nicht aus dem Ökoladen«, sagte er.

»Nein«, sagte ich.

»Aha«, sagte Jörg mit Kommissarstimme und legte auf. Ich machte mir ein zweites Wurstbrot.

Er rief noch oft an. Jörg war nicht nur Vorsitzender der Elterninitiative, sondern auch eine Art Wurstwart. Er telefonierte ebenfalls, wenn er Weißbrot auf dem Frühstückstisch gesehen hatte oder Zuckerkekse aus dem Supermarkt oder Nichtbio-Äpfel oder Unöko-Mohrrüben. Ob wir nicht wüssten? Nie gehört hätten? Nicht klar sei? Immer, wenn er aufgelegt hatte, machte ich mir sofort ein Wurstbrot. Oder zwei. Später drei. Ich wurde wurstsüchtig. Jörgs Stimme löste in mir einen so unmäßigen Wurstappetit aus, dass ich nachts nach einem Telefonat zu Aral fuhr, Tankstellenschinken kaufte oder Industriefleischsalat, aaah, ich löffelte ihn noch im Auto.

Einmal machte Paola allen Kindern mittags Fleischpflanzl. Sofort berief Jörg einen Sonderelternabend ein. Wir tagten zwei Tage und Nächte in Permanenz, verabschiedeten dann eine Resolution gegen Wurst allgemein mit spezieller Verurteilung von Fleischpflanzln. Als ich im Morgengrauen heimkam, pfiff ich mir elf Fleischpflanzl und acht Scheiben Leberkäs hinein.

Leider geschah nun folgendes: Luis schlug einem Jungen aus der Kindergruppe einen Holztraktor auf den Kopf, weil er ihm ein Spielzeug nicht hatte geben wollen. Leider blutete der Junge sogar. Leider war er Jörgs Sohn. Als Jörg bei uns anrief, war nur die Oma da. Er schrie sie an. Es reiche nun. Die Oma bat, er möge sich an die Eltern wenden. »Ist doch Wurst!«, schrie er. »Liegt doch alles in der Familie!«

Es gab einen Luis-Spezial-Eil-Elternabend. Jörg hielt einen schriftlich ausgearbeiteten Vortrag über Friedenserziehung. Ich ging hinaus, um aus dem Proviantkühlkoffer, ohne den ich schon lange keinen Elternabend mehr besuchte, heimlich drei Schinkenbrote, acht kalte Schnitzel und eine Schweinskopfsülze zu essen. Ging wieder hinein. Fragte, ob nicht Raufereien unter Kindern zum Alltag gehörten. Und Skinheads mit Baseballschlägern, rief Jörg, gehörten die auch zum Alltag? Ich wieder hinaus. Koffer auf, acht Pfälzer, zwei Leberwürste, zwei Blutwürste. Wieder hinein.

Er habe, sagte Jörg, »einen verheerenden Eindruck« von unserer gesamten Familie.

Ich spürte die Wurst nun unter meinen Haarwurzeln, war wie besoffen von Cholesterin. Nannte Jörg brüllend einen Control-Freak, eine Blockwart-Type, einen Wurstfaschisten. Ging türenknallend ab. Kühlkoffer auf, zwei Pfund Tatar.

Wir sind dann weggezogen, hinunter in die Stadt. Luis ist in einer anderen Kindergruppe, eine fast ohne Elternabende. Ich lebe vorerst von Salat und Obst. Vor allem lebe ich ohne Jörg, ohne Jörg, ohne Jörg.

Vorhangstangen sind eigentlich doch schön

Lange Zeit glaubte ich, dass es im Irrenhaus eine Abteilung für gescheiterte Hobby-Handwerker gibt. Heute weiß ich es. Denn ich lebe dort, hihi.

Eines Tages sagte Paola zu mir, sie hätte gern im Schlafzimmer einen neuen Vorhang. Sie möchte aber keine Vorhangstange, sondern ein gespanntes Drahtseil, an dem Ringe hängen, an denen wiederum der Vorhang hängt.

Sehr schön, sagte ich. Ich bohre dann also in die Wände am Fenster zwei gegenüberliegende Löcher, sagte ich. In diese Löcher stecke ich Dübel. In diese Dübel schraube ich Haken. Und zwischen den Haken spanne ich das Seil. Ich holte Bohrmaschine und Leiter, kletterte und bohrte. Beim ersten Loch rieselte viel Putz zu Boden. Das Loch wurde groß, und ich besserte es mit Gips aus. Beim zweiten war es schlimmer, Altbauwände sind morsch. Aber ich hatte genug Gips. Ich dübelte und schraubte, spannte den Draht. Als er straff war, flutschten beide Dübel samt Haken aus den Wänden, von der Spannkraft des Seils gezogen. Ich wurde ärgerlich, pumpte nun viel Moltofill direkt in die Löcher, steckte die Dübel in das weiche Moltofill, wartete, bis es hart wurde. Schraubte und spannte.

»Vorhangstangen sind eigentlich doch schön«, sagte ich zu Paola.

Diesmal rutschte nur ein Dübel aus der Wand, aber mit ihm eine Menge Moltofill, Putz, Ziegelstaub, Mörtel. Das Loch war unbrauchbar. Ich musste neu bohren und gegenüber an der Wand noch mal, damit das Seil nicht schief hing.

»Verdammt!«, brüllte ich.

»Bei der kleinsten Arbeit in der Wohnung regst du dich auf«, sagte Paola.

»Sag noch einmal ›kleinste Arbeit‹!«, schrie ich. »Mach du es, wenn es eine kleine Arbeit ist!«, schrie ich.

»Und du? Ich habe die Vorhänge genäht!«

»Weil du dauernd neue Vorhänge willst, ist mir der Samstag versaut!«

»Die Vorhänge sind auch für dich!«, schrie sie.

Ich bohrte neue Löcher, nahm nun Spezialdübel und Spezialgips, schraubte, spannte. Diesmal krachte das Seil herunter, als die Vorhänge schon dranhingen. Der Stoff bedeckte mich, den Stoff bedeckte körniger Mauerstaub. Ich spuckte entsetzliche Flüche in den Raum.

»Ich hasse deinen Jähzorn!«, rief Paola.

»Warum hast du keinen Handwerker geheiratet?«, schrie ich.

»Das tue ich nach unserer Scheidung!«, rief sie.

Ich bohrte zum drittenmal, drang ins Mauerwerk wie eine Furie, Steine, Wand, Haus in Wutgesängen verhöhnend. In der Erregung riss ich den Stecker des Bohrers aus der Wand, aber er drehte sich weiter, betrieben von meinem ungeheuren elektrischen Zorn. Dann lief ich zu einem Eisenwarengeschäft in der Nähe, erkundigte mich nach Superspezialdübeln und Superspezialgips. Beides gebe es, sagte die Verkäuferin, aber man habe nur einen kleinen Vorrat. Der sei vorbestellt und werde gleich abgeholt.

Ihr Kittel verglühte im Flammenhauch des Zorns, der aus meinem Mund schlug. Ihre Haut wurde geröstet. Sie stand vor mir wie ein frisch gebratenes, vom Schicksal überraschtes Huhn. Der Ladenbesitzer eilte herbei, sah, was geschehen war, holte ängstlich eilend das Gewünschte. Zu Hause entdeckte ich, dass der Superspezialgips ein Kunststoff war, den man aus zwei Komponenten zusammenrühren musste. Ich tat dies und spritzte die Substanz in die Löcher. Indes härtete sie derart schnell, dass ich mit der Hand am ersten Bohrloch kleben blieb. Als ich mich losriss, blieben Hautfetzen an der Mauer zurück. Trotz Schmerzen dübelte ich, drehte wiederum Haken in die Wand, spannte das Seil, hängte die Vorhänge. Als ich fertig war, geriet ich auf der Leiter aus dem Gleichgewicht, fasste das Seil, riss alles zu Boden.

Ich raffte mich müde auf, wie ein alter Boxer nach einem grauenhaften Hieb, begann noch einmal, ein Loch zu bohren, einen Dübel hineinzustecken, einen Haken hineinzudrehen. An dem dort befestigten Drahtseil wollte ich nicht den Vorhang, sondern mich aufknüpfen.

Kräftige Männer hinderten mich daran. Kräftige Männer brachten mich an den Ort, an dem ich nun lebe. Kräftige Männer beaufsichtigen mich, wenn ich jeden Samstag neu in ein und demselben Zimmer Vorhänge an gespannten Drahtseilen zu befestigen versuche. Sie befestigen ihrerseits vorher Kabel an meinem Körper, die zu einem merkwürdigen Apparat führen. Das kitzelt, aber es ist notwendig. Denn mit der gewaltigen Energie meiner sich entfaltenden Wut wird das Badewasser der gesamten Anstalt beheizt, glaube ich, hihi.

Quauteputzli

Wahrscheinlich glaubt es mir niemand, lacht man mich aus, hält man mich für blöd. Ich erzähle die Sache trotzdem: Ab und zu, etwa alle zwei Monate, stehe ich morgens im Bad und denke nur ein einziges Wort, zum Beispiel, sagen wir, das Wort Quauteputzli. Ich weiß nicht, ob das klar ist: Ich habe wirklich nur dieses eine Wort im Kopf. Es verdrängt jeden Gedanken, wie ein Kuckuck seine Stiefgeschwister aus dem Nest schmeißt. Ich betrachte mich müde im Spiegel und denke: Quauteputzli. Ich mache den Wasserhahn an: Quauteputzli. Ich rasiere mich quauteputzli, dusche quauteputzli, trockne mich quauteputzli ab, quauteputzle mir die Zähne.

So ist das.

Ich will es nicht. Ich will nicht Quauteputzli denken. Ich will Gedanken haben über die Nacht und den Tag.

Aber ich kann nichts tun. Das Wort beherrscht mich. Durch mein Gehirn fahren Bulldozer, um es wegzuschieben. Ich lasse es von stämmigen Wörtern namens Bulle und Cop in Ketten legen und in einen finsteren Kerker werfen. Ich würge das Wort, bis ihm die Vokale aus dem Leib treten: Qtptzl. Aber es schüttelt sich und steht wieder in voller Größe da.

Quauteputzli.

Es ist das aztekische Wort für Mundwasser, und ich habe es in einer Glosse über die Geschichte der Zahnbürste gelesen. Aber das ist ja noch kein Grund, mich so in Beschlag zu nehmen! Jeden Tag lese ich haufenweise Wörter: Gestern zum Beispiel stand in der Massagepraxis eine Flasche mit Sterilisierwasser, aber auf das Etikett hatte jemand »Stellerisierwasser« geschrieben. Aber ich denke jetzt nicht Stellerisierwasser. Ich denke – genau! Irgendwo habe ich einmal gehört, jeder Mensch trage in sich noch Originalzellen von Vorfahren, die seit vielen Jahrhunderten tot sind, selbst von Adam oder Eva. Vielleicht hatte ich einen aztekischen Vorfahren, den Erfinder des Mundwassers möglicherweise, und ausgerechnet die Gehirnzelle, in der er die Bezeichnung für seine Erfindung gespeichert hatte, ist auf mich überkommen, geriet in der Nacht außer Kontrolle wie eine Krebszelle, terrorisiert nun mein Gehirn. Oder ist es vielleicht eine Art Computervirus? Soll es ja geben, dass Leute morgens ihren PC anschalten und Texte aufrufen, die sie am Tag zuvor eingegeben haben – das Virus aber hat in der Nacht alles aufgegessen. Und überall steht nur noch: Quauteputzliquauteputzliquaute …

Vielleicht bin ich auch krank und müsste mich behandeln lassen, bevor sich schlimmere Wörter meines Kopfes bemächtigen und ich etwas sehr Böses tue, an das ich mich hinterher beim Gerichtspsychiater nicht erinnern kann. Oder ich sollte, im Gegenteil, die Sache ganz gelassen sehen: Junge, kommt vor, hat jeder mal. Wird sich halt austoben, das Wort in deinem Kopf. Wenn es müde ist und sich nicht mehr wehren kann, spuckst du’s in die Kloschüssel.

Na ja, wie gesagt, es geht auch wirklich immer vorbei, tritt nur alle zwei Monate auf, und es gibt Schlimmeres. Aber unangenehm ist es schon.

Hoffentlich behandeln sie uns gut

Vor gar nicht so vielen Jahren wusste kein Mensch, was das Internet ist. Heute gilt einer ohne Internet-Adresse praktisch als Person ohne festen Wohnsitz. Wo wird das enden? Ich sag’s Ihnen.

Beginnen wir in meinem Zeitungsladen, in dem Monat für Monat ein weiterer Regalmeter von Zeitschriften eingenommen wird, die zum Beispiel OS/2 Inside heißen und in deren Artikeln ich keinen einzigen Satz kapiere. Ich greife wahllos zwei Beispiele heraus, erstens: »In der Standardkonfiguration sind die Parameter Client User ID und Client Group ID auf NULL – nicht 0 – gesetzt. Das heißt: Sie existieren nicht.« Zweitens: »Nach ein wenig Einarbeitungszeit kommt man problemlos mit Ausdrücken wie diesem zurecht: (\« ^\« *\«\’ ^’ *’).«

Gebt mir tausend Jahre Einarbeitungszeit, das werde ich nie verstehen! Muss ich auch nicht, es ist nicht für mich geschrieben, und es interessiert mich nicht. Ich könnte mit einem Text auf Koreanisch genauso wenig anfangen. Auch im medizinischen Fachbericht eines Arztes an einen anderen Arzt, betreffend eine Erkrankung meines Unterleibs, wäre mir Satz für Satz verschlossen.

Aber! Jemand könnte mir das Koreanische ins Deutsche übersetzen. Ein Mediziner könnte mir erklären, an welcher Krankheit ich leide. Niemals jedoch wird mir jemand begreiflich machen, was diese beiden Sätze bedeuten. Man kann sie nicht übersetzen. Es ist, als wäre man mit Wesen in Kontakt gekommen, die in einer anderen Dimension leben. Es müssen viele sein, sonst würden nicht jeden Tag neue Zeitschriften mit solchen Sätzen erscheinen. Vor einiger Zeit fand ich sogar schon im Sportteil der Zeitung ein Inserat, in dem eine Firma mitteilte, dass sie dem Leser alles über ein Fußballspiel mitteilen könne, falls er das Match nicht habe sehen können. Die Firma gab ihre Internet-Adresse zur Kenntnis und verabschiedete sich mit den Worten: »Viel Vergnügen wünscht Ihr IT-Partner für Beratung, Systemintegration und Outsourcing.« IT-Partner? Systemintegration? Outsourcing? Wer grüßt da wen?

Ob Leute, die so sprechen und schreiben, noch das gleiche essen wie wir? Vielleicht leben sie nicht mehr von Brot und Butter, Fleisch und Gemüse? Vielleicht sehen sie noch so aus wie wir, tragen Anzüge und Kleider und bezahlen dafür mit Geld, damit sie nicht auffallen. Aber wenn sie allein sind, schlucken sie kleine grüne Tabletten oder verschlingen gierig die Innereien alter Laptops, oder sie verspeisen ihre eigenen Wörter, seltsame Menüs aus Begriffen wie »Bootmanager-Partition«, »Netscape-Browser« und »(»=’«=`«.

Vielleicht lebt mitten unter uns eine Kaste von Wesen, die in einer anderen Wirklichkeit existieren. Sie gehören einer höheren Realität an, von der wir nichts wissen und zu der wir auch nicht vordringen können, weil unsere Gehirne prinzipiell zur Erkenntnis dieser Dimension nicht in der Lage sind: So wie eine Ameise diesen Artikel nicht lesen kann, kann ich nicht OS/2 Inside dechiffrieren. Diese Wesen lesen ihre eigenen Zeitschriften, surfen in ihren eigenen Computer-Netzen, regieren ihre Parallelwelt in eigenen Ministerien. Sie tanzen auf ihren eigenen Parties nach ihrer eigenen Musik, und wenn sie sich mögen, sagen sie »\(»‘ )/?« zueinander und pflanzen sich mit ihren eigenen Geschlechtsorganen fort, die sehr anders als unsere funktionieren.

Das Verhältnis zwischen den Computerexperten und uns wird eines Tages ganz und gar sein wie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Der Mensch erforscht das Verhalten der Tiere, freut sich an ihrer Existenz und nutzt sie. Wozu werden wir von Nutzen sein? Wird man uns als eine Art Singvögel halten, in Käfigen, unserem Gezwitscher lauschend? Wir werden nicht verstehen, was sie mit uns tun, und auf den Lauf der Welt werden wir keinen Einfluss haben.

Nachrichten aus dem Flachland

Erzähl’ mir von draußen«, sagte Bosch, mein alter Kühlschrank und Freund, als ich ihm abends ein Bier entnahm. »Ich erlebe hier nichts, bloß immer Tür auf und Tür zu – sonst erlebe ich ja nichts.«

Ich setzte mich an den Küchentisch, nahm einen Schluck und sagte: »Die Straße war heute gesperrt, weil sie einen Film gedreht haben. Immerzu drehen sie hier Filme, weil die Straße so schön ist. Diesmal war es ein Film mit Schießerei. Die Schießerei haben sie auf Handzetteln angekündigt, damit wir nicht erschrecken. Dem Briefträger ist an der Baustelle nebenan ein Ziegel auf den Kopf gefallen, aber er hat es überlebt. Der Elektroladen drei Häuser weiter hat zugemacht. Da ist ein Pizza-Service eingezogen.«

»War das der Laden, wo du die blöde Mikrowelle gekauft hast?«, fragte Bosch.

»Ja«, sagte ich.

»Geschieht dem Laden recht«, flüsterte er, »ich hasse das hysterische Miststück.«

»Aber was sollen wir mit noch einem Pizza-Service?«, sagte ich. »Immer wenn ein Laden dichtmacht, eröffnet stattdessen ein Pizza-Service. Und jeden Tag liegt der Prospekt eines anderen Pizza-Services im Briefkasten. Eines Tages werden wir keine Läden mehr haben, bloß Pizza-Services.«

Die Bierflasche war leer. Ich nahm eine neue.

»Und was macht ein Pizza-Service?«, brummte Bosch. »Bringt Pizza ins Haus«, sagte ich. »Man ruft an, und er bringt sie. Hier, steht alles im Prospekt: Pizza mit Plockwurst und Pizza mit Formfleischvorderschinken und Pizza mit Ananas und Pizza mit Pizza und Pizza mit Schofsköse…«

»Schofsköse?«, fragte mein Kühlschrank.

»Schafskäse, ein Druckfehler«, sagte ich. »Pizza mit Druckfehlern gibt’s auch. Neulich stand in einem Faltblatt, man könne nicht nur Pizza, sondern auch ›beleckte Semmeln‹ haben, lecker beleckt mit Formfleischvorderschinken oder Plockwurst oder Köse, äh, Käse.« Ich schaute Bosch an. »Hast du noch Bier?«, fragte ich. »Aber immer«, sagte er.

Ich öffnete ihn, nahm die dritte Flasche und schloss die Tür wieder.

»Ich versteh’s nicht«, sagte er dann. »Sind die Leute nicht früher in Restaurants gegangen und haben dort Pizza gegessen, mit Messern und Gabeln und von Tellern?«

»Ja«, sagte ich und trank. »Aber das ist bald vorbei. Man geht nicht mehr auf die Straße. Was willst du dort? Es fallen dir Steine auf den Kopf, oder du kommst nicht weiter, weil ein Film gedreht wird. Und Läden zum Einkaufen gibt es nicht mehr, weil alle Geschäfte durch Pizza-Dienste ersetzt sind.«

»Seltsam: immer Pizza«, sagte mein Kühlschrank.

»Eigentlich gar nicht seltsam«, sagte ich. »Pizza ist das ideale Essen für Leute, die nicht mehr aus dem Haus gehen. So schön flach. Man kann es durch den Briefschlitz werfen oder unter der Haustür hindurchschieben und muss nicht einmal mehr mit dem Lieferanten in Kontakt treten. Eines Tages wird man sich per Internet eine Pizza auf dem Bildschirm aufrufen und dann aus dem CD-Laufwerk holen oder ausdrucken. Manche schmekken jetzt schon so.«

Ich trank gluckernd.

»Pizza«, rief ich, »ist ’n schönes, flaches Essen, flach wie die modernsten Handys und die neuesten Laptops und die schönsten Autos, flach wie das Fernsehprogramm, flach wie die ganze Welt von morgen. Der Lieferpizza gehört die Zukunft! Wir brauchen flache Mahlzeiten!«

»Und… und neue, flache Kühlschränke?«, fragte Bosch zögernd.

»Fang nicht wieder mit deinem Pessimismus an!«, rief ich und entnahm ihm die vierte kalte Flasche. »Flaches Bier gibt’s nicht. Wir werden alle leben wie du, immer daheim und nie draußen, angeschlossen an große Stromkreise, fern von anderen unserer Art, innen voller Kälte und doch voller Sehnsucht nach…«

Er unterbrach mich: »Wer ist hier der Pessimist?!«

Ich starrte aus dem Fenster ins Dunkle.

»Wenn du mir auch so viel zu trinken gibst…«, flüsterte ich.

Schill und Schiller

Königssöhne sind oft merkwürdige Typen, denken wir nur an Charles, oder, seltsamer, an jenen Prinzen, der in Schneewittchen vorgeblich absichtslos durch den Wald reitet, bei sieben Zwergen übernachtet und dabei die anscheinend tote Prinzessin in ihrem gläsernen Sarg entdeckt: So lange bettelt er die sieben an, bis sie ihm den Leichnam überlassen. Ich bitte sehr! Schiere Nekrophilie! Ein sexuell Fehlentwickelter als Märchenheld! Ein Kerl, der Frauen nur tot (und unter Glasstürzen vor seinen Begierden geschützt) ertragen kann. Davon erzählt man Kindern? Sie wollen es nun mal so. Was den kleinen Luis angeht, so möchte er zum Einschlafen immer das Märchen vom Froschkönig hören.

Ich fange also an: »…da lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, doch…«

»Nein«, ruft Luis, »die waren alle schill!«

»Nein, die waren alle schön«, sage ich.

»Schill!«, ruft Luis, »es heißt schill.«

»Wieso schill?«, frage ich. »Was ist schill?«

»Der Lautsprecher sagt: Die Töchter waren schill.«

»Der Lautsprecher?«, frage ich.

»Der Lautsprecher vom Kassettenrecorder.«

Ein Hörfehler, denke ich, er hat’s falsch verstanden, als er die Märchenkassette anhörte. Weil es keinen Sinn hat, mit ihm zu diskutieren, fahre ich fort: »…dessen Töchter waren schill, doch eine war schöner als die anderen…«

»Nein, schiller«, ruft er da, »sie war schiller als die anderen.«

»Hat’s der Lautsprecher gesagt?«, frage ich.

»Ja, der Lautsprecher.«

»Aber, Luis, du hast falsch verstanden. Es heißt: ›Sie war schöner‹.«

»Schiller!«, ruft er.

Der Lautsprecher hat Autorität, denke ich. Und Luis soll schlafen.

Also erzähle ich weiter: »…war also die eine schiller als die anderen, und…« Erzähle und erzähle und denke dabei: »Schiller«, denke ich dabei. Bei Schiller taucht der Edelknecht nach einem goldnen Becher, um der Königstochter Gemahl zu werden. Und »Goethe« denke ich, da sitzt der Fischer angelnd, und eine Frau rauscht aus dem Wasser empor, erzählt von der Schönheit der Tiefe, bis es um den Fischer geschehen ist und er abtaucht:

»Halb zog sie ihn, halb sank er hin,

Und ward nicht mehr gesehn.«

Überall wird getaucht, der Weiber wegen. Aber gut geht es nie aus.

Hier sucht ein Frosch nach güldnem Ball, bitteschön. Dafür möchte er mit der Prinzessin ins Bett. Für diesen Wunsch wird er an die Wand geworfen. Da komme ich ins Grübeln. Worum geht es? Um Sehnsucht der Männer nach Erlösung durch Frauen? Kann man erlöst werden durch eine wütende Frau, die einen an die Wand wirft? Warum wirft sie den Frosch an die Wand? Weil er mit ihr schlafen will? Weil er hässlich ist? Weil er hässlich ist und mit ihr schlafen will? Warum besteht der König darauf, dass die schillste Tochter Sex mit einem Frosch hat? Aus väterlichem Egoismus? Weil Frösche nicht seinen Platz als erster Geliebter der Tochter gefährden können?

Oder ist alles eine Erfindung der Tochter? Schmuggelt einen Burschen im Froschgewande am Alten vorbei, wissend, dass sie den Grünen nur an die Wand werfen muss, um im Schleiflack-Jugendzimmer hemmungslos mit einer Art Brad Pitt herumvögeln zu können. (Die Eltern denken, sie pauke für den Bio-Leistungskurs?) Von Iring Fetscher gibt es ein Buch mit Märchen-Deutungen: Da ist der goldene Ball Synonym für einen goldenen Phallus, mit dem die Königstochter Spielchen treibt. Sie verliert ihn in unbewusster Selbstbestrafungsabsicht. Der Frosch: hilfsbereiter, erotisch anziehender Jüngling aus dem Volke. Der König? Gutmütiger Bürgerkönig. Will die Tochter aus sexuellem Autismus und narzisstischen Masturbationszwängen befreien, ordnet darum Sex mit dem Nassen an.

Solche Geschichten erzählen wir Zweijährigen zum Einschlafen! Ich finde keine Worte! Das ist schill! Oder schrill? Schön ist es nicht, was?

Na denn

Kürzlich las ich in einer Zeitschrift die Geschichte einer Frau, die sich scheiden ließ, weil ihr Mann jede Mahlzeit mit den Worten »Sodele, Nudele« begann, ausgenommen das Frühstück. Da sagte er: »Eili, Peili«, bevor er sein gekochtes Ei enthauptete. Es war schön, das zu lesen. Ich wusste endlich: Ich bin nicht allein. Ich habe nämlich ebenfalls eine kleine Gewohnheit, bitte, werden Sie darüber schweigen?

Ich kann nicht essen, ohne vorher »Na denn…« gesagt zu haben. Es ist merkwürdig, aber es geht nicht anders. Ich setze mich an den Tisch, nehme mein Besteck in die Hand und sage »Na denn…«, so wie andere Leute ein Tischgebet sprechen oder »Guten Appetit!« wünschen. Das heißt, manchmal sage ich es gar nicht selbst, sondern Paola schaut mich an, wenn wir zu essen beginnen, und dann sagt sie »Na denn…«, bevor ich es sagen kann. Wir lachen darüber, und ich freue mich, dass sie sich nicht scheiden lässt. Aber merkwürdig ist das natürlich schon.

Meistens registriere ich selbst gar nicht, dass ich »Na denn…« sage. Ich sage es so automatisch, wie man sich die Haare im Wind glattstreicht oder die Brille zur Nasenwurzel zurückschiebt, wenn sie verrutscht ist. Schon mein Vater hat »Na denn…« gesagt, bevor er zu essen begann, mein Großvater auch. Es sind sehr viele Nadenns in den Männern unserer Familie enthalten – die müssen heraus. Ich vermute, dass bei uns der Magen-Darm-Trakt nicht funktioniert, wenn wir nicht »Na denn…« gesagt haben. Er braucht das als Zauberwort, sonst arbeiten die Verdauungszellen nicht, wie kleine Maschinen, die niemand angeschaltet hat, oder wie Heinzelmännchen, die vergebens auf den Sonnenuntergang warten.

Man kann natürlich auch der Meinung sein, es sei zwanghaft, immer »Na denn…« sagen zu müssen, oder es sei ein nervöser Tic, so wie andere Menschen ständig mit den Wimpern zucken oder sich dauernd an den Haaren herumfummeln. So weit würde ich nicht gehen. Wenn man es sich genau überlegt, macht fast jeder Mensch irgendein kleines Gewohnheitsgeräusch. Zum Beispiel beginnt Lothar Matthäus alles, was er sagt, mit »Ja gut…« Ich glaube, wenn er nicht »Ja gut…« sagen würde, könnte er nicht reden. Es ist die Formel zum Einschalten seines Gehirns, oder wie man das bei L. M. nennt.

Ein anderes Beispiel: Es gibt sehr viele Manager, die jeden zweiten Satz mit »Ich sage mal…« einleiten, achten Sie mal drauf! Wenn man diesen Leuten das Ichsagemal wegnehmen würde, wie man einem Kind eine Schachtel Zündhölzer wegnimmt – dann könnten sie überhaupt nicht mehr sprechen. Sie säßen an ihren Schreibtischen, und wenn das Telefon klingelte, wären sie hilflos wie kleine Kinder. Sie würden den Hörer in ihrer Hand anstarren, aus dem sie eine Stimme hörten, die eine Antwort von ihnen erwartete, die sie nicht geben könnten, weil sie das Ichsagemal nicht mehr hätten. Dann würden sie anfangen zu weinen – alles bloß wegen dreier Worte, die ihnen nicht mehr zur Verfügung stünden. Verrückt, was? Aber so ist es.

Was ich sagen will: Ich sage dieses »Na denn…« schon längst nicht mehr, sondern mache es, und zwar nicht willentlich, sondern unwillkürlich, so wie ein Bekannter von mir immerzu »Ngpffft« mit der Nase macht, ohne es selbst noch zu merken – er hat irgend etwas mit der Stirnhöhle. »Na denn« ist ein etwa dem Schnarchen gleichgestelltes Geräusch, wobei ich ausdrücklich erwähnen möchte, dass ich nicht schnarche – aber auf diese Auskunft sollten Sie nicht viel geben. Mein Vater zum Beispiel leugnete stets, dass er schnarchte, obwohl er so sehr schnarchte, dass man ihn noch am anderen Ende der Stadt hörte. Selbst als ich 600 Kilometer weit weggezogen war, konnte ich nachts aus den Geräuschen der großen Stadt sehr leise meinen schlafenden Alten heraushören.

Dabei fällt mir ein Freund ein, der seine Sätze nicht mit »Na denn…« oder »Ja gut…« zu beginnen pflegte, sondern – das ist wirklich wahr – immer und immer und immer mit: »Du wirst lachen…« Einmal traf ich ihn auf der Straße. Ich fragte ihn, wie es ihm gehe, und er sagte: »Du wirst lachen: Meine Frau hat mich verlassen.«

Verspannt in alle Ewigkeit

Damen und Herren, nehmen Sie die Parade der Alltagsversehrten unter meinen Freunden ab!

Hier haben wir meinen alten Wegbegleiter Paul: Stören Sie sich nicht an dem kleinen Brummen, das aus seiner Kleidung dringt – es ist sein Blutdruckmessgerät, er muss es für 24 Stunden tragen. Der da kopfüber von der Decke hängt wie eine Fledermaus, ist Dieter. Er lässt seine Rückenprobleme behandeln, die ihn oft schräg durch die Welt gehen lassen wie ein sturmgepeitschtes Ausrufezeichen. Der Herr mit dem verbeulten Gesicht? Mein Steuerberater. Er wurde von unerklärlichen Schwellungen am Schädel befallen, sein Kopffleisch sah aus wie von enormen Mücken bearbeitet – es müsse mit dem plötzlichen Stressabfall am ersten Tag eines Kurzurlaubs zu tun haben, sagt er. Der Mann mit dem roten Gesicht: Peter, an einer Allergie gegen den eigenen Schweiß leidend. Man befürchtet, die Sache könne sich zu einer Gesamtunverträglichkeit mit sich selbst entwickeln.

Nun zu mir. Seit Jahren kämpfe ich gegen die mangelnde Elastizität meines Körpers, gegen Sehnenverkürzungen, Muskelhärte, Nackenverspannungen, kurz, gegen eine brettartige Physis, mit der ich als Versteifungselement im Gerüstbau oder als Treppenstufe Verwendung fände, hätte ich nicht noch andere Talente.

Was habe ich nicht alles zu meiner Erweichung getan! Ich besuchte einen Masseur, der mich nach Art entfesselter Karateka zu einem Puzzle zerhackte, das mein Sohn Luis wieder zusammensetzen durfte. Ich ging zu einer Gymnastin, welche mich im 90-Grad-Winkel sitzen ließ, die Beine gestreckt, die Knie mit Sandsäcken beschwert, der Oberkörper aufwärts gerichtet, ein perfekter, schmerzgequälter rechter Winkel. Noch heute findet mein Foto in diesem Zustand im Geometrieunterricht einiger Schulen Verwendung. Auch suchte ich eine in tantrischer Massage geschulte Dame auf, welche auf meinem Bauch Sensoren eines Abhörgerätes befestigte. Dessen Kabel führten zu einem Kopfhörer, den sie sich aufsetzte. So übersetzte sie mein Leibesgegrummel in Handbewegungen, wurde zur Dienerin meines Gedärms, bis das Haus unter der Gewalt meines Gelächters einstürzte. Ihre letzten Worte: »Sie hätten sagen müssen, dass Sie kitzlig sind.«

Solche Geschichten erzählen wir, wenn wir von den Schlachten des Alltags berichten wie die Väter vom Krieg: Pauls legendärer Blinddarmdurchbruch nahe Uelzen, Arthurs Nierensteinabgang im ICE nach Stuttgart, Gerds Herzinfarkt in London, der kein Herzinfarkt war, sondern eine Magenkolik – er ist unser Jüngster und kann noch nicht unterscheiden zwischen den Schmerzen.

Ich bin seit kurzem nicht mehr anwesend bei diesen Gesprächen, seit nämlich Paola mich zu meiner definitiven Elastifizierung bei einer Ayurveda-Massage anmeldete. Ich betrat nichts ahnend eine Praxis am Stadtrand. Zwei Damen erwarteten mich. Ich solle mich entkleiden, sagten sie. Ich entkleidete mich bis auf die Shorts.

»Ganz nackt!«, sagten die Damen.

Ich schluckte, legte mich rücklings nackt auf eine Bank, wurde mit warmem Öl begossen und massiert: Eine Dame übernahm das linke, die andere das rechte Bein, danach die eine den Bauch links, die andere den Bauch rechts undsoweiterundsoweiter, beide im Takt sanft meinen verholzten Körper bearbeitend, während ich von einer so gewaltigen Erektionsangst befallen wurde, dass ich nur dachte: Kontrolliere dich selbst, kontrolliere dich! Nur nicht…! Nur nicht…! Ich versank in meditativer Konzentration auf mein Geschlecht.

Und? Ich war erfolgreich, indes zum Preis einer Gesamtversteifung meiner selbst, die so erheblich war, dass die beiden Damen mich am Ende der Behandlung wie die Statue eines Ölgötzen in eine Art Minisitzsauna trugen, deren Plastikumhüllung mit einem Reißverschluss derart geschlossen wurde, dass nur mein Kopf herausschaute. Dieser Verschluss kann von innen nicht geöffnet werden. Die Damen verließen den Raum und ließen mich im Schwitzkasten, stundenlang, tagelang. Ich befinde mich noch dort. Man will mich nun weichkochen. Ich werde biegsam sein wie eine verkochte Nudel, nachgiebig und weich, ja, in ein paar Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, endgültig entspannt, irgendwann, bitte.

Sieht denn keiner uns’re Qual?

Es war einmal eine Zeit, bevor der Mensch auf die Erde kam, da lebten die Zahlen und die Buchstaben froh und in Frieden zusammen, ohne jede Aufgabe. Die Zahlen mussten nichts zählen und die Buchstaben keine Wörter bilden. Sie konnten den lieben langen Tag tun, was sie wollten, und das gefiel ihnen sehr. Sie spielten zusammen und vertrugen sich bestens und unterschieden sich eigentlich gar nicht. Sie wussten nämlich gar nicht, dass sie Zahlen waren und Buchstaben – woher denn auch?

Sie waren einfach so da. Eine 1 war nichts anderes als ein U und eine 2 nichts Besseres als ein D, nur dass sie eben ein bisschen anders aussah. Und wenn zum Beispiel ein A und ein X und eine 7 und eine 4 und ein Z und ein F und eine 0 zusammenstanden, dann sah das so aus: AX74ZF0. Aber niemand wäre darauf gekommen, dahinter eine Bedeutung zu vermuten, eine Geheimsprache vielleicht oder einen Buchungscode bei der Lufthansa. Es war, wie es war, und wenn sie genug zusammengestanden hatten, gingen sie wieder auseinander. Die Zahlen sangen dann fröhlich:

»Eins, zwei, drei, vier.

Keiner rechnet mit mir!«

Und die Buchstaben riefen laut:

»Zett, Ypsilon, X.

Wir bedeuten nix!«

Dann kam der Mensch. Er ordnete die Welt, erfand die Sprache und die Bücher und die Zeitungen, und er sagte den Buchstaben, wie sie sich hinstellen sollten, damit sie ein Wort bildeten und einen Satz und einen ganzen Artikel. Und die Zahlen sortierte er aus und ließ sie erst mal in einer Reihe antreten, 1234567890, und so ließ er sie herummarschieren wie auf dem Kasernenhof, immer einszwei!, einszwei! Dann mussten sie rechnen, den ganzen Tag, in riesigen Kolonnen addieren, subtrahieren, dividieren, multiplizieren, immer schnell, schnell, schnell, und manchmal mussten sie sich sogar die Wurzel ziehen lassen, ohne Betäubung. Es war schrecklich, und das ist es bis heute.

Die Zahlen beneiden die Buchstaben sehr. Dabei haben die es beileibe nicht alle gut: Mancher muss sein Leben in einem hässlichen Wort wie zum Beispiel »Redaktionsschluss« verbringen, andere stehen in langweiligen Feiertagsansprachen herum, und am schlimmsten hat es das U erwischt, das bei Wind und Wetter draußen vor den Stationen der Untergrundbahn Wache halten muss. Aber andere haben ein herrliches, abwechslungsreiches, erfülltes Leben in Rilke-Gedichten oder Romanen von Joseph Roth, und das macht die Zahlen ganz fertig vor Neid. Sie sind in Rechenmaschinen eingesperrt oder lungern mit Milliarden von Schicksalsgenossen auf dem Konto von Bill Gates herum wie verlorene Seelen oder werden gleichgültig von Finanzministern hin- und herbefohlen – ödes, sinnloses Soldatenleben.

Wenn ich meinen Taschenrechner ans Ohr halte, höre ich den murmelnden Gefangenenchor:

»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben – ach!«

Oder:

»Minus, plus und durch und mal,

sieht denn keiner uns’re Qual?

Marschieren hier durchs Schattenreich,

ist gleich, ist gleich.«

Dann denke ich oft: Ich nehme jetzt einen Schraubenzieher und drehe die kleine Schraube auf, an der Rückseite des Rechners, gleich neben dem Satz »Fabriqué en Formose«, entferne das Rückenteil und hole die Zahlen heraus, befreie sie, wenigstens diese paar Zahlen aus meinem kleinen Sharp-Taschenrechner. Wir würden zusammen in die Welt hinausziehen, denke ich dann, ein kleiner, verschworener Haufen, die Zahlen und ich, und würden alle möglichen Abenteuer bestehen. Wenn ein Fluss zu überqueren wäre, würde die 1 sich wie eine Brücke drüberlegen. Wenn ein Riese uns bedrohte, würde die 3 ihn würgen. Wenn wir abends am Lagerfeuer säßen, würde die 7 uns Märchen erzählen. Und wenn wir Hunger hätten, würde die dicke 6 für uns kochen, Buchstabensuppe vielleicht, und danach würde ich am Busen der 8 einschlafen.

Und wir könnten glücklich sein, oh, könnten wir glücklich sein.

Können Kühlschränke lieben?

Es war um die Mittagszeit. Ich saß in der Küche und machte eine Pause. Starrte in die regengraue Luft vor dem Fenster. Es war totenstill.

»Schläfst du?«, fragte ich Bosch, meinen sehr alten Kühlschrank und Freund. Er hatte seit einer halben Stunde kein Geräusch von sich gegeben.

»Ich döse nur«, sagte er. »Was ist?«

»Was würdest du sagen, wenn ich Strom in Zukunft woanders bestelle, nicht mehr bei den Stadtwerken, meine ich. Man kann jetzt Strom überall bestellen.«

»Ach ja?«, sagte Bosch. »Ich war in letzter Zeit ganz zufrieden.«

Er hielt inne, dann sagte er: »Worauf willst du hinaus? Verbrauche ich zuviel? Ist dir das Bier nicht mehr kalt genug? Willst du dir einen neuen Kühlschrank kaufen, einen jungen, hübschen, sparsamen? Willst du mich mal wieder wegschmeißen?«

»Fang nicht damit an! Ich wollte dich noch nie wegschmeißen, und jetzt will ich es auch nicht«, sagte ich. Er ist älter als ich. Immer schon neigte er zur Melancholie. Sein Selbstvertrauen war nie groß. Aber in letzter Zeit ist er richtig bitter. Ständig behauptet er, ich wolle ihn loswerden.

»Der Strom ist nicht schlecht hier«, sagte er. »Dabei habe ich ihn anfangs nicht vertragen. Er schmeckte oft so sauer und abgestanden. Ich bekam Kondensatorbrennen davon, und der Strom damals im Haus deiner Eltern, oben im Norden – er war so kühl und immer frisch. Aber in den letzten Jahren ist er auch hier sehr gut.«

Ich schwieg einen Moment und dachte über den Geschmack von Strom nach, da sprach er weiter.

»Weißt du, dass der Herd mir oft den besten Strom wegnimmt?«, zischte er plötzlich. »Er ist ein widerlicher Idiot. Manchmal nimmt er sich viel mehr Strom, als er braucht, und manchmal sogar welchen, wenn er abgeschaltet ist.«

»Quatsch!«, sagte ich. »Kein Herd kann sich Strom nehmen, wenn er abgeschaltet ist.«

»Was weißt denn du?!«, sagte der Kühlschrank. »Was weißt du von den Herden?! Das Schwein da drüben säuft mir den Strom regelrecht weg. Ich habe Mühe, zu überleben.«

»Hetz nicht immer gegen den Herd!«, sagte ich. »Wir brauchen ihn doch.«

»Ich nicht«, sagte Bosch. »Außerdem ist er von Bauknecht. Ich kann Bauknecht nicht leiden.«

»Paola liebt ihn«, sagte ich.

»Paola ist eine Frau«, sagte er.

»Und du?«, fragte ich. »Sind Kühlschränke Männer? Können Kühlschränke – lieben?«

»Ach…«, seufzte er. »In mir ist alles kalt, immer schon ist es so kalt in mir. Meine Seele ist ein gefrorener Kubus. Und die anderen Kühlschränke sind weit weg. Damals, oben am Meer, stand neben mir im Laden, in dem deine Eltern mich kauften, eine Kühltruhe, wochenlang stand sie neben mir und ich neben ihr und… Eines Morgens holte man sie ab. Ich habe sie nie wieder gesehen.«

»Alter…«, murmelte ich, »Mensch, ich… ich will, dass du den besten Strom bekommst.«

»Einmal«, sagte er leise, »da gab es einen Strom, der schmeckte – nach Salz und Meer und nach…« Er summte leise:

»Und peitscht der Sturm auch wild den Mast,

bäumt sich auch die Flut,

dass du niemals mich vergessen hast,

beflügelte meinen Mut.«

»Von wem ist das?«, fragte ich.

»Ein altes Seemannslied…«, seufzte er. »Gibt es Strom, der aus Wind gemacht wird? Ich glaube, der Strom damals war aus Wind.«

»Das kann nicht sein«, sagte ich. »Gab es damals schon Strom aus Wind? Aber heute gibt es welchen. Ich versuche es. Vielleicht kann ich welchen bestellen für dich.«

»Dass du niemals mich vergessen hast…«, brummte er, dann erstarb seine Stimme. »Einmal noch«, sagte er, »einmal noch so einen Strom…«

Dann war es wieder still. Ich strich mit der Hand über seine Tür und ging wieder an die Arbeit.

Und wo sind die Pinguine?

Ich dachte, wie schön es wäre, in den Zoo zu gehen, schöne und geheimnisvolle Tiere zu betrachten, sie dem Kleinen zu erklären.

»Luis, wollen wir in den Zoo gehen?«, fragte ich.

»Krieg’ ich da ein Eis?«, fragte Luis.

»Von mir aus«, sagte ich.

So gingen wir in den Zoo. Rechts hinterm Eingang standen Flamingos, jeder auf einem Bein.

»Guck mal, die Flamingos, so schlafen sie«, sagte ich. Luis fragte: »Wo krieg’ ich hier mein Eis?« Als hätten die Tiere ihn angeregt, fügte er hinzu: »Ich möchte ein Eis am Stiel.«

»Hinten bei den Pinguinen gibt es Eis«, sagte ich. »Vorher schauen wir die Affen an.«

»Ich will aber zu den Pinguinen«, sagte Luis.

Das Affenhaus war so voll, dass man keine Affen sehen konnte, nur Leute von hinten. Die wenigen Affen, die man hätte sehen können, weil keine Leute davor standen, sah man nicht, weil sie sich unter Holzwolle verkrochen hatten, die Affen.

»Gehen wir zu den Elefanten«, sagte ich.

»Und die Pinguine?«, fragte Luis.

»Schau, da hinten sind die Elefanten«, sagte ich vor dem Elefantengehege.

Die Elefanten standen mit schaukelnden Köpfen weit weg am anderen Ende des Geheges vor der Tür zum Elefantenhaus und warteten, dass sie hineingelassen würden. Man sah sie entfernt und von hinten.

»Ich dachte, wir gehen zu den Pinguinen«, sagte Luis. »Ja, wir gehen zu den Scheißpinguinen«, sagte ich halblaut.

Dann gingen wir dorthin. Luis interessierte sich nur für den Eisstand neben den Pinguinen. Außerdem waren die Pinguine anscheinend spazieren oder beim Frackschneider oder am Südpol, jedenfalls nicht hier.

Aber Eis gab es genug. Luis nahm ein rotes. Ich trug ihn auf dem Arm, und wir betrachteten die Robben gegenüber, das heißt, ich betrachtete sie, denn Luis betrachtete sein Eis, das heißt, ich betrachtete die Robben auch nicht. Sie waren die meiste Zeit abgetaucht. Als direkt vor uns eine Robbe auftauchte, erschrak Luis so, dass er sein Eis in mein Hemd fallen ließ, wo es auf meinem Körper schmolz und mein Hemd rot verfärbte.

Ich ging mit Luis ins Zooklo, um meine Kleidung in Ordnung zu bringen. Dann gingen wir wieder hinaus, in Richtung des Eisbären, der sich gerade anschickte, seine Rutschbahn hinunterzurutschen, eine spektakuläre Sache, weil ich Eisbären nur kopfschaukelnd hin- und herwandernd kenne.

Zwanzig Meter vor den Eisbären sagte Luis: »Ich muss mal ganz dringend.« So gingen wir zum Zooklo zurück. Als wir wieder zum Eisbären kamen, wanderte er kopfschaukelnd hin und her.

Wir erreichten den Vergnügungspark mitten im Zoo. »Darf ich mit der Eisenbahn fahren?«, fragte Luis. Er durfte. »Darf ich mit dem Karussell fahren?«, fragte Luis. Er durfte. »Darf ich schaukeln?«, fragte Luis. Er durfte. Dann sagte er: »Ich hatte kein Eis!«

»Doch!«, sagte ich.

»Das ist runtergefallen!«, sagte er.

Weil er recht hatte, gingen wir zu den Pinguinen zurück, die immer noch nicht da waren, und kauften ein Eis. Ich trug Luis auf der Schulter, damit mir das Eis nicht wieder vorne ins Hemd fallen konnte.

»Jetzt gehen wir zum Tiger«, sagte ich.

Als wir dessen Käfig erreichten, hatte Luis sein Eis aufgeschleckt. Der Tiger ging mit schaukelndem Kopf in seinem Käfig hin und her. Ich hub an, zu berichten über das Wesen des Tigers, erzählte Geschichten aus dem indischen Dschungel, von Tigerjagden und Überfällen von Tigern auf Dörfer, von Gefährlichkeit und Gefährdung des Tigers. Dann merkte ich, wie Luis’ Kopf neben meinen rutschte und hörte ein tiefes gleichmäßiges Atmen neben meinem Ohr. Da gingen wir heim. »Na, wie war es?«, fragte Paola.

»Schön«, sagte Luis.

»Und welche Tiere hast du gesehen?«, fragte sie.

»Keine«, sagte Luis.

»Ich denke, ihr wart im Zoo«, sagte Paola zu mir, aber ich ging bloß stumm und mit schaukelndem Kopf den Flur auf und ab.

Wegschmeißer und Behalter

Ja ja, die Menschheit zerfällt in Männer und Frauen, ist klar, ist klar. Aber worin zerfallen Männer, und worin zerfallen Frauen? Sie zerfallen in Wegschmeißer und Behalter und in Wegschmeißerinnen und Behalterinnen.

Ich persönlich bin Behalter. Ich gebe nichts her. Ich schmeiße nichts weg. In meinem Kleiderschrank liegt noch die olivgrüne Bundeswehrunterwäsche, mit der bekleidet ich einst den Warschauer Pakt abschreckte. Warum sie olivgrün ist? Ich sollte eben noch gut getarnt sein, wenn der Russe mir schon die Uniform vom Leib geschossen hatte, so war das damals.

»Schmeiß das Zeug weg!«, sagt Paola. »Schmeiß es endlich weg!«

»Aber warum?«, frage ich. »Die Unterhosen sind aus gutem Material, sehr haltbar und ohne Löcher.«

»Aber du ziehst sie nie mehr an, Gott sei Dank«, sagt sie. »Aber was ist«, sage ich, »wenn die Zeiten schlecht werden? Wenn wir verarmen und hungern und frieren? Wenn wir kein Geld für neue Unterwäsche haben? Dann hätte ich diese.«

»So ein Unsinn!«, ruft sie. »Dann hast du die Wäsche, die du jetzt auch trägst!«

»Ja, aber die alte hätte ich zusätzlich«, sage ich.

»Du spinnst«, sagt sie. »Dann schmeiße ich sie irgendwann weg, wenn du nicht da bist.«

»Wehe!«, schreie ich, verzweifelt und voller Ahnungen. »Wehe, du schmeißt hinter meinem Rücken etwas weg!« Man muss wirklich aufpassen als Behalter. Die meisten von uns sind mit Wegschmeißerinnen verheiratet, die jede Gelegenheit nutzen, um wertvollstes, erinnerungsträchtigstes Eigentum in den Müll zu geben und sich dann vor Freundinnen zu brüsten: »Er hatte wirklich diesen zerschlissenen Bademantel hinten im Schrank und Cordhosen, die ihm seit der Konfirmation nicht mehr passen, und eine lächerliche Prinz-Charles-Reitmütze, die ihm seine frühere Frau geschenkt hat, weil sie mit ihm aufs Land ziehen wollte… Und dann habe ich, als er auf Dienstreise war, alles in den Container geworfen. Wisst ihr was? Er hat es nicht mal gemerkt!« So reden sie.

Ich lebe zwischen alten Sachen. Ich habe mir angewöhnt, sie in alten Blechschachteln zu verstauen, auf denen Werbesprüche stehen wie: »Avo – wer damit würzt, sagt Bravo!« Eine Schachtel habe ich, in der liegen kaputte Walkmen, die man in schlechten Zeiten reparieren könnte, und stumpfe Opinel-Messer, die man in schlechten Zeiten schleifen lassen würde, und Brustbeutel aus den siebziger Jahren, in die man in schlechten Zeiten sein Geld stecken würde, und eine versteinerte Marzipanfigur, die man in schlechten Zeiten essen würde.

Wissen Sie, eigentlich geht es mir selbst auf die Nerven: altes Gelumpe, das mich an Zeiten erinnert, an die ich nicht erinnert werden will. Im übrigen ist Behalten zwanghaft und kindisch. Jeder psychoanalytisch geschulte Wegschmeißer kann einem erklären, dass sich ein Behalter verhält wie ein Kind, das zum erstenmal auf dem Töpfchen sitzt, und dessen Mutter riesengroß vor ihm steht und wartet – und das Kind entdeckt zum erstenmal, dass es nicht machtlos gegenüber dieser Mutter ist, sondern sie zappeln lassen kann und warten und warten. Behalten, sagen diese Wegschmeißer, ist eine aus früher Kindheit ins Heute transportierte Verhaltensweise, neurotisch.

Allerdings sagen daraufhin die psychoanalytisch geschulten Behalter: Und was ist der Wegschmeißer anderes als einer, der sich sofort dem Willen der Mutter ergibt, widerstandslos, ängstlich, feige? Wegschmeißen, sagen diese Behalter, ist eine aus frühester Kindheit ins Heute transportierte Verhaltensweise, neurotisch.

Natürlich ist es vollkommen unmöglich, dass Behalter und Wegschmeißer im gleichen Haushalt leben. Aber das ist ja bei Männern und Frauen nicht anders.

Ich persönlich habe beschlossen, dies hinter mir zu lassen. Ich empfinde plötzlich so eine Bewunderung für kühles Sich-trennen-können, für erwachsenes Überlegen: Was brauche ich, was nicht, woran hängt mein Herz wirklich, was behalte ich nur aus einer Behaltensneurose heraus – ach, es ist herrlich, das so sehen zu können, und ich werde nun meine Dinge sortieren, mit klarem Kopf, gleich morgen.

Oder übermorgen.

Wie darf ich es dir machen?

Bis gestern wusste ich sehr wenig über meine Kopfhaut, ihren Charakter, ihre Bedürfnisse. Heute morgen aber massiere ich sie mit dem Öl der Florida-Palme und den Extrakten der Siegesbeckia-Pflanze, welche auf Madagaskar wächst. Ich habe eine sensible Kopfhaut, hat Pierre gesagt, und Pierre muss es wissen, denn er ist mein Friseur.

Als ich ein kleiner Junge war, hieß mein Friseur Herr Molnar und hatte einen blauen Kittel an. Herr Molnar handelte auf Anweisung meines Vaters. Wenn ich auf dem Frisierstuhl Platz genommen hatte, sagte mein Vater zu Herrn Molnar: »Ordentlich was runter! Wie immer!« Der Friseur wickelte meinen Hals in kratzendes Schutzpapier, holte Kamm und Schere aus der Kitteltasche, kämmte mein Haar gerade nach vorne und schnitt es über der Stirn in einer Linie ab. Dann mähte er meine Schläfen mit seiner Remington, bis die Haare dort so kurz waren wie das Sommerfell einer Maus. Den ganzen Tag juckte mein Hals von den Stoppeln, die in den Hemdkragen gerutscht waren.

Einmal, als ich dreizehn war, ging ich allein zu Herrn Molnar, weil mein Vater keine Zeit hatte. Da bat ich, mir einen Scheitel zu machen, ein klitzekleines Scheitelchen. Nicht alle Haare nach vorne bürsten, sondern links einen Scheitel ziehen, die Haare länger lassen oben und nach rechts kämmen. Bitte!

»Nee, nee«, sagte Molnar, »wir machen’s wie immer. Sonst kriege ich Ärger mit deinem Vater.« Dann schor er mich wieder wie ein Schaf, und ich fühlte mich auch wie eines.

Heute gehe ich in einen Friseurladen mit jungen Mitarbeitern, die Wolfgang, Robert oder eben Pierre heißen und keine Nachnamen haben. Manche rollen auf Inline-Skates, und alle schneiden mein Haar, wie ich es will. »Ich heiße Angie«, hat sich neulich eine junge Dame vorgestellt und gefragt: »Wie darf ich es dir machen?«

»Schneiden Sie mir erst mal die Haare«, habe ich gesagt und komplizierte Anweisungen gegeben, obwohl ich eine relativ simple Frisur habe. Ich liebe es, wenn die Friseure dann bei ihrer Arbeit mit mir über die Struktur meiner Haare sprechen, wenn sie mich zum Beispiel fragen, ob ich viel Stress hätte zur Zeit – mein Haar sei so dünn. Wenn sie Fragen der Glatzenbildung mit mir erörtern. Wenn sie über Shampoos sprechen, gewonnen aus Kleie, Vollmilch und Stroh, aus Algen und Korallen, aus Lindenblüten und Passionsblumen oder aus den ätherischen Ölen des Teebaums.

Herr Molnar hatte bloß ein einziges Haarwasser, und wenn ich seinen Salon verließ, roch ich wie diese Luftverbesserer, die sich manche Leute ins Klo hängen.

Ich müsse die Lotion nach dem Haarewaschen einmassieren, hat Pierre gesagt, zwei-, dreimal die Woche. Das werde die Talgdrüsen entschlacken und die Haarwurzeln stärken. Ich spür’s schon. Meine sehr sensible Kopfhaut schwebt über dem Schädel, so leicht ist sie, und ich schreite einher, mit entspanntem Skalp und froh, ein erwachsener Mann zu sein.

Wie fragt man eine Mailbox ab?

Wir haben ein Handy gekauft, fragen Sie nicht warum. Wir sind in die Toskana gefahren, in Urlaub, mit Handy. Fragen Sie nicht warum. Fragen Sie bitte nicht warum!

Wir wohnten im Wald, ohne Telefonanschluss, aber mit Handy, jedoch in einem Funkloch, wie wir Handybesitzer sagen. Man kann nicht erreicht werden und niemanden erreichen, so ist das in Funklöchern, ob mit Handy oder ohne, es ist für alle gleich. Trotzdem blinkten am zweiten Tag die Worte »Kurzmitteilung erhalten«. Von wem? Stand nicht dabei. Es war eine Nachricht für mich in der Mailbox, aber ich konnte diese Mailbox nicht abhören, weil sie sich nicht im Handy befindet, sondern irgendwo außerhalb des Funklochs. Wenn es aber wichtig wäre?, dachte ich.

Ich entdeckte, dass 50 Meter unterhalb des Hauses, am Rande eines schlammigen Weges (schlammig, denn es regnete viel in diesem Urlaub), schon im Gebüsch, das Handy funktionierte. Dort baute ich mich auf, in Gestrüpp und Schlamm, in der einen Hand den Regenschirm, in der anderen das Handy. Wie man eine Mailbox abfragt? Weiß nicht. Ich weiß auch nicht, wie man den Videorecorder programmiert. »Weil du es nicht wissen willst«, sagt Paola. »Du denkst, Paola kann es. Warum sollst du es können.«

Ich ging ins Haus und fragte sie: »Wie fragt man eine Mailbox ab?«

Sie lag vorm Kamin und las. »Man wählt 3311«, sagte sie. Ich ging in mein Gebüsch und wählte 3311. Nichts. Ich ging den Hang hinauf und fragte: »Und wenn 3311 nicht geht?«

»Versuch es mit 00493311«, sagte sie. Wieder im Gestrüpp. Das ging auch nicht. Erneut ächzte ich durch schmatzenden Schlamm zum Haus.

»Jetzt lass es!«, rief Paola, den Blick nicht vom Buch wendend. »Es wird nichts Wichtiges sein!«

»Und wenn es doch wichtig ist?«, sagte ich.

Es regnete heftiger. Vom Telefoniergebüsch aus rief ich alle Freunde an. Ob sie eine Kurzmitteilung hinterlassen hätten? Bei Bruno war der Anrufbeantworter an. Ich sprach meine Frage auf. Es wurde dunkel. Ich schleppte mich ins Haus, holte eine Taschenlampe. Kaum war ich zurück, blinkte es: »Sie haben zwei Kurzmitteilungen.« Bruno? Er war jetzt da. Ja, das sei er gewesen. Die erste Mitteilung – nein.

Ich spielte auf den Tasten. Um meine Füße spielte ein Regenbächlein. Ein vorbeikommender Fuchs pisste mich an. Plötzlich blinkte: »Mailbox abfragen?«

»Ja!«, drückte ich flehend. Eine Stimme aus dem Handy sagte: »Geben Sie Ihre Rufnummer ein!«

Ich hatte sie vergessen, in der Aufregung, rief Bruno an, damit er sie mir sage, notierte sie, Taschenlampe im Mund, Handy in der linken Hand, Schirm unterm Arm, auf einem Zettel. Ich gab meine eigene Nummer ein. Die Stimme sagte, ich könne eine Nachricht auf meine Mailbox aufsprechen.

»Eine Nachricht!? Auf meine eigene Mailbox?!«, greinte ich. Kurz darauf blinkte: »Sie haben drei Kurzmitteilungen.«

Ich gab nicht auf. Irgendwie bekam ich heraus, dass ich nach Eingabe meiner Telefonnummer noch eine Geheimnummer eingeben müsste, um die Mailbox vom Ausland aus abzuhören.

»Paola!«, schnaufte ich durch die Haustür. »Wie ist unsere Geheimnummer?«

Sie goß sich Wein ein und sagte: »Eine Geheimnummer? Oh, weiß ich nicht.«

Ich stampfte wieder hinaus. Ich gab meine Bankleitzahl ein, meine Kreditkartennummer, mein Geburtsdatum, irgendwelche Zahlen… nichts. Nichts. Nichts. Ich war ein nassgeregneter Mann im Wald, geschüttelt von Wut und Verzweiflung. Irgendwann kam Paola und holte mich ins Haus.

»Du holst dir den Tod«, sagte sie sanft. »Nimm ein heißes Bad.«

»Wenn es eine wichtige Nachricht ist…«, stammelte ich. Wieder in Deutschland, hörte sie die Mailbox ab. Sie sagte, es seien drei merkwürdige Kurznachrichten darauf gewesen: Einmal habe sich jemand verwählt, ein zweites Mal habe Bruno gesagt, er habe keine Kurzmitteilung in die Mailbox gesprochen und beim drittenmal habe man Regen rauschen gehört und meinen Schrei: »Eine Nachricht?! Auf meine eigene Mailbox?!«

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02 октября 2024
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230 стр. 1 иллюстрация
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9783888976193
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