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Auguste Groner
Das Herz siegt
Saga Egmont
Das Herz siegt
Copyright © 1947, 2018 Auguste Groner und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711469903
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
I.
Konrad Puffan, der Wirt der Schenke „Zum roten Dachl“ am Hafnersteig, zündete etliche Öllampen an, denn es war trotz der weit hinstrahlenden Glut des Ofens nicht mehr so hell in der gewölbten, niedrigen Gaststube, daß die paar Spieler, die darinnen sich zusammengefunden hatten, Schellen und Laub auf ihren Karten hätten unterscheiden können.
Draußen war ein stürmischer Novembertag. Wer in die Schenke trat, war fröstelnd durchnäßt und ließ sich recht nahe dem Ofen nieder. Die Stimmung war, trotz Wirtshaus und Wein, nicht sonderlich froh. Es war das Jahr 1682 und man sprach wieder von Türkengefahr und seiner Not.
Vom Turm des nahen Klosters schlug es fünf. Als der Klang der Uhr verstummt war, begann in einer Ecke der Schenke eine Sackpfeife in hellen Tönen zu quieken. „Wer ist denn dieser Dudelsackpfeifer?“ fragte in fremdklingendem Deutsch ein junger Mann in der Tracht der Scholaren. Er war ein Italiener und kam von Paduas altberühmter Universität, um in Wien die Rechtslehre weiterzustudieren. Er hatte sich mit dieser Frage an die hübsche Tochter des Wirtes gewendet, vielleicht weniger aus Neugier, wer der Musikant sei, als das Mädchen bei sich aufzuhalten.
Und Susl gab sichtlich gerne Auskunft. „An Eurer Frage merkt man‘s, daß Ihr noch nicht lange in unserer Stadt seid“, lächelte sie; „denn sonst müßtet Ihr es wissen, wie unser Pfeifer heißt. ,s ist der Marx Augustin, den jedes Kind hier kennt.“
„Ist er vielleicht gar ein richtiger Künstler?“ erkundigte sich der Paduaner, und es war ein wenig Spott dabei.
Das Mädchen zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, ob er ein richtiger Künstler ist. Ich weiß nur, daß jeder den Liedern, die der Augustin selber dichtet, gerne zuhört.“ „Und du bist dem Pfeifer gut?“ „Weil ich Mitleid mit ihm habe.“ „Ah! Mitleid. Warum?“ „Weil er schon einmal im Grab gelegen ist. Denkt nur, in eine Pestgrube ist er gefallen! Eine ganze Nacht lag er bei den Toten.“
„Greulich!“
„Und Gott hat ihn dennoch vor der schrecklichen Krankheit behütet. Aber jetzt laßt mich gehen“, bat Susl, zur Tür schauend. „Da kommt der Baron Zwiefel. Er will immer von mir bedient sein.“
„Baron Zwiefel?“ lachte der Paduaner. „Zwiefel, das ist kein adeliger Name!“
Auch Susl lachte. „Er heißt Thanon und ist Franzose“, erklärte sie; „und weil er, wenn er nicht gerade bei Reichen schmarotzt, oft nur von Zwiebeln lebt, haben ihm die Leute den Spitznamen gegeben.“ Damit ging sie durch die Wirtsstube, um ein wenig später vor Thanon, der sich gravitätisch niedergelassen, einen Krug Bier hinzustellen.
Marx Augustin sang jetzt. Seine Stimme hatte, trotzdem sie noch müde klang, noch immer etwas recht angenehmes, und dazu merkte man, daß Seele in seinem Lied war.
Der Paduaner begriff, daß die liederfrohen Wiener diesem Manne trotz seiner Verkommenheit gut sein mußten. Wie still sie geworden waren, die da alle soeben noch eifrig geredet oder gespielt hatten! Der Schneider im blauen Wams und der in Scharlach gekleidete Sänftenträger, sie verloren kein Wort mehr. Ihre Blicke waren gerade so, wie die der beiden Gerber, deren braune Röcke ihr Gewerbe verrieten, wie es auch von ihren verfärbten Händen verraten wurde, schier begeistert auf Augustin gerichtet. Und die Bäcker im hechtgrauen Kleide, die vom Basiliskenhaus in der Schönlaterngasse herübergekommen waren, sangen sogar leise mit.
Nicht weniger freuten sich die behäbigen Bürger, die an ihrem gemütlichen Stammtisch sich versammelt hatten. Und höflich verwundert lauschten auch die türkischen Handelsleute, die in Gesellschaft eines Persers recht vergnüglich den noch nicht völlig ausgegorenen Rebensaft schlürften, den ihnen der Wirt in niedrigen Schalen kredenzte. Wohl war es ihnen verboten, Wein zu trinken; was aber da vor ihnen perlte, das war ja noch kein Wein, so sagten sie sich und waren mit sich und dem duftigen Tranke zufrieden.
Zwei Schiffsleute und ein Döblinger Winzer kamen und ließen sich im warmen Winkel nieder und ihnen folgten etliche Läufer, die, in die Farben ihrer Herrschaften gekleidet, ein recht hübsches Bild boten.
Alles schaute auf Marx Augustin hin, der in einer Fensternische stehend bald sang, bald seinen Dudelsack quietschen ließ. Plötzlich aber ist nicht er mehr der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Wieder waren neue Gäste gekommen. Zwei Männer, die recht kriegerisch aussehen und deren Amt ja schließlich auch immerhin ein kriegerisches ist, insofern sie sozusagen den bewaffneten Frieden vorstellen und es ihr Geschäft ist, in Milde oder Strenge dafür zu sorgen, daß die alte Kaiserstadt der Ruhe und Sicherheit nicht entbehre. Die Männer gehören der Stadtguardia an.
Puffan bewillkommt sie mit großer Artigkeit, und die Bürger rücken an ihren Tisch zusammen, um den beiden Platz zu machen.
„Sebald, ich schau’ es Euch an, daß Ihr wieder schlechte Neuigkeiten bringt“, ruft einer der Bürger, es ist der Schwertfeger Veit Trauner, dem älteren Soldaten zu.
„Ihr habt es erraten, Trauner. Ich fürchte mehr als je, daß wir bald schlimme Gäste haben werden.“
„Ho! Ho!“ wirft ein anderer Bürger ein, „was hat sich denn neuerdings ereignet, das Euch so reden läßt?“
Sebald hat aber gerade den Thanon und die ausländischen Kaufleute erblickt und antwortete nicht; redete wenigstens nicht, wie er hat reden wollen, sondern wirft den beiden Fragern einen Blick zu, dessen Bedeutung sie sofort verstehen: „Wir sind nicht allein“, sagte er.
Sie fragten nun nicht mehr, schauten nur mit düsteren Blicken nach den Fremdlingen und redeten dann von gleichgültigen Dingen.
Aber Gleichgültiges hält dermalen in Wien die Gemüter nicht lange fest und weil man von dem Schrecklichen, das vielleicht kommen wird, augenblicklich nicht reden kann, redet man von dem Schrecklichen, das man noch nicht lange überstanden hat. Von der Pest, die vom Herbst 1678 bis zum Frühling des Jahres 1679 in Wien gewütet hatte.
Am Bürgertisch reden sie davon und auch an dem langen Tisch, an dem die Zünftler sitzen, und an dem anderen, an dem sich die Läufer, der Sänftenträger und der Döblinger Winzer zusammengefunden haben.
Der Winzer ist ein alter Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und ernsten Augen, die jetzt recht nachdenklich schauen.
„Woran denkst du denn?“ fragte ihn der Sänftenträger, weil der Alte ganz still geworden war.
Der erhebt den Kopf und fährt sich mit der rauhen Hand über die Stirne. „Gestern hab’ ich’s wieder geseh’n“, sagte er, wie aus einem Traum erwachend.
„Was hast du wieder geseh’n?“ erkundigte sich der Wirt, der einen Weinkrug auf den Tisch stellte.
„Geträumt hat er, der alte Härtel“, antwortete statt des Angesprochenen der Sänftenträger. Er ist ein robuster, junger Mensch von leichtsinniger Gemütsart, das sieht man ihm an, das erkennt man auch an der spöttischen Rede, die er seinen ersten Worten folgen läßt.
„Ihr wißt es doch, Puffan, daß der Härtel gerne mehr sieht als andere Leute.“
Der Wirt schaut den Burschen ernst an. „Mehr als du sieht er ganz sicher“, sagte er wegwerfend, und der Alte bescheiden darauf: „Nicht ich allein hab’s damals gewußt, daß uns Schlimmes bevorsteht und nicht ich allein hab’s heute Nacht gewahrt, daß Wien wieder in Not kommen wird.“
„Was hast du denn geseh’n?“ ruft der Schwertfeger herüber, und nun ist die Aufmerksamkeit auf den Alten gerichtet. In diese horchende Stille hinein redet die müde Stimme des Alten: „Gestern war ich gegen Abend in meinem Weingarten, um nach den edelreifen Trauben zu sehen, die, noch von Stroh geschützt, auf den Stöcken hängen. Froh ging ich heim, denn schönere Trauben hab’ ich noch nicht gekeltert. Ganz munter war ich und hellauf und hab’ mir noch ein’s gepfiffen. Da seh ich plötzlich, wie ein dunkler Nebel über unsre Stadt zieht. Also das ist nichts besonderes, aber in dem Nebel wird’s mit einemmal lebendig und ich seh’ rote Reiter drin mitten im Kampf. Und das war keine Täuschung! Wahrhaftig! Denn wie ich noch so steh’ wie angewurzelt, kommt meine Schwester schon angelaufen und keucht: ,Hast du sie geseh’n, Ohm! Die Reiter?’ …“
„Seltsam!“ Irgend einer in der Stube hat es gesagt.
„Das zeigt eine Gefahr an für unsere Stadt“, meint ein anderer: es war Vinzenz, der Fischer.
„Lächerlicher Aberglauben!“ ruft Thanon dazwischen. „Woher soll denn für Wien eine Gefahr kommen?“
Da stand der alte Winzer auf und langte nach seiner Otterfellmütze. „Ich weiß es nicht“, murmelte er, „aber ich habe die roten Reiter gesehen.“
Gleich nach ihm verließen auch der Perser und auch seine Bekannten, die türkischen Kaufleute, die Schenke.
Thanon aber fühlte sich plötzlich sehr wichtig. Er wies in gespreizter Rede darauf hin, daß am 3. Februar des nun zu Ende gehenden Jahres der Internuntius Caprara mit großem Gepränge nach Belgrad gefahren sei, um den mit den Türken abgeschlossenen Frieden für weiterhin zu sichern, welche Bestrebung ganz sicher gelingen mußte, da ja die Türken keine feindlichen Absichten bekundeten.
Da ließ sich plötzlich ein bis jetzt ganz unbeachtet gebliebener Mann, der in einem Winkel saß, vernehmen. „Der Baron Zwiefel“, sagte er nicht ohne leichten Spott, „weiß vielleicht mehr von Wien und was unserer Stadt schaden kann als mancher Wiener. Das hat er soeben bewiesen, indem er just von den Türken zu reden anfing. Der Herr hat Capraras Abfahrt von hier wie ein richtiger Augenzeuge geschildert. Das kann ich bezeugen, denn auch ich war Zeuge der Abreise unseres Gesandten. Ich habe nämlich Abschied nehmen müssen von meinem Bruder, der als Kurier unserem Internuntius gefolgt ist. Was aber der Baron Zwiefel nicht zu wissen scheint, ist die Tatsache, daß da unten in Ungarn, in Ofen, wo ja die Türken herrschen, jedermann vom Krieg gegen uns redet und daß ein Stallmeister des Sultans dem Wesir von Ofen den Befehl überbracht hat, ein mächtiges Kriegsheer zu sammeln und es gegen Wien zu führen. Diese Kunde hat Caprara, der am 22. Februar noch in Ofen war, durch meinen Bruder nach Wien gelangen lassen. Dies weiß Baron Zwiefel vielleicht nicht“, sagte der Mann weiter und blickte bei dem Worte „vielleicht“ scharf nach dem merklich unruhig gewordenen Franzosen. „Baron Zwiefel weiß es vielleicht auch nicht, daß Caprara heute ein Gefangener der Türken ist, daß diese also ganz offen Feindseligkeit gegen uns zeigen. Herr Thanon — wisset Ihr auch nicht, daß just in letzter Zeit einige Fremde in Wien sich zeigten, die sich in ganz merkwürdiger Weise für die Anlagen unserer Stadt interessieren? Für die Basteien und Tore und was sonst unsere Befestigung ausmacht?“ Damit stand er vor dem Franzosen, der seinen ernsten Blick nicht zu ertragen vermochte.
„Was wollt Ihr von mir?“ raunzte er, indessen seine Augen unstet umherfuhren. „Und warum nennt ihr meinen Spitznamen?“
„Ein Spitzname! Ein Spitzname! wie gut ist es, wenn man nur so einen führt. Gebt acht, Herr Thanon, daß Ihr nie etwas Schlimmeres genannt werdet als ,Baron Zwiefel‘.“
Im nächsten Augenblick hatte sich die Türe hinter dem Unbekannten geschlossen.
Thanon atmete erleichtert auf. Aber er fühlte sich zu früh sicher, denn Vinzenz, der sich von Thanon beleidigt fühlte, erhob sich plötzlich und trat auf ihn zu: „Abergläubisch ist seine Gnaden, der Herr Baron, vielleicht nicht“, knurrte er den Franzosen an, „aber vielleicht hat seine Herrlichkeit Sinn für Spionieren?’s sieht ganz so aus, nach dem, was sich der Herr soeben hat sagen lassen müssen.“
Thanon war bleich geworden. Er war ein Feigling und als er sah, daß auch nicht einer in der Wirtsstube sich an seine Seite stellen würde, langte er schnell in die Tasche, legte eine Münze auf den Tisch und griff nach seinem Hut und seiner Laterne. Irgend etwas auf Französisch murmelnd, ging er schnell fort.
Während die Gäste im „Roten Dachl“ über Thanon redeten und ihre Meinungen untereinander austauschten, schlich dieser zornerfüllt durch die krummen Gassen, in denen hie und da der Schein der Laterne eines Heimgehenden auftauchte. Einmal aber blieb er stehen und lachte höhnisch: „In Bälde werden es hier die Vornehmen und Geringen wissen, was ich jetzt schon weiß, den sie den ,Baron Zwiefel‘ heißen. Und wenn sie tot oder türkische Sklaven sein werden, dann werde ich lachen und reich werde ich dann sein, reich!“
II.
Der Freisingerhof mit all seinen mannigfaltigen Anbauten, seinen massigen Toren und seinen schwarzvergitterten Fenstern, dem unregelmäßigen Zickzack seiner steilen Backstühle und seinem dunklen Mauerwerk, lag, gleich der alten Kaiserstadt, noch in der tiefen Dämmerung eines nebelreichen Novembermorgens da, als ein Reicher hier vom Pferde stieg und mit dem schweißbedeckten Falben im finsteren Flur verschwand.
Innerhalb des weitläufigen Baues gab es im großen, winkelreichen Hofraume etliche Ställe. In einem brachte der Angekommene sein Roß unter, versorgte es getreulich und stieg dann zwei Treppen aufwärts.
Ein kurzer Gang nahm ihn auf, dessen Dunkelheit ein wenig vom Schein einer Lampe erhellt war, die hinter einem Fenster brannte, welches die Innenwand des düsteren Ganges unterbrach. An dieses Fenster pochte der Angekommene. Drinnen erhob sich jemand, der an einem Tisch gesessen und geschmaust hatte. Rasch öffnete er und empfing den Gast mit Verwunderung. „Jetzt kommst du schon?“ sagte er. „Der Graf erwartet dich erst heute Abend. Du kannst ja kaum aus dem Sattel gekommen sein!“
„Fast hast du recht“, entgegnete der Heimgekommene, dessen flotte Jugendlichkeit übrigens wenig Müdigkeit verriet. „In Kapyvar hat man mir die größte Eile anbefohlen. So hab’ ich also auf dem Herweg nur die allernotwendigsten Rasten gemacht.“
„Und auf dem Hinweg hast du erst recht nicht gerastet, denn da hat dich das Herz zur Eile getrieben“, meinte der andere spöttisch.
„Laß mein Herz in Frieden, Andreas. Ich liebe solche Scherze nicht. Ilona Tököli steht hoch. Ihr kann deine Zunge freilich nichts anhaben, aber ich ärgere mich über deine Albernheit.“
„Aber Ferencz! Ist es denn albern, wenn man annimmt, daß ein so schöner, junger Mensch, wie du einer bist, ein schönes, junges Weib liebt?“
„Das meine Milchschwester ist, aber auch meine Gebieterin!“ sagte der junge Mann. „Siehst du, Andreas, das begreifst du nicht, daß einer zu stolz sein kann, um zu lieben, wo ihn nur Demütigung erwarten würde. Aber wozu sage ich dir das? Du verstehst ja doch nur eines: Deinem Gaumen wohl zu tun; geh, gib mir auch zu essen. Ich habe Hunger und der nächtliche Ritt hat mich durchkältet.“
Während dieser Rede waren die Beiden in die niedrige, aber ziemlich weitläufige Stube getreten, darin ein mächtiger großer Ofen mollige Wärme und eine große Kanne einen wohligen Duft ausströmte.
Andreas, ein kleiner, rundlicher, nicht mehr ganz junger Mann, faßte den Krug, der stark gewürzten, warmen Wein enthielt, und reichte ihn dem anderen hin, wobei er lachend sagte: „Sollst samt deinem Stolz leben. Mir aber laß die Freuden, die ich mir da in aller Stille zu schaffen weiß. So! und nun sitz und iß!“
Ferencz ließ sich das nicht zweimal sagen. Nach einer Weile aber seufzte er und schob Krug und Teller von sich: „Ich fürchte, daß es so nimmer lang weitergehen kann!“ sagte er.
Der andere beugte sich weit vor. „Woran denkst Du?“
„Nur an unseren Herrn und an Ilona Tököli.“
„Was ist denn geschehen?“
„Es geschieht eben nichts, gar nichts und das ist es, was meine stolze Gebieterin quält.“
„Weiberlaunen.“
„Meinst du, daß ihre Unruhe nur Weiberlaune ist? Seit dem Sommer war Graf Lascienski nicht bei ihr.“
„Ich denke, wir zwei wissen es, warum er sich hier in Wien so still verhält.“
„Er muß ja nicht mit Trompeten und Pauken aus der Stadt gehen. Könnte er es nicht heimlich tun? — Wie er uns heimlich. schickt! O — wenn sein Herz ihn nach Kapyvar zöge, er hätte längst schon wieder den Weg dahin gefunden. Aber —?“
„Nun — aber?“
„Die Frauen hier sind lieblich und manche findet, daß es unterhaltlich ist, mit dem elegantesten Kavalier, der derzeit in Wien lebt, verliebte Blicke zu tauschen.“
„Ich meine, du bist statt der schönen Ilona eifersüchtig auf unsere Erlaucht.“
„O! sie ist schon selber eifersüchtig genug. Sie spürt es nur zu deutlich, daß nicht die Politik es ist, die ihren Verlobten so lange an Wien bindet. Wer ihn nur warnen könnte!“
„Wovor? Vor ihrer Liebe?“
„Vor ihrem Zorn, vor ihrem Haß. Hast du’s nicht erlebt, daß aus Liebe Haß geworden ist?“
„So weit wäre Ilonka Tököli schon? Du kannst recht haben. Als ich vor einigen Wochen in Kapyvar war, habe ich auch gemerkt, daß die Gnädige einigermaßen gereizt war und sich oft nach dem Lebenswandel unseres Grafen erkundigte. Freilich, mir gegenüber wird sie nicht so offen gewesen sein, wie gegen dich, ihrem Vertrauten. Und — soeben denke ich zum erstenmal daran — vielleicht hat sie dich ihrem Verlobten nur deshalb mitgegeben, weil er bewacht werden soll, weil sie genauen Bericht von dir will.“ Andreas, seinem Herrn so ergeben, als er eben jemandem ergeben sein konnte, schaute seinen Genossen lauernd an.
Ferencz lächelte verächtlich. „Meinst du wirklich, daß ich für jemanden anderen noch als für das Vaterland Späherdienste leiste?“ entgegnete er stolz und dann, jäh sich erhebend: „Ich ruhe jetzt ein wenig. Weck mich, wenn seine Erlaucht munter sein werden.“
Just an der Tür traf er mit einem schnell Eintretenden zusammen: „Ihr, Herr Thanon, schon so zeitlich auf dem Weg?“ fragte Ferencz und trat viel weiter zurück, als nötig gewesen wäre, um das magere Männchen an sich vorbeigehen zu lassen.
Thanon riß den Dreispitz vom Kopfe und wischte sich die Stirn ab. „Bin von meiner Wohnung bis hieher gelaufen“, murmelte er. „Der Wind hat mir ebenso heiß als kalt gemacht.“ Dabei schielte er nach dem Tisch hinüber, auf dem noch Reste des Frühmahles sichtbar waren.
Ferencz drehte ihm den Rücken zu und ging. Andreas aber lud den Schmarotzer mit einer übertriebenen Gebärde ein, sich zu Tisch zu setzen und Thanon ging und aß und trank mit großer Gier und dann, als nichts Genießbares mehr da war, erhob er sich gravitätisch, wischte sich mit einem nicht mehr ganz sauberen Tüchlein die Lippen ab und fragte: „Erlaucht haben sich noch nicht vom Lager erhoben?“
Andreas, seine gezierte Sprechweise nachahmend, antwortete: „Erlaucht geruhen noch zu schlummern. Monsieur Thanon wird sich also gedulden müssen.“
Dann wurde der Franzose ganz plötzlich ein anderer. Den Kopf stolz zurückwerfend, bemerkte er: „Merk er es sich, Bediente müssen warten. Ich verkehre mit dem Grafen Lascienski zu jeder Zeit, in der es mir. beliebt.“ Und an dem erstaunten Andreas vorübergehend, begab er sich, einen zweiten Raum durchschreitend, nach dem Schlafgemache des Grafen.
Andreas wagte es nicht, Thanon zu folgen, so herrisch hatte sich dieser plötzlich gegeben. Er wartete aber. Er wartete, den Frechen schnell zurückkehren zu sehen. Allein Thanon blieb lange aus.
Er konnte also tatsächlich zu dem Grafen kommen, sobald es ihm beliebte.
Andreas war sehr verwundert und nachdenklich. Plötzlich stieß er einen leisen Pfiff aus. Es war, als habe sich damit seine Verwunderung entladen.
Als Peter Thanon die Tür zu des Grafen Schlafzimmer öffnete, schlug ihm eine unangenehme Luft entgegen durch künstlichen Wohlgeruch und Öllampenduft. Leise schloß der Franzose die Tür und überblickte den vornehm ausgestatteten Raum. Dunkles Getäfel bedeckte bis weit hinauf die Wände und wo es endete, war hellroter Seidenstoff gespannt und die gleiche Seide umhing in reichen Falten das schön geschnitzte Himmelbett, in dem Graf Lascienski noch im tiefen Schlaf lag.
Dicht neben ihm stand auf einem Tischchen das noch brennende Nachtlicht, dessen Schein durch ein rötliches Glas auf das Gesicht des Schläfers fiel.
Eine Weile betrachtete Thanon den Grafen; dann fiel sein Blick auf den Toilettentisch und dessen überreiche Ausstattung. Thanon fand dafür keinen Spott. Er seufzte vielmehr neidisch darüber, daß diesem, von der Natur ohnehin schon so bevorzugten Manne, so viel Hilfsmittel zu Gebote standen, um sich noch besser pflegen zu können.
Geärgert von diesen Gedanken, trat er rasch an das Bett heran und legte seine Hand auf Lascienskis Schultern.
Da fuhr der Graf cmpor und crkannte Thanon. „Ach, Ihr seid es? Thanon!“ sagte er gähnend.
Der Franzose nickte spöttisch. „Ja, Erlaucht. Ich bin es. Nur ich, Euer gehorsamster Diener und Geheimsekretär, der kommt, Euer Erlaucht Wichtiges zu melden.“
„Wichtiges?“ Lascienski lächelte spöttisch. „Ihr bauscht nur Unwichtiges auf, um Euch selber wichtig zu machen. Also laßt hören, warum Ihr diesmal gar in nachtschlafender Zeit kommt.“
„Weil es erstens nicht jeder mit anzusehen braucht, daß ich den Herrn Grafen besuche und zweitens, weil ich endlich den Überrumpelungsplan fertig habe.“ Thanons Gesicht, das soeben noch voll Verdrossenheit gewesen, zeigte jetzt einen triumphierenden Ausdruck.
Lascienski wurde lebhaft. Rasch, sich völlig aufrichitend, sagte er: „Den Plan — laßt ihn sehen. Ihr habt ihn doch mitgebracht?“
„Hier ist er.“
„Gebt her. So und jetzt zündet die Wachskerzen an.“
Thanon tat, wie ihm geheißen worden war. Als er den Armleuchter mit den beiden brennenden Kerzen auf das Tischchen gestellt hatte, zog er sich einen Stuhl an das Bett heran und ließ sich darauf nieder. Der Graf hatte die Rolle, welche Thanon ihm gereicht, schon auseinander getan und schaute interessiert auf die Zeichnung.
„Erlaucht sollten, ehe Ihr darüber Erklärung fordert, noch nach anderem fragen“, sagte der Franzose nicht ohne Ironie.
Lascienski schaute auf. „Wonach soll ich fragen? Ob die guten Wiener noch immer keine ernsten Sorgen haben? oder ob man im Kriegsrat endlich nachdenklich zu werden beginnt? Ich meine, zwischen gestern und heute wird sich da nichts geändert haben. Das Volk erfreut sich des trefflichen Weines und hört nach wie vor vergnügt seinen Bänkelsängern zu und die Hohen, die da die Augen am weitesten offen haben sollten, die haben sie nach wie vor fest geschlossen, und so hört kaiserliche Majestät wohl auch heute noch gemütsruhig die drei gewohnten Messen und nach wie vor wird seitens der hohen Räte nichts geredet noch getan werden, das die spanische Etikette, so hier am Hofe herrscht, irgendwie irritieren könnte. Wonach also, mein lieber Thanon, soll ich denn fragen? Oder doch! Nach dem Wetter frage ich. Denn für heute bin ich zur Jagd eingeladen.“
„Ich meine, Erlaucht werden heute nicht jagen.“
Der Graf schaute den Franzosen forschend an.
„Denn Ihr werdet Besuch erhalten.“
„Ah!“ machte Lascienski und nun saß er ganz aufrecht da. „Heute morgen nämlich, vor etwa einer Stunde, habe ich Besuch erhalten. Achmed ist eingetroffen und — ich glaube, Euer Diener Ferencz, der ebenfalls schon angekommen ist — wird dieselbe Neuigkeit mitgebracht haben, die Achmed mir mitteilte. Er sagte mir, daß untertags Tökölis Gesandte, Szirmay und Janski, sich bei Hofe anmelden werden, was Erlaucht und mich allerdings wenig interessiert.“
„So ist es, Thanon. Uns interessiert von allen Personen dieser Gesandtschaft nur Achmed, der für ein Anhängsel gehalten wird und welcher doch der Wichtigste darunter ist. Wo hält er sich derzeit auf?“
„In meinem Bette. Er ist viele Stunden im Sattel gewesen, um den anderen voranzueilen. So wie das Kärntnertor aufgetan worden, ist er in die Stadt gekommen.“
„Ohne viel befragt zu werden?“
„Er ist in der Tracht des Ordens gekommen, dem er dereinst angehört hat.“
Der Graf lachte. „Ei, freilich hat man ihm da keine Ungelegenheiten bereitet“, sagte er, „Eine Kutte und wäre es nur die eines Kapuziners, ist hier eine gute Empfehlung.“
„Außerdem kennt Achmed hier jeden Winkel und jeden Brauch. Wer sollte also Verdacht gegen ihn schöpfen?“ warf Thanon ein und fuhr dann fort: „Wenn Tökölis Gesandtschaft nur auch ihren Zweck erreicht!“
„Weshalb soll sie ihn denn nicht erreichen? Achmed wird das Gesehene und Gemerkte bald aufgezeichnet haben.“
„Falls man ihn nicht erkennt. Er hat doch bis vor etlichen Jahren hier gelebt, ist dann seinem Orden entflohen und man weiß hier, daß er zum Islam übergetreten ist. Wird er erkannt …“
„Das wäre freilich schlimm.“
„Und man ist nicht mehr so sorglos, als Erlaucht meinen. Man hat plötzlich Heimlichkeiten. Selbst Frankreichs Botschafter und mit ihm Erlaucht sind so ziemlich im Dunkeln darüber, wie man im Hofkriegsrat über die Türkengefahr denkt und was die Herren diesbezüglich beabsichtigen.“
„Leider bin ich in der Tat recht mangelhaft unterrichtet“, gab Lascienski ärgerlich zu. „Na, mein künftiger Verwandter, der Tököli, wird noch manchen Dukaten springen lassen müssen, bis ich ihn über die hiesige Politik werde orientieren können. Denn just jene Häuser, in denen ich das Richtige erfahren könnte, haben sich mir noch immer nicht geöffnet. Borgomanero zum Beispiel, scheint nicht übermäßig viel an meiner Gesellschaft zu liegen, denn bis heute hat dieser steife Gesandte Spaniens mir keine Einladung zukommen lassen und eben in seinem Hause dürfte so manches Wort verloren werden, das aufzuheben für die Freunde der Türken wertvoll wäre. Woran denkt Ihr? Thanon!“
„An den spanischen Gesandten, den ich nicht kenne und an einen anderen, den ich nur wenig kenne, jedoch immerhin genug kenne, um zu wissen, was Euer Erlaucht jetzt nützlich werden kann.“
„Wer ist dieser andere?“
„Bauernfeind, Ambrosius Bauernfeind, derzeit der angesehenste Baumeister Wiens.“
„Was soll er mir?“
„Er wird Euer Erlaucht vielleicht unbewußt dienen können.“
„Inwiefern?“
„Er ist ein Eitelkeitsnarr. Ein sonst mit Recht geehrter Mann … aber einer, der gern mit seinem Reichtum, noch lieber jedoch mit seinen vornehmen Bekanntschaften protzt. Wenn der einen Grafen in sein Haus bekäme, ich glaube, er gäbe seine Seele dafür.“
„Was soll mir der Mann, Thanon? Redet doch deutlicher!“ mahnte Lascienski ungeduldig.
„Vor wenigen Tagen“, erklärte das Männchen, nicht ohne ebenfalls deutliche Anzeichen von Eitelkeit, „war ich bei einem meiner Gönner, dem Baron Wehrtenstein zu Tisch geladen und auch Bauernfeind war da und sichtlich sehr geehrt durch die Vertraulichkeit, mit welcher ihn die Herrschaften des Hauses behandelten. Ich habe mich an seiner Geziertheit ergötzt. Unter anderem protzte er mit einem Auftrag, den Borgomanero ihm gegeben. Es handelt sich um ein Sommerhaus für die Frau des Gesandten. Bauernfeind redete jedoch nicht nur davon, er deutete auch an, daß er durch Borgomanero und andere seiner hohen Bekannten genau eingeweiht sei in das Vorhaben unseres Kriegshofrates.“
„Ah! … Aber er deutete nur an!“
„Ich meine, daß es nicht viel brauchte, auch noch mehr als nur eine Andeutung durch ihn zu erhalten. Erlaucht können ihm ja auch einen Auftrag geben. Dadurch ist der Kontakt mit ihm hergestellt und es steht dann nur im Belieben des Herrn Grafen, wie weit Erlaucht mit dem Manne kommen wollen, der überdies eine schöne und ebenso eitle Tochter hat“, setzte Thanon langsam hinzu.
„Eine schöne Tochter und ein eitler Vater“, faßte der Graf die Haupteindrücke zusammen. Er strich sich über das feine, spitze Kinnbärtchen: „Ich werde diesem Ambrosius Bauernfeind einen Auftrag geben.“ Nach diesen Worten lehnte er sich faul in die Pölster zurück und schaute vergnüglich lächelnd vor sich hin. Er hatte über der Aussicht auf ein neues Liebesverhältnis offenbar alles andere vergessen.
Thanon betrachtete ihn mit einem verächtlichen Lächeln. In dir hat Tököli keine gute Wahl getroffen, dachte er, denn du kennst nicht Haß noch Liebe und bist nichts als ein Weiberheld. Laut und scheinbar unterwürfig aber sagte er: „Erlaucht geruhen vielleicht jetzt den Plan zu betrachten. Er hat mich viel Studium gekostet und es war nicht ohne Gefahr, sich über Verschiedenes, das darin vorkommt, Gewißheit zu verschaffen.“
„Ja, richtig, der Plan!“ sagte Lascienski, sich wieder aufrichtend und langte nach dem dicken Papier, das auf der Seidendecke lag. „Also was sagen diese Striche?“ fragte er leichthin.
„Diese Striche“, wiederholte der Franzose, nun doch ein wenig seine Verletztheit zeigend, „bezeichnen den Weg, der die Türken, ohne daß sie einen Säbelhieb zu tun brauchen, mitten ins Herz der Stadt führt.‘
Der Graf war jetzt völlig beherrscht.
„Thanon! Ihr sprecht da etwas Großes aus! Ich kann es nicht glauben. Ihr geltet für einen Phantasten. Ist …“
„Ich weiß, daß man mich sogar für einen Halbnarren hält, der gerade zum Lustigmachen gut genug ist“, unterbrach Thanon; „aber … mindestens dort, wo ich hasse, sind meine Gedanken sehr wohl geordnet und ich weiß genau, was ich will. Schmarotzer nennen sie mich und denken nicht daran, daß meine Ohren an manchem Tisch, an dem der Wein schon Redselige gemacht hat, mehr bekommen haben als mein Mund. O … Graf Lascienski … mein Plan ist gut. Der, den ich im Kopfe habe, und der, den Erlaucht da auf dem Papier vor sich sehen. Ehe ich diesen erkläre, mache ich Erlaucht, zum wiederholtenmale schon, auf einen Irrtum aufmerksam. Gar so sicher, wie Erlaucht meinen, fühlt man sich hier nimmer. Das Volk hat schon gewaltiges Bangen vor dem, was kommen wird, und auch die ganz oben stecken schon die Köpfe zusammen. Des Grafen Caprara Gefangenhaltung bewies es ihnen endlich, daß die Türken wieder zu fürchten seien. Man redet davon, daß die hiesigen Festungswerke, die man unbegreiflicherweise so lange verfallen sein ließ, bis zum Februar wieder hergestellt werden sollen. Man erwartet also eine abermalige Belagerung der Stadt. Der Kaiser, der sich ja doch immer mehr bewußt werden wird, daß alles auf dem Spiele steht, wird alle erreichbaren Verteidigungskräfte zusammenziehen und auch alle waffenfähigen Wiener werden sich um ihn scharen. Es wird auch manches deutsche Aufgebot in Wien sein, ehe noch Mustapha hier eintreffen kann. Und so wird es den Türken nicht so leicht werden, Wien einzunehmen, wie sie selber und … wie ihre Freunde glauben. Aber“, Thanon richtete sich stolz auf, „ich bin auch noch da und habe in aller Stille geforscht und ich habe einen Weg in die Stadt gefunden, an den hier keiner denkt.“
„Und Ihr — der Fremde — habt an ihn gedacht?“
Thanon lächelte. Geheimnisvoll beugte er sich näher zu Lascienski und flüsterte: „Einer der treuesten und besten Männer dieser Stadt hat ihn mir gewiesen.“
„Ihr sprecht in Rätseln.“
„Der Provinzial der Augustinermönche, Pater Alexius, hat mir den vortrefflichen Gedanken eingegeben.“
„Thanon! Ihr phantasiert!“
„Hat mir durch ein gelehrtes Gespräch, das er mit seinen Tischgenossen führte und dem ich still und bescheiden am untersten Ende der Tafel zuhörte, die Möglichkeit in die Hand gegeben, die Feinde ungesehen bis in den Mittelpunkt der Stadt zu bringen.“
„Mann, werdet endlich deutlich!“ rief Lascienski erregt. Der Franzose erhob sich, huschte zur Tür und schob den Riegel vor; dann ließ er sich wieder neben dem Grafen nieder und wies auf den Plan. „Noch sind das für Erlaucht Striche, noch ist das Geheimnis mein. Wie viel wird mir Mustapha geben, wenn ich ihm den fast unblutigen Sieg verschaffe? Ich will nicht nur meinen Haß gegen diese Stadt voll Spötter sättigen. Ich will auch reich werden, reicher als irgend einer von denen, die mich jetzt an ihrem Tische dulden. Ungeheuer reich will ich werden!“ Ganz heiser war seine Stimme geworden, Lascienski kam die Furcht an. Es war immerhin möglich, daß dieser Mensch, der sich seit etlichen Wochen so an ihn drängte und den ganz Wien für einen Halbnarren hielt, ein ganzer Narr war. In letzter Zeit hatte er schon immer seltsame Reden geführt. Solche Unwahrscheinlichkeiten aber, wie er sie soeben vorgebracht, deuteten erst recht auf Verrücktheit. Dem Grafen war also bang geworden. Er stieg aus dem Bett und kleidete sich eilig an. „Wir wollen sofort über all dies Wichtige reden“, sagte er dabei in beruhigendem Tone. „Selbstverständlich wird Mustapha Euch mit Geld überschütten, wenn Euer Plan etwas wert ist. Stellt den Leuchter auf den Tisch da und dann wollen wir uns zusammensetzen und Ihr werdet mir alles sagen.“
„Ja, aber erst, nachdem Erlaucht mir volle Sicherheit gegeben hat“, warf Thanon kurz ein.
„Natürlich werde ich Euch vorerst mit meinem und Emerich Tökölis Namen Bürgschaft leisten dafür, daß Eueren gerechten Forderungen volle Erfüllung werden wird.“
„Schriftlich müßten Erlaucht mir dies geben.“
„Gut: Ihr sollt es schriftlich haben.“
Lascienski war bereits in den Kleidern. Jetzt fürchtete er sich nicht mehr, denn jetzt konnte er sofort seine Diener an seiner Seite haben. Er öffnete die Tür und rief Andreas herbei. Diesem befahl er, das Frühmahl zu bringen, dann nahm er selber den Leuchter und stellte ihn auf den massigen Eichentisch, an welchem er zu essen pflegte und rückte zwei Stühle zurecht. Thanon war ihm mit dem Plane gefolgt.
Vor den Fenstern des Gemaches, in welchem sie sich nun befanden, konnte man auf den weiten Platz, „Graben“ geheißen, schauen. Es war nicht anzunehmen, daß aus den gegenüberliegenden Häusern jemand sehen konnte, was man in diesem Zimmer trieb. Dennoch schloß der Graf die Fensterladen, so daß die Dämmerung, welche sich schon zu verbreiten begann, ausgeschlossen war.
Lascienski schrieb, indes man auf Andreas’ Wiederkommen wartete, einige Zeilen auf ein Papier und drückte daneben in rotes Wachs seinen Siegelring. Dann reichte er es dem Franzosen hin.
Der las sehr langsam und aufmerksam, faltete dann den Bogen und steckte ihn ein.
Lascienski beobachtete ihn und ein häßliches Lächeln umspielte dabei seinen hübschen Mund. „Seid Ihr nun zufrieden?“ erkundigte er sich und sah wieder wie ein ganz ehrlicher Mensch aus.
Thanon verbeugte sich tief. „Erlaucht haben Tökölis und Ihre Ehre mir zum Pfand gegeben.“
Im selben Augenblick kam Andreas herein und stellte eine Platte auf den Tisch, darauf sich eine Karaffe mit Wein und weißes Brot sowie zwei Gläser befanden. Er schenkte die Gläser voll und entfernte sich dann auf einen Wink seines Gebieters.
„Trinkt vorläufig nicht zu viel“, warnte Lascienski, „es ist stark gewürzter Wein. Die Klarheit Eures Denkens könnte darunter leiden. Im übrigen: Auf das Gelingen Eures Planes!“
Die beiden stießen an und Thanon begann: „Ich habe bis vor kurzem nicht viel von der Gelehrtheit gehalten, nun aber bin ich anderer Meinung, denke, daß man nie zu viel lernen kann.“
„Ihr holt weit aus, Thanon! Wollt Ihr nicht sogleich zur Sache kommen?“
„Ich bin dabei, bin dicht bei ihr, wenn ich an den hochehrwürdigen und, was mir wichtiger ist, hochgelehrten Pater Alexius denke, der seinen Confratres, wahrlich nicht mir, erzählte, daß da, wo heute der Dom St. Stephan steht, sicherlich einmal zur Zeit, da die Römer hier hausten, oder später, in der völlig dunklen Zeit der Völkerwanderung, eine heidnische Opferstätte gewesen. An derlei Stätten, so sagte der Pater, pflegte man gerne christliche Kirchen zu bauen, um von verschrieenen, durch dunkle Sagen unheimlich gewordenen Orten das Grauen zu bannen und dem einen Gott Verehrung darzubringen da, wo die Heiden zu ihren Götzen gebetet hatten.
Noch jetzt wissen es gelehrte Leute wie Alexius, daß die Rotenturmstraße ehemals Heidenhainstraße benannt gewesen. Es müssen Heiden also früher einmal da in einem heiligen Hain ihre Opfer dargebracht haben. Zu jener Zeit war immer Feindesgefahr. Nichts sei demnach — so sagte der Pater — natürlicher gewesen, als daß religiöse Handlungen auch unterirdisch vollzogen wurden. Die Christen haben es ja nicht anders gemacht. Und wie die Christen ihre Toten an heimlichen unterirdischen Orten bestatteten, so werden es auch die bedrängten Heiden getan haben. Der ,Stock-im-Eisen‘, dies alte Wahrzeichen Wiens, ist, so sagte der Pater, eine Lärchtanne, das ist ein mystischer Wetterbaum, der, so lange man von ihm weiß, mit der Wurzel nach oben aufgestellt ist, damit sein Zauber gebrochen werde. Auch er befand sich, gleich der Stephanskirche, die vor ihrem Umbau klein und unansehnlich war, einst außerhalb der Stadtmauer. Alexius hat es aus alten Schriften herausgelesen, daß in der Nähe dieses Baumes und bis nahe zur Donau hin, sich tief unter der Erde Gemächer und Gänge befinden, die aus der Heidenzeit stammen und später von den Christen zu Begräbnisstätten benützt worden sind, so gern benützt, daß schließlich eine Erweiterung notwendig geworden ist. Daß in der letzten Pestzeit viel hundert Verstorbene in diesen Katakomben beigesetzt wurden, weiß jedes Kind in dieser Stadt. Nicht jeder aber weiß, was der gelehrte Pater damals berichtete, daß man bei diesen Begräbnissen auf Löcher im Boden gestoßen sei, die in tieferliegende Räume schauen ließen und daß viele der ältesten Häuser der Stadt zwei, ja auch drei Keller übereinander haben, die unter sich und mit den Kellern der Nachbarhäuser sowohl, als auch mit den Katakomben verbunden sind.“ Thanon hielt inne. Er tat einen tiefen Schluck aus seinem Glase und fuhr fort: „Bis zum Zwettelhof und noch weiter, bis zu den Häuschen vor dem roten Turm erstreckten sich die Katakomben“, sagte er jetzt leiser werdend und schaute den Grafen mit flackerndem Blick an. „Es geschah im Frühjahr, daß ich durch den Augustinermönch Kenntnis davon erhielt. Noch weiß ich den Tag. Zu Maria Verkündigung war es, am 25. März, als der gelehrte Herr sein Wissen kundgab und seit diesem Tag ist kein anderer mehr vergangen, an dem der viel verlachte Baron Zwiefel nicht an die Katakomben gedacht hätte.“
Er wollte wieder eine Pause machen, doch Graf Lascienski drängte ihn, weiter zu erzählen.
„Im Mai begegnete ich also eines Abends in der Roßau drüben einem Mann in ungarischer Tracht. Es war mir etwas an ihm bekannt — weswegen ich ihn zum zweitenmal schärfer ansah, und da erkannte ich ihn und gewahrte auch, daß er mir winkte. Der war es, der sich heute Achmed nennt und der mit Tökölis Gesandten übermorgen in ungarischer Tracht vor dem Kaiser stehen wird. Damals erfuhr ich, daß er, der ehemalige Kapuziner, in plötzlich erwachtem Freiheitsdrang das Kloster verlassen, sich nach Ungarn begeben habe, in Ofen zum Mohammedanismus übergetreten sei und den Türken Ingenieurdienste leistete. Kennt Erlaucht diesen Mann näher?“
„Ich habe ihn nie gesehen, aber ich hörte durch Tököli, daß dieser Achmed ebenso schlau als tapfer und mehr als irgendein anderer dazu geeignet sei, die Befestigungswerke dieser Stadt, in der er ja früher gelebt hat, zu skizzieren.“
„Also kenne ich ihn besser“, fiel Thanon lebhaft ein. „Als er und ich Buben waren, bewohnten unsere Eltern ein und dasselbe Haus. Er war damals schon hier verliebt ins Studium und wenn er schließlich doch nur ein Bettelmönch war, trug seine Mutter daran schuld, die durchaus wollte, daß er Kapuziner werde. Nie hatte ich begriffen, daß dieser Feuerkopf ihr diesen Wunsch erfüllte, wohl aber begriff ich seine Flucht. Er tat keinem weh damit. Seine Eltern lagen, als er aus dem Kloster verschwand, schon auf dem Stephansfriedhof. Nach mehr als zehn Jahren sahen wir uns nun in der Roßau wieder. Ich schämte mich vor ihm — denn er war sichtlich ein feiner Herr geworden und ich — ich war ein armer Teufel. Das aber schien ihm eben recht zu sein. Er holte mich sehr geschickt aus und wußte bald, daß ich mein Erbteil vertan hatte. Es war nicht groß gewesen, denn meine Eltern hatten Frankreich wegen eines Familienzwistes halber fluchtartig verlassen und hatten den größten Teil ihres Vermögens zurücklassen müssen.
Kurz, er engagierte mich für seine Sache und seither stehen wir in heimlicher Verbindung. Er war es ja auch, wie Erlaucht schon wissen, der mir nahelegte, ich solle mich Euch anschließen.“
„Was recht geschickt geschehen ist“, vollendete Lascienski. „Aber noch weiß ich nicht, was diese Zeichnung bedeutet. Thanon, Ihr verliert Euch immer in andere Gedanken. Wollt Ihr nicht endlich zur Sache kommen?“
„Nun gut“, erwiderte der Franzose, näherrückend, „Erlaucht sollen jetzt sehr Wichtiges erfahren.“
Er beugte sich über den Plan und fing an, leise zu erklären. Es mußte tatsächlich überaus Interessantes sein, was er da, der Zeichnung mit ausgestrecktem Finger folgend, berichtete, denn Lascienski beugte sich immer weiter vor und sein Gesicht, bald blaß, bald rot, zeigte eine gewaltige Erregung. Wohl eine Stunde lang saßen die beiden so da, tief über das Papier geneigt, flüsternd Fragen und Antworten tauschend. Dann faltete Thanon den Bogen wieder zusammen und verwahrte ihn vorsichtig in der Innentasche seines Rockes, tupfte sich den Schweiß vom Gesicht und griff wieder nach dem Glas, um seinen trocken gewordenen Gaumen anzufeuchten.
Lascienski aber sagte: „Wenn alles sich so verhält, wie Ihr es mir dargestellt habt — dann ist Wien fraglos heute über ein Jahr türkisch.“
„Bis auf Geringfügigkeiten muß alles so sein, wie ich es beschrieben“, entgegnete Thanon zuversichtlich. „Ich habe fast ein halbes Jahr dazu verwendet — schrittweise, tatsächlich nahezu schrittweise, all das festzustellen, was ich hier aufgezeichnet habe. In Gefahren von mancherlei Art habe ich mich dabei begeben. Not und Angst habe ich dabei ausgestanden und habe dabei meine ganze List gebraucht und zuweilen auch die ganze Widerstandskraft, die in meinem hageren Leibe lebt; habe auch da und dort vorsichtig das Geld verwendet, das Achmed mir heimlich zukommen ließ und habe dennoch oft verzagt am Gelingen meines Werkes. Und nun ist es doch gelungen!“
Lascienski betrachtete ihn mit kaum verhehltem Widerwillen.
„Geht jetzt, Thanon, geht, ich muß jetzt allein sein. Sagt mir nur noch, wo jener Baumeister wohnt. Ich will nichts versäumen, was unserer Sache allenfalls nützen kann.“
„Ambrosius Bauernfeind hat ein schönes Haus auf der Brandstätte. Es trägt die Nummer 628“, antwortete der Franzose zerstreut, tat noch einen tüchtigen Schluck, empfahl sich diesmal weit weniger unterwürfig als sonst und ging.
Als Lascienski allein war, ließ er Andreas zu sich rufen. Er empfing von dem jungen Manne zwei Briefe. Den einen — von Tököli — legte er vor sich hin, den anderen Brief brach er ohne besondere Eile auf. Als er ihn las, lächelte er halb spöttisch und halb geschmeichelt und als er ihn langsam wieder zusammenfaltete, dachte er: Meine schöne Ilona ist ja wie eine Flamme; nur schade, daß so viel Eifersucht da mitbrennt.
Tököli meldete ihm, was er ohnehin schon durch Thanon wußte, daß Achmed Bey sich in Gestalt eines Dieners seiner Gesandtschaft anschließen werde. Dieser Meldung war der Auftrag beigefügt, daß Lascienski jeden Verkehr mit den beiden Gesandten Szirmay und Janski meiden solle.
III.
Im Hause des hochangesehenen Baumeisters Ambrosius Bauernfeind herrschte jene frohe Unruhe, welche mit den Vorbereitungen zu einem gern begangenen Fest eng zusammenhängt.
Frau Barbara Hähnlein, eine entfernte Verwandte der schon lang verstorbenen Hausfrau, welche bei Eva, des Baumeisters Tochter, in kluger, gütiger Weise die Mutterstelle vertrat, stieg mit ihren alten Füßen unverdrossen treppauf, treppab, gleicherweise um die Gastzimmer, sowie um Küche und Keller besorgt.
Auch Eva hatte alle Hände voll zu tun, aber sie war nicht so lebhaft und besonnen wie sonst. Ja, Eva Bauernfeind war seit einiger Zeit recht zerstreut. Aber die Ursache konnte keine unangenehme sein, denn niemals vorher hatte die schöne Patriziertochter ganz unbewußt den Kopf so hoch getragen und niemals hatte sie stolzer gelächelt, als in dieser Zeit.
Schon seit Wochen steckten die Dienstleute in dem alten Patrizierhause die Köpfe zusammen und tuschelten und wurden mit ihrer jungen Herrin stolz, denn es konnte nur mehr eine Frage der Zeit sein, daß ein Graf um Eva freite.
Der schöne Graf Valerian Lascienski war nämlich schon seit November fast täglich Gast im Hause, und daß er schier den Kopf verloren hatte im Umgang mit Eva, das konnte jeder sehen. Er zeichnete das Mädchen in überschwenglicher Weise aus, und aus seinem ganzen Wesen redete eine nur mit Mühe in den gehörigen Schranken gehaltene Leidenschaft.
Es war nur selbstverständlich, daß nicht nur Eva, sondern das ganze Haus stündlich seine Bitte um ihre Hand erwartete. Es lag in diesem Erwarten auch keinerlei Überhebung, denn die Bauernfeind waren ein uraltes, wappenberechtigtes Wiener Patriziergeschlecht und gar Ambrosius Bauernfeind hatte es verstanden, seinem Hause hohen Glanz zu verleihen. Er verkehrte mit dem ganzen Adel Wiens und war eine persona grata bei Hofe.
Daß er als einer der reichsten Männer Wiens galt, gab für sein sonstiges, wohlbegründetes Ansehen einen glänzenden Hintergrund ab. Natürlich war er auf echt wienerische Art auch im Überschwang gastfrei, weswegen denn Frau Hähnlein und die schöne Eva schier nie zur Ruhe kamen, was indessen beiden zur Freude wurde; denn auch sie waren ja echte Wienerinnen, lebhaft und geselligkeitsliebend. Und da sie allzeit ins Volle greifen konnten, war es wieder nur selbstverständlich, daß Gäste fast immer da waren und sich hier äußerst wohl befanden.
Unter denen, die seit etwa zehn Wochen am häufigsten kamen, befand sich Lascienski. Thanon hatte recht behalten. Der vornehme Kavalier, der zu Bauernfeind gekommen war, um mit diesem über den Bau eines Landhauses sich zu besprechen, hatte bald den Weg gefunden, der aus den Geschäftsräumen des Baumeisters in dessen Wohnung führte, wo die gute Frau Hähnlein in Entzückung geriet über das liebenswürdige Wesen Lascienskis, und wo Evas Eitelkeit es als äußerst süß empfand, wenn sie wahrnahm, daß dieser ausnehmend schöne Mann in eine nicht mißzuverstehende Gemütsverfassung geriet, wenn sie nur ins Zimmer trat.
Des Grafen Verliebtheit war tatsächlich so unverkennbar, daß Liesl, die Zimmermagd, welche beim Servieren so ihre Beobachtung machen konnte, schon nach Lascienskis zweitem Besuch dem Heinrich Traudel, einem Gesellen des Meisters, lachend berichten konnte: „Schier geschluckt hat er sie mit den Augen. Auf Essen und Trinken hat er vergessen. Hätt’s mein Lebtag nicht geglaubt, daß so ein vornehmer Herr, wenn er verliebt ist, sich nicht anders gibt als unsereins.“
Der Heinrich Traudel hörte ihr ganz still zu; aber als sie ihn allein ließ, ballte er die Hände und murmelte: „Herrgott! Nur den soll sie nicht nehmen. Ich spür’s, daß der kein guter Mensch ist!“ Und dann schluckte er ein paarmal, beugte sich wieder über das Reißbrett und zeichnete weiter.
So stand es schon Ende Dezember im Bauernfeindschen Hause und jetzt schrieb man den einundzwanzigsten Januar, der hier immer als Festtag gefeiert wurde, denn am einundzwanzigsten Januar vor achtundfünfzig Jahren war der jetzige Herr des Hauses geboren worden. Schon am Vormittag hatte Lascienski einen Korb voll dunkelroter Nelken von einer ganz besonderen Art gesendet, um die Festtafel und den Sessel des Hausvaters damit zu schmücken, eine Vertraulichkeit, die sich nur einer erlauben durfte, welcher diesem Hause schon sehr nahe stand. Andreas hatte die wunderschönen, seltsamen Blumen gebracht. Er war dabei zufällig, vielleicht aber auch nicht ohne sein Dazutun, Frau Hähnlein in den Weg gekommen, und ein strahlendes Lächeln, ein Becher guten Weines sowie ein funkelnagelneuer Taler waren sein Botenlohn gewesen. Evas Erröten beim Betrachten der Nelken sah niemand als ihr Vater — aber seltsam! Dieser Mann zeigte wenig Freude an dem feinsinnigen Geschenk, das so viel andeutete und so viel verriet. Nach einem flüchtigen Blick auf die Blüten verließ er wortlos das Gemach. Eva sah ihm betreten nach.
War etwas Ungutes zwischen ihm und Lascienski? Hatte er nicht selber den Grafen freudig in sein Haus geführt und ihn nicht immer als ganz besonders lieben Gast ausgezeichnet? Und hatte nicht er selbst vor etlichen Wochen freudig gesagt: „Eva! Nimm die weißen Perlen zu deinem weißen Atlaskleid. Lascienski versteht den Wert eines Schmuckes und den Wert einer schönen Frau abzuschätzen. Ich will, daß du um nichts anderes aussiehst, als die Frauen seines Kreises und ich meine, er will das auch.“ Es lag damals in des Baumeisters Worten mehr als nur ein Hoffen, es lag darin schon eine sichere Erwartung. Und heute, nachdem der Graf sich noch enger an sie und ihren Vater angeschlossen, da in jeder Stunde seine Werbung zu erwarten war, zeigte der Vater eine solche Verstimmung?
Vielleicht ist es nur Ärger im Geschäft, dachte Eva und die böse Laune kam von dieser Seite? Gegen Mittag trug sie wieder das milchweiße, schleppende Atlasgewand und die fünffache, berühmt schöne Perlenschnur, welche schon so manche ihres Geschlechtes vor ihr getragen; an ihrer Brust aber glühte eine der blutroten Nelken, die Lascienski gesandt hatte.
So zum Feste angetan, betrat sie den vierfenstrigen Saal, in dem schon die Verwandten versammelt waren. Auch etliche Wiener Freunde des Hauses befanden sich schon in dem großen, vornehm ausgestatteten Raum, dessen dunkles reichgeschnitztes Getäfel gar zu ernst gewirkt hätte, wenn nicht die alten, köstlichen, hochlehnigen Ruhebetten und Stühle mit rosa Seide überzogen gewesen wären, wenn nicht auf den herrlichen Truhen prächtige, hellfarbige Decken gelegen hätten und wenn nicht aus den zierlichen Glasschränken, welche da und dort an den Wänden standen, das Aufblitzen kostbarer silberner und goldener Gefäße und der Edelsteine, mit denen manches dieser Prunkstücke besetzt war, zu sehen gewesen wäre.
Als Eva eintrat, richteten sich unwillkürlich aller Augen auf sie. Auch die ernsten, ruhig blickenden Augen eines Mannes, der die Uniform eines brandenburgischen Hauptmannes trägt, haben sich ihr zugewandt, und langsam, ganz langsam kommt etwas wie Freudigkeit in das Gesicht des Offiziers.
Der Hausvater und die anderen älteren Herrschaften sitzen in feierlicher Gemütlichkeit um einen ovalen Tisch, die jüngeren Leute, eine liebliche junge Frau, der brandenburgische Offizier, ein schlanker, blasser Mönch und ein junger Mann in der schwarzen Tracht der Hochschullehrer, stehen in einer der tiefen Fensternischen beieinander.
Eva kann es mit einem Blick sehen, daß Lascienski noch nicht anwesend ist. In ihrer sicheren Art die Gesellschaft begrüßend, entschuldigt sie sich wegen ihres späten Erscheinens. Ein Mann, der sich von den Dienern unten nicht hatte abweisen lassen, war ihr bei ihrem Gang nach dem Saal entgegengetreten und hatte sie um eine Unterredung gebeten. Da war sie in das nächste, in das Speisezimmer gegangen und hatte ihm geheißen, ihr zu folgen. Sie wußte nämlich, daß sowohl Muhme Barbara als auch die Liesl dort noch beschäftigt seien, daß sie also mit dem ihr ein wenig seltsam erscheinenden Fremden dort nicht allein sei. Aber der junge, schwarzhaarige Fremde hatte kaum die Schwelle überschritten, als er einen Schrei ausstieß und nach dem mit den Nelken überstreuten Tisch schaute, ihr selber dann die Blume, die sie am Leibchen trug, entreißen wollte, daran aber von der Liesl gehindert wurde. Daraufhin eilte der Fremde aus dem Zimmer. Die Liesl, das beherzte Ding, erreichte ihn noch und wollte ihn an dem Ende seines langen Mantels festhalten, da stach der Flüchtende mit einem Messer oder Dolch nach ihr und verletzte sie an der Hand. Danach entkam er ungehindert. Wie in den Erdboden war er verschwunden. Peter, der Pförtner, der aus seinem Stübchen rannte und ihm folgen wollte, konnte ihn nirgends mehr entdecken. Und dann hatte man ihr etwas, das der unheimliche Fremde verloren hatte, übergeben. Denn wer als dieser sollte eine Agraffe just im Momente seiner Flucht im Flur verloren haben?
Dies berichtete Eva und nun konnten die, denen sie es erzählte, begreifen, warum sie noch ein wenig blaß und erregt hereingekommen war. Sie legte den Fund vor ihren Vater hin. Indessen er ihn kopfschüttelnd zur Hand nahm und betrachtete, ließ er sich den Fremden beschreiben, Aber Eva konnte nur angeben, daß dieser jung und vornehm aussähe.
Als sie sich dann zum Fenster wandte, um die dort Stehenden zu begrüßen, kam ihr Magister Josef Schmutz mit dem Hauptmann entgegen. Er stellte ihr diesen vor. Er war sein Vetter, war ein Freiherr und hieß Wolf Dietrich von Thorgau. Er war mit einem Schreiben des Kurfürsten an den Hofkriegsrat nach Wien gesandt worden und wollte hier die etlichen Wochen seines Urlaubes zubringen.
„Gestern abends“, fuhr der junge Gelehrte fort, „kam er hier an, mein Vetter. Da fragte ich mich geziemend bei Euerem Vater an, ob mein werter Gast in seinem Hause freundliche Aufnahme finden könne und da hieß es, ich solle Wolf Dietrich gleich heute mitbringen.“
„Was, Ihr, Herr Magister, denn auch zu meiner Freude getan habt“, sagte Eva, dem Hauptmann die Hand reichend. Der Freiherr zog diese schöne, wohlgepflegte Hand an seine Lippen.
„Diese Hand ist kalt, Fräulein“, sagte er, „noch wirkt der Schreck in Euch nach. Ich bin zu bedeutsamer Stunde in dieses Haus gekommen!“
„Es scheint so zu sein, Herr von Thorgau“, erwiderte Eva. „Wenigstens für mich war der Vorfall bedeutsam, denn er zeigte mir, daß ich einen Todfeind habe.“
„Gewöhnlich kennt man seine Todfeinde oder wenigstens die Richtung, in der man sie zu suchen hat.“
„Ich kenne den nicht, der mich bis zum Morden haßt.“
„Seltsam! Wenn man nicht annimmt …“ Der Hauptmann konnte seinen Satz nicht zu Ende führen, denn Evas Aufmerksamkeit galt einem, der soeben eingetreten war. Thorgau trat ein wenig hastig zurück, weil er sah, daß in die Wangen des schönen Mädchens eine zarte Röte kam.
Wie magnetisiert von der Schönheit und dem eigentümlichen Reiz, den der Edelmann sichtlich auf alle hier Anwesenden ausübte, ging Eva ihm einige Schritte entgegen.
Einer Königin glich sie in diesem Augenblick, nicht einem liebenden Mädchen. „Wer ist dieser schöne Mann?“ fragte der Hauptmann seinen Vetter, während Graf Lascienski an Evas Seite den Hausherrn und dessen ältere Gäste lebhaft begrüßte.
Magister Schmutz, der junge Universitätslehrer und Vetter Thorgaus, warf einen scharfen Blick hinüber und antwortete: „Eben ein schöner Mann. Du hast seine Haupteigenschaft sofort herausgefunden. Nebstbei ist er ein Graf Lascienski und erzählt gern, daß er ein Günstling des Polenkönigs sei.“
„Ist er in politischen Angelegenheiten hier?“ erkundigte sich der Hauptmann.
Der Magister zuckte die Schultern. „Was ich von ihm weiß, ist nur, daß er sich seit etwa einem halben Jahr vortrefflich hier unterhält und auf ziemlich großem Fuße lebt; daß er bei allen Festen zu finden ist und dabei den Frauen die Köpfe verdreht. Eva ist’s nicht anders ergangen als den anderen, aber diesmal sitzt auch er fest. Man erwartet mit Recht, daß er um Eva werben wird.“
„So!“
„Was der Eitelkeit dieses ganzen Hauses ungeheuer schmeichelt.“
„Ei! Ist man hier so eitel?“
Magister Schmutz wurde plötzlich ernst.
„Weißt du“, sagte er, „es nimmt sich nicht gut aus, Übles zu reden über die, deren Gastfreundschaft man genießt. Meine schnelle Zunge hat aber nicht gelogen. Ja — die Bauernfeinds sind alle eitel und hoch hinaus. Das ist aber auch ihr einziger Fehler, denn sonst sind sie ein tüchtiges, ehrbares Geschlecht und gerechterweise hoch angesehen, weit über unsere Stadtgrenze hinaus.
„Und jetzt sag’ mir noch, wie es kommt, daß ein Bruder der stolzen Eva Mönch geworden ist?“
Der Hauptmann sah bei dieser Frage auf den jungen Mann in dunkler Kutte, der neben des Magisters Frau im Fensterwinkel stand.
Der Magister zuckte die Achseln. „Er ist eben einer von den Äpfeln, die weit vom Stamme fallen“, sagte er dann und ein weicher Zug kam in sein frisches, männliches Gesicht, als er weiter redete: „Einem einfacheren Menschen, als es Konrad Bauernfeind ist, der jetzt Bruder Anselmus heißt, bin ich noch nicht begegnet. Es hat ihn völlig hinausgetrieben aus dem Glanz und dem ewigen gastlichen Lärm dieses Hauses.“
„Welchem Orden gehört er an?“
„Kamaldulenser ist er und lebt nun schon seit drei Jahren im Kahlenberger Kloster. Nur selten, so bei Familienfesten ähnlicher Art, wie das heutige eines ist, sieht man ihn hier. Nun! Was haben denn die dort?“
Schmutz schaute zu dem Tische hin, um dessen weites, ovales Rund die älteren Besucher des Baumeisters gesessen und die sich bei des Grafen Herankommen erhoben hatten, um die nun beiderseitige Vorstellung mit geziemender, dem Adel nachgeahmter Steifheit zu absolvieren.
Ambrosius Bauernfeind, selber eigentümlich steif, machte den Grafen mit den anderen Gästen bekannt. Darunter war auch der Apotheker Martin Livonius, ebenfalls ein alter Freund des Hauses. Es war ein lieber, kluger Mann, dessen Interesse für wirklich Interessantes leicht geweckt war. Nebst Bauernfeind hatte e r sich am meisten über den seltsamen Angriff, dem eben vorhin Eva ausgesetzt gewesen und über den man soeben noch gesprochen, erregt.
Als Lascienski das Gemach betrat, hatte Livonius die Agraffe, welche Evas Angreifer verloren, soeben zur Hand genommen, um sie zu betrachten. Mit ihr trat er dem jungen Edelmann entgegen.
Sie wollten einander die Hand reichen, wobei Livonius sagte: „Seht, Herr Graf, was da einer verloren hat, der unserer Eva ans Leben wollte.“ Und er hielt ihm die Agraffe hin.
Da geschah, was den Magister Schmutz zu jenem Ausruf veranlaßte.
Lascienski vergaß ganz darauf, die dargebotene Rechte anzunehmen. Bleich werdend, wich er einen Schritt zurück, starrte auf die Agraffe und murmelte: „Ans Leben wollte? Was heißt das? Ans Leben wollte!“ Und während ihm mit wenigen Worten erklärt wurde, was soeben vorhin geschehen war, starrte er noch immer auf das Schmuckstück und wiederholte immer wieder: „Es ist unglaublich, unglaublich!“ und er griff mit bebender Hand nach der Agraffe. Plötzlich aber besann er sich, legte das blitzende Ding, an dem ein Büschel Reiherfedern befestigt war, auf den Tisch und wendete sich zu Eva, die gleich den anderen verwundert seine Fassungslosigkeit gewahrte.
Jetzt war er nur mehr der Liebende. „Gott sei tausendfacher Dank, daß Ihr dem ruchlosen Anschlag nicht zum Opfer gefallen seid“, sagte er tiefbewegt und zog Evas Hand voll leidenschaftlicher Zärtlichkeit an die Lippen. Dann richtete er sich auf und fuhr fort: „Und damit ich ein Recht habe, fortan Euch zu schützen …“
„Herr Graf! Dieses Recht behalte ich mir einstweilen noch selbst vor“, fiel der Hausherr jäh in die Rede und setzte sich sichtlich gewaltsam zur Ruhe zwingend, hinzu: „Und jetzt bitte ich meine lieben Gäste, mit mir zu Tisch zu gehen. Wir werden schon erwartet.“
Mit zierlicher Verneigung bot der Baumeister einer Dame die Hand, um sie aus dem Zimmer zu führen und wie er, taten die anderen Herren.
Graf Lascienski sandte Bauernfeind einen düsteren Blick nach, dann wendete er sich Eva zu, die völlig fassungslos die Worte ihres Vaters angehört hatte, und sagte: „Euer Herr Vater ist heute seltsam erregt. Ich will es ihm nicht nachtragen, denn es zittert eben noch die Angst um Euch in ihm nach — sonst …“ In seinen Augen war etwas wie Drohung.
Auch in Eva war jetzt alles Stolz und hohes Selbstbewußtsein, als sie antwortete: „Herr Graf! Wenn Ihr Nachsicht mit meines Vaters Erregtheit habt, dient diese freundliche Nachsicht unserem fernen Verkehr — denn sonst …“ Auch Eva beendete den Satz nicht. „Und nun gehen wir zu Tisch“, sagte sie lächelnd und legte die Spitze ihrer Finger in Lascienskis ihr rasch gereichte Hand.
Jetzt standen sie auf der Schwelle des Speisesaales; da hielten sie plötzlich inne. Sie sahen, daß Bauernfeind das Nelkengewinde, welches Eva selber vor einer Stunde um die hohe Lehne seines Stuhles gelegt, hastig entfernte und auf eine Truhe warf.
Lascienski ließ Evas Hand los. Heiser vor Zorn murmelte er etwas in seiner Muttersprache. Gleich aber fühlte das Mädchen ihre Hand wieder schier krampfhaft umschlossen und hörte seine Stimme dicht an ihrem Ohr: „Und dennoch werdet Ihr mein sein!“
So laut hatte er es gesagt, daß die zwei Männer, welche. hinter ihm und Eva standen, die Worte hörten. Anselmus’ Gesicht wurde rot und ein sehr weltlicher Zorn blitzte aus seinen Augen. Schon wollte er einen Schritt nach vorn tun — da hielt ihn der Hauptmann von einer Unbesonnenheit ab. „Frater“, sagte er leise, „Ihr müßt erst wissen, ob Eure Schwester vor diesem Manne behütet sein will — dann erst könnt Ihr Euer Bruderrecht üben.“
IV.
Die Tafel, welche die wackere Frau Hähnlein und Eva mit Hilfe aller Mägde so köstlich als möglich bestellt hatte, verlief in ganz anderer Weise, als die meisten der Festgäste angenommen hatten.
Es herrschte heute an dem schier überreich gedeckten Tisch keine frohe Stimmung und das fand jeder begreiflich, denn Evas seltsames unheimliches Erlebnis wirkte eben jetzt noch in jedem der Anwesenden nach. Und völlig unbegreiflich war den Freunden des Baumeisters, daß dieser sich plötzlich so feindlich gegen Lascienski zeigte.
Eva sprach mit dem Grafen, der ihr linker Tischnachbar war, nur wenig und dieses Wenige in ihr sonst fremder, ganz unsicherer Art. Desto mehr widmete sie sich ihrem Nachbar zur Rechten, dem brandenburgischen Edelmann, der eine zwar nicht lebhafte, aber kluge und angenehme Art zu reden hatte.
Früher, als geplant gewesen, verließen die Gäste die Tafel. Herr von Thorgau und der Magister mit seiner Frau waren von Eva zu einer Schlittenfahrt für den nächsten Tag eingeladen worden. Eva hatte diese Einladung im Beisein des Grafen an die drei ergehen lassen und ihn nicht mit inbegriffen.
Den Kopf stolz erhoben, wandte sie sich an ihren gräflichen Verehrer. „Ihr seid morgen bei dem französischen Gesandten, habt Ihr früher erwähnt. Deshalb habe ich meine Einladung nicht auch an Euch gerichtet.“ Sie wollte sofort wieder zu den anderen reden. Lascienski hielt sie jedoch mit dem Blick fest. „Es ist auch noch ein anderer Grund da, dessenwegen meine stolze Herrin mich derzeit nicht gern um sich sieht“, klagte er.
Da blickte Eva ihm fest in die Augen und erwiderte: „Ihr habt recht, Graf. Es gibt noch einen zweiten Grund, daß Ihr morgen nicht bei uns sein werdet. Ihr habt einen, den ich über alles liebe, beleidigt, habt ihm gedroht …“
„Nachdem er mich beleidigte“, fiel Lascienski ihr leidenschaftlich in die Rede. „Eva, rechnet Ihr dies für nichts?“
„Ich weiß nicht, Herr Graf, was zwischen Euch und meinem Vater steht“, sagte sie ernst, „aber eines weiß ich. Er tut keinem ein Unrecht, Wenn er wieder wie früher zu Euch sein wird, dann …“
Sie redete nicht weiter. Vor Stolz errötend, sah sie auf Lascienski, der sich über ihre Hand gebeugt hatte. Sie fühlte einen heißen Kuß und sah seine tiefe, zeremonielle Verbeugung. Dann schaute sie dem sich rasch Entfernenden lächelnd nach, während der Magister heiter sagte: „Eva, der ließe sich um Euretwillen noch viel mehr gefallen, als was Eurer Vater merkwürdigerweise ihm heute geboten hat. Weißt du wirklich nicht, warum das Unbegreifliche geschah? Wir dachten, dich heute als Grafenbraut zu feiern und die Werbung war ja auch schon im besten Zug, als dein Vater dem Grafen in die Rede fiel.“
„Ich weiß nicht, was zwischen den beiden vorgefallen ist“, sagte Eva ruhig und änderte, sich zu dem Hauptmann wendend, rasch den Gesprächsstoff: „Ihr werdet also bei uns sein, Herr von Thorgau“, meinte sie voll aufrichtiger Liebenswürdigkeit, „und so werdet Ihr die Schönheit des Wiener Waldes kennenlernen, denn das Ziel unserer Fahrt ist unser Landhaus, das am Fuße des Kahlenberges liegt.“
Vor dem Hause unten und in dessen weitem Flur ging es dann eine Weile lebhaft zu, denn etliche der Gäste wurden von ihren Schlitten abgeholt.
Herr von Thorgau und sein Vetter, der Magister, hüllten sich in ihre Mäntel und gingen zu Fuß. Sie redeten über den Verlauf des Festes, dem sie soeben beigewohnt und das zwar glänzend gewesen, dabei sich jedoch keiner seiner Teilhaber so recht wohl gefühlt hatte.
Natürlich redeten sie auch von Eva, die ja der Mittelpunkt des vornehmen Hauses war.
„Viel Herz scheint sie nicht zu haben“, bemerkte der Hauptmann.
Aber Schmutz widersprach ihm. „Du irrst“, sagte er. „Unter armen Leuten mußt du sie schauen, im Spittel, das sie schon seit Jahren regelmäßig heimsucht und darin die Alten und Kranken einen Engel in ihr sehen.“
„Dann schon einen Erzengel“, lächelte Thorgau. „Hätte sie Flügel und ein Schwert in der Hand, könnte man sie leicht für St. Michael halten.“
Der Magister nickte. „Richtig! Sie hat etwas Heldenhaftes in sich. Darum wird sie es wohl überstehen, falls sie nicht Gräfin Lascienska werden sollte.“
Im Hause des Baumeisters fand man nicht so bald den Schlaf. Zwischen Bauernfeind und dem Grafen, der erst viel später als die anderen Gäste gegangen war, hatte es eine stürmische und zwischen Anselmus und Heinrich Traudel eine zwar stille, aber dennoch ebenfalls aufregende Unterredung gegeben. Und so konnten weder Vater und Sohn, noch auch der wackere Geselle bald einschlafen.
Und Eva? Es war schon gegen Morgen und noch ging sie, geschmückt wie beim Feste, in ihrem Schlafgemach umher.
Es war ein wunderschöner Raum. Die mit hellem, reichgeschnitztem Holze bedeckten Wände wurden nur durch einige Felder unterbrochen, die mit lichtblauer, flimmernder Seide bespannt waren. Diese reizvollen Wände umschlossen ihnen gleichwertige Wohngeräte, Schränke und Truhen, ein köstliches Himmelbett, umwallt von schwerer, hellblauer Seide und ein Putztisch, auf welchem es von Silber blitzte.
In diesen Raum paßte Eva Bauernfeind sehr gut und sie war das Schönste darin, war es auch jetzt, da sie bleich und händeringend auf und nieder ging.
Wiewohl sie sich müde fühlte, wie noch nie in ihrem Leben, konnte sie nicht ruhig bleiben. Mehrmals hatte sie sich, der Müdigkeit nachgebend, auf den Polsterstuhl niedergelassen, der vor ihrem Putztisch stand, aber da hatte ihr Gesicht aus dem Spiegel geschaut, dieses blasse Gesicht, aus dem Leid, Angst und quälende Scham sprachen.
Dieser Anblick hatte sie wieder durch das Gemach gehetzt, darin sie bis jetzt ihres Lebens und ihrer Schönheit froh gewesen war.
Wie ein Menschenleben innerhalb einer Stunde sich so ganz verändern, wie sein Inhalt ein so ganz anderer werden kann!
Freilich, vorbereitet war sie darauf, daß irgend etwas Peinliches da war. Schon seit Tagen war ihr Vater so seltsam ruhelos; sie hatte sich schon Sorgen hingegeben, sie hatte auch schon mit Heinrich Traudel, der ihrem Vater sehr nahe stand, über ihn geredet; aber Heinrich war ihren Fragen ausgewichen und einmal — als sie die Frage tat, ob vielleicht Verarmung ihm drohe, da hatte der sonst so stille, bescheidene Jugendfreund laut aufgelacht und höhnisch geantwortet: „Das ist’s nicht. Was ich fürchte, ist — daß Euer Reichtum sich noch vermehren wird.“ Dann war er, als empfände er, schon zu viel gesagt zu haben, davongegangen.
Dann war das Fest und der Überfall, die Werbung und deren Abwehr und dann — dann hatten Lascienski und ihr Vater miteinander geredet und sie war, ungewollt, heimlich Zeugin dieser Unterredung gewesen.
Da wußte sie alles! Und deshalb war sie in ihr Schlafgemach geflüchtet, deshalb hat nicht einmal eine der Mägde mehr zu ihr kommen dürfen, die, einer Irrsinnigen gleich, stundenlang ohne Ruh und Rast auf und nieder rennt wie ein zu Tod verwundetes, schmerzgepeitschtes Edeltier. Als die Uhr von Sankt Stephan sieben Schläge tat, stand Eva eben am Fenster und starrte zu dem herrlichen Turm hinüber, dessen Form schon aus der weichenden Morgendämmerung tauchte.
„Licht wird es, Gott im Himmel! Wie fürchte ich jetzt das Licht!“ murmelte sie. Da rasselte unten das Tor und Hufschlag wurde hörbar. Frater Anselmus, auf einem bescheidenen Klosterklepper sitzend, ritt aus dem Hause.
„Gott sei mit Euch, junger Herr!“ hörte man die tiefe Stimme des Pförtners Peter sagen, und ihr Bruder antwortete: „Bruder Anselmus bin ich, guter Peter. Ein Armer, der in sein armes Kloster zurückkehrt. Gott sei mit euch allen, die ihr in diesem Hause, in dieser trauten Stadt wohnt.“ Die Stimme verhallte, das Rößlein trabte weiter. Es wurde wieder still.
Eva hatte ihrem Bruder einen Abschiedsgruß nachrufen wollen, aber sie tat es nicht. Sie ließ die Hände wieder sinken und murmelte: „Zieh in Frieden, du Kluger, der du den Narrenprunk dieses Hauses hinter dir gelassen hast. Gott ist mit dir, mein Bruder, wer aber wird mit uns sein?“
V.
Etliche Stunden später hielten zwei prächtige Schlitten vor dem Hause des Baumeisters, um die drei geladenen Gäste abzuholen.
In dem einen Schlitten unter silbergrauen Fellen huschelte sich Anna, des Magisters Frau, zusammen, deren liebes Gesicht von der Kälte schon rosig gefärbt war. Ihr Mann, der bei ihr gesessen, hatte den Schlitten verlassen, um mit Thorgau Eva herunterzuholen.
Sie trat ihnen schon im Flur entgegen. Auch Frau Hähnlein in ein Tuch gehüllt, war heruntergekommen. „Lieber Magister“, sagte sie ein bißchen aufgeregt, „welcher von den beiden Herren wird der Kavalier Evas sein? Der muß nämlich ein bißl aufpassen, denn unser Kind ist nicht wohl und will die Fahrt doch nicht unterlassen.“
„Aber liebe Muhme, mach’ doch nicht so ein Wesen aus meinem bißchen Kopfweh“, bat Eva und setzte, den Herren beide Hände reichend, hinzu: „Eine vergnügliche Gesellschaft werde ich aber wirklich nicht sein; also wer wird so vorsichtig sein, nicht mit mir zu fahren?“
„Ich habe nie für besonders vorsichtig gegolten“, warf Herr von Thorgau rasch ein und der Magister setzte lustig hinzu: „Und mich hält man mit Recht für eifersüchtig. Nicht um eine Welt ließe ich Wolf Dietrich mit meiner Frau fahren. Also bleibt er Euch, liebe Eva.“
„Na, dann rasch in den Schlitten“, drängte Frau Hähnlein, „und ums Dunkelwerden seid Ihr wieder zurück.“ Und die geschäftige Frau ließ es sich nicht nehmen, „unser Kind“, von dem sie reichlich um Haupteslänge überragt wunde, auch recht gut in die Bärenfelle einzuhüllen.
Mit einem liebreichen Lächeln grüßte Eva ihre alte Verwandte, die Pferde zogen an und unter Schellengeklingel nahmen die beiden Schlitten ihre Fahrt auf.
Es ging zum Schottentor hinaus. In den engen, krummen Gassen der Stadt war es nicht sehr kalt; als die Schlitten jedoch ins Freie kamen, machte sich das scharfe Frostwetter recht bemerkbar. Es war ein prächtiger Wintertag. Vom lichtblauen Himmel strahlte das Sonnenlicht auf die schneebedeckten Fluren und ließ Millionen farbenreicher Fünkchen in den weißen Flächen aufblitzen, an denen die Fahrzeuge vorüberkamen.
Bald lag die Vorstadt Roßau hinter ihnen, die Hügel von Nußdorf tauchten auf und immer näher kam man dem Leopoldsberg, an dessen Fuß die Straße weiterführt nach der lieben, alten Stadt Klosterneuburg.
Stolz ragte die feste Babenbergerburg in den lichten Himmel und weiter drüben im Lande duckten sich das Kahlenberger Kirchlein und das Kloster der Kamaldulenser unter die mächtigen Baumriesen, die schon seit hunderten von Jahren auf Wien, das mauerumgürtete Bollwerk der Christenheit, hinüberschauten.
Und auf all diesem lag die weiße Pracht des Winters, bestrahlt vom Sonnenlicht.
Anna und der Magister plauderten und lachten zuweilen so laut, daß es die hinter ihnen Fahrenden gut hören konnten, wie froh den beiden zumute war.
Um so auffallender empfand Herr von Thorgau die ernste Stimmung seiner schönen Fahrtgenossin. Eines wußte er: es war nicht ein körperliches Unbehagen, das Eva quälte, sondern es war ihre Seele, die litt.
Um ihr ein wenig zu Hilfe zu kommen, fing er an, ihr von seiner Heimat und seiner alten, guten Mutter zu erzählen und ihr zu schildern, wie man bei ihm daheim lebe und wirtschafte, und wie die sandige Heide auch ein liebes Stück Erde sei.
Der wackere Brandenburger war ein schlichter, ernster Mann, der niemals in Reichtum gebettet, niemals vom Glücke verwöhnt worden war. Reich war nur sein Herz, das fühlte Eva, als er so lieb und gut redete, was aber nur so eifervoll geschah, weil er merkte, wie schwer es ihr jetzt sei, harmlos zu scheinen.
Harmlos! Herr Gott! Sie war einfach von bitterster Sorge für ihres Vaters ferneres Leben erfüllt und voll Angst um sich selber. Aber es durfte niemand merken, von woher die Pein gekommen, die sie seit dem gestrigen Abend erfüllte. Deshalb nahm sie alle ihre Kraft zusammen, deshalb machte sie jetzt mit ihren Freunden diese „Lustfahrt“.
Beim Kahlenbergerdörfel bogen die Schlitten von der breiten Straße ab und verließen die Donau. Bauernfeinds Landhaus lag am Fuße des Kahlenberges. Man sah es erst, wenn man schon fast bei seinem Tore stand. Es war ein kleiner, aber fester Bau, dessen rückwärtige Seite an eine steile Felswand gebaut war.
Bauernfeind hatte das Haus vor vielen Jahren einem Müller abgekauft, der darin sein Gewerbe getrieben. Jetzt freilich erinnerte nichts mehr als der starke Bach, über welchem ein Teil der ungemein derben Mauern aufgeführt war, daran, daß einst viele Menschenalter hindurch hier ein Mühlrad geklappert hatte.
Dem Baumeister hatte es gefallen, die einstige Mühle durch allerlei Veränderungen in ein vornehmes, allerdings ein bißchen festungsartiges Landhaus umzuwandeln. Die äußerliche Düsterkeit hatte er dem alten Bau freilich nicht nehmen können. Jeder aber, der über die derbe, steinerne Brücke in den kleinen Hof einfuhr und dann den alten Bau betrat, war erstaunt, denn darin war alles hell und freundlich und trotz aller Einfachheit schön und vornehm.
Als das Schellengeklingel vom Haus aus vernehmbar geworden, hatte sich dessen Tür geöffnet und ein behäbiger, ältlicher Mann war so flink wie die Freude macht, die paar Stufen in den Hof hinunter gestiegen. Als der erste der Schlitten anhielt, war auch schon das Hoftor, an welchem die Brücke endete, aufgetan, riß der wohlbeleibte Alte die Ottermütze vom Kopfe und begrüßte mit Verbeugungen und herzlichen Worten die Einfahrenden.
Eine auch nicht mehr junge, aber robuste Frau und ein junges Mädchen waren gleichfalls zur Stelle und halfen den Gästen beim Aussteigen.
„O, Fräulein Eva, wie bin ich froh, daß wieder einmal Leben ins Haus kommt“, sagte das junge Ding vergnügt und ihre Mutter beteuerte das gleiche.
„Ach! Schröckenfucbsin. Ich bin doch selber froh, daß ich wieder einmal habe herauskommen können“, entgegnete Eva freundlich. „Habt Ihr es uns denn auch recht gemütlich gemacht?“
Etliche Minuten später saßen die vier in einem behaglich eingerichteten und wohlig durchwärmten Zimmer und die Schröckenfuchsin trug heißen Zimtwein und Marie, ihre Tochter, feines Backwerk als ersten Imbiß auf.
Nachdem alle der winterlichen Kälte ledig geworden waren, zeigte Anna, die sich hier wie daheim fühlte, das hübsche Gütchen in allen seinen Teilen, selbst den Stall und den Schupfen mußte man sich ansehen und wurde dann erst wieder in die trauliche Stube geführt, in welcher Eva zurückgeblieben war.
Herr von Thorgau, welcher ihrer zuerst ansichtig wurde, erschrak, als er den vergrämten Zug sah, der sich in ihrem Gesichte ausprägte. Sie war so tief in ihren geheimnisvollen Schmerz versunken, daß sie sein Kommen gar nicht gewahrte; da redete er absichtlich laut zu den anderen und vermied es, sie anzusehen.
Als man sich zur Heimfahrt anschickte, fand man sich in der alten Sitzordnung. Das Wetter war linder geworden. Es fing zu schneien an. Große, weiche Flocken taumelten durch die Luft. Hie und da flog eine Krähe von einem Baumwipfel. Die Wasser der Donau gurgelten leise, zuweilen klatschten ein paar Eisschollen zusammen. Die Pferde schnaubten manchmal.
Eva war wieder in düsteres Schweigen verfallen.
Herrn von Thorgaus Blick blieb verstohlen auf ihren heute so starren Zügen haften. Einmal sah er sie erschauern. Er zog die Pelzdecke enger um sie.
Ein dankbarer Blick traf ihn. „Ihr seid gut“, murmelte Eva wie traumverloren.
Thorgau atmete tief auf. „Euer Freund möchte ich sein“, sagte er ein bißchen leidenschaftlich.
„Warum?“
„Weil ich Euch dann fragen dürfte, was Euch so weh tut. Gestern noch stolz und froh und in wenigen Stunden so voll Trauer. Aber ich bin Euch ein Fremder … ich …“
„Auch wenn Ihr mein Bruder wärt, könnte ich es Euch nicht anvertrauen, was mich so schwer getroffen hat“, sagte Eva. „Laßt mich für Euere Teilnahme danken und … Herr von Thorgau, ein Fremder seid Ihr mir nicht mehr …“
„Nur eines laßt mich wissen“, bat der Freiherr, „kennt Ihr den, der Euch gestern anfiel?“
„Nein.“
„Und wißt noch immer nicht, warum die Tat geschah?“
„Noch immer nicht.“
„Vor doppelt Unbekannten kann Euch auch Euer Vater nicht schützen!“
„Nein; keiner kann mich schützen, denn keiner weiß …“
„Meint Ihr das wirklich?“ fragte Thorgau scharf.
Eva sah ihm verwundert in die Augen. „An wen denkt Ihr?“ fragte sie hastig.
„An den Grafen Lascienski.“
„An ihn? Warum?“
„Er hat gestern die Agraffe nicht zum erstenmal gesehen.“
„Herr von Thorgaul“
„Ihr und auch alle anderen habt ihn nicht so beobachtet wie ich; und so sah keiner sein Erschrecken. Er erkannte die Gefahr, in der Ihr geschwebt seid, und weiß, wer Euch anfiel.“
Eine Weile starrte Eva vor sich hin, dann hob sie den Kopf und sagte hart: „Es ist möglich, daß Ihr recht habt. Seit gestern abends gibt es nichts, das ich nicht für möglich hielte. Nur begreife ich nicht …“ sie stockte.
Der Hauptmann vollendete den begonnenen Satz: „Der Graf, der Euch zweifellos leidenschaftlich und zärtlich ergeben ist, hat selber mit der Tat nichts zu tun … aber … vielleicht geschah sie just seinetwegen? Euer Anbeter, Fräulein Eva, ist ein selten schöner Kavalier. Kann nicht Eifersucht den Mann von gestern gedungen haben?“
„Es kann sein“, gab Eva seltsam gleichmütig zu. „Graf Lascienski ist tatsächlich ein so glänzender Kavalier, daß man ihn mir vielleicht nicht gönnt.“
Sie lachte. War es nicht Hohn und Bitterkeit? Thorgau beugte sich vor, um in Evas Augen sehen zu können. Sie hatte eine pelzverbrämte, haubenartige Kopfbedeckung, die ihr Gesicht halb verhüllte. Als er dieses schöne Gesicht mit seinem Blick erreichte, erschrak er. Es war von Bitterkeit ganz entstellt und in den Augen funkelten Tränen.
„Eva!“ murmelte er. „So kommt Euer Leid von dem, den Ihr liebt?“
„Nie habe ich ihn geliebt. Nur meine Eitelkeit hat ihm zugestrebt, so lang ich ihn nicht kannte. Jetzt aber — jetzt …“
„Seid Ihr frei von ihm?“ Thorgaus Stimme war voll von Innigkeit, sein Herz voll Glanz.
Eva trocknete sich eine Träne. Ihr Gesicht wurde blaß und starr, als sie sagte: „Nein, ich bin nicht frei von ihm. Ich werde, wenn er es will — seine Frau werden.“ Auf diese Worte hin herrschte lange Zeit Schweigen.
In der Dämmerung langte man in Wien an.
Der Magister Schmutz, bei dem Thorgau schon etlichemale wie auch jetzt wohnte, besaß ein hübsches Haus in der Nähe des Schottenklosters. Als der Freiherr vom Bauernfeindschen Hause wegging, mußte er also ein Stück des Stephansplatzes und dann den Graben überschreiten, dann ging er durch die Naglergasse und wollte schon zur Freyung einbiegen, als er plötzlich stehen blieb. An ihm gingen zwei Männer vorüber. In ein lebhaftes Gespräch vertieft, achteten sie nicht auf die Menschen, welche in ihrer Nähe waren. Sie waren von der Freyung hergekommen und gingen jetzt über den „Hof“. Der Hauptmann folgte ihnen.
Der eine war Lascienski, der andere war ihm jedenfalls untergeordnet, denn er benahm sich sehr untertänig und wurde vom Grafen mit „du“ angesprochen unid ausgezahkt. Es mußte sich um einen Auftrag handeln, den der kleine stämmige Mann schlecht ausgeführt hatte. Auch von Nelken redete der Graf und dann fiel ein Wort, welches Thorgau aufhorchen ließ.
„Parkany.“
Der Freiherr hatte es vorher nur ein einzigesmal gehört. Das war am gestrigen Tage gewesen, während der Audienz, die er bei dem Präsidenten des Hofkriegsrates, dem Markgrafen Hermann von Baden, gehabt hatte.
Der Markgraf, welchem die Thorgaus vom Reiche draußen schon seit langem bekannt und von ihm hochgeachtet waren, hatte Wolf Dietrich schier wie einen Sohn behandelt und ihn auch bei sich behalten, als andere Herren von dem Hofkriegsrat zu einer Beratung eingetroffen waren. Bei dieser Beratung war das Schloß Parkany bei Eperjes in Nordungarn, als der Sitz eines Grafen Tököli erwähnt worden, als der Wohnsitz eines Mannes, dem trotz seiner scheinbaren Friedensabsichten nicht zu trauen war. Graf Emerich Tököli galt bei den Herren ganz einfach als ein heimlicher Freund und Helfer der Türken.
Das hatte Thorgau gestern bei seinem Gönner erfahren und die Namen „Tököli“ und „Parkany“ waren in seinem Gedächtnis geblieben.
Als er dieses Wort jetzt vernahm, erregte es in hohem Grade seine Aufmerksamkeit und es veranlaßte ihn, den beiden zu folgen. Es diente ihm, daß auch jetzt nur wenige Leute hier gingen und daß er in einen langen Mantel gehüllt und heute nicht in Uniform war. Sein Vetter hatte ihm zur langen Fahrt im offenen Schlitten den Mantel und die Pelzkappe aufgedrängt.
In dieser Tracht brauchte er ein Erkennen kaum zu fürchten, denn er hatte die Kappe tief ins Gesicht gedrückt und den Kragen des Mantels hochgeschlagen. So konnte er es wagen, den beiden, ihm plötzlich verdächtig Gewordenen ganz nahe zu bleiben. Aber er gewann dadurch nichts. Nur die Überzeugung bekam er, daß der kleine Dicke ein Diener des Grafen sei und daß er es gewesen, welcher Lascienski, und zwar auf irgend eine mühevolle Weise die Nelken beschafft hatte, welche gestern des Baumeisters Tafel schmückten.
Im Freisingerhof entschwanden ihm die zwei. Thorgau kehrte wieder um und befand sich bald im Hause des Magisters. Der Magister und seine Frau waren noch nicht heimgekommen. Nur seine Mutter war da, den lieben Gast zu begrüßen. Von Thorgau dazu veranlaßt, schilderte sie ihm den ihr wohlbekannten Charakter des Baumeisters und seiner Kinder.
Frau Martha hatte keine böse Zunge, dennoch kam in ihrer Schilderung eigentlich nur der Mönch gewordene Sohn Bauernfeinds ungerügt weg. Eva bekam nur eine einzige Rüge, nämlich, daß sie ein gut Teil der väterlichen Eitelkeit geerbt habe, dieser bei dem Alten riesengroßen Eitelkeit, welche ihn dazu gebracht hatte, oft schon recht unwürdig zu handeln.
„Weißt du, Wolf-Dietrich“, schloß die alte Frau, „das Protzen und das Großtun versteht man überall, so hab’ ich gehört; daß es aber die Wiener besonders gut verstehen, das hab’ ich in meinem langen Leben oft merken können und dazu haben wir einen häßlichen und auch recht lächerlichen Fehler. Uns imponiert alles, was glänzt — sei es Reichtum, sei es ein Titel. Ein Graf, mag er der armseligste Lump sein, wird hier von den Bürgerlichen für etwas ganz Besonderes gehalten. Nur wenige Türen werden nicht auffliegen, wenn er die Gnade hat zu kommen. Und so liegen wir auch vor dem Geld auf den Knien sowie vor denen, die es besitzen. Nur den Reichtum an Wissen schätzt der Wiener nicht. Davon hätte dein guter Ohm, mein seliger Mann, gar viel erzählen können.“
Da strich der Hauptmann zärtlich über ihre welke Hand und sagte lächelnd: „Fast meinte ich, meine Mutter reden zu hören. Eure Schwester, liebe Muhme, gleicht Euch nicht nur im Gesicht, sie gleicht Euch auch im Denken auf ein Haar. Auch sie ist mit dem Weltlauf nicht zufrieden und urteilt über die Menschen so, wie Ihr es tut.“
Ein paar Stunden später zog Thorgau sich zum Schlafen zurück.
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