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Gesammelte Werke, A. W. von Schlegel

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN: 9783849635305

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August Wilhelm von Schlegel – Biografie und Bibliografie

Namhafter Kritiker, Sprachforscher und Dichter, geb. 8. Sept. 1767 in Hannover, gest. 12. Mai 1845 in Bonn, besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, begann 1786 in Göttingen das Studium der Theologie, wandte sich jedoch bald, stark angeregt durch Heyne, ausschließlich der Philologie und schriftstellerischen Tätigkeit zu. Wesentlichen Einfluss auf ihn in ästhetischer Richtung gewannen Bürger, der ihm befreundet ward und in einem Sonett Schlegels Dichterberuf proklamierte, und Bouterwek, der ihm Vorliebe für romanische Poesie einflößte. Nach beendigten akademischen Studien bekleidete er 1791–95 eine Hofmeisterstelle im Hause des Bankiers Muilman zu Amsterdam und ließ sich, nachdem er im Herbst 1795 nach Deutschland zurückgekehrt war, im folgenden Frühjahr in Jena nieder. Hier war er, zum Teil in Gemeinschaft mit seiner geistreichen (später von ihm geschiedenen) Frau, einer Tochter des Professors Michaelis in Göttingen, als Dichter besonders für Schillers »Horen« und »Musenalmanach«, als Kritiker für die jenaische »Allgemeine Literaturzeitung« eifrig tätig (vgl. Alt, Schiller und die Brüder S., Weim. 1904); auch erwies er durch Verdeutschung von Dichtungen Shakespeares, Calderons, Dantes, Guarinis, Cervantes', Camões' u.a. seine eigenste Begabung und rasch erreichte Meisterschaft in der Kunst der poetischen Übertragung. 1797 geriet er ebenso wie sein Bruder Friedrich in einen feindseligen Gegensatz zu Schiller, während Goethe ihm weiterhin wohlwollende Gesinnung bewahrte. Keinen andern Gegner der Romantiker hat er jedoch mit so scharfem Spott verfolgt wie Kotzebue. Vom Herzog Karl August 1798 zum außerordentlichen Professor an der Universität Jena ernannt, gab er mit seinem Bruder Friedrich gemeinsam die Zeitschrift »Athenäum« heraus (1798–1900; Neudruck von Fritz Baader, Berl. 1905), blieb bis 1801 in Jena, ging dann nach Berlin und hielt dort Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst, die große Teilnahme fanden (nach der Handschrift hrsg. von Minor, Heilbr. 1884, 3 Bde.). Von 1804 an lebte er meist außerhalb Deutschlands auf dem der Frau v. Staël gehörigen Landgut Coppet am Genfer See sowie als deren Reisebegleiter nach Italien, Frankreich, Schweden und England. Er nahm Anteil an den Bestrebungen der Frau v. Staël, die Franzosen mit der neuen Phase des deutschen Geisteslebens bekannt zu machen; in seiner »Comparaison entre la Phèdre de Racine et celle d'Euripide« (Par. 1807) bekämpfte er vom Standpunkte der Romantik aus den französischen Klassizismus. Durch die Reisen angeregt, wendete er sein Interesse neben der Literatur immer mehr den bildenden Künsten zu. In Wien hielt er 1808 mit höchstem Beifall aufgenommene Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Während der Feldzüge 1813 und 1814 stand er als Sekretär in Diensten des damaligen Kronprinzen von Schweden, dessen Proklamationen er zum größten Teil verfasste. Nach dem Kriege lebte S., der sich seit 1815 auf Grund eines seinem Urahnen von Ferdinand III. erteilten Adelsdiploms von S. nannte, wieder mit der Frau v. Stael in Coppet, bis er 1818 einem Ruf als Professor der Literatur an die neugegründete Universität in Bonn folgte. Eine zweite Ehe, die er mit Sophie, der Tochter des Kirchenrats Paulus, 1818 geschlossen, wurde noch rascher als die erste wieder getrennt. In Bonn betrieb er mit Vorliebe orientalische, namentlich indische, Studien, die ihn zu wiederholten Malen nach Frankreich und 1823 nach England führten und ihn zur Gründung einer Druckerei mit Sanskrittypen in Bonn veranlassten. Während eines längeren Besuches in Berlin (1827) hielt er Vorlesungen über die Theorie und Geschichte der bildenden Künste. Die Wandlung zum Katholizismus, die manche seiner früheren romantischen Genossen vollzogen, machte er nicht mit; in der »Berichtigung einiger Missdeutungen« (1828) hat er ausdrücklich seinen entgegengesetzten Standpunkt kundgegeben. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens entwickelte sich immer mehr seine Eitelkeit und Vornehmtuerei, durch die er sich vielfach dem Gespött aussetzte. Erbarmungslos verhöhnte ihn Heine, der als Student in Bonn sein begeisterter Schüler gewesen war. Doch hat er, wie seine literarischen Spottgedichte in Wendts »Musenalmanach auf 1832« beweisen, auch selber die. alte Streitlust nicht verloren. Schlegels eignes poetisches Schaffen erscheint gegenüber seiner sonstigen vielseitigen Produktivität unbedeutend. Bei aller formellen Virtuosität hat er es kaum zu einer wahrhaft lebensvollen dichterischen Schöpfung gebracht; seiner Lyrik fehlt die Herzenswärme, und so gelangen ihm eigentlich nur Epigramme oder Sonette, in denen die geistreiche Pointe und die durchgebildete Form die Hauptsache sind. Erwähnung verdient außerdem die Romanze »Arion« (1799 in Schillers »Musenalmanach«) und die Elegie »Rom«, die er 1805 der Frau v. Staël widmete. Sein dramatischer Versuch »Ion« (Hamb. 1803) gehört der reflektierten Philologenpoesie an. Unübertrefflich und unvergänglich dagegen ist, was S. als poetischer Übersetzer geschaffen. Dass die deutsche Nation Shakespeare wie einen Dichter des eignen Volkes ansehen kann, verdankt sie Schlegels Übertragung der Shakespeareschen Dramen, die jedoch nur 17 Stücke umfasst (die Königsdramen außer »Heinrich VIII.«, »Romeo«, »Julius Cäsar«, »Hamlet«, »Sommernachtstraum«, »Kaufmann von Venedig«, »Der Sturm«, »Was ihr wollt«, »Wie es euch gefällt«, Berl. 1797–1810, 10 Bde.; vgl. Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakespeare, Leipz. 1872). Geschickt, wenn auch nicht mit gleicher Meisterschaft, übertrug S. fünf Dramen Calderons (»Spanisches Theater«, Berl. 1803–09, 2 Bde.) und andre romanische Dichtungen (»Blumensträuße italienischer, spanischer und portugiesischer Poesie«, das. 1803). Als Ästhetiker eröffnete S. mit seinem Bruder den Reigen der deutschen Romantik. Die mit seinem Bruder gemeinsam herausgegebenen kritischen Schriften und Aufsätze (»Charakteristiken und Kritiken«, Königsb. 1801) und die von ihm allein verfassten (gesammelt als »Kritische Schriften«, Berl. 1828, 2 Bde.) enthalten vieles von dauerndem Wert, freilich auch viel gehässige Polemik. In den »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur« (Heidelb. 1805–11, 3 Bde.) und »Über Theorie und Geschichte der bildenden Künste« (Berl. 1827) entfaltet S. die ganze Feinheit und den großen Überblick seines kunsthistorischen und ästhetischen Urteils. Unter seinen philologischen Arbeiten verdienen die »Observations sur la langue et la littérature provençale« (Par. 1818), die Zeitschrift »Indische Bibliothek« (Bonn 1823–30, 3 Bde.), die Ausgaben des »Bhagavad-Gitâ« (das. 1823) und des »Râmâyana« (das. 1829–1846) Auszeichnung, durch welch letztere Werke eine wissenschaftliche Behandlung der indischen Literatur in Deutschland zuerst eingeführt wurde. Eine Gesamtausgabe seiner deutschen Schriften hat Böcking veranstaltet (Leipz. 1846–47, 12 Bde.), der sich die von demselben redigierten »Œuvres écritesen français« (das. 1846, 3 Bde.) und die »Opuscula quae latine scripta reliquit« (das. 1848) anschließen. Eine Auswahl der »Gedichte« Schlegels erschien in Leipzig 1854. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Romantiker«. Vgl. Pichtos, Die Ästhetik A. W. v. Schlegels in ihrer geschichtlichen Entwickelung (Berl. 1894); Sulger-Gebing, Die Brüder A. W. und F. S. in ihrem Verhältnis zur bildenden Kunst (Münch. 1897) und Aug. Wilh. S. und Dante (in den »Germanistischen Abhandlungen, H. Paul dargebracht«, Straßb. 1902); Schwill, Aug. Wilh. S. über das Theater der Franzosen (Dissertation, Münch. 1898); Walzel, Frau von Staëls Buch, De l'Allemagne' und A. W. S. (in den »Forschungen zur neuern Literaturgeschichte, Festgabe für R. Heinzel«, Weim. 1898).

Zuschrift

Zuschrift

Vieles hat sich umgestaltet,

Manches Neu' ist schon veraltet,

Zwietracht hat sich mehr zerspaltet,

Grausam hat die Zeit geschaltet,

Doch die Lieb' ist nicht erkaltet,

So die Schwingen erst entfaltet,

Als ich jene Lieder sang.

Was der Jüngling zu vollenden

Stolzen Muths sich konnte blenden,

Will das Leben anders wenden;

Kaum beginnend, muß man enden.

Nehmt denn aus des Mannes Händen,

Deutsche, die geringen Spenden:

Euer bin ich Lebenslang.

Vermischte Gedichte

Dichtersinn

Sonett.

Obschon der Jünger ungehirnte Rotte

So frech entweiht des Sängers hohes Amt,

Obschon das Volk zu schlaffem Lob' und Spotte

Manch halbverstandnes Götterlied verdammt:

Doch schwör' ich Huldigung dem Musengotte,

So wahr ein Funk' in mir vom Himmel stammt.

Oft hat mir, einsam, in der Weihung Grotte

Sein wunderbares Wort den Geist entflammt.

Ich werbe nicht um Ruhm, um Lorbeerkronen;

Wer nicht um ihretwillen Phöbus Kunst

Mit Liebe pflegt, erbuhlt nicht Phöbus Gunst.

Des Dichters Werk soll seinem Schöpfer lohnen.

Sein goldner Pfeil ereilet rasch das Ziel,

Und still genügt ihm seiner That Gefühl.

An einen Kunstrichter

Ward Kraft und Genius dir angeboren,

Und modelst doch an dir mit feiger Qual?

Aus deinem Innern nimm dein Ideal,

Sonst geht dein Selbst an einen Traum verloren.

Den Geist des Dichters adelt die Natur.

Bist du's, so hemme nichts, was in dir wogt und lodert;

Stell's dar, und wandle kühn auch außer Bahn und Spur.

Doch wenn die Kunst Vollendung fodert,

So gieb sie auf: die ziemt den Göttern nur.

Natur ist Eins und Alles. Du erkennest

Die Himmlische nur träumend; darum wähnt

Dein grübelnder Verstand, daß du ihr Werk verschönt

Im Werke deines Hirnes spiegeln könnest.

Durchforsch' in stiller Einfalt dieses All;

Durchforsche, meistre nicht, und faß in deinen Busen

Der Dinge reines Bild. Die göttlichste der Musen

Ist Wahrheit: ohne sie ist dein Gedicht nur Schall.

Die Rede gab uns eine weise Güte

Zum Band der Liebe; Mittheilung im Schmerz,

Und Mittheilung in Freude heischt das Herz,

Und holde Poesie ist Duft der Red' und Blüthe.

Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt,

Der athm' es aus, und frage keinen Richter,

Und wiße dann, er sei's, nicht der sei Dichter,

Des weiser Kopf Gefühle mißt und wägt.

An die Rhapsodin

Kunstlos, ohne Müh und Streben,

Giebst du dem Gedichte Leben,

Giebst ihm zarten Hauch und Ton.

Hat das Lied, das ich ersonnen,

Deine schöne Gunst gewonnen.

O gewähr' ihm diesen Lohn!

Daß zu höherem Gehalte

Der Gedanke sich entfalte,

Braucht's nur deinen Zauberblick.

Die Gefühle schweben milder,

Freundlicher begränzt die Bilder,

Mir in Sinn und Geist zurück.

Wie der Silberquelle Rauschen

Hör' ich's mit entzücktem Lauschen,

Wenn sich deine Stimm' ergießt,

Wenn ein Abbild meiner Seele,

Neugeschaffen, ohne Fehle,

Auf den ebnen Wellen fließt.

In Narcissus' Wahn versunken

Könnt' ich ewig schauen, trunken

Auf die Quelle hingeneigt.

Doch zu tiefern Huldigungen

Fühlt sich schnell das Herz gedrungen,

Wenn die Nymphe selbst sich zeigt.

An Fräulein Anna von W.

Bei Uebersendung der Krönung Mariä von Johann von Fiesole.

Sieh hier dein eignes Bild in diesen Engelbildern,

Die Fiesole so hold gewußt zu schildern;

Als jüng're Schwester darfst du voll Vertraun

Den Himmelsknaben in die Augen schaun.

Kein Sturm bedrohe deines Frühlings Blüthe!

Kein innrer Zwist den Frieden im Gemüthe!

So ahnde, frommer Unschuld dir bewußt,

Des Paradieses Wonn' in heitrer Lebenslust.

An Frau Sibylla F.

In ein Exemplar meiner Gedichte geschrieben.

Jene delphische Sibylle

Ward begeistert vom Apoll:

In der Schönheit Glanz und Fülle

War sie hoher Weisheit voll.

Diese kann mich neu begeistern:

Wenn ihr mein Gesang gefällt,

Wähn' ich mich den großen Meistern

Edler Dichtung beigesellt.

An Fräulein Cäcilie von G.

Gleich einer Rosenknosp' in zarter Hülle

Hat schon als Kind Cäcilie mich entzückt.

Ein jeder Zug verrieth der Schönheit künft'ge Fülle,

Die jetzt die holde Braut im Myrtenkranze schmückt.

Vergeßen hatt' ich längst die Kunst der Lieder,

Seit auf mein Haupt der Schnee der Jahre sich gesenkt.

Nun regt, verjüngt, sich die Begeistrung wieder,

Da sie noch aus der Ferne mein gedenkt.

Ein heitres Looß und jegliches Gedeihen

Verheißt die Mus' ihr durch des Dichters Mund:

Denn Schön'res können ja die Götter nicht verleihen,

Als edler Herzen inn'gen Bund.

Derselben

In ein Exemplar meiner Gedichte.

Cäcilia, die Hörerin

Der hohen Himmels Harmonieen,

Hat ihren Namen selbst bedeutsam dir verliehen.

Die Mutter ward dir sichre Führerin

Im vielverschlung'nen Labyrinth der Töne;

Sie hat schon früh für alles Schöne

Entfaltet deinen jugendlichen Sinn.

Musik und Dichtung steh'n im engen Bunde,

Drum biet' ich gern dir meine Lieder dar.

Leih' ihnen deine Stimme, süß und klar!

Gefallen werden sie aus deinem holden Munde,

Wenn auch nur selten mir die Muse günstig war.

Allegorie

Am freien Hügel hebt ein Tempel sich

Mit schlanken Säulen freudig himmelan,

Geweiht von seiner blüh'nden Priesterin,

Die selbst mit Lieb' und zartem Bildnergeiste

Dieß Denkmal ihren Göttern ausersann.

Der Grund erbebt, und öffnet sich, und schlingt

Des Daches Stützen halb hinab, den Bau

Mit wüster Willkür durcheinander werfend.

Die Priesterin entsetzt sich nicht; sie bleibt:

Es wohnt forthin nun keine Gottheit dort,

Sie selber wird des stillen Ortes Göttin,

Und Rosenbüsche keimen aus den Spalten

Des Marmors auf; die pflegt die Priesterin.

Da naht ein lebensmüder Wanderer

Sich ehrfurchtsvoll, sie reicht ihm eine Rose,

In deren frischem Duft ihm Ahndungsschauer

Entgegen säuseln. –

O Göttin, du! ich sah den Tempel nicht,

Er mußte schön und wunderherrlich glänzen,

Allein die Trümmern schatten doppelt heilig

Und doppelt liebevoll. –

Abendlied für die Entfernte

Hinaus, mein Blick! hinaus ins Thal!

Da wohnt noch Lebensfülle;

Da labe dich im Mondenstrahl

Und an der heil'gen Stille.

Da horch nun ungestört, mein Herz,

Da horch den leisen Klängen,

Die, wie von fern, zu Wonn' und Schmerz

Sich dir entgegen drängen.

Sie drängen sich so wunderbar,

Sie regen all mein Sehnen.

O sag' mir, Ahndung, bist du wahr?

Bist du ein eitles Wähnen?

Wird einst mein Aug' in heller Lust,

Wie jetzt in Thränen, lächeln?

Wird einst die oft empörte Brust

Mir sel'ge Ruh umfächeln?

Und rief' auch die Vernunft mir zu:

»Du mußt der Ahndung zürnen,

Es wohnt entzückte Seelenruh

Nur über den Gestirnen;«

Doch könnt' ich nicht die Schmeichlerin

Aus meinem Busen jagen:

Oft hat sie meinen irren Sinn

Gestärkt empor getragen.

Wenn Ahndung und Erinnerung

Vor unserm Blick sich gatten,

Dann mildert sich zur Dämmerung

Der Seele tiefster Schatten.

Ach, dürften wir mit Träumen nicht

Die Wirklichkeit verweben,

Wie arm an Farbe, Glanz und Licht

Wärst dann du Menschenleben!

So hoffet treulich und beharrt

Das Herz bis hin zum Grabe;

Mit Lieb' umfaßt's die Gegenwart,

Und dünkt sich reich an Habe.

Die Habe, die es selbst sich schafft,

Mag ihm kein Schicksal rauben:

Es lebt und webt in Wärm' und Kraft,

Durch Zuversicht und Glauben.

Und wär' in Nacht und Nebeldampf

Auch Alles rings erstorben,

Dieß Herz hat längst für jeden Kampf

Sich einen Schild erworben.

Mit hohem Trotz im Ungemach

Trägt es, was ihm beschieden.

So schlummr' ich ein, so werd' ich wach,

In Lust nicht, doch in Frieden.

Entsagung und Treue

Die Jugend flieht, die Hoffnung ist zerronnen,

Des Lebens Blüthen fallen welkend ab,

Und unerreichbar fern sind meine Wonnen,

Und stumm und einsam bin ich wie ein Grab.

Im ganzen weiten Reich der Wesen

Hast du allein die Zaubermacht,

Mich von dem Gram zu lösen,

Der jeden Trost verlacht.

Und ach! ich muß vor deinem Willen schweigen;

Was er verhängt, wird hoch von mir geehrt.

Was hülf' es auch zu reden? Ihn zu beugen?

So kühner Wahn hat nimmer mich bethört.

Du kennst das höchste Ziel des Lebens,

Und zeichnest deine Bahn dir vor.

Mein Flehen schlug vergebens

Voll Inbrunst an dein Ohr.

Zwar giengest du nicht taub vor mir vorüber,

Du bist ein Weib, und Weichheit ist dein Stolz.

Mein Busen bebte mir in jeder Fiber,

Als nun dein Blick um mich in Thränen schmolz.

Den süßen Thau der holden Augen

Verschlang mein Herz, wie dürres Land.

Weh mir! ihn einzusaugen,

Das nährte nur den Brand.

Ich kämpfte mich empor und wollte flüchten;

Ich stieß die dargebotne Hand zurück.

»O zürne mir, sonst wirst du mich vernichten,

Mich peinigt dieser göttlich milde Blick.

War's Frevel, daß ich so entglühte?

O du bist edel! gieb mich los!

Laß ab mit deiner Güte!

Wo nicht: sei minder groß!«

So rief ich aus. Was half mein Widerstreben?

Ich fühlte mich von unsichtbarer Kraft,

Vom Schicksal selbst in deine Hand gegeben,

Die, was sie will, aus meinem Wesen schafft.

Ich klage nicht; ich will es tragen.

Dank dir! Mich adelt dieses Leid.

Gestählt durch mein Entsagen

Besteh' ich jeden Streit.

Der Jugend Flur voll heller Gaukelscenen,

Der Wünsch' und Träume lächelndes Revier,

Wohin ich sonst mit hoffnungsvollem Sehnen

Mich oft verirrt, liegt öde hinter mir.

Gleichgültig steh' ich im Getümmel,

Das nach Genuß sich drängt; für mich

Wär' auch der Sel'gen Himmel

Ein Chaos ohne dich.

Das Glück ist arm; ich spotte seiner Gaben;

In mir ist mehr, als es mir bieten kann.

Ich habe das, und werd' es ewig haben,

Was ich von dir durch heiße Qual gewann.

Dein Bild hab' ich dir abgedrungen,

Und innig in mein Selbst verwebt,

Mit Liebeskraft umschlungen,

Durch Liebeskraft belebt.

Mir hallen in der Seele tiefsten Tiefen

Die Melodieen deiner Worte nach;

Da werden tausend Kräfte, welche schliefen,

Bei dem geheimnißvollen Rufe wach.

Erschaffen wird in mir ein Wille,

Zu hohen Thaten stark und frei,

Und deiner Tugend Fülle

Gebiert mein Innres neu.

Ich kann's nicht bergen, nicht mein Herz belügen,

Und träfe mich auch dein gerechter Spott;

Dich zu erreichen, dich zu überfliegen,

In dem Gedanken schwärm' ich mich zum Gott.

Du kannst nicht diesen Trotz verdammen,

Und siegt' ich auch, dein wär' der Ruhm:

Ich stahl ja diese Flammen

Aus deinem Heiligthum.

Doch sollt' ich nie es feßeln und umschlingen,

Das überirdisch lockende Phantom;

Wär' ich verdammt, umsonst dir nachzuringen,

Gewirbelt von des Wankelmuthes Strom:

So möcht ich meinen Geist verhauchen,

Den Haßer dieses Sonnenlichts,

Und mich hinunter tauchen

In's öde kalte Nichts.

Der letzte Wunsch

O ich weiß, beschränkt und nichtig

Ist des Menschen Sein und Thun;

Und wir schweifen in der Irre,

Und wir finden im Gewirre

Keine Stätt', um auszuruhn.

Traum nur bist auch du und Schatten,

Traum vom Schatten, süßes Weib!

Deine Leiden, deine Wonnen,

Waßerblasen gleich zerronnen,

Sind des Schicksals Zeitvertreib.

Aber sprich: sind unsre Herzen

Auch der Zeit, des Zufalls Spott?

Schwillt mein Busen nicht mit Beben

Mir von selbstgeschaffnem Leben?

Bin ich mir nicht selbst ein Gott?

Freilich wär's ein Spiel den Göttern,

Dieß, was allen Gram mir lohnt,

Was mich trotzen heißt den Wettern,

Mit dem Herzen zu zerschmettern,

Wo es stolz und muthig wohnt.

Doch so lang' es pocht, soll ringen

Nach dem Höchsten jeder Schlag.

Meinen heil'gen Kranz entblättern,

Meine Göttin mir entgöttern,

Welche Macht, die das vermag?

Sind dieß Wirbel rascher Flammen?

Taumel wilder Leidenschaft?

Nein, ich fühl' in diesem Streben

Inniges, geheimes Leben,

Seelenwürd' und Licht und Kraft.

Könnte je die Glut erlöschen,

Die auf deinem Altar flammt,

Göttin, o! so laß mich sterben,

Laß mich süßen Tod erwerben,

Eh' das Schicksal mich verdammt;

Mich verdammt zu ödem Leben,

Das dem Tode langsam weicht,

Freudenleer, in dumpfem Kummer,

Während sich des Grabes Schlummer

Kalt durch Mark und Nerven schleicht.

Laß vom Dasein mich genesen,

Sanftes Weib, an deiner Brust.

Wuth und Wonne wird mein Wesen

Auf im letzten Kuße lösen.

Ha! willkommen, Todeslust!

Wiedersehn

Der Frühlingssonne holdes Lächeln

Ist meiner Hoffnung Morgenroth;

Mir flüstert in des Westes Fächeln

Der Freude leises Aufgebot.

Ich komm, und über Thal und Hügel,

O süße Wonnegeberin,

Schwebt, auf des Liedes raschem Flügel,

Der Gruß der Liebe zu dir hin.

Der Gruß der Liebe von dem Treuen,

Der ohne Gegenliebe schwur,

Dir ewig Huldigung zu weihen

Wie der allwaltenden Natur;

Der stets, wie nach dem Angelsterne

Der Schiffer, einsam blickt und lauscht,

Ob nicht zu ihm in Nacht und Ferne

Des Sternes Klang hernieder rauscht.

Heil mir! ich athme kühnes Sehnen,

Und athm' es bald an deiner Brust,

Und saug' es ein mit deinen Tönen,

Im Pulsschlag namenloser Lust.

Du lächelst, wenn mein Herz, umfangen

Von deiner Näh', dann wilder strebt,

Indes das selige Verlangen

Der Güt' um deine Lippe schwebt.

Du liebst mich, göttlich hohes Wesen!

Du liebst mich, sanftes, zartes Weib!

Es gnügt. Ich fühle mich genesen,

Und Lebensfüll' an Seel' und Leib.

Nein, noch mit dem Geschick zu hadern,

Das schnell mich wieder von dir reißt,

Verschmäht mein Blut, das durch die Adern

Mit stolzen leichten Wellen kreißt.

Fragment

Im Sommer 1791.

Und schmacht' ich so mit allen meinen Sinnen

Nach deinem süßen, labungsvollen Kuß,

Und kann nicht Einen Blick von dir gewinnen,

Nicht Einen Hauch, nicht Einen leisen Gruß –

O Traute, welch unseliges Beginnen,

Daß ich von dir mich selbst verbannen muß?

So glühend jung, du Göttin meiner Freuden,

Soll ich vom Sonnenblick der Liebe scheiden?

Soll einsam nun auf fernen, öden Fluren –

Doch nein! auch hier ist Gottes freie Welt;

Kein Raum begränzt die himmlischen Azuren:

Ich ruh' auch hier umwölbt vom Sternenzelt.

Die Pflegerin der irdischen Naturen,

Die alles Dasein schafft und trägt und hält,

Seh' ich sie nicht ringsum die Wesen laben?

Versagt sie mir auf ewig ihre Gaben?

Getrost! ich hab' aus ihrer ew'gen Fülle

An deinem Busen Labung eingesaugt.

Dein gütevoller unbegränzter Wille

Hat in ein Meer von Wonne mich getaucht;

Muthwill'ge Schönheit in der Unschuld Hülle

Hat flüsternd mir Gewährung zugehaucht,

Hat schüchtern sich mit holdem Widerstreben

Der glühenden Umarmung hingegeben.

Der Geliebten

Bruchstück. 1811?

Heil sei dir, Fried' und Wonne,

Alles, was mir gebricht!

Auch diese heitre Sonne

Hemmt meine Klage nicht.

Ich möchte dir nur leben,

Und ganz dein eigen sein.

Was hilft das eitle Streben?

Bin selber ja nicht mein.

Mich hält mein Looß gebunden,

Wohl ist es mir bewußt;

Drum sind die flücht'gen Stunden

Nur qualenvolle Lust.

Du bist voll Lieb' und Milde,

In dir wohnt alle Huld.

Ich bin so wüst und wilde,

Und trägst mich mit Geduld.

Du solltest mich verbannen

Noch eh' die Stunde schlägt,

Die bald mich fern von dannen,

Von deinem Antlitz trägt.

Derselben

Bange nicht der Thränen willen,

Die in Strömen mir entquillen,

Die ich nicht zu hemmen weiß.

Nächtlich um den Busen starrte

Und umsonst auf Sonne harrte

Aufgebirgt des Grames Eis.

Deiner Blicke trautes Lächeln,

Deiner Worte lindes Fächeln

Strahlte, hauchte mir in's Herz.

Himmelskind! da sind die stolzen

Felsen willig hingeschmolzen,

Ist gelöst der alte Schmerz.

Und wie Thau und Regen fließen,

Fühl' ich frische Blumen sprießen

Tief aus sehnendem Gemüth,

Und ich weihe dir zu Kränzen

Allen Schmuck des neuen Lenzen,

Der in meiner Seele blüht.

Lied

Eine holde süße Kranke

Ist mein stätiger Gedanke.

Milde Sonne, laß dich schauen!

Haltet inne, rauhe Lüfte!

Gieße deine Balsamdüfte,

Frühling, auf Toscanas Auen.

Grüne Lauben will ich bauen,

Daß sie nicht im Sturme wanke,

Diese Blume, diese Kranke.

Ach, es wechselt auf den Wangen

Liljenbläß' und Glut der Rosen.

Wag' ich's, ihnen liebzukosen,

Unter Ahnden, unter Bangen?

Darf sich schmiegen mein Verlangen,

Innig, wie des Epheu's Ranke,

Um die lieblich blüh'nde Kranke?

Deine Stimme flüstert leise,

Dem Gesange sonst vertraut;

Aber Eines Wortes Laut

Haucht sie doch in Flöten-Weise.

Dieses Wort, des Kraft ich preise

Vor der Götter Nektartranke,

Liebe heißt es, liebe Kranke.

Aus der Wimpern Schatten strahlen

Laß mir deine dunkeln Augen;

Laß von deinen Lippen saugen

Bange Wonn' und süße Qualen.

Einmal noch! zu tausendmalen!

Bis ich bebe, bis ich schwanke,

Und im Sehnen selbst erkranke.

Unbeklommen wird sich heben

Bald die liebevolle Brust,

Fühlt sie nur ein Theil der Lust,

Die sie kann in Fülle geben.

Alles Heil soll dich umschweben,

Der ich neues Dasein danke,

Nina, meine holde Kranke!

Der welke Kranz

Es war noch Mai, da hast du sie gebrochen,

In Blumen ausgesprochen,

Selber Blüthe,

Was blühend im Gemüthe

Schon sich regte

Und heilig sich bewegte,

Was kindlich, ach! der Freund so gerne hegte,

Wenn sie ihr Herzchen legte

An das seine,

Wo ich nun ewig weine.

Die Veilchen sandte mir das Kind zum Zeichen,

Die so mein Herz erweichen,

Daß die Augen

Den Schmerz, den sie nun saugen,

Nie vollenden,

Sich oft noch zu ihr wenden,

Und finden welk den Kranz dann in den Händen,

Wie der, hat sie, zu enden

Früh erkoren,

Sich unbewußt verloren.

Nimm hin die hohe, köstlich liebe Gabe,

Das Einz'ge, was ich habe

Von der Theuern,

Ihr Bild mir zu erneuern,

Wenn in Thränen

Dem Tode zu das Sehnen

So gern entflieht des Daseins eitlem Wähnen.

Doch erst laß mich in Thränen

Ganz versenken

Das süße Angedenken!

Uns, die in Lust des Todes Leben fanden,

Kühn die Natur verstanden

In den Flammen,

Wo Lieb' und Schmerz zusammen

Uns verbunden,

Uns sei die Stirn umwunden

Vom Zeichen, dessen Sinn wir längst gefunden.

Denn blühten aus den Wunden

Oft nicht Rosen,

Uns schmerzlich liebzukosen?

Laß denn des Mädchens Schatten uns umschweben,

Der Wehmuth hingegeben,

Bis wir im Tode Eins noch inn'ger leben,

Und dann dieß tiefe Streben

Ganz vereinet,

Das lächelnd sich beweinet.

Zueignung des Trauerspiels Romeo und Julia

Nimm dieß Gedicht, gewebt aus Lieb' und Leiden,

Und drück' es sanft an deine zarte Brust.

Was dich erschüttert, regt sich in uns beiden,

Was du nicht sagst, es ist mir doch bewußt.

Unglücklich Paar! und dennoch zu beneiden;

Sie kannten ja des Daseins höchste Lust.

Laß süß und bitter denn uns Thränen mischen,

Und mit dem Thau der Treuen Grab erfrischen.

Den Sterblichen ward nur ein flüchtig Leben:

Dieß flücht'ge Leben, welch ein matter Traum!

Sie tappen, auch bei ihrem kühnsten Streben,

Im Dunkel hin, und kennen selbst sich kaum.

Das Schicksal mag sie drücken oder heben:

Wo findet ein unendlich Sehnen Raum?

Nur Liebe kann den Erdenstaub beflügeln,

Nur sie allein der Himmel Thor entsiegeln.

Und ach! sie selbst, die Königin der Seelen,

Wie oft erfährt sie des Geschickes Neid!

Manch liebend Paar zu trennen und zu quälen

Ist Haß und Stolz verschworen und bereit.

Sie müßen schlau die Augenblicke stehlen,

Und wachsam lauschen in der Trunkenheit,

Und, wie auf wilder Well' in Ungewittern,

Vor Todesangst und Götterwonne zittern.

Doch der Gefahr kann Zagheit nur erliegen,

Der Liebe Muth erschwillt, je mehr sie droht.

Sich innig fest an den Geliebten schmiegen,

Sonst kennt sie keine Zuflucht in der Noth.

Entschloßen sterben, oder glücklich siegen

Ist ihr das erste heiligste Gebot.

Sie fühlt, vereint, noch frei sich in den Ketten,

Und schaudert nicht bei Todten sich zu betten.

Ach! schlimmer droh'n ihr lächelnde Gefahren,

Wenn sie des Zufalls Tücken überwand.

Vergänglichkeit muß jede Blüth' erfahren:

Hat aller Blüthen Blüthe mehr Bestand?

Die wie durch Zauber fest geschlungen waren,

Löst Glück und Ruh und Zeit mit leiser Hand,

Und, jedem fremden Widerstand entronnen,

Ertränkt sich Lieb' im Becher eigner Wonnen.

Viel seliger, wenn seine schönste Habe

Das Herz mit sich in's Land der Schatten reißt,

Wenn dem Befreier Tod zur Opfergabe

Der süße Kelch, noch kaum gekostet, fleußt.

Ein Tempel wird aus der Geliebten Grabe,

Der schimmernd ihren heil'gen Bund umschleußt.

Sie sterben, doch im letzten Athemzuge

Entschwingt die Liebe sich zu höherm Fluge.

Dieß mildert dir die gern erregte Trauer,

Die Dichtung führt uns in uns selbst zurück.

Wir fühlen beid' in freudig stillem Schauer,

Wir sagen es mit schnell begriffnem Blick:

Wie unsers Werths ist unsers Bundes Dauer,

Ein schön Geheimniß sichert unser Glück.

Was auch die ferne Zukunft mag verschleiern,

Wir werden stets der Liebe Jugend feiern.

Pygmalion

  In qual parte del ciel', in quale idea

  Era l'esempio, onde natura tolse

  Quel bel viso leggiadro, in ch'ella volse

  Mostrar quaggiù, quando lassù potea.

 Petrarca.

Festlich duften Cypriens Altäre,

Von Gesang ertönet Paphos Hain.

Schön geordnet ziehn geschmückte Chöre

In den myrtumkränzten Tempel ein.

Rosig blüh'nde Mädchen, zarte Knaben;

Alle bringen sie Gelübd' und Gaben,

All' erflehn, Verlangen in der Brust,

Liebe, Reiz und Jugendlust.

Wollust athmet aus den Rosenlauben,

Wo sich willig manches Paar verirrt,

Wo ein Paar von buhlerischen Tauben

Ihrer Ankunft süß entgegen girrt.

Küße hört man flüstern in den Büschen,

Wo sich Licht und Dunkel lieblich mischen,

Wo der Grund, mit Moosen überwebt,

Sich zum Lager schwellend hebt.

Aber einsam in sich selbst verschloßen,

Schaut Pygmalion dem Feste zu;

Das Frohlocken muthiger Genoßen

Weckt ihn nicht aus seiner ernsten Ruh.

Suchtest du denn von den Schönen allen,

Holder Jüngling, keiner zu gefallen?

Oder hat, für die dein Sinn entbrannt,

Spröde sich dir abgewandt?

Ach, ihm kam wohl mancher Gruß entgegen,

Mancher Wink verhieß ihm Gunst und Glück,

Und es hob von schnellern Herzensschlägen

Mancher Busen sich vor seinem Blick.

Doch umsonst! nie öffnet er die Arme,

Daß davon umstrickt ein Herz erwarme;

Dieser Mund, wo frisch die Jugend blüht,

Wird von Küßen nie durchglüht.

Höher strebt sein einziges Begehren.

Hingeschmiegt an einen zarten Leib

Würde dennoch Sehnsucht ihn verzehren;

Was ihm fehlt, gewährt kein irdisch Weib.

Nicht um Blumen, gleich dem Schmetterlinge,

Auf zur Sonne mit des Adlers Schwinge

Schwebt sein Geist, und athmet reine Luft,

Unberauscht von süßem Duft.

Zur Geliebten hat er sich erlesen,

Die noch nie ein sterblich Auge sah;

Nur ein Schatte, doch ein mächtig Wesen,

Ist sie fern ihm, und doch ewig nah.

Tief in seines Innern heil'ger Stille

Pflegt die Dichtung sie mit reger Fülle,

Und umarmt das göttlich schöne Bild,

Halb von eignem Glanz verhüllt.

In erstauntes Anschaun so versunken,

Fühlt er sich allein, wann er erwacht.

»Götter!« seufzt er dann, »nur Einen Funken,

Einen Funken eurer Schöpfermacht!

Bin ich bloß zu eitlem Wahn geboren?

Meine Lieb' an einen Traum verloren,

Der von ihrem Odem nie beseelt

Liebevoll sich mir vermählt?

Oder thronet, die ich lieb', im Saale

Des Olymp mit sel'ger Allgewalt?

Trinkt sie jeden Tag aus goldner Schaale

Jugend und ambrosische Gestalt?

Wird sie zürnend den Vermeßnen tödten,

Der in Lieb' entbrennt, statt anzubeten?

Oder lächelt sie, voll Größ' und Huld,

Seiner hoffnungslosen Schuld?

Göttin, deren neugeborne Schöne

Einst das Meer in Purpurglut getaucht!

Du, die in die Brust der Menschensöhne,

Wie der Götter, linde Wonne haucht!

Sieh mit unaussprechlichem Verlangen

Mich am Schatten deines Bildes hangen;

Diese Züge hoher Anmuth lieh

Nur von dir die Fantasie.

Zwar dich darf kein Sterblicher erblicken,

Wie du bist, wie dich der Himmel kennt;

Kaum durchblitzen würd' ihn das Entzücken

Einen schnell vernichtenden Moment.

Aber laß, wie Frühlingswehn, dein Lächeln

Eine jungfräuliche Stirn umfächeln,

Wie die Sonn' im Bache sich beschaut:

Und ich grüße sie als Braut!«

Also fleht er oft, doch aus den Sphären

Steigt Erhörung niemals ihm herab.

Nur die Kraft kann seinen Wunsch gewähren,

Die zuerst dem Wunsche Flügel gab.

Hoffst du Labung außer dir? Vergebens!

In dir fließt die Quelle schönes Lebens;

Schöpfe da, und fühle froh geschwellt

Deine Brust, dein Aug' erhellt.

Eine Stimme, tröstend im Versagen,

Flüstert in die Seel' ihm diesen Rath.

Nein! nicht länger will er schmachtend zagen:

Träume reifen zu Entschluß und That.

Muthig, was er liebt, sich zu erschaffen,

Schärft er seines Geistes goldne Waffen;

Still verheißt dem Sinnenden die Kunst

Hülfe, statt der Götter Gunst.

Jener Zaubrer wandelnder Gestalten,

Dädalus, erzog ihn einst für sie,

Lehr't ihn Bildung aus dem Stoff entfalten,

Bis sie schön zum Ebenmaaß gedieh.

Gern besiegt von seines Meißels Schlägen,

Schien der starre Felsen sich zu regen,

Und er ward auf seines Lehrers Spur

Nebenbuhler der Natur.

Wie Prometheus Menschen, seine Brüder,

Bildet' er der Götter ganzes Chor;

Zog zur Erde nur den Himmel nieder,

Nicht die Erde zum Olymp empor.

Edle Wesen, irdische Heroen,

Doch nicht groß wie die unnennbar Hohen,

Schien ihr mildres, nicht umstrahltes Haupt

Der Unsterblichkeit beraubt.

Und der Künstler wohnt' in ihrer Mitte,

Frei und fröhlich ihnen zugesellt,

Sie bewirthend nach der biedern Sitte

Jener ersten unschuldvollen Welt,

Wo die Himmlischen auf stillen Fluren

Oft mit Menschen Freud' und Leid erfuhren,

Wo Apoll, ein unerkannter Hirt,

Singend Tempe's Thal durchirrt.

Aber seit ein namenloses Sehnen,

Süß und quälend, seine Brust entzweit,

Seit der Wahn des nie erblickten Schönen

Ihn berauscht mit Allvergeßenheit,

Ließ er ruhn die kunstbegabten Hände,

Unbesorgt ob er ein Werk vollende,

Das nur halb, mit zweifelhaftem Sieg,

Aus dem Stein in's Leben stieg.

Nun, da zu der holden Unsichtbaren

Ihn hinan des Muthes Fittig trägt,

Will er seinen Augen offenbaren,

Was sein Busen heimlich längst gehegt.

In der Flut begeisternder Gedanken,

Die entbunden um die Sinne schwanken,

Liebeglühend, tritt Pymalion

In der Werkstatt Pantheon.

Und, o Wunder! in verklärtem Lichte

Stehen rings die stolzen Bilder da;

Es enthüllt dem staunenden Gesichte

Gottheit sich, wie er sie nimmer sah.

Wie von reinem Nektarthau durchfloßen,

Wonnevoller Ewigkeit Genoßen,

Schön und furchtbar, scheinen sie erhöht

Zu des Urbilds Majestät.

Auf des Donnergottes heitre Brauen

Wallt der Locken hoher Schwung zurück;

Juno thront, die Königin der Frauen;

Pallas senkt den sinnig ernsten Blick.

Bacchus bietet hold die frohen Gaben,

Weiche Jugend blüht dem Götterknaben;

Hermes regt den Sinn, behend und schlau,

Mit der Glieder leichtem Bau.

Selbstgenügsam, in entzückter Feier

Schwebt Apoll, mit Daphne's Laub umkränzt,

Haucht Gesänge zu der stummen Leier,

Die in seinem Arm, ein Kleinod, glänzt.

Und o du! süßlächelnde Dione,

Mit der Anmuth zartem Gürtel! schone!

Gab er nicht zum Opfer Seel' und Sinn

Ganz, Urania, dir hin?

Freudig, doch mit ahndungsvollem Schweigen,

Blickt er auf der Himmelsmächte Kreis,

Richter sind sie ihm und heil'ge Zeugen,

Wie er ringt nach der Vollendung Preis,

Nicht zu ruhn, noch feige zu ermatten,

Schwört er, bis er den geliebten Schatten,

Einen Fremdling in der niedern Welt,

Seinen Göttern dargestellt.

Schöner Stein! in Paros kühlen Grüften

Hat die Oreade dir gelacht;

Ja, du wurdest aus den Felsenklüften

In beglückter Stund' hervorgebracht!

Von der Hand Pygmalions erkoren,

Reiner Marmor! wirst du neu geboren.

Was sein Stahl dir liebend raubt, vergilt

Tausendfach das holde Bild.

Wann Aurora kaum noch deine Weiße

Röthet, eilt der Künstler schon herzu,

Und ihn winkt von immer süßerm Fleiße

Nur die Nacht gebieterisch zur Ruh.

Wann des Schlafes Arm ihn leis' umfangen,

Spielt um ihn das schmeichelnde Verlangen,

Zeichnet sein gelungnes Werk der Traum

Dämmernd in des Aethers Raum.

Endlich geht die freundlichste der Sonnen

Ueber ihm, Vollendung bringend, auf.

Endlich, endlich ist das Ziel gewonnen,

Und die Palme kühlt des Siegers Lauf.

Vor ihm blüht das liebliche Gebilde,

Gleich der Rose, die der Frühlingsmilde,

Welche webend, athmend um sie floß,

Kaum den Purpurkelch erschloß.

Hüllenlos, von Unschuld nur umgeben,

Scheint sie sich der Schönheit unbewußt,

Ihre leicht gebognen Arme schweben

Vor dem Schooß und vor der zarten Brust.

Reine Harmonie durchwallt die Glieder,

Deren Umriß, von der Scheitel nieder

Zu den Sohlen, hingeathmet fliegt,

Wie sich Well' in Welle schmiegt.

Schön begränzt ihr Dasein stille Gnüge,

Friedlich wohnet es in sich daheim;

Und es ruht im Spiel der linden Züge

Unentfaltet künft'ger Liebe Keim.

Gleich als ob sie nimmer traur' und zürne,

Lacht ihr heller Blick, die ebne Stirne;

Ihre halbgeschloßne Lippe schwoll,

Süßer Tön' und Küße voll.

Selig festgezaubert im Betrachten,

Schaut Pygmalion und glüht und schaut.

Bald verstummt er, aufgelös't in Schmachten,

Bald erschallt des Herzens Hymne laut.

Einen Gegenstand der Huldigungen

Hat sich nun die treue Lieb' errungen,

Die nach dem, was nirgends war, zuvor

In der Oede sich verlor.

Seine Seele, die Erwiedrung heischet,

Leihet der Geliebten, was sie fühlt,

Gern vom eignen Wiederschein getäuschet,

Der um jene Jugendfülle spielt.

Mit des Steines nachgeahmtem Leben

Strebt er sich so innig zu verweben,

Daß sein Herz, von Lieb' und Lust bewegt,

Wie in beider Busen schlägt.

Was ersann er nicht, ihr liebzukosen?

Welche süße Namen nannt' er nicht?

Das Gebüsch verarmt an Myrt' und Rosen,

Die er sorgsam ihr in Kränze flicht.

Aber ach! wann wird ihr holdes Flüstern

Seinen Liebesreden sich verschwistern?

Wann besiegelt der erwärmte Mund

Wiederküßend ihren Bund?

Lächelnd einst, wie mildes Frühlingswetter,

Schaut Urania vom lichten Thron;

Von der Menschen Vater und der Götter

Fordert sie der reinsten Treue Lohn:

Sieh! allein von allen Erdensöhnen

Hat Pygmalion, dem höchsten Schönen

Huldigend, und frei vom Sinnenbrand,

Sich zu meinem Dienst gewandt.

Nicht aus Trotz, zu eitlem Schöpferruhme;

Folgsam lauschend nur dem innern Ruf,

Stellt' er im verborgnen Heiligthume

Uns die Gattin dar, die er sich schuf.

Jenen Funken, den Prometheus raubte,

Zum Verderben seinem stolzen Haupte,

Gieb ihn mir für den bescheiden Sinn

Meines Künstlers zum Gewinn.«

So die Göttin, und mit Wohlgefallen

Winkt ihr Zeus, und neigt den Herrscherstab;

Locken, den Olymp erschütternd, wallen

Auf die Stirn ambrosisch ihm herab.

Ein gewohntes Opfer darzubieten,

Stand Pygmalion in Duft und Blüthen,

Als es wie ein Blitz sein Mark durchdrang,

Daß er zagend niedersank.

Doch ihn locken ferne Melodien

Zauberisch in's Leben bald zurück.

Rosenfarbne Morgenschimmer fliehen

Um das Bild und laben seinen Blick.

Wie von eines Aetherbades Wogen

Wird sie sanft gewiegt und fortgezogen:

Soll sie eures Himmels Zierde sein?

Götter! Götter! sie ist mein.

Und er fliegt hinzu und schlingt die Arme

Kühn und fest um das geliebte Weib.

Glühend, schauernd fühlt er, sie erwarme;

Seinem Drucke weicht der Marmorleib.

Und es schlägt ihr Herz die ersten Schläge,

Und die Pulse werden hüpfend rege,

Und das Drängen junger Lebenslust

Schwellt die ungeduld'ge Brust.

Und ihr Auge – Wonne würd' ihn tödten,

Schlöß' es sich dem fremden Tage nicht.

Ach, sie drückt mit schüchternem Erröthen

An des Jünglings Busen ihr Gesicht.

Liebe! Liebe! stammeln beider Zungen,

Und die Seelen, ganz in Eins verschlungen,

Hemmt ein Kuß im schwesterlichen Flug

Mit geheimnißvollem Zug.

Prometheus

  Ein erhabenes Antlitz verlieh er dem Menschen, und hieß ihn

  Schau'n gen Himmel und frei das Haupt zu den Sternen erheben.

 Ovidius.

O goldne Zeit, auf ewig hingeschwunden!

Wie süß bethört es, deine ferne Spur

In alter Sänger Sprüchen zu erkunden!

Da hauchte stets des Frühlings Milde nur,

Und es gedieh (so lehrt die heil'ge Sage)

Freiwillig alle Füll' im Schooß der Flur.

Noch Krankheit kannten sie, noch Furcht, noch Klage;

In süßer Ruhe, brüderlich gesellt,

Verlebten sie des gleichen Lebens Tage.

Nie alternd blühte jene frühe Welt;

Sie starben, wie dem Schlummer hingegeben,

So wie die reife Frucht vom Baume fällt.

Wo kein Gebot, war auch kein Widerstreben:

Des alten Kronos väterlichen Thron

Schien Liebe nur zu gründen und zu heben.

Viel Zeiten waren wechsellos entfloh'n,

Und ach! sie zählte niemand: da entflammte

Begier nach Thaten seinen kühnen Sohn.

Des Vaters Haupt vom stillen Herrscheramte

Zu bannen rang, unruhig, das Geschlecht,

Das mit dem Zeus aus Rheas Schooße stammte.

Doch die Titanen stehn für Kronos Recht.

So trennten sich die himmlischen Gewalten,

Und weltverheerend tobte das Gefecht.

Das Licht erlosch, des Himmels Vesten hallten,

Die Erde wankt', als ob zum Tartarus

Hinab ein jäher Riß sie sollte spalten.

Sonst ruhig in sich kreißend, schwoll der Fluß

Okeanos aus seines Bettes Tiefen,

Und brach herein mit brausendem Erguß.

Unendlich war ihr Kampf; vergebens riefen

Sie der Entscheidung, Kraft an Kraft gebannt,

So lang des Donnrers neue Blitze schliefen.

Kaum aber warf aus allgewalt'ger Hand

Zeus seine tausend sturmbeschwingten Wetter,

Gekrach und Dampf und unauslöschbarn Brand:

So stürzten die Titanen, ohne Retter,

Betäubt, geblendet, in die öde Nacht,

Und Götter wurden Sieger über Götter.

Hoch thront nun im Olymp Kronions Macht,

Den Raub der Welt vertheilt er seinen Treuen,

Des bangen Erdenvolks wird nicht gedacht.

Da des Verderbens Wolken sich zerstreuen,

Und, wer entronnen, aufwacht zum Gefühl,

Erstarrt ihr Blick auf grausen Wüsteneien.

Wo sonst des Lebens fröhliches Gewühl

Entzückend webte, wo bethaut von Düften,

Nur Liebe flüsterte, nur Scherz und Spiel:

Da lauert jetzt in düstern Felsengrüften

Das Raubthier, einsam schallt des Hungers Schrei,

Verloren zwischen unwirthbaren Klüften.

Nichts blieb vom Fluche der Zerrüttung frei;

Das Friedlichste verwildert, blut'ge Sitte

Führt, ehern, das Gesetz der Noth herbei.

Die Furcht beherrscht des Menschen irre Tritte.

Er schmachtet durstig in des Sommers Glut,

Ihn schirmt vor Frost kein Lager, keine Hütte.

Selbst die Erinnrung vom entfloh'nen Gut

Erliegt des Elends lastendem Gewichte,

Kein Hoffen weckt ihm den erstorbnen Muth.

In sich verdüstert, tappt er auch im Lichte,

Als säh' er nicht; hört, ohne zu verstehn,

Gedankenlos wie wüste Traumgesichte.

Da stieg Prometheus von Olympos Höhn,

Schaut' auf den Sohn des Staubes, seufzt', und sagte:

Und sollst du so durch fremde Schuld vergehn?

Ich warnte die Titanen: doch wer fragte

Der Weisheit Rath? wer spottete nicht mein,

Als ich das Schicksal zu enthüllen wagte?

Der regen Vorsicht werd' es Macht verleihn,

Denn reifen müße die Geburt der Zeiten;

Sie könne nicht in stolzer Ruh gedeihn.

So wählt ich, ungern zwar, für Zeus zu streiten.

Nur meine Mutter rettet' ich und mich,

Und half den Fall des eignen Stamms bereiten.

Dich aber, Mensch! erheb' ich über dich.

Die goldne Kindheit darf nicht wiederkehren,

Die dir im weichen Schooß der Lust verstrich.

Drum lerne handeln, schaffen und entbehren!

Ob alles wider Dich verschworen scheint,

Soll innre Kraft doch siegend dich bewehren.

Allein wer hört? wer faßt mich? Wo erscheint

Noch die Gestalt in diesem blöden Wilde,

Die Erd' und Himmel schön in sich vereint?

Laßt sehn denn, wie ich schaffend neu sie bilde.

Der Mutterboden beut den Stoff mir schon,

Das Leben dann die himmlischen Gefilde.

So spricht in sich der Themis weiser Sohn,

Und geht an's Werk mit sinnender Geberde,

In reiner Flut erweichend reinen Thon.

Er formet sorgsam, daß die Bildung werde,

Wie der Entwurf sie fordert: schon erhebt

Der neue Mensch sein Antlitz von der Erde,

Voll leichter Kraft, die scheinbar ihn belebt,

Die Arme schwellt, die breite Brust ihm ründet,

Und gleichgewogen durch die Glieder strebt.

Das edle Haupt, die feste Stirn verkündet

Ein Wesen, wohl gefaßt auf Freud' und Leid,

Kühn, lebensfroh, und in sich selbst gegründet.

Der Bildner blickt mit stiller Gnügsamkeit

Auf dieß Geschöpf, aus seinem Geist entsprungen

Worin sein eignes Dasein sich erneut.

Noch prüft er ernst, ob jeder Theil gelungen,

Dann säumt er nicht. Es hatte jetzt die Nacht

Die Sternenhüll' um Land und Meer geschwungen,

Kein sterblich noch unsterblich Auge wacht:

Da wandelt schweigend auf des Aethers Pfaden

Der Japetid', auf schlauen Raub bedacht,

Hin zu des Osts entlegensten Gestaden,

Wo Helios ambrosisches Gespann

An goldnen Krippen steht, vom Joch entladen.

Prometheus will, was seine Kunst ersann,

Mit heil'gen Kräften paaren: dort nur glühet

Was würdig sein Gebild beseelen kann,

Der Quell, dem alle Lebensfüll' entblühet.

Da schöpfet er, und trägt den Funken fort,

Der willig ihm auf seine Fackel sprühet.

Er eilt zurück zu dem verlaßnen Ort;

Doch als er naht, (kaum dämmerte der Morgen)

Erwartet zürnend ihn der Themis Wort.

Noch Künftiges, noch Fernes bleibt verborgen

Vor ihrem Sinn; durchschaut vom Anbeginn

Hat sie des Sohnes Thun mit wachen Sorgen.

Aus Delphos Grotten tritt sie zu ihm hin,

Wo sie der Brüder Fall noch still betrauert;

Wo vor der heiligen Enthüllerin

Des Schicksals einst das Herz der Menschen schauert,

Bis Phöbos junge Kraft den Python schlägt,

Der in der Haine Graun verderbend lauert.

»Dämonischer!« so spricht sie: »was erregt

Den frevlen Muth dir, diese Saat zu säen,

Die eine Welt Gefahren in sich trägt?

Die That ist nicht mehr dein, wann sie geschehen;

Sie strömt die Zeiten durch: die Spindel rollt,

Wie sie der Nacht uralte Töchter drehen.«

Wär' auch Mißlingen aller Mühen Sold,

Erwiedert er: doch soll mich niemals reuen

Was ich nach tiefem Forschen fest gewollt.

Kann Götter die Unsterblichkeit erfreuen,

Die fremd vorbeischleicht, die sie, ewig todt,

Durch Thaten nie zum Eigenthum sich weihen? –

Drauf Themis: »Sohn! der Zorn des Herrschers droht

»Dem, der mit Hohem Niedres will vermengen.

Du höhnst der Ordnung trennendes Gebot.

Durch diese Glut erhitzt, wird aus den Engen

Des kleinen Lebens, das ein Hauch zerstört,

Dein Zögling stolz zum Götterlooß sich drängen.« –

Nur selbst sich gnügen, wenn kein Gott ihn hört:

(Prometheus sprach's) wer achtet seiner Leiden?

Sie zu bekämpfen werd' ihm nicht verwehrt.

Wie möchte Zeus dieß arme Streben neiden?

Er thront allwaltend: schreckt ein Wesen ihn,

Das von der Gottheit Tod und Ohnmacht scheiden? –

»Wohl! kann der Mensch sich diesen nicht entziehn:

Vom Wunsch gespornt, doch an den Staub gebunden,

Verzehrt er sich in streitendem Bemühn.

Des Thieres Angst ist mit dem Schmerz verschwunden;

Was war und sein wird, drückt den regen Geist.

So hast du ihm nur neue Qual erfunden.« –

Nein! die der dumpfen Thierheit ihn entreißt,

Voraussicht, wird ihm ihre Schwester senden,

Die Hoffnung, welche muthig dulden heißt.

Das Schwerste wird er, so gestärkt, vollenden;

Wo der Nothwendigkeit sein Will' erliegt,

Wird er ihn ordnend in sein Innres wenden. –

»Und wenn er auch ein hohes Ziel ersiegt,

Bald wird er doch sein bittres Looß verklagen,

Daß Will' und Kraft mit ihm in Nichts verfliegt.

Wie Wellen sich am Klippenrand zerschlagen,

Muß auf Geschlecht Geschlecht, in stetem Kreiß,

Die Bahn durchlaufen und dem Preis' entsagen.« –

Das Gute stirbt nicht: der bescheidne Fleiß,

Die tapfre That, sie bringen Frucht und laben;

Den Enkel schattet das gepflanzte Reiß.

Und immer reicher durch der Vorwelt Gaben

Beut ein Geschlecht dem andern froh die Hand,

Und paart im Wettlauf Greise, Männer, Knaben.

Die Stärke weicht dem ordnenden Verstand.

Sich selbst und alles wird der Mensch gestalten,

Mit Anmuth zierend was die Noth erfand.

Er heißt den Grund verborgne Schätz' entfalten;

Er zähmt das Roß; er weiß auf offnem Meer

Mit leinbeflügeltem Geschirr zu walten.

Die Felshöh starrt nicht unbeweglich mehr:

Leichtschwebend, wie gelockt vom Zauberklange,

Wölbt sie, und fügt, und reiht sich um ihn her.

Was unsichtbar in Red' und in Gesange

Dem Ohr vorbei wallt, stellt er bleibend dar,

Daß fernen Zeiten es, ein Denkmahl, prange.

Ich nenne Kleines; zahllos blüht die Schaar

Der Künst' empor; von diesem Sonnenfunken

Glüht einst die Erd' ein lichter Weihaltar. –

»O Sohn! du bist von Schöpferwahne trunken!

Wie wären sonst vor eitlem Gaukelschein

Der Vorsicht Lehren deinem Geist entsunken?

Ja! Flamm' und Brand wird dieser Funke sein;

Die Sterblichen verderbend wird er wüthen,

Den Aether trüben, und die Erd' entweihn.

Kein Zügel kann den frechen Willen hüten;

Ihm fröhnt der Witz und jede Kunst, und schafft

Daß ungeheure Wünsch' im Herzen brüten.

Doch, was er auch weitgreifend an sich rafft,

Nichts gnüget ihm; er jagt nach neuem Raube,

Weil im Besitz die schnöde Lust erschlafft.

Und schlauvermeßne, jedem Rechte taube

Gewalt spannt Völker in des Joches Schmach,

Ihr Fußtritt beugt die Nacken tief zum Staube.

Die Zwietracht geht ihr Ruhe-würgend nach,

Und den Verein der Menschen knüpft die Treue,

Die Eide bricht, so oft sie Eide sprach.

Dann schließt zu blut'gem Tanz sich Reih' an Reihe;

Hellblinkend jauchzt der erd'entrißne Stahl,

Daß er dem Tode Hekatomben weihe.

Doch offnes Morden bringt nur kurze Qual:

Groll, schleichender Verrath und gift'ge Tücke

Trieft von den Bechern, selbst beim Brudermahl.

An's Licht gesandt vom nächtlichen Geschicke,

Entschleiert Nemesis ihr Angesicht,

Und mißt die Greu'l mit richtend ernstem Blicke,

Und ruft zur furchtbarn, namenlosen Pflicht

Die ewig eingedenken Rächerinnen,

Um deren Stirn Gorgonenhaar sich flicht.

Die Schuld kann nirgends ihrem Netz entrinnen.

Blutathmend, Qual-weissagend heult ihr Lied,

Durchwühlt die Adern und verwirrt die Sinnen.« –

Mich schrecket nicht dein schauendes Gemüth,

O Mutter! Ob dein Mund nie Lügen redet,

Ich weiß, daß auch, was du verschweigst, geschieht.

Wenn jedes Frevels sich der Mensch entblödet,

Bleibt das ihm Vollmacht doch zu höherm Heil,

Womit er oft unselig sich befehdet.

Blind eilt zum Ziel, ein abgeschnellter Pfeil,

Des Thieres Trieb; es irrt nur wer da wählet:

Sich selbst zu lenken ist des Freien Theil.

Erkenntniß wurzelt ihm, wo er gefehlet,

Steigt fest und fester aus der Täuschung Flut,

Und wird zur Weisheit, durch Entschluß gestählet.

Der Meister seines Innern läßt die Wuth

Der Lüste sich einander blind zerschellen,

Und Niedriges verschmäht wer Großes thut.

Wenn Maaß und Heldenkraft sich so gesellen,

Wird die Gewalt entthront, das Recht gebeut,

Nur Liebe macht die freien Herzen schwellen.

Sobald Gefahr dem schönen Bunde dräut,

Für alle jeder, und für jeden alle

Sind sie, den Tod zu suchen, froh bereit;

Und unbezwungen bei des Tapfern Falle

Strebt seine Tugend selbstbewußt empor,

Und lebt, vergöttert, in der Lieder Halle.

Nach Kämpfen geht der Friede mild hervor:

Zum Oelbaum grünt die Lanze, Schwerter pflügen,

Und sichre Fülle wohnt bei offnem Thor.

Der Adler kann auch über Meere fliegen.

Ist aus dem Chaos nicht durch Lieb' und Zwist

Die Ordnung aller Ding' emporgestiegen?

Vollendung strahlt, die kein Gedank' ermißt,

Erst durch des Irrsals Nächte diesem Wesen,

Das sich zu schaffen nur geschaffen ist.

Zeus hat die Welt; dich hab' ich mir erlesen!

Du Werk und Abbild meiner Thatenlust.

Frei sollst du sein: was zaudr' ich, dich zu lösen? –

»Noch halt! o halt, Prometheus! meine Brust

Stöhnt ahndend unter den unnennbarn Plagen,

Womit du bald dein Wohlthun büßen mußt.

Ergrimmt, daß eines Tags Geschöpfe wagen,

Titanen gleich, nur stolz auf sich zu baun,

Wird dich des Donnrers Wort in Banden schlagen.

Mit Ketten, ehrnen Ringen, und den Klau'n

Der Keil' und Nägel wird an öde Klippen

Der Erde Strand dich festgeschmiedet schau'n.

Da harrest du, des Felsens schroffe Rippen

Dein Lager, aufrecht, unbeweglich, wach;

Dir labt kein Nektar die verdorrten Lippen.

Nie hörst du deiner Menschen kindlich Ach,

Kein Lebenstritt naht so verwaisten Fernen,

Der Wiederhall nur ächzt dir einsam nach.

Die Sonnen zieh'n, es zieht mit ihren Sternen

Die Nacht vorbei; eh deine Kunst dich lös't,

Mag dir zu rauschen dort die See verlernen.« –

Sinkt dieser dann, von meiner Gab' entblößt,

Zum Knecht zurück? wird sein der Blitz nicht schonen,

Wenn vom Olymp mein Bundsgenoß mich stößt? –

Zeus kann die Bildnerei dir bitter lohnen,

Doch hemmen darf er nicht was sie erzielt,

Denn selbst die Macht muß dem Verhängniß frohnen.«

So will ich dulden was die Noth befiehlt.

Ich bin unsterblich, und mein ew'ger Wille

Wird von der Qual, ein Berg vom Sturm, umspielt. –

»Weh mir, die ich dein Unheil dir enthülle!

Durch Riesentrotz, Titan', erwirbst du bloß,

Daß Zeus der Rache Maaß noch höher fülle.

Er läßt der Blitze Flammenwirbel los,

Daß Meer und Aether durch einander brausen;

Hohldonnernd stürzt die Felskluft in den Schooß

Des dumpfen Hades dich: da wirst du hausen,

Bis Zeus dem Tageslicht zurück dich bringt,

Dir selbst zur Schmach, den Himmlischen ein Grausen.

Sein Flügelhund, der gier'ge Geier, springt

Umschattend auf die starr gebundnen Glieder,

Zerfleischt die Brust dir; was er Tags verschlingt,

Erwächst der blut'gen Leber nächtlich wieder;

Lautschwirrend kommt der ungerufne Gast,

Schwebt langsam fort mit triefendem Gefieder.« –

Nichts fremdes übt wer seinen Haßer haßt:

Kronion aber herrscht, der Ungerechte,

Durch meine Hülf' im himmlischen Pallast.

Nun hält der Tartarus die alten Mächte,

Und feig gehorcht der jungen Götter Schaar.

Wo ist ein Starker, der mich retten möchte?

Dir legt die Zukunft ihr Geheimniß dar,

O meiner Mutter heil'ges Haupt! ich flehe

Beim Styr dich an: mach mir sie offenbar.

Ob nie ein Ringer für das Recht erstehe

Aus sterblichem und göttlichem Geschlecht,

Der Götterkraft zum Heldenthum erhöhe?

Wenn der, vom Mühsal ewig ungeschwächt,

Gefahren sucht, und tilget Ungeheuer,

Und Räuber zähmt, und Unterdrückte rächt:

Dann treibt ihn auch des freien Muthes Feuer,

Das ich verlieh, in Wüsten ohne Pfad;

Er kommt, zerreißt die Bande, würgt den Geier.

Ja er vollbringt's, und zürnte seiner That

Der Donnrer auch, und hätt' ihn der gezeuget,

Der mit der Herrschaft Fuß mich niedertrat. –

Der Japetide rief's, doch Themis schweiget.

Wie Gram und Zweifel ihr im Busen schwoll,

Hat sie die Stirn verschleiert abgeneiget.

Sie weiß, daß einst der Tag erscheinen soll,

Wo ihrem Sohn Herakles heil'ge Stärke

Mit Rettung nahet, gleicher Gottheit voll.

Auf daß er mehr auf ihre Warnung merke,

Verschwieg sie was sein weiser Sinn erspäht;

Was schreckt ihn nun bei dem verwegnen Werke?

Er kehrt zum Bilde sich, das vor ihm steht,

Und spricht: Geh! wirke! trage Leid und Wonne!

Der Funke blitzt und Lebensodem weht,

Der freie Mensch blickt zur verwandten Sonne.

Die entführten Götter

O Römerinnen, Römer nicht!

Wo ist die Heldenkraft der Ahnen?

Vergeßen habt ihr Namen, Ruhm und Pflicht

Und tief erröthen jene großen Manen.

Du, ewig nun zu eigner Schmach!

Leb wohl, o Stadt der sieben Hügel!

Bald stürzt dein ödes Pantheon uns nach,

Uns aber leiht der Sieg die leichten Flügel.

Vom Himmel lockten uns herab

Die freundlich bildenden Hellenen;

Von uns empfangend was ihr Sinn uns gab,

Vermählten sie das Göttliche dem Schönen.

Als Freiheit mit der Tugend starb,

Erloschen Hellas Rosenschimmer,

Und Stärke, die ein grauses Recht erwarb,

Stieß den Altar der holden Kunst in Trümmer.

Doch sahn wir, im Vernichten groß,

Mit Lust der Wölfin Pflegesöhne;

Wir theilten gern der hohen Roma Looß,

Daß sie uns Herrscher über Herrscher kröne.

In der Triumphe Prachtgewühl

Empfieng Quirinus seine Brüder;

Das Kapitol ward ein Olymp: da fiel

Vor seinem Raub der Sieger betend nieder.

Zeus Adler flog dem Heer voran,

Er thronte, der Gesetze Wächter –

Senat und Volk ward Einem unterthan,

Und schnell entartet sanken die Geschlechter.

Wild schwärmten an der Tiber Strand

Des Nordens Riesen, sie zu strafen.

Von Knechten und Barbaren abgewandt

Schien ein Jahrtausend unsre Macht zu schlafen,

Bis mit dem jungen Morgenroth

Entwohnte Hymnen uns umwallen.

Es war die Kunst, die Huldigung uns bot,

Und neue Feste, neue Tempelhallen.

Auf! feßle jetzt uns noch, o Rom,

Durch große Thaten, schöne Werke!

Versank auf ewig in der Zeiten Strom

Der Bilder Geist so wie der Helden Stärke?

In dumpfer Trägheit Nebelduft

Prahlst du mit gähnenden Ruinen;

Du bist der Vorwelt eingesunkne Gruft,

Wo weder Rosen blühn, noch Lorbeern grünen.

Ihr aber, die ihr, siegberauscht,

Ausoniens myrtumkränzte Fluren

Gleich eurem Rhodan wogend überrauscht,

Und einem Brennus folgt auf Brennus Spuren!

Ruft uns mit reiner Opferglut,

So soll euch unsre Huld belohnen.

Allein ihr trotzet in der Freiheit Hut,

Und wollt uns zwingen, unter euch zu wohnen?

Habt ihr für uns ein Heiligthum?

Und läßt sich Hellas Reiz erfechten?

Sind Götter auch ein menschlich Eigenthum?

Ihr geizt umsonst nach des Olympus Mächten!

Wer würdig uns zu ehren weiß

Trägt uns in seiner Brust, sein eigen:

Doch trittst du ungeweiht in unsern Kreiß,

So deckt uns Nacht und die Orakel schweigen.

Lebensmelodien

Der Schwan.

Auf den Waßern wohnt mein stilles Leben,

Zieht nur gleiche Kreiße, die verschweben,

Und mir schwindet nie im feuchten Spiegel

Der gebogne Hals und die Gestalt.

Der Adler.

Ich haus' in den felsigen Klüften,

Ich braus' in den stürmenden Lüften,

Vertrauend dem schlagenden Flügel

Bei Jagd und Kampf und Gewalt.

Der Schwan.

Mich erquickt das Blau der heitern Lüfte,

Mich berauschen süß des Kalmus Düfte,

Wenn ich in dem Glanz der Abendröthe

Weich befiedert wiege meine Brust.

Der Adler.

Ich jauchze daher in Gewittern,

Wenn unten den Wald sie zersplittern,

Ich frage den Blitz, ob er tödte,

Mit fröhlich vernichtender Lust.

Der Schwan.

Von Apollos Winken eingeladen,

Darf ich mich in Wohllautströmen baden,

Ihm geschmiegt zu Füßen, wenn die Lieder

Tönend wehn in Tempe's Mai hinab.

Der Adler.

Ich throne bei Jupiters Sitze;

Er winkt und ich hol' ihm die Blitze,

Dann senk' ich im Schlaf das Gefieder

Auf seinen gebietenden Stab.

Der Schwan.

Von der sel'gen Götterkraft durchdrungen,

Hab' ich mich um Leda's Schooß geschlungen;

Schmeichelnd drückten mich die zarten Hände,

Als ihr Sinn in Wonne sich verlor.

Der Adler.

Ich kam aus den Wolken geschoßen,

Entriß ihn den blöden Genoßen;

Ich trug in den Klauen behende

Zum Olymp Ganymeden empor.

Der Schwan.

So gebar sie freundliche Naturen,

Helena und euch, ihr Dioskuren,

Milde Sterne, deren Brüdertugend

Wechselnd Schattenwelt und Himmel theilt.

Der Adler.

Nun tränkt aus nektarischem Becher

Der Jüngling die ewigen Zecher;

Nie bräunt sich die Wange der Jugend,

Wie endlos die Zeit auch enteilt.

Der Schwan.

Ahndevoll betracht' ich oft die Sterne,

In der Flut die tiefgewölbte Ferne,

Und mich zieht ein innig rührend Sehnen

Aus der Heimat in ein himmlisch Land.

Der Adler.

Ich wandte die Flüge mit Wonne

Schon früh zur unsterblichen Sonne,

Kann nie an den Staub mich gewöhnen,

Ich bin mit den Göttern verwandt.

Der Schwan.

Billig weicht dem Tod ein sanftes Leben;

Wenn sich meiner Glieder Band' entweben,

Lös't die Zunge sich: melodisch feiert

Jeder Hauch den heil'gen Augenblick.

Der Adler.

Die Fackel der Todten verjünget:

Ein blühender Phönix, entschwinget

Die Seele sich frei und entschleiert,

Und grüßet ihr göttliches Glück.

Die Tauben.

In der Myrten Schatten

Gatte treu dem Gatten

Flattern wir und tauschen

Manchen langen Kuß.

Suchen und irren,

Finden und girren,

Schmachten und lauschen,

Wunsch und Genuß.

Venus Wagen ziehen

Schnäbelnd wir im Fliehen,

Unsre blauen Schwingen

Säumt der Sonne Gold.

O wie es fächelt,

Wenn sie uns lächelt!

Leichtes Gelingen!

Lieblicher Sold!

Wende denn die Stürme,

Schöne Göttin! Schirme

Bei bescheidner Freude

Deiner Tauben Paar!

Laß uns beisammen!

Oder in Flammen

Opfre uns beide

Deinem Altar.

Die Stunde vor dem Abschiede

Aus deinen Augen sah ich Thränen fließen:

Unglücklicher! ich hatte sie erregt,

Von zärtlichem Verlangen hingerißen

Dein Innerstes zu ungestüm bewegt.

Es nahte schon des Abschieds bange Stunde,

Verschwunden dieser Tage kurzes Glück;

Aus unserm, wie im Flug geschloßnen Bunde

Sahst du auf deinen öden Weg zurück.

O daß der Gram zerrütten soll mit Schmerzen

Der Wonne Sitz, den lieblich blühnden Leib!

Daß irgend wer zerrüttend deinem Herzen

Mit Haß zu nah getreten, zartes Weib!

Laß deine Thräne sanft hinweg mich trinken,

Laß mich sie trocknen mit gelindem Hauch!

Sieh schon sie hier in meinem Auge blinken:

O gieng' in mich dein Leiden über auch!

Dem Mann, der seinem Glücke stürmt entgegen,

Ziemt auch der Kampf mit feindlichem Verdruß;

Doch schonend sollte Ruh des Weibes pflegen,

Denn still erwartet sie der Freude Gruß.

Willst du mir deinen Schmerz im Kuße reichen?

Gern nähm' ich Herbes von so süßem Mund.

Der Kummer müßte dem Entzücken weichen,

Der Freundin Schmachten würd' in mir gesund.

Warnung

Ja, ich gestehe mir es mit Entzücken,

Ich bin dir hingegeben:

Doch, süßer Freund, bewahr' es wie dein Leben.

Der Lieb' ist nichts so eigen,

Als sich mit holder Schüchternheit umschleiern.

Hat sie schon nicht zu sorgen,

Und dürfte kühn sich zeigen,

Will sie geheim doch ihre Weihe feiern

Und bricht der helle Morgen

Auf günst'ge Schatten ein, die sie verborgen

So wird verstört, mit Beben,

Auch ihrer Träume zartester entschweben.

Ich scheue nicht das Necken

Gespitzter Zungen, noch des Pöbels Tadel.

Das wollt' ich muthig leiden

Uns aller Welt entdecken,

Stolz auf die Wahl und meines Herzens Adel.

Allein von diesen Freuden

Beneid' ich Andern selber das Beneiden,

Kein fremder Sinn soll streben,

Zur Ahndung unsers Glücks sich zu erheben.

Wohl muß es bitter schmerzen,

Erlischt, in des Vergeßens Strom getauchet,

Der Liebe schönes Glühen.

Doch wenn aus stillem Herzen

Du von den Lippen erst das Wort gehauchet,

Kannst du's zurück nicht ziehen:

Drum werde nimmer dem Verrath verziehen;

Vergeßen sei vergeben,

Wenn neue Wünsche seinen Schlaf beleben.

Es drängen sich die Seelen

Der Liebenden im Blick an's Licht der Sonne,

Wie hinter Schloß und Riegel;

Sie innigst zu vermählen,

Erschließet erst der Kuß das Thor der Wonne,

Und löset ihre Flügel.

Jetzt aber sei dir dieser Kuß als Siegel

Des Schweigens mitgegeben,

Das keine Macht vermöge wegzuheben.

Die Erfindung des Kußes

1.

Die Grazien besprachen mit einander

Sich von der Menschenbildung Zügen einst,

Wie die Natur in ihrer holden Zierde

Die Seele ausgesprochen, und wie jedem

Belohnende Bestimmung sie verliehn.

Die Stirne, denkend, thront im Antlitz oben,

Es schlingt sich über ihrer offnen Fläche

Der Haare vielfach wechselnd Diadem:

Denn der Gedank' ist König in dem Geist.

Der Nase, die von ihr sich niedersenkt,

Des Ebenmaßes unverrückte Säule,

Weht huldigend der Frühling seine Düfte,

Und Zephyr linden lauen Hauch entgegen.

Das Ohr, bescheiden seitwärts angefügt,

Trinkt achtsam doch des Wohllauts ganze Fülle.

Die Wangen blühen so durchsichtig zart,

Daß bald der jungen Freude leichtes Wallen,

Und bald die Scham, bei'm leisesten Berühren, –

Nicht ohne süßes Bangen, denn sie ist

Die Morgenröthe seliger Gefühle, –

Mit Rosenglut sie überströmen kann.

Die Augen geben und empfangen Strahlen,

Die Welt ist ihre, von dem Aug' der Sonne

Mit aller Farben Glorie ausgestattet.

Doch kehren sie von ihren weiten Flügen

Gern wieder in die Näh'; es sucht der Blick

Verbrüdertes, worin er sich erkenne,

Und Auge spiegelt sich in Aug' entzückt.

Wenn es sich dann, von vielem Sehn ermüdet,

Mit seiner Wimper seidnem Vorhang schirmt,

So dämmern noch im eng verhüllten Lager

Zerfließende Gestalten vor ihm auf.

Die Lippen aber, die beseelten Rosen,

So sprach Euphrosyne, die sich gefällig

Zu Red' und Lächeln regen, stets gesellig,

Beredt zu schweigen wißen, wie zu kosen,

Sie, die das innerste Gemüth erschließen:

Was wurde für ein Lohn zu Theil den süßen?

Daß sie die Nahrung, die der Leib empfängt,

Zuerst berühren? Das ist wieder Dienst,

Belohnung nicht: verschmähn sie doch zu kosten,

Und gönnen gern dem Gaume seine Freuden.

Und was ist Hybla's Honig, was der Saft

Von Lesbos, selbst des Göttertisches Gaben,

Verglichen mit der Worte süßer Kraft,

Worin sich, froh berauscht, die Seelen laben?

Ja müssen nicht die geistigen sich schämen,

Das irdische Bedürfniß hinzunehmen?

Wie du doch eiferst, Schwester, so erwiedert

Aglaja lächelnd; nimm dich nur in Acht,

Daß nicht der zu bewegten Rednerin

Des Mundes leicht geschwungner Zug sich krause,

Und deine Sorg' um ihn ihn selbst entstelle.

Ist denn des schönen Thuns Gefühl nicht Lohn?

Und fühlen nicht die Lippen, wie sie reden

Und wie sie lächeln?

Das Auge sieht sich nicht, es grüßt im Auge

Des Andern aus der Ferne nur den Geist;

Und sind sie doppelt schon, und thun das Gleiche,

Doch rollet in der eignen Sphäre jedes,

Und unbewußt ist ihre Harmonie.

Die Lippen aber sind die Dienerinnen

Der freundlichen Geselligkeit, und selbst

Gesellig: ist ihr Leben und Bewegen

Nicht ewig wiederholter zarter Gruß?

Weil sie denn so als Paar sich innig fühlen,

Vereinigt athmen und vereinigt spielen,

So laß sie sich mit andern Lippen paaren,

Um ihre eigne Süße zu erfahren.

Der Grazien jüngste hört' es liebevoll,

Und neigte sich der Schwester, die gesprochen.

Ihr reger Busen, kaum entknospet, schwoll

Von ihres Herzens ahndungsvollem Pochen.

Sie öffnet halb den Mund, der Anmuth haucht,

Und Lippe wird an Lippe sanft getaucht.

Da war mit reinem zärtlichen Verlangen

Der erste Kuß gegeben und empfangen.

2.

Cythere, hingelehnt in Myrtenschatten,

Belauschte sie, und sagte zu sich selbst:

Ihr holden Kinder, was vermöchten Lippen

Zu Red' und zu Gesang, wenn nicht die Zunge

In ihren Schranken wohnt', und schwünge sich

Mit unermüdlicher Gewalt? Ist sie

Das goldne Plectrum für die Silbersaiten

Der Stimme nicht? sie nicht der Pfeil des Bogens,

Der glühnde Worte schnellt? der Sprache Zügel?

Wenn sich, in sanften Wünschen eingeschloßen,

Jungfräuliche Gemüther liebend finden,

Da mögen Lippen sich bescheiden drücken,

Und gnügen wird dieß Zeichen des Vereins.

Ihr kennt nicht jenes namenlose Streben,

Das jedes andern Triebes Banden lös't,

Sich selber, Seel' und Leib, und Füll' und Leben

An den Geliebten opfernd hinzugeben,

Die beiden Wesen ganz in eins verflößt.

Wenn dieß der Sinn' und Herzen sich bemeistert,

Dann soll die Zunge auch, zum Kuß begeistert,

Das Mark durchblitzen gleich Cupido's Pfeilen

Mit Wunden, die nur süßer Tod kann heilen.

Von solchen Küßen lehrte Cypris Gunst

Den schönen Jäger, bei noch sprödem Muthe,

Zuerst vor allen Sterblichen die Kunst,

Wie sie bei ihm in kühler Waldnacht ruhte.

Es ward ihr Kuß zum heißen Liebesschwur,

In dem erstummt die Zungen sich verwirrten,

Daß Wonne schauernd durch die Wipfel fuhr,

Und buhlender der Göttin Tauben girrten.

Nikon und Heliodora

Idylle.

Der Abend senkt sich kühlend auf die Fluren,

Des Tags Getümmel schwindet in die Ferne,

Die ganze Schaar ermüdeter Naturen

Vernimmt den leisen Wink zum Ruhen gerne.

Nur, wie der wachsame Pilot Arkturen,

So folgt der Liebende dem Abendsterne,

Der ihn, als strahlte durch die Nacht Aurora,

Entgegen führet seiner Heliodora.

Entgegen führet seiner Heliodora

Den trauten Nikon Hoffnung und Verlangen.

Sie naht sich ihm, erröthend wie Aurora,

Vom Thaue banger Scham beperlt die Wangen.

Es schließt sich nickend jedes Kind der Flora,

Doch duftender und voller aufgegangen

Entfaltet ihren Kelch der Liebe Blume,

Du stille Nacht, in deinem Heiligthume.

Nikon.

Du stille Nacht, in deinem Heiligthume

Find' ich Erhörung meiner kühnsten Bitte;

Sie wagt für mich, und achtet sich zum Ruhme

Der Zärtlichkeit zu lieb verletzte Sitte.

Im Blumenschmuck, sie selber eine Blume,

Kommt sie, es rauschen im Gebüsch die Tritte.

Ich flieg' in deine Nähe, Holde! Süße!

Daß ich mit Liebeshauch dich warm begrüße.

Heliodora.

Daß ich mit Liebeshauch dich warm begrüße,

Konnt' ich dem Herzen, Thörichte, nicht wehren;

Mich lockte mehr als des Verlangens Süße

Des Weibes Wonne, zärtlich zu gewähren.

Doch wenn ich bitter mein Vertrauen büße,

Wenn deine Schwür' in Märchen sich verkehren: –

Eh meine Rosen welkend sich entfärben,

Mög ich hier vor des Himmels Antlitz sterben!

Nikon.

Mög' ich hier vor des Himmels Antlitz sterben, –

Nein, Tod in deinem Arm wär' Wonn' und Leben, –

Verbannt von dir erschleiche mich Verderben,

Bin ich dir nicht mit reinster Treu ergeben!

Sei ruhig, theure Freundin, laß die herben

Bekümmerniße mit dem Wind entschweben.

Vergeßenheit von allem Harm umspielet

Die Brust, die ganz den Liebsten in sich fühlet.

Heliodora.

Die Brust, die ganz den Liebsten in sich fühlet,

Hebt freier sich von enger Furcht entladen.

Wie wenn ein Zephyr ihr Gewand durchwühlet,

Wird sie, sich zu enthüllen, eingeladen;

Der Strom der Luft, der alle Sehnsucht kühlet,

Lockt sie, in seinen Wellen sich zu baden:

Der ganze Himmel senkt darein sich nieder,

Es strahlen freundlicher die Sterne wieder.

Nikon.

Es strahlen freundlicher die Sterne wieder

Aus deinem Augenstern, im milden Schatten.

Mich schlägt bei Tag die hohe Schönheit nieder,

Vor ihrem Prangen muß der Blick ermatten,

Doch jetzt, da die gesenkten Augenlieder

Der Nacht mit Dämmerung die Helle gatten,

Schau ich, und fürchte nicht, daß ich erblinde:

Entnommen ist der Liebe ihre Binde.

Heliodora.

Entnommen ist der Liebe ihre Binde,

Daß sie ihr Bild rings um sich kann erblicken.

Wie leise Seufzer säuseln nun die Winde,

Die Blumen duften ahndungsvoll Entzücken,

Die Quellen flüstern, und es scheinen linde

Die Büsche sich den Büschen anzudrücken,

Und buhlerischer durch die Schatten wallen

Die Brautgesänge süßer Nachtigallen.

Nikon.

Die Brautgesänge süßer Nachtigallen

Hör' ich in liebevollem Streit erklingen;

Der Thau begegnet und vermählt im Fallen

Mit Düften sich, die in die Lüfte dringen.

Wie wechselnd einig unsre Stimmen schallen,

So laß auch Lippe mit der Lippe ringen:

Der Seele näher, an des Odems Pforte,

Besprechen sich unausgesprochne Worte. –

Besprechen sich unausgesprochne Worte,

So muß verstummen des Gesanges Lallen;

Er führt die Liebenden nur bis zur Pforte

Des Tempels, wo die sel'gen Opfer fallen,

Bis sie aus ihrer Freuden stillem Porte

Verklärt hervor und neugeboren wallen.

Erröthend fand und lächelnd noch Aurora

Nikon am Busen seiner Heliodora.

Die Bestattung des Braminen

 Eine Phantasie, an meinen Bruder in Ostindien.

Hingelehnt an dieses Palmbaums Kühle,

Weilen wir in schwermuthsvoller Ruh.

Bruder, hier ergieß' ich was ich fühle,

Hauche du dein Mitgefühl mir zu.

Laß uns hier der Menschen Looß erwägen,

Und dann seufzen: dieß ist unser Looß!

Hin zu irren auf bedornten Wegen

In des Grabes finstern Schooß.

Meine Seele schmachtet aus dem Kerker,

Auf gen Himmel bebt der matte Blick;

Unsichtbare Kraft nur wirft sie stärker

In den Staub, worin sie wohnt, zurück.

Aber einst, von Schmerz und Schwäch' entladen,

Soll, mit ew'ger Schönheit angethan,

Sie die Heimat finden, und sich baden

In des Lichtes Ocean.

Aber horch! aus tiefer Ferne hallet

Kaum vernommnes Rauschen; schwül und schwer

Ruht die Luft, und das Getöse wallet

Durch die Ebne langsam auf uns her.

Lauter stöhnt's und lauter in den Palmen,

Deren Wipfel schauervoll sich regt,

Wie, vom West durchwühlt, ein Feld mit Halmen

Immer höh're Wellen schlägt.

»Das ist Leichenzug. – Auf diesem wilden

Acker, wo kein Thau auf Kräuter fließt,

Wo die Sonne, nicht um zu vergülden,

Nur zu dörren, glühnde Strahlen schießt,

Brütet der Verwesung schwarzer Flügel

Seit Aeonen über manchem Staub,

Und vor jedem morschen Knochenhügel

Wölkt sich nichts, als Todtenstaub.

Siehst du sie herannahn? Schädel zittern

Dumpfertönend unter jedem Schritt.

In der Schaar von Männern, Greisen, Müttern,

Wanken Kinder, jetzt nicht hüpfend, mit.

Nicht in Trauerfarben gehn die Weiber,

Prangen mit Geschmeid' und Perlen nicht,

Kummer schmückt die abgehärmten Leiber,

Thränen salben ihr Gesicht.

Weiber, bleibt zurück! – die Gatten, Brüder

Störet sonst des Jammers Ungestüm.

Schweigend setzen sie den Leichnam nieder,

Schichten dort ein Bett aus Cedern ihm.

Laß uns näher an den Schauplatz treten.

Wenn nun Lüfte seinen Rest zerstreun,

Wer es sei, laß uns im Stillen beten:

Friede segne sein Gebein!

Sie entschleiern ihn. Die welken Wangen

Und die glatte Scheitel wie so schön!

Sehnlich soll mein Blick an ihnen hangen,

Bis vom Holzstoß helle Flammen wehn.

Lächelnd fühltest du die Stirn erkalten,

Lächelnd sanken dir die Augen zu;

Engelküße prägten in die Falten

Wonn' und Paradiesesruh.

»Ach, bist du's, Cudwallo? – Höre, höre! –

Doch, verschloßen ist mir ja dein Ohr. –

Einen liebevollen Blick gewähre! –

Ach! dein Aug' umnebelt düstrer Flor. –

Frommer Greis, auch du bist hingeschieden!

Denke mein! Gehab' dich ewig wohl!

Lehrte doch dein Bildniß jeden müden

Pilger, wie er sterben soll.

Du entschliefst mit einer heil'gen Bitte,

Wenn die Flur im Mondenschimmer lag;

Und mit Hymnen tratst du vor die Hütte,

Wenn der Tag aus Purpurwolken brach.

Gott nur suchtest du mit heißer Liebe,

Und der Gnädige verbarg sich nicht.

Harmonie war jeder deiner Triebe,

Deine Mien' erwärmend Licht.

O wie oft, entwichen dem Getümmel,

Lehrtest du erhabne Weisheit mich.

Silbern blickte Hesperus am Himmel,

Dunkle Büsche nickten feierlich.

Meine Seele hieng an deinem Munde;

Deine Worte strömten stark und hell

Mir in's Herz, wie in dem Wiesengrunde

Vor uns hin der frische Quell.«

Still! denn lautres Weherufen kündet

Nun den letzten, letzten Abschied an;

Sieh den Knaben, der das Opfer zündet,

Angeschmiegt an seine Mutter nahn!

Er vollbringt, hinweggewandt, mit Beben,

Fast betäubt, das grausame Gebot.

Sieht, gleich Blitzen, Flammen sich erheben,

Fühlet tief im Innern Tod.

Schreiend ras't am Rand der rothen Gluten

Jedes Weib, zerrauft die Locken, wäscht

Die zerpochte Brust mit Thränenfluten,

Deren Guß den Brand der Qual nicht löscht.

Fest am Boden haftend, bläßer, stummer,

Fürchterlicher sitzt der Männer Kreiß.

Gram belastet, schwer wie Sterbeschlummer,

Ihrer Glieder starres Eis.

Und die Flamme lodert. Laute Klage

Tobt noch einmal: sie verlaßen ihn!

So wie, aufgeschreckt vom Donnerschlage,

Dunstgewölk' aus hohler Klippe ziehn.

Irrend tönt das ächzende Gewimmer,

Und gedämpft durch's wehende Gefild.

Sie entschwinden meinem Blick: doch nimmer

Meinem Geist ihr harmvoll Bild.

Aufgewirbelt von des Westwinds Hauche

Steigt und fällt die Asche, schwarz und lau

Und verfälscht von dem zerfloßnen Rauche

Dämmert rings der Atmosphäre Blau.

Einsam weht die Flamme! Matt beschimmert

Von des Horizonts Gestaden her,

Sterbend, wie ein Krankenlämpchen, flimmert,

Zittert sie, und ist nicht mehr.

Der Bund der Kirche mit den Künsten

Vom Himmel kommt ein hohes Weib geschritten,

Zur Linken weder schauend noch zur Rechten;

Ruh ist und Maß in ihren festen Tritten,

Die unabirrend gehn die Bahn des Rechten;

Sie scheint nicht zu befehlen, noch zu bitten,

Doch wenn sie spricht, kann niemand mit ihr rechten.

Zu ihren Füßen decken Cherubinen

Sich mit den Flügeln, brünstig, ihr zu dienen.

Noch Kranz noch Diadem am Haupt ihr prangen,

Die Mitra ist der Stirnen aufgedrückt;

Ihr Leib, vom schlichten Kleide streng umfangen,

Mit priesterlichen Zeichen nur geschmückt.

Die Stola sieht man von den Schultern hangen,

Die Taub' im Dreieck auf der Brust gestickt.

Der Stab, den sie als Hirtenstab geneiget,

Das Purpurkreuz im Banner oben zeiget.

Ihr Weg ist nach der Griechen Land gerichtet,

Auf des Parnassus fabelhafte Höhn,

Wovon so viel die eitle Welt gedichtet:

Dort waren einst die Eitelkeiten schön.

Apollos alter Dienst ist längst vernichtet,

Daß dürr, verwildert seine Haine stehn;

Getrübt ihr Waßer den berühmten Bornen,

Die murrend schleichen unter Sumpf und Dornen.

Hier sind, verschmäht, die Künste hingeflohen,

Und läßig ruht nun die geübte Hand,

Seit hingestürzt die Götter und Heroen,

Auf deren Dienst sie allen Fleiß verwandt.

Das Hohe sank, das Niedre ward zum Hohen:

Sie glauben sich auf ewig schon verbannt,

Weil jeder Blick, vom Sinnentrug entblendet,

Sich sehnend nur nach Geist und Wahrheit wendet.

Zerrißen ist ihr Regenbogenschleier

Der Mahlerei, vertauscht mit düsterm Flore,

Und halb entsaitet der Musik die Leier;

Gespalten tönen dumpf der Syrinx Rohre;

Die Bildnerei entbehrt Prometheus Feuer;

Es sitzt die stolzeste vom ganzen Chore,

Architectur, wie Niobe versteinet,

Auf Steinen, deren Umsturz sie beweinet.

Und wie sie so im Grame sich versenken,

Tritt jene Hehre mitten unter sie,

Und spricht: Euch ziemte, andres zu bedenken;

Was ihr bejammert, kehret wieder nie.

Ein tiefres Weh sollt' eure Herzen kränken,

Weil euer Zauber Reiz der Sünde lieh,

Und weil ihr auf des Irrthums Schlangenpfade

Die Sterblichkeit verlockt vom Ziel der Gnade.

Doch säßt ihr tausend Jahr in Asch' und Staub,

Schmucklos, das Haar zerstreut, mit nacktem Fuße:

Ersetzt wird nie dem Himmel euer Raub,

Durch Thaten übt ihr eine beßre Buße.

Ihr waret stolz auf eures Lorbeers Laub,

Die Palme winket euch mit schönerm Gruße.

Verlorne Schwestern, weiht euch meinem Dienste,

So führ' ich euch zu himmlischem Gewinnste.

Sie sagt's, und staunend horcht ihr jede Nymphe,

Sie saßen sinnend ihr nachdrücklich Wort.

Erröthend erst, daß ihren Ruhm zum Schimpfe

Wahrheit verwandelt, flöh'n sie gerne fort;

Dann, aufgemuntert von dem ernsten Glimpfe,

Sehn sie in ihr ein neues Heil und Hort,

Und flehn fußfällig daß sie möge lehren

Ganz ihr zu leben, und sie recht zu ehren.

Sie sprach: Ihr wißt, wie, die für Götter galten,

Der Völker Weltlichkeiten, mit Verspotten

Die ersten Jünger Christs Empörer schalten,

Bemüht, mit jeder Qual sie auszurotten.

Sie mußten auf der flucht Versammlung halten,

Bei Nacht in Gräbern oder Felsengrotten,

Wo die vor der Tyrannen Drohn Verstummten

Nur leise Hymnen und Vigilien summten.

Doch Feinde fördern selbst was Gott beschloßen:

Erlittnes Kreuz erhöhte nur das Kreuz.

Das Blut der Märtyrer hat es begoßen,

Und wie ein Baum erwuchs das dürre Kreuz.

Roms Adler kam raubgierig angeschoßen;

Sein blut'ger Schnabel küßt nunmehr das Kreuz,

In dessen Schatten fromme Millionen

Vom Aufgang bis zum Niedergange wohnen.

Drum ziemt es sich, daß Jubelstimmen schallen,

Wo sich Gemeinden Gläubiger vereinen.

Der Drangsal Höhlen wurden Siegeshallen,

Da muß des Heiles Sonne sichtbar scheinen.

Nicht, weil sie sich in goldner Pracht gefallen:

Einfalt und Demuth lehrte Christ die seinen,

Nein, daß vom himmlisch geistigen Exempel

Ein Bild und Abglanz sei der ird'sche Tempel.

Denn in den licht-ätherischen Bezirken,

Wovon nur Dämmerung hier unten graut,

Hat sich die Gottheit mit allmächt'gem Wirken

Ein heil'ges Haus, geräumig gnug, erbaut,

Die ganze Welt der Geister zu umzirken,

Die sich in ihrem Anschaun selig schaut.

Es strahlt der Bau in allerreinster Klarheit,

Und ruhet auf Grundvesten ew'ger Wahrheit:

Die bis in unerforschte Tiefen reichen,

Wo Dasein gränzet an die alte Nacht.

Der Hölle Pforten müßen ihnen weichen,

Und hier verliert Vergänglichkeit die Macht.

Gerechtigkeit und Stärke sonder Gleichen

Als Maur und Graben den Pallast bewacht;

Der Weisheit Stufen sich zu ihm erheben,

Und Mäßigung macht rings den Boden eben.

Aus Glauben sind die stützenden Pilaster.

Und zur Umgebung will die Liebe dienen:

Die Säulen prangen weiß von Alabaster,

Die Wände glühn mit flammenden Rubinen;

Die Hoffnung zieret mit smaragdnem Pflaster

Die Gäng' im Tempel, und hoch über ihnen

Sieht man das Dach aus wölbenden Sapphiren

Sich in der Gnade Mittelpunkt verlieren.

An diesem Hof des himmlischen Monarchen

Ist jeglicher nach Würd' und Rang begnadet.

Erst Herrlichkeiten, Thronen, Hierarchen,

Die ihrem Ursprung nie durch Wahl geschadet;

Auf goldnen Stühlen Aeltste, Patriarchen:

Die Märtyrer, in Blute weiß gebadet;

Dann, bis hinunter zu den kaum Gebornen,

Die durch das Kreuz erretteten Verlornen.

Doch, wo sie hingeordnet, nah und fern,

In allen lebet Eine Lieb', Ein Willen;

Und jedem frommen Chore gnügt es gern,

Den ew'gen Durst nach seiner Art zu stillen.

Kein Mißlaut rührte je das Ohr des Herrn,

Wenn ihren Lippen Lobgesäng' entquillen,

Wenn wechselnde vielstimm'ge Psalmodieen

Durch Himmelsdüfte, hold verschwistert, ziehen.

Stets »dreimal heilig« dem Dreieinen schallet,

Preis seiner Tochter, Mutter, Braut, Maria.

Der einst zu ihr als Bot' herabgewallet,

Huldigt so süß entzückt: Gegrüßt, Maria!

Daß es aus aller Herzen wiederhallet,

Von gleicher Lieb' entglüht: Gegrüßt, Maria!

Gebetes Weihrauch wölkt sich auf zum Dome,

Und jeder sprengt sich aus krystallnem Strome.

Und der, ein Gott, geboren ward vom Weibe,

Ist zwiefach gegenwärtig unter ihnen;

Tränkt sie und speist mit seinem Blut und Leibe,

Geheimnißvoll sich opfernd selbst zu sühnen,

Wo sich der erste Seraph nur: ich gläube,

Nicht: ich begreif's, zu sagen darf erkühnen.

So wird im Tag, den keine Nacht umschleiert,

Des hohen Tempels reiner Dienst gefeiert.

Wohlan! ihr Künste! es gebiert euch wieder,

Wenn ihr mein Thun hienieden würdig ziert,

Wenn ihr vom Himmel auf die Erde nieder

Die Heiligkeiten, bildlich deutend, führt.

Schon regt in euch Begeistrung ihr Gefieder,

Vernehmt denn, wie sich jegliches gebührt,

Daß ihr, vom Ueberschwenglichen verwirret,

Nicht bei den ungewohnten Flügen irret.

Form und Verhältniß darfst du nicht vertauschen

Zu deinem neuen Zweck, Architectur,

Die du, voll Sinn, verstanden abzulauschen

Gebilden herrlich bauender Natur.

Wie Harmonie'n in Harmonieen rauschen

Gebrauch in höherem Verein sie nur;

Vergiß und laß vergeßen aller Schranken

Die auf das Ew'ge zielenden Gedanken.

Kein Götterbild soll hier im Dunkel thronen,

Von fern verehrt in schauerlicher Pracht;

Kein andres, heitrer, wie im Freien wohnen,

Von Säulen nur umringt, und überdach't,

Dem draußen, unter eines Haines Kronen,

Die Opferflammen würden angesagt.

Nein, zahllos soll die betenden Gemeinden

Der lichte doch geschloßne Bau befreunden.

Laß deine Hallen denn des Volkes Wellen

In breitem, ungehemmtem Strom empfangen;

Bühn' über Bühne laß den Chören schwellen,

Und die Altäre hoch erhaben prangen;

Dem Tempel gieb als Kinder rings Kapellen,

Einsamer Andacht stiller nachzuhangen;

Und laß, wetteifernd mit den Sterngewölben,

Den hohen Dom sich in der Mitte wölben.

Und solch Gebäu erfüllend zu durchdringen,

Wölb' auch, Musik! der Töne reichen Bau.

Verhältniß aus Verhältniß laß entspringen,

Gesondert, wechselnd, doch vereint genau.

Wie alle Sphären rein zusammen klingen,

Doch jede Kugel aus krystallnem Blau

In eignem Ton: so mußt du in Gewittern

Der Harmonie die Seelen tief erschüttern.

Der Himmel wird dir eine Heil'ge leihn

Zur Führerin von deinen vollen Chören:

Es wird der Lieder vielverschlungnen Reihn

Durch neue Kunst Cäcilia hold beschwören.

Der Menschen Stimmen tragend im Verein

Wird ihrem Druck aus den metallnen Röhren

Ein süßer Hauch des Wohllauts athmend steigen,

Und sich mit jenen heben oder neigen.

Ihr aber, der Gestalten Bildnerinnen

Mit Meißel oder Pinsel, seid bemüht

Mit neuem und wahrhaftigem Beginnen

Um das, was Zion gegenwärtig sieht,

Was hier der Fromme nur im Traum wird innen,

Wenn seinem Wunsch ein innres Licht entglüht.

Zeigt ihnen jedes würd'ge Haupt der Väter,

Apostel, Märtrer, Heil'gen, Wunderthäter,

Und Jene selbst, die unter ihrem Herzen

Hat Gottes Sohn getragen, und den Sohn.

Ihn bilde du, Sculptur, aus weichern Erzen,

(Doch selbst das härtste würde weich wie Thon)

Wie er gebüßt mit namenlosen Schmerzen

An seinem reinen Leib der Sünde Lohn,

Und wie, noch schön in halbverwelkter Schöne,

Am Kreuze hieng die Zier der Menschensöhne.

Laß, Mahlerei! statt unter den Gedichten

Der Sinnenwelt dich spielend zu ergehn,

Die schönsten Wunder geistlicher Geschichten

Von neuem unter deiner Hand geschehn.

Was jede Seel' erquickt in den Berichten,

Laß glänzend und genetzt die Augen sehn.

Der alt' und neue Bund sammt den Legenden

Ermahne sprechend von der Tempel Wänden.

Mit deinen Werken wird dein Ruhm sich häufen,

Dir widmen sich viel trefflich hohe Geister.

Selbst Ordensbrüder in der Zell' ergreifen

Dein Werkzeug, durch entzückten Eifer dreister.

Doch, wie du magst durch Land' und Zeiten streifen,

Zwei bleiben dennoch die erkohrnen Meister:

An ihren Namen sollst du sie erkennen,

Weissagend will ich sie nach Engeln nennen.

Nach Michael, der einst, von Muth beflügelt,

Sieghaft den Drachen in die Tiefe warf,

Wird jener heißen, den die Furcht nie zügelt,

Und dessen Geist wie Blitze rasch und scharf.

Durch seines Pinsels Züge wird entsiegelt,

Was bange Sterblichkeit kaum ahnden darf:

Des Heilands Kunft, die weckenden Posaunen,

Des Todes Tod, und der Natur Erstaunen.

Und Raphael, ein Engel von den sieben,

Die vor Gott stehn, der doch bescheidentlich

Verborgen dem Gefährten war geblieben,

Dem er zum Boten treu erboten sich,

Und als der Dank für sein hülfreiches Lieben

Nun überfloß, mit leisem Wort entwich;

Der, wollt' er gleich sich ganz als Mensch erweisen,

Genähret ward von unsichtbaren Speisen:

Er leiht den Namen einem holden Strahle

Der Lieb' und Kunst, den still ein Jüngling heget.

Als ob mit Geist er, nicht mit Farben mahle,

Wird tiefre Seel' in jeden Zug geleget.

Oft ladet er die Andacht zu dem Mahle,

Wo hohes Antlitz, reiner Blick sie pfleget,

Wo jenes Weib erscheint, der Gottheit Freude,

Ihr Kind die ihr', und aller Wesen beide.

So eilt, ihr Schwestern, und verschmäht mit nichten

Den kleinsten Ort: jedennoch müßt ihr euch

Vor andern gern der großen Stadt verpflichten,

Der weltlich einst, nun geistlich keine gleich;

Und in der Stadt euch auf den Tempel richten,

Den jene Schlüßel öffnen, die im Reich

Des Himmels lösen können oder binden.

Dort sollt ihr mich, euch Beifall winkend, finden.

Die Hohe sprach's, und wandte sich zum Himmel,

Von wannen sie herabgekommen war.

Nun regte sich mit freudigem Gewimmel

Zu neuen Thaten die vereinte Schaar.

Sie stellten in dem irdischen Getümmel

Manch heil'ges Werk mit reinem Streben dar!

Wie das, wovon es Gleichniß, überschwänglich;

Wie die, so es geboten, unvergänglich.

Der gespaltene Berg

Dort, wo sich an des Mittelmeeres Wogen

Gaeta's schroffer Felsenwall erhebt,

Wo, rechts und links am Ufer hingezogen,

Der freie Blick zwo Buchten überschwebt,

Wo noch nicht in Vergeßenheit entflogen

So manch' uralte Heldensage lebt,

Wie seiner Amme hier zum Angedenken

Aeneas Grab und Namen wollte schenken:

Da siehest du der Bergeshöhen eine

Gespalten ganz durch eine selt'ne Kluft.

Es geht der Riß hinab im harten Steine

Vom Gipfel an bis in die tiefste Gruft,

Doch hemmt die beiden Wände vom Vereine

Nur enger Raum und wenig Himmelsluft,

Also, daß Einer nur und nach dem Andern

Den dunkeln Fußsteig mag hinunter wandern.

Und es berichten uns die heil'gen Sagen:

Derselbe Berg war vormals fest und dicht.

Doch als der Heiland, an das Kreuz geschlagen,

Für unsre Sünd' erlitten das Gericht,

Und als der Schrei von seinem letzten Zagen,

Der durch der Erde Schooß erschütternd bricht,

Die Hüll' am Allerheiligsten zerrißen;

Da hat sich auch des Felsen Brust zersplißen.

Die Kirche, von der Andacht Trieb geleitet,

Hat dieses Wunderzeichen wohl gehegt.

Hier ist ein Weg zur Pilgerfahrt bereitet,

Wobei die Seele Christi Leid erwägt;

An dreizehn Stellen, wie man nieder schreitet,

Erscheint das Bild des Kreuzes eingeprägt;

Bald murmelnd, bald geräuschig, spült die Welle

Am Ausgang um die heimliche Kapelle.

Luther

In klarem Deutsch die heil'ge Schrift

Gar großen Segen hat gestift't.

Sie ward verdeutscht durch Martin Lutz,

Dem Papst und Clerisei zum Trutz.

Der Ketzer war ein frommer Mann:

Gott woll' ihn ewig selig han.

Tristan

Anmerk. von 1811. Bei diesem Rittergedichte, dessen weitläuftiger Entwurf unvollendet blieb, hatte ich hauptsächlich die Behandlung der Geschichte durch unsre Minnesinger Gottfried von Straßburg und dessen Fortsetzer Heinrich von Vriberg vor Augen welche wiederum aus dem Buche des Thomas von Bretagne geschöpft haben. Da indessen schon nach ihrer Erzählung Tristan an den Hof des Artus kommt, und in dem späteren französischen Roman Lanzelot als der Busenfreund Tristans vorgestellt wird, so glaubte ich einen Theil von den Abenteuern des letztern episodisch einflechten zu können. Seitdem ist mit Glück eine erneuernde Umgestaltung verschiedener alter Dichtungen unternommen worden; vielleicht wird also auch die Mittheilung dieses Bruchstücks von einem früheren Versuche nicht unwillkommen sein.

Erster Gesang

1.

Von Artus Ritterschaft und Tafelrunde,

Von zauberlichen Wundern und Gesichten,

Will ich, wie ich's in alten Büchern funde,

Wahrhaft, in neuer Weise bloß berichten;

Vom heil'gen Graal wie in der Tapfern Bunde

Der reinste nur dieß Abenteur kann schlichten,

Und wie zwei Ritter, sonst von hohen Dingen,

Durch süße Schuld des Ruhms verlustig giengen.

2.

Tristan und Lanzelot, die edlen Degen,

Durch gleichen Muth zur Freundschaft auserkoren.

Vor allen soll mein Lied des Tristan pflegen,

Des holden, der aus Liebe ward geboren,

Und, nach der Sterne liebendem Bewegen,

In Lieb' entzückt, durch Liebe dann verloren.

Es soll Vertraute solcher Freud' und Schmerzen

Sein Schicksal rühren, aber nicht entherzen.

3.

O wäre mir verlieh'n die Kraft und Wonne

Der Minne, so die alten Ritter zwang,

Daß ihnen unter Maienlust und Sonne

Nach Schwertes Klirren Saitenspiel erklang,

Und stets, von reiner Frauen Lob ein Bronne,

Ihr Mund sich aufthat! möcht' in meinem Sang

Heinrich von Veldeck, der von Eschilbachen,

Und Walter von der Vogelweid' erwachen!

4.

Drum laß' ich, schlicht und ohne Zierlichkeiten,

In der Erzählung mein Gemüth nur walten:

Von Looßen, welche die Geburt bereiten,

Will ich, wie Trieb' und Kräfte sich entfalten,

Euch bis zum letzten Hauch des Helden leiten.

So deuten sich die wechselnden Gestalten,

Daß ihr den Ring des Lebens ganz begreift,

Wie er zuletzt in sich zurücke schweift.

5.

Ein Ritter herrschte, kühn, getreu und mild,

Adlich von Sitten, königlichen Blutes,

Der Feinde Schrecken und der Seinen Schild,

Zu Parmenie, in Fülle reichen Gutes.

Sein junger Leib war aller Tugend Bild;

Nur wollt' er, im Geleit des Uebermuthes,

Zu weit in seines Herzens Lüften schweben,

Und immer nur nach eignem Willen leben.

6.

Die Sorge wagte nicht, ihn anzusprechen,

So spielend zog er seine Bahn dahin.

Das Recht behaupten, und den Unglimpf rächen,

Und Kraft an Kraft ermeßen, war sein Sinn,

Den alle Macht der Welt nicht konnte brechen;

Doch hatt' er des nur kurze Frist Gewinn:

Kaum daß der Jugend Morgenstern ihm funkelt,

So fiel der Abend ein, der sie verdunkelt.

7.

Herr Riwalin, so hieß er, trug die Leben

Von Morgan, König im Bretagner Land.

Doch sei's nun, daß ihm eine Schmach geschehen

Sei's, daß er sich verjährtem Recht entwandt,

Und konnte Pflicht und Bündniß nicht bestehen;

Und bald gab Riwalin der starken Hand

Den Ausspruch heim entbietend die Vasallen

In Morgans Herrschaft feindlich einzufallen.

8.

Er brach ihm Burgen, schlug sein Volk, verheerte

Die Gauen weit, und raubte viel der Habe;

Zwar fiel auch ihm manch guter Kampfgefährte,

Denn stets gebüßt wird Krieges Glück und Gabe.

Morgan, der kaum sich der Gewalt erwehrte,

Sann, wie er schlau sie abzuwenden habe,

Und schien sich seinem Lehnsmann zu bequemen,

Nach dessen Willen Frieden anzunehmen.

9.

Als diese Waffen waren beigelegt,

Ließ Riwalin ihm nicht daheim genügen,

Weil sich der Ehre Lust in ihm bewegt

Nach ritterlichem Preis und fernen Kriegen.

Er hört, was Lob der Ruf herüber trägt

Von König Mark, der Cornwalls Thron bestiegen:

An seinen Hof will er zum ersten reisen,

Da Sitt' und Tugend lernen und erweisen.

10.

Drum setzt er seinen Marschalk zum Verwalter

Und giebt in seine Pflege Leut' und Leh'n,

Der Rüal war genannt, der Treuehalter.

Ein Schiff, mit köstlichem Geräth verseh'n

Und zwölf Genoßen seines Zugs bestallt er,

So fuhr er hin bei guter Winde Weh'n.

Bald landete die wohlbemannte Barke

Bei Tintajol, da lag der König Marke.

11.

Mit hohen Ehren, wie sich's ziemt für Herrn,

Ward es allda dem stolzen Gast erboten.

Willkommen hieß der Fürst ihn doppelt gern

Bei'm Fest, wozu er ausgesandt die Boten,

Die rings umher in Cornwall, nah und fern,

Zum offnen Hof sein Landgesind' entboten.

Viel Ritter kamen von den Frau'n begleitet,

Mit Kleiderschmuck und Dienern wohl bereitet.

12.

Nun war des Maien süße Zeit begonnen,

Und Baum und Busch zu Blüthensträußen schwollen;

Die Au hat sich ihr Blumenkleid gesponnen,

Wobei der Waldvöglein Getön erschollen,

Und stimmen drein die Lüft' und regen Bronnen,

Als die den Fleiß ihr gern erlust'gen wollen:

Da ward vor Tintajol auf grünem Plan

Das reiche Fest des Königs aufgethan.

13.

Behende liefen Schenken hin und wieder,

Den Gästen bietend Speis' und edlen Trank.

Die ließen sich in seidnen Zelten nieder,

Die wählten Laub zum Dach, und Moos zur Bank;

Die führten Reigen, jene sangen Lieder;

Wär' einer auch an allen Sinnen krank,

Er müßte doch von solchem schönen Wesen

Und sel'ger Augenweide noch genesen.

14.

Da scherzten und ergiengen sich die Frauen,

Mit Rittern bald, bald unter sich gepaart;

Gar manchen Kranz entflochten sie den Auen,

Und sie erblühten selbst nach Kranzes Art.

Doch keine war so lieblich anzuschauen

Als Blanscheflur, des Königs Schwester zart,

An Schönheit eine lichte weiße Blume,

Zum Wunder aller Welt, und Gott zum Ruhme.

15.

Auch wurde nun ein wackres Ritterspiel

Mit Rennen und Turnieren dort erhoben:

Die Schaaren mengten mannigfalt Gewühl,

Die Rosse muthig durch einander schnoben;

Da ward des Stechens ohne Maßen viel,

Daß Lanzensplitter an die Schranken stoben.

Die Frauen saßen an der Schau im Kreiß,

Wer stattlich ritte, merkten sie mit Fleiß.

16.

Und manche sprach, zur Nachbarin gewandt:

Kein Ritter gleicht doch auf der ganzen Erde

Herrn Riwalin; wie ziert ihn sein Gewand!

Wie schließt sein königliches Bein am Pferde!

Wie fügt sich Schild und Schaft der festen Hand!

Wie wohl steht all sein Thun und die Geberde,

Und Wuchs und Haupt! O wohl sie selig Weib,

Die einst erwirbt so hochgemuthen Leib!

17.

Als sich das Waffenspiel nunmehr geendet,

Und die Genoßen da und dorthin reiten,

Hatt' ungefähr sich Riwalin gewendet,

Wo Blanscheflur im Schatten saß abseiten.

Er sprengt hinan, und holden Gruß ihr sendet:

Gott grüß' euch, Schöne! – Mög' er euch geleiten!

Erwiedert sie; doch unverzieh'n dem Rechte,

Das wider euch ich gern zur Klage brächte.

18.

Was konnt' ich nur an euch, Fräulein, verschulden?

Befragte sie der Ritter minniglich.

Sie sprach: Mein bester Freund muß Kränkung dulden

Von eurethalb. – So richtet über mich:

Was ihr gebietet, kann ich eure Hulden

Damit gewinnen, thu' ich williglich.

Eh daß ihr mir so argen Willen traget,

Bestraft mich, weiß ich schon nicht, was ihr klaget. –

19.

Ich haß' euch nicht zu sehr, um was geschehen,

Sprach sie, doch darf ich euch darum nicht minnen,

Denn wie ihr mir zur Buße wollet stehen,

Muß ich zuvor noch beßer werden innen.

Der Ritter wünscht die Rede zu verstehen,

Er neigte sich und wollte so von hinnen,

Da sandte sie ihm süßen Segen nach,

Und sprach aus inniglichem Herzen: Ach!

20.

Ihr Herz das war der Freund, den sie gemeinet.

Es hatte Riwalin bei sich gedacht:

Hab' ich aus ihrer Freundschaft wen verkleinet

An seiner Ehr', und ließ es aus der Acht?

Als aber ihm bei dieser Sorg' erscheinet,

Wie dennoch ihr holdsel'ger Blick gelacht,

Und er ihr scheidend Seufzen dann vernommen,

Da war in ihm ein neues Licht entglommen.

21.

Dieß Licht begann erwärmend sich zu regen,

Denn keimendes Verlangen sproßt vom Hoffen

So frisch empor, wie Knospen nach dem Regen.

Ihn hatt' ihr Bild oft wie ein Blitz getroffen,

Nun kam es ihm wie Sonnenschein entgegen,

Und legt' ihm selber sein Geheimniß offen.

So huben sich in ihrer Beider Herzen

Die bangen Freuden und die süßen Schmerzen.

22.

Mit Schweigen hatte Blanscheflur gesprochen,

Und Lust und Schreck begegnen sich verstohlen,

Weil ihr aus scheuer Hut an's Licht gebrochen

Was sie im Schein des Zwistes gern verhohlen.

Ihr zarter Busen drang empor mit Pochen,

Als wollt' er noch zurück den Seufzer holen;

Jungfräulich wollt' ihr Blut die Glut ertödten,

Doch es ward selbst zum glühenden Erröthen.

23.

So scheucht und lockt, birgt und verräth die Minne,

Die allgewaltige Verstrickerin.

Er trug nun Kron' und Scepter ihrer Sinne,

Sie thront' in seiner Brust als Königin;

Des wurden Beide neuen Muthes inne,

Das Zagen und der Zweifel fuhr dahin:

Wo sie sich sah'n, sah Lieb in Liebes Augen,

Im Gegengruß Gewißheit einzusaugen.

24.

Doch diese Blicke schlichen hin und her

Wie kluge Boten mit bescheidnem Tritte,

Und förderten den sehnlichen Verkehr

Des Ritters und des Fräuleins in der Mitte

Der vielen Gäste, die nicht mußten mehr

Von ihrem Thun als Zucht und Hofessitte.

Das Fest war mit der Mailust nun zerronnen,

Ein heißer Spiel naht mit den heißern Sonnen.

25.

Es kam die Märe von des Landes Marken,

Ein Feind brech' ein und drohe harten Strauß.

Der König schnell versammelt seines starken

Heerbannes Macht, und rückt ins Feld hinaus.

Und Riwalin begleitet freudig Marken,

Er dient ihm wie Vasall von seinem Haus,

Und wünscht mit seinen schon versuchten Waffen

Sich Ruhm, und Cornwall Sieg und Heil zu schaffen.

26.

Rasch auf einander ritten Heer und Heer,

Sie fochten mannlich ihren wackern Krieg,

Die Rüstung wurde manchem heiß und schwer,

Doch immer stand, wo das Gedränge stieg

Der Schild von Parmenie zu Cornwalls Wehr.

Zuletzt erstritt des Königs Volk den Sieg,

Der Feind ward meist gefangen und erschlagen,

Daß, wer entkam, vom Glücke hatt' zu sagen.

27.

Nur, leider, eh die Schlacht noch ausgeklungen,

Muß der von dannen, der sie wohl erkundet,

Der werthe Riwalin, der wild umrungen

Im Vorderreihn, wird auf den Tod verwundet;

Ihm ist ein Speer zur Seiten eingedrungen,

Er fällt, wie einer, der nicht mehr gesundet.

Heim tragen ihn die jammernden Genoßen

Auf einer Bahre zwischen ihren Rossen.

28.

Als sie den stechen Mann nach Tintajol

Hereingebracht, da braucht ihr nicht zu fragen,

Ob es in aller Ohren herbe scholl,

Ob sich um ihn erhob ein kläglich Klagen.

Nicht edle Frau'n nur sind der Trauer voll,

Das arme Volk weiß auch von ihm zu sagen;

Sie dau'rt sein schöner Leib, die süße Jugend,

Und seine wohl geborne Herrentugend.

29.

Was aber auch ein jeder klag' und weine,

Zu tausendmalen mehr als alle pflag

Des bittern Jammers Blanscheflur, die reine.

Sie fiel sich selber an mit manchem Schlag,

Kaum daß sie sich verschloßen hat alleine,

Recht an die Stelle wo das Herze lag.

Es war erbärmlich, wie das süße Weib

Quält ihren jungen schönen süßen Leib.

30.

Gern hätte sie ihr Leben hingegeben

Für einen Tod, der nicht der Liebe droht.

Sie schien in eigner Todesnoth zu schweben,

Und lebte nur in fremder Todesnoth;

Denn einzig hält und labt sie noch das Streben

Zu sehn ihr liebstes Leben, eh es todt.

Hat ihr der Tod noch dieses gönnen müßen,

So mag er auch an ihr die Lust noch büßen.

31.

Als sie gekommen wiederum zu Sinnen,

Lenkt sie ihr Trachten darauf allewege,

Wie sie den Wunsch mag insgeheim gewinnen.

Auf eine Meisterin, in deren Pflege

Und treuer Hut von Kindheit ihr Beginnen

Gewesen, ward ihr erstes Hoffen rege:

Die rief sie zu sich, wo sie zwei nur waren,

Und unterwand sich, ihr's zu offenbaren.

32.

Die Augen ihr von Thränen überwallten,

Daß sie sich drängten auf der lichten Wange:

Die Hände flehten, vor ihr hin gefalten:

Ach! wehe mir! so weint' und sprach sie bange;

Du hast mir immer große Treu gehalten,

Gewähre des mich nun, was ich verlange,

Herzliebe Meisterin! Du bist mein Hort,

Mein Heil hängt ganz an deinem Rath und Wort.

33.

Hilfst du mir nicht, so sieh mich schon als Todte.

Sagt mir denn, werthes Fräulein, euer Leid. –

Darf ich's vertraun, o Traute, dem Gebote? –

Ja, Kind, ich bin zu trösten dich bereit. –

Hör', Mutter, dann: mich tödtet dieser Todte. –

Wer? – Riwalin. – O jammervolle Zeit! –

Laß mich ihn sehen, eh' er gar erstorben,

So hast du ew'gen Dank an mir erworben.

34.

Die Meisterin ließ nicht ihr Wort verderben;

Sie denkt, was schadet's, ob ich das gewähre?

Der Ritter muß heut oder morgen sterben,

So frist' ich meiner Frauen Leib und Ehre,

Und mag mir Lieb' und Huld redlich erwerben.

Mir geht zu Herzen eurer Trübsal Schwere,

Mein Fräulein, sprach sie; steht's in meinen Händen,

So zweifelt nicht, ich will die Noth euch wenden.

35.

Ich will alsbald zu dem Todwunden gehen,

Und will die Stätte, wo er liegt, wer sein

Mit Pflege wahrnimmt, alles wohl erspähen.

Sie gieng zum Ritter mit Geberden ein,

Als käm sie klagen seine Angst und Wehen,

Und sagt' ihm leise: Herr, die Jungfrau mein

Wollt' gern in euren Nöthen zu euch kommen,

Nur sei' s nach Sitt' und Ehre vorgenommen.

36.

Und als sie Weg' und Mittel ausgemacht,

Kehrt sie zurück zu ihrer Blanscheflur.

In eines armen Beteweibes Tracht,

Baarfuß, zum Gürtel eine grobe Schnur,

Wie sie im Spittel wohl bei Siechen wacht,

Verbarg sie ganz die schöne Creatur.

Ihr Haar in Zöpfen, und ein Tuch aus Leinen

Ließ, hängend, fast ihr Antlitz nicht erscheinen.

37.

So nimmt sie die Prinzessin an die Hand,

Und führt sie, wo er liegt, der arme Schwache.

Er hatte all die Seinen fortgesandt,

Weil Still' und Ruh den Schmerz gelinder mache.

»Die Aerztin hier bringt heilsamen Verband;«

Sagt zu den Dienern sie im Vorgemache,

Und schafft also, daß die herein sie ließen,

Und sorgt, die Thüre hinter ihr zu schließen.

38.

Ach! seufzet Blanscheflur, ach! heut und immer;

Wie gar ist meines Lebens Trost verloren!

Und Riwalin im dämmerlichen Zimmer

Sieht kaum sie nahn, doch dringt in seine Ohren

Der süße Laut: ein ferner Morgenschimmer,

Geht sie ihm auf wie aus des Himmels Thoren.

Er neigt sich ihr, doch nur mit mattem Winken,

Und muß gleich wieder auf sein Lager sinken.

39.

Sie merket wenig, wie er sie empfangen,

Von Lieb' und Leid erkalten ihre Glieder,

Der Rosenschein erblaßt auf Mund und Wangen,

Und Nacht fällt auf der klaren Augen Lieder.

Ersterbend noch in zärtlichem Verlangen

Lehnt sie zu ihm sich Wang' an Wange nieder:

So lag sie lang' in schwindenden Gedanken

Ohnmächtig da bei dem ohnmächt'gen Kranken.

40.

Als ihr entwichner Sinn sich wiederfund,

Drückt sie alsbald, voll Inbrunst und Erbarmen,

Zu tausendmalen ihren süßen Mund

Auf seinen, der vom Hauche muß erwarmen.

Sein schlummernd Leben wachet auf zur Stund,

Gewiegt in ihren lind' umschlungnen Armen.

Auf ihren Lippen wohnt ein köstlich Wesen,

Das saugt er ein und wähnt sich schon genesen.

41.

Darob erglüht der Minne Kraft in beiden,

Aus Noth und Tod mächtig emporgerungen.

Sie wollten nur am Weh die Seelen weiden,

Doch süßre Qual hat jenes Weh verschlungen;

Sie einet allererst das letzte Scheiden.

Der Jüngling, wie von Jugend neu durchdrungen,

Zwang das geliebte minnigliche Weib

Innig und nah an seinen wunden Leib.

42.

Die Schöne fügt sich willig seinem Willen,

Und beut sich selbst als süßer Labung Becher,

Den Lebensdurst des Schmachtenden zu stillen.

Der Trunk berauscht den zu verwegnen Zecher,

Aus sel'gen Wunden will sein Geist entquillen,

Schon liegt er wie erstarrt und athmet schwächer:

Er mußte sterben an der hohen Wonne,

Hätt' ihm nicht Gott verlieh'n das Licht der Sonne.

43.

Sie schied, von Noth entladen und beladen:

Ihr Herzensleid zurück bei'm Ritter bliebe,

Vertauschet mit der Minne Bund und Gnaden;

Doch unterm Herzen keimen neue Triebe

Des Lebens ihr, zu ihres Lebens Schaden.

Das wußt' sie nicht, sie wußte nur von Liebe:

Er war ganz ihr fortan, sie seine nur,

Und Riwalin war eins mit Blanscheflur.

44.

Er lag in Träumen, die er nicht ermaß,

Das stolze Glück erhöht ihm sein Gemüth;

Den Todespfeil, der in den Adern saß,

Warf aus das freudebrausende Geblüt.

Die Diener priesen, da ihr Herr genas,

Wie klug die Aerztin sich für ihn bemüht.

Doch kaum gesund brach er geheime Frucht

Der Lieb', als neue Trennung heim sie sucht.

45.

Sein Marschalk sendet Botschaft aus den Landen,

Daß Morgan sich, da fern der junge Held,

Nicht binden läßt von des Vertrages Banden,

Ein Heer, gewalt'ger als zuvor, gesellt,

Und, giebt man nicht ihm, was er heischt, zu Handen,

In Parmenie mit Schwert und Feuer fällt;

Daß Muth und Treue wankt bei seinen Mannen,

Wenn seine Kunst nicht bald sie wird ermannen.

46.

Er schickt sich drauf zur Heimfahrt über See,

Gleich hört die leid'ge Kunde Blanscheflur;

Sie sagte bloß das arme Wort: »o weh,«

Das viel und oftmals ihrem Mund entfuhr.

»O Minne, so verlockst du je und je

Aus Lust in Leid, wer sich dir eigen schwur.

Dein Wahn, der in so falscher Süße schwebet,

Trog mich, er trüget alles was da lebet.«

47.

Indem trat Riwalin in das Gemach,

Und sprach: Ich soll und muß zu Lande fahren,

Bald hoff' ich glücklich Ende meiner Sach,

Euch, Schöne, möge Gott gesund bewahren.

Bleibt euch mein treues Angedenken wach,

So frag' ich nicht nach aller Feinde Schaaren.

Gebietet mir! sagt mir ein letztes Wort!

Schon wartet mein das Schiff, und ich muß fort.

48.

Das Fräulein mußte solche Red' entherzen,

Fiel in den Schooß der Meisterin wie todt.

Er kniet zu ihr mit weinend bangem Herzen,

Und wußte keinen Rath für ihre Noth

Als linde Liebkosung und trautes Herzen,

Und Küße, die er Mund und Augen bot,

Bis sie begann sich an ihm aufzuranken,

Und selbst sich konnte halten ohne Schwanken.

49.

Da sprach sie: Theurer Mann, ich muß es klagen

Daß ihr so weggeht wie ein freier Gast,

Und, wenn ich's darf mit euren Hulden sagen,

Verdient ich's freundlicher um euch; ihr laßt

Mich hier allein in dreien Sorgen zagen.

Zuerst so trag' ich eines Kindes Last

Von euch, des ich wohl nie genes', ich Arme:

Die reine Magd sich mein und sein erbarme!

50.

Und wenn mein Herr und Bruder es erfährt,

So läßt er mich des grimmen Todes sterben.

Ja, wenn er auch den Leib mir nicht versehrt

Wird er doch Gut und Ehre mir verderben;

Dann muß mit mir verstoßen, arm, unwerth,

Mein vaterloses Kind die Trübsal erben.

Auch wird mein Land, mein Volk und hoch Geschlecht

Durch meine Schmach an Ehren sehr geschwächt.

51.

Er sagte drauf: Seid wohlgemuth, o Traute!

Mir ist so lieber Tag an euch begegnet,

Wenn, eu'r vergeßend, ich mein Glück mir baute,

So wär' ich wohl auf ewig ungesegnet.

Die hohe Kraft, die uns mit Lust bethaute,

Vereint uns, wenn es blitzt und stürmt und regnet.

Mein Schicksal bleibt von eurem ungeschieden,

Kein Leid geschieht euch je mit meinem Frieden.

52.

Jetzt möchte König Mark mich landlos achten,

Begehrt' ich euch zum ehlichen Gemahl;

Doch wird er mich als Schwager nicht verachten,

Wenn ich besiegt der mächt'gen Feinde Zahl.

Schnell rückzukehren war mein Ziel und Trachten,

Doch, weil ihr bangt, biet' ich euch diese Wahl:

Ich bleibe hier, zum Dienst euch und zur Steuer;

Wo nicht, fahrt mit, und was ich bin, ist euer.–

53.

Ach Herr und Freund, wie wohl erweis't ihr's mir!

Ich will's euch danken mit fußfäll'ger Seelen.

Doch ist für mich kein länger Bleiben hier,

Ich kann die Angst nicht um mein Kindlein hehlen.

Der beste Rath ist euch zu folgen schier,

Kann ich geheim mich nur von hinnen stehlen.

Fahrt erst zu Nacht, so hilft die Meisterin

Zu eurem Schiffe mir verkleidet hin.

54.

Als sie erwägt, wie sich's am besten füge,

Gieng Riwalin, Urlaub von Mark zu nehmen.

Dem sagt er, wie daheim die Sache liege,

Er müße schnell den falschen Morgan zähmen.

Ihm folget mancher Wunsch zu Heil und Siege,

Von Rittern, die sich um sein Scheiden grämen.

Der König hofft, er werd' an Gut und Ehren

Gefördert, bald zu seinem Hofe kehren.

55.

Derweil die noch den letzten Becher trinken

Auf gute Fahrt, fiel schon die Sonn' in's Meer,

Und heimlich thäten nun die Sterne winken.

Da schlich das Fräulein unbemerkt daher,

Zur Bucht, allwo des Schiffes Segel blinken,

Als Edelknabe, den zu guter Lehr

In Waffenkunst der Ritter mitgenommen;

So harrt sie dort schon, eh er hingekommen.

56.

Sie stießen ab, sie schnitten durch die Wellen,

Die nur mit Plätschern um den Kiel sich regen.

Gelinde Lüfte kaum die Segel schwellen,

Das Schiffvolk konnte meist zur Ruh sich legen,

So schnarchten auch im Raume die Gesellen,

Hingleitend unbesorgt auf feuchten Wegen,

Als noch der Ritter sammt dem holden Buben,

Umarmt, die Blicke zum Gestirn erhuben.

57.

Das blinket in der Fluten Widerscheine

Wie naß vor Wehmuth; sie ergreift ein Wähnen,

Als ob die Welt aus tausend Augen weine,

Und ihre Liebe schwimm' im Meer der Thränen.

Da weigern ihre Augen nicht alleine

Die Flut zu mehren, hingethaut in Sehnen.

Bald hatte Liebesblick sie neu umlächelt,

Ihr Hauch die Thränenseen weggefächelt.

58.

Die Nacht floh hin, von statten gieng die Fahrt,

Am dritten Tage kamen sie zu Land.

Der Marschalk, mit den Seinigen geschaart.

Hieß froh willkommen seinen Herrn am Strand,

Dem er alsbald umständlich offenbart,

Wie er die großen Sorgen kaum bestand.

»Doch weil euch Gott in Zeiten hergesendet.

Ist Rath und Trost uns allen ausgespendet.«

59.

Hiernächst vertraut ihm Riwalin mit Fleiß

Von Blanscheflur sein liebes Abenteuer.

Ja Herr, ich seh', ihr wachs't an Würd und Preis

Von Tag zu Tag, erwiedert sein Getreuer

Ihm hoch erfreut; denn solche Blume weiß

Krönt euren Namen wohl, und macht ihn theuer

Bei aller Welt; eu'r Glück und eure Wonne

Steigt herrlich auf, so wie die Morgensonne.

60.

Nun laßt die Gute gleiche Güt' erproben:

Wenn wir der Noth gewehrt mit unsern Waffen,

Werd' öffentlich ein Hochzeitfest erhoben,

Da sollt ihr's reich und königlich ihr schaffen,

Daß König Mark es selber möge loben.

Zuvor noch laßt, daß Lai'n es seh'n und Pfaffen,

Zu rechter Eh' euch in der Kirche weihen;

Glaubt, alles wird euch beßer drum gedeihen.

61.

Also geschah's nach Rüals biederm Wort.

Weil nun die Herrn zu hartem Zeitvertreib

Das Land durchreiten mußten da und dort,

Führt Blanschefluren, um so theuren Leib

Besorgt, der Marschalk auf ein festes Ort,

Cantell genannt, da wohnt sein eigen Weib;

Der anbefahl er sie, der reinen, steten,

Der Weibesehre Spiegel, Frau Floreten.

62.

Den Winter über war mit seiner Beute

Morgan auf einer starken Burg geseßen.

Die beiden rüsten Zeug indes und Leute,

Ermuthigend, wer sich des Streits entseßen,

Und sind bereit, da sich das Jahr erneute,

Sich mit dem Feind' in offnem Feld zu meßen.

Von Parmenie die blühnde Ritterschaft

Stand wider Morgans übergroße Kraft.

63.

So kam es an der Landwehr zum Gefechte,

Wo Kunst und Muth und Stärke sich bewährt.

Gewalt der Rechte wurde da zum Rechte,

Und es beschwert statt Zungen sich das Schwert.

Wie wenig ward geschont der guten Knechte!

Wie manchem war sein Letztes da bescheert!

Hier war der Staub gelöscht, dort das Gras blutig,

Doch Parmenie stand im Gedränge muthig.

64.

Bis, da die Schaaren der Bretagner weichen,

Und jene setzten siegesfreudig nach,

Mit wildem Schrei aus Waldung und Gesträuchen

Vom Hinterhalt hervor ein Haufe brach.

Gar tapfre Reiter mußten wohl erbleichen,

Wenn sie ein Speer plötzlich im Rücken stach.

Drob ward ihr Heer zerrißen und verworr'n,

Daß Riwalin es sah mit großem Zorn.

65.

Indes die pflichtvergeßnen Unterthanen

Der treue Marschalk, seinem Herrn zum Schutz,

Zu sammeln eilt um die bekannten Fahnen,

Beut der allein dem Feinde Wehr und Trutz,

Und weiß sich vorwärts weiten Raum zu bahnen.

Er drang hindurch, wenn nicht im blut'gen Schmutz

Der Gaul ihm ausglitt, und vom Sporn gerißen

Sich stampfend, bäumend, über sich geschmißen.

66.

Noch mancher Feind erschrack des dumpfen Halls,

Als seine Waffen klirrten über ihm.

Der freche Morgan freut sich seines Falls,

Er sprengt herzu, durchbohrt mit Ungestüm,

Wo Helm und Harnisch gränzen, ihm den Hals,

Nicht fragend, ob sich solcher Streich geziem',

Statt ihn zu fahn um Lösung, wie bei Fürsten

Die Sitte gilt; so brennt sein Rachedürsten.

67.

Als Riwalin die Diener fallen sah'n

Ermannten sie vordringend sich zum Kampf:

Viel tapfre Thaten nun zu spät geschah'n.

Wo der Held lag im letzten Todeskrampf,

Tobt zehnfach wütend auf blutrothem Plan

Geklirr, Mord, Zeter, Wiehern und Gestampf,

Daß sie, wie grimmig Morgans Krieger schnaubten,

Den Leichnam und das Feld zuletzt behaupten:

68.

Drauf ward der todte Herzog aufgehaben,

Zur Burg in seiner Ahnen Gruft zu wallen.

Ihr denkt wohl, wie die Seinen sich gehaben:

Sie sind gemuthet und in Noth gefallen

Als die, so Ehr' und Gut mit ihm begraben,

Vom eignen Mann zum obersten Vasallen.

Doch er ist hin, man muß sich sein entwegen,

Und beten, Gott im Himmel woll' ihn pflegen.

69.

Nur Blanscheflur nicht um den Gatten weinet,

Wiewohl kein Weib so tödlich Leid erwarb;

Das macht, sie war im Innern ganz ersteinet,

Der Klage Laut auf ihrer Zung' erstarb.

Die Sonn' ihr nur mit bleichem Glanze scheinet,

Ihr Aug' umhüllet düstre Trauerfarb.

So lag sie in den Qualen, kaum noch ächzend,

Nach ihrer bangen Seel' Entbindung lechzend.

70.

Da fuhr ein Zucken durch den starren Leib,

Des Lebens Wehen aus des Todes Nöthen.

Vier Tage wand sich das trostlose Weib:

Kann's nicht der Gram, so muß ihr Kind sie tödten.

O süßes Kind, im Mutterschooße bleib'!

Was ringest du nach andern Grabesstäten?

So denkt sie stets mit innigstem Erbarmen;

Ein Söhnlein lebt, man gab es ihren Armen.

71.

Sie sprach es hegend am gebrochnen Herzen:

Ich habe, da ich dich empfieng, getrauert,

Dein Vater traurig lag in wunden Schmerzen,

In Trauer hat mich die Geburt durchschauert,

Traurig umwölkt sich deine Sterne schwärzen,

Weil du verwaist und von Gefahr umlauert.

Drum heiße Tristan mit dem traur'gen Namen.

Das ist mein letzter Muttersegen. Amen.

72.

Der Sohn genas, die Mutter lag erblichen,

Und ward zu Riwalin in's Grab getragen.

Ihr Kind sei todt der Todten Schooß entwichen,

Befahl der Marschalk allem Volk zu sagen,

Obschon das Land ob solchem jämmerlichen

Berichte noch trübsel'ger mußte klagen.

Das ordnet Rüal mit getreuen Listen,

Der Waise Leib und Gut und Recht zu fristen.

73.

Denn hätte Morgan um das Kind gewußt,

Er ruhte nicht, er mußt' es dann verderben.

Auf beßre Zeiten hofft die treue Brust

Das Land zu sparen seinem ächten Erben.

Jetzt, da es blutet nach dem Kriegsverlust,

Hieß er die Edlen selbst um Frieden werben.

So ward der Zwist gesühnet und entschuldigt,

Und ward dem Oberlehensherrn gehuldigt.

74.

Er will den Knaben auferziehn als sein,

Und mahnt sein Weib sich Schwangern gleich zu halten.

Geräth und Kammer richtet auf den Schein

Sie klüglich zu mit heimlichen Anstalten;

Die Amme schafft das Kind gar still herein,

Als sollte bei der Kreißenden sie walten.

Der war's vertraut: sonst ward die Mär' erfunden,

Die Marschalkin sei eines Sohns entbunden.

75.

Und als sie ingelegen ihre Wochen,

Trug sie ihn lieb zum Gotteshaus hinauf.

Da wurde Segen über sie gesprochen,

Der Kleine dann benamt im heil'gen Tauf

Wie ihm der Mutter scheidend Wort versprochen.

Ich nenn' ihn Tristan nach der Zeiten Lauf,

Sprach Rüal; Gott kann's beßer mit ihm machen,

Daß er einst fröhlich mag des Namens lachen.

76.

Es war ja wahrlich wahr und kein Betrug,

Wenn sich Florete zu dem Sohn bekannte:

Er fühlt zu ihr der Kindestriebe Zug;

Sie mütterlich nie keines theurer nannte,

Das selbst sie unter ihren Brüsten trug.

Mit süßem Fleiß ihr Sinn sich zu ihm wandte,

Die Tugendreiche hegt ihn früh und spat,

So daß er niemals unsanft niedertrat.

77.

Ihm waren Scherz und Freiheit Spielgenoßen,

Doch das Geleit der Kindheit nahm die Flucht.

Als bei der Mutter sieben Jahr verfloßen,

Nahm ernster ihn der Vater in die Zucht;

Als seiner Freuden Blüthe kaum entsproßen,

Ward sie vom Reif der Sorgen heimgesucht:

So wandelte sein Leben sich allmählig,

Das ward seitdem noch leider arbeitselig.

78.

Zwar fügt sich Tristan allem Fleiße gerne,

Sein Vater gab ihm einen Meister zu,

Der war begabt mit guter Weisheit Kerne,

Und sann zu allen Stunden ohne Ruh

Wie nun sein Zögling eins, nun andres lerne,

Ein Ding heut wohl und morgen beßer thu'.

Der fremden Zungen Kunst, der Bücher Satzung

War täglich seines jungen Sinnes Atzung.

79.

Von heiliger Geschicht, und Lehr der Weisen,

Von Recht und Sitte muß der Knabe wißen;

In seinen Reden stand er sehr zu preisen,

So war er auch auf Musica beflißen,

Daß seine zarten Finger schöne Weisen

Auf allerhande Saitenspielen rißen.

Ihm war, was irgend nur ein löblich Werk,

Bis er's gefaßt, sein emsig Augenmerk.

80.

Bald lernt' er auch mit Schenkeln und mit Zügeln

Das Roß zu jedem Tritt und Wendung rühren,

Und fest im Sitz geschloßen und den Bügeln

Den Schild und Speer nach Ritterweise führen,

Dann ringen, springen, und den Lauf beflügeln,

Den Degen und im Wurf den Schaft regieren,

Dann durch den Forst die Hasen, Füchse, Hirschen

Mit Hunden jagen, mit Geschoße pirschen.

81.

Davon erstarkt der zarten Glieder Kraft,

Doch ließ man sie vor Uebermaß bewahren.

Rüal verstand sich wohl auf Ritterschaft,

Er war ja selbst in seinen jungen Jahren,

In manchem Abenteur und Spiel sieghaft,

Zum Hof des Uter Pendragon gefahren,

Wo Merlins Kunst und Weisheit vorbereitet,

Was Artus Herrschaft herrlich dann verbreitet.

82.

Kein Königssohn ist also hoch geboren,

Der beßer lernt in seines Hofes Mitten,

Als Tristan, der sein erblich Glück verloren,

Was adlich ist in Rede, Tracht und Sitten.

An ihm war alles schön und auserkoren,

Holdseligkeit und Zier auf seinen Tritten;

Wie er an klein und groß bescheiden thut,

So trägt auch alle Welt ihm holden Muth.

83.

An vierzehn Jahre war etwa der Knabe,

Da trug sich's zu, daß vor die Burg Cantell

Von Norweg über See voll Kaufmannshabe

Ein Schiff, mit Segeln und mit Rudern schnell,

Zu landen kam: es führte reiche Gabe,

Viel seidnes Zeug, Kleinode blank und hell.

Die Fremden legten ihren Markt nun aus,

Die Märe kam dem Marschalk in sein Haus.

84.

Zwei seiner Söhne hatten froh vernommen,

Da wären Falken, schönes Federspiel;

Worauf den Tristan sie bei Seit genommen,

Der allen stets der freundlichste Gespiel,

Er möchte mit zu ihrem Vater kommen,

Ob es auf seine Bitte dem gefiel',

Daß er mit ihnen zu dem Schiffe gienge,

Und kaufte da dergleichen schöne Dinge.

85.

Der Marschalk führt sie selbst zum Strand hernieder,

Es lacht das Herz den muntern kleinen Schalken

Nach all dem bunten lustigen Gefieder,

Blauschnabelichten Schmerlen, Pilgerfalken

Und Sperbern, die in Reihen hin und wieder

Sie sitzen sah'n auf Stangen und auf Balken.

Nun feilschet Tristan für die andern zwei

Und sich, daß jedem eine Gnüge sei.

86.

Sie schickten sich nach Hause schon zu gehn,

Da mußte Tristan innen an der Wand

Von ungefähr ein Schachbrett hängen sehn,

An welchem zierlich Felder so wie Rand

Wohl eingelegt von glattem Holze stehn;

Dabei ein köstliches Gestein sich fand,

Das war von edlem Elfenbein gegraben,

Gar meisterlich durchbrochen und erhaben.

87.

Ei, edle Kaufherrn, wißt ihr in dem Schache,

Das ihr da feil habt, selber auch zu ziehn?

So sagte Tristan in norweger Sprache,

Daß ihrer jeder drob verwundert schien,

Wie solche unbekannte fremde Sache

Dem Kind mit andern Gaben wär' verliehn.

Hier sind genug, sagt einer, die's verstehen;

Wollt ihr: wohlauf! so will ich euch bestehen.

88.

So hatten diese sich zum Spiel gesetzt,

Und Rüal sprach: Ich habe heim zu eilen,

Du, Tristan, weil die Kurzweil dich ergetzt,

Magst, bis du sie vollbracht, allhier noch weilen.

Bei deinem Meister laß' ich dich für jetzt,

Der nimmt dein wahr und kann dir Rath ertheilen.

Er ging von dannen mit den andern zwein,

Und Curvenal und Tristan blieb allein.

89.

Das Kaufmannsvolk erstaunte nicht geringer,

Da sie den klugen Knaben spielen sahn.

Er rührt im Brette die behenden Finger,

Des Gegners Listen können ihn nicht fahn,

Er dringt mit starkem Thurm und schlauem Springer

Vor allen mit der Königin hinan.

Dazwischen flogen von der Schachspiel-Kunde

Die fremden Wörtlein zierlich ihm vom Munde.

90.

Sie hatten seine edle Hofesart,

Und Wuchs und Bildung des holdsel'gen Jungen,

Und seine süßen Künste wohl gewahrt,

Und wurden von Gewinnes Lust bezwungen.

Sie dachten: Wie belohnt wär' unsre Fahrt,

Wenn wir so köstlich diese Beut' errungen!

Ein solcher Diener ziert den größten König,

Wo wir ihn bieten, frommt er uns nicht wenig.

91.

Sie winkten sich mit Augen, und zum Lauf

War heimlich alles bald im Schiff bereit.

So gebt ihr diesen Stein mir in den Kauf?

Rief Tristan, ganz vertieft in seinen Streit.

Sie winden leis' indes die Anker auf,

Und stoßen ab, und sind vom Strande weit,

Eh er es merkt; was drauf ihm widerfahren,

Sollt ihr im folgenden Gesang erfahren.

Todten-Opfer für Augusta Böhmer

1. Sinnesänderung

Ich wollte dieses Leben

Durch ein unendlich Streben

Zur Ewigkeit erhöh'n.

Ich fragte nicht nach drüben,

Mein Hoffen und mein Lieben

War mir hienieden schön.

Was die Natur gewoben,

Was Menschen drauf erhoben,

Verband mir Poesie.

So wähnt' ich klar zu lösen

Das Gute sammt dem Bösen

Zu hoher Harmonie.

Was plötzlich abgebrochen,

War dennoch ausgesprochen

Dem ordnenden Gefühl:

Ein Lied war mir die Jugend,

Der Fall der Heldentugend

Ein göttlich Trauerspiel.

Doch bald ist mir zerronnen

Der Muth, so dieß begonnen,

Die Gnügsamkeit in Dunst.

Gefeßelt vom Verhängniß

Im irdischen Gefängniß:

Was hilft mir weise Kunst?

Die Rose kaum entfaltet,

Doch süßer mir gestaltet

Als aller Schmuck der Welt,

Die hat ein Wurm gestochen,

Die hat der Tod gebrochen,

Die hat der Sturm gefällt.

Nun schau' ich zu den Sternen,

Zu jenen ew'gen Fernen,

Wie tief aus öder Kluft;

Und, ihre blauen Augen

Dem Himmel zu entsaugen,

Küß' ich die leere Luft.

O, werde mein Orakel,

Du, die du ohne Makel

Der falschen Welt entflohst!

Sieh mich in meiner Demuth

Und hauch in meine Wehmuth

Der zarten Liebe Trost.

Wenn dort die Ros' erblühte,

So sei die heil'ge Güte

Endlos gebenedeit.

Zwar sehnlich werd' ich schmachten,

Doch nicht vermeßen trachten

Aus dieser Sterblichkeit.

Wo ich mich wiederfinde

Bei meinem süßen Kinde,

Muß Heil sein, Wonn' und Licht.

Sie wird, wenn meiner Zungen

Der Klage Laut verklungen,

Mein himmlisches Gedicht.

Den strahlenden Karfunkel

Nahm ich in grausem Dunkel

Der Schlange Tod vom Haupt.

Ich will ihn bei mir tragen,

In allen Lebenstagen

Wird er mir nie geraubt.

2. Auf der Reise

Von ferne kommt zu mir die trübe Kunde.

Es trennt mich ein Gebirg mit Wald und Klüften,

Blau dämmernd in des Horizontes Düften,

Von dort, wo ich erlitt die Todeswunde.

Da mach' ich auf die Wandrung mich zur Stunde:

Wo Bäche stürzend rauschen in den Schlüften,

Wo Felsen sich gewölbt zu dunkeln Grüften,

Da ist der Pfad mit meinem Sinn im Bunde.

Hier reis'te jüngst hindurch, die ich betraure,

Nicht achtend auf des schroffen Wegs Beschwerde;

Zur heitern Landschaft südlich hingezogen.

Mai war's, nun heißt es Sommer, und ich schaure

Von kaltem Sturm; ihr ward zum Grab die Erde:

Der Lenz hat Allen, Jugend ihr gelogen.

3. Der Gesundbrunnen

Der Himmel lacht, es wehen warme Lüfte,

Die Gauen blüh'n ringsum mit Wein und Korne.

Hier schirmen Hügel vor des Nordwinds Zorne

Ein kleines Thal voll frischer Wiesendüfte.

Und es ergießt der Schooß der kühlen Klüfte

Heilsamen Trank in ewig regem Borne.

Da fällt mich die unheimliche, verworrne

Vorahndung an: hier sind auch Todtengrüfte.

Kannst du dich so, Natur, mit Mord besudeln?

Wie, oder war dir jede Kraft und Tugend

Vom unerbittlichsten Gestirn gebunden?

Ja, hier, wo selbst die Quellen Leben sprudeln,

Hat, in der Rosenfülle froher Jugend,

Mein süßes Leben seinen Tod gefunden.

4. Der erste Besuch am Grabe.

Schon Wochen sind es, seit sie hier versenket

Den süßen Leib, von aller Huld umfloßen,

Der das geliebte Wesen eingeschloßen,

Zu dem umsonst mein Sehnen nun sich lenket.

Welk ist der Kranz, dem Grabe frisch geschenket,

Und nicht ein Halm dem Hügel noch entsproßen;

Die Sonne zielt mit glühenden Geschoßen,

Noch Thau noch Regen hat den Staub getränket.

Auch werd' ich dazu nicht des Himmels brauchen.

Kehr' dich nur weg, fühlloses Weltenauge!

Ihr Wolken mögt euch anderswo ergießen.

Nur meine Thränen, heil'ger Boden, sauge!

Bei warmem Liebesblick und kühlem Hauchen

Der Seufzer sollen Wunderblumen sprießen.

5. Geliebte Spuren

Dich sollt' ich haßen, und ich muß dich lieben,

Ort! der mein Kleinod geizig wollte haben,

Nicht um sich sein zu freun, es zu vergraben;

Selbst reicher nicht, indeß ich arm geblieben.

Hier sind noch ihre Spuren eingeschrieben:

Auf diesen Wiesen saß sie; Schatten gaben

Ihr Busch und Baum, und Früchte, sie zu laben;

Die Blumenlust ließ Au und Feld sie üben.

Hier sang sie noch dem Echo muntre Lieder;

Jungfräulich wandelnd im Cyanenkranze

Ließ sie das goldne Haar anmuthig flattern.

Bald aber sank sie, ach! entseelt danieder,

Wie den Gespielen weggerafft im Tanze

Eurydice vom Stiche falscher Nattern.

6. Das Schwanenlied

Oft, wenn sich ihre reine Stimm' erschwungen,

Schüchtern und kühn, und Saiten drein gerauschet,

Hab' ich das unbewußte Herz belauschet,

Das aus der Brust melodisch vorgedrungen.

Vom Becher, den die Wellen eingedrungen,

Als aus dem Pfand, das Lieb' und Treu getauschet,

Der alte König sterbend sich berauschet,

Das war das letzte Lied, so sie gesungen.

Wohl ziemt sich's, daß der lebensmüde Zecher,

Wenn dunkle Fluten still sein Ufer küßen,

In ihren Schooß dahingiebt all sein Sehnen.

Mir ward aus liebevoller Hand gerißen,

Schlank, golden, süßgefüllt, bekränzt, der Becher;

Und mir zu Füßen braus't ein Meer von Thränen.

7. Die himmlische Mutter

Der Himmel, sagt man, kann Gewalt erleiden.

O drängen meiner Blicke Liebespfeile

Die Wolken durch, daß ich an deinem Heile,

Geliebtes Kind, mein Herz doch möchte weiden!

Du mußtest von der treuen Mutter scheiden:

Ward eine Mutter droben dir zu Theile?

Wer sagt dir Tröstung, die dein Mitleid heile,

Wenn du so fern herabschaust auf uns beiden?

Ein heil'ges Wort hat Botschaft ja gesendet,

Dort walt' ein weiblich Bild der Muttertriebe,

Das Herz der Welt, in ewigem Umarmen.

O, wenn von ernster Glorie Strahl geblendet,

Die zarte Seele flieht zum Schooß der Liebe:

Birg du, Maria, sie in deinen Armen.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
24 апреля 2026
Объем:
350 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783849635305
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

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