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Aurelia Dukay

Heilige und Gesegnete

Caterina Calancas erster Fall

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Heilige und Gesegnete

1.1 ERSTER TEIL

1. Gesang der Nymphen

2. Engelszungen

3. Wilder Wind

4. Das Debüt

5. Sackgasse

6. Die rote Katze

7. Der Präsident

8. Phoenix

9. Wassernixen

10. Addio Monster

1.2 ZWEITER TEIL

11. La Torre

12. Il Corallo

13. Risiko

14. Der Plan

15. Scandalo!

16. Abschied

Impressum neobooks

Heilige und Gesegnete
Caterina Calancas erster Fall

Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1.1 ERSTER TEIL

Heuchelei ist ein Modelaster, und alle Modelaster gelten als Tugenden.

Molière

1. Gesang der Nymphen

Ein Opfer? Nein, ich bin kein Opfer. Wahrhaftig nicht!

Opfer sind passiv. Ich hingegen habe gehandelt. Habe dies alles gewollt. Vielleicht nicht bewusst, aber ich habe es gewollt. Also, weil ich es nicht bewusst gewollt habe, bin ich schuldig. Wie soll ich das bloß erklären –

In der dunkeln Stille der Nacht entsinne ich mich meiner Fehler. Jener Taten, die die schrecklichen Ereignisse nach sich zogen, für die ich so hart bestraft werde. Derentwegen ich jetzt am Abgrund stehe und sehnsüchtig auf den Asphalt fünf Stockwerke tiefer starre.

Unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich bis vor Kurzem eine Königin war. Aber vielleicht stimmt es, was sie sagen.

Sie beschuldigen mich des Opportunismus. Ich sei eine kalte, berechnende Frau gewesen. Ein skrupelloser Emporkömmling.

Hierzu möchte ich sofort etwas klarstellen.

Ich war weder auf der Suche nach schnellem Erfolg noch hegte ich die Absicht, die Frau eines solchen Mannes zu werden.

Das Einzige – und das schwöre ich -, was mich zum Handeln trieb, war die Suche nach einem Ausweg aus meiner prekären Lage. Aber stattdessen landete ich im tiefsten Abgrund der menschlichen Existenz.

Wie es passierte? Eine banale Schwäche brachte mich zu Fall. Ich ließ mich von der Macht verführen, ohne den Preis dafür zahlen zu wollen. Ich glaubte, die Zeit würde schon alles richten. Ich glaubte aber auch an die Liebe, die Freundschaft, die Staatsgewalt. Die hingegen ließen mich glauben, ich sei verrückt.

Dies ist kein Tagebuch. Ich verwahre meine Gedanken nicht als seien sie kostbare Perlen. Gedanken sind nichts. Nichts als die Ausgeburt meiner gequälten Seele. Ich sammle sie wie Muscheln auf einem langen weichen Sandstrand, um sie gleich wieder fallen zu lassen.

Denn meine Ansichten zählen nicht. Was zählt sind Fakten. Fakten die zur Wahrheit führen. Als Journalistin – denn das bin ich, eine investigative Journalistin – füge ich sie zu einem plausiblen Ganzen zusammen, ohne Umschweife, frei von Ängsten und Sehnsüchten. Hier, in meinem Notizbuch, demselben Notizbuch, in das ich meine Artikel schrieb, demselben, in das ich einst seine Worte aufzeichnete. Hier schrieb ich die Tatsachen nieder, Wort für Wort, Seite für Seite, auf reinem Papier, um zu verstehen. Verstehen, ob ich alles noch mal tun würde. Verstehen, was ich in den nächsten Augenblicken tun werde.

Caterina Calanca klappte den ledernen Taccuino zu und blickte in zwei tiefschwarze Augen, die Brauen darüber hochgezogen.

„Und, Signora Commissario, was sagen Sie?“

„Darf ich das Notizbuch mitnehmen? Vielleicht finde ich darin Hinweise. Ich möchte Ihnen aber keine großen Hoffnungen machen, Signore Bellacqua“, sagte sie ernst.

„Bitte, aber bitte doch, alles was diese schreckliche Tat aufklären kann, Signora Commissario. Schauen Sie, schauen Sie doch nur.“

Seine ledernen Arbeiterhände zitterten, als er ihr einen Bilderrahmen vor die Nase hielt. „Meine Emma hatte ein Gesicht wie ein Engel, wie ein Engel.“

Ja, aber dieses Engelsgesicht lag nun zerschmettert in einer Blutlache auf dem Asphalt vor seiner Haustür, umgeben von Polizisten und Schaulustigen. Was für ein grausames Ende, dachte Caterina.

Allerdings passte das Foto genauso wenig zu der Toten wie die fast aristokratischen Manieren des Signore Bellacqua in das karge, kleinbürgerliche Umfeld.

„Sie hätte so etwas niemals getan. Sie wäre zu so einer Schande nicht fähig. O mein Gott, wie soll ich sie nun beisetzen. Der Priester weigert sich, in mein Haus zu kommen.“

Der kleine Mann mit dem Schnurrbart schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu schluchzen.

„Setzen Sie sich doch einen Moment, Signore Bellacqua.“

Er nahm auf einem Holzstuhl Platz, der an der Wand gelehnt hatte, über ihm hing ein vergilbtes Heiligenbild. In der Küche war es einigermaßen still. Nebenan im Wohnzimmer tobte ein Gewusel von unzähligen Menschen, denn die schreckliche Tat hatte sich blitzschnell im Viertel herumgesprochen. Alle kamen sie zur Haustür hereinmarschiert, um ihr Beileid auszudrücken. Mit Empörung auf den zerknirschten Gesichtern sparten sie nicht mit Klageworten, die wie Beschwörungen klangen: Natürlich handelte es sich um einen Unfall, keine Frage, so ein braves Mädchen, und wenn nicht, dann nur weil diese verdammte Arbeitslosigkeit den Geist des zarten Geschöpfes vergiftet hatte. Besessen von einem Dämon, der sie in den Tod getrieben hatte. Eine verirrte Seele – das müsse die Kirche doch einsehen.

Und dennoch, Caterina spürte es ganz genau, irgendetwas stimmte nicht. Das sagte ihr unfehlbarer Instinkt, der dem eines Raubtieres glich. Was genau nicht stimmte, musste sie noch herausfinden.

Signore Bellacqua schien die Ereignisse nur noch am Rande wahrzunehmen, dafür aber Caterina, die seinen musternden Blick auf sich spürte, auf ihrer schlanken Figur, ihren roten Haaren, ihrer hellen Haut und ihren blauen Augen und ihrer eleganten Kleidung. Eine jahrhundertealte Ehrfurcht vor allem Höheren, vor Gott, seinem Willen, dem Schicksal und den Autoritäten – in diesem Fall der Polizei vermischten sich in seinem Blick mit der natürlichen Skepsis gegenüber Frauen in einer Machtposition.

„Ich bin ein einfacher Mann, Signora Commissario, mit einfachen Ansprüchen. Vierzig Jahre lang stand ich jeden Morgen um vier Uhr auf, schuftetet wie ein Tier, um ihr ein besseres Leben zu bieten. Sie war mein ganzer Stolz. Als meine Frau – Gott hab sie selig - starb, wollte sie unbedingt aus dem Ausland zurückkommen, um mich nicht alleine zu lassen. Ich verbat es ihr, aber sie tat es trotzdem. Stur, meine Emma.“

In dem düsteren Appartement mit den vergilbten Heiligenbildern und den massiven Holzmöbeln wurde die Luft langsam schwer.

Hier gab es nichts mehr zu tun, der Leichnam war auf dem Weg in die Gerichtsmedizin, und Caterina hatte keine Lust, Zeit mit Fragen zu verschwenden, auf die sie die Antwort bereits kannte. Arbeitslosigkeit, familiärer Druck, Isolation, Verzweiflung – Ende.

Zugegeben, sie hatte das Notizbuch nur eingesteckt, weil es ihre Neugierde geweckt hatte, denn es bestand kein Zweifel daran, dass der Engel sich ganz alleine in die Hölle gestürzt hatte.

„Wann kann ich sie wiederhaben“, fragte Signore Bellacqua fast apathisch.

„Sobald die Gerichtsmedizin sie freigibt. Es tut mir wirklich leid um Ihre Tochter.“

Seine Miene verfinsterte sich.

Grübelnd verließ Caterina den fünfstöckigen Palazzo, ein bröseliger Betonbau aus den Achtzigern in der Via Garibaldi, im quartiere popolare del Mercato Antico, dem proletarischen Viertel der Stadt.

Draußen drängelten sich hinter der Absperrung inmitten der Schaulustigen mehrere Kameras, darum scharrten sich die vermeintlichen Kollegen der Toten mit ihrer vorgetäuschten Bestürzung. Caterina hasste sie, diese Zunft aufgeblasener Reporter, die überall ihre Nase reinsteckten und vor nichts Halt machten.

„Commissario, ein Kommentar, eine Stellungnahme“, riefen sie laut wie ein Knabenchor in der Kirche, sobald Caterina vor die Haustür trat.

„War es Selbstmord, ein Unfall oder etwa Mord?“

Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und unterdrückte das aufkeimende Gefühl der Befriedigung angesichts der Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde und lief mit gleichgültigem Blick an der Meute vorbei zu ihrem Auto.

Der kleine Cinquecento stand verloren im Halteverbot, die leuchtend rote Lackierung war vom Wüstenwind ergraut, der von der Sahara herüberblies und seit zwei Tagen die Stadt in eine bleierne Staubwolke hüllte und auf allem eine pudrige Sandschicht hinterließ. Bald würde es regnen. Nach dem Wüstenwind kam immer der Regen, wie ihr die Kollegen erklärt hatten.

Noch war die Luft jedoch stickig und erfüllt vom hektischen Alltag, dem Autohupen, den schimpfenden Menschen die sich über die selbstverschuldeten, unzivilisierten Umgangsformen empörten. Der Weg zum Auto führte an dem bevölkerten Mercato Antico vorbei, wo Caterina bereits auf dem Hinweg ein paar saftige Tomaten ins Auge gefasst hatte.

Sie hatte nun Gelegenheit, welche für das Abendessen zu besorgen.

Den lauten Rufen folgend betrat sie die überdachte Markthalle. Zugegeben das folkloristische Treiben stresste sie, machte aber dennoch den Kopf frei vom schrecklichen Anblick der jungen Selbstmörderin. Die lauten Schreie, die fließend in ohrenbetäubende Gesänge übergingen. Dazu der würzige Duft von wildem Oregano und die raue, bunte Vielfalt der Waren: Aufgeblähte Thunfischlaibe in blutige Stücke zerteilt, gebettet in zerschlagenem Eis wie eine klaffende Wunde, grausam und schön, primitiv und ehrlich, wie nur die Natur es sein konnte, dachte sie. Dazu gesellte sich eine Schar seifiger Tintenfische mit lang schlängelnden Kraken, und Caterina hätte schwören können, ja wirklich, dass sie sich noch bewegten.

Unaufhaltsam floss der Fischsud von den Ständen auf die Pflastersteine und verlor sich in dessen Ritzen, um als penetranter Geruch wieder emporzusteigen.

Caterinas ausgeprägte Abneigung gegen alles Glitschige führte sie an den Fischständen vorbei, zu den überladenen Obstständen bis zum Gemüsehändler an der Ecke.

Aber auch inmitten des Gewirrs spürte Caterina, wie bereits zuvor in der Wohnung der Bellacquas, zwischen den Menschen jene subtile Wolke aus Nichtgesagtem, das zwischen den Worten lag, in einer Geste, in einem Blick, das aber das Wesentliche ausmachte. Das Wesentliche lag im Nichtgesagten! Es konnte sich nur um einen eingefleischten Kodex handeln, der sich durch die Epochen hinweg unter dem Einfluss verschiedener Kulturen zu einem festen Bestandteil der Verständigung geformt hatte. Eine passive Rebellion, eine würdevolle Arterhaltung gegen die vielen Fremdherrschaften, die diese Region seit Jahrhunderten erdulden musste.

Sie wusste, dass sie niemals Zugang zu dieser wortlosen Sprache bekommen würde, so wie ein Hund niemals miauen und ein Kanarienvogel niemals bellen würde. Sie, die blasse Rothaarige aus Verona, mit ihrem engmaschigen Akzent (die Vokale sprach sie geschlossen und nicht wie die Hiesigen, offen aus) war ein Fremdkörper in dieser mediterranen Üppigkeit. Und das würde ihr ihre Arbeit erschweren.

Vor dem Gemüsestand kickten zwei schlaksige Jungs im blauen Fußballtrikot einen Ball hin und her. Der eine hatte "Del Piero", der andere „Buffon“ in weißen Buchstaben auf seinem Rücken stehen.

Dahinter bediente ein Mann gerade eine robuste Frau mit schwarzgelocktem Haar und in einem rot-schwarz gepunkteten Wickelkleid. Dabei amüsierte Caterina, wie sich die Punkte auf dem voluminösen Körper zu eierförmigen Kreisen dehnten und an Blutspritzer erinnerten. Mein Beruf verdirbt mich, dachte sie und beobachtete die Einheimische weiter.

In der linken Hand hielt die Frau mehrere Tüten von vorherigen Einkäufen, während sie mit der rechten Tomaten begutachtete, indem sie den Zeigefinger in das rote Fleisch drückte.

Caterina studierte ihr Verhalten genau, denn sie wollte etwas über die Menschen hier lernen.

„Pierino, gib mir ein Kilo hiervon“, krähte die Frau. Das Fleisch an ihren Füßen quoll durch die Riemen der Sandalen, als seien sie damit verwachsen. Caterina betrachtete ihre eigenen schlanken Füße in den dreihundert-Euro-teuren Dekolleté-Schuhen und wunderte sich über die Laune der Natur.

Pierino wog etliche Zentner und in sein derbes Gesicht hatte dieselbe erbarmungslose Sonne, die auch seinen Tomaten den fruchtigen Duft und die rötliche Farbe verlieh, ihre Spuren hinterlassen. Er machte Anstalten, der Frau etwas in scharfem Dialekt zu sagen. Caterina – für die der Dialekt eine Fremdsprache war - meinte herauszuhören, wie er über die vermeintliche Selbstmörderin sprach.

„Man soll ja nicht schlecht über Tote reden, aber - der Herr im Himmel möge es mir verzeihen - wer zu viel will … Ob der Alte wusste, dass seine Tochter so eine war?“

„Ach, woher sollen wir das wissen? Geben Sie mir noch ein Pfund von den Zwiebeln da.“

„Ein Kilo Tomaten, ein Pfund Zwiebeln, das macht fünf Euro, Signora Lo Presti. Na gut, für Sie drei. Und Grüße an ihren Mann.“

„Danke, Pierino, Gott wird es dir danken. Man sieht sich.“

„Nehmen Sie doch von den Zucchiniblüten”, sagte der Gemüsehändler dann reserviert, aber freundlich zu Caterina.

„Ich nehme ein Kilo von den Tomaten.“

„Aber wieso denn, mögen Sie die Zucchiniblüten etwa nicht, sagen die Ihnen nicht zu, sind sie nicht frisch genug?“

„Doch, aber ich möchte ein Kilo Tomaten, bitte!“

„Sie sind nicht von hier, was?“

„Nein.“

„Touristin? Aus dem Norden, wie. Das macht dann vier Euro.” Caterina protestierte nicht.

„Sie kannten die Tote von der Via Garibaldi?“, fragte sie stattdessen forsch.

Er nickte nur und gab ihr das Wechselgeld. Es war nicht leicht, die hiesigen Anwohner zum Reden zu bringen. Pierinos Blick wanderte zu einer Gruppe von Männern einige Stände weiter.

„Das ist jemand, der weiß, wie man Probleme löst“, murmelte er. „Fremde, die verstehen uns nicht.“

Leicht wie Federn flogen die schmeichelnden Worte des Pierino an Caterina vorbei, während ihr Blick die Männer in der Ferne fixierte, die in Anzügen und mit angespannten Gesichtern vor einem Obststand Halt machten. Sie beschloss, keine Limoni mehr zu kaufen und in Richtung der Männer zu gehen. Doch das vom heruntertropfenden Wasser der Fischverkäufer glitschige Kopfsteinpflaster war nicht der ideale Untergrund für die Ledersohlen ihrer hochhackigen Sergio-Rossi-Schuhe, sodass sie das Gleichgewicht verlor und mit aller Wucht auf ihrem Hintern landete.

Die beiden Jungs, Del Piero und Buffon, unterbrachen schlagartig ihr Spiel, gefroren in einem Ausdruck des Erstaunens mit aufgerissenen Augen, um dann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Aus der Menschentraube brach ein junger Anzugträger mit schulterlangem schwarzem Haar aus, um der fluchenden Kommissarin aufzuhelfen.

„Ist alles in Ordnung, brauchen Sie einen Arzt“, fragte der Mann, der um die zwanzig sein mochte.

„Ja, vielen Dank, ich meine: nein“, sagte Caterina noch etwas

benommen.

Die gaffenden Menschen gingen wieder ihren Beschäftigungen nach, die sie aufgrund des Sturzes für einen Atemzug unterbrochen hatten, während eine peinlich berührte Kommissarin etwas wacklig vor ihrem Helfer stand.

„Sie lassen ja die Heiligen vom Himmel plumpsen“, scherzte er.

„Normalerweise fluche ich nicht so“, sagte sie verlegen.

Er lächelte freundlich und vergewisserte sich erneut, ob ihr nichts fehlte. In seinen Augen las sie eine geduldige Gefügigkeit, die er stumm hinzunehmen schien.

„Rico, kommst du, wir müssen gehen“, rief eine gereizte Stimme aus der Menge von Leibwächtern.

„Ich muss los, Ihnen noch einen schönen Tag. Und achten Sie auf die Pflastersteine, die trocknen hier nie“, sagte der junge Mann und rannte eifrig zum Gemüsestand und der sich fortbewegenden Menschentraube zurück.

Leise vor sich hin schimpfend humpelte Caterina zurück zu ihrem Auto, der beige Rock war hinüber und ein zunehmend pochender Schmerz erschwerte ihr das Denken. Sonst wäre ihr wahrscheinlich aufgefallen, dass es doch etwas seltsam war, dass sich ein hochrangiger Politiker samt schmieriger Eskorte in der Nähe des „Unfallorts“ befunden hatte. Nur ein Zufall? War er auf Stimmenfang angesichts der anstehenden Wahlen in zwei Monaten, oder gab es vielleicht doch einen verborgenen Zusammenhang? Der Schlüssel könnte in dem schwarzen Notizbuch liegen, aber weiter konnte ihr von Schmerz benebeltes Hirn nicht denken.

Ächzend und stöhnend stieg sie ins Auto, als ein penetrantes Pfeifen sie davon abhielt loszufahren.

„Halt“, brüllte eine Stimme und ein Mann in abgetragenen Kleidern näherte sich.

„Das mach zwei Euro.“

„Wofür?“

„Dafür, dass ihr Wagen noch hier steht und ich Ihnen beim Ausparken helfe.“

Diese selbsternannten Parkwächter waren zu einer Plage geworden.

Caterina zückte das Portemonnaie aus der cremefarbenen Tasche und zeigte ihre Marke.

„Commissario – aber für Sie mache ich doch eine Ausnahme.“ Wie ein geölter Blitz verschwand er in der Menge.

In dem kleinen Cinquecento kämpfte sich Caterina ihren Weg durch den Mittagsverkehr: Gehupe, rasende Motorräder wirbelten den Sand auf dem heißen Asphalt auf, wütende Menschen empörten sich über die zügellose Missachtung der Regeln, die sie selbst nicht befolgten.

Und dann die ewige Parkplatzsuche vor der Wohnung. Zum Weggelaufen war das hier! „Tu es für die Karriere“, hatte man ihr gesagt. „Du wirst die jüngste Kommissarin des Landes sein!“ Unsinn, man hatte sie nur aus dem Weg schaffen wollen, um … ah ein Parkplatz, endlich!

Ihre Wohnung in einem Jugendstilhaus lag in einer Seitenstraße der zentralen Viale Federico II, die so prunkvoll wie sein Namensgeber war, sich aber nicht der gleichen edelmütigen Demut erfreute. Luxusgeschäfte reihten sich aneinander und verdrängten die charakteristischen Boutiquen, um der Stadt nach und nach das anonyme Antlitz einer typischen, vom Konsum gleichgeschalteten Metropole zu verleihen. Wieder war die Stadt erobert worden, diesmal von Weltkonzernen. Trotz der vermeintlichen Wirtschaftskrise, kauften die hiesigen Damen teure Taschen und Uhren, die sie stolz durch die heruntergekommenen Gassen trugen – und zwar mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in der Kirche bekreuzigten.

Am Abend, wenn die Rollläden heruntergelassen und die Lokale geöffnet waren, versammelten sich Scharen junger, modisch gekleideter Menschen, deren einziges Bestreben es war, aufzufallen. Einheitlich zuckten sie zu lauter Musik, wenn man so etwas überhaupt Musik nennen konnte. Neues Geld floss in Alkohol, Drogen und in den Traum, ins Fernsehen zu kommen.

Endlich zu Hause, in ihrem zugegeben noblem Appartement, machte sich Caterina daran, die restlichen Kartons auszupacken. Ins Kommissariat würde sie heute nicht mehr gehen.

Der Nachmittag verging sehr schnell und nach einem leichten Abendessen, die sonnengereiften Tomaten hatten ihr Versprechen gehalten, setzte sich Caterina mit einem Glas Rotwein auf den Balkon. Der Mond schien milchig hinter dem Sandvorhang und offenbarte eine funkelnde Stadt am dunklen Meer. Fischerboote balancierten wie kleine Glühwürmer auf den Wellen. Noch blieb die ganz große Hitze aus, aber der Scirocco sorgte dafür, dass man nicht vor Mitternacht ins Bett konnte, ohne sich - trotz Klimaanlage - in seinem schweißdurchtränkten Laken hin und her zu wälzen.

Caterina öffnete das Notizbuch der Journalistin und begann darin zu lesen. Die Zeilen waren wie von einem Schulmädchen in einer klaren sauberen Schrift verfasst.

10. Oktober

Alles begann genau heute vor einem Jahr. An jenem Tag verspürte ich zum ersten Mal nach dem tragischen Tod meiner Mutter so etwas wie ein vages Glücksgefühl. Mein Herz machte einen Sprung, als hätte es gerade eben begonnen zu schlagen, als ich im Landeanflug die Küste und das tiefblaue unendlich weite Meer vor mir sah.

Ich hätte diesen Moment vollends genießen können, wäre da nicht dieser dicke Mann auf dem Sitz neben mir gewesen, der sich mit einem weißen Stofftaschentuch die schweißbenetzte Stirn abtupfte und dabei wie ein Pferd schnaufte. Er hatte Panik in den Augen. Ich war auch nicht bereit zu sterben (schon gar nicht neben diesem Typen), aber wenigstens behielt ich die Fassung. Das Flugzeug hüpfte auf und ab wie eine furiose Tangotänzerin. Obwohl sich mir der Magen verdrehte, blätterte ich eifrig den Katalog der Fluggesellschaft, um krampfhaft einer Konversation zu entgehen. Vergeblich.

„Leben Sie in Dänemark, werden Sie den Urlaub hier verbringen?“, fragte der Dicke und versuchte, durch Ablenkung die Panik zu überwinden.

„Nein, kein Urlaub. Ich komme zurück, um wieder hier zu leben.“

Diese Worte aus meinem Mund zu hören, machte mich euphorisch. Endlich zu Hause, endlich frei von dem eng geschnürten Korsett der dänischen Regeln, dem Frust der Menschen und der erstickenden Kälte der nordischen Völker. Mein Platz war hier, wo die Menschen warmherzig und das Leben so leicht und luftig war wie die Leinengewänder, die sie im Sommer trugen. Wo Toleranz und Flexibilität den Alltag erträglicher machten.

Toleranz, wirklich?

„Von hier oben aus scheint es wie ein Paradies. Aber diese Schönheit trügt. Wie eine schöne Frau mit einem schlechten Charakter. Sie zieht dich in ihren Bann, um dich dann zu zerstören“, fauchte mein Sitznachbar, noch sichtlich erschüttert von den Turbolenzen. „Dies ist eine verlorene Stadt, wo Korruption, Vetternwirtschaft, Ignoranz und Dekadenz herrschen. Hören Sie auf mich, kehren Sie so schnell wie möglich nach Dänemark zurück.“

Aber ich wollte nicht hören. Ich hörte nur die Turbinen, die mich immer näher an mein Ziel brachten und meine innere Stimme, die deutlich sagte: Du tust das Richtige!

Das Flugzeug landete wenige Minuten später zur Freude meines Sitznachbarn auf der Rollbahn.

Bereits an der Schwelle der Flugzeugtür riss der heftige Wind mir beinahe die braune Lederjacke vom Leib, dafür empfing mich eine strahlend helle, warme Sonne und eine Flut von Nachrichten auf dem eben eingeschalteten Handy.

„Vodafone heißt sie Herzlich Willkommen und möchte Sie daran erinnern, dass es eine beschissene Stadt ist, in die man immer wieder zurückkehrt“ Absender: Papá .

Rückblickend waren dies vielleicht die ersten Warnsignale, die ich gekonnt ignorierte, geblendet von einer romantischen Vorstellung von dieser Stadt, ausgedörrt und hungernd nach menschlicher Wärme wie ich war und überwältig von dem Bedürfnis an einen Ort zurückzukehren, der mir die Illusion der Zugehörigkeit gab. In diesem Moment hatte ich allerdings an einer Sache keinerlei Zweifel: Ich opferte eine hoch zivilisierte Gesellschaft für authentische, zwischenmenschliche Beziehungen.

Nach der endlosen Warterei am Gepäckband schob ich den schweren Wagen mit dem Kofferberg Richtung Ausgang zum großen Parkplatz, wo Papá mich bereits erwartete. Gerade wollte ich die Straße zwischen Ausgang und Parkplatz überqueren, als ich beinahe von einer rasenden Karawane sogenannter „blauer Autos“ überfahren wurde. Drei A-Klasse Mercedes mit verdunkelten Fensterscheiben und lauten Sirenen schossen ungeachtet des Zebrastreifens, den ich überqueren wollte, an mir vorbei, um laut quietschend vor der Einfahrt des Flughafens zu bremsen. Mit derselben Geschwindigkeit wie sie angerast kamen, sprangen vier Anzugträger aus dem mittleren Auto und öffneten die Hintertür des Mercedes. Ein ebenfalls in Anzug und Krawatte gekleideter Mann mit verspiegelter Sonnenbrille stieg aus und wurde von den anderen in das Flughafengebäude begleitet. Wer bitte war das?

„Der Regionalpräsident“, sagte ein Taxifahrer neben mir als Antwort auf mein verwundertes Gesicht.

„Aha.“

„Immer ein enormer Aufwand, wenn er unterwegs ist. Reist um die Welt mit unseren Steuergeldern“, kommentierte der Taxifahrer trocken, während er sich eine Zigarette anzündete.

„Verstehe“, sagte ich, ohne ihm viel Beachtung zu schenken.

„Da ruft Sie jemand“, fügte er hinzu und deutete lächelnd mit dem Kinn in Richtung Parkplatz. „Sie brauchen dann wohl kein Taxi.“

Ich war so überwältigt von der Szene gewesen, dass ich am Zebrastreifen verharrt war, ohne den kleinen weißen Seat von meinem Papá wahrzunehmen. Der aber stand im Halteverbot und so rannte ich ihm entgegen, verstaute schnell die Koffer überall wo Platz war, ohne Zeit für Umarmungen, denn die könnten uns teuer zu stehen bekommen, wie die Politesse mit ihrem mahnenden Blick andeutete.

Während der Fahrt redeten wir kaum. Mein Vater war ein Mann weniger Worte, zudem billigte er meine Rückkehr nicht. Um Diskussionen zu vermeiden, schwiegen wir. Ich genoss die Fahrt auf der Autobahn. Die milde Luft, die aus dem geöffneten Fenster hineinströmte umschmeichelte meine erkaltete Seele. Ich sah über die in den blauen Himmel ragenden Müllberge hinweg zu den kleinen Fischerbooten am Meereshorizont, die in der sengenden Sonne vor sich hintrieben. So fuhren wir schweigend über die unebene Küstenstraße bis zur Stadt. Nur mein Telefon unterbrach die Stille.

„Willkommen zurück.“ Die fröhlich klare Stimme meiner Cousine Stella war die schönste Begrüßung. „Kommt doch heute Abend zu uns zum Essen. Meine Mutter hat bereits ein Festmahl vorbereitet.“ Ich willigte mit Zustimmung von Papá ein.

Den von der Autobahn kommenden Besuchern zeigte die Stadt seine abscheulichste Seite. Große karge Betonbauten wandten den Anreisenden ihr abschreckendes Äußeres zu, als wollten sie sagen: „Nein, komm nicht hierher, geh weg, wir wollen dich nicht.“ Wagte man sich dennoch in die Innenstadt, blieb man verzaubert von seinen Palmenalleen, den Brunnen, dem malerischen Hafen und den antiken Gebäuden. Schade um die Bewohner, sagte so manch böse Zunge, die sind borniert und arglistig. Nur Neider, fand ich.

Im ratternden Seat überquerten wir die lange Viale Federico II mit den Prachtbauten, dann die heruntergekommenen Altstadt, bis sich dahinter bröckelige Hochhäuser auftaten, fast am Stadtrand, nicht weit weg von der Autobahn, die in den Süden führte. Dort war mein altes, neues Zuhause, nur wenige Schritte vom Markt entfernt. In einem sechsstöckigen Palazzo, eigentlich waren es fünf Stockwerke, der sechste Stock wurde nur halb fertig, wegen der fehlenden Baugenehmigung. So kam ich aus einem hochmodernen Appartement mit Ikea-Einrichtung in Kopenhagen zurück an diesen schmucklosen italienischen Stadtrand.

2. Engelszungen

Als Caterinas Wecker klingelte, verfluchte sie sich selbst und den Rest der Welt. Die Flasche Rotwein, von der sie gestern nur einen Schluck, vielleicht ein Gläschen hatte trinken wollen, die sie dann aber doch ganz geleert hatte, forderte ihren Tribut.

Der angekündigte Regen war gekommen, das bedeutete noch mehr Chaos auf den Straßen, was unvereinbar mit ihren unerbittlichen Kopfschmerzenden war. Zudem leuchtete ihr Hintern blau und grün, obwohl sie Zentner von Arnikasalbe darauf geschmiert hatte. Ein Haufen Papierkram wartete im Kommissariat auf sie, elende Bürokratie die keine Gnade kannte.

Nach der morgendlichen Toilette überschminkte sie die dunklen Augenringe mit einer doppelten Schicht Abdeckstift und schlüpfte in ein blaues Etuikleid von Prada, das sie kürzlich in Rom gekauft hatte. Dazu blaue Pumps, einen beigen Trenchcoat und die blaue Shoppingtasche. Sie achtete penibel darauf, nie mehr als zwei verschiedene Farben zu tragen.

Das Polizeipräsidium lag auf halbem Weg zwischen dem Altstadtviertel und dem Hafen, hinter der barocken Kirche Sant Antonio und dem Opernhaus, in der kleinen Piazza Nettuno mit einem Brunnen in der Mitte, auf dem ein nackter Neptun thronte. Bevor man in die Piazza einmündete, kam man an einer Cafférösterei vorbei, die den Ruf genoss, den besten Espresso der Stadt zu brühen und zudem noch köstlichstes Gebäck herstellte.

Caterina stellte den Cinquecento auf ihrem Parkplatz ab und ging ins Café Nettuno. An der Theke bestellte sie einen doppelten Espresso und Cantuccini des Hauses, die sie in die Tasse hineintunkte, während sie die Zeitung las.

Überall derselbe Schund, widerlich.

Je nach Zeitung stand über die Tote nur eine Zeile oder eine ganze Spalte mit Foto, der Inhalt immer derselbe, im schönsten Journalistenjargon zusammengereimter Schwachsinn.

Die Medien waren doch nur ein von den politischen Parteien gelenktes, auf Papier gedrucktes Schattenparlament. Nur den investigativen Journalisten fühlte sie sich verbunden, die waren die Einzigen, die Respekt verdienten.

Als sie sich dem nächsten Artikel widmete verharrte sie kurz.

„Die Schande meiner Zunft“ war er schwülstig überschrieben, und verwies auf einen Inhalt, der für das Medienzeitalter eine ungewohnt gehaltvolle Tiefe versprach.

Von Chefredakteur Giorgio Bernardi:

Als ich noch ein kleiner Junge war, sagte meine Mutter zu mir: „In einer Welt voller Verrückter ist der Verrückte der Normale. Junge, sieh zweimal hin, bevor du über jemanden urteilst, ob er dieses Urteil auch verdient.“ Als ich dann als junger Spund in meine erste Redaktion kam, sagte mein Chefredakteur zu mir: „Sohn, wenn du diesen Beruf ausüben willst, muss dein Geist so offen sein wie die Beine einer kubanischen Hure. Denn du musst sehen, was andere ignorieren, um an die Wahrheit zu gelangen.“

Im Grunde hatten beide dasselbe gesagt, nur mit etwas anderen Worten.

In meiner langjährigen Laufbahn als Journalist konnte ich viel erleben, hinter viele Fassaden blicken, Zeuge unzähliger Tragödien und tiefer menschlicher Abgründe werden. Ich sah viel und nur wenig berührte mich noch. Zynismus ist nun mal die schreckliche Begleiterscheinung meiner Zunft. Doch keiner dieser Ereignisse hat mich jemals so tief berührt wie das Schicksal dieser Person, die - obwohl mir vollkommen fremd - unwiderruflich in mein Gehirn gebrannt ist.

Ein schlafender Engel lag auf dem rauen Asphalt, die Haare golden in der Sonne schimmernd wie kostbare Seide. Nur am Ansatz kam die natürliche Farbe durch. Ihr junger Körper, schlank und makellos, gehüllt in weißes Leichentuch. Keiner, der um sie weinte, niemand, den sie zurückgelassen hatte, außer dem alten Vater.

Ich hatte dieses Mädchen schon zuvor gesehen, heruntergekommen, blass, ein Schatten ihrer selbst. Die Haare zerzaust, die Haut fahl, das Gesicht abgemagert. Nur ihre großen braunen Augen und die vollen Lippen erinnerten vage an die blühende Schönheit, die sie vor nicht allzu langer Zeit gewesen sein musste, und die das Leben ihr viel zu früh nahm. Trotz allem ist sie mir in der Menschenmenge aufgefallen. Weil sie so unendlich traurig aussah.

In ihrem Zimmer fand ich einen Briefwechsel. Ich las die Briefe. Sie handelten von jenen Schicksalen, die sich tagtäglich von der hektischen Welt unbemerkt hinter verschlossener Tür oder sogar im Nachbarzimmer abspielen. Unangenehme Wahrheiten, die Journalisten oder diejenigen, die sich für solche halten, als Tratsch abtun. Aber als Chronist kann ich den Lesern diese Geschichte nicht vorenthalten, denn sie erzählt von einem dieser typischen Charaktere, wie sie nur der Verfall dieser verlorenen Generation hervorbringen konnte.

Auszüge aus dem Briefwechsel exklusiv in der Sonntagsausgabe.

Es war Dienstag.

Caterina kochte vor Wut. Wie konnte das der Spurensicherung gestern entgangen sein. Stümper! Sie musste um jeden Preis verhindern, dass die möglichen Beweismaterialien veröffentlicht wurden. Noch vertieft in die Lektüre, strömte ihr von gegenüber ein süßlich penetrantes Rasierwasser entgegen, vermischt mit beißendem Tabakgeruch, der immer intensiver in ihre Nasenhöhlen drang.

„Unsere Kommissarin ist eine Rote“, sagte eine tiefe Stimme.

Wenn Caterina eines hasste, dann Witze oder Kommentare über ihre Haarfarbe.

„Wie bitte“, sagte sie in scharfem Ton.

„Sie lesen ‚La Piazza’, na ja, die kommunistischste Zeitung der Stadt. Dass die überhaupt jemand liest.“

Caterina blicke von der Zeitung auf und taxierte ihr Gegenüber: Vor ihr stand ein großer, schlanker Mann mit krausem Haar, glattrasiert, im grauen Anzug, teuren Lederschuhen, schwarzer Aktentasche und dem Blick derer, die sich für etwas Besseres hielten, weil sie das System austricksten. Anwalt!

„La Menta, wie die Minze. Strafverteidiger. Sie buchten sie ein, ich hole sie raus.“ Er grinste schelmisch über seinen eigenen dämlichen Spruch.

Aus einem beschlagenen Glas trank er einen Schluck eisiges Wasser.

„Sie sollten nicht alles glauben, was die schreiben, schon gar nicht diese Kommunisten von ‚La Piazza’.

Caterina lächelte kommentarlos.

„Darf ich Sie zu einem Caffé einladen, Commissario Calanca?“

Dieser Typ hatte etwas Aalglattes, was ihr den Caffé wieder zurück in die Speiseröhre laufen ließ.

„Liebend gerne, aber ich war im Begriff zu gehen, dringende Termine.“

„Ich bestehe darauf. Sergio, zwei Caffé. Schwarz oder macchiato, Commissario?“

„Schwarz”, kapitulierte Caterina.

„Sie sind also die Nachfolgerin von Commissario Gesualdo Russo. Wusstest du, Sergio, dass sie nicht nur die schönste, sondern auch die jüngste Kommissarin Italiens ist. Und wir haben das Glück, sie bei uns zu haben.“

Caterina lächelte sichtlich verstört von so viel unnötiger Arschkriecherei.

„Nun ist die Frage, haben Sie auch den physique du rôle?”

Caternia stockte.

„Ihr Vorgänger, der wusste Bescheid. Ein gewisser Umgangston, kleine Gefälligkeiten sind das Schmieröl unserer ach so wunderbar komplexen Gesellschaft, ohne die alles ins Stocken gerät. Sie sind doch ehrgeizig, wollen bestimmt weiterkommen. Nun, ich kenne viele Leute hier in der Stadt, von hochrangigen Persönlichkeiten bis zu einfachen Straßenhändlern. Falls Sie etwas benötigen sollten, hier ist meine Karte.“ Als er ihr die Visitenkarte reichte, blitzte eine goldene Uhr grell auf.

„Ich muss jetzt wirklich los.“

„Alles auf mich, Sergio“, rief er laut über die ganze Bar.

„Nein, ich zahle selbst, danke.“

„Sie verstehen nicht, hier im Süden sind wir Männer Kavaliere. Es ist verpönt, eine Frau bezahlen zu lassen. Lassen Sie es zu, das macht das Leben leichter.“

Dieser schmierige Typ war Gift für ihr Gemüt, das ihr schon um neun Uhr morgens die Galle hochgekommen ließ.

„Schönen Tag noch“, sagte sie mit falschem Lächeln.

„Übrigens, Commissario, ich wollte Ihnen noch sagen, dass –“

Ohne ihn weiter zu beachten, brach sie zum Präsidium auf.

Am Eingang saß Cinzia in Polizeiuniform, der Caterina ihre Frage nach der Adresse der „La Piazza“ zurief: „Finde heraus, wann Redaktionsschluss ist.“ Hinter dem aus dem neunzehnten Jahrhundert stammenden Atrium lag ihre Abteilung. Stinksauer mit der gefalteten „Piazza“ unterm Arm stöckelte sie zu ihrem Büro.

„Commissario, Commissario“, rief ein Mitarbeiter durch den Gang. Zu viel für ihren verkaterten Kopf. Sie befahl Vice-Commissario Tommaso Salinas und Ispettore Ugo Grillo unverzüglich in ihr Büro.

Tommaso war ein aufgeweckter Kerl, etwas älter als sie, vielleicht Mitte dreißig, ehrgeizig, seit Kurzem Vater einer kleinen Tochter und ambitioniert, eines Tages ihren Posten zu übernehmen. Dass dieser nach der Pensionierung von Russo nicht an ihn, sondern an eine jüngere Frau aus dem Norden ging, frustrierte ihn zwar, aber er ließ es nicht an Caterina aus, was sie zu schätzen wusste. Angeblich musste er noch Erfahrungen sammeln, aber beide wussten, dass politische Gründe hinter diesem Schachzug steckten, auf die weder Caterina noch Tommaso Einfluss hatten.

Ugo schien aus anderem Holz geschnitzt zu sein. Gröber, träger und weitaus weniger intelligent als Tommaso, dafür mit der List des kleinen Mannes ausgestattet. Er war ein Relikt ihres Vorgängers, das sie hinnehmen musste.

Nervös wippte Caterina mit der Schuhspitze unterm Schreibtisch des mit alten Holzmöbeln eingerichteten Büros und sah die beiden mit zusammengekniffenen Augen an.

„Heute mit dem falschen Fuß aufgestanden, was Commissario“, fragte Ugo mit einem idiotischen Grinsen. Nur mit großer Selbstbeherrschung konnte sie fortfahren. Mit dem Finger klopfte sie auf die Titelseite von A.s kommunistischster Zeitung.

„Warum wurden diese Briefe nicht beschlagnahmt. Wie zum Teufel –“

„Commissario, entschuldigen Sie die Unterbrechung“, sagte Tommaso sanft, „aber da war nichts in dem Zimmer. Nur das Notizbuch, und das haben Sie ja mitgenommen. Und einen Laptop, darin hat die Spurensicherung nichts auffälliges gefunden“

Caterina machte einen tiefen Atemzug und spielte mit Zeigefinger und Daumen an ihren langen roten Haaren.

„Soso“, sagte sie und verschwieg vorerst, dass sie der Sache nachgehen würde.

„Ist der Obduktionsbericht schon da, vermutlich nicht.“

„Doch“, sagte Ugo mit stolzer Miene.

„Ach. Und?“

Tommaso wollte das Wort ergreifen, doch Caterina stoppte ihn mit einer Geste.

„Nun, Ispettore Grillo, was steht darin. Nur die relevanten Fakten bitte.“

Er wurde unruhig, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, das runde Gesicht lief rot an. Tommaso warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, den sie ignorierte, während Ugo den dünnen Pappumschlag aufklappte und sich über ihn beugte.

„Nun … ähm … also: Die Tote hieß Emma Bellacqua, achtundzwanzig Jahre, Journalistin bei TGA, dem hiesigen Lokalsender. Die Wunde am Kopf und die fehlende, ähm, also das Ergebnis der Toxi– … Drogen -“ Mein Gott, dieses Gestammel war unerträglich. Sie lächelte ihn an wie man hoffnungslos unbegabte Schüler anlächelte.

„Danke. Vielleicht möchte Vice Commissario Salinas noch etwas dazu sagen.“

Tomaso kannte den Obduktionsbericht auswendig.

„Todesursache Schädelbruch sowie innere Blutungen verursacht durch den Aufprall. Keine Spuren von einem Kampf oder Vergewaltigung. Toxikologischer Befund war negativ. Sonstige Fremdeinwirkungen ebenfalls negativ, es wurden weder Fingerabdrücke noch Splitter, Fasern oder Blutergüsse an der Leiche gefunden. Der Tod trat sofort ein.“ Caterina nickte zufrieden.

„Was hat die Zeugenbefragung ergeben? Hat wohl keiner etwas gesehen, was?“

„Nicht so voreilig Commissario, haben Sie etwas Vertrauen. Alle die wir befragten, circa acht Zeugen, darunter Passanten und ein Parkwächter, sahen wie die Bellacqua wenige Augenblicke am Fenster verharrte, mit dem Blick erst in die Ferne gerichtet und dann nach unten, bevor sie sprang. Niemand sah eine andere Person am Fenster stehen, der Vater war nicht zu Hause, als es passierte, noch schien sie irrtümlich gefallen zu sein.“

Caterina faltete die Hände und stütze ihren Kopf darauf.

„Zu welchem Schluss seid ihr gekommen?“

„Eindeutig Selbstmord, Commissario“, sagte Tommaso und Ugo nickte zustimmend.

„Dann kann ich die Akte schließen?“

„Ja“, sagten sie im Chor.

„Aber zuerst muss ich zum Chefredakteur der Piazza.“

„Viel Erfolg, Commissario.“ Sie standen auf und gingen zur Tür. „Übrigens, Commissario –“, sagte Ugo beim Hinausgehen, aber er wurde von der entgegenkommenden Cinzia abgehalten, weiterzureden.

„Hier ist die Adresse der Redaktion Commissario, liegt nicht weit von hier, in der Via Della Minerva. Redaktionsschluss ist um zwanzig Uhr. Ich habe Ihnen auch die Telefonnummer aufgeschrieben, aber mit Verlaub, ein Ratschlag, vielleicht sollten Sie direkt hinfahren. Wenn Sie einen Termin vereinbaren, dann kann es sein, dass der Chefredakteur zu beschäftigt ist.“

„Sehr gut, Cinzia, aber ich bin Kommissarin, das wäre ja absurd.“ Cinzia zuckte mit den Achseln, und Caterina hob den Hörer ab.

Die Sekretärin von „La Piazza“ würde den Terminplan ihres Chefs checken und sofort zurückrufen, na bitte.

„Das wäre dann alles, Cinzia.“

Die junge Polizistin lächelte und machte einen Schritt in Richtung Tür. Dann drehte sie sich nochmals um: „Übrigens, Commissario, Sie –“ Der metallene Ton des veralteten Telefons unterbrach sie, Caterina hob ab und man hörte wie Cinzias Schritte sich entfernten.

„Calanca.“

„Commissario, hier spricht die Redaktion von La Piazza. Chefredakteur Bernardi bedauert es wirklich sehr, aber er hat heute leider keine Zeit für Sie. Ich rufe Sie morgen wieder an, Commissario.“

Sie beendeten das Gespräch und Caterina stieg erneut der Caffé empor. Für wen zum Henker hielten die sich alle. Keinen Respekt vor Autoritäten. Aber Cinzia hatte sie vorgewarnt.

Entrüstet nahm sie ihre Chanel-Tasche und fuhr in die Via Della Minerva, fuchtelte vor der molligen Sekretärin mit ihrer Polizeimarke, drohte mit einem Aufstand, einer Klage wegen Behinderung der Justiz, bis diese ihrer Penetranz erlag.

„Die rote Katze, ja, so werde ich Sie von jetzt an nennen. Geschmeidig wie ein roter Puma schlich die Kommissarin auf Samtpfoten in mein Büro“, bemerkte Chefredakteur Bernardi. Ein älterer Mann, hager mit eingefallenen Wangen, graumeliertem Haar und noch dunkleren Augenringen als ihren eigenen heute Morgen, bemerkte Caterina.

„Ihre Süffisanz in allen Ehren, aber ich bin Kriminalkommissarin und versuche, den Tod einer Frau aufzuklären, Dottore Bernardi.“ Sie nahm unaufgefordert Platz.

„Den aggressiven Ton brauchen Sie wohl, um sich im Kommissariat Respekt zu verschaffen. Muss ja nicht einfach sein als junge Frau in diesem Testosteronhaufen. Ich kenne diese Einstellung, manche Frauen in meiner Redaktion machen das genauso. Wie lange sind Sie hier, einen Monat? Sie müssen lernen, dass die Uhren hier anders ticken.“

Er zwirbelte an seinem vergilbten Bart und zündete gelassen eine Zigarette an, deren Asche er in den überfüllten Aschenbecher neben sich auf dem Tisch rieseln ließ.

„Ich befinde mich, wie gesagt, inmitten einer Ermittlung“, sagte sie. „Und die Zeit drängt.“

„Wenn Tote von etwas im Überfluss haben, dann ist es Zeit. Aber da Sie schon mal hier sind, was kann ich für Sie tun?“

„Ich komme gleich zum Punkt. Ihr Artikel über Emma Bellacqua, da steht was von Briefen –“

Er lachte laut auf.

„Ach, das.“

„Was ist so lustig daran.“

„Ein gewisser La Menta war bereits hier, der wollte dasselbe wie Sie. Jetzt habe ich den perfekten Vorwand. Die Polizei hat mir die Briefe abgenommen.“

„Ich verstehe nicht.“

„Nun, ich habe mir das alles nur ausgedacht. Fragen Sie den Vater der Toten, ich war nie in dem Appartement. Mein Ziel war es, jemanden zu piesacken, und es ist mir gelungen.“

Also hatten Tommaso und Ugo die Wahrheit gesagt. Sie würde sich bei ihnen entschuldigen – oder auch nicht.

„Und das soll seriöser Journalismus sein?“

Er krempelte den Ärmel seines hellblauen Hemdes hoch, lehnte sich vor, stütze die Ellbogen auf und sah Caterina mit bohrendem Blick direkt in die blauen Augen.

„Was kann ich schon tun. Strafverfolgung ist nicht mein Job, sondern Ihrer. Ich führe meinen Kampf mit Worten.“

Er nahm einen so intensiven Zug an seiner Zigarette, dass die noch glühende Asche auf den Tisch fiel. Mit einer raschen Handbewegung wischte er sie vom Tisch in einen großen kristallenen Aschenbecher.

„Die Bellacqua, die war ein frischer Wind in diesem vulgären Zirkus den man heutzutage Fernsehen nennt. Kein Vergleich zu den überschminkten, inkompetenten Hühnern mit den Ich-will-unbedingt-ins-Fernsehen-Gesichtern, diesen nützlichen Idioten, die man hinter die Moderationstische der Lokalsender setzt. Emma war auf dem Weg, ein echter Profi zu werden, blickte in eine strahlende Zukunft, hätte sie sich nur in einem anderen Land befunden. Doch dann machte sie einen Fehler.“

„Welchen Fehler?“

„Kann ich nicht sagen, Berufsgeheimnis.“

Caterina knirschte mit den Zähnen.

Er zog wieder an der Zigarette und blies den Rauch ringförmig aus.

„Ah, diese Zigaretten. Das Laster, Commissario. Das Laster ist die wahre Geißel unserer Gesellschaft.“ Er drückte den Glimmstängel aus.

„Nun, gegen das Laster an sich ist nichts einzuwenden. Aber wenn es zur Modeerscheinung wird, verwandelt es sich in Tugend. Eine Art kriegerischer Akt gegen die Moral einer gesamten Generation. Etabliert sich das Laster dann zum Motor eines Machtsystems, dann sollte die Öffentlichkeit aufwachen. Lassen Sie es mich so formulieren: Wir haben einen Caravaggio unter uns, der aus Huren Heilige sowie aus Schurken ehrbare Männer macht. Er nutzt schamlos die Sittenlosigkeit aus, um seine Macht damit zu nähren. Aber muss ich das hinnehmen? Muss ich hinnehmen, dass Arbeitslosigkeit, leere Stadtkassen uns von Rom abhängig machen wie einen Fixer von seinem Dealer, um mit der rettenden Finanzspritze das marode System wiederzubeleben? Die Trägheit der Menschen hier macht das alles möglich, sie nehmen diesen Zustand mit Nonchalance hin, anstatt eine Revolution anzuzetteln. Ja Sie haben richtig gehört, eine Revolution bräuchte man hier!“ Caterina machte ein interessiertes Gesicht, denn sie verstand nur Bahnhof.

„Mit Verlaub, Dottore Bernardi, ich bewundere ihren Elan. Und bei allem Respekt für Ihre Arbeit, aber ich habe keine Zeit, mich mit Machtspielchen abzugeben. Da draußen laufen Verbrecher herum. Jeder von uns sollte seine Kämpfe austragen und nicht dem anderen in die Quere kommen. Also, wenn ich nur ein Wort, egal ob wahr oder erfunden, von einem vermeintlichen Brief der Emma Bellacqua irgendwo abgedruckt sehe, dann verklage ich Sie.“

Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Dieser Stadt sollten Sie etwas gewandter begegnen, wie eine Katze eben, die sich geschmeidig durch die Zwischenräume windet, anstatt auf Konfrontationskurs zu gehen.“

„Auf Wiedersehen, Dottore Bernardi, ich werde Sie mit Eifer lesen.“ Lächelnd stand Caterina auf und gab dem Chefredakteur die Hand.

„Ach, übrigens, Commissario, hübsches Kleid.“

„Danke. Aus dem großzügigen Rom.“

Auf der Rückfahrt zum Kommissariat machte Caterina einen Umweg über das Hafenviertel. Eine innere Unruhe machte sich in ihr breit und ihre Gedanken kreisten wie wilde Fliegen um eine tote Maus. Was zum Teufel war hier los? Wieso löst dieser Selbstmord einen solchen Wirbel aus?

Ja, die Tote war jung und bildschön gewesen, aber als Journalistin viel zu unbedeutend, als dass man sich die Mühe machen würde einen Selbstmord vorzutäuschen, um sie aus dem Weg zu schaffen. Eine Mafiajägerin war sie wahrhaftig nicht.

Und warum würde eine renommierte Tageszeitung wie die La Piazza eine Ente platzieren, um jemanden zu piesacken? Das kann nicht irgendjemand sein? Caterina kam das alles suspekt vor.

Aus dem Fahrerfenster blickend sah sie die Stege, an denen die Frachtschiffe und Fähren anlegten. Am letzten Kai ragte ein enormes Kreuzfahrtschiff empor, das Touristenhorden ein- und wieder auslud. Man merkte es immer, wenn eines dieser Schiffe in der Stadt angelegt hatte, weil die Märkte dann voller kauffreudiger Bummler war.

Moment! Der Markt! Caterina zuckte zusammen, spulte blitzartig ihre Erinnerung zurück, erst schnell, dann immer langsamer wie ein Filmband, bis sie an der entscheidenden Stelle anhielt. Ihr Wagen stoppte am Straßenrand.

Sie stand jetzt wieder am Markt und starrte gedankenverloren auf die Szene, die sich vor ihrem inneren Auge abspielte.

Kurz nachdem der Selbstmord in der Online-Presse erschien, tauchte ein Politiker auf dem Markt in der Nähe des Tatorts auf. Wäre Caterina nicht so brüsk hingeflogen, dann hätte sie dem mehr Bedeutung beigemessen.

Dann wäre ihr am nächsten Morgen im Café Nettuno das zufällige Treffen mit dem aalglatten Strafverteidiger nicht mehr als Zufall vorgekommen.

Und was hatte der Markthändler Pierino gemeint, als er zur dicken Frau gesagt hatte: „Ob ihr Vater wusste, dass sie so eine war?“ Vielleicht war sie eine Edelprostituierte gewesen, die zu viel wusste und erpresst wurde? Oh, Emma Bellacqua, in was bist du da reingeraten?!

Ein lautes, intensives Hupen ließ Caterina aufschrecken.

„Ja, ja, entspann dich, ich fahre ja“, fauchte sie.

Es war bereits später Nachmittag, als Cinzia ins Büro kam. Ihr Gesicht war mit roten Flecken übersät, als hätte sie einen allergischen Ausschlag.

„Commissario, Dottore Rossi würde Sie gerne sprechen“, sagte sie mit bebender Stimme.

“Bitte, er soll hereinkommen!”

Leitender Ermittler der Finanzpolizei Tenente Colonello Marco Rossi, genannt „der Schöne“, war eine lokale Berühmtheit. Die abenteuerlichsten Gerüchte kursierten über ihn, er habe Frauen in den Wahnsinn getrieben, mehr als nur eine Ehe zerstört, im Bett sei er ein Gott und von selbigen mit generösen Attributen gesegnet. Keine könne ihm widerstehen und er würde keine von der Bettkante stoßen, insofern sie seinen Ansprüchen genüge.

Caterina ließ dieser Klatsch – ob er nun stimmte oder nicht - völlig kalt. Es bedurfte mehr als einen testosterongeladenen Stier, um sie in Erregung zu versetzen.

Sich ihrer Immunität gegenüber Rossis Reizen sicher, erlaubte sie sich ihm gegenüber eine distanzierte Freundlichkeit.

„Guten Abend, Tenente Colonello, bitte nehmen Sie Platz.“

Cinzia stand wie versteinert an der Tür, in der Hoffnung, die Trennung von ihrem Schwarm noch hinauszögern zu können, fügte sich aber dann widerwillig den Anweisungen Caterinas, die Tür hinter sich zu schließen.

„Auf Wiedersehen, Tenente“, säuselte Cinzia, und er antwortete mit einem Augenzwinkern. Marco Rossi kannte seine Wirkung auf Frauen nur zu gut, und scheute sich nicht, sie einzusetzen. Sanft strich er über das kurze samtige Haar, begrüßte die Kommissarin mit einem festen Händedruck, ein breites Lächeln entfaltete seine ganze Attraktivität, verfing sich in den braunen Augen, den ebenmäßigen Gesichtszügen, den vollen, sinnlichen Lippen, hinter denen weiße Zähnen aufblitzten. Ein dezenter Duft von Nelken entwich seiner bernsteinfarbenen Haut. Der stattliche, in einer khakibraunen Uniform gekleidete Mann stand in voller Pracht vor der völlig unbeeindruckten Caterina.

„Guten Abend, Commissario. Wie schön, Sie wiederzusehen“, heuchelte er, denn die beiden waren sich von Beginn an unsympathisch.

„Was kann ich für Sie tun, mein lieber Tenente Colonello?“

„Werte Commissario, es geht um den Fall, an dem Sie gerade arbeiten.“

„Den Selbstmord?“

„Ja.“

„Fall ist übertrieben, die Sache ist abgeschlossen.“

„Und wenn ich Sie bitten würde, Ihre, wie soll ich sie nennen, Ermahnung an Dottore Bernardi zurückzunehmen und den Abschlussbericht vielleicht noch einen Weile hinauszuzögern? Anstiftung zum Selbstmord ist strafbar laut Artikel 580 des codice penale.“

„Ich kenne das Strafgesetzbuch.“

Caterina wurde skeptisch.

„Was hat die Finanzpolizei mit einem Selbstmord zu tun?“

„Nun, mit Ihrem Besuch bei La Piazza haben Sie sich in meinen Fall eingemischt, was Sie natürlich nicht wissen konnten.“

Mit den Fingerkuppen strich er sich zaghaft über das glattrasierte Kinn.

„Tatsache ist, dass wir jemanden überwachen, der, sagen wir mal so, indirekt mit der Sache in Verbindung steht. Dieser Artikel sollte eine Falle sein. Wissen Sie, die La Piazza ist einer der wenigen furchtlosen Zeitungen, mit denen wir ab und zu zusammenarbeiten.“

„War die Bellacqua an einer Story dran?“ Zweiter Versuch.

„Ich kann leider nicht über laufende Ermittlungen sprechen, Commissario.“ Er lächelte wieder charmant. Gerissen, „der Schöne“. Zweite Abfuhr.

Caterina lehnte sich zurück, betrachtete ihn kurz, um seiner Offensive mit einem ebenfalls zuckersüßen Lächeln zu entgegnen.

„Sie benutzen eine Selbstmörderin zu Ihren Zwecken, wollen ihren Namen in den Dreck ziehen, um an Ihr Ziel zu kommen, und ich soll Ihnen bei dieser machiavellistischen Art, Ermittlungen zu führen, auch noch helfen, ohne eingeweiht zu werden?“

„Nun, Commissario, eine Hand wäscht die andere. Wenn Sie eines Tages etwas von mir benötigen sollten, dann –“

Sie räusperte sich. „Es gibt keine Beweise, noch nichtmal Indizien im Sinne von Art. 580. Dem Abschlussbericht steht also nichts mehr im Wege.“

Der freundliche Ton, der die bisherige Konversation dominierte, zerschellte augenblicklich an Caterinas Kompromisslosigkeit. Die Kommissarin, die Einmischungen in ihre Fälle partout nicht duldete, empfand es außerdem als Beleidigung, wenn jemand versuchte, sie mit Charme zu manipulieren.

„Manchmal muss man ein kleines Unrecht tun, um viel Gutes zu bewirken, Commissario.“

Rossi´s Blick, der seine Überlegenheit verloren hatte, wanderte konzentriert die Wand des Büros entlang, dort wo die eingerahmten Errungenschaften der Kommissarin hingen. Abschluss mit Auszeichnung an der Rechtsfakultät der Universität Bologna, Polizeiakademie, Ernennung zur Kommissarin, das alles in weniger als zehn Jahren. Dann musterte er sie genau und nickte.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, murmelte er.

„Allerdings.“

„Heute Morgen sprachen Sie mit einem gewissen La Menta und fuhren dann zur Redaktion richtig?“ Er fasste sich an die Stirn und zog dabei die dichten Augenbrauen zusammen.

„Ich dachte immer, Ihre Arroganz käme daher, dass ihr aus dem Norden auf uns herabschaut als seien wir ignorante, rückständige, abergläubische Bauern. Aber jetzt erst verstehe ich.“ Er seufzte, als bereue er bereits das gleich Gesagte. „Im Zuge einer Neuorientierung hat man den alten Russo in Pension geschickt und mit diesem bildhübschen enfant prodige ersetzt. Ich hätte es wissen müssen, eine Gesegnete!“ Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Eine Gesegnete?“

„Ja eine Gesegnete. Das sind Personen mit geringer Erfahrung die auf wundersame Weise in eine Position gehievt werden, weil Sie einen Heiligen haben – einen einflussreichen Gönner – der sie dorthin bringt und beschützt im Gegenzug für Gefälligkeiten“

Caterina Calanca spürte den Caffé aufsteigen, bereits das dritte Mal an diesem Tag, und griff zum Höher.

Sie bat die freudig erregte Cinzia, den Colonello hinauszubegleiten.

„Übrigens, Commissario“, sagte Rossi, beim Verlassen des Büros.

„Was?“

„Entzückendes Kleid, was Sie da anhaben. Neu?“

„Sagt das auch Ihr scharfer Beobachtungssinn?“

Er kam einige Schritte näher, beugte sich vor und flüsterte: „Das verrät allein das Preisschild, das noch am Verschluss baumelt. Cinzia unterdrückte ein Kichern. Caterinas transparente Haut errötete schlagartig. Sobald die beiden in der Tür verschwanden, verbarg sie ihr Gesicht in den Händen.

Nach wenigen Augenblicken der Schmach klärten sich die Gedanken: Es war an der Zeit, das Notizbuch der Bellacqua genauer unter die Lupe zu nehmen. Darin könnte der Schlüssel zu dem Rätsel liegen.

3. Wilder Wind

Durch die offene Balkontür in Caterinas Wohnzimmer strömte milde Luft, die nach zartem Jasmin roch. Eine Eule rief heulend in die Nacht. Auf ihrem Sofa vor dem kalten Kamin lang ausgestreckt, das schwarze Notizbuch in der einen, ein Glas Zitronenlimonade in der anderen Hand, machte sich Caterina an die abendliche Lektüre.

Sonntag, 3 Uhr am Morgen

Wieder eine schlaflose Nacht. Seit Wochen schlafe ich nicht. Im Schatten der stummen Nacht kann ich am besten zu dir sprechen. Wahrhaftig, ich habe gar keine Lust diese Notizen zu machen , glitte der Stift nicht wie von alleine über seine Seiten.

Zwei Monate waren seit dem Abendessen bei Stella vergangen. Nichts wirklich Erwähnenswertes war seitdem passiert. Die Tage verstriechen hier langsam, ohne eine Ordnung, ohne ein Ergebnis.

Ich versuchte mich einzuleben, dem trägen Rhythmus des lokalen Lebens anzupassen, traf Menschen, trank Caffé, knüpfte Kontakte. Und noch mehr Aperitivi, Dinner, Feste, etc.

Ich gewöhnte mich schnell an diese Lebensart, auch wenn es mir wie Zeitverschwendung vorkam. Das süße Nichtstun maskiert als frenetisches Dasein. Ich verschickte Lebensläufe, sprach in allen Redaktionen vor, vergeblich.

Nur in der Nacht, da strömen die tiefsten Gedanken in meinem Kopf und ich habe einen meiner wenigen klaren Momente. Die ersten Zweifel kommen auf: War es richtig, alles in Dänemark aufzugeben und nach Italien zurückzukehren? Meinen sicheren Job als Assistentin bei einem großen Verlag kündigen und mich dafür als freiberufliche Journalistin in einem von Instabilität gezeichneten Land zu behaupten? Ich fühle mich konfus und verloren. War dies wirklich der geeignete Ort, um wieder von vorne anzufangen? Ich wünschte jemand würde mir helfen. Ein Schutzengel, der mir den Weg weist.

Um diese Gedanken zu verdrängen, gehe ich abends oft aus, feiere ausgelassen auf Partys in der wunderschönen Villa von Stellas Vater, dem Thunfischfabrikanten. Die Feste sind berühmt in der Stadt, die ausschweifendsten, gigantischsten und schillerndsten Feste Italiens, nein, der ganzen Welt! Alle strömen sie dorthin, Künstler, Adlige und solche die sich zur High Society zählen, die goldene Jugend der Region versammelt sich hier, angezogen von der erregenden Atmosphäre einer großzügigen Exklusivität.

Oft komme ich nach Hause, wenn mein Vater bereits zur Arbeit aufbricht, einer unwürdigen Arbeit, zu der er nach dem Konkurs unserer Firma gezwungen ist.

Verhält sich so ein braves Mädchen?

Ein unermüdlicher Südostwind rüttelt an meinen Jalousien in dieser milden Novembernacht. Wenn ich mich so in meinem Zimmer umsehe, wird mir klar, wie dumpf und traurig es ist. Die Möbel erinnern an eine Klosterzelle, minimalistisch, essenziell, traurig. Ich gestehe, auf einen besseren Anfang gehofft zu haben, hier in der Stadt der Brunnen, aber hier sitze ich mit leeren Händen. Keine Bewerbungsgespräche, keine Perspektive. Hier gelten andere Regeln, oder besser gar keine.

Leise schleiche ich zum Kühlschrank, um Papá nicht zu wecken, und gieße eisiges Wasser in ein Glas, um meine innere Unruhe zu lindern. Ich lehne mich an das geöffnete Küchenfenster und spüre die Ruhe der Nacht, allein gestört vom wilden, staubigen Wind der friedlos durch die kargen Bäume bläst.

Auch der Wind folgt seinem Weg, den nur er selbst bestimmt und mit einer Kraft, die einem keine andere Wahl lässt, als sich ihm zu beugen. Die Natur folgt ihren eigenen Gesetzen. Aber vielleicht kündigt gerade diese stürmische Nacht den Tag an, an dem sich alles ändert. So schlafe ich ein, als mein Vater bereits zur Arbeit geht.

Etwas Unerwartetes passierte. Aus dem Mondschein griffen Morpheus Arme nach der wehrlosen Caterina, und als sie sich aus der Umarmung des drakonischen Gottes befreien konnte, war es bereits Morgen. Und wieder fielen zahlreiche Heilige vom Himmel.

4. Das Debüt

Es versprach ein ruhiger Nachmittag im Kommissariat zu werden. Die Sonne strahlte in den stahlblauen Himmel hinein. Caterina saß am Schreibtisch in einem schwarzen Hosenanzug und glamouröser Föhnfrisur, die ihr den schmeichelnden Vergleich mit Rita Hayworth eingebracht hatte. Sie war gerade vom Frisör gekommen und arbeitete am Abschlussbericht des Falls Bellacqua. Plötzlich brach Hektik aus. An ihrer geöffneten Tür rannten alarmierte Polizisten vorbei, ein aufgebrachter Tommaso stürzte zu ihr ins Zimmer.

Angelehnt am Türrahmen mit den Autoschlüsseln in der Hand keuchte er: „Commissario, ein Mord in der Nähe des Rathauses.“

Caterina sprang vom Schreibtisch auf, nahm Marke und Dienstwaffe aus der Schublade und lief gemeinsam mit Tommy zum Fuhrpark, wo die Dienstwagen standen. Das Adrenalin war ihr in alle Gliedmaßen geschossen, angesichts des ersten Mordfalls hier in ihrem Revier. Endlich würde sie sich beweisen können.

„Wo ist Ispettore Grillo?“, fragte sie Tommaso am Steuer eines Alpha Romeo.

„Am Tatort, Commissario.“

„Tommaso, hör schon auf mit dem Commissario, wir können uns duzen“, sagte sie in der Aufregung, und Tommaso schien sich über die unerwartete Anerkennung zu freuen. Sie rasten mit Sirenen und Aufgebot von fünf Streifenwagen zum Tatort.

Die Via del Pistacchio lag im Herzen der Stadt und verband die bevölkerte Einkaufsstraße Viale Mandorla mit der Piazza Europa, wo sich das Rathaus befand und vor dem man ein Denkmal von Alcide de Gasperi errichtet hatte. Neben einem offenen Tabakladen und einer Werkstatt gab es zu dieser frühen Nachmittagszeit nur heruntergelassene Rollläden. Eine gespenstische Stille lag in der Luft, obwohl es helllichter Tag war.

Der Notarztwagen war bereits eingetroffen und die Forensik hatte mit der Sicherung des Tatorts begonnen.

Der leicht übergewichtige Mann lag bäuchlings mit gespreizten Beinen neben der Kreuzung. Die anthrazitfarbene Bundfaltenhose und das weiße Hemd waren in eine Blutlache getaucht. Augen und Mund waren weit geöffnet in einem erstarrten Ausdruck des Schreckens, dessen einheitliche Linie nur an den Lippen von einem daran klebenden Zigarillo unterbrochen wurde. An seinem Hinterkopf klaffte eine enorme Wunde, die grauen Haare verklebt mit Blut, das vom Hals herunter in den Rinnstein floss.

Solange die Spurensicherung noch ihre Fotos machten, konnte die Kommissarin nur am Rande zusammen mit dem Gerichtsmediziner Professore Mariano Monte warten, während Tommy die undankbare Aufgabe der Zeugenbefragung übernahm.

Keine Spur von der Tatwaffe. Zumindest war es das, was Caterina schon aus der Ferne erkennen konnte. Und natürlich wieder Schaulustige, Kameras, Äußerungen der Bestürzung hinter den Absperrungen.

„Diesmal kannst du dich nicht vor der Presse drücken, Commissario“, sagte Tommy als er wieder zu ihr zurückkam.

„Gib mir Details, Tommy. Wo zum Henker ist Ugo?“

„Ich vermute er ist hier irgendwo und befragt ebenso Zeugen“, sagte Tommy.

„Ich rufe ihn an!“ Caterina nahm ihr Handy und das Telefon läutete ein, zwei, drei, vier Mal.

„Pronto, Commissario!“

„Ugo, wo steckst du?“

“Beim Buchhalter, Commissario.”

“Beim Buchhalter! Wir haben einen Mord und du bist beim Buchhalter?“

„Entschuldigung, Commissario, ich komme sofort.“

Caterina warf Tommy einen wütenden Blick zu. Der zuckte mit den Schultern.

„Nimm es mit Philosophie, mit Lebensart, Commissario.“

„Darüber reden wir noch“, zischte sie. Sie wusste von Ugos Wettsucht und dass Tommy ihn deckte. Aber das ging zu weit.

„Also Tommy, was weißt du bisher. Wer war der Mann?“

Als Caterina vor die Kameras trat, dankte sie Gott, dass sie zuvor beim Friseur gewesen war. Mit einigen Handgriffen zupfte sie ihre Haare zurecht, setzte eine souveräne Miene auf und wartete, bis die unzähligen Mikrofone und Diktiergeräte unangenehm nah an ihren Mund fuhren. Tommy stand stramm neben ihr wie ein General und machte ein bedeutungsvolles Gesicht, was ihm später im Kommissariat den Spott der Kollegen einbringen sollte. Es wurde still, nur das leise Knipsen der Fotoapparate war noch zu hören. Hoffentlich machte sie keinen Fehler bei ihrem Debüt. Ruf und Glaubwürdigkeit standen auf dem Spiel. Sie kannte diesen Politiker nicht, unmöglich nach so kurzer Zeit. Sie hatte keine andere Wahl, als auf Tommys Informationen zu vertrauen.

Die Kameras liefen, sie war angespannt, als ob gleich etwas Aufregendes passieren würde. Drei, zwei, eins -

„Wir können loslegen“, sagte einer der Kameramänner und das Wort ging an Caterina, die versuchte, trotz der Anspannung ihre Stimme zu kontrollieren.

„Ein Mann wurde heute Nachmittag auf offener Straße ermordet. Nach den ersten Ermittlungen – und ich betone, es handelt sich nur um erste Vermutungen - verlief der Tathergang wie folgt:

Um circa 15.45 verließ das Opfer den Tabakladen auf der Via del Pistacchio und lief in Richtung Piazza Europa, als sich der Täter, vermutlich auf einem motorisierten Fahrzeug, dem Opfer von hinten näherte und ihn mit einem noch undefinierten Gegenstand auf den Hinterkopf schlug. Das Opfer fiel bewusstlos nieder. Als der Krankenwagen eintraf, erlag er bereits seinen Verletzungen. Dank seines Ausweises konnten wir das Opfer identifizieren: Es handelt sich um Kommunalpolitiker Amerigo Della Porta. Das ist alles, vielen Dank!“

Ein großes Raunen ging durch die Menge. Einige, vermutlich die

Agenturjournalisten, zückten ihre Handys und riefen in den Redaktionen an. Nur wenige Minuten später war die Schlagzeile im Netz, sodass die Polizisten Mühe hatten, die ankommenden Gaffer vom Tatort fernzuhalten.

Der Bezirksstaatsanwalt hatte derweil alle Autoritäten informiert, und so füllte sich die kleine Nebenstraße rasch mit unzähligen kondolierenden Persönlichkeiten: erst kam der Polizeipräsident, dann der Oberstaatsanwalt dicht gefolgt vom Bürgermeister. Obwohl „nur“ ein Kommunalpolitiker, musste das Opfer, angesichts des Aufmarsches, eine einflussreiche Persönlichkeit gewesen sein, dachte sich Caterina und wurde sich der öffentlichen Bedeutung ihres ersten Falls in dieser Stadt erst richtig bewusst.

Das wusste auch Polizeipräsident Visconte, der – überzeugt davon, dass Frauen im Chanel-Kostüm an die Seite von uniformierten Männern und nicht in die Uniform selbst gehörten – als Erster vor Ort war. Er kam, begleitet von einem Oberstleutnant, dem Kabinettschef und dem Pressesprecher, direkt auf Catarina zu.

„Commissario, das ist eine entsetzliche Tragödie, der Abgeordnete war ein wichtiger Mann. Ein großer Verlust für die Politik. Dieser Fall hat oberste Priorität, und ich will über jeden Schritt der Ermittlungen informiert werden. Soll ich Ihnen einen Ermittler an die Seite stellen, Commissario, einen Mann mit viel Erfahrung?“

Caterina kniff die Augen zusammen, ihr Magen wurde hart wie Stein. Dass sie ihre Wut hinter einem ausdruckslosen Gesicht verbergen konnte, verdankte sie den unzähligen Poker-Turnieren, an denen sie regelmäßig teilnahm.

„Danke, Questore, sehr großzügig, aber ich denke, mein Ermittlerteam ist bestens gerüstet.“ Sie setzte ein souveränes Lächeln auf.

„Mein Angebot gilt Commissario, überlegen Sie es sich. Ich dulde kein Versagen. Und gehen Sie diskret vor, sehr diskret.“

„Aber natürlich Questore, Sie haben mein Wort.“

„Und keinen Ton zur Presse, ohne es mit mir abgesprochen zu haben!“

Dann wandte sich der Polizeipräsident ab, um mit ernstem Gesicht tröstende Worte an die dazugekommenen Familienangehörigen zu richten, er versicherte den Presseleuten den vollen Einsatz der Ermittler, sagte dem Oberstaatsanwalt seine Kooperationsbereitschaft zu und während der Questore sich mit dem noch ungläubigen Bürgermeister unterhielt, kam eine weitere Menschentraube angetrabt, die größte und wichtigste von allen. In ihr erkannte Caterina ihren Helfer vom Markt und wusste nun zu wem er gehörte: Regionalpräsident Santo Rey, der mächtigste Mann der Region.

5. Sackgasse

Alcide de Gasperis Statue warf ihren Schatten in der Abendsonne über die Piazza Europa bis zum Eingang des Rathauses. Der Blick des Staatsmannes fixierte herrisch das antike Kommunalgebäude, wo Ugo wenige Meter vor den Treppen stand, die von Wachen gesäumt zum großen Tor führten. Etwas beschämt wegen seiner Zockerei war Ugo eifrig bestrebt alles auszubügeln. Er ging mit geschwollener Brust und bedächtigen Schritten auf die Wachen zu, denen er seine Dienstmarke zeigte. Die Wachen salutierten vor dem Ispettore und ließen ihn ein.

Seine Befragungen ergaben, dass das Opfer sich, bevor es ermordet wurde, auf dem Weg zu einer Debatte über die Neugestaltung der Piazza Europa befunden hatte. Die Mittel dafür waren bereits bewilligt worden, es ging darum, das Projekt einer der konkurrierenden Genossenschaften zuzuteilen.

De Gasperi sollte durch eine Bronzestatue von einem hiesigen, ruhmreichen General oder Schriftsteller ersetzt werden, sogar von einem preisgekrönten Fußballspieler war die Rede. Der Platz sollte umbenannt werden in Piazza Autonomia und der umstrittene Borbonenbrunnen verlegt werden. Viele waren dagegen, da dieser Brunnen mehr Autonomiebewusstsein wachrief, als der Name der Piazza selbst. Andere waren wiederum dagegen, Ausgaben zu verschleudern, nur um Europa den Mittelfinger zu zeigen, das würde man mit der hiesigen Verschwendung der Strukturfonds und dem Sträuben gegen jegliche Reformen schon genügend tun.

Während Ugo sich Notizen machte, entging seinen Blicken das eifrige Räumen der Mitarbeiter nicht, die mit gestressten Gesichtern die allgemeine Auffuhr dazu nutzten, Unterlagen aus Della Portas Büro verschwinden zu lassen.

Ugo verständigte Tommy, der schnellstmöglich den Bezirksstaatsanwalt kontaktierte, um einen Durchsuchungsbefehl zu erwirken.

Donna Leandra saß aufrecht mit versteinerter Miene im Büro der Kommissarin. Ab und an trocknete sie mit einem weißen Leinentuch eine Träne, die in ihren schwarzen Augen aufquoll und die zart gepuderte Wange herunterfloss. Ansonsten bewahrte sie Ruhe. Nicht einmal als die Polizei vor ihrer Haustür stand und die Nachricht von Amerigos Ermordung überbrachte, verlor sie die Fassung. Die Fassung zu verlieren wäre für sie schlimmer als der Tod. Sie bat die Herrschaften einen Augenblick zu warten, erschien einige Minuten später dem Anlass gemäß in einem schlichtes schwarzen Kleid und folgte den Gesetzeshütern ins Präsidium. Donna Leandra wusste einfach, was sich gehörte.

Ihr Blick schweifte zu ihrer Tochter, die ebenfalls aufrecht auf dem Stuhl neben ihr saß, mit blonden langen Haaren und geröteten Augen.

Ihr jüngerer Bruder lief nervös im Zimmer auf und ab, das verschwommene Gesicht noch trunken vom Schock oder dem Whisky, den er sich bereits am Mittag genehmigt hatte. Sie betrachtete die beiden und stellte sich wohl vor, wie ihre Kinder die Anwaltskanzlei des Vaters übernehmen, geschweige denn weiterführen sollten.

Die Tochter hatte zwar Amerigos Ehrgeiz geerbt, dafür weder seine Intelligenz noch sein Charisma. Die wurden wiederum dem Sohn großzügig geschenkt, der zudem die Stattlichkeit Donna Leandras

aristokratischer Ahnen besaß, zusammen mit dem Talent, diese Gaben in hochprozentigem Alkohol zu ertränken. Diese ganzen Sorgen benebelten ihr Gehirn.

Aus der Ferne hörte man das Klappern hoher Absätze und die Tür öffnete sich. Caterina kam mit Tommy herein. Der Polizist, der die Familie bis dahin „betreut“ hatte, stand steif wie ein Stock in seiner blauen Uniform, als die Kommissarin an ihm vorbeiging.

Caterina stellte sich vor und sprach wohlerzogene Beileidsworte aus, bevor sie sich auf den ledernen Bürostuhl setzte.

Donna Leandra musterte Caterina, die in ihrem Gesicht lesen konnte, was sie dachte. Diese hübsche Kommissarin, mit der typischen Ahnungslosigkeit und Arroganz einer Nordischen, die dachte, hier würde man noch mit Eselskarren durch die Straßen fahren und die überall nur Korruption roch. Diese hübsche, nette Frau war was fürs Fernsehen, für die Titelbilder der Zeitungen, konnte jedoch keinesfalls den Mord ihres Mannes aufklären. Niemals! Ihre ganze Hoffnung ruhte auf dem Vize, Tommaso, der aus die ungeschriebenen Gesetze der Gegend kannte.

Das wusste Caterina und sie wusste auch, dass ihr der Rang und nicht ihre erwiesene Kompetenz den respektvollen Ton einbrachten.

„Was können Sie mir zum Tod meines Mannes sagen, Commissario?“, fragte Donna Leandra formell.

„Nun, Signora Della Porta, bis jetzt kann ich Ihnen sagen, dass es sich um einen Hinterhalt gehandelt haben muss. Nach den Aussagen der Augenzeugen können wir den Tathergang soweit rekonstruieren, dass sich der Täter auf einem motorisierten Zweirad von hinten dem Opfer näherte. Womit das Opfer nun…getroffen wurde ist noch unklar, denn es konnte bisher keine Tatwaffe sichergestellt werden. Wir versuchen anhand der Verletzungen diese zu rekonstruieren, bewegen uns jedoch im Bereich der Mutmaßungen“

Caterina reihte die Fakten aneinander, ihre zarten Lippen zählten messerscharfe Argumente auf. Als sie ein kurzes Schluchzen bei dem Wort „Verletzung“ hörte, versuchte sie, sich emphatischer auszudrücken.

„Es gab Augenzeugen?“, fragte Donna Leandra.

„Ja“, sagte Caterina und warf Tommy einen Blick zu.

„Sie haben die Aussage zu Protokoll gegeben und wurden bereits wieder entlassen“, warf Tommy ein.

Donna Leandra nickte.

„Wir stehen am Anfang unserer Ermittlungen, alles ist noch offen.“ Caterina machte eine kurze Pause. „Nun, Ihr Mann war nicht irgendwer. Wenn man seine beachtliche Karriere so betrachtet, kommen viele Mordmotive infrage. Aber die Brutalität, mit der die Tat verübt wurde, lässt zunächst zwei Vermutungen zu: Entweder steckt die organisierte Kriminalität dahinter oder es handelt sich um persönliche Beweggründe.“ Caterina biss sich auf die Unterlippe, als hätte sie bereits eine genaue Vermutung, die sie nicht preisgeben wollte, um die Reaktion der Witwe zu testen.

„Persönliche Beweggründe, absurd, welche persönlichen Beweggründe? Ein wunderbarer Ehemann und Vater, nicht perfekt, aber wer ist das schon, jedoch offen, loyal und zuvorkommend, zu allen.“

Caterina hob die Augenbrauen und betrachtete die Witwe kühl.

„Hat Ihr Mann in letzter Zeit Drohungen erhalten?“

„Nein, nicht das ich wüsste. Er sprach nicht viel über seine Arbeit.“

„Gab es sonst noch etwas, was Ihnen verdächtig vorkam.“

Sie schüttelte den Kopf.

Caterina warf erneut Tommy einen Blick zu. Der nickte nur, das sagte ihr, dass er keine Fragen hatte.

„Nun, wie ich bereits sagte, es ist noch alles offen und ein Motiv, das mir bei solch einem brutalen Mord in den Sinn kommt, wäre Leidenschaft. Wenn ich mir seine Handykontakte so ansehe, so stehen dort erstaunlich viele Namen von Damen“, sagte Caterina.

„Ein attraktiver Mann in einer Machtposition ist nun mal begehrt. Und jede Stimme zählt, Commissario“, antwortete die Witwe mit einstudiertem Lächeln.

„Bitte verzeihen Sie die Frage, aber hatte er vielleicht eine Affäre, mit einer anderen verheirateten Frau? Ich muss diese Fragen leider stellen.“

Donna Leandra schwieg.

„Verstehen Sie, Signora Della Porta, das ist nicht der richtige Ort für falsche Scham. Als Frau kann ich Ihre Position verstehen. Aber als Ehefrau wäre ich weniger daran interessiert, das Andenken meines Mannes zu wahren, als seinen Mörder zu finden.“

Donna Leandra schwieg weiter.

„Darf ich Sie fragen – Signora Della Porta – wo sie heute Mittag zwischen ein und drei Uhr waren?“

„Lächerlich, verdächtigen Sie mich jetzt etwa, das ist absurd“, fauchte sie. Sie winkte mit einer Handbewegung ab, als gäbe sie nichts auf die Theorien der Kommissarin.

Was wussten deren klare Augen aus dem Norden, schien sie zu denken. Donna Leandra hob das Kinn und senkte den Blick. Mit den Fingern knetete sie das Leinentuch bis sich die mit rotem Faden aufgestickten Initialen so weit auseinander dehnten, dass man die Einstichlöcher sah.

Vielleicht ein Einstichloch für jedes Opfer, das sie für den politischen Aufstieg ihres Mannes hatte bringen müssen: Seitensprünge, abgebrochenes Studium, Geld ihrer Familie.

Caterina Calanca kannte diesen Gesichtasausdruck, für diese Frau brach eine Welt zusammen. Sie wusste was in ihr vorging.

Eine Jugend, die sie anstatt ausgelassen zu feiern auf Parteiversammlungen mit alten, langweiligen Menschen verbringen musste, würde ihr niemand zurückgeben. Es war ein steiniger Pfad, bis die politischen Erfolge kamen, die dies alles kompensierten sollte. Dies war jetzt alles für immer verloren und den Verantwortlich für diesen Verlust würde man niemals fassen. Nicht mit dieser Kommissarin!

Donna Leandra schluckte bitter und richtete ihr kinnlanges dunkelbraunes Haar. Ihr Blick wanderte zu den akribisch aneinandergereihten Codice in dem Regal rechts vom Holzschreibtisch, direkt unter dem Bild des Presidente Della Repubblica.

Das Gesetz, von Menschenhand geschrieben, war für Caterina heilig.

Das Gesetz, so wie es in den Büchern stand und nicht wie es nach Bedarf hingebogen wurde. Die dachte hier sperre man Verbrecher ein um sie mit einem Heiligenschein wieder zu entlassen. Ihr Vorgänger war da anpassungsfähiger, konnte es geschmeidig formen.

Aber sie war Idealistin, Tochter eines ermordeten Richters und hatte auf eine Karriere als Richterin verzichtet, um als Polizistin das Gesetz der Straße mit derselben Gewissenhaftigkeit durchzusetzen, wie ein Restaurator ein seltenes Meisterwerk zu erhalten sucht, in dem unbeirrbaren Glauben, etwas damit in der Gesellschaft zu bewirken. Das hatte sich bereits in der Stadt herumgesprochen.

„Nun, Signora Della Porta, ich sagte es gäbe noch eine weitere Möglichkeit, die organisierte Kriminalität. Als Zivilrechtler glaube ich allerdings nicht, dass ein wütender Mandant ihn niedergestreckt hat. Also bliebe noch diese Spur.“

Donna Leandra tauschte einen Blick mit ihrer Tochter.

„Commissario, mein Mann war ein anständiger Mensch, er hat das Verbrechen bekämpft, so wie sie es tun, nur auf seine Weise. Er machte es zu seiner Mission, diesen paradiesischen Ort von dem Geschwür der organisierten Kriminalität zu befreien. Er ist ein Märtyrer, Commissario, der seine Aufrichtigkeit mit dem Leben bezahlt hat.“

Caterina war kurz davor, die Geduld zu verlieren. Klar, wie konnte sie nur das Andenken dieses absolut ehrenwerten Mannes mit Dreck bewerfen!

„Natürlich, Signora Della Porta. Bliebe noch das politische Motiv. Vielleicht war ihr Mann nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Jetzt, wo er seinen persönlichen politischen Zenit erreicht hatte... Wir wissen beide, dass nicht das höchste Amt die wahre Macht besitzt, sondern man als Vorsitzender des Kommunalrats über mehr Einfluss verfügt als ein Bürgermeister.“

Caterina tappte jetzt nervös mit der Fußspitze auf dem Boden. Sie wusste nun, dass Donna Leandra ohne Anwalt keinen Ton mehr dazu herausbrachte und wendete sich ab.

Das war Tommys Stichwort, um einzugreifen.

„Signora Della Porta, mit Schweigen kommen wir hier auch nicht weiter. Niemand wird ohne Grund so brutal umgebracht.“ Seine Stimme wurde eindringlich und laut.

Sie presste die Lippen zusammen.

„Also gut, dann fangen wir eben damit an, die gesamte Rubrik der Damen abzuarbeiten, das kann Monate dauern. Bis dahin ist der Täter über alle Berge. Aber wenn Sie nicht kooperieren wollen...“ Tommy, dessen Geduldsfaden ebenfalls zeriss, hob resigniert die Schulter.

Hilfesuchend sah Donna Leandra zu ihrem Sohn, der bisher stumm in der hinteren Ecke des Büros gestanden hatte, mit erstaunlich klarem Blick und einer Glut darin. Er ergriff das Wort.

„Ein Ehrenmord, natürlich.“ Er schüttelte den Kopf, wobei seine braunen Locken wie tosende Wellen in das kindliche Gesicht peitschten.

„Das ist doch die beste Lösung für alle“, sagte er zynisch. „Der wahre Täter, sei es die Mafia oder sonst wer, hat das Hindernis aus dem Weg geräumt und wird noch nicht einmal verdächtigt. Die Polizei löst den Fall schnell, ohne die eh schon knappen Ressourcen für aufwendige Ermittlungen zu verschwenden. Sie, Commissario, meistern mit Bravour ihren Einstand, die Presse hat ein gefundenes Fressen für ihre Klatschspalten. Die Männer werden meinen Vater als feurigen Liebhaber feiern, die Frauen meine Mutter – die arme, betrogene Witwe - solidarisch bemitleiden und alle sind bedient. Perfekt!

Es gibt nur ein Problem bei der ganzen Sache: Ihre Hybris! So werden Sie den Mörder nie finden. Ja, mein Vater war ein Mann seiner Zeit, seine Kontakte bezeugen die Existenz eines überspannten Egos. Ich lasse es auf gar keinen Fall zu, dass Sie ihn auf den Altar der Scheinheiligkeit opfern, um sich im leichten Triumph zu sonnen. Wer könnte ein Motiv haben? Hunderte. Gewerkschaften, Steuerhinterzieher, politische Gegner, Kriminelle, Verrückte und von mir aus auch gehörnte Ehemänner. Finden Sie die Wahrheit heraus, Commissario!“

Caterina Calanca war nun klar, dass sie etwas wussten. Warum schwiegen sie dann?

Stille breitete sich in Caterinas Büro aus. In diese brennende Lautlosigkeit wurde die Tür aufgestoßen und Ugo trat mit der Assistentin des Opfers ein, die er vom Rathaus hierher begleitet hatte. Bösartige Blicke zwischen ihr und der trauernden Witwe ließen darauf schließen, dass auch sie zum Harem des Ermordeten gehört hatte.

„Ispettore, bitte bringen Sie die Dame in den Befragungsraum, ich komme sobald ich hier fertig bin“, sagte Caterina scharf, und Ugo schaute peinlich berührt. Schon wieder ein Patzer.

Das war der Moment in dem Donna Leandra die Fassung verlor, aufstand, auf ihren Sohn zuging und ihn auf die Wange küsste, gleich drei-, vier-, fünfmal. Sohn und Mutter verließen zusammen das Büro. Als die Tür ins Schloss fiel, schmetterte Caterina den Kugelschreiber auf den Boden. „Das lief ja wirklich beschissen!“

Der Verhörraum, in dem die Assistentin des getöteten Politikers wartete, lag am anderen Ende des Gangs, den Caterina und Tommy entlangschritten.

„Solche Leute führen sich immer noch auf als wären sie feudale Großgrundbesitzer“, sagte Tommy und zwinkerte Caterina zu. Ihre wütenden Schritte wurden von einem Beamten der Spurensicherung gebremst.

„Commissario, uns ist etwas aufgefallen. In dem Handy war auch die Nummer der Bellacqua. Wir fanden es seltsam, da sie doch erst vor zwei Tagen Selbstmord beging. Vielleicht besteht ein Zusammenhang.“

„Danke, gute Arbeit“, antwortete Caterina. „Findet bitte heraus, ob es auffällige Anrufe oder Nachrichten in letzter Zeit gab. Aber nicht nur von ihr. Auch von anderen Personen. Ruft den Staatsanwalt an, vielleicht wurde er überwacht.“

Kaltes Neonlicht durchflutete den zehn Quadratmeter kleinen Verhörraum, im Kommissariat „Aquarium“ genannt, welcher spärlich mit einem Tisch, zwei Stühlen, schalldichten Wänden und einer Kamera ausgestattet war. Zusammengekauert saß auf einem der Stühle gegenüber der grauen Wand die adrette Assistentin des Della Porta in ihrem blauen Kostüm, die Hände übereinandergelegt, die von nervösen roten Flecken überzogen waren.

Aber aus der zarten, mädchenhaften Frau war auch nicht viel herauszubekommen. Mit dem eingebrannten Schock in den Augen stammelte sie von einer Maske voller Blut, deren Anblick sie nicht länger ertragen konnte und sich deshalb im Büro des Chefs verbarrikadiert hatte, bis Ispettore Ugo Grillo gekommen war und sie aufforderte ins Präsidium für eine Zeugenaussage zu kommen.

Nichts von „delikaten“ Unterlagen, die sie in Sicherheit gebracht hatte. Mit gefalteten Händen saß sie da, wie eine Klosterschülerin, bereit, ihre Pflicht zu tun, bereit, die Fragen der Kommissarin zu beantworten. Was wusste die schon.

„Hatte sich Amerigo Della Porta in letzter Zeit verändert, war er nervös, besorgt, fühlte er sich verfolgt, bedroht oder Ähnliches?“

Die Assistentin starrte auf den leeren Tisch, Tränen lösten die schwarze Tusche von den Wimpern.

„Aber nein, er war wie immer. Voller Elan und Lebensfreude.“

„Ihnen ist also nichts aufgefallen. Irgendwelche seltsamen Anrufe, Briefe, Nachrichten?“

Sie schüttelte stumm den Kopf und strich sich mit der linken Hand die langen Haare hinters Ohr.

„Wie war es, für ihn zu arbeiten? Schon erstaunlich, so jung, gerade mal zweiundzwanzig Jahre, kaum Erfahrung und gleich den ersten Job in so einer Position. Ich dachte immer als Assistentin eines Spitzenpolitikers bräuchte man eine gewisse, na ja, Erfahrung.“

„Nun –“ Sie räusperte sich in ihre Faust, die sie vor den Mund hielt. „Ich gebe zu, dass alles sehr schnell ging, aber Onorevole Della Porta förderte junge Talente.“

Ihre Stimme hatte einen piepsigen Unterton, der immer stärker hervorstechen schien, je unangenehmer ihr die Fragen wurden. Dabei wuchsen ihre Rehaugen zu großen unschuldigen Kugeln heran. Caterina schmunzelte.

„Hatten Sie eine Affäre mit Amerigo Della Porta?“ Als sie das theatralisch entsetzte Gesicht der Assistentin sah, fügte sie hinzu: „Entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen diese Frage stellen.“

„Ich finde das sind genug Fragen, Commissario. Mit Ihrer Erlaubnis, würde ich gerne gehen.”

„Natürlich. Aber hatten Sie eine Affäre oder nicht?”

Die Lippen der Assistentin zuckten nervös, sie erblasste. „Ich bin verlobt Commissario.”

Als ob das ein Hindernis wäre, dachte Caterina.

„Er sagte immer, ich würde ihn verzaubern, mit meinem Puppengesicht, aber ich ging nie darauf ein.“

Auffordernd blickte die Assistentin zu Tommy, appellierte an seinen männlichen Beschützerinstinkt, dieser Tortur ein Ende zu bereiten. Doch der ließ sich von ihren Methoden nicht einwickeln.

„Noch eine letzte Sache, wenn Sie erlauben, kannten Sie Emma Bellacqua?”

Ihre Augen wurden wieder zu Kugeln, aber ihre Mundwinkel verzogen sich bissig. Sie überlegte kurz.

„Nein, nicht dass ich … obwohl doch. Warten Sie, einmal kam sie zu einem Termin mit Amerigo.”

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9783754174968
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