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Vorwort

Impressum

Was bisher geschah …

15 – Er öffnete die Haustür, ...

16 – Sie waren gerade fertig geworden …

17 – Der Sonntagsgottesdienst war ...

18 – Weit hinten am Horizont ...

19 – Pünktlich um elf Uhr …

20 – Eine Stunde später stand …

21 – Dienstagmorgen, es war bereits …

22 – Mehr als drei Monate …

23 – Es ist ein wunderschöner …

24 – Raymond-Lazare rannte. So schnell …

25 – Das Hotelzimmer …

26 – Alle Blumengeschäfte hatten …

Impressum neobooks

SeelenFee - Buch Zwei

Mystischer Liebesroman

Wenn die Seele denkt, tut sie nichts anderes als sich unterreden, indem sie sich selbst fragt und beantwortet, bejaht und verneint.

(Platon)

Vorwort

Hinweis:

Dieser Roman war bis Ende April 2021 ausschließlich bei Amazon unter dem Titel »Geliebte Seelenfee - Buch Zwei – Zäh flammt die Vergangenheit« gelistet. Unter dem neuen Titel »Seelenfee – Buch Zwei« ist der Roman jetzt allerorts als eBook erhältlich. Am Inhalt gab es gegenüber dem ursprünglichen Werk keine Veränderungen.

Silvana Larbang, eine junge Frau unserer Zeit, ist erfüllt mit übersinnlichen Fähigkeiten, die es ihr ermöglichen, lebenden und auch verstorbenen Seelen zu helfen. Darüber hinaus ist es ihr sogar möglich, Seelen zu erlösen. Doch noch ist sie sich dieser unvergleichlichen und verantwortungsvollen Veranlagungen nicht bewusst. Erst der schreckliche und viel zu frühe Tod ihrer besten Freundin Melissa lässt all das langsam erwachen. Mühsam, Schritt für Schritt, betritt sie sodann ihren wahren, tief in ihr ruhenden, Lebensweg, der voller Träume, Selbstzweifel und Überraschungen ist.

Neben Silvanas feinfühligem Wesen und ihrer Wahrhaftigkeit sind es surreale Träume - die sie nun so intensiv erlebt wie seit ihrer Kindheit nicht mehr -, die ihr erst verschwommen, doch dann klar und beinahe greifbar ihren Weg mehr und mehr aufzeigen.

All das ereignet sich vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Lebens, dem Silvana und Melissa entstammen, und einer Welt des egoistisch blasierten Adels, in die Silvanas verstorbene Freundin aus Liebe eingeheiratet hatte.

Buch 2 von 4

ca. 155 Normseiten

Impressum

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors. Das nachfolgende Werk ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, auch stimmen Orte und ihre Beschreibungen nicht mit der Wirklichkeit überein. Markennamen sowie Warenzeichen, die im vorliegenden Werk Verwendung finden, sind Eigentum ihres rechtmäßigen Eigentümers.

Alles ist nur Fiktion, und doch – emotional und abstrakt betrachtet – wäre alles genau so möglich.

Axel Adamitzki

Scheiblerstraße 81

47800 Krefeld

adamitzki@t-online.de

www.axel-adamitzki.de

Schlusslektorat: Bianca Weirauch, Weida

Bildnachweis: www.depositphotos.com

Was bisher geschah …

… Die junge Landgräfin Melissa zu Sipplingsberg verstarb während der Geburt ihres ersten Kindes Rosa-Marietta. Ihre beste Freundin, Silvana Larbang, kümmerte sich hingebungsvoll um die kleine Prinzessin.

Schnell zeichnete sich ab, dass Rosa-Marietta etwas Besonderes sein musste. Ihr Verhalten entsprach keineswegs dem eines neugeborenen Babys, eher dem eines Kleinkindes, was unmöglich schien.

Auch spürte Silvana durch Träume und den Umgang mit dem Baby, dass es da etwas Außergewöhnliches in ihr gab und wohl auch schon lange gegeben hatte, das endlich geweckt werden wollte.

Raymond-Lazare Landgraf zu Sipplingsberg, der junge Vater des Babys, verging in Trauer um seine verstorbene Frau. Erst ein Gespräch mit Silvana, in dem sie ihm eigentlich nur von der Ankunft einer ehemaligen Freundin auf dem Landgut berichten wollte, und ein Traum, der ihn endlich aus seiner Lethargie wachrüttelte, zeigte ihm den Weg zu seiner Tochter.

15 – Er öffnete die Haustür, ...

… legte seinen Aktenkoffer achtlos auf die Kommode im Flur, hängte den Mantel an die Garderobe und ging dann ins Wohnzimmer zu seiner Frau.

Wie immer saß sie am Panoramafenster und starrte blicklos hinaus in den Garten. Draußen war es bereits dunkel. Das schien sie weder zu stören noch zu trösten.

Rasch lief er zu ihr, hockte sich neben sie und sah sie mit einem warmen Lächeln an. Aber mit jedem Tag, den er sie hier stumm sitzen sah, verlor dieses Lächeln an Zuversicht; auch spürte er, wie ihn seine Kräfte täglich mehr verließen. Dennoch, er musste stark sein.

»Wie geht es dir, mein Herz? Was hast du heute alles so gemacht?«

Obwohl er wusste, dass sie den ganzen Tag nur hier in ihrem Lieblingssessel verbracht hatte, wie jeden Tag seit der Beisetzung ihrer Tochter, stellte er ihr, auch wie jeden Tag, diese entsetzlich dumme Frage. Er brauchte sie, für sich, für sein Gefühl von Normalität.

Auch ihn, den Vater, hatte Melissas Tod unsagbar getroffen. Aber für eine Mutter ist der Tod des eigenen und einzigen Kindes sicherlich noch viel schlimmer. Zumindest versuchte er, sich das Verhalten seiner Frau so begreiflich zu machen. Er war unsagbar hilflos.

»Ich geh dann mal«, vernahm er hinter sich. »Ich habe in der Küche alles vorbereitet. Wie immer«, sagte Frau Herbst, ihre Haushaltshilfe. Früher war sie zweimal in der Woche drei, vier Stunden gekommen … zum Putzen und Bügeln. Seit Melissas Tod kam sie montags bis freitags und blieb den ganzen Tag. Ingmar Scholz war ihr sehr dankbar, denn er hatte Angst um seine Frau. Leider war es ihm momentan nicht möglich, selbst den ganzen Tag bei Sibylle zu bleiben. Er war Inhaber eines Bauunternehmens, und wie jedes Jahr war bis zum herannahenden Jahreswechsel in seiner Firma die Hölle los. Allein schon, dass er nicht bis spät in die Nacht dort saß oder sich in sein Büro im Souterrain des Hauses zurückzog, war ein Zugeständnis, das er mit dem Bearbeiten wichtiger Unterlagen am Wohnzimmertisch, in der Nähe seiner Frau, Abend für Abend machte.

Schleppend löste er den Blick von ihr und ging zu Frau Herbst. Er sah sie fragend an. Sie kannte die Frage, die ihn bewegte. Er stellte sie ihr jeden Abend – in den letzten beiden Tagen nur noch wortlos. Und wie jeden Abend schloss sie bedauernd die Augen und schüttelte stumm den Kopf. Wieder war seine Frau den ganzen Tag nicht aus ihrem Sessel aufgestanden, und wieder hatte sie kein einziges Wort gesprochen. Er hatte es gewusst, dennoch …

»Hat sie etwas gegessen?«

»Wenig. Eine Banane, einen Apfel und ein Müsli.«

Das ist zu wenig. »Und ihren Tee …?«

»Den hat sie getrunken. Zwei Kannen«, sagte Frau Herbst, wobei ihr kurz ein Lächeln über das Gesicht huschte. Sie schien froh zu sein, wenigstens etwas Angenehmes vermelden zu können. »Und Ihr Essen ist auch vorbereitet, Herr Scholz. Im Kühlschrank. Wie immer.«

»Ich danke Ihnen, Frau Herbst.«

»Das tue ich doch gern.«

»Ich weiß, aber trotzdem. Dann bis morgen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen und ruhigen Abend.«

Das wünschte sie ihm auch. Stumm. Worte hielt sie für unangebracht.

Ingmar Scholz ging zurück zu seiner Frau und hockte sich wieder neben sie. Natürlich wäre es einfacher, Sibylle in einem Sanatorium unterzubringen, wenigstens für ein paar Wochen, wie es ihr Hausarzt letztes Wochenende einmal hatte anklingen lassen, aber es wäre sicher nicht besser.

»Nein, mein Schatz, das wäre viel, viel schlechter. Am Ende … nein, daran wollen wir jetzt nicht denken«, beendete er seinen Gedanken bestimmend und streichelte ihr dabei über die Hand, die weiß und leblos auf der Armlehne ruhte. »Das schaffen wir zusammen. Nach Weihnachten nehme ich mir vier Wochen frei. Versprochen. Lass uns dann verreisen! Irgendwohin in den Schnee. Überleg dir schon mal, wohin du gern möchtest.«

Er war unvorstellbar bemüht, konnte dadurch und auch durch die viele Arbeit, die sich täglich auf seinem Schreibtisch türmte, von sich, von seinem eigenen Schmerz ablenken. Doch wie lange noch? Bis Weihnachten schaffst du das. Und dann? Dann wird alles anders.

Aber was würde anders werden? Eine Frage, die er sich nicht stellte.

Sibylle blickte starr in den dunklen Garten. Dennoch hoffte er, dass sie seine Worte vernahm, auch wenn ihre Seele weit weg schien.

»Ich mache mir jetzt etwas zu essen. Möchtest du auch noch etwas?«, fragte er, wobei er keine Antwort erwartete.

Während er sich erhob, den Blick noch immer liebevoll auf seine Frau gerichtet, klingelte es an der Haustür.

Heftig packte Sibylle seine Hand. »Geh … geh nicht. Mach nicht auf. Bleib … hier«, sagte sie. Dass ihre Stimme ängstlich, gebrochen und alt klang, hörte er kaum. Sie bewegte sich und sprach mit ihm. Das erste Mal seit Tagen sagte sie etwas. Beinahe hätte er innerlich frohlockt. Aber letztlich sah er sie erschrocken an. Warum sollte er nicht …? Was hatte sie? Sicherlich, unangemeldet bekamen sie um diese Zeit nie Besuch. Aber vielleicht war es ja nur …

»Ich sehe kurz nach. Vielleicht hat Frau Herbst nur ihren Schlüssel vergessen.«

Als es zum zweiten Mal klingelte, hob Sibylle ängstlich den Blick. »Bitte, mach nicht auf. Nicht um diese Uhrzeit. Es kann nichts Gutes …«

Das war es also! Endlich verstand er. Und er versuchte, seine Frau zu beruhigen. »Es ist an der Tür … Es ist nicht das Telefon. Und auch dort gibt es nicht immer …«

Vor genau achtzehn Tagen, es war auch um diese Uhrzeit gewesen, hatte er – er! – angerufen. Es war nur ein kurzer Anruf gewesen, der aber alles verändert hatte. »Mel … meine geliebte Mel … sie ist bei der Geburt … Es ist so schrecklich … Sie ist nicht mehr.« Diese wenigen Worte, die Sibylle vernommen hatte, die ihr im ersten Moment unverständlich erschienen waren, hatten sich dann in kürzester Zeit auf ewig in ihre Seele eingebrannt.

»Sie ist nicht mehr …«, was für Worte an eine Mutter.

*

Raymond wendete sich ab. Er wollte wieder gehen. Zweimal hatte er geklingelt. Sibylle und Ingmar waren zu Hause; beide Autos standen in der offenen Doppelgarage ihres stattlichen Einfamilienhauses. Aber offensichtlich wollten sie ihn nicht sehen.

Doch Silvana gab Raymond ein Zeichen vom Auto aus. Unmissverständlich. Klingel noch einmal!

Er lächelte. Innerlich. Diese Frau war unglaublich. Schließlich zuckte er die Schultern und sah Rosa an, die mit großen Augen bestrebt war, alles, was um sie herum vor sich ging, in sich aufzunehmen.

Letztlich klingelte er ein drittes Mal.

Wieder blieb alles mucksmäuschenstill. Aber in dem Moment, als er sich erneut und nun endgültig abwenden wollte, ging die Haustür auf.

Ingmar, sein Schwiegervater, stand in der Tür.

Beide starrten sich erschrocken an, beide waren einen langen Moment sprachlos.

»Ingmar, mach die Tür wieder zu«, hörten beide von hinten Melissas Mutter aufgeregt rufen. »Lass niemanden herein, bitte nicht. Ich kann nicht!«

»Es ist … Raymond«, sagte Ingmar, wobei sein Blick umständlich von seinem Schwiegersohn zu Rosa wanderte. Der Adlige, zu sagen, hatte er wohl eben noch vermeiden können. Und kaum hörbar ergänzte er: »Mit … mit einem Kind … auf dem Arm.«

»Das ist Rosa. Eure Enkeltochter.«

»Was sagt er?«, rief Sibylle.

»Rosa … unsere Enkeltochter …«, rief Ingmar Scholz halblaut mit tonloser Stimme, ohne das Baby dabei aus den Augen zu lassen. Er schien das, was er vor sich sah, nicht zu begreifen. Noch weniger begriff er, was sich dann ereignete, so sagte er Tage später.

»Was …?«

Sekunden später stand Sibylle Scholz neben ihrem Gatten. Und dann geschah es. Wortlos. Und es kam einem kleinen Wunder gleich. Mit großen, aufgeregten Augen streckte Rosa die Arme nach ihrer Großmutter aus.

»Mel … meine kleine Mel …«

»Das ist Rosa. Eure Enkeltochter«, wiederholte Raymond die einzigen Worte, die er bislang zustande gebracht hatte. Er hatte ein paar inhaltslose Sätze eingeübt, um den ersten »peinlichen« Moment zu überbrücken, doch nicht einmal diese nichtssagenden Floskeln fielen ihm jetzt ein. Sein Kopf schien leer zu sein, und auch nur bedächtig und schleppend, wie es allein in Träumen möglich war, registrierte er die Geschehnisse um sich. Ein surrealer Moment küsste die Vorsehung.

Melissas Mutter streckte nun ebenfalls die Hände aus … ihrer Enkeltochter entgegen.

»Mel … nein … Rosa … nein … Mel … Genau so hat Melissa ausgesehen.«

Und noch bevor Raymond auf die ein oder andere Weise reagieren konnte, hatte Sibylle Scholz ihr Enkelkind auf dem Arm, atmete gelöst ein und schien glückselig zu sein. Ja, das war sie, von einer Sekunde zur nächsten … glückselig.

Raymond ließ die beiden nicht aus den Augen. Melissas Mutter wirkte kränklich, obwohl … ihr Blick, eben noch glanzlos und müde, war plötzlich voller Leben.

Was Raymond nicht sah, war der erstaunte, beinahe verwirrte Gesichtsausdruck seines Schwiegervaters, der seiner Frau galt. Er schien fassungslos zu sein. Ihre Kräfte schienen zu erwachen, Kräfte, die er lange nicht gesehen hatte. Er konnte nicht glauben, was er im Moment erlebte.

Melissas Mutter ging mit ihrem Enkelkind im Arm durch den Flur zum Wohnzimmer, und Ingmar ließ seinen Schwiegersohn mit einer umständlichen Geste eintreten. Raymond drehte sich kurz um, blickte zu seinem Wagen, doch konnte er Silvana dort jetzt nicht erkennen.

»Bist du nicht allein?«, fragte Ingmar mehr aus Höflichkeit, trat aber dennoch einen Schritt vor das Haus und sah sich um.

»Silvana … Sie wartet dort im Auto.«

»Silv ist auch hier?«, rief Sibylle, die im nächsten Moment wieder neben ihnen stand. »Wo ist sie?«

»Dort, in meinem Auto.«

»Aber da ist es doch kalt.«

»Ja, schon. Aber sie wollte nicht … Wie hätte das auch ausgesehen, wenn wir zu dritt …«, sagte Raymond, wobei er sich im nächsten Moment über die allzu tumbe Erklärung ärgerte.

»Ich verstehe«, sagte Sibylle, und das erste Mal, es muss das allererste Mal gewesen sein, lächelte sie Raymond an – nie zuvor hatte ihr Lächeln ihm gegolten.

»Bitte, hol sie herein«, sagte Sibylle und blickte zu Raymonds Auto. »Was für ein Tag …«, schob sie flüsternd nach. »Was für ein ungewöhnlicher Abend«, sagte sie zu Rosa, die sie aus großen und merkwürdig versöhnlichen Augen anblickte.

Wie recht sie hat, dachte Raymond, wie recht sie hat.

Er ging ein paar Schritte, und als er Silvana endlich auf dem Beifahrersitz erkannte, winkte er ihr zu.

Geschwind war sie aus seinem Wagen gesprungen und stürmisch kam sie angerannt. Fünf Schritte vor Sibylle stoppte sie, und dann geschah es. Der nächste surreale Hauch dieses schicksalhaften Moments.

»Hallo, Herr Scholz«, sagte sie, wobei sie nur Melissas Mutter ansah.

»Hallo, Silvana«, sagte der, doch das hörte sie kaum.

»Hallo … Mama Sibylle.«

Ohne hinzusehen, reichte Sibylle ihrem Schwiegersohn das Baby und breitete die Arme für die beste Freundin ihrer Tochter aus. »Komm her, meine kleine Silv. Es ist so, so, so wohltuend, dich zu sehen.«

Und weinend lagen sich die beiden Frauen dann einen langen Moment in den Armen.

»Warum hast du dich nicht gemeldet?«

»Ich wusste ja nicht …«

»Du Dummchen … zwischen uns hat sich doch nichts geändert.«

»Aber …«

»Kein Aber … Du weißt genau, du warst mir immer eine zweite Tochter. Oder weißt du das nicht mehr?«

»Doch schon, aber …«

»Noch einmal: Kein Aber … Und daran wird sich nichts ändern.«

»Ich danke dir, Mama Sibylle.«

Mama Sibylle. Diese zwei Worte, vor über zwanzig Jahren geboren: »Natürlich hat jeder Mensch seine eigene Mama. Und das ist auch gut so. Doch bei dir ist das etwas anderes, Silv. Du bist mir beinahe so lieb wie meine eigene Tochter. Deshalb würde ich mich freuen, wenn du nicht Frau Scholz, sondern Mama Sibylle zu mir sagst. Aber nur, wenn du möchtest.« Und sie hatte gemocht. Vom ersten Moment an – und so kitschig diese beiden Worte für einen Außenstehenden wie Raymond und auch Ingmar klangen, waren sie in diesem Moment dennoch Balsam für Sibylles Seele, für die Seele einer Mutter.

Anfänglich etwas unbehaglich – jedes Wort, jede Bemerkung schien unpassend – saßen sie dann beisammen. Silvana musste sich dicht neben Sibylle auf die Couch setzen, Raymonds Schwiegermutter hatte darauf bestanden. Ingmar und Raymond hatten jeweils einen Sessel gewählt.

Ingmars Angebot, eine Flasche Wein zu öffnen, hatten alle abgelehnt. Stumm blickten sie jetzt nur zu Rosa, die damit beschäftigt war, umständlich und ungestüm, das Gesicht ihrer Großmutter zu erkunden. Niemand wusste, wie er ein Wort an die anderen richten sollte, niemand wollte diese neue, ungemein zerbrechliche Ergriffenheit zerstören.

Allein, dass man hier zusammensaß … vor Stunden für alle noch nicht fassbar.

Bei dem Gedanken an die Ereignisse dieses Tages, spürte Raymond das erste Mal, dass seine Energie beinahe aufgebraucht war. Erst der Traum, der ihm endlich seinen Weg gezeigt hatte, dann die Rückkehr zum Gut und bald danach schon der erste Blick auf seine Tochter, die ihn mit einem einzigen Lächeln auf immer und ewig in ihren Bann gezogen hatte. Jeder dieser Momente war bereits ein vollkommener Moment des Glücks gewesen. Eine Erlösung.

Und jetzt das hier … Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich bei Melissas Eltern im Wohnzimmer saß.

Wann war er das letzte Mal hier gewesen?

Er wusste es noch genau: Beinahe acht Wochen vor der Hochzeit. Als er um Melissas Hand angehalten hatte. Sie hatte darauf bestanden.

»Ist das in euren Kreisen nicht mehr üblich?«, hatte sie spöttisch gesagt.

Natürlich war das noch üblich, leider. »Aber ich hatte ja bis heute nicht gewusst, dass du so melodramatisch sein kannst.«

»Glaube mir, ich kann noch viel melodramatischer sein«, hatte sie geantwortet, ihn dann wollüstig geküsst und anschließend mit ihm von einem »rosaroten« Leben geträumt.

Worte, Küsse und Träume, die er nie vergessen würde.

Das waren seine Erinnerungen. Dennoch … Jeder von ihnen hatte seine eigenen an Melissa, die aber hier und heute unausgesprochen bleiben würden, im Augenblick auch ein wenig zwischen ihnen standen … sie verstummen ließen. Die sie aber wohl auch zusammenhielten.

Raymond beobachtete mit einem Lächeln seine Tochter, die ausgelassen juchzte. Rosa war noch keine drei Wochen alt und zeigte ein Verhalten, das Babys vielleicht mit fünf oder sechs Monaten äußerten. Normalerweise müsste die Kleine schlafen, viel schlafen – doch das wusste Raymond nicht. Woher auch?

Dann fiel sein Blick auf Silvana. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie, Melissas beste Freundin, einen unsagbar großen Anteil an jedem seiner heutigen Glücksmomente hatte. Kommt der Albtraum immer wieder, dann träume ihn bis zum Ende … Oder auf dem Landgut: Sie ist ein Segen für Rosa … Schließlich bei der ersten Begegnung mit seiner kleinen Tochter: Ich bin mir jetzt sicher, sie bekommt … nein, sie hat einen wundervollen Vater.

Worte, die er erst allmählich begriff. Auch wäre er ohne sie sicher nicht hier.

Silvana! Was für eine Frau.

Lange und nachdenklich sah er sie nun an. Ihr Gesicht war voller Freude. Ihr Mund, ihre Augen, schienen im Moment nur unberührte, ungetrübte Gedanken zu kennen. Sie hatte am wenigsten mit all dem hier zu tun, und doch war sie es, die den Unterschied ausmachte. Alle lehnten sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen an sie an. Und sie gab und gab und gab.

Der Saum ihres dunklen Jerseykleides war ihr über die Knie gerutscht und ließ die nicht gar so schlanken Oberschenkel erahnen, auch schmiegte sich der weiche Stoff an der einen oder anderen Stelle dicht an ihren Körper, der kaum irgendwelchen Idealmaßen entsprach. Aber er entsprach ihr. Vollendet.

Sie spürte seinen Blick, und sie packte und erwiderte ihn gleichermaßen … einen kurzen Atemzug lang. Doch rasch verloren ihre Augen wieder diesen Hauch von Intimität, trugen sie wieder dieses Bestimmende und Fordernde in sich. Wir sind hier, weil du etwas klären wolltest. Der Moment ist jetzt günstig. Sie musste es nicht sagen, er verstand sie einfach.

Und er lächelte. Offensichtlich hatte sie ein untrügliches Gefühl für den richtigen Moment.

»Am Sonntag …«, durchbrach er sanft die Stille, räusperte sich noch einmal und gab seiner Stimme damit die Klarheit, die seine Worte unterstreichen sollten. »Am Sonntag soll die Taufe sein.«

Er brach kurz ab, denn plötzlich ängstlich geworden, blickte Sibylle ihren Mann an und nahm dabei die Hand des Babys hinunter, die sie im Moment wohl nicht mehr im Gesicht spüren wollte. Ingmar begriff die Gedanken seiner Frau scheinbar sofort.

»Bevor du weiterredest … Sicherlich kommen wir gern in die Kirche. Aber mehr –«

»Ihr seid die Großeltern. Und wie ihr seht, liebt Rosa euch«, unterbrach Raymond ihn.

Sibylle und Ingmar zuckten distanziert die Schultern.

Raymond wollte nicht glauben, was sich hier einschlich. Es war wie damals – ein Déjà-vu. Er erinnerte sich an die Hochzeit. Sie hatten sich auch damals selbst ausgegrenzt. Seine Schwiegereltern hatten es ganz allein getan. Sie hatten es so gewollt. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Er verstand sie nicht. Ingmar war ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann, doch offensichtlich schien ein Adelstitel beide zutiefst zu beeindrucken und aus unerfindlichen Motiven gar abzuschrecken.

Aber dieses Mal wollte er das nicht zulassen. Rosa liebt euch, sie braucht euch, seht ihr das nicht?

»Es wird nur eine sehr kleine Feier geben«, fuhr er fort. »Und ausschließlich mit den Personen, die für Rosa in den ersten Wochen ihres Lebens da waren.« Er sah seine Tochter an, und er lächelte. »Und auch mit den Personen, die leider nicht da waren, die Rosa aber … die sie offensichtlich von ganzem Herzen liebt. Damit meine ich nicht nur euch, sondern … auch mich.«

Einen Augenblick schwieg er und betrachtete liebevoll das kleine Mädchen, das seine Gedanken mehr und mehr bestimmte.

»Ja, Rosa ist eine Prinzessin. Daran führt kein Weg vorbei. Und ganz ohne Frage wird sie irgendwann auf den Bällen der Gesellschaft tanzen und wird sich dort hoffentlich ausgelassen vergnügen. Vielleicht wird sie da auch ihren Prinzen kennen und lieben lernen. Aber bis dahin … Rosa ist auch ein Mädchen … ohne Mutter. Mel hätte ihr mit Freuden gezeigt, wie Leben geht. Davon bin ich überzeugt. Und bestimmt hätte sie es gut und richtig und mit viel Liebe getan. Auch davon bin ich überzeugt. Und warum hätte sie es so und nicht anders tun können?« Nun hob er den Blick und sah seine Schwiegermutter an. »Weil sie es selbst erfahren hat. Hier. Durch dich. Durch ihre eigene Mutter.«

Sibylle lief eine Träne über die Wange, und hastig griff sie nach der Hand ihrer Enkeltochter.

Raymond überlegte kurz, ob er jetzt … Nein, nicht heute. Irgendwann werde ich ihnen alles erzählen. Von der Geburt, von Mels Entscheidung. Aber nicht heute. Alles hat seine Zeit.

Und verhalten fuhr er fort: »Und deshalb bitte ich dich … bitte ich euch … nicht nur kurz in der Kirche zu erscheinen. Sondern werdet Teil von Rosas Leben. Und fangt heute und am Sonntag bei der Taufe damit an. Dort, für jedermann sichtbar, als Taufpaten. Auch wenn es ungewöhnlich ist, da ihr ja sowieso schon die nächsten Verwandten seid.«

Ängstlich und fragend blickte Sibylle erst Raymond und dann schließlich ihren Mann an.

Der zuckte die Achseln und sagte zu seiner Frau: »Wenn du dir das zutraust? Natürlich bin ich auch da. Für dich. Für euch … Im Hintergrund.«

Nun lächelte sie. Voller Liebe.

»Sollen wir zu zweit …?«, fragte Sibylle dezent. »Oder gibt es in deinen Kreisen nur einen Taufpaten?«

Die Abneigung saß tief. Dennoch …

»In ›meinen Kreisen‹, zu denen ihr im Übrigen seit mehr als sechs Jahren auch gehört, gibt es auch zwei Taufpaten. Manchmal sogar drei.«

»Und wer wird der zweite sein?«, fragte Sibylle etwas ängstlich und spielte dabei verlegen mit der Hand ihrer Enkeltochter.

»Silvana wird –«

»Du Silv?«, unterbrach Sibylle ihn hastig und sah aufgeregt die Freundin ihrer Tochter an.

Silvana nickte. »Ja. Raymond hat darauf bestanden. Und wenn ich Rosa so betrachte, dann denke ich, ist all das hier eine gute Entscheidung.«

Sibylle Scholz schien ein Stein vom Herzen zu fallen, sie wirkte erleichtert, nein, mehr noch: Sie schien das erste Mal seit Wochen nicht mit dem Schicksal zu hadern.

»Du hast recht. Und ich denke, dann soll es so sein.«

16 – Sie waren gerade fertig geworden …

… und Konrad Schwendt grinste erleichtert, kurz nachdem er das Büro des Landgrafen im Gutshaus betreten hatte.

Raymond nickte anerkennend. Heute war Samstag, sie hatten kaum mehr als drei Tage für die Beseitigung des Chaos in Silvanas Wohnung benötigt – eine wirklich anerkennenswerte Leistung. Die Polizei hatte, wie es wohl üblich war, dem Vorfall ein Aktenzeichen zugeteilt und würde bei Änderung der Kenntnis- und Sachlage die Ermittlungen wieder aufnehmen, wie man Silvana gesagt hatte. Da nichts gestohlen worden war und die Einbrecher auch keine verwertbaren Spuren hinterlassen hatten, würde es wohl diese weiteren Ermittlungen nie geben. Niemand war verärgert darüber, im Gegenteil, alle, nicht nur Silvana, waren froh, mit der abgeschlossenen Aufräumaktion dieses leidliche Anliegen aus den Köpfen zu bekommen.

»Ich danke Ihnen, Konrad.«

»Nicht der Rede wert, Herr Graf.«

Herr Graf! Aus Konrads und Paulas Mund fühlte sich diese Anrede seit seiner Rückkehr nicht mehr passend an. Das würde er ändern, bald schon, doch im Moment, bis morgen, gab es drängendere Aufgaben.

»Ist Silvana jetzt bei Rosa?«

»In einer Stunde wird sie hier sein. Sie wollte noch ein paar Dinge nachsortieren«, sagte Konrad Schwendt, wobei ihm ein kurzes, vertrauliches Lächeln über das Gesicht huschte.

Offensichtlich hatten sie sich blendend verstanden, dachte Raymond und freute sich ein weiteres Mal über das Einvernehmen, das sich seit ein paar Tagen über das Landgut gelegt hatte. Es war … nahezu wie zu den schönsten Zeiten mit Melissa.

Die letzten Tage waren wie im Flug vergangen. Raymond hatte Konrad direkt am Mittwoch an Silvanas Seite gestellt, zumal Paula, die anderen Hausangestellten und auch die Gutsmitarbeiter deutlich gemacht hatten, dass sie die anstehenden Arbeiten auf den Obstbaumwiesen und auch die Vorbereitungen auf die Taufe allein mühelos im Griff hatten. »Da stört Konrad sowieso nur«, hatte Paula Mittwochmorgen grinsend und mit einer betont wegwerfenden Handbewegung verdeutlicht. Sie freute sich, wie alle anderen auch, über die Einflussnahmen und Vermittlungen, die Silvana – beinahe im Stillen und mit einer liebenswerten Selbstverständlichkeit – auf dem Landgut getätigt hatte. Und endlich könnten sie ihr ein wenig von ihrer großen Zuneigung zurückgeben.

Doch davon wollte Silvana nichts wissen. »Melissa war und ist meine beste Freundin. All das ist nur selbstverständlich«, wiegelte sie immer wieder ab.

Natürlich war es nicht selbstverständlich. Das wussten alle. Dass Melissas Mutter jetzt jeden Tag im Gutshaus war und sich rührend um Rosa kümmerte, gehörte auch zu den Dingen, die Silvana angestoßen hatte – auch das war nicht selbstverständlich.

Abends, wenn Ingmar Scholz kam, um seine Frau abzuholen, und Silvana zurück aus ihrer Wohnung zum Gutshaus fuhr – bis Sonntag, bis zur Taufe, wollte sie sich nachts nach wie vor um Rosa kümmern, das hatten Silvana und Raymond gemeinsam beschlossen -, saßen sie noch bei einem kleinen Imbiss zusammen und erzählten von ihren Erlebnissen des Tages und von den Fortschritten der Vorbereitungen auf die kleine Feierlichkeit am Sonntag.

Alle, nicht nur Raymond, genossen diese ruhige Stunde zutiefst. Es war, als wären sie eine Familie, und ein Stück weit waren sie es in diesen wenigen Momenten auch.

Nachts lag Raymond stets lange in einer Art verträumten Zustand wach und holte sich noch einmal die Bilder dieser abendlichen Verbundenheit vor Augen. Und immer saß dann Melissa lachend und aufmerksam zuhörend mit am Tisch. Dieser Wunschtraum, diese Illusion, dass sie bei ihm, unter ihnen war, tröstete ihn sehr.

Und jede Nacht, kurz vor dem Einschlafen, gab es da noch einen anderen, sehr merkwürdigen Gedanken, der ihn ein wenig beunruhigte, der ihn aber dennoch friedlich einschlafen ließ – einen Gedanken an Silvana. Er hatte das Gefühl, mit ihr in seiner Nähe war nahezu alles machbar. Sie verstand ihn beinahe so gut wie Melissa. Doch eben nur beinahe, denn es gab da schon noch einen bedeutsamen Unterschied: Melissa hatte er geliebt. Gleichwohl … Silvana ab Sonntagabend nicht mehr in seiner Nähe zu wissen, fühlte sich bitter an.

»Da ist noch etwas«, sagte Konrad Schwendt, womit er Raymond aus der Einsamkeit seiner Gedanken zurück in die Wirklichkeit holte. »Philipp wartet draußen. Er würde gern kurz mit Ihnen reden. Aber er will keinesfalls stören.«

»Aha! Nicht stören will er? Seit wann ist Philipp so feinfühlig?«

»Er scheint verändert, Herr Graf«, sagte Konrad Schwendt mit ernster Stimme.

Nachdenklich fragend sah Raymond seinen Verwalter an. Philipp Schwarzer, sein Nachbar, war eher der Kumpeltyp, der sagte, was er dachte, und auch im Handumdrehen mit allen per Du war. Und der hatte sich verändert? Was war geschehen?

Plötzlich fielen Raymond Elektras letzte Worte wieder ein … »Frag deinen Nachbarn!«

»Ich denke, wir sind auch so weit durch, oder?« Mit einem Nicken stimmte Konrad Schwendt seinem Chef zu. »Gut. Dann bitten Sie Philipp herein.«

*

Raymond schüttelte den Kopf. Er wollte nicht glauben, was er da eben vernommen hatte.

»Doch, Raymond, du kannst mir glauben, so war das«, sagte Philipp Schwarzer betont aufrichtig.

»Aber … du wolltest doch nie verkaufen. Warum dann jetzt diese … diese Kehrtwendung?«

Raymonds Nachbar zuckte die Achseln. »Ich habe sie anfänglich nicht ernst genommen. Eine so schöne Frau … was will die mit zwei Obstwiesen, habe ich nur gedacht. Was für ein Irrtum.« Beide schwiegen. »Heute weiß ich auch, dass es ein riesiger Fehler war. Ich hätte erst mit dir … aber du warst ja nicht … Und ich wusste nicht, wie ich dich erreichen konnte. Es ist unverzeihlich, ich weiß das jetzt auch. Und dann haben sich die Ereignisse überschlagen«, fuhr er nuschelnd fort und erzählte Raymond erneut den Anfang dieser sehr merkwürdigen Geschichte – wohl auch, weil er sie selbst kaum glaubte.

»Letzte Woche war Elektra Gräfin von Memmingstetten überraschend bei mir. ›Wie geht es dir, Philipp? Du erinnerst dich an mich?‹, fragte sie. Natürlich erinnerte ich mich an sie, aber dass sie noch wusste, wer ich war …? Damals, als ihr zusammen wart … wir alle hier im Dorf haben dich beneidet. Ich auch, ich gebe es zu, obwohl ich längst verheiratet war. Meine beiden Kleinen waren schon nicht mehr ganz so klein. Michaela ging schon in die Schule.« Er lachte … ein wenig verlegen. »Doch, doch, so war es. Aber eine so schöne Frau, und dann auch noch adlig, die sucht sich natürlich einen Prinzen, war unsere Erklärung dafür, warum sie für all uns ›Normalos‹ hier unerreichbar war.« Doch plötzlich verlor sich sein Lachen. »Aber an dem Donnerstag kam sie mir noch viel schöner vor. Und diese Frau erinnerte sich an mich. Unfassbar. Doch dann erzählte sie plötzlich etwas von Obstwiesen. Von Geschäften und so. Der Übergang war so … so nahtlos, ich konnte das überhaupt nicht begreifen.«

»Sie hat dich also eingewickelt.«

»Ja, genau. Eingewickelt. Und ihre Anwesenheit, die … die war überwältigend.«

»Aha! Und du wusstest dich nicht anders zu wehren, als ihr diese zwei Wiesen zu verkaufen?«

»Nein, nein, so war das nicht, Raymond«, entgegnete er abrupt, wartete einen Moment und fuhr dann mit ernüchterter Stimme fort: »Ich bin ehrlich, ich habe sie unterschätzt. Sie ist nicht nur charmant, sie ist auch … eiskalt.«

»Eiskalt?«, wiederholte Raymond dieses eine Wort kaum hörbar, welches Elektra vielleicht tatsächlich hinlänglich beschreiben konnte. Eiskalt war sie wohl tatsächlich, so schien es, wenn sie etwas unbedingt wollte.

Wenn er jetzt so darüber nachdachte, dann hatte er letzten Samstag, am Ende ihres Gesprächs den gleichen Eindruck gewonnen. Aber … das waren natürlich andere Vorzeichen gewesen.

»Und trotzdem hast du -«

»Nicht gleich, Raymond, das musst du mir glauben«, unterbrach Philipp ihn. »An dem Donnerstag habe ich sie … ich würde mal sagen: Ich habe sie lächelnd abblitzen lassen. Zumindest habe ich es versucht. Und im Nachhinein auch geglaubt, dass ich es geschafft hatte. ›Ich verkaufe nicht‹, hatte ich zu ihr gesagt.« Beschwörend sah er Raymond an und riss dann die Augen weit auf. »Und sie … was machte sie? Sie kam auf mich zu, strich mir mit einem Finger über die Wange und sagte: ›Glaube mir, Philipp, alles hat seinen Preis. Alles.‹ Dann gab sie mir noch ihre Karte … ›Du kannst mich heute jederzeit anrufen. Aber spätestens am Samstag komme ich wieder, und da wäre es schön, wenn du mir deinen Preis nennen würdest.‹ Das waren ihre Worte gewesen. Von einer Sekunde zur nächsten ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen, das kannst du mir glauben. Es war gruselig. Ich spüre es noch immer.«

»Und dann?«

Philipp Schwarzers Blick verlor sich in seinen Erinnerungen. »Und dann? Dann wurde es vollkommen verrückt. Auf ihrer Karte stand auch die Adresse ihrer Homepage. Wusstest du, dass … deine Elektra jetzt in Kolumbien lebt?«

»Nein. Und sie ist nicht meine –«

»Schon gut, Raymond, sorry«, fiel Philipp ihm erneut ins Wort. »War auch nur ein Scherz, obwohl … scherzen sollte man mit dieser Frau besser nicht. Na, jedenfalls hat es mir keine Ruhe gelassen … Was will eine Frau, die in Kolumbien lebt, mit zwei Obstwiesen am Bodensee? Das war irgendwie absurd. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja noch nicht, dass sie als Taufgeschenk für deine Tochter gedacht waren.«

»Was? Bist du jetzt völlig …?« Übergeschnappt, hatte Raymond sagen wollen, hatte das letzte Wort aber zurückgehalten. Zu verrückt klang alles, was er da gehört hatte … Aber es sollte noch verrückter kommen.

»Ach, das weißt du noch gar nicht?«

»Das ist Unsinn, Philipp, völliger Unsinn. Vor einer Woche wusste ich ja selbst noch nichts von der morgigen Taufe. Und außerdem … Sie ist ja nicht einmal eingeladen.«

»Ja, gut, du hast recht, das mit dem Taufgeschenk erzählte sie mir auch erst am Mittwoch. Aber das mit der Einladung zur Taufe, Raymond, das würde ich mir an deiner Stelle noch mal gründlich überlegen.«

Fragend sah Raymond seinen Nachbarn an. War das jetzt lediglich ein Hinweis oder am Ende gar eine Art Drohung?

»Weißt du, wer ihr Gatte war?«

Raymond schüttelte den Kopf. »Ich weiß lediglich, dass er vor einem Jahr tödlich verunglückt ist … hat sie mir erzählt. Aber ob das wirklich stimmt?«

»Verunglückt? Ha! Hat sie wirklich ›verunglückt‹ gesagt?«, stieß Philipp Schwarzer gehässig hervor.

»Ja. Das waren ihre Worte gewesen. Vielleicht ein Autounfall. Danach klang es zumindest für mich.«

»Nein, Raymond, kein Autounfall, und er ist auch nicht einfach verunglückt, er … er wurde erschossen … auf offener Straße.«

Schweigend sah Philipp Schwarzer seinen Nachbarn einen langen Moment an und fuhr dann ruhig fort: »Sicherlich, erschossen werden ist auch ein Unglück, aber bestimmt nichts, was wir beide unter ›verunglückt‹ verbuchen würden.«

Raymond wusste nicht, ob er all das, was er da hörte, glauben sollte. Elektra war nie »ein Kind von Traurigkeit« gewesen, hatte immer schon das aufregende Leben geliebt … war darin oft robuster gewesen als manch ein Mann.

Aber das hier?

Gut, sie hatte ihn verlassen, weil sie noch etwas, nein, weil sie noch viel hatte erleben wollen, auch weil sie sich noch hatte ausprobieren wollen …

Genau genommen hätte er da schon spüren können und auch müssen, dass ein Heiratsantrag ins Nichts laufen würde. Aber ihre Worte – sich ausprobieren wollen – waren aus einer übermütigen Laune heraus gesagt worden. Er hatte sie nicht ernst genommen.

Doch war das jetzt nicht mehr von Belang, bemerkenswerter war, in welche Kreise sie danach geraten war … und dass sie wohl außerdem eine sehr befremdliche Art von Wahrheit im Umgang mit ihrem Leben gefunden hatte.

Erschossen, ging es ihm durch den Kopf. Was für eine andersartige und bizarre Welt.

Und was wollte diese Frau, die ihm mit jedem von Philipps Worten fremder geworden war, tatsächlich von ihm? Zwei riesige Obstwiesen für seine Tochter? Was sollte das? Elektra lebte jetzt in Kolumbien. Oder wollte sie am Ende tatsächlich zurück … zu ihm?

Philipp Schwarzer schien ihm seine Gedanken an den ungläubigen Augen abzulesen, zumindest einen Teil davon, und verhalten fuhr er fort: »Dieser Rafael Marin Gonzalez – sein Name hat sich mir auf immer und ewig eingebrannt – war so was wie der Pate von Kolumbien. Er -«

»Was? Du meinst Drogen?«

»Nein, nein, keine Drogen. Alles ›legal‹. Was viel cleverer ist. Ihm gehörten beinahe dreißig Prozent der kolumbianischen Kaffeeplantagen, dazu eine Baufirma, die nahezu alle Fernstraßen in Kolumbien baut, und schließlich noch die größte Müllentsorgung des Landes. Ein riesiges Imperium. Milliardenschwer. Und all das … gehört jetzt dieser Elektra.«

»Du erzählst Unsinn, Philipp.«

»Ach ja? Weißt du, warum sie nicht mehr bei dir hier wohnt, wie sie es anfänglich vorgehabt hat?«

»Nein, aber du weißt es, was?«

»Raymond, ich weiß, das klingt jetzt alles ziemlich verrückt, aber du musst mir glauben. Informiere dich! Im Netz findest du fast alles.« Eindringlich sah er Raymond an und fuhr dann fort: »Außerdem … eine Cousine von mir ist die Empfangschefin im Excelsior, und die hat mir noch so einiges erzählt, vertraulich. Dinge, die du natürlich nicht im Internet findest.« Philipp Schwarzer sprühte vor Überheblichkeit. Wie Raymond das hasste.

»Und was … was hat deine Cousine dir erzählt, Philipp?«

»Elektra, beziehungsweise ihre Sekretärin, hat im Excelsior eine ganze Etage angemietet. Und das schon seit Anfang letzter Woche. Und deine Elektra ist auch schon seitdem hier. Genau genommen seit dem Dienstag nach der Beisetzung. Und sie hat auch nicht nur drei oder vier Koffer dabei, wie sie es Paula glaubhaft machen wollte. Außerdem ist ihr Sicherheitschef mit drei Securitys wohl auch ständig um sie herum. Sehr diskret. Und dieser Sicherheitschef soll ihr wohl gesagt haben, dass er hier, auf deinem Landgut, nicht gänzlich für ihre Sicherheit garantieren könne. Deshalb ist sie auch wieder zurück ins Excelsior gezogen.«

»Halt, Philipp! Das alles ist doch … Sind wir hier in einem schlechten Film?« Raymond schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich habe Elektra nicht gebeten zu kommen, und ich will auch nichts von ihr, im Gegenteil, als sie mich letzten Samstag traf, habe ich ihr deutlich gemacht, dass ich kein Interesse mehr habe. Und sie ist auch morgen nicht eingeladen, woran ich nichts ändern werde. Also, warum sollte sie mir oder meiner Tochter zwei riesige Obstbaumwiesen ›schenken‹?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber eines weiß ich sicher, es muss ihr sehr wichtig sein, denn … sie hat verdammt viel Geld dafür auf den Tisch gelegt.« Und Philipp Schwarzer erzählte weiter: »Letzten Samstag sagte ich ihr noch einmal, dass ich nicht verkaufen werde. Du musst mir glauben, ich hatte es wirklich nicht vor. Doch sie ließ nicht locker. Und dann begann sie mit den ersten versteckten Drohungen. ›Michaela, deine Tochter, ist jetzt neunzehn. Ein hübsches Mädchen, hab ich mir sagen lassen. Und sie fährt noch immer mit dem Fahrrad. Das ist doch ziemlich gefährlich, oder? Ein kleines Auto, das du ihr von dem Erlös hier schenken könntest, wäre doch viel sicherer, oder nicht?‹, hat sie mit gleichmütiger und kalter Stimme gesagt. Es war schrecklich, Raymond. Sie weiß auch, dass Magnus in einem Internat für Hochbegabte ist. ›Magnus, dein Sohn, ist eben sechzehn geworden und macht nächstes Jahr schon sein Abi. Chapeau! Dann will er Physik oder Mathematik studieren. Ein helles Köpfchen. Ich freue mich für dich‹, hat sie gesagt. Und glaube mir, Raymond, in ihren Augen lag keine Freude, auch konnte ich kein Mitgefühl entdecken. Ihre Augen, schwarz mit einem grünen Schimmer, waren eiskalt. Sie hat mir gedroht!«

Raymond spürte, wie ihn plötzlich etwas umklammerte, und er schluckte trocken. Obwohl all das Gehörte mehr in einen düsteren Krimi passte, glaubte er Philipp nun doch jedes Wort. »Und dann?«

»Dann habe ich einen letzten Versuch unternommen … ›Gut. Aber preiswert sind diese Wiesen nicht‹, habe ich zu ihr gesagt und ihr einen völlig überzogenen Preis genannt.

Sie hat nur gelächelt. Offensichtlich hatte sie in dem Moment gewusst, dass sie gewonnen hatte.« Erneut sah Philipp seinen Nachbarn aus großen Augen an und fuhr dann kaum vernehmlich fort: »›Philipp‹, sagte sie in einem herablassenden Ton, ›ich weiß, dass dein Land kaum mehr als ein Drittel deines Preises wert ist. Trotzdem … niemand soll sagen, ich hätte dir dein Land gestohlen. Deshalb, Philipp, werde ich deinen Preis noch einmal verdoppeln. Alle werden dich beneiden. Wenn du willst, beeindrucke sie mit deinem kaltschnäuzigen Verhandlungsgeschick. Erzähl deinen Freunden und Bekannten, was immer du willst. Aber … am Montag, Philipp, am Montag gehen wir zum Notar. Um zehn Uhr. Der Termin steht schon fest. Und am Mittwoch hast du das Geld auf deinem Konto. Und danach hörst du nie wieder etwas von mir. Versprochen, Philipp!‹ Das waren ihre Worte, Raymond. Letzten Montag waren wir dann tatsächlich beim Notar und am Mittwoch, vor drei Tagen also, war das viele Geld auf meinem Konto. Ein letztes Mal war sie danach noch bei mir. Sie wollte nur wissen, ob alles in Ordnung sei. Und bei der Gelegenheit sprach sie auch von der Taufe. Sie wusste davon. Von wem auch immer. Also, Raymond, überleg es dir mit der Einladung noch einmal.« Philipp Schwarzers Augen verloren sich im Nichts, so schien es, endlich war alles gesagt. Und verhalten ergänzte er: »Auch wenn du es mir nicht glaubst, Raymond, ich … ich fühle mich entsetzlich.«

Doch … Raymond glaubte ihm! Zu verwirrend, zu abstrus war all das Gehörte, um erfunden zu sein.

Zwei Minuten später ließ ein sehr kleinmütiger und nachdenklicher Philipp Schwarzer den ebenso nachdenklichen Landgrafen zurück.

Doch diese Nachdenklichkeit hallte Raymond nur einen kurzen Moment durch den Kopf. Alte, lang verborgene Kräfte kehrten zurück, denn er spürte, hier ging es nicht nur um ihn, hier ging es auch um seine Tochter und um Melissa, um ihre Eltern und am Ende vielleicht sogar um Silvana – hier ging es um sein Leben, sein neues Leben, das er erst im Begriff war, nach und nach kennenzulernen. Und niemand durfte ihm, auf welche Weise auch immer, dazwischenfahren. Das würde er zu verhindern wissen.

Übermorgen, am Montag, werde ich zu ihr gehen, dachte er. Übermorgen werde ich diesem Spuk ein Ende bereiten.

Er war entschlossen, dieses neue und wohltuende und sogleich auch schwierige Leben zu verteidigen. Immerhin war er Raymond-Lazare Landgraf zu Sipplingsberg, eine »Hoheit«, eine »Königliche Hoheit«, auch wenn ihm dieser Titel in seinem Leben bislang nur wenig Glück gebracht hat. Und auch hier – im Umgang mit einer Gräfin, heute wohl eher einer »Dollar-Gräfin« oder in welcher Währung diese Frau, die er einmal geliebt hat, jetzt dachte und handelte – würde er sich nicht auf das Glück verlassen. Er würde nur auf den über Generationen gewachsenen Respekt, den sein Titel ihm verschaffte, vertrauen. Und nein, er würde nicht zu ihr gehen, selbstverständlich nicht. Er würde …

Er nahm sein Mobiltelefon hervor und wählte eine Kurzwahl.

»Frau Gerster, ich grüße Sie. Sipplingsberg hier. Wir sehen uns ja morgen, aber heute, obwohl Samstag ist, hätte ich noch eine Bitte an Sie … als meine Sekretärin.«

»Was immer Sie wünschen, Chef.«

Er lächelte. Wie hatte ihm ihr »Chef« gefehlt.

»Gut. Dann machen Sie bitte für Montag, 11.00 Uhr, einen Termin in meinem Büro. Ich schicke Ihnen gleich Namen und Telefonnummer per SMS. Und … ich verlasse mich auf Sie, Frau Gerster.«

»Aber selbstverständlich, wie immer, Chef. Soll ich einen Grund anmerken?«

»Ich denke, mein Name wird ausreichend sein.«

17 – Der Sonntagsgottesdienst war ...

… seit einer halben Stunde beendet. Doch kaum jemand hatte die Kirche verlassen; im Gegenteil, nicht nur, dass die Messe heute besonders gut besucht war, es waren in den letzten Minuten auch noch Dorfbewohner und andere Neugierige dazugekommen. Alle wollten der Taufe einer Prinzessin beiwohnen, die gleich beginnen sollte.

Als die Taufgemeinde dann endlich die Kirche betrat, unter leisem Geraune die Schirme schloss, Schneeregen ergoss sich schon seit Stunden aus dunklen Wolken auf Land und See, wurde es augenblicklich still im Kirchenschiff.

Erwartungsvolle Ruhe breitete sich aus.

Kaum vernehmbar, als würden sie vom Himmel fallen, erklangen erste Orgeltöne … eine Bachkantate.

Aufmerksam stand der Pfarrer am Altar. Doch niemand beachtete ihn, alle wollten das Baby sehen … und den Vater, der nun wohl endlich zu seinem Kind gefunden hatte.

In den letzten Wochen war viel erzählt und gemutmaßt worden. »Rabenvater« war beinahe noch das Harmloseste, was verbreitet worden war.

Als die Gruppe dann endlich durch den Mittelgang dem Altar entgegenschritt, war augenblicklich klar, dass das Gerede weitergehen würde. Neben dem Landgrafen schritt Silvana Larbang, die beste Freundin der Verstorbenen. Und erst hinter den beiden folgten die Eltern von Melissa zu Sipplingsberg. Einige der Gottesdienstbesucher schüttelten den Kopf über diese Pietätlosigkeit – und das nicht nur innerlich.

Dass Raymond darauf bestanden hatte und in Melissas Eltern darin Unterstützung gefunden hatte – und dass Silvana sich bis zum Schluss gegen diese Art der »Präsentation« gewehrt hatte – würden diese Besucher nie erfahren, auch würde es sie kaum interessieren. Ihr Urteil stand fest: Die beste Freundin der Verstorbenen war wohl nur eine kleine »Arrivierte«, die die Gunst der Stunde geschickt genutzt hatte. Und ihr Urteil schien vonseiten der gräflichen Familie untermauert zu sein – weder seine Mutter noch seine Schwester waren an diesem wichtigen Tag für das Haus zu Sipplingsberg zugegen.

Glücklicherweise sah der größere Teil der Gottesdienstbesucher das anders. Man hatte gehört, dass die beste Freundin der Verstorbenen sich aufopferungsvoll um die kleine Prinzessin gekümmert, wohl auf ihr eigenes Leben für Wochen gänzlich verzichtet und dass der Landgraf in seiner Trauer von seiner Familie nur wenig Unterstützung bekommen hatte.

Und in dem Blick der Prinzessin, die unablässig und mit großen Augen auf Silvana starrte – all das um sie herum schien ihr nicht geheuer –, erkannten diese Besucher eine innige Verbundenheit zwischen dem Baby und der jungen Frau. Auch war das Lächeln, das die junge Frau der Prinzessin wieder und wieder schenkte, von einer zutiefst warmherzigen Sympathie. Dem Baby, der Prinzessin, ging es gut. Und nur das war diesen Menschen wichtig.

Silvanas Mutter, die abseits, ein wenig versteckt, stand, sah all das nicht. Sie wollte das so auch nicht sehen. Sie gehörte zu denen, die entsetzt den Kopf schüttelten. Sie schämte sich für ihre Tochter.

Die Einladung zum anschließenden kleinen Empfang, die Silvana ihr vorgestern im Namen des Landgrafen ausgesprochen hatte, hatte sie dankend abgelehnt. »Ich kann das nicht«, hatte sie gesagt. »Und du solltest dir auch mal überlegen, wo du hingehörst. Dorthin sicher nicht.«

Diese Ablehnung, die Silvana beinahe erwartet hatte, hatte sie dennoch schmerzlich getroffen. »Steh doch einmal zu mir, Mama, und vertrau mir!«, hatte sie ihrer Mutter mit flehender Stimme geantwortet. Doch ihre Mutter hatte sich nur stumm abgewendet und war davongeradelt.

Jetzt ging Silvana hier, in der ersten Reihe, und sie fühlte sich unsagbar deplatziert. Das Einzige, was ihr Halt gab, war Rosas Blick, vertraut und ängstlich zugleich ob der Dinge, die um sie herum geschahen.

*

Die Zeremonie war von kurzer Dauer. Raymond hatte darauf bestanden. Ihm war nur wesentlich, dass der vollständige Name der kleinen Prinzessin deutlich, für alle vernehmbar, verkündet wurde. Davon wussten nur er und der Pfarrer.

»… und somit taufe ich dich auf den Namen Rosa-Marietta Melissa Sibylle Silvana Prinzessin zu Sipplingsberg«, sagte der Pfarrer und ließ ein paar Tropfen von dem geweihten Wasser über die Stirn des Babys fließen.

Silvana? Entsetzt schreckte Silvana auf, blickte Melissas Mutter an, die ebenso irritiert die Augen aufriss, und wendete ihren Blick dann zu Raymond, der mit einem Lächeln seine Tochter in den Händen hielt. Sicherlich spürte er die fragenden Blicke der beiden Frauen, die neben ihm standen, doch schien er nicht gewillt, eine Erklärung oder einen kurzen Blickkontakt zu geben. Er hatte entschieden. Basta!

Erst am Nachmittag, am Ende des kleinen Empfangs, sollte Silvana mehr erfahren.

Als sie die Kirche eine halbe Stunde später wieder verließen, sah Raymond sich unauffällig um, zumindest versuchte er es. Elektra erblickte er aber nicht. Merkwürdigerweise beruhigte ihn das nicht.

Was er nicht sah, waren eine Frau und ein Mann, südländisch vom Typ her, dezent und vornehm gekleidet, sicherlich kein Pärchen, fremd hier, die sich stets verschwiegen wegduckten, sobald sein Blick in ihre Richtung fiel.

*

Stunden später war es dann so weit: der Abschied.

Der kleine Empfang war friedlich verlaufen. Man hatte über Belanglosigkeiten geredet, auch gelacht, doch nicht von Herzen, eher zurückhaltend, beinahe … verkrampft. Letztlich war man froh gewesen, diesen Tag, diese »Feierlichkeit«, mit Anstand, Würde und der angemessenen Zurückhaltung hinter sich gebracht zu haben. Melissa hätte bestimmt gesagt: »Feiert! Feiert den Namen und das Leben meiner Tochter.« Aber niemandem war zum Feiern zu Mute gewesen. Alle vermissten sie, und dagegen hätte sich Melissa auch nicht mit ihrem gewinnenden Lachen wehren können.

»Dann ist es jetzt so weit?«, sagte Raymond mit Wehmut in der Stimme.

Silvana nickte nur. Sie wollte jetzt rasch weg. Sie hatte den Moment genutzt, als Sibylle sich aufmachte, Rosa die Windel zu wechseln.

»Wann sehen wir dich hier wieder?« Raymond versteckte sich und seine Traurigkeit über den seit Tagen überfälligen Abschied hinter dem »Wir«. Silvana versteckte ihre Antwort stumm hinter einem Achselzucken.

»Lass uns nicht zu lange warten. Rosa vermisst dich jetzt schon.«

Sie versuchte, seine letzten Worte augenblicklich zu vergessen, und sie räusperte sich. »Bei mir ist viel liegen geblieben. Ich habe zwar keine Augenringe … dennoch … die Auftraggeber drängeln.«

Das mit den Augenringen verstand er nicht, doch mochte sie es ihm jetzt nicht erklären. Sie wollte nur weg. Aber eines gab es dann doch noch.

»Warum Silvana? Melissa und Sibylle verstehe ich, aber warum Silvana?«

Nachdenklich schloss Raymond die Augen. Einen langen Moment. Schließlich sah er sie an. »Du hast ihr etwas gegeben … Ich denke, nur eine Mutter, nein, vergiss das und bitte, versteh mich jetzt nicht falsch. Es ist nur so, dass Rosa sich immer daran erinnern soll, wer wirklich von Belang in ihrem Leben war und ist. Und ist der eigene Name dafür nicht der beste Platz?«

Silvana war beeindruckt. Und sie spürte, obwohl sie sich entschieden dagegen wehrte, dass er wohl recht hatte. Eine Träne löste sich und lief ihr über die Wange.

»Ich danke dir, Raymond.«

»Nein, ich … wir alle danken dir, Silvana.«

Er sah sie an, und er lächelte verlegen. Und dann … ohne zu zögern … öffnete er die Arme. »Darf ich?«

Auch Silvana zögerte nicht, ging die zwei Schritten auf ihn zu und verlor sich einen Moment in seiner Umarmung.

Es war … nein, sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, auch wollte sie sich dem Gefühl nicht länger hingeben. Sie musste endlich weg. Mit Anstand.

»Ich komme in den nächsten Tagen immer mal vorbei. Nach Rosa sehen. Versprochen. Vielleicht abends, wenn Herr Scholz Mama Sibylle abholt.« Sie lachte verlegen. »Das klingt ja beinahe so, als wollte ich mich hier zum Essen einladen.«

»Nein, nein. So klingt das ganz und gar nicht. Du bist hier willkommen … immer. Wann du möchtest. Und sollte Rosa dich sehr vermissen, kommen wir … alle … zu dir.«

»Gern. Aber jetzt muss ich …«

Paula und eine Hausangestellte würden sich vorerst, bis eine »Nanni« gefunden war, tagsüber um Rosa kümmern. Abends und nachts wollte Raymond die Kleine bei sich haben. So war es zumindest angedacht. Silvana plagte ob dieser Lösung ein wenig das schlechte Gewissen, dennoch musste sie jetzt an sich und ihre Arbeit denken. Termine drängten, kaum etwas hatte sie in den letzten Wochen vom Schreibtisch bekommen.

»Ein Allerletztes noch«, sagte Raymond. »Ich danke dir auch für das mit den Träumen.«

Sie verstand ihn nicht gleich, mochte jetzt auch nicht nachfragen, doch rasch fuhr er fort: »Der Albtraum … Ich bin drangeblieben. Ohne deinen Hinweis … Wer weiß, vielleicht würde ich heute noch …? Es war eine schlimme und schöne Erfahrung. Ich danke dir!«

»Für die Erfahrung?«

Er lächelte. »Du weißt, wie ich das meine.«

Ja, sie wusste es. Sie nickte nur, und sie schwieg.

»Hast du alles?«

Nun lächelte sie doch noch einmal. Wie besorgt er war.

»Das Auto ist gepackt. Aber keine Angst, es sind alles nur meine Sachen.«

Er lachte nur. Verlegen. Alles war gesagt. Für den Moment.

Und dann … ohne ein weiteres Wort, ohne eine weitere Geste, ohne eine weitere Berührung stieg sie in ihr Auto und fuhr los.

Zu Hause angekommen, verschloss sie die Wohnungstür, stellte ihr Mobiltelefon ab und verschwand heulend unter ihrer Bettdecke.

Doch … nach etwa einer halben Stunde stand sie auf, machte ihr Telefon wieder an, holte all ihre Sachen aus dem Auto und goss sich einen Tee auf.

Sie wollte sich nicht verstecken. Es gab keinen Grund dafür.

Weinend stand sie dann am Fenster und blickte in die Dunkelheit. Alles war friedlich. Nichts deutete mehr darauf hin, dass bis vor Stunden noch schwerer Schneeregen über das Land gezogen war. Die Straße vor ihrer Haustür war beinahe wieder trocken.

»Das Leben geht weiter«, sagte sie leise vor sich hin und dachte kurz über die Ereignisse der letzten Tage nach. Noch nie hatte sie in so kurzer Zeit so viel Unbekanntes und Bekanntes gleichzeitig in ihr Leben hineinlassen müssen: den Tod und das Leben, das traurige Mitgefühl und das falsch verstandene Mitleid.

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9783753188942
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