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Der Koch, der drei Mal lebte

Impressum

Ich danke

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Historische Rezepte

Rezepte von Adrian de Vries:

Anhang Rezepte

Rezepte von Adrian de Vries

Aal in Rotwein

Geschmortes Kaninchen

Aprikosenmus

Crêpe mit Birnenfüllung

Birnenfüllung

Rezept von Titus

Gefülltes Huhn aus dem Ofen

Fleischbällchen in Kräutersauce

Gänseleberterrine

Geflügelfond

Rezept von Paul Ansardin

Gespickte Hirschkeule

Gefüllte Kalbsschulter

Kresseküchlein

Glossar

ASTRID KEIM

Astrid Keim

Der Koch, der drei Mal lebte

Historischer Roman

XOXO Verlag

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-153-5

E-Book-ISBN: 978-3-96752-653-0

Copyright (2021) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung und Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 659114929 von www.shutterstock.com

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149, 28237 Bremen

Die historischen Persönlichkeiten und ihre Lebensumstände sind exakt recherchiert. Alle anderen Personen wurden frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Ich danke

meinem Mann Eckhardt Keim,

der mich auf die Idee zu diesem Buch brachte

und die Rezepte neu entwarf,

meinen Schwager Dr. Heinrich Keim,

der mich unterstützte,

der Psychoonkologin des Krankenhauses Nord-West in Frankfurt,

Heide-Marie Jungbluth,

die mir eine andere Sichtweise eröffnete.

Astrid Keim

Prolog

Nach einem Abendessen beim Italiener um die Ecke kehrt Arnold Medenbach nach Hause zurück. Der Arbeitstag liegt hinter ihm, jetzt kann er es sich auf dem Sofa bequem machen und schauen, was Jonas Goldberg ihm zugeschickt hat. Es ist ein ziemlich dicker Umschlag. Er enthält mehrere eng beschriebene Seiten. Kein Schreibmaschinenpapier, richtiges Briefpapier, und es wurde ein Füllfederhalter benutzt. Offensichtlich wollte der Absender damit seiner Mitteilung Gewicht verleihen. Die Handschrift neigt sich leicht nach rechts mit betonten, einzeln stehenden Anfangsbuchstaben. Sie ist flüssig und gut lesbar, eindeutig von jemandem, der gewöhnt ist, sich schriftlich auszudrücken.

»Sehr geehrter Herr Medenbach,

in der vergangenen Woche hatte ich nochmals einen Traum, bei dem im Gegensatz zu den anderen jedoch jede Einzelheit haften blieb ...«

Sein ehemaliger Klient Jonas Goldberg ist innerhalb seiner Zunft eine Berühmtheit. Viele Menschen kennen und bewundern, ja verehren ihn als begnadeten Künstler seines Faches. Bereits mit knapp dreißig erhielt er seinen ersten Michelin-Stern und wenige Jahre später den zweiten. Keiner, nicht einmal er selbst, zweifelte daran, dass ihm auch die höchste Auszeichnung für einen Koch, der dritte Stern, über kurz oder lang zuerkannt würde.

»... Eine geräumigen Höhle, etwa vier Meter hoch, die zum Ausgang hin schmaler und niedriger wurde, war jetzt mein Zuhause ...«

Bereits während des ersten Sondierungsgespräches war sich Medenbach im Klaren darüber, dass er einen Menschen vor sich hatte, der Herausforderungen nicht nur annahm, sondern seinen ganzen Ehrgeiz darin setzte, andere zu übertrumpfen.

»... Es war ein schöner, blauer Morgen. Am Vortag hatte es geregnet, auf den Blättern und im Gras glitzerte Nässe. Die Sonne stand noch nicht hoch, schien aber schon so warm, dass es ein heißer Tag zu werden versprach. Ich war nach einem Bad im Fluss gerade wieder in unserer Höhle angelangt, als ein tiefes Grollen ertönte und die Erde zu zittern begann ...«

Vor gut drei Jahren hatte der gut gekleidete, gut aussehende Mann um die Vierzig seine Praxis zum ersten Mal aufgesucht. Dass er sich dazu durchringen musste, war bereits den ersten Worten zu entnehmen. Eigentlich habe er nie viel von Psychotherapie gehalten, die das Innerste, das ganz Private nach außen kehrt. Wenn Probleme entstünden, müssten sie eben gelöst werden, das sei ihm bis jetzt aus eigener Kraft immer ziemlich gut gelungen. Mehr als fester Wille und ein bisschen analytischer Verstand sei dazu eigentlich nicht nötig.

»... Etwas Unvorhersehbares geschah ...«

Unvorhersehbares brachten alle Sitzungen mit Jonas Goldberg. Geschichten, die sich unglaublich und unfassbar anhörten. Wie immer hatte Medenbach zu Beginn um Erlaubnis gebeten, die Gespräche aufzeichnen zu dürfen, um Missverständnisse auszuschließen. Glücklicherweise, denn die Mitschnitte übertrafen alle Vorstellungen.

Kapitel 1

Adrian de Vries sitzt im Schatten von zwei hohen Zypressen auf der Steinbank des Kräutergartens und beobachtet die tollkühnen, akrobatischen Flugmanöver der Mauersegler im wolkenlosen Blau des Himmels. Nur ihre schrillen Schreie durchschneiden die vollkommene Stille. Kein anderer Vogel regt sich, keine menschliche Stimme ist zu hören. Die Hitze des Mittags hat alles zum Schweigen gebracht und lastet auf dem hoch gewachsenen blonden Mann. Seine Stirn mit dem zurückweichenden Haar ist von Schweißperlen bedeckt, die Strahlen der südlichen Sonne haben ihm hunderte von Sommersprossen ins Gesicht gemalt. Fast fünfzig Lebensjahre lassen sich mühelos an den Falten um die hellblauen, von goldfarbenen Wimpern gesäumten Augen ablesen, den Furchen auf der Stirn, den Linien, die sich von der Nase zum Mund ziehen. Er fühlt sich erschöpft und verbraucht. Das Gefühl, versagt zu haben, bedrückt sein Gemüt. Seit Wochen, nein, seit Monaten versucht er mit der ganzen Kunstfertigkeit, die ihm zur Verfügung steht, ein Lächeln, eine Geste der Dankbarkeit, ein Zeichen von Anerkennung hervorzurufen. Vergebens, nicht die geringste Resonanz wurde seinen Bemühungen zuteil.

Was, in drei Teufels Namen, suche ich eigentlich hier?, grübelt er nicht zum ersten Mal und bekreuzigt sich schnell, hoffend, dass der Herr ihm verzeihen möge, den Namen des Bösen im Geiste benutzt zu haben. Wie konnte ich mich nur auf dieses Abenteuer einlassen? In Brügge hatte ich alles, was das Leben angenehm macht. Eine sichere Stellung, Ansehen, schöne Kleider, sogar einen pelzverbrämten Umhang und einen großen Kragen aus feinster Spitze – außergewöhnliche Gunstbezeugungen, denn solch kostbare Kleidung war ansonsten nur dem Adel vorbehalten. Und ich hatte Greetje. Sein Herz zieht sich zusammen beim Gedanken an die Geliebte, deren Locken sich zu kupferner Fülle auflösten, wenn sie die Nadeln herauszog und ins Bett schlüpfte. Die Hochzeit war bereits beschlossene Sache, als er das verführerische Angebot erhielt und sie verließ. Ihre Tränen und Bitten waren ihm nicht gleichgültig, konnten ihn aber nicht davon abhalten, dem Ruf zu folgen. Allzu viel stand für seine Zukunft auf dem Spiel, allzu schmeichelhaft, die Hochachtung, mit der man ihn behandelte.

Die hiesigen Frauen erscheinen ihm wenig anziehend, obwohl er sich an den Anblick der pechschwarzen Haare, des olivfarbenen Teints und der dunklen Augen gewöhnt hat. Nur die ganz jungen Mädchen entfalten eine samtige Schönheit, doch blühen sie allzu schnell auf, um genauso schnell dahinzuwelken. Wie das Land, in dem sie leben, denkt er, ein kurzer Frühling in aller Pracht und dann der endlose Sommer, in dem die Erde unter der flirrenden Hitze ausdörrt, dem Boden nur in kräftezehrender Arbeit ein Weniges abzuringen ist.

Arm sind die einfachen Leute. Bauern und Handwerker leben in bescheidensten Verhältnissen, müssen froh sein, ein Dach über dem Kopf zu haben, ein paar Oliven, etwas Käse, Brot und Getreide, um satt zu werden. Noch vor wenigen Jahren lebte auch der Adel nur von seinem Grundbesitz, von dem, was er seinen Leibeigenen abpresste. Aber jetzt strömt das Gold aus der Neuen Welt herbei, dazu Rubine und Perlen aus dem Fernen Osten, Onyx aus Sachsen, Südamerika und Indien, Lapislazuli aus Russland und Afghanistan, Smaragde aus Afrika und aus Japan reinster Bergkristall, der zu kostbaren Gefäßen verarbeitet wird. Dieser Reichtum jedoch ist nur Wenigen vorbehalten. Während die Bauern ihre dünne Suppe aus Vertiefungen der Holztische löffeln, speist der Adel von goldenen und silbernen Tellern, von prächtigen, meisterhaft bemalten und glasierten Schalen, jede ein Kunstwerk für sich. Seine Paläste dagegen sind vom Äußeren her abweisend und streng, so als verschlösse sich das Land selbst dem neuen Baustil mit seiner glanzvollen Architektur, die aus Italien kommend, im Triumph ganz Europa eroberte. In der Schmucklosigkeit der Fassaden hat die Renaissance noch keinen Niederschlag gefunden, das Innere jedoch macht alle Defizite wett. Hier stellt man den Reichtum zur Schau, nicht nur in üppiger Dekoration, sondern die Bewohner selbst sind Schaustücke. Der Aufwand ihrer Kleidung kann nicht groß genug sein, die Juwelen nicht erlesener.

Ganz im Gegensatz zu seiner Herrin. Adrian seufzt. Sie, Juana, die Tochter der Reyes Católicos Ferdinand und Isabella, Herrscherin über Kastilien, Herzogin von Burgund, gleicht eher der untersten Magd als einer Königin. Nichts an ihr, kein Kleidungs- oder Schmuckstück verrät ihre königliche Abstammung. Das einst kunstvoll geflochtene rot-goldene Haar, mit Perlen besetzten Bändern durchwunden, hängt wirr um den Kopf, das einfache Hemd, kaum jemals gewechselt, ist mit Flecken übersät. Schon bevor sie ihre gesamte weibliche Dienerschaft außer einer alten Zofe entließ, klagte man über ihre Launen, ihre Unberechenbarkeit, die sich bald in Lethargie, bald in wüsten Beschimpfungen und Tätlichkeiten äußerte. Jetzt nähert sich ihr kaum jemand mehr, zu gefürchtet sind ihre Zornesausbrüche. Selbst bei kleinen Verfehlungen büßt der Betroffene im besten Fall mit Schlägen, in weniger günstigen mit Gefahr um Leib und Leben. Einen Küchenjungen traf vor ein paar Tagen ein Leuchter mit derartiger Wucht am Kopf, dass er blutüberströmt und bewusstlos auf dem Boden liegen blieb. Anlass war ein Huhn, das seinen Händen entschlüpft war und auf der Flucht vor dem Kochtopf, in Panik laut gackernd, flügelschlagend durch die Korridore irrte, während er es einzufangen versuchte. Ihre Hoheit, jäh aus der Versenkung am Betpult gerissen, stürzte wutentbrannt zum Ort des Geschehens und schritt zur Tat. Es kam Adrian wie ein Wunder vor, dass der Junge überlebte und sich auf dem Weg der Besserung befindet. Niemand ist da, der Gebieterin Einhalt zu gebieten, sie gebietet über alle.

Ihm gegenüber hat sie sich bis jetzt zurückgehalten, äußerte weder Lob noch Tadel. Den Grund vermutet er in der Tatsache, dass es ihr völlig gleichgültig ist, was und wann es etwas zu essen gibt. Als Leibkoch kümmert er sich persönlich und ausschließlich um die Belange Ihrer Majestät. Alle Bediensteten, die Wachen eingeschlossen, werden von Jorge, dem einheimischen Koch, mit einer Schar von Untergebenen versorgt, dem auch das Herbeischaffen der Nahrungsmittel und Gewürze obliegt, genauso wie die Reinigung der Küche nach dem Mittagsimbiss der Dienerschaft. Ihm Ordnung beizubringen, erwies sich als mühseliges Stück Arbeit. Obwohl er nur die Anweisungen zu geben hatte, schien es ihm ein nutzloses Unterfangen, Töpfe, Pfannen und Bratspieße blitzblank zu scheuern, wenn sie doch in wenigen Stunden wieder benutzt würden. Aber in dieser Beziehung kennt Adrian kein Pardon und auch nicht, was die Reinigung des Bodens betrifft. An Sauberkeit ist er von Kindesbeinen an gewöhnt. In Brügge konnten die Frauen in Pantoffeln über die Straßen gehen, ohne sie zu beschmutzen. Als er davon erzählte, schlug ihm blankes Unverständnis entgegen, aber die Drohung, alle Essensreste an die Armen zu verteilen, erwies sich als wirksames Mittel, dem Gesinde Gehorsam beizubringen.

Um wenigstens den Anschein von Normalität aufrecht zu erhalten, bestimmte er im Sommer acht und im Winter fünf Uhr als Essenszeit. Wie immer wird ein reichhaltiges Mahl zubereitet, denn vor dem Schlafengehen nimmt die Herrin nur noch etwas Obst und einen Becher Wein, gewürzt mit Pfeffer und Nelken, zu sich. Eine feste Zeit ist nicht dafür vorgesehen, das liegt in ihrem Ermessen. Es kommt immer darauf an, wie lange sie sich bei ihrem Gemahl aufhalten wird, zu dem sie sich bei Einbruch der Dämmerung begibt.

Adrian legt den Kopf in den Nacken, um abzuschätzen, wie viel Zeit ihm noch bliebe, und schließt erleichtert die Augen, als er feststellt, dass die Sonne den Zenit noch nicht allzu weit überschritten hat. Seine Gedanken wandern in die Heimatstadt zurück, das glänzende Brügge, Mittelpunkt des Burgundischen Hofes. Mit welcher Freude ging er dort an die Arbeit, wo man ihm Wertschätzung und Achtung entgegenbrachte, er nach Herzenslust aus dem Vollen schöpfen durfte. Die Erinnerung an seinen berühmten Eintopf weckt Wehmut. Die Komposition aus Kapaun, Lamm, Kalbfleisch, Widderhoden, Kalbsfüßen, Hahnenkämmen und Markknochen, gewürzt mit Safran, Nelken, Lorbeerblättern, Liebstöckel sowie einer ordentlichen Menge gestoßenem Pfeffer, vermischt mit einem Dutzend Eidottern, abgeschmeckt mit herbem Wein, gedünstet in zerlassener Butter, erhielt Lob von höchster Stelle und war fester Bestandteil jedes größeren Bankettes.

Allseits bewundert wurden seine Schaustücke, kredenzt als Höhepunkt des Mahls. Hier entfaltete er sein ganzes Können. Es gab nur wenige seiner Zunft, denen es gelang, einen Pfau so vorsichtig von Haut und Federkleid zu befreien, dass sie unverletzt blieben, dann das Fleisch auszulösen und zuzubereiten, um damit wieder die Hülle zu füllen. Der Vogel wurde, als wäre er lebendig, in seiner ganzen Pracht auf einer großen Platte in den Saal getragen und zum Entzücken der Gäste vor ihren Augen tranchiert. Besonders stolz ist er bis heute auf den Einfall, ihm den Schnabel zu vergolden und mit in Schnaps getränkter Wolle zu füllen, die vor dem Auftragen angezündet wird. Einen Feuer speienden Pfau hatte noch niemand gesehen und nicht wenige bekreuzigten sich, da sie Zauberei befürchteten.

Damals war ich auf der Höhe meines Ansehens und wurde gefeiert wie ein großer Künstler, erinnert er sich betrübt. Nur Philipp gegenüber hatte ich Rechenschaft abzulegen, dem glänzenden Herzog von Burgund, Erzherzog von Österreich, Sohn des großen Kaisers Maximilian und seiner allzu früh verstorbenen ersten Gemahlin Maria, die das Herzogtum Burgund den Habsburgern zum Geschenk machte. Als Kind kam ich bereits an den Hof, zurückgelassen von den Eltern vor dem Tor. Eine Magd erbarmte sich meiner und brachte mich in die Küche, damit ich etwas zu essen bekäme. Dort blieb ich mit Duldung des ebenso beleibten wie betagten und angesehenen Meisters Lucas, Gebieter über die Küche. Ich schlief neben dem Herd auf dem Boden, hütete das Feuer, kehrte den Boden, verrichtete Botengänge und schaute vor allem zu. Es dauerte nicht lange, bis der Meister mein Interesse und meine Geschicklichkeit bemerkte und anfing, mir kleine Aufgaben zu übertragen. Es war ein langer, hart erkämpfter Weg, aber schließlich stand ich an seiner Seite. Als er starb, hatte ich alles von ihm gelernt, was er selber wusste, und wurde sein Nachfolger.

Ich sah den jungen Herzog heranwachsen. Er eroberte mein Herz genauso wie das aller anderen mit seiner Unbekümmertheit, dem angenehmen Äußeren, verschont vom Makel der männlichen Habsburger, dem vorstehenden Unterkiefer und der gewaltigen Hakennase, hauptsächlich aber mit der Abwesenheit jedes Standesdünkels. Sein Wohlergehen lag mir vor allem am Herzen und war Ansporn genug, mich immer mehr zu vervollkommnen. Kamen hochgestellte Persönlichkeiten zu Gast, die ihre eigenen Köche mitbrachten, schaute ich mir ihre Kniffe ab, fachsimpelte ganze Nächte mit ihnen darüber, wie Speisen zu verfeinern seien, lernte neue Gewürze und Zubereitungsweisen kennen, experimentierte mit ausgefallenen Zutaten. Und ich reiste. Überall hin nahm man mich mit, sogar nach Österreich, Frankreich und England, obgleich ich auf dieser kalten und regnerischen Insel nur wenig Neues zu entdecken vermochte denn Wildbret, gebraten oder gesotten, ohne jede Raffinesse der Zubereitung und Haferbrei bestimmten den Speiseplan.

Überall hielt ich Augen und Ohren offen, prüfte die Produkte des Landes auf ihre Verwendbarkeit und nahm Samen mit nach Hause, um aus ihnen Kräuter zu ziehen. So kam es, dass ich schließlich zu einer Berühmtheit wurde, und nicht nur einmal versuchte ein Fürst, mich für seinen Hof abzuwerben. Ich aber blieb standhaft, denn meinem jungen Herzog brachte ich eine herzliche Zuneigung entgegen und meine Wurzeln lagen in Brügge. Er dankte es mir mit vielen Gunstbezeugungen, und ich gab ihm den Dank zurück in unverbrüchlicher Treue. Einer Treue, die sich jetzt gegen mich wendet.

Aber wie hätte ich auch ahnen können, dass alles so enden würde, als die liebliche Juana, Kronprinzessin von Kastilien, León, Granada und Aragon, ihren Fuß auf niederländischen Boden setzte? Damals, 1496 Jahre nach der Geburt des Herrn, war Philipp, wie es die Höflichkeit gebot, seiner jungen spanischen Braut entgegengereist, um sie in die neue Heimat zu geleiten, und was keiner vorhersehen konnte geschah: Die beiden verliebten sich auf den ersten Blick so heftig ineinander, dass sie sich sofort zurückzogen, um die Ehe zu vollziehen.

Eine verhängnisvolle Liebe sollte es werden, zumindest für Johanna, wie sie nun genannt wurde, in der sie sich so vollkommen verlor, dass keine andere Realität mehr existierte. Es war nicht so, dass Philipp sich nach dem ersten Überschwang von ihr abwendete, aber mit der Treue nahm er es nicht genau. Am Hof herrschten lockere Sitten, und er, der Schöne, der alle begeisterte mit seinem Charme, seiner Geselligkeit und Freigiebigkeit, gewann die Herzen mit Leichtigkeit. Jungfrauen wie Ehefrauen folgten ihm ohne Zögern in seine Gemächer. Sollte er auf diese Freuden zu verzichten? Daran dachte er keineswegs.

Täglich sah ich die beiden und bemerkte, wie die Herzogin immer schweigsamer, immer verschlossener wurde. Ihre Bildung, ihr musikalisches Talent galten Philipp wenig, der für seine Vergnügungen lebte. Selbst ich, der ihn liebte wie einen Sohn, hätte mir gewünscht, dass er weniger leichtfertig mit den Gefühlen seiner Gemahlin umgehe. Nur noch selten saß sie am Clavicord, korrespondierte immer weniger in ihrem makellosem Latein mit Erasmus von Rotterdam. Sie zog sich zurück, weigerte sich, die prächtigen Gewänder anzulegen, die für sie angefertigt worden waren. Schon damals begann die Dienerschaft vor ihren Wutanfällen zu zittern. Besänftigen konnte sie allein ihr Geliebter in der Erfüllung seiner ehelichen Pflichten. Und die trugen Früchte. Nach einer Tochter erblickte der Thronfolger das Licht der Welt, und weitere Kinder folgten.

Die Eifersuchtsanfälle jedoch wurden immer schlimmer, die Lakaien erzählten von Handgreiflichkeiten. Es kam so weit, dass die Herzogin in Abwesenheit ihres Gemahls im abgedunkelten Zimmer saß und sich weigerte, Besuch zu empfangen. Nur Bedienstete hatten Zutritt, unter denen sich jedoch keine einzige Frau befand, denn sie misstraute dem gesamten weiblichen Geschlecht.

Ihre Unersättlichkeit war Gesprächsthema am Hof und nicht nur dort. Man munkelte, dass Übertreibung auf diesem Gebiet in der Familie läge. Ihr Bruder Juan, vorgesehener Thronfolger der vereinigten Königreiche von Aragon und Kastilien, Gemahl von Philipps Schwester Margarete, starb im 20. Lebensjahr, wie man zu wissen glaubte, an zu unbeherrschter Hingabe an seine natürlichen Triebe, die zur völligen Entkräftung und schließlich zum Tode führte. Aus sicherer Quelle war jedenfalls bekannt, dass Ärzte kurz vorher eine vorübergehende Trennung des jungen Paares empfohlen hatten.

Wie sie sich aufführte, war nicht standesgemäß. Darüber herrschte Einigkeit und auch darüber, dass ihr Gatte zu bedauern sei. Ich jedoch hatte auch Mitleid mit ihr. Ich begriff, dass diese absolute Liebe ihr Leben zerstörte und niemand ihr helfen konnte. Auch der Herzog nicht, denn sie forderte seine Anwesenheit bei Tag und Nacht und die Staatsgeschäfte waren ihr gleichgültig. Die aber gingen weiter, denn mittlerweile war Isabella verstorben und hatte der Tochter als einzigem überlebendem Kind das Königreich Kastilien hinterlassen, wodurch auch Philipp den Königstitel beanspruchen konnte. Nach neun Jahren war die Rückkehr nach Spanien nun dringend geboten, denn Ferdinand, König von Aragon und Johannas Vater, verlangte dieses Recht gleichermaßen. So wurde ein großes Gefolge zusammengestellt, und mein Herr bat auch mich darum mitzureisen. Viel zu schmeichelhaft war diese Auszeichnung, als dass ich hätte ablehnen können. So stimmte ich zu in meiner Einfalt, ja, und auch in meinem Hochmut, alle Gefahren und Risiken außer Acht lassend. Noch höher wollte ich klimmen, an meinen Namen sollten sich noch die Nachgeborenen erinnern. Vor meinen Augen stand ein glänzendes Leben am Königshof, und niemals wäre mir in den Sinn gekommen, dass es mit dem Glanz so schnell vorbei sein könne. Allzu hoch wollte ich hinaus, Gott aber hat meinen Ehrgeiz gestraft …

Adrian erwacht aus seinem Tagtraum, als die Strahlen der Sonne seinen linken Fuß erreichen. Es ist Zeit, sich um das Essen zu kümmern. Er erhebt sich seufzend, streckt den Rücken durch, lässt die Schultern kreisen, als wolle er das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszögern.

Wie immer sind sieben Gerichte vorgesehen, eine armselige Anzahl im Vergleich zu den vielen Dutzenden, die drei Mal täglich am Burgundischen Hof serviert wurden. Aber hier in den düsteren Gemäuern der Festung von Torquemada gelten andere Regeln, hier darf die magische Zahl der Todsünden und Tugenden zum Gefallen Gottes nicht überschritten werden.

Hoffend, dass Jorge und seine Helfer die Zutaten nach seinen Anweisungen bereit gelegt haben, macht er sich auf den Weg zur Küche. Vorsichtig steigt er die steilen Stufen hinab, um seine linke Hüfte zu schonen, die seit einiger Zeit zunehmend Schwierigkeiten bereitet. Mit einem Blick umfasst er sein Reich. Breite Sonnenstrahlen aus den hochgelegenen Fenstern erhellen den größten Teil des weitläufigen Raumes, dessen Gewölbe von zwei Säulen getragen wird, und lassen das Kupfergeschirr aufleuchten. In regelmäßigen Abständen wurden Arme aus Eisen angebracht, an denen Öllampen hängen, die auch im hinteren Teil für genügend Helligkeit sorgen.

Adrian ist zufrieden. Jorge und seine Leute haben die Lektion gelernt, selbst der Steinboden ist gefegt. In der gemauerten Herdstelle, über der sich ein großer Abzug öffnet, brennt Feuer, von den beiden Gehilfen gehütet, die jetzt von den Holzbänken aufgestanden sind, um ihrem Meister zur Hand zu gehen. An einer Kette über dem Herd hängt ein Topf mit heißem Wasser, auf dem mit einer Handkurbel verstellbaren Spieß daneben stecken fünf in Speck gewickelte, mit Kräutern gefüllte Wachteln. Ein Gefäß zum Auffangen des abtropfenden Fettes steht bereit, aber noch hängen sie ein gutes Stück über der Glut. Die in Stücke geschnittenen Herzen und Mägen sind bereits gekocht und liegen in einem Tontöpfchen, ein anderes enthält die noch rohen Lebern. Beide Gefäße befinden sich gegenüber auf dem hüfthohen, breiten Steinsims, wo auch die angeforderten Lebensmittel aufgereiht sind.

Prüfend nimmt Adrian eine Aprikose in die Hand, tippt mit dem Finger auf den Kuchenboden, um seine Konsistenz zu untersuchen, drückt auf die beiden Brotlaibe, um ihre Frische zu prüfen, riecht an einem Bündel Minze, lässt Amaranth durch die Finger gleiten, feine Samenperlen des roten Fuchsschwanzes, die kürzlich geerntet wurden, und begutachtet die Schildkröte im Tontopf, deren Gliedmaßen, Kopf und Schwanz bereits abgehackt sind. Die geringe Menge aufgefangenen Blutes, vermischt mit Essig, befindet sich in einem kleinen Napf daneben.

Jorge verrichtet das Schlachten mit großer Geschicklichkeit, indem er ein Messer an den Hals setzt und mit dem Hammer darauf schlägt. Falls das Tier sein Verhängnis kommen sieht und sich in den Panzer zurückzieht, hat er ein probates Mittel zur Hand: Ein glühendes Stück Holzkohle auf dem Rücken bewirkt Wunder. Die Schildkröte streckt den Kopf heraus, sodass er ihn mit einem blitzschnellen Hieb abtrennen kann. Adrian überlässt seinem Untergebenen diese Arbeit immer, denn diesbezüglich ist der besser in Übung, da in den Niederlanden diese Tiere nicht auf dem Speisezettel standen. Sie kennengelernt zu haben empfindet er als große Bereicherung, denn das Fleisch und auch die Brühe, welche beim Auskochen entsteht, sind von köstlichem Geschmack, und ihre Zubereitung lohnt alle Mühe.

Für heute ist ein Ragoût vorgesehen, und so lässt er zunächst die sauber geschrubbte Schildkröte in den Topf gleiten, um sie eine gute halbe Stunde zu kochen. Während dieser Zeit kann er sich den Süßspeisen zuwenden, denn die müssen als erstes in Angriff genommen werden, damit sie auskühlen können. Eusebio, kaum dem Kindesalter entwachsen, klein und pfiffig, immer gut gelaunt und immer auf der Suche nach Essbarem, das er seiner vielköpfigen Familie mitbringen kann, ist bereits damit beschäftigt, die Aprikosen zu entsteinen und in Stücke zu schneiden. José, sein Gegenstück, mürrisch und einsilbig, mit einer Haut wie Leder und krummem Rücken, zerstößt Mandeln in einem Mörser.

Adrian weicht ein Stück helles Weizenbrot ohne Kruste in Milch ein, drückt es aus und gibt es zu den Aprikosenstücken in eine irdene Schüssel. Dann fügt er Honig hinzu, einen kleinen Zweig Rosmarin, pulverisierten Fenchelsamen, ein paar geschrotete Pfefferkörner und übergießt alles mit Wein. Damit die Masse aufkochen kann, kommt die Schüssel auf einen Dreifuß am Rand des Herdes über die Glut. Eusebio sorgt durch Rühren dafür, dass das Mus nicht anbrennt. Ist es schön eingekocht und sämig, wird es durch ein Sieb geschlagen und zum Schluss von Adrian noch mit Zimt abgeschmeckt.

Mittlerweile hat José die Mandeln zerstoßen, und ist dabei, fünf Eier zu trennen. Jetzt übernimmt Adrian die weitere Zubereitung. Er füllt die Mandelmasse in eine Schüssel, fügt Rosenwasser hinzu, Eiweiß und Sahne, bis der Brei dünn geworden ist, aber nicht zu flüssig, sodass er sich gut auf dem Kuchenboden verteilen lässt. Eusebio wird ihn beim Ausbacken überwachen und kurz vor der Fertigstellung noch mit Eigelb bestreichen.

Jetzt ist es Zeit geworden, sich um die Schildkröte zu kümmern. José hat bereits das Kochwasser abgegossen. Geschickt bricht er den Panzer auf, entfernt die schwarze Haut, sodann die Eingeweide samt der Galle. Das ausgelöste Fleisch reicht er seinem Meister auf einem Holzbrett zu. Der Panzer mit den innen noch anhaftenden Resten, Gliedmaßen und Kopf werden nun nochmals auf- und die daraus entstehende Brühe bis auf ein Minimum eingekocht, sodass zum Schluss nur ein kleines Schälchen übrig bleibt. Fein gehackte Minze, Salz, eine Prise gemahlener Ingwer und etwas Knoblauch ziehen darin, bis die Essenz kurz vor dem Auftragen abgesiebt wird.

Adrian wendet sich nun dem Ragoût zu. In der Ecke steht eine große, kippbare Amphore, der er eine Kanne Olivenöl entnimmt. Für dieses Öl, in den Niederlanden rar und kostbar wie Silber, ist Adrian dankbar. Es steht hier im Überfluss zur Verfügung und verfeinert viele Speisen. Er schwitzt Zwiebeln darin an, fügt Sellerie, Petersilienwurzeln, Lauch und etwas Zitronensaft hinzu, würzt mit Salz, Nelken und Lorbeer. Damit das Gemüse keine Farbe annimmt, kommt Weißwein hinzu. Mit dem klein geschnittenen Fleisch, ein paar Thymianzweigen und fein gewiegten, eingesalzenen Sardellen wird nun alles weich gekocht. Als ein großer Teil der Flüssigkeit verdampft ist, gießt Adrian das Gemisch aus Essig und Blut hinzu. Nun kann die Sauce mit zwei Eigelben abgezogen und durch ein Sieb gegossen werden. Zum Abschmecken taucht er einen Holzlöffel hinein. Mit gerunzelter Stirn hält er inne und entschließt sich, noch etwas Zucker hinzuzugeben. Es wäre doch besser gewesen, die Sardellen vorher abzuspülen. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, ihn dann aber wieder verworfen. Ja, so ist es besser. Jetzt noch ein gutes Stück Butter, um eine bessere Sämigkeit zu erzielen. Nochmals taucht er den Löffel ein und ist zufrieden. Besser wird das niemandem gelingen, der Aufwand hat sich gelohnt. Ob ihn vielleicht heute ein Lächeln belohnt?

Adrian erhebt sich aus seiner gebeugten Haltung und zieht die Schultern nach hinten, um den Rücken zu entspannen. Bis jetzt hat alles gut gekappt, der Zeitplan ist eingehalten. Lange Jahre der Routine zahlen sich aus, die Abfolge der Handgriffe funktioniert fast automatisch. Der schwierigste Teil liegt hinter ihm, und er kann sich eine kleine Verschnaufpause auf einer der Holzbänke mit einem Becher Wein gönnen, während er seinen Helfern Aufgaben zuweist.

Seit einigen Stunden liegt ein abgezogener, ausgenommener Aal in Salzwasser, der nun von Eusebio mit klarem Wasser abgewaschen wird. Das steht gottlob in reichlicher Menge zur Verfügung, denn die Festung verfügt nicht nur über eine Zisterne, sondern auch einen eigenen Brunnen, von der Küche her gut zugänglich, der viele Meter in die Tiefe reicht. Mit einer Hebevorrichtung wird das Wasser in eine steinerne Rinne und von dort aus in ein Becken geführt.

Der Junge kocht die Aalstücke in reichlich Rotwein, fügt kurz vor dem Garpunkt die notwendige Menge Safran, Zimt, Zucker, Lorbeerblätter und Nelken hinzu und lässt alles noch einmal aufwallen. Das Gericht kann nun bis zum Beginn des Essens warm gehalten werden, ohne dass sich noch jemand darum kümmern muss.

Beide Helfer arbeiten unter Hochdruck. José ist damit beschäftigt, ausgelöstes Kaninchenfleisch in Kalbsnierenfett zu schmoren, das sich zum Braten vorzüglich eignet, da es hohe Temperaturen aushält, ohne zu verbrennen. Währenddessen schält Eusebio Birnen, schneidet sie in Spalten, bestreut sie mit Zucker und Zimt und brät sie anschließend in Schmalz. Den Teig aus fein gemahlenem Weizen, Milch und Eiern rührt Adrian lieber selbst an. Nur wenn er die richtige Konsistenz hat, können dünne Fladen daraus gebacken werden, die als Unterlage für die Kaninchenstücke dienen. Er verteilt die gebratenen Birnen darüber, gibt Pfeffer, Salz, Ingwerpulver hinzu und schlägt die Masse ein. In einer tiefen Schale warten die gefüllten Pfannkuchen darauf, kurz vor dem Auftragen mit der Sauce übergossen zu werden, die José gerade zubereitet, indem er dem Schmorfond ein Gemisch aus Wein und Honig hinzufügt, dann mit Anis, Amaranth und Pfeffer würzt.

Adrian prüft den Garzustand der Wachteln, die vor einer Viertelstunde in die richtige Distanz über das Feuer gesenkt wurden und nickt zufrieden. Sie haben eine schöne braune Farbe angenommen und die Haut ist knusprig. Während Eusebio sie vom Spieß löst und tranchiert, brät er die Lebern im aufgefangenen Fett scharf an. Er löscht mit Rotwein ab, gibt die Mägen und Herzen hinzu, außerdem eingeweichte Rosinen, Kerbel und Petersilie. Ein paar Minuten auf dem Feuer genügen, damit sich die Aromen durchmischen und den Wachteln zur Vollendung verhelfen.

Jetzt muss es schnell gehen, denn das Auftragen steht kurz bevor. Adrian gibt Anweisung, das Brot in dicke Scheiben zu schneiden, es dient als Unterlage für die Speisen. Nur selten hat die Herrin eine angerührt, und so werden sie, vollgesaugt mit Bratensaft und Sauce, später verteilt; ein begehrter Leckerbissen für eine Schar von Bettlern, die sich täglich vor dem Tor einfindet. Zuweilen übernimmt Adrian diese Aufgabe selbst, da ihm besonders die Kinder am Herzen liegen. Sind diese nämlich krank und schwach, sodass man mit ihrem baldigen Tod rechnen muss, bekommen sie nur das, was übrig bleibt. Erst gestern sorgte er dafür, dass auch ein kleines mageres Mädchen, dessen Wangen vor Fieber glühten, seinen gerechten Anteil erhielt. Zum Dank nahm es mit matter Geste seine Hand und hauchte einen Kuss darauf.

Keine Diener, sondern sieben Adlige, Angehörige des Hofes, stehen schon in einer Reihe bereit, um die Schüsseln und Platten in Empfang zu nehmen. Sie sind ganz in Schwarz gekleidet, lediglich die Wämser haben schmale Verzierungen aus weißen Spitzen. Wie Raben sehen sie aus, denkt Adrian, genau so freudlos und dunkel wie die ganze Umgebung. Was für ein Unterschied zu Brüssel, wo selbst die Gewänder der Lakaien in leuchtenden Farben prangten. Grau und braun trägt hier die Dienerschaft, schwarz mit ein wenig Weiß alle Höhergestellten. Keiner wagt es, sich den Anordnungen der Majestät zu widersetzen, die selbst ausschließlich schwarz gekleidet ist.

In feierlichem Gänsemarsch und gemessenen Schrittes setzt sich der kleine Zug in Bewegung. Jeder trägt eine Platte. Der erste jene mit den Wachteln, es folgen das Schildkröten-ragoût, der Aal in seiner Sauce, das Kaninchen im Pfannkuchen, die Schildkrötensuppe und danach die beiden Süßspeisen. Adrian schließt sich dem Zug als Letzter an. Er wird sich nur verbeugen und der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass alles zur Zufriedenheit sei, während die anderen ausgewählte Bissen vorlegen – falls sie nicht sofort wieder hinausgescheucht werden, was durchaus nicht selten geschieht.

Immerhin ist der Tisch aufgeschlagen, bemerkt er, als die Prozession das Gemach der Herrin erreicht. So können die Schalen im Halbkreis aufgestellt werden. Das ist nicht immer der Fall, denn oft zieht sie es vor, auf dem Boden sitzend, mit den Fingern zu essen. Ihr, die einst den größten Wert auf gute Manieren legte, die ihren Gästen sogar Tücher bereitlegen ließ, damit sie sich nicht die Hände an der Tischdecke abwischten, sind die Tischsitten nun genauso gleichgültig wie ihr Äußeres. Nur für den Besuch des Gatten nach dem Essen, wenn es dunkel ist, wird sie sich ankleiden, da kann ihr keine Robe kostbar genug sein.

Ja, sie könnte schön sein, denkt Adrian, auch jetzt noch, wenn der kleine volle Mund sich nicht nach unten zöge, das goldene Haar gewaschen und frisiert, die großen Augen nicht in Schwermut verhangen, der trotz der vielen Schwangerschaften grazile Körper nicht zusammengesunken wäre. Was für eine Verschwendung von Leben und Anmut! Wie so oft überkommt ihn Mitleid, aber auch dies ist Verschwendung, denn die Frau vor seinen Augen lebt in einer anderen Welt.

Die Fenster des gewölbten Raumes, gleichzeitig Wohn-, Ess- und Schlafzimmer, obwohl weitere Aufenthaltsmöglichkeiten zur Verfügung stünden, sind mit schwarzen Schleiern verhängt. Das dämmrige Zwielicht wird lediglich von zwei dicken Kerzen auf prachtvollen, schimmernden Ständern aus vergoldetem, massivem Silber aufgehellt. Die Wände sind mit Tapisserien bedeckt, deren Motive man nur erahnen kann, der Boden mit türkischen Teppichen ausgelegt. Über einem ausladenden Büffet aus Ebenholz hängt ein großer, ebenfalls verhängter Spiegel mit kostbarem Schildpattrahmen. Ein gewaltiges Bett mit rotem Samtbaldachin und ebensolchen Vorhängen, die von grün-goldenen Brokatbändern eingefasst sind, nimmt den ganzen hinteren Teil des Raumes ein. Gleich daneben steht ein schlichtes Betpult mit einer Kerze darauf, dahinter hängt ein Gemälde mit der Kreuzigung Christi. Hier verbringt Juana, die Königin, einen großen Teil ihrer Tage im Gebet versunken. Das wird zumindest erzählt. Adrian indes teilt diese Meinung nicht. Von übergroßer Religiosität konnte in Burgund niemals die Rede sein. Ja, oftmals hörte er hinter vorgehaltener Hand tuscheln, ihr Glaube ließe zu wünschen übrig, da sie nur unregelmäßig am Gottesdienst teilnähme und selbst der Beichtvater nicht immer willkommen sei. Ihm kommt es eher so vor, als wolle sie den Eindruck von Frömmigkeit vermitteln, während sie ihren Hirngespinsten nachhängt.

Jetzt sitzt sie in einem üppig geschnitzten, ledergepolsterten Armsessel und hat das Kinn in die Hände gestützt. Sie hebt den Blick nur wenig, als die Speisen aufgetragen werden, und schiebt die Bissen mit den Fingern hin und her. Ihr leerer Blick verrät, dass sie kaum wahrnimmt, was auf den Schalen liegt. Aber einmal, ein einziges Mal weist sie auf das Aprikosenmus zum Zeichen, dass man es ihr nochmals vorlege. Adrian, der ganz im Hintergrund steht, wie es sich für einen Koch gehört, um Lob oder Schelte in Empfang zu nehmen, hat es wohl bemerkt und nimmt sich vor, den Süßspeisen noch größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Nach kaum einer halben Stunde bedeutet sie mit einer Handbewegung, dass man sich entfernen möge. Kein einziges Wort ist in dieser Zeit gefallen, die Verständigung erfolgte ausschließlich über Zeichen. Zwei Diener eilen herbei, um die Speisen in die Küche zurückzubringen, wo sie von Adrian verteilt werden, zwei andere heben die schwere Tischplatte auf und lehnen sie an die Wand, ebenso die Böcke, die sie trugen.

Adrian weiß, was nun geschieht, es ist an jedem Abend das Gleiche. Jeder in diesem Schloss kennt selbst das kleinste Detail, und die grausigen Einzelheiten sind ein immer wiederkehrendes Gesprächsthema.

Die alte Zofe, zahnlos, mit so vielen Falten, dass die Augen kaum noch sichtbar sind, aber immer noch geschickt im Ankleiden und Frisieren, steht bereit, um ihrer Herrin zu helfen. Sie ist das einzige weibliche Wesen am Hof, das die Hoheit duldet, denn ihre Eifersucht ist nach wie vor grenzenlos. Ein festliches Gewand wird es sein, das sie jetzt anlegt, eines von einem guten Dutzend, die alle ähnlich geschnitten sind. Ausladend und bauschig die Röcke, eng anliegend die Oberteile mit geschlitzten oder gepufften Ärmeln und tiefem viereckigem Ausschnitt, den ein reich gefälteltes, kostbares Untergewand bedeckt. Je nach Jahreszeit sind sie aus Samt, Brokat oder Seide gefertigt, mit Pelz oder Spitzen geschmückt. Den Kopf bedeckt eine Haube, darüber ein Schleier, der bis in die Stirn und über den aufgestellten Kragen fällt. Die Kleider entsprechen der Mode, jedoch findet sich keine Spur von Farbe daran. Nur die Edelsteine auf dem großen Kreuz um ihren Hals fangen Lichtstrahlen auf, die sich darin brechen. So gewandet wird sie sich gleich auf den Weg machen, begleitet von vier Fackelträgern und der Leibwache.

Die Entfernung ist nicht weit. Nur ein paar Schritte sind es bis zur Kapelle. Die Männer der Wache öffnen die Tür und beziehen daneben Stellung, während die Diener mit den Fackeln ihre Königin begleiten. Sie bedeutet dreien der Männer zu warten, einer geht ihr auf den Stufen nach unten voraus, schließt die Tür der Krypta auf und steckt die Fackel in eine Halterung. Der unruhige Schein erhellt diffus ein Kreuzgewölbe mit mehreren Sarkophagen an den Wänden. In der Mitte steht ein niedriger Katafalk, darauf ein großer Bleisarg, mit einem Holzdeckel verschlossen. Ein kalt-modriger Geruch hängt in dem Raum und noch ein anderer, süßlich und ekelerregend. Juana bedeutet ihrem Diener, den Deckel beiseite zu schieben und entlässt ihn dann mit einer Handbewegung, damit er sich zu den anderen geselle und warte. Hier will sie allein sein, keiner darf ihre Andacht stören.

Der Geruch ist intensiver geworden, aber sie scheint es nicht zu bemerken. Jetzt ist sie dem Geliebten nahe, jetzt kann sie Zwiesprache mit ihm halten und ihn mit Zärtlichkeiten überschütten. Er, der so viele Frauen liebte, gehört jetzt ihr ganz allein. Sie küsst sein Gesicht, von dem sich die Haut in Fetzen ablöst, seine Hände, seine Füße. Sie kann ihn wieder zum Leben erwecken, das weiß sie genau, durch die Kraft ihrer Liebe. Diese unverbrüchliche, unermessliche Hingabe wird Gott veranlassen, ihren Gemahl auferstehen zu lassen, in aller Herrlichkeit, so wie ihre Augen ihn erblicken. Nein, sie sieht nicht den verwesenden Leichnam, sondern Philipp, den Schönen, den Lebendigen, den zum Herrscher auserkorenen, mit dem sie Spanien und Burgund regieren wird. Nein, das ist keine Verrücktheit, wie die Leute sagen, die sie La Loca, die Wahnsinnige, nennen, es wird geschehen, so wie alles, an das man fest glaubt. Ihr ist wohl bekannt, dass manche in ihr keine gläubige Christin sehen, weil sie ihren Beichtvater nur selten empfängt. Was soll sie beichten? Es gibt keine Geheimnisse. Und doch glaubt sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Seele an Gott und seinen Sohn Christus, der an Lazarus bewiesen hat, dass es möglich ist, Tote zu erwecken. Wenn auch die anderen darauf beharren, dies könne nicht geschehen, ihr Tun sei unnütz, mehr noch, blasphemisch: Sie weiß es besser, denn auf dem Sterbebett hat sie das Versprechen erhalten.

Das alles ist jedem Mitglied des Hofes bekannt, sämtliche Einzelheiten und auch die Gedanken der Unglücklichen, flüstert sie diese doch ihrem Gemahl zu. Ihre Sinne seien durch übergroßen Kummer verwirrt, sagen die einen, andere wiederum rühmen ihren Glauben, der dem einer Heiligen gliche, und teilen die Hoffnung auf Erweckung.

Unwillkürlich schüttelt Adrian den Kopf, als er die beiden Meinungen abwägt. Nein, ich kann dieser Zuversicht nichts abgewinnen, weiß ich doch, wie lange ihr Gemüt bereits zerrüttet ist, wie lange bereits Wahnvorstellungen Platz griffen. Schon als der Herzog noch lebte, vermochte sie nur in seiner Anwesenheit Ruhe zu finden. War er gegangen, verfiel sie in Trübsal und Melancholie, wies jeden zurück, der sich ihr in guter Absicht näherte, verschloss sich jedem Rat, da ihr niemand ebenbürtig war, Ratschläge zu erteilen.

Wie grauenvoll auch diese nächtliche Zeremonie sein mag, so gebe doch Gott, dass die Königin an dieser Stätte bleibt, denn die Reise, die hinter uns liegt, war noch entsetzlicher. Das aber konnte niemand ahnen, als das königliche Paar den Fuß auf spanischen Boden setzte. Was für ein imposanter Empfang wurde ihm zuteil! Selbst ich war von der Prachtentfaltung beeindruckt, obwohl mir doch der höfische Prunk in Brüssel vertraut war. Der Adel überbot sich in der Zurschaustellung seines Reichtums, und Geschenke von unermesslichem Wert wurden überreicht. Das Volk zeigte sich überwältigt und bewunderte die eleganten Manieren, das einnehmende Äußere und die strahlende Jugend seiner Herrscher. Hätte mein Herzog doch nur die Warnung der alten Frau ernst genommen! Ich hörte mit eigenen Ohren, dass sie zu ihm sagte, er würde nach seinem Tod eine längere Reise durch Kastilien machen als zu Lebzeiten.

Aber an den Tod dachte damals niemand, obgleich er Philipp doch nur drei Monate nach seiner Ankunft, in seinem 29. Lebensjahr im Jahre des Herrn 1506, ereilen sollte. Das Paar hatte im Schloss von Burgos Wohnung genommen und verbrachte seine Tage mit Empfängen, Bällen und Banketten. Die Königin glänzte mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer Belesenheit, unterhielt sich mit den führenden literarischen und geistlichen Köpfen, während Philipp sich seiner Leidenschaft, der Jagd, widmete. Die Staatsgeschäfte mussten warten, in diesen ersten Wochen wurde nur das Allerdringendste erledigt.

Ich weiß noch wie heute, dass die Erkrankung meines Herrn aus heiterem Himmel angeflogen kam. Am Tag vorher nahm er noch mit großer Geschicklichkeit an einem Ballspiel teil, allerdings bei kühler Witterung ohne Kopfbedeckung, am nächsten Morgen erwachte er mit Fieber. Dieses Fieber kam und ging in den folgenden Tagen, Schmerzen traten auf, und er spie Blut. Am fünften Tag seiner Erkrankung schwollen Zunge, Gaumen und Zäpfchen so stark an, dass er kaum vermochte, den Speichel herunterzuschlucken. Die Kunst des Leibarztes, Meister Ambrosius, stieß an ihre Grenzen, sodass er um Hilfe schickte. Ein ganzes Konzilium von Ärzten kümmerte sich schließlich um den Kranken, aber nichts wollte helfen, weder Abführmittel noch Schröpfköpfe noch Aderlässe. Auch ich tat mein Bestes, indem ich kräftigende Brühen kochte, der er mit Hilfe eines Strohhalmes zu sich nahm, aber auch mir war kein Erfolg beschieden.

Am siebten Tag fing er stark an zu schwitzen, und die Ärzte hielten das zunächst für ein Zeichen der Besserung. Aber dann bildeten sich auf seinem Körper rot-schwarze Pusteln, sein Zustand verschlechterte sich rapide, bis er schließlich das Bewusstsein verlor. Ich war noch zweimal da, um ihm etwas Nahrung zu verabreichen, fand ihn aber jedes Mal in einem Dämmerzustand, aus dem er nicht mehr erwachte. Er erhielt die letzte Ölung und tat am Abend des neunten Tages, versehen mit den Heiligen Sakramenten, seinen letzten Atemzug.

Sobald er die Augen geschlossen hatte, fingen die Gerüchte an. Unmöglich könne er eines natürlichen Todes gestorben sein, so jung und im Vollbesitz seiner Kräfte. Vergiftet sei er worden, vielleicht sogar von seiner eigenen Gattin in einem Anfall von hysterischer Eifersucht, oder der Schwiegervater, Ferdinand von Aragon, habe seine Hand im Spiel, um den Thron von Kastilien an sich zu reißen. Ich aber weiß, dass nichts davon stimmt, denn durch meine Hand gingen alle Speisen und auch die Getränke. Mir ist wohl bewusst, dass hochgestellten Personen Gefahr droht, denn Neider gibt es zuhauf, und so ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen, mit geschärften Sinnen die Arbeit zu verrichten.

Zudem wich die Königin während der ganzen Zeit nicht von seiner Seite, schlief kaum und überwachte seinen Zustand. Sie war sehr ruhig und besonnen, ließ sich von den Ärzten über jede vorgesehne Maßnahme unterrichten und gab Anweisungen. Sie richtete den Kranken auf, um ihm Heilmittel einzuflößen, und nahm die Arznei selbst, wenn er den Kopf zur Seite drehte, um zu demonstrieren, dass sie gut schmecke.

Auch nach seinem Ableben blieb sie gefasst und ordnete an, dass man den einbalsamierten Leichnam, wie es den Gepflogenheiten entsprach, mit einem fürstlichen Brokatgewand bekleidete und in einen Prunksessel setzte. Mönche aller Klöster von Burgos – die Nonnen blieben ausgeschlossen – hielten mit ihr Totenwache und lösten sich bei den Klagegesängen ab. Tagelang dauerte das düstere Szenario, bis der Leichnam schließlich in das nahe gelegene Kloster überführt und bestattet wurde.

Jetzt aber, da alles vorbei war, begann die Königin, sich vom Leben zu entfernen. Sie zog sich vollkommen in sich selbst zurück, sprach nicht mehr und aß nicht mehr. Sie, die früher meine Kochkunst gelobt hatte, schüttelte nur noch den Kopf, wenn ich ihr die köstlichsten Leckerbissen zubereitete, und schob sie mit angeekelter Geste zur Seite. Nichts vermochte sie aus ihrem dumpfen Schmerz zu wecken. Besucher wurden weggeschickt, sie weigerte sich, ein Aktenstück zu lesen oder zu unterschreiben. Nur noch ausgewählte Diener hatten Zutritt. Auch ich genoss dieses Privileg, und so konnte ich beobachten, wie sie, die schon Jahre nicht mehr angemessen auf ihr Äußeres achtete, begann, es nun völlig zu vernachlässigen. Eine Ausnahme bildeten die pompösen Trauertoiletten, die jetzt auf ihren Befehl angefertigt wurden, und die sie jeden Abend mit aller Sorgfalt anlegte, um am Grab ihres Gatten zu beten.

Als sich jedoch in Burgos zum wiederholten Male eine ansteckende Krankheit ausbreitete, entschloss sie sich, die Stadt zu verlassen. Auch ich hatte diese Notwendigkeit schon lange erkannt und freute mich auf die Abreise. Diese Freude indes währte nur kurz, denn sie beschloss, den Sarg ihres Gatten mitzunehmen. Er wurde auf ihr Geheiß hin geöffnet, da sie sich mit eigenen Augen davon überzeigen wollte, dass es ihr Gemahl sei, der darin ruhte. Ein halbes Jahr war bereits verstrichen, und der Inhalt befand sich im fortgeschrittenen Zustand der Verwesung. Zu dieser Stunde wurde die geistige Umnachtung meiner Herrin zum ersten Mal offenkundig, denn hier begannen die Liebkosungen des zerfallenden Körpers.

Wir reisten nur in der Nacht, denn das Tageslicht war ihr zuwider. Abend für Abend, kurz nach Sonnenuntergang, wurde der Sarg auf einen schwarzen, mit Goldbeschlägen verzierten Wagen geladen, den ein Vierergespann von prächtig aufgezäumten Pferden zog, auch sie schwarz, mit schwarzen Federbüschen auf den Köpfen. Mönche mit Fackeln begleiteten das Gespann, die Majestät mit ihrem Gefolge schloss sich in Kutschen und Sänften an, dahinter, in angemessenem Abstand, kam Dienerschaft und Gesinde.

Der Zug bewegte sich langsam, da er durch unwegsames Gelände führte. Nur wenige Meilen kamen wir pro Nacht voran, sodass es mehrere Monate dauerte, bis wir unser Ziel erreichten, obwohl die Entfernung nicht allzu groß ist. Wenn es sich ergab, machten wir in Klöstern halt, jedoch nur bei Bruderschaften, denn keine Nonne sollte sich dem Herzog nähern. Viele Male rasteten wir jedoch in elenden Herbergen am Wegesrand, die für eine derartige Gesellschaft nicht gerüstet waren, und die Dienerschaft musste in den Ställen schlafen. An die Reinigung des Körpers war kaum zu denken, und nicht selten begleitete uns der Hunger.

Ein um das andere Mal verfluchte ich, mich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben. Meine Gebieterin aber schien die widrigen Umstände nicht wahrzunehmen, aß sie doch nur wie ein Vögelchen und das Waschen war in ihren Augen ein Luxus, der einer trauernden Witwe nicht zustand. Jeden Abend vollführte sie das Ritual der Sargöffnung und Zwiesprache mit dem Gatten, das von den einfachen Leuten mit Entsetzen und Abscheu beobachtet wurde. Wie froh waren diese Menschen, wenn der traurige Zug wieder abreiste! Und wie froh waren ich und sämtliche Begleiter, als wir schließlich in Torquemadas anlangten! Jetzt würde es ein Ende haben mit dieser unheimlichen Zeremonie, so hofften wir alle, jetzt würde der Leichnam endlich bestattet werden. Wie sehr sollten wir uns getäuscht haben!

Es ist fast Mitternacht, als Adrian durch den Rundbogen seines Fensters den Fackelschein erblickt, der ihre Rückkehr ankündigt. Es gehört zu seinen Aufgaben zu warten, ob die Herrin vor dem Zubettgehen noch etwas wünscht. Es geschieht nur ganz selten, dass man ihn ruft, und auch heute bleibt alles ruhig. Während die Dienstboten sich einen großen Gemeinschaftsraum teilen, hat Adrian das Privileg einer eigenen kleinen Kammer, ausgestattet mit einer breiten Holzbank, die ihm auch als Lager dient, einer Truhe und einem schmalen Schrank mit Holztüren, die im oberen Drittel gitterförmig durchbrochen sind, damit das Innere durchlüftet wird. Hier bewahrt er seine kostbarsten Gewürze, Safran, Pfeffer, Ingwer und Muskat, auf, die allzu leicht Begehrlichkeiten wecken, da man sie mit Gold aufwiegt.

Der Truhe entnimmt er eine Unterlage und eine gewebte Decke mit einem schönen Muster von Akanthusblättern, Geschenke seines verstorbenen Herzogs, wie auch ein Überwurf aus zusammengenähten Marderfellen, der ihm in der kalten Jahreszeit gute Dienste leistet. Er streckt sich auf der Bank aus und schließt die Augen. Aber der Schlaf will nicht kommen, denn die Gedanken drehen sich im Kreis, beschäftigen sich immer wieder mit der jetzigen Situation, die ihm zunehmend unerträglich erscheint und mit den Möglichkeiten eines Entkommens. Seiner Gebieterin bringt er keine Liebe entgegen, Respekt vor ihrer hohen Stellung, ja, auch Mitleid und einen gewissen Teil von Verständnis, aber das hier, das kann doch nicht seine Bestimmung für den Rest des Lebens sein!

Adrian seufzt und öffnet die Augen, um den Grübeleien Einhalt zu gebieten. Er steht auf und nimmt einen Steinkrug mit gewürztem Wein aus dem Schrank, der ihm als Teil seiner Entlohnung täglich zusteht. Er entfernt den Deckel, nimmt einen tiefen Zug und dann zwei weitere. Fast augenblicklich fühlt er eine Wärme vom Magen her aufsteigen. Noch ein Schluck, und er wird schlafen können. Sorgfältig verschließt er das Gefäß, stellt es an seinen Platz und legt sich nieder.

Früh weckt ihn Hufschlag im Hof, und er steht auf, um aus dem Fenster zu schauen. Besuch ist gekommen. Seit Tagen wurde er erwartet und ebenso lange bereits Vorbereitungen getroffen. König Ferdinand reist an, um seine Tochter zu treffen. Mit seinem Gefolge lagert er in einem kleinen Ort nur wenige Meilen entfernt.

Eine Gruppe von fünf Reitern auf edlen Pferden wird in Empfang genommen, glanzvolle Erscheinungen, in deren leichten Rüstungen sich das Morgenlicht spiegelt. Die Banner von Aragon und Kastilien sind vor ihnen aufgepflanzt. Francesco de Léon, Haushofmeister und entfernter Verwandter der Herrin, ist erschienen, und Adrian hört, dass Seine Majestät mit der jungen Gattin und kleiner Eskorte am Nachmittag eintreffen wird.

Er ist von Sorge erfüllt, wie das Zusammentreffen der beiden Damen wohl ablaufen möge. Wie wird seine Gebieterin auf eine Frau in ihrer unmittelbaren Nähe reagieren, noch dazu einer, die in der ersten Blüte ihrer Jugend steht und deren Schönheit man rühmt? Germaine de Foix, Nichte des Französischen Königs, ist zweifellos eine gute Partie und erste Wahl als Nachfolgerin Isabellas, und doch weist ihr Charakter offenbar Schattenseiten auf, das hört man überall. Hochfahrend und eitel soll sie sein, nur um ihr eigenes Wohlergehen besorgt. Gerüchte von ausschweifenden Festen machen die Runde, die sie abhielt, während ihr Gatte krank daniederlag. Zu fortgeschrittener Stunde soll sie sogar mit den Dienern getanzt und geschäkert haben.

Nein, geliebt wird sie vom Volk nicht. Ihr Leumund ist schlecht und wirft auch einen Schatten auf den Gemahl, dem man es zudem übel nimmt, dass er sich nur wenige Monate nach dem Ableben seiner Frau, der Königin von Kastilien, erneut vermählte, ohne die Trauerzeit einzuhalten. Die junge Majestät habe ihm den Kopf verdreht, heißt es, achtunddreißig Jahre Altersunterschied seien wider die Natur, die Tochter Juana älter als ihre Stiefmutter. Man müsse sich über gar nichts mehr wundern, wenn die natürliche Ordnung so auf den Kopf gestellt sei. Vielleicht wären die beiden nur angereist, um Kastilien an sich zu reißen. Aber das würde man sich nicht gefallen lassen, auch wenn das Benehmen ihrer Königin zurzeit aus übergroßem Kummer zugegebenermaßen etwas merkwürdig sei. Sobald sie sich jedoch gefasst habe, könne sie die Regierungsgeschäfte wahrnehmen, und die goldene Zeit einer milden und gerechten Herrschaft bräche an.

So spricht nicht nur das Volk, auch viele Adlige befürchten, dass ein Herrscher aus Aragon die Interessen Kastiliens nicht in geeigneter Weise wahrnehmen, sondern nur auf Bereicherung aus sein, Steuern und Abgaben erhöhen würde, um die Verschwendungssucht seiner Gemahlin zu finanzieren. Juana dagegen, die unglückliche Herrscherin, habe kastilisches Blut in den Adern, sie allein sei die Herrscherin, durch Gottes Gnade bis zum Tod an diesen Platz gestellt.

Bereits die Anwesenheit des Königs und seiner Begleitung wird misstrauisch beobachtet. Fast hundert Menschen wollen versorgt sein. Seit einer Woche leben sie in einer prächtigen Zeltstadt und feiern Feste. Jeden Abend hört man Lärm und Musik. Aus dem ganzen Umkreis wird Vieh, Öl, Butter, Wein, Obst, Gemüse und Getreide herbeigeschafft. Zwar gibt es eine Vergütung, aber die ist alles andere als üppig. Und wie die ausgeplünderten Bauern den Winter überstehen sollen, danach fragt niemand. Unzufriedenheit hat sich breit gemacht, der hohe Besuch wird zum Teufel gewünscht.

Als die Fanfaren zur Begrüßung der Ritter erschallen, schlüpft Adrian schnell in seine Schuhe und streift das Wams über, um zur Stelle zu sein, bevor man ihn rufen muss, um einen Imbiss aus Brot, Käse, Schinken und Wein bereit zu stellen. Heute ist ein großer Tag für ihn, heute muss er seine Kunst unter Beweis stellen. Seit die Kunde von dem Besuch eintraf, wurden Vorbereitungen getroffen und die Speisenfolge festgelegt. Nur die höchsten Würdenträger nehmen teil, zwölf Personen werden es sein, die gleiche Anzahl wie beim Abendmahl des Herrn Jesus Christus. Mit Rücksicht auf die Gepflogenheiten der Königin ist nur ein bescheidenes Mahl gewünscht, aber Adrian weiß, was er dem hohen Besuch schuldig ist. Sorgfältig hat er die Gerichte ausgewählt und dabei die Natur der drei Königlichen Hoheiten in die Planung einbezogen, denn nur wenn die Körpersäfte im Gleichgewicht sind, kann das Mahl einen harmonischen Verlauf nehmen. Bei seiner Herrin überwiegt die Gelbe Galle, die warm und trocken ist und ein cholerisches Temperament hervorruft. Den Vater kennt er weniger gut, doch scheint bei ihm die Schwarze Galle, kalt und trocken, eine wichtige Rolle zu spielen, denn er neigt zuweilen zur Melancholie, wenn es ihm auch an Energie und Entschlossenheit nicht fehlt. Was dessen Gattin betrifft, so kann er sich nur aus Erzählungen ein Bild machen. Ihr Temperament scheint überwiegend sanguin zu sein, geprägt von der Wärme und Feuchtigkeit des Blutes. Obwohl die Gelbe Galle ganz offensichtlich einen Anteil hat, erzählt man sich doch, dass sie einen hochrangigen Adligen ermorden ließ, als ihr zu Ohren kam, dass er schlecht über sie gesprochen habe.

Das alles ist auch bei der Auswahl der Speisen zu berücksichtigen. Nur die ausgewogene Mischung der Säfte, die auch in den Nahrungsmitteln Niederschlag findet, ist dem Menschen zuträglich und hält ihn gesund. Ein guter Koch weiß das und wird deshalb keineswegs Fisch mit Milch in Verbindung bringen, denn beides ist feucht und kalt. Genauso verhält es sich mit Obst, das deshalb eine Temperierung mit Pfeffer, Zimt, Nelken oder Ingwer erfordert. Niemals käme Adrian auf die Idee, seinen Aal im Rotweinsud ohne warme und trockene Gewürze aufzutischen. Dies zu beachten, ist Teil seiner Kunst und seines Erfolges.

Es ist kurz vor Mittag, und Adrian hat in der Küche das Gesinde versammelt, um die Aufgaben zu verteilen. Alle sind bereits genauestens über die ausgewählten Gerichte und deren Zubereitung instruiert. Euter wird es für die beiden Herrscherinnen geben, um sie nachgiebig und freundlich zu stimmen, Stierhoden für den König, damit seine Manneskraft gestärkt werde, um einen Thronfolger zu zeugen, den er so sehnlichst erwünscht. Diese wichtigen Gerichte hat er Jorge anvertraut, der ihre Zubereitung genauestens kennt, denn Adrian selbst muss sich um das Schaustück kümmern. Jenes aufzutischen, gebietet die eigene Ehre und der Respekt den Gästen gegenüber.

Obwohl bereits um fünf Uhr das Mahl beginnen soll, da man nicht im Schloss nächtigen will, bleibt Zeit genug, um jeden einzelnen Schritt nochmals durchzugehen. Zwölf Helfer, die gleiche Anzahl wie die der Gäste, alle gut mit den Küchenabläufen vertraut, stehen bereit, um die Anweisungen entgegen zu nehmen. Sechs Gerichte sind neben denen der Majestäten geplant, um die sich jeweils zwei Bedienstete kümmern. Seinen Erfahrungen zufolge ist es besser, wenn Frauen mit Frauen und Männer mit Männern zusammenarbeiten, da es ansonsten unweigerlich zu Reibereien und Anzüglichkeiten kommt, die den Ablauf empfindlich stören können.

»Ihr wisst, was auf dem Spiel steht«, schwört er seine Truppe ein, »das Schicksal der Herrin und damit auch das unsrige hängt von diesem Treffen ab. Wir können dazu beitragen, dass es nicht zum Streit kommt, denn je besser das Essen, desto sanfter und nachgiebiger wird der Mensch. Ich weiß, dass ich mich auf jeden Einzelnen verlassen kann, aber heute genügt es nicht, gute Arbeit abzuliefern, heute müsst ihr über euch hinauswachsen.«

Nicken und zustimmendes Gemurmel belohnen seine kleine Ansprache. Adrian bemerkt erleichtert, dass seine Schar bereit und motiviert ist, die Arbeit in Angriff zu nehmen, und beginnt damit, die Gruppen einzuteilen. Er beauftragt Ana und Maria, sich um die Fleischpastete zu kümmern, deren Teig bereits am gestrigen Abend fertig gestellt wurde, damit er ruhen konnte, und mahnt einen sorgsamen Umgang mit den Gewürzen, vor allem dem kostbaren, duftenden Macis, der Muskatblüte, an.

Während sich die beiden jungen Frauen, Töchter armer Bauern, die froh sind, mit ihrer Arbeit die Familien unterstützen zu können, mit Feuereifer ans Werk machen, wendet sich Adrian Eusebio und José, den bewährten Helfern zu. Ihnen kann er unbesorgt die Ausführung eines seiner selbst entwickelten Lieblingsrezepte anvertrauen. Gebratenen Kapaun mit Früchten soll es geben, und die beiden sind bereits dabei, die kastrierten, gemästeten Hähne in Teile zu zerlegen.

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23 декабря 2023
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210 стр. 1 иллюстрация
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9783967526530
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