Читать книгу: «Nox Arcanum»
Erbarmt Euch, Königin, würde ich es mir jemals erlauben,
einer Dame Wodka einzugießen? Nein, das ist reiner Sprit!
– Michail Bulgakow, Der Meister und Magarita –

Impressum
Copyright © 2013 by Edition Roter Drache für die Gesamtausgabe.
Copyright © der einzelnen Beiträge verbleiben beim jeweiligen Autor.
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, PF 10 01 47, 07391 Rudolstadt
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Buch & Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache.
Titelbild: Asenath Mason.
Übersetzung der Beiträge von Asenath Mason aus dem Englischen: Wolf Kaminski.
Lektorat: Julia Peupelmann.
Die Stiche zu jedem Kapitel stammen von Gustav Doré.
Gesamtherstellung: Wonka Druck.
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
ISBN 9783944180304

Inhaltsverzeichnis
Cover
Zitat
Titel
Impressum
Vorwort
Vama Marg – Der Pfad der Linken Hand
THOMAS LÜCKEWERTH
Erste Schritte zur Befreiung von der „Urschuld“ und deren Kompensationsstrategien
FRATER SDDB
Der Zorn Gottes – Vom Nutzen der Gottesfurcht für Luziferianer
FRATER PSYCHOPOMP
Die Goetische Magie – Eine kleine Einführung
ASENATH MASON
Etz Chajim und Ha-ilan ha-hizon: Der Lebensbaum und der Baum des Todes
CHRISTIANE & HOLGER KLIEMANNEL
Der Pfad des Drachen
ASENATH MASON
Ich bin Dynamit! – Von Philosophen, Runen und Vitamintabletten
FRATER PANDAGAZ247
Sutuach
FRATER EREMOR
Baphomet! – Auf den Spuren eines Mysteriums
DEYEMON & FRATER LUX ENEBRARUM
Dionysos
STEFAN PAPP
Böses um böses zu bekämpfen – Eine kurze Darstellung des assyrischen „Dämons“ Pazuzu
HOLGER KLIEMANNEL
Salja Heljar – Auf dem Weg zur Hel
DAEMON SUTEK
Die elf qliphotischen Kräfte Tiamats
ASENATH MASON
Sathanahata – Eine ägyptische Crossover Mantra-Meditation
FRATER EREMOR
Sufismus – Ein Zugang zum Pfad zur Linken?
FRATER LASH TAL-NHSH
Die Autoren
Anmerkungen

Vorwort
Einen Sammelband herauszugeben, egal zu welchem Thema, ist nie einfach. So manches einst geplante Buch ist an der Umsetzung gescheitert – umso erfreulicher, dass es mit diesem funktioniert hat und ihr nun endlich das lang angekündigte Nox Arcanum in den Händen halten könnt.
Den Hauptteil der Aufsätze kennt der eine oder andere Leser bereits aus der früheren Ausgabe Die Dunkelheit enthüllen, ursprünglich war Nox Arcanum hier als deren unveränderte Nachauflage geplant. Einige Beiträge wurden bewusst aussortiert, andere haben die Autoren nicht für einen Nachdruck frei gegeben, und so kristallisierte sich bei der Suche nach Ersatz für diese langsam ein neues Konzept heraus. Die Chaosmagie passte, so flexibel sie auch ist, nicht in dieses neue Schema hinein. Daher soll ihr eine eigene Essaysammlung gewidmet werden, vorausgesetzt es finden sich hierzu ausreichend Autoren.
Was erwartet den Leser also in diesem neuen alten Buch?
Eröffnet wird es von Thomas Lückwerth mit seinem interessanten Beitrag Vama Marg. In diesem erläutert er, was unter dem linkshändigen Pfad zu verstehen ist und inwiefern er sich vom rechtshändigen unterscheidet. Ein Thema, über welches sich noch mehr schreiben und auch streiten ließe, als es der Platz in diesem Buch zulässt.
Frater SDDB führt uns auf die Ersten Schritte zur Befreiung von der Urschuld und deren Kompensationsstrategien. Denn erst wenn ein Magier sich von seiner Unschuld in jeglicher Form befreit hat, steht ihm der Weg zur Selbstvergöttlichung wirklich frei. Der im Beitrag beschriebene Ritus enthält dabei psychologisch-spirituelle Ideen, die der Quantenpsychologie nach Stephen Wolinsky entstammen.
Anschließend erzählt uns der Chaosmagier Frater Psychopomp‘ in Der Zorn Gottes: Vom Nutzen der Gottesfurcht für die Luziferianer und umreißt, was die eigene Göttlichkeit, deren Vorhandensein gern schnell und mühelos behauptet wird, eigentlich bedeutet und welche Konsequenzen sie hat. In seinem Beitrag geht es um die Entwicklung des eigenen Fanatismus und die Frage, wieso dieser für den Luziferianer nützlich ist und wie man hierdurch seine eigene Göttlichkeit näher kennen lernt. Also lest und genießt!
Seit der frühen Antike ist die Evokation von Dämonen und den Geistern Verstorbener überliefert. Hierzu sind die Grimoires, allen voran die Goetia, wichtige magische Zeugnisse. Über die Geschichte und die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Grimoires berichtet Asenath Mason uns in ihrem ersten Beitrag Die Goetische Magie.
Christiane & Holger Kliemannel wissen uns von den Etz Chajim und Hailan ha-hizon, Der Lebensbaum und der Baum des Todes der jüdischen Mystik, zu erzählen. Neben einer kurzen Einführung in die Sephiroth enthält ihr Beitrag eine Darstellung der 11 qliphotischen Ebenen sowie eine Reise zur Qlipha Thagirion mittels des Sorath-Symbols nach Rudolf Steiner.
Im Anschluss stellt uns Asenath Mason in Der Pfad des Drachen die drakonische Tradition als Initiationssystem in den Linken Pfad vor. Mythen über Schlangen und Drachen lassen sich auf der ganzen Welt fest machen und repräsentieren dabei die Urformen Chaos und Finsternis. Aus diesem Grund kann man auf dem drakonischen Pfad mit allen kulturellen Glaubenssystemen und Religionen arbeiten.
Nach diesem Beitrag geht es gleich mit praxisbezogener Arbeit von Frater Pandagaz247 mit dem schönen Titel Ich bin Dynamit! – frei nach dem gleichnamigen Ausspruch des Philosophen Friedrich Nietzsche – weiter. Sie zeigt uns, dass man mit Vitamintabletten einer Selbstvergöttlichung näher kommen kann als so manch einer glaubt.
Der darauf folgende Block besteht aus Darstellungen zu einigen Gottheiten. Den Reigen eröffnet Frater Eremor; er widmet sich in seinem Beitrag ganz dem ägyptischen Gott Seth mit seinem ursprünglichen Namen Sutuach. Dabei zeigt er den Wandel auf, welchen der Gott im Laufe der Jahrhunderte in Ägypten erfuhr, vom Verteidiger des Sonnengottes Ra gegen die Unterweltschlange Apep bis hin zum Bösewicht Nummer eins des ägyptischen Pantheon.
Deyemon & Frater Lux Tenebraum wandeln auf den Spuren von Baphomet!, von seinen ersten Erwähnungen in den Verhörprotokollen der Templer über jene bei Crowley und LaVey bis hin zum Ordo Baphomae. Dabei kommen die beiden Autoren zu dem interessanten Schluss, dass es keine Schlussfolgerungen gibt.
Stefan Papp bringt uns Dionysos näher und wirft die Frage auf, ob der Gott des Rausches den Adepten des Linken Pfades nützlich sein kann, oder ob man auf dem Weg zur Selbstvergöttlichung dem Alkohol entsagen sollte. Dagegen spricht laut des Verfassers, dass der Gott des Rausches auch den Wahnsinn nährt und dadurch im trunkenen zustand Facetten hervorholt, welche nüchtern eher unterdrückt werden.
Holger Kliemannel legt in seinem Beitrag dar, dass der assyrische ‚Dämon’ Pazuzu benutzt wurde, um Böses mit Bösem zu bekämpfen. Pazuzu spielt im Film Der Exorzist eine wichtige Rolle und erlebt seitdem eine Renaissance. Ob die Beschreibungen im fiktiven Necronomicon zutreffend sind, und was es mit Pazuzu und Heilung auf sich hat, das erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Daemon Sutek erfreut den Leser mit einer Reise in die Unterwelt des germanischen Pantheons namens Salja Heljar - das Reich der Hel, eines der Kinder Lokis. In dieser Meditation opfert sich der Praktizierende selbst, wird symbolisch zerstört und wiedergeboren – um anschließend aus dem Totenreich mit Wissen, neuen Eigenschaften oder magischen Fähigkeiten zurück zu kehren.
Asenath Mason beschließt diesen Block mit den Elf qliphotischen Kräften Tiamats. Sie stellt uns die babylonische Göttin und ihre elf Ungeheuern vor, wie sie im Epos Enuma Elish beschrieben werden, und deren Bezug zu den Qliphoth.
Nach diesen Dämonen- und Götterdarstellungen folgt die ägyptische Crossover Mantra-Meditation Sathanahata von Frater Eremor. Diese Meditation basiert auf einer Passage aus dem Buch des Nichtsterbens und dient der Annahme verschiedener Gottformen.
Den Abschluss des Sammelbands und zugleich den längsten Beitrag bildet der Aufsatz von Frater LaSh Tal NSH, in welchem er die Frage stellt, ob der Sufismus einen Weg zum Linken Pfad bereitstellt. Diese Frage scheint auf den ersten Blick unberechtigt zu sein, aber gerade das Aufwerfen solcher provokativen Theorien ist ein Bestandteil des Linken Pfades. Damit es nicht nur eine theoretische Abhandlung bleibt, hat der Autor kleine Übungen mit einfließen lassen.
Damit wäre die Darstellung der einzelnen Arbeiten auch schon geschafft und viel bleibt nicht mehr zu sagen. Ich wünsche allen Lesern viel Freude beim Lesen, den Praktikern kraftvolle Erfahrungen und den Autoren danke ich für die Teilung ihres Wissens. Nox Arcanum ist alles in allem eine farbenprächtige Darstellung des dunklen Pfads.
Holger Kliemannel am chinesischen Neujahr, Jahr der Schlange

Die Straße der Ausschweifung führt zum Palast der Weisheit.
– William Blake, Sprichwörter der Hölle –

Vama Marg
Der Pfad der Linken Hand
THOMAS LÜCKEWERTH
Spirituelle Konzeptionen lassen sich seit jeher in zwei Grundtypen klassifizieren: Den passiven Glauben und den aktiven Glauben. Die in Westeuropa vorherrschende Glaubensstruktur (das Christentum) ist dem passiven Aspekt zuzuordnen, daher liegt es auf der Hand, dass sie ihren aktiven Gegensatz zu verneinen bzw. zu bekämpfen versucht. Die naheliegendste Dämonisierung der religiösen Konkurrenz wurzelt in der Entfesselung der menschlichen Urängste; eine Methodik, die seit Anbeginn der Zeit von religiösen wie politischen Strömungen höchst erfolgreich angewandt wird: Der spirituelle Gegner ist immer die Verkörperung des Bösen; das Ruchlose, er vergiftet Brunnen und schlachtet Kinder, er trifft sich an geheimen Orten und vollzieht grausame Riten, sein Handeln zielt immer auf den Umsturz der herrschenden Ordnung ab. Doch tatsächlich wächst inmitten der Ordnung und Rechtschaffenheit eine philosophische und spirituelle Blüte heran, die nur von wenigen verstanden und praktiziert wird. Diese kleine Blüte entfesselt jedoch eine Dynamik, die es problemlos mit der gigantisch wirkenden Kraft der Ordnung aufnehmen kann. Tatsächlich scheint sie sogar reifer zu sein, denn sie benötigt nur sich selbst. Sie blüht aus sich selbst heraus und schlägt sich in jeder Umgebung durch, gleichgültig wie feindlich die Umwelt es mit ihr meint. Diese Blüte nennen wir den Pfad der Linken Hand.
Um den Begriff des Linkshändigen Pfades zu klären, müssen wir das Terrain des Christentums verlassen und uns mit einem weitaus komplexeren religiösen Konzept befassen: Dem Hinduismus. Der traditionelle Hinduismus predigt die Askese und die Abstinenz als Pfad zur Weisheit und gibt eine Vielzahl von Regeln und Anleitungen zur Reinigung und Selbstkasteiung vor. Dies ist der Pfad der Rechten Hand; der Weg der Ordnung. Der Anhänger des Rechten Pfades verneint und verteufelt die Erde und das irdische Dasein; er sehnt sich nach der Auslöschung seines Egos, will dieses mit der großen Leere vereinen, um das Leid, welches jegliches menschliches Dasein verkörpert, zu beenden. Der Anhänger des Linken Pfades bindet sich an die Erde und zelebriert sein fleischliches Dasein. Je nach Paradigma glaubt er an eine irdische Existenz, aus der es alles herauszuholen und auszuschöpfen gilt, oder an die Wiedergeburt, bei der er sich für immer an die Erde bindet. Das Fleisch, dem sich der Asket zu entziehen versucht, ist das Herz und das Ziel des Anhängers des Linken Pfades. Der Rausch der Ekstase wird der Stille der Meditation vorgezogen. Anhängern des Rechten Pfades ist beispielsweise der Genuss von Fleisch, Fisch und Alkohol verboten, während sie im Linken Pfad fester Bestandteil des Kultes sind.
In Zeiten, in denen heute selbstverständliche Zivilisationsgüter undenkbar waren, wischte man sich nach der Ausscheidung von Kot das Gesäß mit der linken Hand ab, um das Essen, welches mit der rechten Hand eingenommen wurde, rein und sauber zu halten. In dieser simplen und leicht unappetitlichen Tatsache liegt die Wurzel des Begriffes des „Pfades von der Linken Hand“. Das Linke gilt als Unrein. Als böse und teuflisch wird es verfemt; sprachlich hat sich über die Jahrhunderte hin ein Dualismus etabliert, der im Deutschen besonders stark zum Ausdruck kommt. Doch auch im Englischen schlägt sich diese Negativbehaftung unter anderem in dem Begriff „sinister“ nieder, der so viel wie „finster/düster“ bedeutet und vom Lateinischen „sinistra“ abstammt, was nichts anderes als „links“ bedeutet. Noch in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts war es üblich, linkshändigen Kindern gewaltsam den Gebrauch der rechten Hand anzutrainieren. Diese völlig sinnlose und dumme Maßnahme ist symbolisch und prägnant für die unbewusste Angst vor dem „Linken“; vor dem, was anders ist und sich abseits der gesellschaftlich akzeptierten Norm bewegt.
Die rechte Seite wird traditionell mit dem Guten assoziiert, sie steht für Ordnung, für das uns Vertraute und Bekannte, das Licht und die Vernunft, für Sicherheit und Ratio. Sie repräsentiert den Weg, den unzählige vor uns bereits beschritten haben und von dem allgemein angenommen wird, dass es „natürlich„ ist, ihn zu betreten.
Die linke Seite hingegen steht für das (vermeintlich) Böse, für das Chaos, für alles Unbekannte, die Dunkelheit, den Instinkt und die Gefahr. Es ist jener Weg, vor dem wir immer gewarnt werden, da er durch unbekanntes und gefährliches Terrain führt.
Der Vama Marg entzieht sich jedoch einer moralischen und ethischen Diskussion im allgemeinen; er kann nicht im Vorfeld als „böse“ oder „verwerflich“ abgestempelt werden, denn zunächst ist er nicht mehr als ein Bekenntnis zum fleischlichen und irdischen Dasein. Zu Verirrungen, die wir aus unserer Perspektive als ethisch für nicht vertretbar erachten, kann es auf jedem Pfad kommen. Der schlechte Ruf des Vama Marg wurzelt in seiner Verweigerungshaltung vor göttlichen Autoritäten und deren Stellvertretern; er ist in dem Sinne durchaus anarchisch und im wahrsten Sinne des Wortes individualistisch. Für einen Anhänger göttlicher Ordnung stellt sich eine derartige Ignoranz gegenüber der Schöpfung und der Allmacht Gottes als verwerflichste Blasphemie dar; damals ebenso wie heute. Die organisierte Religion bietet den Gläubigen Mittler und Wegweiser auf ihrer spirituellen Suche an, der direkte Kontakt zum Göttlichen wird jedoch unterbunden. Ein direkter Kontakt würde die bestehende Ordnung zerbersten und die Macht der organisierten Religion sprengen. Der Anhänger des Linken Pfades sucht diesen Kontakt. Er fristet daher auch in den meisten Kulturkreisen ein Leben als Eremit; er mag im vereinzelten Austausch mit anderen stehen, lebt seine Religiosität jedoch primär für sich.
Vama bedeutet zudem soviel wie „Frau„; weitere Assoziationen sind der Mond und, wie sollte es anders sein, die Erde. Die Energien des Vama Marg sind chthonischer Natur; daher wird die Erde des Vama Marg auch nicht von der Sonne, sondern vielmehr vom Licht des Mondes befruchtet. Übersetzen wir Vama Marg mit „Weg der Frau„, so steht dies für eine archaische Vereinigung des Individuums mit der (Erd)Göttin. Diese Vereinigung besitzt einen gleichermaßen symbolischen, rituellen und spirituellen Charakter. Die Symbolebene wurde bereits eingangs erklärt, das Ritualelement wird unter anderem durch die sexuellen tantrischen Elemente verkörpert, während die spirituelle Komponente wiederum den Schwur und das Bekenntnis zur Erde bedeutet (also die Vereinigung mit der Erdgöttin).
Der Linkshändige Pfad vollzieht sich zumeist abseits der gesellschaftlich-religiösen Ordnung; er entwickelt sich quasi entgegengesetzt zur populären spirituellen Strömung. Die Inhalte des Vama Marg sind daher nicht zwingend traditioneller Natur, sondern vielmehr wird mit der gesellschaftlichen Akzeptanz einer Strömung der Nährboden für ihren linkshändigen Schatten vorbereitet. Die Saat des linkshändigen Pfades keimt auf in jeder religiösen Strömung, denn die Existenz des einen ist die Voraussetzung für die Geburt des anderen. Während die Primärströmung zur Massenkompatibilität eine grundlegende Schlichtheit besitzen muss, um von der Masse anerkannt zu werden, so reifen die Sekundärströmungen zumeist in kleinen Gruppierungen und Bewegungen. Die Struktur der Sekundärströmung ist zumeist vielschichtiger und fordert den Gläubigen sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene. Die Primärströmung hält für den durchschnittlich spirituell aktiven Menschen eine Auswahl an Lebensweisheiten und Regeln bereit, während der anspruchsvollere Anhänger des rechtshändigen Pfades diese Regeln detailliert untermauert, dabei jedoch das bereits vorgegebene Dogma nicht unterlaufen kann. Tut er dies dennoch, so wird er sich dem Verdacht aussetzen, dem Linkshändigen Pfad zu folgen. Die Primärströmung kann sich nur dadurch am Leben erhalten, dass sie nicht angezweifelt und nicht zu komplex wird, da dies den Glauben der Masse, welcher die Voraussetzung für den Machterhalt ist, schwächen würde. Dies würde letztendlich zum Untergang der Strömung führen. Diese Gebundenheit an das Dogma ist eine tragikomische Facette des Glaubens, bedenken wir beispielsweise die Folgen der Inquisition. Selbst die abgrundtief lächerlichsten Anschuldigungen wurden über Jahrhunderte aufrechterhalten, da auch nur ein ansatzweise geäußertes Schuldeingeständnis den Machtverlust zur Folge gehabt hätte. Der Linkshändige Pfad hat mit derartigen Strukturen keine Probleme, da es diese schlichtweg nicht gibt. Der Rechtshändige Pfad ist an das Kollektiv gebunden, der Linkshändige Pfad an das Individuum selbst. Der Vama Marg kennt kein Rechtfertigen vor göttlichen Instanzen oder deren Stellvertretern auf Erden, da der Praktizierende diese Rollen selbst einnimmt. Dass in dieser Grenzenlosigkeit oder, wenn man so will, äußeren Gottlosigkeit, auch eine gewisse Gefahr für das Individuum und dessen Umfeld lauern kann, versteht sich von selbst. Doch letztendlich ist diese Gefahr geringer als bei der Primärströmung, da der Linkshändige Pfad die Moralinstanzen in sich selbst, und nicht bei externen Göttern oder Autoritäten sucht. Dass dieser Weg letztendlich ein höheres Maß an Verantwortung für sich und seine Umwelt hervorbringt, zeigt uns die Geschichte anhand zahlreicher Beispiele.
Aspekte des Linkshändigen Pfades finden sich in zahlreichen religiösen und esoterischen Strömungen. Auch die bekannteste Spielart der Esoterik, die Kabbala, verfügt über eine Schattenseite. Sie stellt den Lebensbaum Otz Chiim, die zentrale Glyphe der kabbalistischen Lehre, auf den Kopf und tauft ihn Ha-Ilan Ha-Izon: Baum des Schattens. Anstelle der Sephiroth, welche den Weg der göttlichen Schöpfung vom grenzenlosen Licht hin zur materiellen Erde versinnbildlichen, treffen wir am Baum des Schattens auf die Qliphoth. Die Qliphoth stellen die Schattenseiten der Sephiroth dar und stehen für die lichten Aspekte in ihrem Zustand vor der Schöpfung. Sie sind sozusagen die pränatalen Sephiroth; die sich in einem kreativen Chaos befinden. Das Bewusstsein des linkshändigen Kabbalisten wird also in den Zustand vor der Schöpfung versetzt um letztendlich selbst als Schöpfer zu agieren. Während der traditionelle Kabbalist ehrfürchtig die Schöpfung zu verstehen und zu erforschen versucht, ernennt sich sein linkshändiger Gegenpart selbst zum Schöpfer. Die Welt der Qliphoth wurde in den siebziger Jahren intensiv durch Kenneth Grant erforscht und beschrieben, unterstützt wurde er dabei von seinem Medium Maggie Ingalls/Soror Nema, die nicht zuletzt durch die Proklamation des Aeons der Maat bekannt sein dürfte. Grant ist bis heute die Primärquelle für Kabbalisten des linken Pfades; seine Forschungen wurden in den neunziger Jahren unter anderem durch den Schweden Thomas Karlsson fortgeführt, der sich ausführlich mit den Qliphoth und der linkshändigen Kabbala beschäftigt.
In der ägyptischen Mythologie, die ein exzellentes Beispiel für eine feste und bis ins Detail durchdachte und strukturierte Hierarchie ist, begegnen wir dem Linkshändigen Pfad in der Gestalt des Gottes Seth, der permanent die göttliche Ordnung in Form seines Bruders Horus attackiert. Horus, der geflügelte Falkengott, wird natürlich mit dem Himmel assoziiert, während Seth für die chthonischen Kräfte der Erde steht. Erze im Erdboden nannten die alten Ägypter die „Knochen des Seth“. Hier finden wir also erneut die Kräfte des Linken Pfades im Erdinneren, während jene des Rechten Pfades im Himmel weilen. Obwohl Seth sich gegen die bestehende göttliche Ordnung wendet, handelt er nicht gegen die Schöpfung, sondern tritt vielmehr als deren Bewahrer auf, denn einer der bekanntesten Mythen um Seth erzählt von seiner nächtlichen Fahrt auf der Sonnenbarke, bei der er die Meeresschlange Apep in Schach hält, welche die Schöpfung vernichten will. Ebenso gibt es Darstellungen der Sonnenbarke, bei der diese von Seth-Tieren, und nicht, wie üblich, von Schakalen gezogen wird.
Ein Pyramidentext setzt die Kraft Seths gleich mit der Kraft der Pharaonen; ein Ausspruch, dessen überwältigende Bedeutung wir erst dann verstehen können, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass die Pharaonen als Götter betrachtet und behandelt wurden (dies ist also letztendlich nichts anderes als die Gottwerdung der Linkshändigen Kabbalisten). Anders als im Christentum waren sie keine Stellvertreter mit vermeintlich gutem Kontakt nach oben, sondern tatsächliche Emanationen göttlicher Macht.
Im Namen des Set, roter Gott, schwarzer Gott.
Wir preisen Dich, Set,
Vielverkannter, Ofterkannter,
Brecher der ehernen Tafeln,
Brecher, Zerbrecher,
Grenzerhöher, Grenzzerstörer,
erschaffender Geist,
sich erhebend aus totem Gebein und der Asche der Sterne.
Du gelangst in unsere Welt aus den endlosen Wüsten,
der Weite des Meeres,
den Unendlichkeiten des Alls,
umgürtet mit der Schlange Leviathan,
Dein Kelch ist ein schwarzes Loch,
verschlingend und gebärend am Firmament hinter dem Westtor,
wo sich die Nebel des Chaos umwinden.
Dein pulsierendes Herz ist reine, rote Glut,
auf dem Amboss der Zeit geschmiedet in der Stadt der Pyramiden.
Und das Feuer lodert auf und blitzt durch Deine Augen,
die entflammen, was sie erblicken.
Du bist fest verwurzelt in den Tiefen der Erde,
in Ewigkeit verschlungen mit Deiner Mutter,
die Deine Geliebte ist im Zentrum Deines Zeichens,
dem Taukreuz.
Und doch trägt der Nachtwind Dich fort in die fernen Reiche bis
hinter die Sterne,
hinein in unsere Träume,
unser Sehnen, Wünschen und Lieben,
unser Streben, Hassen und Zähnezeigen.
Seth, ich bin wie Du, ein Werdender!
Ich habe mich aufgerüstet zu voller Größe.
Da ist ein Gott, wo ich bin.
Alles Heil dieser Welt,
wir bleiben Deiner Erde treu, Set!
Wir leben im Wind, im Sturm.
Wir leben auf der Erde und graben unsere Hände tief hinein.
Wir sind das Feuer und unsere Stütze ist ein Stab,
der die Schlange birgt. 1
(Frater Eremor)
Diese Anrufung des Gottes Seth beinhaltet mit der Gottwerdung, dem Schwur an die Erde und der Symbolik der Schlange die drei prägnantesten Motive des Vama Marg. Ebenfalls in diesem Kontext muss das Sinnbild Kephras gesehen werden, dem Skarabäus, der sich aus sich selbst heraus erschuf. Kephra gilt als Erscheinungsform des Urgottes Atum und würde in späterer Zeit als ein Aspekt des Sonnengottes Re gedeutet. Kephra symbolisiert das sich selbst Erschaffen, das aus sich selbst heraus Werden. Kephra gebiert sich selbst, aus seinem eigenen Willen heraus formt er sich und erhebt sich am östlichen Firmament. Die diesem Sinnbild innewohnende Symbolik ist zutiefst mit dem Linkshändigen Pfad verbunden, ist Kephra doch keiner höheren Macht unterworfen, sondern wird selbst zum Schöpfer. Er befindet sich in einem permanenten Schöpfungsprozess, denn er „ist“ niemals, sondern er „wird“ beständig. Kephra ist vergleichbar mit dem ewig strömenden Tao und dem „Wyrd“ der nordischen Mythologie. Eine ständige und niemals abgeschlossene Schöpfung, die lediglich dem eigenen Willen folgt. Dieser Logik folgend zeigt die ägyptische Hieroglyphe für den Terminus „Entstehung“ eben jenen Käfer. Interessanterweise haben wir es hier aber mit einem gezähmten Aspekt des Linkshändigen Pfades zu tun, denn anders als Seth, der auch zu altägyptischer Zeit gefürchtet wurde, erfreute sich die Gestalt Kephras großer Beliebtheit, was sich nicht zuletzt an der bis heute anhaltenden Tradition der Verwendung Kephras als Glücksbringer in Gestalt des Skarabäus zeigt.
Schwerer zu fassen ist der Linkshändige Pfad im Rahmen der germanischen Religion. Es gibt hier kein klassisches dualistisches Schema, alle Götter haben gute und schlechte Eigenschaften und ihre Schicksale sind zutiefst miteinander verwoben. Das Gute entsteht hier aus dem Bösen und umgekehrt – die komplexe Mythologie, die wir aus den Götterliedern der Edda und den wenigen religiösen Überlieferungen rekonstruieren können, zeugen zumeist von einer neutralen Schilderung der Verhältnisse. Die moralischen Elemente sind vergleichsweise rar gesät.
Dennoch gibt es auch hier Hinweise, dass es eine Form des Linkshändigen Pfades gegeben hat. So stürmt im Lied Aegisdrecka eda Lokasenna der zweigesichtige Loki ein von Aegir für die Götter bereitetes Festmahl und provoziert jeden Gast mit vermeintlichen Schandtaten der Vergangenheit. Auch Odin, der oberste Göttervater, bleibt davon nicht verschont und nimmt von Loki folgende Schmähworte entgegen:
Du jedoch, sagt man, schlichest auf Samsö
Umer und klopftest, als Hexe verkleidet,
an den Hausthüren an. Du wandertest zu den Völkern
als Weissage-Bettel, als schlimmes Scheusal
nach meiner Schätzung.
Diese Worte deuten auf die altgermanische Seiðr-Magie hin, die in erster Linie von Frauen praktiziert und zur Zukunftsdeutung angewandt wurde. Seiðr stand in dem Ruf „unmännlich“ zu sein, was wir, in Anbetracht des ethischen Wertesystems der Germanen, durchaus gleichsetzen können mit dem, was in manchen Kulturen der Begriff „links“ ausdrückt. Zentral ist beim Seiðr der Verlust der Kontrolle über den Körper; ein ekstatischer Zustand wird angestrebt, in dem der Kontakt zur Anderswelt hergestellt wird. Die Sagas berichten von verschiedenen Seiðr-Seherinnen und auch ihre Verfolgung wird dort gut dokumentiert. Seiðfrauen und Seiðmänner schienen als kultische Söldner zu agieren, sie standen in dem Ruf, Hagel- und Schadenszauber zu verbreiten. Interessanterweise sind das die gleichen Vorwürfe, die man noch heute den Böns vorwirft und die ihr berühmtester Vertreter, der Yogi Milarepa, in seiner Jugend auch intensiv praktizierte. Ähnlich wie in den buddhistischen Strömungen, in denen sich zahlreiche schamanische Elemente aus der Vorzeit eingebunden haben, so mag auch der Seiðr eine Praxis sein, die vor dem Einfall der indoeuropäischen Asen gemeingültig war. Wir stoßen hier erneut auf das bekannte Prinzip: Der Seiðr gehört zu den Wanen, den Erdgöttern, den chthonischen Kräften, während es die Asen in den Himmel, nach Asgard, zieht. Auch hier lässt sich die Trennung vollziehen, wenn die beiden Kräfte in der Mythologie auch ihren Frieden miteinander schließen und sich gegenseitig achten und respektieren.
Ein oft genanntes Werkzeug auf dem Weg des Linkshändigen Pfades ist die Feuerschlangenmeditation: Kundalini-Yoga. Als Kundalini wird die Feuerschlange bezeichnet, die im Körper des Menschen schlummert und durch die nach ihr benannten Meditation erweckt werden soll: Sie ruht im Schoß und wenn sie sich durch die Kraft der tantrischen Übungen erhebt und durch die Chakren aufzusteigen beginnt, öffnet sie das dritte Auge. Die Symbolik der Schlange ist in diesem Zusammenhang ungemein interessant, ist sie doch ebenfalls im Christentum das Symbol für das Unreine und Böse (also für das „Linke“) schlechthin. Es ist daher nicht überraschend, dass viele buddhistische Strömungen das Konzept der Kundalini und auch Kundalini-Yoga ablehnen und es als gefährlich einstufen.
Im Buddhismus gibt es die Strömung des Bön-Po, die buddhistische Elemente mit weitaus älteren Praktiken und Ansichten der schamanischen Bön-Tradition vereint. Vertreter dieser Strömung bewegen sich abseits der gängigen religiösen Hierarchie und sind zumeist Einzelgänger, Eremiten und gemiedene Sonderlinge. Der moderne Buddhismus hüllt gern den Mantel des Schweigens über den Bön-Kult, er wird als Relikt einer alten und primitiven Zeit angesehen, ausgestattet mit Aberglaube und primitiven Ritualen. Dass sich dieses buddhistische Schamanentum jedoch durch die Jahrhunderte behaupten konnte, spricht für sich selbst. Eine Fundgrube für Informationen über den Bön-Kult stellt das umfangreiche literarische Vermächtnis der Alexandra David-Néel dar, die von zahlreichen Begegnungen mit Anhängern der alten schamanischen Tradition berichtet. Alexandra David-Néel (1868 - 1969) studierte in Paris Orientalistik und verbrachte mehr als drei Jahrzehnte ihres Lebens in Asien. Zumeist lebte sie in Tibet, studierte die buddhistischen Traditionen und verbrachte hier unter anderem ein Jahr in einer selbstgebauten Einsiedelei auf viertausend Metern Höhe. Sie wurde als erste Europäerin in den Stand eines Lamas berufen und verfasste eine Vielzahl von Büchern über ihr angesammeltes Wissen. In ihrem Buch „Liebeszauber und Schwarze Magie“ berichtet sie über eine Gruppe von Schwarzmagiern, die hinter buddhistischen Klostermauern am „ewigen Leben“ arbeiten und dabei auch nicht vor Menschenopfern zurückschrecken. Das Buch ist in Romanform geschrieben, doch betont David-Neel, dass die Informationen und Inhalte auf wahren Begebenheiten beruhen, die ihr verschiedene Eingeweihte des Bön-Kultes mitgeteilt haben. Beschrieben wird dort unter anderem ein Ritus, bei dem ein Elixier hergestellt werden soll, welches den Anhängern des Bön-Kultes ewiges Leben schenkt. Das Opfer wird lebend in eine Grube geworfen, die mit einer Steinplatte abgedeckt ist:
Eine Steinkonstruktion in Form eines großen viereckigen Tisches nahm fast die ganze Höhle ein und ließ nur einen sehr schmalen Gang ringsum. Die Deckplatte dieses Tisches war ganz aus Eisen und von mehreren großen Löchern durchbrochen. Es konnte ein kunstloser, dem Berggenius oder irgendeinem Dämon geweihter Altar sein. Der Bön führte verschiedene Gebärden aus. Er ließ sein Gewand fallen und erschien nackt; ein Skelett, wie sein Gesicht mit einer dünnen, über die Knochen gespannten Haut bedeckt. Von einem Felsvorsprung nahm er einen kleinen runden hohlen Löffel, der mit einem langen Stiel versehen war, tauchte diesen dann in eines der offenen Löcher der Tischplatte und schien etwas zu schöpfen. Er wiederholte dies mehrmals, indem er den Gehalt des Löffels jeweils über verschiedene Teile seines Körpers goss und ihn dann einrieb. Währenddessen hörte sein gedämpfter Singsang nicht auf. (…)
‚Dies ist der wahre Trank der Unsterblichkeit‘, brachte er lehrhaft hervor. ‚Die Lebenskraft junger und kräftiger Männer ist darin aufgelöst. Für jeden anderen als einen Eingeweihten ist dieser Trank tödlich; für den auf seine Aufnahme vorbereiteten Eingeweihten wird er zur Quelle unvergänglicher Kraft. Schätzt Euch glücklich, mein Sohn, dass Ihr zum Unterhalt dieser Quelle habt beitragen können, die die oberen Meister zu wahren Göttern machen wird.‘2
Der Bön-Meister spricht hier zu seinem Opfer unterhalb des Altars, der, in der Grube eingeschlossen, bei lebendigem Leibe zwischen den Überresten seiner Vorgänger verwest und aus dessen Verwesungsdämpfen der Unsterblichkeitstrunk gebraut wird.
Der eben zitierte Passus soll nun keineswegs als symptomatisch für Praktiken des linkshändigen Pfades stehen; er soll lediglich verdeutlichen, dass der Vama Marg eben nicht nur eine Philosophie der Autonomie und Individuation darstellt, sondern sich mitunter tatsächlich in jene Gefilde begibt, die wir als unethisch betrachten. Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass der eigentlich relevante Part der zitierten Passage die Bindung an die Erde und an das Fleisch ist, und nicht der Weg, den wohl auch die meisten der heutigen Bön-Schamanen als unethisch betrachten würden. Über die Ngagpas berichtet David-Néel folgendermaßen:
Die Ngagpas, die „Leute der geheimen Worte“, sind Zauberer. Sie haben das Erbe der Bön-Schamanen angetreten, die, ehe der Buddhismus nach Tibet kam, dort als Priester herrschten. Der von den Hindusendboten seit dem 8. Jahrhundert in Tibet gepredigte Buddhismus war bereits weit von der Lehre des Buddha entfernt; er hatte dem Tantrismus allerlei abergläubische Bräuche entlehnt. Diese waren den Grundlehren der tibetischen Bön-Schamanen so ähnlich, dass einer teilweisen Verschmelzung der neuen und der alten Religion keine unüberwindlichen Hindernisse im Weg standen. So kommt es denn, dass unter dem Namen Ngagpas richtige Schamanen zur lamaistischen Geistlichkeit gehören, wenn auch „uneigentlich“. Ihre Aufgabe ist der Verkehr mit den Geistern. Dieser dienen sie auf verschiedene Weise, die einen zu unabhängigen Gruppen zusammengeschlossen, die sich zu bestimmten Zeiten in eigenen Tempeln vereinigen, im Übrigen aber bei ihrer Familie leben (sie dürfen heiraten), andere stehen ganz für sich und üben die von einem Meister ihrer Sekte erlernten Zauberkünste zu ihrem eigenen Nutzen aus oder, häufiger, gegen Vergütung, wenn Leute ein durch Geister erzeugtes Unheil von sich ablenken oder einen Mitmenschen auf solchem Wege schädigen wollen. Es gibt jedoch noch eine dritte Art. Einige große lamaistische Klöster der Gelbmützensekte, wie Labrang, haben sich außerhalb der Mauern eine Gruppe Ngagpas angegliedert, die als Stellvertreter der Mönche den Verkehr mit den bösen Geistern aufrechterhalten. Die Gelbmützen selbst dürfen den Geistern nicht die Ehre erweisen, nach der diese begierig sind, oder ihnen die Nahrung bieten, die sie fordern. Das tun die Ngagpas für sie gegen Entlohnung. Der Zaubertempel, den ich besichtigte, war geräumig und sehr gut erhalten. Die Fresken an den Wänden zeigten grausig-malerische Darstellungen, die man an all den „schrecklichen Gottheiten“ gewidmeten Orten findet. Die „schrecklichen Gottheiten“ sind in der Mehrzahl bekehrte oder mit Gewalt unterworfene böse Geister, die ein Zauberheiliger zwang, ihre Kraft der Verteidigung der lamaistischen Religion und ihrer Gläubigen zu widmen. Um die geheimnisvollen Götterfiguren herum hatte der Maler eine ganze Höllenwelt aufgebaut; scheußliche Teufel und Teufelinnen zogen unglückseligen Menschen die Haut ab, fraßen ihnen das Herz aus dem Leibe und was dergleichen schauerliche Beschäftigungen mehr sind. Die Tibeter sind übrigens gegen solche Bilder abgestumpft; es gibt sie in ihrem Lande in Unmassen und bis auf die Gelehrten, die ihre sinnbildliche Bedeutung kennen, schenkt ihnen niemand Beachtung.3
Alexandra David-Néel schließt ihre Ausführungen mit einer Bemerkung, die wir bedenkenlos auf heutige westliche Anhänger des Linken Pfades übernehmen können:
Die Ngagpas, in deren Tätigkeitsbereich auch die „schwarze Magie“ gehört, sind oft liebenswürdige Leute. Den Dünkel, den die Zauberkundigen aus der eigentlichen Geistlichkeit gern zur Schau tragen, kennen sie meist nicht, wahrscheinlich, weil sie eine niedrigere Stellung in der geistlichen Rangordnung einnehmen. Ich habe aber auch einige getroffen, die sich selbst und alles andere auf der Welt grundsätzlich nicht allzu ernst nehmen.4
Ein moderner Vertreter des linkshändigen Pfades ist der große britische Künstler und Visionär Austin Osman Spare (1886 – 1956), dessen Leben und Werk grenzüberschreitend und in jeder Hinsicht ein dramatisch-ekstatisches Bekenntnis an das Fleisch und die Erde darstellt. Seine kryptischen Schriften und mystischallegorischen Bilder wurzeln in einem von ihm erschaffenen Glaubenssystem, welches zuweilen mehr oder weniger treffend als Freistilschamanismus bezeichnet wird. Spare entwickelte aus dem klassischen Yoga heraus einige Ekstase- und Trancetechniken, die den psychischen Zensor des Menschen ausschalten sollen um die wahre und unbändige Kraft des Menschen zu entfesseln. Nach Spare lauert diese im Unbewussten und kann daher nur durch das Ausschalten des Bewusstseins aktiviert werden. Alle tatsächliche Macht schlummert in der Nachtseite und wird vom Bewusstsein und der alltäglichen Wirklichkeit lahm gelegt. Auch das Wissen darüber muss aus dem Wachzustand verschwinden, da das bewusste Wünschen jegliche Manifestation des Wünschens selbst verhindert. Es sind die vergessenen Träume, die zu Fleisch werden, nicht die Wünsche.
Tot ist mein Bestreben
Allzu früh verstorben,
Und mit ihm die Fürsorge der Liebe
Und das Juwel im Lotus
Die Zukunft hält nichts für mich bereit
Außer Sünde und Tod,
Abgeschnitten bin ich selbst
Von den von mir geschaffenen FREUDEN,
Nur die Einöde des Lebens verbleibt,
Doch in der Verzweiflung
Sehen wir das wahre Licht,
Und in der Schwäche werden wir stark.
AMEN.5
(Austin Osman Spare – Inferno Erde)
Spares ist ein Rausch- und Ekstasekünstler wie er in der Geschichte der westlichen Esoterik nur selten anzutreffen ist. Seine skurrile Persönlichkeit und seine konsequente Verachtung für die Gesellschaft lassen ihn den tibetischen Bön-Einsiedlern ebenbürtig werden: Ein moderner Eremit des Linkshändigen Pfades.
Oh Selbst, mein Gott! Fern ist Dein Name außer in der Blasphemie, denn ich bin Dein Ikonoklast. Dein Brot speie ich in die Fluten, denn ich selbst bin mir Fleisch genug. Verborgen im Labyrinth des Alphabets ist mein geheiligter Name, die SIGIL aller unbekannten Dinge. Auf Erden ist mein Königreich die Ewigkeit des Wünschens. Mein Wunsch inkarniert im Glauben und wird zu Fleisch, denn – ICH BIN DIE LEBENDE WAHRHEIT. Der Himmel ist Ekstase, die Verwandlung und Vereinigung meines Bewusstseins. Möge ich die Kraft haben, aus meiner eigenen Überfülle zu schöpfen. Lass mich Rechtschaffenheit vergessen. Befreie mich von Moral. Führe mich in die Versuchung meiner selbst, denn ich bin ein schwankendes Königreich aus Gut und Böse. Möge ich Reichtum durch alle Dinge erlangen, derer ich mich erfreute. Sei meiner Übertretung würdig. Gib mir den Tod meiner Seele. Berausche mich mit Selbstliebe. Lehre mich die Bewahrung ihrer Freiheit, denn Hölle bin ich zu genüge selbst. Lass mich gegen alle kleinlichen Bekenntnisse sündigen6
Diese Beispiele mögen nun genügen um einen Eindruck von der Natur des linken Pfades zu vermitteln. In Anbetracht der Materialfülle mag der Leser verzeihen, dass die Thematik des jeweiligen Kulturkreises nur angeschnitten wurde. Wer tiefer aus den Wassern des linken Pfades schöpfen möchte, der wird sich zweifellos zu helfen wissen. Denn der Linke Pfad ist für diejenigen, die gefunden haben, nicht für die, die suchen.

O siehe an dir mein beschwerliches Los,
Du, der du atmend aufsuchst hier die Toten!
Ist sonst wohl eine Strafe noch so groß?
– Dante Alighieri, Die (göttliche) Komödie –

Erste Schritte zur Befreiung von der „Urschuld“ und deren Kompensationsstrategien
FRATER SDDB
A. Ziele und Grundlagen
1. Einführung
Der nachstehende Beitrag hat seinen Ursprung im „psychologisch-spirituellen Paradigma“ – das Ziel: Erste Schritte zur Befreiung von einer scheinbaren Urschuld-/Sünde/- einer persönlichen/kollektiven Schuldfixierung und Entdeckung einer „freien, unkonditionierten Essenz“.
Der Autor dieses Beitrags ist „Chaosmagier“, d. h. nach seiner Überzeugung gibt es möglicherweise keine absolute Wahrheit – seine Magie schöpft aus der Vielzahl aller sich ihm bietenden Paradigmen – auch ohne eine Trennung vorzunehmen. Von daher geht es mehr um die Technik, als um ein spirituelles Paradigma – ob jetzt linker oder rechter Pfad. Jeder mag in dieser Essenz sehen, was er will, sie ist jedoch attributfrei und ohne spezifische Eigenschaften. Man kann sie also bezeichnen wie man mag, z. B. als das „reine Chaos“, die Leerheit, baphometische Kraft, reines Sein, das Selbst oder falls man sich ein klein wenig gruseln will, als Christusbewusstsein.
2. Grundlagen
Die psychologisch-spirituellen Ideen entstammen den Konzepten des Enneagramms und der Quantenpsychologie nach Stephen Wolinsky – ähnliche Ansätze finden sich aber auch in anderen psychologischen Modellen und Ideengebäuden z. B. in der RET nach Albert Ellis (s.u.).
Die angewandten Techniken sind schamanische Reisen, Meditationen, Invokation und Glaubenssatzarbeit/-auflösung.
Die Ideen beruhen zwar eher auf dem „Gedankengut“ des sog. „Rechten Pfades“– was aber zählt, ist das Ergebnis und nicht die Grundlage der Technik.
So strotzt die Begrifflichkeit des Enneagramm zum Teil bei manchen Autoren nur so vor christlichem Gedankengut. Dieses System lässt sich aber gut verwenden, wenn es darum geht, die eigene Existenz von (meist kulturell bedingten) Schuldfixierungen zu befreien, um die eigene göttliche Essenz freizulegen und Veränderung vorzunehmen – in welcher Richtung auch immer.
3. Die Urschuld/die Schuldfixierung
Was ist die „Urschuld“/Schuldfixierung? Sie ist eine Idee, ein Konzept, ein Glaube, mit dem wir uns bewusst oder unbewusst identifizieren und die unser gesamtes Innenleben organisiert und antreibt – sei es, dass wir uns mit ihr identifizieren oder Kompensationsstrategien entwickeln, um ihr scheinbar zu entgehen.
Diese Urschuld – eine Art „kollektiver Sündenfall“ basiert auf dem Prinzip:
Ich bin schuldig/schlecht/falsch/sündig – Dinge, die gerne von Vertretern des „Rechten Pfades“ herangezogen werden, um den Menschen glauben zu machen, er sei nicht das „Göttliche“ selbst – eine Art des menschlichen Denkens, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht.
Das Urschuldprinzip – ist ein „Irrglaube“ – den die Menschheit „selbst erschaffen“ hat, um sich selbst zu versklaven – um sich ihrer eigenen Göttlichkeit“ nicht bewusst sein zu müssen – also, – in Anlehnung an einen englischen Magier namens Fra. Perdurabo(der großen weißen Bruderschaft bekannt als A.A.) – aka A. Crowley – „eine Illusion, die man nur schwer los wird“.
Die „Urschuld“ ist, so gesehen, nicht unbedingt im christlichen Sinne zu verstehen (z. B. Ursünde), sie weist jedoch Parallelen dazu auf. So wurde z. B. durch einen „scheinbaren“ Abfall von „Gott“, also von sich selbst (bzw. dem Sein an sich), eine stark dualistische Sichtweise erschaffen, die es verhindert, dass der Mensch erkennt, dass er „Gott“ – oder was auch immer – ist. Ein starres Gut/Böse-Denken, sowie eine widersinnige Moral haben dann ihr übriges getan, den Menschen in Angst/Schuld und Selbstentfremdung zu halten.
Diese „Urschuld“/Schuldfixierung findet bei jedem seine spezifische Ausprägung – diesbezüglich ist die Einteilung nach dem Enneagramm und der Quantenpsychologie ganz hilfreich, ohne allerdings deren Basis, den „Rechten Pfad“, übernehmen zu müssen. In versteckter Form treibt sie bei jedem einzelnen ihr Unwesen: z. B. als Schuldgefühle, Gewissensbisse, Angst vor Fehlern, einem starren Schwarz/Weiß-Denken, etc.
4. Ziele/Vorgehensweise
Bei den folgenden Techniken und Arbeiten geht es darum, die einzelnen Schuldfixierungen bei sich selbst kennenzulernen, sie anzunehmen und die Fixierung mit ihnen etwas zu lösen, um näher an seine eigene „Essenz“ zu kommen und sich der Dinge bewusst zu werden, die einem manchmal bei der Verwirklichung eigener Ziele im Wege stehen. Sie stellen somit zum einen ein Mittel der Selbst-/Menschheitserkenntnis dar, und zum anderen bieten sie eine Möglichkeit, näher an seine „Essenz“ zu kommen – die eigene Göttlichkeit – welchem Paradigma sie auch entstammen mag.
Bei der Beschreibung der Schuldfixierungen – im „Enneagramm“ „Persönlichkeitstypen“ genannt – wird in der Literatur davon ausgegangen, dass jeder Mensch nur einem Typus in seinem Kern zuzuordnen ist, aber natürlich auch die Merkmale der anderen Typen in sich trägt. Die Entdeckung dieses spezifischen Typus ist dabei nicht immer leicht – hierbei sei auf die Literatur zum Enneagramm verwiesen. Es ist daher sinnvoll, sich mit allen Typen zu beschäftigen bzw. die Techniken mit allen neun Typen zu durchlaufen.
Zunächst werden die einzelnen Schuldfixierungen/Persönlichkeitstypen dargestellt, dann folgen die Techniken zum Erkennen und Lösen dieser Fixierung in mehreren Einzelarbeiten und einer Gruppenarbeit.
B. Exemplarische Zuordnung der Schuldfixierungen/Persönlichkeitstypen
Die Beschreibung der Schuldfixierungen und der Kompensationsstrategie stammt von Stephen Wolinsky1 die weiteren Beschreibungen sind mehreren Werken zur Enneagrammlehre2 entlehnt.
Die Schuldfixierungen/Kompensationsstrategien bzw. die Grundängste/unbewussten Kindheitsgebote stellen „Fixierungen“ dar, die es verhindern, die „Essenz“ wahrnehmen zu können bzw. führen zu einem erstarrten, eingeschränkten Verhaltensprogramm, das dem Erreichen so mancher Ziele im Wege steht. Im Folgenden kann mit diesen „Grundanahmen“ als Hilfsmittel gearbeitet werden – sie dienen aber hierbei nur als Anhaltspunkte – ein „Schauen in sich selbst“ ist dennoch weiterhin erforderlich.
Die „Exemplarischen Charakteristika“ sind für eine Arbeit mit den Schuldfixierungen nicht erforderlich, sie stellen jedoch eine kurze Übersicht zu den einzelnen Persönlichkeitstypen dar.





C. Irrationale Grundannahmen (nach Albert Ellis)
Die oben genannte Einteilung findet sich ähnlich auch in anderen psychologischen Systemen – als Beispiel seien hier deshalb die Grundannahmen nach der RET (Rational-Emotive-Therapy) genannt. Die jeweiligen Grundannahmen lassen sich mit den u. g. Techniken ebenfalls bearbeiten.
Die Vorstellung/Grundannahme, dass
es für einen erwachsenen Menschen unbedingt notwendig ist, von jeder Person in seiner sozialen Umwelt geliebt und akzeptiert zu werden, z. B. „Ich muss immer geliebt werden“,
man vollständig kompetent und erfolgreich unter allen möglichen Bedingungen sein muss, damit man sich selbst als angemessen einschätzen kann, z. B. „Ich darf keine Fehler machen“,
bestimmte Menschen schlecht, boshaft, schurkisch sind und dass sie streng verurteilt und bestraft werden müssten für ihre Schlechtigkeit,
es eine Katastrophe ist, wenn die Dinge nicht so sind, wie man sie gern haben möchte,
man über ein Geschehen, das gefährlich und furchterregend ist, sehr besorgt sein und ständig an die Möglichkeit denken muss, dass es tatsächlich eintritt,
menschliches Unglück durch äußere Umstände bedingt ist und dass Menschen wenige oder gar keine Möglichkeiten haben, ihre Sorgen und ihr Unglücklichsein zu beeinflussen,
es leichter ist, bestimmte Situationen, Schwierigkeiten im Leben, Dinge, für die man selbst verantwortlich ist, zu erleiden, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen,
die eigene Vergangenheit sehr wichtig und bestimmend für die gegenwärtige Situation ist und dass ein Einfluss, der einen früher einmal nachhaltig beeinträchtigt hat, unbedingt wieder denselben Effekt haben muss, wenn er erneut auftritt
man sich große Sorgen über die Probleme und Schwierigkeiten anderer Leute machen muss,
es eine bestimmte richtige, präzise und perfekte Lösung für jedes menschliche Problem gibt und dass es eine Katastrophe ist, wenn diese korrekte Lösung nicht gefunden wird,
man von anderen abhängig ist und jemanden braucht, der stärker ist als man selbst, auf den man sich verlassen kann.
D. Einzelarbeiten
Auch wenn in den Theorien nur von einem/einer „Persönlichkeitstyp/“Schuldfixierung“ ausgegangen wird, ist es sinnvoll, den Prozess für alle Grundtypen zu durchlaufen, da erst alle Typen gemeinsam die menschliche „Urschuld“ in ihrer Gesamtheit repräsentieren.
Um es noch mal deutlich zu machen, es gibt so was wie eine Urschuld/Sünde“ natürlich gar nicht – diese ist eine psychische Illusion – vom menschlichen Geist selbst erschaffen (eine insbesondere im christlichen Kulturkreis verbreitete Erfindung) – jeder Mensch ist „schuldfrei“.
Allerdings haben die daraus resultierenden „Muster“ zumindest psychisch gesehen eine starke Wirkung und sind hervorragende Mittel der Kontrolle.
Wichtig: Die entdeckten Grundannahmen/Konzepte/Strukturen sollten auch nicht abgelehnt werden. Es geht nicht darum diese Grundannahme zu heilen, zu transformieren, loszuwerden, wir sind OK so, wie wir sind. Sie sollten vielmehr als das gesehen werden, was sie ist sind - „Illusionen/Konstrukte der Psyche“ – wenn auch äußerst hartnäckige – sodass es möglich wird, die Fixierungen zu lockern.
Im Folgenden werden unterschiedliche Methoden dargestellt, wie mit den Schuldfixierungen gearbeitet werden kann. Diese sind die Glaubenssatzarbeit, die schamanische Reise und die Meditation.
1.Glaubenssatzarbeit
a) „The Work“:
Die dargestellten Fragen stellen die Technik „The Work“3 vor, die sich so – oder in abgewandelter Form auf alle möglichen Glaubenssätze/Situationen anwenden lässt. Bei dieser Technik geht es u. a. darum, Glaubenssätze/Grundannahmen/Situationen zu hinterfragen, aufzulösen und die Fixierungen mit ihnen zu lockern.
Die einzelnen Schritte 1) – 5) sollten alle durchlaufen werden – ein Reflektieren der Fragen und der eigenen Antworten ist hierbei unabdingbar – bei den Fragen 3) und 4) sollte zusätzlich noch in sich hineingespürt werden. Die sog. Umkehrung 5) dient als Hinweis und muss nicht angenommen oder gelebt werden – eine Reflektion über die „Gegenansicht“ hilft jedoch bei der Lockerung der Glaubensmuster. Die Antworten und Umkehrung stellen auch keine Wahrheit (die es nach Ansicht des Autors möglicherweise gar nicht gibt) im üblichen Sinne dar – es geht um den Prozess – nicht um das Finden von Lösungen.
Im Rahmen der „Urschuld-Befreiung“ sollten die Sätze der Grundannahmen (z. B. Schuldfixierung, Kompensation, Grundangst, unbewusstes Kindheitsgebot, etc.) mit Hilfe der Frage-Technik untersucht werden – natürlich können auch „persönliche“ Sätze verwendet werden – die o. g. Beispiele sind eben nur Beispiele – wenn auch recht verbreitete und treffende. Die einzelnen Fragen/Erläuterungen der Punkte 1) – 5) sind der Vollständigkeit halber entsprechend komplett aufgeführt – für den jeweiligen Glaubenssatz ist natürlich das jeweils Passende auszuwählen.
Der kursive Text stellt exemplarisch ein Beispiel zum Thema „Urschuld“/Persönlichkeitstyp dar.
b) Der Glaubenssatz
z. B. Nr. 2
Ich bin wertlos. Ich habe keinerlei Bedeutung.
Ich muss beweisen, dass ich nicht wertlos bin.
c) Die Fragen
1) Ist das wahr? – Ist das die Realität? (Wie ist die Wirklichkeit?)
Wie ist die Realität/Wirklichkeit? Wie sind die Fakten? Ist es wahr im wörtlichen Sinne?
Welchen Beweis hast du? In wessen Macht steht das? Zu wessen Verantwortungsbereich gehört das?
Ja, ich fühle mich häufig wertlos, also bin ich es auch. Ich habe für die Menschheit noch nichts Sinnvolles geleistet.
Ja, denn ansonsten werde ich nicht gesehen. Ich muss mich anstrengen – sonst habe ich für die anderen und mich keinen Wert und sie lieben mich nicht.
2) Kannst du wirklich hundertprozentig wissen, dass dein Glaubenssatz wahr ist? Ist das wirklich die Realität? Kann ich wirklich wissen, dass es besser wäre, wenn meine Vorstellung wahr wäre?
Kannst du wissen, dass es besser für dich wäre, wenn die Realität so wäre, wie du es dir vorstellst? Auf lange Sicht? Kannst du wissen, dass es für andere besser wäre, wenn die Realität anders wäre? Kannst du es hundertprozentig wissen?
Nein, hundertprozentig wissen kann ich das natürlich nicht – vielleicht ist doch etwas wertvoll an mir. Für meine Freunde und Familie habe ich anscheinend schon etwas Bedeutung und ich bin für sie wertvoll. Jedenfalls kann ich tatsächlich nicht hundertprozentig wissen, ob ich wertlos bin.
Nein, wenn ich es mir recht überlege, so muss ich gar nichts beweisen. Ich bin – das reicht eigentlich aus und müssen muss ich gar nichts.
3) Wie reagierst du, was geht in dir vor, wenn du diesen Gedanken denkst? Was hast du davon, dass du denkst, deine Wunschvorstellung sollte wahr werden und dann siehst du die Wirklichkeit?/Was hast du davon, wenn du erfolglos denkst, deine Vorstellung sollte sich verwirklichen? Wie behandelst du dich selbst? Wie fühlt sich das an? Wie behandelst du andere? Wie fühlt sich das an? a) Kannst du einen friedvollen Grund sehen, an diesem Gedanken festzuhalten, einen Grund, der keinen Stress verursacht? b) Kannst du einen Grund sehen, diesen Gedanken loszulassen? (Bitte versuche aber nicht, ihn loszulassen.)
Ich fühle mich klein, unbedeutend. In mir entsteht ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich ziehe mich zurück.
Ich setze mich selbst unter Druck- ich ackere und ackere, um anderen zu beweisen, dass ich ein wertvoller Mensch bin. Dieser Satz setzt mich innerlich unter Druck.
4) Wer oder wie wärst du ohne diesen Gedanken? Wie würdest du dich fühlen, wenn du nicht an dieser Vorstellung festhalten würdest?
Wie würdest du dich dann fühlen? Fühle es jetzt! Wie würdest du andere dann behandeln? Wie würde sich das anfühlen? Fühle es jetzt! Wer wärst du, wenn du ohne Einschränkung akzeptieren würdest was ist? Schließe die Augen, und sehe die Situation ohne dieses Denkmuster. Was tut er/sie? Was für ein Gesicht macht er/sie? Sieh es mit dem Objektiv einer Kamera, ohne jede Beurteilung oder Interpretation. Was nimmst du wahr? Wie würdest du dich fühlen, wenn dieser Hirnteil, der dich an diese Situation erinnert, herausoperiert würde? Wie würdest du dich fühlen, wenn du diese Sache als Katze betrachten würdest?
Ich wäre einfach da. Es wäre mir egal ob ich jetzt nun wertvoll oder wertlos bin – ohne diesen Gedanken könnte ich einfach sein. Ich müsste nicht so um Liebe kämpfen.
Ich könnte Mußestunden besser genießen- ich würde mich innerlich nicht so unter Druck setzen – ich könnte einfach sein.
5) Finde die Umkehrung(en)/Gegenteilige Tätigkeit/Wie muss ich meine Überzeugung umwandeln, damit sie mehr der „Realität“ entspricht oder damit ich einen Hinweis auf eine bessere Strategie erhalte?
Falls dein Denkmuster von dir selbst, einer Institution oder einer Situation handelt, setze dein Denken ein. Setze den Anderen ein – setze dich ein. Kehre die Aussage um.
Ich (mich, mit mir), Person, Sache, Situation (Vater, Chef, Gott, Welt, Arbeitslosigkeit etc.)/sollte, sollte nicht; muss, muss nicht; hat getan, hat nicht getan; hätte sollen, hätte nicht sollen; Mein Denken
Ich bin wertvoll – ich habe Bedeutung. Mein Denken hält mich für wertlos.
Ich muss nicht beweisen, dass ich wertvoll bin. Mein Denken sollte mich für wertvoll halten.
2. Schamanische Reise4
Das Prinzip der Schuldfixierung/Persönlichkeitstyp-Reise ähnelt einer normalen schamanischen Reise - jedoch wird nicht in eine bestimmte „Welt“ (Ober-, Unter-, Mittelwelt), ein Element, etc. gereist, sondern direkt in die entsprechende Schuldfixierung/den Persönlichkeitstyp – um sich seiner bewusst zu werden, mit ihm zu verschmelzen, die Auswirkung zu spüren und sich von diesem Kern zu lösen.
Material:
CD“ Schamanisches Trommeln“
Papier, Stift
Ablauf
IAO - jede andere Bannung
Willensatz: z. B. Es ist mein Wille die Schuldfixierung Nr. 1 zu erkennen/sich ihrer bewusst zu werden, mit ihr zu verschmelzen/ihre Auswirkungen zu erspüren und die Fixierung mit ihr zu lösen.
CD einlegen
Durch den persönlichen Eingang in die „schamanische Welt“ reisen bzw. das Symbol des Enneagramms (oder ein anderes) als Eingang benutzen.
Nach der Reise sollte das Erlebte kurz schriftlich wiedergegeben werden.
Beispiel zur Nr. 1 in Stichworten:
Eingang durch das Enneagramm-Symbol mit dem Auftrag zu Typ 1 zu kommen. Höre aus dem „Off“ Eckstein, Eckstein – alles muss perfekt sein; höre Stimmen die sagen: Das darfst du nicht, das sollst du nicht, das ist nicht moralisch, das ist verwerflich; sehe wie sich diese Sätze in Luft auflösen; sehe Bilder aus der Schulzeit; ein großer Mann mit Schwert steht vor dir, der sagt „Ich richte dich“ … … … … … …
Stehe in einer großen Halle; sehe einen Eiskristall – ich verschmelze mit diesem Eiskristall – es tauchen viele Bilder und Emotionen auf, die zum „Persönlichkeitstyp“ passen – ich trete auf der Reise mehrfach in diesen Kristall ein und wieder aus … etc.
Eine schamanische Reise ist natürlich eine sehr individuelle Angelegenheit – nach meinen Erfahrungen reicht es aber aus, mit dem/der entsprechenden Ziel/Willenssatz/Arbeitsanweisung in die jeweilige Welt (Symbol/Problem/Schuldfixierung) zu reisen und zu schauen was passiert.
3. Meditation
a) Einzelne Schuldfixierung
Es ist auch durchaus hilfreich, über die entsprechenden Schuldfixierungen/Persönlichkeitstypen zu meditieren – kontemplativ – aber die aufkommenden Bilder, Assoziationen, Gedanken, Emotionen eher fließen zu lassen und sich diese aus der Beobachterposition anzuschauen. Es geht nicht um eine intellektuelle Analyse oder eine Veränderung der Inhalte, sondern um das reine Betrachten, Erkennen und Annehmen – um so die Fixierungen zu lockern. Als Fragestellung hilfreich: Was erkenne ich an/in mir in diesem Typus wieder?
b) Gesamte Schuldfixierungen5
In dieser Meditation geht es darum, in den „unkonditionierten, freien Zustand der Essenz“ zu gelangen. Während der Meditation sollten die Inhalte des Geistes (Gedanken, Erinnerungen, etc.) von der „Beobachterposition“ aus betrachtet werden – ohne sie zu steuern oder zu bewerten.
Lasse deine Gedanken, Erinnerungen, Emotionen, Assoziationen, Wahrnehmungen, Zielvorstellungen, Absichten beiseite und beantworte nacheinander folgende Fragen
(je Frage ca. 5 Min.)
Bist du ein Mann oder eine Frau? Oder keines von beidem?
Bin ich diese/meine Persönlichkeit? Oder bin ich diese/meine Persönlichkeit nicht? Oder keines von beidem? Was ist eine Persönlichkeit?
Bist du begrenzt? Oder unbegrenzt oder keines von beidem?
Bist du klar definiert? Bist du nicht klar definiert? Oder keines von beidem?
Bin ich schuldig/falsch oder schuldfrei/richtig? Oder keines von beidem?
Nr. 1: Bist du vollkommen, unvollkommen oder keines von beidem? Was heißt überhaupt Vollkommenheit oder Unvollkommenheit?
Nr. 2: Bist du wertvoll? Oder wertlos? Oder keines von beidem? Was ist gemeint mit Wert und Wertlosigkeit, Bedeutung und Bedeutungslosigkeit?
Nr. 3: Bist du unfähig, etwas zu tun? Oder bringst du etwas zu Stande? Oder keines von beidem? Was bedeutet es, etwas zu Wege zu bringen bzw. dies nicht zu können?
Nr. 4: Bist du unzulänglich oder nicht oder keines von beidem? Was bedeutet Unzulänglichkeit, was hieße hier Angemessenheit?
Nr. 5: Existierst du oder existierst du nicht oder keines von beidem? Was bedeutet überhaupt Existenz, was bedeutet Nichtexistenz?
Nr. 6: Bist du allein oder mit anderen verbunden? Oder keines von beidem? Was bedeutet Alleinsein, Verbundensein oder Gemiedenwerden?
Nr. 7: Bist du vollständig, unvollständig oder keines von beidem? Was bedeutet überhaupt „vollständig“ oder „unvollständig“?
Nr. 8: Bist du machtlos? Oder mächtig? Oder keines von beidem? Was bedeutet überhaupt „machtlos“ oder „mächtig“?
Nr. 9: Bist du liebenswert, ohne Liebe oder keines von beidem? Was ist Liebe? Oder gibt es Liebe nicht? Oder keines von beidem?
Bist du verrückt, normal oder keines von beidem?
Lasse den zustandslosen Zustand der „freien, unkonditionierten Essenz“ aufsteigen. Deine Aufmerksamkeit sinkt dabei immer tiefer in diesen Zustand ein und dehnt sich mehr aus. Nehme die Essenz wahr, die immer weiter zu gehen scheint. Ruhe eine Zeitlang in diesem Zustand (ca. 10 Min.).
Natürlich kann in ähnlicher Weise auch über die anderen Grundannahmen der Persönlichkeitstypen/Fixierungen meditiert werden.
E. Gruppenarbeit: Urschuld-Ritual
Die einzelnen Schuldfixierungen können auch im Rahmen eines Gruppenrituals bearbeitet werden – Ziel ist es hier, durch den Aufbau und die Zusammenführung von einzelnen „Kernen“ – die kollektive Urschuld zu erschaffen, diese kurz zu durchleben – um sie dann als illusionär zu entlarven.
Ritualaufbau:
Neun-Gruppen/-positionen
am Anfang großer Kreis
am Ende kleiner Kreis Grobablauf/ABC:
Vorbereitung
Bannung
Willenssatz
Invokation der Schuldfixierungen/Enneagramm -Typen
Invokation der kollektiven Urschuld
Auflösung der kollektiven Urschuld – als Illusion sehen
1. Ritualablauf
a) Vorbereitung
Es werden neun Gruppen gebildet. Jede der Gruppen ist einer Schuldfixierung zugeordnet.
Zur Vorbereitung sollte sich jede Gruppe kurz mit dem jeweiligen Typus beschäftigen. Für die eigentliche Arbeit reicht es, wenn mit den Grundannahmen gearbeitet wird.
Es wird ein großer Kreis gebildet.
b) Kurze Bannung (z. B. IAO-Bannung)
c) Willenssatz:
z. B.: Es ist unser Wille, die eigene und kollektive Urschuld aufzulösen und als illusionär zu erkennen.
d) Invokation/Verschmelzen der Typen/Loslösung
Die Invozianten der einzelnen Typen invozieren abwechselnd die Schuldfixierungen/Ängste/Kindheitsgebote und die entsprechende Kompensationsstrategien/Selbstdefinitionen. Sie lassen die entsprechenden Bilder, Emotionen/Energien kommen und „bauen“ daraus nach frei wählbarer Technik einen „astralen“ Kern/Mantel, mit dem sie vollständig verschmelzen.
Nach ca. 5 Minuten treten die Invozianten aus dem Kern heraus und betrachten ihn von außen – als Beobachter (bewusstes Erkennen, dass man nicht dieser Kern ist). Erkenntnis des Illusionären des Kerns – der „Falschheit“. Anschließend nehmen sie diesen Kern symbolisch „in den Arm“ – also eine Art Annahme/Bejahung.
Danach Verschmelzen die Invozianten wieder mit dem Kern und gehen auf die Kreismitte zu.
e) Aufbau der kollektiven „Urschuld“ (kleiner Kreis)
Die Invozianten bilden anschließend einen gemeinsamen Kreis in der Mitte und erschaffen aus den „persönlichen Kernen“ (Zusammenschieben) ein großes Energiefeld – ein Kraftfeld der Schuld/Fehlerhaftigkeit/Wertlosigkeit/Urschuld/Ursünde. Mantra: “Ich bin schuldig, sündhaft, fehlerhaft. Nichts ist OK! Es wird ein gemeinsames Feld des sich „schuldig Fühlens“ geschaffen.
f) Loslösung von der „Urschuld“/Erkenntnis des Illusionären der Schuld
Heraustreten aus dem Urschuldkern – gemeinsames Betrachten – Invozieren von „Es gibt keine Schuld, es gibt keine Sünde, es gibt keine Fehlerhaftigkeit“ – Energie – Tanzen – Lachen – Zusammenschieben des Kerns und gleichzeitige Erkenntnis des Illusionären des Urschuld-Kerns. Visualisation, dass sich der Urschuld-Kern in Luft auflöst.
g) kurze Bannung - am besten ein schallendes Gelächter

Wir wollen in der Freude nicht der Gottesfurcht vergessen
und im Leid die Hoffnung niemals aufgeben.
– Gregor von Nazianz –

Der Zorn Gottes
Vom Nutzen der Gottesfurcht für Luziferianer
FRATER PSYCHOPOMP
Gottesfurcht? Ausgerechnet Gottesfurcht?! In diesem Buch? Wieso denn das jetzt?
Keine Sorge, das Ganze hat seinen Sinn. Auf den nächsten paar Seiten will ich genauer umreißen, was denn die eigene Göttlichkeit, die schnell und mühelos behauptet ist, bedeutet und welche Konsequenzen sie hat. Wer also unter den geneigten Lesern der Meinung ist, sein(e) eigene(r) Go(e)tt(in) zu sein, darf sich bitte angesprochen fühlen. Wer das nicht tut, kann sich hier immerhin noch weiterbilden – oder lieber gleich zum Text von Frater Pandagaz247 rüber blättern, der ist nämlich auch ganz cool.
Noch da? Gut. Dann kommen wir mal zum Überblick: wenn ich sage, dass es in diesem Artikel um die eigene Göttlichkeit geht, dann ist das natürlich nur die halbe Wahrheit. Es geht um Fanatismus, darum was am Fanatismus nützlich und für Luziferianer interessant ist und vor allem darum, dass man seinen eigenen Fanatismus entwickeln kann genau wie seine eigene Religion, seinen eigenen Gott und seinen eigenen Musikgeschmack. Vor allem geht es darum, die eigene Göttlichkeit näher kennenzulernen, was es nämlich wesentlich leichter macht, fanatisch davon überzeugt zu sein. Aber eins nach dem anderen.
Der Fairness halber sollte ich zum Schluss meiner Vorrede klarstellen, dass ich selber mich keineswegs als Gott sehe, zumindest jetzt gerade nicht. Ich bin Chaosmagier, Mitglied des IOT und wechsle meine persönliche Rolle in meinen Weltbildern öfter als andere ihre Leopardenunterwäsche. Mit den folgenden Seiten werde ich aber beweisen, dass ich mich mit praktischem Luziferianismus trotzdem ganz gut auskenne – nur eben nicht ausschließlich damit.
Für religiöse Fanatiker ist es ganz typisch, dass die »Befehle«, die sie von Gott erhalten, im wesentlichen immer eines besagen: »Du sollst töten«. Der Gott aller Fanatiker scheint eher der Teufel zu sein.
– Amos Oz –
Fanatismus scheint mit religiöser Überzeugung eng zusammenzuhängen, soviel ist offensichtlich, aber es lässt sich schon noch Genaueres herausfinden. Das Wort Fanatismus kommt vom französischen fanatique oder vom lateinischen fanaticus, was „göttlich inspiriert“ bedeutet. Die selbe Bedeutung hat auch das Wort Enthusiasmus, nur ist das Griechisch, nicht Latein – und heutzutage ist „Enthusiasmus“ für den Pöbel etwas gutes, „Fanatismus“ aber etwas böses. Schon allein dadurch sollte klar sein, dass ein angemessen finsterer Luziferianer den Fanatismus viel interessanter zu finden hat. Aber interessant finden ist eine Sache, verstehen ist eine ganz andere. Was heißt Fanatismus eigentlich?
Der diamantene Hort aller letzthinnigen Weisheit, die Wikipedia, erzählt mir gerade, das Wort bedeute „das unbedingte Festhalten an einer Idee oder theoretischen Vorgabe weitgehend ohne Rücksicht auf praktische Konsequenzen für [sich selbst] oder andere.“ Sehr schön, das ist genau worauf ich als erstes hinauswollte: ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Einen kleinen Schritt weiter gedacht bedeutet das: Fanatismus ist irrational.
(Und wenn mir jetzt jemand unterstellen will, das wäre der Grund, warum ich als Chaosmagier mich dafür interessiere, bekommt er keinen Keks.) Diese Irrationalität ist vielleicht auch der Grund, warum kaum jemand sich die Mühe zu machen scheint, Fanatismus verstehen zu wollen. Damit meine ich nicht so sehr die Wikipedia. Eher Leute wie den Anthropologen Scott Atran, der zwar mühsam nachgewiesen hat, dass die ziemlich eindeutigen Beispiele für Fanatiker, die sich mit Sprengstoff bekleidet in israelische Busse setzen, ein bestimmtes Profil aufweisen (geistig gesund, gebildet, intelligent, von Fanatikern umgeben), der aber keine wirkliche Analyse liefert, was so jemand fühlt und denkt, wenn er sich entscheidet, dem Fanatismus sein Leben zu opfern. Es herrscht – nicht nur psychologisch, sondern auch politisch – eine große Ratlosigkeit.
Dann versuchen wir doch mal, ob wir es selbst besser hinbekommen. Bis jetzt haben wir den Hinweis auf die „göttliche Inspiration“ und die Irrationalität. Und weiter? Wo fangen wir an? Am besten mit Beispielen, das ist immer am einfachsten.
Die Geheimakten der Gestapo über deren Folterungen von Gegnern der Nazis enthalten ein bemerkenswertes Detail. Hilters Folterknechte berichteten, dass sie jede Opfers brechen konnten und dazu brachten, preiszugeben und zu gestehen, was immer sie wollten. Kommunisten, Juden, Sozialdemokraten und alle sonstigen tatsächlichen oder scheinbaren Regimegegner brauchten allesamt nur brutal und ausdauernd genug gepeinigt zu werden – mit Ausnahme einiger Zeugen Jehovas. Denen gelang, was bis heute als praktisch unmöglich gilt: ihren Widerstand entgegen jeder Folter durchzuhalten, die sich die Gestapo ausdenken konnte. Genützt hat es ihnen wenig, denn umgebracht wurden sie anschließend trotzdem. Dennoch haben sie eine Willensstärke bewiesen, die kaum zu überbieten ist. (Zynischer weise hatten sie die Gelegenheit dazu nur, weil ihre Leitung, die Wachtturmgesellschaft, mit den Nazis kooperiert und ihnen die Namen von Mitgliedern gegeben hatte. Aber ich will ja auch nicht behaupten, alle Zeugen Jehovas wären in ihrem Glauben unbeugsam; nur diese waren es offensichtlich.)
Sie sind nicht die einzigen, die es geschafft haben, sich ihren Folterern zu verweigern – aber unter denen, die das geschafft haben, sind sie als streng religiöse Menschen in der übergroßen Mehrheit. Die Anführer der Wiedertäufer sind relativ bekannte Beispiele, wie auch verschiedene Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Auch der relativ bekannte Fall James Stockdale, ein Kriegsgefangener in Vietnam, der jahrelange Folter durchlitten hat und sich als Atheist bezeichnet, war überzeugter Stoiker und damit Anhänger einer „Philosophie“, die bei genauer Betrachtung sehr religiös daherkommt und dem Neuplatonismus wesentlich näher verwandt ist als dem Atheismus.
Natürlich wissen wir nichts genaues über den Anteil streng religiöser Menschen unter denjenigen, die der Folter widerstanden haben. Erstens wird oft gefoltert ohne dass es Ziel der Sache wäre, den Willen des Opfers zu brechen. Zweitens haben dort, wo das doch der Fall ist, die wenigsten Folteropfer hinterher die Gelegenheit, darüber zu reden. Nach den wenigen Daten, die zu dem Thema vorliegen, scheinen streng religiöse – fanatische – Opfer jedenfalls im Vorteil zu sein.
Das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass solche Leute, zumal heutzutage, besonders oft gefoltert werden. Wirft man einmal einen langen Blick in die Geschichte von kleinen Widerstandsgruppen gegen übermächtige Staatsgebilde, so stellt sich schnell heraus, dass sie fast immer von besonders entschlossenen Gläubigen bestimmt werden. Ulrich Köhler – noch ein Anthropologe – hat dazu eine Theorie der „Revitalisierung“ aufgestellt, in der er feststellt, dass der Großteil der Volksbewegungen, die sich gegen eine dominante Kultur (bzw. den Staat) auflehnen, nicht nur religiös sind, sondern auch normalerweise von visionären Erlebnissen einiger weniger ausgelöst werden, die berichten, sie hätten mit irgendeiner Gottheit gesprochen und würden deren Befehle ausführen. Womit wir wieder beim Fanatismus wären.
Wo in einer Revolte Religion eine geringe Rolle spielt, zum Beispiel in der Französischen Revolution, stehen hinter der revolutionären Bewegung große Menschenmassen. Das hat andere Gründe und ist für uns jetzt nicht interessant. Jedenfalls braucht es entweder einen großen Rückhalt in der Bevölkerung oder eben Fanatismus, um eine solche Entschlossenheit zu entwickeln, wie man sie braucht, um sich mit einem Staat anzulegen.
Damit will ich nicht sagen, dass es besonders sinnvoll ist, eine Revolution anzetteln zu wollen – das wäre nochmal ein ganz anderes Thema. Ich erlaube mir aber den Hinweis, dass wenn Richard Cavendish meint, das Ziel des Schwarzen Magiers wäre letztlich die Eroberung des Universums, der unmittelbar relevanteste Teil des Universums – zumindest vorerst – natürlich der Staat und die Kultur sind, in denen der Schwarze Magier lebt. Wenn fanatische Menschen bei solchen Eroberungsversuchen im Vorteil sind, dann ist das für Schwarzmagier aus ganz pragmatischen Gründen von Interesse.
In dem uns nächsten Beispiel für eine Revolte, der Opposition gegen die Regierung der ehemaligen DDR, waren es die Christen, die an vorderster Front standen und lange vor den großen Montagsdemonstrationen eine oppositionelle Szene etabliert haben. Natürlich sind auch dort Leute verschwunden und natürlich wurde auch dort gefoltert, wenn auch dank der modernen Massenmedien nur in relativ gut versteckten Ausnahmefällen. Im Klima der permanenten Stasiüberwachung Verbrechen wie „Staatsfeindliche Hetze“ zu begehen, erforderte mehr innere Stärke, als die meisten damals hatten. Die Christen hatten die nötige Entschlossenheit und den Christen verdanken wir die friedliche Revolution von 1989.
Aktuellere Fälle von Widerstand gegen eine übermächtige und folternde Staatsmacht sind natürlich vor allem die Muslime im Irak (und anderswo) und die Falun-Gong-Bewegung in China. Und schon wieder: alles religiöse Leute. Aber natürlich sind das nur die besonders eindrücklichen Extrembeispiele, an denen sich am besten zeigt, was es für Möglichkeiten eröffnet, fanatisch zu sein. Aber schau dich nur um, such nach außergewöhnlich erfolgreichen Leuten und du wirst fast immer feststellen, dass sie in irgendeiner Weise Fanatiker sind. Vielleicht ist es ihnen nicht bewusst, und vielleicht sehen sie es selbst nicht so. Aber außergewöhnlicher Erfolg hat in vielen, meiner Meinung nach den meisten, Fällen einfach damit zu tun, dass jemand bereit ist (oder es zumindest einmal war) wesentlich mehr Einsatz für etwas zu bringen als es normale (das heißt: nicht außergewöhnlich erfolgreiche) Menschen tun. Das betrifft ebenso den besessenen Künstler, der wochenlang 16 Stunden am Tag eine fixe Idee auf eine Leinwand bannt wie den Unternehmensgründer, der „unbedingt“ (ohne Rücksicht auf Verluste, das heißt: fanatisch) geschäftlichen Erfolg will und dafür die 80-Stunden-Woche und den Herzinfarkt mit 55 in Kauf nimmt. Immer ist Fanatismus die Triebfeder, die den Einzelnen aus den Milliarden heraushebt. Gegenbeispiele gibt es natürlich – die haben eben Glück gehabt, das gibt‘s auch. Aber wie man sich Glück verschafft, wird schon in genügend anderen Büchern besprochen, also zurück zum Thema.
Es lohnt sich, das eben Gesagte im Hinterkopf zu behalten, wenn man sich anschaut, wie der Fanatismus, dieses böse böse Wort, im Allgemeinen beschrieben wird – von Postings in satanischen Internetforen bis zu Artikeln in der FAZ. Da ist die Rede von „Dummheit“ (was Unsinn ist, denn fanatische Menschen sind erfahrungsgemäß eher überdurchschnittlich intelligent), „Rückständigkeit“ (als ob Fanatismus ein Phänomen der Vergangenheit wäre) oder „Irrationalität“ (was stimmt, aber nicht gerade präzise ist). Wäre es nicht viel treffender, Fanatismus durch „Entschlossenheit“ zu charakterisieren? Oder, wenn wir in der Sprache des Okkultismus bleiben, durch „Willenskraft“? Damit hätten wir dann ein drittes Merkmal für Fanatismus.
Das vierte und an dieser Stelle letzte Merkmal ist eines, in dem ich den Feuilletons ausnahmsweise Recht gebe, und zwar Intoleranz. Fanatiker sind nicht nur oft gefoltert worden, sie haben auch besonders oft selbst Andersdenkende gefoltert. Spätestens seit dem Milgram-Experiment wissen wir zwar, dass jeder Mensch dazu gebracht werden kann, zu foltern, aber in der Praxis waren – und sind – es vor allem glühende Verfechter einer Religion oder Ideologie, die foltern. Ich behaupte, dass die US-Soldaten im Irak weniger foltern und morden würden, wenn sie nicht so elendiglich überzeugt wären, das Richtige für ihren weißen, Schwule hassenden Jesus und „God‘s Own Country“ zu tun.
Damit haben wir schon vier Eigentümlichkeiten des Fanatismus. Zur Erinnerung und für alle, die zwischendurch auf dem Klo waren:
1. Inspiration durch „Gott“
2. Irrationalität
3. bedingungslose Entschlossenheit
4. Intoleranz
Für den Moment soll das reichen. Ich denke, unter Luziferianern wird man sich schnell einigen können, dass die Punkte eins, zwei und vier Merkmale sind, die vor allem im Zusammenhang mit Religion auftreten, was unseren Anfangsverdacht bestätigt. Ich denke auch, unter Okkultisten und anderen Leuten, die beim Kettenrauchen gern von ihrem tollen magischen Willen reden, wird man sich ebenso schnell einigen können, dass Punkt drei eigentlich ganz nützlich klingt. Und wenn etwas ganz nützlich klingt, dann kann die einzig relevante für pragmatisch orientierte Magier natürlich nur lauten: wie bekommen wir diese Entschlossenheit, ohne uns irgendeinem Sklavengott zu verschreiben? Und was hat das alles nun mit Luziferianismus zu tun?
Die Erklärung wird bedauerlicherweise nicht ganz unkompliziert, aber wir haben alle Bausteine dafür zusammen und müssen sie nur noch auf die richtige Weise zusammenbasteln. Offenbar brauchen wir eine Art Religion, oder zumindest etwas, was ihr (wie James Stockdales Stoizismus) ähnlich genug ist, um uns die Entschlossenheit zu geben, die offenbar zu so außergewöhnlichen Leistungen fähig macht. Wie diese Religion oder Philosophie aussehen muss, erzählen uns die oft genug genannten vier Merkmale.
Zuerst einmal – und das ist sicher der interessanteste Punkt – muss diese Religion irrational sein. Das ist nicht so problemlos, wie diejenigen glauben werden, die jede Religion für irrational halten, denn manche Religionen sind irrationaler als andere. Es macht einen Unterschied, ob man relativ vernünftig überprüfbare Meditationserlebnisse zur Grundlage seiner Religion macht, oder ob man entgegen jeder Logik die Legenden eines vorderasiatischen Hirtenvolkes zur absoluten Wahrheit erklärt und versucht, sie gegen die Wirklichkeit durchzusetzen. (Das erste wäre zum Beispiel im Buddhismus der Fall, das zweite bleibt dem Leser zum Selbststudium überlassen.) Außerdem hat Anton Szandor LaVey mit seiner Version des Satanismus eine der rationalsten Religionen/Weltanschauungen abgeliefert, die die Religionsgeschichte überhaupt kennt – und die ich an dieser Stelle wohl kaum zu erklären brauche. LaVey hilft uns also bei der Verwertung für den Fanatismus nicht weiter, wir brauchen eine möglichst irrationale Religion.
Wie sich noch herausstellen wird, ist es für diese Zwecke ausreichend irrational, sich für Gott zu halten. Allein die Idee, seine eigenen paar Dutzend Kilo Fleisch und zweieinhalb Pfund Hirnmasse für göttlich zu halten, ist so offensichtlich absurd, dass es um so leichter ist, sie fanatisch zu behaupten. Aber dazu gleich.
Zweitens muss eine Art unmittelbarer Kontakt mit dem Absoluten/Göttlichen vorkommen. Ob als direkter Kontakt wie im Gebet der Inquisitoren oder als festes Wissen wie das der shintoistischen Kamikaze-Piloten ist egal, aber jedenfalls nützt uns eine distanzierte, abgehobene Göttlichkeit wie der kabbalistische Ain Soph herzlich wenig. Natürlich kann man jede Religion auf unterschiedliche Weise verstehen und in jeder Religion sich vom Göttlichen direkt berührt fühlen. Aber wieder macht es die eine Religion leichter als die andere: die haitianischen Sklaven in den Befreiungskriegen konnten direkt ihre Petro-Loa invozieren und besessen in den Kampf ziehen, während die deutschen Soldaten, die mit ihren „Gott mit uns“-Gürtelschnallen im Schützengraben verreckt sind, kein solches rituelles Rüstzeug hatten. Für Luziferianer ist der Kontakt natürlich besonders einfach: wer selber Gott ist, ist klar im Vorteil.
Intoleranz und Entschlossenheit findet sich in so ziemlich jeder Religion, vorausgesetzt sie wird einigermaßen radikal gelebt. Fassen wir diese beiden also zusammen und stellen wir fest: wir brauchen radikale Religiösität. Und da es hier um Luziferianismus geht – wobei sich der ganze Text problemlos auf Wicca oder jedes andere Paradigma ummünzen ließe – soll die zugrundeliegende Religion natürlich die Wertschätzung und Verkörperung des Luziferprinzips sein.
Jetzt setzen wir Radikalität, Irrationalität, unmittelbaren Kontakt und Luziferianismus nur noch zusammen. „Wie können wir fanatischen Luziferianismus erreichen?“ heißt dann in anderen Worten: „Wie können wir radikalen, irrationalen Luziferianismus mit unmittelbarem Kontakt zum luziferianischen Prinzip erreichen?“ Praktischerweise brauchen wir uns da nicht selbst Gedanken zu machen, denn das hat schon jemand für uns getan. Wir brauchen ihn nur noch umzudeuten, denn er ist … christlicher Theologe.
Wir treffen hiermit auf den Gegensatz von Rationalismus und tieferer Religion.
– Rudolf Otto –
Rudolf Otto ist sicherlich unter den Vertretern der deutschen evangelischen Theologie einer derjenigen, die am meisten der Gotteslästerung beschimpft worden sind. Im Laufe seines kurzes Lebens erreichte er vor allem eins, nämlich eine noch heute (nach über hundert Jahren) in jeder besseren christlichen Buchhandlung vorrätige Veröffentlichung. „Das Heilige“ heißt sie und ist wirklich einen Blick wert. Wer aber keinen Bock hat, für so etwas Geld auszugeben, oder wer befürchtet, beim Betreten eines so zweifelhaften Etablissements wie einem christlichen Buchladen auf der Stelle zu Staub zu zerfallen, findet hier die wichtigsten Punkte in Kurzform, denn sie werden uns in der Formulierung eines fanatismusfähigen Luziferianismus ausgesprochen nützlich sein.
Otto hat sich für das Erleben des Göttlichen interessiert, das heißt dafür, wie es sich anfühlt, dem Absoluten zu begegnen. Das ist für uns interessant, da wir magischer Logik folgend natürlich wissen, dass nicht unbedingt „Gott“ ein Gefühl erzeugen muss, sondern auch ein Gefühl „Gott“ erzeugen kann. Sich in dieses spezielle Gefühl hineinzusteigern kann – das weiß nicht nur ich aus eigener Erfahrung – den Kontakt mit dem Absoluten, was oder wo es auch sei, enorm verstärken und damit die göttliche Inspiration hervorrufen. Rudolf Ottos entscheidende und für viele Christen ausgesprochen widerwärtige Erkenntnis war die, dass die direkte Begegnung mit dem Göttlichen nicht rational zu erfassen ist. Das gilt (und das war seinen Kollegen noch viel widerwärtiger) nicht speziell für den christlichen Gott, sondern für jede Religion. Den Luziferianismus hat er sicher nicht gemeint, aber auch für den gilt, was er herausgefunden hat.
Laut Rudolf Otto hat die Begegnung mit dem „Heiligen“ – was bei ihm noch ein abstrakter Begriff ist, mag jeder Leser für sich durch seinen persönlichen Begriff des allerhöchsten göttlichen Prinzips ersetzen – immer zwei Komponenten, zwei Erfahrungen unbeschreiblicher Art. Diese sind bedeutsamerweise irrational, und zwar insofern, dass sie nicht in Worten ausgedrückt und authentisch an andere weitergegeben werden können. Es handelt sich um eine vor-sprachliche, vor-rationale Ebene des menschlichen Erlebens, um rein gefühlsmäßige Eindrücke. Dennoch können diese Erlebnisse, obwohl sie sich ebensowenig wie das der Liebe adäquat ausdrücken lassen, zumindest umschrieben und beschrieben werden. Logisch, sonst hätte sich das mit dem Buch auch irgendwie erübrigt, denn darin versucht der Herr Theologe seitenlang genau das, was er vorher selbst für unmöglich erklärt hat.
Die eine Komponente nennt er das mysterium tremendum, das schauervolle (oder schaudern machende) Geheimnis. Dummerweise hat die deutsche Sprache ein völlig unzureichendes Vokabular, was die verschiedenen Arten von Angst angeht, aber Tatsache ist, dass tremendum dasjenige am Heiligen meint, das so etwas wie Angst einflößt. Spätestens hier wird der notorisch coole Schwarzmagier von heute die Augenbrauen hochziehen und zu sich meinen: „Angst? Ich hab doch keine Angst vor gar nichts.“ Stimmt, und genau das ist das Problem. Aber bevor wir dazu kommen, will ich versuchen, etwas genauer zu umschreiben, was Rudolf Otto mit dem tremendum meint.
Die Angst des tremendum ist keine konkrete Angst wie die vor einem bissigen Hund und auch keine vage Angst wie die vor der nächsten Telefonrechnung. Es ist eine metaphysische Angst vor der Wertlosigkeit gegenüber dem Unermesslichen. In Ottos Buch wird es mal als Grauen bezeichnet, mal als Erschauern, dann wieder als Ehrfurcht oder Scheu. Emile Durkheim hat einen besseren Begriff für die (meiner Erfahrung nach) selbe Sache: er spricht von Anomie, dem völligen Fehlen von Werten und Normen. Die Begegnung mit dem absolut Heiligen bringt unvermeidlich dieses Gefühl mit sich, denn für das Heilige, das Göttliche, „ganz andere“ und unbedingte, gelten natürlich keine Regeln, wie wir sie kennen. Eine solche Begegnung verdeutlicht erst, wie unbedeutend absolut alles profane (nicht-heilige) ist und dass das jeden Sinn mit einschließt, denn wir vielleicht zu kennen glauben.
Durkheim bringt Anomie mit Entfremdung und einem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit in Verbindung, was natürlich daran liegt, dass er über Selbstmord geforscht hat und feststellte, dass das Erleben von Anomie ein Faktor ist, der Selbstmorde fördert. Selbstmord hat übrigens wahrscheinlich – ganz wird das wohl nie geklärt – auch Rudolf Ottos Leben beendet.
Interessanterweise stellt sich die Situation völlig anders dar, wenn man als Luziferianer (anders als die von Durkheim untersuchten Christen) das Heilige, also auch das tremendum, in sich selbst findet statt außerhalb von sich. In diesem Fall ist man nicht Opfer der Entwertung durch einen „Gott“, sondern entwertet selbst alles. Die Grunderfahrung des luziferianischen tremendum kann vage angedeutet werden als das Entsetzen, sich als einziges echtes Wesen in einer sinnlosen, hohlen Spielzeugwelt wiederzufinden.
Nur zur Sicherheit betone ich noch einmal: das eigentliche tremendum ist mit solchen Begriffen wie Angst oder Anomie nicht zu erfassen. Diese Begriffe beschreiben nur im Ansatz ein unaussprechliches Gefühl, das das Heilige auslöst.
Es lohnt sich (schon allein um mal konkret zu werden), kurz darüber nachzudenken, in welcher Situation ein frommer Christ sich zu befinden glaubt. Er ist der Allmacht seines Gottes vollkommen ausgeliefert, kann aber niemals absehen, was dieser Gott mit ihm anstellen wird – was schon bei der einfachen Frage anfängt, ob er denn im Himmel oder in der Hölle landen wird. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ heißt es beschönigend. Oder ganz unverblümt in Psalm 76,8 und an Gott gerichtet: „Furchtbar bist du! Wer kann vor dir bestehen, wenn du zürnest?“ Kein Wunder, dass regelmäßig die Gnade Gottes in den Psalmen und Gebeten beschworen wird. Diese Gebete sind natürlich absurd und können allenfalls ein beruhigendes Selbstgespräch der Gläubigen darstellen, da Gott ja per Definition durch so etwas ebensowenig in seinem Zorn zu besänftigen ist wie durch irgendetwas sonst. Dem Durchschnittskirchgänger ist die prekäre Situation, in die seine Religion ihn strenggenommen bringt, wohl in den seltensten Fällen klar. Aber der Durchschnittskirchgänger begegnet auch nicht dem Heiligen. Tiefgläubigen Christen – vor allem Protestanten und Rudolf Otto war so einer – ist ihre „schlechthinnige Abhängigkeit“, wie der Theologe Friedrich Schleiermacher es genannt hat, aber durchaus schmerzlich bewusst. Was in den Selbstmord treiben kann, kann auch zu anderen Dingen treiben: eifrigen Gebeten um Gnade zum Beispiel. Da der verängstigte Christ kein Luziferianer ist, muss er immer das Opfer, kann er nie die Quelle dieser namenlosen Angst sein. Und nichts ist entsetzlicher als der Zorn Gottes.
Der geneigte Leser möge sich fragen, ob er Gefühle der Begegnung mit dem tremendum schon erlebt hat, in Bezug auf welchen Gottesbegriff auch immer. Wenn ja, so ist die wichtigste Hürde genommen und es gilt, in der folgenden Erörterung genau dieses Gefühl im Hinterkopf zu behalten. Wenn nein, dann werden die gegen Ende dieses Textes genannten Techniken möglicherweise besonders nützlich sein.
Die andere Seite des „Heiligen“, die positive, nennt Otto das fascinans. Sie ist dafür verantwortlich, dass sich Menschen mit etwas so grauenvollem wie Gott überhaupt beschäftigen. Glückseligkeit, Gnade, Entrückung … hier finden wir alle Gefühle wieder, die der schon erwähnte Durchschnittskirchgänger gern hat, obwohl (oder gerade weil) sie nur blasse Reflektionen desjenigen sind, was tiefreligiöse Mystiker erleben. Immerhin werden, weil die Masse der Christen sich Gott als „gütig“ vorstellt, Begegnungen mit dem fascinans nicht so tabuisiert und verschwiegen wie Begegnungen mit dem tremendum. Außerdem sind sie so überwältigend positiv – sind vielleicht Positivität an sich – dass man sich Freunde macht, wenn man darüber redet. Nur stellt man eben wiederum fest, dass das so einfach nicht ist.
Eine berühmte Legende über Thomas von Aquin (schon wieder ein Theologe) erzählt, er hätte nachdem er so etwas erlebt hatte, alle seine Bücher verbrennen wollen, weil ihm klar geworden war, wie unzureichend sämtliches Reden über Gott ist. Hätte er es nur getan … jedenfalls ist er bei weitem nicht der einzige, der sich über die verzweifelte Unmöglichkeit beklagt hat, sein so überwältigend beglückendes Erlebnis mitzuteilen. Die Andeutungen, die dennoch versucht werden, drehen sich normalerweise um Begriffe wie Frieden, Seligkeit und die Erkenntnis, dass alles eins ist. Die Unaussprechlichkeit des mystischen Erlebnisses ist inzwischen fast sprichwörtlich und ein Lieblingsthema von Leuten, die sich immer noch an das Christentum klammern. Die Unaussprechlichkeit der Anomie lässt sich nur aus den schweigsamen, unauffälligen Selbstmordstatistiken ablesen. (Die aber zeigen immerhin, dass Protestanten, die das tremendum im Schnitt besser zu kennen scheinen als Katholiken, auch deutlich mehr Selbstmorde begehen als diese.)
Wieder stellt sich dieses Erlebnis in seiner luziferianischen Form grundsätzlich anders dar. Das Gefühl bleibt das selbe – wer Chaosmagier ist und den Paradigmenwechsel hinbekommt, vergleiche ruhig – nur wird die überwältigende Positivität nicht nach außen auf alles wahrgenommene projiziert, sondern vor allem auf die eigene Gedanken. Ähnlich wie Mystiker ein schlafwandlerisches Gottvertrauen entwickeln, kann das luziferianische fascinans ein unbeschreibliches Selbtvertrauen geben.
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: natürlich sind auch das nur Symptome, Fußabdrücke desjenigen mysterium fascinans das Rudolf Otto meint. In seinen Worten:
Was die ‚Heilslehre‘ an positiv angebbaren Heilsgütern aufweise, umgreift und durchquickt sie alle, aber erschöpft sich nicht in ihnen. Und indem sie sie durchdringt und durchglüht, macht sie aus ihnen selber mehr als was der Verstand von ihnen begreift und sagt. Sie gibt den Frieden, der über aller Vernunft ist. Die Zunge lallt nur davon. Und nur in Bildern und Analogien gibt sie von Ferne von sich einen unzulänglichen und verworrenen Begriff.
Mir ist niemand bekannt, der das fascinans von etwas Heiligem erlebt hat und den Glauben an dieses Heilige je wieder vollständig verloren hätte.
Wiederum lautet die Frage an alle Leser, ob ihnen so etwas schon passiert ist. (Und ich meine wirklich passiert, denn vorstellen kann man sich so etwas nicht – ich hab vorher auch gedacht ich könnte, und Thomas von Aquin sicher auch.) Ist es passiert? Ohne Heroin? Wenn nicht, so kann ich nur wiederum auf die Übungen am Schluss dieses Kapitels verweisen. Wenn ja, dann sollte es wiederum leichter fallen, den Rest meiner Ausführungen nachzuvollziehen. Wer sowohl tremendum als auch fascinans kennt, ist an dieser Stelle eingeladen, sich beide Gefühle als gleichzeitig von der eigenen Göttlichkeit ausstrahlend vorzustellen und in dem heiligen Schauer zu baden, der die Kraft des luziferianischen Fanatismus verleiht.
Die große, wichtige, doppelt rot zu unterstreichende Erkenntnis bei Rudolf Otto ist, dass fascinans und tremendum untrennbar zusammengehören. Sie verstärken sich gegenseitig, bedingen sich gegenseitig. Deswegen üben – sofern man glaubt – die schauerlichsten Dämonen auch ihre eigentümliche Faszination aus, deswegen flößt auch der gütigste Gott immer Ehrfurcht ein. Nur wer sich von Angst erfüllt die Abgründigkeit und Unerforschlichkeit des Heiligen vergegenwärtigt, der findet genügend Raum für eine so überwältigende Glückseligkeit. Wer sich nicht völlig in die liebende Vereinigung mit dem Göttlichen begibt, der erlebt nicht die unermessliche Entfaltung von dessen entsetzlicher Macht.
Na gut, nach diesem langen schwülstigen Gelaber dürfte klar sein, dass wir den Boden der Rationalität verlassen haben. Ich hoffe, dass – wenigstens denen, die sich in derartige Gefühle hineinspüren können – aber auch klar ist, wie so eine Begegnung mit dem „Heiligen“ die unbändige Kraft des Fanatismus hervorbringen kann. Verglichen mit dieser Phantasmagorie von Gefühlen und Visionen sind Widerstände und Probleme einfach bedeutungslos. Und genauso bedeutungslos sind potentiell auch die Meinungen und Gefühle anderer Menschen; vielleicht die Schmerzen desjenigen, den man gerade auf dem Scheiterhaufen verheizt, vielleicht aber auch der Glaube des anderen, man selbst wäre kein Gott. Vor der Perspektive des Absoluten besteht keine Relativität. Kein Mitleid. Keine Vernunft.
Na? Wer hatte denn gerade Angst, das könnte wahnsinnig machen? Wer lässt sich da ertappen beim Zurückschrecken vor etwas, worüber ein Gott nur lachen könnte? Wer hat es denn da mit dem Luziferianismus so ernst doch nicht gemeint?
Kurze Denkpause.
Und jetzt ein Glückwunsch an alle, die mit dem Begriff tremendum nichts anfangen können und sich gerade angesprochen gefühlt haben: ganz genau das in euch, was euch gerade angesprochen hat, ist euer tremendum.
Ich werde diese Spielchen im Rest des Textes unterlassen.
Wenn wir uns nun einmal unter den „Linkshändern“ dieser Welt umschauen, so stellen wir sehr schnell fest, dass es da mit fascinans und tremendum nicht besonders weit her ist. Wieviele Luziferianer haben schon unsterblich verliebt vor dem Spiegel gestanden? Welcher Saturngnostiker hat schon die Welt dafür bedauert, dass sie keinen Gott außer ihm hat? Es gibt sicher Beispiele für so eine Haltung – obwohl mir nur Austin Osman Spare einfallen will – aber sie sind meinem Dafürhalten nach zumindest ausgesprochen selten.
Die meisten Anhänger des Pfades zur Linken, die ich kennengelernt habe, sagen zwar, sie wären ihr eigener Gott, verhalten sich diesem Gott gegenüber aber keineswegs so, wie es eines Gottes würdig wäre. Daran ist erst einmal nichts Verkehrtes, als Gottheit wird man ja wohl selbst wissen, ob es angemessen ist, sich beispielsweise zur besseren Verehrung eine eigene Kirche zu bauen. Aber eins ist dennoch Fakt: da ist kein tiefes Erschüttertsein durch das Göttliche, da ist kein Absolutes als Angelpunkt, an dem sich in höchste Höhen der Leistungsfähigkeit aufzuschwingen wäre. Kurz, da ist kein Fanatismus. Unter der Folter würdet ihr alle zerbrechen.
Nach dem, was oben über den Zusammenhang von fascinans und tremendum gesagt worden ist, dürfte auch klar sein, woran das liegt: die meisten Linkshänder finden sich selbst zwar toll (was zumindest in Richtung fascinans geht), haben aber keine Angst vor dem Ausmaß ihrer Macht (tremendum). Es fehlt ihnen Gottesfurcht. (Wie jeder beliebige Christ bestätigen wird, dem man nicht zu genau erklärt, wem die Gottesfurcht gelten soll.) Damit haben wir für das konkrete Problem, wie luziferianischer Fanatismus zu erreichen wäre, erst einmal eine recht abstrakte Lösung: Gottesfurcht entwickeln, das eigene tremendum kennenlernen.
Kein Problem. Wer als Okkultist mit der magischen Technologie vertraut ist, Veränderungen im Einklang mit dem eigenen Willen herbeizuführen, hat es natürlich wesentlich leichter, Gottesfurcht herbeizubeschwören als, sagen wir, ein Imam in einer pakistanischen Koranschule. Um ein paar erste Anregungen zu geben, und damit dieser Text nicht als abgehobenstes Theoriegeschwafel seit Fra. Ratatosks „Chaos Magick Theory“ in die Magiegeschichte eingeht, hier noch ein paar Ideen für die rituelle Praxis der Invokation des Selbst in seiner ganzen göttlichen Pracht und Entsetzlichkeit.
Bei invokatorischen Arbeiten funktioniert nichts so gut wie der Exzess.
– Pete Carroll –
Luziferianischen Fanatismus hervorrufen heißt genau und ausschließlich: gleichzeitige Invokation des tremendum und des fascinans. Beide hängen zusammen (bei Otto heißt der Gesamtbegiff: das Numinose), das heißt auch wenn man bei der Invokation nur auf eines der beiden Gefühle zielt, bekommt man eine Dosis vom anderen mit hinzu. Der Rest ergibt sich von allein. Wenn tremendum und fascinans invoziert sind, strahlt das eigene göttliche Selbst alles aus, was irrational gläubig macht. Zunehmend wächst der Glaube an die eigene Göttlichkeit. Der irrationale (weil rein mit Gefühlswahrnehmungen begründete) Luziferianismus wird durch immer unmittelbareren Kontakt zum (selbstverkörperten) luziferianischen Prinzip zusehens radikaler. Und das bewirkt in der Summe, wie oben ausgeführt, Fanatismus und alle seine Eigenarten.
Und natürlich bleibt die beeindruckende und furchteinflößende Ausstrahlung, die durch die Invokationen entsteht, nicht nur für einen selbst wahrnehmbar.
Hier müssen – oder dürfen – wir den Zuständigkeitsbereich christlicher Theologen verlassen, denn die halten ja unsinnigerweise Erlebnisse dieser Art für nicht genau erklärbar (obwohl Rudolf Otto interessanterweise anerkennt, dass rituelle, schamanische und andere Praktiken dem Zweck dienen können, das Heilige zu erreichen). Als Magier kennen wir uns da spätestens seit Abra Melin besser aus.
Ich möchte es mir ersparen, an dieser Stelle ausführlicher auf Invokation und Illuminationsmagie im Stil des Liber Samekh einzugehen, denn wer darin noch nicht bewandert sein sollte, findet alles nötige im Liber Null. Stattdessen stelle ich genau wie Crowley fest, dass die entscheidende Formel lautet:
INVOZIERE OFT!
Alles folgende sind bloße Fußnoten zu diesem Zitat.
Führe in jeder beliebigen Situation folgende Meditation aus. Werde dir intensiv deiner Umgebung bewusst. Erahne außerdem den unermesslichen Strom von vergangenen Ereignissen, die nötig waren, um genau diese Situation zu schaffen – wenn du willst, bis zurück zum Urknall. Mach dir bewusst, dass du allein alle diese Zusammenhänge mit dem ausschließlichen Ziel bewirkt hast, genau diese Situation zu schaffen. Erahne außerdem die Zukunft, die unendlichen Möglichkeiten, die sich aus jeder deiner möglichen Entscheidungen in dieser Situation ergeben können. Mach dir bewusst, dass du allein alle diese Möglichkeiten mit dem ausschließlichen Ziel bewirkt hast, dir deine momentanen Wahlmöglichkeiten zu geben. Nun mach dir bewusst, dass du allein verantwortlich für das bist, was jetzt geschieht. Tu was du willst. Versuch diesen Zustand umfassender Bewusstheit so lange wie möglich aufrechtzuerhalten – anfangs werden es höchstens wenige Sekunden sein. Sei bestrebt, öfter und öfter in diesen Zustand einzutreten. Das ist die beste der hier genannten Techniken.
Invoziere auf die klassische Weise. Bau einen Tempelraum zu deiner Verehrung. Dekoriere ihn mit Bildern, Besitztümern und Zitaten von dir. Improvisiere Gebete an dich selbst, ruf sie laut und voller Begeisterung für dich selbst. Nimm rituelle Handlungen vor, wie es dir richtig erscheint. Tu stets alles voller Dankbarkeit für die Gnade, und voller Ehrfurcht für die Pflicht, dich selbst verherrlichen zu dürfen. Mach dir bewusst dass alle Welt auf subtile Weise an dem Ritual teilnimmt. Dass die Luft in deinen Lungen glückselig darüber ist, deine Stimme tragen zu dürfen. Dass der Fußboden ängstlich dem Moment entgegen zittert, in dem du deinen göttlichen Fuß wieder von ihm entfernen wirst. Wenn du das Ritual beendest, tu es mit dem Wissen dass du etwas Gutes getan hast. Das ist die leichteste der hier genannten Techniken.
Fertige Kunstwerke und schreibe Texte, die deine göttliche Natur ausdrücken. Sie sind die Reliquien und heiligen Bücher, auf die die Welt seit Äonen gewartet hat und die du ihr einzig aus deiner göttlichen Gnade heraus zueignest. Verfahre mit den Geschenken deiner Gnade, wie es dir richtig erscheint. Wenn du sie verschenkst, schenkst du den höchsten Segen den ein Mensch erhalten kann. Wenn du sie auf den Müll wirfst, machst du den Müllhaufen zu einem Heiligtum. Das ist die fortgeschrittenste der hier genannten Techniken. Sie ist nur sinnvoll zu verwenden, wenn durch den Gebrauch der vorigen zwei (oder anderer) Methoden die Invokation bereits in hohem Maß verwirklicht ist. Und jetzt los mit dir.
Von heute an will ich Furcht und Schrecken vor dir auf alle Völker unter dem ganzen Himmel legen, damit, wenn sie von dir hören, ihnen bange und weh werden soll vor deinem Kommen.
– 5.Mose 2,25 –

Ich komme, dich überzusetzen über den Strom zu endloser Nacht, lodernden Feuern und klirrender Kälte.
– Dante Alighieri –

Die Goetische Magie
Eine kleine Einführung
ASENATH MASON
Die Evokation von Geistern ist eine sehr alte magische Kunst und kann bis ins früheste Altertum zurück datiert werden. Referenzen auf nekromantische und dämonische Evokationen finden wir in vielen Werken der antiken Literatur vor, wie beispielsweise die berühmte Beschwörung des Geistes von Samuel durch die Hexe von Endor. Die Kunst der Evokation von Geistern wurde auch im Mittelalter weitverbreitet praktiziert und in der Zeit vom 14. bis 17. Jahrhundert dann in einem vollständigen Ritualsystem zusammengefasst, als die Mehrzahl der Salomonischen Grimoires in Umlauf kam. Unter diesen magischen Büchern nimmt die Goetia eine wahrhaft einzigartige Stellung ein. Es gibt kein anderes Buch, das einen so allgemein schlechten Ruf hat und es gibt kein anderes Verzeichnis von Geistern, das eine ähnlich große Popularität im westlichen Europa fortlaufend seit dem 15. Jahrhundert genossen hat. In diesem Artikel werde ich die Ursprünge dieses berüchtigten magischen Systems aufzeigen und seine Interpretation in einer modernen Welt.

Der Ursprung der Goetia und antike Ansichten über Dämonologie
Das Wort Goetia stammt vom griechischen Begriff Goēteia, der die Kunst bezeichnet, böse Dämonen herauf zu beschwören und mit antiken Praktiken der Nekromantie in Verbindung stand. Die Etymologie von Goēteia steht auch mit den Wurzeln goēs („Zauberer“, Pluralform goētes) und goos („Trauergesang“) oder goaō („das Singen eines Trauergesangs“) in Beziehung. Der Begriff Goēteia hat möglicherweise seinen Namen von Totengeistern erhalten, die sich um die Gräber herum aufhielten, die gooi und thrēnoi. Es handelte sich um eine Kunst, die assoziiert wurde mit der Auferweckung von Toten, dem Anrufen toter Personen durch die Invokation ihrer Namen und es wurde geglaubt, dass der Name vom Wehklagen (goōn) der Menschen um das Grab herum erlangt worden war. Daher die Assoziation mit „stöhnen, jammern, wehklagen“, wie sie von Aleister Crowley nahe gelegt wurde, als dieser im Jahre 1904 sein berühmtes Werk The Book of the Goetia of Solomon the King veröffentlichte, das ein vollständiges Verzeichnis der 72 Dämonen der Salomonischen Tradition beinhaltete. Lasst uns nun zunächst einen Blick auf die antiken Assoziationen zur Nekromantie werfen.
In der griechischen Literatur finden wir häufig Fragmente, die von der magischen Rolle der goēs berichten „dem Trauernden“, als der Person, die die Geister der Toten evozieren konnte, entweder um von der verstorbenen Person Informationen zu erlangen oder um den Geist zur Ruhe zu betten. Diese Beschwörungen wurden durch Lieder und Trauergesänge bewirkt. In Aischylos Die Perser wird der Geist von Dareios mit hohen durchdringenden Schreien und mit Trauergesängen gerufen. Auf gleiche Weise wird der Geist von Achilles an seinem Grab beschworen in Sophokles Polyxena. Auch Platon spricht von einer Macht, die ein goēs über die Seelen anderer Menschen besitzt. Und solche Referenzen lassen sich auch in vielen anderen Quellen finden. Es gibt Theorien, dass die Macht der goēs sogar noch darüber hinausging, die Toten wiederzubeleben und mit ihnen zu kommunizieren. Bei ihm handelte es sich um einen Schamane, der in Ekstase eine Reise unternehmen konnte, um die Seele einer verstorbenen Person mit magischen Trauergesängen und Musik in die Unterwelt zu geleiten und somit erfüllte er auch die Rolle des Psychopomps.1
In einer späteren Periode ging die ursprüngliche Bedeutung von Goēteia verloren und wurde mit Schadensmagie und Zauberei assoziiert. Der Nekromant wurde ein Zauberer, der es wagte, die natürlichen Gesetze des Universums zu verletzen, indem er Geister evozierte, um Einfluss auf die Welt um sich herum auszuüben. Die Goēteia wurde eine verhängnisvolle, dunkle Kunst, die jenen vorbehalten blieb, die sich nicht davor fürchteten das Schicksal der anderen zu manipulieren und ihr eigenes dazu, was als verboten angesehen wurde, weil die Menschen in der Antike glaubten, dass jeder Mensch sein eigenes Schicksal zu erfüllen hätte und es niemandem erlaubt sei, dieses zu ändern. Neu war auch die Unterscheidung zwischen einem goēs „Zauberer“ und einem magos „Magier“, letzterer hatte einen höheren Status und wurde oft als Priester oder als Weiser angesehen. Die magoi versuchten nicht die natürliche Ordnung der Welt zu verändern sondern ihre Funktion bestand darin, deren Phänomene zu erklären und zu interpretieren. Sie genossen großen Respekt und wurden als die Nachfolger der alten persischen Magi angesehen, den Gefolgsleuten von Zarathustra und seiner Doktrin. Deren Praktiken beinhalteten Divination und die Interpretation von Träumen, und sie hielten auch die soziale Ordnung aufrecht, indem sie metaphysische Gründe für die sozialen Strukturen lieferten, während von den goētes geglaubt wurde, dass sie gegen diese Ordnung agierten, indem sie Praktiken verwendeten, die mit der Unterwelt in Verbindung standen, wie Nekromantie, Verzauberungen, Flüche und Täuschungen. Diese Unterscheidung wird in vielen antiken Schriften und literarischen Werken erwähnt. So schreibt beispielsweise Apuleius in seinen Metamorphosen im zweiten Jahrhundert über zwei Arten von zeitgenössischer Magie; die erste stamme aus Ägypten und genieße den Segen der Götter; die andere aber würde von den Göttern verachtet und sei von diesen verboten worden, da sie gegen die Natur arbeiten würde. Diese würde von den Hexen in Thessalien praktiziert
Tatsächlich werden in den antiken Quellen drei Arten von Magie erwähnt: goēteia, mageia und theourgia. Abgesehen von den bereits erwähnten Vorstellungen wurde die goēteia als die niederste und einfachste Form der Magie betrachtet und oft wurde sich auf sie als „bloße Gaunerei“ oder als die Kunst der Gaukler bezogen. Ein Zauberer, der goēteia praktizierte, benutzte Elemente des objektiven Universums, um den Willen zu bewirken, der in seinem eigenen, subjektiven Universum erzeugt worden war. Dies wurde bewerkstelligt, indem Gottheiten, Engel, daimôns, Formeln, magische Operationen und alle anderen verfügbaren Mittel verwendet wurden, auf dass sie den Willen des Zauberer bewirken sollten. Mageia war die Kunst, die von einem Magier praktiziert wurde, der eine bestimmte Ebene persönlicher Initiation erreicht hatte und in der Lage war, auf einer göttlichen Ebene zu agieren. Dieser beauftragte nicht irgendwelche objektiven Kräfte, seinen Willen zu tun, sondern er hatte eine Einheit mit „Gott“ als Teil von sich selbst erlangt. Daher bedurften seine Arbeiten keinerlei Intervention durch irgendwelche Geistwesen, sondern sie passierten allein durch den Willen. Diese Form der Magie wurde manchmal auch als „Wunder-Wirken“ bezeichnet. Die dritte Art von Magie war die Theurgie oder „göttliches Werk“. Es gab bestimmte Ähnlichkeiten zwischen dieser Art der Magie und der goēteia, was die Theurgie jedoch einzigartig machte, war ihr Bestreben „philosophisch korrekt“ – und harmonisch mit der Natur – zu wirken, statt nur effektiv und machtvoll zu sein, wie es bei der Arbeit der goēs der Fall war.2
Dämonen
Die Unterscheidung zwischen „guter“ Magie und „böser“ Magie hallte bis tief in die mittelalterliche Philosophie und die Theorie der okkulten Künste wieder. Mit dem Aufstieg des Christentums und dem Wachstum der Kirche wurden alle heidnischen Geister der alten Religionen zu bösartigen Dämonen und Agenten des Teufels, die fortwährend danach strebten, die menschliche Seele der Verdammnis und den ewigen Torturen der Hölle auszuliefern. Die antiken „Dämonen“ waren allerdings keineswegs die übelwollenden Geister der christlichen Lehre. Das Wort „Dämon“ hat einen antiken Ursprung und es leitet sich von dem griechischen Wort daimôn ab, ein Geist, der das Konzept eines höheren Bewusstseins verkörperte. Ein daimôn war eine Art Halbgott oder eine Quasi-Vergöttlichung guter oder schlechter Qualitäten und er konnte einem Individuum mit Hilfe magischer Techniken angeheftet werden. In der hermetischen Magie wurden diese Geister auch daimônion genannt und als die Vermittler zwischen den Göttern und der Menschheit gesehen. Im antiken Griechenland wurde geglaubt, dass ein daimôn entweder gut und hilfreich (die agathodaimôn) oder boshaft und böse (die kakodaimôn) sein konnte. Diese guten daimônen wurden später mit den Engeln gleichgesetzt (angelos – Botschafter der Götter). Häufiger noch wurden daimônen in einem neutralen Sinne erwähnt, weder gut noch schlecht. Sie waren unabhängig, relativ unsterblich und machtvolle Wesenheiten, manchmal wurden sie sogar als Halbgötter betrachtet. Ein römisches Äquivalent für den daimôn war der genius; ein familiäres Geistwesen, das entlang der genetischen Linie innerhalb einer Familie weitervererbt wurde. Eine der wichtigsten Arbeiten zeitgenössischer Magie bestand darin, den persönlichen daimôn zu absorbieren und sich mit ihm zu vereinigen. Durch diese Einheit konnte ein Magier „der Sohn eines Gottes“ werden und seinen Willen über das gesamte Universum ausüben.3
Die mittelalterliche Ansicht über das Konzept eines „Dämonen“, die zum größten Teil von christlichen Doktrinen beeinflusst war, bestand darin, in ihm einen gefallenen Engel zu sehen, ein Geistwesen, das von Gott bestraft und aus dem Himmel ins Exil vertrieben worden war, gezwungen für alle Ewigkeiten in den infernalen Regionen zu verweilen. Diese Geister hatten sich dem Willen Gottes widersetzt, entweder durch die Ur-Sünde sich mit sterblichen Frauen gepaart zu haben oder durch Stolz und Ungehorsam. Sie lebten in der Dunkelheit und waren von der höchsten Belohnung ausgeschlossen, die in der Gegenwart Gottes und des Lichtes bestand; aber sie konnten auf der Erde, in der Welt der Menschen erscheinen, und sie konnten von einem Magier gerufen werden, der im Namen Gottes agierte. Da ihre Engelsgesichter durch die Scheußlichkeit ihrer Sünden, die sie gegen Gott begangen hatten, verunstaltet waren, wurden sie zu schrecklichen und abstoßenden Kreaturen, die den Menschen als die geliebte Schöpfung Gottes mit Hass und Bosheit entgegen traten. Sie lebten in einem infernalen Königreich, eingeteilt in Hierarchien, die von ihrer Kraft und ihren Qualitäten abhingen, die mächtigsten führten den Vorsitz über viele Legionen infernaler Geistwesen.
Die mittelalterlichen dämonischen Hierarchien schlossen eine große Bandbreite von Geistwesen aus allen möglichen Weltmythologien und -religionen mit ein, besonders Götter und weniger hohe Wesenheiten der Griechen, Römer, Semiten und aus dem Mittleren Osten. Antike Gottheiten wie etwa die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte wurden zu so abscheulichen Dämonen wie Astaroth. Der antike Gott Ba’al war der Prototyp für zwei machtvolle Dämonen der infernalen Hierarchie: dem lüsternen und arroganten Dämon der Lügen, Belial, und dem Herrn der Fliegen, Beelzebub. Sogar der Phönix, jener heilige mythische Feuervogel der ägyptischen und phönizischen Mythologien, wird im infernalen Verzeichnis der Goetia als einer der Dämonen aufgeführt. Das waren nur einige Beispiele dafür, wie die antiken Geister unter der neuen Doktrin dämonisiert wurden. Sie wurden auch in einer neuen Gestalt wahrgenommen: einige von ihnen wurden zu haarigen und satyr-artigen Kreaturen, andere ähnelten den Wüstendschinn der arabischen Lehre oder sie wurden Ziegen wie die Dämonen der Wildnis. Naturgeister, antike Götter, häusliche Wesenheiten – sie alle fanden ihren Platz in der neugegründeten dämonischen Struktur.
Die Salomonische Tradition
Die Goetia ist eines der Bücher, das angeblich dem legendären König Salomon zugeschrieben wird. Salomon war eine historische Figur, der Herrscher über Israel im 10. Jahrhundert v. Chr. Angeblich war er der Erbauer des ersten Tempels in Jerusalem, was mit Hilfe von Dämonen erreicht wurde, die er sich zu diesen Zwecke unterworfen hatte. Er besaß Talismane, magische Ringe und machtvolle Zauber, durch die er den Dämonen jede Aufgabe befehlen konnte und schließlich gab es noch Gerüchte, er hätte geheime Bücher über die Magie hinterlassen. Das Leben von König Salomon war das Thema vieler Geschichten und Legenden in so renommierten Werken wie der Bibel, dem Koran, den Märchen aus Tausend und einer Nacht und einer enormen Sammlung von Schriften, apokryphischen Texten ebenso wie kabbalistischer und talmudischer Literatur. Seine Macht, sein Ruhm, seine Beziehung mit der mythischen Hexe, der Königin von Saba, seine magischen Fähigkeiten und sein letztendlicher Untergang, der unter merkwürdigen Umständen stattfand, all dies trug dazu bei, dass seine Reputation als der größter Magier aller Zeiten entstand.
Eine Legende über seine Macht über Dämonen erzählt die Geschichte, wie er böse Geister in ein Messinggefäß einsperrte, das er dann in den tiefen See bei Babylon versenkte. In dem Glauben, das Gefäß enthalte einen geheimen Schatz, bargen es die Babylonier und brachen das Siegel entzwei, durch das die Dämonen gebunden waren. Als das Sigel brach, flogen augenblicklich alle Geister davon und begaben sich wieder an ihre früheren Wohnorte mit Ausnahme von Belial, der in eine Statue Einzug hielt und für seine Anbeter zu einem Orakel wurde. Der Legende zufolge befanden sich 72 Hauptdämonen in dem Gefäß, und dabei handelt es sich um die gleichen Geister, die später in die Liste mit aufgenommen wurden, die den Hauptteil der Goetia ausmachen.
Die Goetia und verschiedene ähnliche Grimoires erschienen in der Zeit vom 14. bis 17. Jahrhundert und sie wurden fortan von vielen praktizierenden Magiern verwendet. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der wirkliche König Salomon tatsächlich diese Texte verfasst hat, allerdings erscheint es gerechtfertig eine solch legendäre Gestalt als Autor für dämonische Grimoires auszuwählen. Im späten Mittelalter und in den Zeiten der Renaissance war es normal, solche Bücher oder Grimories anonym zu schreiben oder sie König Salomon zuzuschreiben. Es verdient Erwähnung, dass dies sehr schwierige Zeiten für Magier waren, das Zeitalter der Hexenverbrennungen, der Inquisition und schwerer Unterdrückungen von „Häretikern“. Für Gelehrte, Mönche und Männer der Wissenschaft war es natürlich, ihre Praktiken der dämonischen Magie unter dem Deckmantel anderer Interessenfelder zu verbergen. Wenn also damals ein Grimoire aus dem salomonischen Kanon seinen Weg in die Hände eines zeitgenössischen Magiers gefunden hatte, dann nur durch „Untergrund“-Kanäle und die Autoren zogen es vor anonym zu bleiben, um ihren guten Ruf und ihr Leben zu schützen.
Die Geschichte und der Ursprung der Geister, die nun die berühmten Schlüssel ausmachten, können möglicherweise bis in das erste Jahrhundert unserer Ära zurückverfolgt werden, als Josephus ein Buch mit Zauberformeln zur Beschwörung von Dämonen erwähnt, das unter dem Name Salomons seine Runde machte. Er beschreibt wie ein Jude mit Namen Eleazar das Buch verwendet, um dämonische Besessenheit zu kurieren. Dieser mysteriöse Text ist niemals gefunden worden aber es gab viele andere „salomonische“ Schriften, die in mittelalterlichen Quellen genannt werden, wie das Salomonis libri de gemmis et daemonibus, das Le Livre de Salomon, das Sigillum Salomonis, oder der Clavicula Salomonis, die als „Werke der Nigromantie“ zur damaligen Zeit aufgelistet wurden. Die meisten waren ein Amalgam aus jüdischen magischen Texten, die im ersten Jahrhundert dieser Ära im hellenistischen Teil Europas verfügbar waren, stark beeinflusst von hermetischer Magie und griechischen Zauberpapyri. Die Zauberformeln waren Mischungen aus biblischen Psalmen, Volkszaubern sowie lateinischen, griechischen und hebräischen Formeln, in die die anonymen Autoren die Namen von „Dämonen“ eingearbeitet hatten, bei denen es sich hauptsächlich um antike heidnische Geister und Gottheiten handelte, die nun unter neuen, verzerrten Namen erschienen.
Grimoires
Es wird angenommen, dass das älteste bekannte Grimoire das The Testament of Solomon ist und auf die Zeit vom 1. bis 3. Jahrhundert zurück datiert werden kann. Das Wort Grimoire leitet sich von der griechischen Wurzel „grammatikos“ ab und bezieht sich auf den Begriff Grammatik, das System einer Sprache. Ein Grimoire ist daher eine „Grammatik der Magie“, „ein Lehrbuch für Magier, das Formeln, Siegel und Anweisungen enthält, wie die gewählten Geister angerufen werden können, bei denen es sich meistens um „teuflische“, infernale Dämonen handelt. Es wurde geglaubt, dass auch wenn Gott die Welt erschaffen hatte und der oberste Herrscher über alle Kreaturen sei, es tatsächlich Satan war, der die Herrschaft über die Erde und deren Schätze und Phänomene inne hatte. Ein Magier, bei dem es sich oft um einen Priester oder zumindest um einen frommen Christen handelte, hatte die Macht, die gefallenen Geister aus ihrem infernalen Wohnort herbeizurufen indem er als Repräsentant von Gott agierte. Er war ein Vermittler zwischen Hölle und Himmel und er konnte alle Geister heraufbeschwören, binden und ihnen Befehle erteilen, sowohl die himmlischen wie auch die infernalen, wenn er nur keusch und fromm genug war, um die göttlichen Kräfte auf Erden zu repräsentieren. Unter der Voraussetzung, dass sogar die Dämonen in der Hölle Gottes Befehlen zu gehorchen hatten, konnte der Magier sie durch die göttlichen Namen und Gebete dazu zwingen, jede Aufgabe für ihn zu übernehmen. Und auch wenn es sehr schwierig war, ein erfolgreicher Magier zu sein und das Leben so zu führen, wie es in den Direktiven der Magie-Bücher verlangt wurde, so wuchs doch rasch die Popularität dieser Texte im westlichen Europa.
Die erste schriftliche Liste von Dämonen erschien im 16. Jahrhundert in Johann Weyers Pseudomonarchia Daemonum (1577) und später in Reginald Scotts Discoverie of Witchcraft (1574). Diese ersten Dämonenverzeichnisse beinhalteten 69 Geister mit ihren Ämtern und Funktionen. Die vollständige Liste über 72 Dämonen erschien im 17. Jahrhundert in dem Grimoire Der Kleine Schlüssel Salomons oder Clavicula Salomonis auch bekannt als das Lemegeton. Das gesamte Buch ist in fünf Bereiche unterteilt, und wie im Originalmanuskript erklärt wird:
Der erste Teil ist ein Buch über böse Geister, genannt GOETIA. Es zeigt, wie solche Geister gebunden und verwendet werden. Verschiedene Dinge, durch die er großen Ruhm erlangte.
Der zweite Teil ist ein Buch über Geister zum Teil gutartig zum Teil böse, das genannt wird THEURGIA GOETIA, alle Geister der Lüfte.
Der dritte Teil handelt von den Geistern, die über die Planetenstunden herrschen und welche Geister zu jedem Grad des Zeichens gehören und die Planeten in den Zeichen. Es wird PAULIN KUNST genannt.
Der vierte Teil dieses Buches wird ALMADE[L] des Salomon genannt, das 20 Hauptgeister enthält, die die vier Altituden regieren oder die 360 Grad des Tierkreises.
Diese letzten beiden Orden von Geistern sind gutartig und es wird THEURGIA genannt und danach sollte von dem Suchenden nach Göttlichkeit gestrebt werden.4
Die erste moderne Ausgabe des Lemegton wurde 1904 von Aleister Crowley und S. L. MacGregor Mather unter dem Titel The Book of the Goetia of Solomon the King herausgegeben. Seit damals wurde es viele Mal in den unterschiedlichsten Versionen neu herausgegeben, zusammengestellt und editiert von vielen mehr oder weniger bekannten Okkultisten des 20. und 21. Jahrhunderts und es ist immer noch eines der populärsten und renommiertesten Bücher über rituelle Magie.
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